Wertkritisch inspirierte Lehrveranstaltung an der Universit├Ąt Oldenburg

von Martin Gohlke

Die Idee, an der Oldenburger Universität im Wintersemester 2004/05 eine wertkritisch-inspirierte Lehrveranstaltung anzubieten, ergab sich bei der eher zufälligen Lektüre des „Manifests gegen die Arbeit“. Das Interesse an der Wertkritik war geweckt. In kurzer Zeit wurde daraus eine ernsthafte Beschäftigung. Im Bremer Westen konstituierte sich ein informeller wertkritischer Zusammenhang; in einer gemeinsamen Stammkneipe ereiferten sich einige prekär beschäftigte Wissenschaftler, Taxifahrer, von der Verwertungsökonomie für überflüssig erklärte Akademiker und Nicht-Akademiker über die als ebenso befreiend wie spannend empfundenen Erkenntnisse, Thesen und Polemiken der Wertkritik. Die Lektüre wertkritisch-inspirierter Aufsätze und Kommentare stellte sich schon deswegen als lohnend heraus, weil uns in Folge dessen das Leben wieder mehr Spaß machte. „Die Wertkritik wird zunächst zum Heureka-Erlebnis. Mit einem Schlag scheinen sich die eigenen Zweifel und kritischen Überlegungen in ein neues Bezugssystem einzufügen. Man ist auf eine Position gestoßen, die den Eindruck erweckt, sie habe das, was man selber irgendwie schon angedacht hatte, weiter und zu Ende gedacht. Der Horizont scheint sich plötzlich wieder zu öffnen. Indes lässt der Rückschlag in der Regel nicht lange auf sich warten“ (Ernst Lohoff/Norbert Trenkle, krisis 24, 152). Lediglich der letzte Satz dieser Beobachtung trifft nicht für den Verlauf unserer eigenen Entdeckung der Wertkritik zu. Wir hatten in unserer Vergangenheit schon malso entschieden an die eine oder andere Theorie, Lehre, Weltanschauung geglaubt, dass die Gefahr, uns möglicherweise von der Wertkritik zu viel zu versprechen, nicht bestand. Mir erschien die Nicht-Politisierbarkeit der Wertkritik, die Frage der Anschlussfähigkeit an das Massenbewusstsein sehr schnell als ein Problem. Alles und jedes auf den Wert zu beziehen, erinnerte mich zudem sehr an geschlossene und autoritäre Weltbilder. Aber diese Befürchtung verflüchtigte sich mit zunehmender Kenntnis der Wertkritik; den Wert explizit in die Namensgebung einer neuen Großtheorie aufzunehmen, interpretierte ich bald als legitime Reaktion auf die Tatsache, dass der verhängnisvolle Selbstzweckcharakter unserer Ökonomie im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent ist und auch nicht zum Standardrepertoire höherer Allgemeinbildung gehört.

Die Entdeckung der Wertkritik ließ sich auch nicht von der Spaltung der krisis aufhalten, denn ich hatte eine Meinung, wann Theorie ekelig wird: Wenn sie kein Fünkchen Hoffnung auf praktische Verfügbarkeit macht, lediglich dem Selbstverständnis von Kopfrockern dient oder sich als Aussteigerideologie für den gehobenen Bedarf erweist – ein vielleicht etwas libertärer, auf jeden Fall sich ausschließlich auf die eigene Erfahrung verlassender Zugang, der komplexe wertkritische wie positivistische Hinweise zum Verhältnis von Theorie und Praxis ignoriert.

Nicht als sozialtechnische Ingenieure eigneten wir uns grundlegende Gedanken der Wertkritik also an. Und als sozialtechnische Ingenieure wollten mein Kollege Alfred Flessner und ich in unserer Tätigkeit als Lehrbeauftragte die Wertkritik auch nicht vermitteln. Wie schaffen wir es, fragten wir uns für das kommentierte Vorlesungsverzeichnis, den Widerwillen vieler Studierender über eine Zukunft als (arbeitsloses) Konkurrenzsubjekt so aufzunehmen, dass sie einen Sinn darin sehen können, sich mit etwas derart Trockenem wie den Grundkategorien der warenproduzierenden Gesellschaft ernsthaft auseinander zu setzen? Wir hofften mit der folgenden Einladung Kopf und Bauch zu berühren:

„Ist der Kapitalismus endlich? – Theorien über den Zusammenbruch der Warengesellschaft Seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus 1989 ist im öffentlich-politischen Raum der positive Bezug auf die Marktwirtschaft in der Regel eine Selbstverständlichkeit. Dabei werden oft die Grundwerte von Leistungsgesellschaften propagiert: Arbeit, Geld und Wettbewerbsfähigkeit sind dabei nur einige der Normforderungen, die regelmäßig genannt werden und uns zu Workaholic- und Konkurrenzverhalten sowie zur Produktion von gegenständlichen und geistigen Waren jenseits der Frage der Nützlichkeit treiben können. Neuerdings gibt es insbesondere in den Reihen ehemaliger SPD-Mitglieder ein Bedürfnis, den politischen Gehalt unserer Ökonomie zu entdecken, denn viele sind von der Entwicklung der letzten Dekade enttäuscht: Einerseits gibt es eine bleibende Massenarbeitslosigkeit, andererseits müssen sich vor allem in den wachsenden Niedriglohnbereichen viele Beschäftigte mit Arbeitszeiten wie im 19. Jahrhundert auseinandersetzen. Paradoxerweise wird, je mehr unserer Gesellschaft die Arbeit ausgeht, die Arbeit immer mehr zum Fetisch. Der rasante Anstieg der Arbeitsproduktivität, so konstatiert ein Teil der bislang an die Stärken der kapitalistischen Ökonomie glaubenden reformorientierten politischen Linken, kann nicht mehr zum Vorteil der Allgemeinheit verwertet werden. Der bekannte Krisentheoretiker und Erfolgsautor Robert Kurz (Schwarzbuch Kapitalismus) hält es für unmöglich, den Kapitalismus in der Zeit des Postfordismus zu zähmen und zum Vorteil breiter Bevölkerungsschichten politisch zu steuern. Angesichts eines marktwirtschaftlichen Wertesystems, dessen inflationäre Propagierung von vielen Leuten als Zumutung und totalitäre Bedrohung empfunden wird, fragt er: War der Zusammenbruch des Realsozialismus nur das Menetekel des Kapitalismus? Antworten fand Kurz unter anderem über ein Neu-Studium der Kritik der Politischen Ökonomie von Karl Marx. In unserem Seminar können zunächst in mehreren Sitzungen Referate über Marx‘ politisch-ökonomische Texte angefertigt werden. ….“

Der Einladungstext erfüllte seinen Zweck. Fast 100 Studierende besuchten die Eröffnungsveranstaltung. Die Beteiligung blieb recht gut, in den insgesamt 15 Sitzungen sank die Teilnehmerzahl lediglich dreimal auf 40 Leute ab.

In unserer Hochschuldidaktik orientieren sich mein Kollege und ich uns gern an konzentrischen Kreisen: Um einen gemeinsamen Mittelpunkt bewegen sich verschiedene Themenfelder, die sich miteinander berühren und verschränken. Im Mittelpunkt stand in unserem Seminar der Wert. Die umliegenden Themenfelder eröffneten andere Kategorien der warenproduzierenden Gesellschaft sowie – und das machte die Konzeption der Lehrveranstaltung ebenso ehrgeizig wie riskant – weitere, sich nicht explizit aus der Anlehnung an die stummen Voraussetzungen der warenproduzierenden Gesellschaft ergebende, wertkritisch-nahe Begriffe. Letzteres sollte in einem viersitzigen Einführungsblock sowie im Schlussblock „Fundamentalkrise oder was? – Aktuelle Diskussionen“ geleistet werden. Der Hauptteilverhandelte dann die Grundkategorien Ware, Wert, Geld, Warenfetischismus, automatisches Subjekt, Arbeit. Hier konnten wir uns auf die Texte des von der Kooperative Haina veranstalteten Einführungsseminars in die Kapitalismuskritik stützen – prägnante Ausführungen von Götz Eisenberg, Christian Höner, Robert Kurz, Karl Marx, Moishe Postone und Norbert Trenkle, die von den Studierenden in Gruppenreferaten mit der Vorgabe referiert wurden, die Aufsätze sprachlich und inhaltlich in ihren eigenen Erfahrungs- und Wissenshorizont zu integrieren. Ein wertkritisch orientiertes Studium der Grundkategorien sollte dadurch erleichtert werden, dass wir die Einführungssitzungen für die Vorstellung der wertkritischen Neuinterpretation der neuzeitlichen Geschichte und der Marxschen Theorie nutzten. Gut dafür geeignet ist der Aufsatz von Robert Kurz „Die Schicksale der Marxismen – Marx lesen im 21. Jahrhundert“, der in drei Sitzungen ausführlich durchdrungen und diskutiert werden konnte. Von uns eingebrachte Skizzen stellten die Kurzschen Begriffe zueinander ins Verhältnis. So wurde das Plenum vertraut mit wertkritischen Kennwörtern wie „Innere und Äußere Ungleichzeitigkeit des Kapitalismus“, „Nachholende Modernisierung“, „Arbeiterbewegungsmarxismus“, „Esoterischer und Exoterischer Marx“, „Fetischismen“. Unsere Erwartung, dass die gedankenreiche Kurzsche Geschichts- und Marxinterpretation die Neugier für die Kategorien der warenproduzierenden Gesellschaft wecken würde, erfüllte sich: In den Sitzungen des Studiums der Grundkategorien nahmen die Referenten und Zuhörer die Interpretation der neuzeitlichen Geschichte als Durchsetzungsgeschichte des Kapitalismus immer wieder gern als Bezugspunkt, um sich die Begriffe Ware, Wert, automatisches Subjekt usw. lebendig vergegenwärtigen zu können.

Unsere deduktiv-orientierte Vorgehensweise behielten wir auch bei der Erschließung der Grundkategorien bei. Nur mit der Methode „Überblick über die Grundkategorien – eine Grundkategorie ausführlicher behandeln – neue Problematisierung des Überblicks – nächste Kategorie ausführlicher erarbeiten usw. usf.“ ist die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie und der Marx würdigende wie kritisierende Arbeitsbegriff von Robert Kurz, Norbert Trenkle und Moishe Postone in sechs Sitzungen überhaupt nahe zu bringen. Aber auch dies stieß an Grenzen: Die Marxschen Ausführungen zum Warenfetischismus und zum automatischen Subjekt, insbesondere aber der Aufsatz von Moishe Postone zur Arbeit als gesellschaftliche Vermittlung waren in jeweils 90 Minuten doch nur von sehr primärmotivierten Studierenden tiefer zu erfassen. In der Seminarreflexion hoben mehrere Studierende denn auch hervor, dass sie, wie es ein Kommilitone plastisch umschrieb, diese Punkte „sich nur erahnen, aber nicht verfleischlichen“ konnten.

Immerhin. Auch aus abstrakter Vergegenständlichung abstrakten Denkens kann man bekanntlich einen Nutzen ziehen, in unserem Fall die sich am Arbeitsbegriff erst verfestigende wertkritisch orientierte Kapitalismuskritik verstehen: Als im Abschlussblock das „Manifest gegen die Arbeit“ referiert wurde, konnten Studierende doch schon sehr frei und ausmalend mit den Grundkategorien umgehen – hier bewahrheitete sich die Erkenntnis, dass Lernende zur oft eigenen Überraschung über Abstand, Muße und Wiederholung Sachverhalte darzustellen und zu intellektualisieren wissen, an denen sie bei der Erst- oder auch Zweitbeschäftigung zu scheitern glaubten.

Das Manifest gegen die Arbeit konnte lediglich in Auszügen vorgestellt werden, wobei unsere Vorgabe war, diejenigen Abschnitte zu referieren, die in besonderem Maße mit den Grundkategorien argumentieren. Zu meiner Freude konzentrierten sich die Referenten auf den Punkt 11 des Manifestes über die Krise der Arbeit: Über die dortige Aussage, dass mit der dritten industriellen Revolution erstmals mehr Arbeit wegrationalisiert wird, als durch Ausdehnung der Märkte reabsorbiert werden kann, konnten wir die in der Geschichte der politischen Linken sehr unterschiedliche Lesart des Marxschen Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate vorstellen, womit wir direkt in der Diskussion über eine absolute Schranke der kapitalistischen Produktion waren. Hier, so hatte ich das Gefühl, gab es in der Lehrveranstaltung noch einmal eine Reihe von Aha-Erlebnissen – direkte Linien zum Kurzschen Grundsatzaufsatz wurden gezogen -, jetzt fanden einige Veranstaltungsteilnehmer Karl Marx noch einmal so richtig interessant: Auch wenn die anwesenden Studierenden ganz überwiegend unter 30 Jahre alt waren, hatten sie zuvor zu meinem Erstaunen Marx doch in erster Linie mit den alten arbeiterbewegungsbesetzten Begriffen in Verbindung gesetzt. Und mit den exoterischen Marx-Floskeln von „Herrschaft der Arbeiterklasse“, „Kommunistische Partei“ usw. usf. hatte niemand etwas anfangen wollen. Als sich dann aber bei der Diskussion über eine absolute Schranke kapitalistischer Entwicklungin herausragender Positionierung der Krisentheoretiker Marx zeigte, kam Spannung in den Raum. Marx wurde aktuell.

Die Seminarreflexion ergab dann aus wertkritischer Perspektive Erfreuliches: Es gab nicht wenige Studierende, die sich ganz ähnlich wie ein Kommilitone äußerten, der sich mit dem „Unverständnis gegen das System“ nicht mehr allein gelassen fühlte. Mehrere Studierende sind übrigens fleißige Besucher der Exit-, Krisis- und Streifzüge-Homepages geworden. Ein anderer Student wunderte sich, dass dieses „wertkritische Seminar innerhalb … des systemimmanenten politikwissenschaftlichen Lehrbetriebs überhaupt angeboten werden konnte“. Auch wenn ich diese Charakterisierung des Wissenschaftsbetriebes nicht teilen mag, ist da etwas dran. Schließlich gibt es die Erfahrung, dass es deutlicher Gesellschaftskritik an den Universitäten schwer gemacht wird. Mit der zunehmenden Krise der Arbeitsgesellschaft gewinnt Kapitalismuskritik, wenn sie sich in selbstverständlicher Abgrenzung gegenüber den menschlichen Verbrechen darstellt, die traditionskommunistisches Denken zu verantworten hat, aber an Akzeptanz. Es wird immer weltfremder, die Verwertungsökonomie als das grundlegende gesellschaftliche Problem zu leugnen.