Kommt die Inflation auf Umwegen?

von Peter Samol

In Deutschland sind die Preise für Ackerland von 2008 bis heute auf das 2,5-fache angestiegen. Zur Zeit kostet ein Hektar (100 mal 100 Meter) im Durchschnitt 25.500 Euro. Spitzenpreise gehen bis zu 65.000 Euro. Ganz ähnlich sieht es in Österreich aus. Hier liegt die Spitze bei ca. 50.000 Euro. Der Grund für diese Entwicklung liegt darin, dass das Finanzkapital über enorme Geldmengen verfügt und verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten sucht. Neben bebautem Land greift es dabei zunehmend auch auf landwirtschaftliche Flächen zu. Dadurch könnten sich mittelfristig die Lebensmittel verteuern.

Der Ursprung dieser Entwicklung liegt in der Finanzkrise, die im Jahr
2008 ihren Anfang nahm und bis heute andauert. Um die damals
drohenden Bankenpleiten zu bekämpfen, senkten die Zentralbanken ihre
Leitzinsen auf nahezu Null und kaufen außerdem bis heute regelmäßig
für viele Milliarden Euro Anleihen auf. Dadurch entstehen laufend
neue Geldmengen, für die verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten
gesucht wird. Weil die Kreditzinsen aufgrund des horrenden
Geldüberschusses gegen Null tendieren, wichen die Investoren
zunächst auf die Aktienmärkte aus, die einen entsprechenden Boom
verzeichnen. Das reicht aber noch lange nicht aus, um all das Geld zu
absorbieren. Befürchtungen, dass der Geldüberschuss zu einer
Inflation führen könnte, bestätigten sich bisher allerdings nicht,
denn das Geld verbleibt weitgehend in der Sphäre der
Finanzmarktgüter. Nur relativ geringe Mengen gelangen in die Sphäre
der Gebrauchsgüter, wo sie den Absatz von Waren ermöglichen, die
sonst keinen Käufer finden würden. Ohne diesen Mechanismus stünde
das herrschende Wirtschaftssystem vor dem gravierenden Problem,
seinen enormen Warenüberschuss nicht in ausreichendem Maße absetzen
zu können. In diesem Sinne kann man auch von einem
finanzmarktgetriebenen Kapitalismus sprechen.

Wie gesagt verbleibt das meiste Geld brav in der wolkigen Sphäre der
Finanzmärkte, wo die Investoren – neben Aktien und deren Derivate
– vermehrt auf Edelmetalle und Immobilien zugreifen. Letzteres ist
allerdings ein Problem. Im Unterschied zu Aktien und Edelmetallen
sind Immobilien nämlich zugleich auch Gegenstände des täglichen
Gebrauchs. Sie sind gewissermaßen Zwittergüter, die sowohl den
Güter- wie auch den Anlagemärkten angehören. Daher sind Wohnungen
bisher die einzigen lebenswichtigen Gebrauchsgüter, bei denen sich
die riesige Menge an Zentralbankgeld in Form merklich steigender
Mieten und Kaufpreise bemerkbar macht. Das hat in vielen deutschen
Großstädten zu massenhaften Protesten und ersten politischen
Gegenmaßnahmen geführt. In Österreich befinden sich zahlreiche
Wohnungen in öffentlicher oder genossenschaftlicher Hand, was eine
ähnliche Entwicklung hier bisher verhinderte.

Eine durch den Immobilienpreis ausgelöste Verteuerung täglicher
Gebrauchsgüter kann sich aber auch noch auf einem anderen Weg
ereignen. Durch den zunehmende Griff von Investoren nach Ackerland
und die daraus resultierenden Preissteigerungen kann es nämlich
mittelfristig zu einer Verteuerung der Nahrungsmittel kommen.
Infolgedessen steigen die Reproduktionskosten der Arbeitskräfte und
die Löhne müssten entsprechend erhöht werden, was dann alle
anderen Waren entsprechend verteuern würde. Die Alternative wären
unveränderte Löhne, wodurch es jedoch zu einem massiven Rückgang
der Absatzmöglichkeiten des Industriekapitals käme. Die Menschen
würden ihr Geld dann zunehmend für ihre Grundbedürfnisse ausgeben,
während sie für andere Warensorten immer weniger übrig hätten.
Damit wäre wiederum eine massive Absatzkrise vorprogrammiert. Das
würde zwar eher eine Deflation bedeuten, die allerdings in ihren
Folgen noch gravierender wäre als eine allgemeine Verteuerung.

Um diese Gefahr abzuwenden, müsste der Staat entschieden in den
Bodenmarkt eingreifen. Da Boden keine produzierte Ware, sondern eine
Naturressource ist, ist sein Wert nicht in menschlicher Arbeit
begründet. Stattdessen wird sein Wert abgeleitet festgelegt. Dabei
spielt der Staat vermittelt über die Rechtsform eine entscheidende
Rolle. Hinzu kommt, dass es sich bei Böden um ein vollkommen
unbewegliches Gut handelt; seine Eigentümer können sich nicht
einfach vom Acker machen und mit dem Gang Ausland drohen. Beides
verschafft der Politik einen enormen Handlungsspielraum, den sie
nutzen sollte. Zur Zeit halten politische Akteure allerdings noch
stur an der aberwitzigen Grundannahme fest, wonach der Markt sich von
selbst reguliert. Das ist jedoch gerade im Zusammenhang mit
Immobilien und Ackerflächen ein unfassbarer Unsinn. Kurzfristige
administrative Beschränkungen, wie etwa eine gesetzliche Deckelung
der Bodenpreise, wären relativ problemlos zu bewerkstelligen. Auf
lange Sicht wäre es erstrebenswert, Boden in Gemeineigentum zu
überführen. Dafür würde sich wohl am ehesten eine Verwaltung
durch Genossenschaften anbieten.