Ich – eine Zwiebel

von Hermann Engster

„Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“
(Karl Marx, VI. These über Feuerbach)

Henrik Ibsens Drama Peer Gynt, ursprünglich ein dramatisches Gedicht nach der Vorlage norwegischer Märchen, dann umgearbeitet zu einem Bühnenstück und uraufgeführt 1876 in Kristiania (heute Oslo) – dieser Peer Gynt wird gern als der „nordische Faust“ bezeichnet, und in der Tat sind die Parallelen unabweisbar. Wie der Goethe’sche Faust durchläuft auch Ibsens Peer Gynt ein Leben voller Irrungen und Wirrungen, wird zeitweilig begleitet von einem dubiosen Knopfmacher, der dämonische Züge trägt, und ein richtiger Teufel tritt auch auf; Peer, am Ende seines Lebens, steht vor den Trümmern seiner Existenz und findet schließlich, zwar nicht Erlösung wie Faust durch Margarethe, aber doch Zuflucht bei Solveig, einer Frau, die ihn liebt und ihm trotz seiner Unstetheit ihr Leben lang die Treue gehalten hat. Edvard Grieg hat zu dem Bühnenstück eine Schauspielmusik komponiert, die beiden Peer Gynt-Suiten, eine Musik freilich, die nach einhelliger Meinung wegen ihrer nationalromantischen Schwelgerei überhaupt nicht zu dem modernen Charakter dieses Anti-Helden-Dramas passt, zumal Ibsen selbst dem norwegischen Nationalismus kritisch gegenüberstand.

„Peer, du lügst!“

Mit dieser Schelte von Peers Mutter beginnt das Drama. Und mit dem Wort „Lüge“ klingt auch das Leitmotiv des Stücks an. Der Goethe’sche Faust, als alter Wissenschaftler tief enttäuscht über die Vergeblichkeit seiner Suche nach Erkenntnis der Welt, flüchtet sich in das Blendwerk der Magie und überschreibt seine Seele dem Teufel, dem Herrn der Lügen, der ihn in die „wahre“ Welt entführen soll. Lüge und Selbsttäuschung begleiten auch den Bauernsohn Peer Gynt, und dies schon von Jugend auf, indem er sich vor der bedrängenden Realität in Lügengeschichten flüchtet. Sein Vater Jon hat durch Misswirtschaft und Alkoholismus den Hof verwahrlosen lassen, doch in Peers Phantasie verwandelt sich der Hof in einen herrlichen Palast. Seine eigene Nichtsnutzigkeit verklärt er zur Heldenhaftigkeit, indem er seiner Mutter Aase, die ihn überbehütet und vergöttert, allerlei gefährliche Abenteuertaten vorgaukelt, z.B. dass er auf einem Ziegenbock halsbrecherisch über einen Gebirgskamm geritten sei. (Angeblich über den Besseggen, einen markanten Grat im Gebirge Jotunheimen – zu deutsch „Riesenwelt“ – über den der Schreiber dieser Zeilen einmal selbst gewandert ist.) Begierig nach Liebe und Abenteuern gerät er in die Welt der Trolle und Dämonen und steigt dort in den Rang eines Prinzen auf. Dann entführt er die Verlobte eines anderen, verliebt sich gleichzeitig in die aus einem pietistischen Elternhaus stammende Solveig, die er aber bald wieder verlässt. Er geht, gleich Faust, in die Welt hinaus, ist wie dieser größenwahnsinnig und narzisstisch, ein Egomane und Hochstapler, und getrieben von der Gier nach Macht, Reichtum und Frauen, streift er ziellos herum, kommt schließlich durch Waffenschiebereien und Sklavenhandel zu Reichtum, stürzt dann aber durch Fehlschläge in Armut ab. Der IV. Akt zeigt ihn in Marokko, wo er durch einen Affenangriff in die Wüste vertrieben wird, er sich in eine Oase rettet, dort ihm aber eine Frau seine letzte Habe stiehlt. Auf dem Tiefpunkt seiner Existenz landet er schließlich in einem Irrenhaus in Kairo, wo ihn ein deutscher Arzt mit dem trefflichen Namen Begriffenfeldt behandelt. Doch anders als der Goethe’sche Faust, der an seinem Lebensende, als skrupelloser Unternehmer geistig verblendet und physisch blind geworden, mit seinen letzten Worten prahlt: Es kann die Spur von meinen Erdetagen / Nicht in Äonen untergehn. (Faust II, V. 11583 f.), zieht Ibsens Peer Gynt ein bitteres, resignatives Fazit seines Lebens.

Cepa allegorica Ibsensis

Der fünfte und letzte Akt zeigt, wie der alte Peer, heruntergekommen an Leib und Seele, wieder heimkehrt. Im Wald sucht er nach Essbarem und gräbt eine Zwiebel aus. Es ist Pfingsten, das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Er beginnt die Zwiebel zu schälen, und die Zwiebel wird ihm zu einem Gleichnis für die Stationen seines Lebens:

Du bist eine Zwiebel, nicht mehr.
So, und jetzt wollen wir dich einmal schälen, mein Peer!

(Nimmt eine Zwiebel, pflückt Schicht um Schicht herunter.)
Da außen die rissige Haut der Knolle – das ist der Gescheiterte auf der Jolle.
Die Passagiers-Pelle hier; hm – recht dünn, wie ein Lack –
hat doch eine Spur von Peer Gynt im Geschmack.
Dann das Goldgräber-Ich, das nimmersatte;
der Saft ist weg – wenn es je welchen hatte.
Und dieses Dickfell, so hart und zäh?
Der Pelzjäger ist’s von der Hudson-Bay. (…)
Hier der Altertumsforscher, wahr und wahrhaftig.
Und hier der Prophete, ganz frisch und saftig;
er stinkt zum Himmel vor lauter Lügen,
dass man Wasser davon in die Augen kann kriegen.
Diese Haut, die sich weichlich zusammenrollt,
ist der Herr, der in Freuden verprasste sein Gold.
Die nächste scheint krank, hat schwarze Streifen –
lässt sich als Pfaffe oder auch als Neger begreifen.

(Schält mehrere Schichten auf einmal herunter.)
Das nimmt ja kein Ende! Lage um Lage!
Tritt denn der Kern nicht endlich zutage?
Nein, soll man es glauben – da ist ja keiner!
Nichts als Schalen – nur immer kleiner und kleiner!
Die Natur ist witzig!
(Wirft die Reste fort.)
Zit. nach: Henrik Ibsen: Schauspiele. Stuttgart 1968
(Übersetzung von Christian Morgenstern)

Die Zwiebel ist die Allegorie für sein Leben. Sie ist kein Symbol; denn das Symbol zeichnet sich dadurch aus, dass der Sinngehalt des Bezeichneten den Rahmen des Zeichens übersteigt und vielfältige Interpretationen zulässt. Die Allegorie hingegen hat einen festumrissenen Rahmen, innerhalb dessen sich Zeichen und Bedeutung decken. So auch hier, und so ist die Interpretation einfach, drängt sich förmlich auf: Peer Gynts Inneres ist ein verfehltes Ich, ein Nichts. Diese späte Einsicht wird ihm zudem am Schluss, als er bei der auf ihn wartenden Solveig Zuflucht findet, vom Autor geradezu in den Mund gelegt:

Peer Gynt
So sag, wo Peer Gynt die Zeit über war –
Solveig
Wo er war?
Peer Gynt
– in der Brust der Bestimmung Keim:
wo er war, wie der Herr ihn gewollt und verstanden. (…)
Wo war ich, ich selbst, wahrhaftig im Geist;
wo bin ich, wie Gott mich einst schuf, geblieben?

Solveig
In meinem Glauben, meinem Hoffen und meinem Lieben.

Ob dies als „Erlösung“ zu verstehen sei? Wohl kaum. Denn das ist noch nicht das Ende. Abermals kommt der düstere Knopfgießer ins Spiel. Dieser hat Peer bei seiner letzten Begegnung mit ihm prophezeit, dass er ihn umgießen werde wie eine missratene Bleifigur:

Nachdem du doch niemals du selbst gewesen –
was hast du dagegen, dich aufzulösen?

Solveig, obwohl inzwischen erblindet, erkennt Peer und singt, sein Haupt in ihren Schoß gebettet, im vollen Sonnenlicht, wie die Bühnenanweisung lautet:

Ich will dich wiegen, ich will wachen.
Schlaf und träum, liebster Knabe mein!

Überschattet wird dies Scheinbild einer Erlösung durch die zuvor ertönende drohende Stimme des Knopfgießers:

Wir treffen uns am letzten Kreuzweg, Peer,
und dann wird sich zeigen – ich sage nicht mehr.

Es wird dann geschehen, was Ibsen selbst als innersten Grund seines Dichtens formuliert hat:

At leve – er krig med trolde
I hjertets og hjernens hvælv.
At digte, – det er at holde
Dommedag over sig selv.

Leben heißt – Krieg mit Trollen
Im eigenen Herzen und Hirn.
Dichten heißt – Gerichtstag halten
Über sich selbst.

Gerichtstag wird gehalten werden über Peer Gynt, der die ihm von Gott eingegebene Bestimmung seines Ich verfehlt hat.

Kernspaltung

So fromm, so streng, so bürgerlich – diese Vorstellung des Ich. Ihr zufolge ist dem Menschen von Gott ein Wesenskern verliehen, den er im Lauf seines Lebens treu zu bewahren hat, ein Kern, dem eine Bestimmung eingeprägt ist, der er zu folgen hat.

In der Dichtung des Barock ist für diesen Wesenskern metaphorisch das Herz ausersehen, das seinerseits wiederum metaphorisch als Diamant, der härteste aller Edelsteine, betrachtet wird. Sinnfällig dargestellt ist dies in dem Sonett Vergänglichkeit der Schönheit des schlesischen Dichters Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616–1679): Der Sprecher mahnt hier eine junge Frau, ihr Leben nicht auf ihre Schönheit zu bauen, da diese im Lauf der Zeit vergehen werde; stattdessen solle sie ihr Augenmerk auf ihr inneres Wesen richten. Und er schließt mit den Versen: Dein hertze kann allein zu aller zeit bestehen / Dieweil es die Natur aus diamant gemacht.

Diamant – Herz – Kern: Diesen Bildern liegt eine statische Vorstellung vom Ich zugrunde, ein „Abstraktum“, wie Marx in der eingangs zitierten VI. Feuerbach-These (MEW, Bd. 3, S. 534) feststellt, eine fetischistische Verklärung, für die heute sich das Modewort „authentisch“ spreizt: Das in der universellen Konkurrenz gesellschaftlich atomisierte Individuum soll sich behaupten und seinen Marktwert dadurch steigern, dass es die Parole „Sei du selbst, sei authentisch!“ sich zu eigen mache, was nichts anderes heißt, als dass es seine Rolle in der Marktkonkurrenz besonders rücksichtslos zu spielen habe.

Dieses Konzept vom Ich ist deswegen ein Abstraktum, weil es „das menschliche Wesen“ (Marx) aus allen sozialen Bindungen und historischen Prozessen herauslöst und zu einem überzeitlichen Phänomen verdinglicht.

Dieses Konzept scheint auch dem Zwiebel-Gleichnis in Peer Gynts Monolog zugrunde zu liegen und lenkt auf diese Weise zielsicher dessen Interpretation. Man geht überdies nicht fehl, wenn man in dem Verdikt, das im Monolog enthalten ist, die Stimme des impliziten Autors vernimmt.

Auf der Höhe der europäischen Moderne

Die Norweger Henrik Ibsen und Knut Hamsun, der Schwede August Strindberg, die Dänen Jens Peter Jacobsen und Herman Bang – vor allem diese Schriftsteller – haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihrer literarischen Produktion die skandinavische Literatur auf die Höhe der europäischen Moderne gehoben. In der skandinavistischen Literaturwissenschaft wird dies als „det moderne gjennombrudd“ (der moderne Durchbruch) markiert. Diese Modernisierung der Literatur hatte auch ihre gesellschaftlichen Ursachen.

Obwohl sich die skandinavischen Länder wegen ihrer vorwiegend agrarisch geprägten Wirtschaft noch auf einer eher frühindustriellen Entwicklungsstufe befanden, nahmen diese Schriftsteller doch mit wachsamem Blick die politisch-ökonomischen Verhältnisse in Europa wahr, zumal sie selber auch zeitweilig längere Zeit im Ausland lebten. Ibsen, um den es hier geht, hatte Kontakt mit der norwegischen Arbeiterbewegung, kannte die Ideen der utopischen Sozialisten und gehörte einem Zirkel junger Intellektueller in Kristiania an.

Neuer Wein in altem Schlauch

Sollten wir uns mit dieser – dem Anschein nach eindeutigen – Interpretation des Zwiebel-Monologs begnügen? Einer Deutung, nach welcher Peer Gynt den Kern seines Wesens zerstört und seine Bestimmung verfehlt hat, indem er erkennt, dass er nur aus Schalen besteht und sein Ich ein Nichts ist? Oder verbirgt sich in der Zwiebel-Allegorie eine tiefer liegende Bedeutung, mit der die intuitive Mimesis des Dichters an die gesellschaftliche Wirklichkeit ihn eine Einsicht formulieren lässt, die seinen psychologischen und ethisch-diskursiven Horizont übersteigt? So wie der Sinn eines Kunstwerks nicht deckungsgleich ist mit dem diskursiv formatierten Bewusstsein seines Autors?

Der Schreiber dieser Zeilen ist nicht so vermessen, sich auf das Feld der Hirnphysiologie oder Kognitionspsychologie zu begeben, meint aber doch, dass es dort mittlerweile gesicherte Erkenntnis ist, dass solch ein Wesenskern des Menschen nicht existiert. Übereinstimmende Meinung in den betreffenden Wissenschaften ist, dass das Gehirn des neugeborenen Kindes über eine neuronale Grundstruktur verfügt, die sich im Lauf der Entwicklung infolge der Interaktion des Kindes mit der Außenwelt nach und nach zu einem immer komplexeren System organisiert. Das Gehirn besitzt eine solch immense Plastizität, dass das Lernen bis ins hohe Alter möglich bleibt und dieses Lernen in dem Maße erfolgreich ist, wie sich der Mensch mit der ihn umgebenden Welt auseinandersetzt.

Sehen wir uns Peer Gynts Lebensgang an! Seine Auseinandersetzung mit der Welt geschieht weitgehend in dieser Weise, dass er sich ihr teils durch Flucht in Phantasiewelten zu entziehen sucht, teils aber auch dadurch, dass er sich ihr anpasst und sie zu seinem Vorteil nutzt: als Troll-Prinz, Goldgräber, Reeder, Plantagenfarmer, geschäftstüchtiger Unternehmer in der Heidenmission, Finanzspekulant, Waffenschieber, Sklavenhändler, Guru, Altertumsforscher. So sagt er über sich selbst im IV. Akt:

Das Gynt’sche Ich – das ist ein Heer
von Wünschen, ist ein ganzes Meer
von Launen, Lüsten und Beschlüssen,
von Haben-Wollen, Haben-Müssen,
ein Meer, das diese Brust bewegt
und als mein Herzschlag in mir schlägt.

Alle Chancen, die der Markt ihm zum Geldanhäufen bietet, nutzt er ebenso geschickt wie rücksichtslos aus. Diese Ichs sind die Schalen, die sein Zwiebel-Ich ausmachen. So wie aber das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, so ist auch die Zwiebel mehr als die Summe ihrer Schalen, und das gilt auch für das Ich.

Ensemble: ein zusammengehörendes Ganzes (Duden-Definition)

Damit ist nun der Punkt erreicht, Marx’ geniale Erkenntnis aus der eingangs zitierten VI. Feuerbach-These aufzugreifen: „Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“

Marx’ Bestimmung des menschlichen Wesens ist eine andere, wesentlich komplexere als des Aristoteles Definition des Menschen als eines zōon politikón, eines auf Gemeinschaft bezogenen, politischen Wesens. Das Wesen des Ich ist in Marx’ Sicht nichts Statisches, Dingliches, sein Wesen entwickelt sich im Prozess. Identität ist nichts Festes, etwas, das „man hat“, sondern etwas, das man in einem unabgeschlossenen Prozess wird. Was auf der Mikro-Ebene des Individuums gilt, gilt ebenso auf der Makro-Ebene des Volkes. Derlei vermöchte die sogenannten Identitären wohl zu schmerzen, wären sie denn in der Lage, solche Gedanken zu begreifen. Ohnehin wäre es besser, statt von „Volk“ von „Bevölkerung“ zu sprechen.

Gesellschaftliche Veränderungen verändern auch das Wesen des Ich. Was folgt daraus für das Ich und seine Haltung zur Welt? „Es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ (Marx, XI. Feuerbach-These; Hervorhebung von Marx)