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Wertkritisches Magazin.  unsachlich wertlos jenseits

Streifzüge 34/2005

 

2000 Zeichen abwärts

Willkommen in der Zukunft

Der Einfall des hessischen Justizministers Christean Wagner (CDU), Langzeitarbeitslosen Fußfesseln anzulegen, klingt wie ein schlechter Scherz, doch die allerorten zunehmende Beliebtheit dieses Werkzeugs zeigt, dass wir zumindest auf dem "richtigen" Weg dorthin sind: Schon jetzt werden im deutschen Bundesland des besagten Ministers unter Bewährung stehende Verurteilte mit der Fußfessel elektronisch überwacht und so eine "regelmäßige, sinnvolle und straffreie Lebensführung trainiert", wie es im Neusprech des hessischen Justizministeriums heißt. Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm kam kürzlich ernsthaft auf die Idee, damit irgendwann zuvor einmal straffällig gewordene, nun durch häufiges Schule-Schwänzen in den Augen des Innenministers eine potentielle Gefahr darstellende Jugendliche zu überwachen. Und in den USA wurde dieses Jahr vom "Department of Homeland Security" ein Pilotprojekt gestartet, bei dem mehr als 1700 Immigranten eine Fußfessel angelegt wurde, sodass bei abgewiesenem Aufenthaltsantrag keine Chance mehr besteht, der Abschiebung zu entgehen.

Dabei macht der technologische Fortschritt vor Überwachungstechnologien nicht halt, vor allem die Miniaturisierung bringt gute Aussichten für die Überwacher: Winzige, in den Körper implantierte und somit nur noch operativ entfernbare Funkchips würden, in Verbindung mit der satellitengestützten Positionsbestimmung (GPS), eine lückenlose Überwachung ermöglichen. Der Prototyp eines derartigen Funkchips wurde bereits von der Firma "Applied Digital Solutions" getestet und das Patent - unter dem Namen "Digital Angel" - angemeldet. Die Überwachung der Leute, die aus der "planetaren Arbeitsmaschine" (P.M.) herausfallen oder gar nicht erst hinein dürfen (z.B. abgewiesene Immigranten), könnte so zu einem lukrativen Geschäft einer sich mit immer weiter reichenden Mitteln abschottenden Minderheit werden.

Ch.L.

 


 

2000 Zeichen abwärts

"Wir reden nicht, wir machen es einfach!"

Unter diesem Motto preist ein Hamburger Internet-Provider seinen neuesten DSL-Tarif an. "Bei mehr als 5 Millionen Arbeitslosen in Deutschland hat die Angst einen Namen: Hartz IV. Gerade diejenigen, die einen Arbeitsplatz verloren haben, müssen mit jedem Euro rechnen. Da wird auch der Internetzugang schnell zur finanziellen Last. Diesen Menschen hilft Faventia." Nämlich so: Unter der sozialinfernalischen Tarifbezeichnung "Hartz IV" können ALG2-EmpängerInnen im Internet surfen, wenn sie ihren Bescheid an den Provider gefaxt haben. Seit Februar war das Angebot kostenlos, ab Mai kostet es immer noch nur armenfreundliche 1,99 Euro pro Monat. Dabei können immerhin bis zu 4 Gigabyte Datenvolumen runtergeladen werden. "Genau richtig für ausgiebige Job-Recherchen im Internet!", meint der Anbieter. Wir haben nachgerechnet: Wer das Volumen mit Job-Recherche ausschöpfen will, müsste pro Werktag im Umfang von 20.000 Streifzüge-Seiten Stellenanzeigen studieren...

Da lassen sich über die vielen Bytes doch nettere Inhalte transportieren. Das weiß natürlich auch Faventia. Die landen einen Marketing-Gag auf Kosten der Arbeitslosen, die wiederum auf Kosten von Faventia Musik aus dem Netz runterladen können.

Dem gleichen Motto wie Faventia scheint der Bremer Wirtschaftssenator Gloystein zu frönen. Bei der Eröffnung eines Weinfests schüttete er im Mai einem Obdachlosen, dessen Anwesenheit ihn störte, Sekt über den Kopf. Da war er wohl ganz bei sich; das einem konservativen Politiker berechtigterweise zu unterstellende Gefühl, "dieses Gesocks gehört weg!", wandelte sich unmittelbar in die Tat um. Natürlich musste er dafür seinen Hut nehmen, denn in Zeiten der political correctness will auch das Verhöhnen gelernt sein. Kundenfreundlicher Zynismus à la Faventia ist angesagt, noch. Gloysteins Art von Almosen weist die Richtung, die die Verhöhnung der in diesem System Überflüssigen nehmen wird: rabiater, isolierender und inhumaner.

A.B.

 
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