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	<title>Streifzüge &#187; Nachrufe</title>
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		<title>Weitermachen</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Aug 2011 08:30:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Petra</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-52]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/weitermachen">Weitermachen</a></p>
<p>Streifzüge 52/2011</p>
<p>KOLUMNE Rück<em>kopplungen</em></p>
<p><em>von Roger Behrens<span id="more-10063"></span></em></p>
<p><em>„Popkultur ist in der Lage, Orte herzustellen, in denen das Subjekt verschwinden und in eine andere Welt eintreten kann als die, die ihm per Herkunft und ‚Identität‘ verordnet wurde. Diese Orte können auch Nichtorte sein; Orte, die es nicht gibt, die implodiert sind oder die sich aus der kulturellen Geographie ihrer Umgebung herausgesprengt haben. Imaginäre Räume, isolierte Nischen oder Fluchtlinien, die von den örtlichen Realitäten wegführen.“ Frank Apunkt Schneider</em><br />
<em>„Space is the place.“ Sun Ra</em><br />
<em>fürs kleine sternchen</em></p>
<p>Eine neue <em>testcard</em> ist erschienen. Die Nummer 20 – ein mögliches Jubiläum, kein wirkliches. Thema: „Access denied“. Eröffnet wird die <em>testcard</em> mit zwei kurzen Texten, die jeweils eine Seite füllen – es sind Nachrufe, einer von Johannes Ullmaier, einer von Jonas Engelmann. Martin Büsser ist tot. Er ist im letzten Jahr, am 23. September 2010, gestorben. Ullmaier: „Und was immer das Falsche, in dem es ein Richtiges nicht geben soll, dagegen auffährt: Dieses Nicht-Egal-Sein macht am Ende doch den Unterschied ums Ganze.“ Engelmann: „Das Weitermachen war unser Versprechen an Martin, ein Versprechen, bei dem wir nicht wussten, ob wir es würden einhalten können.“ Und: „Das Weitermachen der <em>testcard</em> hält Martins Kritik am Leben.“</p>
<p>„Weitermachen!“ soll Herbert Marcuse dem durch die Folgen des Attentats schwer verletzten Rudi Dutschke vor vier Jahrzehnten geschrieben haben. Peter Marcuse sagte, „Weitermachen!“ wäre das Lebensmotto seines Vaters gewesen, „simply weitermachen!“ Das war 2003, als das Grab von Herbert Marcuse nach Berlin verlegt wurde, seines Geburtsortes wegen.</p>
<p>Das Grab. – Ich bin in Mainz zum Vortrag eingeladen – „Popkulturkritik und Gesellschaft“, ein Titel in Anlehnung an Adornos Essay „Kulturkritik und Gesellschaft“, geschrieben 1949. Der Schlusssatz: <em>„Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation.“</em> Daran hat sich noch immer Kulturkritik abzuarbeiten, als kritische Theorie, als kritische Gesellschaftstheorie. Und auch als Praxis. Martin hat das gemacht, hat Anfang der Neunziger den Ventil-Verlag mitgegründet, wo auch seit über fünfzehn Jahren die <em>testcard</em> erscheint. In Mainz besuche ich den Verlag in seinen neuen Räumen. Martins umfangreiche Bibliothek ist hier aufgebaut, ein kleines Zimmer ist entstanden, ein Provisorium. Etwas Zeit habe ich noch und ich fahre zum Waldfriedhof, suche Martins Grab. Ich finde es schließlich am Rand, ein junger Baum, an dessen Fuß die Urne eingegraben ist. Dahinter Felder, ein Acker. Anti-Folk.</p>
<p>Die Lücke. – Friedhöfe zählt Michel Foucault zu den anderen Räumen, zu den Gegenräumen, den Heterotopien. Ich habe die <em>testcard</em> bei meinem Friedhofsbesuch dabei. Es ist die erste <em>testcard</em> ohne Martin, und die letzte mit ihm. Im Besprechungsteil finden sich noch einige CD-, DVD- und Buchkritiken, zum Teil im Krankenhaus geschrieben. „Intensität ohne Erklärungsbedarf“, heißt es in einer Plattenrezension. Hier ist Stille, im Sinne von John Cage, den Martin sehr schätzte – und mit dem er, wie ich in Mainz erfuhr, einen kleinen Briefwechsel führte: Stille der Musik, um eine Pause, nämlich eine Klanglücke zu schaffen für andere Geräusche. Hier scheint es besonders viele und verschiedene Vögel zu geben, die vor sich her zwitschern, die singen.</p>
<p>„Access denied“ ist der Haupttitel der <em>testcard</em>. Zusatz: „Ortsverschiebungen in der realen und virtuellen Gegenwart“, also das Themenfeld: Stadt, Netz, Global Village, Raum und Zeit, Cyberspace, Zentrum und Peripherie, oben und unten etc. „Was und wo sind so genannte linke Orte? Wie steht es um deren Geschichte, möglichen Wandel und Zukunft?“ (Editorial) Es geht also um: Dislokationen. Schwellen. Lücken. „All das ist nicht mehr da und diese Lücke wird bleiben“, notiert Engelmann in seinem Nachruf. Immer wieder geht es in dem Heft um Lücken.</p>
<p>Utopie. – Das Cover zeigt eine Fotografie von Marc Cohen, 1977. Eine Vorortstraßenszene, USA, wahrscheinlich Chicago oder Detroit. Ein schäbiges Haus im Hintergrund, ein schäbiges Auto am Straßenrand. Auf dem nur noch aus losen Brocken von Betonplatten bestehenden Fußweg kniet ein kleiner Junge, die Hände und Arme in einer Position des Karate, so wie Kinder es machen. Er macht eine düstere Miene, scheint mit seinem Blick zum Kampf bereit. Und doch hat seine Haltung etwas Andächtiges, als würde er beten, als sei es eine Meditation: Arme und Hände bilden, angewinkelt und gerade ausgestreckt, ein Kreuz. – Jonas Engelmann erzählt mir, dass Martin dieses Foto von Cohen zuletzt als Schreibtischhintergrund auf seinem Computer hatte. Und nun steht er hier wieder im Vordergrund, auf der <em>testcard</em> 2011, als Titelheld – zwischen den Orten, einem Vexierbild gleich, bei dem die Figur zwischen dem Realen und dem Virtuellen wechselt, zwischen 1977 und heute. In dieser Zwischenzeit beziehungsweise in diesem Zwischenraum ist verschwunden, was einmal die Dialektik zwischen konkreter Utopie (Bloch) und negativer Utopie (Adorno) ausmachte, letztlich eine Ortsverschiebung jenseits der realen und virtuellen Gegenwart, also jenseits des Realen und jenseits des Virtuellen. Jenseits des Pop. Eine Utopie der Gesellschaft. Heute ist die Utopie durch den Pop besetzt, wenn nicht ersetzt. Anders gesagt: Früher zielte die Kritik (auch die Kritik, die im Namen des Pop formulierte wurde) auf die Möglichkeit der Wirklichkeit, auf die wirkliche Bewegung des Potenziellen. Heute zielt die Kritik (nunmehr: vor allem die als Pop repräsentierte) auf die Auflösung des Realen in die Netzwelt. Aus der konkreten Utopie wird die Feier des abstrakten Raums, und aus der negativen Utopie wird die Hypostasierung der positiven Virtualität.</p>
<p>Weitermachen, ja. Die Frage ist allerdings, in welche Richtung, ob schließlich die Ortsverschiebung einen Horizont kennt, ein Ziel hat und gegebenenfalls sogar Weltveränderung ist. Der Junge auf der Fotografie von Cohen gibt dafür einen Hinweis, dass solches Weitermachen gerade in der unbedingten Notwendigkeit einer Großen Weigerung sich auf das Detail, den Augenblick, die Situation konzentriert, also das versucht, was Walter Benjamin einmal als Forderung formulierte, „im unendlich Kleinen zu interpolieren“. Dafür braucht es vielleicht das, was Frank Apunkt Schneider in der neuen <em>testcard</em> als kleine Identität fordert. Auch im Sinne der Ortsverschiebung, ihrer Geschichte und nicht bloß virtuellen, sondern real-möglichen Zukunft. Insofern muss es wohl doch unbedingt heißen: „Weitermachen!“</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>&#8220;lasst euch nicht erwischen&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Oct 2010 11:01:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur, Sprache, Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie / Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[aramis]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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<h3>Zum Tod des aramis (1950-2010)</h3>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-7878"></span></p>
<p>„die gestundete zeit ist abgelaufen. die schmerzen sind zu groß geworden. ich mache ein klassische ende“. &#8211; Dass es so kommt, hat man wissen können, wenn man ihn kannte, das es so schnell kommt und dass es jetzt kommt, davon ahnte ich nichts. Ende September ist aramis in den Freitod gegangen.</p>
<p>Persönlich hatten wir uns ja erst 2007 kennen gelernt, und auch seitdem nur vier Mal getroffen, wenngleich wir doch nicht wenige Briefe gewechselt haben und vor allem viele Texte und Kataloge, Broschüren und Zeitschriften hin- und hergegangen sind. Zuletzt begegneten wir uns am 21. August im südsteirischen Pößnitz am Weingut der Menhards. Er schien guter Laune, vielleicht etwas überdreht. Aber was sagt das schon und was will ich mutmaßen, es waren nur einige Stunden und viele Leute, die Musik spielte und für intensivere Kontakte war keine Zeit.</p>
<p>Hand anlegen, das war seins. Es war aber keine Arbeit, die er verrichtete, sondern es war im wahrsten Sinne ein Werk, das er im Laufe der Jahre da schuf. Ein Gesamtwerk, ja ein Gesamtkunstwerk, das sich nicht einschränken lassen wollte: Dazu gehörten Bild und Text, Montage und Musik, Bühne und Schloss, Feld und Scheune, Wiese und Weg. Wer die „Pirsch“ 2008 gesehen, nein besser: miterlebt hat, der konnte wissen und spüren, worum es ging. Um den Versuch einer befreienden Darstellung des Lebendigen in dessen Vielfalt.</p>
<p>Da war Wille und Stil, von der Kleidung bis zur Handschrift. Überall Sinnlichkeit. Überall Vitalität. Überall Radikalität. Seine Briefe selbst sind kleine Kunstwerke von hoher Achtsamkeit und großer Akribie. „ich gehöre nicht zu denen, die der ansicht sind, &#8216;über geschmack könne man nicht streiten&#8217;“, ließ er ausrichten. </p>
<p>Was war er eigentlich, dieser Hans Peter Sagmüller? Ein Maler? Ein Restaurator? Ein Gärtner? Ein Ofenbauer? Ein Museumsdirektor? Alles und nichts von dem. Schön ist es, wenn die Frage nach dem Was verunglückt, und sich die nach dem Wer aufdrängt? Also: Wer war aramis? Antworten darauf sind nicht ganz so leicht wie die Frage. Aber die ist richtig und wird uns auch weiter beschäftigen. </p>
<p>aramis hat also nicht nur ein Werk geschaffen, sondern ist selbst Bestandteil dieses Gesamtkunstwerkes gewesen. Er war nicht nur die Bilder, die Installationen, die Kataloge, die Briefe, die Öfen, die Gärten, das Museum. Dieses hat ihn jetzt ganz aufgenommen. Das Schloss atmet ihn. In allen Ritzen und Ecken hockt er. Seine Energie wird noch lange zu spüren sein. Er ist da, wo er gewesen. Das hier ist sein Anwesen. Das Kunstwerk ist vom Lebenswerk und der Künstler nicht vom Menschen zu trennen. Das stimmt zwar auch im Allgemeinen, aber auf aramis bezogen, stimmt es im ganz Besonderen.</p>
<p>Und das Werk selbst wird sich als Schatz erweisen. Nicht nur als Kunstschatz, sondern als Lebensschatz. „Jede Wiedergabe, Vervielfältigung und Verbreitung unserer Publikationen ist im Sinne der Bereicherung des allgemeinen geistigen Lebens erwünscht. Es gibt kein geistiges Eigentum. Es sei denn, als Diebstahl. Der Geist weht, wo er will. Jede Geschäftemacherei ist dabei auszuschließen. Wir danken den Toten und den Lebendigen für ihre Zuarbeit und arbeiten andrerseits nach Kräften zu.“ Sagt aramis. Sage ich auch.</p>
<p>aramis war ein aufmerksamer aber ganz eigener Mensch, empfindsam und emotional, er ließ sich von allerlei berühren und er berührte auch. Seine Haltung war keine Zurückhaltung. Seine Sicht war nicht die Vorsicht. Mich hat er ganz einfach zu sich zitiert, sehr freundlich, aber doch auch sehr bestimmt. Er wollte jemanden kennen lernen, der so verrückt ist wie er selbst. Er wollte das und ich folgte. Ich denke, es hat uns beiden gut getan, vor allem hat der gegenseitige Zuspruch einiges an Freude bereitet.</p>
<p>aramis hat gelebt, nicht nur exisiert. „Ich bin“ konnte da einer sagen, ohne dass dies eine Zumutung gewesen wäre. Individuen, die sind wir nicht, die müssen wir erst werden. Aber ein Stück weit sich vorwagen, wird man von allen verlangen dürfen. aramis hat sich weit vorgewagt, ja sein ganzes Leben bestand in diesem Wagnis, dieses sich selbst setzende Ich nicht nur zu propagieren, sondern auch zu praktizieren. Das ist oft schmerzhaft, auch für die anderen. Aber ohne diese Versuche sind wir Konfektionsware, abgeschmacktes Elend. Nicht nur elendig, sondern elendiglich.</p>
<p>Ich habe kaum jemanden in meinem Leben getroffen, dem ich ein stärkeres Ego bescheinigen würde als dem Linder Schlossherrn. Das hatte viele Vorzüge, aber auch einige Nachteile. Zu starke Gewissheit trägt den Keim der Verlorenheit: „mit dem meisten will ich gar nichts mehr zu tun haben“, schrieb er. So kam es schon vor, dass die Erbitterung über die Zustände umschlägt in eine Verbitterung gegenüber den Menschen. Die Erbitterung, die soll man teilen, die Verbitterung aber nicht. Hier bedroht und beschädigt sich die Ästhetik des Aufstands, der aramis sich leidenschaftlich hingegeben hat, auch immer selbst. aramis war sein Leben lang ein Aufständischer, nicht bloß ein Aufsässiger, einer, der wie alle wirklichen Aufständischen darunter leidet, dass es ihrer so wenige gibt. „mich werden sie nicht fangen“, behauptet er im Oktober 2008, „lasst euch nicht erwischen“.</p>
<p>Hand anlegen, das war seins. Er legte jedenfalls überall Hand an, auch an sich. Auf den Tod hat er nicht gewartet, er ist auf ihn zugegangen: „Hier bin ich, aramis.“</p>
<p>P.S. Details zu aramis Lebenswerk finden sich auf der <a href="http://www.schlosslind.at/">Homepage</a> von Schloss Lind.</p>
<p>P.P. S.: Mit Materialien (vor allem Katalogen) hat mich aramis reichlich bestückt. Diese sind aber nicht versendbar, wohl aber abholbar. Wer welche möchte, soll sich melden.</p>
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		<title>In memoriam Jean Ferrat</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Apr 2010 11:05:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Schmid; Bernhard]]></category>

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<p><em>von Bernard Schmid</em> <span id="more-6520"></span></p>
<p>    Es ist in diesen Zeiten nicht alltäglich, dass ein Kommunist in den Medien geehrt wird, und sei er großer Denker oder Künstler. Bei Jean Ferrat, der am Samstag Nachmittag (13 .März) im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung starb, ist es anders.</p>
<p>Seine Beerdigung am Dienstag, 16. März in dem Dörfchen Antraigues-sur-Volane im französischen Zentralmassiv, wo er sich – geboren in Vaucresson im Pariser Umland &#8211; seit Jahrzehnten niedergelassen hatte, war ein Medienereignis. Nahmen über 5.000 Menschen vor Ort an der Zeremonie teil, so wurde ihre Direktübertragung gleichzeitig von vier bis fünf Millionen Zuschauern vor ihren Fernsehbildschirmen verfolgt. Bereits an den Vortagen hatten Millionen die Gedenksendungen bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern gesehen. So sahen 3,7 Millionen am Sonntag die Sendung beim Talkshowmaster Michel Drucker – der seit über 20 Jahren mit Jean Ferrat befreundet war, ihn duzte und über die Jahre hinweg immer wieder in seine Sendung einlud – auf dem zweiten Kanal, und 4,4 Millionen sahen die Sendung mit Archivaufnahmen auf dem dritten Kanal am Montag (15. März 1o).</p>
<p>Der tote Jean Ferrat konnte sich vor Ehrungen kaum retten, auch von Leuten, denen er zu Lebzeiten vielleicht nicht die Hand gegeben hätte. Begonnen bei Präsident Nicolas Sarkozy, der ihn vor allem als Verteidiger des französischen Chansons auf Weltebene, und indirekt der französischen Identität – in diesen Zeiten, wo die Staatspitze ihre Gesellschaft monatelang über ihre „nationale Identität“ debattieren ließ &#8211; darstellte: Ferrat, betonte Sarkozy in seiner Hommage, hatte „eine unnachgiebige Vorstellung vom französischen Chanson“. Sarkozy fuhr fort: „Er hat seine Kunst zeitlebens als ein Handwerk verstanden, hat beständig die Authentizität und Qualität der Konsumentenmentalität und den Verkaufsstandards vorgezogen.“ Und selbst der rechtsextreme Front National ehrte auf einer seiner Homepages den Künstler, der sich zeitlebens und bis zum Ende als kämpferischen Antifaschisten ebenso wie als kritischen Kommunisten verstanden hat. Doch hielten die Rechtsextremen von ihm fast nur fest, dass er das französische Chanson erneuert, und dass er die Kommunistische Partei und ihre – vor dreißig Jahren noch enge – Bindung an Moskau kritisiert habe.</p>
<p>Dabei, wie auch bei mancher Ehrenbezeigung von bürgerlicher Seite, durfte der Hinweis auf sein bitteres Lied ‚<a href="http://www.youtube.com/watch?v=GnBA6VW7HsI">Le bilan</a>’ (Die Bilanz) auf dem Jahr 1980 nicht fehlen. Dessen Titel bezieht sich sarkastisch auf einen berühmten Ausspruch des französischen KP-Generalsekretärs Georges Marchais, der im Jahr 1974 den Ländern des so genannten real existierenden Sozialismus im sowjetischen Machtbereich einen ‚bilan globalement positif’ – eine unter dem Strich gute, historische Bilanz – bescheinigt hatte. Ein halbes Jahrzehnt später, die Sowjetunion war in Afghanistan einmarschiert und mischte sich zunehmend offen in die von Streiks aufgewühlte Landschaft in Polen ein, war dieser Spruch in aller Munde. Jean Ferrat formulierte, mit am offensten, die Kritik innerhalb des sozialen Umfelds der französischen KP, mit der er zeitlebens sympathisierte, aber nie formelles Mitglied war, obwohl er in ihrem Namen im Kommunalparlament seines Städtchens im Zentralmassiv saß. Der Text des Liedes, dessen Inhalt von den Herrschaftspraktiken im sowjetischen Block handelt – „Sie haben uns Kröten schlucken lassen, von Prag bis Budapest, von Sofia bis Moskau, diese eifrigen Stalinisten, &#8230;“ – wurde damals sogar in der KP-Tageszeitung L’Humanité abgedruckt, die seinerzeit noch nicht gerade für kontroverse Debatten offen war. Aber auch wenn Jean Ferrat intern Kritik an der Partei und vor allem an ihrer Bindung zum sowjetischen Block übte, so blieb er doch sein ganzes Leben hindurch seinem kommunistischen Ideal, seiner engen Beziehung zur Revolte und zum Einsatz für soziale Gerechtigkeit treu. Als im Winter 1997/98 in Frankreich das „Schwarzbuch des Kommunismus“ erschien, herausgegeben vom reuigen Ex-Maoisten Stéphane Courtois, und einhundert Jahre kommunistischer Geschichte rundheraus zur kriminellen Erscheinung herabzustufen versuchte, zählte Jean Ferrat in den Fernsehstudios zu den lautesten Kritikern des Unternehmens. Obwohl man ihn einlud, um einer historischen Sicht, die den Stalinismus und seine Schrecken in den Mittelpunkt rückte, Munition zu verschaffen, wies Jean Ferrat zuerst auf die Schrecken des noch immer real existierenden Kapitalismus hin.</p>
<p>Mit bürgerlichen Namen wurde der engagierte Sänger im Jahr 1930 als Jean Tenenbaum geboren, Sohn eines 1906 aus Russland emigrierten Juden, der vor dem dort erstarkenden Antisemitismus geflohen war. Sein Vater wurde aus Vichy-Frankreich deportiert, als Jean elf Jahre alt war, und starb in Auschwitz. Den Sohn versteckten damals kommunistische Widerstandskämpfer. Diese Erinnerung hat Jean Ferrat &#8211; der seinen Künstlernamen später annahm, nachdem er die herrliche Bucht von Saint-Jean-Cap-Ferrat (vom lateinischen Wort ferrus, für „wild, unbebaut“) entdeckt hatte – zeitlebens geprägt. Sie befeuerte seine Empörung über Unterdrückung, Verfolgung und Ungerechtigkeit. Anfang der 60er Jahre, zu einer Zeit, als er noch fast nur Lieder anderer Komponisten interpretierte, schrieb er sein erstes selbstverfasstes Chanson: ‚Nuit et brouillard’ (Nacht und Nebel), nach dem gleichnamigen Film von Alain Resnais aus dem Jahr 1956. Es handelte von den Deportationen. In einer Zeit, in der französischsprachige Lieder ebenso wie schwermütige Inhalte als hoffnungslos out galten, textete er: „Ich würde die Worte auch als Twist schreiben, wenn ich denn twisten müsste. Damit die Kinder eines Tages wissen, wer Ihr wart“ – Ihr, die Deportieren, die Ermordeten, die Opfer des Massenmords der Nazis.</p>
<p>Bis dahin hatte Jean Ferrat vor allem Gedichte von Louis Aragan, des großen französischen Poeten, zu Liedern verarbeitet. Später fing er selbst an zu schreiben und verfasste insgesamt über 200 Lieder. Regelmäßig zeichnen diese sich durch eine Mischung aus sozialer Revolte und Gerechtigkeitsstreben mit Liebeseifer oder –schmerz aus. Ab diesem Zeitpunkt wurde Ferrat im sozialen Milieu der französischen KP, die damals noch eine echte Massenpartei war und die Stimmen von rund 20 Prozent der französischen Bevölkerung auf sich zog, zunehmend bekannt und berühmt. Im Jahr 1967 weilte er auf Urlaub, der zu einer Gasttournee wurde, in Kuba. Von dort kehrte der zuvor bartlose Sänger mit seinem ihn später kennzeichnenden, riesigen Schnurrbart zurück. In der UdSSR freilich (damals durch die französische KP faktisch noch als ihr „sozialistisches Vaterland“ &#8211; oder „zweites Vaterland“, da die Partei nicht wirklich antipatriotisch war &#8211; betrachtet) gastierte Jean Ferrat zeitlebens nie, und er hat das Riesenland nie bereist. In späteren Jahren sollte er dazu formulieren: „Wenn ich mit Sowjetvertretern über eventuelle Tourneepläne sprach, dann sagten sie mir genau wie die Repräsentanten kapitalistischer Plattenfirmen: „Dieses oder jenes Lied spiele aber lieber nicht, das Publikum würde es nicht verstehen…“ Jegliche Bevormundung oder Zensur mochte Ferrat sich aber nicht bieten lassen.</p>
<p>Früh griff Ferrat aber auch für seine Zeit neue, oder jedenfalls im KP-Milieu ungewohnte, Themen auf. Sein berühmtes Chanson von 1975, ‚La femme est l’avenir de l’homme’ (Die Frau ist die Zukunft des Mannes) übernimmt viel von der zeitgenössischen feministischen Kritik. Und schon 1964, in seinem Lied La montagne (Das Gebirge) – eine Ode an die Region Ardèche im Zentralmassiv, wo er sich dann auch niederließ &#8211; lässt er ökologische Besorgnisse anklingen.</p>
<p>Sicherlich, Ferrat war nicht immer und überall seiner Zeit voraus: Während des französischen Mai 1968 unterstützte und verbreitete der Sänger aktiv die damalige ,ouvrieristische’ (= arbeitertümelnde) Position der französischen KP bzw. ihres Apparats, wonach es sich bei der Revolte der Studierenden, der Jungarbeiter und eines bedeutenden Teils der Jugend um eine „kleinbürgerliche“ Bewegung handele, die nicht die Bedürfnisse der Arbeiterklasse formuliere. Diese Positionierung der KP-Parteiführung verdeckte damals in Wirklichkeit nur ihre Weigerung, eine Bewegung zu unterstützen, deren Radikalisierung ihr und ihrem Kontrollanspruch entglitten war. An dieser Stelle irrte Jean Ferrat, der seinerzeit die Revoltierenden auf den Straßen von Paris für vorübergehend aufrührerisch gewordene Kleinbürger und Mittelstandssöhnchen hielt. Solche waren (besonders bei der Studierendenschaft) auch mit darunter, doch erlaubte dies mitnichten, die soziale und politische Natur der damaligen Bewegung zu bestimmen &#8211; selbst wenn die Prophezeiung Ferrats und anderer auch tatsächlich eintraf, wonach einige der Studierenden sich später auf der anderen Seite der Barrikade als Mitglieder des bürgerlichen Establishments wiederfinden sollten. Einige, aber eben nicht alle. Darüber, und über andere Fragen, hätte mensch freilich lieber mit einem lebenden Jean Ferrat diskutiert, als sie zu seinem Gedenken aus Anlass seines Ablebens zu formulieren.</p>
<p>Zum Abschluss: Jean Ferrat hat es verstanden, eine Form von Romantik und Gefühlsbetontheit, den Gebrauch der französischen Sprache im Lied – der vor 50 Jahren zeitweilig als hoffnungslos veraltet galt – und die Empörung über soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung zusammenzuführen. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass die Erneuerung des französischen Chansons, für die er eine wesentliche Rolle seit den 60er Jahren spielte, keine nationalistische Schlagseite erhielt.</p>
<h4>Links</h4>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch#!v=QqQjfvc28Cc&#038;feature=related">Aimer à perdre la raison</a></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch#!v=U6a1kjhcDkY&#038;feature=related">&#8221; NUIT &#038; BROUILLARD &#8220;</a></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch#!v=vBh9BNGzROM&#038;feature=related">La montagne</a></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch#!v=mEZVrr7zPrQ&#038;feature=related">Camarade</a></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=GnBA6VW7HsI">Le bilan</a></p>
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		<title>Pichl Peter (1934-2010)</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Mar 2010 19:41:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Pichl; Peter]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2010/pichl-peter-1934-2010">Pichl Peter (1934-2010)</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2010/pichl-peter-1934-2010">Pichl Peter (1934-2010)</a></p>
<p><em>Nachruf von Franz Schandl </em><span id="more-6161"></span></p>
<p>Am 6. März ist unser Freund und Transformationsrat Peter Pichl gestorben. Oder besser <em><a href="http://www.pichlpeter.org/">Pichl Peter</a></em> wie er sich zu nennen und zu unterschreiben pflegte. In seinem früheren Leben ist er mal Zeichenprofessor an einem Wiener Gymnasium gewesen, nun war er schon viele Jahre in Pension und lebte in einer geräumigen Wohnung in Wien Gumpendorf.</p>
<p>Peter unterstützte unsere Tätigkeiten in vieler Hinsicht. Er verteilte die <em>Streifzüge </em>unter seinen Bekannten, beriet uns in Layoutfragen, gestaltete die Cover in den Jahren 2006-2008, stand uns immer mit Rat und Hilfe zu Verfügung. Solange er konnte, kam er zu unseren Veranstaltungen, verschleppte uns zum Heurigen oder steckte einem eine Flasche Rotwein aus dem Burgenland oder Weißwein aus dem Traisental zu. Er besuchte mit unsereins das Kunsthistorische Museum, die Kunsthalle in Krems oder machte einen Tagesausflug ins Stift Geras.</p>
<p>Die Gespräche mit ihm waren immer anregend, manchmal auch etwas anstrengend, denn immer wusste er viel und wollte es unbedingt loswerden. Eine Besprechung der jeweils aktuellen <em>Streifzüge</em> gehörte fest zu unserem gemeinsamen Programm. Peter war sehr belesen und an gar vielem interessiert. Über Leute, die er nicht mochte, konnte er ziemlich schimpfen, aber wenn ihm jemand oder etwas gefiel, dann war er sehr zugetan. Vor allem ist ihm das Lachen nie vergangen.</p>
<p>Freilich war Peter von unzähligen schweren Krankheiten verfolgt, die er sich aber akkurat nicht anmerken lassen wollte. Lieber sprach er von etwas anderem, immer hatte er Ideen, für die Ausgabe 47 schrieb er noch einen kurzen Beitrag. In den beiden letzten Jahren hat er, abgesehen von Spitalsaufenthalten, seine Wohnung nicht mehr verlassen. Zuletzt habe ich ihn Mitte Februar besucht und ihn gebeten, den Aufruf „Für eine Linke mit gesellschaftlicher Dimension“ zu unterstützen. Was er nach dessen Lektüre auch getan hat.<br />
Wir danken ihm noch einmal für alles und widmen ihm diese Nummer. In Freundschaft.</p>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/ppp_parte.pdf">Begräbnis</a></p>
<p><a href="http://www.pichlpeter.org/">Pichl Peter</a><br />
<a href="http://www.pichlpeter.org/"></p>
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		<title>André Gorz</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2009/andre-gorz-auf-3sat</link>
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		<pubDate>Tue, 23 Jun 2009 15:48:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie / Produktivkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Gorz; André]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/andre-gorz-auf-3sat">André Gorz</a></p>
<p><a href="http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?tab=2&#038;source=/kulturzeit/themen/135178/index.html">Sendung </a>zu seinem posthum erschienenen Buch &#8220;Auswege aus dem Kapitalismus: Beiträge zur politischen Ökologie&#8221; auf 3sat, 23.6.09<br />
größeres Format </p>
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		<title>&#8220;Bleib brav, sei subversiv&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 27 May 2009 23:08:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/bleib-brav-sei-subversiv">&#8220;Bleib brav, sei subversiv&#8221;</a></p>
<h3><a href="http://subversivmesse.net/barbara" class="broken_link">Barbara Pitschmann</a> (1977-2009)</h3>
<p><em>von Franz Schandl</em></p>
<p><span id="more-3586"></span> Vor genau einer Woche wurde Barbaras Leiche im Stausee Ottenstein im Waldviertel gefunden. Heute wird Barbara in Kremsmünster (Oberösterreich) begraben.</p>
<p>Für das Symposium „<a href="http://www.museum-joanneum.at/cms/beitrag/10995491/30366352/_1">Unsichtbare Intelligenz</a>“ in Graz (November 2008) hat Franz Nahrada sie und mich in ein Team gespannt. Danke für diese gute Idee, Franz. Das hatte zur Folge, dass Barbara und ich, die wir uns nicht kannten, einige Male getroffen haben und auch in Graz gemeinsam unsere Beiträge vortrugen, also nicht hintereinander, sondern miteinander: einmal sie, einmal ich, dann wieder sie, dann wieder ich&#8230; Das war ein interessante Erfahrung. Sie referierte über die Subversiv Messe – Fachmesse für Gegenkultur und Widerstandstechnologien, Titel: &#8220;<a href="http://unsichtbareintelligenz.mixxt.at/networks/wiki/index.Barbara_Pitschmann">Messe mag man eben</a>&#8220;, ich referierte über „Markt oder Leben?“ </p>
<p>Es war fein und anregend, mit ihr zusammen wirken zu dürfen.</p>
<p>„Geht’s der Subversion gut, geht’s uns allen gut“ hieß es bei Barbara. Wahrscheinlich kennen nicht wenige diese Etiketten. Barbara Pitschmann war Mitglied der „<a href="http://www.social-impact.at/Page1/">Social Impact</a>“ und verantwortlich für die <a href="http://subversivmesse.net/" class="broken_link">SUBVERSIVMESSE</a> im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz 2009. Es sollte ihr letztes Projekt sein.</p>
<p>An einen Freitod hätte ich bei Barbara nie gedacht. Sie konnte lachen, sie konnte staunen, sie konnte fröhlich sein. Ich werde sie so in Erinnerung behalten. Danke, Barbara.</p>
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		<title>Miteinander, bis in den Tod</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2007/miteinander-bis-in-den-tod</link>
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		<pubDate>Sat, 27 Oct 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Gorz; André]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/miteinander-bis-in-den-tod">Miteinander, bis in den Tod</a></p>
zu Gorz, "Brief an D." ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/miteinander-bis-in-den-tod">Miteinander, bis in den Tod</a></p>
<h3>zu: A. Gorz, Brief an D.</h3>
<p>Der Standard, 27.10.2007, Seite 3, Album <span id="more-597"></span></p>
<p><em>von Stefan Br&auml;ndle </em> </p>
<p><em>Vor einem Monat nahm sich der franz&ouml;sische Philosoph Andr&eacute; Gorz gemeinsam mit seiner krebskranken Frau Dorine das Leben. Eine Suche nach ihren letzten Spuren. </em></p>
<p>Es war sein Albtraum: &#8220;Nachts sehe ich manchmal die Silhouette eines Mannes, der auf der leeren Stra&szlig;e einer verlassenen Landschaft hinter einem Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Du bist es, den der Leichenwagen wegtr&auml;gt.&#8221;</p>
<p>Die Stra&szlig;e ist wirklich menschenleer, an diesem Herbsttag in Vosnon s&uuml;dlich der franz&ouml;sischen Champagne. Still ist&#8217;s entlang der weiten Stoppelfelder, &uuml;ber denen die Raben kreisen. Es ist niemand da, um Auskunft geben zu k&ouml;nnen, wo das Ehepaar Gorz wohnte. Doch, eine junge Frau, die ihren Garten spritzt, wei&szlig; Bescheid, steigt sogar in ihr Auto, um den Besucher durch das lang gezogene Dorf zu einem stattlichen Wohnhaus zu f&uuml;hren. Ja, sie habe Monsieur Gorz beim Spazieren &ouml;fters gesehen, erz&auml;hlt sie; er habe ihren Kindern Kastanien aus seinem Garten geschenkt. Sogar einen Khakibaum habe er zum Bl&uuml;hen gebracht, f&uuml;gt sie hinzu und f&auml;hrt schon wieder weg. Wieder Stille. Die Holzl&auml;den sind geschlossen, niemand w&uuml;rde auf ein Klingeln antworten. Andr&eacute; und Dorine Gorz leben nicht mehr hier. Ende September fand sie die Polizei, friedlich nebeneinander auf dem Bett liegend, entschlafen, fortgegangen.</p>
<p>In der Nachmittagssonne leuchtet das Weinlaub an den Mauern fast so rot wie die Dachziegel, in h&uuml;bschem Kontrast zum wei&szlig; gestrichenen Zaun. &Uuml;berall Obstb&auml;ume &#8211; 200 an der Zahl, gepflanzt von Andr&eacute; Gorz, mit &Auml;pfeln, Kastanien, den orangen Khakis. Alles wirkt noch gepflegt, schlicht. &#8220;Sie waren gl&uuml;cklich mit diesem einfachen Leben hier&#8221;, erz&auml;hlt Eliane Carr, die langj&auml;hrige Freundin der Gorz&#8217; im Ort. &#8220;N&uuml;sse, &Auml;pfel, mehr brauchten sie nicht. Sie hatten ja sich.&#8221; Sie, das war Dorine, &#8220;sehr lebendig, dynamisch, mit schelmischem Humor&#8221;, und er, Andr&eacute;, &#8220;sehr mager, sehr z&auml;h, sehr stark, mit einer leisen, sanften Stimme und einem L&auml;cheln, das von innen kam.&#8221;</p>
<h4>&#8220;Du warst der Fels&#8221; </h4>
<p>23 Jahre lebten sie in Frankreich auf dem Land. Andr&eacute; Gorz, mit richtigem Namen Gerhard Horst, Sohn einer katholischen Mutter und eines j&uuml;dischen Holzh&auml;ndlers aus Wien, hatte die britische Amateurschauspielerin Dorine w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges im Schweizer Exil kennengelernt. Sie lebten in seiner spartanischen Bude, schliefen umschlungen in einem 60 Zentimeter breiten Bett. Er schrieb bis tief in die Nacht an einem (nie vollendeten) Soziologiew&auml;lzer. &#8220;Come to bed&#8221;, forderte ihn Dorine um drei Uhr fr&uuml;h auf, wie Gorz in seinem Buch &#8220;Brief an D.&#8221; berichtete. &#8220;I am coming&#8221;, habe er in ihrer gemeinsamen Sprache, dem Englischen, geantwortet, sie darauf: &#8220;Don&#8217;t be coming, come.&#8221;</p>
<p>Einen Schriftsteller zu lieben, bedeute zu lieben, dass er schreibe, habe sie auch gesagt. Gorz ging mit Dorine 1949 wider all seine Prinzipien eine ganz b&uuml;rgerliche Ehe ein: &#8220;Du warst der Fels, auf dem unser Paar aufbaute.&#8221; Es folgten Jahre der Armut in Paris, bis ihm Dorine zu einem Dokumentalistenjob in einer Zeitschrift verhalf. Er machte sich einen Namen und arbeitete bald auch f&uuml;r <em>Les Temps modernes </em>von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Deren ber&uuml;hmter Pakt &#8211; v&ouml;llige Beziehungsfreiheit in totaler Offenheit &#8211; war nichts f&uuml;r Dorines und Andr&eacute;s g&auml;nzlich unrevolution&auml;re Ehe: Die bestand aus absoluter Treue.</p>
<p>1957 schrieb sich Gorz in einer r&uuml;cksichtslosen Auto-Analyse die Seele aus dem Leib, und Sartre schrieb ein brillantes Vorwort: &#8220;Wer weigert sich da, Gorz zu sein, wenn nicht Gorz selbst? &#8221; Das war der Durchbruch in Saint-Germain-des-Pr&eacute;s. Gorz verfasste Werke wie &#8220;&Ouml;kologie und Politik&#8221; und &#8220;Abschied vom Proletariat&#8221;, die &uuml;ber Paris hinaus bis nach Deutschland und Skandinavien viel Beachtung fanden. Dazwischen gr&uuml;ndete er mit Serge Lafaurie den <em>Nouvel Observateur</em>, noch heute das Referenzblatt der franz&ouml;sischen Linken. &#8220;G&eacute;rard&#8221;, wie ihn seine Freunde nannten, &#8220;war Sartrist, Marxist, besch&auml;ftigte sich mit Marcuse, mit Sozialismus und &Ouml;kologie&#8221;, blickt Lafaurie heute zur&uuml;ck. Sie habe ihn stets unterst&uuml;tzt, sei ihm Kommentatorin, Ratgeberin gewesen. &#8220;Ihre Beziehung war symbiotisch, zusammengeschwei&szlig;t durch eine &auml;hnliche Kindheit als Waisen, &uuml;ber die sie sehr selten sprachen&#8221;, meint Lafaurie. &#8220;Sie dr&auml;ngten sich st&auml;ndig aneinander, lebten zusammen wie in einem Kokon, w&auml;rmten sich gegenseitig. Sie wollten nur miteinander, konnten nicht ohne einander leben.&#8221;</p>
<p>Wenn Gorz als Journalist eine Tagung besuchen oder auf Reportage gehen sollte, sie aber aus einem Grund nicht mitkonnte, sei er auch nicht gereist, erz&auml;hlt Lafaurie. 1983 habe sein 60-j&auml;hriger Freund sogar die Redaktion des <em>Nouvel Obs</em> verlassen, um sich voll um die Gattin zu k&uuml;mmern, die nach einem &auml;rztlichen Kunstfehler schwer erkrankt war.</p>
<p>Die Gorz&#8217; zogen aufs Land. &#8220;In der ersten Nacht schliefen wir nicht&#8221;, hielt er sp&auml;ter fest. &#8220;Jeder h&ouml;rte dem Atem des anderen zu. Dann begann eine Nachtigall zu singen, eine andere antwortete. Wir haben damals sehr wenig gesprochen. Ich verbrachte den Tag mit Umgraben und schaute von Zeit zu Zeit zum Schlafzimmerfenster hoch. Du standest dort, unbeweglich, den Blick in die Ferne gerichtet. Ich bin sicher, dass du daran arbeitetest, den Tod zu b&auml;ndigen, um ihn furchtlos bek&auml;mpfen zu k&ouml;nnen.&#8221; Dorine erkrankte zus&auml;tzlich an Krebs, Gorz sorgte f&uuml;r sie. Im Fr&uuml;hjahr 2006 schrieb er ihr den Brief in Buchform, der so begann: &#8220;Du wirst bald 82. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch 45 Kilo und du bist immer noch sch&ouml;n, anmutig und begehrenswert. Wir leben nun seit 58 Jahren zusammen, und ich liebe dich mehr denn je.&#8221; Er stellt sich vor, hinter ihrem Leichenwagen herzugehen. Er protestiert: &#8220;Ich will nicht an deiner Kremation teilnehmen, ich will nicht das Gef&auml;&szlig; mit deiner Asche erhalten! &#8221;</p>
<p>&#8220;Damit war alles klar&#8221;, meint heute Eliane Carr, ihre Freundin in Vosnon. &#8220;Sein Werk war mit dem Brief vollendet.&#8221; Nun musste nur noch die Zeit ihr Werk tun. Dorines Gesundheit habe sich zusehends verschlechtert, erinnert sich Carr, die B&uuml;rgermeisterin des 180-Einwohner-Ortes. &#8220;Was den Ausschlag gegeben hat, dass sie zur Tat schritten, waren Dorines enorme Schmerzen.&#8221; Um sich und seiner Frau &#8220;den Tod zu geben&#8221;, wie man auf Franz&ouml;sisch sagt, habe Gorz auf seine erste Ausbildung als Chemiker zur&uuml;ckgreifen k&ouml;nnen.</p>
<p>Das Ehepaar habe alles sorgf&auml;ltigst geplant. Die junge Pflegerin aus dem Dorf, die jeden Morgen vorbeikam, sei auf einem Blatt Papier gebeten worden, die Treppe zum Schlafzimmer nicht hochzusteigen. Auf dem Tisch lagen vierzig Umschl&auml;ge f&uuml;r die engsten Freunde, s&auml;uberlich aufgereiht und frankiert. &#8220;Wir haben immer gewusst, dass wir unser Leben einmal gemeinsam beschlie&szlig;en w&uuml;rden&#8221;, stand auf einem dieser Faire-Parts. &#8220;Die Polizei benachrichtigen&#8221;, habe ein weiterer Zettel angemahnt, erz&auml;hlt Carr, die als Gemeindevorsteherin den Tod der beiden feststellen und die amtlichen Formalit&auml;ten erledigen musste.</p>
<p>Sie fragt sich auch noch drei Wochen nach der Tat, ob die beiden Atheisten wirklich an das v&ouml;llige Ende glaubten. Der letzte Satz des &#8220;Briefes an D.&#8221; lautet: &#8220;Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es miteinander verbringen m&ouml;chten.&#8221; Wundersamerweise. Eigentlich unm&ouml;glich &#8211; aber vielleicht doch nicht ganz? Muss, wer von sich aus in den Tod geht, nicht an das Leben danach glauben, und sei es nur im letzten Moment, um den Akt &uuml;berhaupt vollbringen zu k&ouml;nnen und nicht von bodenloser Angst gehindert zu werden? &#8220;In ihrem Verhalten war ein Z&ouml;gern&#8221;, erinnert sich Carr.</p>
<p>Bei Andr&eacute; Gorz, der mit 84 immer noch von guter Konstitution war, lie&szlig;e sich speziell &uuml;ber seine Motive spekulieren: Verbarg sich hinter seiner Tat letztlich nicht eine Art von Ent-schuldigung bei Dorine? Schon seinen &#8220;Brief an D.&#8221; schrieb er vor allem, um eine abf&auml;llige Bemerkung in einem seiner fr&uuml;heren B&uuml;cher wiedergutzumachen, wo er herablassend geschrieben hatte, er sei anfangs nur bei ihr geblieben, weil sie die Trennung nicht ertragen h&auml;tte. Oder wurde, wie Psychoanalytiker sehr bestimmt meinen, das &#8220;solidarische&#8221; Handeln Gorz&#8217; durch die Urangst vor dem Tod der Mutter bestimmt &#8211; das hei&szlig;t durch seine Unf&auml;higkeit, Dorine zu &uuml;berleben? Schlie&szlig;lich ist unbestreitbar, dass seine Frau f&uuml;r ihn viel mehr als eine Lebenspartnerin darstellte, n&auml;mlich schlicht seinen Lebenshalt und -sinn. Sein Alles. Er konnte nicht ohne sie sein. Das klingt sch&ouml;n, aber es muss auch sehr beengend gewesen sein. Was sie an k&ouml;rperlichem Schmerz durchmachte, muss er in seiner Seele an Angst erlitten haben. Eben: Todesangst.</p>
<p><em>&#8220;Brief an D.&#8221; von Andr&eacute; Gorz, &uuml;bersetzt von Eva Moldenhauer, ist im Rotpunktverlag, Z&uuml;rich, erschienen. </em></p>
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		<title>Die eine Liebe</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Oct 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Gorz; André]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/die-eine-liebe">Die eine Liebe</a></p>
Anrührend und aufrichtig - André Gorz und sein "Brief an D."]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/die-eine-liebe">Die eine Liebe</a></p>
<h3>zu: A. Gorz, Brief an D.</h3>
<p>Aus: Neue Z&uuml;rcher Zeitung, 10.10.2007 <span id="more-599"></span></p>
<h4>Anr&uuml;hrend und aufrichtig &#8211; Andr&eacute; Gorz und sein &#8220;Brief an D. &#8220;</h4>
<p>&#8220;Jeder von uns m&ouml;chte den anderen nicht &uuml;berleben m&uuml;ssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen m&ouml;chten.&#8221; So lauten die Schlusss&auml;tze der &#8220;Lettre &agrave; D. &#8220;, eines offenen, eines erstaunlichen Liebesbriefes, erschienen im September vergangenen Jahres, den Andr&eacute; Gorz an seine Frau Dorine gerichtet hat. Knapp sechzig Jahre zuvor, an einem Herbstabend im Lausanne des Jahres 1947, waren sie sich erstmals begegnet. Es war dies, wie es in kitschigen Biografien hiesse, eine &#8220;schicksalhafte&#8221; Begegnung: Sie, die junge Engl&auml;nderin, und er, der &#8220;Austrian Jew&#8221;, der 1923 in Wien als Sohn eines j&uuml;dischen Vaters und einer katholischen Mutter zur Welt gekommen war, blieben fortan zusammen. Sie waren unzertrennlich wie Philemon und Baucis, und auch der Tod vermochte sie nicht zu scheiden. Wie berichtet, haben sich Andr&eacute; Gorz und die seit Jahren schwer kranke Dorine, er vierundachtzigj&auml;hrig, sie dreiundachtzigj&auml;hrig, vor zwei Wochen in ihrem in der Champagne gelegenen Haus nahe der mittelalterlichen Stadt Troyes gemeinsam das Leben genommen.</p>
<h4>Philosophisch unbegr&uuml;ndete Liebe</h4>
<p>Es war ein angek&uuml;ndigter Freitod &#8211; zudem ein letzter und h&ouml;chster Ausdruck jener Selbstbestimmung in Freiheit, um deren Bedingungen Gorz&#8217; gesamtes philosophisches und sozialtheoretisches Werk kreist. Gorz&#8217; Werk? Nein, es war, wie der k&uuml;rzlich in deutscher &Uuml;bersetzung publizierte &#8220;Brief an D.&#8221; herausstreicht, von Anfang an ein gemeinsames Werk, wie auch die Beziehung zwischen den beiden, der ein f&uuml;r alle Mal geschlossene und eingehaltene &#8220;Liebespakt&#8221;, ein gemeinsames Werk, ein gemeinsames Projekt war.</p>
<p>&#8220;Ich hatte&#8221;, schreibt Gorz, r&uuml;ckblickend auf die Zeit in Lausanne und seinen ersten grossen Schreibversuch (er arbeitete lange Jahre an einem existenzialphilosophischen Essay, der schliesslich unver&ouml;ffentlicht blieb), &#8220;ich hatte grosse Schwierigkeiten mit der Liebe, denn es ist unm&ouml;glich, eine philosophische Erkl&auml;rung daf&uuml;r zu geben, warum man, unter Ausschluss aller anderen, nur eine bestimmte Person liebt und von dieser geliebt werden will&#8221;. Da konnte ihm auch eine andere entscheidende Begegnung zun&auml;chst nicht weiterhelfen, die Begegnung mit Sartre, den Gorz 1946 ebenfalls in Lausanne kennengelernt hatte und dem er zeitlebens verbunden blieb (1961 trat er dem Redaktionskomitee von Sartres Zeitschrift &#8220;Les Temps modernes&#8221; bei). Nur dreissig Seiten &uuml;ber die Liebe in &#8220;Das Sein und das Nichts&#8221;!</p>
<p>Der Pakt, den Sartre und Beauvoir geschlossen hatten, beruhte auf bedingungsloser Offenheit und Transparenz, liess aber die M&ouml;glichkeit anderer Partnerschaften offen; der Pakt, den Andr&eacute; Gorz und D. schliessen, beruht auf dem in den Augen mancher Zeitgenossen altbacken wirkenden Konzept der absoluten Treue, auch der sexuellen. Diese Liebe erfindet und erh&auml;lt sich als bewusste, stets aufs Neue best&auml;tigte Wahl. Damit war f&uuml;r Gorz die Liebe zu Dorine auch Grundstein f&uuml;r ein philosophisches Geb&auml;ude, das er, angefangen beim autobiografisch gepr&auml;gten &#8220;Verr&auml;ter&#8221;, mit dem er 1958 als Autor hervortrat (und zu dem Sartre ein Vorwort beisteuerte), in den folgenden Jahrzehnten errichten sollte. Diese Liebe war auch ein Modell jener kleinen, dezentralen Gemeinschaften, in denen Gorz, wie etwa im &#8220;Abschied vom Proletariat&#8221; (1980) dargelegt, Zellen eines selbstbestimmten, den modernen kapitalistischen Tauschmechanismen entzogenen Lebens sah.</p>
<p>Im vergangenen Jahr noch sagte Gorz in einem Gespr&auml;ch mit Michel Contat: &#8220;Man tut nie das, was man will, und man will nie das, was man tut. So ist ein jeder heteronom, fremdbestimmt. Und doch tut man das, was man glaubt tun zu m&uuml;ssen, weil man sich in der Lage f&uuml;hlt &#8211; und also in die Lage bringt -, es zu tun. Auf diese Weise dehnt sich, und sei es nur in ganz geringem Masse, die Sph&auml;re unserer Autonomie, unserer Selbstbestimmung aus. Man muss akzeptieren, dass man endlich ist, dass man hier ist und nicht anderswo, das man dieses tut und nicht jenes, dass man nur dieses Leben hat.&#8221; Der Mensch, hier klingt noch deutlich die Diktion Sartres nach, w&auml;hlt aus vielen M&ouml;glichkeiten; und in dieser Wahl, in der Liebe etwa, erfindet und bestimmt er sich selbst.</p>
<h4>Kein Wort von D. </h4>
<p>Man verhilft sich zur Existenz im Akt der Wahl. Gorz, der sich als einen jungen Mann beschreibt, der die Existenz verweigerte (weil er nichts sein, nichts w&auml;hlen wollte), kommt erst durch die Begegnung mit Dorine zur Existenz, zur Liebe, die eine Wahl erzwingt. Und doch: Gorz, der nur dieses eine Leben &#8211; seines &#8211; hatte und wollte, war ein Mann mit vielen Namen. Als Gerhard Hirsch war er geboren worden; als G&eacute;rard Horst ging er nach dem &#8220;Anschluss&#8221; &Ouml;sterreichs nach Lausanne, wo er die Schulzeit beendete und ein Studium der Chemie aufnahm; als Andr&eacute; Gorz wurde er ab Ende der f&uuml;nfziger Jahre zu einem der wichtigsten intellektuellen Vertreter der undogmatischen Linken; und unter dem Namen Michel Bosquet absolvierte er eine gl&auml;nzende Laufbahn als Journalist und Leitartikler, der sich insbesondere gesellschaftspolitischen und &ouml;konomischen Fragen widmete. 1964 geh&ouml;rte er zu den Mitbegr&uuml;ndern des franz&ouml;sischen Wochenmagazins &#8220;Le Nouvel Observateur&#8221; (damals noch &#8220;France-Observateur&#8221;). Hinter diesen Existenzen, hinter dem Spiel der Sprachen auch (die Muttersprache Deutsch hat Gorz fr&uuml;h hinter sich gelassen, er schrieb auf Franz&ouml;sisch, sprach mit Dorine nur Englisch) bleibt als Konstante die Liebe zu D. Seine zahlreichen B&uuml;cher sind, so Gorz, Frucht des dauernden Zwiegespr&auml;chs mit ihr, seine Karriere als Journalist w&auml;re ohne sie, sein &#8220;Archiv&#8221;, nicht m&ouml;glich gewesen.</p>
<p>Der &#8221; Brief an D. &#8221; ist ein anr&uuml;hrendes, ein aufrichtiges Buch. Es ist Lebensr&uuml;ckblick, Epilog, intellektuelle Autobiografie &#8211; und mit jeder Zeile Hommage an die vom Tode bereits gezeichnete Gef&auml;hrtin. Aber es ist auch ein heikles Buch. Unweigerlich f&uuml;hlt man sich bei der Lekt&uuml;re an Theweleits &#8220;Buch der K&ouml;nige&#8221; erinnert, stellt sich die Vorstellung vom Schreiben als einem Spiel mit Damenopfer ein. War es auch hier so? D. hat dazu stets geschwiegen . . .</p>
<p><em> J&uuml;rgen Ritte </em></p>
<p>Andr&eacute; Gorz: Brief an D. Geschichte einer Liebe. Aus dem Franz&ouml;sischen von Eva Moldenhauer. Rotpunktverlag, Z&uuml;rich 2007. 98 S. , Fr. 24. -.</p>
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		<title>André Gorz (1923-2007)</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Sep 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/andre-gorz-1923-2007">André Gorz (1923-2007)</a></p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-782"></span></p>
<p>Vor einigen Stunden haben wir erfahren, dass unser lieber Freund Andre Gorz zusammen mit seiner Frau Dorine in den Freitod gegangen ist. Wer sein letztes Buch &#8220;Brief an D. Geschichte einer Liebe&#8221; liest, wird bei genauer Lekt&uuml;re auch sp&uuml;ren, warum. Es war keine Flucht aus Verzweiflung, sondern ein Entschluss, der wohl schon l&auml;nger reifte. Kein theatralischer Abgang, aber ein starker.</p>
<p>Mit seinen Werken &#8220;Abschied vom Proletariat&#8221; und &#8220;Wege ins Paradies&#8221;, aber auch anderen Schriften hat Andre in eine Richtung gedacht, die sp&auml;ter von der Wertkritik aufgegriffen wurde. Besonders freut uns, dass sein letzter Artikel &#8220;Seid realistisch &#8211; verlangt das Unm&ouml;gliche&#8221; zuerst in unserer Zeitschrift erschienen ist. Wie stand doch auf dem Cover der letzten Ausgabe der Streifz&uuml;ge zu lesen: &#8220;Andr&eacute; Gorz entz&uuml;ckt das Unm&ouml;gliche&#8221;.</p>
<p>Er war uns in den letzten Jahren jedenfalls aufs Engste verbunden und unterst&uuml;tzte unsere Projekte in vielerlei Hinsicht. F&uuml;r all das danken wir ihm. &#8220;Ich habe zweihundert B&auml;ume gepflanzt&#8221;, schreibt er in seinem letzten Buch. Wahrlich Andr&eacute;, das hast Du.</p>
<p><em>P. S. : eine ausf&uuml;hrliche W&uuml;rdigung demn&auml;chst auf dieser Homepage bzw. in der November-Ausgabe der Streifz&uuml;ge. </em></p>
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		<title>Julius Mende (1944-2007)</title>
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		<pubDate>Thu, 03 May 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrufe]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/julius-mende-1944-2007">Julius Mende (1944-2007)</a></p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-781"></span></p>
<p>Am 17. April 2007 ist Julius Mende freiwillig aus dem Leben geschieden.</p>
<p>Julius war mir ein lieber, wenn auch nie unkomplizierter Freund. Dezente Zur&uuml;ckhaltung und Mangel an Direktheit waren seine Sache nicht. Ich wusste immer, wie ich bei ihm dran war. Keine Absage, die er nicht so meinte, aber auch keine Zusage, die er nicht eingehalten h&auml;tte. Julius hatte Konturen. Ich erinnere mich gerne, sei es an die zahlreichen Redaktionssitzungen der Zeitschrift Weg und Ziel oder an &auml;u&szlig;erst angenehme und anregende Besuche bei ihm in der Wiener Wohnung oder in seinem Domizil am Schotterteich im Waldviertel.</p>
<p>Die &Ouml;ffnung des theoretischen Organs der KP&Ouml;, Weg und Ziel, Anfang der Neunziger Jahre hing ganz entscheidend an seiner Person. Bis zur Einstellung im Jahr 2000 war er dort dazu da, sehr unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Er hat sich oft ge&auml;rgert, aber wahrscheinlich konnte nur er diese Diskrepanzen auf seinem breiten R&uuml;cken &uuml;berbr&uuml;cken. In der Abschiedsnummer habe ich mich bei ihm bedankt, &#8220;dem Verbindungsmann der und zur KP&Ouml;, der seine Rollen, wenn auch des &ouml;fteren in patriarchaler Manier und manchmal mit unberechenbaren Auftritten, so doch ganz ausgezeichnet meisterte. Es ist eine Frage, ob es je einen besseren Doppelagenten geben k&ouml;nnte als ihn, dem es zweifellos &uuml;ber lange Zeit gelungen ist, beide Seiten (Partei und Autoren) einigerma&szlig;en zufriedenzustellen.&#8221; &#8211; Er hat sich selbst in dieser Einsch&auml;tzung des Doppelagenten durchaus wiedergefunden und sie zu Recht als ein ausdr&uuml;ckliches Kompliment f&uuml;r diese au&szlig;ergew&ouml;hnliche Leistung genommen.</p>
<p>In den Anfangstagen des Kritischen Kreises und der Streifz&uuml;ge mischte Julius Mende einige Zeit mit. Anders h&auml;tten wir die ersten Jahre als Zeitschrift kaum &uuml;berstanden, ohne im Schuldturm zu landen. Wir waren nicht so ganz seine Sache, aber er hat unser Anliegen unterst&uuml;tzenswert gefunden. Daf&uuml;r gilt ihm unser herzlicher Dank.</p>
<p>Wir h&auml;tten Julius noch viele Jahre in mehr Ruhe und Genuss gew&uuml;nscht, doch seine Krankheit hat ihm das Leben verleidet. Wir f&uuml;hlen mit seiner Frau B&auml;rbel und allen, die Julius mochten.</p>
<p><em>P. S. : Vor einigen Wochen ist bei Promedia ein Buch von Julius Mende erschienen, wo er sich einmal mehr mit einem Thema auseinandersetzte, dass ihn zeitlebens intensiv besch&auml;ftigte: &#8220;Die sexuelle Welle. Zwischen Sinnlichkeit und Vermarktung. Bilder und Texte.&#8221; </em></p>
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