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Gedanken zu André Gorz: Das Ende von Etwas

von Andreas Exner

Mittwoch, 13. Mai 2009

…unter diesem Titel – “Das Ende von Etwas” – hat die auflagenstarke Tageszeitung “Die Presse” einen Text von André Gorz veröffentlicht.

Da eine Quellenangabe in der “Presse” fehlt, kann man nur vermuten, dass der Artikel Gorz’ Nachlass entstammt oder erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden ist. Er dürfte jedenfalls recht jungen Datums sein. Der Homepage unserer Zeitschrift “Streifzüge” entnehme ich, dass der Artikel als Teil eines Sammelbands im Rotpunkt-Verlag erscheint.

Andrè Gorz verstarb am 23. September 2007. Er und seine Frau Dorine hatten den Zeitpunkt ihres Todes selbst gewählt. Doch nicht dieses Ereignis oder besser: diesen Entscheid, behandelt Gorz. Es geht vielmehr um das Ende des Kapitalismus.

Zentrale Aussage seines bemerkenswerten Textes ist für mich die Folgende:

Der Wachstumsrückgang ist also ein Überlebensgebot. Es setzt jedoch eine andere Ökonomie, einen anderen Lebensstil, eine andere Zivilisation, andere gesellschaftliche Verhältnisse voraus. Solange sie fehlen, könnte der Zusammenbruch nur mittels Restriktionen, Rationierungen, autoritärer Zuteilungen von Ressourcen verhindert werden, wie sie für eine Kriegswirtschaft charakteristisch sind. Der Weg aus dem Kapitalismus wird also auf jeden Fall stattfinden, ob auf zivilisierte oder auf barbarische Weise. Die Frage betrifft allein die Form, die das Ende nehmen, und den Rhythmus, in dem es erfolgen wird.

André Gorz sieht die Voraussetzungen für eine solche positive Überwindung an sich gegeben. Die Wissensproduktion entfalte immer mehr die so genannten Commons – Gemeingüter, die allen frei zugänglich sind. Die für den Kapitalismus charakteristische Trennung von Produktion und Konsum durch den Markt werde zusehends angegriffen. Trotz steigenden Werbeaufwands nehme die Autonomie der Bedürfnisse zu.

Die Tendenz zur Selbstproduktion für den Selbstverbrauch gewinnt an Boden aufgrund des wachsenden Gewichts, das die immateriellen Inhalte in der Natur der Waren haben. Das Monopol des Angebots entgleitet nach und nach dem Kapital.

Als Kernwiderspruch des neoliberalen Kapitalismus analysiert Gorz die Wissensproduktion, die sich nur unter Verlust der ihr eigenen Qualität und Dynamik noch in das Korsett des Privateigentums – also von Lohnarbeit, Geld und Ware – pressen lässt. “Die Informatik und das Internet untergraben die Herrschaft der Ware an ihrer Basis”, schreibt Gorz.

Das ist nachvollziehbar. Ganz offensichtlich gehen Privateigentum und Kreativität nicht zusammen. Wissen muss frei kommuniziert werden, um sich zu entfalten. Nach wie vor funktioniert die Wissenschaft – lange Zeit schon eine wesentliche und vor allem weitgehend auch eine Gratis-Produktivkraft für das Kapital – wie eine riesige Allmende. Selbstverständlich beherrscht diese Allmende wie alles im Kapitalismus nicht allein die Kooperation, sondern auch die Konkurrenz. Dennoch zeigt gerade die Logik der Forschung und Erkenntnis, dass das Kapital nicht aus sich heraus existieren kann, sondern selbst in seinen innersten Mechanismen, mächtigsten Apparaten, grundstürzendsten Innovationen auf die selbstbestimmte und vor allem auch die kollektive Eigentätigkeit des Menschen zurückzugreifen gezwungen ist.

Dieser Widerspruch ist Teil des Kapitals. Ebenso wie der Sowjetstaat die Eigentätigkeit erstickte, indem er, was seiner Elite Meinung nach zu tun war, staatlich verordnete und kontrollierte, droht das Kapital die Produktion von Wissen und von wirklich Neuem zu ersticken. Da die Produktion von Wissen und von wirklich Neuem aber zu einem wesentlichen Ingrediens seines Modus der Reproduktion geworden ist, ist diese Drohung durchaus ernst. Allerdings bearbeitet das Kapitalverhältnis seine Widersprüche ungleich flexibler als dies der Sowjetstaat je hätte vollbringen können.

Dass dieser Widerspruch allein das Kapital bereits in Frage stellt, würde ich deshalb verneinen. Dennoch besteht er, und zwar als ein Prozess zwischen der Eigentätigkeit der unmittelbar Produzierenden auf der einen Seite und dem Management als Agent des Kapitals, dem der Staat den Rücken deckt, auf der anderen; und erfordert als solcher einen fortlaufenden Balanceakt zwischen zuviel Kontrolle und zuviel Freiheit, die das Kapital der Arbeit einmal aufzwingt, das andere Mal gewährt.

Entscheidender scheint mir aber eine andere Frage, die Gorz aufwirft: Wie kann die Logik der Commons auf die Produktionsmittel selbst ausgedehnt werden? “Die nächste Etappe”, so nimmt Gorz optimistisch seine Antwort vorweg, “wird logischerweise die Selbstproduktion der Produktionsmittel sein.” Seinen Optimismus schöpft er daraus, dass “die High-Tech-Mittel zur Selbstproduktion die industrielle Megamaschine virtuell obsolet [machen].”

Als Beispiel dienen ihm die brasilianischen Favelas. Dort würden pro Woche mehr CDs von den BewohnerInnen gebrannt, als die CD-Industrie pro Jahr auf den Markt bringt. “Drei Viertel der 2004 produzierten Computer sind in den Favelas aus Teilen von Altmaterial selbst hergestellt worden. Die Regierung unterstützt die informellen Kooperativen und Gruppierungen der Selbstproduktion und Selbstversorgung”, schreibt Gorz.

Die selbstbestimmte Produktion der Produktionsmittel ist die große, noch kaum in Angriff genommene, da nicht einmal noch formulierte Aufgabe des “Commonismus” (Stefan Meretz), der einzig einen Weg aus der Krise bieten kann. Diese Hürde muss genommen werden, wollen wir die Potenziale der Befreiung realisieren und Schlimmes verhindern.

Der Commonismus, das sieht man, realisiert seine Potenziale erst voll, indem er mit den Bestrebungen zum Aufbau einer Solidarischen Ökonomie zusammenfließt. Das wichtigste Produkt der Solidarischen Ökonomie sind Commons; und je mehr Commons existieren, desto rascher entwickelt sich die Solidarische Ökonomie. Der freie Zugang zu allem Lebensnotwendigen muss freien Zugang zu den Mitteln der Produktion beinhalten. Diese Freiheit kann nicht im Atomismus der Geld- und Warensubjekte bestehen, deren Freiheiten als ebensoviele Begrenzungen ihrer Freiheit existieren, sondern verwirklicht sich darin, dass die Entfaltung aller Anderen Voraussetzung meiner eigenen Entfaltung ist und umgekehrt.

In dieser Sicht relativiert sich nicht zuletzt auch eine kapitalabhängige Forderung wie das Grundeinkommen, denn, wie Gorz in seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten theoretischen Text in unserem Sammelband “Grundeinkommen. Soziale Sicherheit ohne Arbeit” (Exner/Rätz/Zenker, Deuticke 2007) festgehalten hat:

Vernetzte kommunale Produktionsstätten können eine fortlaufende Verständigung erlauben, was, wo, wozu herzustellen ist. Geld- und Warenbeziehungen erübrigen sich ebenso wie ein allgemeines Grundeinkommen. Seine Funktion könnte allein darin bestehen, während des Zusammenbruchs der Warengesellschaft oder vor ihm den Übergang zu neuen Produktionsverhältnissen einzuleiten. (A. Gorz: “Seid realistisch – verlangt das Unmögliche“)

Was André Gorz theoretisch abgesehen hat und in seine Überlegungen, wie im Zitat oben, einbezog, erlebte er nicht mehr in der nun zunehmend offenkundigen Dimension und Härte: die weltweite Krise des Kapitals. Diese Krise ist eine Bedrohung und eine historische Gelegenheit zugleich. Die strukturelle Schwächung von Kapital und Staat ist ihr Kern.

Commonismus und Solidarische Ökonomie stellen im Kontext der Krise nicht nur eine organisatorische Aufgabe dar, die – weit davon entfernt eine Organisationsaufgabe bloß technischer Art zu sein – darin besteht, das Beziehungsinnere des Menschen umzugestalten im Prozess ihrer Entfaltung; sie sind zugleich ein Projekt, das sich in expliziter Gegnerschaft befindet zu den gefährlichen Interessen von Kapital und Arbeit am Erhalt ihrer selbst. Auch das freilich hat André Gorz, schon kurz vor seinem Tod, abgesehen:

Für krisis 19 muss ich mich noch einmal bedanken. Dass die Überwindung des Kapital-/Warenverhältnisses damit beginnen kann, Gebiete dem Kapitalismus zu entziehen und in ihnen selbstorganisierte Selbstversorgung jenseits von Markt und Geld zu betreiben und von den entzogenen Gebieten stromaufwärts andere, komplementäre zu besetzen, erinnert mich an den schwedischen Meidner Plan. Die Frage ist: Wie lange werden sich das die herrschenden Mächte ansehen? Bergmann hat die Frage aufgeworfen. Norbert Trenkle auch (in krisis 15). Machbar dürfte dieser “lange Marsch” nur in Situationen des Zusammenbruchs sein, wenn bereits Kristallisationskerne einer Antiökonomie bestehen. Immerhin – der Kurz-Essay in krisis 19 bekräftigt mich in der Meinung, dass die Trennung zwischen Produktion und Konsumtion – Produzenten und Konsumenten – das größte Hindernis auf dem Weg aus dem Kapitalismus hinaus ist. (A. Gorz: “Über den Horizont unserer Handlungen. Aus den nachgelassenen Briefen des André Gorz“)

Das Ende von Etwas ist der Beginn von etwas Neuem. Jedes wirkliche Ende aber ist der Beginn wirklich Neuen.