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Bitte warten!

Über kaum wahrgenommene Angriffe auf unsere Lebenszeit

von Franz Schandl

Wer kennt sie nicht, diese tröstenden Worte aus dem Telefon, wenn eins wieder einmal in die Warteschleife geraten ist. Das bürgerliche Subjekt ist darauf dimensioniert, nicht warten zu dürfen, aber verurteilt warten zu müssen. „Kleinste Wartezeiten machen uns schier wahnsinnig“, heißt es in der inzwischen eingestellten yuppigen Youngster-Beilage der Süddeutschen Zeitung mit dem bezeichnenden Namen „Jetzt! „. Das Warten ist Ausdruck des gesellschaftlichen Staus. Die auf Tempo abgerichteten Leute bekommen dann Probleme, sind doch stets Termine vorgegeben und einzuhalten. Sie werden unruhig und nervös. Das ist kein persönliches Manko, sondern eine rationale Reaktion innerhalb der Irrationalität.

Interessant, aber nicht untypisch ist, dass man in Zeiten der Beschleunigung zunehmend Steh- und Wegzeiten in Kauf nehmen muss, auch wenn anderes versprochen wird. Immer mehr Leben wird verwartet. Was heute als Selbstverständlichkeit erscheint, das begriff man früher primär als Schwäche der Planwirtschaft. Wie lachte man dazumals über die polnischen oder russischen Warteschlangen vor den Geschäften. Sowas kann bei uns doch nie passieren. Denkste! Die kleinen Estragons der Selbstbestimmung stehen wie die Narren vor den Altären ihrer Erwartung. Dieses Warten hat nun nichts von Vorfreude an sich, es ist eigentlich kein Erwarten, sondern ein Nicht-mehr-(er)warten-Können.

Was etwa Banken oder die Bahn an Personalkosten sparen, das wälzen sie auf die Laufkundschaft über. Die wartet sich blöd. Immer mehr Dienstleistungen werden negativ vergesellschaftet, indem die Käufer unbezahlterweise Tätigkeiten übernehmen, die früher die Verkäufer (oder deren Personal) bezahlterweise erledigten. Dazu gehört übrigens auch die Erledigung diverser Geschäfte via Internet. Rationalisierung ist so betrachtet nichts anderes als beschlagnahmte Zeit. Und man kann gar niemandem eine Abrechnung schicken für diese nicht ungeschickte Entwendung.

Beispiel: Gibt es auf einem Bahnhof fünf offene Schalter für zehn Kunden, dann ist ihre Wartezeit um vieles geringer, als wenn für die gleiche Anzahl von Kunden zwei Schalter geöffnet sind oder gar nur einer. Die Verwaltungskosten, die hier seitens der Unternehmen einerseits abgeschafft werden, legen andererseits die Kunden an die Kandare, indem diese jetzt kostenlos Zeiten und Tätigkeiten zur Verfügung stellen, die sie früher nicht aufzuwenden hatten. Die Bedienten dienen. Benutzer werden benutzt. Derlei schlägt sich in keiner betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung nieder. Die Wartezeit der Reisenden ist als Kostenfaktor irrelevant.

Nun sind wir tatsächlich im ökonomischen Niemandsland gelandet. Das Warten hat zwar durchaus etwas mit der Ökonomie zu tun, ohne jedoch in den betriebswirtschaftlichen Kalkulationen vorzukommen. Was monetär nicht ist, weil es verschwunden ist, ist materiell aber trotzdem da, auch wenn es in keiner Rechnung mehr aufscheint. Es realisiert sich in der beschnittenen Lebenszeit der Kunden, deren Disponibilität sukzessive Einschränkungen erfährt. Freilich darf der Anbieter es nicht zu bunt treiben, da sonst die wachsende Unzufriedenheit das Geschäft platzen lässt. Doch gemeinhin stehen die Kunden unter dem Diktat der Angebote und ihrer Formgesetze. Über Staunen, Wundern und Ärgern kommen die Betroffenen kaum hinaus. Auch die wissenschaftliche Forschung gibt sich mit solcherlei nicht ab. So haben wir eigentlich keine Begriffe für das, was da abgeht – für die Zeit, die der Markt uns hier wegfrisst. Der Markt befreit vor allem auch eins: die Menschen von der Verfügbarkeit über ihre Zeit.