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Als Kreisky ging

von Franz Schandl

„Jö, da Kreisky“, seufzte meine uralte Großmutter, wann immer sie den österreichischen Bundeskanzler im Fernsehen erblickte. Nicht nur der 1893 geborenen Dienstmagd und Hilfsarbeiterin erschien „ihr“ Kreisky wie ein Synonym für Wohlstand, Sicherheit, Frieden, Urlaub, Rente, Auto, Schweinsbraten. Die um 1960 geborenen Enkel wiederum kannten keinen mehr vor Kreisky. Er war der, der ewig schon da gewesen ist.

Bruno Kreisky, der jüdische Bürgersohn, wurde 1967 als Kandidat der Parteirechten zum SPÖ-Obmann gewählt. 1970 eroberte er die relative, 1971 erstmals die absolute Mehrheit für die SPÖ, die dazumals Sozialistische Partei Österreichs hieß. Drei Mal in Folge ist ihm dann dieses Kunststück gelungen. Günter Nenning resümierte sie als die „13 glorreichen Jahre der Kreiskyschen Monarchie“.

Umso überraschender als er 1983 auf einmal weg war. Da hatte der, der noch nie eine Wahl verloren hatte, tatsächlich nur mehr 48 Prozent und somit knapp die absolute Mandatsmehrheit verfehlt. Der Slogan „Kreisky muß Kanzler bleiben“, hatte nicht mehr gezogen. Im Mai demissionierte er als Regierungschef, im September als Parteivorsitzender und im Oktober legte er sein Nationalratsmandat zurück. Mit Bruno Kreisky verließ der bisher prominenteste und einflussreichste, der bekannteste und wichtigste Staatsmann der Zweiten Republik die politische Bühne. Eine Ära war zu Ende gegangen.

Die Jahre davor waren schon recht mühsam. Zwar demontierte er zielsicher seinen in Ungnade gefallenen Ziehsohn, den noch jungen Finanzminister Hannes Androsch, doch der Preis dafür war hoch. Kreisky isolierte sich zusehends in der eigenen Partei und er ramponierte zusätzlich seine beeinträchtigte Gesundheit. Schwer angeschlagen war er ohnedies: Bluthochdruck, Diabetes, auf einem Auge fast blind, alle paar Tage zur Dialyse.

Auf jeden Fall machte Kreisky nach der Wahlniederlage wie angekündigt Schluss. Er ging. Die folgende Koalition zwischen SPÖ und FPÖ (damals unter dem liberalen Haider-Vorgänger Norbert Steger) fädelte er aber noch persönlich ein. Mental waren ihm die Blauen (und auch ihre Braunen) lieber als die Schwarzen, die ihn 1935 in ein Anhaltelager gesteckt hatten. Dort wurden die Feinde des christlichsozialen Ständestaats (1934-1938), also Sozialdemokraten, Kommunisten und Nazis gemeinsam eingesperrt.

Bruno Kreiskys Antifaschismus galt immer mehr den Austrofaschisten als den Nazis. Diese Haltung ist nicht untypisch für viele österreichische Sozialdemokraten. In keiner Weise soll behauptet werden, dass Kreisky Sympathien für die Nazis hatte, aber stets war auffällig wie nachsichtig er sie behandelte. Auch dem Antisemitismus ist er nicht offensiv begegnet, selbst wenn er ihn selbst betroffen hat. Es gab in seiner Regierungszeit keine explizite Auseinandersetzung mit des Landes NS-Vergangenheit, ja Kreisky holte sogar vier Ehemalige in seine erste Regierung. Das fiel zwar auf, aber nicht allzu unangenehm. Auch in der Kontroverse um die SS-Vergangenheit des langjährigen FPÖ-Chefs Friedrich Peter unterstützte Kreisky diesen gegen den Nazijäger Simon Wiesenthal, den er aufs Übelste beschimpfte und ihn gar als GESTAPO-Informanten denunzierte. Integration der Nazis, das war der Staatskonsens von 1947 bis 1986. Die Abgrenzung von ihnen, wie sie heute zumindest auf der Bekenntnisebene dominiert, die wurde erst ausgelöst und ermöglicht durch die Affäre Waldheim.

Der langjährige sozialdemokratische Kanzler setzte auf Wachstum, Vollbeschäftigung und soziale Absicherung. Seine Politik war klassisch keynesianisch. Der Wirtschaft vertraute er wenig. Er ging davon aus, dass der Markt zu zügeln und die Intervention der öffentlichen Hand unumgänglich sei. Durch kreditfinanzierte Investitionen wurden hohe Zuwachsraten des BIPs erzielt. Vollbeschäftigung, sozialer Friede, kaum Streiks und eine funktionierende Sozialpartnerschaft machten Österreich zum sozialdemokratischen Musterland.

Er war aber doch mehr ein von der Modernisierung Getragener als ihr Träger, ein kluger Moderator, kein kühner Gestalter. Anders als seine christlichskonservativen Vorgänger versuchte er aber nicht die Zeit anzuhalten und war auch in keiner Weise affin mit reaktionärem Gedankengut. Er erkannte den Nutzen der Frauenbewegung für die Sozialdemokratie, installierte ein Frauenstaatssekretariat und verordnete der Partei einen dosierten Feminismus. Vor allem die Öffnung der Universitäten für Kinder aus ärmeren Schichten wird von nicht wenigen Kreisky als persönliches Verdienst angerechnet. Auch der Autor dieser Zeilen hätte, wäre er zehn Jahre früher geboren, nie studieren können. Ein wahrer Fleckenteppich von kleinen und großen Sozialleistungen ermöglichte auch Arbeiterkindern den Sprung aufs Gymnasium und an die Universitäten.

Nachwirkend hält sich das Gerücht, Kreisky sei irgendwie ein Linker gewesen, weltoffen und auch eine große intellektuelle Kraft. Das alles stimmt nur ungefähr. So war Kreisky zwar ein ausgesprochen gebildeter Mann, an Kultur interessiert, er hatte seinen Kraus und seinen Musil nicht nur gelesen, er konnte sie auch zitieren. Seinen Parteikollegen wie Gegnern zwar er geistig überlegen, aber ein Theoretiker wie Otto Bauer oder Karl Renner war er nie gewesen. Da fehlte einiges. Er war auch mehr ein Redner, selbst wenn man sich das anhand der Tondokumente nicht so recht vorzustellen vermag. Die Zeiten waren langsamer. Insbesondere war er ein Erzähler, seine Erinnerungen sind durchaus mit Gewinn zu lesen.

Links jedoch war Kreisky nie, zumindest nicht in der Zweiten Republik. „So lange ich regiere, wird rechts regiert“, soll er einmal gesagt haben. Eine Zusammenarbeit mit Kommunisten wurde per Dekret von der Partei verboten, auch sonst herrschte ein rigider Kurs der Abgrenzung gegen jedwede Abweichung. Geduldet wurde da nichts. Mit der Anti-AKW-Bewegung vermochte er gar nichts anzufangen, deren Protagonisten beschimpfte er schon mal als „Rotzlöffel“. Der feine Herr konnte manchmal ziemlich grob und derb sein, etwa als er den parteiinternen Paradekritiker Günther Nenning maßregelte, einen der wenigen sozialdemokratischen Intellektuellen zum „Wurstel“ degradierte.

Den Zündstoff der ökologischen Frage hat er jedenfalls überhaupt nicht erkannt. Die Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf hat er indes nur deshalb verloren, weil die ÖVP, obwohl sie prinzipiell für die Kernkraft eingetreten ist, Bruno Kreisky eines auswischen wollte und ein Nein empfohlen hat. Doch die Konservativen sollten ihres Erfolges nicht froh werden. Anschließend, im Mai 1979, fuhr der Kanzler seinen deutlichsten Wahlsieg ein.

Was bleibt, ist eine latente Nostalgie. Unterm Kreisky war alles besser, so ein gängiges Vorurteil. In dieser guten alten Zeit hatten alle ihren Arbeitsplatz, die wenigen Arbeitslosen wurden nicht drangsaliert, die Studenten gelangten müheloser zu ihren Stipendien, ja bummelten, so lange sie wollten. Die Siebziger- und Achtzigerjahre gelten als commode Phase der Gemütlichkeit, der Sozialstaat blühte, die Leistungen waren üppig und der Freiräume wurden mehr. Das alles ist so eine Mischung aus Legende und Wahrheit. Auf jeden Fall ist es Schnee von gestern. Ebenso die Größe der SPÖ, die seitdem schrumpft und schrumpft…

Auf internationaler Ebene agierte Kreisky im Dreiergespann mit Willy Brandt und Olof Palme und spielte in der Sozialistischen Internationale eine bedeutende Rolle. Kreisky versuchte sich insbesondere in der Nahostpolitik. Diese war entschieden propalästinensisch und antizionistisch. Er hofierte Arafat und Gaddafi, wie auch diese ihn. Man kann sich Derartiges heute gar nicht mehr vorstellen, aber das war Konsens von rechts bis links.

Kreisky, das war der sozialdemokratische Höhepunkt der Zweiten Republik. Persönlich war er stets integer und authentisch. Er wirkte nie falsch und verlogen oder gar zynisch. Die Menschen da draußen, die waren ihm immer ein Anliegen. „Mir sind ein paar Milliarden Schilling Schulden lieber als ein paar hunderttausend Arbeitslose“, war einer seiner geflügelten Sätze.