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Bitte warten!

Zur ökonomischen Beschlagnahme menschlicher Lebenszeit

von Franz Schandl

Tolle Daten an den Börsen sollen nicht vergessen lassen, was viel wichtiger ist, auf jeden Fall für jene, die man als Betroffene dieser liberalisierten Wunderwelt bezeichnen muss. Auf unseren Postämtern etwa erleben wir nicht nur in der Vorweihnachtszeit Folgendes: gestresstes Personal hinter den Schaltern und unruhige Kundschaft vor den Schaltern. Kurzum eine Fehlschaltung sondergleichen, zumindest dann, wenn wir unterstellen wollen, dass die Menschen davor und dahinter als ebensolche gelten. Oder war das mal und wird nie mehr?

„Bitte warten! “ Wer kennt sie nicht, diese vertröstenden Worte (nicht nur) aus dem Telefonhörer, wenn eins wieder einmal in die Warteschleife geraten ist. Das bürgerliche Subjekt ist darauf dimensioniert, nicht warten zu sollen, aber verurteilt, warten zu müssen. „Kleinste Wartezeiten machen uns schier wahnsinnig“, hieß es in der inzwischen eingestellten yuppigen Youngster-Beilage der Süddeutschen Zeitung mit dem bezeichnenden Namen „Jetzt! „. Die auf Tempo abgerichteten Geschöpfe bekommen dann Probleme, sind doch stets Termine vorgegeben und einzuhalten. Sie werden unruhig und nervös. Das ist kein persönliches Manko, sondern nur logisch.

Zweifellos, in Zeiten der Gemütlichkeit, als manche angeblich eine ruhige Kugel geschoben haben, verbrachten die Leute viel weniger Zeit vor Kassen und Schaltern als heute. Aber so ist das halt im Kapitalismus: Besorgungen gehen schneller, aber dauern länger. Von zivilisatorischen Errungenschaften wie dem Stau und dem Spam sei hier noch gar nicht die Rede. Die Zeitfresser sind immer und überall, vor allem dort, wo die Rationalisierung ihre Errungenschaften als Inversion in die Welt setzt und uns sodann zur Beruhigung ihre Geschäftsdaten präsentiert. Die einen rechnen sich deppert, die anderen stehen sich deppert. Dass das vielleicht etwas mit irren Verhältnissen zu tun hat, will weder den einen noch den anderen kommen. Denn geht’s der Wirtschaft gut, geht’s den Menschen gut. Ich sag mir das immer, es hält mich aufrecht. Wo Ökonomie funktioniert, sind unangenehme Folgen als Dysfunktionalität irgendwelcher Nörgler zu interpretieren. Die Statistiken sprechen doch eine andere Sprache. Und überhaupt: „Raunz nicht, kauf! “

Weitere Rationalisierungsschübe werden die Zahl der Wartenden und die Dauer der Wartezeiten noch erhöhen. Immer mehr Leben wird verwartet. Was heute als Selbstverständlichkeit erscheint, das begriff man früher primär als Schwäche der Planwirtschaft. Wie lachte man dazumals über die polnischen oder russischen Warteschlangen vor den Geschäften. Sowas kann bei uns doch nie passieren. Denkste! Die kleinen Estragons der Selbstbestimmung stellen sich an – und warten.

Dieses Warten hat nun nichts von Vorfreude an sich, es ist eigentlich kein Erwarten, sondern ein Nicht-mehr-warten-Können. Warten ist eine Form, die nicht sein sollte, aber seriell hergestellt wird. Verschiedene Zeitschienen setzen einem gehörig zu. Wenn inneres Tempo und äußere Erscheinung kollidieren, wird das Warten unerträglich. Was erstrebt wird, wird nicht erfüllt, zumindest nicht in der Geschwindigkeit, in der es und wir erfüllt werden soll(en). Man wird auf die lange Folter gespannt. Und diese Länge wird tatsächlich zur Qual. Wir reagieren psychisch sowie physisch. „Heute geht aber gar nichts weiter! „; „Bitte, eine zweite Kassa“, schreien Hilflose Überforderten zu. Gelegentlich zucken auch welche aus.

Was etwa Bank oder Bahn an Personalkosten ersparen, das wälzen sie auf die Laufkundschaft über. Die wartet sich blöd. Immer mehr Dienstleistungen werden negativ vergesellschaftet, indem die Käufer unbezahlterweise Tätigkeiten übernehmen, die einst die Verkäufer (oder deren Personal) verrichteten. Rationalisierung ist beschlagnahmte Zeit. Und niemandem kann man eine Abrechnung schicken für diese nicht ungeschickte Entwendung. Das phantastische Outsourcen entpuppt sich, erlaubt man sich die Perspektive der Betrachtung zu verändern, als ein Anschlag auf die Ressource Mensch.

Ähnliches gilt übrigens auch für diverse Geschäfte im Internet. Billigflieger buchen beansprucht 30-40 Minuten, auch um alle zweifellos notwendigen Schranken und Sicherheiten im Netz zu überwinden. Der banale Anruf bei der Airline dauert hingegen höchstens 10 Minuten. Dieser ist selbstverständlich noch immer möglich, kostet aber nunmehr 6 Euro pro Flug, also 24 für 2 Personen hin und retour. Und noch ein Beispiel: Gibt es auf einem Bahnhof fünf offene Schalter für zehn Kunden, dann ist deren Wartezeit um vieles geringer, als wenn für die gleiche Anzahl zwei Schalter zugängig sind oder gar nur einer. Einerseits werden Verwaltungskosten in den Unternehmen abgeschafft, andererseits werden Konsumenten dazu angehalten, fortan kostenlos Zeiten und Räume, Geschicke und Tätigkeiten zur Verfügung zu stellen, die sie früher nicht aufzuwenden hatten. Die Bedienten dienen. Die Benutzer werden benutzt. Derlei schlägt sich in keiner betriebswirtschaftlichen Rechnung nieder. Die ausgelagerte Wartezeit ist als Kostenfaktor irrelevant.

Nun sind wir tatsächlich im ökonomischen Niemandsland gelandet. Eine Ökonomie des Wartens wäre freilich jenseits der betriebswirtschaftlichen Disziplin angesiedelt. Das würde ihre hermetische Metaphysik sprengen. Was monetär nicht ist, weil es in keiner Rechnung mehr aufscheint, ist aber in der Wirklichkeit trotzdem da. Es realisiert sich in der beschnittenen Lebenszeit der Kunden, deren Disponibilität sukzessive Einschränkungen erfährt. Indes dürfen es die Anbieter nicht zu bunt treiben, da übermäßige Unzufriedenheit Geschäfte platzen lässt. Doch gemeinhin stehen die Konsumenten unter dem Diktat der Angebote. Was gestern unvorstellbar gewesen ist, ist morgen schon Konvention. Über Staunen, Wundern und Ärgern kommt das Unbehagen der Betroffenen kaum hinaus. So haben wir eigentlich keine Begriffe für das, was da abgeht – für die Zeit, die der Markt uns wegfrisst. Denn der Markt befreit vor allem auch eins: die Menschen von der Verfügbarkeit über ihr Leben.

Aus: Die Brücke 145 /2007