Reductio ad fictionem

von Emmerich Nyikos

1.
„Kleider machen Leute“ – Kleider und alles, was noch zum Erscheinungsbild gehört. Wovon ist die Rede? Von einem heruntergekommenen Aristokraten, der so tut, als ob in Wirklichkeit gar nichts vorgefallen wäre. Er weiß den Schein zu wahren, er agiert wie ein wahrer Aristokrat, der er allerdings gar nicht mehr ist, da das Vermögen – das Schloss, der Grundbesitz, die Jagden, also die objektive Basis seines Aristokratentums – verspielt, verjubelt, verjuxt sind. Er ist freilich so gewitzt, durch seinen Aufzug und sein Verhalten eine „Realität“ vorzuspiegeln, die nicht existiert, die fiktiv ist, und das so täuschend echt, dass alle ihm anstandslos glauben; und er selbst im Grunde nicht minder. Paradox? Mitnichten. Denn die Kraft der Truggebilde kann nur demjenigen erstaunlich erscheinen, der nicht begriffen hat, dass der Anschein oberflächlich, daher zugänglicher ist als das, was sich dahinter verbirgt (oder auch nicht) – dass der Anschein „den Anschein für sich hat“ –, sodass ihm gegenüber oft nur die Anstrengung der Negation, das permanente Misstrauen, hilft.

2.
Ein Verdacht drängt sich auf: Ist die bürgerliche Gesellschaft in ihrer post-modernen Phase nicht ein solch heruntergekommener Aristokrat? Tut sie nicht so, als ob sie noch bürgerliche Gesellschaft wäre, während sie in Wirklichkeit dies gar nicht mehr ist, auch wenn sie – zugegeben – noch nichts anderes ist?

Sie ist es und sie ist es auch nicht: Auf der Oberfläche, in der Erscheinungswelt, ist sie es, weil Waren, Geld und Austausch existieren, Privateigentum und Kapitaleigentümer, Besitzlosigkeit und bras nus, die über nichts weiter als ihr Arbeitsvermögen verfügen, und alles, was es dergleichen noch mehr an Charakteristika des Kapitalsystems gibt. Und sie ist es nicht mehr, weil dies alles nur noch eine reine Fassade, ein Paravent, ein Potemkinsches Dorf ist, hinter dem nach und nach die spezifische Substanz dieser Gesellschaft verschwindet – der Wert als Ausdruck des gesellschaftlichen Zusammenspiels in der Produktion des Lebens auf der Basis des Privateigentums.

Noch ein Paradoxon? Keineswegs. Denn es ist eine reale Ironie der Geschichte – oder sollte man sagen: ihre Dialektik? –, dass sie Resultate produziert, die ihren Ausgangspunkt negieren. Wir wissen dank Marx: Das Kapitalsystem in seiner spezifischen Performance sieht sich zwecks Produktion des relativen Mehrwerts gezwungen, das Produktivkraftsystem permanent zu forcieren, sodass auf kurz oder lang mit der Einverleibung der Wissenschaft in die Produktion – Kybernetik, Informatik, Fuzzy-Logik und dergleichen – die lebendige Arbeit durch automatische Anlagen aus der Produktionswelt verdrängt wird. Diese Trajektorie führt demnach zu einem hypothetischen Endpunkt, an dem die Vollautomatisierung der Produktion gleichbedeutend ist mit der Eliminierung des Werts, also des Ausdrucks des gesellschaftlichen Zusammenhangs der Arbeitstätigkeiten privaten Charakters, der sich in den Produkten dann als Tauschfähigkeit der Waren manifestiert. Zurück bleiben alleine die äußeren Formen, innerhalb deren dieses Zusammenspiel sich früher bewegt hat: der Austausch, die Ware, das Geld und so fort, also, wenn man so will, die Schale ohne den Kern.

3.
Mit der Eliminierung der lebendigen Arbeit beruht der Gebrauchswert, der in den automatischen Produktionsapparaten hergestellt wird, nur mehr auf der konkreten Arbeit der vergangenen Zeiten, auf „toter Arbeit“ allein, auf der Arbeit also der Toten.

Hier findet das „Aussterben der Totengräber“ sein konsequentes Finale: Waren die Lohnarbeiter einst nur „moralisch“ gestorben – als „Klasse für sich“ durch Assimilierung und Kooptierung in das System –, so sterben sie jetzt noch dazu eines „physischen“ Todes: sie verschwinden als aktive, tätige Klasse und fristen ein Dasein als permanente Reservearmee, als Scheinklasse, die in Wirklichkeit ganz und gar obsolet und unbrauchbar ist.

4.
Aber nicht nur die Arbeiterklasse schafft sich selbst ab; auch die Bourgeoisie ist überflüssig geworden. Sie reduziert sich mit der Zeit auf ihre Dividende, da sie wesentlich nur mehr aus Aktionären besteht. Das Kapital emanzipiert sich von der Bourgeoisie, denn: Was auch würde sich ändern, wenn man die Aktientitel von den Aktionären auf ihren jeweiligen Hund übertrüge? Im Grunde genommen: überhaupt nichts. Die Kapitalmaschinerie würde wie gehabt weiterlaufen, da die Organisation der Produktion längst der Bürokratie des Managements zugefallen ist. Ja selbst die letzte Funktion, die den Kapitaleigentümern verblieb – die Umverteilung des Surplus an der Börse durch Spekulation und Hasardspiel –, könnte man Zufallsgeneratoren getrost überlassen. Denn auch hier sind, wie überall, der Automatisierung keinerlei Grenzen gesetzt.

5.
Bourgeoisie und Arbeiterklasse sind entbehrlich geworden. Anstatt sich jedoch diesem Faktum zu stellen, steckt man lieber den Kopf in den Sand und tut nach wie vor so, als ob im Grunde alles so ist, wie es war.

Man tut also so, als ob nach wie vor der Reichtum der Gesellschaft wesentlich der Plackerei ihrer Bürger bedürfte (oder derjenigen davon, die nicht das Glück haben, Kapitaleigentümer zu sein oder als solche geboren zu werden). Die Symptome dieser irrationalen Tendenz? Man zwingt durch Hartz IV oder ähnliche „Armengesetze“ (die in der Tat fatal an die englische Gesetzgebung aus der Frühzeit des Kapitalsystems erinnern) die Arbeitslosen förmlich dazu, sich in das „Erwerbsleben“ einzugliedern, wo es doch offen auf der Hand liegt, dass die Nachfrage nach Arbeitskraft, nach diesem Ladenhüter par excellence, mehr und mehr schwindet. Oder man sinniert über die „Rente mit 67“, um allen Ernstes die Probleme des Pensionssystems zu lösen, während jetzt schon vielleicht nur mehr zwanzig Prozent derjenigen, die über sechzig sind, tatsächlich über eine Arbeitsstelle verfügen. – Man versucht eben verzweifelt, den Schein der bürgerlichen Gesellschaft zu wahren: so zu tun, als ob die Arbeit nach wie vor der Angelpunkt des Stoffwechsels mit der Natur, die Basis des Daseins der menschlichen Spezies, wäre, wobei man sich Arbeit dann nur als Lohnarbeit vorstellen kann.

Und man tut nach wie vor so, als ob die Bourgeoisie, die Kapitaleigentümer, wesentlich für die Organisation dieses Stoffwechsels mit der Natur sowie für die Anhebung des Niveaus der Produktivkräfte wären. Man präsentiert sie als „Leistungsträger“ katexochen, von deren Segen bringendem Tun das Wohl der Gesellschaft abhängen würde. In Wirklichkeit aber braucht selbst das System sie nicht mehr.

6.
Arbeiterklasse und Bourgeoisie sind zu Pseudoklassen geworden. Was nicht heißt, dass die Gesellschaft aufgehört hätte, Klassengesellschaft zu sein. Denn wenn wir das Kriterium der Klassengesellschaft in Rechnung stellen wollen – die private Aneignung des gesellschaftlichen Surplus –, dann ist diese Gesellschaft mehr denn je eine Klassengesellschaft. Nur stehen sich als „Klassen“ – wenn man die Dinge in der Perspektive betrachtet – nicht mehr lebende Akteure gegenüber, sondern die Toten, die in den Objektivationen ihrer vergangenen Arbeit präsent sind, und das Kapital als Gespenst, das ein Gespenst ist, eben weil es substanzlos, inhaltsleer ist, da es nicht mehr lebendige Arbeit, wie in früherer Zeit, kommandiert – nicht ein Verhältnis, sondern nur mehr tote, vergangene Arbeit, nur mehr Sache, kurz: nicht mehr das ist, was es seinem Begriffe nach sein soll.

7.
Die post-moderne Ära wird, wenn man sich denn auf eine Prognose einlassen will, als Epoche der Ideologie par excellence in die Geschichtsbücher eingehen. Denn Ideologie ist nicht so sehr „falsches Bewusstsein“, sondern eine Praxisform, der es darum zu tun ist, das Erscheinungsbild der Welt nach dem „Bild von der Welt“ aktiv zu gestalten.

Marx sagt im Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ (MEW 8, S. 115)

Es ist also klar, dass das Verhalten oder die Praxis bis zu einem bestimmten Punkt von den herrschenden Umständen, von der Form der Gesellschaft, bestimmt ist, dass man die Verhaltensweisen sich also nicht so ohne weiteres aussuchen kann. Nun scheint es ebenso klar, dass es auf lange Sicht keine Diskrepanz geben kann zwischen dem, was man tut, und dem, was man denkt. Denn dies würde unweigerlich jedes Tun unmöglich machen. Und da das Denken der schwächere Part ist – es ist flexibel, weil der Einbildung fähig –, ist es das Denken, das sich dem Verhalten bequemt. Und nicht vice versa. Das „Bild von der Welt“ ist so eine mehr oder minder direkte Funktion des Verhaltens, des Tuns oder der Praxis des Alltags: Ich denke nur das, was meinem Verhalten nicht ins Gesicht schlagen kann. – Freilich, die Welt differiert ständig von dem, was man über diese Welt denken muss, um nicht aus dem moralischen Gleichgewicht zu fallen. Von daher der bestimmte Impuls zu ideologischer Praxis: zur Umgestaltung der Oberfläche der Welt, ihrer Erscheinung, dessen mithin, was einem manipulativen Eingriff zugänglich ist, im Sinne des „Bildes der Welt“. Mit anderen Worten: der Impuls zur „Wahrung des Scheins“, damit das Verhalten, das „Weltbild“ und die Erscheinung der Welt zumindest tendenziell kongruieren.

8.
Differiert nun das, was ist, extrem von dem „Bild von der Welt“ – wie es heute offensichtlich der Fall ist –, so wird man unweigerlich die Anstrengung der ideologischen Praxis verdoppeln, d.h. in verzweifelter Weise die Oberfläche der Erscheinungswelt dem „Bild von der Welt“ anzupassen versuchen. Wir leben also heute in einem Universum, das mehr denn je ideologischer Praxis ausgesetzt ist.

Was also tun angesichts dieses doppelt irrationalen Verhaltens? Sicher: Man kann ein „Bild von der Welt“, wie es uns Brecht noch vorgeschlagen hatte, nicht einfach „zertrümmern“. Das geht nun mal nicht, und es geht insofern nicht, als dieses „Bild“ für das (moralische) Überleben notwendig ist. Was man tun kann, ist allerdings, durch Kritik das Bestehende so weit „unmöglich zu machen“, dass die Verhaltensweisen selbst, die nicht mehr notwendig, die im Prinzip veränderbar sind, ins Blickfeld geraten: die Irrationalität epimetheischer Praxis. Wie überall gilt aber auch hier: Quantität schlägt in Qualität um, die Kritik wird nur wahrnehmbar, wird nur zur Gewalt, wenn sie konzertiert und geballt, nicht als vereinzelter Schuss, sondern als Salve geübt wird.