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Der Kaufmann von Venedig

von Ilse Bindseil

Hermann Engsters sorgsame Auseinandersetzung mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ in Verbindung mit meiner gleichzeitigen Lektüre von Aharon Appelfelds vielfältigen Erinnerungen an seine Kindheit hat mir meine Lektüre des Stückes an der Schwelle zur Jugend in Erinnerung gerufen und mir wie durch eine psychoanalytische Exploration deutlich gemacht, warum ich gegenüber Debatten über mögliche antisemitische Implikationen des Werks gleichgültig bin.

Wir, meine Schwester und ich, lasen
Dramen, als wenn es Romane wären, und vermissten die Bühne nicht.
Vorzugsweise lasen wir, auf unseren Betten an den gegenüberliegenden
Seiten des Kinderzimmers liegend, mit sorgsam verteilten Rollen, ohne
dass es uns gelang, das Machtgefälle, das zwischen der älteren und
der jüngeren Schwester bestand, vollständig aufzuheben. Da wir
aber, mehr noch als im echten Leben, aufeinander angewiesen waren,
war unsere Kompromissbereitschaft groß. Auch zogen wir manche
Dramen, die wie für uns geschrieben waren, vor, Stichwort „Maria
Stuart“.

Vom „Kaufmann von Venedig“ ist
mir von damals eine feste Auffassung geblieben. Vermutlich ist sie
durch und durch ein Produkt der 50er Jahre, die mich geprägt haben
müssen. Ich brauche kaum hinzuzufügen, dass sie mir näher ist als
alles, was seitdem über den „Kaufmann von Venedig“ politisch
korrekt vorgebracht worden ist.

In meiner Auffassung ist Shylock,
der jüdische Geldverleiher, ein direkter Nachfahre von Salomo, dem
klügsten Menschen, den die Welt gesehen hat. Ihn lernte ich durch
Brechts Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ kennen, das ich, dem
Titel entsprechend, nicht nur mit der Weisheit der Bibel, sondern
auch mit dem geheimnisvollen östlichen Gebirge und – der Geometrie
verband; mehr Weisheit ging nicht. So wie Salomo, um den Streit
zweier Mütter um ein Kind zu entscheiden, zur drastischen
Aufforderung greift, das Baby auseinander zu reißen, so Shylock, dem
dank seines Berufs „nichts Menschliches fremd“ und dank seines
Judentums kein Leid unbekannt geblieben ist, um die törichten
Christenmenschen aufzuklären zur nicht weniger drastischen
Forderung, den von Antonio leichtfertig geschlossenen Vertrag zu
erfüllen: mit seinem eigenen Fleisch soll er bezahlen, wenn er die
geschuldete Summe nicht aufbringen kann.

Soll er, dachte ich befriedigt. Das
Larifari der venezianischen Oberschicht, ihr aus Zutraulichkeit und
Verachtung gemixter Umgang mit Menschen lag mir nicht; ich fürchte,
hier machte sich die Erziehung durch einen idealistischen Nazismus
bemerkbar. Natürlich stellte der zwischen Shylock und Antonio
geschlossene Vertrag einen Verstoß gegen die guten Sitten dar. Aber
die Sitten waren die mœurs einer verlotterten Oberschicht.
Der Verstoß gegen sie bedeutete nicht nur eine pädagogisch
notwendige Provokation − der Patrizier redete vom Umgang, der Jude
öffentlich von Geld −, er machte die ökonomische Grundlage der
Sitten manifest. Er war nichts weniger als das Produkt einer kranken
Phantasie, sondern drückte, wie wir später zu sagen pflegten, die
„zu kritisierenden Zustände“ aus.

Im
„kaukasischen Kreidekreis“ ist der Kreis das für alle sichtbare
Zeichen, dass, die ihn betreten, unter Aufsicht handeln, dass also
Weisheit am Werk ist, ein höherer Plan besteht, die ins Auge
gefasste Gewalt kontrolliert wird. In einem Wort, der Vorgang ist
feierlich, ja wie in Anlehnung an Olympia gleichzeitig mythisch und
sportlich. Im „Kaufmann von Venedig“ wird die Ordnung, der Titel
sagt es, durch das Städtische als Verkörperung eines modernen
zivilisierten Umgangs gewährleistet und man könnte den absurden
Streit als Wortgefecht genießen, drohte sie nicht zu implodieren, an
ihren eigenen Grundlagen zu scheitern. Angesichts der Wendung ins
Prinzipielle und Fundamentalistische, die das Drama nimmt, konnte ich
den Ausweg, den die liebende Portia mit ihrer Forderung nach Fleisch
ohne Blut ersinnt, nur unter „läppisch“ verbuchen, schlägt sie
Shylock doch nur vermeintlich mit seinen eigenen Mitteln, lässt als
Haarspalterei enden, was als substantielle Kritik begann. Seine
Forderung, totes Geld durch lebendiges Fleisch zu ersetzen, brachte
das Gesetz der Gesellschaft auf den Punkt. Tricks und Tüfteleien,
nur um die verzweifelte Sache zu einem guten Ende zu bringen, waren
meiner Ansicht nach unter der Würde des Stückes. Schon gar nicht
hätte sie sich ein Mädchen zu eigen machen dürfen, das Johanna von
Orleans und Emilia Galotti – „eine Rose gebrochen, ehe der Wind
sie entblättert“ hat – zu ihren Genossinnen hätte zählen
können, wenn, ja wenn ihr was Besseres eingefallen wäre. Offenbar
war rückhaltlose Einsicht ein Privileg der Unterdrückten, so mein
Schluss. Wenn man nicht unterdrückt war, so konnte man immerhin das
rückhaltlos einsehen. Shylock, niemand sonst war mein Held.