Polizeiskandal in Linz (2)

Rundbrief eines Betroffenen

von Rainer Zendron

(Rainer Zendron ist Vize-Rektor der Kunstuniversität Linz; Brief-Titel von der Redaktion; Anm.d.R.)

liebe kollegInnen, liebe studierende, liebe freundInnen,

viele von euch werden im laufe des wochenendes über bekannte, die presse oder das fernsehen mitbekommen haben, dass ich im zuge der maidemonstrationen in linz von der polizei inhaftiert wurde und mich ein prozess wegen widerstand gegen die staatsgewalt erwartet.

deshalb eine kurze darstellung aus meiner sicht: ich beobachte jetzt seit etwa 45 jahren die maidemonstrationen in linz, weil ich den forderungen der arbeiterInnenbewegung um erweiterung demokratischer wie ökonomischer rechte und für internationale solidarität grosses interesse und sympathie entgegen bringe. persönlich habe ich nie an einem maiaufmarsch der SPÖ oder KPÖ teilgenommen, da ich mich – zu meinem bedauern – mit keinem deren programme vollinhaltlich identifizieren konnte.

ich beobachtete auch heuer mit einer gruppe von freundInnen die maidemonstrationen am hauptplatz. nachdem um 11:30 der KPÖ-zug den hauptplatz noch immer nicht erreicht hatte und wir geplant hatten, den nachmittag in der solarcity beim 09 projekt zu verbringen ging ich die landstrasse entlang, um zu schauen, wo deren demonstrationszug geblieben sei.

als ich an der goethekreuzung angekommen war, fuhr mir ein schreck durch die glieder, da ich auf der blumau ein riesiges polizeiaufgebot sah; – ich befürchtete, dass neofaschisten, die kleine gruppe der KPÖ demonstratInnen überfallen hätten. (im internet – wie ihr vielleicht wisst – hatten die rechtsradikale aufgerufen, anlässlich des kulturhauptstadtjahres einen „gesamtdeutsche“ aufmarsch in linz durchzuführen).

als ich jedoch bei der blumau eintraf, musste ich erkennen, dass die polizei den abmarsch der demonstration verhinderte. etwa 30 friedlich sitzende jugendliche wurden von etwa 50 stehenden polizisten umringt, die älteren demonstrationsteilnehmerInnen standen empört und aufgeregt herum. um mich über die lage zu informieren, fragte ich einen polizisten, warum die demonstration nicht stattfinden würde. er antwortete mir, weil die demonstrantInnen „vermummt“ seien. da ich jedoch keineN einzigeN vermummteN demonstrantIn wahrnehmen konnte, fragte ich nach. darauf bekam ich keine weiter antwort, da ja tatsächlich keine zu sehen waren. daraufhin fragte ich eine, der nicht-eingekesselten demonstrantInnen. sie sagte mir, dass die polizei von allen jugendlicheren demonstratInnen verlangen würde, dass diese, um am maiumzug teilnehmen zu dürfen, sich zuerst fotografieren lassen und ihren personaldaten abgeben müssten.

dies widerspricht meiner auffassung nach gröblichst sowohl den menschenrechten als auch der österreichischen verfassung. während ich noch versuchte mir einen überblick über die lage zu verschaffen, sah ich, dass die größere gruppe von polizistInnen mit massiver staatsgewalt begann ein mädchen aus der reihe der sitzenden, eingekesselten jugendlichen herauszuzerren. ich lief ein paar schritte hin, um zwischen demonstratInnen und polizei zu vermitteln und unnötige polizeigewalt zu verhindern. doch bevor ich dort angekommen war, wurde ich von polizistInnen zu boden gestossen und von weiteren, herbeistürmenden polizisten umringt. ich war geschockt und rollte mich am boden liegend zusammen, um kopf und körper möglichst vor schlägen mit den polizeiknüppeln zu schützen.

die polizistInnen legten mir am rücken handschellen an und trugen mich zum arrestantInnenwagen. ich wurde ins polizeihauptquartier verbracht. bis zu meiner freilassung – um etwa 20:00 uhr – saß ich in einer einzelzelle. mir wurden fingerabdrücke, abdrücke der handballen und DAN-proben abgefordert, ausserdem wurden drogentests durchgeführt und polizeifotos angefertigt.

ich kann keine gesamteinschätzung der vorgänge abgeben, da ich etwa 5 minuten, nachdem ich auf der blumau eingetroffen war, bereits verhaftet wurde. ausser mir wurden vermutlich 6 weiter personen festgenommen.

ich hatte vor meiner verhaftung keinen polizisten beschimpft. kein polizist hatte mich vor meiner verhaftung zu irgend etwas aufgefordert oder an mich auch nur ein wort gerichtet. ich hatte keinen polizisten angegriffen. durch die grosse aufregung hatte ich auch keinerlei schläge seitens der polizei wahrgenommen. erst nachdem ich am nächsten tag auf videos meiner verhaftung gesehen hatte, dass ich offensichtlich mit gummiknüppeln geschlagen worden war, betrachtete ich meinen körper im spiegel und konnte einige „blaue flecken“ sehen. ich bin über den polizeieinsatz gegen den traditionellen, vorerst friedlichen maiaufmarsch sehr empört. zugleich bin ich – bei gegebener lage – jedoch froh, dass ich unter den verhafteten war, da so der polizeieinsatz eine große öffentlichkeit bekommen hat; hätte es nur ein paar arbeitslose jugendliche getroffen, gäbe es leider vermutlich keine öffentliche debatte darüber.

mein grossvater, ein arbeiter der ÖBB, wurde 1934 auch beim versuch verhaftet, eine maidemonstration in linz durchzuführen. die zeit bis 1945 bezeichnen wir heute als faschismus. nach 1945 wurde meines wissens kein maiaufmarsch der arbeiterInnenbewegung in linz von der polizei angegriffen oder verhindert. heute leben wir sicherlich in keinem faschistischen land; zum glück – möge es so bleiben. doch offensichtlich müssen demonstrationsfreiheit und andere menschenrechte auch aktuell verteidigt werden.

……

es freut mich sehr, dass ich bereits im laufe des wochenendes von mehr als hundert kollegInnen solidaritätsanrufe, sms`s und mails bekommen habe, weil es persönlich einfach gut tut, zu wissen, dass sehr viele von euch hinter mir und meinen aktivitäten stehen.

liebe grüsse und vielen dank für eure hilfe ;-)))

rainer