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Gefahr der „Umvolkung“

Rezension zu:
Heinrich Detering, Was heißt hier „wir“? Zur Rhetorik der
parlamentarischen Rechten.
Stuttgart: Reclam 2019, 60. S.

von Hermann Engster

Politiker/innen der
in deutschen Parlamenten vertretenen Rechten beschwören die Gefahr
der „Umvolkung“ Deutschlands, mit „Kopftuchmädchen“ und
„Messermännern“ als Vorhut einer vermeintlich drohenden
„Islamisierung“ gleich des gesamten Abendlands. Doch ist Rettung
in Sicht: „Denn wir werden uns unser Land und unser Volk
zurückholen“, verheißen unisono der aggressiv-pampige Björn
Höcke wie sein vornehm-bildungsbürgerlich sich gerierendes Pendant
Alexander Gauland von der AfD. Der Göttinger
Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, einer der zurzeit
führenden Germanisten, hat die Rhetorik dieser Komplizen einer
kritisch-philologischen Analyse unterzogen, indem er mit dem
Verfahren des close reading die propagandistischen Ziele in
deren Phrasen zum Vorschein bringt. Er bohrt nach: Wer ist hier
„wir“, und was meint „unser Land“? Wer gehört zu diesem
„Wir“, und wer gehört nicht zu „unserem Land und Volk“? Wenn
Höcke in seiner Dresdner Rede von 2017 seine Zuhörer in die Pflicht
nimmt, indem er das Pathos von Churchills gegen die NS-Aggression
gerichtete blood-sweat-and-tears-Rede so heuchlerisch wie
skrupellos sich zu eigen macht: „Ich will es euch nicht leicht
machen. Ich weise dieser Partei einen langen und entbehrungsreichen
Weg“ – dann steckt darin, so enthüllt Detering, „das
Führerprinzip, geronnen in eine autoritäre Syntax“. – Worum geht
es in letzter Konsequenz? Es geht um die Wiederherstellung dessen,
was 1945, bekleckert bloß durch einen „Vogelschiss“ (Gauland),
verloren gegangen ist. In dem Anspruch, für „das Volk“ zu
sprechen, verbergen sich Ermächtigungswahn, Rache- und
Vernichtungsphantasien, die auf ihre Verwirklichung warten.

Deterings Essay geht
zurück auf seinen Vortrag zu diesem Thema, den er auf dem
Katholikentag und unlängst an der Göttinger Universität gehalten
hat und der in der Frankfurter Rundschau abgedruckt worden
ist. Die Folge war der übliche shit storm im Netz; einige
Preziosen dokumentiert Detering im Anhang. – Die Lektüre seines
Essays bringt doppelten Gewinn: zum einen das Vergnügen, einem
Meister der Philologie bei der Arbeit zuzuschauen, zum andern den
Erkenntnisgewinn, wie den Phrasen dieser Hirnvergifter zu begegnen
sei. Deterings Sprachduktus ist engagiert, gleichwohl nüchtern. Am
Schluss jedoch holt er den Säbel heraus: Gauland, der seinerzeit die
Integrationsbeauftragte Aydan Özuǧuz „in Anatolien zu entsorgen“
vorschlug, um die deutsche Kultur vor ihr zu retten – er und
Konsorten „gleichen zum Verwechseln Bandenmitgliedern“; und
„Gaulands Sprache“ (von der eines Höcke ganz zu schweigen) „…
ist bloß der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern“. Selten
hört man von einem deutschen Professor eine solche knallharte
politische Aussage. Aber wie man in Norddeutschland sagt: „Wat
mutt, dat mutt.“