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	<title>Streifzüge &#187; Zeit / Tempo / Stau</title>
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		<title>Innehalten. Das Erspüren von Boden unter den Füßen</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 10:00:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gutes Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie / Produktivkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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<p><em>von Andreas Exner</em><span id="more-10516"></span></p>
<p>Am Ende des fossilen Zeitalters treibt die verwaltete Gesellschaft ihren Zahlenspuk ins Extrem. Die Vorstellungen der Zukunft werden von mathematischen Funktionen dominiert, bis in die Mitte des Jahrhunderts extrapoliert, der Verlauf unserer Leben geglättet und Abweichungen unter das Gesetz der Statistik gezwungen. Die Funktionen nehmen die Gestalt von Kurven an, die einer immergleich linearen, klinisch in homogene Stückchen zerlegten Zeit man einzuschreiben sich gewöhnt hat.</p>
<p>Der starre Blick auf die Zukunft, dem entgeht, dass er selbst sie konstruiert, enthüllt nur das, was aus ihm selber schaut, und bestätigt in seinen eigenen Augen daher die endlose Haltbarkeit dessen, was ist. Trachteten vergangene Epochen sich als Abglanz oder höchster Spross einer glorifizierten Vergangenheit zu legitimieren und feierte sich das Bürgertum klassisch im Lichte von Erfolgen, auf die es induktiv seinen Fortschrittsglauben baute, so scheint das Kapital in seinem Endzustand Rechtfertigung nur mehr aus Künftigem und der Vermeidung von Schlimmerem zu beziehen. Die Vergangenheit wird zur Last. Nicht mehr von errungenen Siegen über Mensch und Natur ist so sehr die Rede, sondern vom Bösen, das geschah, vom noch Böseren, das über uns zu kommen droht, das abgewehrt werden muss mit jedem Mittel und dem folglich alle Vorbereitung im Hier und Jetzt zu gelten hat.</p>
<p><strong>Kontrolle</strong></p>
<p>Wie in einem paranoiden Zirkelschluss folgt aus der Unsicherheit der Kapital gewordenen Welt der Kontrollwahn. Die Zukunft wird in ein flirrendes Auf und Ab von Detektorausschlägen am Radar der Experten eingebannt. Man glaubt, diese Gesellschaft berechnen zu können, wo doch schon in ihren alltäglichsten Operationen das Unberechenbare, Unzurechnungsfähige sich schlagend durchsetzt.</p>
<p>Das kollektive Denkvermögen befindet sich im Zangengriff einer paradoxen Bewegung aus fortschreitender Kontrollgewalt, die am liebsten Menschen künstlich reproduzieren und mit Chips ausgestattet als organische Roboter und Verbraucher dem Kapital zuschieben wollte, und einer ebenso ansteigenden Verunsicherung, die freilich gerade aus der allumfassenden Kontrollsucht resultiert.</p>
<p>Ein tiefreichendes Prinzip sozialen Lebens ist hier offenbar am Werk, wodurch aus der für die Kapital- und Staatsepoche typischen Ordnung in Form einer starren Rasterung von Verhaltensroutinen und rigiden Umweltnormen mit fast schon naturgesetzlicher Sicherheit das genaue Gegenteil entspringt. Der Gipfelpunkt bürgerlicher Vernunft ist demgemäß zugleich der Abgrund grenzenloser radioaktiver Verseuchung, unkontrollierbarer genetischer Verschmutzung, einer nach menschlichem Ermessen immerwährenden Vermüllung der Ozeane, dauerhafter Abtragung und Abtötung der Böden, jahrhundertelanger planetarischer Turbulenz des Luftraums, ökonomischer Dauerkrise und vieler anderer Facetten eines alle Raster sprengenden zügellos lebensfeindlich Unvernünftigen, das immer mehr und noch mehr Vernunft, Voraussicht und Kontrolle erforderlich zu machen scheint.</p>
<p>Worin gründet diese eigenartige Vernunft, die selbst ihr Gegenteil herbeizwingt?</p>
<p>Als Urgrund des Kapitals gilt nicht mehr ein fassungslos all-einiger Quell universellen Lebens, wie in vorpatriarchaler Zeit, ja, nicht einmal mehr ein ungleiches Menschenpaar, das ein in den erdfernen Himmel katapultierter Vatergott aus dem zu totem Staub erklärten lebendigen Boden stampft. Urgrund des Kapitals soll sein der Abgrund, der sich in den Reagenzgläsern und Versuchskammern seiner Firmen und akademischen Weihestätten auftut und im Nu die menschliche Welt – und damit sich selbst – zum Nichts machen kann. Die Macht, Leben zu gebären und zu behüten, ist ersetzt durch die Macht zu töten und zu zerteilen. Schon bei den aus den Steppen Südrusslands stammenden, frühindoeuropäischen Kurganreitern, die in das „Alte Europa“ (Marija Gimbutas), die „Donauzivilisation“ (Harald Haarmann) der Kupferzeit eindrangen und Waffen ehrten, später bei Abrahams Opfer und, mit technologischer Hebelwirkung vielfach vergrößert, in den Arsenalen dieser Tage.</p>
<p>Die Macht des Lebens besteht aus sich selbst heraus. Die Macht zu töten dagegen parasitiert, sie zehrt von etwas, was sie nicht schaffen, sondern nur kontrollieren kann. Sklave ist in Wahrheit sie, nicht das, was ihr als unterworfen gilt. Je mehr sie in ihrer Kontrollsucht überheblich voranschreitet, desto eher entpuppt sie sich als abhängig, hilflos und verheerend selbstzerstörerisch. Sie versteht immer mehr durch Zerlegung und begreift deshalb immer weniger. Der Entschlüsselung des genetischen Codes und der Gene der Menschen entspricht keine Einsicht in ihr Wesen und ihre Möglichkeiten. Die populationstheoretisch präzise Ausformulierung der Darwinschen Evolutionstheorie erklärt die großen Sprünge der Entwicklung des Lebendigen nicht. Die fortgeschrittensten Theorien der Physik eignen sich zum Bau von PCs, aber nicht mehr zum Verstehen der Welt. Gibt die Physik Einsicht in den Kosmos und der Menschen Stellung darin?</p>
<p>Die Autonomie des Lebendigen setzt sich als eine unbegriffene, unvorhergesehene Dynamik, chaotisch also, weil konzeptionell wie lebenspraktisch ausradierte Einheit, gegen die Macht des Tötens durch. Die sich über dem schwindelerregenden Abgrund des kapitalistischen Weltenbaus entwickelnde Risikowissenschaft und Sicherheitsforschung gleicht mehrfach multiplizierten Tabus und rituellen Methoden der Zukunftsschau – eine letzte Form bloß noch fiktiver Kontrolle, zu der eine Gesellschaft greift, die ihres herrschaftsbedingten Leidens nicht mehr Herr wird.</p>
<p><strong>Anpassung</strong></p>
<p>Die Reform, die seit den 1980er Jahren die permanente Revolution des Kapitals bezeichnet hat, wird abgelöst durch Anpassung. Wenn Form und Inhalt, der Zwang dieser Gesellschaft und das in Gesellschaft Gezwungene, immer mehr in Eins fallen, so kann es in der Tat kaum noch um Reformen gehen, also um eine Veränderung der Form, sondern muss die Veränderung des Inhalts, die Passbarmachung an eine als unveränderlich und unbeeinflussbar gedachte soziale oder natürliche Umwelt ins Zentrum rücken. So hat Roland Atzmüller unlängst die Rolle von Bildung für die Identifikation von Ich und Krise, den Zusammenfluss von menschlichem Innenraum und sozio-ökonomischer Außenwelt des Kapitals analysiert. Was John Holloway als „Wir sind die Krise“ in hoffnungsvoller Kritik entziffert, gerinnt in der Praxis des Kapitals zur umso schrecklicheren Affirmation: „Die Krise bist Du“.</p>
<p>Im Diskurs der Anpassung wird das im selben Maße wie die kapitalstaatliche Kontrolle anwachsende chaotische Meer des Unkontrollierbaren zum absoluten Äußeren erklärt und zugleich zum Innersten des Menschseins gemacht. Anpassung bezeichnet so die letzte Entäußerung, geradezu Selbstentleibung der Menschen, von denen außer Unpässlichkeit nichts übrig zu bleiben scheint.</p>
<p>Der Klimawandel bietet dafür ein Beispiel. Fast im selben Atemzug gilt er als Frucht planetarer Übervölkerung, als todbringende Konsequenz eines chaotischen Naturtriebs nach Fortpflanzung, und als Feind, gegen den man Krieg führen kann im „war on climate change“, als handelte es sich um das Alien eines fernen Planeten, das verhängnisgleich vom Himmel fiel. Das Kontrollversagen kann nur von noch mehr Anpassung, noch mehr Kontrolle kompensiert werden, das ist das eigenverantwortliche Abschneiden von Restwiderständigkeit, dessen, was in diese Welt nicht passt. Wo die Gesamtheit der Menschen als ärgerlicher Gesamtwiderstand den Lauf der Welt hemmt, wird ihre Selbstausrottung Stück für Stück zur letzten Konsequenz. Wenn die Deutschen ihren Krieg nicht gewinnen, so sollen sie eben krepieren, meinte Hitler.</p>
<p>Dass gerade die Evolution des Lebendigen, einem vorherrschenden Missverständnis zum Trotz, nicht aus Anpassung an eine vorgegebene Umwelt erklärt werden kann, wie die Organismische Evolutionstheorie zu zeigen begonnen hat, nimmt sich da wie eine Ironie der Wissenschaftsgeschichte aus. Die Ideologie der Anpassung ist ihrem biologischen Theoriehabitat entstiegen und verdoppelt den Alptraum, der das Leben in dieser Gesellschaft für viele, für andere in vielen Momenten und für alle in mancher Hinsicht ist. Die biologische Anpassung, als naturalisiertes Abziehbild des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft ursprünglich von Charles Darwin, vermittelt über den Soziologen Herbert Spencer, aus der Anschauung ihrer unentwickelten Manchester-Frühform entnommen, hat ihren Weg in die Gesellschaft zurückgefunden: Anpassung an den Klimawandel, an Peak Oil, an Unsicherheit.</p>
<p>Ehrbare Institutionen einer ehrlosen Gesellschaft ergehen sich in demographischen Prognosen, in immergleichen Wortschleifen werden Szenarien beschworen, die ein Bild der Ausweglosigkeit zeichnen, die eine Anpassung an das Verhängnis dieser Gesellschaftsform unausweichlich scheinen lassen und dieses Verhängnis damit in einer selbst erfüllten Prophezeihung erst zu vollstrecken trachten. In logischer Konsequenz der demographischen Zukunftsfiktion steht am Ende die Vernichtung der Ausrangierten. In logischer Konsequenz von Peak Oil steht am Ende die Abwicklung der Menschheit und der Tod der vielen Überzähligen. In logischer Konsequenz des Klimawandels steht am Ende die Umwandlung der blauen Himmelsatmosphäre in einen gelben Giftnebel, der angeblich vor weiterer Erwärmung schützen soll. So jedenfalls sind die Fluchtlinien der offiziellen Vorstellungen dieser Gesellschaft von sich selbst beschaffen.</p>
<p><strong>Herren-Zeit</strong></p>
<p>Die lineare, zerstückelte Uhr-Zeit dominiert andere Formen der Zeit, die sie behelligen und formieren, aber nicht auslöschen kann. Ihr Lauf selbst beschreibt in der analogen Mechanik einen Kreis, der Zyklus wird zur Metapher der linearen Zeit. Nur durch Zählen der Wiederkehr, der Rückkehr an den Ausgangspunkt, wird die Zeit als eine Abfolge gleicher Zeitstücke zuerst messbar. Und nur im Geist der bürgerlichen Vernunft setzen sich diese Zeitstücke zu einem Zeitpfeil zusammen, der linear von der Vergangenheit in eine endlose Zukunft weist. Digital ist es die Schwingung der Atome, ein zyklischer Prozess, der als maschinelle Metapher der linearen Zeit herhalten muss. Die Auslöschung aller Unterschiede, die diese konstruierte Zeit vorspiegelt und in limitierten Lebensbereichen auch ermöglicht, ruht auf der differenzierten Zyklizität und der Erschöpfung natürlicher Verläufe.</p>
<p>Die Uhr-Zeit bedient sich des Instruments anders gearteter Zeitformen, die dann nur mehr als Durchgangsform ihres Laufs erscheinen und nicht mehr mit dem Gewicht eigener Größe wirken. So ist der Kalender eine große Gestalt zyklischer Zeit, Einheit, Zahl und Abfolge der Monate ein tief sedimentiertes Relikt kreisläufiger Zeitfassung. Wie die Ware als Verkörperung von Geld-Wert erscheint, sich in ihr Gegenteil verkehrt, erscheint der Zyklus natürlicher Vorgänge so als Verkörperung einer Linearität.</p>
<p>In gleicher Art verkehrt sich in den Szenarien der permanenten Zukunftsschau, die diese Gesellschaft immer mehr zum existenznotwendigen Ritual ihrer Haltbarkeit erhebt, die Gegenwart in eine Verkörperung ihrer Zukunft. Das Reale ist dann immer noch nicht da, die Zeit des Friedens liegt immer erst vor uns. Das zeigt sich auch in den persönlichen Biographien. Das Kind gilt als kommender Lohnabhängiger und die Gesellschaft, in der es aufwächst, richtet es immer mehr aus auf das, was es nicht ist. Schon im Vorschulalter soll es Mathematik lernen, es soll sprechen können bevor es laufen kann, und am Besten hätte schon das Baby den Volksschulabschluss in der Tasche. In den USA machte neuerdings ein Buch Furore, das sich wie die systematische Heranzüchtung der ärgsten Seelenschäden ausnimmt, indem es dazu anhält, Kinder zu vermeintlichen Künstlern, Tausendsassas und Genies zu dressieren, mit Gefühllosigkeit und Härte, zum Nutzen der nationalen Wettbewerbsfähigkeit.</p>
<p>Der Lohnabhängige wiederum gilt als kommender Pensionist und Rentner und sein Sinn und Streben, das sich in einem wuchernden Versicherungswesen und der Verschiebung von Lebensträumen (und damit des Lebens selbst) ausdrückt, zielt auf etwas, was er nicht ist. Als Pensionistin und Rentnerin schließlich lebt eins notgedrungen da, wo alles ist, und in dieser Gesellschaft daher nichts: im Jetzt. Nach dem Tod der Idee vom Jenseits und der vor das Patriarchat zurückreichenden Idee der Wiedergeburt gibt es dann nichts mehr, worauf hin sich eins zukunftsflüchtig gesellschaftskonform ausrichten könnte, wohin sich anzupassen es vermöchte. Also revoltiert sich eins in die eigene endlose Gegenwart oder leidet darunter oder zerbricht daran.</p>
<p>Woher kommt die Idee der endlos linearen abstrakten Zeit?</p>
<p>Die Idee der Geschichte als Linearität ist vermutlich alt, aber nicht so alt, dass nicht die Idee der Geschichte als Zyklus als eine ursprüngliche kenntlich würde, bei Platon oder in der Archäologie Europas vor der Durchsetzung des Patriarchats, wo Gräber in Gestalt weiblicher Innenkörper angelegt und der Tod offenbar als Wiedereintritt in das Mysterium undifferenzierten Lebensquells konzipiert war. Wie auch immer die Entwicklung der Idee unfruchtbarer Linearität über das patriarchale Heidentum und dann Christentum zu zeichnen ist, sie erhält noch eine Zuspitzung mit der Durchsetzung des Kapitals und der es begleitenden bürgerlichen Denkweise.</p>
<p><strong>Die Last der Vergangenheit scheint aus der Zukunft hereinzubrechen</strong></p>
<p>Die Substanz des Kapitals ist eine Fiktion, die Idee, dass menschliche Lebenszeit sich in Diensten oder Dingen wie ein körperloser Gegenstand vom Leben selbst absondern und in Zahlenform verkörpern lässt. Das Kommando der Kapitalisten über die Arbeitskraft der Gesellschaft lässt sich reduzieren auf die Verfügung über fremde Zeit. Anders als in der Verfügung der Feudalherren über die Zeit der Bäuerinnen und Bauern ist der Effekt der kapitalistischen Verfügung über die Zeit der Lohnabhängigen eine Entäußerung ihrer Lebenszeit, die sich den Produkten der lebendigen Tätigkeit unter diesem Kommando anzuheften beginnt und sie wie mit eigenem Leben begabt, das schließlich auch die Herren selbst unter Kuratel stellt. Wie unsichtbar bildet die zum abstrakten Wert der Waren geronnene und in Gestalt des Kapitals als fremde Macht der Gesellschaft entgegentretende festgefrorene Lebenszeit der arbeitenden Klasse die Beziehung zwischen Herren und Untertanen. Fast so, John Holloway folgend, als hätte sich das Verhältnis der Herrschaft im Verlauf der sozialen Kämpfe des ausgehenden Mittelalters bis an seine äußerste Grenze gespreizt, indem es die harten Fesseln der persönlichen Verbindung gegen die Leine des stummen Zwangs fiktiv entäußerter Lebenszeit austauscht, der die arbeitende Klasse wie von selbst immer wieder unter das Kommando zwingt, rhythmisiert freilich von der lauten Gewalt des Staates, der nicht ohne die allzu persönliche Faust der Polizei auskommt.</p>
<p>Wo die Produkte des Lebens als vergegenständlichte Zeit gelten, verliert es selbst seine Kraft, hört auf, wenn es sich nicht mit seiner Zeit wiederverbinden kann. Das jedoch geschieht so, dass es sich dem Taktstock dieser Zeit, dem Kapital und seinem Verwertungszyklus, unterwerfen muss. Nur dann erhält es Lohn und folglich Brot. Der Abzug der Zeit vom Leben und deren künstliche, an zahlreiche Bedingungen gekoppelte und daher ständig prekäre Wiederverbindung macht beides separat und spaltet ihre organische Einheit. Die Illusion entsteht, die Zeit könnte ohne das Leben existieren, womöglich sogar ohne den Kosmos, Füllung und Fülle der Welt. Als könnte die Zeit selbst einen Lauf vollziehen und uns sich unterwerfen.</p>
<p>Auf Basis dieser sozial durchgesetzten und in den Strukturen der Ideologie eingelassenen Illusion, die der Illusion ähnelt, die Macht des Tötens könne in Selbstumkehrung das Leben neu erschaffen, entfaltet sich die dem Kapital eigene Zyklizität. Sie zeigt sich zuerst als Rückkehr der vorgeschossenen Summe Geld zu ihrem Ausgangspunkt und durch Vergleich entlang des Zeitpfeils Ableitung der Profitrate. Aus der Überlagerung von linearer Uhr-Zeit und bloß quantitativem, produktivem Zyklus der Akkumulation ergibt sich das Kapital als Inbegriff von Geschichte. Auf Seiten der den Wert bildenden abstrakten Arbeitszeit und der sie möglich machenden Hausarbeit, die Verwertung speisend, gibt es dagegen nur ewige Wiederkehr zum Ausgangspunkt Null, reproduktiven Zyklus, Verlängerung der proletarischen Kondition, mit Nichts als der Hände und des Kopfes Arbeitskraft zur Vermehrung einer fremden Macht über sie selbst beizutragen und zu bloßer Potenzialität zurückzukehren, als Stoff eines anderen Geistes.</p>
<p>So sehr sich diese Macht aufbaut, wird indes die Last der Vergangenheit erdrückend, die getane Arbeit vergangener Hände und Köpfe beschwert jede weitere Handlung anstatt sie zu erleichtern, sie engt den Lauf der Dinge ein und zieht ihn hinab in einen Zirkelschluss aus vergangenen Schrecklichkeiten, die künftige Schrecklichkeiten notwendig hervorzurufen scheinen und deren Mittelglied eine uns immer weiter auf den Pelz rückende Anpassung bildet.</p>
<p>Die Kollision der auseinander laufenden Zeit-Dinge, die sich gegeneinander verselbstständigen, einerseits und der Zeit-Dinge mit der Zeit der Natur und der Menschen andererseits ist vorgezeichnet. Die Zyklizität des Kapitals, die sich in den differenten Umschlagsdauern der einzelnen Kapitalien konkretisiert, verdichtet sich kollektiv und zerbricht immer wieder an der Widerständigkeit der Welt, ein Widerspruch, der sich in den Akkumulations- und Krisenzyklen niederschlägt.</p>
<p><strong>Hier und Jetzt</strong></p>
<p>Die Möglichkeit der linearen abstrakten Uhr-Zeit, die, wie zu sehen war, zyklische Naturzeiten als maschinelle Metapher für etwas Anderes nimmt, sagt nichts aus über ihre objektive Realität. Die Fähigkeit der Menschen, Uhren zu bauen, die alle in der gleichen Weise funktionieren, auf die Sekunde, Millisekunde und Nanosekunde genau und noch genauer, sagt etwas aus über diese Fähigkeit, aber nichts weiter.</p>
<p>Daraus zu schließen, die Zeit verliefe von hinten nach vorne, wie eben in einem Zeitpfeil metaphorisch, als eine nur räumlich denkbare Anordnung dargestellt – und die Zeit ist scheinbar immer nur als Raum denkbar, jedenfalls in indoeuropäischen Sprachen Europas, ein Hinweis auf die wesentliche Verwobenheit dieser beiden Realitätsmomente – dieser Schluss ist voreilig.</p>
<p>Existent ist realiter, das heißt in der unmittelbaren Erfahrung, nur das Hier und das Jetzt. Alle Vergangenheit ist in diesem bewegten Zustand enthalten, der unbeholfen gesagt das Leben selbst ist, ebenso alle Zukunft. Die Vergangenheit und die Zukunft, die, personifiziert fast wie Götter, unsere Sprache und damit zwangsläufig auch unser Denken bevölkern, sind Fiktion. Diese Fiktionen verweisen auf etwas Reales, andernfalls hätten sie nicht die kollektive Lebenswelt bestimmend zur sozialen Denknorm erhoben werden können – allerdings gibt es auch andere Sprach- und Denkstrukturen, die ohne Zeitbegriff im indoeuropäischen Sinn auskommen, was sie als gleichermaßen mögliche und damit reale Welten ausweist. Dieses Reale existiert jedoch immer nur in einem Punkt, nur dort kann es erfahren werden. Auch die Planung von Zukunft, die Trauer um Vergangenes findet statt in einem Hier und Jetzt, das nichts kennt außer sich selbst, ununterschiedene Gegenwärtigkeit, ewige Momentaneität im Sinn einer augenblicklichen Zeitlosigkeit.</p>
<p>Nicht existiert etwas außer allem, was jetzt existiert.</p>
<p><strong>Freisein</strong></p>
<p>Ein wahres Paradox, kann Befreiung weder individuell noch kollektiv als Bewegung hin auf eine Zukunft konzipiert werden. Sie ist wesentlich Freisein, das ist oder ist nicht und widerspricht der Idee des Fortschritts, der sich einer unerreichbaren Zukunft nähert. Sie kann freilich in Stücken geschehen, aber sie selbst existiert, sei es als ein Stück oder als ein Ganzes, nur und immer hier und jetzt. Sicherlich hat eine Befreiung bestimmte Voraussetzungen. Die können aber nicht in der Zukunft liegen, sie müssen vielmehr im Hier und Jetzt, das heißt zugleich immer wieder neu, beständig gegenwärtig eingespürt und aufgefühlt werden, ohne Ausflüchte in eine Fiktion von Gegenwart an einem anderen Ort am Zeitpfeil.</p>
<p>Man kann immer eine logische Erklärung der Zwangsläufigkeit der Vergangenheit konstruieren. Man könnte in hundert Jahren eine zwangsläufig schlüssige Erklärung des Verlaufs des uns Heutigen Gegenwärtigen geben. Man wäre indes ebenso gut in der Lage heute eine exakte Prognose des morgen nicht Eingetretenen zu geben – und tut dies mit nicht näher bekannter Sicherheit in unzähligen Fällen.</p>
<p>Das Kapital findet seinen Urgrund in der Auslöschung aller Differenz und damit allen Sinns in seiner Doppelbewegung aus der immer gleichen Rückkehr-Schleife entlang eines sich endlos erstreckenden Zeitpfeils, der aus seiner Akkumulation eine Art von Dauerspirale macht. Der Ideologie der Bedürfnisbefriedigung, die seine Verfechter ins Feld führen wollen, spricht der realen Unmöglichkeit, dieser Zeitstruktur gemäß je zufrieden zu sein, Hohn. Der Student, der seine wahren Leidenschaften unterdrückt, um dereinst, nach Abschluss seiner Ausbildung, in geruhsamer beruflicher Stellung das zu tun, was ihm wirklich Freude macht, nimmt Erich Fromm zum Beispiel, erliegt einer Illusion. Ein Milliardär könnte mit seinen finanziellen Mitteln ein Übermaß an Gutem tun und tut es eben genau deshalb nicht, weil er als Milliardär von solchem Charakter sein muss, der verhindert, dass er sein Geld altruistischen Zwecken widmet. Ein Milliardär, der keiner sein will, wäre keiner geworden.</p>
<p>Der Weg bestimmt das Ziel, das erreicht werden kann. Gilt der Weg als Metapher für die Linearität der abstrakten Zeit, so ist der Schritt das Bild der Zyklizität organisch differenziert gegliederter, rhythmisierter Zeit. Ebensowenig wie Sinn und Freude einer musikalischen Darbietung in ihrem Schlussakkord liegen, sollte die Konzentration auf die Bedingungen des Freiseins sich in eine Weg-Ziel-Dichotomie zerstreuen. Befreiung liegt im Verlust von Fußfesseln, nicht im Erreichen eines Ziels.</p>
<p>Es darf Abschied genommen werden davon, etwas erreichen zu sollen, dessen Voraussetzungen sich nicht schon vollständig, und seien sie noch so tief verborgen, im Hier und Jetzt finden. Der Macht des Hier und des Jetzt sollte der Vorzug gegeben werden gegenüber der Entleibung aller Wesenskräfte in die Fiktion einer Zukunft, die wie aus einem Schattenreich unangreifbar uns in ihren Zwang einbannt.</p>
<p>Zukunft ist nicht, Gegenwart alles.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Zeit der Arbeit</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Nov 2011 10:00:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ricky</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Bierwirth; Julian]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-53]]></category>

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<p>Streifzüge 53/2011<br />
<em><br />
von Julian Bierwirth<span id="more-10393"></span></em> </p>
<p>Wer über Arbeit reden will, sollte über die Zeit nicht schweigen. Wenn der Kapitalismus in seinem Wesen auf dem Terror der Arbeit beruht, dann ist dieser bei Lichte betrachtet nicht mehr als die Tyrannei der Zeit.<br />
Kaum etwas dürfte – neben der Arbeit – dem modernen Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen sein wie die Zeit. Nicht nur, dass wir uns selber aufgrund unseres Alters oder doch zumindest aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lebensabschnitt definieren (und somit über so etwas wie einen Lebenslauf verfügen) – wir sind auch darüber hinaus in ein umfangreiches und sich neuerdings ständig wandelndes Zeitregime eingebunden. Egal ob in der Schule, am Arbeitsplatz, beim Gang zum Amt oder bei der Anmeldung zur Prüfung – überall begegnen uns abstrakte, unser Leben reglementierende und sich stetig wandelnde Zeitvorgaben, die einzuhalten von uns verlangt wird – zumindest wenn wir denn bekommen wollen, wonach uns der Sinn steht.</p>
<h4>Vor der modernen Zeitform<br />
</h4>
<p> Über Jahrhunderte hinweg war eine solche Diktatur der Zeit nicht einmal vorstellbar. Die gängigen Zeitvorstellungen waren keineswegs auf Leistungsvergleich und Disziplinierung abgestellt, sondern an den Anforderungen der allgemeinen Lebensumstände und der kulturellen Gepflogenheiten bemessen. Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Ernte- und Aussaatzeit waren einige der relevanten Pfeiler, an denen sich die Zeitvorstellungen der Menschen für gewöhnlich gebildet haben. Dabei waren diese aus heutiger Perspektive nicht selten als „natürlich“ erscheinenden Marker der allgemeinen Zeitregulierung in kulturell-traditionelle Lebenspraktiken eingebunden. Eine besondere Bedeutung hatten dabei nicht selten religiöse Riten. Zwar hängen sowohl die Einteilung des Jahres in zwölf Monate als auch die weitere Einteilung in Wochen und Tage mit beobachtbaren Naturphänomenen zusammen, oft haben diese Beobachtungen jedoch nicht von sich aus, sondern erst durch eine theologische Setzung ihre Bedeutung für das jeweilige Sozialwesen bekommen. Alleine die Unterschiedlichkeit vieler Zeitrechnungsverfahren, die sich teils auf die Sonne, teils auf den Mond bezogen, macht deutlich, dass hier nicht objektive Natur, sondern bereits deren sozio-kulturelle Interpretation die zeitgenössischen Zeitvorstellungen prägte.<br />
Entgegen einer oberflächlichen Wahrnehmung wurden bei solchen zyklischen Vorstellungen von Zeit die natürlichen Phänomene wie der sich wiederholende Auf- und Untergang der Sonne anhand der täglichen Lebenspraxis durch eine bestimmte sozio-kulturell geprägte Brille betrachtet und entsprechend interpretiert. Das neue Jahr wurde im Mittelalter als erneute Wiederholung von etwas bereits Bekanntem gefeiert, obschon sich doch niemals tatsächlich Identisches wiederholte. Die Zeit war die Zeit Gottes, sie war Heilszeit und als solche auf Weltuntergang und Erlösung ausgerichtet. Anders als in vielen zeithistorischen Studien nahegelegt, war die vormoderne Zeitvorstellung nicht naturnäher, sondern lediglich durch andere soziale und kulturelle Praktiken gerahmt, als das in der kapitalistischen Gesellschaft der Fall sein sollte.</p>
<h4>Die Etablierung der modernen Zeitform<br />
</h4>
<p> Die ersten Vorboten der modernen Zeitform etablierten sich im ausgehenden 14. Jahrhundert. Oftmals wird ihre Ausbreitung mit der Erfindung der mechanischen Uhr durch europäische Handwerker verknüpft. Erst sie habe es ermöglicht, die linear fließende Zeit zu messen. Eine solche Reduktion der gesellschaftlichen Entwicklung auf technische Neuerungen ist jedoch wenig plausibel, zumal solche Uhren beispielsweise in China bereits lange Zeit bekannt waren, ohne dass sie dadurch gesellschaftliche Relevanz gewonnen hätten. Ganz im Gegenteil: Obwohl die dortigen Uhrwerke oftmals auf ein- und ausfließendem Wasser beruhten, wurden komplexe Erweiterungen der Maschinerie erdacht, um die Uhr an die Zeiterfordernisse der Menschen anzupassen.<br />
Stattdessen geht die Etablierung der gleichförmigen, unabhängigen Stunde auf die frühe Stoffmanufaktur in Westeuropa zurück. Durch Notlagen sahen die in diesen Manufakturen beschäftigten Pauper sich genötigt, um eine Ausdehnung ihrer Arbeitszeit zu kämpfen – um so eine Erhöhung des Lohnes zu erreichen. Das wiederum wurde nur möglich durch den Bezug auf abstrakte Zeiteinheiten, die den Arbeitstag unabhängig von Tag und Nacht messen konnten. Mit der sich ausbreitenden Warenwirtschaft und der zunehmenden Bedeutung von Handel und Lohnarbeit setzte sich diese Logik innerhalb der folgenden Jahrhunderte Stück für Stück und zumeist nicht ohne den erbitterten Widerstand der aus ihren bisherigen sozialen Zusammenhängen entbetteten Menschen durch.</p>
<h4>Die Logik der modernen Zeitform<br />
</h4>
<p> Schon ihr Entstehungsprozess macht deutlich, dass die moderne Zeitform nicht jenseits der Logik von Arbeit und Ware gedacht werden kann. Und so hat auch bereits Marx darauf verwiesen, dass kapitalistisch produzierte Waren sich nicht einfach aufgrund beliebiger Zufälle austauschen, sondern aufgrund der verausgabten Arbeit. Und auch nicht einfach aufgrund der tatsächlich geleisteten Arbeit und der für sie aufgewendeten Zeit, sondern aufgrund der Arbeitszeit, die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendig ist, um die jeweiligen Waren herzustellen. Die produzierten Waren werden (etwa auf dem Markt) miteinander in Beziehung gesetzt, indem die zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeiten miteinander verglichen werden. Dieser Vergleich zeigt, was der gesellschaftliche Durchschnitt an abstrakter Zeit ist, der für die Produktion der jeweiligen Ware angemessen ist. Während also die Arbeiten der Produzenten und der Bezug dieser Arbeiten aufeinander zunächst das gesellschaftlich relevante Zeitquantum konstituieren, müssen sie sich gleichsam dem Ergebnis dieses gesellschaftlichen Vermittlungsprozesses beugen. Der so durch menschliches Handeln etablierte Maßstab menschlichen Tätigseins verwandelt sich bereits in dem Moment, in dem er entsteht: er ist nicht bloß ein Resultat der Arbeit, sondern zugleich ihr Maßstab. Die Zeit wird so einerseits abhängig vom Handeln der Menschen und gleichzeitig die Voraussetzung für deren Handeln. Und die Menschen selber sind, obschon sie das alles doch erst durch ihr Tun ermöglicht haben, der so geschaffenen Logik der Zeit gleichsam unterworfen.<br />
Das so von den Menschen errichtete Herrschaftsregime der Zeit ist jedoch keineswegs statisch. Ganz im Gegenteil: die Notwendigkeit, den Anforderungen des Zeittaktes genügen zu können, verlangt ihnen immer neue Höchstleistungen, immer komprimiertere Arbeitsprozesse und einen immer dichteren Zeittakt ab. Der Aufwand bzw. das Arbeitstempo, das als abstrakte Zeiteinheit (etwa: eine Stunde) gilt, ist einem geschichtlichen Wandel unterworfen. Diese auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelte historische Bewegung der Beschleunigung nennt Moishe Postone „historische Zeit“.<br />
Auf der Ebene der Subjekte sieht die Sache ganz ähnlich aus: Die je Einzelnen bringen zwar via Warenproduktion ihre eigene Unterwerfung hervor, imaginieren sich jedoch gleichsam als handelnde AkteurInnen und versuchen so im Rahmen der von ihnen hervorgebrachten Struktur möglichst viel Aktivität zu entfalten – die dann eben nur als ewiges Mehr von bloßem Handeln gedacht werden kann. Hier hat die moderne Beschleunigungsmaschinerie ihre zweite Quelle.<br />
Es lohnt sich die mit der historischen Zeit einhergehende gesellschaftliche Dynamik genauer zu betrachten. Um den stets steigenden gesellschaftlichen Ansprüchen genügen zu können, muss die eigene Arbeit stetig beschleunigt werden. Nun ist der kapitalistische Gesamtprozess auf die Zeit als Maßstab für gesellschaftlichen Reichtum ausgerichtet. Seine Dynamik ist auf eine Erhöhung der Menge verausgabter Zeitquanta ausgerichtet, die dann in der Kritischen Theorie unter dem Begriff <em>Wert</em>  firmieren. Gleichzeitig jedoch strebt eben diese Dynamik dazu, die in den individuellen Produktionsprozessen verausgabte Zeit zu minimieren.<br />
Dieser innere Widerspruch der Warenproduktion hatte lange Zeit eine ziemlich durchsichtige Verlaufsform: Durch eine stete absolute Ausdehnung der produktiv vernutzten (Arbeits-)Zeit und damit durch eine stete Ausdehnung der produzierten Warenmassen wurde die gesamtgesellschaftlich akkumulierte tote Zeit stetig erhöht. Die absolute Masse des produzierten Wertes stieg an. Doch als dann in Folge der mikroelektronischen Revolution die Produktivität in einem vorher kaum für möglich gehaltenen Maße anstieg, versagte dieser Mechanismus. Von nun an war es augenscheinlich nicht mehr möglich, die an der einen Stelle freigesetzten Kapazitäten durch Erweiterungen an anderer Stelle wieder auszugleichen. Seitdem schrumpft die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendig verausgabte Arbeitszeit – und damit die produzierte Wertmasse. Das Regime von Arbeit und Zeit geriet in seine große Krise.</p>
<h4>Die Zeit und ihr Anderes<br />
</h4>
<p> Die neue Zeitform prägt das Leben in modernen, kapitalistischen Gesellschaften – und doch ist sie trotz ihrer Dominanz nicht die einzige Zeitlogik, die für moderne Menschen erlebbar ist. Sie konnte ihre historisch beispiellose Effektivität nur dadurch erreichen, dass sie durch raumzeitliche Trennung alle lebensweltlichen Momente aus ihren Abläufen zu verbannen wusste. Diese Momente wurden in gesonderte, eigens zu diesem Zweck etablierte gesellschaftliche Sphären abgeschoben: die der Freizeit, der Familie, der Religion etc.<br />
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits Marx hat darauf verwiesen, dass mit der Etablierung der Zeit als Arbeitszeit zugleich die zeitliche Beschränkung dieser Arbeitszeit gesetzt ist. Sie hat einen Anfang und ein Ende – und bezieht sich derweil auf ihr abstraktes Gegenüber, die Freizeit. Freizeit ist dementsprechend, da sind sich die Sozialwissenschaften ausnahmsweise mal ganz einig, in erster Linie dazu da, die kapitalistischen Arbeitssubjekte wieder fit zu machen für das Arbeitsleben.<br />
Die Durchsetzung dieser Sphärentrennung gilt hier als zentrales Merkmal der Moderne. Und tatsächlich ist die Abtrennung aller lebensweltlichen, nicht-rationalen Bezüge aus der Arbeitswelt keineswegs ein historischer Zufall, ohne den die kapitalistische Moderne zwar einen anderen, aber eben doch einen stabilen Entwicklungspfad beschritten hätte.<br />
Denn das selbstidentische Wandeln innerhalb von Zeitstrukturen mit dem steten Zwang zu Optimierung und Rationalisierung würde, beherrschte es die Gesellschaft in ihrer Totalität, die Subjekte an den Anforderungen gnadenloser Selbstdisziplin scheitern lassen und so das kapitalistische Unterfangen als solches bedrohen. Würde etwa Kindererziehung ausnahmslos nach dem Prinzip der Zeitrationalisierung vorgenommen, wäre als Ergebnis dieses Erziehungsprozesses kaum ein den gesellschaftlichen Anforderungen gewachsenes Subjekt zu erwarten. Und gäbe es tatsächlich keine Möglichkeit für die Subjekte, sich auf sich selbst zu fokussieren und abzuschalten, wäre vermutlich für niemanden das Leben langfristig auszuhalten.</p>
<h4>
Das Geschlecht des Anderen<br />
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<p> Wenn also das Leben der kapitalistischen Subjekte von diesem Doppelcharakter von Arbeits- und Freizeit geprägt ist, stellt sich die Frage, wer derweil den Abwasch macht. Dieser Lebensbereich wird als Reproduktion bezeichnet, als „Aufrechterhaltung“ der gesellschaftlichen Bedingungen. Historisch wurde dieser Bereich zumeist Frauen überantwortet, die hier ausgeführten Tätigkeiten (umsorgen, pflegen, zuhören, putzen) wurden als „weibliche Eigenschaften“ entsprechend naturalisiert. Die Reproduktionssphäre kennt weder die festen Zeitstrukturen der Arbeit noch die Freizeit als ihr Gegenstück. Haushaltsbezogene Tätigkeiten enden nie und sind doch gleichsam unsichtbar. Berichte aus dem Alltag von Hausfrauen belegen eindrücklich, das hier eine (mindestens gefühlte) stete Zuständigkeitserwartung vorherrscht, die sie von morgens bis abends unter Strom setzt, ihnen keine Ruhe und keine Auszeit lässt. Wenn Kinder und Mann nach Hause kommen, wollen sie (nicht selten zu je verschiedenen Uhrzeiten) etwas zu essen haben, bedürfen der Zuwendung, des Zuspruchs und der Zuneigung. Es ist gerade dieser Anspruch an stete Verfügbarkeit, der die haushaltsbezogenen Tätigkeiten jenseits der Welt der Arbeit gleichsam als deren Voraussetzung implementiert.<br />
Trotz alledem – oder gerade deshalb – bleiben die vielfältigen Tätigkeiten im Haushalt zumeist unsichtbar. Das regelmäßige Putzen und Aufräumen der Wohnung mag aufwendig und anstrengend sein – kaum sind die übrigen Familienmitglieder eine Weile daheim, sieht es wieder aus, als sei seit Längerem nicht aufgeräumt worden. Es ist diese Verunsichtbarmachung, die Roswitha Scholz versucht hat mit dem Terminus der Abspaltung zu umschreiben.<br />
Dabei ist stets klar, dass die Trennung der gesellschaftlichen Sphären und die Wirkmächtigkeit von Zeitlogiken niemals vollständig synchron übereinander lagen. Schon immer waren sowohl die Freizeit als auch die Organisation des Haushalts mit Rationalitätskriterien konfrontiert, die von der Arbeitswelt in die übrigen Lebensbereiche ausgestrahlt sind. Und auch andersherum spielen emotionale Momente spätestens seit den 40er Jahren eine nicht zu unterschätzende Rolle in der rationalen Betriebsorganisation. Trotz allem zeigen ihre Bedeutung und Dynamik, dass hier keineswegs von wahlloser Beliebigkeit die Rede sein kann, sondern dass die beiden Zeitpraktiken in einem systematischen Verhältnis der Über- und Unterordnung sowie der gleichzeitigen gegenseitigen Verwiesenheit stehen.</p>
<h4>Die Krise der modernen Zeitform<br />
</h4>
<p> Zusammen mit der Krise der Arbeitsgesellschaft entsteht auch eine Krise des modernen Zeitregimes und seiner dunklen Rückseite. Der Modus einer simplen quantitativen Ausdehnung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit scheint an seine absolute Grenze gestoßen zu sein. Seitdem zapft der Kapitalismus in erster Linie die Zukunft an: Fiktive Kapitalien, die nicht auf bereits verausgabte Arbeitszeiten, sondern auf in einer potentiellen Zukunft zu erwirtschaftende Werte verweisen, stehen im Mittelpunkt der spätkapitalistischen Dynamik.<br />
Seit einigen Jahren ist zudem eine Erosion dieser spezifischen modernen Zeitarrangements zu beobachten. Die starre Trennung von Arbeits- und Freizeit bricht auf, ihre Grenzen verfließen mehr und mehr. Die Folge davon ist jedoch keinesfalls eine völlige Kontingenz der Zeitlogiken, sondern vielmehr eine immer umfassendere Kolonisation der lebensweltlichen und verunsichtbarten Zeitpraktiken durch die moderne Zeitform. Jede Lebensregung soll sich nun vor den unumstößlichen Ansprüchen an Effizienz und Rationalität bewähren. Dies führt nun aber dazu, dass sich in allen Lebensbereichen das Gefühl ausbreitet, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein und gewissermaßen auf rutschenden Abhängen zu stehen: Eine vollständig auf den lebensweltlichen Alltag ausgedehnte Tretmühlen-Zeitlogik bewirkt nicht weniger als stete Unruhe und Betriebsamkeit, was letzten Endes bei vielen ZeitgenossInnen zu dem Gefühl führt, für nichts mehr Zeit zu haben und selbst hinter den notwendigsten Anforderungen nicht mehr herzukommen. Die Folgen sind unübersehbar: Burn-Out, Stress, Herzinfarkt, Karoshi und Depressionen sind nur einige der prominentesten Symptome der postmodernen Arbeits- und Beschleunigungsgesellschaft.<br />
Während die Arbeitswelt in der Frühmoderne noch vor irrationalen, ineffektiven Zeitpraktiken geschützt werden musste, hat ihre Dominanz in Laufe der Jahre die übrige Lebenswelt erfolgreich infiziert. Sie hat im Innern der kapitalistischen Arbeitssubjekte derart erfolgreich Wurzeln geschlagen, dass diese auch in ihrem Freizeitverhalten derart auf fremdbestimmte Zeiteffizienz getrimmt sind, dass der abstrakten Zeit von dieser Seite aus keine Gefahr mehr droht.<br />
Auch die starre Aufteilung in Produktion und Reproduktion, wie sie viele im Laufe des Fordismus liebgewonnen haben, ist in ihrer idealtypischen Reinform längst überholt. Damit ist das dieser Trennung eingeschriebene patriarchale Geschlechterverhältnis jedoch keineswegs überwunden. Es lebt vielmehr weiter als ein Phänomen, das als „Doppelte Vergesellschaftung“ beschrieben wird: Frauen sind zwar für gewöhnlich erwerbstätig, bleiben jedoch nichtsdestotrotz in weiten Teilen für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig.<br />
Unproblematisch ist diese Entwicklung also nicht. Weder für die Menschen, noch für die Reproduktionsfähigkeit des Systems. Denn auch wenn die abstrakte Zeit ihren Siegeszug endlos fortsetzen zu können scheint, unterminiert sie mit jeder gewonnenen Schlacht ihre eigenen Voraussetzungen. Die gesellschaftlichen Institutionen, die den Subjekten als Haltepunkte in der sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft gedient haben, erodieren nämlich mehr und mehr. Familie, abstrakte Ich-Identität, Verlässlichkeit von Vertragsbeziehungen – alles das, was zwar selber Teil des modernen Horrors darstellt, seine Funktion aber nicht zuletzt darin fand, die Verhältnisse für die Subjekte auf perfide Weise erträglich zu machen, tritt uns im Zustand seiner Auflösung entgegen. Das zunehmende Tempo der Moderne führt nicht nur zur Krise der Arbeit, sondern mit ihr zur Krise der Moderne als ganzer.</p>
<h4><em>Literatur<br />
</h4>
<p> Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Freiburg, Ca Ira 2003.<br />
E.P. Thompson: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, in: Ders.: Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jhdts., Frankfurt a. M., Berlin, Wien, Ullstein 1980.<br />
Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a. M., Suhrkamp 2005.<br />
Regina Becker-Schmidt; Gudrun-Axeli Knapp; Beate Schmidt: Eines ist zuwenig, beides ist zuviel: Erfahrungen von Arbeiterfrauen zwischen Familie und Fabrik, Bonn, Dietz 1984.<br />
Peter Borscheid: Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung, Frankfurt/New York, Campus 2004.</em> </p>
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		<title>Rasanz der Politik</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Sep 2008 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2008/rasanz-der-politik">Rasanz der Politik</a></p>
Wahlkämpfe werden zunehmend zu einem Flächenbombardement auf den menschlichen Geist]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2008/rasanz-der-politik">Rasanz der Politik</a></p>
<h3>Wahlk&auml;mpfe werden zunehmend zu einem Fl&auml;chenbombardement auf den menschlichen Geist</h3>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-945"></span></p>
<p><em>Wenn zwei Nationalratswahlk&auml;mpfe so knapp hintereinander stattfinden, wei&szlig; man direkt, was man unbedingt vers&auml;umen sollte. </em></p>
<p>Die Alpenrepublik galt lange Zeit als Hort eines unbeweglichen Parteienspektrums. Christlichsoziale und Sozialdemokraten teilten sich das Land, sonst tat sich wenig. Doch diese Stabilit&auml;t ist im Schwinden, ja Verschwinden begriffen. Holten SP&Ouml; und &Ouml;VP bis Ende der Siebzigerjahre stets um die 90 Prozent der Stimmen, so m&uuml;ssen sie diesmal froh sein, wenn sie an der 60 Prozent-Marke kratzen. Dieser Abstieg ist ein langfristiger Trend, mag er auch gelegentlich unterbrochen werden.</p>
<p>So treten jetzt auch &uuml;ber zehn Parteien zu den Wahlen an. Neben den f&uuml;nf im Parlament vertretenen haben noch das Liberale Forum (LIF) und die Liste Dinkhauser (eine Tiroler &Ouml;VP-Abspaltung) Chancen auf den Einzug in den Nationalrat. Der Listen werden viele. Eintagsfliegen und Unverdrossene, Juxlisten und Obskuranten versuchen ihr Gl&uuml;ck. M&uuml;ssten nicht formale H&uuml;rden bei der Einreichung (amtlich best&auml;tigte Unterst&uuml;tzungserkl&auml;rungen) &uuml;berwunden werden, w&auml;ren es noch viel mehr.</p>
<p>Etliche Kommentatoren sprechen schon vom Ende der Zweiten Republik. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Andererseits ist kein Anfang geschweige denn ein Aufbruch festzustellen. Nirgendwo. So ist es weniger ein Ende als ein Auslaufen, das nicht und nicht zu Ende kommen kann. Es ist also keine Dritte Republik in Sicht, weder eine Haidersche, der diesen Begriff fr&uuml;her f&uuml;r sich reklamierte, noch eine andere. Dass es so nicht mehr weiter geht, ist ein Gef&uuml;hl, dass zwar des &Ouml;fteren aufkommen mag, es ist aber eine Frage, ob es die ihm zugesprochene Relevanz hat und man sich nicht umgekehrt mit dem Dahinwursteln abgefunden hat. So wird es weitergehen, auch wenn nichts mehr weitergeht. Vorerst.</p>
<h4>Event statt Interesse</h4>
<p>Machen wir uns nichts vor: An Wahlen interessiert weniger das inhaltliche Angebot als das formale Aufgebot. Mehrw&ouml;chige Auff&uuml;hrungen sind die Folge. Entscheidend f&uuml;r das Wahlverhalten vieler sind nicht mehr profane Interessen, sondern unmittelbare Stimmungen, die oft von beil&auml;ufigen Nuancen und Akzenten abh&auml;ngen, in etwa, dass Werner Faymann um einiges h&uuml;bscher ist als Alfred Gusenbauer, der noch dazu vor der Studiokamera zu schwitzen begonnen hat.</p>
<p>Nicht was man sagt, hat Vorrang, sondern <em>wie</em> man es sagt, nicht was man vorhat, sondern <em>wie</em> es r&uuml;berkommt. Ansage geht vor Aussage. Nat&uuml;rlich soll hier nicht ein hehrer politischer Inhalt gegen eine hinterh&auml;ltige Form rehabilitiert werden, doch typisch ist dieses Versickern des Inhalts in einer bestimmten Form. Form und Inhalt tauschen Pl&auml;tze. Das Verh&auml;ltnis hat sich umgekehrt. Nicht Politik macht Reklame, sondern Reklame macht Politik. Die Autonomie der Politik gegen&uuml;ber der Kulturindustrie ist kaum noch gegeben. Ihre Funktionsweisen sind identisch.</p>
<p>Mediale Einw&auml;nde &auml;u&szlig;ern sich zusehends weniger an Vorhaben, Konzepten oder gar Programmatiken als an den Verkaufsleistungen der Politiker. Werbung wird daher nicht prinzipiell kritisiert, sondern nur taktisch bekrittelt. Anmache selbst ist sakrosankt genauso wie die Behauptung, dass das Publikum eigentlich m&uuml;ndig sei. Ein Irrtum f&uuml;hrt in den n&auml;chsten, aber solange fast alle an dieses schr&auml;ge Gedankengeb&auml;ude glauben, f&auml;llt das als Problem nicht auf. Wahlk&auml;mpfe werden zunehmend zu einem Fl&auml;chenbombardement auf den menschlichen Geist.</p>
<p>Zu konstatieren ist auch eine Rasanz der Politik, sowohl was Ansagen als auch was Bezichtigungen betrifft. Nicht nur, dass schneller geschossen als gedacht wird, ist der Fall, es wird auch rascher vergessen als angenommen. Die Ablaufzeit der Eindr&uuml;cke verk&uuml;rzt sich. Die Meldung von gestern kennt morgen schon niemand mehr, was aber nicht hei&szlig;t, dass sie im Augenblick ihres Erscheinens nicht doch Spuren in den Gem&uuml;tern und Haltungen hinterlassen hat.</p>
<p>Auch wenn sich substanziell wenig tut, reell herrscht h&ouml;chste Betriebsamkeit. Die Dynamik des politischen Spektakels ist weder von ihren Akteuren noch vom Publikum her reflektierbar und auch immer weniger beherrschbar. Ver&auml;nderungen verlaufen schneller als das Bewusstsein folgen kann. Es kommt nicht mehr mit, es ist einfach zu langsam. Und wenn, dann gilt es sich flott das Wissen anzueignen, wie etwas funktioniert; zu fragen, was dieses etwas ist, das w&auml;re wahrlich ein Luxus, den wir uns nicht leisten k&ouml;nnen. Den Gro&szlig;teil unserer Zeit opfern wir alltagspraktischen Anpassungen. Ob es m&ouml;chte, fragt das freie Individuum niemand, es muss. Und es tut.</p>
<p>Es ist eine Konkurrenz der medialen Reize, die in ihrem Ensemble f&uuml;r das Wahlergebnis ausschlaggebend sein d&uuml;rften, obgleich gerade diese Momente in ein paar Wochen schon wieder verflogen, weil ersetzt worden sind. Das Wahlverhalten orientiert sich immer mehr an Nichtigkeiten. Die obligaten Fernsehduelle etwa gleichen einem Jahrmarkt f&uuml;r die Phrasen der Verbalschl&auml;ger. Dass Strache (FP&Ouml;) nicht nur Faymann (SP&Ouml;) ank&uuml;belt, sondern der auch kr&auml;ftig zur&uuml;ckp&ouml;belt, m&ouml;gen jene f&uuml;r einen Fortschritt halten, die den Schlagabtausch als die K&ouml;nigsdisziplin der politischen Debatte betrachten. Im Prinzip zeigt es nur an, wie sehr sich der Populismus aller politischer Felder bem&auml;chtigt. Im ORF sitzen dann ein Politikwissenschafter und eine Motivforscherin, die dem Publikum erkl&auml;ren, wie das Match ausgegangen ist. Es ist wie in den Hitparaden.</p>
<h4>Dumm statt d&uuml;mmer</h4>
<p>Parteien sind Unternehmen mit dem Ziel der W&auml;hlerstimmenmaximierung. Dazu ist jedes Mittel recht. Die d&uuml;mmsten sind dabei oft die besten. Wahlk&auml;mpfe sind &#8220;Zeiten der Volksverdummung &#8211; und ich wei&szlig;, wovon ich spreche&#8221;, sagt der ehemalige Wahlkampfmanager und Landesrat der steirischen Volkspartei, Gerhard Hirschmann. Die einstige Zukunftshoffnung der &Ouml;VP ist inzwischen zum Zyniker geworden, was aber nicht hei&szlig;t, dass er unrecht hat. Freilich sollte man sich dann doch fragen, wie die Mentalit&auml;ten einer Gesellschaft beschaffen sind, wo solcherlei reingeht und den Ausschlag gibt.</p>
<p>Zweifellos, der Wahlkampf gleicht einer Hochzeit der Schwachsinnigkeiten. Wir werden regelrecht zugem&uuml;llt. Infotainment ist nichts anderes als Sonderm&uuml;ll f&uuml;r die K&ouml;pfe. Wir sind Gefangene in den Irrg&auml;rten der Public Relations. Dass W&auml;hler in Wahlk&auml;mpfen f&uuml;r dumm verkauft werden, ist so. Nur, werden sie f&uuml;r d&uuml;mmer verkauft als sie sind? Wohl kaum. Man wird das bescheidene Gef&uuml;hl nicht los, dass hier welche genau das serviert bekommen, was sie brauchen, auch wenn es ihnen nachher wiederum nicht geschmeckt haben will. Die Aufgabe erfolgreicher Kampagnen besteht dezidiert darin, die Leute f&uuml;r dumm zu verkaufen, aber eben nicht f&uuml;r d&uuml;mmer als sie sind.</p>
<p>Narkotisierungen, die fehlschlagen, sind tunlichst zu vermeiden, sie wirken wie Schl&auml;ge auf den Kopf, die aber als solche wahrgenommen werden. Versprechen muss man geschickt benennen und intelligent brechen, nicht so wie Alfred Gusenbauer, der seine Umfaller nicht kaschieren konnte und sich so durch seine Kompromisse kompromittierte. Die Leute wollen ja get&auml;uscht, aber nicht offen belogen werden. Prinzipiell gilt in der Politik dasselbe wie in der Werbung: Eine L&uuml;ge ist nur schlecht, wenn sie schlecht ist. Kluge Politik versteht das, was wiederum einiges &uuml;ber die Politik insgesamt aussagt.</p>
<p>Und die Politiker haben diesbez&uuml;glich durchaus ihre F&auml;higkeiten entwickelt, sie intervenieren und intrigieren, taktieren und tricksen, fast alle halten einiges aus, nicht wenige sind schlau und manche sogar schlagfertig. Der aktuelle Typus des Spitzenpolitikers verf&uuml;gt schon &uuml;ber einen dicken Panzer, um Attacken und &Uuml;bergriffe zu &uuml;berstehen. Im Gegensatz zu den Business-Kapit&auml;nen, sind die Politiker stets der &Ouml;ffentlichkeit ausgesetzt. Die Gefahr zur Schnecke gemacht zu werden, ist omnipr&auml;sent, und den Opponenten in Politik und Medium geht es um nichts anderes als darum. Was Politiker sich ausrichten oder ausrichten lassen, ist f&uuml;r das Publikum gedacht, weniger f&uuml;r den jeweiligen Adressaten bestimmt. Die Kehrseite der Verunglimpfung ist die Verhaberung. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter und sagt: Nimm&#8217;s nicht pers&ouml;nlich, Arschloch!</p>
<p>Ein Problem indes haben die meisten Politiker nicht (mehr), n&auml;mlich dass sie zu intelligent sein k&ouml;nnten. Was &uuml;brigens keine Frage der urspr&uuml;nglichen Disposition ist, sondern eine der permanenten Pr&auml;sentation. Denn eigentlich wissen viele politische Frontk&auml;mpfer (die Offiziere mehr als das Fu&szlig;volk) vom Elend ihres Treibens, aber verdr&auml;ngen es erfolgreich. Politiker m&uuml;ssen sich so lange bl&ouml;d stellen, bis sie wirklich so bl&ouml;d sind wie sie sich stellen. Politik idiotifiziert.</p>
<h4>Last-minute-acts</h4>
<p>Niemand kann sich seiner W&auml;hler sicher sein. Diese sind inzwischen zu einer leicht verschiebbaren Masse geworden, die aber jedes Mal aufs Neue gewonnen werden muss. Auch das quantitative Verh&auml;ltnis von Stammw&auml;hlern, Wechselw&auml;hlern und Nichtw&auml;hlern hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch ver&auml;ndert. Die Wahlentscheidung ist eine flexible, ja manchmal gar eine rein augenblickliche, denken wir nur an die Zunahme der Last-minute-W&auml;hler, d. h. von Leuten, die sich erst direkt in der Wahlzelle entscheiden.</p>
<p>W&auml;hler sind Kunden, nicht Akteure. Ihre Stimmen sind zum Abgeben da. Abh&auml;ngig von diversen Beeindruckungen, geben sie mal diesem, mal jenem, mal keinem den Vorzug. Was f&uuml;r den Markt der Kauf, ist f&uuml;r die Politik die Wahl. Wahlakt ist Zahlakt: Die Stimmabgabe entspricht der Begleichung einer Rechnung. Stimmen werden nicht erhoben, sondern abgegeben, und sodann gez&auml;hlt. Politik muss, um sich zu legitimieren, alles daran setzen, dass die Wahlbeteiligung hoch ist. Daher werden die Politikverdrossenen auch umworben und gelegentlich gescholten. Aber deren Zahl ist wachsend und zwar aus gutem Grund.</p>
<p>Stammw&auml;hler sind eine aussterbende Spezies. War fr&uuml;her das Wahlverhalten gro&szlig;teils von Interessen gepr&auml;gt, f&uuml;hlte man sich einer Weltanschauung verpflichtet, gar einer Klasse oder einem Stand zugeh&ouml;rig, so ist das heute nur noch in Ausnahmef&auml;llen so. Derlei geh&ouml;rt immer mehr zur Folklore einer Herkunft, zu einem wohligen Duft der Vergangenheit, den man gelegentlich braucht. Im Prinzip ist dieses Aroma nur noch in kleinsten Dosen einsetzbar. Es verleiht die W&uuml;rze einer Identit&auml;t, die l&auml;ngst abhanden gekommen ist, auch oder gerade wenn sie wieder einmal beschworen wird. Zu viel Stallgeruch verscheucht W&auml;hler.</p>
<p>Als Problem kommt allerdings dazu, dass gerade diese schrumpfenden Bastionen f&uuml;r die Mobilisierung noch immer wichtig sind, weniger wegen der Stimmen, die sie bringen, als aufgrund der imposanten Selbstversicherung, die sie auf und durch Parteiveranstaltungen erwecken. Die Motivation der eigenen Kerntruppen ist nach wie vor eine Bedingung, Wahlk&auml;mpfe durchzustehen. Die aktuelle Mobilisierung der SP&Ouml; ist eher eine Reaktion auf die Unzumutbarkeiten des Koalitionspartners, als dass sie eigenen Anstrengungen geschuldet w&auml;re.</p>
<p>Aufgabe der Wahlkampagne ist es, W&auml;hler richtig zu terminisieren. Das ist eine heikle Angelegenheit, darf man doch nicht zu fr&uuml;h und noch weniger zu sp&auml;t kommen. Die frischesten Eindr&uuml;cke sind dabei die wichtigsten, aber sie brauchen auch eine gewisse Zeit, um sich setzen zu k&ouml;nnen. Wahlen werden zusehends von Unentschlossenen in last-minute-acts entschieden. Das sind W&auml;hler, die zwar beim Eintritt ins Wahllokal noch nicht wissen, wen sie w&auml;hlen, sich aber beim Rausgehen wundern oder vielleicht sogar &auml;rgern, wen sie gew&auml;hlt haben. &#8220;Wen willst du eigentlich w&auml;hlen? &#8220;, wird immer mehr zu einer gefl&uuml;gelten Frage, auf die man jedoch keine seri&ouml;se Antwort erwartet. Auch ich kann nicht mehr sagen, wen ich und warum in den letzten Jahren gew&auml;hlt habe, eher noch warum ich jemanden nicht gew&auml;hlt habe. Dies ist nicht Verdr&auml;ngung, es ist einfach zu unbequem, die Erinnerung damit zu belasten.</p>
<p><em>Freitag, 26.9.08</em></p>
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		<title>Unendlicher Verkehr</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 01:55:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur, Sprache, Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-41]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/unendlicher-verkehr">Unendlicher Verkehr</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/unendlicher-verkehr">Unendlicher Verkehr</a></p>
<p>Streifz&uuml;ge 41/2007</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Franz Schandl</em> <span id="more-906"></span></p>
<p>&#8220;Noch leise ruft er: , Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt&#8217;, und lie&szlig; sich hinabfallen. In diesem Augenblick ging &uuml;ber die Br&uuml;cke ein geradezu unendlicher Verkehr.&#8221; &#8211; So endet Franz Kafkas Erz&auml;hlung &#8220;Das Urteil&#8221; (1916).</p>
<p>Was sagt uns dieser letzte Satz? Dass die Welt nicht einmal einen Moment inneh&auml;lt, als Georg Bendemann sich st&uuml;rzen l&auml;sst? Dass sein Fall nur ein Fall wie jeder andere ist? Dass Leben ein Fallen ist? Unser Held zu den Gefallenen geh&ouml;rt? &#8211; Das alles auchAber nicht nur das, sondern mehr noch. Es ist der Gesch&auml;ftstrieb, von dem diese Erz&auml;hlung handelt, und von dem Scheitern an ihm, gar nicht in erster Linie &ouml;konomisch &#8211; die Gesch&auml;fte haben sich &#8220;ganz unerwartet entwickelt&#8221; -, sondern vor allem menschlich. Der Verkehr ist so eine Metapher f&uuml;r den Gesch&auml;ftsverkehr, ja weiter noch die gesellschaftliche Verkehrsform, f&uuml;r die Unabl&auml;ssigkeit des objektiven Getriebes und der subjektiven Triebigkeit. Letztlich haben sie auch das Verh&auml;ltnis der Bendemanns zerst&ouml;rt, der Vater verurteilt den Sohn &#8220;zum Tode des Ertrinkens! &#8220;. Georg vermag am Ende seines jungen Lebens nur noch zu resignieren, obwohl ihn das Gr&ouml;&szlig;te erf&uuml;llt hat, was einen Menschen erf&uuml;llen kann, die Liebe. Doch was ist die Liebe gegen das Gesch&auml;ft und seinen Verkehr?</p>
<p>Die Schlichtheit unseres Satzes steht nur in scheinbarem Widerspruch zum Gewicht der Aussage. Kafka verdichtet die ganze Erz&auml;hlung. Kafka, so scheint es, ist einmal mehr vorgedrungen in ein Land, das noch niemand betreten hat, obwohl wir alle dort sind. Alles verliert sich an ein <em>Un</em>. Dieses Un freilich ist alleine nichts, aber woran es sich kn&uuml;pft, das geh&ouml;rt ihm. Was bleibt, ist dieses Unaufhaltbare wie Unaushaltbare, gemeinhin auch Unsagbare, zuletzt Unlebbare, das eben da im Unendlichen des Verkehrs untergeht. Der Tod des Einzelnen unterbricht nichts. Man wird eine Leiche aus dem Fluss bergen und sagen: Er hat es nicht ausgehalten. Und auch in diesem Moment wird ein unendlicher Verkehr &uuml;ber die Br&uuml;cke gehen.</p>
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		<title>Zeit wird&#8217;s</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jul 2007 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-40]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
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<p>Streifz&uuml;ge 40/2007</p>
<p><em> KOLUMNE  Dead Men Working</em></p>
<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-459"></span></p>
<p>Wie allt&auml;glich diese Klage ist: zuwenig Geld zu haben oder zuwenig Arbeit. Als k&ouml;nnte eins von Geld abbei&szlig;en und von Arbeit leben. Das ist schon eigenartig. Immerhin, am Geld- und Arbeitsbed&uuml;rfnis ist noch deutlich sichtbar, dass beides erst von dieser bestimmten Form von Gesellschaft in die Welt gesetzt wird.</p>
<p>Das Geld erkennen wir verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig leicht als ein gesellschaftliches Ding. Gesellschaften, die Geld nicht kennen &#8211; und solche kennen wir &#8211; kennen ein monet&auml;res Bed&uuml;rfnis nicht. Auch die Arbeit verliert rasch jeden Anstrich einer nat&uuml;rlichen Notwendigkeit, relativieren wir sie am konkreten Kreis von T&auml;tigkeiten, die im abstrakten Monotypus Arbeit nie und nimmer aufgehen. Um den Tiefenpr&auml;gungen des Kapitals auf die Spur zu kommen, m&uuml;ssen wir dagegen l&auml;ngere Wege auf uns nehmen. Eine dieser Pr&auml;gungen zeigt sich an einer Klage, ebenso allt&auml;glich wie jene, &uuml;ber zuwenig Geld oder keine Arbeit zu verf&uuml;gen, n&auml;mlich: zu wenig Zeit zu haben, unter Zeitdruck zu stehen. Wie kann die Zeit uns unter Druck setzen, wie kommt es, dass wir davon zuwenig haben? Wie &uuml;berhaupt k&ouml;nnen wir Zeit eigentlich <em>haben</em>? Dieser Frage nachzugehen, das ist so diffizil wie zentral: Was macht das Kapital mit der Zeit? Oder anders: Was machen wir mit unserer Zeit, w&auml;hrend wir das Kapital produzieren?</p>
<p>Einer Antwort darauf widmet sich &#8220;Blauer Montag&#8221;. Dieses B&uuml;chlein, vor kurzem in der Edition Nautilus im Hamburger Verlag Lutz Schulenburg erschienen, ver&ouml;ffentlicht in einer von Lars Stubbe &uuml;berarbeiteten &Uuml;bersetzung die klassische Studie von Edward P. Thompson mit dem Titel &#8220;Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus&#8221;. Einen Einstieg wie auch einen Kommentar dazu bietet ein Essay von John Holloway. Mit seinem Buch &#8220;Die Welt ver&auml;ndern ohne die Macht zu &uuml;bernehmen&#8221; hat Holloway wichtige Impulse in eine Suche eingebracht, die auch Streifz&uuml;ge wie die unseren motiviert. F&uuml;r Holloway im Zentrum steht die Frage, wie wir Kapital und Staat &uuml;berwinden k&ouml;nnen. In seinem Denken, seinem Schreiben reflektieren sich dabei zwei historische Erfahrungen. Erstens das Ergebnis der revolution&auml;ren Bewegungen alter Machart, die, wie Holloway herausstellt, die Formen des Kapitals nicht &uuml;berwanden, diese auch gar nicht &uuml;berwinden konnten, weil sie den Gegner mit seinen eigenen Waffen schlagen wollten. Anstatt die Kommandoh&ouml;hen zu demontieren, ging es jenen Bewegungen darum, diese zu erobern. Der Staat erschien als ein Mittel der Befreiung. Ein Missverst&auml;ndnis, das der Sowjetstaat verk&ouml;rperte. Zweitens sind in John Holloways Texten die Erfahrungen der zapatistischen Bewegung pr&auml;sent, die viele dazu inspirierten, Befreiung nicht in staatlichen Formen und auf ihrem Terrain zu denken und zu suchen.</p>
<p>Unser Verh&auml;ltnis zum Staat (der eines unserer Verh&auml;ltnisse im Kapitalismus ist) ist nur ein Beispiel. Auch die Zeit ist eine Beziehungsdimension des Kapitalismus. Wie verhalten wir uns zur Zeit, zu unserem Sein im Kapitalismus? Welche Zeit ist das? Gleich zu Beginn gibt John Holloway die Richtung an, in der er eine Antwort sieht: &#8220;Thompson erz&auml;hlt uns von dem Sieg der abstrakten Uhrzeit &uuml;ber die gelebte Zeit&#8221;. Die Zeit, nach der wir im Kapitalismus leben, die Zeit, in der wir also uns und die Welt erleben, ist abstrakt, inhaltslos, reine Form. Wir stellen sie uns vor als unabh&auml;ngig von konkretem Wandel, von erlebter Dauer. Als einen leeren Zeitpfeil, den die Uhr in homogene, austauschbare Einheiten mess- und vergleichbar unterteilt. Dieser Sieg der abstrakten Uhr-Zeit war kein Automatismus &#8211; &#8220;Er ist das Ergebnis eines Kampfes, der Jahrhunderte andauert. Schlie&szlig;lich akzeptierten die Arbeiter jedoch die Zeit des Kapitals&#8221;. Folgenschwer ist das Resultat. Was bedeutet es f&uuml;r uns, die wir Kapital und Staat &uuml;berwinden wollen, fragt Holloway.</p>
<p>Allem voran bedeutet es, so meint er, dass jeder Kampf <em>um</em> die Zeit, eine Auseinandersetzung etwa, die sich darum dreht, die L&auml;nge des Arbeitstages zu verk&uuml;rzen, ein Kampf auf dem Terrain des Gegners ist. Holloway stimmt hier einer zentralen These Thompsons zu. So &#8220;ist ein Kampf <em>um</em> die Zeit, der nicht gleichzeitig auch ein Kampf <em>gegen</em> die Zeit ist, bereits verloren, denn obgleich er das Kr&auml;fteverh&auml;ltnis zwischen der Arbeit und seinem Zwilling, der Mu&szlig;e, ver&auml;ndern mag, tr&auml;gt er &uuml;berhaupt nichts zur Schaffung von Freiheit, zur Schw&auml;chung der Abstraktion, die unser Leben der Bedeutung und der Menschlichkeit beraubt, bei&#8221;. Holloway h&auml;lt an dieser Stelle etwas Wichtiges fest: &#8220;Der Kampf des Kapitals um die Durchsetzung seiner Herrschaft dreht sich vor allem darum, uns in einen Kampf nach seinen Vorgaben zu verwickeln.&#8221; Daraus l&auml;sst sich folgern: Wir m&uuml;ssen danach trachten, das Terrain des Gegners zu verlassen. Die Kapitalherrschaft ist nicht mit gr&ouml;&szlig;eren Herrschaftsmitteln zu besiegen; &#8220;besiegen&#8221; l&auml;sst sich das Kapital im Grunde &uuml;berhaupt nicht.</p>
<p>Wie aber k&ouml;nnen wir gegen die Zeit k&auml;mpfen? Erkl&auml;ren wir die Zeit zu einer Angelegenheit von Naturgesetzen, so ergibt diese Frage offensichtlich keinen Sinn. Doch wie die Arbeit ist auch die Zeit unserer Gesellschaft ein Spezifikum, das nicht in allen Gesellschaften existiert. Das zu zeigen ist das gro&szlig;e Verdienst von Thompsons Studie, die uns darin Einblick verschafft, wie das Kapital seine Zeit der Gesellschaft einpr&auml;gte. Ein Text &uuml;brigens &#8211; hier erging es mir wie John Holloway -, den zu lesen einfach Freude macht.</p>
<p>F&uuml;r Holloway ist Thompsons Studie ein Ausgangspunkt daf&uuml;r, zu &uuml;berlegen, wie es gelingen kann, die Zeit des Kapitals zu beenden. Holloway spricht von einem &#8220;Kampf um den Bruch mit der Zeit, um das Untergraben der Zeit, um die Schaffung von Rissen in der Uhr-Zeit&#8221; und sp&uuml;rt jener &#8220;Zeit ohne Namen&#8221; nach, die der Uhr-Zeit entgegensteht. Er erkennt an ihr f&uuml;nf Momente. Sie sollten wir beachten, meint Holloway, um Folgendes, mehr als bisher, zu tun: die Dauerhaftigkeit angreifen; den Moment &ouml;ffnen; Momente des &Uuml;berschusses schaffen; uns selbst die Zeit f&uuml;r die geduldige Erschaffung gesellschaftlicher Verh&auml;ltnisse geben; die Tagesordnung bestimmen.</p>
<p>&#8220;Blauer Montag&#8221; kann ich ans Herz legen. Dieses Buch ist wichtig. Es zeigt, dass wir &uuml;ber Zeit nicht nachdenken k&ouml;nnen, ohne &uuml;ber uns selbst nachzudenken. Wirklich &uuml;ber uns selbst nachdenken aber hei&szlig;t &#8211; ich sage es in Worten von John Holloway -, dar&uuml;ber nachzudenken, wie wir aufh&ouml;ren k&ouml;nnen den Kapitalismus zu produzieren.</p>
<p><em>John Holloway / Edward P. Thompson: Blauer Montag. &Uuml;ber Zeit und Arbeitsdisziplin. Aus dem Englischen &uuml;bersetzt von Lars Stubbe; Edition Nautilus im Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 2007, 92 Seiten, ca. 11 Euro. </em></p>
</td>
</tr>
</table>
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		<title>Bockelmann!</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Dec 2005 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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Von tok-tok zu tik-tak - Aufdrängung einer ultimativen Feiertagslektüre]]></description>
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<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-734"></span></p>
<h4>Von tok-tok zu tik-tak &#8211; Aufdr&auml;ngung einer ultimativen Feiertagslekt&uuml;re</h4>
<p>Wer jetzt noch ein gutes Buch braucht, sei&#8217;s zur eigenen Erbauung oder als Geschenk f&uuml;r andere, dem und der kann geholfen werden, folgt eins nur den n&auml;chsten Zeilen. Zweifellos, hervorragende B&auml;nde sind rar. Und wenn dann doch solche erscheinen, kann es schon vorkommen, dass sie untergehen, einfach kaum Beachtung finden. So geschehen bei Eske Bockelmanns &#8220;Im Takt des Geldes&#8221;. Indes ist das wohl eines der wichtigsten theoretischen Werke, die in den letzten Jahren ver&ouml;ffentlicht worden sind. W&uuml;rde man mich fragen, ob mir ein besseres einfiele, m&uuml;sste ich passen.</p>
<p>Nat&uuml;rlich kann das hier keine Buchbesprechung sein, sondern nur eine hei&szlig;e Empfehlung. Eine seri&ouml;se Auseinandersetzung w&uuml;rde das Ma&szlig; dieser Kolumne sprengen. Eine Rezension w&uuml;rde mich sowieso ins doppelt unleistbare Parallelbuch hineintreiben. Was interessiert, das ist der k&uuml;hne Wurf, den der Autor auf sich genommen hat und den er unbeirrt durchh&auml;lt. Wie kommen wir dazu, so zu h&ouml;ren wie wir h&ouml;ren, fragt er. Und behauptet nicht weniger, als dass unser Taktrhythmus keinem angeborenen Empfinden folgt, sondern vielmehr Folge des Geldes sei und sich mit der Geldwirtschaft durchsetzte. Wie Bestimmtes (Gebrauchswert) und Unbestimmtes (Geld) sich tauschen, so wechseln sich auch Betontes und Unbetontes in Versen und Takten ab. &Uuml;ber diesen Zusammenhang und seine Entfaltung geht es auf 500 absolut spannenden Seiten.</p>
<p>Bockelmann macht uns das Vertraute unvertraut. H&ouml;ren mag eine nat&uuml;rliche Beschaffenheit sein, aber wie wir h&ouml;ren und es erfassen, das folgt gesellschaftlichen Kriterien. Noch bevor wir das tok-tok wahrnehmen, synthetisieren wir es in ein tik-tak. Wir wissen es nicht, aber wir tun es. Der Takt ist nichts ewig Vorgegebenes, er ist eine abstrakte und leere, aber doch strikt normierte Einheit, die gef&uuml;llt werden muss. Der Takt ergibt sich nicht alleine dadurch, dass etwa Musik in der Zeit abl&auml;uft. Ein Rhythmus muss nicht nach Takten gehen, auch wenn wir alles auf den Taktrhythmus zurichten wollen und dementsprechend h&ouml;ren.</p>
<p>Da stochert einer in den Tiefen der sinnlichen Gewissheit, wie es selten in dieser Entschiedenheit und in dieser Konsequenz getan wurde. Es ist eine insistierende Abhandlung, die methodisch immer wieder zu den zentralen Theoremen zur&uuml;ckkehrt und diese stets mit neuen Aspekten anreichert. Was am Anfang Hypothese gewesen ist, verdichtet sich &uuml;ber eine atemberaubende Beweisf&uuml;hrung zu einer &uuml;berzeugenden Aussage. Marxologie und Adorniterei sind seine Sache aber nicht. Auch nicht der obligat wissenschaftliche Jargon. Da h&auml;lt sich einer wirklich abseits linker Trampelpfade. Er trumpft auch nicht mit einem volumin&ouml;sen Literaturverzeichnis und zigtausend Fu&szlig;noten auf. Das scheint ihm nicht notwendig und er hat es auch nicht n&ouml;tig. Selbstbewusst, selbstverspielt, ja durchaus selbstverliebt pr&auml;sentiert sich dieser Bockelmann, sowohl in seinen Gedanken als auch seiner Sprache. Aber kann das ein Vorwurf sein? Zu einem Vorwurf kann es doch nur werden, wenn f&uuml;r das alles kein Grund best&uuml;nde.</p>
<p>Da hat sich einer unabh&auml;ngig von diversen Schulen und Lehren entwickelt und man kann nur sagen, es ist ihm gut bekommen. &#8220;Im Takt des Geldes&#8221; ist ein eigenst&auml;ndiges Werk. Es ist erfrischend in seiner Klarheit und ebenso in seiner Lesbarkeit. Hell auch dort, wo eins des Autors Gedanken nicht mehr nachvollziehen kann oder will. Im Prinzip kann der Band voraussetzungslos gelesen werden, wenngleich philologische und musikalische Vorbildung die Lekt&uuml;re erleichtern. Aber hier sich etwas Wissen anzueignen, kann sowieso niemandem schaden. Bockelmann hat ein paradigmatisches, aber kein hermetisches Werk vorgelegt. Das Selbstverst&auml;ndliche wird am behandelten Gegenstand so unverst&auml;ndlich, dass es eine Freude ist. Es w&auml;re also an der Zeit, dass dies auch auff&auml;llt. Gesellschaftskritik auf der H&ouml;he der Zeit muss durch dieses Buch durch. Wer es noch nicht hat, hat es zu haben: Eske Bockelmann, Im Takt des Geldes. Zur Genese des modernen Denkens, zu Klampen!</p>
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		<title>Mobilisierende Mobilie</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2005/mobilisierende-mobilie</link>
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		<pubDate>Wed, 26 Oct 2005 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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Über die rasende Kommodifizierung der Gespräche]]></description>
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<h3>&Uuml;ber die rasende Kommodifizierung der Gespr&auml;che</h3>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-728"></span></p>
<p>Aus unserem Alltag sind sie nicht mehr wegzudenken. Gemeint sind die Mobilfunkger&auml;te, f&uuml;r die man sogar ein neudeutsches Wort, das englischer nicht klingen k&ouml;nnte, erfunden hat. Dass es &uuml;berhaupt einmal eine Zeit gegeben hat, wo niemand als wandelnde Telefonzelle durch die Gegend gelaufen ist, ist unvorstellbar geworden. Derweil ist das noch gar nicht so lange her. Eine Angeschlossenheit an die Welt kann ohne kaum noch gedacht werden. Das Handy ist die uns mobilisierende Mobilie schlechthin. Und sein Platz ist am Ohr. Und wir sind am Dr&uuml;cker. Kein Abort, der nicht freigeschaltet werden kann.</p>
<p>Es geh&ouml;rt dazu und wir h&ouml;ren zu, ob wir wollen oder nicht. Nat&uuml;rlich gibt es noch R&auml;umlichkeiten, wo das Handy ausgeschlossen wird und der Verweis nicht fehlt. Aber dieser Ausschluss tut sich zunehmend schwerer, ist immer weniger administrierbar und daher im Abnehmen begriffen. Ob sich handyfreie Refugien halten k&ouml;nnen, ist zumindest zweifelhaft. Die Kapitulation vor dem Handy erscheint unumg&auml;nglich und allumfassend. Eltern kapitulieren vor ihren Kindern, Angestellte vor ihren Vorgesetzten. Kaffehausbesucher, Stra&szlig;enbahnbenutzer und Spazierg&auml;nger empfinden inzwischen als normal, was eine St&ouml;rung ist. Die User sind &uuml;berall.</p>
<p>An Handys gibt es vieles auszusetzen. Von der Beeintr&auml;chtigung des Alltags bis zur m&ouml;glichen Gef&auml;hrdung der Gesundheit durch elektromagnetische Strahlung. Dar&uuml;ber wird einiges geschrieben, im letzten August warnten etwa das &ouml;sterreichische Gesundheitsministerium und die &Auml;rztekammer vor der allzu h&auml;ufigen Verwendung der Mobiltelefone. An Handys gibt es auch einiges zu loben. Aber das wird (neben grobem Unsinn) sowieso fl&auml;chendeckend in Spots, Flyers und Brosch&uuml;ren beworben. Nicht das Ger&auml;t ist das Problem, sondern das Ger&auml;t in seinem gesellschaftlichen Gef&uuml;ge. Gegen den selektiven Gebrauch spricht nichts, wie gegen den allgemeinen Zwang alles spricht.</p>
<p>Eines aber kommt in allen Betrachtungen zu kurz. Das ist, was hier als Kommodifizierung der Gespr&auml;che bezeichnet werden soll. Der Prozentsatz an Dialogen und Monologen, der bezahlt werden muss, erh&ouml;ht sich andauernd. Es w&auml;re interessant zu erheben, wie viel Palaver inzwischen entgeltlich geworden ist. Wir zahlen jedenfalls f&uuml;r immer mehr Gespr&auml;che, die wir f&uuml;hren. Eine zwischengeschaltete Apparatur nimmt diese auf und kassiert nachher ab. Alles, was nur irgendwie m&ouml;glich ist, muss zu einem Gesch&auml;ft gemacht werden. Einzeltelefonate werden zwar billiger, aber Dauer und Anzahl der Gespr&auml;che nehmen zu und somit steigen die Rechnungen.</p>
<p>Es sind auch keine fixen Geb&uuml;hren mehr, die entrichtet werden, sondern frei flottierende Preise. Sie machen einmal mehr die Gewohnheitsmenschen zu gehetzten Schn&auml;ppchenj&auml;gern, die das beste Angebot zu lukrieren haben. Wer bequem ist, zahlt drauf. Preise sind flexibel und &auml;ndern sich zusehends in rasantem Tempo. Anders als vorgestern sind wir angehalten, permanent zu kalkulieren, wollen wir nicht finanziell abgestraft werden. Diese Aufwendungen m&ouml;gen sich rechnen, aber sie kosten eine Menge Zeit, die man zur ihrer Berechnung verwendet. Interessant w&auml;re also auch zu wissen, wie viel (unbezahlte) Lebenszeit wir an diversen Kalkulationen versitzen. Da denken wir oft zwei Stunden nach um uns einen Stundenlohn zu ersparen. Bravissimo! So rechnet nat&uuml;rlich kein Betriebswirt, da ihm die Zeit, die der Kunde diesbez&uuml;glich vernutzt, nicht nur egal ist, sondern im Gegenteil: Betriebsinterne Kosten sind, wenn m&ouml;glich, zu externalisieren. Der Kapitalismus ist, was die frei disponible Zeit der Menschen angeht, eine Zeitraubmaschine sondergleichen. Noch nie waren wir so besch&auml;ftigt, was meint: in Beschlag genommen wie jetzt.</p>
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		<title>Spam als Stau</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2005/spam-als-stau</link>
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		<pubDate>Tue, 28 Jun 2005 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/spam-als-stau">Spam als Stau</a></p>
Probleme virtuellen Sondermülls]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/spam-als-stau">Spam als Stau</a></p>
<h3>Probleme virtuellen Sonderm&uuml;lls</h3>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-715"></span></p>
<p>Da soll in Nigeria investiert werden, christliche Frauen aus dem amerikanischen Mittelwesten suchen ebenso christliche M&auml;nner, und auch die braune Pest bet&auml;tigt sich als braune Post. Und immerw&auml;hrend lockt die Potenzierung des m&auml;nnlichen Zepters: &#8220;Increase the length and girth of your penis&#8221;. Viagra und Valium nicht zu vergessen. Beliefert werden die Kunden je nach Gr&ouml;&szlig;e ihres Anbieters. Fast t&auml;glich entferne ich Spams. Wie oft ich im Leben schon deswegen auf &#8220;L&ouml;schen&#8221; und &#8220;Best&auml;tigen&#8221; dr&uuml;cken musste, ich wei&szlig; es nicht. So wie man die Klos&uuml;lung bet&auml;tigt, reinigt man auch die Mailboxen. Unwillig, aber gutwillig. Die paar Handgriffe d&uuml;rfen uns doch nicht aufregen, oder? Doch diese Handgriffe addieren, nein: multiplizieren, nein: potenzieren sich. Es w&auml;re schon interessant zu wissen, wie viele Stunden ein durchschnittlicher User im Jahr an solcherlei Entsorgung verliert.</p>
<p>Ungef&auml;hr 80 Prozent der versandten Mails gelten heute als Spams. Tendenz steigend. Auf dem Datenhighway ist also mehr Mist unterwegs als sonst etwas. Virtueller M&uuml;ll staut sich, es muss sortiert und ausgesondert werden. Dass unsere Aufmerksamkeit beim Scrollen doch zu einer Merkbarkeit von beworbenen Inhalten f&uuml;hrt, sollte nicht untersch&auml;tzt werden. Alles, womit man sich besch&auml;ftigen muss, hinterl&auml;sst Spuren, auch wenn es nur Sekundenbruchteile dauern sollte. Die Benutzer sind jedenfalls angehalten sich damit aufzuhalten. Ob sie wollen oder nicht. Sie m&uuml;ssen. Und sie haben dieses MUSS einmal mehr akzeptiert, wie sie es gewohnt sind alles zu akzeptieren, was die Marktwirtschaft an Segnungen so in die Welt setzt. Aussteigen ist g&auml;nzlich unm&ouml;glich. Nur Leuten &uuml;ber 70 ist es heutzutage noch erlaubt, nicht per Email erreichbar zu sein. Wer nicht angeschlossen ist, gilt als ausgeschlossen.</p>
<p>Was ungew&uuml;nscht daherkommt, wird gew&uuml;nscht versandt. Aber so ist das in der Demokratie: Was niemand haben will, kriegt man trotzdem. Es funktioniert wie Werbung. Im Prinzip m&uuml;ssen Spams freilich ein Gesch&auml;ft sein, sonst w&uuml;rden sie nicht in die Welt gesetzt werden. Das kapitale Angebot bestimmt die Nachfrage, die an sich gar nichts zu bestimmen hat. Daf&uuml;r hat sie zu zahlen. Selbst wenn die Zugriffsquote verschwindend klein ist, es gibt sie. Das neue Medium eignet sich geradezu als Dreckbote. Wir haben es hier mit Erfordernissen und Erschwernissen zu tun, die vor zehn Jahren noch v&ouml;llig unbekannt gewesen sind.</p>
<p>Diese Art der Bel&auml;stigung ist indes nur m&ouml;glich, weil sie eine kommerzielle Gr&ouml;&szlig;e darstellt. Aber sie gebiert auch neue Branchen. Ganze Heere von Datenbeauftragten m&uuml;ssen ausgebildet und extra daf&uuml;r abgestellt werden, Betriebe, Institutionen und Privatpersonen vor dem Ramsch, aber auch noch ernsteren Bedrohungen zu sch&uuml;tzen. Denn es gibt ja nicht nur Spams, nein es gibt auch noch Viren, W&uuml;rmer und Trojaner, wo man dann sogar wider Willen zum &Uuml;bertr&auml;ger umfunktioniert wird. Spams vernichten also Lebenszeit in nicht unbetr&auml;chtlichem Ausma&szlig;e, sie fungieren als Zeitfresser. &Ouml;konomisch betrachtet sind sie virtueller Stau mit ganz realen Auswirkungen. Der Prozentsatz ungew&uuml;nschten Verkehrs samt Entsorgung wird gr&ouml;&szlig;er. Das Netz ist voll mit Lenkwaffen. Der Kauf von Schutzprogrammen boomt. Permanent muss man sich impfen, monatlich soll man aufr&uuml;sten und w&ouml;chentlich irgendetwas runterladen. Computershops erinnern an R&auml;ume voll mit Kriegsspielzeug.</p>
<p>Inzwischen sagt mir mein Provider zwar, was er f&uuml;r Spam h&auml;lt und er hat auch meistens recht. Aber leider nicht immer, d. h. ich komme um eine kurze Kontrolle nicht herum. Spamfilter sind eine heikle Angelegenheit, m&uuml;ssen sie doch st&auml;ndig &uuml;berpr&uuml;ft und nachjustiert werden. Sie sind regelm&auml;&szlig;ig zu putzen, sonst geht nichts mehr durch oder sie rei&szlig;en und der ganze Dreck schwappt rein. Adressen blockieren ist &uuml;brigens v&ouml;llig sinnlos, da die Absender permanent ihre Mailadresse &auml;ndern. Sich hier M&uuml;he zu machen, vergeudet Lebenszeit. Einige Provider gelten als notorische Spamproduzenten und werden von ihresgleichen insgesamt gesperrt. Was bei mir zur Folge hatte, dass die Unis in Hamburg und Graz keine Mail meinerseits mehr angenommen haben. Da wurde einfach refused und es bestand keine Chance das Problem zu beheben, au&szlig;er Sender oder Empf&auml;nger wechseln die Adresse.</p>
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		<title>KEINE ZEIT MEHR oder JE SCHNELLER, DESTO SCHNELLER!</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Jul 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Verkehr]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
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<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-751"></span></p>
<p><em>LOTHAR BAIER: Keine Zeit! 18 Versuche &uuml;ber die Beschleunigung, Verlag Antje Kunstmann, M&uuml;nchen 2000, 223 Seiten, € 16, -</em></p>
<p>Die modernen Menschen sind Opfer ihrer eigenen Geschwindigkeit: &#8220;Vielen geht vieles, wenn nicht fast alles, viel zu schnell&#8221; (S. 8). Immer ist etwas los, immer ist etwas zu tun. Aber wie sich wehren, wo es doch dann gegen Marktgesetze ginge, die heute mindestens so beeindrucken und pr&auml;gen wie Naturgesetze? Wer nicht mitkommt, dem wird &uuml;bel mitgespielt. Wer das Tempo der Zeit nicht hechelt, bleibt auf der Strecke, kommt auf das Abstellgleis. Wehe dem, wir k&ouml;nnen nicht&#8230;</p>
<p>Bewegung ist der allm&auml;chtige Modus, Dynamik ihr heiliger Rhythmus, Beschleunigung ihr ehernes Prinzip. Wer das nicht akzeptiert, wirkt weltfremd, ja antiquiert, wie aus einer anderen Zeit. &#8220;Innezuhalten&#8221; (S. 7) empfindet das b&uuml;rgerliche Individuum als verlorene Zeit, als einen Wunsch, dem es sich eigentlich zu versagen hat. Tempus, so scheint&#8217;s, ist nur noch als Tempo zu haben. Die Zeit ist ins Rasen geraten. Sie l&auml;uft einem davon. Beschleunigung bedeutet ja, da&szlig; das, was soeben gewesen, so schnell wie m&ouml;glich (ver)schwinden soll. Da&szlig; Zeit wie im Flug konsumiert wird. Flott haben wir zu sein. Das Leben ist zu einer ausgesprochenen Hetze geworden: Je schneller, desto schneller!</p>
<p>Die rasanten Ver&auml;nderungen erzwingen einen flucht&auml;hnlichen Zustand. Egal wohin, blo&szlig; weg, und zwar so schnell wie m&ouml;glich. Flexibilisierung befiehlt, es an keinem Ort aushalten zu d&uuml;rfen. Nicht da zu sein, sondern sich immer-fort (zusammengeschrieben wie getrennt) zu bewegen. Und werden wir gestaut, dann staut es auch innen, es ist zum Auszucken, schon vor einer Stunde h&auml;tte man wo anders sein m&uuml;ssen. Unsere Zeit ist portioniert in Zeitr&auml;umen umschlie&szlig;enden Zeitpunkten. Terminisiert sind wir, ein entsprechendes Timinig ist daher unbedingt notwendig. Unvorhergesehenes bringt uns aus der Fassung, versetzt uns in Hektik, bereitet uns Stress. &#8220;Seit die westliche Moderne neben den anderen Ressourcen ihrer Produktivit&auml;t auch die Zeit immer rationeller bewirtschaftet, sind brachliegende Zeitr&auml;ume zum teuren Luxus geworden. Die Str&auml;nde der Zeit von einst sind vermessen, begradigt, eingez&auml;unt und zubetoniert.&#8221; (S. 110)</p>
<p>&#8220;Die Beschleunigung, urspr&uuml;nglich als Hilfe bei der Anstrengung gedacht, die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, ist der Aufkl&auml;rung entglitten und hat sich am Ende mit Technik und &Ouml;konomie zu einer nicht mehr steuerbaren Gewalt verbunden.&#8221; (S. 25) Gleich einer organischen Beschaffenheit determiniert sie ihre sozialen Folgen; selbstbestimmte und richtungsweisende Eingriffe sind weitgehend unm&ouml;glich. Die kommerzielle Existenzweise, der Zwang zur Verwertung diktiert den Ablauf und dimensioniert die L&auml;ufer.</p>
<p>Menschliche Kommunikation verwirklicht sich zusehends als Totschl&auml;ger der Zeit. Keine freie Minute soll mehr sicher sein. Mobilit&auml;t ist zum kategorischen Imperativ des Daseins geworden. Die Welt, die mu&szlig; einen nicht nur haben, sie will einen ganz und gar besetzen, jederzeit an-, auf- und abrufbar &#8211; wie ein Computerprogramm. Wir haben hochzufahren und uns zu melden. Das Anschlu&szlig;gebot ist dem Subjekt Norm. Bei Strafe des Anschlu&szlig;verlusts ist jenes einzuhalten. (vgl. S. 102) Das Handy ist genau unter dem funktionalen Gesichtspunkt eines ewigen Bereitschaftsdienstes zu betrachten: Nicht erreichbar zu sein, ist eine Vers&uuml;ndigung wieder die aktuelle M&ouml;glichkeit. M&ouml;glichkeiten auszulassen, meint Chancen verpassen.</p>
<p>Vor allem mu&szlig; auch stets mitbedacht werden, wieviel Zeitgewinn durch Zeitverlust erkauft wird. Beispiel Computer: &#8220;Das bi&szlig;chen Zeitgewinn, den der schnellere Prozessor erm&ouml;glichte, war durch den vorausgegangenen Zeitverbrauch beim Installieren, Konfigurieren und Umgew&ouml;hnen l&auml;ngst aufgefressen worden.&#8221; (S. 59) Aber nicht blo&szlig; den Ger&auml;ten und Programmen haben wir uns anzupassen, sondern ebenso dem st&auml;ndigen Wechsel der Ger&auml;te, der permanenten Erneuerung der Programme.</p>
<p>Am neuesten Stand zu sein, hei&szlig;t auf dem Laufenden zu bleiben. Doch das ist &#8211; man lese genau &#8211; ein Widerspruch in sich. Das Bleibende und das Laufende sind Gegens&auml;tze. Ist etwas im Laufen, ist es mit dem Bleiben vorbei. Gew&ouml;hnung kann nicht stattfinden. Nicht nur die sich rationalisierende Arbeit ist Hast, auch der Alltag ist den k&uuml;rzer werdenden Intervallen seiner Zeit unterworfen. Das Ticken der Uhr ist allgegenw&auml;rtig. Unbarmherzig erh&ouml;ht sie ihre Schlaganzahl, was besagt, es soll immer mehr pro jeweiliger Einheit in sie gepackt werden. Die negative Dialektik der Zeit geht dann so: Je mehr wir sie verk&uuml;rzen, desto deutlicher geht sie uns ab.</p>
<p>Von all dem und vielem anderen schreibt Lothar Baier. Auch wenn man sich gew&uuml;nscht h&auml;tte, da&szlig; der Autor manchmal enger an seinem vorgegebenen Hauptthema geblieben w&auml;re, sind seine Abschweifungen allemal interessant. Der Reformstau etwa tritt auf als &#8220;Massengrab der Reformen&#8221; (S. 170). Das leidige Modebewort wird entschl&uuml;sselt, indem es hinterfragt wird: &#8220;Oder sind einfach viel zu viele Reformen unterwegs, wie Autos auf der Autobahn zwischen Erfurt und dem Hermsdorfer Kreuz? Ist das gro&szlig;e Reformverkehrshindernis der wilde Reformverkehr selbst? &#8221; (S. 163) Wahrlich, es staut n&auml;mlich nicht blo&szlig; zu den Reformen hin, es staut sich auch von den Reformen her. Reformen stauen zum Reformstau.</p>
<p>Wer stoppt die Beschleunigung? , fragt Baier und behauptet unter Berufung auf die &#8220;Notbremse&#8221; des im Band oft zitierten Walter Benjamin die Notwendigkeit einer &#8220;Zeitrevolte&#8221; (S. 213). Menschen leiden freilich nicht nur an der ihnen aufgedr&auml;ngten Schnelligkeit, sondern auch an der Asynchronit&auml;t der verschiedenen Zeitebenen, auf denen sie sich tummeln. Jene werden in diesen gleichzeitig gestreckt und gepresst, gedehnt und gedr&uuml;ckt, was ein Gef&uuml;hl der Zerrissenheit hinterl&auml;sst. Diese Verquickung von Komprimieren und Entkomprimieren ist kaum auszuhalten. Es ist zum Rotieren. Das Ph&auml;nomen des &#8220;in mehreren Zeiten leben&#8221;(S. 106) beschreibt der Publizist unter dem Begriff der &#8220;Hybridzeit&#8221;.</p>
<p>Gerade deswegen ist es zu simpel &#8220;zwischen Anh&auml;ngern der Beschleunigung und Freunden der Langsamkeit&#8221; (S. 74) zu eindeutige Fronten aufzumachen, vielmehr gilt zu fragen: Was soll schnell gehen? Was soll langsam sein? Zeit ist nicht prim&auml;r eine Angelegenheit des Tempos, sondern eine der spezifischen gesellschaftlichen Konditionen, in denen sie sich bewegt. Vieles soll langsamer werden, aber einiges k&ouml;nnte durchaus schneller gehen. Zeitsouver&auml;nit&auml;t bedeutet mehr als Entschleunigung.</p>
<p>Insgesamt hat Lothar Baier ein gut lesbares Buch vorgelegt, eines, das differenzierte Einsichten vermittelt, ohne jedoch gro&szlig;e Vorkenntnisse vorauszusetzen. Seine Sprache ist unaufdringlich und unaufgeregt, seine Argumentation nachvollziehbar. Gemeinsam mit dem Autor sollte man sich &uuml;brigens Michel de Montaigne anschlie&szlig;en, der einst sinngem&auml;&szlig; vorgeschlagen hat, die gute Zeit nicht zu vertreiben, sondern festzuhalten und auszukosten.</p>
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		<title>Die Verunglückungen des Komparativs</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Mar 2001 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Verkehr]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2001-1]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2001/die-verunglueckungen-des-komparativs">Die Verunglückungen des Komparativs</a></p>
Stauen und Staunen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2001/die-verunglueckungen-des-komparativs">Die Verunglückungen des Komparativs</a></p>
<h3>Ausgew&auml;hlte Materialien zu einer Philosophie des Staus</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2001</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-237"></span></p>
<p><em>Alle reden vom Stau und viele stecken in ihm, doch niemand sagt, was dieser eigentlich ist. Nachfragen zu einem Ph&auml;nomen.</em></p>
<p>Sprache verr&auml;t stets mehr als ihre Benutzer wissen. Einerseits ist ihre oberste Schicht ein affirmativer Jargon der Assoziationen, andererseits ist sie aber auch immer eine geheime Offenbarung, versteht man die Sprache anders zu deuten, als sie gemeinhin geh&ouml;rt und gelesen, kurzum rezipiert wird. Sprache ist nicht nur das bevorzugte Kommunikationssystem, sondern essentieller: als das &#8220;Dasein des Geistes&#8221;, <a name="1" href="#a1 ">1</a> zu verstehen.</p>
<h4>Stauen und Staunen</h4>
<p>Das Verb &#8220;stauen&#8221; geh&ouml;rt zur indogermanischen Wortgruppe von &#8220;stehen&#8221;. Verwandt sind das niederl&auml;ndische &#8220;stouwen&#8221; oder das englische &#8220;to stow&#8221;, letzteres gel&auml;ufig im Sinne von &#8220;verstauen&#8221;, &#8220;einpacken&#8221;. In seiner heutigen g&auml;ngigen Verwendung und Bedeutung im deutschen Sprachraum ist das Wort, trotz seiner weit zur&uuml;ckreichenden Wurzeln, relativ jungen Charakters, erst im 17. Jahrhundert wurde es aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche &uuml;bernommen. Die hauptw&ouml;rtliche Bildung &#8220;Stau&#8221; stammt aus dem 18. Jahrhundert, erste Zusammensetzungen (&#8220;Staudamm&#8221;, &#8220;Staumauer&#8221;) sind aus dem 19. Jahrhundert verb&uuml;rgt. <a name="2" href="#a2 ">2</a> Die steile Karriere ist freilich j&uuml;ngsten Datums. Sie begann erst im Postfordismus. Ihm ist der Stau auch als verallgemeinerbares Ph&auml;nomen typisch. Stauen ist zu einer zentralen Chiffre der Zeit geworden.</p>
<p>Was es nicht alles gibt. Man staune, was da alles schon staue. Der Stauw&ouml;rter werden immer mehr. Kaum eine Vokabel ist in den letzten Jahren so aufgestiegen wie der Stau. Nicht nur als Substantiv, wo es haupts&auml;chlich in zusammengesetzten Hauptw&ouml;rtern fungiert, auch das Verb stauen ist von zunehmender Relevanz. Der Terminus will zweifellos nicht in seiner urspr&uuml;nglich wohl h&auml;ufigsten Nennung als &#8220;Staudamm&#8221; verbleiben. Der Staudamm selbst konnte ja lange als ein kolossales Monument eines technischen Fortschritts gelten, der im wahrsten Sinne des Wortes elektrifizierte. Inzwischen hat der Stau seinen Damm gebrochen und alle gesellschaftlichen Ebenen &uuml;berflutet. Davon handelt dieser Beitrag. Wir sprechen ganz selbstverst&auml;ndlich vom Verkehrsstau oder vom Investitionsstau, reden vom Triebstau oder vom Aggressionsstau . Oder gar von einem Code-Stau, d. h. etwa das Merken-M&uuml;ssen zahlreicher Losungsw&ouml;rter und Zahlenkombinationen, um &uuml;berhaupt gesch&auml;ftsf&auml;hig zu sein. Die TAZ stellt den Diskurs in den Stau, <a name="3" href="#a3 ">3</a> und der Kurier outet &#8220;Baustellen als Staustellen&#8221;. <a name="4" href="#a4 ">4</a> Und Format spricht von &#8220;Stauwahnsinn&#8221;, &#8220;Stausommer&#8221; und &#8220;Staugesellschaft&#8221;. <a name="5" href="#a5 ">5</a></p>
<p>Ganz oben in den Stau-Charts rangiert der Regulationsstau. Zweifellos ein gesellschaftlicher Widerspruch, der uns in Zukunft schwer zu schaffen machen wird, n&auml;mlich als Flut von neuen Gesetze und Verordnungen, inklusive Ausnahmeregelungen, Selbstbehalte, Rechnungslegungen, vor allem aber die sozialen Differenzierungen diverser Sozialleistungen nach Einkommensklassen, die den b&uuml;rokratischen Apparat aufbl&auml;hen m&uuml;ssen, wo er doch abgespeckt werden soll und auch werden wird. Die Folge kann nur sein: Stau bei Ansuchen, Amtswegen und anderen Erledigungen.</p>
<p>Hoch im Kurs steht auch der Reformstau. Je &#8220;oppositioneller&#8221; der Politiker, je &#8220;kritischer&#8221; der Kommentator, desto mehr wird er beklagt. Indes, Reformstau ist blo&szlig; ein richtiges Wort, entziffert man es richtig. Es staut sich n&auml;mlich nicht zu den Reformen hin, sondern es staut sich von den Reformen her. Reformen stauen im Reformstau. Sie halten den gesellschaftlichen Anforderungen nicht stand. Kein Reformschub wird den Reformstau &uuml;berwinden, im Gegenteil, er wird ihn sogar zuspitzen.</p>
<p>Durch die Freigabe ehemals normierter Preise (Telefon, Gas, Strom etc. ) d&uuml;rften sich die Staugebiete weiter ausweiten. Je gr&ouml;&szlig;er die Auswahlm&ouml;glichkeiten, je differenzierter die Angebote, je mannigfaltiger die Zugriffsm&ouml;glichkeiten &#8211; seien sie real oder fiktional &#8211; desto mehr Zeit drohen wir zu verlieren. Was wir m&ouml;glicherweise an Geld gewinnen k&ouml;nnen, das geht an Rechenzeit und Suchzeit verloren. Wir geraten in den Schaustau, in den H&ouml;rstau, auf jeden Fall in den Gef&uuml;hlsstau, was meint, der Stre&szlig; wird nicht weniger. Insgesamt werden wir uns jedenfalls noch wundern, was da alles sprachlich wie tats&auml;chlich zu Stauen beginnen wird.</p>
<h4>Zuviel zugleich zuort</h4>
<p>Stau bedeutet ein zuviel von etwas: von Gelegenheiten, Erzeugnissen, Personen. Das Raum-Zeit-Kontinuum, in dem sie sich entfalten sollen, ist ihnen aber zu eng, um sich wie vorgesehen bewegen zu k&ouml;nnen. Der Stau bringt das gesellschaftliche Flie&szlig;en zum Erliegen. Ein zusammengequetschtes Etwas, das ist der Stau. Stau nennt man einen Zustand, wo Bewegungsfreiheit sich als Bewegungslosigkeit entpuppt. Die unbeabsichtigte Selbstdemontage der Beschleunigung. &Ouml;konomisch betrachtet handelt er von den von Menschen nicht mehr bew&auml;ltigbaren Steigerungen, somit &Uuml;bersteigerungen: &Uuml;berproduktion, &Uuml;berdistribution, &Uuml;berkonsumtion, &Uuml;berkommunikation. Es wird uns laufend zuviel.</p>
<p>Stau meint, da&szlig; zuviel zugleich zuort ist. Die konkreten Kontingentierungen des Daseins &#8211; seien es Menschen oder Ger&auml;te, Lebensmittel oder M&uuml;ll &#8211; kollidieren in ihren spezifischen Zeit-Raum-Koordinaten. Je schneller es geht, desto langsamer es wird. Der paradoxe Stau zeigt an, da&szlig; die Zeit, die wir gewinnen wollen, akkurat auch verloren gehen kann. Die konkreten Dimensionierungen scheitern an ihrer Form, sie befinden sich nicht einmal mehr ann&auml;hernd im Gleichgewicht. Der Stau, wird er von einer akuten Erscheinung zu einem chronischen Gebrechen, offenbart ein infrastrukturelles Versagen der Gesellschaft. Er ist ihr immanentes Dementi.</p>
<p>Der Stau ist aber keine &#8220;meditative Streikform der reflexiven Moderne&#8221;, <a name="6" href="#a6 ">6</a> wie Ulrich Beck mutma&szlig;t. Dieses Innehalten und Blockieren ist kein bewu&szlig;tes oder gar absichtlich herbeigef&uuml;hrtes, sondern es entsteht zwangsl&auml;ufig aus sich selbst, ist Folge einer inneren und blinden Akkumulationslogik. Da meditiert nichts. Der Stau ist ein bewu&szlig;tloser Systemreflex, keine bewu&szlig;te Systemreflexion. Er demonstriert, da&szlig; die Gesellschaft mit sich selbst nicht mehr mitspielt. Er ist das unbewu&szlig;te Nichtwollen. Weigerung ohne Erkenntnis. Was als T&auml;tigkeitsform begonnen hat, kommt als Leideform zur&uuml;ck. Der Stau passiert uns, und obwohl wir alles f&uuml;r ihn tun, wollen wir ihn nicht. Seine &Uuml;bertr&auml;ger haben nichts beschlossen und nichts entschieden, sie sind keine Aktivisten, sondern Erleider, obwohl gerade ihre Taten diese Resultate zeitigen. Der Stau spiegelt einmal mehr die Ohnmacht der Individuen wider. Obwohl sie ihn selbst herstellen, sind sie Ausgelieferte, Unterworfene ihrer Geschicke. Sie gleichen Akteuren, die ihre Rolle perfekt spielen, aber von der Regie und vom St&uuml;ck keine Ahnung haben. Was Ergebnis ist, ist nie Ziel gewesen. Niemand will stauen, aber alle verhalten sich genauso, da&szlig; es geschehen mu&szlig;.</p>
<p>Der Stau beschreibt eine unabsichtliche Selbstblockierung gesellschaftlicher Abl&auml;ufe. Er folgt einer Logik, der man sich nicht bewu&szlig;t ist, die man aber kenntnisreich bedient. Man wei&szlig;, was zu tun ist, aber nicht, was ist. Der Stau ist die unfreiwillig gestockte Bewegung. Er ist die materielle wie immaterielle Mengenkollision in einem kapitalistischen Kontinuum. Die emanzipatorische Variante des Staus w&auml;re die Blockade, d. h. sich nicht stauen zu lassen, sondern selbstbestimmt zu stauen. Anders als der Stau w&auml;re die Blockade keine immanente Verungl&uuml;ckung, sondern eine aktive und gezielte Intervention, deren Anspruch zumindest darin besteht, zu wissen, was eins will. Wenn man beobachtet, was passiv alles verungl&uuml;ckt, kann man sich durchaus ausmalen, was aktiv unter Umst&auml;nden alles machbar sein k&ouml;nnte. Wahrscheinlich w&auml;re durch wenige gezielte Attacken sogar das System ersch&uuml;tterbar, erkennt man seine heikelsten Stellen und wundesten Punkte.</p>
<p>In den Stau ger&auml;t man allm&auml;hlich, nicht pl&ouml;tzlich wie das beim Unfall der Fall ist. Jener ist somit auch der nicht stattgefundene Unfall. Dessen Kunde wie dessen K&uuml;nder. Dieses Ungl&uuml;ck ist eben noch kein Unfall, es verharrt in dessen Vorstufe. Der Komparativ zerschellt nicht am Superlativ, nein: er bremst sich selbst rechtzeitig ab. Der Stau ist seine eigene Notbremse, eine empfindliche Minderung des Bewegens. Er ist ein Art (unvollkommener) Aufprall in Zeitlupe. Eine temporale und lokale Implosion. Jeder Stau beinhaltet aber auch seine Aufl&ouml;sung. W&auml;re dem nicht der Fall, w&uuml;rde er zum gesellschaftlichen Kollaps f&uuml;hren. Er begrenzt nicht nur das Grenzenlose, sondern er ist auch selbst begrenzt. Der Stau unterbricht den Rhythmus der vorgehabten Geschwindigkeiten.</p>
<p>Ist die Katastrophe die ganze Wahrheit, wie Virilio meint, <a name="7" href="#a7 ">7</a> dann ist der Stau alles andere als die ganze Wahrheit. Vielmehr Andeutung und Verschleierung in einem. Der Stau gleicht letztlich einer undramatischen Verz&ouml;gerung. Als solche mittlerweile chronisch geworden, wird der Stau aber als zur Normalit&auml;t geh&ouml;rig betrachtet, nicht als Abwegigkeit. Als periodische Zuspitzung oder Verzopfung der Beschleunigung durch Verlangsamung wird er allgemein hingenommen. Der Stau ist die Desolation der Gel&auml;ufigkeit. Der implodierte Kollaps, ein In-sich-zusammenfallen. Nichts geht mehr. Aber schon bald geht es weiter. Der Stau ist eine Notl&ouml;sung, wo das Gedr&auml;nge zum Schleppen oder gar Erliegen kommt, nicht aber zum Bersten. Bezogen auf den Menschenauflauf hei&szlig;t das: Die Herde ger&auml;t in &Auml;rger, nicht aber in Panik, auch wenn einzelne sich in Panik hineinsteigern. Alle wollen flott sein, doch niemand kann weiter. Hilflosigkeit und Ratlosigkeit kennzeichnen die Gestauten; die Rage, in die manche geraten, verallgemeinert sich im Normalfall nicht. So tendiert der Stau eher zur Apathie als zum Losschlagen. Damit ist aber nur etwas &uuml;ber seinen aktuellen Stand gesagt, kein endg&uuml;ltiges Urteil getroffen.</p>
<p>Auch wenn der Stau hingenommen wird, versetzt er in eine unangenehme Spannung, die keine Entladung kennt. Er kratzt auf. Die Leute werden &#8220;wurlat&#8221; (aggressiv zappelig), es ist ein negatives Kribbeln, das zum Auszucken neigt, aber meist doch nur bis zum Aufregen reicht. Jeder von uns hat schon aus diversen &#8220;Gr&uuml;nden&#8221; jemanden angep&ouml;belt (um sich sp&auml;ter vielleicht zu entschuldigen oder sich zumindest zu fragen, ob das denn nicht falsch oder zumindest &uuml;berzogen gewesen ist). Man hatte sich einfach nicht mehr im Griff, zumindest nicht mehr im Begriff. Es kam aus einem heraus, eruptiv gelangte etwas an die Oberfl&auml;che, &uuml;ber das man &#8211; ist man nicht v&ouml;llig verbl&ouml;det &#8211; sich sogar wunderte.</p>
<p>Jedes Individuum kennt dieses negative Kribbeln, sei es beim Arztbesuch, am Kassenschalter, beim Einla&szlig; zu bestimmten Veranstaltungen oder beim Autofahren. Bedr&auml;ngt in Zeit und Raum flucht es, dr&auml;ngt es, schl&auml;gt es. Es ist zum Aus-der-Haut-fahren. Ein Grunddilemma b&uuml;rgerlicher Existenz liegt darin, da&szlig; Spannung und Entspannung, Ladung und Entladung selten harmonieren k&ouml;nnen, weil sie in ihrer fetischistischen Bez&uuml;glichkeit einem Dritten, der Verwertung und ihren Emanationen, unterworfen und ausgeliefert sind. Die Erledigungen sind nicht auf die Individuen abgestimmt, sondern die Subjekte auf die Marktrationalit&auml;t der Abl&auml;ufe. Einzelne Pole vereinseitigen, Ausgleiche erfordern das Surrogat. Das Tempo ist nicht jenes eines freien Atmens, sondern eines, das gem&auml;&szlig; den Zw&auml;ngen hechelt. Der gesellschaftliche Austausch (materiell wie ideell) entpuppt sich des &ouml;fteren als T&auml;uschung, am Markt, im Job, im Bett. Die Folgen: Frustration, Apathie, Ressentiment, Emp&ouml;rung. Seltener, wenn auch nicht ausgeschlossen: Kritik.</p>
<p>Stau meint die Verungl&uuml;ckung des kapitalistischen Komparativs. Unter der Gesetzlichkeit des Kapitals folgt freilich blo&szlig; der n&auml;chste Anlauf zu einem neuen Komparativ. Zu viele Autos bedeuten hier zu wenig Stra&szlig;en, also bauen wir bessere, breitere, schnellere, um noch mehr Autos anzuziehen. Zuviel Lebensmittel bedeuten zuwenig Abnehmer, also erschaffen und erobern wir uns neue, hier und anderswo. Zuviel M&uuml;ll bedeutet zu wenige Deponien, also errichten wir modernere und gr&ouml;&szlig;ere, um noch mehr Dreck produzieren zu k&ouml;nnen, nein: zu m&uuml;ssen, damit diese sich rechnen etc. Zuviel bedeutet auf jeden Fall immer auch zuwenig.</p>
<p>Der Komparativ ist der Ungleichmacher, der dem Diktat der Gleichheit folgt. Er ist die Vergleichung der Gleichen, die nun als Ungleichheit hervorbricht. Die Verh&auml;ltnisse und Gegebenheiten k&ouml;nnen in dieser Struktur nicht einfach sie selbst sein, sondern sind als Ausdr&uuml;cke falscher Totalit&auml;t zu dechiffrieren. Verungl&uuml;ckung des Komparativs meint weiters auch, da&szlig; die zur best&auml;ndigen Steigerung antreibende Vergleichbarkeit ungl&uuml;ckliches Bewu&szlig;tsein gebiert. Neid und Mi&szlig;gunst w&auml;ren hier zu nennen.</p>
<p>G&uuml;nther Anders beschreibt in den Manuskripten zum dritten Band seiner &#8220;Antiquiertheit&#8221; die Mi&szlig;gunst als Grundaffekt von heute: &#8220;Die Mi&szlig;gunst ist die Reaktion auf den Komparativ. &#8220;<a name="8" href="#a8 ">8</a> &#8220;Die Verbindung von Mi&szlig;gunst und Angst ist verantwortlich f&uuml;r die atemlose und ameisenhafte Hast hier. &#8220;<a name="9" href="#a9 ">9</a> Mi&szlig;gunst ist demnach der Gegensatz zur N&auml;chstenliebe, jene ist &#8220;Vitalit&auml;tsbeweis&#8221;, ja sogar &#8220;das Zeugnis f&uuml;r das Recht auf survival. &#8220;<a name="10" href="#a10 ">10</a> &#8220;Nur die wenigsten, nur die allerbesten, sind f&auml;hig, konkurrentenlos ihr Tempo zu halten und weiterzurennen. Wie auch immer, das Rasen auf den Autobahnen &#8211; ein den Wirtschaftsaktivit&auml;ten analoger Vorgang &#8211; entspricht nicht nur der Mi&szlig;gunst, sondern auch dem Gebrauch der Mi&szlig;gunst und der Angst davor, konkurrentenlos zu bleiben, also die Chance des Mi&szlig;g&ouml;nnens einzub&uuml;&szlig;en. &#8220;<a name="11" href="#a11 ">11</a> Auf der Stra&szlig;e, auch darauf weist Anders zurecht hin, artet die Mobilisierung allzu oft in eine Wettfahrt aus, in der es um das &Uuml;berholen und das &Uuml;berholt-Werden geht. <a name="12" href="#a12 ">12</a></p>
<p>Der Stau verdeutlicht, da&szlig; es so nicht weitergehen kann, aber er ist regressiv, nicht die positive Alternative zum ungez&uuml;gelten Wollen moderner Mobilit&auml;tsfetischisten. Er gibt keinen Anla&szlig; zur Schadenfreude, wo jener doch selbst nichts anderes als ein Schaden ist: wenn er den Stra&szlig;enverkehr lahmlegt, stre&szlig;t er nicht nur die Menschen, er erh&ouml;ht den Energieverbrauch wie den Aussto&szlig; an Abgasen, im schlimmsten Fall verhindert er lebenswichtige Transporte u. v. m. Im Stau setzt das Destruktive die Destruktion blo&szlig; formverwandelt fort. Nicht extensiv, sondern inzessiv. Es &uuml;berf&auml;llt nicht andere, es unterl&auml;uft sich selbst.</p>
<h4>&Ouml;konomie der Beschleunigung</h4>
<p>Dort, wo Arbeitszeit auf andere Arbeitszeiten bezogen wird, kurz, wo es um (abstrakte) Arbeit geht, werden die gesellschaftlichen Abl&auml;ufe sich nach den Geschwindigkeiten der Verwertung richten. Beschleunigung ist unter Bedingung kommerzieller Konkurrenz unabdingbar. Der Wert will das Ma&szlig; aller Dinge sein. Auch Zeiten, die nicht unmittelbar vom Wert bestimmt sind, sind durch ihn dimensioniert.</p>
<p>Die Beschleunigung ist aber kein ontischer Dauerl&auml;ufer, sondern kapitalistisches Diktat. Das unterscheidet unsere Sichtweise deutlich von der eines Paul Virilio, der etwa schreibt: &#8220;Die Geschichte der Menschen l&auml;&szlig;t sich als endloser Wettlauf mit der Zeit beschreiben. Zuerst Mittel zum &Uuml;berleben &#8211; Flucht vor Raubtieren &#8211; wird dieser Wettlauf bald vom Streben nach Macht getrieben. Am Anfang seiner Geschichte stehen Aufzucht und Dressur. &#8220;<a name="13" href="#a13 ">13</a> &#8220;F&uuml;r mich ist die Geschwindigkeit der Analysefaktor Nummer eins. Bei Gesellschaften, in denen Geschwindigkeit noch keine technische oder industrielle Umsetzung gefunden hatte, konnte man das noch in Zweifel ziehen. Aber sobald Dampfmaschine und Telegraph erfunden worden waren, nicht mehr. &#8220;<a name="14" href="#a14 ">14</a> Nicht nur, da&szlig; hier ohnehin der zweite Teil des Zitats den ersten in Mitleidenschaft zieht, unser Einwand ist viel prinzipieller: Virilio installiert die ultimativen Erscheinungen der Beschleunigung als urs&auml;chlichen Grund, als ewiges Wesen der Gattung.</p>
<p>Der fieberhafte Beschleunigungswahn ist aber nicht gleichzusetzen einem komparativen Bewegungstrieb, sondern folgt den absoluten Zw&auml;ngen der Verwertung. Sie bestimmt das Tempo: in der Produktion wie in der Zirkulation, in der Konsumtion wie in der Kommunikation. Produkte sollen schneller erzeugt, schneller verkauft und schneller verbraucht werden. Kommunikation hat sich in immer k&uuml;rzeren Sequenzen, eben als small talk zu entfalten. Auch das Essen ist zum blo&szlig;en fast food geworden. Was wir unter der Herrschaft des Kapitals erleben, das ist die Abl&ouml;sung der Geschwindigkeit vom Inhalt ihres Bezugs. Ihr Kriterium ist nicht der konkrete Gegenstand, sondern die Wertform. Mobilit&auml;t ist das Ziel, Mobilisierung die Ansage. Es mag zwar nirgendwo mehr hingehen, schnell soll es aber doch gehen.</p>
<p>&#8220;In dem Ma&szlig;e, wie sich Geldbeziehungen, Industriearbeit und Konkurrenz verallgemeinerten und die Sondersph&auml;ren &#8220;Arbeit&#8221; und &#8220;Freizeit&#8221; auseinandertraten, beschleunigte sich der Lebensrhythmus mehr und mehr, und die &#8220;Zeit&#8221; erlangte ihre Weihen als schicksalshafte, quasi naturm&auml;&szlig;ige Antriebskraft. Diese &#8220;wirklich gewordene Zeit&#8221; hat gegen&uuml;ber allen fr&uuml;heren Empfindungen von Dauer eine eigene Qualit&auml;t: als Substanz des Werts entstand sie unabh&auml;ngig von einem gesellschaftlichen Willen und wurde zum bestimmenden Bezugssystem und universellen Existenzma&szlig;stab. &#8220;<a name="15" href="#a15 ">15</a> Das schreibt Gaston Valdiva. Und Guy Debord sagt: &#8220;Die irreversible Zeit der Produktion ist zun&auml;chst das Ma&szlig; der Waren. Da sie nur die spezialisierten Interessen bedeutet, aus denen sie gebildet wird, ist die Zeit, die sich offiziell als die allgemeine Zeit der Gesellschaft weltweit proklamiert, nur eine besondere Zeit. &#8220;<a name="16" href="#a16 ">16</a></p>
<p>Beschleunigung ist weder anthropologischer Modus noch freie Bestimmung, sie ist ein ganz spezifisches Diktat. Es ist der Stachel der Konkurrenz, der die zu Konkurrenten gemachten Menschen vorantreibt. Der Stau ist, nehmen wir als Beispiel seine bekannteste Form, den Verkehrsstau, also &uuml;berhaupt nicht Ausdruck irgendeiner falschen Verkehrspolitik, zu niedriger Benzinpreise, schlechter Fl&auml;chenwidmung oder anderem. Das mag es alles geben, es beschreibt aber nur die Oberfl&auml;che der objektiven Tendenz. W&auml;re das Problem auf dieser Ebene l&ouml;sbar, dann w&auml;re es wohl l&auml;ngst gel&ouml;st.</p>
<p>Die Welt ist nicht nur voll von reellen, sondern auch von ideellen Beschleunigungsapparaten (Mode, Werbung, Marketing, Infotainment, Entertainment, Computerisierung). Das Fernsehen, das schwerste Gesch&uuml;tz der Kulturindustrie, bietet nicht blo&szlig; ein Programm, wo es direkt um Schnelligkeit in Wettbewerben geht (Autorennen, Schirennen), sondern auch die Unterhaltungs- und Informationssendungen sind hochgradig beschleunigt. Von der Musik bis zum Schnitt. Permanent und &uuml;berall gibt es Verfolgungsjagden. Selbst die Kindersendungen sind voll auf Speed programmiert. Nicht mehr &#8220;Das kleine Haus&#8221; wie vor drei&szlig;ig Jahren, ist gefragt, auch nicht &#8220;Der knallrote Autobus&#8221;, sondern &#8220;Tom Turbo&#8221;.</p>
<p>Im zweiten Band des &#8220;Kapitals&#8221; steht: &#8220;Gleichzeitig mit der Entwicklung der Transportmittel wird nicht nur die Geschwindigkeit der Raumbewegung beschleunigt und damit die r&auml;umliche Entfernung zeitlich verk&uuml;rzt. &#8220;<a name="17" href="#a17 ">17</a> Geschwindigkeit komprimiert Raum durch Zeit. Entfernung wird zu einer Zeitfrage, &#8220;selbst die &ouml;rtliche Entfernung l&ouml;st sich in Zeit auf; es kommt z. B. nicht auf die r&auml;umliche Ferne des Marktes an, sondern die Geschwindigkeit &#8211; das Zeitquantum, worin er erreicht wird&#8221;, <a name="18" href="#a18 ">18</a> wie es in den &#8220;Grundrissen&#8221; hei&szlig;t. Der Raum gilt als Hindernis, das durch Beschleunigung aus dem Weg ger&auml;umt werden soll. Es geht um eine Reduktion der Intervalle. Das Verweilen ist allseits kurz zu halten. Der Transport tendiert zum Beamen.</p>
<p>Das Problem ist nur, da&szlig; nicht jeder Transport durch eine Transmission substituierbar ist, sondern nur bestimmte. Nicht alles ist kopierbar und duplizierbar. &Ouml;rtliche Differenz erscheint dennoch als ein &uuml;berwindbares Faktum. Entweder durch Transmission oder durch Beschleunigung des Transports. Ferne antiquiert. Alles kann unmittelbar, nicht nur television&auml;r, nahegebracht werden. &#8220;Denn die Hauptleistung unseres Zeitalters besteht ja eben darin, da&szlig; es den Begriff der &#8216;Ferne&#8217;; nein nicht nur deren Begriff, sondern die Ferne selbst, annuliert hat. Nicht nur Zeitgenossen sind wir heute, sondern Raumgenossen&#8221;, <a name="19" href="#a19 ">19</a> schreibt G&uuml;nther Anders.</p>
<p>Je h&ouml;her die kapitalistische Drehzahl, in der Marxschen Terminologie gesprochen: die Umschlagszeit (d. i. die Summe aus Produktions- und Zirkulationszeit) des Kapitals, desto mehr heult der Motor; er l&auml;uft hei&szlig;. Je flotter es wird, desto mehr machen schlapp. Die negative Dialektik kapitalistischer Beschleunigung ist der Stau. Die Bremse ihrer selbst gegen sie. Und zwar weil Produktion und Distribution, Kommunikation und Konsumtion immer schwerer in Einklang gebracht werden k&ouml;nnen. Der Stau ist die &Uuml;berf&uuml;tterung des Systems, nicht nur auf den Verkehr beziehbar, sondern zugegen in allen sozialen Bereichen. Der Stau k&uuml;ndet von der &Uuml;berdetermination der b&uuml;rgerlichen Verkehrsverh&auml;ltnisse. Und dies ist durchaus gesellschaftlich zu verstehen. Die Stau ist die immanente Inversion der Beschleunigung.</p>
<p>Im Stau prallen Form und Inhalt kapitalistischer Vergesellschaftung unsanft aufeinander: &#8220;Alle Kollisionen der Geschichte haben also nach unsrer Auffassung ihren Ursprung in dem Widerspruch zwischen den Produktivkr&auml;ften und der Verkehrsform&#8221;, <a name="20" href="#a20 ">20</a> schreiben Marx und Engels in der &#8220;Deutschen Ideologie&#8221;. Und im ber&uuml;hmten Vorwort zur &#8220;Kritik der Politischen &Ouml;konomie&#8221; hei&szlig;t es: &#8220;Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkr&auml;fte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverh&auml;ltnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck daf&uuml;r ist, mit den Eigentumsverh&auml;ltnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkr&auml;fte schlagen diese Verh&auml;ltnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. &#8220;<a name="21" href="#a21 ">21</a> Im Stau verwirklicht sich der &Uuml;berschu&szlig; an Energie aber destruktiv. Er ist das, was Transvolution nicht ist.</p>
<h4>Zeit und Verwertung</h4>
<p>&#8220;Die moderne Industrie betrachtet und behandelt die vorhandne Form eines Produktionsprozesses nie als definitiv. Ihre technische Basis ist daher revolution&auml;r, w&auml;hrend die aller fr&uuml;heren Produktionsweisen wesentlich konservativ war. &#8220;<a name="22" href="#a22 ">22</a> Statik wird durch Dynamik ersetzt, der Kreislauf soll dem Fortschritt weichen. Wobei Statik-Dynamik nicht als exklusiver Code bezeichnet werden soll, das w&uuml;rde n&auml;mlich nahelegen, da&szlig; es vorher, in den Zeiten der Statik keine Entwicklung gegeben hat. Nichtsdestotrotz hat die Wertvergesellschaftung Entwicklung dynamisiert, dies sogar in auff&auml;lligster und charakteristischster Weise. Diese Dynamik kennt eine bestimmte Richtung, sie ist durch und durch Wachstumsdynamik, ganz dem Komparativ der Verwertung verschrieben und unterstellt.</p>
<p>Solch &Ouml;konomie tendiert zu einem ununterbrochenen Arbeitsproze&szlig;: &#8220;Arbeit w&auml;hrend aller 24 Stunden des Tages anzueignen ist daher der immanente Trieb der kapitalistischen Produktion. &#8220;<a name="23" href="#a23 ">23</a> Alles, was nach Mu&szlig;e riecht, mu&szlig; unter solchen Bedingungen nicht nur unter die R&auml;der kommen, sondern auch offen diskreditiert werden. &#8220;Es ist nicht die Arbeit, sondern das Arbeitsmittel, wovon die Maschine ausgeht. &#8220;<a name="24" href="#a24 ">24</a> &#8220;Die kombinierte Arbeitsmaschine, jetzt ein gegliedertes System von verschiedenartigen einzelnen Arbeitsmaschinen und von Gruppen derselben, ist umso vollkommener, je kontinuierlicher &uuml;ber Gesamtproze&szlig;, d. h. mit je weniger Unterbrechung das Rohmaterial von seiner ersten Phase zu seiner letzten &uuml;bergeht, je mehr also statt der Menschenhand der Mechanismus selbst es von einer Produktionsphase in die andere f&ouml;rdert. Wenn in der Manufaktur die Isolierung der Sonderprozesse ein durch die Teilung der Arbeit selbst gegebenes Prinzip ist, so herrscht dagegen in der entwickelten Fabrik die Kontinuit&auml;t der Sonderprozesse. &#8220;<a name="25" href="#a25 ">25</a> Eine Maschine ist nutzlos, wenn sie nicht l&auml;uft. Es mu&szlig; alles daran gesetzt werden, sie permanent laufen zu lassen. &#8220;Immer&#8221; und &#8220;schneller&#8221; lauten die einfachen Gebote. Das unterscheidet die Warengesellschaft von all ihren Vorl&auml;ufern.</p>
<p>&#8220;Die normalen Unterbrechungen des ganzen Produktionsprozesses, also die Intervalle, worin das produktive Kapital nicht fungiert, produzieren weder Wert noch Mehrwert. Daher das Bestreben auch nachts arbeiten zu lassen, &#8220;<a name="26" href="#a26 ">26</a> schreibt Marx weiter. Es geht darum, den gesamten Produktionsproze&szlig; und den effektiven Arbeitsproze&szlig; so weit als m&ouml;glich anzun&auml;hern, was diesbez&uuml;glich nichts anderes meinen kann, als die Produktionszeit Richtung Arbeitszeit zu verk&uuml;rzen. Ruhezeiten der Maschine sind nach M&ouml;glichkeit abzuschaffen. Das Tempo ist vorgegeben, die Maschine gibt vor. Nicht der Arbeiter wendet die Maschine an, sondern die Maschine den Arbeiter. Der Arbeitsort wird zu einem Laufstall, die Maschine ihrerseits zu einem Flie&szlig;band, das kombiniert unaufh&ouml;rlich zu laufen hat: &#8220;Es ist klar, da&szlig; je mehr Produktionszeit und Arbeitszeit sich decken, um so gr&ouml;&szlig;er die Produktivit&auml;t und Verwertung eines gegebnen produktiven Kapitals in gegebnem Zeitraum. Daher die Tendenz der kapitalistischen Produktion, den &Uuml;berschu&szlig; der Produktionszeit &uuml;ber die Arbeitszeit m&ouml;glichst zu verk&uuml;rzen. &#8220;<a name="27" href="#a27 ">27</a> &#8220;Je mehr die Zirkulationsmetamorphosen des Kapitals nur ideell sind, d. h. je mehr die Umlaufszeit = 0 wird, oder sich Null n&auml;hert, umso mehr fungiert das Kapital, um so gr&ouml;&szlig;er wird seine Produktivit&auml;t und Selbstverwertung. &#8220;<a name="28" href="#a28 ">28</a></p>
<p>Die Imperative der Beschleunigung sind umfassend: Es ist die Arbeitszeit zu verk&uuml;rzen, es ist die Produktionszeit zu verk&uuml;rzen, es ist die Zirklulationszeit(=Umlaufszeit) zu verk&uuml;rzen, es ist die Konsumtionszeit(=Verbrauchszeit) zu verk&uuml;rzen. Alle Anstrengungen sind zu t&auml;tigen, um sowohl die einzelnen Phasen als auch die gesamte Funktionszeit der Ware zu minimieren. Ziel ist die best&auml;ndige Reduktion der Umschlagszeit des Kapitals. Wert ist eine Frage von Zeit, nicht nur positiv von &#8220;In-Wert-setzender-Zeit&#8221; in der Produktion, sondern auch negativ beschr&auml;nkt durch die unproduktiven Zeiten der Ware. Die Gebrauchsdauer ist eine wichtige Kategorie zur Kalkulation zuk&uuml;nftiger Gesch&auml;fte. Negativ bestimmt sie sehr wohl die Umschlagsperiode und die Umschlagszahl des Kapitals. D. h. auch die Zeit, in der die Ware ausschlie&szlig;lich als Gebrauchswert fungiert, ist f&uuml;r das produzierende wie f&uuml;r das Kaufmannskapital, aber auch Geldkapital von elementarem Interesse. Nur so k&ouml;nnen Stockungen am Markt (Waren- und Geldstau) verhindert oder mindestens minimiert werden.</p>
<p>&#8220;Die Zirkulation, da sie der Verlauf des Kapitals durch die verschiednen, begrifflichen bestimmten Momente seiner notwendigen Metamorphose &#8211; seines Lebensprozesses, ist unerl&auml;&szlig;liche Bedingung f&uuml;r das Kapital, durch seine eigne Natur gesetzte Bedingung. Soweit dieser Verlauf Zeit kostet, ist diese Zeit, worin das Kapital seinen Wert nicht vermehren kann, weil er Nichtproduktionszeit ist, Zeit, worin es die lebendige Arbeit nicht aneignet. Die Zirkulationszeit kann also nie den vom Kapital geschaffenen Wert vermehren, sondern nur nicht wertsetzende Zeit setzen, also als Schranke erscheinen der Wertvermehrung, im selben Verh&auml;ltnisse, worin sie zur Arbeitszeit steht. Diese Zirkulationszeit kann nicht gerechnet werden zu der wertschaffenden Zeit, denn diese ist nur Arbeitszeit, die sich im Wert vergegenst&auml;ndlicht. Sie geh&ouml;rt nicht zu den Produktionskosten des Werts, und ebensowenig zu den Produktionskosten des Kapitals; aber sie ist erschwerende Bedingung seiner Selbstreproduktion. &#8220;<a name="29" href="#a29 ">29</a></p>
<p>&#8220;Das allgemeine Gesetz ist, da&szlig; alle Zirkulationskosten, die nur aus der Formverwandlung der Ware entspringen, dieser letzteren keinen Wert hinzusetzen. Es sind blo&szlig; Kosten zur Realisierung des Werts oder zu seiner &Uuml;bersetzung aus einer Form in die andre. Das in diesen Kosten ausgelegte Kapital (eingeschlossen die von ihm kommandierte Arbeit) geh&ouml;rt zu den faux frais der kapitalistischen Produktion. &#8220;<a name="30" href="#a30 ">30</a></p>
<p>&#8220;Die Zirkulationszeit erscheint also nicht als ihn bestimmende Zeit, und die Anzahl der Umschl&auml;ge, soweit sie durch die Zirkulationszeit bestimmt ist, erscheint nicht so, da&szlig; das Kapital ein neues wertbestimmendes und ihm im Unterschied von der Arbeit geh&ouml;riges, sui generis Element hinzubringt, sondern als limitierendes, negatives Prinzip. Die notwendige Tendenz des Kapitals daher Zirkulation ohne Zirkulationszeit, und diese Tendenz ist die Grundbestimmung des Kredits und der Credit contrivances des Kapitals. (&#8230; ) Die Zirkulationszeit ist nicht Zeit, worin das Kapital Wert schafft, sondern den im Produktionsproze&szlig; geschaffnen Wert realisiert. Sie vermehrt nicht seine Quantit&auml;t; sondern setzt ihn in entsprechende andre Formbestimmung, aus der Bestimmung des Produkts in die der Ware, aus der Ware in die des Geldes etc. Dadurch, da&szlig; der Preis, der fr&uuml;her ideell an der Ware existierte, nun reell gesetzt wird, dadurch, da&szlig; sie sich nun wirklich gegen ihren Preis &#8211; Geld &#8211; austauscht, wird dieser Preis nat&uuml;rlich nicht gr&ouml;&szlig;er. &#8220;<a name="31" href="#a31 ">31</a></p>
<p>&#8220;Das Kapital enth&auml;lt allerdings beide Momente in sich. 1. Die Arbeitszeit als wertschaffendes Moment. 2. Die Zirkulationszeit als die Arbeitszeit beschr&auml;nkendes und so die Gesamtwertsch&ouml;pfung durch das Kapital beschr&auml;nkendes Moment; als notwendig, weil der Wert, oder das Kapital, wie es unmittelbares Resultat des Produktionsprozesses, zwar Wert, aber nicht in seiner ad&auml;quaten Form gesetzter. Die Zeit, die diese Formverwandlung erheischt &#8211; die zwischen Produktion und Reproduktion also verl&auml;uft -, ist das Kapital entwertende Zeit. Wenn einerseits die Kontinuit&auml;t, so liegt ebenso die Unterbrechung der Kontinuit&auml;t in der Bestimmung des Kapitals als zirkulierend, prozessierend. &#8220;<a name="32" href="#a32 ">32</a> Stau meint diesbez&uuml;glich, da&szlig; der Wechsel von Kontinuit&auml;t und Unterbrechung nicht ad&auml;quat durchgehalten werden kann. Die Unterbrechung findet zur falschen Zeit und/oder am falschen Ort statt.</p>
<p>&#8220;Die Wiederholung des Produktionsprozesses ist aber bestimmt durch die Zirkulationszeit, die gleich ist der Geschwindigkeit der Zirkulation. (&#8230; ) Die Summe der Werte (Mehrwerte) ist also bestimmt durch den in einem Umschlag gesetzten Wert, multipliziert mit der Anzahl der Umschl&auml;ge in einem bestimmten Zeitraum. &#8220;<a name="33" href="#a33 ">33</a> &#8220;Die Zahl, die diese Wiederholung ausdr&uuml;ckt, kann als Koeffizient des Produktionsprozesses oder des durch ihn geschaffenen Mehrwerts betrachtet werden. Dieser Koeffizient ist indes nicht positiv, sondern negativ bestimmt durch die Geschwindigkeit der Zirkulation. &#8220;<a name="34" href="#a34 ">34</a> Nicht nur in der Produktion, sondern an unz&auml;hligen Stellen sind die Imperative der Geschwindigkeit eingebaut.</p>
<p>Historisch betrachtet ist der Gesamtproze&szlig; der kapitalistischen Produktion (der nat&uuml;rlich die Reproduktion miteinschlie&szlig;t) beschreibbar als ein triebhaftes Aggregat der Beschleunigung. Konkurrenz dechiffriert sich als ein permanenter Vergleich abstrakter Arbeitszeiten, bedeutet Senkung derselben um jeden Preis. Als konjunkturelle Ma&szlig;nahmen ist es nat&uuml;rlich auch zeitweilig m&ouml;glich, statt auf die Arbeitsintensit&auml;t auf die Arbeitsextensit&auml;t zu setzen (z. B. Auslagerung in Billiglohnl&auml;nder). Aber das sei nur am Rande erw&auml;hnt, als Ausnahme von der Regel.</p>
<h4>Vom Vorrat zur Stockung</h4>
<p>Die Herausbildung eines komplexen und arbeitsteiligen Systems bedingt auch einen qualitativen Sprung, was den Vorrat betrifft. Die verschiedenen Zeitebenen der getrennten Sph&auml;ren sind in Einklang zu bringen. Der Warenvorrat ist eine Folge der Intervalle zwischen fertiggestelltem Resultat und abgesetzter Ware. <a name="35" href="#a35 ">35</a> Vorratbildung ist eine Bedingung der Zirkulation: &#8220;Nur durch die Vorratbildung ist die Best&auml;ndigkeit und Kontinuit&auml;t des Zirkulationsprozesses, und daher des Produktionsprozesses, der den Zirkulationsproze&szlig; einschlie&szlig;t, gesichert. &#8220;<a name="36" href="#a36 ">36</a> &#8220;In der Tat existiert der Vorrat in drei Formen: in der Form des produktiven Kapitals, in der Form des individuellen Konsumtionsfonds und in der Form des Warenvorrats des Warenkapitals. &#8220;<a name="37" href="#a37 ">37</a></p>
<p>Vorrat ist notwendig, um den Warenhunger zu befriedigen. Dieser Hunger freilich ist immer weniger ein &#8220;nat&uuml;rw&uuml;chsiger&#8221;, sondern ein vom Kapital erzeugter. Die Produktion produziert auch die Konsumtion. Nicht ein unmittelbarer Lebensbedarf steht im Mittelpunkt, er ist lediglich ferner Ausgangspunkt. Es gilt den Warenhunger zu pr&auml;parieren und zu dimensionieren. Im wahrsten Sinne des Wortes &uuml;berfallen die Waren ihre Verbraucher. Da&szlig; er etwas essen mu&szlig;, mu&szlig; man dem B&uuml;rger dieser Welt nicht beibringen, da&szlig; er aber gerade dieses oder jenes essen mu&szlig;, sehr wohl.</p>
<p>Die immanente Tendenz zum Anwachsen von diversen Vorr&auml;ten beschreibt Marx so: &#8220;Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion wird die Stufenleiter der Produktion in stets geringrem Grad durch die unmittelbare Nachfrage nach dem Produkt bestimmt, und in stets gr&ouml;&szlig;rem durch den Umfang des Kapitals, wor&uuml;ber der individuelle Kapitalist verf&uuml;gt, durch den Verwertungstrieb seines Kapitals und die Notwendigkeit der Kontinuit&auml;t und der Ausdehnung seines Produktionsprozesses. Damit w&auml;chst notwendig in jedem besondren Produktionszweig die Produktmasse, die sich als Ware auf dem Markt befindet oder nach Absatz sucht. Es w&auml;chst die in der Form des Warenkapitals k&uuml;rzer oder l&auml;nger fixierte Kapitalmasse. Es w&auml;chst daher der Warenvorrat. &#8220;<a name="38" href="#a38 ">38</a></p>
<p>&#8220;Das Verharren des Warenkapitals als Warenvorrat auf dem Markt erheischt Baulichkeiten, Magazine, Reservoirs der Waren, Warenlager, also Auslage von konstantem Kapital; ebenso Zahlung von Arbeitskr&auml;ften zur Einmagazinierung der Waren in ihre Reservoirs. &#8220;<a name="39" href="#a39 ">39</a> Es wird an produktiver Arbeit eingespart, an unproduktiver jedoch mehr ausgegeben. W&auml;hrend sich die Kosten bei der Herstellung der Ware minimieren, steigen die Unkosten (nicht zu verwechseln mit den heute so oft zitierten Folgekosten, diese sind im Gegenteil zu den Unkosten externalisiert, also keine Betriebskosten) exorbitant an. Was aber meint, die &#8220;Unkosten&#8221;(Marx)<a name="40" href="#a40 ">40</a> d&uuml;rfen die eingesparten Kosten nicht &uuml;bersteigen.</p>
<p>Zu gro&szlig;e Lager, wenngleich sie billiger sein m&ouml;gen, berechnet man die Kosten pro Einzelst&uuml;ck, tendieren dazu, da&szlig; Ware verdirbt, veraltet oder auch blo&szlig; aus der Mode kommt. Au&szlig;erdem besteht die Gefahr der Entwendung, wobei weniger an gro&szlig;e Diebst&auml;hle gedacht werden mu&szlig; als an das diskrete, aber kontinuierliche Verschwinden kleiner Mengen, verursacht durch das zum Lager geh&ouml;rige Personal. Kurzum, der Gebrauchswert der gelagerten Waren nimmt im Normalfall tendenziell ab, ebenso mit ihm auch der Tauschwert. Aus der Verallgemeinerung dieser Tendenz und ihrer heutigen Zuspitzung folgen dann Abst&ouml;&szlig;e von Produkten zu verbilligten Endpreisen am Markt, um zumindest noch &uuml;ber dem Kostpreis (c+v) verkaufen zu k&ouml;nnen. Was sich heute in fast schon rituellen Abverk&auml;ufen &auml;u&szlig;ert, ist Folge dieser Entwicklungen. Was aber auch meint, da&szlig; die Fluktuationen der Preise um den Wert sich vergr&ouml;&szlig;ert haben. Das spekulative Moment w&auml;chst an, ebenso aber auch die Zeit, die die Subjekte f&uuml;r ihre Kalkulationen aufwenden m&uuml;ssen.</p>
<p>&#8220;&Uuml;berproduktion von Kapital, nicht von einzelnen Waren &#8211; obgleich die &Uuml;berproduktion von Kapital stets &Uuml;berproduktion von Waren einschlie&szlig;t -, hei&szlig;t daher nichts als &Uuml;berakkumulation von Kapital&#8221;, <a name="41" href="#a41 ">41</a> schreibt Karl Marx im dritten Band des &#8220;Kapitals&#8221;. Und Friedrich Engels notiert in seinen Zus&auml;tzen: &#8220;Die t&auml;glich wachsende Raschheit, womit auf allen gro&szlig;industriellen Gebieten heute die Produktion gesteigert werden kann, steht gegen&uuml;ber die stets zunehmende Langsamkeit der Ausdehnung des Markts f&uuml;r diese vermehrten Produkte. Was jene in Monaten herstellt, kann dieser kaum in Jahren absorbieren. &#8220;<a name="42" href="#a42 ">42</a> Was folgt, ist die Notwendigkeit der Warenvernichtung zur Rettung des Tauschwerts. <a name="43" href="#a43 ">43</a></p>
<p>Die Zeiten von Produktion und Zirkulation haben synchron bzw. synchronisierbar zu sein. Sind sie das nicht, dann kommt es zu Krisenerscheinungen. Eine davon ist der Warenstau. Von ihm sprechen wir dann, wenn die Warenstockung unbeabsichtigt ist. Aus dem Horten ist eine Halde geworden. Der blo&szlig;e Vorrat ist noch nicht als Stau zu betrachten. Verselbst&auml;ndigt dieser sich aber, d. h. kann die gelagerte Ware nicht mehr abgesetzt werden, wird aus dem &#8220;Genug&#8221; ein &#8220;Zuviel&#8221;, das sich da unfreiwillig ansammelt, dann ist sehr wohl von einem Stau zu sprechen. Man sieht einem Warenlager nicht an, ob es ein solcher ist oder nicht. Das h&auml;ngt von den Konstellationen am Markt und in der Produktion ab.</p>
<p>Der Vorrat ist eine notwendige Erscheinung, er wird jedoch zu einem unliebsamen Ph&auml;nomen, wenn jener nicht verkauft werden kann, sich also staut. Die Gefahr des Umschlags eines Vorrats in einen Stau ist stets gegeben. Das Ziel jedes klugen Verk&auml;ufers mu&szlig; demnach darin bestehen, Vorrat zu bilden, der weder zum Engpa&szlig; noch zur &Uuml;berflu&szlig; tendiert, wo Abgang und Zugang sich ein marktkonformes Gleichgewicht bilden. Das kapitalistische Interesse besteht zweifellos am st&auml;ndigen Prozessieren des Warenkapitals: &#8220;Je rascher verkauft, desto fl&uuml;ssiger der Reproduktionsproze&szlig;, &#8220;<a name="44" href="#a44 ">44</a> schreibt Marx. Marktwirtschaft hei&szlig;t, da&szlig; man Wegbarkeiten erkennt und Unwegbarkeiten erahnt. Das ist das, was man als Gesch&auml;ftssinn beschreibt, der auf nichts anderem basieren kann als auf Kalkulation und Spekulation. Grundkriterien sind Raum, Zeit und Menge.</p>
<h4>Tempus als Tempo</h4>
<p>Soll das Kapital sich verwerten, d. h. die Marktwirtschaft funktionieren, dann ist die Kalkulation unabdingbar. Sie bedeutet vor allem, da&szlig; Allokation und Terminisierung einen berechnenden Charakter haben m&uuml;ssen. Wann soll wo wieviel sein? Was als vorrangige T&auml;tigkeit von Managern und Kapitalisten gilt, gilt in weiterer Folge f&uuml;r alle Warenbesitzer, f&uuml;r alle K&auml;ufer und Verk&auml;ufer, auch f&uuml;r die Ware Arbeitskraft, letztlich f&uuml;r alle b&uuml;rgerlichen Individuen.</p>
<p>Die Zeitfrage ist jedenfalls keine banale: Wie werde ich mit dieser oder jener T&auml;tigkeit schneller fertig, sondern eine andere: Wie schaffe ich durch (Arbeits)Zeitverk&uuml;rzungen konkurrenzf&auml;hig zu bleiben. Die temporale Dimensionierung ist eine, die nicht dem Kriterien Mensch und Gegenstand, sondern den Kriterien der Ware folgt. Verk&uuml;rzt wird die Arbeitszeit, die ins Produkt eingeht, nicht die Arbeitszeit der dazugeh&ouml;rigen Arbeiter. Diese abstrahiert von der Unmittelbarkeit, indem sie sofort alle Entwicklungen und Unterlassungen direkt oder indirekt auf die gesellschaftliche Arbeit bezieht. Das Vordringen der Zeitmessung, das Aufkommen und die Verallgemeinerung der Uhr sind typische Kennzeichen der Modernisierung: &#8220;Die Zeitmessung ging &uuml;ber ein Zeit-Sparen, in ein Zeit-Einteilen, in eine Rationierung der Zeit. Gleichzeitig verlor die Ewigkeit ihre Bedeutung als Ma&szlig;stab und Mittelpunkt aller menschlichen Handlungen&#8221;, <a name="45" href="#a45 ">45</a> schreibt Lewis Mumford.</p>
<p>Der Ablauf diverser Zeitr&auml;ume (Stunde, Tag, Woche, Monat, Jahr) ist meist streng eingeteilt. Objektive Nichterf&uuml;llung findet sich als subjektives Manko wieder. Die Unm&ouml;glichkeit der Erf&uuml;llung erschreckt die Subjekte, l&auml;&szlig;t ihren Puls steigen. Das Einhalten der Zeit ist das Um und Auf unserer Kommunikation. Einteilung ist unbedingt notwendig; wird ein Zeitteil gr&ouml;&szlig;er als vorgesehen, kommt alles durcheinander. Aber auch wenn ein Zeitteil kleiner als vorgesehen ist, dann verschafft das weniger eine Ruhepause als einen Leerraum, der nicht eingeplant gewesen ist. Wenn sich die Planwirtschaft irgendwo verwirklicht hat, dann im b&uuml;rgerlichen Dividuum. Freiheit hei&szlig;t, seine Verplanung zu planen.</p>
<p>Beweglichkeit ist nicht einfach mit Mobilit&auml;t gleichzusetzen. Mobilit&auml;t ist eine spezifische Form eines Bewegungszwanges. Deren Dynamik richtet sich nach den Erfordernissen der Verwertung, jene ist alles andere als eine freiwillige. Geschwindigkeit ist nicht w&auml;hlbar und entscheidbar, sondern erzielbar und erreichbar. Ansonsten droht die Sanktion (Fristvers&auml;umnis, Lohnk&uuml;rzung, Entlassung, Auftragsverlsut, Vertragsk&uuml;ndigung etc. ). Das Einhalten der Termine gibt bestimmte Zeitr&auml;ume und Geschwindigkeiten vor (Fertigungen in der Produktion, Abfertigungen beim Arztbesuch etc. ) Die Hektik des Alltags f&uuml;hrt zu einem st&auml;ndigen Termindruck. (Ausgabetermin, Abgabetermin, Entlassungstermin, Erf&uuml;llungstermin, Zahlungstermin etc. ). Wir leben stets in Fristen, und sollen ja keine vers&auml;umen. Der Terminkalender ist das sichtbarste Zeichen der Proportionierung der Zeit. Termine stehen wie Hindernisse in der Zeit, die allesamt genommen werden m&uuml;ssen. Es geht darum, Arbeitszeiten effektiv zu gestalten, Stauzeiten zu verhindern, Freizeiten offenzuhalten, kurzum um die selbst vorangetriebene Taylorisierung des Ich. Ohne rigide Ordnung k&ouml;nnte das Subjekt kaum existieren.</p>
<p>Tempus ist heute nur noch als Tempo zu haben. Alles wird von einer Zeitfrage, zu einer Geschwindigkeits- und somit zu einer Beschleunigungsfrage. Tempo meint, da&szlig; die Dauer l&auml;ufig wird. Ein Termin jagt den n&auml;chsten. Permanent sind wir f&auml;llig. Schon allein, da&szlig; wir einen Terminkalender brauchen, l&auml;&szlig;t darauf schlie&szlig;en, da&szlig; nicht wir &uuml;ber unsere Zeit verf&uuml;gen, sondern da&szlig; die Zeit &uuml;ber uns verf&uuml;gt. Wir &uuml;berblicken sie nicht ohne zu Notbehelfen zu greifen. Wir sind ihr nicht gewachsen, sondern ausgeliefert. Jede kleinste &Uuml;berraschung kann uns aus der Fassung bringen. &#8220;Keine Zeit&#8221;, &#8220;Ich mu&szlig;&#8221; sind die einfachsten Redewendungen um unvorhergesehene (aber auch unliebsame) Treffen zu beenden. Im besten Falle wollen sie vertr&ouml;sten, eben weil diese Zusammenkunft nicht eingeplant gewesen ist. &#8220;Mach weiter&#8221; ist eine der h&auml;ufigsten Aufforderungen, die ein Kind von Erwachsenen h&ouml;rt. Erziehung meint terminale Proportionierung des &#8220;Nachwuchses&#8221; &#8211; welch bezeichnendes Wort &uuml;brigens.</p>
<p>Wenn in einer Mercedes-Werbung gar behauptet wird: &#8220;Es gibt ein Leben zwischen den Terminen&#8221;, <a name="46" href="#a46 ">46</a> dann meint das wohl unabsichtlich, aber richtig, da&szlig; mit den Terminen das, was man Leben bezeichnen k&ouml;nnte, eigentlich weitgehend abgeschafft wurde. Was aber, wenn es nur noch Termine gibt? Gibt es dann &uuml;berhaupt noch ein Leben? (Au&szlig;er mit einem Mercedes von einem Termin zum n&auml;chsten zu jagen. ) Der Kapitalismus ist das Zeitalter der terminatorischen Dimensionierung der Existenz. Termine sind die Termiten der Zeit. Als Zeitfresser fressen sie ganze L&ouml;cher ins Leben, die nie wieder gef&uuml;llt werden k&ouml;nnen. Anstatt den Kapitalismus abzuschaffen, schaffen wir sukzessive das eigene Leben ab.</p>
<p>Konsensual ist das Gebet zum Gott der Geschwindigkeit. Kein Politiker, der nicht dem Tempo huldigt. Wie sagte doch der &ouml;sterreichische Ex-Kanzler Viktor Klima: &#8220;Wir m&uuml;ssen Tempo machen. Jetzt geht es darum, mehr Wachstum, mehr Arbeit, mehr Gerechtigkeit in Europa zu schaffen. &#8220;<a name="47" href="#a47 ">47</a> Mehr, mehr, mehr. Schneller, schneller, schneller. Oder sein Nachfolger, Wolfgang Sch&uuml;ssel, der fr&uuml;her schon unentwegt von sich gab, da&szlig; nicht die Gro&szlig;en die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen fressen, lie&szlig; im Wahlkampf 1999 folgendes plakatieren: &#8220;Sicher. Manches ging in den vergangenen Jahren nicht schnell genug. Aber: wir haben verstanden, was Sie von uns in Zukunft erwarten: mutige Entscheidungen, entschlossenes Handeln. &#8220;<a name="48" href="#a48 ">48</a> Es ist der obligate Sermon. &#8220;Wir lassen uns nicht bremsen&#8221;, droht gar die FP&Ouml; auf ihren Plakaten. Aber: Was droht, bedroht nicht. Nein, es kommt ganz gut an, die gro&szlig;b&uuml;rgerliche Presse applaudiert diesem Treiben, das sich &#8220;speed kills&#8221; (&Ouml;VP-Klubobmann Andreas Khol) nennt. &#8220;Alle befragten Meinungsforscher gestehen aber (&#8230; ) der Regierung ein hervorragendes Polit-Marketing zu. Das neueste FP-Plakat &#8220;Wir lassen uns nicht bremsen&#8221; treffe n&auml;mlich die &uuml;berwiegende Stimmung in der Bev&ouml;lkerung ebenso exakt wie die Verballhornung des Begriffs &#8216;speed kills&#8217; durch Khol. &#8220;<a name="49" href="#a49 ">49</a></p>
<p>Alles, was bed&auml;chtig wirkt, scheint verd&auml;chtig. Flott haben wir zu sein, flexibel, wendig und windig. Und da alles zu schnell abgeht, k&ouml;nnen wir gar nicht mehr begreifen, was einem da abgeht. Die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, die ist ebenfalls schon abgegangen. F&uuml;r langes &Uuml;berlegen ist da kein Platz. Freilich werden damit &uuml;berhaupt die Bedingungen des Denkens, des reflektierten Reflektierten schwer beeintr&auml;chtigt bis verunm&ouml;glicht. Dieses ist n&auml;mlich nur in Mu&szlig;e m&ouml;glich. Es ist viel mehr als ein Wissen und ein Lernen, es ist ein Begreifen und Erkennen, das das Wesen der Objekte verstehen, nicht blo&szlig; sie bedienen will. Schnell kann nur registriert und kapiert werden. Nicht mehr. Damit wird nur das unmittelbar Funktionale eines opportunistischen Denkens abgedeckt. Aber gerade das ist und wird gefordert.</p>
<p>Tempo ist der Kompressor der Individuen. Menschen leiden nicht nur an der ihnen aufgedr&auml;ngten Geschwindigkeit, sondern auch an der Asynchronit&auml;t der verschiedenen Zeitebenen, in denen sie sich tummeln. Jene werden in diesen gleichzeitig gestreckt und gepre&szlig;t, gedehnt und gedr&uuml;ckt, was ein Gef&uuml;hl der Zerrissenheit hinterl&auml;&szlig;t. Diese Zerrissenheit l&auml;&szlig;t auch das Ganze verschwinden. Die Parallelit&auml;t von Komprimieren und Entkomprimieren ist kaum auszuhalten. Lothar Baier beschreibt dies unter dem Begriff der &#8220;Hybridzeit&#8221;, was meint, &#8220;in mehreren Zeiten leben&#8221;<a name="50" href="#a50 ">50</a>. Dies durchzuhalten f&uuml;hrt wohl unweigerlich zu multiplen Pers&ouml;nlichkeiten, zu &uuml;berterminisierten Hybriden sui generis.</p>
<h4>Vom Rasen und den Rasenden</h4>
<p>Je fl&uuml;chtiger es wird, desto rauschiger es ist. Der Begriff Geschwindigkeitsrausch ist daher kein falscher. Er dr&uuml;ckt aus, was ab einem gewissen Tempo eintritt, und zwar ein Weggetretensein. Was hei&szlig;t: Endziel der Geschwindigkeit ist die Nichtzeit, das Nichts. Beschleunigung beinhaltet das Nichtigmachens, die Vernichtung. Je geschwinder, desto verschwindbarer.</p>
<p>Auch wenn das Denken in vielf&auml;ltiger Weise desavouiert wird und versch&uuml;ttet ist, im Rasen kommt es zweifellos v&ouml;llig um. Im Rausch der Geschwindigkeit ist Reflexion unm&ouml;glich geworden, es ist ganz einfach keine Zeit daf&uuml;r da. Im Rasen verstirbt das Denken. Die populistische Emp&ouml;rung, das st&auml;ndige An- und Aufstacheln gemeiner Gel&uuml;ste kann durchaus als Vorstufe dieses Rasens angesehen werden, es will jene zum Kochen bringen. Der individuelle Umschlag ist erreicht, wenn das b&uuml;rgerliche Subjekt auszuckt, der kollektive dann, wenn die Herde au&szlig;er Rand und Band ger&auml;t, ihre zivilisatorischen Begrenzungspf&auml;hle niedertrampelt und zur Horde wird. Heute befinden sich die Serienexemplare im Zustand der atomisierten Fernsehmeute. Also im Stadium der Herde. Wobei die Horde nur &uuml;berwindbar ist, wenn die Herde abgeschafft werden kann. Das Rasen ist ein kulturindustrieller Modus, man schalte blo&szlig; die Kiste ein. Apropos Rasen: &#8220;Das auf das deutsche Sprachgebiet beschr&auml;nkte Wort (&#8230; ) ist dunklen Ursprungs&#8221;, <a name="51" href="#a51 ">51</a> hei&szlig;t es im Duden.</p>
<p>Was den Individualverkehr betrifft, so ist zumindest das Rasen durch Geschwindigkeitsbeschr&auml;nkungen eingegrenzt. Au&szlig;er eben in Deutschland. Auf dem reichsdeutschen Fetisch Autobahn ist es auch heute noch ausdr&uuml;cklich erlaubt, so schnell zu fahren, wie man m&ouml;chte. Zumindest hier kann man Gas geben, wie man will. Deutschland ist das einzige entwickelte Industrieland, das meint, ohne eine allgemeine obere Begrenzung auskommen zu wollen. Das Rasen und die Rasenden gibt es unfraglich auch anderswo, der Unterschied ist aber der, da&szlig; man anderswo damit eine Gesetzes&uuml;bertretung begeht, w&auml;hrend es in Deutschland offenbar toleriert, ja gutgehei&szlig;en wird. Hier sind die Rasenden eindeutig im Recht. Zweifellos ist das auch ein Indiz einer spezifischen Gem&uuml;tsverfassung. Ebenso, da&szlig; die nazistisch aufgeladenen Idiome &#8220;brausen&#8221; und &#8220;gasen&#8221; bei den hiesigen Autofahrern so hoch im Kurs stehen.</p>
<p>Die oftmals geh&ouml;rte Bemerkung, da&szlig; die Nazis zwar &uuml;bel gewesen sein m&ouml;gen, aber doch die Autobahnen gebaut h&auml;tten, liegt genau auf dieser Linie. Sie verweist zumindest darauf, da&szlig; in der Frage des affirmativen Bezugs zur Beschleunigung, zur Motorisierung, zur Lenkwaffe Auto (&#8220;Jedem Volksgenossen sein Volkswagen&#8221;) kein Bruch stattgefunden hat. &#8220;Die Autobahnen haben f&uuml;r uns Nationalsozialisten eine symbolische Bedeutung und einen Inhalt geistiger Art, der mindestens ebenso wichtig ist wie der reine Verkehrswert&#8221;, <a name="52" href="#a52 ">52</a> schreibt bezeichnenderweise ein Dr. Todt im Juni 1934. &#8220;Der Bau der Reichsautobahnen ist nicht nur ein verkehrspolitisches und stra&szlig;enbauliches Problem. In technischer Hinsicht bildet er ein Teilst&uuml;ck jenes gro&szlig;en Planes des F&uuml;hrers, der die Motorisierung des Verkehrswesens zum Ziel hat. &#8220;<a name="53" href="#a53 ">53</a></p>
<p>Die nationalsozialistische Bewegung war im wahrsten Sinne des Wortes eine rasende Bewegung, eine Bewegung der Rasenden. Dieses Rasen war aber nicht nur &auml;u&szlig;erlicher Druck, sondern auch inneres Wollen, und zwar nicht blo&szlig; partielles Wollen, sondern ein totales Wollen, eines, in der jeder Selbstzweifel erstickt worden war. Betreffend die reine Affirmation der Geschwindigkeit, war der Nationalsozialismus nicht hintennach, sondern vorneweg. Dem industriellen Druck wurde nicht nur auf obligate Manier nachgegeben, er wurde als innerster Ausdruck geradezu heroisiert und propagiert.</p>
<p>Wobei es selbstredend anzumerken gilt, da&szlig; es den Herstellern und Benutzern mit diesen Begrenzungen auch weit &uuml;ber Deutschland hinaus nicht so ernst sein kann. Es gibt de facto keinen Pkw mehr, mit dem die durchschnittlich zugelassene H&ouml;chstgeschwindigkeit von 130 km/h nicht m&uuml;helos &uuml;berschritten werden k&ouml;nnte. Nicht wenige Flitzer erbringen Spitzenleistungen &uuml;ber 200 km/h. Warum Autos mit M&ouml;glichkeiten weit jenseits ihrer gesetzlich erlaubten Grenzen gebaut werden, ist allerdings eine absolut verdr&auml;ngte Frage. Opfer der Stra&szlig;e sind ganz niederrangige Opfer, Kollateralsch&auml;den des Verkehrs. Keine K&ouml;rperverletzung oder T&ouml;tung ist so wenig ge&auml;chtet wie diese. Wenn B&uuml;rger B&uuml;rger &uuml;berfahren, dann ist das ein Kavaliersdelikt. Zahlen tut die Versicherung, und die lokalen Medien haben einen Aufmacher.</p>
<p>In Deutschland herrscht das strengste Regiment der Zeit, gemeint der abstrakten Zeit, der Arbeitszeit. Stechuhr und Stechschritt passen da gut ins Bild. Der Arbeitswahn der Betriebsamkeit ist nirgendwo so ausgebildet und mit Seligkeit erf&uuml;llt wie im Land der T&uuml;chtigen. Die anderen, die f&uuml;r mehr oder weniger faul gehalten werden, denen m&uuml;sse man, wie das gefl&uuml;gelte Wort sagt, erst &#8220;arbeiten lernen&#8221;. Den anderen mit etwas Leid zuf&uuml;gen zu wollen, was man selbst als Tugend sch&auml;tzt, sagt alles aus &uuml;ber den schizophrenen Charakter dieser &#8220;Logik&#8221; der Arbeitsverg&ouml;tzung. Arbeitsfanatiker halluzinieren den Arbeitsdienst als Bestrafung f&uuml;r andere.</p>
<p>Lothar Baier hat diesbez&uuml;glich bereits 1990 eine &auml;u&szlig;erst interessante These formuliert: &#8220;W&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs waren die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition &uuml;bereingekommen, die Deutschen vom Wahn der &#8216;Lebensraum&#8217;-Erweiterung auf den Boden der europ&auml;ischen Tatsachen zur&uuml;ckzubringen, indem sie das deutsche Territorium verkleinerten. Die Deutschen haben die Lektion inzwischen begriffen, aber auf eine Weise, die sich die in den Kategorien strategischen Denkens befangenen Alliierten 1942 nicht vorstellen konnten: Da ihnen der Zugriff auf den Raum, auf Siedlungsgebiete und Rohstoffquellen, verwehrt war, haben sie nach der Dimension gegriffen, deren Grenzen sich von keiner Armee bewachen und von keinem strategischen B&uuml;ndnis sch&uuml;tzen lassen, nach der Dimension der Zeit.</p>
<p>Die Verzeitlichung von Herrschaft und Expansion geh&ouml;rt zu einer s&auml;kularen Tendenz, die nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hat. Ihre volle Entfaltung f&auml;llt jedoch mit dem Eintritt Deutschlands in die Konkurrenz um die Zeit zusammen. Vom lastenden Gewicht zeitverzehrender R&auml;ume befreit, hat die deutsche Maschine ziemlich rasch den Beschleunigungsgrad der in Schwung geratenen hochindustrialisierten Zivilisationen erreicht. Sie hat ihn sogar noch &uuml;bertreffen k&ouml;nnen, weil sie die in ihr angesammelten Energien nicht teilweise verausgaben mu&szlig;te, um r&auml;umlichen Ballast loszuwerden, einen unrentabel gewordenen Kolonialbetrieb stillzulegen, sondern sie zur Perfektionierung der inneren Synchronisation einsetzen durfte. Die Geschwindigkeit, die Liquidierung des Raums zugunsten der Zeit, ist das Fluidum, in dem die deutsche Maschine der Gegenwart rotiert. Man kann auch sagen, sie ist zur kollektiven Obsession geworden, die sich, wie alle Obsessionen, f&uuml;r den Normalzustand h&auml;lt. Das &#8216;Volk ohne Raum&#8217; des v&ouml;lkisch rasenden Hans Grimm hat sich in ein &#8216;Volk ohne Zeit&#8217; verwandelt. &#8220;<a name="54" href="#a54 ">54</a></p>
<p>&#8220;Das Schnellste aber ist, was schon immer das Schnellste war: der Blitz&#8221;, <a name="55" href="#a55 ">55</a> schreibt Elias Canetti. Ebenso eine deutsche Erfindung (wenn auch l&auml;ngst kein Monopol mehr) ist der Blitzkrieg, d. h. ein Krieg, wo die Kampfhandlungen blitzartig vor sich gehen, wo die &Uuml;berraschung, d. h. das rasche &Uuml;berfallen und das rasche &Uuml;ber-einen-kommen zentrale Kriterien geworden sind. Das desavouiert nicht nur die Verteidigung, sondern beseitigt &uuml;berhaupt reflektiertes Handeln. Lagebeurteilungen, zumindest auf der angegriffenen Seite, haben in solchen Momenten eben blitzartig zu erfolgen, das Reagieren kann &uuml;ber den Reflex erst gar nicht hinauskommen. So m&uuml;ssen in Extremf&auml;llen folgenschwere Entscheidungen binnen weniger Sekunden getroffen werden.</p>
<p>Krieg meint die spezifische und optimale Mobilmachung eines auf sich eingeschworenen Kollektivs. &#8220;Rasen, h&ouml;chste Geschwindigkeit erreichen, &Uuml;berdrehen, Eindringen (sich und andere &#8216;zum Platzen&#8217; bringen)&#8221;, <a name="56" href="#a56 ">56</a> sind angemessene Reaktionen, was meint Funktionen neuzeitlicher Mobilisierung. &#8220;Die Betonung des Ziels, die Geschwindigkeit, mit der der Soldat auf es zurast und eine innere Explosion, die ihn zersprengt, sind in den Beschw&ouml;rungen der Lust des Kampfes regelm&auml;&szlig;ig enthalten. &#8220;<a name="57" href="#a57 ">57</a> Bei Klaus Theweleit finden sich unz&auml;hlige Beispiele, wo gerade das Rasen, das zum &#8220;black out&#8221; f&uuml;hren mu&szlig;, betont wird. &#8220;Die Geschwindigkeit ist vor allem eine Kategorie des Leibs. &#8220;<a name="58" href="#a58 ">58</a> Und: &#8220;Der Krieg ist eine Funktion des Leibs. &#8220;<a name="59" href="#a59 ">59</a> Der Zusammenhang von Krieg und Geschwindigkeit ist offensichtlich.</p>
<p>Im Rasen konzentrieren sich Formen wie jagen, hetzen, aufholen, einholen, &uuml;berholen. Es ist nicht nur toleriert, es wird sogar propagiert. Die Kulturindustrie kann hier nicht genug Tempo machen. &#8220;Botschaft der Werbung: Rasen ist Sport&#8221;<a name="60" href="#a60 ">60</a> lautet die &Uuml;berschrift eins Kurzartikels in Der Standard: &#8220;&#8216;Die Beschleunigung &#8211; unbeschreiblich! Der Motor &#8211; wie Musik! Die Blicke der Frauen &#8211; begeistert und bewundernd&#8217; lautet das entz&uuml;ckte Res&uuml;mee eines Autotesters zu einem italienischen Sportwagen. &#8211; &#8216;In Anbetracht der st&auml;ndig pr&auml;senten, gigantischen Werbe- und PR-Kampagnen f&uuml;r das Schnellfahren d&uuml;rfen wir uns nicht wundern, dass vergleichsweise &#8216;lauwarme&#8217; Sicherheitskampagnen nur wenig bewirken&#8217;&#8221;, <a name="61" href="#a61 ">61</a> erkl&auml;rte der Wiener Mobilit&auml;tsforscher Michael Praschl. Man denke in diesem Zusammenhang an die letztlich verungl&uuml;ckte Kampagne eines &ouml;sterreichischen Autofahrerklubs, die mit dem Pickerl (Kleber) &#8220;Gleiten statt hetzen&#8221; begann, sich dann eigendynamisch zu &#8220;Hetzt die Gleiter&#8221; steigerte, um im totalen Superlativ des &#8220;Hetzt die Hetzer&#8221; zu gipfeln. Innert k&uuml;rzester Frist hatte die traurige Wahrheit die ideelle Absicht erschlagen. Nicht zuf&auml;llig spricht man &uuml;brigens davon, da&szlig; auf den Stra&szlig;en jemand &#8220;abgeschossen&#8221; wird. Hinter der Heckscheibe sitzen die Heckensch&uuml;tzen.</p>
<h4>Entgleisungen der Zeit</h4>
<p>Zeit abstrahiert von Dauer. Ist unser Zeitma&szlig;stab invariant, eine objektive Gr&ouml;&szlig;e, der wir uns zu f&uuml;gen haben, so ist unser Bewu&szlig;tsein von Dauer variant. Die g&auml;ngige Normierung m&uuml;&szlig;te uns eigentlich erstaunen lassen, welch Differenz in gleichgemachten Einheiten wir empfinden k&ouml;nnen. Eine Stunde ist nicht eine Stunde, ein Tag nicht ein Tag. Was Zeitmessung betrifft, kommt kein Mensch mit der Uhr mit.</p>
<p>Inzwischen ist die profane Dauer aber &uuml;berhaupt unter die R&auml;der gekommen. Etwas von Dauer kann nur noch bedauert werden. Der Wechsel der Unterhosen ist Vorbild jeder Ware. Die Gebrauchsdauer der Ware ist daher nicht zu erh&ouml;hen, sondern zu senken. Und selbst dort, wo das stofflich mi&szlig;lingen mu&szlig; (um etwa bei Warentests gut abzuschneiden), gilt es sodann durch Marketing, Werbung und Mode die Produkte vor ihrem Ablaufdatum abzuberufen. Ziel der Wirtschaft ist die immer schnellere Konsumtion der Ware, unabh&auml;ngig von ihrer Beschaffenheit. Es gilt Fristen zu verk&uuml;rzen, um Produkte zu ersetzen. Die Gebrauchszeit (Konsumtionszeit) einer Ware hat sich von deren m&ouml;glicher Lebenszeit zu entkoppeln, der Gebrauch der Ware bis zum Erl&ouml;schen des Gebrauchswerts, l&auml;&szlig;t im besten Fall &Auml;rmlichkeit, im schlechtesten Fall bewu&szlig;te Sabotage der Verh&auml;ltnisse vermuten. Solch Zuwiderhandeln mu&szlig; die Kulturindustrie mit all ihren Regimentern bek&auml;mpfen. Solch Verhalten ist nicht zul&auml;ssig, es verst&ouml;&szlig;t eindeutig gegen den Markt. Man ist schneller stigmatisiert als man denkt.</p>
<p>Raum geben, Zeit lassen, das alles wird zwar oft gefordert, nur kann es kaum eingehalten werden. Wo die Verwertung alle R&auml;ume und Zeiten f&uuml;r sich veranschlagt und nutzbar machen will, wo die Individuen prim&auml;r in den Kriterien des Marktes handeln und denken (auch wenn es um Liebe oder Erziehung, Spiel und Freizeit geht), gibt es kaum Entscheidungen, daf&uuml;r oder dagegen zu sein, die praktische Auswirkungen h&auml;tten. &Uuml;berall wo wir ankommen, sind die Gesch&auml;fte schon vor uns da. &#8220;Beatus ille, qui procul negotis&#8221;, schreibt Horaz: Gl&uuml;cklich, wer fern den Gesch&auml;ften ist &#8211; zusehends seltener k&ouml;nnen wir uns diesbez&uuml;glich verwirklichen geschweige denn erfreuen.</p>
<p>Die Umschlagsperioden sind zu verk&uuml;rzen. Nicht nur der Weg zum Markt hat kurz zu sein, auch die Konsumtion hat rasch zu erfolgen. Daher ist auch die Ersetzung von Einzelteilen oder Reparatur, so sinnvoll sie stofflich auch sein m&ouml;gen, im R&uuml;ckgang begriffen, da sie einfach teurer sind als die Neuanschaffung eines Produkts. Produkte tendieren zu Einwegprodukten. Der Rest landet auf den Abfallbergen oder wird verbrannt, um sodann auch dort zu landen. Aufr&uuml;sten und Nachr&uuml;sten steht an, wie es in der militarisierten Sprache lautet, die immer mehr in die &Ouml;konomie Eingang gefunden hat.</p>
<p>Was aber unbedingt zur Folge hat, da&szlig; die Produkte k&uuml;rzer leben, nach Ersatz gieren, das Gebrauchen in ein Verbrauchen &uuml;bergeht. &#8220;Die kapitalistische Produktion ist &#8211; das wei&szlig; jedes Kind &#8211; darauf angewiesen, ihre Erzeugnisse abzusto&szlig;en. Sie hat daf&uuml;r zu sorgen, da&szlig; diese verkauft und verbraucht, kurz: liquidiert werden. Liquidation, also der Ruin ihrer Produkte, ist das Ziel der Produktion. Wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, wenn sich eine Menge unliquidierter Erzeugnisse aufstapelt, dann ist die Weiterproduktion, und damit auch der Profit, gef&auml;hrdet. Aus diesem Grunde ist es die Aufgabe jeder Industrie, die Nachfrage und die Konsumsituation f&uuml;r ihre Produkte zu sichern und zu f&ouml;rdern, wenn nicht sogar herzustellen (&#8230; ). &#8220;<a name="62" href="#a62 ">62</a> So erzeugt gerade die Erneuerung &#8220;pausenlos nicht nur Veraltetes, sondern das Veralten selbst; und nur weil sie diesen Vorgang erzeugt, kann sie mit dem Verkauf ihrer morgigen &#8216;besseren&#8217; Erzeugnisse rechnen. &#8220;<a name="63" href="#a63 ">63</a> Wir erleben die Verallgemeinerung von fast food in allen Bereichen. Sobald die Ware beim Konsumenten ist, m&uuml;ssen das Kapital und all seine Agenten auf Vernichtung insistieren. Die liquidatorische Parole jeder modernen Ware lautet: Ich will weggeputzt werden!</p>
<p>Kapitalistische Konkurrenz demonstriert einerseits betriebswirtschaftliche Sparsamkeit, bedeutet andererseits aber eine ungeheure Verschwendung menschlicher und nat&uuml;rlicher Ressourcen. Die Reibungsverluste an Zeit und T&auml;tigkeit werden gr&ouml;&szlig;er, betrachtet man sie von der stofflichen, nicht von der monet&auml;ren Seite her. Sie f&ouml;rdern weiters Intransparenz und Langsamkeit. Die Anstrengungen f&uuml;r einen gesellschaftlichen Nutzen vervielfachen sich. Vom materiellen und immateriellen Ziel her betrachtet sind die tats&auml;chlichen Aufwendungen als &uuml;berproportional anzusehen, so rationell sie vom Verwertungsstandpunkt auch sein m&ouml;gen. Der horrende Zeitaufwand durch monet&auml;re Vermittlung der Waren und Dienstleistungen wird so gar nicht mehr als ein Problem erachtet. Preis, Lohn, Kosten &#8211; das alles erscheint so selbstverst&auml;ndlich wie Essen, Trinken oder Ausscheiden. &#8220;Wenn man die gesamte Zeit zusammenfa&szlig;t, die in allen Sph&auml;ren unmittelbar oder mittelbar dem goldenen Kalb der Warenproduktion und Tauschwirtschaft geopfert wird, kommt man sicher gut und gerne auf 80 Prozent. Niemals zuvor hat sich der homo sapiens einen derartigen &#8216;Zeitaufwand&#8217; geleistet, um in den Genu&szlig; der Resultate seiner Arbeit zu kommen, und niemals war er dabei so nahe an der v&ouml;lligen Zerst&ouml;rung seiner Psyche, Physis und nat&uuml;rlichen Umgebung. Die Marktwirtschaft gleicht einer gigantischen &#8216;Zeitraubmaschinerie&#8217;, die von Arbeitsameisen in Schwung gehalten wird, deren Arbeits- und Leistungsstolz sich vor diesem Hintergrund als lebensgef&auml;hrliche Dummheit entpuppt. Wer sich zur Tauschwirtschaft bekennt, bekennt sich zu diesem monumentalen Wahnsinn, der seiner Logik nach nur im allgemeinen Exitus enden kann. &#8220;<a name="64" href="#a64 ">64</a></p>
<p>Was als Verk&uuml;rzung von Arbeitszeiten (sei es in Produktion, Zirkulation oder auch im Haushalt) anpreist, entpuppt sich als der gr&ouml;&szlig;te Zeitraubzug in der Geschichte. Das Zeitregime hat inzwischen ein enormes Ausma&szlig; angenommen. Denken wir etwa nur an die vielen elenden Stunden, die wir unserem M&uuml;ll zuwenden: sammeln, trennen, r&auml;tseln, &uuml;berlegen, informieren, raustragen, bezahlen &#8211; da verliert sich einiges an Zeit im Mistk&uuml;bel, insgesamt &uuml;brigens ca. 300 Stunden pro Haushalt im Jahr. Vor knappen f&uuml;nfzig Jahren w&auml;re das heutige Getue und Gezeter um den Abfall als der reinste Irrsinn empfunden worden. Inzwischen ist es real geworden. Auch der M&uuml;ll kann als Stau dechiffriert werden. Er ist eine unwillkommene Hinterlassenschaft, die wir loswerden wollen, aber nicht loswerden k&ouml;nnen. Er staut sich sowohl im Raum &#8211; in den Fl&auml;chen f&uuml;r die Deponien; als auch in der Zeit &#8211; durch langfristige Abbaubarkeit gef&auml;hrlicher Stoffe und Substanzen. Keine Kostenrechnung kann diesbez&uuml;glich mehr seri&ouml;s sein, was auch jede obligate Forderung nach Kosteninternalisierung vollends des Obskurantismus &uuml;berf&uuml;hrt.</p>
<p>Ein durch halb Europa geschickter Joghurt-Becher erscheint sogar den Alltagsgem&uuml;tern als Irrwitz sondergleichen, aber jener ist keine Ausnahme, er ist Ausdruck kalkulierter Vernunft. Zumindest vom Standpunkt betriebswirtschaftlicher Rationalit&auml;t. Diese Idiotie par excellence ist nichts anderes als die Normalit&auml;t. Nicht irrer als das andere, das abl&auml;uft, nur aufdringlicher in ihrer Erscheinung. Und selbst da ist es fraglich, ob das in einigen Jahren noch als verr&uuml;ckt auffallen kann. Das Pensum der Verr&uuml;cktheiten, an die die Subjekte sich gew&ouml;hnen, scheint ja geradezu unerme&szlig;lich. Keine Zumutung, die man sich nicht zumutet. Was unseren Gro&szlig;eltern noch absolut undenkbar gewesen w&auml;re, z. B. Wasser in Flaschen zu kaufen, ist inzwischen v&ouml;llig normal geworden.</p>
<p>Um auf den Strecken nicht niedergestreckt zu werden, gilt es extrem flexibel zu sein, Brems- und Gaspedal gleichsam wie im Schlaf zu wechseln, ja manchmal auch gleichzeitig zu bet&auml;tigen, ohne jedoch eine Schubumkehr auszul&ouml;sen. Was Kinder in diversen Geschwindigkeitsspielen (Autorennen, W&uuml;rfelspiele, Hindernisl&auml;ufe, &#8230; ) lernen und freiwillig trainieren, ist objektiv f&uuml;r Aufzucht und Abrichtung unbedingt erforderlich. Schon die allerersten Jahre lassen Kinder im Kontinuum von Tempo und Kauf, also in marktm&auml;chtigen Kriterien empfinden lernen. &#8220;Ich will das kaufen&#8221;, &#8220;Du mu&szlig;t das kaufen&#8221;, und das alles noch versehen mit einem trotzigen &#8220;Jetzt! &#8220;.</p>
<h4>Verstopfungen des Raums</h4>
<p>Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte allgemeiner Mobilmachung. Wo nichts bleiben soll, wie es ist, besteht die Gefahr, da&szlig; &uuml;berhaupt nichts bleiben soll. Wird die gesellschaftliche Entwicklung rasend, tendieren auch die Insassen von Zeit und Raum in diese Richtung. Das automatisierte Subjekt gleicht durchaus dem Automobil: wird es gestartet, springt es an. Ja, im Gegensatz zum Auto hat es gar eine Selbststartvorrichtung, d. h. es ist nicht nur Instrument, sondern Organ. Vollzug begreift sich einmal mehr als Freiheit. &#8220;Die fordistisch hergestellte Objektivit&auml;t der Automobilmachung und ihrer Konsequenzen beschr&auml;nkt sich nicht auf die unmittelbare Daseinsform des Vehikels und seiner Fahrer, sondern erfa&szlig;t den gesamten gesellschaftlichen und nat&uuml;rlichen Raum. Auch in sozialer, &ouml;kologischer, &auml;sthetischer und st&auml;dtebaulicher Hinsicht erweist sich diese Mobilisierung als eine totale. St&auml;dte und Landschaften werden von Autostra&szlig;en zerschnitten, soziale und &auml;sthetische R&auml;ume vom Terror der Automobilisierung buchst&auml;blich gefressen. (&#8230; ) Es gibt keinen Ort, der davon unbehelligt w&auml;re; niemand kann sich dem Diktat des flie&szlig;enden Verkehrs entziehen. &#8220;<a name="65" href="#a65 ">65</a></p>
<p>Kapitalistische Modernisierung bedeutete, da&szlig; die spezifische Geschwindigkeit der Verwertung zur allgemeinen gemacht wurde, und als solche Akzeptanz gefunden hat, und zwar als krude Selbstverst&auml;ndlichkeit. Die ganze Gesellschaft soll dahingehend automatisiert und mobilisiert werden. Automobil zu sein, ist nicht blo&szlig; eine Anforderung an einen Kraftwagen, sondern richtet sich auch an jedes Gesellschaftsmitglied. Nicht nur das Fahrzeug ist ein Automobil.</p>
<p>Auto-mobil meint, es soll automatisch funktionieren und es soll schnell laufen. &#8220;Gerade in der perversen Liebe zur Automobilmachung wird die stets geleugnete innere Identit&auml;t von Liberalismus, Sozialdemokratie und Nazismus bis zur Kenntlichkeit deutlich&#8221;, <a name="66" href="#a66 ">66</a> schreibt Robert Kurz. &#8220;Den eigentlichen Drive erhielt der vollendete Nachkriegs-Fordismus nat&uuml;rlich erst durch die endlich gelingende Vermassung des Automobils, ein Vorgang, der ja von Haus aus mit spezifisch &#8220;m&auml;nnlichen&#8221; Imaginationen aufgeladen war und tats&auml;chlich Elemente der milit&auml;rischen Bewegungslehre in das Alltagsleben transformieren konnte. Keine fordistische Mobilisierung ohne totale &#8216;Automobilmachung&#8217; (Williams). &#8220;<a name="67" href="#a67 ">67</a></p>
<p>Eine autogerechte Gesellschaft erfordert autogerechte Politiker wie Gerhard Schr&ouml;der oder J&ouml;rg Haider. Ist der eine der &#8220;Kanzler aller Autos&#8221;, so der andere ein &#8220;Autofreak&#8221;. <a name="68" href="#a68 ">68</a> Wie apportiert da ein pseudokritisches Medium: &#8220;250 PS, 236 km/h, 1 Million Schilling: Ein Audi allroad quattro dient Haider als neuer Parteidienstwagen. Seine Anspr&uuml;che an Material, Fahrer und Schnelligkeit sind hoch: In nur einem Jahr hat der Landesvater mehrere Chauffeure und drei Testwagen verschlissen. Wer wie J&ouml;rg Haider privat einen Porsche 911 Carrera 4 f&auml;hrt, der will beruflich nicht mit deutlich weniger Pferdest&auml;rken unterwegs sein. &#8220;<a name="69" href="#a69 ">69</a> Ein flotter Bursche dieser Haider, zweifelsohne. Der traut sich was, der J&ouml;rg. Der gast an. Der ist echt, der tut, was wir auch tun wollen. So einen Wagen h&auml;tten viele gerne. &#8220;Der Audi allroad quattro, so wirbt das offizielle Prospekt, &#8220;definiert Temperament auf seine Art: 0-100 km/h in 7,2 Sekunden. H&ouml;chstgeschwindigkeit 236 km/h&#8221;. Und weiters hei&szlig;t es in der Hochglanzbrosch&uuml;re kokett: &#8220;Ist Aufofahren etwa keine Leidenschaft? &#8220;<a name="70" href="#a70 ">70</a> Zweifelsfrei, kaum eine andere Leidenschaft schafft soviel Leiden wie die ad&auml;quate Nutzung privater Lenkwaffen.</p>
<p>Selten ist man so aus dem H&auml;uschen wie im Auto. Das Auto kann durchaus als eine Verl&auml;ngerung des H&auml;uslichen ins Au&szlig;erh&auml;usliche gesehen werden. Die Mobilie schlechthin, Signifikat des mobilen B&uuml;rgers. Der Kraftwagen ist eine Art Herrschaftsgebiet, ein Reich der Subjekte, vor allem der M&auml;nner. Ein Phallus, mit dem man ausfahren und auffahren kann. Notfalls &#8220;volles Rohr&#8221;. Man durchzieht die Gegend, man durchdringt ganze Landschaften. Immer in den eigenen sechs W&auml;nden, und doch unterwegs. Passend zum Auto m&uuml;&szlig;te sich eigentlich die automatische Gangschaltung durchsetzen, das tut sie aber partout nicht, und zwar aus dem einfachen Grund, da&szlig; sie dem Fahrer doch ein zuviel an Wahrheit zumuten w&uuml;rde: nicht er f&auml;hrt das Gef&auml;hrt, das Gef&auml;hrt f&auml;hrt ihn. Der Schaltkn&uuml;ppel hingegen suggeriert Verf&uuml;gung. Da kann man schalten und walten wie man will. Das Gef&auml;hrt erscheint willf&auml;hriger als jede Gef&auml;hrtin. Selbstbestimmung durch Motorisierung ist Selbstbestimmung pur: Freie Fahrt f&uuml;r freie B&uuml;rger!</p>
<p>&#8220;Der Wagen bereichert das Privatleben mit einem St&uuml;ck Au&szlig;enwelt, ohne den Rahmen zu sprengen. Das System saturiert sich reichlich, ohne sich selbst aufzuheben. Das Fahren ist eine Notwendigkeit, die Geschwindigkeit ein Genu&szlig;&#8221;, <a name="71" href="#a71 ">71</a> schrieb Jean Baudrillard bereits 1968. &#8220;Die Bewegung an sich vermittelt Wohlbehagen, die technische Euphorie der Geschwindigkeit reicht weit dar&uuml;ber hinaus: Sie ist das imagin&auml;re Wunder der Raum&uuml;berwindung. Die m&uuml;helose Fortbewegung begr&uuml;ndet eine irreale Gl&uuml;ckseligkeit, ein Herausgehobensein aus der Existenz und der Verpflichtung. &#8220;<a name="72" href="#a72 ">72</a> &#8220;Gerade in dieser eigent&uuml;mlichen Mischung aus Angst und Lust, diese Angst zu &uuml;berwinden, wurzelt jener &#8220;Thrill&#8221;, jener Nervenkitzel, den viele beim Tempofahren versp&uuml;ren. Aufregend wie Klettern oder Drachenfliegen, verf&uuml;hrt Schnellfahren dazu, auf der Grenze zwischen Macht und Ohnmacht zu balancieren und die Befriedigung zu genie&szlig;en, nicht abzust&uuml;rzen. &#8220;<a name="73" href="#a73 ">73</a></p>
<p>&#8220;Die Intimit&auml;t des Heimes ist die Verwobenheit mit der h&auml;uslichen Stimmung und Gewohnheit. Die Intimit&auml;t des Wagens ist die einer beschleunigten Verwandlung der Zeit und des Raumes, und beide zusammen sind der Ort eines m&ouml;glichen Unfalls, als eines Zufalls, der in der Chance, sich niemals zu ereignen, kulminiert; was aber immer vorgestellt, immer unwillk&uuml;rlich erlebt wird. Dieser intime Verkehr mit sich selbst, diese formelle Losl&ouml;sung ist nirgends so ergreifend als vor dem Tod. Ein gro&szlig;artiger Kompromi&szlig; wird vollzogen: bei sich zu sein und stets fort zu sein. Der Wagen erweist sich so als ein Zentrum einer neuen Ichbezogenheit, deren Umkreis gar nicht deutlich abgesteckt ist. &#8220;<a name="74" href="#a74 ">74</a> Der Unfall ist der Zufall, der jedoch &#8211; statistisch betrachtet &#8211; ziemlich genau berechnet werden kann.</p>
<p>Gefahren wird und Gefahren folgen. Wenn der Fall zum Unfall wird, hei&szlig;t dies, da&szlig; ein Stau sich f&uuml;r einen Moment zusammenzommt, keine allm&auml;hliche Stockung stattfindet, sondern eine abrupte. Umgekehrt formuliert w&auml;re der Stau demnach der angedeutete Unfall, eine Karambolage, die aber nicht in ihrer letzten Konsequenz vollzogen wird. Der Unfall ist ein naher Verwandter des Staus, und zwar der regelwidrige Versuch zwei Festk&ouml;rper zur gleichen Zeit auf dieselbe Stelle plazieren zu wollen. Der Unfall ist der Fall, der eigentlich nicht eintreten sollte, jedoch ob seiner H&auml;ufigkeit zur st&auml;ndigen Ausnahme von der Regel geworden ist. Somit zur Regel zweiter Natur. Neben Sperren, Umleitungen, Baustellen und sonstigen absichtlichen Hindernissen ist der Unfall als unabsichtliches Hindernis selbst eine der h&auml;ufigsten Ursachen bei der Ausl&ouml;sung von Staus. St&ouml;rungen multiplizieren sich.</p>
<p>Es geht eine Ware auf Reisen. Viele Arbeitskraftbesitzer m&uuml;ssen t&auml;glich zu ihrem Arbeitsplatz chauffiert werden. Detto zum Marktplatz oder ins Freizeitvergn&uuml;gen. Viele machen das auch selbst, d. h. sie haben ihren eigenen Transport &uuml;bernommen. Ein Gro&szlig;teil der Staus passiert, wenn es bei den Verwertungsfahrten zu dicht wird: vom und zum. Stau bedeutet auch, woanders sein zu wollen als wo man ist. Was beschleunigt werden sollte, verz&ouml;gert sich. Der Stau ist freilich nichts anderes als die Fortsetzung, ja die Entsetzung des b&uuml;rgerlichen Gesch&auml;fts- und Individualverkehrs mit anderen Mitteln. Er ist seine l&auml;cherliche Pointe. Die Rasenden werden festgesetzt. Das haben sie nicht gewollt. Was sollen sie nun machen? Schuld sind die anderen! Aber wie so vieles, das sie nicht gewollt haben, nehmen sie es nicht nur in Kauf, sondern betreiben es &#8220;aktiv&#8221; (aber bewu&szlig;tlos) weiter. Sie haben ihre Rolle. Diese gilt es zu spielen. Schon morgen stauen sie wieder. Einigen macht das Stauen bereits Lust. F&uuml;r andere ist es gar zum Beruf geworden. Seit einigen Jahren unterhalten die Autofahrerklubs Stauberater.</p>
<p>Inversion des Fortschritts &auml;u&szlig;ert sich empirisch so: &#8220;Statistisch gesehen steckt jeder Deutsche t&auml;glich f&uuml;nfzehn Minuten im Stau. Also f&uuml;nfmal so lange wie im Verkehr, &#8220;<a name="75" href="#a75 ">75</a> sagt der Verkehrsexperte Ingo L&uuml;ck in der SAT1-Wochenschau. &#8220;Im Jahr 2015 drohen den Ober&ouml;sterreichern 28 Millionen Stunden im Stau, jetzt sind es acht Millionen Stunden im Jahr. Betriebswirtschaftlich gesehen entstehen Staukosten von bis zu drei Milliarden Schilling j&auml;hrlich. Einzige L&ouml;sung: &ouml;ffentlichen und Individualverkehr ausbauen, sagt Verkehrslandesrat Erich Haider (SP), der eine Studie erstellen lie&szlig;. (&#8230; ) In n&auml;chster Zeit sollen zehn Milliarden Schilling investiert werden. &#8220;<a name="76" href="#a76 ">76</a></p>
<p>Im Herbst 1998 bezifferte man den gesamtwirtschaftlichen Schaden, der durch die Staus auf der S&uuml;dosttangente anf&auml;llt auf 470 Millionen Schilling im Jahr. <a name="77" href="#a77 ">77</a> Der &Ouml;AMTC sch&auml;tzt die j&auml;hrlichen Staustunden auf der A23 auf 2,6 Millionen. <a name="78" href="#a78 ">78</a> Nat&uuml;rlich schreit man auch hier nach einer weiteren Umfahrungsstra&szlig;e, was sonst k&ouml;nnte einem einfallen. Durchschnittlich soll der &Ouml;sterreicher 78 Stunden pro Jahr im Stau stecken, und blo&szlig; 62 Stunden j&auml;hrlich mit Sex verbringen. <a name="79" href="#a79 ">79</a> Leute, die solche Mi&szlig;verh&auml;ltnisse tolerieren, k&ouml;nnen eigentlich nur Wahnsinnige sein. Nach eigenen Hochrechnungen w&uuml;rde bei einem Lebensalter von 75 Jahren jeder &Ouml;sterreicher 5850 Stunden, das sind acht Monate des Lebens, im Stau verbringen. Tendenz steigend.</p>
<p>Jakob Maurer, emeritierter Ordinarius f&uuml;r Raumordnung an der Eidgen&ouml;ssischen Technischen Hochschule in Z&uuml;rich, schreibt in seiner Studie &#8220;Mobilit&auml;t ohne Grenzen&#8221;: &#8220;In Westeuropa hat sich der Personenverkehr zwischen 1970 und 1993 ann&auml;hernd verdoppelt: von 2.100 Milliarden Personenkilometer (pkm) auf 4.000 Milliarden pkm 1993. &#8220;<a name="80" href="#a80 ">80</a> &#8220;In China nahm der &uuml;ber die Stra&szlig;e abgewickelte Personenverkehr zwischen 1982 und 1992 um j&auml;hrlich 12,7 Prozent zu und &uuml;bertraf damit bei weitem die Wachstumsraten der industrialisierten L&auml;nder. &#8220;<a name="81" href="#a81 ">81</a> &Auml;hnlich, wenn auch nicht in demselben Ausma&szlig;e, entwickelt sich der internationale G&uuml;terverkehr, berechnet man ihn am Anstieg der Tonnenkilometer (tkm). <a name="82" href="#a82 ">82</a> Die Zahl der Lkw hat sich zwischen 1970 und 1993 verdreifacht, die der Pkw mehr als verdoppelt. <a name="83" href="#a83 ">83</a> &#8220;Laut OECD-Prognosen wird die Stra&szlig;enkapazit&auml;t in Zukunft bei weitem nicht mit der Zahl der Autos mithalten. Schon heute expandiert die Zahl der Autos nach Angaben des UPI etwa neunmal schneller als das Stra&szlig;ennetz. Selbst wenn in Zukunft neunmal so viel und neunmal so schnell Stra&szlig;en gebaut w&uuml;rden wie bisher, k&ouml;nnten damit die inzwischen entstandenen Staus und &Uuml;berlastungen des Stra&szlig;ennetzes gerade einmal auf dem heutigen Level gehalten werden. Es wird daher davon ausgegangen, da&szlig; k&uuml;nftig mit noch gr&ouml;&szlig;erem Stauaufkommen auf den Stra&szlig;en zu rechnen sein wird. &#8220;<a name="84" href="#a84 ">84</a> Der globale Stau, so w&uuml;rden wir schlu&szlig;folgern, ist nur eine Frage der Zeit.</p>
<p>Der Explosion des Verkehrs folgt &#8211; ist ein bestimmter Punkt erreicht &#8211; die Implosion der Bewegung. Mobilit&auml;t dekonstruiert sich selbst. In der t&uuml;ckischen Dialektik kapitalistischer Mobilit&auml;t bedeutet Zeitgewinn Zeitverlust, Raumgewinn Raumverlust. Verkehrt zu viel, verkehrt sich vieles.</p>
<p>Und wie verhalten sich die Motorisierten? &#8220;&#8216;Die Autofahrer werden immer aggressiver. &#8216; Das ist die Quintessenz einer Studie des &Ouml;AMTC. Demnach fahren immer mehr Autofahrer bei Gelb &uuml;ber die Kreuzung, es wird geschnitten, geblendet, gehupt wie nie zuvor. Wiens Autofahrer sind nerv&ouml;s, unter Termindruck, im Stre&szlig;. Kein Wunder: ben&ouml;tigt man heute f&uuml;r die Strecke, die man seit Jahren f&auml;hrt, einfach l&auml;nger. Staus, wo fr&uuml;her keine waren, keine Parkpl&auml;tze, wo fr&uuml;her welche waren. Das frustriert. Tag f&uuml;r Tag. Doch sieht man sich die Situation genau an, werden die Gr&uuml;nde verst&auml;ndlich: Um rund 10.000 steigt die Zahl der Autos in Wien von Jahr zu Jahr. Die Zahl der Parkpl&auml;tze, die daf&uuml;r geschaffen werden, steigt nicht ann&auml;hernd so schnell. &#8220;<a name="85" href="#a85 ">85</a></p>
<p>Womit wir beim n&auml;chsten Stau w&auml;ren: beim Parkstau. Das idiotische Im-Kreis-fahren, wo der Zielort schon l&auml;ngst erreicht ist &#8211; welch Autofahrer praktiziert es nicht? Die L&ouml;sung st&auml;dtische Parkprobleme wird vornehmlich als Selektionskriterium wahrgenommen, was meint, man sanktioniert bestimmte Fahrzeuge durch die Schaffung von Sperrbezirken, deren Parkfl&auml;chen nur f&uuml;r die Ans&auml;ssigen frei zug&auml;ngig sind, von den Ausw&auml;rtigen aber bezahlt werden m&uuml;ssen. &#8220;Die Parkraumbewirtschaftung hat den Vorteil, da&szlig; man differenzieren kann, wen lassen wir in die Stadt und wen nicht&#8221;, <a name="86" href="#a86 ">86</a> sagt Peter Kirchhoff, Professor f&uuml;r Verkehr in M&uuml;nchen, wo man beabsichtigt, das Wiener Modell des Parkpickerls<a name="87" href="#a87 ">87</a> einzuf&uuml;hren.</p>
<p>Irrwitzig auch, da&szlig; der Gro&szlig;teil der Autos nicht Fahrzeuge, sondern Stehzeuge sind. Zu 98% ihrer Lebenszeit sind sie geparkt. <a name="88" href="#a88 ">88</a> Etwas, das nur den Verr&uuml;ckten nicht als Verr&uuml;cktheit erscheint, aber logische Folge davon ist, wenn das Fahrzeug unbedingt ein Privatfahrzeug sein mu&szlig;. Aber wenn die, die es gibt, alle gleichzeitig fahren w&uuml;rden, w&auml;re es freilich noch verr&uuml;ckter. Das Raumgedr&auml;nge ist jedenfalls eine Folge der Mobilit&auml;tszw&auml;nge. Da&szlig; es gegenw&auml;rtig mehr Pl&auml;tze f&uuml;r parkende Autos als f&uuml;r spielende Kinder geben mu&szlig;, ist so betrachtet v&ouml;llig logisch.</p>
<p>Nat&uuml;rlich staut der Verkehr nicht nur am Boden. Gleiches kann ebenso in der Luft passieren. Auch der Luftraum wird zusehends dichter, was dazu f&uuml;hrt, da&szlig; sich die durchschnitliche Flugdauer verl&auml;ngert anstatt verk&uuml;rzt. Verschobene Startzeit und hinausgez&ouml;gerte Landeerlaubnis sind obligat. Was als Versp&auml;tung wahrgenommen wird, ist meist nichts anderes als ein Luftraumstau. &#8220;Die heimische Luftfahrt dr&auml;ngt seit Jahren auf eine gesamteurop&auml;ische Luftraum&uuml;berwachung, welche die Verstopfungen am Himmel &uuml;ber Europa zumindest verringern sollte&#8221;, schreiben die Salzburger Nachrichten. &#8220;&Ouml;sterreich liegt im europ&auml;ischen Vergleich im besseren Drittel: vom Flughafen Wien hoben 23,2 Prozent aller Fl&uuml;ge versp&auml;tet ab, 23,1 Prozent landeten mehr als 15 Minuten hinter der geplanten Zeit. Die durchschnittliche Versp&auml;tung lag bei 40 Minuten. &#8220;<a name="89" href="#a89 ">89</a></p>
<p>Und immer wieder verungl&uuml;ckt der Komparativ: &#8220;Da&szlig; der Stau auf den Luftstra&szlig;en und auf den Airports von Jahr zu Jahr verheerendere Ausma&szlig;e annimmt, liegt vor allem an der extremen Zunahme des Flugverkehrs&#8221;, <a name="90" href="#a90 ">90</a> schreibt Andreas Lampl in einem bezeichnenderweise &#8220;Mehr Toilettenreinigung am Airport&#8221; genannten Artikel. Je mehr Zeit Passagiere n&auml;mlich in der Kassenhalle oder im Transitraum verbringen, desto mehr werden die sanit&auml;ren Anlagen in Anspruch genommen, desto eher kommt es dort zu Engp&auml;ssen. Die Verstopfung jedenfalls ist allgemein. Sie ist nicht nur an den Aborten zu Hause.</p>
<h4>Das Warten</h4>
<p>Wer kennt sie nicht, die Zeit, die man nicht warten will, aber warten mu&szlig;. Eine Form des gesellschaftlichen Staus ist die Warteschlange. Warten wird hier verstanden als die ungewollte Bewegungsverz&ouml;gerung, sei es im Kaufhaus, im Amt oder im Wartezimmer. Was objektiv als Stau erscheint, wird subjektiv als das empfunden, was man sich im b&uuml;rgerlichen Gedr&auml;nge eigentlich nicht leisten kann, eben als ein Warten. Warten macht unruhig. Es befreit nicht, es bedroht. Das auf Termine abgerichtete b&uuml;rgerliche Individuum wird nerv&ouml;s, denn es sollte oder wollte schon woanders sein. Dies alles beschreibt prim&auml;r kein pers&ouml;nliches Manko, sondern wiederum eine rationale Reaktion innerhalb der Irrationalit&auml;t.</p>
<p>Warten ist eine Form, die nicht sein d&uuml;rfte, aber seriell hergestellt wird. Verschiedene Zeitschienen eskalieren im b&uuml;rgerlichen Individuum. Wenn das innere Tempo und die &auml;u&szlig;ere Erscheinung kollidieren, wird das Warten unertr&auml;glich. Was erstrebt wird, wird nicht erf&uuml;llt, zumindest nicht in der Geschwindigkeit, in der es und wir erf&uuml;llt werden soll(en). Man wird auf die lange Folter gespannt. Und diese L&auml;nge wird tats&auml;chlich zur Qual. Wir reagieren psychisch sowie somatisch. Das Warten ist kein freudiges Erwarten, sondern ein elendes Nicht-mehr-erwarten-k&ouml;nnen, denn schlie&szlig;lich will man etwas hinter sich bringen. &#8220;Heute geht aber &uuml;berhaupt nichts weiter! &#8220;; &#8220;Warum geht denn das so langsam? &#8220;. Der allt&auml;glichen Redewendungen gibt es unz&auml;hlige.</p>
<p>Neue Formen der Rationalisierung werden die Zahl der Wartenden und die Dauer der Wartezeiten zweifellos erh&ouml;hen. Was ansteht ist die rigorose Reduzierung der Schalter in Bahnh&ouml;fen, Banken, Post&auml;mtern, Krankenkassen, Versicherungen. Lean management bedeutet Einsparung von Personal und Kosten zuungunsten der Kunden. Das trifft nat&uuml;rlich nicht alle gleich. Negativ betroffen sind vor allem jene, die &uuml;ber keinen Internet-Zugang verf&uuml;gen und mit diversen Automaten nicht zurecht kommen.</p>
<p>Interessant, aber nicht untypisch ist, da&szlig; die Kunden immer mehr Steh- und Wegzeiten in Kauf nehmen m&uuml;ssen. Immer mehr Leben wird verwartet. Denn worauf sie warten, ist ja die Wartung, sei es im Amt, bei der Kasse oder beim Arzt. Die kleinen Godots der Selbstbestimmung stehen wie Narren vor den Ausgabestellen ihrer (Er)Wartung. Warten wird nicht nur hingenommen, es wird oft auch als unaushaltbar empfunden. &#8220;Andererseits kann uns die Zeit, die es dauert, bis sich Aufzugst&uuml;ren nach dem Einsteigen schlie&szlig;en, ernsthaft aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Kleinste Wartezeiten machen uns schier wahnsinnig&#8221;, <a name="91" href="#a91 ">91</a> schreibt Christoph Koch in seinem &#8220;&#8216;Gest&auml;ndnis eines Speed Freaks&#8217;. <a name="92" href="#a92 ">92</a> Manchmal rasten die Wartenden dann allerdings v&ouml;llig aus: &#8220;Attacke mit Hacke, weil Mann zu lange telefonierte&#8221;, <a name="93" href="#a93 ">93</a> lesen wir im Chronik-Teil des Wiener Kuriers.</p>
<p>Einer, der aus dem Warten eine positive Kategorie gewinnen wollte, war &uuml;brigens Martin Heidegger. In seinen Feldgespr&auml;chen aus den Jahren 1944/45, wo er einen Lehrer, einen Gelehrten und einen Forscher auftreten l&auml;&szlig;t, steht geschrieben: &#8220;Wir sollen nichts tun sondern warten. &#8220;<a name="94" href="#a94 ">94</a> Das Warten sei kein Erwarten, es &#8220;l&auml;&szlig;t sich auf das Vor-stellen gar nicht ein. Das Warten hat eigentlich keinen Gegenstand. &#8220;<a name="95" href="#a95 ">95</a> Das Warten sei die Gelassenheit, <a name="96" href="#a96 ">96</a> &#8220;vielleicht sogar das Verh&auml;ltnis zur Gegnet, insofern das Warten sich auf die Gegnet einl&auml;&szlig;t und, im Sicheinlassen auf sie, die Gegnet rein walten l&auml;&szlig;t als Gegnet. &#8220;<a name="97" href="#a97 ">97</a></p>
<p>Heidegger sagt es deutlich, wenngleich seine Worte nicht die deutlichsten sind: &#8220;Die Gelassenheit kommt aus der Gegnet, weil sie darin besteht, da&szlig; der Mensch der Gegnet gelassen bleibt und zwar durch diese selbst. Er ist ihr in seinem Wesen gelassen, insofern er der Gegnet urspr&uuml;nglich geh&ouml;rt. Er geh&ouml;rt ihr, insofern er der Gegnet anf&auml;nglich ge-eignet ist, und zwar durch die Gegnet selbst. &#8220;<a name="98" href="#a98 ">98</a> &#8220;Ein alles entscheidendes Warten ist, da&szlig; wir in das geh&ouml;ren, worauf wir warten. &#8220;<a name="99" href="#a99 ">99</a> In &#8220;Sein und Zeit&#8221; (1926) hei&szlig;t es: &#8220;Das schiksalshafte Geschick kann in der Wiederholung ausdr&uuml;cklich erschlossen werden hinsichtlich seiner Verhaftung an das &uuml;berkommene Erbe. &#8220;<a name="100" href="#a100 ">100</a> In den Feldweggespr&auml;chen liest sich das so: &#8220;Die Gelassenheit ist in der Tat das Sichloslassen aus dem transzendentalen Vorstellen und so ein Absehen vom Wollen des Horizonts. &#8220;<a name="101" href="#a101 ">101</a> Und die Pointe: &#8220;Dann w&auml;re das Wesen des Denkens, n&auml;mlich die Gelassenheit zur Gegnet, die Entschlossenheit zur wesenden Wahrheit. &#8220;<a name="102" href="#a102 ">102</a> Schlu&szlig;endlich wird aus dem Denken &uuml;ber das Andenken<a name="103" href="#a103 ">103</a> ein Danken. <a name="104" href="#a104 ">104</a> Wahrlich die Gelassenheit ist ein Gebet an die Heimat, ihr entschlossenes Geschehen-Lassen eherne Aufgabe. Oder um es in des Schwarzw&auml;lders Terminologie auszudr&uuml;cken: ein Ver-an-Lassen des Zu-Lassen.</p>
<h4>Kampf der Zentrifuge</h4>
<p>Die Beschleunigung, der wir ausgesetzt sind, ist keine allgemeine, sondern eine ganz spezifische. Ihre Dynamik ist eine des Werts, von abstrakter Arbeit und abstrakter Zeit. &#8220;Fortschritt, der die Vorgeschichte beendete, w&auml;re das Ende solcher Dynamik, &#8220;<a name="105" href="#a105 ">105</a> schreibt zurecht Theodor W. Adorno. Geschwindigkeit soll also zu einer Gr&ouml;&szlig;e werden, die nicht durch die Verwertung bestimmt ist, sondern konkreten Kriterien und Anforderungen folgt. Sie verl&ouml;re somit ihre eindimensionale Zurichtung und jede kolonialistische Ausrichtung.</p>
<p>Zweifellos, dies Diktat der Beschleunigung ist zu entsorgen, aber nicht abzul&ouml;sen von einem altbackenen und irref&uuml;hrenden Bekenntnis zur Verlangsamung. Gerade deswegen ist es zu simpel zwischen Anh&auml;ngern der Beschleunigung und Freunden der Langsamkeit eine eindeutige Front aufzumachen, vielmehr ist zu fragen: Was soll schnell gehen? Was soll langsam sein? Zeit ist nicht prim&auml;r eine Angelegenheit des Tempos, sondern eine der spezifischen gesellschaftlichen Koordinaten, in denen sie sich bewegt. Bei der Geschwindigkeit mu&szlig; allzeit gefragt werden, in Bezug auf was? Vieles soll langsamer werden, aber einiges k&ouml;nnte durchaus schneller gehen. Zeitsouver&auml;nit&auml;t ist nicht identisch mit Entschleunigung.</p>
<p>Wovon man sich keine Abhilfe erwarten kann, das sind die diversen Vereine zur Verlangsamung oder Entschleunigung der Zeit. Sie tun alle so, als sei das Problem auf menschliches Versagen zur&uuml;ckf&uuml;hrbar und so auch durch eine andere Willensentscheidung l&ouml;sbar. Eine der gr&ouml;&szlig;ten Illusionen aber w&auml;re es, davon auszugehen, wenn dasselbe nur langsamer liefe, es besser oder ertr&auml;glicher w&auml;re. Wer permanent gegen einen Turbokapitalismus wettert, suggeriert, da&szlig; der Turbo wieder abgeschaltet oder abgenommen werden k&ouml;nnte. Der innere Zusammenhang von Kapitalismus und Beschleunigung wird nicht deutlich, im Gegenteil, es wird so getan, als sei der Turbo nicht organischer Bestandteil, sondern eine aufgesetzte (und daher abnehmbare) D&uuml;se. Letztendlich handelt es sich einmal mehr um eine abgeschmackte Variante, die die gute Marktwirtschaft gegen den b&ouml;sen Kapitalismus ausspielt. Wenn man sich etwa die Bezeichnung Slobbies (Slower, but better working people) n&auml;her ansieht, sollte man wissen, was hier gespielt wird: Gearbeitet werden mu&szlig;. Man ist einmal mehr im elenden Diesseits von ora et labora.</p>
<p>N&ouml;tig w&auml;re ein pragmatischer Zugang zu den Dimensionierungen des Lebens, einer, der sich nicht auf kategoriale Eindeutigen (&#8220;small is beautiful&#8221;, &#8220;big is better&#8221; etc. ) versteift. Der Pragmatismus hat sich direkt an Ereignis und Erfordernis, Anla&szlig; oder Erlebnis zu richten, ohne Vor- und Zwischenschaltung. Freie Assoziation kann doch nur bedeuten, da&szlig; unsere Kommunikation ohne verpflichtende Fetischdienste (Geld, Arbeit, Markt, Vertrag, Recht, Staat) auskommt. Die verdinglichte Sklaverei von Wert und Tausch mu&szlig; zur G&auml;nze beseitigt werden. Nicht, da&szlig; damit alle Fetischformen &uuml;berwunden w&auml;ren, ist damit gesagt, wohl aber, da&szlig; die Allmacht des Fetischs endg&uuml;ltig gebrochen ist. Alles weitere w&auml;re spielerisches Verg&auml;ngnis und k&ouml;nnte auf der Ebene von mehr oder weniger sinnvollen Marotten diskutiert werden.</p>
<p>&#8220;F&auml;llige Praxis w&auml;re allein die Anstrengung, aus der Barbarei sich herauszuarbeiten. Diese ist, mit der Beschleunigung der Geschichte zur &Uuml;berschallgeschwindigkeit, so weit gediehen, da&szlig; sie alles ansteckt, was ihr widerstrebt. &#8220;<a name="106" href="#a106 ">106</a> Und doch mu&szlig; das Widerstrebende, selbst auf die Gefahr der F&uuml;gung und Einf&uuml;gung hin, jede Anstrengung wagen, will sie nicht kapitulieren vor der Dynamik des falschen Ganzen. Noch dazu widerstrebt diese sich ja selbst. Gerade die Verz&ouml;gerung der Beschleunigung, der Stau, verdeutlicht, da&szlig; die Gesellschaft begonnen hat, sich selbst zu negieren, indem sie ihr Zeit-Raum-Kontinuum immer weniger zu synchronisieren versteht.</p>
<p>Wie hei&szlig;t es so sch&ouml;n im § 163 von Guy Debords &#8220;Die Gesellschaft des Spektakels&#8221; (1967): &#8220;Die nat&uuml;rliche Grundlage der Zeit, die sinnliche Gegebenheit des Verflie&szlig;ens der Zeit, wird menschlich und gesellschaftlich, indem sie f&uuml;r den Menschen existiert. Der bornierte Stand der menschlichen Praxis, die Arbeit in ihren verschiedenen Stadien, hat bis heute die Zeit als zyklische Zeit und als irreversible getrennte Zeit der Wirtschaftsproduktion vermenschlicht und auch entmenscht. Das revolution&auml;re Projekt einer klassenlosen Gesellschaft, eines verallgemeinerten geschichtlichen Lebens, ist das Projekt eines Absterbens des gesellschaftlichen Zeitma&szlig;es zugunsten eines spielerischen Modells irreversibler Zeit der Individuen und Gruppen, eines Modells, in dem gleichzeitig verb&uuml;ndete unabh&auml;ngige Zeiten vorhanden sind. Es ist das Programm einer totalen Verwirklichung des Kommunismus, der &#8216;alles von den Individuen unabh&auml;ngig Bestehende&#8217; abschafft, in der Sph&auml;re der Zeit. &#8220;<a name="107" href="#a107 ">107</a><br />
<hr />
<p><a name="a1" href="#1 ">1</a> Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ph&auml;nomenologie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 478.</p>
<p><a name="a2" href="#2 ">2</a> Vgl. Duden, Band 7: Das Herkunftsw&ouml;rterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 2. , v&ouml;llig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim-Wien-Z&uuml;rich 1989, S. 703.</p>
<p><a name="a3" href="#3 ">3</a> Tageszeitung, 12. Mai 2000, S. 13.</p>
<p><a name="a4" href="#4 ">4</a> Kurier, 24. Mai 2000, fS. 7.</p>
<p><a name="a5" href="#5 ">5</a> Format 26/99, S. 24.</p>
<p><a name="a6" href="#6 ">6</a> Ulrich Beck, Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung, Frankfurt am Main 1993, S. 164ff.</p>
<p><a name="a7" href="#7 ">7</a> Paul Virilio, Information und Apokalyse. Die Strategie der T&auml;uschung, M&uuml;nchen-Wien 2000, S. 9.</p>
<p><a name="a8" href="#8 ">8</a> G&uuml;nther Anders, Sprache und Endzeit (V), § 28 [Manuskript von "Die Antiquiertheit der Menschen", Dritter Band], FORVM, Dezember 1989, S. 65.</p>
<p><a name="a9" href="#9 ">9</a> Ebenda.</p>
<p><a name="a10" href="#10 ">10</a> Ebenda.</p>
<p><a name="a11" href="#11 ">11</a> Ebenda, S. 66.</p>
<p><a name="a12" href="#12 ">12</a> Ebenda.</p>
<p><a name="a13" href="#13 ">13</a> Paul Virilio, Revolutionen der Geschwindigkeit, Berlin 1993, S. 7.</p>
<p><a name="a14" href="#14 ">14</a> Ebenda, S. 37.</p>
<p><a name="a15" href="#15 ">15</a> Gaston Valdiva, &#8220;Zeit&#8221; ist Geld und Geld ist &#8220;Zeit&#8221;. Von der Produktion der &#8220;Zeit&#8221; zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion, Krisis 19, S. 175.</p>
<p><a name="a16" href="#16 ">16</a> Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels (1967), Berlin 1996, S. 129.</p>
<p><a name="a17" href="#17 ">17</a> Karl Marx, Das Kapital. Zur Kritik der politischen &Ouml;konomie. Zweiter Band (1884), MEW, Bd. 24, S. 252-253.</p>
<p><a name="a18" href="#18 ">18</a> Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen &Ouml;konomie (1857/58), MEW, Bd. 42, S. 443.</p>
<p><a name="a19" href="#19 ">19</a> G&uuml;nther Anders, Hiroshima ist &uuml;berall, M&uuml;nchen 1982, S. 3.</p>
<p><a name="a20" href="#20 ">20</a> Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie (1845/46), MEW, Bd. 3, S. 73.</p>
<p><a name="a21" href="#21 ">21</a> Karl Marx, Vorwort zur Kritik der Politischen &Ouml;konomie (1859), MEW, Bd. 13, S. 9.</p>
<p><a name="a22" href="#22 ">22</a> Karl Marx, Das Kapital. Zur Kritik der politischen &Ouml;konomie. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 510-511.</p>
<p><a name="a23" href="#23 ">23</a> Ebenda, S. 271.</p>
<p><a name="a24" href="#24 ">24</a> Ebenda, S. 399.</p>
<p><a name="a25" href="#25 ">25</a> Ebenda, S. 401.</p>
<p><a name="a26" href="#26 ">26</a> Karl Marx, Das Kapital. Zur Kritik der politischen &Ouml;konomie. Zweiter Band (1884), MEW, Bd. 24, S. 125; vgl. auch S. 241ff.</p>
<p><a name="a27" href="#27 ">27</a> Ebenda, S. 126-127.</p>
<p><a name="a28" href="#28 ">28</a> Ebenda, S. 127-128.</p>
<p><a name="a29" href="#29 ">29</a> 29 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen &Ouml;konomie (1857/58), MEW, Bd. 42, S. 559-560.</p>
<p><a name="a30" href="#30 ">30</a> 30 Karl Marx, Das Kapital. Zweiter Band, MEW, Bd. 24, S. 150.</p>
<p><a name="a31" href="#31 ">31</a> 31 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen &Ouml;konomie, MEW, Bd. 42, S. 560.</p>
<p><a name="a32" href="#32 ">32</a> 32 Ebenda, S. 564.</p>
<p><a name="a33" href="#33 ">33</a> 33 Ebenda, S. 527-528.</p>
<p><a name="a34" href="#34 ">34</a> 34 Ebenda, S. 449.</p>
<p><a name="a35" href="#35 ">35</a> 35 Karl Marx, Das Kapital. Zur Kritik der politischen &Ouml;konomie. Zweiter Band (1884), MEW, Bd. 24, S. 139.</p>
<p><a name="a36" href="#36 ">36</a> 36 Ebenda, S. 148.</p>
<p><a name="a37" href="#37 ">37</a> 37 Ebenda, S. 142.</p>
<p><a name="a38" href="#38 ">38</a> 38 Ebenda, S. 145-146.</p>
<p><a name="a39" href="#39 ">39</a> 39 Ebenda, S. 140.</p>
<p><a name="a40" href="#40 ">40</a> 40 Ebenda, S. 140, 146.</p>
<p><a name="a41" href="#41 ">41</a> 41 Karl Marx, Das Kapital. Zur Kritik der politischen &Ouml;konomie. Dritter Band (1894), MEW, Bd. 25, S. 263.</p>
<p><a name="a42" href="#42 ">42</a> 42 Ebenda, S. 453.</p>
<p><a name="a43" href="#43 ">43</a> 43 Ebenda, S. 532f. ; 587f.</p>
<p><a name="a44" href="#44 ">44</a> 44 Karl Marx, Das Kapital. Zweiter Band, MEW, Bd. 24, S. 140.</p>
<p><a name="a45" href="#45 ">45</a> 45 Lewis Mumford, Technics and Civilisation, London 1934, S. 14; zit nach: G. J. Whitrow, Die Erfindung der Zeit (1988), Hamburg 1999, S. 173.</p>
<p><a name="a46" href="#46 ">46</a> 46 Ganzseitiges Inserat in Format 1/98, S. 55.</p>
<p><a name="a47" href="#47 ">47</a> 47 Die Zukunft 11/98</p>
<p><a name="a48" href="#48 ">48</a> 48 Hier zit. nach einem Inserat im Kurier, 2. Oktober 1999, S. 8.</p>
<p><a name="a49" href="#49 ">49</a> 49 Die Presse, 15. Juli 2000, S. 6.</p>
<p><a name="a50" href="#50 ">50</a> 50 Lothar Baier, Keine Zeit! 18 Versuche &uuml;ber die Beschleunigung, M&uuml;nchen 2000, S. 106.</p>
<p><a name="a51" href="#51 ">51</a> 51 Duden, Band 7: Das Herkunftsw&ouml;rterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 2. , v&ouml;llig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim-Wien-Z&uuml;rich 1989, S. 572.</p>
<p><a name="a52" href="#52 ">52</a> 52 Dr. Todt; hier zit nach: Anton Zischka, Sieg der Arbeit. Geschichte des f&uuml;nftausendj&auml;hrigen Kampfes gegen Unwissenheit und Sklaverei, Leipzig 1941, S. 159.</p>
<p><a name="a53" href="#53 ">53</a> 53 Ebenda.</p>
<p><a name="a54" href="#54 ">54</a> 54 Lothar Baier, Volk ohne Zeit. Essay &uuml;ber das eilige Vaterland, Berlin(West) 1990, S. 14.</p>
<p>55 55 Elias Canetti, Masse und Macht (1960), Frankfurt am Main 1980, S. 315.</p>
<p><a name="a56" href="#56 ">56</a> 56 Klaus Theweleit, M&auml;nnerphantasien 2. M&auml;nnerk&ouml;rper &#8211; zur Psychoanalyse des wei&szlig;en Terrors, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 274.</p>
<p><a name="a57" href="#57 ">57</a> 57 Ebenda, S. 177.</p>
<p><a name="a58" href="#58 ">58</a> 58 Ebenda, S. 181.</p>
<p><a name="a59" href="#59 ">59</a> 59 Ebenda, S. 189.</p>
<p><a name="a60" href="#60 ">60</a> 60 Der Standard, 26. /27. August 2000, S. 11.</p>
<p><a name="a61" href="#61 ">61</a> 61 Ebenda.</p>
<p><a name="a62" href="#62 ">62</a> 62 G&uuml;nther Anders, Hiroshima ist &uuml;berall, M&uuml;nchen 1982, S. 369-370.</p>
<p><a name="a63" href="#63 ">63</a> 63 Ebenda, S. 375.</p>
<p><a name="a64" href="#64 ">64</a> 64 Gaston Valdiva, &#8220;Zeit&#8221; ist Geld und Geld ist &#8220;Zeit&#8221;, Krisis 19, S. 186.</p>
<p><a name="a65" href="#65 ">65</a> 65 Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, Frankfurt am Main 1999, S. 560.</p>
<p><a name="a66" href="#66 ">66</a> 66 Ebenda, S. 562.</p>
<p><a name="a67" href="#67 ">67</a> 67 Ebenda, S. 551.</p>
<p><a name="a68" href="#68 ">68</a> 68 Vgl. Format 35/00, S. 42-43.</p>
<p><a name="a69" href="#69 ">69</a> 69 Ebenda, S. 42.</p>
<p><a name="a70" href="#70 ">70</a> 70 Ebenda.</p>
<p><a name="a71" href="#71 ">71</a> 71 Jean Baudrillard, Das System der Dinge. &Uuml;ber unser Verh&auml;ltnis zu den allt&auml;glichen Gegenst&auml;nden (1968), Frankfurt am Main 1991, S. 87.</p>
<p><a name="a72" href="#72 ">72</a> 72 Ebenda.</p>
<p><a name="a73" href="#73 ">73</a> 73 Wolfgang Sachs, Die Liebe zum Automobil. Ein R&uuml;ckblick in die Geschichte unserer W&uuml;nsche, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 135.</p>
<p><a name="a74" href="#74 ">74</a> 74 Jean Baudrillard, Das System der Dinge, S. 88.</p>
<p><a name="a75" href="#75 ">75</a> 75 Kurier, 11. Februar 1998, S. 31.</p>
<p><a name="a76" href="#76 ">76</a> 76 Der Standard, 16. /17. September 2000, S. 13.</p>
<p><a name="a77" href="#77 ">77</a> 77 Der Standard, 7. /8. November 1998, S. 1.</p>
<p><a name="a78" href="#78 ">78</a> 78 Ebenda, S. 9; vgl. auch ebenda, S. 36.</p>
<p><a name="a79" href="#79 ">79</a> 79 Klaus Dutzler/Barbara Toth/Klaus Zellhofer, Land im Stau, Format 26/99, S. 25.</p>
<p><a name="a80" href="#80 ">80</a> 80 Jakob Maurer, Mobilit&auml;t ohne Grenzen. Vision: Abschied vom globalen Stau, Frankfurt am Main-New York 2000, S. 23.</p>
<p><a name="a81" href="#81 ">81</a> 81 Ebenda, S. 24.</p>
<p><a name="a82" href="#82 ">82</a> 82 Ebenda.</p>
<p><a name="a83" href="#83 ">83</a> 83 Ebenda, S. 25.</p>
<p><a name="a84" href="#84 ">84</a> 84 Ebenda, S. 102.</p>
<p><a name="a85" href="#85 ">85</a> 85 Die Presse, 17. Februar 2001, S. 15.</p>
<p><a name="a86" href="#86 ">86</a> 86 Ebenda.</p>
<p><a name="a87" href="#87 ">87</a> 87 Vgl. zur Kritik: Franz Schandl, Parkraumbewirtschaftung: Ist das Parkpickerl rassistisch? , Volksstimme 35, 28. August 1997, S. 5.</p>
<p><a name="a88" href="#88 ">88</a> 88 Vgl. Karl Otto Schallab&ouml;ck, Die &ouml;kologischen Grenzen der Automobilindustrie und des Automobilverkehrs; in: Manfred Muster/Udo Richter (Hg. ), Mit Vollgas in den Stau. Automobilproduktion, Unternehmensstrategien und die Perspektiven eines &ouml;kologischen Verkehrssystems, Hamburg 1990, S. 158.</p>
<p><a name="a89" href="#89 ">89</a> 89 Salzburger Nachrichten, 13. Februar 2001, S. 8.</p>
<p><a name="a90" href="#90 ">90</a> 90 Andreas Lampl, &#8220;Mehr Toilettenreinigung am Airport&#8221;, Format 26/99, S. 31.</p>
<p><a name="a91" href="#91 ">91</a> 91 Christoph Koch, Generation Acceleration, Jetzt. Beilage zur S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 4. Dezember 2000, S. 08.</p>
<p><a name="a92" href="#92 ">92</a> 92 Ebenda, S. 06.</p>
<p><a name="a93" href="#93 ">93</a> 93 Kurier, 30. Juli 2000, S. 11.</p>
<p><a name="a94" href="#94 ">94</a> 94 Martin Heidegger, Zur Er&ouml;rterung der Gelassenheit. Aus einem Feldweggespr&auml;ch &uuml;ber das Denken (1944/45); in: ders. , Gelassenheit, Pfullingen 1959, S. 35.</p>
<p><a name="a95" href="#95 ">95</a> 95 Ebenda, S. 42.</p>
<p><a name="a96" href="#96 ">96</a> 96 Ebenda, S. 47.</p>
<p><a name="a97" href="#97 ">97</a> 97 Ebenda, S. 48. Anders als der gebr&auml;uchliche Begriff der Gegend wird Gegnet &uuml;ber seine r&auml;umliche Bestimmung hinaus verstanden und auch zeitlich dimensioniert, sie ist &#8220;selbst zumal die Weite und die Weile.&#8221; (S. 40) Gegnet wird so bei Heidegger zu dem, was uns be-gegnet.</p>
<p><a name="a98" href="#98 ">98</a> 98 Ebenda, S. 49-50.</p>
<p><a name="a99" href="#99 ">99</a> 99 Ebenda, S. 50.</p>
<p><a name="a100" href="#100 ">100</a> 100 Martin Heidegger, Sein und Zeit (1926), T&uuml;bingen 1986, S. 386.</p>
<p><a name="a101" href="#101 ">101</a> 101 Martin Heidegger, Zur Er&ouml;rterung der Gelassenheit, S. 57.</p>
<p><a name="a102" href="#102 ">102</a> 102 Ebenda, S. 59.</p>
<p><a name="a103" href="#103 ">103</a> 103 Ebenda, S. 60.</p>
<p><a name="a104" href="#104 ">104</a> 104 Ebenda, S. 64.</p>
<p><a name="a105" href="#105 ">105</a> 105 Theodor W. Adorno, &Uuml;ber Statik und Dynamik als soziologische Kategorien (1961), Gesammelte Schriften 8, Frankfurt am Main 1997, S. 233.</p>
<p><a name="a106" href="#106 ">106</a> 106 Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, Gesammelte Schriften 10.2, Frankfurt am Main 1997, S. 769.</p>
<p><a name="a107" href="#107 ">107</a> 107 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels (1967), Berlin 1996, S. 141.</p>
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