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	<title>Streifzüge &#187; Pop</title>
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		<title>Nevermind</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Dec 2011 23:01:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stephan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-53]]></category>

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<p>Streifzüge 53/2011</p>
<p>Kolumne Rückkopplungen</p>
<p><em>von Roger Behrens</em></p>
<p><strong><span id="more-10601"></span></strong></p>
<p>Nach Wikipedia: „<em>Eine Rückkopplung … ist ein Mechanismus in signalverstärkenden oder informationsverarbeitenden Systemen, bei dem ein Teil der Ausgangsgröße direkt oder in modifizierter Form auf den Eingang des Systems zurückgeführt wird … Rückkopplungen kommen überall in technischen, biologischen, geologischen, wirtschaftlichen und sozialen Systemen vor. Je nach Art und Richtung der rückgeführten Größe kommt es zur Selbstverstärkung des durch das System bedingten Prozesses oder zu dessen Abschwächung oder Selbstbegrenzung.</em>“</p>
<p>Pop ist ein System ideologischer Rückkopplung: Aufklärung wird zu einem Verblendungszusammenhang übersteuert. Es ist die bewusste Verstärkung des Fetischcharakters der Ware (den Marx im „Kapital“ bereits physikalisch mit dem „Lichteindruck eines Dings auf den Sehnerv“ analogisierte).</p>
<p>* * *</p>
<p>Amy Winehouse, 1982 bis 2011: Der traurige Tod und das ebenso traurige Leben der Musikerin offenbart zynisch, wie es um das Glücksversprechen der so genannten Kultur bestellt ist. Es heißt, sie hätte Drogenprobleme gehabt. Gesungen hat sie darüber. Und die Leute haben geklatscht, sie gelobt als authentische Frau, die authentischen Soul macht. – Vom Tod erfahre ich durch das Internet, nämlich durch die Seiteninformationsleiste von <em>www.zeit.de</em>. Ein paar Tage später gibt es hier den kleinen Clip „Amy Winehouse beigesetzt“; er erscheint unter der Rubrik: „Videos zum Thema Kultur“.</p>
<p>* * *</p>
<p>Gemeinhin datieren die Anfänge der Popmusik, die mehr ist als bloß <em>popular music</em>, nämlich Rock ’n’ Roll und Soul, auf Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. „Roll over Beethoven“ skandiert Chuck Berry 1956. Im selben Jahr findet in London die Pop-Art begründende Ausstellung „This is tomorrow“ in London statt. Und die Lettristen fordern bereits „eine leidenschaftliche Umwälzung des Lebens … Diese große kommende Zivilisation wird <em>Situationen und Abenteuer konstruieren</em>.“ So ist es zumindest in einem Pamphlet der Lettristischen Internationale 1954 zu lesen. Schließlich kommt mit dem Lärm auch die Ruhe: 1952 wird John Cages aus drei Sätzen <em>tacet</em> (i. e. Pause) bestehendes „4’33”“ in Woodstock uraufgeführt.</p>
<p>Doch diese Anfänge haben ihre Ursprünge, Vorwegnahmen und Ankündigungen. „… Aber eine Konsequenz wird durch Ives’ vierte Symphonie … sicher kenntlich …: die – wahrscheinlich nicht ganz freiwillige – Erfindung der Pop-Musik durch den Meister aus New England. Versteht man Pop-Musik nämlich vor allem als einen Umgang mit Musik, der sich weniger um die immanente Organisation von Klängen und Tönen kümmert, sondern auf fertige, in sich geschlossene Klangobjekte rekurriert, die unabhängig von ihrer musikalischen Logik durch eine ihres (öffentlichen) Gebrauchs, ihres ‚Bildes‘, ihrer Funktion geprägt sind, dann war diese Symphonie, insbesondere ihr zweiter Satz, der erste Schritt in diese Richtung.“(Diedrich Diederichsen, „Musikzimmer. Avantgarde und Alltag“, Köln 2005, S. 209f.)</p>
<p>Märsche, Hymnen, Jahrmarktrummel, Straßenlärm sind zu hören, montiert, aber nicht im Sinne der Geräuschcollage, sondern als mehrschichtige Komposition, eben, eventuell ähnlich zu Eisensteins Kino: als Montage-Komposition, Montage-Konzert, Montage-Sinfonie. – „Fertig, aber beweglich“, wie Diederichsen meint.</p>
<p>„Auch Wetter, ein anderes Lieblingsthema, wollte er, anders als der musikalische Impressionist, nicht unbedingt als ein von einem bestimmten Ort aus agierendes Naturereignis, in das sich das Subjekt zu versenken hätte, sondern als permanente Überschreitung der musikalischen Kompetenzen durch die Musik begreifen: Es kommt von allen Seiten, agiert und überrascht den Hörer. Den Rezipienten wird keine Kontemplation gegönnt. Für Ives ist die Welt um ihn herum schon so mit Klängen, sei es kulturellen, sei es meteorologischen, aufgeladen, dass eine Musik, die von einer Bühne oder einem zentralen Lautsprecher herkommt, nicht mehr interessant ist. Die Quellen sind so über die Welt verstreut und beweglich wie später Transistorradio und Walkman.“ (Diederichsen, Musikzimmer, a.a.O., S. 210 f.)</p>
<p>* * *</p>
<p>Es kommt nicht von ungefähr, dass im Vorjahr des Mai 68 und mitten im Krieg (Vietnam etc.) das Spektakel von einem Spektakel der Verweigerung konterkariert wird: 1967 ist der „Summer Of Love“, der Höhepunkt der Hippiebewegung – The Mamas And The Papas singen „San Francisco“:</p>
<p style="padding-left: 60px;">„If you’re going to San Francisco,</p>
<p style="padding-left: 60px;">Be sure to wear some flowers in your hair,</p>
<p style="padding-left: 60px;">If you come to San Francisco,</p>
<p style="padding-left: 60px;">Summertime will be a love-in there.“</p>
<p>Flower Power, Love and Peace, Golden Gate Park, Haight-Ashbury, schließlich das Monterey Pop Festival im Juni 1967 mit Jimi Hendrix, Otis Redding, The Who, Janis Joplin, Blood, Sweat &amp; Tears, Canned Heat, Eric Burdon, Jefferson Airplane und Ravi Shankar. Ebenfalls 1967 veröffentlichen The Beatles „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, ihr achtes Album, mit einem Cover vom Pop-Art-Künstler Peter Blake: The Beatles stehen hier als Zirkusband vor mehreren Duzend „historischen Persönlichkeiten“ der Moderne, vom neunzehnten Jahrhundert bis 1967; um die meisten zu nennen: Aleister Crowley, die Schaupielerin Mae West, Karlheinz Stockhausen, der Schauspieler W.C. Fields, Carl Gustav Jung, Edgar Allan Poe, Fred Astaire, The Vargas Girl (ein Pin-up), der Architekt Simon Rodia, Bob Dylan, der Pemierminister Sir Robert Peel, Aldous Huxley, Dylan Thomas, der Schauspieler Tony Curtis, Marilyn Monroe, William S. Burrough, einige Gurus, Stan Laurel und Oliver Hardy, der Künstler Richard Lindner, Karl Marx, H.G. Wells, Sigmund Freud, der früh verstorbene erste Beatles-Bassist Stuart Sutcliffe, The Petty Girl (noch ein Pin-up), Marlon Brando, Oscar Wilde, der Entdecker David Livingstone, Johnny Weissmuller, George Bernard Shaw, der Fußballspieler Albert Stubbins, Lewis Carroll, der Boxer Sonny Liston, Marlene Dietrich, ein Fernsehgerät, eine Steinfigur von Schneewittchen, ein Gartenzwerg … Gandhi wurde entfernt; abgelehnt wurden die Vorschläge John Lennons, aus Spaß auch Jesus Christus und Adolf Hitler aufzunehmen. Auch Mickey Mouse oder Walt Disney fehlen …</p>
<p>Mit einer Parodie des Covers erschien 1968 „We’re Only In It For The Money“ von Frank Zappa and The Mothers of Invention, zugleich eine Kritik an der Hippie-Bewegung und dem Love-and-Peace-Spektakel.</p>
<p>* * *</p>
<h4>Chronik</h4>
<p>1951. – Geschrieben während des Ersten Weltkriegs, erscheint 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, das Buch „Growth and Form“ von D’Arcy Wentworth Thompson (1860 – 1948). Die These des Biologen: Mathematik und Physik haben einen größeren Einfluss auf die Formgestalt der Natur als die evolutionäre Anpassung. Dem Buch widmet sich 1951 eine Kunstausstellung im Londoner ICA, der Buchtitel wird übernommen.</p>
<p>Die Ausstellung ist mehr als eine Vergegenwärtigung der Thesen von Thompson: Es ist der Versuch, die Idee des Fortschritts mithilfe der Kunst, den Humanismus der Wissenschaft, genauer den <em>modernen</em> Humanismus der <em>modernen</em> Naturwissenschaft, vor eben der Katastrophe zu retten, mit der sich die Welt damals, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, konfrontiert sah. Dieser Rettungsversuch, der allgemein erstmals als Modernismus bezeichnet wurde, ist zugleich eine Wiederbelebung der ästhetischen Avantgarde, reaktiviert zudem einen radikalen Positivismus: Eine mit Wissenschaft verschmolzene Kunst soll das Design der Zukunft bilden, Ästhetik konvergiert mit der „technologischen Rationalität“.</p>
<p>Die ausstellenden Künstler sind Mitglieder der ein paar Jahre später gegründeten Independent Group: Reyner Banham, John McHale, Lawrence Alloway und Richard Hamilton. Mit „Growth and Form“ skizziert die Gruppe das Programm einer gleichermaßen organisch wie mechanisch erweiterten Ästhetik, die ähnlich wie beim Bauhaus von der Architektur aus gedacht wird, ihre Gestalt mithin aber nicht an der sozialen Form, sondern am Biomorphen orientiert – Vorbilder sind hierbei die Arbeiten von Buckminster Fuller; und es kommt nicht von ungefähr, dass die nächste Ausstellung 1953, wieder im ICA, „Parallel of Life and Art“ heißt, die folgende, 1955, wieder von Richard Hamilton kuratierte schließlich „Man, Machine and Motion“.</p>
<p>Diese Ästhetik bekommt 1956 in der Whitechapel Art Gallery, London, mit der bahnbrechenden Ausstellung „This is tomorrow“ (und auch hier ist der Titel Programm, die Künstler zeigen U.S.-amerikanische Massenkultur) einen neuen Namen: „Pop“. Als Markenzeichen eines Dauerlutschers ist das Wort auf einer Collage zu sehen, die Hamilton als Poster für diese Ausstellung anfertigte: „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“. – Richard Hamilton starb am 13. September 2011 im Alter von 89 Jahren.</p>
<p>1961. – Die Beatles treten das erste Mal auf (im Cavern Club, Liverpool).</p>
<p>1971. – Film. Pop, der sich in den Sechzigern endgültig musikalisch etablierte, konvergiert mit dem bewegten Bild. Im April kommt „Sweet Sweetback’s Baadasssss Song“ von Melvin Van Peebles in die Kinos, im Juli „Shaft“ von Gordon Parks, im Dezember „Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick und „Dirty Harry“ von Don Siegel. Das sind Soundtracks von Isaac Hayes, W. Carlos mit Ludwig van Beethoven und Lalo Schifrin. Und Melvin Van Peebles hat für seinen Film die Musik selbst gemacht.</p>
<p>1981. – Einstürzende Neubauten veröffentlichen ihr erstes Album. Es heißt „Kollaps“.</p>
<p>Auf der Funkausstellung in Berlin wird die Compact Disc vorgestellt. Sie ermöglicht technisch 74 Minuten digitale Musikspeicherung, das entspricht der damals längsten verfügbaren Aufnahme von Ludwig van Beethovens Neunter Sinfonie. Fraglich war angeblich zunächst die Größe der CD: Man glaubte, dass die Scheibe mit zwölf Zentimetern Durchmesser nicht in übliche Anzugjacketttaschen passen würde. Sie passt doch. Interessant daran: dass die CD offenbar von vornherein als mitnehmbarer Konsumartikel für den prosperierenden Lifestyle damals reüssierender Yuppies gedacht war. Und ohnehin wurde Popmusik transportabel: Zur selben Zeit kamen der „Walkman“ und die so genannten Ghettoblaster auf. – Transportabel wurde der Pop auch auf anderer Ebene: als Fernsehen wurde die Musik in Form von Video-Clips erstmals nonstop ins Haus geliefert: 1981 geht MTV auf Sendung und die Ära des so genannten Musikfernsehens beginnt.</p>
<p>Schließlich aber auch das, „Idiotismus des Landlebens“ (Marx und Engels): die in Großenkneten, Landkreis Oldenburg in Niedersachsen, gegründete Band Trio nimmt im Sommer 1981 ihre erste Platte in einem provisorisch dafür hergerichteten Stall bei Husum auf, spielt am 23. November 1981 in Hamburg, im berühmten <em>Onkel</em> <em>Pö</em>. „Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha.“ So etwas hat es in dieser Konsequenz seit Hugo Balls Lautgedichten nicht mehr gegeben. Trio präsentierten eine Ästhetik des konkreten Minimalismus: nämlich einen auf das Wesentliche reduzierten Pop, was doch nichts anderes ist als die Erscheinung. Ein im Stehen gespieltes Schlagzeug, eine Gitarre, ein Minikeyboard, Spielzeuginstrumente und Sprechgesang. Am 23. November 1981 war Rock vorbei. Peter Marxen, Betreiber des <em>Onkel Pö</em> bis 1979, beobachtet das aus dem Abseits (nämlich im <em>Forsthaus Hessenstein</em>, Lütjenburg) und ahnt, dass es bald zu Ende geht. Das <em>Onkel Pö</em> wird 1985 geschlossen.</p>
<p>1991. – Robert Kurz veröffentlicht seine erste große krisentheoretische Arbeit: „Der Kollaps der Modernisierung“.</p>
<p>„Nevermind“, das zweite Studioalbum von Nirvana, erscheint am 24. September 1991. Es ist das wichtigste Album der Neunziger, auch das meistverkaufte. Pop heißt: die Ware wird als Kultur hypostasiert, das Gebrauchswertversprechen im Tauschwert eingelöst. Auf dem Cover: Ein nacktes Baby schwimmt einer, an einem Angelhaken hängenden Dollarnote hinterher.</p>
<p>* * *</p>
<p>„Solange keine Genealogie der Popkultur in Angriff genommen wird, die sich mit all den Mythen beschäftigt, die rund um Pop ranken und die nach den Ursachen dieser Mythen fragt, wird auch weiterhin alles Geschmacksurteil bleiben. Der <em>Rolling Stone</em> wird weiterhin die Stones, Neil Young und Nirvana als Spitzen der Pop-, genauer der Rockgeschichte festigen, Indie-Nostalgiker werden weiterhin Joy Division und Bauhaus nachtrauern – kurz: Alle werden an ihren kleinen Mythen festhalten, über die es sich bequem leben lässt. Statt schnell, sexy, schön, vergänglich zu sein, dient Pop den meisten Rezipienten ja längst schon als letzte beständige Bastion, als letzter Ort der Sicherheit.“ (Büsser, „Music is my Boyfriend“, Mainz 2011, S. 116)</p>
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		<title>Thriller!</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:42:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ricky</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Roger Behrens</em> <span id="more-5565"></span></p>
<p>Kann sich daran noch jemand erinnern? – Am 25. Juni 2009 ist in Los Angeles der Musiker Michael Jackson gestorben.<br />
Der Tag danach. Natürlich war der Tod Thema in den Medien – beziehungsweise nicht der Tod, sondern das Spektakel des Todes; es ist dies, gerade im Fall von Jackson, ein spekulatives Spektakel vom Sterben. Und wie jedes Spektakel lebt auch dieses von Bildern. Die Bilder verweisen auf das, was in der unheimlichen Welt der flüchtigen Sensationen als positive Tatsachen gehandelt werden kann; Bilder geben der Panik eine Sicherheit, eine Ordnung zurück; aber zugleich erzeugen diese Bilder diese Panik überhaupt erst. Panik ist die Einstellung, mit der die Bilder betrachtet werden. Immer wieder wird das Programm unterbrochen, gibt es die Nachricht vom Tod Michael Jacksons als Sondermeldung; immer wieder wird die Sequenz vom Krankenwagen gezeigt, der mit Blaulicht davonrast. Mit jeder Wiederholung der Bildsequenz wird die Nachricht vom Tod authentischer.</p>
<p>Die Popkulturindustrie, als deren König Michael Jackson galt, setzt für die Fälle eines so genannten Kategorie-A-Toten ihre eigenen Mechanismen in Gang; es sind ökonomische Mechanismen, die freilich der krudesten Verwertungslogik des Kapitals unterliegen. Das betrifft vor allem den Devotionalienhandel, das temporär aufblühende Geschäft mit Fan-Artikeln und Souvenirs, die dem allgemeinen Warenfetischismus noch einmal einen religiösen, wenngleich auch höchst albernen Aspekt verleihen: Wer hier unmittelbar nach dem Tod die Preise verfolgte, wurde von allerhand Absurditäten überrascht. „Moonwalk. Mein Leben“, ein Buch, bei dem Michael Jackson als Autor fungiert, erschienen 1994, war nicht unter 110,00 Euro zu haben; die englische Originalausgabe gab es für rund 250 Pfund. Weitere, als Biografien betitelte, Taschenbücher, gebraucht, keineswegs immer gut erhalten, ehedem publiziert in den üblichen Trivial-Verlagen, wurden für mitunter weit über fünfzig Euro angeboten. Zu Höchstpreisen gehandelt wurde schließlich der „Official Michael Jackson Calendar 2009“ (893,20 Euro) und Victor M. Gutierrez’ Dokumentation „Michael Jackson Was My Lover“ (neu: 452 Euro; gebraucht: 379 Euro). – Und schon kurze Zeit später gab es all dies wieder hinterhergeschmissen, zu Kleinpreisen im Centbereich. Bemerkenswert zudem, dass solche Dinge, die in der Popgesellschaft den ökonomisch berechtigten Status von Sammlerobjekten haben, nämlich Schallplatten, insbesondere Erstpressungen und sonstige Raritäten, in ihrer Preisentwicklung vom Tod Jacksons völlig unbeeinflusst blieben.</p>
<p>Und das ist gerade bei dem King of Pop eine kleine Besonderheit, denn immerhin hat er seinen Titel nicht nur aus künstlerischen Gründen erhalten, sondern vor allem aus ökonomischen: Mit zirka 750 Millionen verkauften Tonträgern ist – und bleibt wohl auch – Michael Jackson der kommerziell erfolgreichste Künstler der Musikgeschichte; sein Album „Thriller“ von 1982 ist dabei das bis heute weltweit meistverkaufte Album (schätzungsweise 60 Millionen Mal). </p>
<p>Auch wenn Michael Jackson mit knapp 51 Jahren nicht sonderlich alt geworden ist, hat er eigentlich die Umkehrung des von Seneca überlieferten Satzes „vita brevis ars longa – Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ bewiesen: Jackson hatte schon mit den neunziger Jahren sein musikalisches Schaffen, das Originalität beanspruchen kann, überlebt; mit anderen Worten: Seine Kunst war kurz, seine große Musik war aufgeladen mit einem Zeitkern der Wahrheit, den er nicht zu Lebzeiten zu aktualisieren vermochte. Michael Jackson hat sich selbst überlebt. Darüber hinaus ist es Michael Jackson, dem nun die Unsterblichkeit zuteil wird; seine Musik wird im Schatten der Ewigkeit des Popstars verschwinden. Paradox kann ihm dieser Status nur zuteil werden – und das ist dem perfiden Wesen des Popstars geschuldet, das auch schon James Dean, Marilyn Monroe, Elvis Presley oder Kurt Cobain unsterblich gemacht hat –, weil er eigentlich schon immer tot war, nie gelebt hat, zumindest nicht in der Realperson, die den Künstler repräsentierte. Dies ist die Figur des Zombies, eine Gestalt, in die sich Michael Jackson Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger verwandelt.</p>
<p>Seinen ersten Auftritt als Zombie hat Michael Jackson 1978 in dem Film „The Wiz“. In der ins moderne New York versetzten Adaption von L. Frank Baums „Zauberer von Oz“ spielt Jackson die Vogelscheuche, die in dieser Fassung nicht aus Stroh besteht, sondern aus Abfall. Doch wie in der Originalgeschichte hat sie kein Gehirn („no brains at all“): das heißt, sie kann zwar erstaunlicherweise sprechen und offenbar durchaus auch denken, verfügt aber über keinen Verstand, vor allem keine Erinnerung und kein Gefühl – ein Zombie, wenn auch ein freundlicher.</p>
<p>1982 kommt „Thriller“, dazu 1983 das Musikvideo von John Landis, das mit über 13 Minuten einen eigenständigen Film darstellt. Hier tritt Jackson gleich mehrfach in der Zombierolle auf, bis zum Schlussbild: ein Schwellenwesen – scheintot, der Halbwelt der Unterhaltung entkommen. Das Motiv reicht in die Antike zurück, etwa bei Orpheus. Jacques Offenbach hat als Erster das Motiv in seiner das Genre definierenden <em>Opera buffa </em> „Orpheus in der Unterwelt“ mit Mitteln der Massenkultur in die Massenkultur selbst übersetzt. Doch anders als Orpheus steigt der Zombie nicht in die Unterwelt herab, sondern bricht aus ihr – aus dem Reich der Toten – heraus.</p>
<p>Das Antlitz eines Zombies ist gewissermaßen die Charaktermaske, die man bis zum Tod von Jackson auch als sein scheinbar reales Gesicht zu sehen bekommt: Bis zur Kenntlichkeit entstellt präsentiert sich Michael Jackson als Star, der bereit ist, gleich dem Zombie, aus nie zu stillendem Lebenshunger sich selbst aufzufressen. Bis am Ende nur das Bild bleibt, das in seiner medialen Kurzlebigkeit vom immer schon scheintoten Popstar Jackson nie eingeholt werden konnte – und auch nie eingeholt werden wird.</p>
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		<title>YES</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Jul 2009 11:05:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-46]]></category>

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<p>Streifzüge 46/2009</p>
<p><em>von Roger Behrens<br />
</em><span id="more-3822"></span></p>
<p>Vor vierzig Jahren, am 25. Juli 1969, erschien das erste Album der ein Jahr zuvor gegründeten Band Yes. Zusammen mit dem im Oktober desselben Jahres veröffentlichten Album „In the Court of the Crimson King“ von King Crimson gilt es als genre- und stilprägend für Progressiven Rock, also Musik, die – in welcher Weise auch immer – Fortschritt behauptete. Gleichwohl bewegte sich Yes mit dem Debüt noch in einer merkwürdigen Zwischenklangwelt aus Coverversionen, Beat-Elementen, „Klassik“-Adaptionen und ornamentalen Spielereien: Der Rock-Ästhetizismus, für den Yes dann mit Alben wie „Fragile“ (1971), „Close to the Edge“ (1972) oder „Tales from Topographic Oceans“ (1973) bekannt wurde, war noch weitgehend ungestaltet, offen und provisorisch; gemessen an den nachfolgenden Veröffentlichungen sind die Arrangements auf dem Debütalbum relativ bescheiden, aber auch suchend – und damit im Übrigen durchaus auch experimenteller als spätere Arrangements. Gleichwohl haben Yes schon auf diesem Album den für sie typischen Klangraum eröffnet, der bereits auf den epischen, mythisch anmutenden Illusionismus der kommenden Alben verweist. Genau dieser Illusionismus ist es aber, der schließlich jeden Anspruch auf Progressivität und Kunst konterkariert, für den die Band rockgeschichtlich kanonisiert wurde: Im Illusionismus kristallisieren sich die Paradoxien des Fortschritts und seiner Ideologie. Was hier nämlich überhaupt Fortschritt heißen könnte, hat keine Richtung, keine Linie, keine geschichtliche Bewegung und auch kein Subjekt.<br />
Die Idee war, den Rock ’n’ Roll, der Mitte der fünfziger Jahre seinen profitablen Siegeszug begonnen hatte, gegen sich selbst zu verteidigen: Das 1956 von Chuck Berry skandierte „Roll over Beethoven“ wurde revidiert, indem man die bürgerliche Kunstmusik, in deren Zentrum selbstverständlich noch immer Beethoven zu hören ist, auf die neue Popmusik applizierte: Mit Beethoven und „Klassik“ sollte bewiesen werden, dass die Popmusik eben keine Popmusik ist – sondern ernst zu nehmende, künstlerisch wert- und ästhetisch gehaltvolle Musik. „Klassik“ als Maßstab indes ist nun alles andere als „fortschrittlich“, sondern Leitbild eines Kulturkonservatismus, den der Progressive Rock übernahm. Das Progressive wurde derart zunächst negativ bestimmt: Rock sollte fortschrittlich sein, weil Pop es eben nicht sei.<br />
Ohnehin hatte sich der Fortschritt in der Geschichte der Moderne mehr als blamiert: Nach fünfundvierzig von Fortschritt zu sprechen, behält einen zynischen Beiklang, auch und gerade dort, wo man sich auf die enormen Entwicklungen der Technik beruft. Fortschritt meint seither nicht die revolutionäre Veränderung der Gesellschaft, sondern die technologische Revolution, die im besten Fall stabilisierend auf die tendenziell regressive Gesellschaft zurückwirkt. Fortschritt heißt im zwanzigsten Jahrhundert Optimierung der Integration, Anpassung, Einfügung in den Lauf der Dinge. Am meisten Fortschritt gibt es dort, wo die Gesellschaft stehen bleibt und alles so aufrechterhalten werden kann, wie es nun einmal ist. Die Kulturindustrie hat das immer mit einem gewissen Ernst vertreten und politisch als Demokratisierung, ökonomisch als Konsumvielfalt verteidigt: Das Angebot „Jeder darf mitmachen“ wurde zum Befehl „Jeder muss mitmachen“. Die Popkultur hat das Prinzip – wahrscheinlich sogar unbeabsichtigt, ohne ökonomisches Kalkül – radikalisiert: Wenn man schon mitmachen muss, dann wenigstens laut, wild und lustvoll; dann wenigstens in einer Haltung, die suggeriert, dass man eigentlich gar nicht mitmachen muss, dass man es zumindest nicht will. Im Progressive Rock opponiert man dem Profitmotiv technisch und virtuos in einer Trotzhaltung, als wollte man durch die versierte Musik gleichsam belegen, dass der wirtschaftliche Erfolg ästhetisch-künstlerisch begründet sei (während die übliche Popmusik genau umgekehrt operiert: „50,000,000 Elvis Fans Can&#8217;t Be Wrong“).<br />
Revolution, Avantgarde, Fortschritt – Konzepte, die in der Ära der Kulturindustrie der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch auf die Geschichte verwiesen waren, konnten in der Popkultur als Mode im Sinne der ewigen Wiederkehr des Neuen realisiert werden. Geht es um Mode, ist es für die Behauptung, fortschrittlich zu sein, gleichgültig, in welche geschichtliche Richtung dieser Fortschritt weist: Es gibt in der Mode kein Telos. Das bestätigt auch die letzte Textzeile auf dem Debütalbum von Yes: „And we’re all going somewhere“. Der Fortschritt blieb hier gleichsam auf der Oberfläche: Die Covergestaltung hatte Alan Fletcher übernommen, einer der versiertesten Grafikdesigner seiner Zeit. Er hatte durch eine einfache, „Yes“ sagende Comic-Sprechblase die junge Band im aktuellen Umfeld der Pop-Art situiert: Das passte ins Swinging London. Und vielleicht war das sogar ein Versuch, die Musik der britischen Mod-Bewegung (Mod als Abkürzung für Modernists, die Modernen) schmackhaft zu machen; auf dem amerikanischen Markt erschien das Album nämlich mit einem ganz anderen Cover, auf dem ein Foto die Band als Hippies zeigte.<br />
Dass Yes tatsächlich mit ihrer Idee des Fortschritts in die Vergangenheit wollten, wurde schließlich seit dem Album „Fragile“ durch die Covergestaltungen von Roger Dean klar: Dessen Pseudosurrealismus verwunschener Landschaften und fliegender Inseln verweist in eine Vergangenheit, die sich als emotionale Urzeit des spätbürgerlichen Subjekts entpuppt, und geht so mit der Musik endlich konform: Das Authentische meinte hier immer „Je weiter von der Gesellschaft weg, desto echter und wahrhaftiger“. Thematisch sind die Songs irgendwo zwischen christlichen und fernöstlichen Mythen angesiedelt. Es ist übrigens durchaus bemerkenswert, dass es bei Yes – vom Achtziger-Jahre-Erfolg „Owner of a lonely Heart“ abgesehen – keine Liebeserzählungen gibt, die in irgendeiner Weise Alltagserfahrungen dokumentieren; alles ist in einem Traumreich situiert, in einer Utopie, die kaum ins Diesseits verweist. Schon das erste Stück auf dem Debütalbum heißt „Beyond and Before“, der Text ist romantisch-kitschige Naturlyrik.<br />
Keine zehn Jahre später hatte sich der Illusionismus von Yes erschöpft: „Tormato“ von 1978 zeigt auf dem Cover einen Wünschelrutengänger; auf dem Foto kleben vermatschte Tomaten, als sei das Album mit ihnen beworfen worden; wie wenig Yes’ Idee des Progressiven in die Popwelt passte, zeigte sich eben daran, dass die Band auf alles, was in den Siebzigern fortschrittlich war, eben Punk, Disco und New Wave, nicht wirklich zu reagieren vermochte…</p>
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		<title>Motor Town</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Mar 2009 22:24:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-45]]></category>

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<p>Streifzüge 45/2009</p>
<p><em></p>
<p>von Roger Behrens</em> <span id="more-2970"></span></p>
<p>Vor fünfzig Jahren (1959 gründete Barry Gordy Jr. das Label Tamia Records, das dann ab April 1960 unter dem Namen Motown Record Corporation firmierte) wurde in Detroit ein Schallplattenlabel gegründet, das Musikgeschichte, mehr noch Musikkulturgeschichte, ja Sozialgeschichte geschrieben hat: Motown – der Name war Programm und ist noch immer als Programm zu verstehen, auf das sich eine materialistische Kritik der Popkultur ebenso einlassen kann wie die idealistische Begeisterung für die mit diesem Namen verbundene Musik: Motown ist vom Wort her eine Verkürzung von „Motor“ und „Town“, als Anspielung auf die das Alltagsleben in Detroit maßgeblich prägende Automobilindustrie. Die Musik indes, die unter diesem Label vertreten wurde, rangierte allerdings nicht zufällig unter dem Etikett, das der automobilen Techno-Urbanität genau entgegengesetzt war: Soul. Und das ist wörtlich zu nehmen: Musik, die von der Seele handelt, die die Seele berührt, die Seele hat und Seele ist – es ist eine Seele, die bisher nur als psychischer <em>Apparat</em>, als Wunsch<em>maschine</em> bei einem Industrieproletariat zu funktionieren hatte, dessen Leben ohnehin zwischen der Unmittelbarkeit von Sein und Bewusstsein eingespannt war. Nun reklamierten diese Menschen eine Gefühlswelt, in der zu leben bisher nur dem Bürgertum und seinem modernen Klassenderivat, den Angestellten, vorbehalten war. Jenseits der Nöte und Notwendigkeiten des alltäglichen Elends in der Fabrik ging es jetzt um Liebesverhältnisse, um sexuelles Begehren, um Sehnsüchte und Verlangen, womit wenigstens auf emotionaler Ebene erstmals eine Form autonomer Subjektivität und Individualität beansprucht werden konnte: „Your Heart Belongs to Me“, „Who’s Lovin’ You“, „Baby Don’t Go“, „Buttered Popcorn“ und „I Want a Guy“ heißen die Songs der A-Seite des ersten Albums der Supremes: das war die 1959 zunächst unter dem Namen The Primettes gegründete, erfolgreiche Motown-Band der schwarzen Sängerinnen Diana Ross, Florence Ballard, Mary Wilson und Betty McGlown.</p>
<p>Der Motown-Soul übernahm wesentliche Prinzipien der Kulturindustrie: Ähnlich wie die arbeitsteilige Produktion der Hollywood-Filmstudios war auch die Musikproduktion von Motown durchweg arbeitsteilig organisiert; Vorbild war das Fließband der Automobilindustrie. Zwar hat es solche arbeitsteiligen Produktionsverhältnisse schon vorher in der Musik gegeben, eigentlich nämlich bereits im Orchester des neunzehnten Jahrhunderts, spätestens aber mit der so genannten Sheet Music der New Yorker Tin Pan Alley; doch Motown schaffte es, ähnlich wie Hollywood in Bezug auf den Film, die Musik als eigenständige Kunstform, ja schließlich sogar als Leitkunst zu etablieren – und zwar gerade in der offenen Gestalt fortgeschrittener Massenproduktion als arbeitsteilig hergestellte Kulturware: The Supremes, um bei dem Beispiel zu bleiben, gingen aus einem Talentewettbewerb hervor; und ihre künstlerische Qualität war das Talent, singen zu können; ganz selbstverständlich wurde das Arrangieren, Instrumentieren und Produzieren anderen überlassen: Nur so war gewährleistet, dass Talent und Erfolg zusammenfallen, dass also die künstlerische Qualität durch den ökonomischen Profit begründet wird.</p>
<p>Zu diesem Verfahren, das in der Kulturindustrie noch Strategie war und in der Popkultur dann schließlich Prinzip wurde, gehört zudem die paradox anmutende Bindung und Entbindung von Ort und Kultur: So wie man im Hollywood-Film Hollywood erkennt, zugleich aber nichts über Hollywood als Stadt oder Stadtteil, als sozialen Raum, erfährt, so ist Motown untrennbar mit dem Sound der Industriestädte Nordamerikas verbunden, gleichwohl nicht mit einem Ton erkennbar wird, was diese Industriestädte zu Industriestädten macht; anders gesagt: Gerade hier, wo die Musik insgesamt von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen durchdrungen und bestimmt ist, ist über diese Produktionsverhältnisse in der Musik nicht das Leiseste zu erfahren. </p>
<p>Und dennoch bleibt das Bild der Motor Town das Image von Motown, obwohl das Label 1972 nach Los Angeles umzog und schließlich, nach Firmenverkauf, in New York seine Büros eröffnete. </p>
<p>In Los Angeles – Hollywood liegt vor der Tür – erweiterte die Motown Company ihr Tätigkeitsfeld um Filmproduktionen: Ein großer Erfolg war der für mehrere Oscars nominierte „Lady Sings the Blues“ mit Diana Ross in der Hauptrolle, an dem Motown beteiligt war. Wenn auch kein großer Erfolg und von den echten Fans keineswegs sonderlich geschätzt, so doch bemerkenswert für Motown ist schließlich der 1978 erschienene Film „The Wiz“, Regie: Sidney Lumet. Es ist eine Adaption von L. Frank Baums Beststeller-Buch „The Wonderful Wizard of Oz“, das schon 1900 erschien. „The Wiz“, bereits 1975 ein einträgliches Broadway-Musical, versetzt die Handlung, die Baum ursprünglich in Kansas verortete, nach New York: Hier hatte übrigens 1939 die dann weltberühmt gewordene Verfilmung der „Oz“-Geschichte – mit Judy Garland als Dorothy Gale in der Hauptrolle – Kinopremiere; zur selben Zeit fand in New York eine „Weltausstellung statt: deren Gelände wiederum, der Flushing Meadows Corona Park, dient dann in „The Wiz“ als Kulisse: Es ist das so genannte Munchkinland, wo sich Dorothy, die noch nie zuvor Harlem verlassen hat, nach einem Schneetreiben plötzlich wiederfindet. Dorothy (Diana Ross) trifft hier ihre neuen Freunde: Vogelscheuche (Michael Jackson), Löwe (Ted Ross) und Blechmann (Nipsey Russell). Gemeinsam geht es auf der Yellow Brick Lane, die im Film über die Brooklyn Bridge führt, nach Emerald City, für die die beiden Türmen des New Yorker World Trade Centers als Kulisse dienen: Eine imaginäre Stadt, die, passend zur Popkultur der späten siebziger Jahre, als eine einzige Diskothek erscheint – ein gewaltiger Lautsprecher zwischen den Türmen beschallt eine riesige Tanzfläche, auf der es zugeht wie damals im Studio 54. Der Zauberer (Richard Pryor), der hier als DJ dieser Party auftritt, entpuppt sich wie in der Buchvorlage als freundlicher Betrüger, ein Glücksversprecher, der tatsächlich nicht mehr ist als ein gescheiterter Politiker.</p>
<p>Mitnichten ist der Film das Beste, was je im Namen von Motown entstanden wäre: die Adaption der Oz-Geschichte ist recht dürftig, die Musik nett und brav, die Botschaft billig, fast haarsträubend. Interessant ist allerdings, gerade in Bezug auf Motown, wie hier die Soul-Musik wieder zur Stadt zurückkommt, wie Großstadt und Geistesleben hier wieder eine ideologische Einheit bilden, wie die Menschen einmal mehr emotional dort abgeholt werden, wo sie in der gefühllosen Wirklichkeit der kapitalistischen Motor Town zurückgelassen wurden.</p>
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		<title>Der Blues steckt in der Aldi-Tüte</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Nov 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>

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Wie man durch die Türen aus der Hamburger Schule hinauskommt]]></description>
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<h3>Wie man durch die T&uuml;ren aus der Hamburger Schule hinauskommt</h3>
<p><em>Jungle World 48, 29.11.07</em></p>
<p><em>von Roger Behrens</em> <span id="more-541"></span></p>
<p>Ich erinnere mich, einmal auf der R&uuml;ckseite irgendeiner Doors-Platte &#8211; wahrscheinlich war es blo&szlig; eine der vielen schn&ouml;den Best-of-Compilations &#8211; eine Jim Morrison zugeschriebene Erkl&auml;rung der Bedeutung des Bandnamens gelesen zu haben: T&uuml;ren seien &Uuml;berg&auml;nge, Schwel­len zwischen den Welten; durch sie k&ouml;nne man eben­so hinein- wie hinauskommen, von bekannten in unbekannte R&auml;ume wechseln. Durchaus mit jugendlicher Sympathie f&uuml;r solche zur Pseudometaphysik aufgeplusterte Banalit&auml;t dachte ich damals, das wei&szlig; ich noch, so etwas geht nur mit der englischen Sprache: »The Doors« funktioniert, »Die T&uuml;ren« gar nicht, klingt &uuml;berhaupt schon ziemlich bescheuert. Das dachte ich auch Jahre sp&auml;ter noch einmal, als ich vor einiger Zeit das erste Mal Aufkleber oder Plakate sah, auf denen eine Band mit eben diesem Namen ihre Konzerte ank&uuml;ndigte: Die T&uuml;ren.</p>
<p>Nun haben Die T&uuml;ren ihr drittes Album ver&ouml;ffentlicht, dessen Titel nicht weniger konsequent ist als der Bandname: »Popo« (oder »P-O-P-O«). Und so sehr nunmehr gewiss ist, nach &uuml;ber drei Jahrzehnten, dass nach Punk und Disco, House und Hardcore, New Wave und Postrock so etwas wie The Doors nur als Retroph&auml;nomen noch Relevanz h&auml;tte, so sicher kann man sich jetzt sein: Die T&uuml;ren und »Popo« &#8211; das funktioniert heute, das kann man machen. Es ist gleichsam die musikalische Entsprechung der Marxschen Einsicht, dass sich nichts in der Geschichte zweimal ereignet &#8211; wenn doch, dann das erste Mal als Trag&ouml;die und das zweite Mal als Farce. Die Farce ist hier in sehr kluger und zudem wundersch&ouml;n klingender Weise als &auml;sthetisches Prinzip perfektioniert. Und dieses Prinzip hei&szlig;t zun&auml;chst einmal: Soul.</p>
<p>Das ist die Form der meisten der zw&ouml;lf Songs; ihr Inhalt sind allesamt vollkommen unpr&auml;tenti&ouml;se Wahrheiten, die zwar nicht notwendig zum &Uuml;berleben sind, aber gleichwohl hinreichend f&uuml;r gute musikalische Unterhaltung. »Pause machen ist nicht, sonst bist du arbeitslos und pleite«, hei&szlig;t es b&uuml;ndig in »Pause machen geht nicht«. Und in »Ehrliche Arbeit«: »Allein durch Arbeit ist noch keiner reich geworden, nur f&uuml;rs Leben gibt es kein Geld. « Deshalb empfehlen Die T&uuml;ren: »Nutze die Zeit, um deine Existenz zu bauen, wenn du tot bist, geht das nicht mehr. « Schlie&szlig;lich, denn Vorsicht &#8211; »Der Blues kommt zur&uuml;ck in die Stadt«: »Sei nicht traurig, das letzte Hemd hat keine Taschen. Sei nicht traurig, da ist immer noch genug Pfand auf den Flaschen. «</p>
<p>Das sind tanzbare Durchhalteparolen, teils mit Melodie setzenden Bl&auml;sern versch&ouml;nert, teils im treibenden Boogie-Rhythmus, als angemessener Spott f&uuml;r das kulturlinke Prekariat. Mit anderen Worten: Das sind mehr als nur alberne Texte, vielmehr markieren sie exakt das Niveau, auf das der Popdiskurs die letzten Jahre zusteuerte, ja das Niveau, auf dem die Abi-Jahrg&auml;nge 1992 bis 1994 der Hamburger Schule heute ihre Klassentreffen veranstalten. Das ist zugleich auch etwas sehr Sympathisches an den T&uuml;ren: Obwohl eine Berliner Band, beteiligen sie sich mitnichten an dem Deutschpop-Soundtrack der neuen Hauptstadt; eigentlich beteiligen sie sich an gar nichts, au&szlig;er an dem feinen Projekt ihrer Band (und nebenbei: Dass man bisher, nach der Aufl&ouml;sung von Blumfeld, erst einmal nur von dem Keyboarder und Bassisten Michael M&uuml;hlhaus etwas h&ouml;rt, n&auml;mlich hier auf »Popo«, kommt wohl nicht von ungef&auml;hr).</p>
<p>Gekonnte Farce ist auch die Corporate Identity, mit der Die T&uuml;ren »Popo« pr&auml;sentieren: Die CD ist eine Bierschinkenscheibe und das Booklet eine Postwurfsendung, mit der die Songs jeweils als Schn&auml;ppchen f&uuml;r einzelne T&uuml;rmodelle angeboten werden: »Geschmack braucht man keine, man kauft sie einfach ein! «, lautet die Parole in falschem Deutsch und richtigem Reklamejargon. Als Bildhintergrund dient das blauwei&szlig;e Streifen­muster, das die Discounterkette Aldi seit Jahrzehnten f&uuml;r ihre Plastikt&uuml;ten verwendet. Was Die T&uuml;ren und der Cover-Designer Andrew Sinn vielleicht gar nicht wissen, aber sich als interessantes Detail entpuppt: Die Aldi-Streifen hatte seinerzeit der Neokonstruktivist G&uuml;nter Fruh­trunk gestaltet und ber&uuml;hmt gemacht; das r&uuml;ckt das Album in den Bereich der Kunst, genauer: in den Bereich der Gegenwartskunst, wenn nicht des gegenw&auml;rtigen Kunstbetriebs, der sich nicht nur allgemein als finanziell &auml;u&szlig;erst lukrativ erwiesen hat, sondern der der in die Bedeutungs­losigkeit aufgel&ouml;sten Hamburger Schule und ihren lokalen wie nationalen, politischen wie &auml;sthetischen Nachahmern gleichsam eine neue Heimat, mindestens ein Reservat bedeutet. Die einstigen Protagonisten und gegenw&auml;rtigen Derivate der Poplinken haben n&auml;mlich l&auml;ngst erkannt, dass der eleganteste Weg in den konformistischen Mainstream der Umweg &uuml;ber die als nonkonformistisch geltende Kunst ist. Dieser Schlenker f&uuml;hrt &uuml;ber den Kunstmarkt, der &ouml;konomisch derzeit mehr zu bieten hat als der Musikmarkt.</p>
<p>Die T&uuml;ren sagen eigentlich oder vielleicht etwas ganz &Auml;hnliches, denn »Popo« l&auml;sst sich ja auch mit »Pop im Arsch« &uuml;bersetzen. Schlie&szlig;lich ist es insofern die Hintert&uuml;r, durch die man hinauskommt oder hinein, je nachdem: Der Diskurspop und der Popdiskurs sind gleicherma&szlig;en gescheitert &#8211; ob in Gestalt der Hamburger Schule oder der so genannten Wohlfahrtsaussch&uuml;sse; allerdings gar nicht politisch gescheitert, denn politisch gab es da nichts, woran man scheitern konnte. Gleichwohl gab es den politischen Willen, das unbedingt gewollte Politische. Doch genau das charakterisiert dieses Scheitern, was Blumfeld mit ihrem &#8211; schlie&szlig;lich auch k&uuml;nstlerischen &#8211; Ende quittierten und Tocotronic s&uuml;ffisant »Kapitulation« nennen: Die seit den Anf&auml;ngen betriebene symbolische Selbst&uuml;berbietung und fortlaufende Sinn&uuml;berh&ouml;hung hat sich schlichtweg an den kruden Erwartungen des Publikums totgelaufen &#8211; man wollte gute Musik, bekam aber immer noch irgendwie politische und irgendwie politisch gemeinte Zeichen­ordnungen dazugeliefert, bis jeder musikalische Einfall in Anspielungen und Assoziationen zu ersticken drohte.</p>
<p>Von Blumfeld bleibt zum Schluss der »Apfelmann« &uuml;brig. Bei Tocotronic steht der gute Indierock disparat zu den wie auch immer intendierten Texten. Da wird das Prinzip der Trag&ouml;die fortgesetzt, w&auml;hrend eben Die T&uuml;ren das Prinzip der Farce stark machen: Ihr freies Spiel mit Sinn und Bedeutungen ist solider Unfug, damit aber der momentan noch glaubw&uuml;rdigen Idee von Pop angemessen. Die T&uuml;ren sind dabei buchst&auml;blich nur die T&uuml;ren zu einer kleinen, gut gef&uuml;llten Konzerthalle, in der eine ganze Reihe von unterschiedlichsten Musikern, Bands und Projekten sich einfindet, wozu gleicherma&szlig;en Die Zimmerm&auml;nner und Superpunk geh&ouml;ren, sicherlich und seit jeher Knarf Rell&ouml;m (derzeit: Knarf Rell&ouml;m Trinity), ebenso Saalschutz, und schlie&szlig;lich Jens Friebe mit seinem &auml;u&szlig;erst sch&ouml;nen Album »Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache, dir ist nichts passiert«.</p>
<p>»Wenn der Sport der Bruder der Arbeit ist, ist die Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit«, zitieren Die T&uuml;ren Thomas Kapielski. Das passt dazu: Auf der Homepage von Blumfeld wird der jetzt erscheinende »Konzertfilm« von Harry Rag, die »Blumfeld-Live-DVD« »Nackter als nackt«, beworben, »aufgenommen auf der Abschiedstour am 29.04. «. »Hier bestellen« anklicken und man landet bei Amazon.</p>
<p>Ich h&ouml;re mir derweil noch einmal meine alten Doors-Platten an, die ich irgendwo in einer Aldi-T&uuml;te verstaut hatte.</p>
<p><em>Die T&uuml;ren: Popo. (Staatsakt)</em></p>
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		<title>Schrei nach Kapitulation</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 01:15:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-41]]></category>
		<category><![CDATA[Wendler; Christoph]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 41/2007</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Christoph Wendler</em> <span id="more-909"></span></p>
<p>Tag ein, Tag aus dasselbe Theater: st&auml;ndig re&uuml;ssieren, sich pr&auml;sentieren m&uuml;ssen; und doch permanent dem Untergang geweiht sein: Das Leben als b&uuml;rgerliches Konkurrenz-Subjekt ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Die Warengesellschaft sorgt daf&uuml;r. Doch was dagegen tun?</p>
<p>Musik-H&ouml;ren k&ouml;nnte hilfreich sein. In ihrem neuen Album empfiehlt die Hamburger Diskursrock-Band &#8220;Tocotronic&#8221; n&auml;mlich Folgendes: &#8220;Und wenn du kurz davor bist / Kurz vor dem Fall / Und wenn du denkst / Fuck it all / Und wenn du nicht wei&szlig;t / Wie soll es weitergehen / KAPITULATION&#8221;Moment einmal: ausgerechnet Kapitulieren soll die L&ouml;sung sein? Das leuchtet nicht gerade ein! Doch der Schein tr&uuml;gt. Bei n&auml;herer Betrachtung entpuppt sich der Begriff als &auml;u&szlig;erst deutungsreich. Zwar ist er normalerweise &uuml;berwiegend negativ besetzt, denn Aufgeben tun bekanntlich ja nur <em>Loser</em>, doch (oder gerade deswegen! ) l&auml;sst er sich auch gesellschaftskritisch umdeuten. Kapitulation, wie &#8220;Tocotronic&#8221; argumentieren, kann als Bruch mit dem Status quo sehr befreiend sein, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Unter Umst&auml;nden wird damit &#8211; wie bspw. ein Blick auf die Vergangenheit offenbart &#8211; sogar etwas Furchtbarem ein Ende gesetzt.</p>
<p>&#8220;Im Anfang ist der Schrei&#8221;, so benennt John Holloway den Dissens als Ausgangspunkt von Verweigerung und Reflexion. Kapitulation als Nicht-mehr-weiter-Machen meint im Grunde das Gleiche, ist jedoch eine viel fragilere Position. Da ihr von vornherein die Machtfrage entr&uuml;ckt ist, er&ouml;ffnet sich, indem sie ihre eigene Schw&auml;che mitdenkt, ein anderer, tendenziell subtilerer Blickwinkel auf die Welt. Das ist zugleich ihre wesentliche St&auml;rke. Aus Kapitulieren wird Rekapitulieren, sich der prek&auml;ren Lage bewusst zu werden. Damit w&auml;re der erste wichtige Schritt getan. Anschlie&szlig;end kommt es &#8220;nur&#8221; noch darauf an, welche Schl&uuml;sse daraus gezogen werden, denn die blo&szlig;e Verweigerung alleine stellt noch keine emanzipatorische Perspektive her.</p>
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		<title>Dialektik der Scherben</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jul 2007 00:58:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-40]]></category>

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<p>Streifzüge 40/2007</p>
<p>KOLUMNE Rückkopplungen</p>
<p><em>von Roger Behrens</em> <span id="more-2365"></span></p>
<p>„Ist alles in Ordnung? Ist der Sound okay?“, fragt Rio Reiser beim Konzert am 1. Mai 1983 im Berliner Tempodrom das Publikum. Natürlich ist nichts in Ordnung, aber der Sound ist okay – sehr okay. Ton Steine Scherben hatten damals gerade ihre letzte Studioplatte herausgebracht, schlicht „Scherben“ betitelt, so wie man die Band ohnehin nannte; denn das klang mehr nach Punk, dem man die Gruppe wohlwollend zuordnete. Dazu passte allerdings nicht, was jetzt zu hören war: „Wo sind wir jetzt / Seele versetzt / Herzen verkauft / Ich halt’s nicht mehr aus“ – lautet der Refrain des ersten Stückes der Platte, mit dem auch das Konzert beginnt. Das Cover des „Scherben“-Albums zeigt ein verschwommenes Schwarzweißfoto der Band, behutsam nachkoloriert in den für die Ästhetik der Hässlichkeit der Achtziger typischen Pastellfarben. Zu hören sind Liebeslieder, mager arrangierte Songs und pseudopolitisch aufgemotzte Reime; kurzum: die Platte ist musikalisch wie textlich eine Enttäuschung und man hört nicht nur den Abgesang einer ehedem bedeutenden Band, sondern findet gleichsam auch eine Geschichte des Scheiterns der Linken skizziert. Die fünfzehn Jahre von 1970 bis 1985, in denen Ton Steine Scherben als Band existierte, markieren nämlich auch das Versäumnis und Unvermögen der radikalen Linken, eine radikale Kultur hervorzubringen: die verpasste Chance und unerkannte Notwendigkeit einer politisch wie ästhetisch revolutionären Avantgarde, die Spaltung von künstlerischer Produktion und Alltagspraxis aufzuheben.</p>
<p>Diese Chance wie Notwendigkeit gleichermaßen bestand weltgeschichtlich Ende der sechziger Jahre, als im Zuge des Pariser Mai zum letzten Mal der Kapitalismus in seiner Totalität fundamental infrage gestellt war: als System der strukturellen Gewalt, des Elends und der Armut sowie gleichermaßen als warenproduzierende Überflussgesellschaft – also erstmals unter dem Vorzeichen der Gewissheit, dass der Kapitalismus auch dann, wenn er sich selbst als funktionierende Konsumgesellschaft inszeniert, nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Bücher wie Marcuses „Eindimensionaler Mensch“ von 1964 oder Debords „Gesellschaft des Spektakels“ von 1967 haben in ihrer rücksichtslosen Kritik des Kapitalismus eine Neugestaltung der Kultur gefordert, die sich nicht mehr aus der bestehenden kulturellen Ordnung speisen kann. Wie so etwas in die Praxis umsetzbar wäre, ist nicht von der absterbenden bürgerlichen Hochkultur zu beantworten versucht worden, sondern ausgerechnet von der konstitutiv durch die Warenproduktion bestimmten Popkultur: Ende der sechziger Jahre brechen die Strukturen auf und eine Musik mit neuen Sounds, neuen Inhalten, neuer Form wird geschaffen.</p>
<p>Inmitten dieses Aufbruchs tauchen auch Ton Steine Scherben auf, die 1970 in Westberlin von R.P.S. Lanrue, Rio Reiser, Wolfgang Seidel und Kai Sichtermann gegründet werden. Die Band versteht ihre Musik im Sinne des alten Agit-Prop-Konzeptes und sie singen das, was sie zu sagen haben, auf Deutsch; musikalisch orientieren sich TSS am einfachen Bluesrock, ein bisschen Beat, ein bisschen Soul. Beim Love-and-Peace Festival am 6. September 1970 auf der Ostseeinsel Fehmarn kommt es beim Auftritt von Ton Steine Scherben zum Tumult, der das Image der Band nachhaltig prägen soll: Unbekannte zündeten auf dem Festival während des Scherbenauftritts ausgerechnet beim Lied „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ das Organisationsbüro an, woraufhin die Veranstaltung abgebrochen werden musste (übrigens hatte auf diesem Rockfestival, welches zu den damaligen Versuchen zählt, Woodstock kommerziell zu wiederholen, Jimi Hendrix kurz vor seinem Tod sein letztes Konzert gegeben). Der Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ ist nun nicht nur wegen seiner reduzierten, aber dennoch spannungsreichen Melodie bemerkenswert, die durch den parolenhaften Text unterstützt wird, sondern vor allem wegen der Schlussreferenz, wenn – wie bei der berühmten Aufnahme auf der ersten Ton Steine Scherben-Platte – sich die Musik in das „Einheitsfrontlied“ von Brecht und Eisler verwandelt.</p>
<p>Dass überhaupt die beiden ersten LP-Veröffentlichungen „Warum geht es mir so dreckig?“ (1971) und „Keine Macht für Niemand“ (1972) noch heute als Antizipation des Punkrock gehört werden, kommt nicht von ungefähr. Neu war etwa, dass die ersten vier Stücke des ersten Albums Live-Aufnahmen sind; das gab der Musik einen rauen, spontanen Ton, etwas Authentisches. Authentisch im Sinne des Punk sind schließlich auch die aus Pappe selbst zusammengehefteten und mit Schablonen selbst bedruckten Cover. Vor allem – und das muss man sich für den Kontext der frühen Siebziger vergegenwärtigen – geht es in den Liedern nicht um die popüblichen Stereotypen von Liebe, Boy meets Girl, Spaß und Weltflucht, sondern ganz im Gegenteil: Hier geht es um Alltagserfahrung und Klassenkampf, formuliert als vollkommen legitimes Bedürfnis nach Unterhaltung und Interesse an der eigenen Geschichte; dies aber nicht im Auftrag von Partei, mit Personenkult, Belehrung oder der faden Doktrin vom sozialistischen Realismus, sondern bestimmt von einem anarchistischen Impuls – und es ist Bands wie den Scherben zu verdanken, dass solche libertären Motive in der Linken nicht gänzlich verloren gegangen sind. Nicht gelang es jedoch, daraus und darin eine kulturelle Praxis zu begreifen, wie indes Peter Weiss es historisch als „Ästhetik des Widerstands“ formulierte (1975–1981).</p>
<p>1975 veröffentlichten die Scherben mit „Wenn die Nacht am tiefsten …“ eine Doppel-LP, die Höhepunkt und Krise der Band wie der politischen Bewegung in den Siebzigern zum Ausdruck bringt: Ton Steine Scherben waren jetzt aufs Land gezogen, nach Fresenhagen in Schleswig-Holstein, raus aus der Stadt, weg von Berlin: Auf dem Cover ist das mittlerweile zum Kollektiv angewachsene Projekt noch inmitten der Metropole zu sehen („Vor zwei Jahren waren wir noch fünf Leute, jetzt sind wir sechzehn, im Alter zwischen vierzehn und dreiunddreißig. Aus den verschiedensten Berufen.“). Doch der Illusionismus des Gruppenfotos steht im Kontrast zur wachsenden Desillusionierung, eine Ambivalenz, die sich schließlich in der Musik niederschlägt: Zur Dialektik der Scherben gehören auch die Scherben der Dialektik. Das Doppelalbum verrät insofern eine musikalische Landflucht: Ein Konzeptalbum über das Prinzip Hoffnung, einschließlich eines angenehmen Messianismus, der dem Album gleichwohl eine quasireligiöse Färbung gibt. Es heißt: „Unser Schiff / heißt Hoffnung“. Oder: „Die längst verloren geglaubten / werden von den Toten auferstehn.“ Die Reise führt biblisch, inspiriert von Karl May, „Durch die Wüste“. Die Stücke erreichen mit sieben, neun und sogar bis zu zwanzig Minuten nachgerade Progrock-Länge; auch in ihren Arrangements sind sie mäandernd und psychedelisch verspielt; hier und da gibt es illustrative Soundeffekte. Sicher wird mit Kitsch und Happy End kokettiert. Und gleichzeitig wird die Musik über die letzte Plattenseite ins Freie, in die Montage, in die Collage aufgelöst. Für das ästhetische Potenzial dieses Albums fehlte es allerdings Mitte der siebziger Jahre in der K-Gruppen-Linken an Sensibilität, an Sinnlichkeit und Lust; der revolutionäre Kulturentwurf stand nicht mehr auf der Tagesordnung, verödete. Die damalige Ignoranz gegenüber den radikalen Popentwicklungen der Siebziger zeitigt bis heute ihre Nachwirkung. Auch an Ton Steine Scherben sind diese Entwicklungen nicht vorbeigegangen, was den nachfolgenden, letzten Alben auch anzumerken ist: Das ästhetische Programm scheint sich merkwürdig in einem offiziellen Kulturauftrag zu nivellieren. Die damalige Jungdemokratin und spätere Grüne Claudia Roth wird 1982 Managerin von Ton Steine Scherben – auf der „Scherben“ wird sie unter „Tea &amp; Sympathy“ aufgeführt.</p>
<p>Für die radikale Linke gaben Ton Steine Scherben in den achtziger Jahren dann nur noch nominell den Soundtrack ab. Die Musik wurde von der Neuen Deutschen Welle vollständig absorbiert, 1985 löst sich die Band auf; auch die Seitenprojekte wie Brühwarm oder Die Stricher versanden. Auch hier macht sich bereits der postmoderne Zeitgeist der achtziger Jahre bemerkbar, freilich in der deutschen Variante einer geistig-moralischen Wende, die weit über ein konservatives Rollback hinaus große Teile der Friedensbewegung, der Alternativen und der Linken als neues nationales Wir-Gefühl erreicht. Die Splitter der Scherben fügte man zum Mosaik einer neuen Volksmusik zusammen, als deren Schöpfer Reiser fortan verehrt wurde. Und in denselben Jahren, in denen sich ein Michael Jackson zum King of Pop machte, kürte Rio Reiser sich zum „König von Deutschland“ und damit zum alternativen Politclown, den man nunmehr sukzessive zum deutschen Dichter zurechtmodelt. Reiser starb 1996.</p>
<p>Dass Ton Steine Scherben keinen Spätstil ausbilden, ist für die Popmusik insgesamt signifikant und findet sich bei den Rolling Stones, bei Yes, The Who, Bob Dylan, The Cure, bei The Residents oder bei Donna Summer gleichermaßen. Die Ausnahmen – Frank Zappa, The Fall, … – bestimmen die Regel, die da lautet: Der Spätstil scheitert am Stil überhaupt. Stattdessen wird die Ästhetik der Popmusik vom Ausdruck dominiert; und deshalb kann man die Musik von Ton Steine Scherben nach <em>gusto</em>, und das heißt leider auch geschmäcklerisch fortsetzen: als reine Kunst, losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext. Darin unterscheiden sich die Coverversionen von Scherben-Stücken bei der Punkband Slime kaum von denen, die Marianne Rosenberg gesungen hat: Es sind persönliche Vorlieben, die einzig darüber entscheiden, ob man das mag oder nicht. Dass es sich hierbei keineswegs um ein Privatproblem einzelner Musiker und Bands handelt, sondern um ein grundlegendes Problem emanzipatorischer Praxis im Sinne radikaler Kultur, ist bisher kaum erkannt worden. Im Gegenteil wurde die popkulturelle Individualästhetik kollektivistisch zur Subkultur verklärt, und schnell war man schon zu Beginn der Siebziger bei den Scherben mit dem Kommerzialisierungsvorwurf zur Hand. Doch in der kapitalistischen Kultur, für die Kommerz konstitutiv ist, läuft solche Pseudokritik sowohl ins Leere als auch in die falsche Richtung: Rasch wird künstlerische Regression zum Programm vermeintlicher Erbschaft und Tradition gemacht. Dagegen gilt es zu verteidigen, was Marx lapidar zum Ausgang der revolutionären Epoche im 19. Jahrhundert notierte: Man muss den Verhältnissen ihre eigene Melodie vorsingen, um sie zum Tanzen zu bringen. Dazu gehört mehr als gut gemeinte Kunst und Vertrauen in die Distinktionskraft des eigenen Geschmacks. Dazu gehört nämlich das, was Benjamin die Politisierung der Kunst nannte: ein kritisches Moment von produktiver Erkenntniskraft, das ist: die Fähigkeit, mit dem gegebenen Material im Sinne kritischer Signifikanz umzugehen. Solche Fähigkeit zeigt sich, wenn überhaupt, in der Popkultur bisher unbewusst, in der künstlerischen Produktion allegorisch verhüllt. Selten wissen Musiker, wie gut sie sind. Selten wissen viele Musiker aber auch, wie schlecht sie sind. Gelegentlich ist es allerdings eine Ahnung, die ein ästhetisches Unbehagen in die Musik mit aufnimmt. Und mitunter ist es gelungen, dem wenigstens ironisch gebrochen Ausdruck zu verleihen, so wie bei den Lassie Singers (1988–1998) oder Britta (seit 1997), zwei Bandprojekte, bei denen Britta Neander wieder auftaucht, die von 1974 bis 1982 bei den Scherben spielte. – Britta Neander stirbt unerwartet nach einer Operation 2004.</p>
<p>Jüngst ist das „Gesamtwerk“ von Ton Steine Scherben erschienen: Dreizehn CDs in discophiler Gestaltung, die Einzelalben in Pappcovers, alles remastert und einiges an bislang unveröffentlichtem Material; dazu ein 72-seitiges Booklet mit zahlreichen Fotos und Berichten zur Bandgeschichte. Erschienen ist die Box bei Scherben-Label David Volksmund Produktion 2006. Wem das nicht reicht: Mittlerweile gibt es auf Youtube ebenso wie auf Myspace viele Video- und Audiomitschnitte der Scherben, darunter auch Skuriles. „Guten Morgen“ – das erste Songbuch, 1972 im Selbstverlag erschienen, gibt es als PDF zum Download auf: www.riolyrics.de/gutenmorgen.html.</p>
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		<title>FASCINISTA</title>
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		<pubDate>Wed, 28 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
		<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Weg und Ziel 1997-5]]></category>

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Überlegungen zum Phänomen Madonna]]></description>
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<h3>&Uuml;berlegungen zum Ph&auml;nomen Madonna</h3>
<p>Weg und Ziel 5/1997</p>
<p><em>Von Franz Schandl</em> <span id="more-533"></span></p>
<p><em>Madonna ist die faszinierendste K&uuml;nstlerin, die die Pop-Musik je hervorgebracht hat. Vor allem ihre Haltbarkeit, ihre Best&auml;ndigkeit, gibt einige R&auml;tsel auf, die geradezu zur Analyse herausfordern.</p>
<p></em>Madonna Louise Veronica Ciccone ist die letzte &Uuml;bertreibung des amerikanischen Durchschnitts. Nicht au&szlig;ergew&ouml;hnlich, sondern gew&ouml;hnlich. &#8220;Wenn ich etwas bescheidener w&auml;re, s&auml;&szlig;e ich vielleicht als Hausfrau in Michigan&#8221;(<a name="1" href="#a1">1</a>), sagt Madonna. Keine Frage. Daher ist sie nicht nur ein ansprechendes Lustobjekt, sondern auch ein ausgesprochenes Identifikationsobjekt. Es ist diese Verkleidungs- und Fassadenkunst, die so auffordernd erregt, M&auml;nner und Frauen aus unterschiedlichen wie gleichen Gr&uuml;nden fasziniert. Denn jede k&ouml;nnte Madonna sein. Sie ist durch und durch irdisch. Verr&uuml;ckt vielleicht, aber nicht entr&uuml;ckt.</p>
<h4>Was werden</h4>
<p>&#8220;Andererseits habe ich mir in meiner Jugend immer und immer wieder gesagt, da&szlig; ich &#8216;jemand sein&#8217; wollte. Ich wollte anders aussehen, mich anders kleiden, anders f&uuml;hlen. &#8220;(<a name="2" href="#a2">2</a>) Man beachte die Reihenfolge und den logischen Zusammenhang. Das Gef&uuml;hl wird zur Folge des <em>&Auml;u&szlig;eren</em> und somit der <em>&Auml;u&szlig;erung</em>. So wie sie gewesen ist, konnte sie sich nicht m&ouml;gen und so wollte sie nicht bleiben. Ist man kein <em>Jemand</em>, dann ist man ein <em>Niemand</em>. Besser kann das b&uuml;rgerliche Subjekt Subjektlosigkeit und Subjektsuche gar nicht beschreiben.</p>
<p>Das Wirkliche war immer das Andere. Aber sobald das Andere wirklich wurde, schrie es nach Abl&ouml;sung. Madonna betreibt Befriedigung durch andauernde Transformation. Das Dasein in Form der Daseinsberechtigung meint also kein wohltemperiertes Beharren, sondern ein tempomachendes Ver&auml;ndern auf der Ebene simulativer Glanzleistungen. Um im Schnelllebigen zu &uuml;berleben, gilt es selbst noch schnelllebiger zu sein. Madonna ist der Wechsel in Permanenz. Sie kann nicht zu sich kommen, da ihr Sich im <em>Au&szlig;er-sich-sein</em> liegt.</p>
<p>Sie verabsolutiert damit nichts anderes als das kategorische Entwicklungsprinzip des b&uuml;rgerlichen Individuums, die <em>Karriere</em>. <em>Was werden</em> statt <em>Wer werden</em>, ist da stets angesagt. Etwas werden mu&szlig; selbstredend nur jemand, der nichts scheint. Damit offenbart sich freilich auch die ganze fetischistische Bez&uuml;glichkeit des Menschen auf sich selbst, er kann sich nicht einfach als Daseiender akzepieren, sondern nur als Soseiender.</p>
<p>Es stellt sich daher auch weniger die Frage, ob man die diversen Ver&auml;nderungen unseres Stars ihrem jeweiligen Inhalt nach untersuchen soll. Das ist letztlich nachrangig, mehr eine Debatte &uuml;ber Werbung und Mode, kurzum aktueller Auff&auml;lligkeit und Ad&auml;quanz. Modus und Form sind der Inhalt, sie wollen partout nicht dialektisch sein, sondern ganz metaphysisch: &#8220;It is&#8221; oder noch deutlicher: &#8220;That&#8217;s it&#8221;. Sie sind Manifestation, nicht Reflexion. Die Kritik der Affirmation kann also nicht blo&szlig; das Verborgene, Hintergr&uuml;ndige suchen, sie mu&szlig; die Oberfl&auml;che schon ernst nehmen. &#8220;The truth is never far behind&#8221; philosophiert die K&uuml;nstlerin (Live to tell/True blue 1986). Wer eine <em>echte</em> Madonna sucht, ist schon auf der falschen F&auml;hrte. Aber was ist heute noch echt? Gar echt echt?</p>
<p>&#8220;Can you see the real me, can you can you? &#8221; fragte schon eine Band mit dem bezeichnenden Namen <em>The Who</em> (Quadrophenia 1973). Die selbstgestellte Frage nach dem &#8220;Who&#8217;s that girl? &#8221; ist bis jetzt jedenfalls nicht zuf&auml;llig unbeantwortet geblieben. Sie f&uuml;hrt in die Irre, l&auml;&szlig;t r&auml;tseln, wo eigentlich eine Kritik des R&auml;tsels angesagt w&auml;re, Einw&auml;nde gegen die Geheimnistuerei vorgebracht werden m&uuml;&szlig;ten. Wozu also wissen, was hinter Madonna steckt? Nicht einmal, wie sie eigentlich aussieht, ist bekannt. Je mehr sie wirkt, desto mehr entwirklicht sie sich.</p>
<p>Schlu&szlig;endlich interessiert auch gar nicht <em>sie, </em> sondern ihre <em>Machart</em>. Diese bestimmt die Macht am Markt. Das &#8220;Who? &#8221; wird &uuml;berhaupt sch&ouml;n langsam hinf&auml;llig, wenn hier Wesen und Erscheinung mehr denn je eins sein wollen. Schon Hegel orakelte nach einem Madonna-Konzert: &#8220;<em>Das Sein ist Schein. </em> Das Sein des Scheins besteht allein in dem Aufgehobensein des Seins, in seiner Nichtigkeit; diese Nichtigkeit hat es im Wesen, und au&szlig;er seiner Nichtigkeit, au&szlig;er dem Wesen ist er nicht. Er ist das Negative, gesetzt als Negatives. Der Schein ist der ganze Rest, der noch von der Sph&auml;re des Seins &uuml;briggeblieben ist. &#8220;(<a name="3" href="#a3">3</a>) Kurzum: Sie gibt uns den Rest.</p>
<p>Es klingt daher wie die Konstruktion eines progressiven Mythos, wenn Diedrich Diederichsen schreibt: &#8220;Das Wichtigste an Madonna ist, da&szlig; sie die Distanz zwischen ihren Inhalten und ihrer Person immer in den Mittelpunkt gestellt hat, so sehr, da&szlig; die Nichtidentit&auml;t zwischen Show und Wirklichkeit wieder in gewissem Ma&szlig;e zu ihrem Inhalt wurde, da&szlig; dabei eine neue Identit&auml;t herauskam. Nun allerdings nicht mehr zwischen einem reaktion&auml;ren Mythos und seinem Opfer, sondern zwischen einer erk&auml;mpften, neuen Position und ihrer Autorin. &#8220;(<a name="4" href="#a4">4</a>) So ganz sicher d&uuml;rfte er sich allerdings auch nicht sein, wenn er schlie&szlig;lich meint, da&szlig; sich die regressiven Tendenzen in der Popmusik durchgesetzt haben: &#8220;Der letzte m&ouml;gliche, fortschrittliche Pop-Mythos war der von den durchschauten, auf Distanz gehaltenen, beherrschten falschen Verh&auml;ltnissen, dem Lachen und Tanzen auf dem Groove des Falschen, das etwas Richtiges, Souver&auml;nes, Wirkliches abwirft. Heute wollen die Leute wieder falsche Echtheit statt echter Falschheit. &#8220;(<a name="5" href="#a5">5</a>)</p>
<h4>Das Ende vom Lied</h4>
<p>Eine zentrale Frage ist auch, warum es gerade die Musik sein mu&szlig;, warum der Transport der Bilder und Spr&uuml;che des Tones bedarf. Eben weil er laut ist, weil er schreit. Das H&ouml;ren ist weniger selbstbestimmt als das Sehen, man kann die Ohren nicht so einfach schlie&szlig;en wie die Augen. Man kann noch weniger leicht wegh&ouml;ren als wegsehen. Man h&ouml;rt schneller als man schaut. Die Belieferung mit T&ouml;nen kennt kein unmittelbares Nein. Gehorcht wird weil geh&ouml;rt. Musik ist die Aufdringlichkeit schlechthin. In der Symbiose des Videoclips k&ouml;nnen sodann bisher ungeahnte Synergieeffekte puncto Stimmungmodulation durch Imperativisierung der Sinne erzielt werden.</p>
<p>Da&szlig; Madonna in ihren Songs meist in der muikalischen Banalit&auml;t verbleibt, ist fast &uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen: Affirmative Schlager wie &#8220;Where&#8217;s the party? &#8220;, wo die verl&auml;ngerte Werkbank, die Kulturindustrie besungen wird, oder naives Tr&auml;llern bei &#8220;Love makes the world go round&#8221; (beides auf &#8220;True blue&#8221; 1986) zeugen davon. Manchmal ist Madonna gar ein artiges, altkluges und biederes Kind: &#8220;Don&#8217;t forget that your family is gold&#8221; singt sie auf &#8220;Keep it together&#8221;. Im gleichen Cut wird sie sogar offen reaktion&auml;r: &#8220;Cause blood is thicker than any other circumstance&#8221;. (Like a prayer 1989).</p>
<p>Doch das ist kein spezifisches Problem, schon gar nicht ihres. Das <em>Lied</em> ger&auml;t an seine immanenten Schranken. Es hat sich in Form und Inhalt weitgehend ersch&ouml;pft. Was mit Schubert seinen Durchbruch und ersten H&ouml;hepunkt erlebte, hat in der Rock- und Popmusik der zweiten Jahrhunderth&auml;lfte zu seiner demokratischen Verallgemeinerung gefunden. Gleichzeitig ist er als <em>song</em> zum Idealtyp <em>entkunsteter Kunst </em>(Adorno)(<a name="6" href="#a6">6</a>) geworden. Diese entkunstete Kunst ist jedoch nicht blo&szlig; als musikalische Regression zu begreifen, sondern in ihrer positiven Dialektik meint sie auch Selbstbefreiung in Richtung <em>selber machen</em>, <em>selber spielen</em>, <em>selber komponieren</em>, <em>selber befriedigen. </em> Jetzt aber ist diese demokratisierte und somit gleichgemachte Kunst ausgelaugt, rappt nur noch dahin, gleicht immer mehr der Repetition und Reinkarnation ihrer selbst. (<a name="7" href="#a7">7</a>)</p>
<p>Auch bei Madonna finden sich die obligaten und abgeschmackten Schemata (Strophe-Refrain-Strophe-Refrain, Dreiklang, einfache tonale Weisen, die Reimform etc. ) Es ist die Variation der Variation der Variation. Mehr als gelingende Abges&auml;nge sind hier aber kaum noch m&ouml;glich, obwohl sp&auml;te Perlen &uuml;berraschen und beeindrucken. So ist es durchaus faszinierend wie einige K&uuml;nstler, etwa Madonna, die restlichen Potentiale erschlie&szlig;en und aussch&ouml;pfen. Zweifellos hebt sie sich in ihren besseren Einspielungen deutlich ab von katholischen Suderanten wie <em>U2</em> oder vom amerikanischen Singsang a la <em>REM</em>.</p>
<p>&#8220;Das alles &auml;ndert aber nichts an einer Immergleichheit, die das R&auml;tsel aufgibt, wieso Millionen von Menschen des monotonen Reizes noch nicht &uuml;berdr&uuml;ssig sind. &#8220;(<a name="8" href="#a8">8</a>)(Adorno) Wahrscheinlich, weil die Menschen in dieser Monotonie des Allt&auml;glichen leben und die Kulturindustrie diese mit ihren Angeboten auf verschiedenen Niveaus nur erg&auml;nzt. <em>&Uuml;berdru&szlig;</em> kann erst dann zu einer kollektiv-reflektierten Bestimmung werden, wenn Perspektiven jenseits auch wirklich ausgemacht sind. Ist das nicht der Fall, dann kann der &Uuml;berdru&szlig; (oder gar der Widerstand) blo&szlig; eingefordert werden, gegen die Realit&auml;t des steten Fortgangs ist er allerdings hilflos, auch wenn er Stimmung, ja Bewu&szlig;tsein mancher Individuen des &ouml;fteren ergreift.</p>
<h4>Material girl</h4>
<p>Madonna verk&ouml;rpert die Besonderheit des Nichtbesonderen. Sie ist aus dem Material, aus dem alle sind. &#8220;Everybody&#8217;s in show-biz, everybody&#8217;s a star&#8221;, sang Ray Davis schon auf der &#8220;Soap opera&#8221; der <em>Kinks</em> (1975). Nun ist es das M&auml;dchen von nebenan, das zeigt, was alle sein k&ouml;nnten. Sie wird <em>aufgemacht</em>, wahrlich zu einem <em>material girl</em>. &#8220;It&#8217;s the punk idea of &#8216;anyone can do it&#8217;; adapted for the Reagan-Bush era. Through concerted beautification and glamorisation, anyone can look like a member of the ruling class. &#8220;(<a name="9" href="#a9">9</a>) Man betrachte nur das &ouml;ffentlich zur Schau gestellte Bildmaterial und vergleiche es mit den inzwischen vielfach publizierten Nacktfotos der unscheinbaren, ja sch&uuml;chternen jungen Frau aus dem Jahre 1979. (<a name="10" href="#a10">10</a>)</p>
<p>Das Arbeiterm&auml;del aus Detroit war in keiner Weise f&uuml;r diese Karriere pr&auml;destiniert. Madonna ist kein typisches Produkt der Kulturindustrie, sondern eher ein <em>untypisches</em>. Daher ist auch der Ha&szlig; verst&auml;ndlich, der ihr aus etablierten Kunstfabriken entgegenschl&auml;gt. Es ist das <em>satte Oben</em>, das das <em>hungrige Unten</em> nicht will. Unten soll unten bleiben. Doch auch wenn unten nach oben kommt, ist damit eigentlich nichts erreicht. Sie hat endg&uuml;ltig demonstriert, da&szlig; das proletarische Exponat genauso penetrant und arrogant sein kann wie die gehobenen K&uuml;nstleranten. Vom Arbeiterm&auml;del zum Megastar. Das zeigt die Durchl&auml;ssigkeit des Kapitalismus, aber auch die Zu-, ja Abrichtung der Durchgelassenen.</p>
<p>Madonna, das ist die Demokratisierung der Anma&szlig;ung. Aber sie will das gar nicht &uuml;berwinden, sie will dem vielmehr gleich sein. Ihre Kritik schreit stets: &#8220;Ich auch! &#8221; Verachtung bestraft sie, indem sie sich Achtung verschafft, nicht indem sie das Prinzip der Verachtung bek&auml;mpft. Aber vielleicht w&auml;re das auch zuviel verlangt? Vielleicht liegen dort die Grenzen des Pops, nicht nur jene der Ciccone. Was sie auszeichnet, eben zu einer &#8220;gro&szlig;en K&uuml;nstlerin&#8221; macht, ist, da&szlig; ihre subjektiven Verwirklichungen gef&auml;hrlich nahe den objektiven Schranken der Kultur &uuml;berhaupt verlaufen. Sie sch&ouml;pft aus dem fast ausgesch&ouml;pten Aussch&ouml;pfbaren, aber sie sch&ouml;pft &#8211; noch. Wieder einmal geht es um den Rest.</p>
<h4>Schamlose Projektionen</h4>
<p>&#8220;Madonna ist die wandelbarste Projektionsfl&auml;che in Form eines menschlichen Stars, die dieses Jahrhundert geschaffen hat. &#8220;(<a name="11" href="#a11">11</a>) Eine Leistung besteht darin, da&szlig; Madonna sich dem Tempo der kulturindustriellen Verwertungsmaschine synchronisieren konnte. Es ist dieses intuitive und sich perfektionierende Erfassen der Gesetzlichkeit der Unterhaltungsindustrie, das Madonna vor anderen auszeichnet. Wobei das Wort <em>Erfassen</em> ganz absichtlich anderen, st&auml;rkeren Termini vorgezogen wurde. Es meint nicht <em>Begreifen</em> oder <em>Erkennen</em>, es ist eher anzusiedeln auf der Ebene pragmatisch reflektierter und reformierter Erfahrung. Es ist schlau, nicht unbedingt gescheit. Raffinesse ist wichtiger als Intelligenz.</p>
<p>Anwendung und Ausnutzung sind durch und durch schamlos: <em>Wenn ihr es so wollt, dann sollt ihr es so haben &#8211; bis zum Geht-nicht-mehr! </em>Nat&uuml;rlich realisiert sich Madonna &uuml;ber den Markt, aber sie wird nicht blo&szlig; realisiert, sie verwirk(lich? )t sich auch selbst, auch wenn es das Selbst gar nicht mehr gibt. Das klingt paradox, l&auml;&szlig;t sich aber erkl&auml;ren: Madonna hat dieses Passiv der Verwertung so internalisiert und repersonalisiert, da&szlig; es schon wieder als Aktiv erscheint. Die leidenschaftliche Leideform wird als T&auml;tigkeitsform wahrgenommen. &#8220;In this view, &#8216;Vogue&#8217; is a dizzy, confounding moment in which the apparently reactionary and ultra-conformist becomes revolutionary: meaning implodes, turns evanescent. &#8220;(<a name="12" href="#a12">12</a>)</p>
<p>Diedrich Diederichsen meint: &#8220;Madonnas zur Schau gestellter Genu&szlig; an ihren Triumphen, in offen als falsch kenntlich gemachten Verh&auml;ltnissen, erlaubt es &uuml;berhaupt erst, die Kosten und die Chancen von unvorhergesehener Souver&auml;nit&auml;t im Pop im Zeitalter seiner totalen Industrialisierung zu verstehen und zu diskutieren. Wenn Madonna auf Prostitution anspielt, dann aber auch weil sie diejenige ist, die im Massen-Pop-Bereich, der ansonsten ein einziges kostenloses Pornotopia ist, die Bezahlung und Nichtauthentizi&auml;t, die Anerkennung der entfremdeten Arbeit statt der Verkl&auml;rung als kostenlose, frei verf&uuml;gbare Liebesdienste eingef&uuml;hrt hat. In dem Sinne, da&szlig; eine Prostituierte immer noch besser dran ist als die legal umsonst vergewaltigte Ehefrau. &#8220;(<a name="13" href="#a13">13</a>) &#8211; Wird noch prostituiert, wenn die Prostituierte sich selbst so leidenschaftlich prostituiert? Mehr als gestellt ist diese Frage hier aber nicht. Eines ist allerdings klar: Die Ciccone ist keine Ciccolina. (<a name="14" href="#a14">14</a>)</p>
<p>Madonna bedarf jedenfalls permanent der Neuinszenierung, nicht blo&szlig; der selbstgecoverten Reprise. Nach den obligaten kulturindustriellen Gesetzen k&ouml;nnte Madonna l&auml;ngst ausgespuckt sein, doch irgendwie kratzt sie stets die Kurve. &#8220;Beim Fr&uuml;hst&uuml;ck glaubten sie, mich v&ouml;llig durchschaut zu haben, und beim Abendessen bin ich schon wieder ganz anders&#8221;, (<a name="15" href="#a15">15</a>) sagt sie, oder: &#8220;Sie dachten, eines Tages w&uuml;rde ich sang- und klanglos wieder verschwunden sein. Aber ich blieb. Und das machte manche Leute geradezu rasend. &#8220;(<a name="16" href="#a16">16</a>)</p>
<p>Nun denn, das Sang- und Klanglose war nie Madonnas Kennzeichen. Selbst die Skandale wirken inszeniert, und doch wiederum auch nicht. Sei es als sie 1989 gegen die Kirche (<em>Like a prayer</em>) ansang oder 1994 in der <em>Late Show With David Letterman</em> dreizehnmal das Wort <em>fuck</em> verwendete und Letterman einen &#8220;alten Wichser&#8221; nannte, nachdem dieser insistierend versuchte, &uuml;ber Madonnas Sexualleben zu sprechen. &#8220;Jetzt lecken Sie mich am Arsch&#8221; meinte sie dann noch zu ihm, und kurz vorher: &#8220;Mit mir mu&szlig; wirklich was nicht stimmen &#8211; sonst w&uuml;rde ich hier nicht sitzen. &#8220;(<a name="17" href="#a17">17</a>) Dem ist nicht zu widersprechen. Aber auch das ist nur eine Facette, Monate sp&auml;ter spielt sie bei Gottschalk das L&auml;mmlein.</p>
<h4>&Uuml;beraffirmation und Kitsch</h4>
<p>Die letzte Steigerung des b&uuml;rgerlichen Subjekts, auch als solches Existenz zu behaupten, ist die &Uuml;beraffirmation: <em>Ich bin, weil ich daf&uuml;r bin. </em> Das M&uuml;ssen wird in ein Wollen &uuml;berf&uuml;hrt. Das F&uuml;r-Sich verschwindet im An-Sich, die Bestimmung l&ouml;st sich auf in der unmittelbaren Beschaffenheit. &#8220;Die unterste Stufe der Weisheit&#8221;(<a name="18" href="#a18">18</a>) wird als letzter Hit verkauft. Hier winkt nichts anderes als die sekund&auml;re Barbarei auf der Erkenntnisebene, die quasi als krude Biologie des Verhaltens &uuml;ber uns kommen soll. Der in postmodernen Diskursen unbeliebte Hegel schrieb da ganz richtig: &#8220;Auch die Tiere sind nicht von dieser Weisheit ausgeschlossen, sondern erweisen sich vielmehr, am tiefsten in sie eingeweiht zu sein; denn sie bleiben nicht vor den sinnlichen Dingen als an sich seienden stehen, sondern verzweifelnd an dieser Realit&auml;t und in der v&ouml;lligen Gewi&szlig;heit ihrer Nichtigkeit langen sie ohne weiteres zu und zehren sie auf; und die ganze Natur feiert wie sie diese offenbaren Mysterien, welche es lehren, was die Wahrheit der sinnlichen Dinge ist. &#8220;(<a name="19" href="#a19">19</a>)</p>
<p>Wo die &Uuml;beraffirmation mehr ist als ein ausgewiesenes und nachvollziehbares taktisches Kalk&uuml;l, wo sie sich zum Prinzip aufschwingt, ist sie selbstredend resignativ bis regressiv, und mu&szlig; als solche bek&auml;mpft werden. Schlimm ist auch nicht der Kitsch &#8211; den Kitsch als banalen Kitt der b&uuml;rgerlichen Seele, den brauchen wir schon -, schlimm ist, wenn der Kitsch nicht als Kitsch wahrgenommen wird. Deswegen ist die gehobene Variante, dieser Kitsch der &#8220;Besseren&#8221; (Sting, K&ouml;hlmeier, Hundertwasser u. v. m. ) um vieles gef&auml;hrlicher als &#8220;Marmor, Stein und Eisen bricht / Aber unsere Liebe nicht.&#8221; Wenn sich Kitsch als Qualit&auml;t pr&auml;miert, ist Denunziation geboten.</p>
<p>Kitsch meint Best&auml;tigung der Bet&auml;tigung. Er ist daher keine fixe oder sachliche Gr&ouml;&szlig;e, die aus dem Werk selbst anhand der Techniken, der Machart, der Vermarktung oder des Publikums abgelesen werden k&ouml;nnte, sondern ergibt sich aus dem Ensemble der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse, in denen es zutage tritt. Musik etwa, die vorgestern noch avantgardistisch, aussagekr&auml;ftig und aufr&uuml;ttelnd gewesen ist, kann bei den nachkomponierenden Epigonen schon unertr&auml;glich, kitschig und reaktion&auml;r geworden sein. Das Werk ist nie es allein, es ist stets das Werk einer Zeit.</p>
<p>&#8220;Kitsch ist die eing&auml;ngigste, widerspruchfreieste Form herrschender Kultur&#8221;, (<a name="20" href="#a20">20</a>) schreibt Julius Mende in einem sehr instruktiven Beitrag zum Thema. Wenn wir beherrscht werden, sollten wir nicht so tun, als ob wir nicht beherrscht werden w&uuml;rden. Die materielle Verbundenheit mu&szlig; freilich nicht als ideelle Akzeptanz daherkommen, im Gegenteil, es geht darum, sich zwischenzeitlich Distanz zu verschaffen, um Reflexion zu erm&ouml;glichen.</p>
<p>Nichtsdestotrotz aber auch umgekehrt: Wer nicht zwischendurch mal saufen, fernsehen, bl&ouml;dsein, einen Einkaufsbummel machen oder schlechte Musik im Auto h&ouml;ren kann, versetzt sich in Halluzinationen ob der Reinheit der Kritik, nach der dann nichts mehr &uuml;brigbleibt, auch nicht der Kritiker. Das ist auch mit ein Grund, warum radikale Kritik in ihrer notwendigen Abgehobenheit manchmals so weggetreten erscheint. Will sie aber die Oberfl&auml;che angreifen, mu&szlig; sie sie auch erreichen, mu&szlig; verstehen, sich auf ihr zu bewegen, darf sich bei aller Distanz zum Allt&auml;glichen auf keinen hehren Standpunkt zur&uuml;ckziehen. Sie ist Teil des Lebens, &uuml;ber das sie hinaus will.</p>
<p>Jeder soll ohne Gewissensbisse Madonna oder Yes h&ouml;ren, Star Trek oder Kommissar Rex schauen, Umberto Eco oder Asterix lesen. Was eingefordert wird, ist nicht Abstinenz oder Askese, sondern Reflexion und Kritik. Gerade auch die Unterhaltung verlangt nach einer dezidierten Haltung, die sich nicht auf affirmative Stimmung reduzieren l&auml;&szlig;t, ansonsten ist jene wirklich das, was G&uuml;nther Anders in ihr gesehen hat: Terror. (<a name="21" href="#a21">21</a>) Progressiv angewandt sind Produkte der Kulturindustrie dann, wenn sie nicht gleich Sirenen wirken und uns zu Fans degradieren. Dies auszuf&uuml;hren, w&auml;re aber ein eigenes Programm.</p>
<h4>Beschau und Begierde</h4>
<p>Die sinnliche Gewi&szlig;heit wird in der &Uuml;beraffirmation jedenfalls nicht wie im gesunden Menschenverstand einfach hingenommen, sondern jene stilisiert sich hoch zur euphorischen Bejahung. Das Dumpfe gef&auml;llt sich, indem es sich ergrellt. In diesem Scheinwerfer ist auch Madonna zu sehen, dort gl&auml;nzt und strahlt sie. &#8220;Sie genie&szlig;t die Beschau&#8221;(<a name="22" href="#a22">22</a>) schreiben Penth&#038;W&ouml;rner v&ouml;llig richtig. Sie kultiviert sie geradezu. &#8220;The voguers&#8217; fantasies are so conventional, so colonised, as to verge on a parody of straight values. They want to possess the opulence of the millionaire, or better still the rich man&#8217;s wife. Their ideas of what it is to be female are as reactionary as they come &#8211; being a real woman means knowing the arts of seduction, having everything but not having to pay for it, passivity, conspicuous consumption, vanity. Vogueing is a perfect example of Jean Baudrillard&#8217;s concept of &#8216;hyper-conformism&#8217;: the feedback loop that occurs when real people simulate the media&#8217;s representations. Vogue is probably the almost alienated subculture in the world. And beneath its glittering surfaces lurks the grim reality of poverty and danger. &#8220;(<a name="23" href="#a23">23</a>)</p>
<p>Es ist die anhaltende Kontinuit&auml;t des <em>peeping</em>, die eigentlich &uuml;berrascht. Klassen&uuml;bergreifend will sie zur Onanie zwingen. Madonna kollaboriert mit der Lust der M&auml;nner. Primitiv, wie diese dimensioniert ist, ist das keine allzu gro&szlig;e Schwierigkeit. &#8220;Wenn die Typen sich aufgeilen wollen, dann sollen sie doch&#8221;, scheint ihr Motto zu sein. Solch &#8220;Kleinigkeiten&#8221; bel&auml;stigen weniger als sie belustigen. Nicht Zur&uuml;ckweisung der m&auml;nnlichen Objektmacherei ist die Devise, sondern Zuspitzung. Die M&auml;nner werden damit auch tats&auml;chlich mehr der Absurdit&auml;t und L&auml;cherlichkeit preisgegeben als durch ein verk&uuml;rztes und defensives PorNO.</p>
<p>Aus der Negation folgt bei Madonna jedoch keine h&ouml;here Kritik, sondern blo&szlig; der spielerische Umgang mit den Geschlechtsverh&auml;ltnissen. Was auch nicht wenig ist. Prototypisch daf&uuml;r ist etwa die Umkehrung des Rollenklischees im Film &#8220;In bed with Madonna&#8221; (1991), wo gleich Frauen besch&uuml;rzte M&auml;nner in Spitzen-BHs um das Bett ihrer Angebeteten, klarerweise Madonna, h&uuml;pfen: &#8220;Ich lag auf diesem roten Samtbett und habe <em>Like a virgin</em> gesungen, und dabei habe ich diese ganze Playboy-Bunny-Chose umgedreht, zwei Playboy-Bunnies in Kost&uuml;men, die ihre K&ouml;rper in eine unnat&uuml;rliche Form pressen, aber diesmal sind&#8217;s eben M&auml;nner. &#8220;(<a name="24" href="#a24">24</a>)</p>
<p>Madonna sieht sich als Fortsetzung, nicht als Gegensatz zur Frauenbewegung. Womit &uuml;ber Gelingen oder Mi&szlig;lingen dieses Ansinnens allerdings noch gar nichts ausgesagt wird. Sie durchbricht die Geschlechterfronten, Herrschaft und Macht werden zwar ihrer gesellschaftlichen Positionierung entkleidet, aber desgleichen werden sie stets reetabliert. Fast nackt werden sie nun als ontologische Gr&ouml;&szlig;e verg&ouml;ttert. Madonnas Kunst ist somit durchaus in Zusammenhang mit den Fotos von Helmuth Newton oder den Schriften der Camille Paglia zu nennen. (<a name="25" href="#a25">25</a>)</p>
<p>Man sollte insgesamt vorsichtig sein, wenn von Subversion durch Affirmation oder &auml;hnlichem gesprochen wird. Madonna etwa ist keine Gesellschaftskritikerin oder gar getarnte Revolution&auml;rin. Es ist gelinde gesagt eine &Uuml;bertreibung wie Diederichsen von ihr zu sprechen als &#8220;der letzten m&ouml;glichen Verk&ouml;rperung eines Mediensuperstars, der an die M&ouml;glichkeit erinnerte und auch an sie selber zu glauben vorgab, Popmusik als Subversionsstrategie einzusetzen, die das Recht auf Party und Ferien f&uuml;r alle (und nicht nur f&uuml;r eingeweihte Undergroundler) symbolisch stark machen wollte. &#8220;(<a name="26" href="#a26">26</a>) Sie h&auml;lt uns den Spiegel vielmehr blo&szlig; vor, nicht um sich darin zu erkennen, sondern um sich gleich ihr aufzuputzen.</p>
<h4>V&ouml;geln und beten</h4>
<p>Schon die Namensbeibehaltung verweist auf den religi&ouml;sen Hintergrund, ebenso das rituelle Beten vor den Konzerten. Madonnas Sprache und Gestus sind durch und durch religi&ouml;s. Sie ist eine <em>Vorbeterin</em>, die modernste, die wir je hatten. &#8220;Ich bin die Prophetin eines neuen Lebensstils&#8221;, (<a name="27" href="#a27">27</a>) verk&uuml;ndigt sie. Es ist profanes und vor allem <em>exoterisches</em> (nicht: esoterisches! ) Gottsuchertum im Zeitalter der regressiven Zersetzung des Religi&ouml;sen, das uns hier anmacht. Da&szlig; diese Verk&uuml;ndigung kirchlicherseits nur als Vers&uuml;ndigung aufgefa&szlig;t werden kann, ist so klar wie daneben.</p>
<p>&#8220;Aber ich bin davon &uuml;berzeugt, da&szlig; Religion und Erotik sehr viel miteinander zu tun haben. Und ich glaube auch, da&szlig; meine urspr&uuml;nglichen Gef&uuml;hle von Sexualit&auml;t und Erotik daher kommen, da&szlig; ich fr&uuml;her oft in die Kirche gegangen bin. &#8220;(<a name="28" href="#a28">28</a>) Zweifellos, Religion, vor allem die katholische, ist geradezu als sexuelles Surrogat zu fassen. Die Abfeierung der Verbote ist wahrlich fetischierte Sublimation. Die Lustfeindschaft der Kirche ist umgepolte Lust, sie soll sich nicht in origin&auml;rer Form &auml;u&szlig;ern, sondern eben in einem <em>Au&szlig;er-Sich-Setzen</em>. Sie zelebriert sich in Ansprachen und Ges&auml;ngen, Riten und D&uuml;ften, Gew&auml;ndern und Masken. Eine Messe kann durchaus als geistlicher Koitus empfangen und empfunden werden. Sie unterstellt <em>Eins-Werden</em> mit Gott. Ihr Faszinosum liegt in ihrer orgiastischen Veranstaltung. Der Pomp des Katholizismus ist eine der raffiniertesten Umleitungen sexuellen Wollens.</p>
<p>Wir sollen selig sein, es ist der Leib Christi, der &uuml;ber uns kommt. &#8220;Kruzifixe sind sexy. Weil ein nackter Mann da drauf ist&#8221;, sagt Madonna. (<a name="29" href="#a29">29</a>) Oder: &#8220;Es ist sehr sinnlich, und alles dreht sich darum, was man nicht tun darf. (&#8230; ) Im Grunde ist der Katholizismus sehr sadomasochistisch. &#8220;(<a name="30" href="#a30">30</a>) Das Unbefriedigte erf&auml;hrt in der Kirche sein inneres Ventil. Dort, wo das <em>Nichtun-d&uuml;rfen </em>so zentral ist, ist das <em>Tun</em> das entscheidende Thema. In der Kirche geht es um das V&ouml;geln.</p>
<p>Madonna entmystifiziert aber nun nicht die Religion, sie sakralisiert die Sexualit&auml;t, ideell ist bei ihr zwischen Beten und V&ouml;geln kein Unterschied. Ihr V&ouml;geln ist Beten. Ihr Beten ist V&ouml;geln. Und die Konzerte heilige Messen. Der transformierte Fetisch wird &ouml;ffentlich zur Schau gestellt, ist nicht mehr geheim. In der Madonna kommt der Katholizismus zu sich. Der Papst k&ouml;nnte eigentlich dankbar sein. Vielleicht kommen sie ja auch noch zusammen.</p>
<h4>Lecken und blasen</h4>
<p>Madonna ist die Indiskretion in Person, die konstruierte Inkarnation des Anr&uuml;chigen. Sie wei&szlig;: Was nicht auff&auml;llt, f&auml;llt ab. Sie beendigt die Verlogenheit, nicht aber die L&uuml;ge. Die Intimit&auml;t geht dabei jedoch nicht vor die Hunde, sie feiert eine seltsame Auferstehung dadurch, da&szlig; sie im Morast von Moral und Markt, den unter das Volk gemischten Informationen ganz einfach versteckt wurde. Madonna erz&auml;hlt so viel, da&szlig; sie das wichtigste bei sich behalten kann.</p>
<p>Gerade deshalb, weil sie sich so &#8220;freiz&uuml;gig&#8221; <em>offenlegt</em>, ist sie umgekehrt freilich auch schwer <em>aufmachbar</em>. Sie ist nicht &#8220;die &ouml;ffentlichste Frau dieser Erde&#8221;, (<a name="31" href="#a31">31</a>) wie das Zeitgeistmagazine gl&auml;ubig versichern, sondern die <em>ver&ouml;ffentlichste</em>. Da&szlig; Madonna gern geleckt wird und weniger gern bl&auml;st, mag stimmen oder nicht, es ist wahrhaft nur in einer verklemmten und spie&szlig;igen Gesellschaft von &ouml;ffentlichem Interesse, in einer Gesellschaft, in der ganz offensichtlich zu wenig geleckt und geblasen wird.</p>
<p>&#8220;Express yourself&#8221;, proklamiert sie. Ursprung und &Auml;u&szlig;erungsform sind und bleiben katholisch befangen, aber das &#8220;Demonstriere Dich! &#8221; ist tendenziell antireligi&ouml;s, zumindest weniger christlich als das &#8220;Du sollst nicht&#8221; der alten Frauenbewegung. Jenes bleibt nur affirmativ h&auml;ngen, steigert sich nicht zu Selbstreflexion und Selbstkritik. Das <em>Zeigen</em> verk&uuml;mmert im <em>Inszenieren</em>, der zunehmend einzig m&ouml;glichen Form der Pr&auml;sentation. Jenes wird kulturindustriell ert&uuml;chtigt sowie erstickt, wenngleich es etwas anspricht, was &uuml;ber den Markt hinauswill, nicht von ihm apriori pr&auml;formiert ist, sondern erst a posteriori deformiert werden mu&szlig;.</p>
<h4>K&ouml;nnen und M&uuml;ssen</h4>
<p>Und immer nagt das proletarische Minderwertigkeitsgef&uuml;hl, das es zu &uuml;berwinden gilt. Sei es die Abnabelung vom Vater &#8211; &#8220;I&#8217;m not a baby&#8221;, singt sie in &#8220;Papa don&#8217;t preach&#8221; (True blue 1986) &#8211; oder die Anerkennung in verschiedensten Branchen und Medien. Stets geht es um die Akzeptanz. Ohne Verwandlung wird die Ciccone aus Detroit nicht ernstgenommen. Jahrelang hatte sie sich um diese Musical-Rolle gerissen. Zurecht meint sie, Evita zu sein. Sie ist Evita Peron wie sie Grace Kelly sein wird oder Marylin Monroe oder Jacky Onassis, ja selbst Dolores Ibarruri oder Rosa Luxemburg k&ouml;nnte sie sein. Sie kann das.</p>
<p>Nachdem Filme wie &#8220;Shanghai surprise&#8221; (1986) oder &#8220;Who&#8217;s that girl? &#8221; (1987) zurecht bel&auml;chelt wurden, galt es, sich nicht unterkriegen zu lassen, es den Snobs in Hollywood zu zeigen. Und nicht nur ihnen. Immer wieder mu&szlig; sie beweisen, da&szlig; sie es doch kann. &#8220;Hollywood hat lange nicht an mich geglaubt. Jetzt sind wohl endg&uuml;ltig alle Zweifel best&auml;tigt&#8221;, (<a name="32" href="#a32">32</a>) sagte sie nach Verleihung des <em>Golden Globes</em>.</p>
<p>Dieses <em>K&ouml;nnen</em> ist ein <em>Erlernen</em>. Zweifellos. Ihre Begabung ist durchschnittlich, aber ihr Instinkt ist gro&szlig; und ihr Flei&szlig; noch gr&ouml;&szlig;er. Die Frau, die mit &#8220;Holiday&#8221; ihren ersten Hit hatte, war in den letzten f&uuml;nfzehn Jahren kaum auf Urlaub gewesen. Ihr wurde wirklich nichts in die Wiege gelegt. &#8220;Um als Schauspielerin anerkannt zu werden, mu&szlig; ich einfach sehr hart arbeiten, tun, was ich tun mu&szlig; und die Leute reden lassen, was sie wollen. Nur so funktioniert Erfolg. So hat er immer funktioniert. &#8220;(<a name="33" href="#a33">33</a>)</p>
<p>Auf die Frage, warum sie so eine schlechte Presse habe, antwortete sie bereits 1985: &#8220;Weil f&uuml;r die meisten Leute ein M&auml;dchen mit Erfolg nur eine ist, die es mit einem h&uuml;bschen, aber leeren Kopf und nicht mit strengen Prinzipien zu etwas gebracht hat. &#8220;(<a name="34" href="#a34">34</a>) Die strengen Prinzipien sind es, die dieses <em>K&ouml;nnen</em>, das ein <em>M&uuml;ssen</em> ist, auszeichnen. &#8220;I&#8217;ve learned my lesson well&#8221;, singt sie in ihrer wohl gelungensten Ballade &#8220;Live to tell&#8221; (1986). Madonna ist eine <em>M&uuml;sserin</em>. Nicht, ob Madonna singen oder schauspielern kann, ist dann von Belang, sondern ob sie mu&szlig;? &#8211; Sie mu&szlig;!</p>
<p>Und das st&ouml;rt auch nicht. Was aber immens st&ouml;rt, ist die Ausschlie&szlig;lichkeit, mit der es daherkommt, die Intransingenz, mit der es sich verallgemeinert. Es l&auml;&szlig;t nichts mehr zu, es richtet ab, es reduziert das <em>Sp&uuml;ren</em> auf das <em>Spuren. </em> Diese Strenge hat absolutistischen Charakter, w&uuml;rde uns das Wort aus anderen Gr&uuml;nden nicht suspekt sein, dann k&ouml;nnte man dieses Verhalten totalit&auml;rer Z&uuml;ge bezichtigen. Gerade da ist auch der Untergang des Aufbruchs in der strengen Zucht zu verorten.</p>
<p>Auf die Frage &#8220;Kannst du nicht einmal spontan sein? &#8221; antwortet sie sich selbst: &#8220;Ich kanns eben nicht. (&#8230; ) Ich brauche Ordnung in meinem Leben. (&#8230; ) Und ich schaffe Ordnung. &#8220;(<a name="35" href="#a35">35</a>) Und das, obwohl sie programmatisch anders verk&uuml;ndet: &#8220;Where&#8217; sthe party / Iwant to free my soul / Where&#8217;s the party / I want to loose control&#8221; (True blue, 1986).</p>
<p>Wahrlich, Madonna ist eine H&uuml;terin der Ordnung. Nicht Unzucht und Unordnung, sondern <em>Zucht und Ordnung</em> sind eigentlich ihre Themen. Es geht um Macht und um Kontrolle. Die offene Schlagseite des Reaktion&auml;ren, quillt gerade durch eine Figur wie Evita auf Madonna. Sie wird regressiv. Die starke Frau schreit nach der starken Hand. &#8220;Give me strength, give me joy my boy&#8221; singt das &#8220;boy toy&#8221; auf &#8220;Like a prayer&#8221; (1989). Mussolini und Peron nehmen Aufstellung, anstatt in Deckung zu gehen. Madonna kokettiert mit dem Faschismus, man kann und soll es nicht anders benennen.</p>
<p>K&uuml;nstlerisch ist Evita der Durchfall, (<a name="36" href="#a36">36</a>) aber industriell ist das der eigentliche Durchbruch. Hollywood mu&szlig; sie nicht nur ernst nehmen, Hollywood mu&szlig; sie in Zukunft sogar nehmen, wann immer sie genommen werden m&ouml;chte. In einigen Jahren werden sie vor der vom <em>girl</em> zur <em>Diva </em>gewandelten Frau auf den Knien liegen. Dort will Madonna sie auch haben. Sie will Verehrung und Huldigung. Ihr Name verdeutlicht ihr zentrales Verlangen: <em>Anbetung</em>. Aus dem &#8220;I wanna be loved by you&#8221; der Marylin Monroe ist &#8220;You must love me&#8221; bei Madonna geworden. Der <em>Oscar</em> ist nur eine Frage der Zeit. Warum sie heuer keinen bekommen hat, ist eigentlich schleierhaft. Aber sie schafft es, weil sie sich dazu geschaffen hat.</p>
<hr />Fu&szlig;noten</p>
<p><a name="a1" href="#1">1</a>) Madonna im Gespr&auml;ch mit Norman Mailer, Playboy 10/94, S. 36.</p>
<p><a name="a2" href="#2">2</a>) Musik Express/Sounds, Nr. 4/89, S. 38.</p>
<p><a name="a3" href="#3">3</a>) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik II. (1816), Werke 6, Frankfurt am Main 1986, S. 19.</p>
<p><a name="a4" href="#4">4</a>) Diedrich Diederichsen, Offene Identit&auml;t &#038; zynische Untertanen; in: Diederichsen, Dormagen, Penth&#038;W&ouml;rner, Das Madonna Ph&auml;nomen, Hamburg 1993, S. 11-12.</p>
<p><a name="a5" href="#5">5</a>) Ebenda, S. 21.</p>
<p><a name="a6" href="#6">6</a>) Vgl. Theodor W. Adorno, Zeitlose Mode. Zum Jazz (1953); in: ders. , Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1976, S. 159.</p>
<p><a name="a7" href="#7">7</a>) Vgl. unsere fl&uuml;chtige Skizze &uuml;ber Bands wie <em>Pink Floyd</em> oder die <em>Rolling Stones</em>: Franz Schandl, Tyrannosaurus Rock. Mi&szlig;lungene Reinkarnationen, Volksstimme, 17. August 1995, S. 22. In der sogenannten E-Musik k&ouml;nnte man vielleicht die <em>minimal music </em>(Philipp Glass&#038;Co. ) als Pedant ausmachen.</p>
<p><a name="a8" href="#8">8</a>) Theodor W. Adorno, Zeitlose Mode. Zum Jazz, S. 145.</p>
<p><a name="a9" href="#9">9</a>) Simon Reynolds/Joy Press, The sex revolts, Sage 1995, p. 319</p>
<p><a name="a10" href="#10">10</a>) Vgl. Penthouse 9/85.</p>
<p><a name="a11" href="#11">11</a>) Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccone; in: Diederichsen, Dormagen, Penth&#038;W&ouml;rner, Das Madonna Ph&auml;nomen, S. 28.</p>
<p><a name="a12" href="#12">12</a>) Simon Reynolds/Joy Press, The sex revolts, p. 321.</p>
<p><a name="a13" href="#13">13</a>) Diedrich Diederichsen, Offene Identit&auml;t &#038; zynische Untertanen, S. 16-17.</p>
<p><a name="a14" href="#14">14</a>) Zu Norman Mailer sagt sie: &#8220;Jedesmal wenn ich mir einen Pornofilm anschaue, kann ich mich kaum halten vor Lachen (&#8230;. ) Ich finde sie komisch, weil in Pornos immer versucht wird, die fadenscheinigsten Vorw&auml;nde f&uuml;rs Ficken zu konstruieren.&#8221; (Playboy 10/94, S. 40. )</p>
<p><a name="a15" href="#15">15</a>) Wiener, Juli 1991, S. 152.</p>
<p><a name="a16" href="#16">16</a>) Musik Express/Sounds 4/89, S. 38.</p>
<p><a name="a17" href="#17">17</a>) Playboy 10/94, S. 26.</p>
<p><a name="a18" href="#18">18</a>) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ph&auml;nomenolgie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 91.</p>
<p><a name="a19" href="#19">19</a>) Ebenda.</p>
<p><a name="a20" href="#20">20</a>) Julius Mende, Jugendkultur &#8211; narzi&szlig;tische Selbstinszenierung als/oder Herrschaftsmechanismus? , Beitr&auml;ge zur historischen Sozialkunde 4/94, S. 137.</p>
<p><a name="a21" href="#21">21</a>) G&uuml;nther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II. &Uuml;ber die Zerst&ouml;rung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, M&uuml;nchen 1980, S. 136.</p>
<p><a name="a22" href="#22">22</a>) Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccone, S. 39.</p>
<p><a name="a23" href="#23">23</a>) Simon Reynolds/Joy Press, The sex revolts, p. 320.</p>
<p><a name="a24" href="#24">24</a>) Playboy 10/94, S. 36.</p>
<p><a name="a25" href="#25">25</a>) Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccone, S. 84.</p>
<p><a name="a26" href="#26">26</a>) Diedrich Diederichsen, Offene Identit&auml;t &#038; zynische Untertanen, S. 22.</p>
<p><a name="a27" href="#27">27</a>) Basta 7-8/91, S. 172.</p>
<p><a name="a28" href="#28">28</a>) Playboy 10/94, S. 41.</p>
<p><a name="a29" href="#29">29</a>) Penthouse 9/85, S. 60.</p>
<p><a name="a30" href="#30">30</a>) Playboy 10/94, S. 41.</p>
<p><a name="a31" href="#31">31</a>) Basta 7-8/91, S. 171.</p>
<p><a name="a32" href="#32">32</a>) Madonna laut News 4/97, S. 162.</p>
<p><a name="a33" href="#33">33</a>) Muik Express/Sounds 4/89, S. 38.</p>
<p><a name="a34" href="#34">34</a>) Penthouse 9/85, S. 158.</p>
<p><a name="a35" href="#35">35</a>) Madonna laut Wiener, Juni 1991, hier zit. nach: Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccione; S. 48.</p>
<p><a name="a36" href="#36">36</a>) &Uuml;ber Andrew Lloyd Webbers Musik sollte man keine Zeile verlieren, das ist Kitsch der &uuml;belsten Sorte, arrogantes Abtun daher die angemessene Reaktion.</p>
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		<title>Pop-Geschichte wird gemacht</title>
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		<pubDate>Mon, 19 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrendt; Regina]]></category>
		<category><![CDATA[Jacob; Günther]]></category>
		<category><![CDATA[Weg und Ziel 1997-5]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/pop-geschichte-wird-gemacht">Pop-Geschichte wird gemacht</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/pop-geschichte-wird-gemacht">Pop-Geschichte wird gemacht</a></p>
<h3>&Uuml;berlegungen zum Umgang mit der Pop-Vergangenheit </h3>
<p><em>von Regina Behrendt / G&uuml;nther Jacob </em> <span id="more-859"></span></p>
<p>Wenn Dave Hanley beim Lachen seine obere Zahnreihe entbl&ouml;&szlig;t, wird eine gro&szlig;e L&uuml;cke sichtbar. Seine graue Second Hand-Fischgr&auml;those hat &uuml;ber dem ausgebeulten linken Knie ein Brandloch und seine F&uuml;&szlig;e stecken in abgetragenen Sandalen. Dave Hanley sieht aus, wie viele junge Londoner in den Szenevierteln Notting Hill oder Camden Town aussehen &#8212; etwas &auml;rmlich und abgerissen.</p>
<p>Der Grund daf&uuml;r ist aber nicht in einer ung&uuml;nstigen Einkommenssituation oder den hohen Londoner Mietpreisen zu suchen, sondern in einem spezifischen Szenecode. Auch unter widrigen &ouml;konomischen Rahmenbedingungen hat es immer popkulturell orientierte junge Leute gegeben, die ihre geringen finanziellen Mittel bevorzugt in teure Klamotten, Motorroller oder Plattensammlungen steckten.</p>
<p>Vor seiner Karriere als DJ, Produzent und Musiker betrieb Dave Hanley einen Fris&ouml;rladen an der Kensington High Street. Auch sein Partner Justin Langlands, vormals Layouter bei einer renommierten Popzeitschrift, kommt aus einer Szene, in der es wichtig ist, kommerziellen Erfolg mit einer Street-Attitude zu verbinden, sich nicht habituell &uuml;ber die Community zu erheben, deren Netzwerk den Aufstieg erst erm&ouml;glichte und deren Imagezuschreibungen auch weiterhin Einflu&szlig; auf den Marktwert der ihr angeh&ouml;rigen Individuen haben.</p>
<p>Dave Hanley und Justin Langlands wurden Anfang der 90er Jahre mit ihrem Dancefloor-Projekt Pressure Drop bekannt. Als wir sie damals interviewten, fiel mir als erstes der Gegensatz zwischen ihrem Understatement und ihrer gesch&auml;ftlichen Cleverness auf. Die beiden geh&ouml;rten mit zu den ersten, die mit einem Underground-Gestus zur Industrie gehen konnten, ohne da&szlig; ihnen das geschadet h&auml;tte. Ihre Deals mit Polydor und Marlboro h&auml;tten andere noch um ihre Szenereputation gebracht. Sie aber repr&auml;sentierten bereits jenen heute allzu bekannten neuen Jungunternehmertypus, der trotz gesch&auml;ftlichem Erfolg den Kontakt zur Posse nicht verliert.</p>
<p>Im Unterschied zu dem Aufsteiger alten Typs, der seine Herkunft verleugnet und sich demonstrativ distanziert (&quot;Spiel nicht mit den Schmuddelkindern&quot;), steht der neue Jungunternehmer f&uuml;r eine andere Haltung: Er vergi&szlig;t seine &quot;Roots&quot; nicht. Glaubt man dem Bild, das er von sich zeichnet, so hat er das System durchschaut und nutzt nur dessen Strukturen aus. Im Inneren verachtet er es. Er bleibt cool und den Werten seines Herkunftmilieus treu. Dorthin vergibt er einen Teil der Jobs und Auftr&auml;ge, denn in den Bereichen Musik &amp; Mode ist die pers&ouml;nliche Teilnahme heute (selbst f&uuml;r viele Labelchefs der Majors) Voraussetzung der permanenten Innovation. Wer Clubwear verkauft, einen Club betreibt oder mit Trend-Platten handelt, mu&szlig; am Ball bleiben und auch auf sein Image in der Szene achten.</p>
<p><strong>Fallstudie und theoretische Reflexion</strong></p>
<p>Club Culture stellt heute (neben den von WOM, Camel etc. gesponsorten Gro&szlig;-Rave-Veranstaltungen) nicht nur einen der wichtigsten Gesch&auml;ftszweige des Pop dar, sondern ein verzweigtes System von Images und Orten, die in ausdr&uuml;cklicher Konkurrenz zur tradierten Rock Culture durchgesetzt wurden. Mit Club Culture schufen sich Szenen und Gruppierungen ein neues Feld, die in der Rock Culture aus verschiedenen Gr&uuml;nden nicht zum Zug kamen. Durch eine Rekonstruktion dieser Entwicklung, das ist unsere These, w&uuml;rde man wichtige Anhaltspunkte f&uuml;r eine angemessene Analyse der Entwicklungsdynamik des Pop-Feldes erhalten. Diese Rekonstruktion wurde durch die jahrelange Wortf&uuml;hrerschaft der auf Distinktionsstrategien abonnierten Subkulturideologen bisher behindert. Nachdem ihr Kanon von den etablierten Medien &uuml;bernommen wurde, ist dessen Dekonstruktion Bedingung jeder Pop-Kritik.</p>
<p>Eine solche Kritik mu&szlig; sich auch &uuml;ber ihre eigenen Voraussetzungen und Methoden klar werden. Wir pl&auml;dieren dabei f&uuml;r eine Kombination von Fallstudien und theoretischen Reflexionen. Wie andere Gegenst&auml;nde, erschlie&szlig;t sich auch Pop nicht durch Ferndiagnosen und theoretische Ableitungen. Jedes Urteil aus zu gro&szlig;er Distanz erweist sich schnell als unhaltbar. Wer sich mit dem Gegenstand nicht detailliert auseinandersetzt, endet bei einem Denken, das von jedem Ph&auml;nomen wei&szlig;, wo es hingeh&ouml;rt, und von keinem, was es ist. Eine rein transzendente, von ihrem Gegenstand unber&uuml;hrte Kritik mu&szlig; als Etikettierung enden. Wer Pop kritisiert, mu&szlig; ein St&uuml;ck daran teilhaben, aber auch wieder Distanz herstellen. Der Selbstbewegung des Objekts vermag nur zu folgen, wer es kennt, ihm aber nicht vollkommen angeh&ouml;rt.</p>
<p>Es kommt schon sehr auf die Details an, wenn man heute beispielsweise untersuchen m&ouml;chte, wie das, was in der zweiten H&auml;lfte der 80er Jahre als kleine Szene begann, die lediglich Zeitschriften und Labels des Special interest-Bereiches trug, in den 90er Jahren zu einem gro&szlig;en und diversifizierten Markt der Club Culture werden konnte, der von DJs, Kinderzimmer-Produzenten, Studios, Trendclubs, Plattenl&auml;den, Clubwear- und Sport-Firmen, Stadtzeitungen, privaten Radiostationen, Plattenfirmen, Tabakmultis und nicht zuletzt von Musiksendern wie MTV und VIVA intensiv bearbeitet wird.</p>
<p>Aber so wichtig die Kenntnis der Details auch ist &#8212; sie setzen sich nicht von selbst zu einem Gesamtpanorama zusammen. Pop spricht seine Geheimnisse nicht unmittelbar aus. Eine immanente Betrachtung w&uuml;rde daher nicht ausreichen. Weil das Gewicht der konventionellen Wahrnehmungsmuster nach unten zieht, kommt es darauf an, den Gegenstand immer wieder von sich zu sto&szlig;en und so einen Abstand zu ihm zu schaffen. Unvermeidlich wird er einem dabei auch ein St&uuml;ck fremder werden, denn eine Distanz, die man sich erarbeitet hat, l&auml;&szlig;t sich nicht beliebig in die alte N&auml;he zur&uuml;ck verwandeln. Das merkt man schon daran, da&szlig; einen das affektive Investment nachr&uuml;ckender Fans befremdet oder am&uuml;siert, die soeben eine Musik f&uuml;r sich entdecken (etwa Dub), die man schon ein Jahrzehnt zuvor &#8212; wahrscheinlich mit der gleichen Emphase &#8212; rezipiert hat.</p>
<p>Der eigene &#8212; keineswegs stabile &#8212; Sprechort mu&szlig; daher st&auml;ndig mit reflektiert werden. Jeder Entschlu&szlig; zur Kritik ist auch eine folgenreiche Neupositionierung im sozialen Raum. Die Kritik sollte deshalb in ihrem Diskurs eine implizite Diskussion &uuml;ber sich selbst enthalten, die sich gegen die eigenen Axiome kehrt und ihre Voraussetzungen, Ma&szlig;st&auml;be und Kategorien befragt: &quot;Die Kritik ist Diskurs &uuml;ber einen Diskurs. Sie ist die , sekund&auml;re Sprache&#8216; oder , Meta-Sprache&#8216;, die sich mit einer , prim&auml;ren Sprache&#8216; befa&szlig;t&quot; (Roland Barthes).</p>
<p>Das gilt um so mehr, wenn zur &quot;prim&auml;ren Sprache&quot; auch die der g&auml;ngigen Popzeitschriften und Popb&uuml;cher z&auml;hlt, denn dann beobachtet man wiederum die &quot;Beobachter zweiter Ordnung&quot;.</p>
<p>Auch sie sind von beschreibbaren W&uuml;nschen und Bed&uuml;rfnissen gepr&auml;gt, die den blinden Fleck ihrer Praxis ausmachen. Indem diese Praxis &#8212; und nicht nur das was sie sagen &#8212; in die Kritik einbezogen wird, bewerten wir den Bereich des Sozialen. Die Frage ist dann nicht mehr die nach der guten Platte oder der Berechtigung eines Deleuze-Zitates, sondern danach, welche Mechanismen der Orientierung und welche kulturellen Dimensionen diesen Diskurs antreiben: Mit welchen Unterscheidungen operieren diese Beobachter, warum mit diesen und nicht mit anderen? Welches sind die konkreten empirischen Bedingungen, unter denen sie operieren? Wie thematisieren oder &uuml;berspielen sie ihre materielle Abh&auml;ngigkeit von den Ressourcen der Popindustrie? Wie vermeiden sie es, explizit &uuml;ber den Zusammenhang zwischen Leistung, Belohnung, Konkurrenz, Spielregeln, Statuserwerb, Kompetenzerwerb etc. zu sprechen? Wie sichern sie ihre &quot;Glaubw&uuml;rdigkeit&quot;?</p>
<p><strong>Das Pop-Feld</strong></p>
<p>Eine Kategorie, die in diesem Zusammenhang weiterhelfen kann, ist Bourdieus Begriff des Feldes. Er besagt folgendes: Was in der sozialen Welt existiert, sind objektive Relationen, die unabh&auml;ngig vom Bewu&szlig;tsein und Willen der Individuen bestehen. Ein Feld ist ein Netz relationaler Positionen. Der Zugang zu den spezifischen symbolischen, kulturellen, sozialen etc. Profiten ist z. B. auf dem kulturellen Feld anders geregelt als auf dem &ouml;konomischen. Und in jedem Feld gibt es eine besonders umk&auml;mpfte Kapitalsorte, auf der die Macht der tonangebenden Personen beruht. Jede Szene hat z. B. ihre spezifischen Schl&uuml;sselbegriffe. In ihnen konzentriert sich ihr soziales Wollen als Losung. Die Summe der Parolen l&auml;&szlig;t sich als Verhaltenskodex lesen und erm&ouml;glicht es zu erkennen, aus welchem Stoff der symbolische Mehrwert der Wortf&uuml;hrer ist. Ihre Parolen leben vom &Uuml;berschu&szlig;, das hei&szlig;t &#8212; siehe die mittlerweile eingegangene Techno-Zeitschrift &#8220;Frontpage&#8221; &#8212;, sie leben nur solange, wie ihr Kerngehalt sich noch nicht verwirklicht hat. Das Ziel konkurrierender Kr&auml;fte ist es daher, diesen &Uuml;berschu&szlig; zu entwerten und/oder umzuwerten und ihr spezifisches Kapital besser zur Geltung zu bringen. Wenn z. B. im Pop die Sprechmacht der &quot;Rockavantgarde&quot; auf einem technikskeptischen Kanon beruht, k&ouml;nnen Computer-Kenntnisse einen Vorsprung einbringen, sofern es gelingt HighTech, Avantgardismus und &ouml;kologische Ideen zu einem Diskurs zu vereinigen. Dann kann es sein, da&szlig; es den bisherigen Wortf&uuml;hrern nicht mehr gelingt, die alten Sprachen der Dissidenz und der Subversion so zu aktualisieren, da&szlig; sie auch in der aktuellen &quot;Partykultur&quot; ihre Wirkung entfalten k&ouml;nnen. Sarah Thornton hat in ihrem lesenswerten Buch &quot;Club Cultures. Music, Media and Subcultural Capital&quot; (Oxford 1995) gezeigt, wie neue Szenen durch Abgrenzung von konkurrierenden Fraktionen entstehen. Erst die Abgrenzungsdiskurse schaffen neue Orte, Territorien und Seilschaften mit eigener Erz&auml;hlstrategie, eigenem Wissen, eigenem Kapital und neuen Subjektpositionen (z. B. &quot;der DJ&quot;).</p>
<p>Wollte man also auch f&uuml;r die BRD oder &Ouml;sterreich rekonstruieren, wie das Feld der Club Culture in Abgrenzung von der Gitarrenmusik entstand, so w&auml;ren in erster Linie jene Gruppierungen zu betrachten, die auf dem bereits besetzten Feld des Rock keinen Platz mehr fanden und deshalb neue Images entwickeln und neue Orte schaffen mu&szlig;ten. Nicht &quot;die Industrie&quot;, sondern diese kulturellen Gruppierungen etablierten &#8212; innerhalb der kulturindustriellen Strukturen &#8212; mit der Club Culture ein von der Rock Culture unterschiedenes alternativ-hedonistisches urbanes Milieu, das sich in seinen Anf&auml;ngen als Teil einer Internationale des guten Geschmacks verstand. Im Kontext von Club Cultur wurden Instrumente wie Saxophon, Trompete, Fl&ouml;te, Bar-Piano, Latin Percussion, Strings und Funk-Gitarre, die im Pop lange Zeit als veraltet galten, wieder rehabilitiert &#8212; zun&auml;chst per Sample, sp&auml;ter auch als Live-Einspielungen und auf der B&uuml;hne. Diese nachr&uuml;ckenden Gruppierungen entwarfen das Bild einer stilvollen Ausgelassenheit, das zun&auml;chst Nachtschw&auml;rmer, Tanzakrobaten, Partysanen und Rare Groove-Sammler anlockte, und dann &#8220;Max&#8221;, &#8220;Elle&#8221; und angesagte Stadtmagazine lesende Medienleute, Galerie&auml;stheten, Cabrio-Fahrer, City Slickers und aufgeschlossene Mittdrei&szlig;iger in fester Stellung.</p>
<p><strong>Diskursive Konstruktionen</strong></p>
<p>Die diskursive Konstruktion von Club Culture (wie auch die sp&auml;teren Verschiebungen von &quot;Dancefloor-Jazz&quot; und HipHop zu Dub, Jungle, Drum&#8216;n&#8217;Bass, Elektro etc. ) kann recht genau nachgezeichnet werden. So l&auml;&szlig;t sich zum Beispiel zeigen, welche Bedeutung Sampler wie &quot;London Underground&quot; f&uuml;r die sp&auml;ter g&uuml;ltigen Vorstellungen von einem Dance Underground hatten oder welche Rolle der Multikulti-Diskurs bei der Imagekonstruktion spielte. Einschl&auml;gigen Publikationen von &#8220;NME&#8221; bis &#8220;The Face&#8221; l&auml;&szlig;t sich entnehmen, wie das f&uuml;r die Club Culture konstitutive Konzept einer &quot;Begegnung zwischen den Kulturen&quot; in England vorformuliert und dann in der BRD zu einem Come together-Slogan wurde. Es l&auml;&szlig;t sich auch zeigen, wie und weshalb der Entwurf des Clubs als Ort, an dem trotz ungleicher Lebensbedingungen wirkliche zivilisierte Geselligkeit m&ouml;glich ist, zun&auml;chst mit Jazz-, Soul- und Latin-Anteilen am Dancefloor korrespondierte. Schlie&szlig;lich w&auml;ren noch die &ouml;konomischen Strategien des postmodernen Jungunternehmertums zu rekonstruieren, seine Merchandising-Praktiken (Club &amp; Kleiderladen, Club &amp; CD etc. ), die Bedeutung von Corporate Identity (das LOGO auf Platte, Slipmate, Shirt etc. ), die verfeinerte Door policy (sie sichert die Separation der Szenen), das Posse-Prinzip, die neuen Gr&uuml;ndungsmythen, die Anbetung von Creativity und Innovation etc. Zuletzt w&auml;ren sicher auch noch die Tabakkonzerne zu erw&auml;hnen, die einen Teil ihres Werbeetats imagetr&auml;chtig in die Club Culture investierten. Sie waren aber keineswegs der Motor dieses Trends gewesen, st&uuml;tzten ihn jedoch, verschoben einige Images und stellten spezifische Abh&auml;ngigkeiten her.</p>
<p><strong>Pop und Geschichtsschreibung</strong></p>
<p>Der Pop-Diskurs ist ein Archiv konventionalisierter (und institutionalisierter) Regelm&auml;&szlig;igkeiten, die alle ihre eigene soziale Differenzierungsgeschichte haben und in Kombination mit anderen Unterscheidungen ihre jeweils aktuelle Bedeutung erhalten. Damit ist auch gesagt, da&szlig; die Kritik nicht an der kanonisierten Popgeschichte ankn&uuml;pfen kann.</p>
<p>Da&szlig; es nach 50 Jahren Pop eine solche Geschichte gibt, kann nicht bezweifelt werden. Aber die uns bekannte Popgeschichte unterscheidet sich kaum von der Geschichtsschreibung der Schulb&uuml;cher. Es ist die Geschichte von &#8212; zumeist m&auml;nnlichen &#8212; Helden (Elvis, Chuck Berry, Otis Redding, Jimi Hendrix, Mick Jagger, Bob Dylan, Bee Gees, Kraftwerk, Kiss, Sid Vicious, David Bowie, Michael Jackson, David Byrne, Ice-T, Chuck D, Kurt Cobain, Goldie etc. ), die Geschichte von Genres (Cool Jazz, Rock&#8216;n&#8217;Roll, Soul, Folk, Beat, Rock, Disco, Punk, Rap, House, Techno, Drum&#8216;n&#8217;Bass etc. ) und die Geschichte der Klang- und Wiedergabeger&auml;te (Trompete, Gitarre, Schallplatte, Synthesizer, Beatbox, Sampler, Cubase etc. ). Um diese Daten herum sind diverse Erz&auml;hlungen gruppiert, die seit Jahrzehnten wiederholt werden: Das Birdland war ein legend&auml;rer Jazzclub, Bill Haley entfachte eine Teen-Rebellion, Jimi Hendrix erfand die R&uuml;ckkoppelung, die Woodstock-Generation k&auml;mpfte gegen den Vietnamkrieg, Mick Jagger sa&szlig; wegen Drogenbesitz im Gef&auml;ngnis, Jim Morrison verachtete das Establishment, Kraftwerk leiteten das elektronische Zeitalter ein, David Bowie ist ein bisexueller Avantgardist, Punk richtete sich gegen fett gewordenen Gro&szlig;rock und setzt die Tradition der Dadaisten fort, Madonna ist eine autonome Frau, Cobain litt an seinem Erfolg&#8230;</p>
<p>Nehmen wir als Beispiel die beliebten Genre-Geschichten: Ein Mensch mit vielen Platten und einem guten Archiv blickt zur&uuml;ck und schreibt die Geschichte von Rock oder Disco. Nur zu gerne produziert eine solche Geschichtsschreibung Genealogien der verschiedenen Subgenres, in denen untergegangene Bands als &quot;Vorg&auml;nger&quot; der jeweils aktuellen Popmusik eingeordnet werden. Wer bei Oasis und Garbage die Sixties heraush&ouml;rt, wird sich auch leicht davon &uuml;berzeugen lassen, da&szlig; die sp&auml;teren Perioden popkultureller Aktivit&auml;t aus den fr&uuml;heren hervorgehen. Von Kraftwerk zu Techno wird da meistens umstandslos eine gerade Linie gezogen, bis sich der Plattenoutput in ein aufsteigendes Fortschrittsmodell f&uuml;gt. Ob man nun den Bogen von Amon D&uuml;&uuml;l II zur brandneuen Steve Bug-Kompilation spannt, oder eine History of House konstruiert &#8212; am Ende lief alles, was &quot;vorher&quot; war, auf das heute bekannte Resultat hinaus.</p>
<p>Eine solche zeitlineare, technikzentrierte und &quot;illustrative&quot; Lekt&uuml;re von Musik operiert nicht nur mit einem &quot;Schein der Entwicklung&quot; (Adorno) &#8212; das Lob des Neuen gilt nicht der Musik, sondern der Technik und der neuen Ware &#8212;, sondern auch mit der Vorstellung einer klaren Evidenz der Musik. Man bezieht die Kl&auml;nge konventionell auf die ph&auml;nomenale Welt und behandelt sie als deren Zeichen oder Ausdruck. Die Wirkung der Musik wird aus den sinnlichen Eigenschaften ihres Materials bzw. aus dem stilistischen Beitrag der einzelnen Bands abgeleitet. Selbst &quot;Geschichte&quot; glaubt man aus den T&ouml;nen heraus h&ouml;ren zu k&ouml;nnen, insbesondere aus Samples, die aber keine Geschichtszitate sind, sondern Bezugnahmen auf HEUTE g&uuml;ltige Konventionen und Images.</p>
<p><strong>Das (Gemacht-)Werden von Massenkultur</strong></p>
<p>An diesen Erz&auml;hlungen hat sich also die historische und begriffliche Analyse des Pop abzuarbeiten. Dabei geht es nicht um eine isolierte &quot;Poptheorie&quot;, sondern um das Verst&auml;ndnis des kulturellen Systems der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, insbesondere um das Verst&auml;ndnis der &quot;Massenkultur&quot; &#8212; um ihr Werden und Gemacht-Werden, um die Kr&auml;fte, gegen die sie sich durchsetzen mu&szlig;te und um jene, die sich mittels ihrer durchsetzen wollten und wollen. Mit anderen Worten: es geht um die Geschichte dieser Massenkultur und um die Strukturen, in denen diese Geschichte stattfindet.</p>
<p>Verstanden als Geschichte gesellschaftlicher Konventionen (z. B. : wie kam es dazu, da&szlig; bestimmte Ger&auml;usche spacy klingen und an &quot;Weltraum&quot; erinnern? ), kollektiver Praktiken, Machtbeziehungen, Ausgrenzungen, Einschlie&szlig;ungen, Aufwertungen und Aburteilungen (z. B: Wer/welche Gruppe hat wann mit welcher Intention, Praxis und Macht dem Wort &quot;Mainstream&quot; welchen Sinn gegeben? &quot;), mu&szlig; es dabei nicht notwendig zur Historisierung der Pop-Praxis kommen.</p>
<p>Das Interesse an der Historisierung liegt auf der Hand. Sie w&uuml;rde es den Akteuren erm&ouml;glichen, die Verantwortung f&uuml;r fr&uuml;her eingenommene Positionen von sich zu weisen und sich bruchlos den jeweils neuesten Trends anzupassen. Historisierung erlaubt es, Praktiken, die heute fragw&uuml;rdig (oder &quot;peinlich&quot;) erscheinen, als welche darzustellen, die unter fr&uuml;heren Bedingungen durchaus ad&auml;quat waren. Nach dem Motto: &quot;Ich will nicht unbedingt sagen, da&szlig; da etwas falsch war, sondern da&szlig; es nicht mehr funktioniert hat, ans Ende geraten war&quot; (aus dem Buch Copy Shop). Wenn alles immer den Umst&auml;nden entsprach, gibt es keine Fehler und keine Kurs&auml;nderungen. Die Biographie bleibt geradlinig und unangefochten. Man kennt das auch aus politischen Diskursen. Doch die &uuml;berspannten Slogans von &quot;damals&quot; sind nicht erst heute falsch. Wir m&uuml;ssen eingestehen, da&szlig; wir uns irrten (und dabei ein bestimmtes Interesse verfolgten), als wir bestimmten Musikstilen und Popszenen &quot;subversive&quot; Qualit&auml;ten unterschoben.</p>
<p><strong>Pop und Dekonstruktion</strong></p>
<p>Bei jedem Repr&auml;sentations- bzw. Symbolisierungsproze&szlig; bleibt etwas &quot;offen&quot;, und das ist in vielen F&auml;llen gerade die verschwiegene soziale Strategie. Eine materialistische Pop-Geschichte, die versuchen wollte, die historischen Konstruktionen des Pop-&Auml;sthetischen einer bestimmten Zeit von denen einer anderen zu unterscheiden, h&auml;tte darauf zu achten, da&szlig; sie auch das, was da noch &quot;offen&quot; bleibt, im Blick beh&auml;lt. Das gilt durchaus auch f&uuml;r die &quot;guten Hoffnungen&quot; und phantasmatischen Projektionen, die bisher in den Pop investiert wurden. Die Kritik des &quot;Waren-H&ouml;rens&quot; mu&szlig; sich auch jenem Quantum instabilen subjektiven Sinns stellen, das &uuml;brig bleibt, nachdem die deutlich lesbare Bedeutung einer Sache abgezogen worden ist. Wahrscheinlich ist das sogar der schwierigste Teil einer materialistischen Popgeschichte. Gerade dieser &quot;Rest&quot; wird gerne ideologisch weg manipuliert, weil die psychische Konfrontation mit der zu untersuchenden Sache die Identit&auml;t des kritisierenden Subjekts tangiert. Die Versuchung zur Reduktion ist deshalb so gro&szlig;, weil es so schwierig ist, die eigene &#8212; zweifellos &quot;warenfetischistische&quot; &#8212; Faszination in die Analyse einzubeziehen. Die entschiedenste Ablehnung neuer Popmusik kommt oft von denen, die ihr ihre Anziehungskraft am meisten ver&uuml;beln. Sie tragen ihre Desillusion dann wie eine schmerzliche B&uuml;rde, aber man hat den Eindruck, da&szlig; sie damit einen eigenen Stil entdeckt haben.</p>
<p>Statt Illusionslosigkeit zur Schau zu stellen, k&auml;me es darauf an, die diskursiven Konstruktionen von Pop systematisch zu hinterfragen und auf diese Weise etwas &uuml;ber die Beschaffenheit des Pop-Feldes heraus zu bekommen. Dabei wird man unvermeidlich auf den Begriff der Dekonstruktion sto&szlig;en, der bisher auf dem Weg popul&auml;rer poststrukturalistischer Analysepraktiken wie New Historicism und Cultural Studies in die Popgeschichtsschreibung einsickerte. Er ist allerdings dadurch diskreditiert, da&szlig; er in die H&auml;nde &quot;subkultureller&quot; Gesch&auml;ftsleute fiel, die daraus Markenartikel wie Deconstruction, Mille Plateaux etc. machten. Dadurch und durch das Interesse akademischer Popverbraucher an der Aufwertung von Teilen der Popmusik, werden bestimmte (&quot;avantgardistische&quot;) Segmente des Pop schon selbst durch Diskursformen wie Dekonstruktion und Diskursanalyse mitkonstituiert. Als Metapher verwendet, tr&auml;gt sogar ein bestimmter Diskursbegriff, indem er Sprache als Zentrum sozialer Konstruktionen privilegiert, zur Aufwertung dieser Popsegmente bei, weshalb man besser von diskursiver Konstruktion spricht, damit man fragen kann, wer mit welchen Mitteln auf dem Schauplatz dieser Konstitutionsprozesse aktiv ist?</p>
<p>Man wird also das Image der Dekonstruktion selbst zum Gegenstand einer die hermeneutischen Pop-Erz&auml;hlungen dekonstruierenden Praxis machen m&uuml;ssen. Da der popkulturellen Demystifikations-Rhetorik nicht nur der Pessimismus und die existentialistische Arroganz des Dekonstruktionsansatzes abgeht, sondern &uuml;berhaupt jedes analytische Interesse, d&uuml;rfte das auch zu machen sein. Der heute &uuml;bliche Kurzschlu&szlig; von Pop und Dekonstruktion ist letztlich nicht mehr als ein Aufblitzenlassen von Namen und Zitaten. Man spielt damit auf die kanonisierten Kunst/ Theorie-Paarungen an: Weil die &quot;vorpostmoderne&quot; Kunst das f&uuml;r den durch Konventionen beschr&auml;nkten Blick Unsichtbare darstellen wollte, suchte sie die Anleitung der Wissenschaft, die erhellen sollte, was &quot;hinter&quot; dem Sichtbaren geschieht. Impressionisten lie&szlig;en sich von der Optik inspirieren, Kubisten von der Relativit&auml;tstheorie und Surrealisten von der Psychoanalyse. Heute, wo Kunst ein &quot;Dahinter&quot; nicht mehr darstellen will, hat es mit dem Ph&auml;nomen steigender Kommentarbed&uuml;rftigkeit zu tun, wenn K&uuml;nstler/innen, von Cindy Sherman bis Bruce Nauman, sich auf Jacques Lacan, Roland Barthes, Paul de Man, Michel Foucault Jacques Derrida, Gilles Deleuze oder Judith Butler berufen. Im Pop hingegen geht es um nichts dergleichen. Selbst &quot;ambitionierte&quot; Drum&#8216;n&#8217;Bass-Titel (etwa die auf dem Sampler &quot;The freestyle files, Vol. 2&quot;) sind in keiner Weise kommentarbed&uuml;rftig. Wenn dort ein St&uuml;ck &quot;Mothership&quot; hei&szlig;t, denn erklingen auch wirklich &quot;Weltraumkl&auml;nge&quot;.</p>
<p>Zusammengefa&szlig;t: Popkritik sollte einerseits auf einem close reading der Ereignisse basieren, auf der Aufmerksamkeit f&uuml;r die Partikularit&auml;t und Materialit&auml;t der Dinge und Situationen. Je n&auml;her man dabei &quot;am Material&quot; bleibt, desto mehr Lesarten sind m&ouml;glich. Jede Begegnung zwischen Individuum und Pop ist singul&auml;r. Manche haben sich verliebt, als &quot;Why? &quot; von Bronski Beat in den Charts war, kunstinteressierte Studenten behaupten, durch Red Krayola &quot;politisiert&quot; worden zu sein, w&auml;hrend anderen die Backstreet Boys als Offenbarung gelten. Diese semantische Vielfalt ist aber &#8212; andererseits &#8212; durchaus strukturiert.</p>
<p><strong>Machtbeziehungen &#8230; </strong></p>
<p>Zu dieser Struktur z&auml;hlt nicht zuletzt die sogenannte Kulturindustrie. Trotzdem pl&auml;diere ich daf&uuml;r, nicht alle Aufmerksamkeit auf sie, sondern auf das soziale Feld insgesamt zu konzentrieren. Die umgangssprachliche Anwendung von Adornos Begriff der Kulturindustrie transportiert h&auml;ufig die Vorstellung, gemeine &quot;Monopole&quot; w&uuml;rden eine vorab &quot;unschuldige&quot; Kultur nachtr&auml;glich der kapitalistischen Logik unterwerfen. Diese Sichtweise hat zum Beispiel der kleinkapitalistischen Indie-Wirtschaft ein gutes Image verschafft. Dabei sagt der Begriff der Kulturindustrie zun&auml;chst nicht mehr, als da&szlig; Kultur heute nicht nur gelegentlich f&uuml;r den Markt produziert wird (wie etwa zu Mozarts Zeiten, als Musiker ihre gedruckten Kompositionen verkauften), sondern da&szlig; sie l&auml;ngst vollst&auml;ndig als kapitalistische Ware produziert wird. Kunstwerke sind sp&auml;testens seit dem 18. Jahrhundert Ware im kapitalistischen Kunstmarkt, w&auml;hrend Rock/Pop die erste Musik ist, die nie eine andere Daseinsweise gekannt hat. Die popkulturelle Idee vom kapitalistischen Mi&szlig;brauch des Pop ist deshalb eine besonders einf&auml;ltige Variante der Ideologiekritik.</p>
<p>Die kapitalistische Produktionsweise ist von den vorangegangenen Formen vor allem dadurch unterschieden, da&szlig; die Produktion von Waren (als zusammen mit der Geldzirkulation entscheidende Voraussetzung der Kapitalbildung) die vorherrschende Produktion ist, wozu auch geh&ouml;rt, da&szlig; die menschliche Kraftpotenz selbst zur Ware wird. Und der Zweck der ganzen Sache besteht nicht nur nicht in der Produktion von Gebrauchswerten &#8212; das gilt f&uuml;r jede Warenproduktion &#8212;, sondern &uuml;berhaupt nicht in der Befriedigung der privaten Bed&uuml;rfnisse.</p>
<p>Diese Einsichten sind jedoch nicht viel wert, wenn sie so formuliert werden, da&szlig; die aktive Beteiligung der b&uuml;rgerlichen Individuen an diesem Vorgang ausgeblendet wird und ihre (als unber&uuml;hrter Naturzustand gedachte) Lebenswelt als von fremden M&auml;chten kolonisiert dargestellt wird. Man w&uuml;rde auf diese Weise nur ein Subjekt konstruieren, dem die Machtbeziehungen &auml;u&szlig;erlich sind, eine gerade in Popszenen verbreitete Vorstellung, die auf eine Praxis der &quot;Befreiung von der Entfremdung&quot; hinaus l&auml;uft. Man konstruiert so ein wahres, &quot;eigentliches&quot; Selbst, das es zu befreien gilt. Die gesamte Rockkultur-Formation war/ist um die Idee der Authentizit&auml;t und des zentrierten Subjekts herum aufgebaut, das im Kampf gegen die &auml;u&szlig;eren M&auml;chte zu einem sich im Inneren entfaltenden Ich unterwegs ist. Auch die Erz&auml;hlung vom ewigen Konflikt zwischen den kommerziellen Interessen der Kulturindustrie und den Dissidenz-Interessen &quot;der Jugend&quot; lebt von der Vorstellung, Kapitalismus sei den Pop-Konsumenten &auml;u&szlig;erlich. Am Ende hat man einen un&uuml;berwindlichen Gegensatz zwischen &quot;guter Gemeinschaft&quot; einerseits und &quot;b&ouml;sem Marktproze&szlig;&quot; andererseits herbei geredet. Indem der &quot;Mainstream&quot; oder das &quot;Monopolkapital&quot; als &Uuml;belt&auml;ter geoutet werden, kann von der eigenen Verstrickung in die Machtverh&auml;ltnisse abgesehen werden.</p>
<p><strong>&#8230; und Symbolsysteme</strong></p>
<p>Tats&auml;chlich ist jedoch das Wertverh&auml;ltnis die Form, in der sich die Reproduktion in einer Produktionsweise vermittelt, in der die Gesellschaftlichkeit der Arbeit nicht unmittelbar gegeben ist: &quot;Der einzelne wirkt hier nur als Teil einer gesellschaftlichen Macht, als Atom der Masse, und es ist in dieser Form, da&szlig; die Konkurrenz den gesellschaftlichen Charakter der Produktion und Konsumtion geltend macht&quot; (Marx). Die diesen Zusammenhang verh&uuml;llenden Mechanismen der Konkurrenz sind der strukturbestimmende Teil der gesamten Verh&auml;ltnisse, in welchen die b&uuml;rgerlichen Individuen praktisch verkehren. Die Individuen sind also in das Wertverh&auml;ltnis verwickelt. Linke Kapitalismuskritik handelt deshalb nicht von &quot;Industrien&quot;, sondern &quot;von Verh&auml;ltnissen zwischen Personen und in letzter Instanz zwischen Klassen&quot;.</p>
<p>Die b&uuml;rgerlichen Individuen, sogar die linken darunter, reproduzieren diese Verh&auml;ltnisse, w&auml;hrend sie im Rahmen der sozialen Konkurrenz ihren Interessen nachgehen. Das im Zusammenhang spezifischer Symbolfelder nachzuweisen, macht die Kritik erst konkret und interessant. So l&auml;&szlig;t sich beispielsweise untersuchen, wie bestimmte soziale Gruppen im Computer/Internet-Bereich an der Produktion von symbolischem Mehrwert arbeiten, der diese Felder sozial aufwertet. Es l&auml;&szlig;t sich konkret rekonstruieren, wie das Internet von K&uuml;nstlergruppen und Lifestyle-Ideologen mittels besonderer Diskursstrategien zu einer Art zweitem Pop-Feld gemacht wurde. Auch von Linken &uuml;brigens, die hier einen attraktiven Ort jenseits von Isolation suchten. Man kann zeigen wie es dabei zur affektiven Besetzung solcher Felder kommt und wie Images hergestellt werden, die so ein profanes Ding wie ein technisches Kommunikationsnetzwerk unter anderen Umst&auml;nden nicht hergeben w&uuml;rde. Der Internet-Diskurs machte neue Gruppen zu (kulturellen) &quot;Avantgarden&quot;, die bisher &#8212; etwa im Pop oder in der Kunst &#8212; nicht zum Zug kamen. Die gehobene Techno-Musik-Debatte wiederum kann als multimediale Schnittstelle wirken, &uuml;ber die andere Gruppen sich an diesem Fortschrittsdiskurs andocken, so da&szlig; neuartige Koalitionen zwischen K&uuml;nstlern, technischer Intelligenz und neuen Selbst&auml;ndigen entstehen k&ouml;nnen.</p>
<p><strong>Der Adorno-Komplex</strong></p>
<p>In den Diskussionen &uuml;ber Pop wird von Seiten der Anh&auml;nger des deleuzianischen Subversionsmodells demgegen&uuml;ber gerne betont, da&szlig; Pop nicht vollst&auml;ndig kapitalistisch vereinnahmt werden kann und somit immer wieder &quot;mikropolitische&quot; Fluchtwege er&ouml;ffnet werden k&ouml;nnen. Wir nennen das den Adorno-Komplex der Popdissidenten. Sie tun so, als sei eine &Uuml;bermacht linker Kritiker mit Erfolg dabei, die Poprebellion zu hintertreiben. Ihre Argumentation erinnert an die verbreitete Emp&ouml;rung &uuml;ber Adornos Text zum Gedichteschreiben nach Auschwitz.</p>
<p>Adornos Verdikt traf seinerzeit mitten in den Transformationsproze&szlig; der sich in Aufl&ouml;sung befindlichen b&uuml;rgerlichen Bildungskultur in eine moderne Kulturindustrie. Seither hat eine Kultur, die eigentlich heiter und unterhaltsam sein will, ein Problem. Das unabweisbare Wissen &uuml;ber das Grauen wird als st&ouml;rend empfunden und jene, die das so sagen, als St&ouml;renfriede der Gegenwart. Adornos Satz verdirbt offenbar den Genu&szlig; an einer Kultur, die sich als Medium des Vergessens etabliert hat. Deshalb kennen auch die, die nicht viel von ihm wissen, den aus dem Zusammenhang gerissenen Satz: &quot;Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch. &quot; Dieses Zitat bringt noch immer viele aus der Fassung.</p>
<p>Ganz &auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit der popkulturellen Warnung vor der adornotisch-marxistisch-linksradikalen Gefahr. Obwohl es sich dabei leider um eine absolut minorit&auml;re Position handelt, die gegen die millionenfachen Affirmationen &uuml;berhaupt keine Chance hat, will es sich doch niemand nehmen lassen, zum abermillionsten Mal daran zu erinnern, wie versponnen, weltfremd und trotzdem gef&auml;hrlich f&uuml;r den Fortbestand des Pop diese Position doch ist. Hat nicht schon Adorno Jazz und die Beatles fast verhindert? Wo st&uuml;nden wir heute, wenn er sich durchgesetzt h&auml;tte!</p>
<p>So wird wirklich gedacht. Aber weder Adorno, noch die anderen fr&uuml;hen linken Theoretiker der Massenkultur &#8212; Luk&aacute;cs, Brecht, Gramsci, Bloch, Benjamin &#8212; haben jemals behauptet, die symbolische Reproduktion werde vollst&auml;ndig von der Kulturindustrie kontrolliert. Da auch Pop, &auml;hnlich wie Sprache, Tanz, Theater, Literatur, Comic, Film, Video, Photographie, Mode, Design oder Werbung, eine Unterabteilung des gesellschaftlichen Symbolsystems darstellt, und somit ebenfalls Material f&uuml;r Distinktionsk&auml;mpfe liefert, ist Pop selbstverst&auml;ndlich mehr als eine Ansammlung von CDs und Magazinen. Doch dieses Mehr hat wiederum mit Kapitalismus und b&uuml;rgerlichem Staat zu tun, ist es doch das Wachstum der Produktivit&auml;t der gesellschaftlichen Arbeit, das die Vertiefung der Arbeitsteilung und die Individuation der Subjekte bewirkt. Und das eine wie das andere geht notwendig mit einer Ausdehnung und Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Symbolsysteme einher.</p>
<p><strong>Kampf um Bedeutung</strong></p>
<p>Dabei wird eine spezifische Widerspr&uuml;chlichkeit deutlich: Die Dynamisierung der Symbolsysteme ist einerseits Folge kapitalistischen Profitstrebens, andererseits bezieht sie ihre Antriebskraft zugleich aus den M&ouml;glichkeiten freier Entfaltung, die den Klassenindividuen jenseits der Zeit, die sie mit Lohnarbeit verbringen (bzw. , wie bei Sch&uuml;lern und Studenten, in den dieser Zeit vorgelagerten Lebensabschnitten) zur Verf&uuml;gung steht.</p>
<p>Dieser &#8212; gestiegene &#8212; Reichtum der Subjekte an F&auml;higkeiten und Bed&uuml;rfnissen entwickelt sich allerdings innerhalb unbeherrschter Gesamtverh&auml;ltnisse auf der Basis eines von &ouml;konomischen Mystifikationen bestimmten Alltagsbewu&szlig;tseins. Und weil diese Verh&auml;ltnisse nicht bewu&szlig;t eingegangen werden, verselbst&auml;ndigen sich die symbolischen Subsysteme gegeneinander: Musik trennt sich z. B. in Unterhaltungsmusik und Kunstmusik. Die Subjekte k&ouml;nnen dieser Anordnung der gesellschaftlich-symbolischen Formen nicht ausweichen, weil sie nicht in einem freien Verh&auml;ltnis zur Kultur stehen.</p>
<p>Damit Popmusik &quot;kapitalistisch&quot; genannt werden kann, m&uuml;ssen also keineswegs alle bildlich-ikonischen und auditiven Symbolsysteme unmittelbar in der Verwertungslogik aufgehen. Das k&ouml;nnen sie auch nicht. Die sprachliche Kommunikation zum Beispiel erlaubt es den Subjekten, ohne gro&szlig;en &quot;Produktionsaufwand&quot; in die Umgestaltung alter Symboliken einzugreifen und sich an der Schaffung und Gestaltung neuer zu beteiligen. Sie k&ouml;nnen durch Bildung neuer Metaphern, sprachlicher Abk&uuml;rzungen komplexer Zusammenh&auml;nge oder Verdichtung von Emotionalit&auml;t in bestimmten sprachlichen Bildern oder Betonungstechniken ihre Individualit&auml;t zum Ausdruck bringen. Solche Innovationen gehen am Ende allerdings kostenlos in die Popmusik ein, was bedeutet, da&szlig; kommerzielle Musik auch von nichtkommerziellen Prozessen profitieren kann, weil diese bereits von den konkurrenzhaften sozialen Prozessen vorstrukturiert sind.</p>
<p>Der Kampf um Bedeutung und der damit einher gehende Wandel der Symbolsysteme entsteht innerhalb dieser Gesellschaft.</p>
<p>Dieser Kampf wird beschleunigt, wenn kulturelle Artikulationsweisen zur Anlagesph&auml;re von Kapital werden. Es ist in der Geschichte der Musik immer noch ein relativ junges Ph&auml;nomen, da&szlig; zun&auml;chst nur lokal bekannte Musiker (wie etwa Offspring) weltweit Millionen Menschen erreichen. Schlie&szlig;lich ist es noch nicht lange selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; Musiker unbedingt eine Schallplatte aufnehmen, ihre Musik also &quot;waren&ouml;ffentlich&quot; und somit weltweit (! ) verf&uuml;gbar machen wollen.</p>
<p>Selbstverst&auml;ndlich ist die Kritik dieser Strukturen und Prozesse, in denen den Subjekten ihr gesellschaftlicher Zusammenhang unter anderem als &auml;sthetisierte Gebrauchswerteigenschaft ihrer Produkte bzw. als Kultur erscheint, kein moralischer Vorwurf, keine Aufforderung zur M&auml;&szlig;igung und auch keine zur Gr&uuml;ndung von Independent-Labels. Die materialistische Pop-Kritik bestreitet nicht einmal die Existenz der faszinierenden Seiten der waren&auml;sthetischen Sinnlichkeit und auch nicht die vielf&auml;ltigen Subjektivierungserfahrungen, die mit dem Erwerb bestimmter Waren einher gehen. Sie bietet allerdings einige Erkl&auml;rungen daf&uuml;r, warum Spa&szlig; und Angst so nahe beieinander liegen, solange den Individuen die unbegriffene Gesellschaftlichkeit ihrer T&auml;tigkeiten als unabh&auml;ngige Macht gegen&uuml;ber tritt.</p>
<ul>
<p><em>&#9;Regina Behrendt ist Publizistin. G&uuml;nther Jacob ist DJ und Publizist. Sie leben in Hamburg. </em> </ul>
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		<title>Pop: Die Raving Society frißt ihre Kinder</title>
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		<pubDate>Mon, 12 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Weg und Ziel 1997-5]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/pop-die-raving-society-frisst-ihre-kinder">Pop: Die Raving Society frißt ihre Kinder</a></p>
Anmerkungen zum zweiten Jugendstil]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/pop-die-raving-society-frisst-ihre-kinder">Pop: Die Raving Society frißt ihre Kinder</a></p>
<h3>Anmerkungen zum zweiten Jugendstil</h3>
<p><em>von Roger Behrens </em> <span id="more-858"></span></p>
<p><strong>Popbegriffe und Popdiskurse (Der Positivismus des Dabei-Seins)</strong></p>
<p>Die Aufmerksamkeit, die der unter &quot;Pop&quot; zusammengefa&szlig;ten sozio-kulturellen Sph&auml;re gegenw&auml;rtig in einer nur noch schwer &uuml;berschaubaren Zahl an Publikationen geschenkt wird, steht erstaunlich disparat zur begrifflichen und ph&auml;nomenalen Bedeutung von &quot;Pop&quot;, zum Desiderat, &uuml;berhaupt angeben zu k&ouml;nnen, was denn &quot;Pop&quot; sei. An dieses Mi&szlig;verh&auml;ltnis sind zugleich spezifische Eigenschaften vom Pop gebunden: sie haben mit der Art und Weise zu tun, in der &uuml;ber Pop geschrieben und reflektiert wird, damit, inwiefern Pop selbst neben einer kruden kulturell-&ouml;konomischen Realit&auml;t ein Produkt von Diskursen ist. Das Reden &uuml;ber Pop ist bisweilen mehr Pop als das, worauf es gerichtet ist. Die Adressaten solcher Diskurse geben Aufschlu&szlig; &uuml;ber die Mechanismen, wie Pop entsteht, ohne da&szlig; er als Ganzes darstellbar ist: die Konsumenten von den im Popdiskurs tonangebenden Musikzeitschriften, die Leser also, begreifen sich selbst genauso als Teilnehmer im Feld wie diejenigen, die den Diskurs anf&uuml;hren. &#8212; Gleich den Konzertberichten, die denjenigen, die auf das Philharmonische Sonntagskonzert abonniert sind, das, was sie &uuml;ber Beethovens &quot;Eroica&quot; wissen m&uuml;ssen, phrasenfertig und doch schon geahnt am n&auml;chsten Tag in allgemeinsten Aussagen &uuml;ber die Leistungen des Dirigenten vorsetzen, konstruiert sich das Feld von Pop zunehmend mehr &uuml;ber den Diskurs als &uuml;ber faktische kulturelle Grenzen. Deshalb geh&ouml;rt zur Popkritik stets der kritische Ton: &quot;Dem Kulturkritiker pa&szlig;t die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt. Er redet, als vertrete er sei&#8217;s ungeschm&auml;lerte Natur, sei&#8217;s einen h&ouml;heren geschichtlichen Zustand, und ist doch notwendig vom gleichen Wesen wie das, wor&uuml;ber er erhaben sich d&uuml;nkt. &quot;1 Kurzum: Diejenigen, die &uuml;ber Pop schreiben, bedienen sich nicht nur des Jargons, der Pop so oder so bestimmt, sondern sind zugleich die Angestellten derselben &ouml;konomischen Branche; mehr als Schriftsteller sind sie Journalisten, sind Produzenten wie alle anderen im Pop auch. Zur diskursiven Struktur geh&ouml;rt allerdings, da&szlig; diesem Produzentendasein, also der Verflechtung im kruden &ouml;konomischen Zusammenhang kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Selbst dort nicht, wo man &#8212; wenigstens im theoretischen Ansatz radikal &#8212; von der &quot;Kulturindustrie&quot; schreibt und den Profit kritisiert. Sofern die These der kritischen Theorie aufgegriffen wird, die mit dem Kulturindustriebegriff gemeint war, da&szlig; alle Kultur zur Ware werde, beschr&auml;nkt sich dies auf die Distributionsstruktur des Warendings, der Compact-Disc vor allem, oder den Produktionskosten, den Gagen f&uuml;r einzelne Popprodukte. 2 Die Pop&ouml;konomie wird als Kartellbildung sogenannter Majorlabel, als Medienverbund rezipiert. Subversionshoffnungen binden sich an die Oberfl&auml;chlichkeit von alternativ&ouml;konomischen Vertriebsstrukturen oder an den, vom Monopol scheinbar noch nicht erfa&szlig;ten Subszenen der Popkultur. Doch kaum jemand spricht von den Arbeitsbedingungen der Musiker beispielsweise, sei es der professionellen im Studio oder der Amateure, die mit &Uuml;bungsraummieten strapaziert sind und selbst f&uuml;r Auftrittsgelegenheiten zahlen m&uuml;ssen. Ebenso wird die Warenlogik fast ausschlie&szlig;lich &uuml;ber die Tatsache erfa&szlig;t, da&szlig; Tontr&auml;ger nun einmal Geld kosten &#8212; von der immanenten Warenlogik eines Musikst&uuml;cks, was die Ware im &uuml;brigen einzig als Fetisch brisant macht, sprechen die wenigsten. Was im Pop &quot;Material&quot; hei&szlig;t, und in der b&uuml;rgerlichen Musik noch &uuml;ber Tonalit&auml;t, Rhythmik, Metrik und Instrumentierung greifbar war, als &auml;sthetisches Material &uuml;ber den Stil schlie&szlig;lich, ist heute technizistisch reduziert. Stil ist die Phrase vom Sound, Material selbst ein Fetisch, der bemessen wird an den eingesetzten Ger&auml;ten zur Tonerzeugung und Klangwiedergabe. &Uuml;ber die technischen M&ouml;glichkeiten, die etwa gegenw&auml;rtig mit dem Plattenspieler gegeben sind und sich in den Musikformen des Samplings &#8212; Techno, HipHop, Drum&#8216;n&#8217;Bass etc. &#8212; ausdr&uuml;cken, meint man beweisen zu k&ouml;nnen, da&szlig; es im Pop demokratisch zuginge, die Kulturindustrie den Zugang zur musikalischen Produktion auch f&uuml;r den Laien er&ouml;ffnet. 3</p>
<p>Schon im Blickwinkel immanenter Kritik scheinen diese beiden typischen Popdiskursans&auml;tze &#8212; <em>erstens </em>die Kritik von Verkaufszahlen sowie <em>zweitens </em>Verabsolutierung des Technischen &#8212; fragw&uuml;rdig; ideologiekritisch f&auml;llt an ihnen jeweils auf, da&szlig; sie bei aller Emphase von Kritik weder den Kapitalismus antasten, noch die konkret-&auml;sthetische Materialit&auml;t von Pop erfassen. Pop erscheint als ein Au&szlig;enraum innerhalb des Kapitalismus, ebenso wie man ihn auf Postavantgardismen verpflichtet, die den b&uuml;rgerlichen Kunstbetrieb hinter sich gelassen h&auml;tten. Wer aber &uuml;ber den Kapitalismus schweigt, kann im Reden &uuml;ber den Pop seine Immanenzen kaum &uuml;berschreiten; bei zus&auml;tzlicher Ausblendung des Material&auml;sthetischen ist solches Reden &uuml;ber den Pop redundant.</p>
<p>Diese Redundanz spiegelt sich als Positivismus wieder und reflektiert die allgemeine Ideologie, die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung auszublenden. Innerhalb des Popdiskurses ist dieser Positivismus allerdings deshalb frappant, weil zugleich das theoretische Vokabular der Kritik beibehalten wird, ohne sie einzul&ouml;sen: durchaus ist es m&ouml;glich, da&szlig; gewisse Popszenen sich &uuml;ber gewisse Diskurse definieren, sie mittragen und zugleich ablehnen &#8212; zwischen Affronts gegen eine &quot;Theoretisierung&quot; des Pop und aufgeschnappten Postmodernismen ist alles m&ouml;glich. Stets pr&auml;sentiert der Pop nur seine Oberfl&auml;che und damit zugleich die Oberfl&auml;che der Gesellschaft; selbst in seinen radikalen Varianten bleibt ihm der Zugang zu den &ouml;konomischen und sozialen Mechanismen versperrt.</p>
<p>Der Positivismus &auml;u&szlig;ert sich als der Stolz &uuml;ber eigene Befindlichkeiten; mit dem Positivismus der akademischen Soziologie hat er einiges gemeinsam: der Konsument bewegt sich in den Popfeldern wie in einer Statistik der Marktforschung, deren permanente Testperson er ist. Dagegen will sich die Autonomie des Warensubjekts gern behaupten und redet selbstbewu&szlig;t vom souver&auml;nen Geschmacksurteil, ohne sich je eines Selbst bewu&szlig;t gewesen zu sein: noch die Besucher der Massenveranstaltung, die zu Verkaufszwecken und nicht zum Musikerlebnis hergerichtet sind, glauben an ihre M&uuml;ndigkeit in der Entscheidung f&uuml;r diese oder jene Popware.</p>
<p>Der Pop rechtfertigt den Positivismus und der Positivismus rechtfertigt den Pop: jeder Zugang, jedes Urteil steht und f&auml;llt mit dem Beweis, dabeigewesen zu sein. Wer nicht da war, kann nicht mitreden. Das ist die Ideologie, mit der die Konsumenten gelockt werden und sich der Popdiskurs legitimiert. Pop ist soziale Bewegung ohne Klassenwiderspruch; die Interessen sind weder die von Klassen noch von Bildung, sondern solche von Informiertheit. Selbst die soziologische Forschung ist mittlerweile eingeladen, im Ansturm auf Popph&auml;nomene nicht mehr von au&szlig;en urteilen zu m&uuml;ssen: auch sie macht mit. Pop bietet kulturelle Bewegungen, mit denen sich der Bewegungsforscher teilnehmend identifizieren kann, ohne dem Lapsus des beobachteten Teilnehmers aufzusitzen. Wichtiger als das methodologische Problem ist jedoch das der provozierten pers&ouml;nlichen N&auml;he zum Feld: man darf &#8212; und soll eben &#8212; heute &uuml;berall aktiv mitwirken, ohne von den allt&auml;glichen Konventionen abzur&uuml;cken.</p>
<p>Innerhalb der verschiedenen Popfelder, &#8212;szenen und -diskurse hat sich eine &#8212; gleichfalls begrifflich nur schwer umgrenzte &#8212; sogenannte Poplinke etabliert. Sie ist so fragmentarisch wie Pop und Linke insgesamt. Zum Teil setzt sie sich aus ehemaligen linken Aktivisten zusammen, die die Besch&auml;ftigung mit politischen Themen zugunsten von kulturellen aufgaben; andere sehen eben diese politischen Themen nur in dem Popfeld diskutierbar; wieder andere wollen mittels Pop mit dem herrschenden Politikbegriff brechen; auch behaupten einige, &uuml;ber das Interesse am Pop erst Zugang zur Politik gefunden zu haben. Sp&auml;testens dies bezeichnet die Naht, an der Pop mit Jugendbewegungen identifiziert werden kann, wo politische Bewegungen sich als Popph&auml;nomene einrichten (Punk, Hippies, Hardcore etc. ). Der Poplinken ist gemeinsam, in einem bestimmten Theorie-Praxis-Verh&auml;ltnis situiert zu sein: mit dem Aktionismus von Bewegungen wie den Autonomen m&ouml;chte sie brechen &#8212; Theorie allerdings bleibt hier ebenso Versatzst&uuml;ck wie dort die Praxis. Die Poplinke besch&auml;ftigt sich mit Pop als Ort von Subversion und Rebellion &#8212; gleichwohl lehnt sie Kulturrevolution schon deshalb ab, weil sie weder &uuml;ber einen Kulturbegriff noch &uuml;ber eine Revolutionstheorie verf&uuml;gt. Pop ist der Bereich von politischer Theorie-Praxis, wo als ausgemacht gilt, da&szlig; die herrschenden Zust&auml;nde sich eh nicht sobald &auml;ndern, &#8212; und im &uuml;brigen auch gar nicht so schlecht sind: die meisten Poplinken stehen immerhin bei den &ouml;konomischen Popagenturen in Lohn und Brot.</p>
<p><strong>Popgeschichte (Die Genese der &quot;fun morality&quot; &#8212; when theory turns to Belanglosigkeit)</strong></p>
<p>Pop ist wesentlich eine bestimmte Umgangsform mit Musik im Kapitalismus. Pop ist nicht nur die sogenannte popul&auml;re Musik, die Tonwelt der Massenkultur, sondern tendenziell zieht Pop alle Musik, gerade die der kulturellen b&uuml;rgerlichen Hochzeiten in den Bann: Barock, Klassik, Romantik, Sp&auml;tromantik, auch Moderne und Neue Musik. Zum Pop geh&ouml;rt je schon eine gewisse Immunit&auml;t und Ignoranz den eigenen Objekten gegen&uuml;ber, schlie&szlig;lich der Musik selbst. Dies l&auml;&szlig;t Pop als plurales kulturelles Ph&auml;nomen erscheinen. Zur Pop-art (Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg u. a. ) ist sicherlich eine Parallele gegeben, die auch Arnold Hauser schon bei den Beatles auffiel, 4 sie spielt aber nur peripher eine Rolle &#8212; und zwar deshalb, weil die Ankn&uuml;pfung vom Pop an die Musik sich weniger als eine k&uuml;nstlerisch-kunsthafte geriert als vielmehr eine soziale und waren&ouml;konomische. Tats&auml;chlich hat sich, auch wenn bei der Rede von der &quot;Kulturindustrie&quot; das Industrielle nicht w&ouml;rtlich verstanden sein will, mehr als in den anderen K&uuml;nsten, selbst die Taschenbuchproduktion noch &uuml;bertreffend, eine gigantische Industrie herausgebildet. In dieser nimmt die eigentliche musikalische Produktion &#8212; das Arrangieren, Komponieren und Interpretieren der Musik &#8212; blo&szlig; noch einen peripheren Raum ein; wesentlich ist das Gesch&auml;ft der Popmusik eines von Reklame. 5 Der Popdiskurs, selbst der kritische &#8212; und das ist der, der den Pop kritisiert, aber auch &uuml;ber den Pop die Gesellschaft kritisieren m&ouml;chte &#8212;, besch&auml;ftigt sich mit der Musik in einem Jargon, der aus der Werbung entlehnt ist; das musikalische Urteil ist subjektivistisch und bekennt sich dazu affirmativ. Es z&auml;hlt die musikalische Meinung und die Konsumierbarkeit der Musik. Dieser Proze&szlig;, in dem die Stellung der Musik ambivalent bleibt, fl&uuml;chtig und manifest zugleich, ist freilich nicht nur durch den Gang der &Ouml;konomie, die Entfaltung des Warenverkehrs bedingt &#8212; die Geschichte der Musik, der Kultur &uuml;berhaupt, setzt sich darin durchaus fort. Insofern hat, fast paradox, die periphere Musik im Pop notwendig mehr als nur eine marginalisierte Stellung.</p>
<p>Von den alten K&uuml;nsten erwies sich Musik als die profitabelste. Kunstgeschichtlich hat sich damit die Stellung der Musik innerhalb der K&uuml;nste f&uuml;r die b&uuml;rgerliche Gesellschaft grundlegend gewandelt. Lange Zeit hat das B&uuml;rgertum gebraucht, bis es seine Musik entdeckte, bis es eine b&uuml;rgerliche Tonsprache entwickelte, die sich sowohl klassenspezifisch wie auch geschichtlich abhob; dazu geh&ouml;rt die L&ouml;sung von der Kirchenmusik, die Entwicklung der Oper, die Orchestermusik, die Eigenst&auml;ndigkeit bestimmter Instrumente wie auch deren technische ntwicklung (temperierte Stimmung, Ventilhorn etc. ), die nun dynamisch-individuellen Ausdruck erlaubten, also den gef&uuml;hlvoll-subjektiven Ton. Dies hat im 16. Jahrhundert mit Claudio Monteverdi seinen Ausgangspunkt &#8212; neben die &quot;prima pratica&quot; trat die &quot;seconda pratica&quot;, die monodische Form, nach der ein Solos&auml;nger das Zentrum der Komposition aufbaut, konzentriert auf den bis dahin undenkbaren individuellen Gef&uuml;hlsausdruck. Das soziale Feld der Auff&uuml;hrungspraxis &auml;nderte sich: zu Buxtehudes Zeiten, im 17. Jahrhundert, entwickelten sich Oratorium und die sogenannten Abendmusiken (Musikauff&uuml;hrungen f&uuml;r die B&ouml;rseng&auml;nger); neben der famili&auml;ren Hausmusik trat nicht nur der Kammerkonzertabend, sondern das Sinfonieorchester, in seiner Gr&ouml;&szlig;e st&auml;ndig wachsend, bis ein Dirigent n&ouml;tig war (was zuvor etwa der Cembalist miterledigte): das Kapellmeistertum brachte einen ersten Starkult hervor, der Musikjournalismus entwickelte sich und was Wackenroder oder Tieck &uuml;ber Tonkunst schrieben, antizipierte den Popdiskurs: trotz ihres musikalischen Wissens und der F&auml;higkeit, dem analytisch Ausdruck zu verleihen, w&auml;hlten sie die bildlich-romantische Sprache zur Beschreibung des Geh&ouml;rten; subjektive Innerlichkeit wurde zur rezeptiven Leitlinie erhoben, von der bis heute die Musik nicht abgelassen hat. Pop ist versp&auml;tete Sp&auml;tromantik, durchsetzt mit volksnahen Elementen, mit Trivialem wie sonst nur der Mahler der Wunderhorn-Sinfonien. Von solchen Dichotomien ist schon die b&uuml;rgerliche Musik geschichtlich gekennzeichnet; hier tragen sich nicht nur Klassenwiderspr&uuml;che aus, sondern wesentlich auch die Antagonismen des B&uuml;rgertums selbst: die Musik steht mit ihrer Sprachgestalt mehr als andere K&uuml;nste vor dem Problem der Vermittlung und des Verstehens. Musikalische Bildung ist innerhalb des B&uuml;rgertums selten &uuml;ber das Repertoirewissen hinausgekommen. Im Popularbarock findet dies einen ersten L&ouml;sungsversuch. Da&szlig; die Popmusik zur selben Zeit sich etabliert, wo das b&uuml;rgerliche Konzertpublikum von der Zw&ouml;lftonmusik und freien Atonalit&auml;t &uuml;berfordert wird, kurz nach der Jahrhundertwende, ist kein Zufall: bis heute lie&szlig;e sich nachzeichnen, da&szlig; der Pop den Strang aufgegriffen hat, der im letzten Jahrhundert zwischen der leichten und der ernsten Musik den Kompromi&szlig; suchte: die mittlere Musik. 6</p>
<p>Vom musikalischen Standpunkt lie&szlig;en sich einige Parameter nennen, die einen Popsong zum Pop machen: Elemente des A-B-Schemas, Wiederholungen, stereotype Instrumentierungen oder textliche Inhalte bilden solche Momente. Gleichwohl gilt das schon f&uuml;r das Paradebeispiel des Beatles-Songs nur unzureichend. Erst recht gilt das nicht f&uuml;r neuere Tanzmusik (Drum&#8216;n&#8217;Bass) oder &quot;avantgardistische&quot; Popmusik aus dem Bereich der Soundexperimente; alte musikalische Unterscheidungsversuche wie zwischen Pop und Rock sind l&auml;ngst hinf&auml;llig: Bon Jovi ist Pop, und meistens ist es sowieso egal: ob Bands wie Radiohead, Blur oder Foo Fighters nun Rock, Brit-Pop, Post-Rock oder Alternative-Rock sind, meint Differenzierungen f&uuml;r den Plattenladen, nicht zur Bezeichnung der musikalischen Strukturen. Hinzu kommt zudem: der Bestand an sogenannter &quot;Klassik&quot; ist mit dem Pop konvertiert &#8212; schon das falsche Etikett f&uuml;r alle b&uuml;rgerliche Kunstmusik dr&uuml;ckt das aus. Was objektiv Gustav Mahlers &quot;Lied von der Erde&quot; und Michael Jacksons &quot;Earth Song&quot; trennt, vermag subjektiv wohl kaum noch jemand anzugeben. Ohne s w&auml;re es m&ouml;glich, Aufnahmen von beiden in derselben Rubrik zu sortieren.</p>
<p>Die Erhabenheit des alten Wertereichs b&uuml;rgerlicher Kultur, der Kopfsatz von Beethovens F&uuml;nfter, ist bei vollem Bewu&szlig;tsein zur Karikatur geworden &#8212; nicht erst, seit Bands wie Ekseption versuchten, sich der Klassik durch krude Adaptationen anzun&auml;hern. Durchaus h&auml;lt solche Karikatur aber Subversives bereit, verspricht es zumindest. Mit dem kulturpessimistischen Vorurteil ist dem nicht beizukommen. Nietzsche hat recht und unrecht zugleich, als er den Pop vorausahnte: &quot;Was liegt an aller unsrer Kunst der Kunstwerke, wenn jene h&ouml;here Kunst, die Kunst der Feste uns abhanden kommt! Ehedem waren alle Kunstwerke an der gro&szlig;en Feststra&szlig;e der Menschheit aufgestellt, als Erinnerungszeichen und Denkm&auml;ler hoher und seliger Momente. Jetzt will man mit den Kunstwerken die armen Ersch&ouml;pften und Kranken von der gro&szlig;en Leidensstra&szlig;e der Menschheit beiseite locken, f&uuml;r ein l&uuml;sternes Augenblickchen; man bietet ihnen einen kleinen Rausch und Wahnsinn an. &quot;7 Wer nach diesem Muster Pop kritisiert, der gilt als Spa&szlig;verderber &#8212; doch Popkritik, die sich tats&auml;chlich derart am Spa&szlig;verbot &uuml;ben w&uuml;rde, w&auml;re h&auml;mischer noch als Nietzsche; kritische Theorie des Pop hat zum Initialmotiv eben gerade, das offizielle Spa&szlig;verbot zu enttarnen, welches sich hinter der verordneten Fr&ouml;hlichkeit versteckt, die &uuml;ber Schl&uuml;sselreize reglementiert ist. Am Ende der b&uuml;rgerlichen Kunstmusik steht der Pop: eine subjektive Innerlichkeit, der alles Subjektive genommen ist &#8212; das &quot;Sch&ouml;ne als Symbol des sittlich Guten&quot; (Kant) hat sich zur &quot;fun morality&quot; pervertiert: musikgeschichtlich in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft unabdingbar. 8</p>
<p><strong>Technik und Popkonsumenten</strong></p>
<p>&quot;Von Interessenten wird die Kulturindustrie gern technologisch erkl&auml;rt. Die Teilnahme der Millionen an ihr erzwinge Reproduktionsverfahren, die es wiederum unabwendbar machten, da&szlig; an zahllosen Stellen gleiche Bed&uuml;rfnisse mit Standardg&uuml;tern beliefert werden (&#8230;) Die Standards seien urspr&uuml;nglich aus den Bed&uuml;rfnissen der Konsumenten hervorgegangen: daher w&uuml;rden sie so widerspruchslos akzeptiert (&#8230;) Verschwiegen wird dabei, da&szlig; der Boden, auf dem die Technik Macht &uuml;ber die Gesellschaft gewinnt, die Macht der &ouml;konomisch St&auml;rksten ist. &quot; (Adorno und Horkheimer, Dialektik der Aufkl&auml;rung)</p>
<p>&quot;Nur dem Namen nach ist der Begriff der Technik der Kulturindustrie derselbe wie in den Kunstwerken (&#8230;) Ideologischen R&uuml;ckhalt hat die Kulturindustrie gerade daran, da&szlig; sie vor der vollen Konsequenz ihrer Technik in den Produkten sorgsam sich h&uuml;tet. Sie lebt gleichsam parasit&auml;r von der au&szlig;erk&uuml;nstlerischen Technik materieller G&uuml;terherstellung. &quot; (Adorno, R&eacute;sum&eacute; &uuml;ber Kulturindustrie)</p>
<p>&quot;Eine Prognose war f&auml;llig, und sie blieb aus. Das besiegelte einen Verlauf, der f&uuml;r das vergangene Jahrhundert kennzeichnend ist: n&auml;mlich die verungl&uuml;ckte Rezeption der Technik. Sie besteht in einer Folge schwungvoller, immer erneuter Anl&auml;ufe, die samt und sonders den Umstand zu &uuml;berspringen suchen, da&szlig; diese Gesellschaft der Technik nur zur Erzeugung von Waren dient (&#8230;) Von dieser Entwicklung, die durchaus eine klassenbedingte gewesen ist, darf man sagen, da&szlig; sie sich im R&uuml;cken des vorigen Jahrhunderts vollzogen hat. Ihm sind die zerst&ouml;renden Energien der Technik noch nicht bewu&szlig;t gewesen. Das gilt zumal von der Sozialdemokratie der Jahrhundertwende. &quot; (Walter Benjamin, Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker)</p>
<p>Der &quot;affirmative Charakter der Kultur&quot; (Herbert Marcuse) sollte einst pr&auml;ventiv das B&uuml;rgertum vor seinen eigenen Widerspr&uuml;chen sch&uuml;tzen. Kaum ist je aus der b&uuml;rgerlichen Kultur ernstlich eine politische Protestbewegung erwachsen &#8212; Forderungen wie die Schillers nach dem Nationaltheater waren zur zeitgleichen franz&ouml;sischen Revolutionsepoche harmlos. Zwar steckt in Wagners &quot;Rheingold&quot; Kapitalismuskritik &#8212; die Arbeiterbewegung hat sich allerdings vom &quot;Communisten&quot; Wagner erst beeindrucken lassen, als das B&uuml;hnenspektakel jenseits von Bayreuth die Opernh&auml;user eroberte und zum Feierabendvergn&uuml;gen ward. Der affirmative Charakter der Popkultur tritt dementgegen nicht pr&auml;ventiv, sondern aggressiv auf: Pop kanalisiert vorhandene Protestbewegungen, verwandelt Subversives zum Verkaufserfolg: was um 1977 als Punk begann, entpuppte sich trotz rebellischer Geste und Provokation als geplante Reklame: Bands wie die Sex Pistols waren die ersten, die mit umfassenden Werbekampagnen sich Geh&ouml;r verschafften; die billigen Akkordfolgen, mit denen sie warben, hatte der Rock&#8216;n&#8217;Roll l&auml;ngst vorgemacht. Vom Punk &#8212; also der vermeintlich subversivsten Popkultur &#8212; haben vor allem die Techno-Rebellen der &quot;Generation X&quot;9 gelernt. Mark Terkessidis und Tom Holert res&uuml;mieren: &quot;Die Generation X l&ouml;ste eine Menge Probleme: Sie schwei&szlig;te die Diversifizierten als Konsumrebellen zusammen und verteilte sie gleichzeitig auf verschiedene Minderheiten. So hatten nun alle die gleichen Werte &#8212; bewu&szlig;t kaufen, Stil erwerben &#8212; und konnten je nach minorit&auml;rem Gusto zielgruppenorientiert angesprochen werden. &quot;10 Fraglich, ob dies erst der heutigen Jugend zum Leitmotiv wurde. Walter Grasskamp sieht Jugendkultur grunds&auml;tzlich mit der Kulturindustrie verzahnt: &quot;Jugendkultur entwickelte sich daher zu einem Investitionsschwerpunkt der Kulturindustrie, wobei die Marktsegmente lernten, sich synchron als Subkultur und diachron als Generationen zu verstehen, denn ihre wichtigsten Identifikationserlebnisse erwarben sie nicht durch Arbeit oder Krieg, Religion oder Politik, sondern im Konsum. &quot;11 F&uuml;r die Autoren vom <em>Mainstream der Minderheiten</em> ergibt sich diese Vereinnahmungstendenz aus der von Gilles Deleuze inspirierten, wenig dialektischen Diagnose einer &quot;Kontrollgesellschaft&quot; &#8212; dies kennzeichne in der Popkultur den Wechsel von einer fremdm&auml;chtigen Disziplinargesellschaft (k&ouml;rperliche, politische Gewalt &uuml;ber die Masse) zur Gesellschaft, die vom einzelnen die freiwillige Selbstkontrolle abverlangt. 12 Grasskamp hingegen argumentiert, trotz der N&auml;he im Ansatz, nicht mit einer gerade erst sich abzeichnenden, sondern grunds&auml;tzlichen Tendenz, die durch Kulturindustrialisierung je schon mitgegeben ist. Zudem setzt er auch wenig soziologistisch bei der Kunst an und sp&uuml;rt sehr genau der f&uuml;r den Pop entscheidenden &Uuml;berf&uuml;hrung von Kulturkampf und -revolutionsstrategien in Subversionsbeliebigkeiten nach: &quot;Die Popkultur verdr&auml;ngte, was sich als Nachkriegsavantgarde gerade hatte etablieren wollen (&#8230;) Die Preisgabe der Kampfbegriffe beg&uuml;nstigte die Abl&ouml;sung der Nachkriegsavantgarden durch die Popkultur, der wenig sp&auml;ter auch die Studentenrevolte zuarbeitete (&#8230;) Von der &#8218;Gegenkultur&#8216; der sechziger Jahre hat bereits kein Geringerer als Frank Zappa behauptet, sie sei blo&szlig; eine Erfindung der Medien gewesen (&#8230;) Die Erinnerung an den Widerstand gegen die Kulturindustrie wird jedenfalls inzwischen von dem Verdacht zersetzt, wom&ouml;glich nur an einer ihrer ersten Massenveranstaltungen teilgenommen zu haben. &quot;13</p>
<p>Das meint die Dialektik, die geschichtlich in der Kulturindustrie Kunst zu ihrem Ende bringt: &ouml;konomische Entwicklungen bedingen technologische und umgekehrt. Der technische Fortschritt, auf dem der Pop, ja die Produktion und Reproduktion aller Musik basiert &#8212; von den Orchestrions des 19. Jahrhunderts bis zur digitalen Elektronik &#8212; ist auf das dichteste mit sozial-&ouml;konomischen Prozessen des Kapitalismus verbunden. Schnell erscheint deshalb das Technische als ein Eigenwert der Popkultur. 14 Die M&ouml;glichkeiten der synthetischen Klangerzeugung k&ouml;nnen vom Konsum- und H&ouml;rverhalten nicht getrennt werden; gleichzeitig kann das H&ouml;rverhalten der Konsumenten jedoch nicht als Ma&szlig;stab dienen. 15 Genau darauf berufen sich jedoch die Apologeten der Kulturindustrie und nennen sie demokratisch. Die einzelnen Popszenen, die darauf halbherzig reagieren, indem sie einerseits das Demokratische retten m&ouml;chten, um doch elit&auml;r ihren &quot;Stil&quot; gegen den Rest zu verteidigen, best&auml;tigen in letzter Instanz f&uuml;r jedes musikalische Sachurteil blo&szlig; die Konsumentenideologie: Techno ist das beste Beispiel, weil die Anh&auml;nger hier auf Fortschrittlichkeit getrimmt werden, die sich &uuml;ber die technologischen M&ouml;glichkeiten begr&uuml;ndet. Manche prophezeien gar: &quot;Techno ist der neue Kommunismus. &quot;16 Gerne erhebt man technische Raffinessen zum Argument. Der bekannte Radio-DJ Klaus Walter schreibt: &quot;Jeder ist irgendwie DJ heute, so wie fr&uuml;her alles irgendwie politisch war, was heute wieder ziemlich aus der Mode gekommen ist. &quot;17 &#8212; Das Problem solcher technikeuphorischer Bekundungen, die es zuletzt seitens der Energieindustrie in Sachen Kernkraft gegeben haben d&uuml;rfte, ist allerdings alsbald genau das eigene Argument: &quot;Irgendwie DJ-Sein&quot; h&ouml;rt n&auml;mlich dort auf, wo die falschen Platten gespielt werden. Niemand ist im Technotaumel in der Lage, vom Standpunkt der demokratischen Technik angeben zu k&ouml;nnen, was von der musikalischen Materialit&auml;t ein St&uuml;ck von Alec Empire, Oval oder Sven V&auml;th von einem von Bon Jovi oder Michael Jackson unterscheidet: nach Ma&szlig;gabe des Technischen d&uuml;rfte ausgerechnet Michael Jackson weitaus elaborierter sein. 18</p>
<p>Nicht nur wird Technik verabsolutiert, sondern auch ihre Funktion innerhalb der Kulturindustrie verwechselt. Als Produktivkraft wird sie gar nicht wahrgenommen. An ihr haftet alle Kreativit&auml;t. Was durch die moderne Musiktechnik m&ouml;glich wird, die Welt in ihrer Funktion darzustellen, bringt sie eben soweit in die Funktionale, da&szlig; nicht mehr heraush&ouml;rbar ist, welche Produktionsbedingungen hinter einem Song stecken. Wie auf der Produktionsebene kittet die Technik auf der Konsumtionsebene, der Reproduktion: ihre Demokratie hei&szlig;t, Menschen gleichdumm zu machen. Die affirmative Deutung des Technischen, die im Techno kulminieren soll, wird fast eine Art hermeneutischer Zirkel: &uuml;ber Technik verst&auml;ndigen sich soziale Klassen, etwa beim wochenendlichen Raven, die sich sonst nur in hierarchischen Verh&auml;ltnissen gegen&uuml;bertreten, als Gleichgesinnte; im Pop ist die eindimensionale Gesellschaft verwirklicht, auch wenn realgesellschaftlich die Widerspr&uuml;che l&auml;ngst krisenhaft blank liegen. Das b&uuml;rgerliche Prinzip von Gleichheit, das bisher stets kontradiktorisch eine kulturelle Gleichheit versus &ouml;konomisches &Auml;quivalenzprinzip meinte, vers&ouml;hnt sich im Pop. Technik bindet diese Gleichheit; zu ihr geh&ouml;rt auch die &quot;repressive Toleranz&quot; (Marcuse). Pop scheint prim&auml;r sozial, dann musikalisch erkennbar; die sozialen Schichten der Popkultur sagen aber &uuml;ber die Gesellschaft nichts; sie best&auml;tigen blo&szlig; fetischistisch die Faktizit&auml;t der Undurchdringbarkeit der Verh&auml;ltnisse.</p>
<p>Das alte Programm der Romantik und dann der Avantgarden, die Kunst ins Leben zu &uuml;berf&uuml;hren, hat sich unter Bedingungen der Kulturindustrie und des Sp&auml;tkapitalismus grotesk verwirklicht: in der Tat proklamiert der Pop, das Leben zum Kunstwerk erheben zu k&ouml;nnen &#8212; ein Leben von einzelnen, welches an Belanglosigkeit allen Vitalismus unterbietet und sich doch auf ihn beruft. Soweit gilt das f&uuml;rs Individuum. Aber auch sozial hat sich Kultur in der Gesellschaft aufgehoben &#8212; schon im letzten Jahrhundert setzte ausgerechnet in der Musik ein Proze&szlig; ein, der die musikalische Form wieder in die soziale &uuml;berf&uuml;hrte, beziehungsweise sie aus den neuen sozialen &#8212; haupts&auml;chlich urbanen &#8212; R&auml;umen herausholte. Tanzveranstaltungen geh&ouml;rten dazu, der Kult um den Star, der Konzertbetrieb (etwa das Orchester nur noch als Rhythmusmaschine, als &#8218;Riesengitarre&#8216;, wie Berlioz sagte, wirken zu lassen. Am folgenreichsten d&uuml;rfte allerdings die Entwicklung &#8212; und Konvergenz &#8212; der Kneipen-, Club- und Salonkultur des 19. Jahrhunderts f&uuml;r den Pop des 20. Jahrhunderts gewesen sein. Moderne technische Entwicklungen von der Musikbox bis zum Plattenspieler erscheinen dagegen als krude Wiederholungen: das Orchestrion ist das erste Kneipeninstrument &#8212; und brauchte noch nicht den DJ als &quot;Automatenhirten&quot; (G&uuml;nther Anders).</p>
<p>Der Zwischenbereich der privaten und der &ouml;ffentlichen Sph&auml;re, der &quot;kleine kulturelle Alltag&quot; (Gunnar F. Gerlach), der zwischen der heimischen Plattensammlung und dem Massenkonzert steht, ist von Kulturindustrie und Konsumentenorientierung nicht frei. Wenn sich im Pop allerdings Subversives regt, dann an diesen informellen Orten: auf sie haben die Agenturen der Kulturindustrie nicht unmittelbar Zugriff. Allerdings sind solche Clubs und Kneipen stets so subversiv wie die jeweiligen politischen Bewegungen, die sich hier aufhalten &#8212; die in den Clubs gespielte Musik ist f&uuml;r Subversion insofern kaum Indiz; doch auch dies: alles Subversionspotential, was in solchen R&auml;umen sich kristallisiert, ist gebunden an einen Bohemismus, der &#8212; die Geschichte zeigt es &#8212; nicht unproblematisch ist. 19 Die Subversion, die hier stattfindet, hat sich je schon mit ihrem Platz abgefunden; sie schl&auml;gt deshalb so leicht vom Politischen ins &Auml;sthetische um, weil ihr Politikverst&auml;ndnis k&uuml;nstlerisch gemeint war, als &Auml;sthetik der Existenz. Sowenig wie am Konsumentenbewu&szlig;tsein abzulesen w&auml;re, was im Pop sich zutr&auml;gt, so sehr spiegelt das allgemeine H&ouml;rverhalten in all seinen Sparten doch nur das vorgegebene Klangereignis wieder. Um wirklich differenzieren zu k&ouml;nnen, bem&uuml;ht man die soziale Anekdote, nicht die material&auml;sthetische L&ouml;sung. Bodo Hahn findet etwa &quot;sooo zum Kotzen! &quot; und &quot;zum Steinerweichen komisch, weil es zum Weinen harmlos ist, wenn man nachts um 4.00 Uhr vor der Frankfurter Festhalle steht und beobachtet, wie die Kids nach der dort stattgefundenen &#8218;Mayday&#8216; von ihren Eltern, die noch ihre Pantoffeln tragen, da man ja schlie&szlig;lich schon geschlafen hat, abgeholt werden. &quot; Und er schiebt das theoretische Programm gleich hinterher: &quot;Techno war noch nie wirklich eine &#8218;politische&#8216; Bewegung, sondern eine Bewegung, deren Inhalt der radikale Spa&szlig; war, in Form einer radikalen Absage an den b&uuml;rgerlichen Alltag. Partys, die um 4.00 Uhr beendet sind, ausschlie&szlig;lich am Wochenende stattfinden und f&uuml;r deren horrende Eintrittsgelder man sich das Geld vom Munde absparen mu&szlig;, machen keinen Spa&szlig; (&#8230;) Deswegen mu&szlig; eine subkulturelle Techno-Bewegung schnell sein und nach M&ouml;glichkeit mit jedem neuen Track, der entsteht, eine neue Stilrichtung repetitiver Musik schaffen. Jeder/jede, der/die die M&ouml;glichkeit hat, Partys, unter welchen Umst&auml;nden auch immer zu veranstalten, sollte dies tun, wenn ihm/ihr am Erhalt von Subkultur etwas gelegen ist. &quot;20 Die sogenannte Club Culture transzendiert alles m&ouml;gliche im Namen der Politik, transzendiert vor allem die Politik ins Abseits des privatistischen Kulturraums; der &uuml;ber den Pop erweiterte Politikbegriff, der sich befreien wollte vom Muff der Staats- und Parteipolitik, ist enger noch und rutscht in die Bedeutungslosigkeit. Mit bestimmten Begriffen wird journalistisch lanciert, bei denjenigen, die ihre Abende und N&auml;chte in Clubs verbringen, handle es sich um politisch aufgekl&auml;rte, theoretisch bewanderte und selbstbewu&szlig;te Menschen; die Mode signalisiere die je individuelle Pers&ouml;nlichkeit. Es ginge um &quot;Vermehrung intelligenter Partykultur, &quot; denn &quot;Selbstsubversion steht f&uuml;r eine gesteigerte Form der Autonomie&quot;. Im sprachlichen &Uuml;berschwang wird das Subversionspotential herbeigezaubert: &quot;Trainingsr&auml;ume unserer Phantasie sind die Nicht-Orte der Kunst, die Clubs bzw. die Art Clubs. &quot;21 Man tut so, als w&auml;re allein durch die Streuung gewisser Termini &#8212; &quot;Hamburger Schule&quot;, &quot;Club Culture&quot;, Begriffe der postmodernen Philosophie, Wortsch&ouml;pfen f&uuml;r musikalische Sparten &#8212; ein theoretischer Standard gewahrt; faktisch wird sich damit jedoch der Theorie entzogen. Auf einmal glauben die Wortf&uuml;hrer des Popdiskurses, da&szlig; in den Clubs alle &uuml;ber Deleuze sprechen. Tats&auml;chlich wei&szlig; hier niemand wer Deleuze ist, geschweige denn, da&szlig; die Wortf&uuml;hrer selbst in der Lage w&auml;ren, auch nur einen Deleuzeschen Begriff &#8212; &quot;Plateau&quot;, &quot;Rhizom&quot; etc. &#8212; auf den Pop begr&uuml;ndet anzuwenden, sofern diese Philosophie sich nicht von sich aus schon in Inhaltsleere erstreckt.</p>
<p>Das Wissen f&uuml;r den Dancefloor ist keines von Reflexion, sondern von Produktinformation. Subversion steht nicht gegen die Gesellschaft, sondern ist ein Etikett, das die eine Musik von der anderen unterscheidet, wo sie ansonsten als Waren sich gleichen. Die Kulturindustrie eint die antagonistischen sozialen Gruppen als Konsumenten; als K&auml;ufer und H&ouml;rer werden sie alle potentiell gleich &#8212; in Widerspruch treten sie nicht als Klassen von Produzenten, sondern als Angeh&ouml;rige verschiedener &quot;Reproduktionsschichten&quot;.</p>
<p><strong>Popsubversionen und Popindividuen</strong></p>
<p>&quot;Die Wellen der Mode brechen sich an der kompakten Masse der Unterdr&uuml;ckten. Dagegen haben die Bewegungen der herrschenden Klasse nachdem sie einmal zu ihrer Herrschaft gelangt ist, einen modischen Einschlag an sich. Insbesondere sind die Ideologien der Herrschenden ihrer Natur nach wandelbarer als die Ideen der Unterdr&uuml;ckten. Denn sie haben sich nicht nur, wie die Ideen der letzteren, der jeweiligen gesellschaftlichen Kampfsituation anzupassen sondern sie als eine im Grunde harmonische Situation zu verkl&auml;ren. Bei diesem Gesch&auml;ft mu&szlig; exzentrisch und sprunghaft verfahren werden. Es ist im vollsten Sinne des Wortes ein modisches. &quot; (Benjamin, Das Passagen-Werk)</p>
<p>Die Subversionspotentiale im Pop m&uuml;ssen sich am Stand des Individuums in der Gesellschaft messen lassen. Nicht da&szlig; einzelne Popkulturen und Jugendbewegungen mit ihren Subversionen gescheitert sind, ist dabei ausschlaggebend, sondern da&szlig; je schon eine subversive Individualit&auml;t des Popsubjekts unterstellt wird, die doch eigentlich erst am Horizont aller Subversionspraxis erschiene. Weil hier dem Ziel stets vorgegriffen ist, ist die begriffliche Unterbestimmung des Subversionsanspruchs nicht seine Freiheit oder gar eine Strategie der Uneinnehmbarkeit, die Souver&auml;nit&auml;t und Autonomie vom Pop, sondern vielmehr markiert dies die ideologische L&uuml;ge im rebellischen Programm. Derart ist alles Pop und Subversion und verliert sich im hermeneutischen Zirkel. Dazu geh&ouml;rt auch die Behauptung, von der Subversion mit Gegenwartsanspruch einzig zehrt, da&szlig; das Subversionspotential aller bisherigen Popkultur versiegt sei. Die Subversion &uuml;berantwortet sich der Mode und wird selber eine. Das modische Popsubjekt ist als Konsument subversiv; die Subversion kann nur Mode sein, nicht theoretische Reflexion. Popsubversion rebelliert gegen das falsche Selbstbewu&szlig;tsein, da&szlig; der Autonomie des Konsumenten auf dem Warenmarkt anheftet &#8212; um dieses falsche Selbstbewu&szlig;tsein zugleich als subversive Kraft per se vorzugeben. Pop rebelliert gegen die Entfremdung des b&uuml;rgerlichen Subjekts, indem er es zugleich manifestiert. Alle Befreiung bleibt privat.</p>
<p>Alles wird Pop &#8212; und Pop ist mitunter subversiv; solche Proklamationen vereiteln die Subversionsnotwendigkeit dort, wo sie Desiderat bleibt: da&szlig; Gesellschaft sich nicht ver&auml;ndert, nicht revolutioniert wird, verhinderte je schon die Kultur. Bewu&szlig;t spricht man nicht von Kulturrevolution. Alles wird Pop soll schlie&szlig;lich beides meinen: da&szlig; das Soziale Pop wird und der Pop das Soziale ersetzt; so m&ouml;chte man das Individuum gegen die Gesellschaft ausspielen. Die damit sich durchsetzende Idee des Individuums, das real gar keines ist, begr&uuml;ndet sich in einer Vorstellung von widerspruchsfreier Kultur, als sei sie nicht, nach der Erkenntnis Freuds &quot;Folge der Triebverdr&auml;ngung&quot;. Dieses Bild von Kultur, das dem Kulturpessimismus ebenso verwandt scheint wie der Lebensphilosophie, zeigt an, da&szlig; der Pop historisch nicht erst durch seine spezifischen musikalischen Formen datierbar ist, sondern als gesellschaftliche Struktur im vorherigen Jahrhundert seine Parallelen findet: in der Mode, im Jugendstil &#8212; auch in der Musik. Es ist der Wunsch nach b&uuml;rgerlicher Individualit&auml;t; aber nicht die aufgekl&auml;rte des 18. Jahrhunderts ist gemeint, sondern die im Muff des vergangenen, die gescheiterte.</p>
<p>Walter Benjamin hatte in diesem Kontext das 19. Jahrhundert durchleuchtet und schon in der Fr&uuml;hphase des Pop seine Genealogie vorgeschlagen, und zwar &quot;den Jugend<em>stil</em> bis in seine Auswirkung in die Jugend<em>bewegung</em> [zu] verfolgen. &quot;22 Der Pop realisiert in seinem Rebellionsgebaren gleichsam das Grundmotiv des Jugendstils: &quot;Das Tr&auml;umen, man sei erwacht. &quot;23 Und auch Adorno wu&szlig;te zu betonen: &quot;Jugendstil ist, wie der Name verr&auml;t, die in Permanenz erkl&auml;rte Pubert&auml;t: Utopie, welche die eigene Unrealisierbarkeit diskontiert. &quot;24 &#8212; Solche Unrealisierbarkeit meint freilich die von Subjektivit&auml;t. Gleichwohl bricht alle Subversion im Pop nicht nur am Scheitern solcher Subjektivit&auml;t, sondern auch an ihrem Dr&auml;ngen und ihrer Not, die utopisch in der Musik noch nachhallt. Davon m&ouml;chte sich der subversive wie krude &ouml;konomische Pop freimachen, weil alles Versprechen, was noch nicht mit den monatlichen Neuerscheinungen abgegolten ist, als gesch&auml;ftssch&auml;digend gilt. Die &quot;Raving Society&quot; fri&szlig;t ihre Kinder: nicht &quot;der Pop ist erwachsen geworden&quot;, wie Ulf Poschardt meint, sondern das 19. Jahrhundert erw&auml;chst im Pop seiner Naivit&auml;t, um doch im Schutz der Kulturindustrie Infantilit&auml;t zu wahren.</p>
<ul>
<p><em>&#9;Mag. Roger Behrens ist Philosoph und Publizist sowie Redakteur der Zeitschrift &#8220;testcard. beitr&auml;ge zur popgeschichte&#8221;. Er lebt in Hamburg. &#8212; 1996 erschien u. a. sein Buch </em>Pop &#8212; Kultur &#8212; Industrie. Zur Philosophie der popul&auml;ren Musik<em> (W&uuml;rzburg 1996); im n&auml;chsten Jahr erscheint </em>Ton Klang Gewalt. Texte zu Musik, Gesellschaft und Subkultur. </ul>
<p><strong>Anmerkungen</strong>
<ul>
<p><em>1&#9;Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft, in: ders. , Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1987, S. 9. </em></p>
<p><em>2&#9;Vgl. etwa Christoph Gurks in diesem Punkt ausgezeichnete Ausf&uuml;hrung: &quot;Wem geh&ouml;rt die Popmusik? Die Kulturindustriethese unter den Bedingungen postmoderner &Ouml;konomie&quot;, in: Tom Holert / Mark Terkessidis, Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft, Berlin / Amsterdam 1996, S. 20ff. </em></p>
<p><em>3&#9;In der neueren Literatur ist dies von Richard Shusterman, Kunst leben. Die &Auml;sthetik des Pragmatismus, Frankfurt am Main 1994, sowie Ulf Poschardt, DJ-Culture, Frankfurt am Main 1995, S. 331ff. , verteidigt worden. </em></p>
<p><em>4&#9;Vgl. Arnold Hauser, Soziologie der Kunst, M&uuml;nchen 1983 S. 684ff. </em></p>
<p><em>5&#9;Adorno und Max Horkheimer kommen in dem Kapitel &uuml;ber &quot;Kulturindustrie. Aufkl&auml;rung als Massenbetrug&quot; in ihrer Dialektik der Aufkl&auml;rung zu dem Schlu&szlig;: &quot;Technisch so gut wie &ouml;konomisch verschmelzen Reklame und Kulturindustrie&quot;; ferner sprechen die Autoren vom &quot;Triumph der Reklame &uuml;ber die Kulturindustrie&quot; (Dialektik der Aufkl&auml;rung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1985, S. 147 und 150). </em></p>
<p><em>6&#9;Vgl. hierzu: Carl Dahlhaus, &quot;&Uuml;ber die &#8218;mittlere Musik&#8216; des 19. Jahrhunderts&quot;, in: Helga de la Motte-Haber (Hg. ), Das Triviale in Literatur, Musik und bildender Kunst, Frankfurt am Main 1972, 13ff. Mittlere Musik ist ein f&uuml;r das 19. Jahrhundert charakteristisches Ph&auml;nomen: ein Resultat aus der Trennung zwischen Gebrauchsmusik und Kunstmusik; mittlere Musik ist von der autonomen Musik abgespaltene Gebrauchsmusik. </em></p>
<p><em>7&#9;Friedrich Nietzsche, Die fr&ouml;hliche Wissenschaft (Jetzt und Ehedem), Frankfurt am Main 1982, S. 106. </em></p>
<p><em>8&#9;Vgl. Dieter Prokop, Kriterien der Kritik und der Analyse von Medienprodukten: Die Ans&auml;tze, deren Verselbst&auml;ndigungen und der Versuch einer Antwort auf die Frage, was Kritik ist, in: ders. (Hg. ), Medienforschung, Bd. 3: Analysen &#8212; Kritiken &#8212; &Auml;sthetik, Frankfurt am Main 1976, S. 152. </em></p>
<p><em>9&#9;Die Vokabel einer &quot;Generation X&quot; zeigt, wie der Popdiskurs funktioniert: vom Schriftsteller Douglas Coupland eingef&uuml;hrt zur Bezeichnung von Aussteigern, wurde die &quot;Generation X&quot; zum Synonym des Umgekehrten, einer Generation der Mitmacher. </em></p>
<p><em>10&#9;Holert / Terkessidis, &quot;Einf&uuml;hrung in den Mainstream der Minderheiten&quot;, in: dies. , Mainstream der Minderheiten, a. a. O. , S. 7. </em></p>
<p><em>11&#9;Walter Grasskamp, Der lange Marsch durch die Illusionen. &Uuml;ber Kunst und Politik, M&uuml;nchen 1995, S. 20. </em></p>
<p><em>12&#9;Die Analyse gegenw&auml;rtiger Gesellschaftsverh&auml;ltnisse nach diesem postmodern-poststrukturalen Mustern repr&auml;sentiert selbst schon das Verschwinden theoretischer Reflexion, den &Uuml;bergang der Theorie zum Pop. Holert und Terkessidis leiten ihre Kritik aus einem zehnseitigen Deleuze-Text ab, der offenkundig von Mi&szlig;verst&auml;ndnissen der Foucaultschen Philosophie gekennzeichnet ist (Foucault w&uuml;rde diese merkw&uuml;rdige Trennung zwischen Disziplinargesellschaft und Kontrollgesellschaft gar nicht machen k&ouml;nnen). Eben dieser Ansatz, die Kritik an der Erscheinungsebene festzusetzen, repr&auml;sentiert den Positivismus. Fredric Jameson hat darauf verwiesen, da&szlig; die Postmoderne f&uuml;r die kritische Theorie das darstellt, was fr&uuml;her der Positivismus war; im Pop l&ouml;st sich dies selbstgef&auml;llig ein. Vgl. Fredric Jameson, Sp&auml;tmarxismus. Adorno und die Beharrlichkeit der Dialektik, Hamburg 1991, S. 304: &quot;Was Adorno n&auml;mlich Positivismus nannte, ist genau das, was wir heute als Postmodernismus bezeichnen, dessen primitivere Stufe der Positivismus darstellte. &quot;</em></p>
<p><em>13&#9;Grasskamp, Der lange Marsch durch die Illusionen, a. a. O. , S. 12ff. </em></p>
<p><em>14&#9;Das f&uuml;hrt noch einmal auf die Schwierigkeit mit dem Popbegriff zur&uuml;ck: da&szlig; ab einem bestimmten Punkt &quot;alles Pop&quot; ist, ergibt sich, weil in der modernen Welt alles technisch gefiltert ist. Ebenso versucht die Technoszene die mit Maschinen und Elektronik durchsetzte Lebenswelt kurzerhand als insgesamt &quot;Techno&quot; zu erkl&auml;ren. </em></p>
<p><em>15&#9;Vgl. meine Aufs&auml;tze &quot;Das hedonistische Ohr. Pr&auml;liminarien zur &Auml;sthetik musikalischer Subkulturen&quot;, in: &#8220;Musik &amp; &Auml;sthetik&#8221; Heft 1/2, 1997, S. 75ff. ; sowie: &quot;Soziale Verh&auml;ltnisse &#8212; Klangverh&auml;ltnisse. Versuch einer Entzerrung des ausgesparten Problems der Materialdialektik in der Popul&auml;rmusik&quot;, in: &#8220;testcard. beitr&auml;ge zur popgeschichte&#8221;, Heft 3, 1996, S. 20ff. </em></p>
<p><em>16&#9;Paolo Bianchi, in: Kunstforum International, Bd. 135. Themenheft: Cool Club Cultures, S. 76. </em></p>
<p><em>17&#9;In: &#8220;Nachtexpress. Save our Night&#8221; Nr. 2, o. S. ; wie sehr das Politische aus der Mode ist, hat Walter selbst j&uuml;ngst bei einer Essener Podiumsdiskussion &uuml;ber ein B&ouml;hse-Onkelz-Konzert beweisen d&uuml;rfen: er h&auml;lt die Naziband, die in ihren Texten einst offen zum Mord aufrief, nicht f&uuml;r faschistisch, sondern &#8212; f&uuml;r Mainstream. Als das eigentliche &Uuml;bel gilt heute der Mainstream, von dem es sich &auml;sthetisch abzugrenzen gilt. </em></p>
<p><em>18&#9;Dar&uuml;ber t&auml;uscht auch nicht hinweg, wenn sich im Bereich von Elektro, TripHop und Drum&#8216;n&#8217;Bass vom Mainstreamgebrauch der Technik durch einen kruden Minimalismus abgegrenzt wird &#8212; dieser klangliche Minimalismus, der gegen den kitschigen Pop die Melancholie &uuml;bt, basiert schlie&szlig;lich doch auf demselben technischen Aufwand. </em></p>
<p><em>19&#9;Vgl. Tobia Bezzola, Massenbohemisierung und bohemische Massenkultur, in: &#8220;17 &#176;C &#8212; Zeitschrift f&uuml;r den Rest&#8221;, Nr. 10 / April/Mai/Juni 1995, S. 85ff. </em></p>
<p><em>20&#9;Bodo Hahn, in: &#8220;Nachtexpress. Save our Night&#8221; Nr. 2, o. S. </em></p>
<p><em>21&#9;Paolo Bianchi, in: &#8220;Kunstforum International&#8221;, a. a. O. , S. 76. </em></p>
<p><em>22&#9;Walter Benjamin, Passagen-Werk, Ges. Schriften Bd. V/1, Frankfurt am Main 1991, S. 686. </em></p>
<p><em>23&#9;Ebd. , S. 496. </em></p>
<p><em>24&#9;Adorno, &Auml;sthetische Theorie, Frankfurt am Main 1990, S. 404. </em> </ul>
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