Corona

In den „Verstecken der Selbstverständlichkeiten“ (Canetti) sind die geheimen Triebkräfte, nach denen zu fragen wäre, nahezu unauffindbar, weil niemand nach ihnen sucht.

von Marianne Gronemeyer

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Mehrere Anläufe, mich – schreibend – des Stimmengewirrs, das mich in „Corona-Zeiten“ von morgens bis abends umrauscht, zu erwehren, sind rasch zum Erliegen gekommen, weil sie dem beinah stündlichen Schwanken meiner Stimmungen und der entmutigenden Flüchtigkeit „gültiger“ Einsichten nicht standhielten. Hier nun also ein neuer Versuch, den durchzuhalten ich Franz Schandl und den Streifzügen – vielleicht etwas voreilig – versprochen habe. Denn je mehr Informationen mir tagtäglich um die Ohren fliegen, desto weniger weiß ich, wo mir der Kopf steht und wofür mir das Herz schlägt. So bleibt mir eigentlich nur, meine Verwirrung zu dokumentieren. Ivan Illich hätte uns in dieser Lage, dessen bin ich mir sicher, zur Augen- und Ohrenzucht ermahnt, zur Askese der Sinne, um dem „Wirklichkeitsschwund“, der uns droht, zu widerstehen. Wir müssten also aufhören, dem Trommelfeuer der Nachrichten unsere Aufmerksamkeit zu spendieren, und uns stattdessen um den gastlichen Tisch zum convivialen Gespräch versammeln, um den Dingen auf den Grund zu gehen und so eine Haltung zu finden, „einen Grund, auf dem man stehen und bestehen kann“ (Ivan Illich: Vorlesungsnotizen, Universität Bremen, 21. Januar 1999). Aber einerseits war ja gerade das „Sich-Versammeln“ unter Strafe gestellt, und andererseits war da die verführerische, wenn auch trügerische Hoffnung, es könnte sich doch in dem großen Durcheinander der Nachrichtenflut die erlösende Botschaft finden, die dem Spuk ein Ende bereitet.

Wie aber geht das: aufhören mit Gewohnheiten, deren Schädlichkeit man erkannt hat oder mindestens ahnt? Indem man sie einfach sein lässt? So einfach ist das nicht. Aufhören ist eine hohe Kunst. Um mit etwas aufhören zu können – im Sinne von Schluss machen, beenden (finire) –, muss man auf etwas hören, im Sinne von genau hinhören, ganz Ohr sein (audire). (Dazu ausführlich: Marianne Gronemeyer, Genug ist genug. Über die Kunst des Aufhörens, Darmstadt 2008.) Also doch hinhören? Ja, aber nicht, um Antworten zu erhalten, sondern, um Fragen aufkeimen zu lassen. Das Nichtwissen dürfe am Wissen nicht verarmen, schrieb Elias Canetti. Für jede Antwort müsse eine Frage aufspringen, die früher geduckt schlief. (Elias Canetti: Die Provinz des Menschen, 5. Auflage, Frankfurt 1981.) Am Nichtwissen haben wir aber doch nun wahrlich keinen Mangel, und die medizinischen Experten wollen die Vertrauenswürdigkeit ihrer Verlautbarungen ja gerade darin erweisen, dass sie sich freimütig zu ihrem Nichtwissen bekennen, das in der Natur der Sache, des unbekannten Virus, liegt.

Es geht jedoch nicht um die wohlfeilen, erlaubten Fragen, sondern um solche nach den gut gehüteten Geheimnissen unseres gesellschaftlichen Funktionierens. Diese Spurensuche führt nicht in das Dunkelfeld verborgener Drahtzieher mit Weltmachtphantasien, sondern in das helle Tageslicht der modernen Selbstverständlichkeiten. In den „Verstecken der Selbstverständlichkeiten“ (Canetti) sind die geheimen Triebkräfte, nach denen zu fragen wäre, nahezu unauffindbar, weil niemand nach ihnen sucht. Was uns selbstverständlich geworden ist, ist der Frag-Würdigkeit verlässlich entzogen und gilt. Verschwörungstheorien sind bei Weitem zu harmlos, um uns den Weg zu den wichtigen Fragen der Gegenwart und in die Verstecke der modernen Selbstverständlichkeitenzu weisen.

Spitzen wir also die Ohren und horchen hinein in das Stimmengewirr! Dann treten allmählich ein paar Grundmotive aus der Kakophonie hervor, die – beharrlich wiederholt – tonangebend werden. Unablässig ist von der Rückkehr zur Normalität, nach der sich alle sehnen wie nach dem verlorenen Paradies, die Rede. Gleichzeitig aber meldet sich die Ahnung, nach der Krise werde es nie mehr werden, wie es war. Die gegenwärtige Geschichtsschreibung deutet das Geschehen als einen dreistufigen Vorgang: Es gebe ein Davor – die Normalität. Dann brach in diese Normalität ein „unsichtbarer Außenfeind“, der Virus, ein, richtete verheerenden Schaden an und verursachte einen vorübergehenden Ausnahmezustand. Und dann wird das Danach kommen – die sogenannte „neue Normalität“. An ihr scheiden sich nun die Geister, und zwar nicht nur von Person zu Person, zwischen Freund und Feind. Der Zwiespalt geht mitten durch meine Person hindurch: „zwei Seelen, ach, in meiner Brust, deren eine sich von der andern trennen will“; die eine, die hofft, es werde wieder so vergleichsweise komfortabel werden wie ehedem, und die andere, die nichts so sehr fürchtet, als dass zu guter Letzt alles beim Alten bleibt und eine große Chance zum radikalen Wandel vertan wird. Ja schlimmer noch, die Sorge, der Ausnahmezustand könnte mit all seinen Freiheitsbeschränkungen und sonstigen Auswüchsen zur lieben Gewohnheit werden, wenn nur das damit verbundene Sicherheitsversprechen nicht wankt.

Dieser innere Zwiespalt ist ein Türöffner für eine andere Lesart des Geschehens: Der Virus ist nicht Verursacher der Krise, sondern bringt sie nur zur Erscheinung. Demnach war die Normalität des Davor gar keine Normalität, sondern längst Krise, deren Besonderheit darin bestand, dass uns erspart blieb, sie uns angehen zu lassen. Es ist seit Jahrzehnten gelungen, die Krise, in der wir mit unserer Lebensart tief drinstecken, daran zu hindern, akut zu werden. Unsere gesellschaftlichen Arrangements waren samt und sonders darauf gerichtet, die Krise zur Dauerkrise zu strecken und ihren Ausbruch durch Beschwichtigung und flankierende Maßnahmen immer wieder zu vertagen. Es ist nicht auszuschließen, dass das auch dieses Mal noch wieder gelingt, aber mit welchen Folgen?

Die „Normalität“ ist in dieser Lesart zwielichtig geworden, also frag-würdig. Mit welchem Normalitätsbegriff hantieren wir eigentlich ganz unbefangen in unseren modernen Weltdeutungen? Was als normal gilt, hat sich im Laufe meiner Lebensgeschichte grundlegend verändert. Früher wuchs die Vorstellung von Normalität aus dem täglichen Tun von Menschen heraus, aus den Erfahrungen, die sie dabei machten, aus Übereinkünften darüber, wie man diese Erfahrungen deuten wollte, aus den wiederkehrenden Rhythmen der Natur und der Feste und Rituale, die das Jahr symbolisch bedeutsam gliederten. Die Dinge hatten ihre Zeit. Die Normalität gab es nicht. Normalitäten waren von Ort zu Ort verschieden. Heute entsteht Normalität durch Dekret. Eine dazu legitimierte Kaste von Experten verfügt in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich über die Macht, Standards zu setzen; Standards, die darüber bestimmen, was als normal zu gelten hat, was als gerade noch tolerable Abweichung und welche Abweichungen den Rahmen des Normalen so sprengen, dass sie unterdrückt oder therapiert werden müssen. Ich nenne diese Macht der Experten „diagnostisch“ und sie ist tiefgreifender als die Besitzmacht der Reichen. (Vgl. Marianne Gronemeyer: Die Macht der Bedürfnisse, Reinbek bei Hamburg 1988) Standards führen unweigerlich in die Welt der Zahlen, der Messergebnisse und Berechnungen; was nicht messbar ist, ist nicht standardisierbar.

Standards sind ein unschlagbares Instrument der Vereinheitlichung, das es ermöglicht, alles vergleichbar und damit „gleich-gültig“ im doppelten Sinn des Wortes zu machen. Sie lehren uns, von Besonderheiten systematisch abzusehen und menschliche Wesen zu Merkmalsträgern zu degradieren. Was uns in „Coronazeiten“ widerfährt, ist eine beispiellose Lektion in Sachen Standardisierung: Leibhaftige Personen verschwinden scharenweise hinter den Merkmalen, durch die sie definiert werden. Ich zum Beispiel soll lernen, dass ich wegen meiner 79 Jahre Mitglied einer „Risikogruppe“, bin. Und das ist in der öffentlichen Debatte das einzig Relevante an mir. Meine 79-jährigen Erfahrungen? Unerheblich. Meine Geschichte, meine Wünsche, Sehnsüchte, Träume, Verfehlungen, meine Vorlieben, die mich treibenden Kräfte, Ängste, Hoffnungen, was ich denke, erleide, lerne, zu sagen habe, wonach ich trachte, wofür ich stehe, worauf ich bestehe, meine Talente, meine Versäumnisse und Schwächen? Alles belanglos. Einzig meine Zugehörigkeit zur Risikogruppe der zwischen 70- und 79-Jährigen wird in Rechnung gestellt und macht mich statistiktauglich. Ich habe diese „Gruppe“, in die ich ungefragt hineingestopft werde, nicht gewählt, ich bin ihr nicht beigetreten, habe sie nicht gegründet, kenne niemanden aus ihr, denn meine gleichaltrigen Mitmenschen als Angehörige einer Risikogruppe zu betrachten, liegt mir fern. Ich empfinde diese Zuschreibung in ihrem barbarischen Reduktionismus als eine unerhörte Zumutung und kündige meine Mitgliedschaft nachdrücklich auf. Denn nach der Logik der Corona-Ethik werde ich durch sie automatisch als fürsorgebedürftiges Mängelwesen identifiziert, das sich des Schutzes, der ihm nun in einem Akt fürsorglicher Belagerung verordnet ist, nicht erwehren kann. Und das soll ich als Win-Win-Situation schätzen lernen, von der die Ansteckungsgefährder und die Ansteckungsgefährdeten gleichermaßen profitieren.

Wir können bei dem Corona-Prozedere eine neue „Selbstverständlichkeit in statu nascendi“ beobachten. Die Auffassung nämlich, leibhaftige – also wirkliche – Wirklichkeit ließe sich durch schwindelerregende Zahlenkonstruktionen, Rechenexempel und Statistiken, durch Säulendiagramme und Kurven unendlich genauer abbilden, als unsere Sinne, unser Schauen und Staunen und unsere Erfahrung sie je erfassen können. Es geht dabei nicht um Menschenschicksale, sondern darum, eine Kurve, von der angeblich Sein oder Nichtsein abhängt, „abzuflachen“. Als real gilt die vermessene, nicht die geschaffene Welt. Die Vermessung der Welt aber führt geradezu zwingend zur Vermessenheit der naturwissenschaftlichen Weltdeuter. Der Glaube an die durch Zahlen repräsentierte Welt hat im digitalen Zeitalter schleichend von uns Besitz ergriffen und ist im Begriff, zur totalitären, unbezweifelbaren Selbstverständlichkeit zu versteinern. Vielleicht ist der Zwiespalt, den wir jetzt gerade noch erleben können, eine der wenigen verbleibenden Chancen, uns dieser Indoktrination denkend und fühlend zu widersetzen.

Meine grundsätzliche Sorge gilt also diesem Wirklichkeitsschwund in der verzahlten Welt; der Welt der von Expertenzirkeln ausgebrüteten Grenzwerte, die uns nichts über das gute Leben sagen können, sondern uns darüber belehren, was gerade noch geht, ehe unsere Lebensgrundlagen kollabieren. In allen Politikfeldern bestimmen Grenzwerte, was erlaubt oder eben nicht mehr erlaubt sein soll. Und Politik ist längst dazu verkommen, um Grenzwerte zu schachern und zu feilschen, im Schulbetrieb, wo es um die Zuteilung von Karrierechancen geht, genauso wie im Gesundheitswesen und auf Klimakonferenzen – und nun also in der Coronakrise, wo es um das jeweilige Überleben geht.

Meine Verwirrung und Irritation rührt jedoch von der Art und Qualität der Zahlenwerke her, die uns zur Rechtfertigung der uns auferlegten Freiheitsbeschränkungen in den offiziellen Verlautbarungen aufgetischt werden. Ich bin zugegebenermaßen in statistischen Angelegenheiten eine Legasthenikerin, aber die Zahlen, mit denen wir tagtäglich „informiert“ werden, ermangeln so sehr jeder Seriosität, dass sie sogar eine Zumutung für den normalen Alltagsverstand sind. Ich fühle mich durch sie buchstäblich für dumm verkauft. Wir werden mit nackten Zahlen bombardiert, die zu nichts ins Verhältnis gesetzt werden und darum vollkommen bedeutungslos sind, wiewohl ihnen existenzielle Wichtigkeit unterstellt wird. Täglich werden weltweit die Toten gezählt, aber so, dass zum Beispiel die absoluten Todesraten von China und Österreich mir in Rankinglisten präsentiert werden, als sei es für meine Urteilsfindung unerheblich, dass wir es mit einer Neun-Millionen-Population im einen Fall und mit einer Milliardenbevölkerung im andern Fall zu tun haben; geschweige denn, dass ich etwas darüber erfahre, wie viele Menschen normalerweise in dem entsprechenden Zeitraum in Österreich und China sterben. Oder: Die Neuinfektionen werden akribisch, auf die einzelne Person genau, beziffert (z.B. heute, 16. Mai 2020 für Deutschland: 174.478), obwohl man uns versichert, über die tatsächlichen Infektionszahlen wisse man gar nichts. Warum wird Exaktheit insinuiert, wo nichts als Nebel ist? Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass solche eklatanten Verstöße gegen die simpelsten statistischen Grundregeln von den Entscheidungsträgern übersehen werden. Warum aber werden wir Entscheidungsbetroffenen mit solchem hanebüchenen Unsinn abgespeist? Tatsächlich haben diese nichtssagenden Zahlen eine beachtliche Wirkung: Die zu Tausenden gezählten, kontextlosen Toten lehren die Menschen das Fürchten, und das sollen sie auch. Von Schocktherapie war ganz ungeniert die Rede. Sie zielte darauf, Menschen geschwind und verlässlich zu tiefgreifenden Änderungen ihres Verhaltens zu veranlassen und dabei den Schein der Freiwilligkeit zu wahren. Das ist das Gegenteil von Aufklärung. Ich nenne es Manipulation und sage nicht einmal, dass es nicht Gefahrensituationen geben kann, in denen Manipulation das letzte Mittel zur Abwendung der Gefahr ist. Ich sehe mich aber bestätigt in der Hypothese, der Virus schaffe nicht eine nie da gewesene neue Lage, sondern bringe nur ans Tageslicht, woran wir längst unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle und befangen im Freiheitswahn gewöhnt waren. Wie viel Erziehung zur Anpassung an „alternativlose“ Systemerfordernisse haben wir uns angedeihen lassen, bevor wir auf so drastische Weise zur Pandemiefähigkeit erzogen werden konnten. Sogar in der Selbsterziehung und Selbstüberwachung hatten wir es ja vor der Krise schon weit gebracht. Wir leben in einer durchpädagogisierten Gesellschaft, in der in Krisenzeiten zum Zwecke der Menschenbesserung auf das Instrumentarium der schwarzen Pädagogik, die mit Drohgebärden Angst und Schrecken verbreitet, immer noch zurückgegriffen werden kann. Die schwarze Pädagogik läuft der viel freundlicheren weißen, die in konsumistischen Zeiten dominiert und auf Verführung, Verlockung und Stimulation von Bedürfnissen setzt, im Augenblick den Rang ab. Wir sind insgesamt aber sehr gut disponiert für diese Doppelstrategie.

Der heutige Mensch versucht, „die Welt nach seinem Bilde zu schaffen, eine völlig vom Menschen gemachte Umwelt zu errichten. Dabei entdeckt er dann, dass er das nur unter einer Bedingung tun kann: indem er sich selber ständig umgestaltet, um sich anzupassen. Wir müssen uns nunmehr klarmachen, dass (dabei) der Mensch selbst auf dem Spielt steht“, schrieb Ivan Illich bereits 1971. (Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft, 4. überarbeitete und erweiterte Auflage, München 1995) Moderne Bildungsinstitutionen stehen zunehmend im Dienste dieses Anpassungsprogramms, das mit Bildung verwechselt wird. Homo educandus, das erziehungsbedürftige Mängelwesen, das sich souverän glaubte, wird gerade von seiner Scheinautonomie befreit. Und das kann sich wie jede Krise und alles böse Erwachen zum Guten und zum Schlechten wenden.

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass, während überall die „Entschulung“ der Schüler und Hochschüler angeordnet wird und die verfasste Schule auf eine nicht mehr für möglich gehaltene Weise ihre Entbehrlichkeit offenbart, die „Verschulung“, will sagen Entmündigung der Gesamtgesellschaft ihren einstweiligen Höhepunkt erlebt. Und während ich mich noch darüber wundere, wie unaufgeregt und ohne Murren der rapide Übergang vom demokratischen „Normalzustand“ in den verordneten Ausnahmezustand vonstattenging, begreife ich, wie gut wir längst dafür präpariert waren.

Zwei Sätze waren es, deren guter Klang anfänglich fast alle, die es anging, bereitwillig in diese Zumutung einwilligen ließ. Der eine lautete: „Gesundheit hat Vorrang“, und der andere sekundierte: „Es geht darum, Leben zu retten“. Aber was ist das für eine „Gesundheit“, der in der gegenwärtigen Krise der Vorrang vor allem anderen eingeräumt wird? Der Religionsphilosoph Raimundo Panikkar unterscheidet die Gesundheitsvorstellung der östlichen von der der westlichen Kultur. (Er war in beiden Kulturen zu Hause, denn er hatte eine spanische Mutter und einen indischen Vater.) In der westlichen werde Gesundheit als Arbeitsfähigkeit definiert, in der östlichen gelte als gesund, wer sich freuen könne. Ich fürchte, die „Gesundheit“, die jetzt Vorrang genießt, hat nichts mit Freudefähigkeit und noch nicht einmal etwas mit Arbeitsfähigkeit zu tun. Sie hat überhaupt kaum noch einen Bezug zu dem Befinden, welches konkrete Menschen erdulden müssen oder gut leiden können. Sie wird abgelesen an objektiven Befunden, die gemessen werden und je nach Mess- oder Testergebnis für bedenklich oder unbedenklich erklärt werden, von denen, deren Profession es ist, etwas davon zu verstehen. So kann sich zum Beispiel jemand kerngesund fühlen und muss sich doch für krank erklären lassen, symptomlos krank eben. Und so konnte es passieren, dass im Dezember 2017 30 Millionen Amerikaner gesund ins Bett gingen und – bei gleichem Befinden – krank wieder aufwachten, weil die Bluthochdruckgrenzwerte gleichsam über Nacht abgesenkt wurden. (Diese plötzliche Massenerkrankung wurde übrigens nicht als Epidemie gewertet.)

Und die Lebensrettung? Was ist das für ein Leben, dessen Rettung höchste Priorität genießt? „Lebensrettung“, da denke ich zuerst an die SOS-Rufe von Menschen, die in Seenot geraten sind, an die Klopfzeichen von Verschütteten, an Unfall- und Katastrophenopfer, die Hilfe brauchen, und ich denke beschämt, bewundernd und dankbar an Menschen, die im äußersten Fall ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um das Leben anderer zu retten. Tatsächlich kann ich kaum für möglich halten, dass es sie immer wieder gibt. Auch in den von der Corona-Krankheit besonders heimgesuchten Regionen hat es sie zu Hunderten gegeben und viele haben dabei den Tod gefunden, andere waren bis zur Erschöpfung an Ort und Stelle, um zu helfen, oft, ohne helfen zu können, und oft unter erbärmlichen Bedingungen.

Aber so wie ich den Satz geradezu fanfarenartig aus dem Stimmengewirr der Krisenkommentare heraushöre, hat er noch eine ganz andere Bedeutung. Er ist eine programmatische Kampfansage an den Tod, den bedrohlichsten Widersacher des Lebens. „Es gibt nur einen guten Tod, den besiegten“, stellt Jean Baudrillard fest. „Für jeden soll es möglich sein, bis zur Grenze seines biologischen Kapitals zu gelangen und sein Leben ‚bis zur Neige‘ ohne Gewalt zu genießen. So als ob jeder sein kleines Schema eines Formlebens, seine ‚normale Lebenserwartung‘ und einen ‚Lebens-Vertrag‘ in der Tasche hätte“ (Jean Baudrillard: Der Tod tanzt aus der Reihe, Berlin 1979).

Der besiegte Tod lässt das siegreiche Leben zu einer einzigen Todvermeidungsprozedur verkümmern.

Der besiegbare Tod, das ist das Credo der Weltverbesserer, die fieberhaft an der Herstellung der „zweiten“ menschengemachten „Natur“ arbeiten, die der „ersten“ in jeder Hinsicht überlegen sein werde und in der es zu guter Letzt nichts mehr geben darf, was nicht vom Menschen veranlasst ist, weder Leben noch Tod. Aber:Das Leben, um das sich alles dreht, gibt es nicht. Es gibt nur lebendige Wesen, seien sie Pflanze, Mensch oder Tier. Das Leben ist ein soziales Konstrukt, ein Phantom (I. Illich), allerdings eines, „das wir jetzt für so selbstverständlich halten, dass wir nicht wagen, es ernsthaft in Frage zu stellen“. Das Leben hat seiner Unwirklichkeit zum Trotz eine eigentümliche Doppelnatur. Ihm wird nachgesagt, es sei „kostbar, gefährdet, knapp“, aber von extremer Wichtigkeit (Ivan Illich: The Institutional Construction of a New Fetish: Human Life, in: ders.: In he the Mirror of the Past, New York/London 1987), folglich schützenswert und schutzbedürftig, ein schütteres Etwas, das von besorgten Experten in Obhut genommen, kontrolliert und unablässig überwacht werden muss, insoweit ist es Objekt, Gegenstand der Sorge. Andererseits wird es als machtvolles Subjekt inszeniert, als letzte Instanz, die mit großer Autorität über Richtig und Falsch, Vorrangig und Nachrangig, Sein oder Nichtsein, ja sogar über Gut und Böse entscheidet. Dieser Subjekt-Objekt-Zwitter ist die ideale Kunstfigur zur Rechtfertigung der Umgestaltung unserer Lebenswelt in ein „technogenes Milieu“, wie Ivan Illich diese zweite Natur treffend nannte. Das vergötzte Leben wird inthronisiert als leidender und allmächtiger Gottesersatz, dem die technische Herstellung des Menschenersatzes durch den Robot auf dem Fuß folgt. Wir müssen uns also klarmachen, dass unter dem Regime des Lebens das Leben und der Tod auf dem Spiel stehen, die Kunst zu leben (ars vivendi) und die Kunst zu sterben (ars moriendi).

Tod und Leben gehören zusammen wie Tag und Nacht, eines bedingt das andere und vice versa. Der Kampf gegen den Tod zur Rettung des Lebens setzt beide in einen unversöhnlichen Gegensatz. Jedoch: „Spaltet man das Sein in der Mitte, will man das eine ohne das andere grapschen, hält man sich ans Gute und nicht auch ans Schlechte (…), dann (kehrt) der dissoziierte böse Impuls – böse jetzt im doppelten Sinn – zurück (…), um das Gute zu durchdringen (…) und zu dem zu machen, was er selbst ist.“ (Ronald D. Laing: Phänomenologie der Erfahrung, Frankfurt 1969) Der besiegte Tod lässt das siegreiche Leben zu einer einzigen Todvermeidungsprozedur verkümmern.

Facit: Die treibenden Kräfte der Moderne werden durch diese Krise in ihrem jeweiligen Monopolanspruch enorm gestärkt: Nur naturwissenschaftlichen Erkenntnissen wird zugetraut, die Lage richtig zu deuten. Alles, was nicht von der Wissenschaft beglaubigt ist, wird in das Reich des Aberglaubens verwiesen. Zur Bewältigung der Krise kamen nur technische Mittel in Betracht; alles, was sonst noch hätte heilsam sein können, wurde als Traumduselei diffamiert. Nur bürokratische Verfahren schienen geeignet, ungeregelte Verhältnisse zu reglementieren. Nur die Ökonomie mit ihren Weltverteilungsmonopol steht ziemlich gerupft da. Sie galt als der Primus inter Pares in dem Quartett aus Wissenschaft, Technik, Bürokratie und Ökonomie. Jetzt sehen wir ihre Vormachtstellung wanken zugunsten des naturwissenschaftlich-technischen Komplexes. Das liegt durchaus in der Logik einer vom Menschen gemachten zweiten Natur, die zu guter Letzt auch den Menschen selbst abschafft.

Aber die Krise wäre nicht Krise, wenn nicht alles auch überraschend anders kommen könnte.