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Römischer Maskenball

Katholische Inszenierungen fürs Dritte Jahrtausend

von Franz Schandl

Natürlich kann man sich leicht darüber lustig machen, was da abgeht in Rom. Und doch, es sollte eher Beklemmungen auslösen. Dieses Leichenfest ist alles andere als ein Lemurenaufmarsch gewesen, es war vielmehr ein absolut gelungener Maskenball, genauer gesagt ein Charaktermaskenball. Up to date! Da ist es auch gar nicht so wichtig, was Karol Wojtila sagte und was seine Kirche verbreitet, wichtig ist das Gefühl, das vermittelt und die Stimmung, die durchgesetzt wird. Es ist nicht der Inhalt, der besticht, sondern die Form. Die unerschütterte Autorität verträgt jede Ungeheuerlichkeit einer irren Programmatik. Die Aufführung entzückt, nicht das Aufgeführte. Die Pilger waren ganz begeistert in ihrer Entgeistigung. Da sind Massen in Trance geraten. Wahrlich, der Glaube kann Zwerge versetzen.

Der Fetischismus regiert die Welt. Religion ist nur eine seiner bekanntesten wie bekennensten Varianten. Religion meint, dass der Mensch nicht als Mensch anerkannt wird, sondern bloß über einen Umweg. Dieses Medium heißt Gott. Gegen die Gesellschaft des Kapitals hat das Reich Gottes aber einen eminenten Vorteil: Wer an dieses glaubt, ist dabei. In der Warengesellschaft muss man hingegen nicht nur glaubensfähig, sondern auch zahlungsfähig sein. Bereitschaft zur Unterwerfung alleine genügt nicht.

Wo das Diesseits chronisch aus den Fugen gerät und alle Haltegriffe zu verlieren scheint, gewinnt der himmlische (Ge)Halt an metaphysischer Potenz. Das ist wohl das, was konservative Kommentatoren als „Sehnsucht nach Substanz“ beschreiben. Die Kirche hat vieles zu bieten, was die Menschen brauchen, aber eben bloß als Surrogat. Barmherzigkeit als Surrogat für Herzlichkeit, Messe für Sinnlichkeit, Beten für Denken, Transzendenz für Transformation. Solange wir den lieben Menschen nicht haben, werden die Leute den lieben Gott benötigen. Verlorenheit verliert sich an spirituelle Fügung. Man vergibt sich, damit einem vergeben wird. Dem Bedürfnis nach Führung wird schlicht entsprochen. Nicht Lösungen werden geboten, sondern Erlösungen versprochen. Das alles ist Popanz, aber er wirkt.

Die Verzauberung der Welt ist alles andere als im Verschwinden begriffen. Gegen die Mythen der Gegenwart sind die Mythen des Mittelalters oder auch der letzten Jahrhunderte ein Lerchenschiss. Das Zeitalter der Aufklärung ist eines der großen Eintrübung. Befangenheit wird nicht hinterfragt, sondern auf höherer Ebene zelebriert. Vor allem aber in der Sucht nach einem Sinn des Lebens ist die katholische Großssekte noch immer nicht zu unterschätzen. Der Auftrag Jesu an Petrus, „Weide meine Schafe“, sagt auch, worum es geht. Die Schaf-Metapher ist nicht schief, sie ist treffend. Gottes Herde soll, wenn nicht gerade Aufstachelung ansteht, eine genügsame Herde sein. Arbeitsam und gehorsam, leidensfähig und erlösungswillig.

Der Reaktionär aus Polen war der modernste Papst, den die katholische Kirche je hatte. Vier Millionen Pilger in Rom. Man stelle sich das nur vor. Das Gerede vom Popestar ist nicht falsch. „Wir danken dir, dass du zu deiner Herde gekommen bist, die sich danach sehnte, dich zu sehen und deine Worte zu hören“, fürbittet Paul Coelho. Diese Himmelfahrtsprozession war ein Benefizkonzert, der Megaevent der Sonderklasse. „Der geliebte Papst segnet uns nun aus dem Himmelfenster“, rosenkranzt Kardinal Ratzinger. Zumindest an ihrer Spitze zeigt sich die katholische Kirche unbeirrt, aber topfit. Das war eine Wallfahrt der Wallungen. „Santo subito“ schreit die Menge: „Sprecht ihn sofort heilig“. Unbedingt! Si! Yes! Ja! Halleluja!