Kapitulation

Streifzüge 42/2008

KOLUMNE Rückkopplungen

von Roger Behrens

„Uns älteren Repräsentanten dessen, wofür der Name Frankfurter Schule sich eingebürgert hat, wird neuerdings gern der Vorwurf der Resignation gemacht. Wir hätten zwar Elemente einer kritischen Theorie der Gesellschaft entwickelt, wären aber nicht bereit, daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen“, formuliert vor vierzig Jahren, zur Hochzeit der internationalen Protestbewegungen, Theodor W. Adorno; gegen die Resignation verteidigt Adorno das kritische Denken selbst: als Moment von „Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht.“ Adorno, der, der noch im selben Jahr (1969) stirbt, blieb erspart, mitzubekommen, wie sich einerseits Frankfurter Schule als Name für kritische Theorie zum bloßen akademischen Etikett als Ersatz für kritisches Denken verkehrte, wie andererseits damit der kritischen Theorie der Gesellschaft, um die es hier geht, von eben denjenigen die Radikalität entzogen wurde, gegen die sich Adorno damals zur Rechtfertigung gezwungen sah: der Aktionismus, der vor allem von deutschen , 68ern‘ zur Diffamierung gegen Theorie überhaupt gewendet wurde, führte nicht zur Revolution, sondern zur Stabilisierung der Herrschaftsverhältnisse, denen eben der Aktionismus sich ähnlich machte. Der kurze Weg des Terrorismus wurde konterkariert durch den langen Marsch durch die Institutionen, der im Außenministerium endete. Den biografischen Bekenntnissen zu , 68′, die der bürgerlichen Geschichtsschreibung mittlerweile zum Selbstverständnis geworden sind, zum Trotz: Es ist erstaunlich, wie wenig Kontinuität es in der Linken nach , 68′ gegeben hat. Anders gesagt: Wenn Marx und Engels den Kommunismus als Bewegung bestimmten, dann muss man sich eingestehen, dass es diesen Kommunismus nie gegeben hat; allerhöchstens und bestenfalls gab und gibt es Kommunisten, die sich bewegen. Das hat auch sein Gutes und war gerade wegen der Politik der (deutschen) , 68er‘ nötig, dass gewissermaßen das kommunistische Rad in den letzten vierzig Jahren immer wieder neu erfunden wurde. Dazu gehört, dass die Frage der kulturellen Selbstverortung erst sehr spät überhaupt gestellt und noch später versuchsweise beantwortet wurde: Was in den Ländern wie vor allem den USA, in denen die Kulturindustrie in der Gesellschaft konstitutiv verankert war, schon seit den späten fünfziger Jahren konsequent politisch reflektiert wurde, wurde in Deutschland erst in den siebziger Jahren als Problem virulent; und erst in den neunziger Jahren gab es erstmals eine ernst zu nehmende Praxis von Politik und Kunst im popkulturellen Sinne. Was allerdings nur ein Anfang war, galt kurzerhand als letzter Schluss und verlor rasch im Namen von Diskurspop und Kulturlinker jede Möglichkeit radikaler Kritik. Will sagen: Vier Jahrzehnte nach , 68′ wiederholte sich der politische Aktionismus als (sub)kultureller. Auch diese Bewegung ging an ihrer Bewegungslosigkeit zugrunde: politisch ohne Bedeutung, ästhetisch ohne Belang.

1992 soll in einer Rezension von Cpt. Kirk &. ’s , Reformhölle‘ und Blumfelds , Ich-Maschine‘ erstmals von der Hamburger Schule die Rede gewesen sein. Bezeichnend ist, dass Cpt. Kirk &. sich schon kurz danach auflösten, während der Begriff der Hamburger Schule erst richtig seine popdiskursive Wirkung entfaltete: ab 1993 insbesondere mit der Band Tocotronic verbunden. Der Niedergang der Hamburger Schule ist dann schon für die ausgehenden Neunziger proklamiert worden; weil und während der Popmainstream gerade erst das brauchbare Etikett für sich entdeckte. Die Banalisierung von politischen Ansprüchen und ästhetischen Ideen machte sich auch bei Blumfeld und ähnlichen Bands bemerkbar; der Zusammenbruch von Form und Inhalt wurde schließlich konsequent bis zur Bandauflösung vorangetrieben. – Doch im letzten Jahr, 2007, in dem Blumfeld ihren Abgesang zelebrierten, konterten Tocotronic geschickt mit einem , Kapitulation‘ betitelten Album. Man mag da an Adornos Satz denken und aktualisieren: „Uns älteren Repräsentanten dessen, wofür der Name Hamburger Schule sich eingebürgert hat, wird neuerdings gern der Vorwurf der Kapitulation gemacht. Wir hätten zwar Elemente einer subversiven Popästhetik entwickelt, wären aber nicht bereit, daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen. “

Bemerkenswert ist indes, dass das Album musikalisch alles andere als eine Kapitulation ist. Im Gegenteil: Es hört sich vielmehr an wie eine höchst gelungene Würdigung des ästhetischen Programms der endgültig verstorbenen Hamburger Schule – aber eben kein Nachruf, sondern eine gute Erbschaft. Die Gitarren sind verzerrt und dröhnen, die Riffs hingegen sind klar und eindringlich. Dass vielen diese Platte als Album des Jahres gilt, womit Tocotronic jetzt bei dem Nachfolger , Kapitulation Live‘ auch Werbung machen, klingt freilich für eine Kapitulationserklärung, wenn sie denn gemeint sein soll, recht paradox. Doch sie ist gemeint: Das macht unmissverständlich der erste Song deutlich, ja die ersten hier gesungenen Worte: „Mein Ruin das ist zunächst, etwas das gewachsen ist, wie eine Welle die mich trägt, und mich dann unter sich begräbt.“ Und im nächsten Song heißt es programmatisch: „Lasst uns an alle appellieren: Wir müssen kapitulieren. “

Das Wort Kapitulation gehört mittlerweile zum militärischen Vokabular der Politik und meint den Vertrag, mit dem sich eine Truppe ergibt, oder das Sich-Ergeben selbst. So und in der veralteten Bedeutung „Dienstverlängerungsvertrag eines Soldaten“ entstammt Kapitulation demselben Kontext des Militärjargons wie das Wort Avantgarde (Vorhut, die dem Hauptheer vorausgeht und als erste Truppe Feindkontakt hat). Um neunzehnhundert etabliert sich das Wort Avantgarde für künstlerische und politische Bewegungen, die ihrer Zeit voraus sind: Die Avantgarden gehören zum Prozess der Modernisierung, schließlich auch zum Scheitern der Moderne. Bis heute gibt es immer wieder Versuche, die künstlerischen Avantgarden zu neuem Leben zu erwecken; doch ohne radikale soziale Bewegungen bleiben die ästhetischen Strategien ohnmächtig. Umgekehrt bleibt aber auch die Politik ohne kulturelle Praxis machtlos. Dass dies auch die Erfahrung der neunziger Jahre ist, die durch Modelle wie eben das der Hamburger Schule geprägt waren, kann als erweiterte Bedeutung des Begriffs der Kapitulation verstanden werden: nicht mehr Avantgarden bestimmen Kunst und Politik, sondern Kapitulationen.