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Kampf um Arbeitsplätze Рgegen wen?

zum „Tag der Arbeit“

aus „Mensch statt Profit“ 02/2002 (21.3.2002)

von Lorenz Glatz

„Wir wollen Arbeit! „

Anfang Dezember letzten Jahres verkündete der deutsche Continental-Konzern die bevorstehende Schließung des traditionsreichen Reifenherstellers Semperit. Seinerzeit ein Paradeunternehmen der österreichischen Industrie geriet die Firma in den Achtzigerjahren in die roten Zahlen und wurde schließlich mit einer Subvention, die beträchtlich über dem Kaufpreis lag, an den wesentlich größeren deutschen Konkurrenten „abgestoßen“. Ein Vorgang, wie er in ähnlicher Weise bei einem Großteil der verstaatlichten oder im Besitz verstaatlichter Banken befindlichen Betrieben Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre üblich wurde. Privatisierung und Internationalisierung haben Österreich „europareif“ gemacht, haben den EU-Anschluss vorbereitet.

Der Conti-Konzern schrumpfte Semperit immer weiter, 1995 nahm die Belegschaft für den Weiterbestand des Werks nocheinmal fast eine Halbierung ihrer Zahl und empfindliche Lohn- und Gehaltseinbußen hin, jetzt aber will Conti „dezidiert 5 Millionen Reifen aus dem Markt nehmen“ (derStandard. at 4.3.02), um konkurrenzfähig zu bleiben – damit ist die Schließung wohl beschlossene Sache:

Während Politiker noch in den Achtzigerjahren ein gewichtiges Wort mitzureden hatten, wenn es um Entlassungen oder Betriebsschließungen ging, wurde Bundeskanzler Vranitzky schon 1995 vom Conti-Vorstand eher wie ein lästiger Bittsteller abgefertigt. Von Seiten des Betriebsrats wurde damals aber noch damit gedroht, dass die Belegschaft den Abtransport der Maschinen für die Auslagerung in den billigeren Osten notfalls mit Einsatz ihrer Leiber verhindern werde. Heute jedoch erwartet sich von den Politikern niemand mehr etwas Entscheidendes, und in der Belegschaft herrschen „Ohnmacht, Zorn und Zukunftsängste“ vor. Viele haben Kredite laufen, viele fürchten, dass sie keine Arbeit mehr finden werden. – „Wir wollen Arbeit! “ war der Slogan, mit dem Konzernvertreter empfangen, mit dem auch die Politiker konfrontiert wurden (Der Standard 12.12.01).

„Hauptsache Arbeit“

Diese Parole ist natürlich keineswegs eine Besonderheit der Semperitler, sie ist im Gegenteil der rote Faden, der sich durch die sorgenvollen, manchmal schon verzweifelten Gedanken und Reden der meisten Menschen zieht, seit Arbeitskraft auf den Märkten immer schwerer zu verkaufen ist. Die Parole spiegelt die Tatsache wieder, dass nach ein paar hundert Jahren Kapitalismus das Leben der meisten von uns daran hängt, dass wir Geld haben müssen und Geld nur durch Arbeit bekommen können. Irgendeine Arbeit, Hauptsache Arbeit. Was für eine wird tendenziell unwichtiger. Ob und wozu sie gut ist, ob sie nicht überflüssig, in ihren Auswirkungen gemeingefährlich ja tödlich ist, das spielt schon sehr lange kaum mehr eine Rolle, ist im Einzelfall für die Arbeitenden oft auch gar nicht abschätzbar. Im Arbeitsleben und im Wirtschaftsgeschehen überhaupt ist einfach niemand dafür zuständig, wenn diese Lebensweise immer mehr Menschen in die Aggression oder Depression treibt und alle möglichen anderen Formen von Krankheit und Unglück nach sich zieht, wenn diese Wirtschaftsweise sogar den Lebensraum, ja überhaupt die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstört. Höchstens ist von schwarzen Schafen die Rede, wenn in unschöner Regelmäßigkeit ein Lebensmittelskandal platzt, oder von tragischem Versagen, wenn wieder wer wo Amok läuft. In der Wirtschaft hat man Geld zu machen. Punkt. Sei es als Lohn und Gehalt oder als Gewinn und Dividende. Auch die Staaten können hier immer weniger gestalten oder wenigstens mildern, je mehr auch sie unter das „Diktat der Märkte“ geraten.

Der „Standpunkt der Arbeit“ war einmal der Standpunkt von Menschen, die sich aus ihrer Unterdrückung befreien wollten. Heute nehmen diesen Standpunkt auf einer breitgefächerten Palette von links bis rechts mit unterschiedlichen Akzenten und unterschiedlicher Radikalität die große Mehrheit all derer ein, die sich dazu äußern. Worauf da aber bestanden wird, ist Arbeit ohne jede konkrete Bestimmung, wichtig ist nur, dass sie Geld bringt. Ob Brot erzeugt wird oder ob man Abfangjäger wartet – „Sicherung der Arbeitsplätze! „, „Kampf um die Arbeitsplätze! “ sind mehr denn je Stehsätze von Politikern und Gewerkschaftern verschiedenster Couleurs. Aber auch Unternehmer und Konzernvertreter reden so und meinen das keineswegs immer zynisch. Denn auch wenn es ihre Aufgabe ist, Arbeit möglichst einzusparen, so ist doch auch ihnen bewusst, dass nach der Rationalisierung Gewinne ganz wesentlich auch davon abhängen, aus wieviel Arbeit(ern) sie gezogen werden können.

Krise von Arbeit und Profit

Doch nicht einmal, wenn die Sache mit der Arbeit so gefährlich engstirnig und abstrakt betrachtet wird, ist „die Welt noch in Ordnung“: Die technologischen Neuerungen der Computerisierung machen nun schon seit Jahren mehr Arbeit überflüssig als durch Wachstum neu geschaffen werden kann.

Mit der Frage nach dem Nutzen oder Schaden vieler alter und der großen Flut neuer Produkte für die Menschen kann man sich da nicht wirklich aufhalten. Dabei können sie dem noch zahlungskräftigen Publikum nur noch mit gigantischem Marketingaufwand (im ganzen bereits an die 20% aller bei uns geleisteten Arbeit! ) als Gebrauchswerte aufgedrängt werden. Die Vergeudung menschlicher Lebenszeit und natürlicher Ressourcen schreit zum Himmel, während für vieles, was uns vielleicht wirklich gut täte wie gesunde Nahrung, Bildung, Kultur und Pflege, keine Zeit da ist. Und doch: Auch Computerboom und Handy-Hysterie, Internet und „Erlebniswelt“ haben nichts daran geändert, dass der Profit-Produktion „die Arbeit ausgeht“.

Das Erfinden und Verbreiten von immer mehr und zunehmend prekären „persönlichen Dienstleistungen“ ist keineswegs ein Ausweg. Es bedeutet in den meisten Fällen nur, dass die in der Verwertung nicht mehr brauchbaren Menschen mit allen Mitteln danach trachten müssen (ohne Geld kein Leben! ), mit irgendwelchen Diensten an das Geld derer heranzukommen, die noch verwertbar sind. In Summe heißt das nur, dass die in der Produktion für den Konsum abfallende Wertmasse in Form von Geld auf immer mehr Menschen immer ungleicher verteilt wird.

Auch die Öffnung der traditionell staatlich organisierten oder zumindest eng regulierten Infrastruktur für Konkurrenz und profitable Geldanlagen ist offenbar keine Abhilfe für den Mangel an gewinnbringenden Investitionsmöglichkeiten. Die Folgen der Profitmacherei zerstören schnell auch das Geschäft: unzuverlässige Kommunikationseinrichtunge, kaputte Straßen, sinkende Wasserqualität, zusammenbrechende Elektrizitätswerke, kollidierende Züge und explodierende Flugzeuge zeigen in diesem Bereich am schnellsten, wohin die Logik führt: gradaus in die Katastrophe.

„Kampf um die Arbeitsplätze“ – gegen wen?

Als gewerkschaftlicher „Kampferfolg“ wenn nicht gleich als „Kampfziel“ wird in einer solchen Lage daher schon regelmäßig die „soziale Abfederung“ der Entlassungen und die „Sicherung“ eventuell noch verbleibender Arbeitsplätze ausgegeben. Zugleich kommt mit dieser „Krise der Arbeit“ immer deutlicher zum Vorschein, dass im „Kampf um Arbeitsplätze“ Gewerkschafter und Betriebsräte schlicht die eigene Klientel auf Kosten anderer verteidigen (müssen). Bei jedem „Sieg“ gibt es auch Besiegte: die Kollegen der anderen „Standorte“, die „Ausländer“, vielleicht auch einfach die Leute in der Nachbarabteilung. In einer solchen Welt müssen Zollwache, Gendarmerie, ja sogar das Militär an den Grenzübergängen und „im Grünen“ die „Loser“ aus den bankrottierten Ländern jagen, die nach „unseren Arbeitsplätzen“ gieren.

Für den einen und die andere kann man so ab und zu einen Augenblickserfolg erzielen, auf Kosten anderer und zu Lasten der Zukunft von allen. Denn was kommt bei alledem heraus? – Eine sich immer noch weiter steigernde Wahnsinnskonkurrenz auf den Arbeitsmärkten, unerträglicher Stress bei allen Betroffenen, ein anschwellender Strom von „Wirtschaftsflüchtlingen“, Verarmung, Vereinzelung und Demütigung – eine psychosoziale Situation, in der die „Unfähigkeit“, der „Verrat der eigenen Vertreter“, dunkle Machenschaften „gieriger Kapitalisten“ oder gleich wieder die „jüdische Weltverschwörung“ als Erklärungsmuster der Misere grassieren, in der die Ausländer oder andere „Fremde“ zu Feinden werden und in der schließlich das Unglück der Einzelnen leicht in ein neues rassistisch, nationalistisch oder religiös motiviertes „Wir“ umschlägt, das sich, wie die Umstände es ermöglichen, im Motzen, im Hetzen und schließlich auch in Pogrom, Massenmord und Krieg auslebt.

Diese Entwicklung spitzt sich nach dem Platzen des „Entwicklungs“- und „Fortschritts“ – Versprechens nicht nur „weit hinten in der Türkei“ zu, sondern die Furie der offenen Gewalt hat seit den Neunzigerjahren auch Europa wieder erreicht. In den Gegensätzen eines sich globalisierenden Kapitalismus führt diese Entwicklung dank ihres besinnungslosen Automatismus zu einer Welt-Spirale von Terror und Vergeltung, von der wir eben jetzt erst den Anfang erleben dürften.

Auf der Suche nach dem Ausstieg

Daher kommt es im Interesse des Lebens, des Friedens und des Glücks der Menschen heute darauf an, mit der verheerenden Logik der Konkurrenz und des Gelds zu brechen. Die Rückkehr der (angeblich) besseren Zeiten des stürmischen Wachstums und der Vollbeschäftigung ist eine Illusion (und wäre sie das nicht, so wäre sie eine gewaltige Beschleunigung der ökologischen Katastrophe).

Die reale Entwicklung stellt uns vor die Alternative: Entweder werden wir stückerlweis Mensch um Mensch, Region um Region ins soziale Abseits „ausgespuckt“, ohne dass sich am Zwang zum Wettlauf nach Geld was anderes ändert, als dass die Bedingungen dramatisch schlechter werden. Oder wir beginnen damit, durch Kooperation zunächst einmal ein paar Teile des Lebens dem Verwertungs- und Geldzwang zumindest ansatzweise zu entziehen.

Es ist ja z. B. kein Naturgesetz, dass Gewerkschafter und Betriebsräte immer als Kämpfer der Komkurrenz auf den Arbeitsmärkten auftreten. Warum sollte eine Belegschaft nicht – zuerst einmal bei günstigen Umständen und entsprechener Größe – gegen Entlassungspläne vielleicht einmal so vorgehen: Statt dass Leute gekündigt werden, arbeiten alle weniger – und suchen Wege, wie sie die gewonnene Freizeit dazu nützen können, ein paar Dinge und Dienste des alltäglichen Lebens (wie Kinderbetreuung, billiger Einkauf, Reparaturen, Fahrgemeinschaften etc. ) durch gemeinsame Eigentätigkeit zu organisieren. Ja, warum sollte nicht in der einen oder anderen Gewerkschaft eine Debatte darüber entstehen, wie solche Initiativen – zuerst einmal mit den Mitteln der eigenen Infrastruktur – auch überbetrieblich in Szene zu setzen sind – zuverlässig, unbürokratisch, je mehr Menschen sich an einem solchen Projekt beteiligen desto professioneller, ohne (viel) Geld und ohne den Zwang, einander auf irgendwelchen Märkten niederkonkurrieren zu müssen.

Oder warum sollten Jugendliche und Arbeitslose, die nur allzu oft der Fata Morgana einer Jobchance nachlaufen müssen oder in die aussichtsarme Scheinselbständigkeit einer mörderischen Konkurrenz abgedrängt werden, nicht auf Gemeinschaftslösungen verfallen und den Skandal brachliegender Anlagen und leerstehender Räume und Hallen für Aktionen nützen, um sie wenigstens teilweise und zeitweilig für ihre Lebensbedürfnisse nützen zu dürfen.

Es gibt sicherlich viele und zweifellos auch bessere Ansatzpunkte für einen gemeinschaftlichen „Einstieg in den Ausstieg“ aus den Zwängen der Konkurrenz und des Gelderwerbs. In einen Ausstieg, in dem vermutlich erst wirklich sichtbar werden wird, welche Tätigkeiten und Dinge wirklich das Leben bereichern und welche schon lange nur eine schwächliche bis selbstmörderische Ersatzbefriedigung für gestohlene Lebenszeit und seelische Verstümmelung sind. /p>

Alle Versuche aber setzen das Verlassen tief in den Hirnen eingegrabener, aber weltfremd und menschenfeindlich gewordener Denkmuster voraus und den Willen, sich auf Experimente einzulassen. Ohne Bewusstsein, Nachdenken, Aussprache und Bruch mit dem selbstverständlich gewordenen Konsum- und Warendenken geht hier gar nichts, die Eigenlogik der Verhältnisse und die Macht der Gewohnheit führen nur immer wieder zurück in die Malaise.

Das Finden und Erproben solcher Ansätze muss daher auch dadurch gefördert werden, dass die Ausweglosigkeit der kapitaistischen Entwicklung zum öffentlichen Thema gemacht wird und nicht auf Dauer von der herrschenden Schönfärberei wie der „Schaffung“ und „Sicherung der Arbeitsplätze“ zugedeckt wird.

Das gegenseitige Kennenlernen, der Erfahrungsaustausch, die Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung zwischen den Projekten und Versuchen sind dank der vorhandenen Kommunikationsmittel auch über große Entfernungen möglich. Sie sind angesichts der erdrückenden und nur allzuoft aggressiven Übermacht der „Normalität“ auch überlebenswichtig. Damit nicht der „Kampf um Arbeitsplätze“ zu einem Kampf ums nackte Überleben wird und überall in Mord und Totschlag ausartet.