Straßenbild mit Sirenen

von
Petra Ziegler

SALE!
-30%! -50%! -70%! Alles muss raus!!! Und dazu noch eine
Autobahnvignette gratis! Es schreit von überallher, da muss gar kein
Ton zu hören sein. Von links und rechts und oben, von den
Hausfassaden, entlang der Straßen und Gehwege, in der U-Bahn, der
Bim und an allen Bahnsteigen. Großformatige Plakate, Infoscreens,
beleuchtete Schaufenster, blinkende Reklametafeln, haushohe
Projektionen, dazwischen – beinahe will Rührung aufkommen – noch
die eine oder andere Litfaßsäule. Ein grellbuntes Dauerfeuer, in
tomatenrot, knallgelb und giftgrün. Oder in magenta, alles
mindestens mega und giga. Versalien in Kreischfarben, neongetünchte
Hinweise und aufdringliche Motive reklamieren Beachtung. Werbebanner
mit schwarz-orangen oder schwarz-gelben Kontrasten stechen aggressiv
ins Auge. Bombastisch, überdimensional und um keinen Superlativ
verlegen wird da um Aufmerksamkeit gebuhlt, egal wohin eins gerade
schaut.

„Geiz
ist geil“ und „Ich bin doch nicht blöd“ und „Abendland in
Christenhand“. Die halbe Stadt ist zugepflastert mit
marktschreierischen Slogans von dümmlich bis gemeingefährlich. Witz
ist in der Branche selten.

Schlimmer
geht immer. Hierzulande beginnt nun der Wahlkampf und somit einmal
mehr – sagen wir es mit den Worten von Wiens Ex-Bürgermeister
Michael Häupl – eine „Zeit fokussierter Unintelligenz“. Der
Sommer verheißt also nichts Gutes, wiewohl die Wahlsprüche der
Parteien so manchen kalten Schauer erzeugen dürften. „Unser Weg
hat erst begonnen“, droht bereits der gegelte Altkanzler. Auch in
gruseliger Erinnerung: „Aufstehen für Österreich – Deine Heimat
braucht dich jetzt“ ließ die FPÖ im
Bundespräsidentschaftswahlkampf 2016 affichieren und dazu das
Konterfei von Norbert Hofer vor rot-weiß-roter Flagge. Die Parole
„Holen Sie sich, was Ihnen zusteht“ haben wir dagegen der SPÖ
anlässlich der Nationalratswahlen 2017 zu verdanken. Da geht noch
was. Von türkis bis pink reicht die Palette.

Wo viele
schreien, werden nur wenige gehört. Aufmerksamkeit ist ein knappes
Gut. Um sie zu erheischen – und sei es nur für einen Augenblick –
wird in Bild und Schrift gebrüllt, aufgeregt geblinkt und
hemmungslos Krach geschlagen. Bei gerade einmal drei Sekunden liegt
die durchschnittliche Betrachtungsdauer eines Werbeplakats,
vorausgesetzt wir sehen hin. Da sind der Einsatz von Farben,
Platzierungen, Schriftgrößen und Bildkomposition von essentieller
Bedeutung. Unter all den Reizen, denen wir permanent ausgesetzt sind,
gilt es erst einmal aufzufallen. Was wird überhaupt wahrgenommen,
welches Markenlogo kann sich durchsetzen, welches Motiv verfängt,
welcher Spruch geht rein und welchem Plakatgesicht gelingt es, den
schweifenden Blick auf sich zu ziehen? – „Schau mir in die Augen
…!“

Bei jedem
Gang durch die Stadt ruft es von allen Seiten: „Will mich haben!“,
„Kauf mich!“, „Wähle mich!“ Auch wenn wir versuchen, dicht
zu machen, ist dem schlicht nicht zu entgehen. Begehren will geweckt
werden, unser aller Haben-Wollen dient nicht zuletzt als
Rechtfertigung für den Status quo. Unsere Welt „besteht aus
Dingen, die sich anbieten und die uns auffordern. Werbung ist ein
Modus unserer Welt“
, heißt es
bei Günther Anders. „Dasjenige, was nicht wirbt, was nicht ruft,
was sich nicht zeigt, was am Lichte der Reklame nicht teilhat, das
hat keine Kraft, uns zu reklamieren, das nehmen wir nicht wahr, das
erhören wir nicht, das machen wir nicht mit, das erkennen wir nicht,
das verwenden wir nicht, das verzehren wir nicht – kurz: das bleibt
‚ontologisch unterschwellig‘, im pragmatischen Sinne ist das
nicht ‚da‘.“

Dass die
Kinder der Marktwirtschaft bei all dem nicht nachstehen wollen,
zeigen nicht nur die immer penetranteren Selbstdarstellungen auf
Instagram, Pinterest und anderen Social Media-Plattformen. Eine jede
und ein jeder trommelt da für sich.