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Streifzüge 37/20062000 Zeichen abwärts Der kritische Konsument"Der Kunde ist König", propagierte man früher. Heute hat der Konsument ein kritischer zu sein, der "grüne Punkt" am bunten Giftcocktail? . Er soll die Produkte der (bösen) "Geschäftemacher" meiden und anstatt dessen faire und ökologische zu gerechten Preisen kaufen. Wie aber gehen solche Attribute mit den Gesetzen des Marktes zusammen? Das Wunderwesen "kritischer Konsument" kann angeblich bestimmen, was wie produziert wird und was auf dem Markt angeboten wird. Wenn er wirklich was zu sagen hätte, der kritische Konsument, hätte er wohl den herrschenden Irrsinn des Warenschrotts und der globalen Vermüllung schon zu verhindern gewusst. Abgesehen davon, dass der Mensch in einer emanzipierten Gesellschaft kein Konsument mehr wäre (die Charktermaske Konsument ist ja nur die Kehrseite des Lohnarbeitenden), wie sollte das denn funktionieren, immerzu p.c. einzukaufen? Soll der Konsument alle Supermärkte abklappern, um sich in jedem vom kleinen Bio-Sortiment mit dem Notwendigen einzudecken? Soll er immerzu in einen weit entfernten Bioladen pilgern - womöglich mit dem Auto? Warum wird ausgerechnet der Konsument, also der "Endverbraucher", das letzte Glied in der Kette, mit der ehrenwerten Aufgabe betraut, sich p.c. zu verhalten? Warum soll der Konsument mit hängender Zunge und ohne die nötigen finanziellen Mittel die (wesentlich) teureren fairen Öko-Rosinen mühselig aus dem monströsen Giftkuchen herauspicken? Und die Masse der "Versorger" darf immer mehr Schadstoffe und Genveränderungen in den Wareneintopf mischen? Die systemlogische Frage müsste zumindest lauten: Wäre es nicht einfacher, wenn es überhaupt nur faire und ökologische Produkte zu "gerechten" Preisen für alle und "gerechte" Löhne für die Produzenten gäbe? Aber ist noch niemandem aufgefallen, dass es in einer Marktwirtschaft, in der die Verwertung oberstes Gebot ist, nur marktgerecht zugehen kann und "der kritische Konsument" nur ein moralischer Popanz sein kann? M.Wö.
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Streifzüge 37/20062000 Zeichen abwärts Gewalt ist geilIn Wien fielen dieser Tage gleich mehrere Sujets dieser Rubrik ins Auge. So etwa jenes auf dem aktuellen Plakat der Werbeakademie. Es zeigt eine Computermaus. Das ist freilich nicht der Rede wert - wären da nicht die Blutspuren. Passend dazu der Slogan: "Die etwas härtere Ausbildung". An der österreichischen Werbeakademie, so also die frohe Botschaft, bildet eins sich locker blutig. Eine ähnliche Klientel dürfte die Plakatserie des Radiosenders FM4 hübsch cool finden, die uns offenbart: "Wer hören will, muss fühlen". Offenbar gilt dies für jene, die beim bloßen Hören wenig fühlen. Auf einem der Plakate wird der Slogan nämlich unterlegt mit dem Bild eines Skaters, dessen Ellbogen eine blutende Wunde, die an ein Einschussloch erinnert, schmückt. Freilich, Brutalität in der Werbung ist nicht neu. Neu allerdings scheint der Trend, Konsum gezielt mit Unlust anzukurbeln. Denn üblicherweise dient Werbung ja dazu, Konsumlust anzuregen. Sie umhüllt den Warenpöbel diesem Ziel entsprechend mit Sex, Glanz und Status. Die Werbung mit Gewalt jedoch enthüllt ganz ohne Scham die Gewalt der Werbung. Nicht allein eine Verschärfung, auch eine Wendung steckt darin: Der Imperativ des Genusses wird abgelöst vom Schmerzdiktat. Anders als in offen sadistischer Werbung á la Golf Week Austria, die das Gesicht einer Frau zeigt, deren Unterlippe von einem Schlag geschwollen ist, und mit der Aufforderung "Treffen sie Kolleginnen!" für die "Golf Week business challenge 2006" wirbt, wird hier mit dem Wunsch kokettiert, selbst Schmerz zu erleben. Konsum gilt in diesem Fall nicht mehr als Eintritt in das orale Eldorado von arbeitstoten Warenidioten, sondern gleicht einem Unterwerfungsritual genusserschöpfter Selbstzweck-Jünger. Mit bestem Beispiel geht die Werbeakademie ihrer Branche dabei voran. 2004 zeigte sie eine Plakatfolge mit "Größen der Werbe- und Medienbranche im In-Fight" - "Sie kämpfen unbarmherzig um einen Abgänger der Werbeakademie". Blöd geht das Kapital zugrunde. A.Ex.
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Streifzüge 37/20062000 Zeichen abwärts Hau den Bürger, wo du ihn triffst! Happy SlappingParis. Ein Schüler steht auf, nimmt einen Sessel, zerschmettert diesen auf dem Rücken der Lehrerin, tritt mit den Füßen auf sie ein. Die Klasse erstarrt für einige Sekunden, eilt dann aber der Lehrerin zu Hilfe und verjagt den Täter. Wir kennen diese Geschichte, weil sie ein Kumpel des Täters mit seiner Handykamera festgehalten hat. Der Polizei sagte er das Tatmotiv: "Sie geht mir auf den Wecker". So schockierend die Tat, so alarmierend die bürgerliche Reaktion. Sie macht die Tat zu einem Fall, kategorisiert sie: Schon wieder "happy slapping"! Das Begründen des Wahnsinns wird an Psychologen delegiert, die Gewalt aus einer Charakterschwäche des Täters abgeleitet. Das gehäufte Auftauchen solcher Videos kann aber nicht mehr aus zufälligen Mutationen der individuellen Psyche abgeleitet werden. Da ist was in Mode gekommen: In den Videos sieht man Jugendliche zufällig vorbeikommende Menschen niederschlagen. War es den Verbrechern früher wichtig, unerkannt zu entkommen, so wollen sie heute bei ihrer Tat beobachtet - ja bestaunt werden. Ohne Kamera keine Tat. Veröffentlicht wird das Dokument im alles verschlingenden Internet. Es ist schwer, in diesem Sumpf auf der Oberfläche zu erscheinen. Gelingen kann dies mit einem Schocker. Gewalt bringt Quote. Die Opfer sind Opfer im religiösen Sinn des Wortes, sie werden gebraucht, um eine Verbindung zur transzendenten Welt Bildfläche herzustellen. Jeder, der dort auftaucht, hat Zugang zu Höherem, denn dort sehen wir seine Verwandlung in die leuchtende Figur eines Jugendkultes, er ist vom Schatten zur blendenden Idee mutiert. Ein Star ist uns geboren, doch welch Himmelreich verspricht uns sein Erscheinen? M.Sch.
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Streifzüge 37/20062000 Zeichen abwärts Sakralbau des KapitalsDer Potsdamer Platz stellte in den "goldenen" Zwanziger Jahren die geistige und kulturelle Mitte Berlins dar, das Herz der damals pulsierenden vier Millionen Metropole. Im Zweiten Weltkrieg wurden 80 Prozent der Häuser zerstört, dann verlief die Mauer quer über das ehemalige Zentrum. Nach der Wiedervereinigung befand sich auf dem Gebiet des ehemaligen Todesstreifens eine "Gstätten", also Brachland. Nun, 80 Jahre später, wurde aus dem ehemaligen geistigen und kulturellen Zentrum eins des Kapitals - das "größte Dienstleistungszentrum Deutschlands", erbaut von Debis, einer Tochterfirma von Daimler-Chrysler. 70.000 Menschen pilgern täglich zum Wallfahrtsort des Kapitals. Für die 200 LKWs, die täglich aufkreuzen, wurde ein eigenes unterirdisches Straßennetz gebaut. Das Debis-Gebäude überragt alle anderen bei weitem. Seine Innenarchitektur erinnert frappant an einen christlichen Sakralbau mit Haupt- und Nebenschiff; der Blick wird himmelhoch geleitet, dem Licht entgegen. Was aber haben wir vom totalitären Gott Kapital zu erwarten? "Diese Göttlichkeit ist im doppelten Sinne ,heruntergekommen': auf den Boden der Tatsachen, damit aber auch aufs platte Realitätsprinzip. Der Markt verheißt nichts als sich selbst. Sein ,höchstes Gut' ist die Hochkonjunktur. So armselig er sich einerseits gegen die so genannten Hochreligionen ausnimmt, so sehr überstrahlt er sie andererseits. Die Art, wie der Markt die Welt anzuschauen lehrt, lagert sich allen anderen Weltanschauugen vor." (Christoph Türcke) M.Wö.
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Streifzüge 37/20062000 Zeichen abwärts Socken in ZivilDie "civil society" pries einst John Locke. Als "bürgerliche Gesellschaft" taucht sie auf bei Hegel. Gramsci galt die "società civile" als Hindernis der Revolution. Die Zivilgesellschaft ist so frisch wie eine alte Socke. Dies freilich schreckt nicht in jedem Falle ab, sich ihrer zu bemächtigen. Im Gegenteil. Socken sind wichtig, Retrolook ist in. Wie erinnerlich, stieg die "Zivilgesellschaft" auf, als die Mauer fiel. Ihre Blütezeit ist schon seit längerem vorüber. Liebhaber antiquarischer Diskurse haben sie nun behutsam aufgegriffen, ein wenig abgestaubt und parfümiert. Ihr zu Ehren veranstalteten sie in Wien jüngst eine "Konferenz Zivilgesellschaft". Allerlei Wissenswertes war dabei zu erfahren. "Die Zivilgesellschaft ist in aller Munde", meinten zwei in der Eröffnungsrede, "und hat ihre verbürgte Rolle, die heute niemand mehr ernsthaft bezweifelt. In Europa setzt die Zivilgesellschaft zum großen Atemholen an, frischer Wind rauscht durch die Lungen." Großes Atemholen, frischer Wind, rauschende Lungen - Zivilgesellschaft verleiht Flügel. Kein Wunder, blickt sie doch zurück auf Glanz und Glorie: "Ihre ersten Anfänge" nämlich "nahm die europäische Zivilgesellschaft mit dem Spartakus-Aufstand". Gleichwohl ist sie - Spartakus behüte - "nicht jenseits von Markt und Staat, sondern steht mitten drinnen". Wie sich das mit Spartakus verträgt, ist nicht ganz klar, aber sei's drum: römisches Reich und Nationalstaat, Sklaven, Herren, Bürger - das ist doch alles irgendwie dasselbe, nicht wahr? Weit besser noch harmoniert "Zivilgesellschaft" allerdings mit "französischer Revolution". Letztere sei es gewesen, "die den modernen Staat mit seiner Gewaltenteilung, BürgerInnen- und Menschenrechte und Markt erst schuf", freilich ohne Binnen-I. Die "Zivilgesellschaft" findet das ganz super: "Wir verstehen Markt und Staat als institutionelle Errungenschaften einer dynamischen Zivilisation". Peinlich aber auch, es ist uns bis jetzt entgangen. A.Ex.
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Streifzüge 37/20062000 Zeichen abwärts "Marx plus Markt ist Murks"Die Wogen der BAWAG-Affäre schlugen hoch und noch immer ist nicht abzusehen, ob sie sich zu einem weiteren Tsunami auftürmen werden. Dubiose Verwicklungen der Gewerkschaft in Bankmissgeschäfte ließen dunkle Wolken aufziehen und viele standen ratlos im Regen. Ein Abfluss an Spareinlagen einerseits und eine Austrittswelle aus dem ÖGB andererseits waren die logische Folge. Manche Personen gingen dabei ziemlich hilflos über Bord. Schlussendlich sah sich sogar der Staat dazu genötigt, helfend einzuspringen; zu groß war die Angst vor weiteren negativen (polit-)ökonomischen Effekten durch den beginnenden "Domino-Effekt" bei verunsicherten SparerInnen und potenziellen WählerInnen. Inwieweit jedoch die "nationale Rettungsaktion" gelingt, wird die Zukunft zeigen. Die EU jedenfalls will den Fall nach den geltenden Wettbewerbsrichtlinien eingehend prüfen… Was von vielen bisher mehr oder weniger erfolgreich im Unbewussten versenkt worden ist, taucht nun etwas plötzlich, aber nicht gerade unerwartet an die Oberfläche: Die Inseln des kapitalistischen Verwertungssystems bleiben von der heraufziehenden Krise auf Dauer nicht verschont. Dementsprechend groß ist die Empörung - zuviel Geld wurde in den Sand gesetzt. Doch anstatt die Warengesellschaft als solche zu kritisieren, werden die Krisenzusammenhänge falsch interpretiert und wieder einmal verhängnisvolle Gedankengänge strapaziert, die lediglich das "parasitäre Großkapital" ins Visier nehmen; ein Denken, das dem strukturellen Antisemitismus gefährlich nahe kommt und fallweise in ihm aufgeht. Daneben fühlen sich manche verstaubten Linken von der Gewerkschaft hintergangen, weil sie anscheinend noch immer nicht begriffen haben, dass diese nicht über den Beckenrand der Marktwirtschaft hinausweisen kann, sondern ganz im Gegenteil in Zeiten von Prekarisierung zunehmend an Einfluss einbüßt und in finanzielle Notlagen gerät. Denn "Marx plus Markt ist Murks", wie Bundeskanzler Schüssel pointiert anmerkt. Ch.W. |