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	<title>Streifzüge &#187; Bildung</title>
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		<title>Nix wissen!</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Jul 2010 10:34:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>

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		<description><![CDATA[&#220;ber die An&#228;sthesie der Aufdringlichkeiten von Franz Schandl Die Informationslawine hinterl&#228;sst ihre Spuren. Sie sch&#252;ttet uns st&#228;ndig zu. Wissen ist Ohnmacht. Wir kennen uns nicht mehr aus. Das Wissen, das n&#246;tige und noch mehr das unn&#246;tige, erdr&#252;ckt zusehends jede m&#246;gliche Reflexion des Gewussten. Kenntnis zerst&#246;rt Erkenntnis. Wir sind dem einfach nicht gewachsen. Was wir nicht [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2010/nix-wissen">Nix wissen!</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>&#220;ber die An&#228;sthesie der Aufdringlichkeiten</h3>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-7463"></span></p>
<p><em>Die Informationslawine hinterl&#228;sst ihre Spuren. Sie sch&#252;ttet uns st&#228;ndig zu. </em></p>
<p>Wissen ist Ohnmacht. Wir kennen uns nicht mehr aus. Das Wissen, das n&#246;tige und noch mehr das unn&#246;tige, erdr&#252;ckt zusehends jede m&#246;gliche Reflexion des Gewussten. Kenntnis zerst&#246;rt Erkenntnis. Wir sind dem einfach nicht gewachsen. Was wir nicht alles zu wissen haben. Die F&#252;lle der Beeindruckungen ist jenseits unserer geistigen Kapazit&#228;t. Jene verkleistert das Hirn, man ist nie frei, sondern immer beschlagnahmt. Wir k&#246;nnen bei bestem Willen nicht rezipieren, was uns geboten oder besser aufgedr&#228;ngt wird. Wir haben nicht die Zeit uns zu konzentrieren, bestenfalls gelingt uns eine Hinnahme, zur Aufnahme selbst sind wir nicht mehr f&#228;hig.</p>
<p>Dass Kapieren und Reflektieren nicht unbedingt identisch sind, will manchem Kopf gar nicht erst kommen. Wissen, obwohl Voraussetzung der Reflexion, beseitigt sie immer mehr. Je mehr wir wissen k&#246;nnen und sollen, desto weniger gelingt es Erkenntnisse zu gewinnen. Unsere Aufmerksamkeiten bewegen sich in einem Brei. Wir sind &#252;berfordert, geben das Tempo nicht vor, sondern hecheln hinten nach. Der Geschwindigkeit nicht gewachsen, versuchen wir doch irgendwie mitzukommen. Irgendwie.</p>
<p>„Daher darf man den ganzen M&#252;ll, den man t&#228;glich h&#246;rt und liest, auf keinen Fall abspeichern“, schl&#228;gt Karli Sackbauer alias Klaus Rott im VOR-Magazin vor. Das w&#228;re einfach. Denkste, wir verf&#252;gen &#252;ber keine Kn&#246;pfe und auch keine S&#228;cke, die den Abfall ausschalten oder wegsperren k&#246;nnten. Wir entscheiden nicht, was gemerkt und vergessen werden soll. „Bei einem Ohr rein, beim anderen wieder raus“, funktioniert so nicht. Stets bleibt was h&#228;ngen, m&#246;gen wir uns dar&#252;ber Rechenschaft ablegen oder nicht. Der Zugriff ist nicht unserer, aber er hat uns fest im Griff. Wenn ich etwas nicht wissen will, hei&#223;t das nicht, dass ich es nicht wei&#223;.</p>
<p>Wie komme ich eigentlich dazu, Richard Lugner und alle seine Frauen kennen zu m&#252;ssen? Warum bin ich informationspflichtig? F&#228;llt das unter Medienfreiheit? Wenn nicht, worunter dann? – Was sich an uns als Wissenspartikel festmacht, das entscheidet die jeweilige Energie der Aufdringlichkeit. Auf jeden Fall haben wir gegen diese Penetranz kein Schutzschild. Sie prasselt auf uns nieder. Unser Aufnahmeverm&#246;gen bricht unter der Last der Merkw&#252;rdigkeiten regelm&#228;&#223;ig zusammen. Nicht in Unwissenheit leben wir, im Gegenteil, wir werden mit den Kenntnissen nicht fertig, die uns da zugemutet werden. Wir haben keine Zeit und auch kaum Methoden, diese Unmenge zu ordnen, zu sortieren und zu gewichten. </p>
<p>Denken braucht Ruhe und Entspannung, Distanz und Abgehobenheit. Es muss sich von den eigenen Erfahrungen und unmittelbaren Gewissheiten absetzen k&#246;nnen, darf kein affirmatives Verh&#228;ltnis zu diesen Kriterien aufweisen. H&#246;ren meint mehr als Zuh&#246;ren, Sehen meint mehr als Zusehen. Doch dieser eigenst&#228;ndige Teil individueller Rezeption, wird er nicht zusehends unm&#246;glicher? Erkennen ist im Gegensatz zum ledigen Wissen ohne aktive Mu&#223;e nicht zu haben. Nur in ihr kann jenes reifen. Der gesunde Zweifel an all unserem Wissen ist somit die Bedingung der reflexiven, insbesondere auch der selbstreflexiven Auseinandersetzung: Warum sehe ich etwas so und nicht anders? Welche konstitutionellen Kr&#228;fte bereiten mich auf und richten mich zu? Was ist Ich an mir?</p>
<p>Doch kommen wir &#252;berhaupt so weit? Streicht die Dichte des Alltags, der Stress, nicht alle diese Fragen einfach durch und letztlich aus dem Ged&#228;chtnis? Ist bewusstes Begreifen nicht eine Gesch&#228;ftsst&#246;rung, somit eine Gesellschaftsst&#246;rung, somit &#252;berfl&#252;ssig, somit zu beseitigen? Wir kommen kaum zum Denken. Das Quantum des Zu-Wissenden beschneidet durch seinen Ballast die kognitiven Kontingente.</p>
<p>Die Informationsindustrie ordnet Informationen nach den Gesetzen der Public Relations: Nicht was ist, interessiert, sondern was absetzbar ist. Aufbauschen, abwiegeln, zuspitzen, entsorgen, totschweigen, nach solchen und &#228;hnlichen Mustern formiert der Medienmarkt Nachrichten gleich Spots. Vorrangig geht es um Erregungen und Emp&#246;rungen. Und selbst die Kritik kann sich nicht anders ausdr&#252;cken als in der &#220;bertreibung, will sie &#252;berhaupt wahrgenommen werden. Kommt man ihr dann auf die Schliche, etwa wenn Klimaforscher sich bewusst verrechnen, dann wird gleich der ganze Klimawandel in Frage gestellt. Doch auch jene sind dem kommerziellen Wettbewerb um Forschungsgelder ausgeliefert, und da ist Dramatisierung jenseits des Dramas angesagt. Eine Nachricht, die kein Spektakel ist, ist keine Nachricht. Was nicht auff&#228;llt, f&#228;llt unter den Tisch. </p>
<p>Nat&#252;rlich ist es banal zu behaupten, dass Informationen (wie andere Waren auch) auf ihre Verkaufbarkeit dimensioniert werden. Aber dieser Umstand hat fatale Konsequenzen. Die virtuelle Varianz ist jenseits der reellen Intransigenz des Geschehens. Trotzdem steuert erstere die mentalen Haushalte. Wahrheit und Wirklichkeit verschwinden zwar nicht v&#246;llig, aber sie sind untergeordnete Materialien medialer Rekonstruktion. Keineswegs sind hier die aggressiven Sender ohne die grenzenlose Bereitschaft der Empf&#228;nger zu denken. Und damit ist nicht nur ein leicht abzuf&#252;tterndes Massenpublikum gemeint. Auch wer nicht will, ist oft willig, man denke nur an sich oder an mich.</p>
<p>Beispiel: Im Gegensatz zum Erdbeben in Haiti, das immerhin ein elementares und folgenschweres Ereignis gewesen ist und bleiben wird, sind Katzi, Bambi und Mausi nie wirkliche Ereignisse gewesen, auch wenn sie sich bis zum Erbrechen ereigneten. Ihre Storys sind lediglich winzigste Exkremente emotioneller und emotionalisierter Katastrophen aus den Schluchten der Intimit&#228;t. Aber medial aufbereitet hatten Lugners Puppen hierzulande eine h&#246;here Quote: Was ist die Zerst&#246;rung von Port-du-Prince gegen die neueste Schnulze von Bambi oder deren Embryo auf Vaterschaftssuche, das Nightclubben von Katzi oder deren Tablettenkonsum, das Schlangenfressen von Mausi oder deren Einkaufstouren? Es ist schon irre, von alledem &#252;berhaupt eine Ahnung haben zu m&#252;ssen. Indes wenn das Unwirkliche und Irrelevante sich derart in Szene setzen kann, sind sie wirklich und relevant geworden. </p>
<p>Dem Taumel ist ja auch kaum zu entgehen, an jeder Stra&#223;enecke grinst es, aus jedem Lautsprecher schallt es. Andauernd wird eins angemacht. Es krallt und klettet, wohin wir uns auch wenden. Es r&#252;ttelt aber nicht auf, es r&#252;ttelt nur durch. Nichts ist in seiner Wirkung so bet&#228;ubend wie das Spektakel. Je lauter es schrillt, desto tauber werden wir, je bunter es glotzt, desto blinder. Wer taub und blind ist, wird auch stumm. Wir k&#246;nnen in diesem Zusammenhang durchaus von einer An&#228;sthesie der Aufdringlichkeiten oder eine Implosion der Aufmerksamkeiten sprechen. Dass wir in einer Epoche der Aufkl&#228;rung leben, ist sowieso ein hartn&#228;ckiges Ger&#252;cht. Dass die selbstverschuldete Unm&#252;ndigkeit zu Ende ist, ebenso. Wir leben immer noch in finsteren Zeiten massenwirksamer Verzauberungen. Aber was hei&#223;t immer noch? Mehr denn je!</p>
<p>„Schweinegrippe explodiert“, titelte eine Tageszeitung am 10. November des Vorjahres. Am Cover f&#252;hrte sie den eben geimpften Bundespr&#228;sidenten vor. Eine Leidtragende von alledem war – man soll nicht immer in die Weite blicken – meine j&#252;ngste Tochter. Valentina hatte an einem Freitag Fieber bekommen und wurde von der Schule nach Hause geschickt. Nun, nichts Besonderes sollte man meinen, und da die H&#246;he der K&#246;rpertemperatur sich in Grenzen hielt und keine Gliederschmerzen sich einstellten, dachten auch wir so. Ein grippaler Infekt halt.</p>
<p>Da jedoch der Schularzt an besagtem Freitag zuf&#228;llig zugegen war, entnahm er meiner Tochter eine Speichelprobe und lie&#223; diese untersuchen. Mehr hatten wir nicht gebraucht, denn nun hatten wir sie prompt: die Schweinegrippe. Als man uns am Montag informierte, war das Kind schon fieberfrei und zwei Tage sp&#228;ter w&#228;re wohl alles vergessen gewesen. Jetzt aber, mit dieser Diagnose gezeichnet, ging es Valentina gleich schlechter: sie begann wieder zu leiden, war ganz unzufrieden mit sich, bildete sich gar manches ein und konnte ihre schulfreien Tage nicht genie&#223;en. Dieser Befund hatte sie mehr getroffen als ihre Befindlichkeit.</p>
<p>Jede Krankheit bringt spezifische &#246;konomische Interessen und Interessenten hervor. Ist eine Impfung in Sicht, ist die Erkrankung schon in der N&#228;he. Mehr als umgekehrt. Ob die Bedrohung nun real, marginal oder gar irreal ist, ist ebenfalls sekund&#228;r, prim&#228;r wird sie als gegeben suggeriert werden m&#252;ssen, wollen die Abs&#228;tze gesteigert oder zumindest stabilisiert werden. An Krankheiten interessiert nicht vorrangig Diagnose und Therapie, sondern ihre Verwertbarkeit durch die Gesundheitsindustrie.</p>
<p>Staunend sitze ich vor der M&#228;rz-Ausgabe der Le Monde diplomatique, wo ich einer Statistik &#252;ber die Verwendung staatlicher Entwicklungshilfe entnehme, dass im Jahr 2007 f&#252;r AIDS/HIV mehr als f&#252;r Malaria, Tuberkulose und alle anderen Infektionskrankheiten zusammen ausgegeben wurde, insgesamt &#252;ber 7 Milliarden Dollar. Das ist &#252;brigens der mit Abstand gr&#246;&#223;te Posten. Flie&#223;t der Gro&#223;teil der Entwicklungshilfe &#252;ber afrikanische Umleitungen in die Zentralen der Pharmakonzerne? Oder interpretiere ich da was falsch? </p>
<p>Zweifellos, der Virus ist keine Bagatelle, aber folgt daraus die Apokalypse? AIDS k&#246;nnte tats&#228;chlich eine gro&#223;e Gefahr sein, aber ebenso die gr&#246;&#223;te Geldbeschaffungsaktion der Gesundheitsindustrie. Zumindest hatte ich beim HIV-Virus zumeist das Gef&#252;hl, dass dessen Lobby stark ist. Malaria oder Tuberkulose vermitteln da einen gegenteiligen Eindruck. Gelder f&#252;r Forschung, Medikamente und Betreuung k&#246;nnen nur lukriert werden, wenn den &#246;ffentlichen Stellen und den privaten Spendern ein ausreichendes Bedrohungsszenario angeboten wird. Also ist dieses unabdingbar, und fraglos ist dies eine Aufgabe von Reklame und Marketing, weniger eine der sogenannten Sachargumente. </p>
<p>Wenn man mich also in dieser wie auch in anderen Fragen nach einer Einsch&#228;tzung fragt, komme ich in eine prek&#228;re Situation. Die Grundlagen zur Bildung einer soliden Meinung, woher soll ich die nehmen? Scio, nescio. Ich wei&#223;, dass ich nicht wei&#223;, aber ich wei&#223; nicht, was ich nicht wei&#223;. W&#252;rde ich es wissen, w&#252;rde ich es nicht mehr nicht wissen. Aber die Philosophie hilft hier auch nicht viel weiter. Dezidierte Aussagen werden schwieriger. Das mag eine skeptizistische Deutung sein, aber alles andere erscheint mir inzwischen als Anma&#223;ung, vergleichbar einer Einbildung, auf die man sich versteift. Treffe ich Leute vom Fach, also &#220;berzeugungst&#228;ter, muss ich passen, denn gegen die Borniertheit eines Standpunkts ist die Haltlosigkeit haltlos. </p>
<p>Watend durch den Morast der Infos, werde ich immer argw&#246;hnischer. Keiner Entwarnung ist zu trauen und keinem Alarm. Mit solcher Einsicht muss das Vertrauen auf der Strecke bleiben, weil es als Naivit&#228;t erscheint. Die Kehrseite zur notorischen Leichtgl&#228;ubigkeit ist sodann das st&#228;ndige Misstrauen. Vertrauen wird zur Dummheit und Misstrauen zur Pflicht. Es ist auf jeden Fall nicht leicht, den gesunden Zweifel richtig zu positionieren, ohne in ein Extrem zu verfallen, was meint einfach zu glauben oder einfach zu ignorieren, noch dazu, wo ich weder Ignorant noch Gl&#228;ubiger sein will. Doch der Extremismus regiert, aus M&#252;cken werden Elefanten und aus Elefanten M&#252;cken. Denken wir an die unbeeindruckbare Bagatellisierung, die positiv denkend in jeder Krise Entwarnung gibt und so diverse Probleme eskamotiert. Oder an die Inflationierung der Apokalypse, die stets den Weltuntergang vor sich sieht. Gelegentlich sind es sogar die selben Organe, die diese Manuale bedienen. Man erinnere nur an Aufstieg und Niedergang der Schweinegrippe. </p>
<p>Verharmlosung und &#220;bertreibung laufen als Zwillingspaar von Event zu Event. Sie schaukeln auf und sie schaukeln ab. Von ihnen nicht verschaukelt zu werden, ist schwierig. Aufbauschen und abwiegeln sind obligat. Ma&#223;- und R&#252;cksichtslosigkeit geh&#246;ren dazu. Wo freilich alles sein kann, wird einem vieles egal. Die permanente Beschwichtigung erzeugt Lethargie, der galoppierende Alarmismus gebiert Indifferenz. Beide wiederum produzieren Fatalismus: Wir k&#246;nnen eh nichts tun und daher tun wir eh nichts, erf&#252;llen eh unsere Pflicht und halten eh den Mund. Eh. Vielleicht denken wir uns noch unseren Teil, aber meistens denken wir, was wir zu denken haben. Die anderen denken nichts anderes. Vielleicht ist Denken sowieso was f&#252;r Verr&#252;ckte.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2010/nix-wissen">Nix wissen!</a></p>
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		<title>KRITISCHE &amp; SOLIDARISCHE UNIVERSIT&#196;T ER&#214;FFNET</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Dec 2009 08:28:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>

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		<description><![CDATA[Soeben wurde in Wien die Kritische &#038; Solidarische Universit&#228;t (KriSU) gegr&#252;ndet. KriSU-Aktivist_innen machten R&#228;umlichkeiten der Bundesimmobiliengesellschaft, die seit rund 2 Jahren leer stehen, f&#252;r die &#214;ffentlichkeit wieder zug&#228;nglich. Die KriSU reagiert damit auf die fundamentale soziale, &#246;kologische und &#246;konomische Krise der kapitalistischen Gesellschaft. Sie versteht sich als Teil der weltweiten Uni-Proteste. Elfriede Jelinek, die ihre [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/kritische-solidarische-universitaet-eroeffnet">KRITISCHE &#038; SOLIDARISCHE UNIVERSIT&#196;T ER&#214;FFNET</a></p>
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<p>Soeben wurde in Wien die Kritische &#038; Solidarische Universit&#228;t (KriSU) gegr&#252;ndet. KriSU-Aktivist_innen machten R&#228;umlichkeiten der Bundesimmobiliengesellschaft, die seit rund 2 Jahren leer stehen, f&#252;r die &#214;ffentlichkeit wieder zug&#228;nglich. Die KriSU reagiert damit auf die fundamentale soziale, &#246;kologische und &#246;konomische Krise der kapitalistischen Gesellschaft. Sie versteht sich als Teil der weltweiten Uni-Proteste. Elfriede Jelinek, die ihre Solidarit&#228;t bekundet, meint: „Ich unterst&#252;tze das gern, weil ich jede kritische Initiative unterst&#252;tzen w&#252;rde, die diese verkrusteten Uni-Strukturen endlich einmal etwas aufweichen k&#246;nnte.“</p>
<p>Eine internationale Welle der Solidarit&#228;t tr&#228;gt die KriSU bereits seit mehreren Tagen. Paul Singer, Staatssekret&#228;r f&#252;r Solidarische &#214;konomie im brasilianischen Arbeitsministerium und seit 2009 Tr&#228;ger des Gro&#223;en Ehrenzeichens der Republik &#214;sterreich sagt: „Es ist das erste Projekt einer wirklich demokratischen, offenen, solidarischen Universit&#228;t. Ich hoffe, sie gedeiht und wird ein Beispiel f&#252;r alle, die eine andere Erziehung in einer viel gerechteren Gesellschaft wollen.“ Anup Dash, Professor f&#252;r Soziologie an der Universit&#228;t Utkal, Indien, gratuliert zur KriSU: „Ich bin davon &#252;berzeugt, dass sie bald die philosophischen und sozialen Grundlagen eines alternativen Wissens legen wird, um die gro&#223;e Transformation der globalen Gesellschaftsordnung, f&#252;r die wir alle auf verschiedene Arten arbeiten, umzusetzen.“</p>
<p>Die KriSU arbeitet f&#252;r eine Solidarische &#214;konomie, die Armut und Existenz&#228;ngste &#252;berwindet. Sie steht allen offen, die selbstverwaltet und kooperativ Wissen produzieren und weitergeben wollen, ob mit oder ohne Matura. „Eine Kritische und Solidarische Universit&#228;t darf nicht f&#252;r selbstzweckhaftes Wirtschaftswachstum und die Konkurrenz da sein, sondern muss Reichtum f&#252;r alle zug&#228;nglich machen“, betonen Aktivist_innen. So auch die Mitarbeiterin einer landwirtschaftlichen Forschungseinrichtung in &#214;sterreich, die sich solidarisiert: „Es ist h&#246;chst an der Zeit, dass &#246;ffentlich &#252;ber die Mitverantwortung der Universit&#228;ten an den desastr&#246;sen &#246;kologischen wie gesellschaftlichen Zust&#228;nden diskutiert wird und daraus Konsequenzen gezogen werden.“</p>
<p>Die Grunds&#228;tze der KriSU sind (1) die lebendige Verbindung von Forschung, Lehre und Praxis, (2) Selbstverwaltung, Feminismus, Antirassismus und Engagement gegen Antisemitismus und Islamophobie, (3) nicht- kommerzieller Charakter, (4) Unabh&#228;ngigkeit vom Staat, (5) Bildung f&#252;r Solidarische &#214;konomie und Aufbau einer Solidarischen &#214;konomie der Bildung durch Erforschung, Vermittlung und Entwicklung selbstverwalteter, gemeinwesenorientierter und kooperativer Produktionsweisen.</p>
<p>Die rasch wachsende Liste der Unterst&#252;tzer_innen der Kritischen und Solidarischen Universit&#228;t in Wien umfasst bereits mehr als 270 Menschen aus allen Lebensbereichen im In- wie Ausland, darunter Betriebsr&#228;t_innen, Gewerkschafter_innen, Universit&#228;tsangestellte, Arbeiterkammer- R&#228;t_innen, Professor_innen, Pensionist_innen, Studierende, Politiker_innen, Migrant_innen und K&#252;nstler_innen – darunter Prof. Frigga Haug, Jean Ziegler, Lisbeth N. Trallori, Robert Menasse, Prof. Birgit Sauer, Robert Misik, Lieselotte Wohlgenannt, Erich Hackl, Maria Vassilakou und Prof. Nikolaus Dimmel. Die KriSU startet ab sofort ein dichtes Programm mit prominenten K&#252;nstler_innen, Vortragenden und Wissenschafter_innen.</p>
<p>Infos: <a href="http://krisu.blogsport.de/">http://krisu.blogsport.de</a></p>
<p>Presser&#252;ckfragen: krisu@riseup.net / Alex Illic: 0043 650 6207013</p>
<p>Wir laden zur Pressekonferenz in den R&#228;umen der neu er&#246;ffneten Universit&#228;t: Montag, 7. Dezember, 9:00 Uhr , Universit&#228;tsstrasse 2, 1090 Wien </p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/kritische-solidarische-universitaet-eroeffnet">KRITISCHE &#038; SOLIDARISCHE UNIVERSIT&#196;T ER&#214;FFNET</a></p>
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		<title>Er&#246;ffnung der KriSU</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 13:43:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[KriSU]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Kritische und Solidarische Universit&#228;t (KriSU) befindet sich derzeit noch im Aufbau und &#246;ffnet alsbald ihre T&#252;ren. Sie versteht sich als ein Ort der Selbstverwaltung, des Austauschs und der Diskussion. Als ein Ort der emanzipativen und kritischen Wissensproduktion, der alternative Lebens- und Produktionsweisen gegen Kapital und Staat diskutiert und umsetzen m&#246;chte. Die herrschenden gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnisse [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/eroeffnung-der-kritischen-und-solidarischen-universitaet-krisu">Er&#246;ffnung der KriSU</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Kritische und Solidarische Universit&#228;t (KriSU) befindet sich derzeit noch im Aufbau und &#246;ffnet alsbald ihre T&#252;ren.</h3>
<p> <span id="more-5461"></span> </p>
<p>Sie versteht sich als ein Ort der Selbstverwaltung, des Austauschs und der Diskussion. Als ein Ort der emanzipativen und kritischen Wissensproduktion, der alternative Lebens- und Produktionsweisen gegen Kapital und Staat diskutiert und umsetzen m&#246;chte. Die herrschenden gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnisse hinterfragend, ergr&#252;ndet sie u.a. die Einbettung der traditionellen Universit&#228;t in den kapitalistischen Verwertungsprozess, versucht alternative Lebensweisen aufzuzeigen und vorzuleben sowie eine Solidarische &#214;konomie zu diskutieren und zu f&#246;rdern. Feminismus, Antirassismus und das Engagement gegen Antisemitismus und Islamophobie sind Grundlagen der KriSU und als wichtige Bestandteile ihrer Praxis zu verstehen.</p>
<p>In Abgrenzung von der traditionellen Universit&#228;t richtet sich die KriSU an Menschen mit und ohne Matura. Sie steht offen f&#252;r Alle, unabh&#228;ngig von sozialer Herkunft, Staatsb&#252;rger_innenschaft und/oder dem Zugang zu finanziellen Mitteln, die sich mit den Grunds&#228;tzen der KriSU einverstanden erkl&#228;ren. Sie m&#246;chte Tanz-, Theater- und Musikgruppen, K&#252;nstler_innen, Arbeiter_innen, Hausm&#228;nnern und -frauen, Migrant_innen, Studierenden und Nicht-Studierenden sowie anderen gesellschaftlichen Gruppen Raum f&#252;r Diskussionen und Aktionen bieten.</p>
<p>Wir laden ein, die KriSU mitzugestalten, mit Leben zu f&#252;llen und aktiv am Aufbau eines solidarischen Lebens mitzuwirken. Es ist Zeit, unser Leben eigenst&#228;ndig in unsere H&#228;nde zu nehmen!</p>
<p>Weitere Informationen &#252;ber Zeit und Ort der Er&#246;ffnung findest du bald <a href="http://krisu.blogsport.de/">hier</a>!</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/eroeffnung-der-kritischen-und-solidarischen-universitaet-krisu">Er&#246;ffnung der KriSU</a></p>
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		<item>
		<title>Bildung hat keinen Wert</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2009/bildung-hat-keinen-wert</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:46:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Ribolits; Erich]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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		<description><![CDATA[&#220;ber den Verlust von Bildung, sobald dieser Wert zugeschrieben wird Streifz&#252;ge 47/2009 von Erich Ribolits Auszug aus dem Buch von Erich Ribolits: Bildung ohne Wert – Wider die Humankapitalisierung des Menschen, L&#246;cker-Verlag, Wien 2009, 200 Seiten, ca. 20 Euro. Sp&#228;testens nachdem am „Gipfel von Lissabon“ im Jahre 2000 durch die Europ&#228;ischen Bildungsminister deklariert worden war, [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/bildung-hat-keinen-wert">Bildung hat keinen Wert</a></p>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>&#220;ber den Verlust von Bildung, sobald dieser Wert zugeschrieben wird</h3>
<p>Streifz&#252;ge 47/2009<br />
<em>von Erich Ribolits</em> <span id="more-5506"></span></p>
<table style="padding:20px">
<tr>
<td><em>Auszug aus dem Buch von Erich Ribolits: Bildung ohne Wert – Wider die Humankapitalisierung des Menschen, L&#246;cker-Verlag, Wien 2009, 200 Seiten, ca. 20 Euro. </em></tr>
</td>
</table>
<p>Sp&#228;testens nachdem am „Gipfel von Lissabon“ im Jahre 2000 durch die Europ&#228;ischen Bildungsminister deklariert worden war, die Europ&#228;ische Union zum „wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ machen zu wollen, ist der Begriff „Wissensgesellschaft“ zum fixen Bestandteil von Festreden, Forschungsprogrammen und bildungspolitischen Absichtserkl&#228;rungen geworden. Der Begriff, dessen Wurzeln bis in die 1960er Jahren zur&#252;ckreichen, dient dabei als K&#252;rzel, um einen seit mehreren Jahrzehnten konstatierten, grunds&#228;tzlichen Wandel der gesellschaftlichen und &#246;konomischen Bedeutung von Wissen zu argumentieren – einen Wandel, dem verschiedentlich eine gleicherma&#223;en tiefgreifende Wirkung wie dem &#220;bergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft zugesprochen wird (vgl. Miegel 2001: 203). Das K&#252;rzel „Wissensgesellschaft“ wird dabei in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet: einerseits als Metapher, um aktuell stattfindende gesellschaftliche Ver&#228;nderungsprozesse zu charakterisieren, andererseits aber auch, um diese zu legitimieren und zu beschleunigen. Zum einen wird mit dem Begriff die in den letzten Jahrzehnten vor sich gegangene Durchdringung s&#228;mtlicher Lebensbereiche mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) angesprochen, die tiefgreifende Ver&#228;nderungen der kognitiven T&#228;tigkeiten von Menschen sowie eine anwachsende Nachfrage nach wissens- und kommunikationsbasierten Dienstleistungen nach sich gezogen haben. Zum anderen dient der Begriff aber auch als Warnung und Appell: Er soll die Behauptung untermauern, dass die verwertbaren Kompetenzen der arbeitsf&#228;higen Bev&#246;lkerung von Regionen und Staaten zunehmend die wichtigste Ressource der lokalen wirtschaftlichen Entwicklung darstellen und es somit erforderlich sei, ein konsequent an den Verwertungsvorgaben ausgerichtetes Lernen potenzieller Arbeitskr&#228;fte in allen Lebensbereichen und  altern zu forcieren. </p>
<p>Beim angesprochenen Hochloben von Wissen zur entscheidenden Gr&#246;&#223;e im allgemeinen Konkurrenzkampf wird nur selten reflektiert, dass die Bezugnahme auf die Gr&#246;&#223;e „Wissen“ f&#252;r die aktuelle Entwicklung tats&#228;chlich wesentlich zu kurz greift und das Spezifische der derzeit stattfindenden Ver&#228;nderung auch keineswegs schl&#252;ssig erkl&#228;rt. Bei dem unter dem Titel Wissensgesellschaft firmierenden Paradigmenwechsel geht es n&#228;mlich durchaus nicht nur um einen blo&#223;en Bedeutungsgewinn des Qualifikationsniveaus der Erwerbsbev&#246;lkerung in dem Sinn, dass m&#246;glichst viele Menschen im (Aus )Bildungssystem m&#246;glichst hohe formale Abschl&#252;sse erwerben, um das dabei erworbene Wissen in den wirtschaftlichen Verwertungsprozess einbringen zu k&#246;nnen. Es stellt ja auch keine echte Neuigkeit dar, dass das <em>Know how</em>, auf das in einer Gesellschaft zugegriffen werden kann, einen engen Bezug zu Produktivit&#228;t und Produktivit&#228;tssteigerung hat. Wissen war unzweifelhaft auch schon bisher wesentlicher Einflussfaktor der wirtschaftlichen Entwicklung. Dass dem so ist, l&#228;sst sich nicht zuletzt an der dramatischen Krise zeigen, von der das kapitalistische Gesellschaftssystem aktuell heimgesucht wird. Die Ursache der abnehmenden F&#228;higkeit des postindustriellen Kapitalismus, menschliche Arbeitskraft zu vernutzen, ist ja nirgendwo anders zu suchen, als in den in den letzten Jahrzehnten auf Grundlage wissenschaftlicher Fortschritte geschaffenen „neuen“ Technologien und deren Rationalisierungspotential. Dass Waren heute immer rationeller – in immer k&#252;rzerer Zeit, durch immer weniger Arbeitskr&#228;fte – hergestellt werden k&#246;nnen, deshalb aber immer mehr Menschen „freigesetzt“ werden und sich im aktuellen gesellschaftlichen System den Konsum der massenhaft und immer rationeller herstellbaren Waren nicht mehr leisten k&#246;nnen, h&#228;ngt letztendlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie deren massenhafter Verbreitung und Umsetzung zusammen. Nicht ein Mangel an Wissen, sondern die durch das Konkurrenzdiktat der marktgesteuerten &#214;konomie gepushten Fortschritte im wissenschaftlich-technischen Wissen lassen das politisch-&#246;konomische System Kapitalismus zunehmend an seine Grenzen sto&#223;en!</p>
<p>Ohne spezifische Formen des Generierens und Weitergebens von Wissen ist wohl noch keine Gesellschaftsformation ausgekommen. Seit Menschen Gemeinschaften bilden, organisierten sie dabei auch Wissen, wobei sich dessen Qualit&#228;t im Laufe der Geschichte selbstverst&#228;ndlich durchaus ver&#228;ndert hat. Seit der „Freisetzung der Konkurrenz“ im Rahmen der kapitalistischen &#214;konomie stellt die Verf&#252;gung &#252;ber Wissen und das systematische Weiterentwickeln verwertungsrelevanten Wissens zum Zweck der Profitmaximierung einen ganz wesentlichen Faktor der gesellschaftlichen Dynamik dar. Die diesbez&#252;gliche Verwertung von Wissen war somit von allem Anfang an ein bestimmendes Element der Industriegesellschaft gewesen; es mag deshalb erstaunen, dass erst jetzt, in einer weit fortgeschrittenen Phase des Kapitalismus, der Begriff Wissensgesellschaft geboren wurde und zu derartiger Bedeutung gelangte. Tats&#228;chlich ist die Ursache daf&#252;r aber auch nicht blo&#223; in einer aktuell vor sich gehenden Intensivierung der Kapitalisierung von Wissen zu suchen, sondern darin, dass diese – in ihrer traditionellen Form – gegenw&#228;rtig an Grenzen st&#246;&#223;t und es im Zusammenhang damit erforderlich wird, v&#246;llig neue Dimensionen von Wissen der Verwertung zug&#228;nglich zu machen. Konkret geht es darum, dass der Fokus der Verwertung bisher prim&#228;r auf formalisiertem Wissen gelegen ist, dieses aber heute zunehmend von seinen menschlichen Tr&#228;gern losgel&#246;st in Form von Software verf&#252;gbar ist. Die Folge ist, dass die systematische Aneignung von Wissen in organisierten Lernprozessen und seine instrumentelle Verwendung zunehmend an Bedeutung verliert, es im Gegenzug aber notwendig wird, dass Menschen lernen, mit Wissen in einer v&#246;llig ver&#228;nderten Form umzugehen.</p>
<p>Wissen wird ja auf zwei g&#228;nzlich unterschiedlichen Wegen erworben bzw. stehen Individuen dem von ihnen erworbenen Wissen in weitgehend unterschiedlicher Form gegen&#252;ber: Zum einen handelt es sich – siehe André Gorz (2001:5) – um <em>formelles Wissen</em>, worunter alle jene Kenntnisse und F&#228;higkeiten zu verstehen sind, deren Aneignung vors&#228;tzlich und methodisch erfolgt und die &#252;ber den Weg blo&#223;er Erfahrung und Interaktion nicht oder nur unzureichend erworben werden k&#246;nnen. Die Inhalte des formellen Wissens sowie die zu seiner Aneignung erforderlichen Lernprozesse werden im Wesentlichen durch die jeweiligen Auspr&#228;gungsformen des &#246;ffentlich organisierten Unterrichtswesens bestimmt. Zum anderen tritt Wissen als <em>informelles Wissen</em> in Erscheinung. Darunter lassen sich alle Kenntnisse und F&#228;higkeiten subsumieren, die spontan durch Erfahrungen und den Umgang mit anderen erworben werden, ohne dass sie je ausdr&#252;cklich thematisiert oder vors&#228;tzlich gelernt werden. Typische Aspekte dieser Wissensdimension sind beispielsweise die Sprache inklusive der sich in unterschiedlichen Kulturen und sozialen Gruppen durch Gesten, Mimik und &#228;hnliches artikulierenden Metasprache oder die ad&#228;quate Handhabung allt&#228;glicher Gebrauchsgegenst&#228;nde sowie das Umgehen mit &#252;blichen Problemstellungen. Informelles Wissen artikuliert sich gro&#223;teils in Form von Gewohnheiten und Fertigkeiten, die dem Einzelnen weitgehend selbstverst&#228;ndlich erscheinen und seine problemlose Integration in die jeweilige soziale Umwelt bewirken. Dieses pr&#228;kognitive informelle Wissen stellt die soziale Basis f&#252;r die sinnliche, psychische und intellektuelle Entfaltung einer Person dar und kann diese beg&#252;nstigen oder hemmen. </p>
<h4>Formelles Wissen – das Schmiermittel des Industriekapitalismus</h4>
<p>Beim Erwerb formellen Wissens ist auff&#228;llig, dass, seitdem der Schulbesuch hierzulande im 18. Jahrhundert f&#252;r alle heranwachsenden Gesellschaftsmitglieder verpflichtend geworden ist, Lernvorg&#228;nge in Schulen und Ausbildungen fast ausschlie&#223;lich unter strukturellen Bedingungen arrangiert wurden, die ein „instrumentelles Umgehen“ mit systematisch erworbenem Wissen implizieren. Es handelt sich dabei um eine Form der Wissensaufnahme, bei der Individuen gewisserma&#223;en wie „intelligente Maschinen“ fungieren – Medien der Speicherung und instrumentell-logischen Verkn&#252;pfung von Informationen, gekoppelt mit mechanischen Verarbeitungseinheiten. Das Wissen bleibt ihnen dabei &#228;u&#223;erlich, es nimmt keinen Einfluss auf ihre Pers&#246;nlichkeit, sondern bleibt f&#252;r sie gewisserma&#223;en etwas Fremdes, das nur als Mittel zu anderen Zwecken – Arbeitsproduktivit&#228;t, Einkommen, Prestige, Zugangsberechtigung … – dient. Lernprozesse dienen dem Ziel des Antizipierens der sich aus dem gesellschaftlichen Status quo ergebenden Anforderungen. Die Individuen sind dabei blo&#223; „bewusstlose Tr&#228;ger“ des Wissens und werden von diesem nicht wirklich „betroffen“; entsprechend taub sind sie auch gegen&#252;ber den sich aus dem Gewussten ergebenden „Forderungen“ hinsichtlich der Ausrichtung ihres Lebens. (Das macht es z.B. m&#246;glich, &#252;ber die &#246;kologische Problematik beruflich verwendeter Materialien oder die sozialen Konsequenzen beruflichen Handelns bzw. der privaten Lebensf&#252;hrung Bescheid zu wissen und sich dennoch ohne inneres Dilemma in der allgemein &#252;blichen „&#246;kologischen und sozialen Gleichg&#252;ltigkeit“ zu verhalten.) K&#246;rperlich-sinnliche Wahrnehmungen, k&#246;rperlich bedingte Gef&#252;hle, Affekte, Bed&#252;rfnisse, Erwartungen, &#196;ngste, Sehns&#252;chte usw. werden nicht in Relation zu den Wissensinhalten gestellt. Ohne deren Einbeziehung ist es aber nicht m&#246;glich, <em>sinnvolle</em> Urteile zu f&#228;llen, Fakten zu interpretieren, Entscheidungen zu treffen und aus Erfahrungen zu lernen. Und ohne ihr Mitwirken bleibt von menschlicher Intelligenz lediglich die F&#228;higkeit zu rechnen, zu kombinieren, zu analysieren, Informationen zu speichern, kurz die Maschinen-Intelligenz (vgl. Gorz 2004: 89).</p>
<p>Wissen in der skizzierten, auf Rationalit&#228;t verk&#252;rzten Form dient der Verwertbarkeit und korreliert nicht mit Intellektualit&#228;t. Sinnfragen werden ausgeklammert und „die aus politischer Sicht wesentlichen Fragen, die sich eine Gesellschaft stellen muss: Welche Kenntnisse brauchen oder w&#252;nschen wir? Was ist wissenswert?“ (Gorz 2004: 89) werden ignoriert. Die dem Wissen innewohnende Potenz, Menschen zu bef&#228;higen, sich &#252;ber ihre blo&#223;e Kreat&#252;rlichkeit zu erheben und Autonomie zu gewinnen, hat dabei keine Bedeutung. Im Sinne der von Erich Fromm entwickelten Dichotomie von „Haben und Sein“ (Fromm 1979) zielt ein an formellem Wissen ausgerichtetes Lernen nicht auf eine Erweiterung des Bewusstseins und ver&#228;ndertes „Sein“, sondern darauf, Lernende zu „Besitzern“ von Wissen zu machen – gelungene Lernprozesse beweisen sich darin, dass die ihnen Unterworfenen nachher mehr Wissen „haben“ als vorher. Lernende werden dabei als zwar hochkomplexe und entsprechend schwierig zu steuernde, nichtsdestotrotz aber programmierbare Maschinen behandelt. Mit unterschiedlichsten methodischen Arrangements wird versucht, ihr Aufnahme- und Behalteverm&#246;gen zu optimieren und sie m&#246;glichst gut mit Wissen zu „f&#252;llen“. Das Ziel besteht darin, sie f&#252;r Arbeitsprozesse verwertbar zu machen und dem gesellschaftlichen Status quo anzupassen (vgl. insbesondere Freire 1973). Methodisch geschickt werden ihnen Informationen sowie Methoden zu deren instrumentellen Verarbeitung „&#252;bermittelt“, wodurch sie bef&#228;higt werden sollen, eine mehr oder weniger hohe Position im Rahmen des gegebenen &#246;konomisch-gesellschaftlichen Systems einzunehmen, nicht jedoch dazu, dieses hinsichtlich seiner Pr&#228;missen und Folgen zu hinterfragen. Das strukturell eingeschriebene Ziel derartigen Lernens hei&#223;t Brauchbarkeit und Nutzen – ganz sicher nicht Selbstbestimmung oder (Eigen )Sinn. Es geht nicht darum, durch den Erwerb von Wissen den Tatsachen der Welt gegen&#252;ber m&#252;ndiger zu werden. V&#246;llig kontr&#228;r zu dem urspr&#252;nglich von Francis Bacon formulierten Ausspruch lautet die sich in derart ausgerichteten Unterrichtsystemen tats&#228;chlich verwirklichende Parole: „Ohnmacht durch Wissen“! </p>
<p>F&#252;r das reibungslose Funktionieren der Industriegesellschaft war es erforderlich, zumindest dem Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung eine derart entfremdete Haltung gegen&#252;ber Wissen „anzuerziehen“. Lernen als „Akt der Unterwerfung“ unter die als unhinterfragbar wahrgenommenen sogenannten „Erfordernisse“ von Gesellschaft und Arbeitswelt bildete eine ganz wesentliche sozialisatorische Grundlage der Massenloyalit&#228;t gegen&#252;ber dem &#246;konomisch-politischen System. Indem das Bewusstsein der Menschen dahingehend gepr&#228;gt wurde, sich blo&#223; als Speichermedium und Maschine zur bewusstlos-rationalen Verarbeitung von Wissen zu begreifen, diesem also nur in instrumenteller Form gegen&#252;berzustehen, „lernten“ sie auch, sich als „bewusstlose Funktionstr&#228;ger“ im &#246;konomisch-gesellschaftlichen System wahrzunehmen. Auf diese Art konnte zum einen der im modernen Industriekapitalismus rasch anwachsende Bedarf nach Arbeitskr&#228;ften befriedigt werden, die in der Lage waren, Arbeitsprozesse im Sinne des aktuellen Wissensstandes fachlich qualifiziert durchzuf&#252;hren. Zum anderen war es damit m&#246;glich, immer mehr Menschen zu immer h&#246;heren formalen Bildungsabschl&#252;ssen zu f&#252;hren sowie die „Quellen des Wissens“ weitgehend zu demokratisieren, ohne dass das nunmehr auf breiter Basis verf&#252;gbare Wissen eine subversive, systemsprengende Kraft entfaltete.</p>
<h4>Der digitale Kapitalismus erfordert eine neue Form der Zurichtung der Menschen</h4>
<p>Wie schon erw&#228;hnt, nimmt die Bedeutung des Menschen als Tr&#228;ger formellen Wissens ab. Die IKT machen es m&#246;glich, die f&#252;r Produktion und Verwaltung erforderlichen, bisher an das „Tr&#228;germedium Mensch“ gebundenen Kenntnisse und Fertigkeiten manueller und kognitiver Art in anwachsendem Ma&#223; vom Menschen getrennt in Form von Software zu speichern und als Maschinen-Wissen abzurufen. Daraus leiten sich zwei Effekte ab: Zum einen nimmt der Bedarf an menschlichen Arbeitskr&#228;ften insgesamt ab und zum anderen sehen sich die weiterhin gebrauchten Arbeitskr&#228;fte mit nachhaltig ver&#228;nderten Qualifikationsanforderungen konfrontiert. Ursache daf&#252;r ist, dass die IKT den Menschen n&#228;mlich keineswegs generell ersetzen k&#246;nnen. T&#228;tigkeiten, die durch die „neuen“ Technologien nicht substituiert werden k&#246;nnen und deshalb weiterhin von Menschen ausge&#252;bt werden m&#252;ssen, sind solche, die Kreativit&#228;t erfordern und/oder einen starken Beziehungsaspekt beinhalten – alles in allem T&#228;tigkeiten, bei denen sich Professionalit&#228;t nicht durch das Umsetzen eingelernter <em>Verhaltensweisen</em> beweist, sondern darin, dass aus einer verinnerlichten <em>Haltung</em> heraus gehandelt wird. F&#252;r alle formalisierbaren – normbezogenen – Arbeitsaufgaben k&#246;nnen in letzter Konsequenz IKT eingesetzt werden, d.h. f&#252;r alle, die sich in Form eines mathematischen Ablaufschemas abbilden lassen. Somit m&#252;ssen mit deren fortschreitender Implementierung von menschlichen Arbeitskr&#228;ften zunehmend nur mehr <em>fallbezogene</em> Aufgaben durchgef&#252;hrt werden. Darunter sind Aufgaben zu verstehen, die nicht formalisierbar sind, weil sie von Fall zu Fall ein spezifisches Vorgehen erfordern und nicht im Sinne antrainierter Routine, sondern nur auf Grundlage von besonderen sozialen und emotionalen Kompetenzen bzw. Kreativit&#228;t, Intuition oder Empathie der sie Verrichtenden bew&#228;ltigt werden k&#246;nnen. Derartige Aufgaben k&#246;nnen nicht ausgef&#252;hrt werden, indem blo&#223; getan wird, was im Rahmen einer Ausbildung erlernt wurde – hier gilt es aus einer verinnerlichten Einstellung heraus, gewisserma&#223;en autonom zu handeln. (Anzumerken ist hier, dass auch bisher schon z.B. in Lehr-, Sozial-, Therapie- und Pflegeberufen in hohem Ma&#223;e fallbezogene Arbeiten durchzuf&#252;hren waren. Typischerweise werden diese Menschen auf ein besonders hohes Berufsethos verpflichtet – es wird von ihnen erwartet, dass sie die Motivation f&#252;r ihren Beruf nicht prim&#228;r aus der – meist sowieso eher niedrigen – Bezahlung sch&#246;pfen, sondern aus dem Wunsch, „etwas Gutes“ tun zu wollen.)</p>
<p>Jene T&#228;tigkeiten, die trotz der in den letzten Jahrzehnten geschaffenen technologischen M&#246;glichkeiten auch weiterhin von Menschen durchgef&#252;hrt werden m&#252;ssen, enthalten einen wachsenden Anteil eines spezifischen Verm&#246;gens, das zwar sehr h&#228;ufig als „Wissen“ apostrophiert wird, die im Alltagsbewusstsein bestehende Dimension dieses Begriffs tats&#228;chlich aber weit &#252;berschreitet. „Es geht nicht mehr nur um ,know what‘, also um die Anwendung kodifizierten Faktenwissens durch die Arbeitskr&#228;fte, sondern um dar&#252;ber hinausgehende Qualifikationselemente“, sogenannte „tacit skills“ (unterschwellige F&#228;higkeiten), verschiedentlich – eher unscharf – auch als <em>Know how</em> bezeichnet. Darunter lassen sich „alle Formen des impliziten und informellen bzw. des Erfahrungswissens der Arbeitskr&#228;fte wie auch ihre F&#228;higkeit zur Kommunikation und Kooperation im Produktionsprozess“ (Atzm&#252;ller 2004: 598) subsumieren. „Gefragt sind Erfahrungswissen, Urteilsverm&#246;gen, Koordinierungs-, Selbstorganisierungs- und Verst&#228;ndigungsf&#228;higkeit, also Formen lebendigen Wissens, die (…) zur Alltagskultur geh&#246;ren. Die Art und Weise, wie Erwerbst&#228;tige dieses Wissen einbringen, kann weder vorbestimmt noch anbefohlen werden. Sie verlangt ein Sich-selbst-Einbringen, in der Managersprache ,Motivation‘ genannt“ (Gorz 2004: 9). Die F&#228;higkeiten, die Arbeitnehmer f&#252;r die Bew&#228;ltigung der technologisch nicht substituierbaren T&#228;tigkeiten brauchen, gehen &#252;ber formal erlernbare wissenschaftlich-technische Kenntnisse und Qualifikationen im klassischen Sinn weit hinaus und &#252;bersteigen das in Schulen und Ausbildungsg&#228;ngen traditionell erlernte formelle (Fach )Wissen bei weitem. Derartige Aufgaben erfordern in hohem Ma&#223; Wissensformen, die nicht formalisierbar und deshalb systematisch auch nur sehr eingeschr&#228;nkt lehrbar sind. Es handelt es sich dabei um „informelles Wissen“ (André Gorz), das seinem Tr&#228;ger nicht blo&#223; „oberfl&#228;chlich anhaftet“ sondern ihn als Individuum „betrifft“ und nachhaltig ver&#228;ndert. </p>
<p>Wie fallbezogene Aufgaben zu erf&#252;llen sind, l&#228;sst sich – ihrer Nicht-Formalisierbarkeit entsprechend – nicht an normierbaren Ma&#223;st&#228;ben der Arbeitserbringung messen, entzieht sich damit in letzter Konsequenz auch einer wirksamen &#220;berwachung durch Kontrollorgane. Wie in derartigen Bereichen menschlichen Handelns vorzugehen ist, kann nicht anbefohlen oder kontrolliert werden, genau deshalb aber in traditioneller Form auch nicht gelehrt werden. Dass Schulen und Ausbildungsst&#228;tten sich in nahezu allen „entwickelten L&#228;ndern“ seit Jahren in einer Dauerkrise befinden und tiefgreifenden Ver&#228;nderungsprozessen unterworfen sind, die Rolle und Funktion der Lehrenden in &#246;ffentlichen Bildungseinrichtungen von den verschiedensten Seiten kritisiert wird, sowie permanent neue Lernkulturen und die lebenslange Bereitschaft zum Weiterlernen eingefordert werden, hat im Kern genau mit diesem Wandel des Anforderungsprofils in der Arbeitswelt zu tun. Nicht zuf&#228;llig fokussiert die Kritik am „traditionellen“ schulischen Lernen sehr stark die dabei &#252;bliche Rolle des Lehrers/ der Lehrerin als zentraler Vermittlungsfigur von Lehrstoff und Hersteller/in von Lerndisziplin sowie den Umstand, dass in der Schule alle Sch&#252;ler/innen im Gleichtakt dieselben Inhalte zu lernen und bei Pr&#252;fungen zu reproduzieren h&#228;tten. Das Argument, dass sich Lehrer/innen von ihrer traditionellen inhaltszentrierten Rolle verabschieden und zu Prozessmanager/innen selbstbestimmter Lernprozesse ihrer Sch&#252;ler/innen – zu Lerncoaches, wie es verschiedentlich hei&#223;t – werden sollen, baut letztendlich – meist allerdings wohl eher unreflektiert – auf der Erkenntnis auf, dass sich die skizzierten neuen Anforderungen der Arbeitswelt tats&#228;chlich systematisch nicht „vermitteln“ lassen. Deshalb muss sich die Schule von einem Ort der planm&#228;&#223;igen Vermittlung brauchbar machenden Wissens zu einem wandeln, wo es in erster Linie um die <em>Sozialisierung</em> von Heranwachsenden zum „unternehmerischen Selbst“ geht. Und dieses „fabriziert man nicht mit den Strategien des &#220;berwachens und Strafens, sondern indem man ihre Selbststeuerungspotenziale aktiviert“ (Br&#246;ckling 2007: 61). </p>
<p>Wenn das Sich-selbst-Einbringen als die Bereitschaft, unaufgefordert und unbeaufsichtigt im Sinne des unternehmerischen Verwertungsprozesses aktiv zu werden, zur wichtigsten Arbeitstugend avanciert, reicht es n&#228;mlich nicht mehr aus, als „brave/r Arbeitnehmer/in“ – den unternehmerischen Vorgaben entsprechend – antrainiertes Wissen und K&#246;nnen „zur Verf&#252;gung zu stellen“. Dazu sind Arbeitskr&#228;fte erforderlich, die gelernt haben, die Dimensionen der Verwertungslogik <em>aus eigenem Antrieb </em>auf sich anzuwenden und die nicht von der „antiquierten“ Vorstellung eines grunds&#228;tzlichen Interessenswiderspruchs von Arbeit und Kapital angekr&#228;nkelt sind; Menschen also, die gelernt haben, sich selbst (blo&#223; noch) als Humankapital wahrzunehmen und <em>freiwillig</em>, ohne permanente Kontrolle, im Sinne der Verwertungsvorgaben aktiv zu werden. Daf&#252;r ist eine <em>Einstellung</em> notwendig, die mit dem Bewusstsein, (blo&#223;) „Arbeit-<em>Nehmer/in</em>“ zu sein, der/die seine/ihre mehr oder weniger qualifizierte Arbeitskraft einem „Arbeit-<em>Geber</em>“ &#252;ber eine beschr&#228;nkte Zeit zur Verf&#252;gung stellt und daf&#252;r eine vorab definierte Entlohnung und ein gewisses Ma&#223; an sozialer Sicherheit erwarten darf, nicht kompatibel. Vor allem bedarf es dazu Menschen, die nicht in der Vorstellung verhaftet sind, sich der Verwertung als Arbeitskraft nur aus der Not eines sonst nicht gesicherten ad&#228;quaten &#220;berlebens zu unterwerfen, das „gute Leben“ aber au&#223;erhalb der Verwertungssph&#228;re ansiedeln. Nur wer zwischen Leben und Verwertung nicht mehr (zu) unterscheiden (ver)mag, ist bereit, sich auf seine Selbstvermarktung voll und ganz einzulassen und diese auch noch selbst&#228;ndig voranzutreiben. Damit ist nicht blo&#223; gemeint, fremdbestimmter Arbeit positive Aspekte abzugewinnen und daraus – zumindest in Teilbereichen – Befriedigung zu sch&#246;pfen. Es geht um viel mehr, n&#228;mlich um die Herausbildung einer Pers&#246;nlichkeit, die sich &#252;ber ihre Verwertbarkeit <em>definiert</em>; um Menschen, die sich selbst nur mehr im Spiegel des Marktwerts wahrzunehmen imstande sind und dementsprechend nicht eine grunds&#228;tzlich gegebene menschliche W&#252;rde f&#252;r sich reklamieren, sondern sich – in Abh&#228;ngigkeit von ihrem beruflich-materiellen Erfolg – blo&#223; noch als mehr oder weniger „wert voll“ empfinden k&#246;nnen (und wollen).</p>
<h4>Das neue Lernen untergr&#228;bt die M&#246;glichkeit von Bildung noch mehr als das alte</h4>
<p>Galt bisher die deklarierte Bereitschaft, <em>jede</em> Arbeit <em>annehmen</em> zu wollen, als H&#246;hepunkt der Unterwerfungsgeste unter das System der Arbeitskraftverwertung, beweist eine derartige Aussage heute blo&#223;, die Lektion noch immer nicht ausreichend begriffen zu haben. Nun geht es darum, auf die Vermarktung seiner selbst als Arbeitskraft „proaktiv“ zuzugehen und diese, sowie die Bedingungen, unter denen diese stattfindet, voll und ganz zu antizipieren. Unter diesen Umst&#228;nden wird die Bef&#228;higung und das Wecken der Bereitschaft zur Selbstvermarktung selbstverst&#228;ndlich zum prim&#228;ren Ziel der Beeinflussung der Subjekte durch organisierte Lernprozesse. Schon Heranwachsende m&#252;ssen das Bewusstsein ausbilden, Human Kapital (und sonst gar nichts) zu sein und f&#252;r dessen Reproduktion, Modernisierung, Erweiterung und Verwertung als „Gesch&#228;ftsf&#252;hrer ihres eigenen Lebens“ die Verantwortung zu tragen. Sie m&#252;ssen die Konkurrenzlogik verinnerlichen und lernen, sich ohne Zwang so zu verhalten, wie es die Wettbewerbsf&#228;higkeit des Unternehmens, das sie selbst sind, erforderlich macht. Ganz in diesem Sinn fokussieren „fortschrittliche“ Schulprogramme neuerdings in abnehmendem Ma&#223; kognitive F&#228;higkeiten und Fertigkeiten, stattdessen aber zunehmend die Vermittlung sogenannter „Handlungskompetenzen“. Zwar wird nur selten der Versuch gemacht, den dabei verwendeten Begriff „Kompetenz“ einer bildungstheoretisch legitimierten und stringent nachvollziehbaren Bestimmung zuzuf&#252;hren (dazu ausf&#252;hrlich M&#252;ller-Ruckwitt 2008), bei kritischer Durchsicht der entsprechenden Appelle ist allerdings schnell klar, dass damit ganz wesentlich die F&#228;higkeit und Bereitschaft zur Adaption an die Pr&#228;missen der Selbstvermarktung angesprochen wird. Im Gegensatz zum Qualifikationsbegriff, der eng mit den konkreten Anforderungen bestimmter Berufe und T&#228;tigkeiten verkn&#252;pft war und erst in Form der „Schl&#252;sselqualifikationen“ eine berufs&#252;bergreifende Erweiterung erfahren hatte, ist der Kompetenzbegriff eher „subjektzentriert“ und „zeichnet sich vor allem durch das Merkmal ,selbst organisiert‘ aus“ (H&#246;hne 2006: 300). Er fokussiert allgemeine Dispositionen von Menschen, die zu einer – im Sinne der historisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten – ad&#228;quaten Bew&#228;ltigung der lebensweltlichen Anforderungen erforderlich sind. In entsprechenden bildungspolitischen Absichtserkl&#228;rungen wird immer wieder explizit auf Selbstlern- und Selbstorganisationsf&#228;higkeit sowie Selbst&#228;ndigkeit und Selbstverantwortung Bezug genommen. Besonders die F&#228;higkeit zur Selbstorganisation wird dabei immer wieder als elementar f&#252;r das Bestehen in den neuen Arbeits- und Produktionsverh&#228;ltnissen hervorgehoben.</p>
<p>Lernen wandelt sich, wie Anna Tuschling in einem Text zum Lebenslangen Lernen zusammenfasst, zunehmend zu einer „Technik der Selbstf&#252;hrung mit dem Telos eines umfassenden Wandlungs- und Anpassungsverm&#246;gens“. Da Informationen mit Hilfe der Technik heute ohnehin jederzeit abrufbar sind, r&#252;ckt das Was – der Wissensinhalt – zugunsten der Prozesshaftigkeit und des Wie des Wissenserwerbs immer mehr in den Hintergrund. „Was z&#228;hlt ist die Kompetenz, sich in der entgrenzten „Wissensgesellschaft“ zurechtzufinden, das hei&#223;t Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, Pfade durch den Informationsdschungel schlagen und sich fortw&#228;hrend auf Neues einstellen zu k&#246;nnen. &#220;bersetzt in die Sprache der Computer: Auf das Betriebssystem und die Software, nicht auf das Content-Management kommt es an. Der Lehrende wird zum Katalysator (scheinbar Anm. E.R.) autonomer Lernprozesse, Unterrichten zum Beraten, Vermitteln und Mentoring“ (Tuschling 2004: 155, 158). Auch der Lernbegriff selbst erf&#228;hrt mit der Umdeutung von Lernen zu einem Prozess der Selbstmodellierung im Sinne der Pr&#228;missen des Selbstunternehmertums eine massive Ausweitung. „Er bezieht sich auf organisiertes wie nichtorganisiertes, institutionelles wie nichtinstitutionelles, formelles wie informelles Lernen; er richtet sich ohne Ausnahme an alle und jeden; er stellt nicht nur den Anspruch an Einzelne, ein Leben lang zu lernen, sondern propagiert die „lernende Gesellschaft“. (…) An die Stelle ehemaliger Curricula [tritt] ein fragmentiertes Lernangebot: modularisierte, atomisierte Einzelkomponenten, die je nach Bedarf aneinander angeschlossen oder ausgetauscht werden sollen. Ihren Zusammenhang stiftet keine kritische Bildungstheorie, sondern der jeweils erw&#252;nschte pragmatische Effekt“ (Pongratz 2006: 167). Seine Legitimation bezieht das informelle, selbstgesteuerte und selbstorganisierte Lernen nicht aus der allen traditionellen Bildungstheorien immanenten Vorstellung eines durch die reflektierte Auseinandersetzung mit den Tatsachen der Welt zunehmend zu seiner Reife gelangenden Menschen, sondern aus der Vorstellung, dass sich die Zielsetzung menschlicher Existenz darin ersch&#246;pft, unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen m&#246;glichst erfolgreich „&#252;ber die Runden“ zu kommen, indem man sein Dasein als Unternehmen betrachtet, dessen Kurswert durch eine mittels Lernen erreichte geschickte Positionierung am Marktplatz des Lebens positiv oder negativ beeinflusst werden kann.</p>
<p>„Die Entfremdung und Ausbeutung des Menschen findet im 21. Jahrhundert nicht mehr &#252;ber autorit&#228;re politische Strukturen oder politische Ideologien statt, sondern &#252;ber eine neue p&#228;dagogische Ideologie, die da hei&#223;t: lebenslanges und selbstorganisiertes Lernen“ (Hufer/Klemm 2002: 101). Ziel des „neuen Lernens“ ist das Heranbilden des „flexiblen Menschen“ (Sennett 2006), den seine nachgiebige, formbare Identit&#228;t nicht blo&#223; dazu bef&#228;higt, sich ganzheitlich den wechselnden Anforderungen der informations- und kommunikationstechnologisch dominierten Arbeitswelt zu unterwerfen, sondern der die ihm zugemuteten Bedingungen der Verwertung gar nicht erst als Entfremdung wahrnimmt. In diesem Sinn geht es im sogenannten Bildungswesen nicht um die intellektuelle Auseinandersetzung mit den (neuen) Anforderungen im System der Arbeitskraftverwertung, sondern um das Herausbilden der Bereitschaft, mit diesem in einer „bejahenden Form“ umzugehen, es geht um das Erwerben gesellschaftsad&#228;quater „&#220;berlebensstrategien“, um „Cleverness“, nicht um Widerstand, der den gesellschaftlichen Zumutungen entgegengesetzt werden k&#246;nnte. Selbstverst&#228;ndlich war es – wie schon ausgef&#252;hrt – auch in Zeiten des Industriekapitalismus nicht das Ziel des Schul- und Ausbildungswesens, widerst&#228;ndige Potentiale zu wecken, allerdings wandelt sich mit dem Bedeutungsverlust des Menschen als Tr&#228;ger formellen Wissens die Funktion organisierter Lernbem&#252;hungen noch einmal grundlegend. Das als Bildungswesen bezeichnete System der organisierten Anpassung von Menschen an die „Anforderungen der Gesellschaft“ hat nun nicht mehr in erster Linie die Aufgabe der Weitergabe brauchbar machenden Wissens, eines Wissens, das – im Widerspruch zur Form seiner &#252;blichen Vermittlung – immerhin die Grundlage m&#252;ndig machender Bildung abgeben kann. Wenn mit Arbeitskr&#228;ften, die sich ihrer Verwertung blo&#223; <em>unterwerfen</em>, zunehmend „kein Gesch&#228;ft mehr zu machen“ ist, sondern solche erforderlich werden, die ihr Verwertungspotential <em>aus eigenem Antrieb </em>aktivieren, dann wird es zur prim&#228;ren Aufgabe des Schulsystems, eine derartige <em>Haltung</em> bei den Besuchern hervorzubringen. </p>
<p>Es ist nicht so sehr die Tatsache der „Zurichtung f&#252;r die Verwertung“, die somit die gro&#223;artige Neuigkeit hinter dem gegenw&#228;rtig an allen Ecken und Enden stattfindenden Umbau des Bildungswesens darstellt – diese war auch bisher schon die oberste Pr&#228;misse des Bildungswesens. Bildung als die Bef&#228;higung von Menschen, potenziell dagegen, eigensinnig und herrschaftskritisch zu sein sowie gegebene Tatsachen, unabh&#228;ngig von &#246;konomischen N&#252;tzlichkeitserw&#228;gungen, hinterfragen zu k&#246;nnen, stellte im System gesellschaftlich organisierter Beschulung auch bisher bestenfalls den ideologischen &#220;berbau dar. Allerdings war das Bildungswesen bisher notgedrungen Hauptlieferant der Ressource Wissen, die, <em>entgegen der hinter ihrer Vermittlung stehenden Absicht</em>, zur Grundlage von (echter) Autonomie, kritischer Distanz und M&#252;ndigkeit werden konnte. Die Notwendigkeit der systematischen Wissensvermittlung verunm&#246;glichte ein wirklich konsequentes Hintanhalten von Bildung und schuf die M&#246;glichkeit, dass – zumindest fallweise und in Teilaspekten – „Bildung trotz Schule“ (Fischer 1978: 178) stattfinden konnte. Der derzeit stattfindende Totalumbau des Bildungswesens, der sich in Ma&#223;nahmen der Ver&#228;nderung der Lernorganisation, wie z.B. der Modularisierung oder dem sogenannten selbstverantwortlichen und selbstorganisierten Lernen, und in der zunehmenden Ausrichtung an &#246;konomisch determinierten Qualit&#228;tsvorgaben und zu erreichenden Standards inklusive der ver&#228;nderten Verhaltenssteuerung der im Bildungswesen T&#228;tigen widerspiegelt, untergr&#228;bt allerdings genau diese klammheimlich gegebene M&#246;glichkeit der Verwirklichung von Bildung. Die durch Schulen, Ausbildungsst&#228;tten und Universit&#228;ten auch bisher schon zu erf&#252;llende Funktion von Sozialisationsagenturen zur Herstellung von Warensubjekten erreicht durch die angesprochenen Ma&#223;nahmen des inneren und &#228;u&#223;eren Strukturumbaus von Bildungsinstitutionen eine neue und deutlich nachhaltigere Dimension. </p>
<p>Der mit dem &#220;bergang vom Industrie- zum Informationskapitalismus einhergehende Totalumbau der Strukturen von Schulen, Universit&#228;ten und Erwachsenenbildungseinrichtungen zielt darauf ab, die Brauchbarkeit von Menschen auch unter den informationskapitalistisch ver&#228;nderten Bedingungen der Verwertung aufrechtzuerhalten. Bildung ist aber nicht das Verm&#246;gen, sich einem System anzudienen und darin problemlos zu funktionieren; mit Bildung ist – im v&#246;lligen Gegensatz dazu – die Selbstbefreiung des Menschen aus dem Kokon der Macht gemeint. Bildungsbem&#252;hungen, die diesen Namen zu Recht tragen, zielen somit auf die Entfaltung seiner widerst&#228;ndig-emanzipatorischen Potentiale. Das alles &#252;berstrahlende „Richtscheit des Werts“ ist mit einer derartigen Ausrichtung von Bildung allerdings niemals zur Deckung zu bringen. Die Bef&#228;higung zu Kritik, Widerstand und eigensinnigem Handeln umfasst alle an Menschen herangetragene Zumutungen der Ausrichtung des Lebens und macht selbstverst&#228;ndlich auch vor der Verwertungspr&#228;misse nicht Halt. Logischerweise steht der gebildete Mensch zuallererst seiner eigenen Verwertung kritisch gegen&#252;ber. Im Sinne der skizzierten, im Informationskapitalismus zunehmend gegebenen Notwendigkeit der Identifizierung mit der Verwertungslogik, korreliert Bildung somit letztendlich mit einer Verringerung des (Markt )Werts. Der g&#228;ngigen Nomenklatur entsprechend muss Bildung – als die Erm&#228;chtigung des Menschen zum eigensinnigen Leben – somit als wert los bezeichnet werden; Bildung hat keinen Wert!</p>
<h4>Literatur</p>
</h4>
<p>Atzm&#252;ller, Roland (2004): Qualifikationsanforderungen und Berufsbildung im Postfordismus. In: Bildung und Ausbildung. Prokla – Zeitschrift f&#252;r kritische Sozialwissenschaft, Jg. 34, Heft 137.</p>
<p>B&#252;nger, Carsten/ Mayer, Ralf/ Messerschmidt, Astrid/ Zitzelsberger, Olga (Hg.) (2009): Bildung in der Kontrollgesellschaft. Analyse und Kritik p&#228;dagogischer Vereinnahmung. Paderborn.</p>
<p>Br&#246;ckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M.</p>
<p>Fischer, Wolfgang (1978): Schule als parap&#228;dagogische Organisation. Kastellaun.</p>
<p>Freire, Paulo (1973): P&#228;dagogik der Unterdr&#252;ckten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck b. Hamburg.</p>
<p>Fromm, Erich (1979): Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. M&#252;nchen.</p>
<p>Gorz, André (2001): Welches Wissen? Welche Gesellschaft? Textbeitrag zum Kongress „Gut zu Wissen“, Heinrich-B&#246;ll-Stiftung, 5/2001. http://www.wissensgesellschaft.org/themen/orientierung/welchegesellschaft.html (Mai 2009)</p>
<p>Gorz, André (2004): Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissens&#246;konomie. Z&#252;rich.</p>
<p>H&#246;hne, Thomas (2006): Wissensgesellschaft. In: Dzierzbicka/Schirlbauer: P&#228;dagogisches Glossar der Gegenwart, S. 297-305. Wien.</p>
<p>Hufer, Klaus-Peter/ Klemm, Ulrich (2002): Wissen ohne Bildung? Auf dem Weg in die Lerngesellschaft des 21. Jahrhundert. AG SPAK B&#252;cher – M 150 – Kleine Reihe, Neu-Ulm.</p>
<p>Miegel, Meinhard (2001): Von der Arbeitskraft zum Wissen. Merkmale einer gesellschaftlichen Revolution. In: Merkur, 55/3.</p>
<p>M&#252;ller-Ruckwitt (2008): „Kompetenz“ – Bildungstheoretische Untersuchungen zu einem aktuellen Begriff. W&#252;rzburg.</p>
<p>Pongratz, Ludwig A. (2006): Lebenslanges Lernen. In: Dzierzbicka/Schirlbauer: P&#228;dagogisches Glossar der Gegenwart, S.162-171. Wien.</p>
<p>Sennet, Richard (2006): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin.</p>
<p>Tuschling, Anna (2004): Lebenslanges Lernen. In: Br&#246;ckling/Krasmann/Lemke (Hg.): Glossar der Gegenwart, S.152-158. Frankfurt a.M.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/bildung-hat-keinen-wert">Bildung hat keinen Wert</a></p>
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		<title>Bildung hat keinen Wert</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:46:28 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[&#220;ber den Verlust von Bildung, sobald dieser Wert zugeschrieben wird Streifz&#252;ge 47/2009 von Erich Ribolits Auszug aus dem Buch von Erich Ribolits: Bildung ohne Wert – Wider die Humankapitalisierung des Menschen, L&#246;cker-Verlag, Wien 2009, 200 Seiten, ca. 20 Euro. Sp&#228;testens nachdem am „Gipfel von Lissabon“ im Jahre 2000 durch die Europ&#228;ischen Bildungsminister deklariert worden war, [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/bildung-hat-keinen-wert-2">Bildung hat keinen Wert</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>&#220;ber den Verlust von Bildung, sobald dieser Wert zugeschrieben wird</h3>
<p>Streifz&#252;ge 47/2009</p>
<p><em>von Erich Ribolits</em> <span id="more-5767"></span></p>
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<td><em>Auszug aus dem Buch von Erich Ribolits: Bildung ohne Wert – Wider die Humankapitalisierung des Menschen, L&#246;cker-Verlag, Wien 2009, 200 Seiten, ca. 20 Euro. </em></tr>
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<p>Sp&#228;testens nachdem am „Gipfel von Lissabon“ im Jahre 2000 durch die Europ&#228;ischen Bildungsminister deklariert worden war, die Europ&#228;ische Union zum „wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ machen zu wollen, ist der Begriff „Wissensgesellschaft“ zum fixen Bestandteil von Festreden, Forschungsprogrammen und bildungspolitischen Absichtserkl&#228;rungen geworden. Der Begriff, dessen Wurzeln bis in die 1960er Jahren zur&#252;ckreichen, dient dabei als K&#252;rzel, um einen seit mehreren Jahrzehnten konstatierten, grunds&#228;tzlichen Wandel der gesellschaftlichen und &#246;konomischen Bedeutung von Wissen zu argumentieren – einen Wandel, dem verschiedentlich eine gleicherma&#223;en tiefgreifende Wirkung wie dem &#220;bergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft zugesprochen wird (vgl. Miegel 2001: 203). Das K&#252;rzel „Wissensgesellschaft“ wird dabei in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet: einerseits als Metapher, um aktuell stattfindende gesellschaftliche Ver&#228;nderungsprozesse zu charakterisieren, andererseits aber auch, um diese zu legitimieren und zu beschleunigen. Zum einen wird mit dem Begriff die in den letzten Jahrzehnten vor sich gegangene Durchdringung s&#228;mtlicher Lebensbereiche mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) angesprochen, die tiefgreifende Ver&#228;nderungen der kognitiven T&#228;tigkeiten von Menschen sowie eine anwachsende Nachfrage nach wissens- und kommunikationsbasierten Dienstleistungen nach sich gezogen haben. Zum anderen dient der Begriff aber auch als Warnung und Appell: Er soll die Behauptung untermauern, dass die verwertbaren Kompetenzen der arbeitsf&#228;higen Bev&#246;lkerung von Regionen und Staaten zunehmend die wichtigste Ressource der lokalen wirtschaftlichen Entwicklung darstellen und es somit erforderlich sei, ein konsequent an den Verwertungsvorgaben ausgerichtetes Lernen potenzieller Arbeitskr&#228;fte in allen Lebensbereichen und  altern zu forcieren. </p>
<p>Beim angesprochenen Hochloben von Wissen zur entscheidenden Gr&#246;&#223;e im allgemeinen Konkurrenzkampf wird nur selten reflektiert, dass die Bezugnahme auf die Gr&#246;&#223;e „Wissen“ f&#252;r die aktuelle Entwicklung tats&#228;chlich wesentlich zu kurz greift und das Spezifische der derzeit stattfindenden Ver&#228;nderung auch keineswegs schl&#252;ssig erkl&#228;rt. Bei dem unter dem Titel Wissensgesellschaft firmierenden Paradigmenwechsel geht es n&#228;mlich durchaus nicht nur um einen blo&#223;en Bedeutungsgewinn des Qualifikationsniveaus der Erwerbsbev&#246;lkerung in dem Sinn, dass m&#246;glichst viele Menschen im (Aus )Bildungssystem m&#246;glichst hohe formale Abschl&#252;sse erwerben, um das dabei erworbene Wissen in den wirtschaftlichen Verwertungsprozess einbringen zu k&#246;nnen. Es stellt ja auch keine echte Neuigkeit dar, dass das <em>Know how</em>, auf das in einer Gesellschaft zugegriffen werden kann, einen engen Bezug zu Produktivit&#228;t und Produktivit&#228;tssteigerung hat. Wissen war unzweifelhaft auch schon bisher wesentlicher Einflussfaktor der wirtschaftlichen Entwicklung. Dass dem so ist, l&#228;sst sich nicht zuletzt an der dramatischen Krise zeigen, von der das kapitalistische Gesellschaftssystem aktuell heimgesucht wird. Die Ursache der abnehmenden F&#228;higkeit des postindustriellen Kapitalismus, menschliche Arbeitskraft zu vernutzen, ist ja nirgendwo anders zu suchen, als in den in den letzten Jahrzehnten auf Grundlage wissenschaftlicher Fortschritte geschaffenen „neuen“ Technologien und deren Rationalisierungspotential. Dass Waren heute immer rationeller – in immer k&#252;rzerer Zeit, durch immer weniger Arbeitskr&#228;fte – hergestellt werden k&#246;nnen, deshalb aber immer mehr Menschen „freigesetzt“ werden und sich im aktuellen gesellschaftlichen System den Konsum der massenhaft und immer rationeller herstellbaren Waren nicht mehr leisten k&#246;nnen, h&#228;ngt letztendlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie deren massenhafter Verbreitung und Umsetzung zusammen. Nicht ein Mangel an Wissen, sondern die durch das Konkurrenzdiktat der marktgesteuerten &#214;konomie gepushten Fortschritte im wissenschaftlich-technischen Wissen lassen das politisch-&#246;konomische System Kapitalismus zunehmend an seine Grenzen sto&#223;en!</p>
<p>Ohne spezifische Formen des Generierens und Weitergebens von Wissen ist wohl noch keine Gesellschaftsformation ausgekommen. Seit Menschen Gemeinschaften bilden, organisierten sie dabei auch Wissen, wobei sich dessen Qualit&#228;t im Laufe der Geschichte selbstverst&#228;ndlich durchaus ver&#228;ndert hat. Seit der „Freisetzung der Konkurrenz“ im Rahmen der kapitalistischen &#214;konomie stellt die Verf&#252;gung &#252;ber Wissen und das systematische Weiterentwickeln verwertungsrelevanten Wissens zum Zweck der Profitmaximierung einen ganz wesentlichen Faktor der gesellschaftlichen Dynamik dar. Die diesbez&#252;gliche Verwertung von Wissen war somit von allem Anfang an ein bestimmendes Element der Industriegesellschaft gewesen; es mag deshalb erstaunen, dass erst jetzt, in einer weit fortgeschrittenen Phase des Kapitalismus, der Begriff Wissensgesellschaft geboren wurde und zu derartiger Bedeutung gelangte. Tats&#228;chlich ist die Ursache daf&#252;r aber auch nicht blo&#223; in einer aktuell vor sich gehenden Intensivierung der Kapitalisierung von Wissen zu suchen, sondern darin, dass diese – in ihrer traditionellen Form – gegenw&#228;rtig an Grenzen st&#246;&#223;t und es im Zusammenhang damit erforderlich wird, v&#246;llig neue Dimensionen von Wissen der Verwertung zug&#228;nglich zu machen. Konkret geht es darum, dass der Fokus der Verwertung bisher prim&#228;r auf formalisiertem Wissen gelegen ist, dieses aber heute zunehmend von seinen menschlichen Tr&#228;gern losgel&#246;st in Form von Software verf&#252;gbar ist. Die Folge ist, dass die systematische Aneignung von Wissen in organisierten Lernprozessen und seine instrumentelle Verwendung zunehmend an Bedeutung verliert, es im Gegenzug aber notwendig wird, dass Menschen lernen, mit Wissen in einer v&#246;llig ver&#228;nderten Form umzugehen.</p>
<p>Wissen wird ja auf zwei g&#228;nzlich unterschiedlichen Wegen erworben bzw. stehen Individuen dem von ihnen erworbenen Wissen in weitgehend unterschiedlicher Form gegen&#252;ber: Zum einen handelt es sich – siehe André Gorz (2001:5) – um <em>formelles Wissen</em>, worunter alle jene Kenntnisse und F&#228;higkeiten zu verstehen sind, deren Aneignung vors&#228;tzlich und methodisch erfolgt und die &#252;ber den Weg blo&#223;er Erfahrung und Interaktion nicht oder nur unzureichend erworben werden k&#246;nnen. Die Inhalte des formellen Wissens sowie die zu seiner Aneignung erforderlichen Lernprozesse werden im Wesentlichen durch die jeweiligen Auspr&#228;gungsformen des &#246;ffentlich organisierten Unterrichtswesens bestimmt. Zum anderen tritt Wissen als <em>informelles Wissen</em> in Erscheinung. Darunter lassen sich alle Kenntnisse und F&#228;higkeiten subsumieren, die spontan durch Erfahrungen und den Umgang mit anderen erworben werden, ohne dass sie je ausdr&#252;cklich thematisiert oder vors&#228;tzlich gelernt werden. Typische Aspekte dieser Wissensdimension sind beispielsweise die Sprache inklusive der sich in unterschiedlichen Kulturen und sozialen Gruppen durch Gesten, Mimik und &#228;hnliches artikulierenden Metasprache oder die ad&#228;quate Handhabung allt&#228;glicher Gebrauchsgegenst&#228;nde sowie das Umgehen mit &#252;blichen Problemstellungen. Informelles Wissen artikuliert sich gro&#223;teils in Form von Gewohnheiten und Fertigkeiten, die dem Einzelnen weitgehend selbstverst&#228;ndlich erscheinen und seine problemlose Integration in die jeweilige soziale Umwelt bewirken. Dieses pr&#228;kognitive informelle Wissen stellt die soziale Basis f&#252;r die sinnliche, psychische und intellektuelle Entfaltung einer Person dar und kann diese beg&#252;nstigen oder hemmen. </p>
<h4>Formelles Wissen – das Schmiermittel des Industriekapitalismus</h4>
<p>Beim Erwerb formellen Wissens ist auff&#228;llig, dass, seitdem der Schulbesuch hierzulande im 18. Jahrhundert f&#252;r alle heranwachsenden Gesellschaftsmitglieder verpflichtend geworden ist, Lernvorg&#228;nge in Schulen und Ausbildungen fast ausschlie&#223;lich unter strukturellen Bedingungen arrangiert wurden, die ein „instrumentelles Umgehen“ mit systematisch erworbenem Wissen implizieren. Es handelt sich dabei um eine Form der Wissensaufnahme, bei der Individuen gewisserma&#223;en wie „intelligente Maschinen“ fungieren – Medien der Speicherung und instrumentell-logischen Verkn&#252;pfung von Informationen, gekoppelt mit mechanischen Verarbeitungseinheiten. Das Wissen bleibt ihnen dabei &#228;u&#223;erlich, es nimmt keinen Einfluss auf ihre Pers&#246;nlichkeit, sondern bleibt f&#252;r sie gewisserma&#223;en etwas Fremdes, das nur als Mittel zu anderen Zwecken – Arbeitsproduktivit&#228;t, Einkommen, Prestige, Zugangsberechtigung … – dient. Lernprozesse dienen dem Ziel des Antizipierens der sich aus dem gesellschaftlichen Status quo ergebenden Anforderungen. Die Individuen sind dabei blo&#223; „bewusstlose Tr&#228;ger“ des Wissens und werden von diesem nicht wirklich „betroffen“; entsprechend taub sind sie auch gegen&#252;ber den sich aus dem Gewussten ergebenden „Forderungen“ hinsichtlich der Ausrichtung ihres Lebens. (Das macht es z.B. m&#246;glich, &#252;ber die &#246;kologische Problematik beruflich verwendeter Materialien oder die sozialen Konsequenzen beruflichen Handelns bzw. der privaten Lebensf&#252;hrung Bescheid zu wissen und sich dennoch ohne inneres Dilemma in der allgemein &#252;blichen „&#246;kologischen und sozialen Gleichg&#252;ltigkeit“ zu verhalten.) K&#246;rperlich-sinnliche Wahrnehmungen, k&#246;rperlich bedingte Gef&#252;hle, Affekte, Bed&#252;rfnisse, Erwartungen, &#196;ngste, Sehns&#252;chte usw. werden nicht in Relation zu den Wissensinhalten gestellt. Ohne deren Einbeziehung ist es aber nicht m&#246;glich, <em>sinnvolle</em> Urteile zu f&#228;llen, Fakten zu interpretieren, Entscheidungen zu treffen und aus Erfahrungen zu lernen. Und ohne ihr Mitwirken bleibt von menschlicher Intelligenz lediglich die F&#228;higkeit zu rechnen, zu kombinieren, zu analysieren, Informationen zu speichern, kurz die Maschinen-Intelligenz (vgl. Gorz 2004: 89).</p>
<p>Wissen in der skizzierten, auf Rationalit&#228;t verk&#252;rzten Form dient der Verwertbarkeit und korreliert nicht mit Intellektualit&#228;t. Sinnfragen werden ausgeklammert und „die aus politischer Sicht wesentlichen Fragen, die sich eine Gesellschaft stellen muss: Welche Kenntnisse brauchen oder w&#252;nschen wir? Was ist wissenswert?“ (Gorz 2004: 89) werden ignoriert. Die dem Wissen innewohnende Potenz, Menschen zu bef&#228;higen, sich &#252;ber ihre blo&#223;e Kreat&#252;rlichkeit zu erheben und Autonomie zu gewinnen, hat dabei keine Bedeutung. Im Sinne der von Erich Fromm entwickelten Dichotomie von „Haben und Sein“ (Fromm 1979) zielt ein an formellem Wissen ausgerichtetes Lernen nicht auf eine Erweiterung des Bewusstseins und ver&#228;ndertes „Sein“, sondern darauf, Lernende zu „Besitzern“ von Wissen zu machen – gelungene Lernprozesse beweisen sich darin, dass die ihnen Unterworfenen nachher mehr Wissen „haben“ als vorher. Lernende werden dabei als zwar hochkomplexe und entsprechend schwierig zu steuernde, nichtsdestotrotz aber programmierbare Maschinen behandelt. Mit unterschiedlichsten methodischen Arrangements wird versucht, ihr Aufnahme- und Behalteverm&#246;gen zu optimieren und sie m&#246;glichst gut mit Wissen zu „f&#252;llen“. Das Ziel besteht darin, sie f&#252;r Arbeitsprozesse verwertbar zu machen und dem gesellschaftlichen Status quo anzupassen (vgl. insbesondere Freire 1973). Methodisch geschickt werden ihnen Informationen sowie Methoden zu deren instrumentellen Verarbeitung „&#252;bermittelt“, wodurch sie bef&#228;higt werden sollen, eine mehr oder weniger hohe Position im Rahmen des gegebenen &#246;konomisch-gesellschaftlichen Systems einzunehmen, nicht jedoch dazu, dieses hinsichtlich seiner Pr&#228;missen und Folgen zu hinterfragen. Das strukturell eingeschriebene Ziel derartigen Lernens hei&#223;t Brauchbarkeit und Nutzen – ganz sicher nicht Selbstbestimmung oder (Eigen )Sinn. Es geht nicht darum, durch den Erwerb von Wissen den Tatsachen der Welt gegen&#252;ber m&#252;ndiger zu werden. V&#246;llig kontr&#228;r zu dem urspr&#252;nglich von Francis Bacon formulierten Ausspruch lautet die sich in derart ausgerichteten Unterrichtsystemen tats&#228;chlich verwirklichende Parole: „Ohnmacht durch Wissen“! </p>
<p>F&#252;r das reibungslose Funktionieren der Industriegesellschaft war es erforderlich, zumindest dem Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung eine derart entfremdete Haltung gegen&#252;ber Wissen „anzuerziehen“. Lernen als „Akt der Unterwerfung“ unter die als unhinterfragbar wahrgenommenen sogenannten „Erfordernisse“ von Gesellschaft und Arbeitswelt bildete eine ganz wesentliche sozialisatorische Grundlage der Massenloyalit&#228;t gegen&#252;ber dem &#246;konomisch-politischen System. Indem das Bewusstsein der Menschen dahingehend gepr&#228;gt wurde, sich blo&#223; als Speichermedium und Maschine zur bewusstlos-rationalen Verarbeitung von Wissen zu begreifen, diesem also nur in instrumenteller Form gegen&#252;berzustehen, „lernten“ sie auch, sich als „bewusstlose Funktionstr&#228;ger“ im &#246;konomisch-gesellschaftlichen System wahrzunehmen. Auf diese Art konnte zum einen der im modernen Industriekapitalismus rasch anwachsende Bedarf nach Arbeitskr&#228;ften befriedigt werden, die in der Lage waren, Arbeitsprozesse im Sinne des aktuellen Wissensstandes fachlich qualifiziert durchzuf&#252;hren. Zum anderen war es damit m&#246;glich, immer mehr Menschen zu immer h&#246;heren formalen Bildungsabschl&#252;ssen zu f&#252;hren sowie die „Quellen des Wissens“ weitgehend zu demokratisieren, ohne dass das nunmehr auf breiter Basis verf&#252;gbare Wissen eine subversive, systemsprengende Kraft entfaltete.</p>
<h4>Der digitale Kapitalismus erfordert eine neue Form der Zurichtung der Menschen</h4>
<p>Wie schon erw&#228;hnt, nimmt die Bedeutung des Menschen als Tr&#228;ger formellen Wissens ab. Die IKT machen es m&#246;glich, die f&#252;r Produktion und Verwaltung erforderlichen, bisher an das „Tr&#228;germedium Mensch“ gebundenen Kenntnisse und Fertigkeiten manueller und kognitiver Art in anwachsendem Ma&#223; vom Menschen getrennt in Form von Software zu speichern und als Maschinen-Wissen abzurufen. Daraus leiten sich zwei Effekte ab: Zum einen nimmt der Bedarf an menschlichen Arbeitskr&#228;ften insgesamt ab und zum anderen sehen sich die weiterhin gebrauchten Arbeitskr&#228;fte mit nachhaltig ver&#228;nderten Qualifikationsanforderungen konfrontiert. Ursache daf&#252;r ist, dass die IKT den Menschen n&#228;mlich keineswegs generell ersetzen k&#246;nnen. T&#228;tigkeiten, die durch die „neuen“ Technologien nicht substituiert werden k&#246;nnen und deshalb weiterhin von Menschen ausge&#252;bt werden m&#252;ssen, sind solche, die Kreativit&#228;t erfordern und/oder einen starken Beziehungsaspekt beinhalten – alles in allem T&#228;tigkeiten, bei denen sich Professionalit&#228;t nicht durch das Umsetzen eingelernter <em>Verhaltensweisen</em> beweist, sondern darin, dass aus einer verinnerlichten <em>Haltung</em> heraus gehandelt wird. F&#252;r alle formalisierbaren – normbezogenen – Arbeitsaufgaben k&#246;nnen in letzter Konsequenz IKT eingesetzt werden, d.h. f&#252;r alle, die sich in Form eines mathematischen Ablaufschemas abbilden lassen. Somit m&#252;ssen mit deren fortschreitender Implementierung von menschlichen Arbeitskr&#228;ften zunehmend nur mehr <em>fallbezogene</em> Aufgaben durchgef&#252;hrt werden. Darunter sind Aufgaben zu verstehen, die nicht formalisierbar sind, weil sie von Fall zu Fall ein spezifisches Vorgehen erfordern und nicht im Sinne antrainierter Routine, sondern nur auf Grundlage von besonderen sozialen und emotionalen Kompetenzen bzw. Kreativit&#228;t, Intuition oder Empathie der sie Verrichtenden bew&#228;ltigt werden k&#246;nnen. Derartige Aufgaben k&#246;nnen nicht ausgef&#252;hrt werden, indem blo&#223; getan wird, was im Rahmen einer Ausbildung erlernt wurde – hier gilt es aus einer verinnerlichten Einstellung heraus, gewisserma&#223;en autonom zu handeln. (Anzumerken ist hier, dass auch bisher schon z.B. in Lehr-, Sozial-, Therapie- und Pflegeberufen in hohem Ma&#223;e fallbezogene Arbeiten durchzuf&#252;hren waren. Typischerweise werden diese Menschen auf ein besonders hohes Berufsethos verpflichtet – es wird von ihnen erwartet, dass sie die Motivation f&#252;r ihren Beruf nicht prim&#228;r aus der – meist sowieso eher niedrigen – Bezahlung sch&#246;pfen, sondern aus dem Wunsch, „etwas Gutes“ tun zu wollen.)</p>
<p>Jene T&#228;tigkeiten, die trotz der in den letzten Jahrzehnten geschaffenen technologischen M&#246;glichkeiten auch weiterhin von Menschen durchgef&#252;hrt werden m&#252;ssen, enthalten einen wachsenden Anteil eines spezifischen Verm&#246;gens, das zwar sehr h&#228;ufig als „Wissen“ apostrophiert wird, die im Alltagsbewusstsein bestehende Dimension dieses Begriffs tats&#228;chlich aber weit &#252;berschreitet. „Es geht nicht mehr nur um ,know what‘, also um die Anwendung kodifizierten Faktenwissens durch die Arbeitskr&#228;fte, sondern um dar&#252;ber hinausgehende Qualifikationselemente“, sogenannte „tacit skills“ (unterschwellige F&#228;higkeiten), verschiedentlich – eher unscharf – auch als <em>Know how</em> bezeichnet. Darunter lassen sich „alle Formen des impliziten und informellen bzw. des Erfahrungswissens der Arbeitskr&#228;fte wie auch ihre F&#228;higkeit zur Kommunikation und Kooperation im Produktionsprozess“ (Atzm&#252;ller 2004: 598) subsumieren. „Gefragt sind Erfahrungswissen, Urteilsverm&#246;gen, Koordinierungs-, Selbstorganisierungs- und Verst&#228;ndigungsf&#228;higkeit, also Formen lebendigen Wissens, die (…) zur Alltagskultur geh&#246;ren. Die Art und Weise, wie Erwerbst&#228;tige dieses Wissen einbringen, kann weder vorbestimmt noch anbefohlen werden. Sie verlangt ein Sich-selbst-Einbringen, in der Managersprache ,Motivation‘ genannt“ (Gorz 2004: 9). Die F&#228;higkeiten, die Arbeitnehmer f&#252;r die Bew&#228;ltigung der technologisch nicht substituierbaren T&#228;tigkeiten brauchen, gehen &#252;ber formal erlernbare wissenschaftlich-technische Kenntnisse und Qualifikationen im klassischen Sinn weit hinaus und &#252;bersteigen das in Schulen und Ausbildungsg&#228;ngen traditionell erlernte formelle (Fach )Wissen bei weitem. Derartige Aufgaben erfordern in hohem Ma&#223; Wissensformen, die nicht formalisierbar und deshalb systematisch auch nur sehr eingeschr&#228;nkt lehrbar sind. Es handelt es sich dabei um „informelles Wissen“ (André Gorz), das seinem Tr&#228;ger nicht blo&#223; „oberfl&#228;chlich anhaftet“ sondern ihn als Individuum „betrifft“ und nachhaltig ver&#228;ndert. </p>
<p>Wie fallbezogene Aufgaben zu erf&#252;llen sind, l&#228;sst sich – ihrer Nicht-Formalisierbarkeit entsprechend – nicht an normierbaren Ma&#223;st&#228;ben der Arbeitserbringung messen, entzieht sich damit in letzter Konsequenz auch einer wirksamen &#220;berwachung durch Kontrollorgane. Wie in derartigen Bereichen menschlichen Handelns vorzugehen ist, kann nicht anbefohlen oder kontrolliert werden, genau deshalb aber in traditioneller Form auch nicht gelehrt werden. Dass Schulen und Ausbildungsst&#228;tten sich in nahezu allen „entwickelten L&#228;ndern“ seit Jahren in einer Dauerkrise befinden und tiefgreifenden Ver&#228;nderungsprozessen unterworfen sind, die Rolle und Funktion der Lehrenden in &#246;ffentlichen Bildungseinrichtungen von den verschiedensten Seiten kritisiert wird, sowie permanent neue Lernkulturen und die lebenslange Bereitschaft zum Weiterlernen eingefordert werden, hat im Kern genau mit diesem Wandel des Anforderungsprofils in der Arbeitswelt zu tun. Nicht zuf&#228;llig fokussiert die Kritik am „traditionellen“ schulischen Lernen sehr stark die dabei &#252;bliche Rolle des Lehrers/ der Lehrerin als zentraler Vermittlungsfigur von Lehrstoff und Hersteller/in von Lerndisziplin sowie den Umstand, dass in der Schule alle Sch&#252;ler/innen im Gleichtakt dieselben Inhalte zu lernen und bei Pr&#252;fungen zu reproduzieren h&#228;tten. Das Argument, dass sich Lehrer/innen von ihrer traditionellen inhaltszentrierten Rolle verabschieden und zu Prozessmanager/innen selbstbestimmter Lernprozesse ihrer Sch&#252;ler/innen – zu Lerncoaches, wie es verschiedentlich hei&#223;t – werden sollen, baut letztendlich – meist allerdings wohl eher unreflektiert – auf der Erkenntnis auf, dass sich die skizzierten neuen Anforderungen der Arbeitswelt tats&#228;chlich systematisch nicht „vermitteln“ lassen. Deshalb muss sich die Schule von einem Ort der planm&#228;&#223;igen Vermittlung brauchbar machenden Wissens zu einem wandeln, wo es in erster Linie um die <em>Sozialisierung</em> von Heranwachsenden zum „unternehmerischen Selbst“ geht. Und dieses „fabriziert man nicht mit den Strategien des &#220;berwachens und Strafens, sondern indem man ihre Selbststeuerungspotenziale aktiviert“ (Br&#246;ckling 2007: 61). </p>
<p>Wenn das Sich-selbst-Einbringen als die Bereitschaft, unaufgefordert und unbeaufsichtigt im Sinne des unternehmerischen Verwertungsprozesses aktiv zu werden, zur wichtigsten Arbeitstugend avanciert, reicht es n&#228;mlich nicht mehr aus, als „brave/r Arbeitnehmer/in“ – den unternehmerischen Vorgaben entsprechend – antrainiertes Wissen und K&#246;nnen „zur Verf&#252;gung zu stellen“. Dazu sind Arbeitskr&#228;fte erforderlich, die gelernt haben, die Dimensionen der Verwertungslogik <em>aus eigenem Antrieb </em>auf sich anzuwenden und die nicht von der „antiquierten“ Vorstellung eines grunds&#228;tzlichen Interessenswiderspruchs von Arbeit und Kapital angekr&#228;nkelt sind; Menschen also, die gelernt haben, sich selbst (blo&#223; noch) als Humankapital wahrzunehmen und <em>freiwillig</em>, ohne permanente Kontrolle, im Sinne der Verwertungsvorgaben aktiv zu werden. Daf&#252;r ist eine <em>Einstellung</em> notwendig, die mit dem Bewusstsein, (blo&#223;) „Arbeit-<em>Nehmer/in</em>“ zu sein, der/die seine/ihre mehr oder weniger qualifizierte Arbeitskraft einem „Arbeit-<em>Geber</em>“ &#252;ber eine beschr&#228;nkte Zeit zur Verf&#252;gung stellt und daf&#252;r eine vorab definierte Entlohnung und ein gewisses Ma&#223; an sozialer Sicherheit erwarten darf, nicht kompatibel. Vor allem bedarf es dazu Menschen, die nicht in der Vorstellung verhaftet sind, sich der Verwertung als Arbeitskraft nur aus der Not eines sonst nicht gesicherten ad&#228;quaten &#220;berlebens zu unterwerfen, das „gute Leben“ aber au&#223;erhalb der Verwertungssph&#228;re ansiedeln. Nur wer zwischen Leben und Verwertung nicht mehr (zu) unterscheiden (ver)mag, ist bereit, sich auf seine Selbstvermarktung voll und ganz einzulassen und diese auch noch selbst&#228;ndig voranzutreiben. Damit ist nicht blo&#223; gemeint, fremdbestimmter Arbeit positive Aspekte abzugewinnen und daraus – zumindest in Teilbereichen – Befriedigung zu sch&#246;pfen. Es geht um viel mehr, n&#228;mlich um die Herausbildung einer Pers&#246;nlichkeit, die sich &#252;ber ihre Verwertbarkeit <em>definiert</em>; um Menschen, die sich selbst nur mehr im Spiegel des Marktwerts wahrzunehmen imstande sind und dementsprechend nicht eine grunds&#228;tzlich gegebene menschliche W&#252;rde f&#252;r sich reklamieren, sondern sich – in Abh&#228;ngigkeit von ihrem beruflich-materiellen Erfolg – blo&#223; noch als mehr oder weniger „wert voll“ empfinden k&#246;nnen (und wollen).</p>
<h4>Das neue Lernen untergr&#228;bt die M&#246;glichkeit von Bildung noch mehr als das alte</h4>
<p>Galt bisher die deklarierte Bereitschaft, <em>jede</em> Arbeit <em>annehmen</em> zu wollen, als H&#246;hepunkt der Unterwerfungsgeste unter das System der Arbeitskraftverwertung, beweist eine derartige Aussage heute blo&#223;, die Lektion noch immer nicht ausreichend begriffen zu haben. Nun geht es darum, auf die Vermarktung seiner selbst als Arbeitskraft „proaktiv“ zuzugehen und diese, sowie die Bedingungen, unter denen diese stattfindet, voll und ganz zu antizipieren. Unter diesen Umst&#228;nden wird die Bef&#228;higung und das Wecken der Bereitschaft zur Selbstvermarktung selbstverst&#228;ndlich zum prim&#228;ren Ziel der Beeinflussung der Subjekte durch organisierte Lernprozesse. Schon Heranwachsende m&#252;ssen das Bewusstsein ausbilden, Human Kapital (und sonst gar nichts) zu sein und f&#252;r dessen Reproduktion, Modernisierung, Erweiterung und Verwertung als „Gesch&#228;ftsf&#252;hrer ihres eigenen Lebens“ die Verantwortung zu tragen. Sie m&#252;ssen die Konkurrenzlogik verinnerlichen und lernen, sich ohne Zwang so zu verhalten, wie es die Wettbewerbsf&#228;higkeit des Unternehmens, das sie selbst sind, erforderlich macht. Ganz in diesem Sinn fokussieren „fortschrittliche“ Schulprogramme neuerdings in abnehmendem Ma&#223; kognitive F&#228;higkeiten und Fertigkeiten, stattdessen aber zunehmend die Vermittlung sogenannter „Handlungskompetenzen“. Zwar wird nur selten der Versuch gemacht, den dabei verwendeten Begriff „Kompetenz“ einer bildungstheoretisch legitimierten und stringent nachvollziehbaren Bestimmung zuzuf&#252;hren (dazu ausf&#252;hrlich M&#252;ller-Ruckwitt 2008), bei kritischer Durchsicht der entsprechenden Appelle ist allerdings schnell klar, dass damit ganz wesentlich die F&#228;higkeit und Bereitschaft zur Adaption an die Pr&#228;missen der Selbstvermarktung angesprochen wird. Im Gegensatz zum Qualifikationsbegriff, der eng mit den konkreten Anforderungen bestimmter Berufe und T&#228;tigkeiten verkn&#252;pft war und erst in Form der „Schl&#252;sselqualifikationen“ eine berufs&#252;bergreifende Erweiterung erfahren hatte, ist der Kompetenzbegriff eher „subjektzentriert“ und „zeichnet sich vor allem durch das Merkmal ,selbst organisiert‘ aus“ (H&#246;hne 2006: 300). Er fokussiert allgemeine Dispositionen von Menschen, die zu einer – im Sinne der historisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten – ad&#228;quaten Bew&#228;ltigung der lebensweltlichen Anforderungen erforderlich sind. In entsprechenden bildungspolitischen Absichtserkl&#228;rungen wird immer wieder explizit auf Selbstlern- und Selbstorganisationsf&#228;higkeit sowie Selbst&#228;ndigkeit und Selbstverantwortung Bezug genommen. Besonders die F&#228;higkeit zur Selbstorganisation wird dabei immer wieder als elementar f&#252;r das Bestehen in den neuen Arbeits- und Produktionsverh&#228;ltnissen hervorgehoben.</p>
<p>Lernen wandelt sich, wie Anna Tuschling in einem Text zum Lebenslangen Lernen zusammenfasst, zunehmend zu einer „Technik der Selbstf&#252;hrung mit dem Telos eines umfassenden Wandlungs- und Anpassungsverm&#246;gens“. Da Informationen mit Hilfe der Technik heute ohnehin jederzeit abrufbar sind, r&#252;ckt das Was – der Wissensinhalt – zugunsten der Prozesshaftigkeit und des Wie des Wissenserwerbs immer mehr in den Hintergrund. „Was z&#228;hlt ist die Kompetenz, sich in der entgrenzten „Wissensgesellschaft“ zurechtzufinden, das hei&#223;t Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, Pfade durch den Informationsdschungel schlagen und sich fortw&#228;hrend auf Neues einstellen zu k&#246;nnen. &#220;bersetzt in die Sprache der Computer: Auf das Betriebssystem und die Software, nicht auf das Content-Management kommt es an. Der Lehrende wird zum Katalysator (scheinbar Anm. E.R.) autonomer Lernprozesse, Unterrichten zum Beraten, Vermitteln und Mentoring“ (Tuschling 2004: 155, 158). Auch der Lernbegriff selbst erf&#228;hrt mit der Umdeutung von Lernen zu einem Prozess der Selbstmodellierung im Sinne der Pr&#228;missen des Selbstunternehmertums eine massive Ausweitung. „Er bezieht sich auf organisiertes wie nichtorganisiertes, institutionelles wie nichtinstitutionelles, formelles wie informelles Lernen; er richtet sich ohne Ausnahme an alle und jeden; er stellt nicht nur den Anspruch an Einzelne, ein Leben lang zu lernen, sondern propagiert die „lernende Gesellschaft“. (…) An die Stelle ehemaliger Curricula [tritt] ein fragmentiertes Lernangebot: modularisierte, atomisierte Einzelkomponenten, die je nach Bedarf aneinander angeschlossen oder ausgetauscht werden sollen. Ihren Zusammenhang stiftet keine kritische Bildungstheorie, sondern der jeweils erw&#252;nschte pragmatische Effekt“ (Pongratz 2006: 167). Seine Legitimation bezieht das informelle, selbstgesteuerte und selbstorganisierte Lernen nicht aus der allen traditionellen Bildungstheorien immanenten Vorstellung eines durch die reflektierte Auseinandersetzung mit den Tatsachen der Welt zunehmend zu seiner Reife gelangenden Menschen, sondern aus der Vorstellung, dass sich die Zielsetzung menschlicher Existenz darin ersch&#246;pft, unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen m&#246;glichst erfolgreich „&#252;ber die Runden“ zu kommen, indem man sein Dasein als Unternehmen betrachtet, dessen Kurswert durch eine mittels Lernen erreichte geschickte Positionierung am Marktplatz des Lebens positiv oder negativ beeinflusst werden kann.</p>
<p>„Die Entfremdung und Ausbeutung des Menschen findet im 21. Jahrhundert nicht mehr &#252;ber autorit&#228;re politische Strukturen oder politische Ideologien statt, sondern &#252;ber eine neue p&#228;dagogische Ideologie, die da hei&#223;t: lebenslanges und selbstorganisiertes Lernen“ (Hufer/Klemm 2002: 101). Ziel des „neuen Lernens“ ist das Heranbilden des „flexiblen Menschen“ (Sennett 2006), den seine nachgiebige, formbare Identit&#228;t nicht blo&#223; dazu bef&#228;higt, sich ganzheitlich den wechselnden Anforderungen der informations- und kommunikationstechnologisch dominierten Arbeitswelt zu unterwerfen, sondern der die ihm zugemuteten Bedingungen der Verwertung gar nicht erst als Entfremdung wahrnimmt. In diesem Sinn geht es im sogenannten Bildungswesen nicht um die intellektuelle Auseinandersetzung mit den (neuen) Anforderungen im System der Arbeitskraftverwertung, sondern um das Herausbilden der Bereitschaft, mit diesem in einer „bejahenden Form“ umzugehen, es geht um das Erwerben gesellschaftsad&#228;quater „&#220;berlebensstrategien“, um „Cleverness“, nicht um Widerstand, der den gesellschaftlichen Zumutungen entgegengesetzt werden k&#246;nnte. Selbstverst&#228;ndlich war es – wie schon ausgef&#252;hrt – auch in Zeiten des Industriekapitalismus nicht das Ziel des Schul- und Ausbildungswesens, widerst&#228;ndige Potentiale zu wecken, allerdings wandelt sich mit dem Bedeutungsverlust des Menschen als Tr&#228;ger formellen Wissens die Funktion organisierter Lernbem&#252;hungen noch einmal grundlegend. Das als Bildungswesen bezeichnete System der organisierten Anpassung von Menschen an die „Anforderungen der Gesellschaft“ hat nun nicht mehr in erster Linie die Aufgabe der Weitergabe brauchbar machenden Wissens, eines Wissens, das – im Widerspruch zur Form seiner &#252;blichen Vermittlung – immerhin die Grundlage m&#252;ndig machender Bildung abgeben kann. Wenn mit Arbeitskr&#228;ften, die sich ihrer Verwertung blo&#223; <em>unterwerfen</em>, zunehmend „kein Gesch&#228;ft mehr zu machen“ ist, sondern solche erforderlich werden, die ihr Verwertungspotential <em>aus eigenem Antrieb </em>aktivieren, dann wird es zur prim&#228;ren Aufgabe des Schulsystems, eine derartige <em>Haltung</em> bei den Besuchern hervorzubringen. </p>
<p>Es ist nicht so sehr die Tatsache der „Zurichtung f&#252;r die Verwertung“, die somit die gro&#223;artige Neuigkeit hinter dem gegenw&#228;rtig an allen Ecken und Enden stattfindenden Umbau des Bildungswesens darstellt – diese war auch bisher schon die oberste Pr&#228;misse des Bildungswesens. Bildung als die Bef&#228;higung von Menschen, potenziell dagegen, eigensinnig und herrschaftskritisch zu sein sowie gegebene Tatsachen, unabh&#228;ngig von &#246;konomischen N&#252;tzlichkeitserw&#228;gungen, hinterfragen zu k&#246;nnen, stellte im System gesellschaftlich organisierter Beschulung auch bisher bestenfalls den ideologischen &#220;berbau dar. Allerdings war das Bildungswesen bisher notgedrungen Hauptlieferant der Ressource Wissen, die, <em>entgegen der hinter ihrer Vermittlung stehenden Absicht</em>, zur Grundlage von (echter) Autonomie, kritischer Distanz und M&#252;ndigkeit werden konnte. Die Notwendigkeit der systematischen Wissensvermittlung verunm&#246;glichte ein wirklich konsequentes Hintanhalten von Bildung und schuf die M&#246;glichkeit, dass – zumindest fallweise und in Teilaspekten – „Bildung trotz Schule“ (Fischer 1978: 178) stattfinden konnte. Der derzeit stattfindende Totalumbau des Bildungswesens, der sich in Ma&#223;nahmen der Ver&#228;nderung der Lernorganisation, wie z.B. der Modularisierung oder dem sogenannten selbstverantwortlichen und selbstorganisierten Lernen, und in der zunehmenden Ausrichtung an &#246;konomisch determinierten Qualit&#228;tsvorgaben und zu erreichenden Standards inklusive der ver&#228;nderten Verhaltenssteuerung der im Bildungswesen T&#228;tigen widerspiegelt, untergr&#228;bt allerdings genau diese klammheimlich gegebene M&#246;glichkeit der Verwirklichung von Bildung. Die durch Schulen, Ausbildungsst&#228;tten und Universit&#228;ten auch bisher schon zu erf&#252;llende Funktion von Sozialisationsagenturen zur Herstellung von Warensubjekten erreicht durch die angesprochenen Ma&#223;nahmen des inneren und &#228;u&#223;eren Strukturumbaus von Bildungsinstitutionen eine neue und deutlich nachhaltigere Dimension. </p>
<p>Der mit dem &#220;bergang vom Industrie- zum Informationskapitalismus einhergehende Totalumbau der Strukturen von Schulen, Universit&#228;ten und Erwachsenenbildungseinrichtungen zielt darauf ab, die Brauchbarkeit von Menschen auch unter den informationskapitalistisch ver&#228;nderten Bedingungen der Verwertung aufrechtzuerhalten. Bildung ist aber nicht das Verm&#246;gen, sich einem System anzudienen und darin problemlos zu funktionieren; mit Bildung ist – im v&#246;lligen Gegensatz dazu – die Selbstbefreiung des Menschen aus dem Kokon der Macht gemeint. Bildungsbem&#252;hungen, die diesen Namen zu Recht tragen, zielen somit auf die Entfaltung seiner widerst&#228;ndig-emanzipatorischen Potentiale. Das alles &#252;berstrahlende „Richtscheit des Werts“ ist mit einer derartigen Ausrichtung von Bildung allerdings niemals zur Deckung zu bringen. Die Bef&#228;higung zu Kritik, Widerstand und eigensinnigem Handeln umfasst alle an Menschen herangetragene Zumutungen der Ausrichtung des Lebens und macht selbstverst&#228;ndlich auch vor der Verwertungspr&#228;misse nicht Halt. Logischerweise steht der gebildete Mensch zuallererst seiner eigenen Verwertung kritisch gegen&#252;ber. Im Sinne der skizzierten, im Informationskapitalismus zunehmend gegebenen Notwendigkeit der Identifizierung mit der Verwertungslogik, korreliert Bildung somit letztendlich mit einer Verringerung des (Markt )Werts. Der g&#228;ngigen Nomenklatur entsprechend muss Bildung – als die Erm&#228;chtigung des Menschen zum eigensinnigen Leben – somit als wert los bezeichnet werden; Bildung hat keinen Wert!</p>
<h4>Literatur</p>
</h4>
<p>Atzm&#252;ller, Roland (2004): Qualifikationsanforderungen und Berufsbildung im Postfordismus. In: Bildung und Ausbildung. Prokla – Zeitschrift f&#252;r kritische Sozialwissenschaft, Jg. 34, Heft 137.</p>
<p>B&#252;nger, Carsten/ Mayer, Ralf/ Messerschmidt, Astrid/ Zitzelsberger, Olga (Hg.) (2009): Bildung in der Kontrollgesellschaft. Analyse und Kritik p&#228;dagogischer Vereinnahmung. Paderborn.</p>
<p>Br&#246;ckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M.</p>
<p>Fischer, Wolfgang (1978): Schule als parap&#228;dagogische Organisation. Kastellaun.</p>
<p>Freire, Paulo (1973): P&#228;dagogik der Unterdr&#252;ckten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck b. Hamburg.</p>
<p>Fromm, Erich (1979): Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. M&#252;nchen.</p>
<p>Gorz, André (2001): Welches Wissen? Welche Gesellschaft? Textbeitrag zum Kongress „Gut zu Wissen“, Heinrich-B&#246;ll-Stiftung, 5/2001. http://www.wissensgesellschaft.org/themen/orientierung/welchegesellschaft.html (Mai 2009)</p>
<p>Gorz, André (2004): Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissens&#246;konomie. Z&#252;rich.</p>
<p>H&#246;hne, Thomas (2006): Wissensgesellschaft. In: Dzierzbicka/Schirlbauer: P&#228;dagogisches Glossar der Gegenwart, S. 297-305. Wien.</p>
<p>Hufer, Klaus-Peter/ Klemm, Ulrich (2002): Wissen ohne Bildung? Auf dem Weg in die Lerngesellschaft des 21. Jahrhundert. AG SPAK B&#252;cher – M 150 – Kleine Reihe, Neu-Ulm.</p>
<p>Miegel, Meinhard (2001): Von der Arbeitskraft zum Wissen. Merkmale einer gesellschaftlichen Revolution. In: Merkur, 55/3.</p>
<p>M&#252;ller-Ruckwitt (2008): „Kompetenz“ – Bildungstheoretische Untersuchungen zu einem aktuellen Begriff. W&#252;rzburg.</p>
<p>Pongratz, Ludwig A. (2006): Lebenslanges Lernen. In: Dzierzbicka/Schirlbauer: P&#228;dagogisches Glossar der Gegenwart, S.162-171. Wien.</p>
<p>Sennet, Richard (2006): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin.</p>
<p>Tuschling, Anna (2004): Lebenslanges Lernen. In: Br&#246;ckling/Krasmann/Lemke (Hg.): Glossar der Gegenwart, S.152-158. Frankfurt a.M.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/bildung-hat-keinen-wert-2">Bildung hat keinen Wert</a></p>
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		<title>AUSlauf: Starke Fragen</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:35:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 47/2009 von Andreas Exner Es tut sich was. Studierende besetzen Unis. Gewerkschaften erkl&#228;ren sich solidarisch. Pensionisten finden’s auch gut. Eine Debatte ist entbrannt. Mehr Geld f&#252;r die Unis ist ihr kleinster Nenner. Freie Bildung ohne Zugangsbeschr&#228;nkungen ist beinahe Konsens. Einige wollen Ausbeutung abschaffen, andere ein Grundeinkommen durchsetzen. Was tut sich da? Komisch eigentlich: Die [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/auslauf-starke-fragen">AUSlauf: Starke Fragen</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&#252;ge 47/2009</p>
<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-5441"></span></p>
<p>Es tut sich was. Studierende besetzen Unis. Gewerkschaften erkl&#228;ren sich solidarisch. Pensionisten finden’s auch gut. Eine Debatte ist entbrannt. Mehr Geld f&#252;r die Unis ist ihr kleinster Nenner. Freie Bildung ohne Zugangsbeschr&#228;nkungen ist beinahe Konsens. Einige wollen Ausbeutung abschaffen, andere ein Grundeinkommen durchsetzen. Was tut sich da? </p>
<p>Komisch eigentlich: Die Studierenden als Studierende sind recht besehen machtlos. Anders als ein Streik in einer Fabrik tut die Besetzung des Audimax niemandem weh. Warum entfalten sie dennoch Wirkung? Unmittelbar treibt sie die Wut &#252;ber miese Studienbedingungen. Der Bologna-Prozess emp&#246;rt sie, sie sind frustriert von G&#228;ngelung. Doch dies ist nur die eine Seite. Der Kontext ist die andere: das Gef&#252;hl der Perspektivlosigkeit, ja der Bedrohlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung. </p>
<p>Die breite &#214;ffentlichkeit nimmt diese Koppelung von unmittelbarem Motiv und mittelbarem Rahmen nur unterschwellig wahr. Kommentare in den Massenmedien zeigen sich in dieser Hinsicht zum Gro&#223;teil ignorant. Unter den Studierenden ist die Problemsicht gespalten. W&#228;hrend einige klar im Auge haben, dass der Zustand der Universit&#228;t Teil gesellschaftlicher Zwangsstrukturen ist, fr&#246;nen viele andere der Illusion, man k&#246;nne das Anliegen als eines „der Universit&#228;t” irgendwie isolieren. Sie klagen nur die eigene Konkurrenzf&#228;higkeit ein. Man f&#252;hrt Beschwerde &#252;ber fehlende Mittel, weil man sich fit f&#252;r den Arbeitsmarkt machen will, das hei&#223;t: f&#252;r das Kapital und seinen Staat.</p>
<p>Schon immer war es eine Illusion, durch den vermeintlichen Nachweis der eigenen verwertungskonformen „N&#252;tzlichkeit” wesentliche Verbesserungen zu erreichen. Das kann nur scheitern. Oder m&#252;ndet darin, die Selektion in Verwertbare und Wertlose zu verh&#228;rten. Eine kapitalismuskritische Position gegen Lohnarbeit, Markt und Staat einzunehmen ist f&#252;r die Studierendenbewegung, anders als f&#252;r Lohnk&#228;mpfe, geradezu lebenswichtig.</p>
<p>Denn sie bezieht ihre Attraktivit&#228;t und ihre symbolische Macht gerade daraus, dass sie ein zwar diffuses, jedoch verbreitetes Unbehagen am Kapitalismus artikuliert. Ihr oft zaghafter, zeitweise jedoch durchaus bestimmter Versuch, die herrschenden Normen von gesellschaftlicher Entwicklung grunds&#228;tzlich zu hinterfragen, ermutigt viele, die am neoliberalen Paradigma zu zweifeln begonnen haben.<br />
Wo der universit&#228;re Unmut Menschen in anderen gesellschaftlichen Sph&#228;ren ansteckt, die von der kapitalistischen Entwicklung nachhaltig verunsichert sind, dort kann Bewegung in die vielfachen Risse der Herrschaft des Sachzwangs kommen. Solche Resonanzb&#246;den f&#252;r die Bewegung an den Universit&#228;ten gibt es in einem gewissen Ma&#223;. Man kann den Kontext der Proteste erweitern und bereichern, indem man diese B&#246;den in Schwingung bringt. </p>
<p>Soziale K&#228;mpfe kommen auf dem Terrain des Gegners nicht voran. Dort m&#252;ssen sie scheitern. „Finanzierbarkeit”, „Wettbewerbsf&#228;higkeit”, die Selektion der „Leistungswilligen” bilden das Terrain des Gegners. Wer sich darauf einl&#228;sst, hat verloren. </p>
<p>Die Potenz der Bewegung liegt darin, das Terrain der Debatten zu ver&#228;ndern: Schuften f&#252;r Profit oder ein gutes Leben leben? Auf Finanzierung hoffen oder das, was stofflich-konkret machbar ist, auch machen? Sich f&#252;r den Konkurrenzkampf zurichten oder in Solidarit&#228;t kooperieren?</p>
<p>Der kapitalistische Kanon von Profit, Finanzierbarkeit und Konkurrenz ist Nonsens. Eine „Solidarische Universit&#228;t“, die Schluss damit macht, ist n&#246;tig. Die Fragen stellen wir.</p>
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		<title>Peak Protest? Zur Perspektive der Bewegungen an den Unis</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2009/peak-protest-zur-perspektive-der-bewegungen-an-den-unis</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Nov 2009 11:39:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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		<description><![CDATA[von Andreas Exner Verflogen ist die Euphorie. Ern&#252;chterung macht sich breit. Wer bis dato die &#252;berzogene Erwartung kurzfristiger Erfolge hatte &#8211; nun ist es nicht mehr zu &#252;bersehen: Die Leute in den H&#246;rs&#228;len werden weniger &#8211; auch wenn die Facebook-Gruppe “Audimax” weiter angewachsen ist; die Politik reagiert in keiner Weise konstruktiv &#8211; auch wenn die [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/peak-protest-zur-perspektive-der-bewegungen-an-den-unis">Peak Protest? Zur Perspektive der Bewegungen an den Unis</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-5327"></span></p>
<p>Verflogen ist die Euphorie. Ern&#252;chterung macht sich breit. Wer bis dato die &#252;berzogene Erwartung kurzfristiger Erfolge hatte &#8211; nun ist es nicht mehr zu &#252;bersehen: Die Leute in den H&#246;rs&#228;len werden weniger &#8211; auch wenn die Facebook-Gruppe “Audimax” weiter angewachsen ist; die Politik reagiert in keiner Weise konstruktiv &#8211; auch wenn die Proteste dem Thema “Bildung” enormes Geh&#246;r verschaffen konnten; die Probleme an den Unis werden auf absehbare Zeit bestehen bleiben &#8211; selbst wenn es mehr Geld vom Ministerium gibt (ja vielleicht gerade dann); die Welle der Solidarisierung blieb vielfach im Paradigma des Kapitals, in Slogans wie “Ausbildung f&#252;r mehr Wettbewerbsf&#228;higkeit” und “Bildung ist unsere wichtigste Investition in die Zukunft” befangen &#8211; wenngleich ihre Breite in der Tat erstaunlich ist.</p>
<p>Zeit, um ein Res&#252;mee zu ziehen.</p>
<p>Wer die aktuellen Bewegungen an den &#246;sterreichischen Unis mit jenen von 1996 und 1987 vergleicht, erkennt viele Gemeinsamkeiten. Die traditionellen Elemente der Proteste sind tats&#228;chlich nur ein schwacher Abklatsch fr&#252;herer Bewegungen, etwa im Vergleich mit den Bildungsstreiks des Jahres 1987, wo es tats&#228;chlich einen “Schulterschluss” mit den von der Krise der Verstaatlichten gebeutelten ArbeiterInnen gab und nicht nur das Audimax besetzt worden ist, sondern sich ein Streik entwickelte, der sogar &#252;ber die Unis hinausgriff. Auch die Selbstorganisation und die spontane Aktionsform der Protestierenden ist keinesfalls historisch neu. Die Breitenmeinung, Facebook, Twitter &#038; Co. h&#228;tten in dieser Hinsicht eine neue Qualit&#228;t gebracht, ist falsch. Blickt man in die Geschichte sozialer Bewegungen, so sieht man immer wieder Phasen ausufernder Selbstorganisation, und die ist nicht auf das Internet angewiesen, Stichwort 1968.</p>
<p>Dennoch haben die aktuellen Proteste eine neue Qualit&#228;t; eine, die ermutigt. Drei Punkte unterscheiden sie von fr&#252;heren Bewegungen in &#214;sterreich und stellen sie in eine entfernte Reihe mit den Ereignissen von 1968.</p>
<p>Erstens. Die spontane Selbstorganisation ist eine im wahrsten Sinn uralte F&#228;higkeit der Menschen. Der Kapitalismus kann sie nicht beseitigen, macht sie sich vielmehr zum Teil zunutze. In Phasen gesellschaftlichen Aufbruchs und in Krisen treten diese F&#228;higkeiten daher relativ rasch zutage. Unter g&#252;nstigen Bedingungen k&#246;nnen sie sich selbst strukturieren und eine basisdemokratische, konsensorientierte Form annehmen, die sich auf Dauer stellt. In der Emphase des “Individuums”, die man in den Kreisen der Beteiligten in diesem Zusammenhang immer wieder h&#246;rt, ist weniger das b&#252;rgerliche Subjekt zivilgesellschaftlicher Tr&#228;ume, sondern vielmehr ein “anarchistischer”, auf Selbstbestimmung bedachter Zug sehr vieler Engagierter zu erkennen.</p>
<p>Das Neue in der gegenw&#228;rtigen Dynamik ist also nicht in der Selbstorganisation zu sehen. Es liegt vielmehr im Umstand, dass Parteistrukturen keine Rolle in den Protesten spielen. Bis jetzt ist auch keinerlei parteiliche Vereinnahmung gelungen. Die Interessensvertretung der Studierenden, die &#214;sterreichische Hochsch&#252;ler_innenschaft h&#228;lt sich im Hintergrund. Sie begleitet die Proteste und unterst&#252;tzt sie im besten Sinne, ohne dass sie bisher einen F&#252;hrungsanspruch oder ein Verhandlungsmandat geltend macht.</p>
<p>Zweitens. Anders als fr&#252;here Proteste ordnen sich die aktuellen Bewegungen in eine internationale Dynamik ein. Nicht nur wurden sie &#252;ber feine aber entscheidende Informations- und Wahrnehmungskan&#228;le von anderen sozialen K&#228;mpfen im Bildungssektor inspiriert. Sie &#252;ben auch selbst Inspiration auf andere Studierende aus. Der Ansto&#223;, den die Wiener Besetzungen f&#252;r Deutschland gaben, ist bekannt.</p>
<p>Drittens. Die Proteste von 1987 und 1996 waren rein defensiv. Die Position dieser Bewegungen war deshalb &#228;u&#223;erst schwach. Ab dem Zeitpunkt, als die Luft des ersten Unmuts drau&#223;en war, fielen die Bewegungen daher wie Schaum in sich zusammen. Dies gilt &#252;brigens auch f&#252;r die Demonstrationen gegen die FP&#214;-&#214;VP-Regierung im Jahr 2000. Das ist inzwischen anders. Die Arbeitsgruppen, die Studierende gleich nach Beginn der Besetzungen bildeten, sind nicht zu Unrecht bis in die mediale Wahrnehmung vorgedrungen. Neben organisatorischen Belangen entwickeln manche von ihnen eine radikale Kritik von “System und Bildung”, greifen Forderungen wie die nach einem bedingungslosen Grundeinkommen auf und beginnen ganz allgemein so etwas wie ein Denken in Perspektiven zu entfalten.</p>
<p>Das sch&#252;tzt nicht zuletzt vor naiven Hoffnungen auf raschen Erfolg.</p>
<p>Am Wochenende standen sowohl in Graz als auch in Wien Tage der Reflexion am Programm. Die Stimmung der Debatten war &#252;ber weite Strecken n&#252;chtern, mitunter etwas pessimistisch. Vereinzelt und im Widerspruch dazu wurde auf die Verbreiterung der Uni-Proteste durch Bewegungen in Deutschland, der Schweiz, den USA etc. verwiesen. In manch einem Moment kam sogar so etwas wie erneute Euphorie darob auf. Im Gro&#223;en und Ganzen aber scheinen sich die Engagierten keine &#252;bertriebenen Erwartungen zu machen. So meinte eine &#214;H-Aktivistin in Graz auf die Frage nach der Perspektive sinngem&#228;&#223;: viele Leute haben sich in den Protesten politisiert, es sind interessante Erfahrungen gemacht worden; nun g&#228;lte es, die Universit&#228;t in Kleinarbeit und vielen Schritten in Richtung von mehr Freiraum zu ver&#228;ndern.</p>
<p>Die Einsch&#228;tzung, dass der Weg auch f&#252;r kleine Verbesserungen lang sein wird, ist zweifelsohne richtig. Allerdings wird zumeist kurzschl&#252;ssig davon ausgegangen, dass damit auch eine Absage an radikale Kritik verbunden sei. Die Frage “Reform oder Revolution” steht schnell im Raum, und die Antwort ist von vorneherein klar: was man hier mache, sei Reformismus &#8211; und meint implizit: kein Ansatzpunkt f&#252;r eine andere Gesellschaft.</p>
<p>Das stimmt jedoch nur mit Vorbehalt. Es ist bezeichnend f&#252;r die Notwendigkeit, die Reflexion &#252;ber die eigenen Bewegungen zu vertiefen, dass etwa die erstaunlichen, &#252;berwiegend von Respekt und Achtsamkeit gepr&#228;gten Umgangsweisen der Beteiligten miteinander, die Strukturen der Organisation und Reproduktion (Volxk&#252;che etc.) nicht als das bewusst erkannt werden, was sie sind: ein Komplex von Beziehungsweisen, welcher der herrschenden Struktur des Zusammenlebens sichtbar entgegensteht. Die Beteiligten thematisieren die ungew&#246;hnliche (und ungew&#246;hnlich angenehme) Beziehungsweise, die sich &#252;ber alle &#8211; oft bedeutenden inhaltlichen Unterschiede hinweg &#8211; etabliert hat, selbst bei vielen Gelegenheiten. Dass sie ihr Potenzial dennoch nicht im selben Ma&#223; erkennen wie es ihnen f&#252;r ihr Engagement charakteristisch erscheint oder dieses Potenzial jedenfals nicht als ein solches auch diskutieren, ist ein Defizit. Die &#214;H-Aktivistin in der Grazer Reflexionsdebatte “Wie weiter?” beschrieb es in etwa so: dass man aufeinander aufpasst, zum Beispiel jemandem, der zuviel getrunken hat oder einer, die sich schlecht f&#252;hlt, r&#228;t, sich auszuruhen, heimzugehen; das k&#246;nne man schon &#8211; sie stockte bei diesem Wort, als f&#252;hrte sie es zum ersten Mal im Mund oder als schiene es ihr in diesem Fall zu pathetisch &#8211; “solidarisch” nennen.</p>
<p>In der Tat.</p>
<p>Der Erfolg der Proteste liegt also kaum in “realpolitischen” Optionen. Vielmehr zeigt sich in ihnen eine neue Radikalit&#228;t, die entwicklungsf&#228;hig ist. Sie bieten Ansatzpunkte f&#252;r eine Reflexion dar&#252;ber, was menschliche Beziehung im Kapitalismus ist, wie sich die Erfahrungen der Protestierenden davon in einigen Momenten unterscheiden, und wie man diese Momente erweitern und tragf&#228;higer machen kann.</p>
<p>Die Proteste fielen keineswegs vom Himmel. Ihnen voraus ging die weitverzweigte Arbeit kleiner Gruppen und dem &#246;ffentlichen Auge verborgener Zusammenh&#228;nge. Sie &#252;bten Kritik am Bildungssystem und stellten es in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext. Allein dieser Umstand zeigt bereits, dass die Hoffnung, durch Minimalismus und eine Engf&#252;hrung der Inhalte der Proteste gr&#246;&#223;eren Erfolg zu erzielen, nicht nur eitel ist, sondern eine Illusion.</p>
<p>Die Bewegungen in &#214;sterreich nahmen bekanntlich von der Akademie der Bildenden K&#252;nste ihren Ausgang. Gerade dort aber ist eine radikale Kritik zuhaus, die vielen anderen Zusammenh&#228;ngen bis dato fehlt. Die Besetzungsaktion der Aktivist_innen der Akademie, welche die Protestlawine lostrat, stand also in einem weiten Kontext. Sie griff auf eine Vielfalt an kritischen Debatten und Erfahrungen zur&#252;ck, wie es in einem Statement der Aktiven auch explizit benannt worden ist. Sie ist das Ergebnis langfristigen Bem&#252;hens. Dass die Aktion der Akademie eine derartige Kettenreaktion ausl&#246;sen w&#252;rde, hat wohl kaum jemand der Beteiligten erwartet. Vielleicht war das Milieu daf&#252;r durch das stumme gesellschaftliche Krisengef&#252;hl bereitet, vielleicht noch versch&#228;rft durch spontanen Unmut &#252;ber schlechte Studienbedingungen. Auf jeden Fall war es hoch entz&#252;ndlich f&#252;r den Funken, den die Akademie-Aktivist_innen schlugen.</p>
<p>Die Bewegungen sind also &#8211; und darin liegt vielleicht ein weiterer Unterschied zu fr&#252;heren Protesten &#8211; bereits das Ergebnis l&#228;ngerfristiger Politisierung, einer unbeirrten Arbeit im kleinen Rahmen. Nicht zuletzt aus diesem Grund er&#246;ffnen sich mit ihnen auch interessantere Perspektiven als &#252;blich.</p>
<p>Mit dem Abflauen der Dynamik stellt sich nun freilich jene Frage, die auch das Thema f&#252;r die samst&#228;gliche Debatte in Graz abgab: “Wie weiter?”</p>
<p>Zwei Aspekte einer m&#246;glichen Antwort liegen auf der Hand: Einerseits wird die organisatorische und infrastrukturelle Frage virulent, wie man die Strukturen und Erfahrungen von Basisdemokratie und kollektiver Selbstentfaltung fortf&#252;hren kann, ist die Besetzung der H&#246;rs&#228;le einmal beendet. Zum Anderen dr&#228;ngt die inhaltliche Radikalisierung der Proteste erneut in den Vordergrund &#8211; radikale Kritik stand am Anfang der Bewegungen, und radikale Kritik ist ihre Perspektive. Dort wo sich eine solche Kritik mit dem Bewusstsein organisch verbindet, dass die Aussichten f&#252;r Studierende und Nicht-Studierende alles andere als rosig sind, solange eine Alternative zum Kapitalismus auf die lange Bank geschoben wird, kann sie die Protestdynamik vielleicht in anderer Form aufrecht erhalten. Als punktuellen Eingriff n&#228;mlich in verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Betriebs, der mit jedem Monat mehr in Richtung einer barbarischen Selbstzerst&#246;rung driftet. Auf jeden Fall w&#228;ren die Bewegungen dann nicht umsonst gewesen, keine Eintagsfliege im Lauf des Kapitals, sondern h&#228;tten sich als der dringend n&#246;tige Aufbruch einer Menge erwiesen, die ein Neuland der Beziehung jenseits von Kapital und Staat aufsucht.</p>
<p>W&#228;hrend der erste, organisatorisch-infrastrukturelle Aspekt in die Frage nach permanenten R&#228;umen m&#252;ndet, erfordert der zweite, inhaltliche Aspekt zuvorderst einmal Vernetzung emanzipativ orientierter Initiativen, die es in erstaunlicher Anzahl gibt, voneinander aber bis dato noch kaum wussten. Mit dem Workshop “Vom Uniprotest zu einer Solidarischen &#214;konomie der Bildung” ist ebenso wie mit anderen, vergleichbaren Treffen der letzten Tage ein erster Schritt dahin getan.</p>
<p>Ein konkretes Ergebnis ist die Plattform “Massenuni” mit dem Untertitel “Von der Kritik der Universit&#228;t zur Solidarischen &#214;konomie der Bildung”, auf der sich eine radikale Kritik des Bildungssystems vernetzt und damit besser sichtbar wird; ein anderes ist die Gruppe “Solidarische &#214;konomie der Universit&#228;t” im Social Network SOLCOM, das sich mit der Debatte um Solidarische &#214;konomie und Gemeing&#252;ter befasst.</p>
<p>Die Proteste verschwinden vom Medienschirm. Die H&#246;rsaalbesetzungen m&#246;gen in zwei Wochen enden oder in zwei Monaten oder dreien. Das Gespr&#228;ch mit Minister Hahn wird kein Ergebnis bringen. Die Mehrheit der an den Protesten Beteiligten wird ihr Engagement niederlegen. Sie wird weiter dem Weg folgen, der ihr vorgezeichnet ist, konzentriert auf bedruckte Scheine und auf der Suche nach dem kapitalen Gl&#252;ck. Viele andere aber sind da mit neuen Ideen, sind auf den Geschmack gekommen, etwas ganz Anderes zu versuchen und das, was sie bereits dazu entwickelt haben, zu erweitern.</p>
<p>Es gilt die Proteste nach M&#246;glichkeit in neuer Form, als eine Verbindung aus radikaler Kritik und alternativer Praxis gemeinsam zu vertiefen.</p>
<p>Ein Versuch ist gemacht.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/peak-protest-zur-perspektive-der-bewegungen-an-den-unis">Peak Protest? Zur Perspektive der Bewegungen an den Unis</a></p>
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		<item>
		<title>Dogmatischer Pluralismus</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2009/dogmatischer-pluralismus</link>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 09:56:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Nahrada; Franz]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie die Gegenst&#228;nde der Geistes – und Gesellschaftswissenschaften entstehen von Franz Nahrada Wer von der Universit&#228;t als Ort der Wissensproduktion vielleicht noch in Analogie zur Fabrik spricht, &#252;bersieht m&#246;glicherweise zweierlei: Erstens den Umstand dass die endg&#252;ltig und radikal vollzogene Trennung von Forschung und Lehre, wie sie der Bologna – Prozess vorsieht, die Universit&#228;t prim&#228;r als [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/dogmatischer-pluralismus">Dogmatischer Pluralismus</a></p>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie die Gegenst&#228;nde der Geistes – und Gesellschaftswissenschaften entstehen</h3>
<p><em>von Franz Nahrada </em><span id="more-5302"></span></p>
<p>Wer von der Universit&#228;t als Ort der Wissensproduktion vielleicht noch in Analogie zur Fabrik spricht, &#252;bersieht m&#246;glicherweise zweierlei: </p>
<p>Erstens den Umstand dass die endg&#252;ltig und radikal vollzogene Trennung von Forschung und Lehre, wie sie der Bologna – Prozess vorsieht, die Universit&#228;t prim&#228;r als Funktionstr&#228;ger der Produktion – oder sollte man besser sagen Selektion? &#8211;  von qualifizierter Massenarbeitskraft bestimmt und die residualen Momente der Theorie<em>produktion</em> bildungs&#246;konomisch neu sortiert.<br />
Zweitens aber, dass Wissen im eigentlichen Sinn nur im Bereich der Naturwissenschaften produziert und distributiert wird. Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften verfolgen das Ideal eines anwendbaren und wom&#246;glich noch in algometrisierbare Handlungsanweisungen &#252;bersetzbaren Wissens, sind aber genau <em>deswegen</em> und gerade darin funktional dass sie <em>kein Wissen</em> produzieren.</p>
<p>Diese beiden Punkte sind essentiell f&#252;r die Strategiefindung einer sich politisierenden studentischen Bewegung und f&#252;r die Begr&#252;ndung einer solidarischen &#214;konomie der Universit&#228;t. Im folgenden dazu einige thesenhafte Anmerkungen /Ableitungen. </p>
<p>1. Was f&#228;llt auf an der Uni? Das mehr oder weniger lieblos pr&#228;sentierte Wissen ist gleichg&#252;ltiges Material f&#252;r Pr&#252;fungen, es wird nicht nach seiner Richtigkeit gefragt. Dar&#252;ber wird anderswo entschieden. Der studentische Massengeschmack hat das l&#228;ngst akzeptiert und pr&#228;feriert alles, was nicht nach Theorie riecht, sondern anwendbare Methoden offeriert, zum Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit genauso wie zum Erledigen der Berufspflichten. Darin ist praktisch wahr gemacht, dass Wissen zunehmend dieselben Funktionen erf&#252;llt wie in der Schule: Versorgung mit einem Set von Verhaltensma&#223;regeln auf der einen Seite, Material der Aufteilung auf die Hierarchie der Berufe auf der andern Seite.</p>
<p>2. Und davon gibt es mehr als genug: es geh&#246;rt geradezu zum G&#252;tesiegel der GGW, dass &#252;ber ein und denselben Gegenstand mehrere einander widersprechende Theorien existieren. Dies ist den Protagonisten kein zu beseitigendes &#196;rgernis, sondern Ansporn zur st&#228;ndigen Erkundung dessen, was an Betrachtungsweisen noch m&#246;glich ist. Jeder Minimalisierungs- und Axiomatisierungsanspruch ist geschwunden. Stattdessen bl&#252;ht ausgerechnet in der Wissenschaft ein Kult und Betrieb der Originalit&#228;t, der Unaufh&#246;rlichkeit des gedanklichen Konstruierens und Dekonstruierens, des bem&#252;hten Vergleichens der Ergebnisse, der Neuerfindung von Aspekten und Perspektiven des Vergleichs usw &#8211; ohne dass jemals eine kleine Erkenntnis die st&#228;ndig anwachsende Bibliothek verkehrter Deutungen &#252;berfl&#252;ssig machen k&#246;nnte. </p>
<p>3. Obwohl die Universit&#228;t  staatliche Veranstaltung ist, gibt es f&#252;r deren Funktion&#228;re keine prinzipiellen staatlichen Anweisungen zum Denken – auch wenn immer mehr die Auftragsforschung bl&#252;ht. Doch w&#228;re es verkehrt erst an diesem Punkt die Formbestimmung, die Unterwerfung  unter die gesellschaftlichen Zwecke zu entdecken. Denn die Freiheit der Wissenschaft selbst, in deren Auftrag der Staat die Universit&#228;t unabh&#228;ngig von einzelnen Drittmitteln am Leben erh&#228;lt, ist die wesentliche Formbestimmung. Gerade in der Abtrennung von den gesellschaftlichen Zwecken liegt die Garantie, dass sich Wissenschaft als geistiges Zulieferunternehmen n&#252;tzlich macht.</p>
<p>4. Das hat einerseits eine parodistische Seite, mit der auch nur bedingt Schluss gemacht wird, weil sie eben notwendig dazugeh&#246;rt. In ihren selbstgesetzten Aufgaben kennt die GGW noch nicht einmal die dem &#8220;normalen Menschenverstand&#8221; gel&#228;ufigen Kriterien des Wichtigen und Unwichtigen. So bot die Welt der Universit&#228;ten bislang das l&#228;cherliche, doch hoch in Ehren gehaltene Schauspiel zahlloser erwachsener Menschen, die Jahre ihres Lebens mit der erbittert verteidigten &#8220;Analyse&#8221; einer Handvoll Gedichte verbringen; oder mit der Streitfrage, ob die Pyramide oder die Zwiebel das passendere Modell f&#252;r eine &#8220;mobile Gesellschaft&#8221; sei; oder mit mathematischen Formeln f&#252;r ein &#246;konomisches Flie&#223;gleichgewichts, deren s&#228;mtliche &#8220;Faktoren&#8221; sich einer Definition verdanken, die deren Tauglichkeit f&#252;r die Erstellung einer mathematischen Theorie im Auge hat und sonst nichts; oder mit der Sammlung von Quellen zur mittelalterlichen Theologie des Schutzengels; oder &#8230; – dieser Betrieb soll nun nicht eingestellt, sondern „quantitative“ geregelt und einer verantwortungsvollen Elite vorbehalten bleiben.</p>
<p>5. Das hat eben aber auch die ernste Seite, dass gerade darin die Wissenschaft gerade in dieser ihrer unmittelbaren Erscheinungsweise auf eine Gesellschaft verweist, die sich aus Wissen nicht bestimmt. Den Wissenschaften ist mit ihrer Festlegung auf das theoretische Reflektieren die Qualit&#228;t entzogen, tats&#228;chlich gesellschaftliches Handeln zu bestimmen. Darin k&#246;nnen sie sich einer stolzen und langen Tradition r&#252;hmen: denn schon die christliche Tradition der Antike spaltete die Welt in Theologisches und Physikalisches. Was nicht der kirchlichen Autorit&#228;t unterstehen will, konnte nicht eine Norm oder menschliches Gesetz sein, sondern allerh&#246;chstens Natur. Die sp&#228;te S&#228;kularisierung oder Aufkl&#228;rung hat mit diesem Prinzip keineswegs gebrochen,  sondern Normativit&#228;t entweder der Willk&#252;r &#252;berantwortet oder eben wiederum der Natur, wie man schon an der aberwitzigen Konstruktion des Naturrechts sieht. Das eine Mal hat die Wissenschaft schlicht nichts zu sagen, sondern h&#246;chstens methodisch kontrolliert zu dienen,  daf&#252;r darf sie beim andern mal umso mehr ihren Finger erheben und eine au&#223;ermenschliche Autorit&#228;t postulieren, als deren Interpret sie sich auff&#252;hrt. Was fr&#252;her der liebe Gott war, ist jetzt die Normalit&#228;t, Wesensgem&#228;&#223;heit. </p>
<p>6. Innerhalb der Wissenschaft(-sethik) gilt so einerseits die Enthaltsamkeit in Sachen Einmischung geradezu als Tugendbeweis und besitzt den Charakter einer innerwissenschaftlichen Vorschrift: </p>
<p>***Wertfrei*** muss Wissenschaft sein, wenn sie anerkannt sein will, lautet dieser Imperativ. Und gemeint ist mit dem Wertfreiheitspostulat nichts anderes als das Verbot, aus der Funktionalisierung per staatlichem Geistesghetto auszubrechen und aus wissenschaftlicher Erkenntnis heraus gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge bestimmen zu wollen. Das korreliert mit dem ***Pluralismusgebot *** Denn jedes dieser Gedankengeb&#228;ude bezieht seine Geltung nicht aus seiner Stimmigkeit, sondern aus seiner Freiheit, sprich: aus seiner potentiellen Brauchbarkeit f&#252;r praktische oder ideologische Zwecke in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. </p>
<p>7. Auf der anderen Seite lebt gerade in dieser freien Sph&#228;re des Geistes, die sich selbst gegen jeden Normativit&#228;tsanspruch geradezu hysterisch verteidigt, die Sucht nach der Entdeckung neuer, tieferer und unabweisbarerer Notwendigkeiten, denen der Mensch bei Strafe des Abnormen, Dysfunktionalen, Asozialen etc. nachzukommen hat. Die Konstruktion der Gegenst&#228;nde der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften lebt vom erfinderischen Aufweis von Gesetzm&#228;&#223;igkeiten, die einem Naturgesetz gleich dem Blick des berufenen Interpreten zug&#228;nglich sind und unbedingt mehr Ber&#252;cksichtigung, W&#252;rdigung und Dotierung von Seiten des Staates verdienen. Da geht es beim staatlichen Durchsetzen von Priorit&#228;ten immer gleich ums Problem der Ordnung und der Regeln schlechthin, der Psychologe entdeckt wieder den Menschen im Kampf um sein inneres Gleichgewicht, der Soziologe sorgt sich auch bei Tourismus und Fu&#223;ballspiel um Balance und Orientierung der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang, der Historiker mahnt vor Nichtbeachtung der Geschichte, der P&#228;dagoge sorgt sich um die Menschgem&#228;&#223;heit der Sortierung,  Orchideenwissenschaften mahnen um den Wert des Nicht&#246;konomisierten, und Philosophen schlie&#223;lich weisen st&#228;ndig die Untauglichkeit der Wissenschaft f&#252;r die Beantwortung moralischer Fragen nach, um sich selbst, und zwar ganz gegenstandslos, in Szene zu setzen. Das alles ist ein Supermarkt, an dem sich jeder frei bedienen kann. Doch nur In den H&#228;nden der Macht, die es gibt, gewinnt solches Schein-Wissen &#252;berhaupt Wucht und Bedeutung, weil es ihren politischen Zwecken einen Schein von Notwendigkeit verleiht.</p>
<p>Wien, am 15.11.2009</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/dogmatischer-pluralismus">Dogmatischer Pluralismus</a></p>
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		<title>Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel?</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Nov 2009 13:24:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Ribolits; Erich]]></category>

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		<description><![CDATA[von Erich Ribolits (Vortrag bei der Tagung: Bibliothek als kritischer Raum, Renner-Institut, 7. Nov. 2009) Seit fast drei Wochen finden – ausgehend von der Wiener Akademie der bildenden K&#252;nste – an vielen &#246;sterreichischen Universit&#228;ten weitreichende und durchaus spektakul&#228;re studentische Aktionen gegen die aktuelle bildungspolitische Situation statt. Losungen unter denen die Aktionen stattfinden lauten: Bildung ist [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/bildung-kampfbegriff-oder-pathosformel-2">Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel?</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Erich Ribolits</em> <span id="more-5299"></span></p>
<p>(Vortrag bei der Tagung: Bibliothek als kritischer Raum, Renner-Institut, 7. Nov. 2009)</p>
<p>Seit fast drei Wochen finden – ausgehend von der Wiener Akademie der bildenden K&#252;nste – an vielen &#246;sterreichischen Universit&#228;ten weitreichende und durchaus spektakul&#228;re studentische Aktionen gegen die aktuelle bildungspolitische Situation statt. Losungen unter denen die Aktionen stattfinden lauten: Bildung ist keine Ware, Menschenrecht auf Bildung, freier Hochschulzugang, Demokratisierung und ausreichende Finanzierung der Universit&#228;ten.</p>
<p>Jeder, der die Zust&#228;nde an &#246;sterreichischen Universit&#228;ten kennt und sich auch nur einen minimalen Rest der Vorstellung bewahrt hat, dass Bildung etwas zu tun hat, mit Selbstbewusstsein und dem m&#252;ndigen Einfordern menschenw&#252;rdiger Lebensbedingungen kann nicht umhin, Sympathie f&#252;r die Demonstranten und ihre Forderungen zu entwickeln. Und als Bildungswissenschafter bin ich &#252;ber die Sympathie hinsichtlich der Tatsache hinaus, dass junge Menschen bereit sind, f&#252;r bessere Studienbedingungen zu k&#228;mpfen, besonders davon angetan, dass sich als erster Punkt im Forderungskatalog der aufm&#252;pfigen Student/innen die grunds&#228;tzliche Forderung nach „Bildung statt Ausbildung“ findet. Schlie&#223;en die Protestierenden doch damit an eine Grundsatzaussage der Bildungswissenschaft an, dass Bildung und Ausbildung ein Gegensatzpaar darstellen und es ziemlich schwer ist, beide unter einen Hut zu bringen, sowie, dass Lernprozesse nicht auf ein Lernen zum Brauchbarwerden reduziert werden d&#252;rfen! Eine Untersuchung des Instituts f&#252;r Jugendkunde, die w&#228;hrend der zweiten Protestwoche durchgef&#252;hrt wurde, brachte &#252;brigens zutage, dass die Forderung „Bildung statt Ausbildung“ von fast 70% aller protestierenden Student/innen als die wichtigste Aussage ihres Forderungskatalogs betrachtet wird.</p>
<p>Obwohl ich mit dem gegenw&#228;rtigen Protest somit durchaus sympathisiere und ihn in seinem Kern f&#252;r zutiefst richtig halte und ich ihn dort, wo es f&#252;r mich m&#246;glich ist, auch nach Kr&#228;ften unterst&#252;tze, m&#246;chte ich die von den Student/innen aufgestellten Forderungen f&#252;r meinen heutigen Vortrag in kritischer Form aufgreifen. Ich m&#246;chte zeigen, dass selbst dann, wenn Bildung heute noch im Sinne eines Kampfbegriffs aufgegriffen wird und daf&#252;r dient, die aktuell gegebenen bildungspolitischen Verh&#228;ltnisse in grunds&#228;tzlicher Form zu kritisieren – wie das in der aktuellen Situation passiert –, der Begriff – eh’ man sich’s versieht – klammheimlich den Charakter einer Pathosformel annimmt.</p>
<p>Kritisiert wird von den Studierenden der mit dem System der Verwertung von Allem und Jedem bzw. Jeder konform gehende Umbau der Universit&#228;ten. Die Proteste richten sich gegen die in den letzten Jahren mit un&#252;bersehbarer Konsequenz vorangetriebene Verwandlung von Schulen, Hochschulen und Universit&#228;ten in marktwirtschaftlich agierende Dienstleistungsunternehmen. Dienstleistungsunternehmen in denen &#246;konomisch verwertbares Wissen, Qualifikationen und Kompetenzen zur systematischen Produktion von Humankapital vermittelt werden. Moniert wird, dass im Zuge der aktuellen Entwicklungen die hinter dem Begriff Bildung stehende Idee der Entwicklung des Subjekts zu einem autonomen Individuum durch Aufkl&#228;rung verloren geht. Und dass an seine Stelle nun die konsequente Zurichtung der Subjekte zu Elementen betriebswirtschaftlicher Verwertung trete, verbunden mit der Banalisierung von Wissen zu einer kauf- und verkaufbaren Ware sowie der Reduzierung auch der &#246;ffentlich organisierten Bildungsangebote auf eine, durch unterschiedliche Zugangsh&#252;rden, zu denen zumindest zum Teil auch durch Studiengeb&#252;hren geh&#246;ren, k&#252;nstlich knapp gehaltene Dienstleistung.</p>
<p>Auch wenn die Proteste der Studierenden im Sinne eines Aufschreis von Menschen gegen ihre voranschreitende Degradierung zu Humanressourcen, die mit allen Mitteln der p&#228;dagogischen Kunst verwertungstauglich gemacht werden, durchaus nachvollziehbar sind, zeigt auch ein nur ein fl&#252;chtiger Blick auf den Gesamtzusammenhang, dass die kritisierten Zust&#228;nde System haben und dass mit mehr Geld f&#252;r Bildung oder entsprechenden organisatorischen Ver&#228;nderungen im Bildungsbereich die zurecht als Skandal empfundenen Zust&#228;nde ganz sicher nicht grunds&#228;tzlich ver&#228;ndert werden k&#246;nnen. Die l&#228;ngst transnational agierende kapitalistische &#214;konomie zwingt Staaten, Regionen, Unternehmen und Individuen bei Strafe ihres sonstigen Untergangs in einen immer umfassenderen Konkurrenzkampf. Die damit verbundene konsequente Unterordnung des Bildungswesens inklusive der Universit&#228;ten unter die Verwertungspr&#228;misse stellt somit keine wirkliche Neuigkeit dar. Die aktuell stattfindenden Ver&#228;nderungen machen es blo&#223; unm&#246;glich, weiterhin so zu tun, als ob zumindest die Universit&#228;ten ein Hort m&#252;ndig machender Bildung bleiben k&#246;nnten. Es wird blo&#223; offensichtlich, dass die sch&#246;ngeistige Idee der Bildung immer nur ideologischer &#220;berbau f&#252;r die kapitalkonforme Zurichtung der Menschen war. Auch im Bildungsbereich wird blo&#223; kenntlich, was den Kapitalismus von allem Anfang an gekennzeichnet hat, die Verwertungslogik des Marktes!</p>
<p>Die Vermarktwirtschaftlichung der Bildung hat n&#228;mlich keineswegs erst in den letzten Jahren begonnen. Bildung, bzw. das, was sich daf&#252;r ausgibt, ist nicht erst im Neoliberalismus zur Ware geworden. Sie ist Ware, seit der Besuch von Schulen und Universit&#228;ten nicht mehr nur einer privilegierten Minderheit vorbehalten, sondern zum Aufstiegsvehikel im Kampf um vorteilhafte gesellschaftliche Positionen geworden war. Sie ist zur Ware genau innerhalb jenes Systems geworden, das wir mit den durchaus positiv konnotierten Begriffen Aufkl&#228;rung und wissenschaftlich-technische Revolution verkn&#252;pfen. Schon seit mindestens 150 Jahren ist besiegelt, dass Wissen eine Ware ist und Bildung wurde sp&#228;testens seit sie in institutionalisierter Form als umfassendes Bildungssystem praktisch wurde, ihrer systemkritischen Potenz beraubt. Das haben Kulturkritiker wie Friedrich Nietzsche oder Siegfried Bernfeld schon vor ungef&#228;hr einem Jahrhundert beklagt. Und diese Analyse haben andere kritische Denker, wie beispielweise Theodor Adorno oder André Gorz, auch dann aufrechterhalten, als in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Vorstellung Karriere gemacht hat, das Gesellschaftssystem lie&#223;e sich &#252;ber die Reform nationaler Bildungssysteme aushebeln.</p>
<p>Die in den letzten Jahrzehnten vorangetriebene Liberalisierung des Wissensmarktes durch die im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO geschlossenen Abkommen, wie beispielsweise dem GATT (General Agreement on Tarifs and Trade) oder dem GATS (General Agreement on Trade in Services) und der damit er&#246;ffnete Handel mit der Ware Wissen war blo&#223; der logische n&#228;chste Schritt im Zuge des sich global ausweitenden Kapitalismus. Und die Notwendigkeit auf den globalen kapitalistischen Konkurrenzkampf zu reagieren, war auch Ursache f&#252;r den von der Europ&#228;ischen Union 1999 in Bologna eingeleiteten Prozess der Reformierung der europ&#228;ischen Hochschulsysteme. Durch den sogenannten Bolognaprozess sollen die Universit&#228;ten in Dienstleistungsunternehmen in einem wettbewerbsgesteuerten Wissensmarkt umgestaltet und die Voraussetzung geschaffen werden, um die EU bis zum Jahr 2010 zum „weltweit gr&#246;&#223;ten wissensbasierten Wirtschaftsraum“ zu machen.</p>
<p>Wenn hier auch in euphemistischer Manier von „Wettbewerb“ gesprochen wird und nicht von einem konkurrenzgepeitschten Kampf, und selbstverst&#228;ndlich schon gar nicht von einem Krieg, der mit &#246;konomischen Mitteln gef&#252;hrt wird, bei dem es allerdings durchaus um Leben und Tod geht, zeigt die Metapher vom wissensbasierten Wirtschaftsraum ganz klar, worum es geht: Um die konsequente Reduktion von Bildungsprozessen auf vergleichbare, quantifizierbare und somit mess- und abpr&#252;fbare Leistungen sowie die Reduktion der Absolvent/innen von Bildungseinrichtungen auf berechenbare Verk&#246;rperungen verwertbarer Kompetenzen. Wissen und Wissende sollen objektiviert werden und in Mittel zur Steigerung &#246;konomischer Macht im globalen Kampf der EU mit den USA auf der einen Seite sowie Japan und China auf der anderen Seite verwandelt werden. Die durch technologisch bedingte Produktivit&#228;tsfortschritte und globale Wirtschaftsm&#246;glichkeiten sich seit vielen Jahren verdichtende kapitalistische Verwertungskrise bedingt einen massiv steigenden Konkurrenzdruck in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dadurch wird derzeit offenbar endg&#252;ltig der idyllischen Vorstellung der Boden entzogen, durch ein im Rahmen der Konkurrenz&#246;konomie organisiertes Lernen k&#246;nnte Bildung im Sinne einer Entwicklung in Gang gesetzt werden, bei der Menschen ihr humanes Potential entfalten und sich selbst zum Menschen machen. </p>
<p>Der verzweifelte Aufschrei der Student/innen, dass Bildung keine Ware sein darf, sondern Menschenrecht sei und mit Ausbildung nicht gleichgesetzt werden d&#252;rfe, kn&#252;pft an das philosophische Menschenbild an, dem leider schon vor langer Zeit der Boden entzogen worden war. Ein Menschenbild, das in den deutschsprachigen L&#228;ndern Mitteleuropas um 1800 zwar kurze Zeit eine institutionelle Entsprechung in der Humbold’schen Universit&#228;t gefunden zu haben schien, aber sehr rasch zum sch&#246;ngeistigen &#220;berbau des Bildungswesens degradiert wurde – zu einer Pathosformel, die zur Legitimation einer weitgehend anderen Kriterien entsprechenden Realit&#228;t dient. Die Idee, die hinter der antiquierten Vision des gebildeten Menschen steht, ist die der Philosophie: Durch Wissen &#252;ber sich und die Welt kann der Mensch Selbstbewusstsein und Autonomie erreichen. Er emanzipiert sich von den ihn unterschwellig beeinflussenden M&#228;chten und gewinnt damit die M&#246;glichkeit, sich von Herrschaft jeder Art zu befreien. Finales Ziel dieser Entwicklung ist die zur vollen Entfaltung und Freiheit gelangte Menschheit. Bildung bezeichnet in diesem Menschenbild den Prozess der Erm&#228;chtigung zu Selbstbewusstsein und Autonomie. Sie steht damit – quasi per Definition – den jeweils vorhanden, sich als unver&#228;nderlich pr&#228;sentierenden und damit dem Menschen entfremdeten politischen, gesellschaftlichen, &#246;konomischen und kulturellen Verh&#228;ltnissen kritisch gegen&#252;ber.</p>
<p>Bekannterma&#223;en gilt Sokrates als Begr&#252;nder der Philosophie im skizzierten Sinn. Das Au&#223;ergew&#246;hnliche seines Verhaltens – das ihm diesen Ruf eingebracht hat – bestand darin, dass er die B&#252;rger Athens nicht zu belehren versuchte, wie dies zu jener Zeit die Sophisten taten, die ihr Wissen gegen Geld an den Mann zu bringen versuchten. Sokrates suchte den vern&#252;nftigen Dialog mit den Menschen. An den unmittelbaren Interessen seiner Gespr&#228;chspartner ankn&#252;pfend, hinterfragte er ihre Meinungen nach den Regeln der Logik, um ihr immanent unvern&#252;nftiges, da unlogisches Alltagsbewusstsein zu entlarven und sie zum folgerichtigen Selberdenken zu animieren. Seine Bem&#252;hungen ersch&#246;pften sich jedoch nicht in logischen Sprachspielen, sie zielten auf reale gesellschaftliche Ver&#228;nderungen, auf ein von Vernunft getragenes Zusammenleben freier B&#252;rger die sich dialogisch aufkl&#228;ren und als selbstbewusste Subjekte konstituieren. </p>
<p>Vergessen wird dabei allerdings meist, dass die wohl wesentlichste Voraussetzung eines derartigen Philosophierens die M&#246;glichkeit der freien B&#252;rger war, ein Leben in Mu&#223;e zu f&#252;hren. Im Gegensatz zu heute galt das Arbeiten in jener Zeit ja noch keineswegs als Tugend, es war Sache der Unfreien – der Sklaven und Frauen –, deren Unfreiheit ja genau darin gesehen wurde, dass sie der „Notdurft des Daseins“ unterworfen waren. Das von Sokrates propagierte Hinterfragen als selbstverst&#228;ndlich geltender und allgemein akzeptierter Grundlagen des sozialen Lebens ist n&#228;mlich letztendlich nur m&#246;glich im Sinne eines Zur&#252;cktretens vom allt&#228;glichen Handlungsdruck und einer gelassenen Auseinandersetzung mit den Tatsachen der Welt. Reflexion setzt Mu&#223;e voraus, die Schule sollte der antiken Vorstellung gem&#228;&#223; ein dementsprechender Ort sein. Der Name „Schule“ hat – auch wenn es der heutigen Realit&#228;t Hohn spricht – seinen Ursprung ja auch im altgriechischen scholé, dem Wort f&#252;r Mu&#223;e. &#220;bertr&#228;gt man die Notwendigkeit der Mu&#223;e als die Grundbedingung der M&#246;glichkeit von Bildung auf die heutige Situation, ist es offensichtlich: Der gegenw&#228;rtig allen organisierten Lernprozessen immanente Zeit- und Effektivit&#228;tsdruck sowie der Zwang, gewonnene Erkenntnisse unter Androhung des Untergangs im allgegenw&#228;rtigen Konkurrenzkampf einsetzen zu m&#252;ssen, ist der Bildungsidee im Sinne des sokratischen Philosophierens diametral entgegengesetzt.</p>
<p>Grundprinzip der Philosophie ist der Zweifel, Philosophie ist getragen vom Bewusstsein der Unabgeschlossenheit und Relativit&#228;t des Wissens. Dementsprechend korreliert Philosophie stets auch mit immanenter Kritik an der sophistischen Vorstellung, dass es m&#246;glich w&#228;re, Wissen wie privates Eigentum zu besitzen und als Ware mit ihm Gesch&#228;fte zu machen. Bildungsprozesse, die sich im skizzierten Sinn am philosophischen Menschenbild orientieren, zielen darauf ab, dass den Menschen die Welt fraglich wird und sie auch die sozialen Verh&#228;ltnisse nicht unhinterfragt akzeptieren. Aufkl&#228;rung bedeutet nicht das Vermitteln vorgeblich gesicherten Wissens, sondern das Hinf&#252;hren zum Hinterfragen vorgeblich unverr&#252;ckbar geltender Tatsachen. </p>
<p>Diese am philosophischen Menschenbild ausgerichtete Vorstellung von Bildung war &#252;ber 2000 Jahre wirksam – selbstverst&#228;ndlich stets nur bezogen auf die sogenannten Freien in der Bev&#246;lkerung, jene Gruppe also, die das Privileg der Mu&#223;e f&#252;r sich beanspruchen konnten. Die bei Sokrates noch gegebene Verkn&#252;pfung von Selbst- und Welterkenntnis mit Gotteserkenntnis verlor in der Neuzeit immer mehr ihre Bedeutung. Die Bildungsidee wechselte in der Folge ihren Wohnort und &#252;bersiedelte aus den theologischen Gelehrtenstuben in die zunehmend entstehenden Universit&#228;ten. Zugleich wurde der Bildungsbegriff in seiner s&#228;kularisierten Form auch zum Leit- und Kampfbegriff des um seine gesellschaftliche Vormachtstellung k&#228;mpfenden B&#252;rgertums. Die b&#252;rgerliche Revolutionsbewegung bezog ihre Dynamik aus der Vorstellung, dass die Positionsverteilung in der Gesellschaft nicht durch Geburtsprivilegien, sondern &#252;ber die Bereitschaft entschieden werden soll, an der Vervollkommnung seiner selbst als Mensch zu arbeiten. Die Bildungsidee war auf das Engste mit den revolution&#228;ren Bewegungen des 19 Jahrhunderts verbunden.</p>
<p>Der urspr&#252;ngliche Konnex zwischen der Bildungsidee und dem Anspruch einer Umw&#228;lzung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse wurde in den deutschsprachigen L&#228;ndern Mitteleuropas allerdings sehr bald wieder aufgebrochen. Denn w&#228;hrend die b&#252;rgerlichen Revolutionen in vielen anderen L&#228;ndern unmittelbar zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Umw&#228;lzungen f&#252;hrte, blieb die Revolution in Mitteleuropa quasi am halben Weg stehen. Zu bedeutsamen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen kam es erst nach und nach und nicht als direkte Folge revolution&#228;rer Aufst&#228;nde. Hintergrund daf&#252;r war, dass sich durch die Entdeckung und Eroberung Amerikas der europ&#228;ische Welthandel an den Atlantik verlagert hatte, wodurch sich die Zentren des b&#252;rgerlichen Fortschritts ebenfalls in Richtung Westen, nach Frankreich, in die Niederlande und nach England verschoben. Das deutschsprachige Mitteleuropa stagnierte in seiner sozio&#246;konomischen Entwicklung – f&#252;r eine erfolgreiche b&#252;rgerliche Revolution fehlte damit die gesellschaftliche Grundlage. Die Idee der Bildung verlor damit in den deutschsprachigen L&#228;ndern ihren revolution&#228;r-gesellschaftlichen Bezug und wurde zunehmend auf Innerlichkeit beschr&#228;nkt – sie wandelte sich von einer Kampflosung zu einem Pathosbegriff. Als ein solcher wurde sie konserviert und konnte sich – allerdings auch nur kurze Zeit und nur f&#252;r die gesellschaftliche Elite – im Ideal der Humboldt’schen Universit&#228;t verwirklichen. </p>
<p>Dass es au&#223;erhalb der deutschen Sprache keine begriffliche Entsprechung des Wortes Bildung gibt, h&#228;ngt genau mit der skizzierten und unerf&#252;llten revolution&#228;ren Hoffnung in den „deutschen L&#228;ndern“ zusammen. Der revolution&#228;re Gehalt der Bildungsidee wurde hier kastriert, er wurde von gesellschaftlicher Praxis abgekoppelt und als blo&#223; sch&#246;ngeistige Theorie bewahrt. Hegel hat den Unterschied zwischen Deutschland und dem revolution&#228;ren Frankreich in diesem Sinn folgenderma&#223;en charakterisiert: „Wir haben allerhand Rumor im Kopfe und auf dem Kopfe; dabei l&#228;sst der deutsche Kopf eher seine Schlafm&#252;tze ganz ruhig sitzen und operiert innerhalb seiner.“</p>
<p>Letztendlich wurde das was im deutschen Begriff Bildung zwar weiterhin idealisiert wurde, anti-revolution&#228;r und zum Widerspruch jener philosophische Idee, auf die weiterhin Bezug genommen wird. Schon Kant spaltet die Freiheit in eine innere und eine &#228;u&#223;ere auf – w&#228;hrend &#228;u&#223;ere Freiheit f&#252;r ihn eine soziale Gr&#246;&#223;e darstellt und z.B. rechtliche, soziale und politische Umst&#228;nde umfasst, beschreibt innere Freiheit einen Zustand, in dem der Mensch sich von inneren Zw&#228;ngen wie z.B. Trieben, Erwartungen, Gewohnheiten oder Konventionen befreit. Bildung war f&#252;r Kant der Schl&#252;ssel zur inneren Freiheit. Im, wie er formulierte, „b&#252;rgerlichen Amte“ hingegen, sei der Mensch blo&#223; ein Werkzeug und zum Gehorsam gezwungen. Fichte, Humboldt und Schleiermacher idealisierten in &#228;hnlicher Diktion die Universit&#228;t als eine Ort, wo man sich vom Materialismus der b&#252;rgerlichen Welt zur&#252;ckzieht, um „in Einsamkeit und Freiheit“ die Wahrheit zu suchen. Frei von autorit&#228;ren Weisungen und demokratisch verfasst sollten die Universit&#228;ten St&#228;tten des freien Denkens sein – keinesfalls jedoch Zellen des gesellschaftlichen Widerstandes. Die im Humboldt’schen Universit&#228;tsideal zur Geltung kommende Vorstellung von Bildung korreliert mit einem Untertanengeist, der die &#228;u&#223;ere Welt einerseits verachtet und sich ihr andererseits widerstandslos unterordnet. In derart kastrierter Form konnte die Bildungsidee auch ziemlich problemlos mit dem autorit&#228;ren Staat und dem autorit&#228;ren Charakter in Einklang gebracht werden. </p>
<p>Endg&#252;ltig von ihren gesellschaftskritischen Wurzeln abgeschnitten wurde Bildung dann im Zuge der wissenschaftlich-technischen zweiten industriellen Revolution. Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine Auff&#228;cherung der universit&#228;ren Disziplinen, verbunden mit ihrer Abnabelung von der Philosophie. Zugleich wurden die Fachwissenschaften zunehmend &#246;konomischen Imperativen unterworfen. Das System gesellschaftlich organisierten Lernens, das weiterhin als Bildungssystem bezeichnet wurde, nahm auch an den Universit&#228;ten rasch den Charakter von Ausbildung an. Bildung reduzierte sich auf Wissensvermittlung, auf den Kauf und Verkauf von n&#252;tzlichem, &#246;konomisch verwertbarem Wissen – Bildung wurde zu einer Ware. Auch Universit&#228;ten wurden zu blo&#223;en Produktionsst&#228;tten verwertbarer Fachkr&#228;fte – von Fachidioten, wie es die Studentenbewegung der 1968er Jahre formulierte. </p>
<p>Das vorl&#228;ufig letzte Kapitel im skizzierten Niedergang der Bildungsidee wird aktuell im Neoliberalismus geschrieben. An die Stelle bewusster, nach &#246;konomisch-rationalen Gesichtspunkten vorgenommener staatlicher Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft tritt im Neoliberalismus der Wettbewerb und die Anarchie des Marktes. Nationalstaaten verlieren angesichts des globalisierten wirtschaftlichen Geschehens zunehmend ihre Autonomie, ihre Funktion ersch&#246;pft sich immer mehr darin, Garanten juristisch stabiler Verwertungsr&#228;ume zu sein. Oberste gesellschaftliche Instanz ist nun der Wettbewerb, durch ihn soll alles gesteuert und ihm muss dementsprechend alles untergeordnet werden. </p>
<p>Auch f&#252;r die EU stellt es ein Grundsatzziel dar, alle wesentlichen bisher durch politische Mechanismen gesteuerten Gesellschaftsbereiche dem Markt zu &#252;berantworten und nach Kriterien der Konkurrenz zu gestalten. Selbstredend geh&#246;rt dazu auch der Bildungsbereich und dabei nicht an letzter Stelle die Universit&#228;ten. Bildungseinrichtungen sollen auf diese Art in ihrer Funktion als Wissensbetriebe zur Produktion verwertbaren Humankapitals effektiver werden – Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler sowie Studentinnen und Studenten sollen in einem permanenten Wettbewerb stehen, ihre Leistungen sollen permanent getestet und verglichen werden. F&#252;r den Krieg mit &#246;konomischen Mitteln m&#252;ssen alle Reserven aktiviert werden.</p>
<p>Der Zusammenhang von Bildung, vernunftbegr&#252;ndeten sozialen Utopien und Humanit&#228;t wird nun endg&#252;ltig auch ideologisch verabschiedet; Bildung tritt faktisch nur noch als Wettbewerbsformel ins allgemeine Bewusstsein. Dazu hat der langj&#228;hrige Leiter des deutschen Max-Plank Instituts f&#252;r Bildungsforschung, Hellmut Becker in einer bereits in den 1960er Jahren gef&#252;hrten Diskussion mit dem Philosophen Theodor Adorno, die 1971 unter dem Titel „Erziehung zur M&#252;ndigkeit“ ver&#246;ffentlicht wurde, festgestellt, dass der zum Prinzip erhobene Wettbewerb die Grundlage der Enthumanisierung der Gesellschaft darstellt. Adorno stimmte dieser These nachdr&#252;cklich zu. Auch er identifizierte den Wettbewerb als jeder humanen Entwicklung entgegenstehend und meinte, Menschen d&#252;rften sich nicht dumm machen lassen und m&#252;ssten sich dem im allumfassenden Konkurrenzgedanken widerspiegelnden gesellschaftlichen Analphabetismus entgegensetzen. </p>
<p>Zwischenzeitlich gilt allerdings jeder, der sich im Sinne dieser Aussagen nicht dumm machen l&#228;sst und an Markt und Konkurrenz als den idealen Steuerungsinstrumente des sozialen Zusammenlebens zweifelt, schlichtweg als verr&#252;ckt. Das dem alles umfassenden Wettbewerb untergeordnete organisierte Lernen ist als Mittel, um die Irrationalit&#228;t des Wettbewerbsprinzips zu hinterfragen, zahnlos, da es l&#228;ngst selbst Teil des Machtmolochs Markt ist. Die im Wettbewerb erzogenen Menschen haben gelernt, sich selbst blo&#223; noch in Relation zu ihrem Marktwert wahrzunehmen und sich dem Zwang zum permanenten Vergleich widerspruchslos zu unterwerfen. Und sie haben gelernt gesellschaftliche Krisen in individuelle Defizite umzudeuten. An die Stelle des Zusammenhangs von Bildung und Revolution ist in der totalit&#228;ren Wettbewerbsgesellschaft der Zusammenhang von entfremdeten Wissen und Reform getreten. </p>
<p>In dieser Situation blo&#223; den l&#228;ngst zur Pathosformel reduzierten Bildungsbegriff aus der Mottenkiste zu holen und Bildung statt Ausbildung zu propagieren greift meines Erachtens zu kurz. Der Bildungsbegriff birgt in sich zwar tats&#228;chlich ein Menschenbild, das dem hierzulande geradezu totalit&#228;ren Konkurrenzprinzip diametral entgegengesetzt ist. Allerdings wurde diesem Menschenbild schon im Zuge der Installierung des Konkurrenzkapitalismus und nicht erst im Zuge seiner krisenhaften Entwicklung der letzten Jahre das Wasser abgegraben. Wer die Bildungsidee wirklich reanimieren will, muss erst einmal die Gr&#252;nde ihrer Liquidierung aufdecken. Und die sind im Konkurrenzkapitalismus mit seiner Pr&#228;misse der Verwertung von Allem und Jeden begr&#252;ndet. </p>
<p>Als Kampfbegriff taugt der Bildungsbegriff nur, wenn er aus den Fesseln seiner b&#252;rgerlichen Domestizierung und der damit verbundenen Anbindung am markt(wert)orientierten Leistungsbegriff befreit wird. Ein Primat von Bildung zu fordern und sich daf&#252;r einzusetzen, dass organisiertes Lernen nicht blo&#223; daran orientiert ist, Menschen zu brauchbaren Gesellschaftsmitgliedern und n&#252;tzlichen Arbeitnehmern zu machen, muss am Hinterfragen des Marktwerts als Richtgr&#246;&#223;e aller gesellschaftlicher Entwicklungen ansetzen. Letztendlich kann Bildung ihre urspr&#252;ngliche gesellschaftstransformierende Potenz nur wiedergewinnen, wenn sie jenseits von Wert und Verwertung, wenn sie also als wert los begriffen wird!</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/bildung-kampfbegriff-oder-pathosformel-2">Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel?</a></p>
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		<title>Nein zum Bildungs-Volksbegehren! Ja zur Bewegung!</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Nov 2009 12:03:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>

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		<description><![CDATA[von Andreas Exner am Dienstag, 10. November 2009 Sie tritt auf wie das Amen im Gebet. Sobald sich irgendeine Bewegung mit Chancen entwickelt, denkt man in &#214;sterreich nur an eines: Volksbegehren! Zeitungsleute denken selten oder flach. Sie sehen in den Studis entweder Chaoten oder brave B&#252;rgerinnen des Staates. W&#228;hrend sich die einen daher mit Schaudern [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/nein-zum-bildungs-volksbegehren-ja-zur-bewegung">Nein zum Bildungs-Volksbegehren! Ja zur Bewegung!</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-5294"></span>am Dienstag, 10. November 2009</p>
<p>Sie tritt auf wie das Amen im Gebet. Sobald sich irgendeine Bewegung mit Chancen entwickelt, denkt man in &#214;sterreich nur an eines: Volksbegehren!</p>
<p>Zeitungsleute denken selten oder flach. Sie sehen in den Studis entweder Chaoten oder brave B&#252;rgerinnen des Staates. W&#228;hrend sich die einen daher mit Schaudern abwenden, fallen die andern ganz folgerichtig in zivilgesellschaftliche Verz&#252;ckung: Wie sie nicht alle reden tun, unsere Studis, wie interessiert und diskursiv. Und putzen tun sie auch. Was will man mehr. “Audimaxismus braucht das Land”, t&#246;nt also der Falter. Nicht nur die Kurieristen wollen per studentischem Protest die &#246;sterreichische Politik kurieren.</p>
<p>Gr&#246;&#223;er kann Bornierung kaum noch sein.</p>
<p>Sie findet in Teilen der Studierendenbewegung durchaus ihren Anhaltspunkt. W&#228;hrend die kritischen K&#246;pfe der Studis die Universit&#228;t im gesellschaftlichen Kontext sehen und als Bestandteil kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse, phantasieren sich die anderen irgendein kontextloses “Bildungsproblem” zusammen. Da greifen die Medien freudig zu, und die Politik &#252;bt sich in mildem Verst&#228;ndnis.</p>
<p>Kein Wunder: Man sieht schlicht und ergreifend die Konkurrenzf&#228;higkeit des Standorts &#214;sterreich bedroht. Die Proteste der Studis nimmt man lediglich als ein Warnsignal &#8211; man muss mehr investieren, um nicht am Weltmarkt zur&#252;ckzufallen. Dem Motiv der Solidarisierung mit den Studis ist also nur teilweise zu vertrauen. Vielfach tritt darin nichts weiter als die &#252;bliche Standort-, Konkurrenz- und Wachstumsschei&#223;e hervor.</p>
<p>Das also ist Stand der Bewegung, aus der heraus nun ein paar staatsb&#252;rgerlich Gesinnte mit der ungemein originellen Idee einer Volksbefragung an das Licht der &#214;ffentlichkeit treten. Schon am Montag, 9.11., sieht “&#214;sterreich” getreu seinem Titel auf S. 8 eine “Begeisterung f&#252;r Volksbegehren”. Der Neoliberale van der Bellen jubelt: “Wenn die Studierenden das schaffen, w&#228;re ein Volksbegehren ein Instrument, die Debatte am Leben zu erhalten und zu intensivieren.”</p>
<p>Baby baby… Ein Volksbegehren ist ein Instrument, eine Debatte abzut&#246;ten.</p>
<p>Da w&#228;re einmal der Blick auf bisherige Volksbegehren zu richten. Selbst nach ihrem eigenen bornierten Ma&#223;stab waren sie zum gro&#223;en Teil erfolglos. Die ausreichend Unterst&#252;tzung erhielten, verschwanden nach ihrem glorreichen Sieg recht glorlos in der Versenkung. Zwentendorf war ein &#228;u&#223;erst knappes Votum und dass die Leute gegen Atomkraft stimmten, war mehr der Kritik an Kreisky als &#246;kologischem Bewusstsein geschuldet. Das Volksbegehren selbst hat der &#214;kobewegung nicht weitergeholfen. Umgekehrt: Die damalige Bewegung hat verhindert, dass das Volksbegehren ein Desaster wurde und in Zwentendorf ein Meiler steht. Kleine Scherzfrage am Rande: Kann sich noch wer an das Volksbegehren “Sozialstaat &#214;sterreich” erinnern? Oder an das gegen das Konferenzzentrum in Wien; das Frauenvolksbegehren oder das gegen die Gentechnik? Die Liste lie&#223;e sich lang fortsetzen, Details hat das Bundesministerium f&#252;r Inneres hier zusammengestellt.</p>
<p>Doch das ist nur der eine Teil des Arguments. Man muss grunds&#228;tzlich Kritik &#252;ben an der Volksbegehrens-Schnapsidee. Schon der Begriff ist reichlich verr&#228;terisch: Das Volk begehrt. Nicht das Aufbegehren ist damit gemeint, denn das w&#228;re ja erfreulich. Nein, ein Begehr, als wollte man den Monarchen um Erlaubnis bitten. Was soll hier eigentlich begehrt werden und wer soll dies Begehr erf&#252;llen? Zur Erinnerung: Unsere Forderungen beinhalten auf einer allgemeinen Ebene umfassende Anti-Diskriminierung in allen Bildungseinrichtungen, Demokratisierung der Universit&#228;ten, Abschaffung der &#214;konomisierung der Bildung, selbstbestimmtes Studieren und die Verankerung einer geschichtliche Aufarbeitung an der Universit&#228;t.</p>
<p>Was bitte soll da ein Volksbegehren? Ja, ich bin f&#252;r die Abschaffung des Kapitalismus &#8211; oder was? L&#228;cherlicher geht’s nicht.</p>
<p>Die Volksbegehrer haben daher nur zwei Optionen: entweder sie riskieren den raschen Tod der Bewegung; oder sie h&#228;ckseln die Forderungen so klein, dass die Bewegung erst recht umsonst war.</p>
<p>Um kein Missverst&#228;ndnis zu provozieren zwei Bemerkungen.</p>
<p>Erstens sind die Forderungen nicht grunds&#228;tzlich inkompatibel mit dem Kapitalismus als solchem &#8211; das hei&#223;t mit Lohnarbeit, Markt und Staat. Allerdings stehen sie seiner gegenw&#228;rtigen Form, die nicht revidiert werden kann, komplett entgegen und stellen ihn daher auch in Frage. Es gibt kein Zur&#252;ck in die Zeit nach 1968 &#8211; die &#252;brigens Produkt einer radikal kapitalismuskritischen Bewegung war. Der Kapitalismus ist ein dynamisches System, kein “Modell”, das man sich nach Belieben zurechtschustern kann. In der parallelen Weltkrise des menschenw&#252;rdigen Lebens und der Verwertung des Kapitals sind selbst minimale Forderungen und Anspr&#252;che bereits systemgef&#228;hrdend. Deshalb tr&#228;gt die Studibewegung eine anti-kapitalistische Perspektive als eine wirkliche M&#246;glichkeit, ja eine m&#246;gliche Wirklichkeit in sich.</p>
<p>Zweitens: Der Kapitalismus und das ihm entsprechende Bildungssystem geh&#246;ren selbstverst&#228;ndlich abgeschafft, und zwar so rasch wie m&#246;glich. Das geht aber nicht per Volksbegehren. Ein gesellschaftlicher Wandel ist nicht zu dekretieren. Der Staat hat mit einem befreiten Leben nichts zu tun, genausowenig wie der Markt.</p>
<p>Das Bildungs-Volksbegehren ist zu kritisieren, weil es der Bewegung den Saft abziehen w&#252;rde, f&#252;r die Vorbereitung, Werbung und die Durchf&#252;hrung. Und es w&#252;rde der Bewegung und ihren Potenzialen einen kalten Schlusspunkt setzen &#8211; egal ob das Begehr nun Erfolg hat oder nicht. Mit ihm h&#228;tten die Medien und die Politik die Bewegung endlich im Griff. Genau deshalb fahren sie darauf ab. Wer es ernst meint mit einer Verbesserung des Lebens zehntausender Studierender und sich f&#252;r die L&#246;sung der &#246;konomischen, &#246;kologischen und sozialen Probleme der Gesellschaft einsetzt, wof&#252;r eine andere Form von Bildung erfordert ist als sie derzeit existiert, kann zum Volksbegehren daher nur eines sagen: N&#228;mlich nein.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/nein-zum-bildungs-volksbegehren-ja-zur-bewegung">Nein zum Bildungs-Volksbegehren! Ja zur Bewegung!</a></p>
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