Was es heißt, Stalin als „Klassiker“ anzuerkennen

von Meinhard Creydt

In letzter Zeit grassiert bei manchen aus Ablehnung reformistischer Politik und aus politischer Ratlosigkeit eine Art Stalin-Nostalgie. Stalin (russisch: „der Eiserne“) missrät zu einer Chiffre für machtvolle Radikalität im öffentlichen Dienst. Ein hauptseitig unkritisches Verhältnis zu Stalin ist anzutreffen u. a. im Stalinbuch von Domenico Losurdo (2012), angesichts von mitgeführten Stalinbildern auf der jährlichen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration Anfang Januar in Berlin und bei Gruppen wie der MLPD. Um ganz von solchen Blüten zu schweigen wie jenen „Stalinisten-Hoxaisten“, denen das Berliner Internet-Portal „Infopartisan“ meint, ein Podium bieten zu müssen (trend-online 9/2013). Auf „Infopartisan“ wird in einer ständigen Rubrik Stalin als „Klassiker“ bezeichnet. Anfragen, was die Motive dafür sind und wie sich eine solche Bewertung mit der massenmörderischen Politik Stalins verträgt, blieben unbeantwortet. Ich füge meinen Brief im Anhang an.

Sicher „wissen“ viele nur, was sie „wissen“ w o l l e n. Um es in den Worten von Joschka Fischer zu sagen: „Stalin war also so ein Typ wie wir, nicht nur, dass er sich auch als Revolutionär verstanden und gelebt hat, sondern er war im wahrsten Sinne des Wortes eben auch ein Typ“ (in Zeitschrift ‚Autonomie‛ Nr. 2, 1977). Ohne Bildungsarbeit zu überschätzen erscheint eine Kleine Vergegenwärtigung der Wirklichkeit des Stalinismus angebracht. Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zur 1930ff. betriebenen „abenteuerlichen Kollektivierung“ der Landwirtschaft, die „mittels unglaublicher Gewaltmaßnahmen und Terror“ durchgesetzt wurde. „Sie führte in den Dörfern wie in den Städten zu einer ungeheuerlichen Verelendung der Massen und zu Hungersnöten. … Die Ausplünderung der Landbevölkerung und die Zwangskollektivierung führen dazu, dass vom Viehbestand nicht mehr als 30% des Jahres 1927 übrigblieb … . Jegliche persönliche Interessiertheit an der Führung der Landwirtschaft wurde zerschlagen, die Arbeit wird nur aufgrund von Zwang und Druck durchgeführt“ – so schon die Kritik von Martemjan Nikititsch Rjutin 1932 (zit. n. T. Bergmann, M. Keßler (Hg.) 1993: Ketzer im Kommunismus – Alternativen zum Stalinismus. Mainz). Die geschätzte Zahl der Hungertoten in der Ukraine, im Wolga- und Uralgebiet sowie in Kasachstan bewegt sich zwischen 4 und 10 Millionen (Beyrau, 2001, 201). Die Bruttoproduktion der Landwirtschaft verringerte sich von 1928 bis 1933 um 20%, die der Viehwirtschaft um 50%. Vor dem Krieg erreichte die Agrarproduktion das Niveau von 1928 nie wieder – wenn man von den Jahren 1937 und 1940 absieht. „Die ab 1929 von der KPdSU verfolgte Agrarpolitik muss … vom wirtschaftlichen Standpunkt aus in jeder Hinsicht als ein Fiasko bezeichnete werden“ (Weißenburger 1982, 159f.).

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zur Wiedereinführung des Abtreibungsverbots, um die millionenfachen Verluste an Menschen aufgrund der Hungersnot zu Beginn der 1930er Jahre auszugleichen
Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird ja sagen zum Umgangs mit führenden Repräsentanten der eigenen Partei, der auf deren physische Vernichtung aus ist: Die prominenten Opfer der Schauprozesse 1937 – Radek, Bucharin u. a. – gelten als „trotzkistisch-bucharinsche Scheusale“, als „weißgardistische Wichte, deren Kraft man höchstens mit der Kraft eines elenden Gewürms verglichen kann“, als „weißgardistisches Gezücht. … Diese nichtswürdigen Lakaien der Faschisten vergaßen, dass das Sowjetvolk nur einen Finger zu rühren brauchte, damit von ihnen nicht einmal eine Spur übrigbleibe. Das Sowjetvolk verurteilte die bucharinistischen-trotzkistischen Scheusale zur Erschießung“ (Geschichte der KPdSU. Kurzer Lehrgang. Berlin 1946, S. 419f.). Die Zahl der im Kontext der „großen Säuberung“ 1937/38 Erschossenen liegt bei einer Million (Schneider 1996, 212).

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zu einer systematisch betriebenen Politik, durch Folter das Geständnis zu erpressen. Das Geständnis bildete einen „Kernbestandteil des Strafens im Stalinismus. Auf das Geständnis legte die Anklage höchsten Wert. … Es stellte die Grundlage der Verurteilung dar, weil die konstruierten Indizien des real nicht existierenden Verbrechens dafür häufig nicht ausreichten.“ Es ging darum, den Angeklagten „zum Resonanzverstärker der Anklage“ zu machen (Plaggenborg 2006, 164f.). Die systematisch betriebene Folter (vgl. zum Ausmaß Plaggenborg 2006, 165ff.) ist Bestandteil einer Politik, die der Perspektive einer gewaltsame Umerziehung der Menschen folgt.

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zum sektiererischen Kampf der KPD gegen die „Sozialfaschisten“ (SPD) ab 1929, der die Machteroberung der Nazis begünstigte.

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zur massiven Schwächung der Roten Armee durch die Liquidierung ihrer Führungskader. „Der Krieg hätte wesentlich verkürzt, Millionen an Toten hätten vermieden werden können, wären die Massenrepressalien gegen die Rote Armee sowie andere unsinnige Maßnahmen vermieden worden, die eindeutig auf Stalins Konto gehen“ (Judick, Steinhaus 1989, 37). Der 2. Weltkrieg wurde von der SU nicht wegen, sondern trotz Stalin gewonnen. Und als „vaterländischer Krieg“.

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zum russischen Nationalismus. Im Trinkspruch Stalins bei der Siegesfeier im Kreml am 24.5.1945 heißt es: „Ich trinke ganz besonders auf die Gesundheit des russischen Volkes, weil es die hervorragendste Nation unter allen Nationen ist, die dem Verband der Sowjetunion angehören“ (Stalin, Vom Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion. Moskau 1947). „Als russifizierter Nichtrusse vertrat Stalin den großrussischen Chauvinismus radikaler als viele Großrussen.“ Das zeigte sich „in der Ermordung der kompletten Führung der Kommunistischen Partei Polens 1936-1937, in den sog. nationalen Operationen seit 1937, die ganze Völkerschaften umsiedelten und die Führungen der kommunistischen Parteien dieser Völker umbrachten“ (Röhr 2012, 204).

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zu den GULAG-Lagern. Anfang 1935 gab es 965.742 Lagerinsassen, Anfang 1941 1.929729, Anfang 1950 2.561.531, Anfang 1953 2.468524 (Applebaum 2003, 614). Die Zahl all jener, die in Gulag-Lagern waren, fällt schon aufgrund der hohen Sterberate weit höher aus. Zudem wurden 1943 „eine Million Gefangener aus den Lagern direkt zur Roten Armee geschickt – eine Tatsache, die die Gesamtstatistik kaum erfasst, weil in den Kriegsjahren so viel neue Häftlinge in die Lager kamen. Ein anderes Beispiel: Im Jahr 1947 gab es in den Lagern 1.490959 Neuzugänge und zugleich 1.012967 Abgänge“ (Applebaum 2003, 615). Die Gesamtzahl der Menschen, die in der Sowjetunion zwischen dem Ende der 1920er und der Mitte der 1950er Jahre in Lagern gefangengehalten wurden, wird in der jüngeren Forschung mit etwa 18 bis 20 Millionen angegeben (Ivanova 2000, 188). Hinzu kommen noch jene, die in der Sowjetunion zu Zwangsarbeit verrichten mussten, die aber nicht im Gulag stattfand. Zu dieser Gruppe der „Zwangsarbeiter mit Freiheitsentzug“ gehören „die Kriegsgefangenen, die Insassen der Filtrationslager der Nachkriegszeit, v. a. aber die ‚Sonderumsiedler‛, d.h. während der Kollektivierung verbannte Kulaken, nach 1939 deportierte Polen, Balten und andere sowie die während des Krieges umgesiedelten Kaukasier, Tataren, Wolgadeutschen und andere Völkerschaften“ (Applebaum 2003, 615f.).

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der ist wie Losurdo geneigt, die GULAG-Lager „nicht für mörderische Strafarbeitslager, sondern tendenziell für Erholungsheime zu halten, die Zivilisation in abgelegene Regionen brachten. Bis 1937 seien die Insassen als potentielle ‚Genossen‛ behandelt worden. In Wirklichkeit waren sie zu ‚Volksfeinden‛ erklärt und als solche verurteilt worden. ‚Volksfeinde‛ aber galten den Funktionären des Gulag für schlimmer als die ‚sozial nahen‛ Kriminellen, die faktisch diese Lager beherrschten“ (Röhr 2012, 203f.).

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zur Vorstellung, den Sozialismus mit terroristischen Mitteln aufbauen zu können. „Durch staatlichen Zwang konnten zwar mittelfristig hohe Leistungen erpresst werden, aber langfristig musste ein solche Gewaltregime in die Stagnation und in die passive Verweigerung statt ‚in den Sozialismus‛ führen. Die Hinterlassenschaft der Stalin-Ära war jene ‚Apathiemaschine‛ (Haug), gegen die die sowjetischen Reformer seit 1985 einen schier aussichtslosen Kampf führten. Von den Folgen der terroristischen Kollektivierung hat sich die SU nie mehr erholt; muss sie doch seit Jahrzehnten Getreide aus den USA und Kanada importieren. Dabei war die Ukraine noch im 19. Jahrhundert die Kornkammer Russlands gewesen, die ganz Europa mit Getreide versorgt hatte“ (Schneider 1996, 204). Der „durch die Stalinsche Führung brutal ausgebeutete Enthusiasmus des Volkes führte – wie Doping – zu zeitweiligen Fortschritten in der Gesellschaft, aber um den Preis der nachfolgenden Zerstörung des Organismus“ (Wodolasow 1990, 213).

Wem Stalin als „Klassiker“ gilt, der wird „ja“ sagen zur Unterstützung der Stalinschen Politik in den 1930er Jahren. Ihre Motive liegen
a) im sozialen Aufstieg. Die Industrialisierung vermehrte das Fach- und Führungspersonal. Stereotyp heißt es in Biographien von Stalinisten: „Ich begann als unqualifizierter Arbeiter… stieg dann zum … auf und wurde dann …“ (Studer, Unfried 2001, 13). Die stalinistische Politik vernichtete die „alten“ Bolschewisten. Ein Schlaglicht auf diese Entwicklung wirft die Zahl der Parteitagsdeligierten, die vor 1920 der Partei beigetreten waren. Beim Parteitag 1934 waren dies 80%, beim Parteitag 1938 nur noch 19% (Schneider 1996, 212). Nicht nur von den führenden Genossen der Leninzeit blieb kaum jemand übrig. Auch das schuf Platz für einen Typus, den Fritz Brupbacher bereits Anfang der 1940er Jahre treffend beschreibt (vgl. http://www.meinhard-creydt.de/%e2%80%9enicht-der-burokrat-sondern-der-proletenparvenu-hat-die-revolution-verraten%e2%80%9c-%e2%80%93-zur-sowjetunion-der-1920er-jahre);
b) in einem Stand der gesellschaftlich verfügbaren individuellen Lebenschancen, bei dem bereits wenige Vorteile einen entscheidenden Unterschied machen: „Wenn ein eigenes Zimmer, ausreichende Nahrung, saubere Kleidung noch immer nur einer kleinen Minderheit zugänglich sind, trachten die Millionen Bürokraten … danach, sich der Macht vor allen Dingen zur Sicherung des eigenen Wohlergehens zu bedienen“ (L. Trotzki: Die verratene Revolution. Essen, o.J., S. 135).
c) in den Chancen, die sich durch die Denunziation anderer ergeben;
d) im „Lernen“ unter Bedingungen von Einschüchterung, Feindbildindoktrination und Strafangst;
e) in der Umlenkung kollektiver Frustrationen auf Ersatzobjekte („Trotzkisten“, „Kosmopoliten“, „Zionisten“ und andere Volksfeinde);
f) im Wüten der Wehrmacht und SS in den besetzten Gebieten, die deren Zurückdrängung zur primären Aufgabe werden und die Stalinisten als kleineres Übel erscheinen ließ.
Warum die Frage, ob Stalin und Stalinisten zur Linken gehören, zu nichts führt
Wer Stalin als „Klassiker“ (Infopartisan) auffasst, gibt dreierlei zu Protokoll:
Erstens scheint ihm daran gelegen zu sein, mit möglichst brachialen Zeichen (Stalin!) sich pseudoradikal als brachialer Bürgerschreck zu inszenieren. Für den Inhalt der Gegenidentifizierung ist maßgeblich, dass das, was der Gegner ablehnt, nicht falsch sein könne.

Zweitens nimmt er nicht wahr, wie er sich als nützlicher Beleg anbietet für die Meinung, der zufolge radikale Linke direkt oder indirekt letztlich umfassendes Spitzelwesen, Staatssklaverei, Terror und Massenmord befürworten. Das Internetportal „Infopartisan“ versteht sich als „Teil der linken Gegenöffentlichkeit im Internet“. Dass Stalin Infopartisan als „Klassiker“ gilt, trägt dazu bei, den schlimmsten Verdacht zu bestätigen, der sich gegen Befürworter der Überwindung des Kapitalismus richten kann. Und das soll „Teil der linken Gegenöffentlichkeit“ sein?

Drittens: Wenn „Linke“ Stalin verteidigen, gilt ihnen die Politik, eine Gesellschaft mit flächendeckender Bespitzelung, Staatssklaverei, Terror und Massenmord zu überziehen, als vertretbar für einen höheren Zweck. Dieser Zweck kann nur konsequent antimaterialistisch sein. Wohlergehen bzw. Leid der vorfindlichen Menschen jedenfalls bilden für ihn kein Kriterium. Der Stalinismus funktionierte nicht ohne eine für ihn konstitutive Vorstellung: Die Säuberung und Läuterung der Bevölkerung mittels Terror und die Schaffung des „neuen Menschen“ durch einen gigantischen Blutaustausch. Wer das befürwortet, mag sich „links“ nennen. Wen bitte soll dann noch interessieren, ob er es ist? Was soll das s o benutzte Wort noch wert sein?

Literatur:
Applebaum, Anne 2003: Der Gulag. Berlin
Beyrau, Dieterich 2001: Die russische Revolution und der Aufstieg des Kommunismus. München
Ivanova, Galina M. Ivanova: Labor Camp Socialism: The Gulag in the Soviet Totalitarian System. New York, London 2000
Judick, G.; Steinhaus, K. (Hg.) 1989: Stalin bewältigen. Sowjetische Dokumente der 50er, 60er und 80er Jahre. Düsseldorf
Schneider, Michael 1996: Das Ende eines Jahrhundertmythos. Köln
Plaggenborg, Stefan 2006: Experiment Moderne. Der sowjetische Weg. Frankf. M.
Röhr, Werner 2012: Rezension von Losurdos Stalinbuch. In: Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 92, 23. Jg.
Studer, Brigitte; Unfried, Berthold 2001: Der stalinistische Parteikader: identitätsstiftende Praktiken und Diskurse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre. Köln
Weißenburger, U. 1982: Der Beitrag der Landwirtschaft zur Industrialisierung der Sowjetunion 1928-1940. Bemerkungen zu den Untersuchungen von A. A. Barsov. In: Gernot Erler, Walter Süß (Hg.) Stalinismus. Problem der Sowjetgesellschaft zwischen Kollektivierung und Weltkrieg. Frankf. M.
Wodalosow, G. 1990: Das Wesen und die Wurzeln des Stalinismus. Gesellschaftswissenschaften. Moskau 60(1990) 3, S. 198-223
PS: Die Rezensionen von Losurdos Stalin-Buch, die Werner Röhr (s.o.) sowie Philippe Kellermann (http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Domenico-Losurdo-Stalin-Geschichte.html) vorgelegt haben, entziehen dieser Sorte von Stalinrehabilitierung die argumentative Grundlage. Dies erscheint bei der positiven Bewerbung dieses Bandes (z. B. von Sabine Kebir und Andreas Wehr) dringend notwendig.
Anhang

27.2.2013
Brief von einem Autor von Artikeln in trend-online an andere Autoren von
trend-online und an Karl-Heinz Schubert, dem presserechtlichen Verantwortlichen für „infopartisan“
Hallo,

auf der Netzseite „Infopartisan“ findet sich eine Rubrik „Klassiker“, eine stilisierte Darstellung der Köpfe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao, wie sie auf den Titelseiten von ML-Zeitungen der frühen 70er Jahre üblich war (heute nicht einmal mehr bei der MLPD), und darunter u. a. der unkommentierte link zu einer Seite, die die Veröffentlichungen im Netz von Stalin besorgt und sich um seinen guten Ruhm sorgt.

In Bezug auf welche Denkleistungen, welche Inhalte, welche Politik oder welche Taten bezeichnen die Verantwortlichen der Netzseite „Infopartisan“ Stalin als „Klassiker“?

Welchen Zweck verfolgen die Herausgeber der Netzseite „Infopartisan“ damit, Stalin einen „Klassiker“ zu nennen und unkommentiert auf seine Veröffentlichungen zu verweisen? Was wollen sie damit erreichen? Und was denken die Verantwortlichen der Netzseite „Infopartisan“ bei der Nennung von Stalin als „Klassiker“, welchen Eindruck dies wohl hinterlässt? Werbung für den Auftraggeber und Ideologen von Massenmord auf einer linken Netzseite?

Die Bildung einer Reihe unterstellt für gewöhnlich, dass die aufgezählten Bestandteile der Reihe untereinander n i c h t völlig disparat (wie z. B. Notariatsgebühren und rote Beete) sind. Was denken die Herausgeber der Netzseite „Infopartisan“, wenn sie eine Reihe bilden, in der Marx, Engels und Stalin gleichermaßen als „Klassiker“ firmieren? Wer spricht sonst so? Was wird impliziert? Was wird suggeriert? Mögliche Antworten: „Bei Marx und Engels ist angelegt, was bei Stalin endet. Stalin setzt fort und entwickelt weiter, was bei Marx& Engels begann. Die Gemeinsamkeiten zwischen Marx und Engels sowie Stalin sind größer als Unterschied oder Gegensatz.“ Halten die Herausgeber von „Infopartisan“ diese Aussagen für richtig und verbreitungswürdig?

Falls die Macher von „Infopartisan“ die Einschätzung, Stalin sei ein „Klassiker“, für e i n e „Meinung“ in der vielgesichtigen Linken erachten, die sie sozusagen „nur dokumentieren“, entsteht die Frage nach den Grenzen des Pluralismus auch schon ganz immanent. Bei allem, was die sonstigen Fraktionen, die als links daherkommen, so meinen und anrichten, kommt Befürwortern von Stalin eine S o n d e r s t e l l u n g zu. Unter Stalin sind mehr Kommunisten umgekommen als unter Hitler.

Stalins Regime hat einem Klima der Angst und Denunziation Tür und Tor geöffnet und baute systematisch darauf auf, dass niemand sicher sein konnte, nicht als „Agent der trotzkistisch-bucharinistisch-faschistischen Verschwörung“ umgebracht zu werden. Wie auf dieser Grundlage eine nachkapitalistische Gesellschaft im emanzipatorischen Sinne aufgebaut werden können soll, auch das würde man gern von jenen wissen, die Stalin noch 2013 als „Klassiker“ handeln.

Gruß
Meinhard Creydt

PS: Beim Lob für frühere Maostalinisten (s. Karl-Heinz Schubert in trend 2/2013 auf infopartisan) wie Christian Semler bitte nicht die mit massiven Körperverletzungen verbundenen Attacken seitens seiner „KPD“ und anderer Maostalinisten auf trotzkistische Veranstaltungen in den 1970ern vergessen. D i e s e Spezialisten eiferten i h r e m Vorbild und „Klassiker“ Stalin nach.