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Vom Schöpfen. Thesen

Überlegungen jenseits des Bilderverbots.

von Franz Schandl

„Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren. „(Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, MEW 19: 19-20)

1. Die Frage nach dem Jenseits des Kapitalismus, ist eine brandaktuelle, keine, die irgendwo in ferner Zukunft liegt, sondern eine, die jetzt, hier und heute gestellt werden muss, um geschichtsmächtig werden zu können. Sie garantiert nichts, aber ohne sie geht gar nichts, ohne sie regiert eine fahle Illusionslosigkeit, die sich dann noch als Realismus abfeiert und doch nicht mehr darstellt als Affirmation.

2. Dass man das Denken nicht einfach herunterbrechen darf, gilt gemeinhin als Grundsatz kritischer Theorie. Indes, das zeichnet sie nicht aus, sondern enthebt sie bloß jedweder Verantwortung. Umgekehrt, die Aufgabe besteht darin, sie einfach herunterzubrechen, sie nicht zu belassen auf den Türmen der Erkenntnis in der Verwaltung mönchischer Orden, sondern jene als Geschenk den Niederungen anzubieten. Erkenntnis wird nur angenommen werden, wenn sie nicht als Besserwisserei daherkommt. Ideen haben nur dann Kraft, wenn sie viele Köpfe ergreifen und mehr noch, wenn sie Teil des Gefühls werden.

3. Dass gegeben und genommen werden muss, ist selbstverständlich, es ist eine platte Bestimmung menschlichen Daseins und Fortkommens. Es wird gegeben und genommen werden. Aber es soll nicht genommen werden, weil gegeben wird und umgekehrt. Reziprozität ist zu überwinden. Geben und Nehmen sind aus ihrer gegenseitigen Aneinanderkettung zu befreien. Was ansteht, das ist der Schritt von der negativen Vergesellschaftung der abstrakten Arbeit, hin zu einer positiven Vergesellschaftung durch konkrete Tätigkeiten, die danach fragen, was gewünscht wird und dementsprechend Güter und Leistungen bereitstellen.

4. Es gilt zu den Gütern zu kommen, ohne sie kaufen zu müssen. Nicht Geld gilt es aufzustellen, sondern einzig und allein die Produkte und Leistungen, Geräte und Zusprüche zur Verfügung zu stellen, um ein Leben in Wohlversorgtheit führen zu können. Nichts müsste mehr rentabel oder geschäftsfähig sein, alles stünde für sich. Man stelle sich nur vor: Nahrung um des Essens Willen, Bücher um des Lesens Willen, Bauten um des Wohnens Willen. Kein Gedanke würde mehr verschwendet werden, ob ein Produkt oder eine Leistung am Markt bestehen kann, das wäre kein Kriterium. Insbesondre Menschen hätten sich nicht mehr zu verdingen, um sich auf etwas zu beziehen.

5. Geldverrichtung meint Zeitvernichtung. Der Unnötigkeiten sind viele: Zahlung, Rechnung, Kontrolle, Kontoführung, Buchhaltung, Besteuerung, Bezuschussung, Bewerbung – wir stecken im Geldverkehr, er ist der eigentliche Stoffwechsel, obwohl er diesem doch nur dienen soll. Die Zeit, in der wir Angebote vergleichen und selbst Angebote legen, nicht zu vergessen. Und Geld muss gehütet werden. Zu seiner Sicherheit benötigt es Wachpersonal, Tresore, Panzerwägen, Überwachungskameras, Geldautoamten, Alarmanlagen, u. v. m.

6. Schon Marx bemerkte, dass unter der Herrschaft des Kapitals eine „Überzahl jetzt unentbehrlicher, aber an und für sich überflüssiger Funktionen“ (MEW 23: 552), gegeben ist. Alles, was mit sekundären, also monetärem Rechnungswesen zu tun hat, d. h. mit geschäftlicher Tätigkeit im engeren Sinn, wird fallen, ganze Berufe und Sparten sind einfach abzuschaffen und man sollte diese auch beim Namen nennen: die Steuerberater, die Verkäufer, die Bankangestellten, die Versicherungsagenten, die Geldtransporteure, die Werbefritzen, die Schuldeneintreiber, die Mahnverrechner. Rechnungen der Zukunft haben Rechnungen über Stoffe und Dienstleistungen zu sein, nicht über Kosten derselben.

7. Wir wollen also die Leute um ihre Jobs bringen? Genau das! ! Durch ein Transformationsprogramm der großen Abschaffungen könnten in einigen Durchgängen wahrscheinlich mehr als drei Viertel der Arbeiten einfach eingespart und entsorgt werden, ohne dass wir etwas verlieren. Einerseits würde viel Kraft und Energie für die Individuen frei werden, andererseits würden die Belastungen von Mensch und Umwelt abnehmen. Es wäre ein Aufatmen, zweifelsfrei. Der von diversen Schwachsinnigkeiten befreite Alltag wäre sodann tatsächlich ein ganz anderer. Emanzipation setzt eine Unzahl von Abschaffungen voraus, die vor allem eins gewährleisten sollen: disponible Zeit, die nicht unter dem Druck der existenziellen Absicherung steht. Jene ist geradezu die Bedingung des Kommunismus.

8. Das Herstellen, Weiterreichen und Bekommen von Gütern (materiellen wie immateriellen) ist in formloser Form zu bewerkstelligen. Das heißt, das Hin und Her hat keine äußeren Zweckbestimmungen, schon gar nicht welche in Wert und Tausch. Freiheit meint Freiheit vom Markt „Wir machen keine Ware, wir machen nur Geschenke“, sagte Bertolt Brecht (Baal). Das Geben und Nehmen ist von jeder fetischistischen Halluzination von Äquivalenten von Arbeitsquanta zu befreien. Vielmehr geht es um ein gemeinsames Schöpfen, ein Begriff der beides, geben und nehmen, in einem zusammenfasst.

9. Schöpfen wird verstanden als Kreieren und Schaffen, als Weitergeben und Entnehmen, Gebrauchen und Verzehren. Diese Vieldeutigkeit soll festhalten, dass Schöpfen als Aktion und Transaktion, als Habe und Konsumtion in einem zu verstehen ist. Geben und Nehmen wären in einem Gesamtprozess des Schöpfens aufgehoben. Schöpfen wäre somit ein unendlicher Prozess der Selbstschöpfung, die sich verändernd stets sich neu erschafft. Sie kennt individuelle wie kollektive Momente, ist kooperativ und solidarisch. Schöpfen funktioniert nicht auf der Ebene von Gleichungen und Messungen, sondern auf qualitativen Zueignungen. Als große Schenkung.

10. Nicht über unsere Verhältnisse haben wir gelebt, sondern unter unsere Verhältnissen leben wir. Die soziale Degradierung durch die Krise ist nicht Folge davon, dass unsere Möglichkeiten sinken, sie ist Konsequenz daraus, dass die Güter als Waren nicht mehr bezahlt und die aufgenommenen Kredite nicht mehr bedient werden können. Im Prinzip ist das kein Unglück, ein Unglück ist es nur in einer Gesellschaft, wo der Wert und das Geld, wo Kaufen und Verkaufen sakrosankt sind.

Februar 2009

Ein gleichnamiger Artikel erscheint in der nächsten Ausgabe der Streifzüge, Nummer 45, April 2009. Die Nummer kann als Probeexemplar gratis bezogen werden unter: redaktion@streifzuege. org

27. März 2009, ab 20 Uhr: Relaunch-Party im Ost-Klub, Schwarzenbergplatz 10, 1040 Wien; Details unter www.streifzuege.org