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„Unverursachte Erstursache“

Der Wiener Papabile Christoph Schönborn zur Evolutionstheorie

von Franz Schandl

Mit scharfer Kritik an der Evolutionstheorie machte unlängst der Wiener Kardinal Christoph Schönborn in der New York Times auf sich aufmerksam. Bei der letzten römischen Kurien-Kür galt der Sechzigjährige als „papabile“, aber zu jung. Es ist höchstwahrscheinlich, daß sich die Führung der katholischen Kirche auf ihn als nächsten Papst vorbereitet.

Der Artikel selbst ist eine sehr dürftige Exegese, vollgestopft mit Zitaten von Karol Wojtyla, die als Grundwahrheiten präsentiert werden, aber doch kerzengerade katholisch sind. Der Evolution liegt nach Schönborn ein göttlicher Plan zugrunde. Gott habe die Welt nach seinem Design entwickelt: „Wir glauben, daß Gott die Welt nach seiner Weisheit erschaffen hat. Sie ist nicht das Ergebnis irgendeiner Notwendigkeit, eines blinden Schicksals oder des Zufalls.“ Ähnlich steht es auch im Weltkatechismus, dessen Redaktionssekretär Schönborn gewesen ist. Schönborn hat sich nicht in der „Argumentationsebene vergriffen“, wie einige Naturwissenschafter ihm vorwarfen. Er hat bloß den allumfassenden Anspruch des Glaubens herausgestrichen. Ein reines Nebeneinander darf die katholische Kirche nie und nimmer dulden. Es würde sie überflüssig machen. Sie will sich einmischen, insbesondere in den Alltag, bis hinein in die Schlafzimmer. Sie will Zugriff haben, vor allem auf das, was sie die Seelen der Menschen nennt.

Um Zukunft zu haben, muß die Kirche nach rechts gehen, sich aber gleichzeitig modernisieren, was meint, die Reaktionäre dürfen nicht als Finsterlinge erscheinen, sondern als umgängliche Herren, die ganz hervorragend in die neue Zeit passen. Mehr als Ratzinger ist Schönborn solch einer. Er ist kein Dunkelmann, sondern eine Leuchte der Kirche. Wie etwa heikle Rituale abzuwickeln sind, demonstrierte er im Sommer 2004 beim Begräbnis des österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil: zwei Witwen – eine ehemalige, für die Kirche legale, und eine tatsächliche, für die Kirche nicht existente – adäquat anzusprechen und zu trösten, das war schon ein Meisterstück. Schönborn ist das gelungen, ganz ohne Konzessionen.

Die Kirche ist zäh, und die Religion hat im Reich der Fetischismen immer eine Sonderrolle gespielt, bis heute, wo sie nicht die Hauptrolle hat. Aufgegeben hat sie nicht. Jetzt, da der Waren- und Geldfetisch bröckelt, wittert das Vorgestern eine große Chance. Wenn die gesamte Kulturindustrie ein Götzendienst ist, warum soll ausgerechnet der älteste Fetisch nicht mitmischen? Wo die Emanzipation resigniert und keine Perspektive mehr zu bieten hat, hebt die Reaktion ihr Haupt, oder besser – wir leben in postmodernen Zeiten – ihre Häupter.

Religionen sind eine absolut falsche Alternative zum Neoliberalismus. Sie werden immer abgedrehter und irrer, das verdeutlicht auch die islamische Konkurrenz, nicht nur der Islamismus. Auch im freiesten aller Länder, den USA, ist akkurat der religiöse Fundamentalismus im Vormarsch. In etlichen Bundesstaaten verschwinden Bücher, die die Evolution lehren, aus den Schulbibliotheken. Da haben sich die Evangelikalen und Kreationisten durchgesetzt. Deren Partei hat auch Schönborn ergriffen.

Die Frage, wer die Welt geschaffen hat, stellt die Kirche immer wieder, um sie in vollendeter Präpotenz und Ignoranz zu beantworten. Gott ist’s gewesen. Er sei, so Schönborn, die „unverursachte Erstursache“. Der Frage jedoch, wer den Schöpfer geschaffen hat, will sie sich nicht stellen. Indes, das höchste Wesen Gottes ist der Mensch. Ansonsten empfehlen wir Georg Büchner, „Dantons Tod“, dritter Akt, erste Szene. Was ist schon Gott gegen Büchner?