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Ende eines Zeitalters

Krise der Arbeitsgesellschaft: Der Kapitalismus ist zu produktiv, weil er Profitmaximierung anstrebt. Konjunkturprogramme helfen da nicht

von Tomasz Konicz

Detroit kann getrost als der Ursprungsort der Autogesellschaft bezeichnet werden. Von der im US-Bundesstaat Michigan gelegenen Metropole, in deren Umland die als »Big Three« bezeichneten Automobilhersteller Ford, General Motors und Chrysler beheimatet waren, ging die Massenmotorisierung der Vereinigten Staaten aus. Das Modell Detroit bildete auch die Grundlage für die »Automobilmachung« aller Industrienationen nach dem Zweiten Weltkrieg, die – in Wechselwirkung mit enormen Folgeinvestitionen zum Aufbau der entsprechenden Verkehrsinfrastruktur – die Grundlage für die lange Nachkriegsprosperität legte. Wie unter einer Lupe lassen sich nun in dieser »Autostadt« die eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise in aller Schärfe besichtigen.

Detroit ist so etwas wie der »Ground Zero«, der Ursprungs- und Brennpunkt der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise. Die erweist sich vor allem als eine Krise der durch die Expansion der Autoindustrie bis in die siebziger Jahre hinein formierten Arbeitsgesellschaft. Eine explosionsartig ansteigende Arbeitslosigkeit in dieser Region geht mit einem rapiden Verfall der städtischen Infrastruktur, sozialer Zerrüttung und einer Verödung ganzer Stadtteile einher. Detroit, dessen Einwohnerzahl von 1,85 Millionen 1950 über knapp eine Million 2000 auf nur noch 820000 im vergangenen Jahr fiel, wies im Juli eine offizielle Arbeitslosenquote von 28,9 Prozent auf. Im gesamten Großraum mit seinen 4,2 Millionen Einwohnern waren zum selben Zeitpunkt 17,3 Prozent der Erwerbsfähigen arbeitslos gemeldet. Selbstverständlich handelt es sich hier um die statistisch bereinigte Erwerbslosenquote, die weder die geringfügig Beschäftigten noch die Arbeitslosen erfasst, die bereits aufgegeben haben, nach einer Stelle zu suchen.

Dies ist einer Deindustrialisierung geschuldet, die das als Rostgürtel (Rust Belt) bezeichnete ehemalige industrielle Kernland im Nordosten der USA erfasst hat. So halbierte sich de facto die Anzahl der Industriearbeitsplätze in Michigan von 900400 im Januar 2000 auf 453800 im Juli 2009. Die in den USA unter dem Namen »Cash for Clunkers« aufgelegte – und bereits ausgelaufene – Abwrackprämie hinterließ im Bundesstaat nur einen bescheidenen Effekt: die Anzahl der Industriearbeitsplätze stieg von Juni auf Juli um ganze 600.

Ein ähnlicher Prozess vollzog sich im ganzen Land. Da schrumpfte die Zahl der Industriebeschäftigten (Manufacturing) von etwa 17 Millionen auf knappe zwölf Millionen. Auch auf Bundesebene stoppte das milliardenschwere Konjunkturprogramm vorerst das weitere Wachstum des Arbeitslosenheeres, das laut offizieller Statistik 9,4 Prozent aller Erwerbsfähigen umfasst. Seriöse Schätzungen gehen von einer tatsächlichen Arbeitslosenquote um die 20 Prozent aus. Die insgesamt auf 972 Milliarden US-Dollar geschätzten Konjunkturmaßnahmen können diese sich vollziehende Auflösung der Arbeitsgesellschaft nur verzögern, nicht aber aufhalten. Den wichtigsten Stützpfeiler der US-Konjunktur bildete der private Konsum. Doch die Einkünfte der hochverschuldeten Arbeiter und Angestellten brechen im Zuge der Krise ein. So fielen die Löhne und Gehälter in der US-Privatwirtschaft im Juli 2009 gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,04 Prozent – das sind fast 380 Milliarden US-Dollar, die dem privaten Konsum nun nicht mehr zur Verfügung stehen. Diesen Einbruch kann auch die um 45 Milliarden Dollar gestiegene Vergütung im Staatssektor nicht mehr ausgleichen.

Die Mindereinnahmen der Lohnabhängigen ließen die Arbeitskosten um 5,9 Prozent im zweiten Quartal 2009 sinken, nachdem sie im ersten bereits um fünf Prozent zurückgegangen waren. Fallende Arbeitskosten (und somit sinkende Massennachfrage) gehen mit einer rapide steigenden Produktivität der Wirtschaft einher. Im zweiten Quartal legte diese in der Industrie um 6,6 Prozent zu. Die Financial Times Deutschland (FTD) sah in dieser Entwicklung sogar ein »spektakuläres Comeback« der US-Industrie, die hierdurch wettbewerbsfähiger würde. Leider verwechselte hier die FTD die Ursache der gegenwärtigen Krise mit einem Ausweg. Es ist gerade diese verhängnisvoller Wechselwirkung zwischen permanent steigender Produktivität der Industrie und sinkender –Mehrwert generierender – Industriebeschäftigung, die in letzter Instanz für die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise verantwortlich ist. Staatliche Konjunkturprogramme und staatliche Verschuldung bremsen diese fatale Entwicklung lediglich.

Dies tat auch der finanzmarktgetriebene Kapitalismus der zurückliegenden drei Jahrzehnte. Der erzeugte ebenfalls schuldenfinanzierte private Nachfrage, inklusive Blasenbildung und deren Platzen. Der Finanzsektor ist allerdings nicht für die gegenwärtige Krise der Arbeitsgesellschaft verantwortlich – er verzögerte sogar deren volle Ausprägung, indem er die besagten Widersprüche der Warenproduktion immer weiter durch zunehmende Verschuldung bremste und auch zuspritzte.

Selbstverständlich wird die Krise der Arbeitsgesellschaft auch andere Industriegesellschaften mit ähnlicher Wucht ergreifen. Trotz eines Konjunkturprogramms von rund 468 Milliarden US-Dollar stieg die offizielle Arbeitslosenquote in Japan im Juli dieses Jahres auf 5,7 Prozent – den höchsten Wert seit Ende des Zweiten Weltkrieges. In der Eurozone wurde eine Erwerbslosenquote von 9,5 Prozent im selben Monat erhoben. Deutschland kann sich nur dank der Bundestagswahl über eine Gnadenfrist beim massenhaften Arbeitsplatzabbau freuen.

Man könnte sagen, der Kapitalismus ist zu produktiv für sich selbst geworden. Gerade weil immer weniger Menschen in immer kürzerer Zeit immer mehr Waren herstellen können, finden sich immer größere Teile der Bevölkerung der Industrieländer in Arbeitslosigkeit und sozialer Marginalisierung wieder. Frei nach Marx gesagt: Es sind die Produktivkräfte, die in dieser Systemkrise die Fesseln der kapitalistischen Produktionsverhältnisse sprengen.

aus: “Junge Welt”, 05.09.2009