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Von der Lüge zur Verlogenheit

Zum Aufstieg eines affirmativen Antifaschismus

von Franz Schandl

Oberflächlich betrachtet könnte man ja meinen, der Antifaschismus habe spät aber doch gesiegt. Keine Politikerrede, die sich nicht bemüht, die entsprechenden korrekten Worte aufzusagen: Deutschland wurde befreit, der Widerstand ist zu loben, der Opfer ist zu gedenken. Bei genauerem Hinsehen freilich sind bei den Opfern die Nazis gleich mitinbegriffen und der Widerstand von rotem Gesindel gesäubert. Aber zweifellos, Lübke und Globke und Kiesinger und Carstens, das ist vorbei, das würde es in der jetzigen BRD nicht mehr spielen – schon aus Altersgründen nicht, aber das sagt man nicht.

Wer hätte vor Jahrzehnten gedacht, dass einmal ein „antifaschistisches Herrschaftsritual“ den historischen Umzug prägt. Der Perfidie Pointe besteht darin, dass das späte Bekenntnis in erster Linie dazu da ist, jede emanzipatorische Perspektive zu verunmöglichen, ja zu diskreditieren. Besser als jetzt kann es gar nicht mehr werden. Der staatstragende Antifaschismus ist nichts anderes als die offene Affirmation des Status Quo. Legitimationsideologie pur. Nicht einmal Naziaufmärsche verhindert er, dafür müssen nach wie vor linke Gegendemonstranten Sorge tragen.

„The crusade for democracy“ ist es, was die USA und Europa und somit auch Deutschland miteinander verbindet. Es herrscht hier ein „westliche Werte“ oder „Zivilisation“ genannter okzidentaler Chauvinismus. Taktische Differenzen sollten da nicht darüber hinwegtäuschen. Die besondere deutsche Verantwortung für die Hitlerei kann nicht geleugnet werden, ebenso wenig ist aber die allgemeine Geschäftsgrundlage, die den Nazismus ermöglichte – das Kapital – zu unterschlagen. Genau das geschieht aber. Die Hauptgefahr ist heute jedenfalls nicht der deutsche (oder ein anderer) Faschismus, sondern der internationale Kapitalismus. Die monströse historische Gestalt des ersteren darf nicht die aktuelle Bedrohung des letzteren zudecken. Dazu wird jene aber missbraucht.

„Nie wieder Faschismus! “ gerät so auf Abwege, wird zu einem Schlachtruf, der in absoluter Verzerrung als „Immer wieder Kapital! “ zu dechiffrieren ist. Die Forderung „Nie wieder Krieg! „, wird in ihr Gegenteil verkehrt. Die steile Karriere des Präventivschlags ist ohne die ideologische Flankierung durch diesen deformierten Antifaschismus kaum vorstellbar. „Wehrt den Anfängen! “ wird pervertiert. Es ist z. B. nicht ausgeschlossen, irgendeinen antifaschistischen Grund zu erfinden, um etwa Hugo Chavez in Venezuela zu überfallen. Das Pentagon ist einfallsreich. Die Gerissenen sprechen vom Bösen, und die Dummen glauben es. Und Europa wird das tolerieren oder sogar mitmachen. Wie solche Demokratieschübe ausschauen, demonstriert der Irak. Nicht Demokratie greift um sich, sondern Destabilisierung. Der affirmative Antifaschismus ist eine getarnte antikommunistische Haubitze. Die aus der Totalitarismustheorie stammende Bezeichnung „Rechtsextremismus“ lässt einen sogenannten Linksextremismus immer gleich mitdenken.

Natürlich gibt es unzählige verrückte Formen des Antikapitalismus. Im Grunde geht es aber darum, jede kritische Regung im Keim zu ersticken, sie a priori zu denunzieren und als Totalitarismus zu brandmarken. Dass die Demokratie selbst totalitär geworden ist und Menschsein nur noch als Vermarktung und Verwertung sehen will, ist nicht Gegenstand der Debatten und Überlegungen. Nach all den Gedenkfeiern bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Man ist direkt erleichtert, wenn das offizielle Ritual der Heuchler wieder vorbei ist. Es ist der Übergang von der Lüge zur Verlogenheit, der das neueste Deutschland kennzeichnet.