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Risiko

L E S E P R O B E

(aus: Franz Schandl, Maske und Charakter, krisis 31, Sommer 2007, S. 156-159)

Klassisch war: Eins bietet seine Arbeitskraft an und hofft, dass auf diese zugegriffen wird. Man erwartet Anstellung und Arbeitsvertrag, verbunden mit diversen Sicherheiten (Pensionsversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankengeld etc. ), kurzum ein ordentliches Beschäftigungsverhältnis. Der „atypische“ Unternehmer seiner Arbeitskraft besitzt derlei Sicherheiten kaum noch, er ist befristeter Tagelöhner, Job-Hopper, der mal dies und mal jenes erledigt. „Die neue Arbeitskraft verkauft ihre Arbeit nicht mehr zum fixen Stunden- und Monatstarif, sondern sie wird nach Leistung oder erst bei Auftragserfüllung entschädigt; sie verbessert laufend ihr persönliches Leistungsangebot und ihr Qualifikationsprofil nach unternehmerischen Erfolgskriterien. „1 Sie verfügt über keine Anstellung, sie verfügt über Fertigkeiten und Geschicklichkeiten, die abgerufen werden. Angst als Konsequenz allseitiger Entsicherung soll Folgsamkeit erhöhen. Dazu passt auch die immer öfter erhobene Forderung, Gehälter überhaupt an Gewinne zu koppeln.

Das positive Wort für Entsicherung heißt Risiko. Einst den Unternehmern zugeordnet, wurde es zwischenzeitlich demokratisiert und allen zugängig gemacht. Denn auch das Leben als besetztes Terrain ist zu einem Unternehmen geworden, das ordentlich gemanagt werden muss. Alles ist verplant, und man plant es zu allem Überfluss auch noch selbst. It’s all business. Jeder soll werden sein eigener Unternehmer. Eigenverantwortung nennt sich dieser Zwang zur Ausübung und Anwendung seiner selbst als ungeschütztes Konkurrenzwesen. Wobei Eigenverantwortung eine zynische Vokabel sondergleichen ist: Sie verlangt Folgen und Kosten zu tragen, bei den vorlaufenden Bestimmungen und Entscheidungen aber weitgehend einflusslos zu sein. Es geht um die Privatisierung der Lasten zuungunsten der schlechter Positionierten. Aber auch dies sollte nicht als Klasse übersetzt, sondern den jeweils deklassierten Elementen zugerechnet werden.

Der Werbesprüche sind viele. Man denke nur an das unerträgliche No risk, no fun. Da geht es um den Kick. Bereitschaft zum Scheitern ist eine zentrale Bedingung. Eine nach oben wie unten offene Skala von Plus und Minus geht davon aus, dass auch welche draufzahlen müssen, um anderen den Erfolg zu sichern. Die Positivierung des Risikos führt dazu, erlittene Schäden a priori zu akzeptieren. Sie sind Teil des Spiels nach akzeptierten Spielregeln. Verluste werden individuell zugerechnet. Selbst Krankheit soll immer mehr als persönliches Versagen empfunden werden. Zwischen der Reparatur des Autos und der des Körpers ist ja auch kein Unterschied. Ökonomisch betrachtet. Schutz erscheint als Kostenfaktor, der sich nicht rechnet. Risikoscheu und Risikofeindlichkeit gelten als verpönt. Risiko ist angesagt. „Die Risikogesellschaft ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden“2, wusste Ulrich Beck noch vor zwanzig Jahren. Risiko und Konkurrenz funktionieren als Einschluss- und Ausschlussmechanismen betreffend den monetären Fluss in der Gesellschaft. Da die In-Wert-Setzung Pflicht ist, ist die Exklusion freilich eine (nicht gewollte) Verletzung der Pflicht, eine Verunglückung oder ein Unfall. Die ultimative Zuspitzung des Risikos ist das Hasard, immer dort zugegen, wo die verzweifelte Entschlossenheit jede Rücksichtnahme gegen sich wie gegen andere verbietet. Die Mentalität des „Alles oder nichts“ liegt in der Bereitschaft zu vernichten oder vernichtet zu werden. Jene zeitigt Tat und Opfer. Der Zug zum Nichts ist handgreiflich und offensichtlich.

Die aktuelle Risikofreudigkeit hat zwei Gründe; einen banalen, was meint, vielen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich dem Risiko zu überantworten. Zweitens, und da wird es komplizierter, gibt es hier aber auch eine mentale Ursache. Lust aufs Abenteuer verdeutlicht, wie wenig Lust eigentlich im Leben ist. Tristesse drängt zur Risikofreude. Der Alltag ist so angelegt, dass die Subjekte geradezu ob des Mangels an erlebter Intensität der außertourlichen Kompensation bedürfen. Es hat was von einer traurigen Notwendigkeit, die man aber deswegen nicht affirmieren müsste. Wer Fun nur mit Risk erzielen kann, ist sowieso ein armes Wesen. Freude ist weder Appendix noch Amplitude der Gefahr. Ziel sollte sein, sich auch in Normalsituationen zu spüren, nicht bloß in extremen Lagen. Für Charaktermasken gilt: Fun is function. Oder noch deutlicher: Fun is a function for functionaries. Keineswegs ist Fun mit Glück zu verwechseln. Glück erwächst nicht wie etwa der Triumph auf der Niederlage oder dem Leiden anderer Personen. Ist nicht Abzug, sondern Selbstzweck. Glück ist keine Kategorie der Konkurrenz, auch wenn Letztere dieses Bild zeichnet. Erfolg in der Konkurrenz ist lediglich Sieg im Kampf. Glück jedoch ist keine Rechnung, und schon gar keine Berechnung.

Zum Glück braucht man kein Risiko. Man kann in der Gefahr Glück haben, aber es gilt nicht umgekehrt, dass nur aus der Gefahr Glück erwächst. Im Gegenteil, nur wenig beschert so viel Unglück wie die Gefahr. Warum sollte man also unbedingt darauf erpicht sein? Ganz kategorisch gefragt: Warum soll man bereit sein zum Risiko? Den Absturz mitkalkulieren? Die Schulden? Den Konkurs? Die Obdachlosigkeit? Ja, die existenzielle Vernichtung? Why? Niemandem sei die Freude missgönnt, einem Risiko entronnen zu sein, aber ist es deswegen zu suchen? Das ist kein Argument für die totale Behütung und absolute Vorsicht, aber doch die Erkenntnis, dass die Einmaligkeit des Lebens ein Gut ist, dem höchster Schutz angedeihen zu lassen ist. Das schließt nicht aus, dass es mitunter notwendig ist, Wagnisse einzugehen, aber diese sind eben nicht als vorgegebene Form, in der man sich bewegt, hinzunehmen. Vom Müssen ist keineswegs auf ein Sollen zu schließen. Natürlich ist man in Momenten, wo man etwas riskiert hat, was dann gelungen ist, überglücklich, denn schließlich könnte man auch unglücklich sein. Indes, Glück reicht, Überglück ist nicht anzustreben. Überglück ist bloß das Glück, mal wieder davongekommen zu sein. Es ähnelt dem Triumph im Krieg, wo die Beseitigung oder Niederwerfung des Feindes die eigene Existenz sichert. Glück ist selbsttüchtig, wächst auf individueller Entfaltung, nicht auf Wegnahme.

Der Imperativ des Risikos ist eine zentrale Botschaft des Markts. Das berechnende Wesen soll aufgrund zunehmender Unberechenbarkeit mehr oder weniger gezwungen werden, volles Risiko zu nehmen. Wie ein Hochamt wird es zelebriert. Man blättere einmal mehr in den Wirtschaftsseiten: „Ohne Risiko keine Chancen“, heißt es in der KarriereLounge der Wiener Tageszeitung Die Presse3: „Risk Management bei Banken als Personalthema“. Und ganz selbstverständlich: „Österreich hat in Sachen Risikokultur unbestritten Nachholbedarf.“ „Aber riskieren wir ganz einfach ein bisschen mehr Zukunft! „, schreibt resümierend die Kolumnistin, ohne allerdings zu schnallen, was sie da resignierend wahrheitet. Diese Beiträge sind austauschbar, die Botschaft ist stets die gleiche. Chance wird als Risiko begriffen. Der Kanon vom „unternehmerischen Wagnis“ wird vom medialen Chor lautstark abgesungen. Risiko ist zu einer Geschäftssparte geworden. Allerorten Risikobetreuer und Risikoberater, allzeit bereit zum Coachen.

Vom Gipfel zum freien Fall ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Das österreichische Wirtschaftsmagazin Trend wählt jährlich den Manager des Jahres. Inzwischen ist das eine zweifelhafte Ehre geworden, stellte sich doch heraus, dass viele der Geehrten nur wenige Jahre später ökonomisch abstürzten, aus den Galionsfiguren schnell Pleitiers wurden. Die Ehrung gilt neuerdings als „Fluch der Pharaonen“. 4 Aber vielleicht ist dieser Zusammenhang durchaus ein eherner. Mut folgt Übermut folgt Absturz. Je höher man aufsteigt, desto tiefer kann man fallen. Typen, die sich etwas trauen und permanent auf der Suche nach dem ökonomischen Kick sind, leben gefährlich. Dass dabei Herren die Charts bevölkern, sollte sich von selbst verstehen. Hasardeure sind fast ausschließlich männlichen Geschlechts. „Frauen verdienen weniger, weil sie das Risiko scheuen“5, entnehmen wir der Tageszeitung Die Presse. Was Männer zeichnet, ist das konsequente, aber sorglose Handeln, eines, das sich gerade deswegen unmittelbar auf das Ziel zu konzentrieren vermag. Durchziehen, lautet der Imperativ, mögen die Folgen auch sein, wie sie sind. Diese fixe Orientierung ist absolut weltvergessen, sie soll von keiner Ganzheit berührt werden. Frauen sind im Allgemeinen aufgrund ihrer Sozialisierung hin zur Fürsorge gehandicapt. In der gesellschaftlichen Ausbildung oder besser: sozialen Ausstattung der Geschlechter werden Männer auf Rücksichtslosigkeit und Frauen auf Rücksichtnahme hin dimensioniert. Das hat Auswirkungen auf deren Verhalten in Kampf und Konkurrenz.


Anmerkungen

1 Walter Schöni, Die unternehmerische Arbeitskraft, Widerspruch, Heft 39, Juli 2000, S. 5.

2 Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, S. 31.

3 Dieses und die folgenden Zitate stammen aus: Die Presse, 18. November 2006 (KarriereLounge)

4 Vgl. Die Presse, 24. Dezember 2005, S. 26. 5 Die Presse, 25. März 2006.