Totalität und Krise des Kapitals

Zur Kritik des Totalitarismus-Begriffs

Streifzüge 4/2000

von Gerhard Scheit

Hannah Arendt hat sich erst relativ spät entschlossen, in ihr Buch über die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft den Stalinismus überhaupt einzubeziehen. Das Buch erschien 1951, die ersten Überlegungen, die Sowjetunion der totalen Herrschaft zu subsumieren, stammen aus dem Jahr 1947. Die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus geschah dann aber, als gälte noch immer der Hitler-Stalin-Pakt: etwa wenn Hannah Arendt schreibt, daß die Nazis „sich niemals gescheut“ hätten,   „ihre Bewunderung und Sympathie für die bolschewistischen Gegner öffentlich kundzugeben“ und mit keinem Wort die Identifizierung der bolschewistischen Führer mit den Juden erwähnt, die der ganzen NS-Ideologie von allem Anfang bis zum letzten Tag des Zweiten Weltkriegs zugrunde lag[1] – und nur in der kurzen Phase des Pakts mit Stalin, und da auch nur zum Teil – außer Kraft gesetzt wurde.

Hannah Arendt geht prinzipiell von der strukturellen Gleichheit der nationalsozialistischen und der stalinistischen Ideologie aus: „In jedem Fall wird es praktisch, nämlich für die politische Struktur totaler Herrschaftsapparate, von nicht allzu großem Belang sein, ob sie die Massen im Namen der Rasse oder der Klasse, mit Hilfe des Lebens- und Naturgesetzes oder des dialektisch-materialistischen Gesetzes der Geschichte organisieren. „[2] Daß jedoch durch rassistische und antisemitische Identifikation die Massen ganz anders organisiert sind als durch klassenmäßig-materialistische Zuordnung, bestätigt Arendt indirekt selbst, wenn sie Stalins Versuche hervorhebt, von Hitler in Sachen Antisemitismus zu lernen, und dabei festhält, daß eine fiktive Weltverschwörung nach Art der antijüdischen Ressentiments „sich viel besser zur Hintergrundideologie für totalitäre Weltherrschaftsansprüche eignete als die Wall-Street, der Kapitalismus oder der Imperialismus. „[3] Der Frage, warum sie sich besser eignete, weicht Arendt hier jedoch konsequent aus. [4]

In dem Kapitel über die Konzentrationslager wird von der Lage der Juden gesprochen, um etwas zu exemplifizieren – zunächst „die Einteilung der Insassen der Lager in Kategorien“: diese sei „nur eine taktisch-organisatorische Maßnahme für die Verwaltung der Lager“. [5] Warum ausgerechnet die Juden in den deutschen Lagern „zuunterst“ standen, nicht aber in den sowjetischen, wird auf seltsame Weise erklärt. Arendt stößt zwar auf den Unterschied, daß in nicht-nationalsozialistischen Konzentrationslagern die Einteilung der Insassen stets schwankte und immer wieder umgeworfen wurde, so daß „niemand genau wissen konnte, ob es besser oder schlechter war, zu der einen oder anderen Kategorie zu gehören“ – war doch die Einteilung auch erfunden worden, um Solidarisierung zwischen den Insassen zu verhindern -, während in den deutschen Lagern diese Einteilung eindeutig festgelegt war und jeder genau wußte, ob es besser oder schlechter war, zu der einen oder anderen Kategorie zu gehören. Wie aber begründet Arendt diese Differenz? In Deutschland sei dem Ganzen „ein Schein von Solidität dadurch gegeben“ worden, „daß die Juden ein für allemal und unter allen Umständen die unterste Kategorie darstellten. „[6] Mit dieser wirklich hanebüchenen Erklärung wird hier ausgeblendet, daß die Kategorie, die den Juden ein für allemal vorbehalten wurde, nicht einen bestimmten Stellenwert, nicht eine bestimmte Stufe einer hierarchischen Ordnung, die zum Zwecke der Verwaltung und Entsolidarisierung erfunden worden ist, bedeutete, sondern ganz einfach Vernichtung.

Die Lage der Juden im Nationalsozialismus dient Hannah Arendt aber noch als Beispiel für etwas anderes: die „Zweckwidrigkeit“ der Lager und des Terrors. Auch hier wird sogleich von der konkreten Lage der Juden abstrahiert, um die Zweckwidrigkeit ebenso für die stalinistische Herrschaft verallgemeinern zu können. [7] Der Begriff selbst ist allerdings zwiespältig: denn die zweckwidrigen Lager, wie Arendt sie begreift, stehen offenbar doch in irgendeinem Interesse des totalitären Staats: er braucht sie, wenn dafür auch kein nationalökonomischer Zweck gefunden werden kann; er benötigt Lager und Terror gewissermaßen existentiell –  zur „Transformation der menschlichen Natur“; [8] ein Zweck dieser Transformation jedoch läßt sich nicht fassen.

Hannah Arendt kann also das, was sie als totale Herrschaft begreift nicht mehr in den überlieferten Kategorien denken – etwa in den Begriffen der Zweck-Mittel-Rationalität, wie sie Machiavelli für die Politik formuliert hat; oder in denen des Klassenkampfs, wie sie im Marxismus-Leninismus ausgeprägt worden sind. Es findet aber in dieser Theorie über die Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft eine eigenartige Übertragung statt, was das Verhältnis von Staat und Kapital betrifft: Ist im Kapitel über Imperialismus noch vom Kapital und vom „Bündnis zwischen Kapital und Mob“ die Rede, so ist das Kapital in dem Abschnitt über totale Herrschaft plötzlich spurlos verschwunden und es wird vom „Bündnis zwischen Elite und Mob“ gesprochen. Offenkundig teilt das Kapital in der Vorstellung Arendts das Schicksal der Klassengesellschaft, deren Untergang sie präzise beschreibt. Hannah Arendt betrachtet damit das Kapitalverhältnis scheinbar ganz traditionell marxistisch als Verhältnis zweier Klassen, die gegeneinander um den abgeschöpften Mehrwert kämpfen, das heißt aber: sie begreift es nicht als jenes fetischisierende Verhältnis von Warensubjekten, das alles verkehrt und notwendig falsches Bewußtsein produziert; als jene reale Metaphysik oder Religion des Alltagslebens, wie es Marx in der Wertformanalyse des Kapitals dargelegt hat. Über dieses Verhältnis aber denkt Hannah Arendt ausgerechnet dann nach, wenn sie nicht vom Kapital spricht, sondern vom totalitären Staat; wenn sie die Zweckwidrigkeit des Terrors und die „Transformation der menschlichen Natur“ durch den totalitären Prozeß[9] festhält: als wäre das Kapital, wie Marx es analysiert hat, in diesen Staat, wie Arendt ihn darstellt, gefahren.

Staatssubjekt Kapital

Nun gab es, ehe Arendt ihr berühmtes Buch schrieb, bereits eine Fülle von Gedanken zum Verhältnis von Kapital und Staat im Faschismus, Nationalsozialismus und im „Sozialismus in einem Land“, wie Stalin den Stalinismus nannte. Als Heinz Langerhans 1934 in Untersuchungshaft wegen Landesverrats an dem eben gegründeten Dritten Reich einsaß, zerbrach er sich den Kopf darüber, welche Macht ihn da einsperren ließ und formulierte schließlich thesenhaft einen neuen Begriff von der Totalität des Kapitals: „Die Weltkrisen haben Kapital und Staat, jene beiden Seiten des gesellschaftlichen Grundverhältnisses zu einem einzigen Schutzpanzer eingeschmolzen, um deren Fortbestand zu sichern. Aus dem automatischen Subjekt Kapital mit dem Garanten Staat als besonderem Organ ist das einheitliche Staatssubjekt Kapital geworden. Der Staat ist heute mehr als der bloß , ideelle‘ Gesamtkapitalist, was in seinen vermehrten Funktionen zum Ausdruck kommt  (… )  Das Staatssubjekt Kapital erzwingt sich das Monopol auf Klassenkampf. Die Zerschlagung aller Klassenorgane der Arbeiter ist seine erste Tat. Eine rücksichtslose soziale Pazifizierungsaktion mit dem Zweck der , organischen‘ Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit in den neuen Staat wird eingeleitet. (… ) Das Staatssubjekt Kapital organisiert den inneren Markt, reguliert – ein nationales , Generalkartell‘ – die Preise und verschärft damit zugleich die internationale Konkurrenz. (… ) Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Krisenüberwindungskampagnen der neuen monopolistischen Staatswirtschaften zugleich den Charakter von Rüstungsmaßnahmen haben. Mehr und mehr ist die Rüstung Inhalt gerade der vorwärtstreibenden industriellen Energie (Motorisierung, Flugwesen, Chemie etc. ). In großem Maßstabe, in Produktionsplänen auf weite Sicht wird explosives Material gehäuft und gestapelt. Ebenso ist die soziale Pazifizierungsaktion Kriegsvorbereitung. „[10]

Dabei konzentriert sich Langerhans zwar auf den Nationalsozialismus, nimmt darin aber eine globale Tendenz von Staat und Kapital wahr; ja er bezieht sogar den Umbau in der Stalinschen Sowjetunion mit ein, so daß es sich bei dem, was hier 1934 in Untersuchungshaft auf Zigarettenpapier geschrieben und aus dem Gefängnis geschmuggelt worden ist, um eine der frühesten, wenn nicht überhaupt die erste Totalitarismustheorie auf der Grundlage des Marxschen Kapitals handelt: „Es bleibt unauslöschbarer Ruhmestitel der russischen Oktoberrevolution, daß in ihrer ersten, heroischen Phase die russischen Revolutionäre dennoch den Versuch machten, ihre russische Revolution als die beginnende Weltrevolution voranzutreiben. (… ) Es siegte nicht einfach die bürgerliche Konterrevolution gegen die Arbeiterrevolution, sondern die nationale Beschränkung der revolutionären Kämpfe, ihre übergreifend nationale Entstehungsgeschichte und Aufgabe behaftete von vornherein auch die , russische‘  Revolution mit dem Elemente der Konterrevolution. Jeder nationale Sieg der Revolution war als ein solcher bereits konterrevolutionär. Daran ändert sich auch nichts, wenn man die Serie nationaler Revolutionen der gegenwärtigen Periode als die , permanente Revolution‘ interpretiert und den ideologischen Schein der proletarischen Weltrevolution darüber gießt. „[11]

Dennoch erwartete sich Langerhans gerade in der Phase des Staatssubjekts Kapital eine wirkliche proletarische Weltrevolution, sieht „mit dem Heraufziehen des 2. Weltkrieges eine zweite weltrevolutionäre Situation in den Gesichtskreis“ treten: „Im zweiten Weltkrieg wird offenkundig werden, daß es nur ein überzeugendes Programm gibt: die Weltordnung der Arbeit, und daß die Befreiung der Arbeiter die Voraussetzung ihrer Verwirklichung ist. Gelingt es aber dann den Arbeitern nicht, sich ihre Freiheit zu erkämpfen, so wird die herrschende Klasse die neuen Herrschaftsmittel, die sie heute in nationalem Umfang gebaut hat, auf Trümmern und Blut international ausbauen und die Produktivkräfte noch schärferer Dressur unterwerfen. „[12]

Der Glaube ans Proletariat, der noch stark von der privilegierten Stellung der Arbeiter im Verdinglichungskapitel von Georg Lukács‘ Geschichte und Klassenbewußtsein geprägt sein dürfte, [13] dieser bereits von Zweifeln angenagte Glaube, mit dem auch die herrschende Klasse als Kontrahent wiederaufersteht, befindet sich hier allerdings in offenem Gegensatz zur Erkenntnis, daß der Kapitalteil Lohnarbeit dem Staatssubjekt Kapital bereits , organisch‘ eingefügt worden ist, Kapitalisten und Arbeiter also zu einem einzigen Schutzpanzer, zum Staatssubjekt Kapital eben, eingeschmolzen sind. In einem Punkt freilich hat Langerhans auch an dieser Stelle recht: „Kein Kautsky und keiner seiner russischen Schüler kann ihnen [den Arbeitern] jetzt noch , von außen‘ zuflüstern wollen, was eigentlich ihre , geschichtliche Mission‘ sei. Kein Bernstein und keiner seiner englischen Lehrer kann ihnen noch die Einordnung in den Staat als , Hineinwachsen in den Sozialismus‘ interpretieren. „[14]

Während jedoch die späteren Totalitarismustheorien die totale Herrschaft auf die Sowjetunion und den Faschismus bzw. Nationalsozialismus beschränkt wissen wollen, nimmt Langerhans die Vereinigten Staaten, das sich abzeichnende New Deal-Programm Roosevelts nicht unbedingt aus, wenn er von der Entstehung des Staatssubjekts Kapital spricht[15] – und bezieht vor allem auch die japanische Entwicklung ein, so daß er das Zentrum eines kommenden zweiten Weltkriegs im pazifischen Raum verortet: „Die Konfliktanlässe sind ohne Zahl, der wichtigste ist die japanische Expansion im fernen Osten, dem zentralen Brennpunkt des zweiten Weltkrieges. So bereitet sich, teils in bewußter Planung, teils hinter dem Rücken der Beteiligten der 2. Weltkrieg vor. „[16]

Der Gedanke, daß die Kriegsvorbereitung teils in bewußter Planung, teils hinter dem Rücken der Beteiligten vor sich geht, ist wie der Keim eines neuen Krisenbegriffs, mit dem die Vorgänge des „einunddreißigjährigen Kriegs“ (Hobsbawm) reflektiert werden können. Was Marx in der Kritik der politischen Ökonomie über den Fetischcharakter von Ware und Kapital festgehalten hat, gewinnt in neuer Weise Bedeutung für die Kritik von Staat und Politik. „Sie wissen das nicht, aber sie tun es“, heißt es von den Warensubjekten, die im Austausch ihre verschiedenen Produkte und damit ihre Arbeiten als Werte gleichsetzen. „Es steht daher dem Werte nicht auf der Stirn geschrieben, was er ist. Der Wert verwandelt vielmehr jedes Arbeitsprodukt in eine gesellschaftliche Hieroglyphe. „[17] Sie wissen das nicht, aber sie tun es, läßt sich nun von den Staatssubjekten sagen, die im Krieg ihre verschiedenen Krisenüberwindungskampagnen gegeneinander setzen. Und die Krise des Werts verwandelt jeden Staat in eine gesellschaftliche Hieroglyphe. Allerdings zieht Langerhans selbst – wohl aufgrund seiner aufs Proletariat gesetzten Hoffnungen – nicht in Erwägung, daß die Beteiligten auch dann, wenn der Prozeß hinter ihrem Rücken abläuft, mit ihm sich dennoch vollkommen identifizieren können, ja gerade darin ihr eigentliches Fetisch-Bewußtsein als Staatsbürger, ihr Nationalbewußtsein, gewinnen.

Leviathan oder Behemoth?

Karl Korsch, der das Manuskript von Langerhans erhielt, und in englischer Übersetzung in der amerikanischen Zeitschrift International Council Correspondence (8/1935) publizierte und kommentierte, erkannte merkwürdigerweise wenig vom hellsichtigen Charakter der Langerhansschen Thesen. In einem Punkt allerdings ist er differenzierter als Langerhans – und der betrifft die Gleichsetzung von Sowjetunion und Nationalsozialismus[18] – aber gerade das führt ihn in die Irre: Ausdrücklich werde von Langerhans erklärt, „daß zwischen solchen verschiedenen Formen und Graden der Verschmelzung von Staat und Kapital wie einerseits dem , bolschewistischen Staatskapitalismus‘, andererseits der faschistischen , systematischen Intervention‘ und der nationalsozialistischen , Wirtschaftssteuerung‘ kein Unterschied prinzipieller Natur vorhanden sei. In Wirklichkeit wird mit dieser Gleichstellung geschichtlich entgegengesetzt gerichteter Entwicklungen und mit der ganzen ihr zugrunde liegenden undialektischen Einschätzung der ökonomischen und politischen Möglichkeiten eines grundsätzlich im kapitalistischen Rahmen verbleibenden faschistischen oder nationalsozialistischen Staates die geschichtliche Leistung und Leistungsfähigkeit, damit zugleich die Angriffs- und Verteidigungskraft der heute triumphierenden faschistisch-nationalsozialistischen Konterrevolution in ungeheurer und für die Entwicklung der proletarischen Gegenbewegung schädlicher Weise überschätzt. „[19]

Korsch vermag kaum anzugeben, worin die Entwicklungen im bolschewistischen Staatskapitalismus und im kapitalistischen Nazifaschismus entgegengesetzt sind. Die größere Differenziertheit hat darum einen eher hypothetischen Charakter und verführt Korsch dazu, das Vernichtungspotential des Nationalsozialismus zu unterschätzen. Sie verstellt ihm nicht zuletzt die Sicht auf den nahenden Weltkrieg, den Langerhans als Resultante des Staatssubjekts Kapital prophezeien kann. Korsch nimmt vielmehr an, daß die faschistische, nationalsozialistische Lösung der Krise schon im nationalen Rahmen scheitern werde; daß sie sich, noch ehe die äußere Konkurrenz eskaliere, „innerhalb der Produktion und im rein nationalen Maßstabe vom ersten Schritt an in immer neue, immer schärfere Widersprüche“ verwickeln würde. [20]

In gewisser Weise wiederholte sich die Debatte von Korsch und Langerhans – aber unabhängig von ihnen[21] – innerhalb der Kritischen Theorie, also im engeren Kreis der Intellektuellen des emigrierten Instituts für Sozialforschung. Hier entwickelte Friedrich Pollock die These vom Staatskapitalismus. Bereits 1932 schrieb Pollock über die Wirtschaftskrise: „Was zu Ende geht, ist nicht der Kapitalismus, sondern nur seine liberale Phase. Ökonomisch, politisch und kulturell wird es in Zukunft für die Mehrzahl der Menschen immer weniger Freiheiten geben. „[22] Allerdings herrschte zunächst im Umkreis des Instituts für Sozialforschung die Meinung vor, daß die „internationale Solidarität der Kapitalisten einen Krieg unmöglich machen würde“, so Franz Neumann rückschauend in einem Brief an Horkheimer vom 23.7.1941. [23] Was Pollock dann jedoch nach Kriegsbeginn unter dem Begriff Staatskapitalismus formulierte, kommt der frühen Langerhansschen Theorie vom Staatssubjekt Kapital schon etwas näher. Aber noch immer wird der Stellenwert von Rüstung und Krieg viel zu gering eingeschätzt und seltsam doppelbödig begründet: „If our assumption is correct that totalitarian state captalism will not tolerate a high standard of living for the masses and cannot survive mass unemployment, the consequence seems to be that it cannot endure in a peace economy. „[24] Ein hoher Lebensstandard scheint hier für den Erhalt totalitärer Herrschaft mindestens so gefährlich wie eine hohe Arbeitslosigkeit. Nur mehr indirekt ist damit jener Zusammenhang hergestellt, der bei Langerhans im Vordergrund steht: der zwischen totalitärer Herrschaftsform und kapitalistischer Krise. Die doppelbödige Begründung hängt aber vor allem damit zusammen, daß Pollock begonnen hat, zwischen demokratischer und totalitärer Form des Staatskapitalismus zu unterschieden und im Nationalsozialismus die größte Annäherung, die weitestgehende Verwirklichung des Totalitarismus verwirklicht sieht. So geht er davon aus, daß ein höherer Lebensstandard die Massen in Deutschland dazu veranlassen würde, die totalitär Herrschenden zu stürzen und einen demokratischen Staatskapitalismus zu errichten. Um dies zu verhindern, brauchen seiner Meinung nach die Nazis den Krieg, während die demokratische Form des Staatskapitalismus auf ihn verzichten könne, solange nicht Gefahr von einem fremden, totalitären Staat drohe. Und diese Gefahr drohte tatsächlich gerade wie nie zuvor für die Vereinigten Staaten.

Pollock bringt am deutlichsten die Wende des Instituts für Sozialforschung zum Ausdruck: soweit dessen Hauptvertreter bereit waren, der US-amerikanischen Demokratie einen neuen, positiven Stellenwert zu geben, suchten sie auch kritischen Anschluß an die entstehenden Totalitarismustheorien, [25] die auf eine manichäische Trennung von Demokratie und Totalitarismus hinausliefen. Pollocks Aufsatz endete mit der Annahme: „society on its present level can overcome the handicaps of the market system by economic planning. Some of the best brains of this country are studying the problem how such planning can be done in a democratic way (… ). „[26]Damit ist systematisch ausgeklammert, daß es einen Zusammenhang zwischen dem verspäteten Erfolg von Roosevelts Reformprogramm und der in diesem Ausmaß unfreiwilligen, nämlich von Deutschland und Japan erzwungenen Umstellung von Wirtschaft und Staat auf Rüstung und Krieg geben könnte – ein Zusammenhang, der unterm Gesichtspunkt von Langerhans‘ Staatssubjekt Kapital evident ist.

Aus Pollocks New Deal-Optimismus folgt aber auch ein Pessimismus, was die Situation in Deutschland betrifft: denn auch hier ist ja nach seinen Prämissen davon auszugehen, daß der Staatskapitalismus an sich funktionieren kann, die Aufhebung der Klassengesellschaft erfolgreich durchgeführt ist. Nahezu alle wesentlichen Merkmale des Privateigentums seien von den Nazis beseitigt worden, das Profitmotiv sei zwar nicht völlig verschwunden, aber werde „vom Machtmotiv überlagert“; [27] die Nationalsozialisten hätten auf ihre totalitäre Weise den „Primat der Politik“ durchgesetzt. Freilich wäre in Deutschland genauso gut eine demokratische Form des Staatskapitalismus möglich gewesen und auch weiterhin möglich[28] – und so argumentiert Pollock ganz im Sinne einer zukünftigen amerikanischen Besatzungspolitik.

Franz Neumann wiederum nimmt gegenüber Pollock eine ähnliche Position ein, wie Korsch gegenüber Langerhans: er bestreitet, daß es sich um eine neue Form von Kapitalismus handle: für ihn ist allein schon der Begriff Staatskapitalismus eine „contradictio in adjecto“. [29] Während Pollock das Problem von der Fragestellung her betrachtet, ob die Planung funktioniere, also eher aus einer bürokratischen Perspektive, argumentiert Neumann mehr vom Standpunkt des Klassenkampfs aus. Daß der „Primat der Politik“ keineswegs durchgesetzt sei, versucht Neumann mittels empirischer Untersuchungen über die deutsche Wirtschaft zu belegen. Er bezweifelt die Stabilität von Staat und Gesellschaft im Nationalsozialismus, ist vielmehr davon überzeugt, daß die Widersprüche des kapitalistischen Systems sich in Deutschland auf einer höheren und deshalb gefährlicheren Ebene auswirkten, auch wenn sie durch einen bürokratischen Apparat und Volksgemeinschafts-Propaganda verdeckt seien. [30] In Rassismus und Antisemitismus sieht er wie fast alle Arbeiterbewegungsmarxisten eine Art Ablenkungstrick der Herrschenden und vertraut ganz auf die Rationalität der Arbeit: „Der tiefgreifendste Konflikt wird sich aus dem Widerspruch des magischen Charakters der Propaganda zur vollständigen Rationalität und Entpersönlichung der Gesellschaft entwickeln. Der Produktionsprozeß ist nicht magisch, sondern rational. Veränderungen im Produktionsprozeß werden nicht durch das Berühren von Fahnen oder Sprechen zeremonieller Worte erzeugt, sondern durch Arbeit. Sie geschehen nicht einfach, sondern werden vom Menschen geschaffen. „[31] Neumann analysiert den Nationalsozialismus, als hätte er nie das Marxsche Kapital gelesen, worin doch gerade das Magische in der Rationalität und Entpersönlichung der Gesellschaft offengelegt und am Warencharakter und an der Arbeit selbst als abstrakter dingfest gemacht wird; wonach die Menschen also nur schaffen können, was vom automatischen Subjekt des Kapitals verlangt wird.

Auf der einen Seite hält Neumann am alten Begriff der Klassengesellschaft fest und schreibt, es bestehe in Hitlerdeutschland weiterhin objektiv ein tiefer Gegensatz zwischen den „Herrschenden und Beherrschten“, und ob er zum offenen Ausbruch kommen werde oder nicht, könne niemand sagen. Andererseits aber geht er doch über das traditionelle Staatsverständnis und auch über Pollocks einfache Unterscheidung zwischen totalitärem und demokratischem Staatskapitalismus hinaus. Der NS-Staat nämlich sei „ein Un-Staat, ein Chaos, ein Regime der Gesetzlosigkeit und Anarchie“, [32] für den nicht der politische Begriff des Staatskapitalismus, sondern der Name des biblischen Ungeheuers Behemoth passe, mit dem schon Hobbes den englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts betitelt hatte (im Unterschied zu Leviathan, mit dem das andere Ungeheuer, die von Hobbes durchaus geschätzte absolutistische Ordnung – also das notwendige, praktikable Monster – gemeint war). In Neumanns Auffassung handelt es sich beim Nationalsozialismus nicht eigentlich um einen Staat, sondern gewissermaßen um eine Koalition totalitärer Körperschaften, die sich jeweils ad hoc arrangierten. Was die Existenz diese „Un-Staats“ über alle Widersprüche und Klassenabgründe hinweg ermöglicht, welche Kräfte die nationalsozialistische Gesellschaft also dennoch zusammenhalten, darüber gibt Neumann kaum Auskunft, erwartet er doch wie Korsch entweder den baldigen Sturz des Regimes durch den Aufstand der Unterdrückten oder eine Art Hinüberwachsen ins sowjetische System, das er ebenfalls nicht als Staatskapitalismus, sondern als eine Diktatur der Managerbürokratie begreift. [33]

Reflexion auf die Voraussetzungen für die fortdauernde Existenz des „Un-Staats“ mußte schließlich Neumanns Begriffe von Klassengegensatz und Rationalität zumindest an einem Punkt in Frage stellen. Hatte Neumann 1942 geschrieben, daß der Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung schon vor dem Nationalsozialismus nicht festen Fuß hätte fassen können und mittlerweile manche „Beobachter der Vorgänge im nationalsozialistischen Deutschland“ der Meinung seien, daß „bereits ein Stadium erreicht“ wäre, da „Führer- und Gemeinschaftskult allgemein als das betrachtet werden, was sie in Wirklichkeit sind: Quatsch“, [34] so lassen die Ergänzungen in der Ausgabe von 1944 eine andere Sicht erkennen: „Die auf Befehl der Nazis von immer breiteren Schichten des deutschen Volkes praktizierte Verfolgung der Juden verwickelt diese Schichten in eine kollektive Schuld. Die Teilnahme an einem so ungeheuren Verbrechen wie der Ausrottung der Ostjuden macht die deutsche Wehrmacht, das deutsche Beamtentum und breite Massen zu Mittätern und Helfern dieses Verbrechens und macht es ihnen daher unmöglich, das Naziboot zu verlassen. „[35]

Ganz ähnlich schrieb Hannah Arendt zur selben Zeit – ehe sie im Sinne ihres Totalitarismus-Begriffs davon wieder abstrahierte -, daß die drohende Niederlage „die aktive Identifikation des gesamten Volkes mit den Nazis“ zur politischen Notwendigkeit des Regimes mache: „Erst wenn die Nazis einen gehängt haben, können wir wissen, ob er wirklich gegen sie war. Einen anderen Beweis gibt es nicht mehr. „[36] Dabei war doch nicht einmal das ein Beweis.

Nationalsozialismus als „hypostasierte Krise“

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno knüpfen nun in gewisser Weise sowohl an Pollock als auch an Neumann an. Sie beurteilen die Entwicklung weder in den Vereinigten Staaten noch in Deutschland optimistisch, sondern sehen im Grunde weiterhin den autoritären Typus überall auf dem Vormarsch – trotz ihres grundsätzlichen Engagements auf der Seite der Vereinigten Staaten und einer veränderten Position zur Regierungsform der Demokratie. Ja sie finden in ihrem Exilland, dem sie dankbar die Treue halten, eine hier speziell ausgeprägte Tradition sozialer Beziehungen vor, die ihnen als Paradigma für diese Entwicklung sogar besonders geeignet erscheint: Das Wesen der modernen Gesellschaft – sei’s die deutsche, die nordamerikanische oder die sowjetische – habe sich nämlich, so ihre Diagnose, unmittelbar als „Gangsterherrschaft“[37] entpuppt: der offene organisierte Raub trete an die Stelle des Tausches; „Rackets“ an die Stelle der Klassen.

Damit wird eigentlich bestritten, daß die Marxsche Wertformanalyse noch irgendeine Bedeutung für die Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft habe: sie wäre demnach nur mehr eine Theorie für die Vergangenheit des Kapitalismus. Und auf dieser Linie liegt auch Horkheimers Einschätzung der Sowjetunion: sie erscheint ihm als „konsequenteste Art des autoritären Staats“, weil sie sich „aus jeder Abhängigkeit vom privaten Kapital befreit“ habe, während die faschistischen Länder unter Einschluß des Nationalsozialismus als „eine Mischform“ betrachtet werden: „Auch hier wird der Mehrwert zwar unter staatlicher Kontrolle gewonnen und verteilt, er fließt jedoch unter dem alten Titel des Profits in großen Mengen weiter an die Industriemagnaten und Grundbesitzer. „[38] An der Begrifflichkeit wird sichtbar, in welche Widersprüche sich Horkheimer verwickelt: Wie kann weiterhin von Mehrwert gesprochen werden, wenn es doch nur noch Beute ist, die der Staat macht und verteilt? Mehrwert schließt Tausch und Verwertung des Werts ein.

Diese Problematik setzte sich unmittelbar in der Dialektik der Aufklärung fort: Die im totalitären Staat herrschende Vernunft und die abendländische Zivilisation werden darin materialistisch im Tauschprinzip fundiert, für die Gegenwart des Nationalsozialismus jedoch wird dessen Ende, die Aufhebung des Wertgesetzes behauptet und der Übergang zur Gangsterherrschaft diagnostiziert. Die Tauschgesellschaft erscheint mitunter nur noch als eine bestimmte Periode der Geschichte, die nun zu Ende gehe, ja das Streben nach Profit wird als historisch vergängliche Variante des Strebens nach Macht begriffen. [39] Während Marx das Profitmotiv als bloße Funktion der Verwertung des Werts, des automatischen Subjekts verstand, erscheint es hier ontologisiert, sobald es von einem weiter unbestimmten und wohl auch unbestimmbaren Machtbegriff abgeleitet wird. Die Dialektik der Aufklärung, ja die gesamte Kritische Theorie Adornos und Horkheimers schwankte beständig zwischen einem Verständnis von Macht, das mit einiger Notwendigkeit bei Nietzsche Anleihe nahm, und einem an Marx orientierten Begriff von Tausch und Kapital. In Adornos späten Studien zur Negativen Dialektik erhält offenkundig der Marxsche Begriff wieder Dominanz. Immer aber zeigt sich der Unterschied zu Nietzsche darin, daß dieser Machtbegriff nicht affirmiert wird, so ontologisch er auch in mancher Formulierung erscheint; es bleibt ein negativer Begriff, und in dieser Negativität bezieht er sich weiterhin auf den Marxschen Wertbegriff.

Ebenso ist es Horkheimer und Adorno offenkundig nicht möglich, den Staatskapitalismus, die neue, totale Herrschaft, den autoritären Staat vollständig vom Krisencharakter des Kapitals abzuheben – und wie Pollock durchgehend als dessen geglückte Überwindung zu interpretieren: Der Staatskapitalismus, sagt Horkheimer, beseitigt „den Markt und hypostasiert die Krise für die Dauer des ewigen Deutschlands. „[40]

Wenn die Krise darin besteht, die Einheit des Gegensatzes, der in der Ware steckt, gewaltsam geltend zu machen – mithin des Gegensatzes von Produktion und Zirkulation, Mehrwerterzeugung und Mehrwertrealisierung -, dann hat der Nationalsozialismus die Krise in eben diesem Sinn hypostasiert und den Markt „beseitigt“: er hat die Identität von Produktion und Zirkulation durch totale Vernichtung – im Krieg für Deutschland und im Massenmord an den Juden – geltend gemacht.

Der „Staatskapitalismus“, der aus der Oktoberrevolution hervorging, „hypostasierte“ die Krise für die Dauer des vergänglichen Sozialismus in einem Land. Er stellte die Einheit des Gegensatzes nur bürokratisch her, beseitigte so zwar den Markt und verwirklichte die Identität von Produktion und Zirkulation, aber im selben Maß zerfiel die Einheit von Staat und Bevölkerung. Und nur passiv, durch Einwirkungen von außen erzwungen, waren hier die Massen überhaupt bereit, sich mit diesem Krisenstaat zu identifizieren, so vor allem in der Situation des Verteidigungskrieges.

Die Krise, deren Hypostase der Staat betreibt, ist also in bestimmter Hinsicht noch immer eine des Marktes, bleibt jedenfalls eine dem Kapitalverhältnis entsprungene. Darum – so wäre an Horkheimer anzuknüpfen – muß von Wert und Tausch, Profit und Kapital weiterhin die Rede sein, wenn auch in einem veränderten Zusammenhang; und darum unterschied sich – im Gegensatz zu Horkheimers Auffassung – auch der deutsche Staat wesentlich vom sowjetischen. Stand doch jeder von ihnen in dieser Krise und zu dieser Krise in einer wesentlich anderen Position. Während jener die Überakkumulationskrise hypostasierte, betrieb dieser überhaupt erst die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, um der von außen drohenden Hypostasierung – der deutschen Krisenbewältigung, die stets , am anderen Objekt‘, also imperialistisch, exekutiert zu werden pflegt – standhalten zu können.

Stalinismus als nachholende Akkumulation

Das russische Zarenreich hielt der ersten großen Krisenbewältigung durch Vernichtung, wie sie von Deutschland initiiert wurde, bekanntlich nicht stand. Als Revolutionäre nützten die Bolschewiki die „1. Weltkriegskrise“ für den Versuch, die russische Revolution als Weltrevolution in Gang zu setzen. Die , nationale‘ Beschränkung, zu der sie verdammt wurden, weil die Revolutionen im Westen ausblieben, verwandelte sie jedoch in wenigen Jahren zu unbedingten Staatsführern, die ihren „Sozialismus in einem Lande“ für einen neuen, aus dem Westen drohenden Krisenbewältigungs-Feldzug rüsten mußten, allein schon – oder nur mehr – deshalb, um selbst an der Macht zu bleiben.

Da sie das Kapital verstaatlicht hatten, nahm die sowjetische Gesellschaft an der Weltwirtschaftskrise nur auf diese indirekte, passive Weise teil. In Gestalt eines äußeren Drucks erreichte sie, was im Westen im Inneren der Gesellschaft wütete. Und diesem äußeren Druck leistete Stalin tatsächlich Folge, als wäre der Sozialismus nur mehr eine Reflexbewegung.  

So litt die Sowjetunion zur Zeit der großen Arbeitslosigkeit im Westen bekanntlich an einem akuten Arbeitskräftemangel. Die sogenannte sozialistische Akkumulation, die der Stalinismus auf seinem Territorium organisierte, indem er die Bauern enteignete und einen Industriestaat aus diesem Boden stampfte, versuchte in wenigen Jahren nachzuholen, was in Westeuropa über Jahrhunderte hinweg unternommen worden war. [41] In der Differenz dieser verspäteten Akkumulation zur ursprünglichen in Westeuropa wäre das sogenannte Totalitäre der Sowjetunion zu begreifen. „In höchstens zehn Jahren müssen wir jene Distanz durchlaufen, um die wir hinter den fortgeschrittenen Ländern des Kapitalismus zurück sind (… ) Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt.“ Das sagte Stalin – laut Kurzem Lehrgang der Geschichte der KPdSU[42] – im Jahre 1931. Im Zwangszusammenhang dieser Akkumulation des „Sozialismus in einem Land“ waren die Lager Stalins keineswegs ökonomisch zweckwidrig – wie von Totalitarismustheorien behauptet wird, um die Gleichsetzung mit den nationalsozialistischen Vernichtungslagern zu gewährleisten. Sie waren im Grunde genau das, was die Linke (in Ost und West) immer in den NS-Vernichtungslagern sehen wollte: der Staat realisierte hier unter verschärften Bedingungen gewöhnliche kapitalistische Rationalität. [43]

Unter dem Druck der bereits hochindustrialisierten Länder, deren Produktivkräfte eben keineswegs verfaulten, mußten die Mittel dieser Rationalität auch in beschleunigtem Tempo aufgebracht werden. Mittels Fünfjahresplänen wurden Jahrhunderte übersprungen.   Auf der ersten Konferenz der Funktionäre der Industrie im Februar 1931 erklärte Stalin: „Zuweilen wird die Frage gestellt, ob man nicht das Tempo etwas verlangsamen, die Bewegung zurückhalten könnte. Nein, das kann man nicht, Genossen! Das Tempo darf nicht herabgesetzt werden! (… ) Das Tempo verlangsamen, das bedeutet zurückbleiben. Und Rückständige werden geschlagen. Wir aber wollen nicht die Geschlagenen sein. Nein, das wollen wir nicht! “ Stalin, wie er hier im Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU zitiert wird, denkt sich förmlich hinein in den absolutistischen Souverän der Vergangenheit: „Die Geschichte des alten Rußland bestand unter anderem darin, daß es wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen wurde. (… ) Es wurde geschlagen von den schwedischen Feudalen. Es wurde geschlagen von den polnisch-litauischen Pans. Es wurde geschlagen von den englisch-französischen Kapitalisten. Es wurde geschlagen von den japanischen Baronen. Es wurde von allen geschlagen wegen seiner Rückständigkeit … „[44]

Vorausgesetzt das Zitat von 1931 aus dem Kurzen Lehrgang wurde nicht im nachhinein manipuliert, ist kein Fall in der Geschichte bekannt, daß ein Souverän so exakt die Lage seines Landes begriffen und die Zukunft prognostiziert hätte: „In höchstens zehn Jahren müssen wir jene Distanz durchlaufen, um die wir hinter den fortgeschrittenen Ländern des Kapitalismus zurück sind (… ) Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt. „[45] Was immer über die alternativen Möglichkeiten zu seiner Politik diskutiert werden mag – isoliert darf sie nicht betrachtet werden. Ohne Akkumulation und Industrialisierung hätte Nazideutschland Rußland genau zehn Jahre später zermalmt. Indessen sollte die Stalinorgel den deutschen Wehrmachtssoldaten einen Begriff davon geben, was diese Industrialisierung zu leisten imstande war.

Da es ein rasender Absolutismus war, verband sich der , irrationale‘ Terror der frühen Staatsbildung zugleich mit den , rationalsten‘ Formen der Aufklärung aus der Hochzeit des Absolutismus. Auf der einen Seite wurde der Souverän von Mißtrauen gegenüber dem , Volk‘ beherrscht – und darum aktivierte man die Methoden der Inquisition und der Geheimpolizei; auf der anderen Seite huldigte man der Vernunft und einer Geschichtsphilosophie des unwiderstehlichen Fortschritts – und dies bedeutete Aufklärung des , Volks‘. Der durchschlagende Erfolg des sowjetischen Wissenschaftlers T. D. Lyssenko, der allgemein als die schwerste Verirrung der Sowjetunion auf dem Terrain der Naturwissenschaften betrachtet wird, verdankte sich nicht zuletzt der allgemein herrschenden, absolutistisch geprägten Erziehungsgesinnung: Lyssenko nämlich stellte im Gegensatz zur Genetik die Vererbung durch Chromosomen in Frage und behauptete, es gebe keine Gene und keine Chromosomen, diese seien vielmehr eine Erfindung der bürgerlichen Wissenschaft. Er griff dabei auf die vor-darwinistische Lehre von Jean Lamarck zurück, wonach die erworbenen, durch unmittelbaren Umwelt- bzw. Milieueinfluß entstandenen – also auch die anerzogenen – Eigenschaften vererbbar seien. Auf dieser Grundlage konnte der „neue Mensch“, der total gesunde und von allem , Unwerten‘ gereinigte, den man als Zielvorstellung mit dem Sozialdarwinismus durchaus teilte, immerhin als rein gesellschaftliches Resultat gedacht werden – als Fortschritt zu einer neuen Gesellschaft und nicht als Rückkehr aus der verderblichen , Zivilisation‘ in den einzig wahren , Kampf ums Dasein‘. Der , neue Mensch‘ konnte also projektiert werden, ohne unbedingt den sozialdarwinistischen Vorstellungen folgen zu müssen, deren logische Konsequenz in letzter Instanz immer die physische Selektion – die Ausmerzung des , unwerten‘ Lebens – ist.

Auch der Antisemitismus wurde unter Stalin im Sinne absolutistischer Traditionen gehandhabt: man tolerierte die Juden, doch sobald es aus taktischen Gründen sinnvoll schien, ließ man sie fallen, opferte sie dem , Volkszorn‘ – dem tradierten antisemitischen Ressentiment der Massen, an dem sich sowenig etwas änderte, als Warenproduktion und Staat nicht absterben sollten. Oder man startete selbst Kampagnen gegen sie. Kommunistische Juden mußten dabei vielfach die Rolle von Hofjuden übernehmen – man denke vor allem an die Propaganda gegen Trotzki, sozusagen den Hoffaktor der Roten Armee, der in der zitierten Geschichte der KPdSU als „Judas Trotzki“  firmiert – „Hauptinspirator und Hauptorganisator“ einer „ganzen Bande von Mördern und Spionen“. [46] Aber auch an einem Phänomen wie den Ärzteprozessen läßt sich das aus der Geschichte bekannte Verhältnis des absolutistischen Souveräns zum jüdischen Leibarzt – das immer wieder zu dem Vorwurf benützt werden konnte, der Arzt wolle seinen Patienten vergiften – noch ablesen; allerdings ist es totalisiert und auf die Ärzteschaft des gesamten Machtbereichs ausgedehnt.

Ein ähnlich taktisches Verhältnis teilt Stalins Regime mit dem absolutistischen nicht zufällig in der nationalen Frage. Die Grenzen des Staats decken sich nicht unbedingt mit denen der Nation: das Reich des Souveräns, das aus adeligem Grundbesitz zusammengestellt wurde, vereinte oft mehrere Nationen, d. h. mehrere Sprachen unter seinem Dach (Habsburgermonarchie) – umgekehrt konnten auch mehrere absolutistische Kleinstaaten auf dem Boden einer Nation Platz finden (Deutschland). Im allgemeinen ist der absolutistische Staat freilich auf nationale Integration ausgerichtet. Aus einer heterogenen Gesellschaft eine homogene Nation als regulierbaren Raum der Akkumulation zu bilden (mit einheitlicher Sprache und Verwaltung), ist sogar sein Programm – und in England und Frankreich wurde es auch relativ erfolgreich durchgeführt. Die stalinistischen Staatsgebilde erinnern in dieser Hinsicht eher an die , steckengebliebenen‘ absolutistischen Systeme in Österreich und Deutschland. Zumal zwischen dem Warschauer Pakt und dem Metternichschen System ließen sich einige bestechende Parallelen ziehen.

Einfühlung ins Staatssubjekt Kapital: Volksgemeinschaft als Projektionsgemeinschaft

Zum ersten Male in der Geschichte sollte (… ) auf dem Tempelhofer Feld eine Masse von anderthalb Millionen Menschen auf einem einzigen Platz versammelt werden (… ) der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Genosse Leipart, hatte sich Hitler zur Verfügung gestellt. So sind an diesem Tage die sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter, die gewerkschaftliche Elite der deutschen Arbeiterschaft, auf dem Tempelhofer Feld marschiert, eingestreut zwischen den SA- und SS-Standarten von Groß-Berlin, der Hitler-Jugend, den Ortsgruppenführern, Blockwarten, dem Bund Deutscher Mädchen, dem Nationalsozialistischen Reiter-Sturm, dem NS-Kraftfahrer-Korps, dem NS-Fliegerkorps und der NS-Frauenschaft (… ) sind marschiert die Berufsgruppe Metall in etwa 20 Teilkolonnen, die Berufsgruppe Verkehr mit den Eisenbahnern (… ), die Berufsgruppe Papier und Druck, Chemische Industrie, Textil (… ). (Franz Jung über den „Tag der nationalen Arbeit“ 1933 in Berlin)[47]

Während der stalinistische Sozialismus das Eigentum an den Produktionsmitteln verstaatlichte, um Akkumulation und Industrialisierung auf dem Niveau des Westens zu initiieren und eine Lohnarbeiterschaft in größerem Ausmaß überhaupt erst hervorzubringen, verlegte sich der Nationalsozialismus, der ein bereits hochindustrialisiertes Land zur Voraussetzung hatte, auf eine Art Verstaatlichung der in katastrophalem Übermaß vorhandenen Arbeitskraft. Wie aber die Arbeiter in diesem Fall nur als „Rasse“ verstaatlicht werden konnten, blieb auch nur das Kapital in „arischen“ Händen unangetastet.

Ökonomistisch betrachtet handelt es sich um die deutsche Version des New Deal. So muß die berühmte keynesianische Ökonomin Joan Robinson staunend konstatieren, daß Hitler bereits herausgefunden hatte, wie man Arbeitslosigkeit kurierte, ehe Keynes mit der Erklärung fertig war, warum sie eintrat. [48] Und der deutsche Historiker Werner Abelshauser hält mit einem gewissen Stolz fest: „Nicht die Demokratien des Westens sondern die deutsche Diktatur fand zuerst eine praktische Lösung auf der Suche nach einem Weg aus der sozialen Katastrophe. „[49] Anstelle der zermürbten Kaufkraft der Massen sollte jedenfalls hier wie dort, in Deutschland wie in Nordamerika, der Staat selber als gigantischer Konsument inthronisiert werden und auf der Basis von Krediten und Geldschöpfung eine in diesem Ausmaß noch nie dagewesene, direkte und indirekte Arbeitsbeschaffung organisieren. Eine solche Betrachtung kann jedoch sowenig wie die Rede von Staatskapitalismus oder Totalitarismus klären, warum der bisher größte Krieg, der schließlich die bisher größte Krise des Kapitals entsorgen sollte und als solcher das Kapital weltweit betraf, warum dieser Krieg vom nationalsozialistischen „Staatssubjekt Kapital“ – und nicht vom „New Deal“-Staat Roosevelts oder gar vom „Sozialismus in einem Lande“ Stalins, aber auch nicht vom italienischen oder spanischen Faschismus – so nahe sie auch (vor oder im Krieg) dem NS-Staat standen – entfesselt und bis zuletzt, als Vernichtungskrieg, in Gang gehalten wurde.

Schon im März 1934 hatte die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland um über 50% abgenommen, [50] unmittelbar vor Beginn des Kriegs war ein Zustand erreicht, in dem die Knappheit von Arbeitskräften bereits zum Problem wurde. Der Lebensstandard der deutschen Bevölkerung hob sich rasch wieder auf das Niveau von 1928. Die Investitionen der Industrie waren unmittelbar vor dem Krieg fast ein Drittel höher als vor der Weltwirtschaftskrise. [51] Eine Äußerung von Robert Ley, dem Führer der deutschen Arbeitsfront, dokumentiert, wie klar und nüchtern die Nationalsozialisten ihren Auftrag zur Modernisierung aus den Bedingungen der ökonomischen Krise ableiten konnten: „Die kapitalistische Wirtschaft war an einer Grenze angekommen, die sie mit ihren eigenen Mitteln nicht zu überschreiten vermochte. Die Risiken eines Vorstoßes in wirtschaftliches Neuland waren zu groß, um vom Privatkapital übernommen zu werden; das Kapital zog sich auf die Verteidigung der einmal erreichten Position zurück. So konnte es kommen, daß auf der einen Seite riesenhafte Produktionsanlagen und noch größere Warenvorräte ungenutzt blieben, während auf der anderen Seite Millionen von Menschen am Rande des Elends dahinvegetierten. Der Nationalsozialismus hat nun den geglückten Versuch unternommen, der an den Grenzen zu ihrer unternehmerischen Leistungsmöglichkeit festgefahrenen Wirtschaft neue Wege in die Zukunft zu erschließen, zu ebnen und zu sichern. „[52]

In den Vereinigten Staaten gelang es indessen kaum, aus der großen Krise herauszukommen: das New Deal-Programm erscheint gegenüber dem deutschen Aufschwung der dreißiger Jahre wie eine kosmetische Operation: 1937 stürzte die Gesellschaft wieder in eine so tiefe Depression, wie sie kein anderes Land zu diesem Zeitpunkt erlebte. Die Zahl der Arbeitslosen, die etwa 1934 nach Einsatz der staatlichen Maßnahmen um bescheidene 1,5 Millionen zurückgegangen war, nahm um weitere 5 Millionen zu; die Gesamtproduktion, die um 30% geschrumpft war, konnte vor dem Beginn des Weltkriegs nicht mehr nennenswert gesteigert werden; das Bruttosozialprodukt blieb kontinuierlich unter dem Stand von 1929.  

Das deficit spending, das John Maynard Keynes allen Staaten, ob Demokratie oder Nationalsozialismus[53] (nur im Staatskommunismus war es überflüssig), empfohlen hat, funktionierte vor dem Krieg eigentlich nur im Dritten Reich, [54] und das hat seinen Grund. Nur in Deutschland wurde jenes einheitliche Staatssubjekt Kapital, von dem Langerhans spricht, vollkommen realisiert, nur hier ist die rücksichtslose soziale Pazifierungsaktion mit dem Zweck der , organischen‘ Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit in den neuen Staat so konsequent durchgeführt worden, daß sie zugleich und im selben Maß Kriegsvorbereitung war; nur hier hatten alle Krisenüberwindungskampagnen direkt oder indirekt den Charakter von Rüstungsmaßnahmen; und nirgendwo sonst wurde vor 1939 soviel explosives Material gehäuft und gestapelt.

„Durch die Vorbereitung der allseitigen Vernichtung“, so Joachim Bruhn, „enthob der Nazismus die Arbeiter der Sorge um den Verkauf ihrer einzigen Ware, der Arbeitskraft. „[55] Nicht Kapital oder Grund und Boden, aber Kaufkraft und individuelle Reproduktion der Arbeitskraft sind demgemäß vom Nationalsozialismus verstaatlicht worden. Unter dem Motto „Kraft durch Freude“ erlebte das gesamte organisatorische Spektrum der Arbeiterbewegung vom Gesangsverein bis zur paramilitärischen Schutzorganisation, vom Arbeitersport bis zum Arbeitersymphoniekonzert seine Wiederauferstehung als Gliederungen des Staats. Die gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen der Reproduktion wurden aus der Selbstregulation herausgenommen und als Staatsfunktion gesetzt. [56] Mag auch vieles an der Arbeiterbewegung bereits die spätere Funktion im Dritten Reich antizipiert haben (Uniformierung, Marschkultur, etc. ), erst die Verstaatlichung der individuellen Reproduktion verschaffte dem Volksstaat hier eine Basis und verlieh ihm eine neue Art von Konformität. Denn zwischen Individuum und Souverän wurde nun der Arbeitsmarkt ausgeblendet. Die Inhaber der Ware Arbeitskraft konnten sich sozusagen für staatsunmittelbar erachten – ihre Eigenschaft, Körper und Geist der Ware Arbeitskraft zu sein, war davon verdeckt und kaum noch bewußt, obwohl diese Ware objektiv nicht aufgehoben war (sieht man vom Arbeitsdienst ab), man setzte lediglich die bisherigen Formen des Verkehrs zwischen Lohnarbeit und Kapital außer Kraft und oktroyierte Lohn- und Preisstops.

„Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, “ sagte Hitler am Vorabend des Dritten Reichs, „wird das Werk von uns Nationalsozialisten sein! Wir werden das deutsche Volk wieder wehrhaft machen. Wir werden Kasernen und Flugplätze errichten. Wir werden Straßen und Autobahnen unter strategischen Gesichtspunkten bauen. Wir werden die neuesten und modernsten Flugzeuge entwickeln (… ). „[57] Tatsächlich stand schließlich die gesamte deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik seit 1933 – unmittelbar und mittelbar: vom Arbeitsdienst bis zum Volkswagen, von den Hitlerjungen bis zu den Autobahnen, von der Denunziation „entarteter Musik“ bis zur Ästhetisierung des Staats in Leni Riefenstahls Filmen – im Zeichen der Aufrüstung. Der ganze Aufschwung, den sie stimulierte, diente der Kriegsvorbereitung, und alle Schulden, die gemacht wurden, um den Aufschwung zu finanzieren, wurden in Hinblick darauf gemacht, daß sie im Krieg getilgt werden könnten.

 „Der nationalsozialistische Staat“, schreibt Herbert Marcuse, „ist ein , Staat der Massen‘, aber die Massen sind nur insoweit Massen, wie sie sich aus atomisierten Individuen zusammensetzen. Weil diese allem beraubt worden sind, was ihre Individualität in eine wahre Interessengemeinschaft transzendiert, und nichts von ihnen übrig geblieben ist als ihr bestialisches und abstraktes Eigeninteresse (… ), sind sie für die Vereinheitlichung von oben und für die Manipulation so anfällig. „[58] In der Angst, die aus dem Konkurrenzverhältnis der kapitalisierten Gesellschaft resultiert, sieht Marcuse ein entscheidendes Moment dieser Volksgemeinschaft, die sich ihm als einstigem Heidegger-Schüler „im Sein zum Tode“ erschließt: er begreift sie wesentlich als ebenso freiwillige wie repressiv herbeigeführte Ausrichtung der Gesellschaft auf den Vernichtungskrieg. „Die Angst der Massen (… ) ist ein entscheidendes Element dieser Harmonie. Hinter ihr steht das klare Wissen, daß sie nur durch äußerste Effizienz überleben können, daß sie ihre Leistungsfähigkeit nur durch aggressive Expansion erhalten können und daß sie den Krieg führen und gewinnen müssen, koste es, was es wolle. Sie werden alles für diese Sache tun und sie brauchen keinen Plan, um ihre Anstrengungen zu vereinen. Die Investition ist riskant, aber es ist die einzig mögliche Investition und der zukünftige Profit ist dieses Risiko wert. „[59]

Die Angst kann aber nur unter bestimmten Bedingungen zum entscheidenden Element der Harmonie werden, die Verlassenheit, von der Hannah Arendt ganz ähnlich wie Marcuse spricht, [60] kann nur unter besonderen Voraussetzungen in Volksgemeinschaft umschlagen. Es handelt sich dabei um eine notwendige Gegenbewegung zur Identifikation mit dem Staat: die antisemitische Personifizierung des real Abstrakten. In diesem Sinn hat die Dialektik der Aufklärung die Volksgemeinschaft als Gemeinschaft der Projektion begriffen (und ist darin über die Analysen von Arendt und Marcuse hinausgegangen[61]): Horkheimer und Adorno erkennen im Judentum „das auserwählte Volk“ – negativ auserwählt als Objekt von Verfolgung und Vernichtung, um die Volksgemeinschaft, aus der man es ausschließt, zu realisieren. [62]

Aber im letzten, nach Kriegsende angefügten Teil der „Elemente des Antisemitismus“ behaupten die Autoren der Dialektik der Aufklärung dann unvermittelt, es gebe keine Antisemiten mehr und gründen darauf merkwürdigerweise etwas wie eine Hoffnung: „Anstelle der antisemitischen Psychologie ist weithin das bloße Ja zum faschistischen Ticket getreten (… ) Antisemitismus ist kaum mehr eine selbständige Regung sondern eine Planke der Plattform. (… ) Daß, der Tendenz nach, Antisemitismus nur noch als Posten im auswechselbaren Ticket vorkommt, begründet unwiderleglich die Hoffnung auf sein Ende. Die Juden werden zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind. Die Basis der Entwicklung, die zum Ticketdenken führt, ist ohnehin die universale Reduktion aller spezifischen Energie auf die eine, gleiche abstrakte Arbeitsform (… ). „[63]

Die Zeilen markieren einen gewissen Bruch, so Lars Rensmann: „Der schillernde Begriff des , Tickets‘ und der , Ticketmentalität‘, deren ideologischer Gehalt beliebig , auswechselbar‘ sei, Abbild und bewußtseinsförmiger Niederschlag der alles durchdringenden Totalität, die zu Ausmerzung der Differenz drängt, ersetzt nun noch die Besonderheit des Antisemitismus und seine politische Bedeutung.“ Damit falle der Begriff „hinter die vorangegangenen Überlegungen zurück“, verliere „die dialektische Qualität, zwischen Allgemeinem und Besonderem zu vermitteln. „[64] Diese Qualität hat die Kritische Theorie allerdings an der Krise gewonnen, indem sie, was in ihr sich gewaltsam geltend macht, im Negativen zu fassen suchte: totale Vermittlung zwischen Allgemeinem und Besonderem. Der Begriff des „Tickets“ hingegen, soweit er einfach an die Stelle der antisemitischen Projektion gesetzt wird, fungiert offenkundig als Vorstellung krisenfreier Totalität.

Kein Wort mehr, das an die Hypostasierung der Krise erinnert, die Horkheimer noch 1941 am nationalsozialistischen Deutschland wahrnahm. An der Wende zum Wirtschaftswunder stehend, haben Horkheimer und Adorno die kataklystische Existenzweise des Kapitals scheint’s schon wieder vergessen, schließen sich nunmehr ganz der harmonisierenden Pollockschen Auffassung an und entwerfen das Szenario einer krisenfrei funktionierenden staatskapitalistischen oder heute würde man sagen: fordistischen Gesellschaft. (Auf sie ist letztlich ihre Hoffnung das Ende des Antisemitismus betreffend gegründet! ) Dabei ist doch die „Basis“, von der sie das Ticketdenken ableiten, das vom Zerfall Bedrohte gewesen, dessen Rettung die deutsche Volksgemeinschaft – ohne davon einen Begriff zu haben – zu ihrer Sache gemacht hat; war gerade jene Arbeitsform, auf die alles reduziert wird, in die Krise geraten – einer Krise, die allein durch antisemitische Personifikation als Angelegenheit von Rassen und Ergebnis einer Weltverschwörung imaginiert werden konnte. Und darum wäre es für die deutschen Führer – selbst wenn sie gewollt hätten – unmöglich gewesen, die antisemitische Planke durch eine andere zu ersetzen, ohne die Volksgemeinschaft zu gefährden.

So ist in Deutschland das bloße Ja zum faschistischen Ticket nicht an die Stelle der antisemitischen Psychologie getreten, vielmehr versprach hier das faschistische Ticket die Verwirklichung jener Psychologie und wurde darum bejaht, als die Krise der Wertform hereinbrach. Zur Erkenntnis dieser antisemitischen Psychologie als einer Psychologie der Krise hat nun aber die Dialektik der Aufklärung mehr als jede Totalitarismus- und Faschismustheorie beigetragen. Indem sie auf Verfahren der Psychoanalyse zurückgriffen, konnten Horkheimer und Adorno sichtbar machen, wie „die tabuierten, der Arbeit in ihrer herrschenden Ordnung zuwiderlaufenden Regungen in konformierende Idiosynkrasien umgesetzt“ werden; [65] in welcher Weise die „autoritäre Freigabe des Verbotenen“ die Antisemiten zum Kollektiv macht und die „Gemeinschaft der Artgenossen“ konstituiert. [66]

Der Projektionsbegriff ist unumgänglich, um die Psychologie der Gesellschaft im Sinn der Marxschen Fetisch-Theorie zu denken: Mit ihm wird wie mit dem Warenfetisch etwas Scheinhaftes bezeichnet, das kein bloßer Schein ist; auf diese Weise kann die nationalsozialistische Volksgemeinschaft einerseits als „Fiktion“ (Arendt) oder „Quatsch“ (Neumann), andererseits als wirklich existierende, machtvolle und gewalttätige Form von Gesellschaftlichkeit begriffen werden. Die Volksgemeinschaft jedoch allein vom Klassenverhältnis her zu bestimmen und sie als dessen Verschleierung auf reine Fiktion und propagandistischen Quatsch zu reduzieren, heißt den Gegenstand der Kritik verfehlen: denn die Volksgemeinschaft hat ihre gespenstische Gegenständlichkeit gerade dort, wo jenes Verhältnis bedeutungslos ist: „den Juden gegenüber“ stellt sich „die Harmonie der Volksgemeinschaft automatisch her. „[67]

Nirgendwo aber – und vor dieser Erkenntnis schreckten Horkheimer und Adorno wirklich zurück – stellte sich diese Harmonie so automatisch her wie im Dritten Reich. Hier identifizierte sich die Bevölkerung nahtlos mit dem Staatssubjekt Kapital, hier praktizierte man bis zum Äußersten die Versöhnung von Kapital und Arbeit. Diese Identifikation war nur möglich, weil das Real-Abstrakte, das die Individuen stets auf den Warencharakter ihrer Arbeitskraft zurückwarf, der Wert, der bei aller Verstaatlichung von Kaufkraft und individueller Reproduktion, bei aller „Kraft durch Freude“ und Arbeitsdienst-Laune nach wie vor seinen Tribut verlangte, so wie der wirtschaftliche Aufschwung die Entfesselung des Kriegs, weil dieses Real-Abstrakte des Werts in Gestalt des Judentums personifiziert und das wirkliche Judentum als Personifizierung des Abstrakten – als Ursache und Notwendigkeit des Kriegs – von Staats wegen nicht nur verbannt, sondern vernichtet wurde. [68] Je mehr das Subjekt sich in den Tauschwert einfühlte, industrielle Rüstungsproduktion und militarisierte Arbeitsgesellschaft zu seiner konkreten Identität machte, desto mehr stand es unter dem Zwang, das Bewußtsein von der unaufhebbaren Abstraktheit des Tauschwerts loszuwerden, es in den Juden zu verkörpern. Ohne das totale Feindbild der „Weltverschwörung des Judentums“, das – in den Vernichtungslagern realisiert – die Volksgemeinschaft bis zuletzt zusammenschweißen konnte, wäre dieser Krieg auch nicht zum „totalen Krieg“ geworden, nicht bis zur letzten Konsequenz vom Dritten Reich führbar gewesen – bis zu jener Konsequenz, die für die erfolgreiche Nachkriegsentwicklung die Voraussetzung war.

Diesen Zusammenhang kann kein Totalitarismusbegriff je begreifen: denn in keinem „Sozialismus in einem Land“ gab es je eine solche wahnhafte Identität, und darum konnte die staatskommunistische Macht von alleine und fast gewaltlos zerfallen – auseinanderfallen in Bevölkerung und Staat. Das ist der Ruhmestitel der späten Phase und das nur ex negativo faßbare Erbe der russischen Oktoberrevolution, daß hier die Bevölkerung nicht wie die deutsche und österreichische bereit war, um die Krise zu bewältigen, Identität mit dem Staat im Massenmord an den Juden zu verwirklichen. [69] In den westlichen Staaten ist es natürlich der Ruhmestitel und das Erbe der bürgerlichen Revolution, daß solche Art von Krisenbewältigung nicht zum Zuge kam. Noch das Wirtschaftswunder und die heutige Stabilität der deutschen und österreichischen Zivilgesellschaft haben in dieser massenmörderischen Identifikation ihren Ursprung, und es deutet sich bereits an, daß dieser Ursprung in der nächsten große Krise freigelegt werden könnte.



[1]              Hannah Arendt:   Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 1991. S. 500

[2]              Ebd. S. 506

[3]              Ebd. S. 494

[4]              So nimmt Arendt auch eine Annäherung stalinistischer Herrschaft an den Nationalsozialismus in den Schauprozessen wahr: „Die Bolschewisten wurden zu einer volltotalitären Bewegung mit Hilfe der Fiktion der Weltverschwörung der Trotzkisten (… ).“ (Ebd. S. 596) Aber sie versäumt es, festzuhalten, daß dieses Feindbild des Trotzkismus im Unterschied zu jenem des , Weltjudentums‘ den gemeinschaftsbildenden Verfolgungswahn nicht evozieren konnte – eher eine Art dumpfer Zustimmung. Gerade darum versuchte man es in der stalinistischen Propaganda antisemitisch zu konnotieren, etwa wenn vom „Judas Trotzki“ die Rede war.

[5]              Ebd. S. 691

[6]              Ebd. S. 691

[7]              Ebd. S. 684

[8]              Ebd. S. 701

[9]              Ebd. S. 701

[10]             Heinz Langerhans: Die nächste Weltkrise,   der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution. In: Karl Korsch: Krise des Marxismus, Gesamtausgabe, Bd. 5, Amsterdam 1996, S. 770f.  

[11]             Ebd. S. 773

[12]             Ebd. S. 772

[13]             Langerhans war zusammen mit Korsch 1926 aus der KPD ausgeschlossen worden; um 1933 ist er sogar innerhalb der SPD organisiert!

[14]             Ebd. S. 774

[15]             „Auch die im ganzen andersartige amerikanische NRA weist verwandte Züge auf.“ Ebd.

[16]             Ebd. S. 772

[17]             Karl Marx: Das Kapital Bd. 1, MEW Bd. 23, S. 88

[18]             Als Langerhans später im US-Exil von der kritischen Theorie zur Denunziationspraxis überwechselte und zusammen mit Ruth Fischer Stalinisten aufspürte, ging Korsch offenbar auch persönlich etwas auf Distanz zu seinem Freund und , Schüler‘. Daß die Entwicklung von Langerhans unmittelbar etwas mit dessen Erfahrungen in den Gefängnissen und Lagern des Nationalsozialismus zu tun hat, deutet Max Horkheimer 1943 in einem Brief an Felix Weil an: „I just want to say that I am glad about Korsch’s reaction as to the article of Langerhans. The latter was certain, really great intuitions, but, unfortunately, his mind seems to be disturbed. It is a fact that most of the people who have been held in a concentration camp bear the traces of hell in their souls.“ (Max Horkheimer: Briefwechsel 1941-1948. Gesammelte Schriften. Hg. v. Alfred Schmidt u. Gunzelin Schmid Noerr. Bd. 17. Frankfurt am Main 1996, S. S. 397) 1934 war Langerhans , nur‘ zu dreijähriger Zuchtshausstrafe verurteilt worden (da die Anklage auf Landesverrat abgewendet werden konnte), nach der Haft wurde er ins KZ Sachsenhausen deportiert, 1939 freigelassen und auf dem Weg in die Emigration in Frankreich erneut in ein KZ verschleppt, aus dem ihm schließlich die Flucht in die Vereinigten Staaten gelang. Vgl. hierzu Michael Buckmiller: Anmerkungen zu Heinz Langerhans und seinem Bericht über das , Buch der Abschaffungen‘ von Karl Korsch. In: Bochumer Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit 8/1987, S. 99-106 

[19]             Karl Korsch: Bemerkungen zu den Thesen , Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution‘. In: Krise des Marxismus. Schriften 1928-1935. Hg. v. Michael Buckmiller. Amsterdam 1996, S. 707

[20]             Ebd. S. 709

[21]             Langerhans arbeitete zwar von 1941 bis 1945 wieder am Institut für Sozialforschung, stand jedoch wie Korsch in einiger Distanz zu dessen innerem Kreis.   Adorno schrieb 1941 an Horkheimer: „Zu den wirklich erfreulichen Erscheinungen hier gehört Langerhans. Ganz abgesehen von seiner Widerstandskraft, die man nicht genug bewundern kann, hat er einen geistigen Elan, der mir wichtiger dünkt als die , theoretische Reife‘, die ihm, beinahe möchte man sagen zum Glück abgeht. Was mich wirklich an ihm so sehr beeindruckt, ist, daß für ihn die Frage des nicht mehr Mitmachens in unserem Sinn nicht als eine der Ferne und der , Entwicklung‘ sich stellt, sondern daß jedes Wort von ihm auf die unmittelbarste Möglichkeit des Ausbruchs jetzt und hier gerichtet ist. In vielen Dingen stimmt er mit uns überein, ohne von unserm Standpunkt explizit etwas zu wissen, so in der Frage der Überholtheit der , Politik‘ im alten Sinn, der Massenpartei und andererseits der Möglichkeit, gerade durch das übersichtlich Werden der Verwaltungs- und Arbeitsfunktionen bereits heute der Herrschaftsapparatur zu entraten. Es liegt etwas Tröstliches darin, daß ein Mensch, dessen Leben so nahe bei dem verlaufen ist, was heute geschieht, im Grunde ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie wir in der Distanz unserer Theorie.“ (Brief vom 2.7.1941. Horkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 97)

[22]             Friedrich Pollock: Bemerkungen zur Wirtschaftskrise. In: Zeitschrift für Sozialforschung 3/1932, S. 350

[23]             Max Horkheimer: Briefwechsel 1941-1948. In: Gesammelte Schriften. Hg. v. Alfred Schmidt u. Gunzelin Schmid Noerr. Bd. 17. Frankfurt am Main 1996, S. 107

[24]             Friedrich Pollock: State Capitalism. In: Zeitschrift für Sozialforschung 9/1941. S. 220

[25]             Franz Borkenau: The Totalitarian Enemy 1939; Emil Lederer: State of the Masses, 1940; Sigmund Neumann: Permanent Revolution, 1941

[26]             Pollock, State Capitalism, S. 225

[27]             Ebd. S. 207

[28]             Vgl. hierzu Friedrich Pollock: Is National Socialism a new Order? . In: Zeitschrift für Sozialforschung 9/1941, S. 455

[29]             Franz Neumann: Behemoth. The structure and Practice of National Socialism 1933-1944 (rev. Aufl. New York 1944); hier zitiert nach der deutschen Ausgabe: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Hg. v. Gert Schäfer. Köln-Frankfurt am Main 1977, S. 274

[30]             Ebd. S. 545

[31]             Ebd.

[32]             Ebd. S. 16

[33]             Nach 1945 legte sich Neumann ganz auf diese ursprünglich nur angedeutete Möglichkeit fest: „Mit Sicherheit kann man annehmen, daß das sowjetische Muster sich durchgesetzt hätte, hätte es keinen Krieg gegeben oder wären die Nationalsozialisten siegreich gewesen.“ (F. N. : Demokratischer und autoritärer Staat. Studien zur politischen Theorie. Hg. v. Herbert Marcuse. Frankfurt am Main-Wien 1967) Damit nähert sich Neumann nicht nur Pollock an und konzediert, daß die Partei im Nationalsozialismus zu einer „autonomen politischen Macht“ geworden sei; er schwenkt auch vollends auf die Linie der Totalitarismustheorien ein, wenn er eine unmittelbare Verwandtschaft des nationalsozialistischen und sowjetischen Staats postuliert, jenen zu einer Art Vorstufe zu diesem erklärt. 1942 hatte sich Neumann in seiner Bemerkung zum Namen Behemoth auf die metaphorische Bedeutung der beiden Ungeheuer bei Hobbes berufen: „Sein , Leviathan‘ ist die Analyse eines Staates, das heißt eines politischen Zwangssystems, in dem Reste der Herrschaft des Gesetzes und von individuellen Rechten noch gewahrt sind. Sein , Behemoth oder das lange Parlament‘, in dem er den englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts behandelt, schildert dagegen einen Unstaat, ein Chaos, einen Zustand  der Gesetzlosigkeit, des Aufruhrs und der Anarchie.“ Allem Anschein nach hat sich Neumann nach 1945 wie einstens Hobbes auf die Seite Leviathans geschlagen. 1942 jedenfalls kannte er noch eine andere, eschatologische Version der jüdischen Legende, derzufolge Behemoth und Leviathan sich unablässig bekämpfen, „und schließlich werden sie sich gegenseitig umbringen. Dann ist der Tag der Gerechtigkeit gekommen. “

[34]             Neumann, Behemoth, S. 545

[35]             Ebd. S. 583

[36]             Hannah Arendt: Organisierte Schuld [1944/46]. In: Hannah Arendt: In der Gegenwart. Hg. v. Ursula Ludz. München-Zürich 2000, S. 28f.

[37]             Max Horkheimer: Vernunft und Selbsterhaltung. In: Gesammelte Schriften Bd. 5. Frankfurt am Main 1987, S. 332

[38]             Max Horkheimer: Autoritärer Staat. In: Gesammelte Schriften Bd. 5, S. 300

[39]             In solchen Momenten scheint die Dialektik der Aufklärung Pollock zu folgen, der meint, das Profitmotiv sei eine spezifische Form des Machtmotivs (Pollock, State Capitalism, S. 207).

[40]             Horkheimer, Autoritärer Staat, S. 294

[41]             Z. B. stieg der Index der industriellen Produktion zwischen 1928 und 1932 um 98 Prozent; steigerte sich der jährliche Zuwachs in der Arbeitsproduktivität zwischen 1933 und 1935 von 8,7 auf 15,7 Prozent; verdoppelte sich die städtische Bevölkerung zwischen 1929 und 1939 von 28,7 auf 56,1 Millionen. Vgl. hierzu Robert Maier: Die Stachanow-Bewegung. Stuttgart 1990; Valentin Gitermann: Die russische Revolution. In: Propyläen Weltgeschichte. Hg. v. Golo Mann. Frankfurt am Main-Berlin 1986. Bd. 9, S. 211; Carsten Goehrke u. a. : Rußland. Fischer Weltgeschichte Bd. 31. Frankfurt am Main 1983, S. 346.

[42]             Kurzer Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Berlin 1946, S. 380

[43]             Ralf Stettner etwa belegt eindrucksvoll, daß das Arbeitslager vor allem ein Mikrokosmos der stalinistischen Arbeitsgesellschaft war; so wurden hier im Prinzip dieselben Arbeitsmethoden und Produktionskriterien angewandt wie in der übrigen Gesellschaft: „Wie überall führten auch die Lager zu Zeiten des ersten Fünfjahresplanes die ‚wirtschaftlichen Rechnungsführung‘, den ‚Wettbewerb‘ und das Stoßbrigadlertum‘ ein.“ (Ralf Stettner: „Archipell GULag“: Stalins Zwangslager. Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928-1956 Paderborn usw. 1996, S. 285)

[44]             Kurzer Lehrgang der Geschichte der KpdSU, S. 346

[45]             Ebd. S. 380

[46]             Ebd. S. 396

[47]             Zit. n. Scharrer, Kampflose Kapitulation, S. 7f.

[48]             Joan Robinson: The Second Cirsis of Economic Theory. In: American Economic Review, Papers and Proceedings 62/1972, S. 8

[49]             Werner Abelshauser: Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder. Deutschlands wirtschaftliche Mobilisierung für den zweiten Weltkrieg und die Folgen für die Nachkriegszeit. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4/1999, S. 512

[50]             Wilhelm Deist u. a. : Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges. Frankfurt am Main 1989, S. 281

[51]             Ebd. S. 287

[52]             Robert Ley: Die deutschen Sozialwerke als Ausdruck unseres Leistungswillens. In: Neue Internationale Rundschau der Arbeit. April 1941/2, S. 137

[53]             John Maynard Keynes‘ Hauptwerk The General Theory of Employment, Interest and Money erschien 1936 unter dem Titel Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes zum ersten Mal in Deutschland. Im Vorwort für diese Ausgabe zeigt der englische Ökonom gewisse Sympathien für das nationalsozialistische Regime, da er hier größere Chancen sieht, sein Wirtschaftsprogramm zu verwirklichen. Damit sollte er recht behalten, doch fiel die Verwirklichung dann anders aus, als er gedacht hatte.

[54]             Schweden wird immer gerne als Ausnahme von dieser Regel genannt – und nicht zufällig diente die Wirtschaftspolitik dieses Landes den dorthin geflüchteten Sozialisten Willy Brandt und Bruno Kreisky Jahrzehnte später als Vorbild für ihr Projekt eines spätkeynesianischen Sozialstaats. Keine einzelne nationale Entwicklung kann indessen als Modell begriffen werden, und dies umso mehr in der Krise, da sie doch nur im Zusammenhang mit dem Weltmarkt und im Verhältnis zur internationalen Kapitalbewegung zu begreifen ist. Und so kennzeichnet es den friedlichen Aufschwung Schwedens in den dreißiger Jahren, daß er nicht ohne die enge ökonomische Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich und seiner Rüstungsproduktion stattfand: die Ausfuhr von Eisenerz nach Deutschland z. B. stieg von 1578 Millionen Tonnen im Jahre 1932 auf 8248 Millionen Tonnen im Jahre 1936 und machte zu diesem Zeitpunkt 73,6% des gesamten Exportes aus. Vgl. Deist, Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges, S. 310

[55]             Joachim Bruhn: Was deutsch ist. Freiburg 1994, S. 68

[56]             Vgl. hierzu Chup Friemert: Organisation des Ideologischen als betriebliche Praxis, in: Faschismus und Ideologie, Bd. 2, Berlin/West 1980, S. 238ff.

[57]             Zit. n. Deist, Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges, S. 278

[58]             Herbert Marcuse: Feindanalysen. Über die Deutschen. Hg. v. Peter-Erwin Jansen. Lüneburg 1998, S. 103

[59]             Ebd. S. 101

[60]             Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München-Zürich 1991. S. 727ff.

[61]             Marcuse hat später über seine Feindanalysen geschrieben: „That most of this was written before Auschwitz, deeply seperates it from the present. What was correct in it has become perhaps not false, but a thing of the past.“ (Negations. Boston 1968, S. XV)

[62]             Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann. Bd. 3. Frankfurt am Main 1997, S. 192f.

[63]             Ebd. S. 233

[64]             Lars Rensmann: Kritische Theorie über den Antisemitismus. Hamburg 1998, S. 173

[65]             Ebd. S. 210

[66]             Ebd. S. 209

[67]             Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, S. 210

[68]             Vgl. hierzu: Moishe Postone: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Antisemitismus und Gesellschaft. Hg. v. Michael Werz. Frankfurt am Main 1995. S. 40f.

[69]             So kann Hannah Arendt in ihrem Buch über die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, worin sie diese Identifikation mit dem Staat durch den Massenmord an den Juden nicht erkennt, auch die Unterschiede zwischen dem Terror in der Sowjetunion und der Vernichtung im Dritten Reich nicht wahrnehmen: „Wir halten ihn nicht für ein eindeutiges Element“, hieß es immer wieder in den sowjetischen Geheimdienst-Berichten, die dazu dienten, jemanden zu verdächtigen. Niemand konnte sich hier selber für ein eindeutiges Element der bürokratischen Staatsmaschine halten, jeder spürte in seinem Inneren die Vieldeutigkeit in der Einschätzung der aktuellen Situation, der gerade ausgegebenen Losung, im Verhältnis zur geforderten Arbeitsdisziplin, in persönlichen Beziehungen zu bereits verdächtigten , Elementen’… Und darum entstand überall die hektische Bemühung – „Wachsamkeit“ genannt -, diese als negativ empfundene Uneindeutigkeit auf andere zu projizieren – die schließlich als feindliche, fremde Elemente stigmatisiert, ausgegrenzt, liquidiert wurden. Im Unterschied jedoch zur Welt des NS-Staats wurden diese uneindeutigen, fremden und feindlichen Elemente nicht systematisch rassistisch gekennzeichnet. (Selbst als Legitimationsideologie mißbraucht, boten die Schriften von Marx, Engels und Lenin hierzu keine wirkliche Handhabe. ) Und gerade diese permanente, ja sich steigernde Unsicherheit in der Identifizierung des Fremden und Feindlichen, das rassistisch nicht eindeutig fixiert werden konnte (oder durfte), macht die eigentümliche Dynamik der stalinistischen Säuberungen aus: jeder konnte prinzipiell ein solches Element sein, im nächsten Moment aus irgendeinem, kaum erkennbaren Grund von den anderen dazu gemacht werden: es gab keinen Ariernachweis. Darum konnte hier die Trennlinie zwischen Tätern und Opfern in ganz spezifischer Weise durch eine Person hindurchgehen.