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Arbeitslos heißt wertlos

Zur Dekonstruktion sozialer Deklassierung

von Franz Schandl

Wie hieß das System, das Menschen zur Arbeit zwang, ihnen aber den Zugang zum Zwang verwehrte? So oder ähnlich werden Prüfungsaufgaben in hoffentlich nicht zu ferner Zukunft lauten. Heute jedoch ist das bittere Realität, und sie wird immer bitterer. Sieht man sich die Entwicklung auf dem europäischen Arbeitsmarkt an, dann scheint gegen die galoppierende Arbeitslosigkeit kein Kraut gewachsen zu sein. Die Konsequenzen sind verheerend, auch dahingehend, was sie in den Psychen anrichten.

Ökonomisch betrachtet sind Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene zusehends als kriminelle Elemente. Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff „erwerbslos“ macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten und bestehen kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, ist Degradierung und Deklassierung.

„Ich bin nichts! “ „Es geht nichts! “ „Aus mir wird nichts! “ So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Wohlgemerkt, hier und jetzt unter den Gesetzen des Kapitals, die nicht bloß Struktur bestimmen, sondern ebenso das Denken und die Gefühle. Die Folge ist eine extensive Getriebenheit der Subjekte, abgerichtet sich zu verwerten (und andere zu entwerten), um ja nicht unterzugehen. Die Zumutung transformiert sich in Selbstzumutung. Der Knecht ist sein eigener Herr und zu ihm gibt es keine Distanz, er haust im gleichen Körper.

Wer nicht im Amoklauf enden will, der flüchtet in esoterische Illusionen des positiven Denkens: „Ich muss es doch schaffen“. Die Ohnmacht schreit: „Wir haben keine Chance, aber wir nützen sie“. Eigentlich ist das eine blöde Phrase, hat absolut nichts Widerständiges. Das Kapital sagt zu seinen Unterworfenen nichts anderes. Der Traum des Einzelnen basiert auf der Verdrängung des Allgemeinen. So klammern sich allzu viele an Chancen, die die meisten nicht haben. Schlimmer als die falsche Hoffnung erscheint freilich noch die blanke Hoffnungslosigkeit. Eine wirkliche Perspektive gibt es allerdings erst, wenn man sich der Hoffnungslosigkeit bürgerlicher Existenz stellt, sie nicht verdrängt, aber auch nicht akzeptiert. Erst wenn dieser Horizont nicht mehr als Grenze hingenommen wird, kann sich ein neuer öffnen. Und das gilt für alle, nicht nur für die, die unter die Räder kommen, sondern auch für jene, die sie überfahren.

Vor einem sei ausdrücklich gewarnt: Den Kapitalismus abzuschaffen ist zweifellos schwierig, aber möglich, dem Kapitalismus hingegen den Turbo abzudrehen (das, was alle Reformisten anspornt) vollends unmöglich. Würde man aktuell beim todernsten Spiel von Konkurrenz und Standort nicht mitmachen, wäre es noch übler, als es schon ist. Natürlich ist das ein völlig irrer Realismus, der sich hier immer wieder durchsetzt. Geboten wäre es aber, mit der ominösen Einsicht in die Notwendigkeit zu brechen. Der propagierte Realismus ist eine Falle der Konkurrenz, die sich die Warensubjekte stets gegenseitig graben. Nicht nur um andere zu versenken, sondern auch um selbst darin zu versinken. Nieder mit dem Realismus!

3. März 2005