Auschwitz und Wahnwitz

OFFENER BRIEF AN GERHARD SCHEIT

Streifzüge 1/2002

von Ilse Bindseil

Der Grund, warum ich mich zu Deinem kleinen Text (vgl. „Streifzüge“ 3/2001) über das Auseinanderbrechen des Wiener „Kritischen Kreises“, der die „Streifzüge“ hervorbrachte, äußere, ist der, dass er mir einen Begriff an die Hand gibt, der es mir erlaubt, meine Haltung zur These, die „islamistischen Selbstmordmordattentate“ vom 11. September seien „antisemitischen Charakters“, zu formulieren, ohne jene viel schlimmeren Wörter zu benutzen, die mir auf der Zunge lagen und die mir jenen harmloseren buchstäblich verstellten. Ich meine das Wort: wahnwitzig. Wenn Du über die Debatte, an der die „Streifzüge“ gescheitert sind, sagst: „Die Diskussion darüber ist schlagartig auf eine wahnwitzige Ebene geraten, auf der sich kein Ressentiment mehr erhellen und kein kritischer Gedanke mehr fassen lässt“, dann, so behaupte ich, drückst Du damit nicht nur das Versagen einer Seite, sondern auch etwas Objektives aus, das mit beiden Seiten zu tun hat; und nicht nur mit der Sache selbst, sondern auch mit der Sprache, in der sie beredet, und der Denkform, in der über sie gedacht wird. Wenn Du über die „Streifzüge“ sagst, sie wären ein „Kreis, in dem zwanghaft davon abgesehen wird, dass die islamistischen Selbstmordattentate antisemitischen Charakters sind, oder in dem eben das gleichgültig ist“, dann sagst du damit, wenn ich diese Äußerung auf den vorher zitierten Satz projiziere, dass eine solche zwanghafte Ausgrenzung durch die eine Seite eine ebenso zwanghafte Integration durch die andere Seite bewirkt, so dass also die Diskussion unfrei wird und auf die von Dir so genannte „wahnwitzige Ebene“ gerät.

Nun ist die Behauptung, beim Anschlag vom 11. September handele es sich um eine antisemitische Tat, ganz gewiß weder falsch noch richtig – und Ulrich Enderwitz, der sie in seiner Antwort auf Joachim Bruhns ISF-Text gutmütig für „falsch“ nimmt, sieht sich dadurch auf eine pragmatische oder politologische Ebene gezogen. Falsch kann die genannte Behauptung gar nicht sein, bedenkt man, dass, wer den modernen Antisemitismus behandelt, sich genötigt sieht, die gesamte Gesellschaft zu begreifen. Richtig kann sie aber auch nicht sein, da zwischen dem Anschlag – sortiert z. B. nach den guten Regeln der Grammatik: Ort, Zeit und Umstand, Subjekt und Objekt – und seiner Qualifizierung als antisemitisch so viele Vermittlungsglieder fehlen, dass das Urteil „richtig“ unvermeidlich zum Antagonisten dieser Vermittlungsglieder würde (ob sie nun per Abstraktion aus der Empirie des Anschlags heraus- oder per Konkretisierung aus der Antisemitismustheorie in diesen hineinwachsen), die dann als „falsch“ erscheinen müssten; was sie aber, wenn sie zugleich die Sache vermitteln, gar nicht sein können. Die Behauptung ist also weder falsch noch richtig; dann ist sie aber „wahnwitzig“.

Der Hinweis auf je mühselig erarbeitete, an anderer Stelle vorhandene und ausdrücklich genannte Vermittlungsglieder würde hier nicht weiterhelfen, da sie die angebliche Vermittlung als in Wirklichkeit pure Subsumtion, die Ermittlung aber als eine Quod-erat-demonstrandum- Beweisführung erweisen würde – für die ich persönlich mich übrigens morgens nicht einmal aus dem Bett, geschweige denn an den PC quälen würde -, für ein Verfahren also, das in der Tat mit Vermittlung nichts und auch nichts mit der Absicht einer Wahrnehmung und Formulierung von Veränderungen zu tun hat; dagegen geht es, so scheint es mir, um die Entlarvung scheinhafter Veränderungen der Erscheinungswelt durch die eine (stabile) Theorie.

Die Sache sähe übrigens auch nicht anders aus, wenn Du mit den von dir genannten „islamistischen Selbstmordattentaten antisemitischen Charakters“ jene in den USA und jene seitdem in Israel verübten Attentate unter einem Begriff zusammenfassen wolltest, wobei der Zusammenfassung selbst bereits eine wesentliche Beweisabsicht innewohnte. Auch in diesem Fall würde nicht nur über Differenzen bezüglich der „Grammatik“ der jeweiligen Anschläge, sondern auch über die fundamentale Differenz zwischen ihnen und dem Antisemitismusbegriff selbst so hinweggegangen, dass von einem Dienst an der Sache kaum gesprochen werden könnte.

Um den von mir gemeinten Wahnwitz von seinen psychologischen Konnotationen zu befreien und nach der Seite ein wenig zu beleuchten, nach der er mich wirklich schreckt und auch ganz persönlich – in meinen Hoffnungen auf Verständigung vermittels theoriegeleiteter Sprache – trifft, will ich versuchen, ihn als theoretischen Wahnwitz, als ein Schicksal also der Theorie zu bestimmen. Du weißt ja, dass ich in der Schule Philosophie unterrichte, und da werde ich von Schülern, die zum ersten Mal mit Philosophie zu tun bekommen, häufig gefragt – dann nämlich, wenn sie registriert haben, dass ich eine Äußerung gelten lasse und eine andere nicht -, was denn Philosophie sei. Ich antworte, mal mit mehr, mal mit weniger Talent, dass Philosophie bedeutet, für das, was man sagt, die theoretische Verantwortung zu übernehmen: ist eine Äußerung richtig, nicht nur so, wie man sie gemeint hat, sondern auch so, wie sie sich zu allen anderen Äußerungen verhält – jenen, die man selbst bereits getan hat und noch tun will, und jenen andern, ungebetenen, die seit undenklichen Zeiten da sind?

Nun wirst Du vielleicht sagen, dass Du ja nicht Philosophie, sondern Kritik betreibst. Aber Du wirst mir zugeben, dass Deine Kritik enorm viel mit Denken zu tun hat, und da frage ich mich – und hier schmeiße ich , Euch Kritiker‘ ganz sicher zusammen -, ob Du die Implikationen des Denkens und die historischen und systematischen Eigentümlichkeiten des Denkapparats, seine Logik und seine Tradition, eigentlich so sehr fürchtest, wie es bei einem solchen fürchterlichen Instrument angemessen wäre, das eben wie gesagt nicht nur seine eigene Logik, sondern auch seine eigene Geschichte hat, vielleicht sogar seine eigene formale Teleologie, die nur um den Preis des „Wahnwitzes“ durch eine andere, ethische oder politische, zu brechen wäre. In der , Theorie der Kritik‘ sieht dieses Brechen interessanter Weise genau umgekehrt so aus, als bekäme die Theorie die Oberhand über eine lächerliche und in ihrem Beste- hen auf Unterschieden kindisch anmutende Praxis: Obwohl der Anschlag vom 11. September wie ein, um das verwerfliche Wort zu benutzen,, ganz anderer Diskurs‘, eine wie immer verwerfliche und in allen technischen Einzelheiten dem Gegner abgelauschte antiimperialistische Tat wirkt, soll er , ein und derselbe Diskurs‘, nämlich eine antisemitische Tat sein, deren zentraleuropäische, deutsche Determination in allen ideologischen Einzelheiten bereits feststeht; man erkennt sie ja wieder und klopft beiläufig die abendländische, um nicht zu sagen deutsche Hegemonie fest, wenn nicht im Guten, dann wenigstens im Bösen. Der Preis, den die Theorie dafür bezahlt, dass sie die Oberhand bekommt, ist, dass sie „wahnwitzig“ wird: da die Wirklichkeit als wesentlich anders gesetzt wird, als sie erscheint, befinden wir uns ja längst mitten im Herzen der Metaphysik. Dann dürfen wir uns aber auch entweder gar nicht oder aber nur noch als Gläubige bzw. , da die Materie so verzwickt und nicht verallgemeinerungsfähig ist, als Eingeweihte äußern; und wenn wir uns zu letzterem bereit finden, dann müssen wir uns auch damit abfinden, immer nur wenige zu sein (was ja persönlich schmeichelhaft sein mag, aber mit den Standards der Wahrheit wahrhaftig schwer zu vereinbaren ist).

Vor dem Vorwurf des Rückfalls in vorkantische Metaphysik, in esoterisches Wissen und theoretische Geheimbündelei bewahrt auch weder die Berufung auf die Marxsche Analyse des Fetischcharakters der Ware noch die auf Adornos Analyse des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs. Ich würde vielmehr bestreiten, dass Marx und Adorno, indem sie eine verborgene Wahrheit ans Licht gezogen, diese in die Verborgenheit zurückgestoßen haben, und wenn doch, dann muss man sie eben nach ihren metaphysischen Momenten befragen. Ihr Befund formulierte ja durchaus das Offensichtliche, das lediglich einer subjektzentrierten Perspektive verborgen war – um das Offensichtliche zu sehen, hätte das Subjekt allerdings von sich absehen müssen! Heute bemüht sich die Gesellschaft mit aller Kraft, Adornos Diagnose den Vorwurfscharakter zu entziehen und ihre von ihm so genannte Verblendung als ein unproblematisches Verhalten ohne Referenzebene zu etablieren. Auch die theoretischen Nachfolger von Marx und Adorno sind von der verblendeten Gesellschaft mehr gezeichnet, als sie sich bewußt sind. Fasziniert von der Ohnmacht der Aufklärung, setzen sie die Wahrheit ins Geheimnis. Die Wahrheit kann nicht nur, sie muss jetzt verborgen sein, und sie ist nicht nur zufällig, sondern wesentlich verborgen.

Aufs Denken bezogen: seine Nähe zu Platonismus, Gnosis und Religion, zu Metaphysik und Manichäismus gilt, auch ohne dass diese Nähe näher bedacht wurde, als fraglos unproblematischer als eine mögliche Nähe, eine Kumpanei mit den herrschenden Verhältnissen; vielleicht sogar als bedeutend! Nur, das ist bei der Sache der Pferdefuß, ist die Theorie wesentlich verantwortlich für sich selbst; für sich, und nicht für Moral, Politik oder Religion, trägt der Theoretiker gegenüber allen Nichttheoretikern die Verantwortung. Ob sie dagegen auf praktischem Gebiet Weisheit verkündet oder Unsinn verzapft, das kann in der Regel auch ein Nichttheoretiker mühelos erkennen. Die Theorie, wenn sie sich denn unbefangen metaphysisch gibt, müsste sich also unbedingt für die Implikationen der Metaphysik interessieren und keineswegs nur auf die gebührende Distanz zum herrschenden Bewusstsein achten. Mag ja sein, dass sie, sofern sie sich als Kritik versteht, gegenüber diesem Bewusstsein tatsächlich allmächtig ist: kann die Kritik sich doch zu den ungeheuerlichsten Urteilen versteigen und ist darin tatsächlich souverän. Als Theorie aber ist sie abhängig und klein (so übrigens, wie es der Sachverstand, Verstand im Dienst von Sachen und Sachverhalten, wäre). Hier ist jeder Begriff, den sie vollmundig gebraucht, größer als sie selbst; droht er doch mit Implikationen, das heißt aber mit dem geballten Kontext des gesellschaftlich Gedachten.

Keine guten Auspizien, nicht wahr, für den Größenwahn, zu dem wir als Theoretiker von der ersten Stunde unserer universitären Randexistenz an erzogen wurden; aber prima Auspizien für die Theorie!

Zu dem Vorwurf von Subsumtionslogik und Metaphysik müsste ich, was Deinen Umgang mit Auschwitz betrifft, den des Ursprungsmythos hinzufügen. Ich will mich ganz kurz fassen. Aus unseren Debatten weißt Du, dass ich der Überzeugung bin, dass von der Ermordung der europäischen Juden durch den deutschen NSStaat, da sie eine genuin gesellschaftliche Praxis war, innerhalb der gesellschaftlichen Praxis kein Moment verloren gehen, sich, auf welche Weise auch immer, erledigen kann und dass deshalb, will das Denken sich nicht überhaupt marginalisieren, es selbst auch kein Moment davon vergessen oder zur Marginalie erklären darf. Das bedeutet aber nicht, dass man diesen Akt deutscher Barbarei – nicht zuletzt vermittels jener winzigen Verschiebung vom historischen Akt zum mythologischen Ort, deren wir uns, wenn wir von „Auschwitz“ sprechen, in einer intrikaten Mischung aus Verkürzung und Beschwörung ständig schuldig machen und die aus einer mörderischen Tat eine Quelle von Sinn macht – zum Ursprungs- und Fluchtpunkt aller Überlegungen machen darf, von dem man alles ausgehen läßt und auf den man alles zurückführt, durch den man sich legitimieren läßt und von dem man sich vampiristisch ernährt. Auschwitz vermittels der Gesellschaft zu erklären ist nicht dasselbe wie die Gesellschaft vermittels Auschwitz zu erklären. Im ersteren Fall muss man die Gesellschaft begreifen, sonst kann man Auschwitz mit ihr nicht erklären. Im letzteren Fall aber, und damit stellt sich dieser Ansatz als unhaltbar heraus, wird Auschwitz als selbst Unerklärliches aus dem Erklärungszusammenhang herausgenommen. Fortan wird es Erklärungen für anderes liefern – den 11. September zum Beispiel -; insofern es selbst aber erklärt wird, werden diese Erklärungen als Profanierung empfunden und zurückgewiesen, als Missachtung seiner ursprungsmythischen Macht.

Mir wäre erheblich wohler, ja ich wäre geradezu glücklich, wenn die von mir als solche empfundenen Sünden wider die theoretische Vernunft genau das wären, Sünden oder, wie ich es, wenn ich in besonders kruder Form oder gänzlich unvorbereitet darauf gestoßen werde, empfinde: ein mißbräuchlicher Umgang mit dem Denken. Wie gesagt, wenn es so wäre, wäre ich geradezu erleichtert. Es drängt sich mir aber, je mehr ich mich notgedrungenermaßen mit meinem Ärger über die Neuauflage der Golfkriegsdebatte in Gestalt der 11. -September- Debatte und über die Bekenntnisfreudigkeit der Intellektuellen auseinandersetze, der Eindruck auf, dass die von mir so bezeichneten Sünden wider den Geist in Wirklichkeit die Sündhaftigkeit des Geistes selbst sind. Der läßt sich, so scheint es mir, bald da, bald dorthin treiben, läßt sich durch je Einzelnes verführen – durch die wunderbare Festigkeit zum Beispiel, die ein radikalisierter Standpunkt verleiht, die wunderbare Schuldlosigkeit. Er läßt sich freilich nicht dank seiner Schwäche verführen, vielmehr dank seiner Stärke, dank seines theoretischen Eigengewichts, das ihn, wie man will, zwingt oder ihm gestattet, sich selbst, das ihm immanente System, zur Geltung zu bringen, und das dafür sorgt, dass jede noch so schwachsinnige Entscheidung, wenn sie denn erst einmal ins theoretische System gebracht ist, das Ganze enthält und dieses wiederum seine eigenen Fehler ausbalanciert. Da bleibt vom gewaltigen Unterschied zwischen Ursprungsmythos und Vermittlung oder bestimmter Negation dann nicht viel mehr übrig, als dass dasselbe vom einen so und vom andern so gemacht wird; am Selben, das ja das gesellschaftliche Ganze ist und von der Theorie nicht erfunden wird, kann weder die eine noch die andere Position etwas ändern.

Wo läge also der Dissens?

Die Wut käme wie immer aus der Nähe. Sie rührte aus der Tatsache, dass wir, die jeweiligen Kontrahenten, mit ein und demselben beschäftigt sind ( wobei hier das , Mit‘, die gesellschaftliche Reflexion, vielleicht entscheidender ist als das , Womit‘, die gesellschaftlichen Verhältnisse). Dadurch wären wir in die Position unmittelbarer Gegensätze gerückt und könnten uns, so wie wir es ja empfinden, gegenseitig nur auslöschen, im Grunde also auch gar nicht diskutieren. Da dieser Gegensatz aber ein unmittelbarer Gegensatz ist (siehe Hegel), der mit Reflexion genau nichts zu tun hat, haftet der Konfrontation zugleich etwas Peinliches an, so als ginge es nicht bloß um theoretische, sondern zugleich um praktische, ja um private, und nicht um erwachsene, sondern um infantile Gegensätze. In deren Sinn wäre es aber, wenn man aufhörte, sich bloß theoretisch zu bekämpfen, und sich endlich auch praktisch an die Gurgel ginge. Genau das aber wäre peinlich, wenn auch dem Affekt angemessen. Die beständige sekundäre Verarbeitung des unmittelbaren Gegensatzes und des ihm zugehörigen Affekts ist sicherlich die psychologische Quelle von „Wahnwitz“.

Der Dissens aber käme aus der Verschiedenheit. Auch wenn man den Eindruck hat, dass jetzt wie seinerzeit schon beim Golfkrieg in vielen Fällen Solidarität aufgekündigt wird und intellektuelle Freundschaften begraben werden, das , Tischtuch‘ also , zerschnitten‘ wird, so ist im Gegenteil der Schluß zu ziehen, dass der manifeste Konflikt, das rituelle Zerschneiden, die eigentliche Webart des Tischtuchs ist: Genötigt sei’s von der Dramatik der Verhältnisse, sei’s von der durch sie bewirkten Wahrnehmung der eigenen Marginalität geben es die Intellektuellen auf, zufällig und gleichgültig, auch in illusionärer Harmonie nebeneinanderher zu existieren. Sie treten entschlossen zusammen, um in diesem Moment und allererst dadurch zu erkennen, wie verschieden sie sind. Es ist der Augenblick, wo sie feststellen könnten: wir haben ja gar nichts miteinander zu tun! Stattdessen sagen sie ausführlich einer zum andern: halt’s Maul. Offenbar ist die Gemeinsamkeit unserer heutigen depravierten intellektuellen Existenz größer und zwingender als die jeweilige intellektuelle Verschiedenheit, die es uns ermöglichen würde auseinanderzutreten. Sie, die Gemeinsamkeit, in unmittelbaren Auseinandersetzungen auszudrücken, die auf Auslöschung zielen, scheint daher das vorrangige Bedürfnis.

Herzliche Grüße nach Wien!

Ilse Bindseil, Berlin, den 21.12.01

Anmerkungen zu Gerhard Scheit „Kososvo und Auschwitz“ (Streifzüge 2/2001)

Dem kategorischen Imperativ [Adornos] gemäß wäre aber die Universalisierung als eine zweischneidige Befreiung von Auschwitz zu denken, eine, die zwar das Massenmorden beendet hat, aber zugleich die Voraussetzungen dafür bewahrt, dass es sich wiederholen kann. Dem Imperativ gemäß zu denken hieße: jeder Zeit damit zu rechnen, dass die Einheit von Universalisierung und Sonderform ein neues Auschwitz hervorbringt. “

Damit ich vom ersten Satz einen Weg zum zweiten finde, muss ich zum einen das von Adorno und zum andern das von mir Gemeinte an jeweils einem Punkt klarstellen bzw. ergänzen. Adornos kategorischer Imperativ bezieht sich auf das Tun: „… alles zu tun, damit Auschwitz nicht sich wiederhole.“ Er bezieht sich nicht auf das Begreifen von Auschwitz; vielleicht, möchte ich behaupten, bezieht Adorno sich hier bewusst nicht aufs Begreifen, weil der Imperativ die durch ihn suggerierte Bedingung der Möglichkeit einer richtigen Praxis nur durch ein gewisses Nichtbegreifen überhaupt aufrechterhalten kann. Als Imperativ sagt er ja: Was auch immer sonst der Fall sein mag, das hier, dies Herausisolierte – also unerkennbar Gemachte – wollen wir verhindern!

Was mich betrifft: Die Universalisierung, die von Auschwitz zweischneidig befreit hat, hat die Voraussetzungen für ein neues Auschwitz nicht bewahrt, sondern neu geschaffen: als jene symbiotische „Einheit von Universalisierung und Sonderform“, zu der die äußerliche Konstellation, in der die universalistischen Befreier von Auschwitz letzterem als der extremsten Form des deutschen Sonderwegs gegenüberstanden, gediehen ist. Innerhalb dieser Einheit sind die verfolgten Menschenrechte zugleich die verfolgenden Menschenrechte, die Schwachen, um deretwillen man eingreift, dank einer wundersamen Verdoppelung, die das Signum der modernen Eingreifsituationen ist, zugleich die Starken. Hunderttausendmal ist diese Verdoppelung in den Vernichtungslagern erträumt worden, oder, um ehrlich zu sein: zumindest niemand von denen, die sich in die Dokumente und Zeugnisse über die Vernichtungslager hineingedacht haben, hat umhin gekonnt, von dieser Verdoppelung zu träumen. Die Realität, die die Erfüllung des Wunsches gewährt, die das Böse als besiegbar, das Unbeherrschbare als beherrschbar vorführt, ist freilich selbst unbeherrschbar und böse.

Das hört bei der kalauerhaften – nicht nur phantasievoll auszudenkenden, sondern faktisch zu beobachtenden – Zuspitzung auf, dass, wer sich auf die Nato bezieht, dies durch ein Szenario bewerkstelligt, das dem durch die zivilisatorische Verarbeitung von Auschwitz geschaffenen Schema möglichst nahe kommt und die im antinazistischen Unterricht eingeübten Reflexe auslöst; siehe Afghanistan. Das Trauma, das zum Ausstieg führte – dergestalt, dass man sagte: Nie wieder! -, wird so zur Einstiegsdroge. Was folgt, ist die wirkliche Geschichte, eingesperrt in den Versuch, wieder auszusteigen. Allenfalls der reflexive Schlußpunkt – „Wären wir doch nie eingestiegen! “ – hat wieder einen Bezug zur Phantasie.

Es fängt aber an – die kalauerhafte Gegenwart lehrt es – bei den universalistischen Momenten des deutschen Sonderwegs selbst. Die fixe deutsche Idee, das Judentum auszurotten, enthielt und entwickelte universalistische Momente der Identifizierung und Verfolgung, die dem antisemitischen Unsinn, das ausgemacht Besondere, folglich Auszusondernde sei das Weltjudentum, zur Wirklichkeit verhalfen. Was der zivilisierte Universalismus heute mit Befriedigung konstatiert, dass kein Übeltäter sich mehr in Sicherheit wiegen kann, das hat der deutsche Sonderweg an den Juden exekutiert. An der westeuropäischen NSGeschichte, die, anders als die osteuropäische, im westdeutschen Bewußtsein Spuren hinterlassen hat, ist vielleicht nichts so traumatisch wie das Schicksal jener in vermeintlich sichere Länder entflohenen Juden, die vom deutschen Nazismus eingeholt wurden, nach dem Motto: wir vergessen niemanden, und wir kriegen alle. Es ist undenkbar, dass ein solches Motto sich von seinen eigenen Bestimmungen emanzipiert. Seine Antagonisten wären allenfalls Vergeßlichkeit und Schlamperei, nicht jedenfalls die jeweils richtige Bestimmung des Bösen.

Als der Universalismus – in der brüchigen Gestalt, die damals die atlantischen Mächte und die Sowjetunion zu Alliierten machte – Auschwitz befreite, hatte er wie gesagt die teuflischste Verkörperung des deutschen Sonderwegs vor sich. Geblendet von dem, was er sah, geblendet zweifellos auch vom Wunder der „Alliierung“, übersah er das Universalistische im Besonderen. In der systematischen Ausschlachtung des Vernichtungsapparats, dem Export des know how und der Täter, der Umwertung der Zurückbleibenden an der Frontlinie zum kommunistischen Gegner, wurde das wahrhaft Universale der deutschen Besonderheit praktisch, freilich nicht theoretisch begriffen. Nicht die subversive Verfolgung deutscher Sonderinteressen im Schutz des Universalismus, sondern die Tatsache, dass der deutsche Sonderweg bereits dank seines eigenen Universalismus ein integraler Teil des letzteren ist, ist der entscheidende Grund dafür, dass wir, auch wenn wir gar nichts begreifen, schon die Ankündigung, die Menschenrechte verteidigen zu wollen, heute als eigentümlich bedrohlich empfinden, so als wäre die Substanz, um die es da geht, regelrecht vergiftet.