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Sind wir alle Londoner?

Wider die Eingemeindung in die okzidentale Phalanx

von Franz Schandl

Dass wir alle Londoner sind, ist zu einem geflügelten Wort geworden. Dass wir alle Kabuler sind oder Nairobier, würde hingegen der abendländischen Seele nie einfallen. Das sind namenlose (Habe)Nichtse, deren Eliminierung ohne Bedeutung ist. Die Wertigkeiten sind eindeutig, ja selbstverständlich. Sie plakatieren sich in jeder Deklaration. Im Londoner- oder New Yorker-Sein drückt sich jedenfalls keine allgemeine Empathie aus, sondern ein Zusammengehörigkeitsgefühl der westlichen Macht mit ihrem Personal. Es geht so um die ständige Eingemeindung in eine okzidentale Phalanx, um eine strikte Hierarchie des Menschenmaterials. Mitgefühl wird zu einer selektiven Ware, nicht zu einem allgemeinen Gut, das allen zusteht. Würde man für sämtliche Opfer von Krieg und Terror die Schweigeminuten für Londons Tote hochrechnen, dann wären wohl Jahre der Stille angesagt. Nicht Humanismus stellt sich aus, sondern das Kalkül der kapitalen Mächte. Nicht Menschlichkeit wird eingefordert, sondern die Wahrnehmung bevorrechteter Interessen und Lebensweisen. Alles dreht sich um die Wertegemeinschaft, die Gemeinschaft des Werts, zu der eins sich zu bekennen hat.

London tendiert zum Ausnahmezustand und zeigt der Welt doch nur an, wohin die Reise führen wird, wenn alles so bleibt, wie es ist. So ruhig, wie es in den Metropolen gewesen ist, wird es nie wieder sein. Insofern sind wir wirklich alle Londoner oder könnten es werden. Es ist zu befürchten, dass solche barbarischen Momente alltäglich werden, auch hier in den Sonderzonen der Demokraten. Sich einzubilden, noch größeres Waffenarsenal, noch verheerenderes Vernichtungspotenzial, noch stärkere Erpressung und entschiedenere Drangsalierung könnten diesen Terror eindämmen, ist Unsinn. Im Gegenteil, das alles ist gerade der Dünger, auf dem er gedeiht.

Der Aufstieg des Islamismus verdeutlicht aber nicht nur den Irrsinn der Macht, sondern auch die anhaltende Schwäche der Emanzipation, also die Ohnmacht. Wo keine Perspektive ist, formiert sich durchgeknallter Hass und der neigt zu Auslöschungsphantasien. Wer jedoch meint, gerade das alles sei ein Grund noch brutaler vorzugehen, wird jenen stärken, abgesehen davon, dass Bin Laden und Co. sowieso nur groß werden konnten, weil sie im antikommunistischen Kampf tolle Bündnispartner gewesen sind und logistisch aufgerüstet wurden. Der Terror stammt aus dem konkurrenzistischen (Ge)Schoß des Weltkapitals. Aleida, die Tochter Che Guevaras, weist zu Recht jeden Vergleich Bin Ladens mit ihrem Vater zurück: „Es wäre sehr traurig für die arabische Welt, wenn sie von jemandem angeführt wird, der vom CIA erschaffen wurde. “

Man stelle sich nur vor, wenn Atomsprengköpfe in die Hände solcher Terroristen geraten. Dann werden die sie zünden. Irgendwo, irgendwann. Unvorstellbar? Vorstellbar! Die Menschlichkeit dieser Leute ist wahrscheinlich sogar noch geringer zu veranschlagen als die eines Ronald Reagan, der sich ja bekanntlich auch für die Auslöschung der Sowjetunion als „Reich des Bösen“ erwärmen konnte. Und wie soll atomarer Terror verhindert werden? Durch die Bombardierung Pakistans oder Moskaus? Die Terroristen haben zwar nichts zu gewinnen, aber ebenso wenig ist der Kampf gegen den Terrorismus zu gewinnen. Beide Seiten dieser falschen Front können nur „erfolgreich“ sein, indem sie die Vernichtung, das NICHTS selbst vorantreiben und als implizites Programm erkennen lassen.

Die Exponate Bin Laden und Bush (samt dem unsäglichen Blair) sind Brüder in Geist und Tat. Sie brauchen einander um sich zu rechtfertigen. Es ist ein irres Spiel mit realen Opfern. Terror und Vergeltung, das ist Paranoia gegen Paranoia. Ein universeller Amoklauf der Sonderklasse. Da gibt es keine Parteinahme. Das tödliche Spiel ist vielmehr zu durchbrechen. Banal wie richtig bleibt: Dieser delirierende Terrorismus kann nie mehr entsorgt werden, wenn dessen Basis, das delirierende globale System von Wert und Konkurrenz, der Kapitalismus, nicht überwunden wird. Wer macht’s?