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	<title>Streifzüge &#187; Weg und Ziel 1997-5</title>
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	<description>Magazinierte Transformationslust</description>
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		<title>FASCINISTA</title>
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		<comments>http://www.streifzuege.org/1997/fascinista#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 28 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
		<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Weg und Ziel 1997-5]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/fascinista">FASCINISTA</a></p>
Überlegungen zum Phänomen Madonna]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/fascinista">FASCINISTA</a></p>
<h3>&Uuml;berlegungen zum Ph&auml;nomen Madonna</h3>
<p>Weg und Ziel 5/1997</p>
<p><em>Von Franz Schandl</em> <span id="more-533"></span></p>
<p><em>Madonna ist die faszinierendste K&uuml;nstlerin, die die Pop-Musik je hervorgebracht hat. Vor allem ihre Haltbarkeit, ihre Best&auml;ndigkeit, gibt einige R&auml;tsel auf, die geradezu zur Analyse herausfordern.</p>
<p></em>Madonna Louise Veronica Ciccone ist die letzte &Uuml;bertreibung des amerikanischen Durchschnitts. Nicht au&szlig;ergew&ouml;hnlich, sondern gew&ouml;hnlich. &#8220;Wenn ich etwas bescheidener w&auml;re, s&auml;&szlig;e ich vielleicht als Hausfrau in Michigan&#8221;(<a name="1" href="#a1">1</a>), sagt Madonna. Keine Frage. Daher ist sie nicht nur ein ansprechendes Lustobjekt, sondern auch ein ausgesprochenes Identifikationsobjekt. Es ist diese Verkleidungs- und Fassadenkunst, die so auffordernd erregt, M&auml;nner und Frauen aus unterschiedlichen wie gleichen Gr&uuml;nden fasziniert. Denn jede k&ouml;nnte Madonna sein. Sie ist durch und durch irdisch. Verr&uuml;ckt vielleicht, aber nicht entr&uuml;ckt.</p>
<h4>Was werden</h4>
<p>&#8220;Andererseits habe ich mir in meiner Jugend immer und immer wieder gesagt, da&szlig; ich &#8216;jemand sein&#8217; wollte. Ich wollte anders aussehen, mich anders kleiden, anders f&uuml;hlen. &#8220;(<a name="2" href="#a2">2</a>) Man beachte die Reihenfolge und den logischen Zusammenhang. Das Gef&uuml;hl wird zur Folge des <em>&Auml;u&szlig;eren</em> und somit der <em>&Auml;u&szlig;erung</em>. So wie sie gewesen ist, konnte sie sich nicht m&ouml;gen und so wollte sie nicht bleiben. Ist man kein <em>Jemand</em>, dann ist man ein <em>Niemand</em>. Besser kann das b&uuml;rgerliche Subjekt Subjektlosigkeit und Subjektsuche gar nicht beschreiben.</p>
<p>Das Wirkliche war immer das Andere. Aber sobald das Andere wirklich wurde, schrie es nach Abl&ouml;sung. Madonna betreibt Befriedigung durch andauernde Transformation. Das Dasein in Form der Daseinsberechtigung meint also kein wohltemperiertes Beharren, sondern ein tempomachendes Ver&auml;ndern auf der Ebene simulativer Glanzleistungen. Um im Schnelllebigen zu &uuml;berleben, gilt es selbst noch schnelllebiger zu sein. Madonna ist der Wechsel in Permanenz. Sie kann nicht zu sich kommen, da ihr Sich im <em>Au&szlig;er-sich-sein</em> liegt.</p>
<p>Sie verabsolutiert damit nichts anderes als das kategorische Entwicklungsprinzip des b&uuml;rgerlichen Individuums, die <em>Karriere</em>. <em>Was werden</em> statt <em>Wer werden</em>, ist da stets angesagt. Etwas werden mu&szlig; selbstredend nur jemand, der nichts scheint. Damit offenbart sich freilich auch die ganze fetischistische Bez&uuml;glichkeit des Menschen auf sich selbst, er kann sich nicht einfach als Daseiender akzepieren, sondern nur als Soseiender.</p>
<p>Es stellt sich daher auch weniger die Frage, ob man die diversen Ver&auml;nderungen unseres Stars ihrem jeweiligen Inhalt nach untersuchen soll. Das ist letztlich nachrangig, mehr eine Debatte &uuml;ber Werbung und Mode, kurzum aktueller Auff&auml;lligkeit und Ad&auml;quanz. Modus und Form sind der Inhalt, sie wollen partout nicht dialektisch sein, sondern ganz metaphysisch: &#8220;It is&#8221; oder noch deutlicher: &#8220;That&#8217;s it&#8221;. Sie sind Manifestation, nicht Reflexion. Die Kritik der Affirmation kann also nicht blo&szlig; das Verborgene, Hintergr&uuml;ndige suchen, sie mu&szlig; die Oberfl&auml;che schon ernst nehmen. &#8220;The truth is never far behind&#8221; philosophiert die K&uuml;nstlerin (Live to tell/True blue 1986). Wer eine <em>echte</em> Madonna sucht, ist schon auf der falschen F&auml;hrte. Aber was ist heute noch echt? Gar echt echt?</p>
<p>&#8220;Can you see the real me, can you can you? &#8221; fragte schon eine Band mit dem bezeichnenden Namen <em>The Who</em> (Quadrophenia 1973). Die selbstgestellte Frage nach dem &#8220;Who&#8217;s that girl? &#8221; ist bis jetzt jedenfalls nicht zuf&auml;llig unbeantwortet geblieben. Sie f&uuml;hrt in die Irre, l&auml;&szlig;t r&auml;tseln, wo eigentlich eine Kritik des R&auml;tsels angesagt w&auml;re, Einw&auml;nde gegen die Geheimnistuerei vorgebracht werden m&uuml;&szlig;ten. Wozu also wissen, was hinter Madonna steckt? Nicht einmal, wie sie eigentlich aussieht, ist bekannt. Je mehr sie wirkt, desto mehr entwirklicht sie sich.</p>
<p>Schlu&szlig;endlich interessiert auch gar nicht <em>sie, </em> sondern ihre <em>Machart</em>. Diese bestimmt die Macht am Markt. Das &#8220;Who? &#8221; wird &uuml;berhaupt sch&ouml;n langsam hinf&auml;llig, wenn hier Wesen und Erscheinung mehr denn je eins sein wollen. Schon Hegel orakelte nach einem Madonna-Konzert: &#8220;<em>Das Sein ist Schein. </em> Das Sein des Scheins besteht allein in dem Aufgehobensein des Seins, in seiner Nichtigkeit; diese Nichtigkeit hat es im Wesen, und au&szlig;er seiner Nichtigkeit, au&szlig;er dem Wesen ist er nicht. Er ist das Negative, gesetzt als Negatives. Der Schein ist der ganze Rest, der noch von der Sph&auml;re des Seins &uuml;briggeblieben ist. &#8220;(<a name="3" href="#a3">3</a>) Kurzum: Sie gibt uns den Rest.</p>
<p>Es klingt daher wie die Konstruktion eines progressiven Mythos, wenn Diedrich Diederichsen schreibt: &#8220;Das Wichtigste an Madonna ist, da&szlig; sie die Distanz zwischen ihren Inhalten und ihrer Person immer in den Mittelpunkt gestellt hat, so sehr, da&szlig; die Nichtidentit&auml;t zwischen Show und Wirklichkeit wieder in gewissem Ma&szlig;e zu ihrem Inhalt wurde, da&szlig; dabei eine neue Identit&auml;t herauskam. Nun allerdings nicht mehr zwischen einem reaktion&auml;ren Mythos und seinem Opfer, sondern zwischen einer erk&auml;mpften, neuen Position und ihrer Autorin. &#8220;(<a name="4" href="#a4">4</a>) So ganz sicher d&uuml;rfte er sich allerdings auch nicht sein, wenn er schlie&szlig;lich meint, da&szlig; sich die regressiven Tendenzen in der Popmusik durchgesetzt haben: &#8220;Der letzte m&ouml;gliche, fortschrittliche Pop-Mythos war der von den durchschauten, auf Distanz gehaltenen, beherrschten falschen Verh&auml;ltnissen, dem Lachen und Tanzen auf dem Groove des Falschen, das etwas Richtiges, Souver&auml;nes, Wirkliches abwirft. Heute wollen die Leute wieder falsche Echtheit statt echter Falschheit. &#8220;(<a name="5" href="#a5">5</a>)</p>
<h4>Das Ende vom Lied</h4>
<p>Eine zentrale Frage ist auch, warum es gerade die Musik sein mu&szlig;, warum der Transport der Bilder und Spr&uuml;che des Tones bedarf. Eben weil er laut ist, weil er schreit. Das H&ouml;ren ist weniger selbstbestimmt als das Sehen, man kann die Ohren nicht so einfach schlie&szlig;en wie die Augen. Man kann noch weniger leicht wegh&ouml;ren als wegsehen. Man h&ouml;rt schneller als man schaut. Die Belieferung mit T&ouml;nen kennt kein unmittelbares Nein. Gehorcht wird weil geh&ouml;rt. Musik ist die Aufdringlichkeit schlechthin. In der Symbiose des Videoclips k&ouml;nnen sodann bisher ungeahnte Synergieeffekte puncto Stimmungmodulation durch Imperativisierung der Sinne erzielt werden.</p>
<p>Da&szlig; Madonna in ihren Songs meist in der muikalischen Banalit&auml;t verbleibt, ist fast &uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen: Affirmative Schlager wie &#8220;Where&#8217;s the party? &#8220;, wo die verl&auml;ngerte Werkbank, die Kulturindustrie besungen wird, oder naives Tr&auml;llern bei &#8220;Love makes the world go round&#8221; (beides auf &#8220;True blue&#8221; 1986) zeugen davon. Manchmal ist Madonna gar ein artiges, altkluges und biederes Kind: &#8220;Don&#8217;t forget that your family is gold&#8221; singt sie auf &#8220;Keep it together&#8221;. Im gleichen Cut wird sie sogar offen reaktion&auml;r: &#8220;Cause blood is thicker than any other circumstance&#8221;. (Like a prayer 1989).</p>
<p>Doch das ist kein spezifisches Problem, schon gar nicht ihres. Das <em>Lied</em> ger&auml;t an seine immanenten Schranken. Es hat sich in Form und Inhalt weitgehend ersch&ouml;pft. Was mit Schubert seinen Durchbruch und ersten H&ouml;hepunkt erlebte, hat in der Rock- und Popmusik der zweiten Jahrhunderth&auml;lfte zu seiner demokratischen Verallgemeinerung gefunden. Gleichzeitig ist er als <em>song</em> zum Idealtyp <em>entkunsteter Kunst </em>(Adorno)(<a name="6" href="#a6">6</a>) geworden. Diese entkunstete Kunst ist jedoch nicht blo&szlig; als musikalische Regression zu begreifen, sondern in ihrer positiven Dialektik meint sie auch Selbstbefreiung in Richtung <em>selber machen</em>, <em>selber spielen</em>, <em>selber komponieren</em>, <em>selber befriedigen. </em> Jetzt aber ist diese demokratisierte und somit gleichgemachte Kunst ausgelaugt, rappt nur noch dahin, gleicht immer mehr der Repetition und Reinkarnation ihrer selbst. (<a name="7" href="#a7">7</a>)</p>
<p>Auch bei Madonna finden sich die obligaten und abgeschmackten Schemata (Strophe-Refrain-Strophe-Refrain, Dreiklang, einfache tonale Weisen, die Reimform etc. ) Es ist die Variation der Variation der Variation. Mehr als gelingende Abges&auml;nge sind hier aber kaum noch m&ouml;glich, obwohl sp&auml;te Perlen &uuml;berraschen und beeindrucken. So ist es durchaus faszinierend wie einige K&uuml;nstler, etwa Madonna, die restlichen Potentiale erschlie&szlig;en und aussch&ouml;pfen. Zweifellos hebt sie sich in ihren besseren Einspielungen deutlich ab von katholischen Suderanten wie <em>U2</em> oder vom amerikanischen Singsang a la <em>REM</em>.</p>
<p>&#8220;Das alles &auml;ndert aber nichts an einer Immergleichheit, die das R&auml;tsel aufgibt, wieso Millionen von Menschen des monotonen Reizes noch nicht &uuml;berdr&uuml;ssig sind. &#8220;(<a name="8" href="#a8">8</a>)(Adorno) Wahrscheinlich, weil die Menschen in dieser Monotonie des Allt&auml;glichen leben und die Kulturindustrie diese mit ihren Angeboten auf verschiedenen Niveaus nur erg&auml;nzt. <em>&Uuml;berdru&szlig;</em> kann erst dann zu einer kollektiv-reflektierten Bestimmung werden, wenn Perspektiven jenseits auch wirklich ausgemacht sind. Ist das nicht der Fall, dann kann der &Uuml;berdru&szlig; (oder gar der Widerstand) blo&szlig; eingefordert werden, gegen die Realit&auml;t des steten Fortgangs ist er allerdings hilflos, auch wenn er Stimmung, ja Bewu&szlig;tsein mancher Individuen des &ouml;fteren ergreift.</p>
<h4>Material girl</h4>
<p>Madonna verk&ouml;rpert die Besonderheit des Nichtbesonderen. Sie ist aus dem Material, aus dem alle sind. &#8220;Everybody&#8217;s in show-biz, everybody&#8217;s a star&#8221;, sang Ray Davis schon auf der &#8220;Soap opera&#8221; der <em>Kinks</em> (1975). Nun ist es das M&auml;dchen von nebenan, das zeigt, was alle sein k&ouml;nnten. Sie wird <em>aufgemacht</em>, wahrlich zu einem <em>material girl</em>. &#8220;It&#8217;s the punk idea of &#8216;anyone can do it&#8217;; adapted for the Reagan-Bush era. Through concerted beautification and glamorisation, anyone can look like a member of the ruling class. &#8220;(<a name="9" href="#a9">9</a>) Man betrachte nur das &ouml;ffentlich zur Schau gestellte Bildmaterial und vergleiche es mit den inzwischen vielfach publizierten Nacktfotos der unscheinbaren, ja sch&uuml;chternen jungen Frau aus dem Jahre 1979. (<a name="10" href="#a10">10</a>)</p>
<p>Das Arbeiterm&auml;del aus Detroit war in keiner Weise f&uuml;r diese Karriere pr&auml;destiniert. Madonna ist kein typisches Produkt der Kulturindustrie, sondern eher ein <em>untypisches</em>. Daher ist auch der Ha&szlig; verst&auml;ndlich, der ihr aus etablierten Kunstfabriken entgegenschl&auml;gt. Es ist das <em>satte Oben</em>, das das <em>hungrige Unten</em> nicht will. Unten soll unten bleiben. Doch auch wenn unten nach oben kommt, ist damit eigentlich nichts erreicht. Sie hat endg&uuml;ltig demonstriert, da&szlig; das proletarische Exponat genauso penetrant und arrogant sein kann wie die gehobenen K&uuml;nstleranten. Vom Arbeiterm&auml;del zum Megastar. Das zeigt die Durchl&auml;ssigkeit des Kapitalismus, aber auch die Zu-, ja Abrichtung der Durchgelassenen.</p>
<p>Madonna, das ist die Demokratisierung der Anma&szlig;ung. Aber sie will das gar nicht &uuml;berwinden, sie will dem vielmehr gleich sein. Ihre Kritik schreit stets: &#8220;Ich auch! &#8221; Verachtung bestraft sie, indem sie sich Achtung verschafft, nicht indem sie das Prinzip der Verachtung bek&auml;mpft. Aber vielleicht w&auml;re das auch zuviel verlangt? Vielleicht liegen dort die Grenzen des Pops, nicht nur jene der Ciccone. Was sie auszeichnet, eben zu einer &#8220;gro&szlig;en K&uuml;nstlerin&#8221; macht, ist, da&szlig; ihre subjektiven Verwirklichungen gef&auml;hrlich nahe den objektiven Schranken der Kultur &uuml;berhaupt verlaufen. Sie sch&ouml;pft aus dem fast ausgesch&ouml;pten Aussch&ouml;pfbaren, aber sie sch&ouml;pft &#8211; noch. Wieder einmal geht es um den Rest.</p>
<h4>Schamlose Projektionen</h4>
<p>&#8220;Madonna ist die wandelbarste Projektionsfl&auml;che in Form eines menschlichen Stars, die dieses Jahrhundert geschaffen hat. &#8220;(<a name="11" href="#a11">11</a>) Eine Leistung besteht darin, da&szlig; Madonna sich dem Tempo der kulturindustriellen Verwertungsmaschine synchronisieren konnte. Es ist dieses intuitive und sich perfektionierende Erfassen der Gesetzlichkeit der Unterhaltungsindustrie, das Madonna vor anderen auszeichnet. Wobei das Wort <em>Erfassen</em> ganz absichtlich anderen, st&auml;rkeren Termini vorgezogen wurde. Es meint nicht <em>Begreifen</em> oder <em>Erkennen</em>, es ist eher anzusiedeln auf der Ebene pragmatisch reflektierter und reformierter Erfahrung. Es ist schlau, nicht unbedingt gescheit. Raffinesse ist wichtiger als Intelligenz.</p>
<p>Anwendung und Ausnutzung sind durch und durch schamlos: <em>Wenn ihr es so wollt, dann sollt ihr es so haben &#8211; bis zum Geht-nicht-mehr! </em>Nat&uuml;rlich realisiert sich Madonna &uuml;ber den Markt, aber sie wird nicht blo&szlig; realisiert, sie verwirk(lich? )t sich auch selbst, auch wenn es das Selbst gar nicht mehr gibt. Das klingt paradox, l&auml;&szlig;t sich aber erkl&auml;ren: Madonna hat dieses Passiv der Verwertung so internalisiert und repersonalisiert, da&szlig; es schon wieder als Aktiv erscheint. Die leidenschaftliche Leideform wird als T&auml;tigkeitsform wahrgenommen. &#8220;In this view, &#8216;Vogue&#8217; is a dizzy, confounding moment in which the apparently reactionary and ultra-conformist becomes revolutionary: meaning implodes, turns evanescent. &#8220;(<a name="12" href="#a12">12</a>)</p>
<p>Diedrich Diederichsen meint: &#8220;Madonnas zur Schau gestellter Genu&szlig; an ihren Triumphen, in offen als falsch kenntlich gemachten Verh&auml;ltnissen, erlaubt es &uuml;berhaupt erst, die Kosten und die Chancen von unvorhergesehener Souver&auml;nit&auml;t im Pop im Zeitalter seiner totalen Industrialisierung zu verstehen und zu diskutieren. Wenn Madonna auf Prostitution anspielt, dann aber auch weil sie diejenige ist, die im Massen-Pop-Bereich, der ansonsten ein einziges kostenloses Pornotopia ist, die Bezahlung und Nichtauthentizi&auml;t, die Anerkennung der entfremdeten Arbeit statt der Verkl&auml;rung als kostenlose, frei verf&uuml;gbare Liebesdienste eingef&uuml;hrt hat. In dem Sinne, da&szlig; eine Prostituierte immer noch besser dran ist als die legal umsonst vergewaltigte Ehefrau. &#8220;(<a name="13" href="#a13">13</a>) &#8211; Wird noch prostituiert, wenn die Prostituierte sich selbst so leidenschaftlich prostituiert? Mehr als gestellt ist diese Frage hier aber nicht. Eines ist allerdings klar: Die Ciccone ist keine Ciccolina. (<a name="14" href="#a14">14</a>)</p>
<p>Madonna bedarf jedenfalls permanent der Neuinszenierung, nicht blo&szlig; der selbstgecoverten Reprise. Nach den obligaten kulturindustriellen Gesetzen k&ouml;nnte Madonna l&auml;ngst ausgespuckt sein, doch irgendwie kratzt sie stets die Kurve. &#8220;Beim Fr&uuml;hst&uuml;ck glaubten sie, mich v&ouml;llig durchschaut zu haben, und beim Abendessen bin ich schon wieder ganz anders&#8221;, (<a name="15" href="#a15">15</a>) sagt sie, oder: &#8220;Sie dachten, eines Tages w&uuml;rde ich sang- und klanglos wieder verschwunden sein. Aber ich blieb. Und das machte manche Leute geradezu rasend. &#8220;(<a name="16" href="#a16">16</a>)</p>
<p>Nun denn, das Sang- und Klanglose war nie Madonnas Kennzeichen. Selbst die Skandale wirken inszeniert, und doch wiederum auch nicht. Sei es als sie 1989 gegen die Kirche (<em>Like a prayer</em>) ansang oder 1994 in der <em>Late Show With David Letterman</em> dreizehnmal das Wort <em>fuck</em> verwendete und Letterman einen &#8220;alten Wichser&#8221; nannte, nachdem dieser insistierend versuchte, &uuml;ber Madonnas Sexualleben zu sprechen. &#8220;Jetzt lecken Sie mich am Arsch&#8221; meinte sie dann noch zu ihm, und kurz vorher: &#8220;Mit mir mu&szlig; wirklich was nicht stimmen &#8211; sonst w&uuml;rde ich hier nicht sitzen. &#8220;(<a name="17" href="#a17">17</a>) Dem ist nicht zu widersprechen. Aber auch das ist nur eine Facette, Monate sp&auml;ter spielt sie bei Gottschalk das L&auml;mmlein.</p>
<h4>&Uuml;beraffirmation und Kitsch</h4>
<p>Die letzte Steigerung des b&uuml;rgerlichen Subjekts, auch als solches Existenz zu behaupten, ist die &Uuml;beraffirmation: <em>Ich bin, weil ich daf&uuml;r bin. </em> Das M&uuml;ssen wird in ein Wollen &uuml;berf&uuml;hrt. Das F&uuml;r-Sich verschwindet im An-Sich, die Bestimmung l&ouml;st sich auf in der unmittelbaren Beschaffenheit. &#8220;Die unterste Stufe der Weisheit&#8221;(<a name="18" href="#a18">18</a>) wird als letzter Hit verkauft. Hier winkt nichts anderes als die sekund&auml;re Barbarei auf der Erkenntnisebene, die quasi als krude Biologie des Verhaltens &uuml;ber uns kommen soll. Der in postmodernen Diskursen unbeliebte Hegel schrieb da ganz richtig: &#8220;Auch die Tiere sind nicht von dieser Weisheit ausgeschlossen, sondern erweisen sich vielmehr, am tiefsten in sie eingeweiht zu sein; denn sie bleiben nicht vor den sinnlichen Dingen als an sich seienden stehen, sondern verzweifelnd an dieser Realit&auml;t und in der v&ouml;lligen Gewi&szlig;heit ihrer Nichtigkeit langen sie ohne weiteres zu und zehren sie auf; und die ganze Natur feiert wie sie diese offenbaren Mysterien, welche es lehren, was die Wahrheit der sinnlichen Dinge ist. &#8220;(<a name="19" href="#a19">19</a>)</p>
<p>Wo die &Uuml;beraffirmation mehr ist als ein ausgewiesenes und nachvollziehbares taktisches Kalk&uuml;l, wo sie sich zum Prinzip aufschwingt, ist sie selbstredend resignativ bis regressiv, und mu&szlig; als solche bek&auml;mpft werden. Schlimm ist auch nicht der Kitsch &#8211; den Kitsch als banalen Kitt der b&uuml;rgerlichen Seele, den brauchen wir schon -, schlimm ist, wenn der Kitsch nicht als Kitsch wahrgenommen wird. Deswegen ist die gehobene Variante, dieser Kitsch der &#8220;Besseren&#8221; (Sting, K&ouml;hlmeier, Hundertwasser u. v. m. ) um vieles gef&auml;hrlicher als &#8220;Marmor, Stein und Eisen bricht / Aber unsere Liebe nicht.&#8221; Wenn sich Kitsch als Qualit&auml;t pr&auml;miert, ist Denunziation geboten.</p>
<p>Kitsch meint Best&auml;tigung der Bet&auml;tigung. Er ist daher keine fixe oder sachliche Gr&ouml;&szlig;e, die aus dem Werk selbst anhand der Techniken, der Machart, der Vermarktung oder des Publikums abgelesen werden k&ouml;nnte, sondern ergibt sich aus dem Ensemble der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse, in denen es zutage tritt. Musik etwa, die vorgestern noch avantgardistisch, aussagekr&auml;ftig und aufr&uuml;ttelnd gewesen ist, kann bei den nachkomponierenden Epigonen schon unertr&auml;glich, kitschig und reaktion&auml;r geworden sein. Das Werk ist nie es allein, es ist stets das Werk einer Zeit.</p>
<p>&#8220;Kitsch ist die eing&auml;ngigste, widerspruchfreieste Form herrschender Kultur&#8221;, (<a name="20" href="#a20">20</a>) schreibt Julius Mende in einem sehr instruktiven Beitrag zum Thema. Wenn wir beherrscht werden, sollten wir nicht so tun, als ob wir nicht beherrscht werden w&uuml;rden. Die materielle Verbundenheit mu&szlig; freilich nicht als ideelle Akzeptanz daherkommen, im Gegenteil, es geht darum, sich zwischenzeitlich Distanz zu verschaffen, um Reflexion zu erm&ouml;glichen.</p>
<p>Nichtsdestotrotz aber auch umgekehrt: Wer nicht zwischendurch mal saufen, fernsehen, bl&ouml;dsein, einen Einkaufsbummel machen oder schlechte Musik im Auto h&ouml;ren kann, versetzt sich in Halluzinationen ob der Reinheit der Kritik, nach der dann nichts mehr &uuml;brigbleibt, auch nicht der Kritiker. Das ist auch mit ein Grund, warum radikale Kritik in ihrer notwendigen Abgehobenheit manchmals so weggetreten erscheint. Will sie aber die Oberfl&auml;che angreifen, mu&szlig; sie sie auch erreichen, mu&szlig; verstehen, sich auf ihr zu bewegen, darf sich bei aller Distanz zum Allt&auml;glichen auf keinen hehren Standpunkt zur&uuml;ckziehen. Sie ist Teil des Lebens, &uuml;ber das sie hinaus will.</p>
<p>Jeder soll ohne Gewissensbisse Madonna oder Yes h&ouml;ren, Star Trek oder Kommissar Rex schauen, Umberto Eco oder Asterix lesen. Was eingefordert wird, ist nicht Abstinenz oder Askese, sondern Reflexion und Kritik. Gerade auch die Unterhaltung verlangt nach einer dezidierten Haltung, die sich nicht auf affirmative Stimmung reduzieren l&auml;&szlig;t, ansonsten ist jene wirklich das, was G&uuml;nther Anders in ihr gesehen hat: Terror. (<a name="21" href="#a21">21</a>) Progressiv angewandt sind Produkte der Kulturindustrie dann, wenn sie nicht gleich Sirenen wirken und uns zu Fans degradieren. Dies auszuf&uuml;hren, w&auml;re aber ein eigenes Programm.</p>
<h4>Beschau und Begierde</h4>
<p>Die sinnliche Gewi&szlig;heit wird in der &Uuml;beraffirmation jedenfalls nicht wie im gesunden Menschenverstand einfach hingenommen, sondern jene stilisiert sich hoch zur euphorischen Bejahung. Das Dumpfe gef&auml;llt sich, indem es sich ergrellt. In diesem Scheinwerfer ist auch Madonna zu sehen, dort gl&auml;nzt und strahlt sie. &#8220;Sie genie&szlig;t die Beschau&#8221;(<a name="22" href="#a22">22</a>) schreiben Penth&#038;W&ouml;rner v&ouml;llig richtig. Sie kultiviert sie geradezu. &#8220;The voguers&#8217; fantasies are so conventional, so colonised, as to verge on a parody of straight values. They want to possess the opulence of the millionaire, or better still the rich man&#8217;s wife. Their ideas of what it is to be female are as reactionary as they come &#8211; being a real woman means knowing the arts of seduction, having everything but not having to pay for it, passivity, conspicuous consumption, vanity. Vogueing is a perfect example of Jean Baudrillard&#8217;s concept of &#8216;hyper-conformism&#8217;: the feedback loop that occurs when real people simulate the media&#8217;s representations. Vogue is probably the almost alienated subculture in the world. And beneath its glittering surfaces lurks the grim reality of poverty and danger. &#8220;(<a name="23" href="#a23">23</a>)</p>
<p>Es ist die anhaltende Kontinuit&auml;t des <em>peeping</em>, die eigentlich &uuml;berrascht. Klassen&uuml;bergreifend will sie zur Onanie zwingen. Madonna kollaboriert mit der Lust der M&auml;nner. Primitiv, wie diese dimensioniert ist, ist das keine allzu gro&szlig;e Schwierigkeit. &#8220;Wenn die Typen sich aufgeilen wollen, dann sollen sie doch&#8221;, scheint ihr Motto zu sein. Solch &#8220;Kleinigkeiten&#8221; bel&auml;stigen weniger als sie belustigen. Nicht Zur&uuml;ckweisung der m&auml;nnlichen Objektmacherei ist die Devise, sondern Zuspitzung. Die M&auml;nner werden damit auch tats&auml;chlich mehr der Absurdit&auml;t und L&auml;cherlichkeit preisgegeben als durch ein verk&uuml;rztes und defensives PorNO.</p>
<p>Aus der Negation folgt bei Madonna jedoch keine h&ouml;here Kritik, sondern blo&szlig; der spielerische Umgang mit den Geschlechtsverh&auml;ltnissen. Was auch nicht wenig ist. Prototypisch daf&uuml;r ist etwa die Umkehrung des Rollenklischees im Film &#8220;In bed with Madonna&#8221; (1991), wo gleich Frauen besch&uuml;rzte M&auml;nner in Spitzen-BHs um das Bett ihrer Angebeteten, klarerweise Madonna, h&uuml;pfen: &#8220;Ich lag auf diesem roten Samtbett und habe <em>Like a virgin</em> gesungen, und dabei habe ich diese ganze Playboy-Bunny-Chose umgedreht, zwei Playboy-Bunnies in Kost&uuml;men, die ihre K&ouml;rper in eine unnat&uuml;rliche Form pressen, aber diesmal sind&#8217;s eben M&auml;nner. &#8220;(<a name="24" href="#a24">24</a>)</p>
<p>Madonna sieht sich als Fortsetzung, nicht als Gegensatz zur Frauenbewegung. Womit &uuml;ber Gelingen oder Mi&szlig;lingen dieses Ansinnens allerdings noch gar nichts ausgesagt wird. Sie durchbricht die Geschlechterfronten, Herrschaft und Macht werden zwar ihrer gesellschaftlichen Positionierung entkleidet, aber desgleichen werden sie stets reetabliert. Fast nackt werden sie nun als ontologische Gr&ouml;&szlig;e verg&ouml;ttert. Madonnas Kunst ist somit durchaus in Zusammenhang mit den Fotos von Helmuth Newton oder den Schriften der Camille Paglia zu nennen. (<a name="25" href="#a25">25</a>)</p>
<p>Man sollte insgesamt vorsichtig sein, wenn von Subversion durch Affirmation oder &auml;hnlichem gesprochen wird. Madonna etwa ist keine Gesellschaftskritikerin oder gar getarnte Revolution&auml;rin. Es ist gelinde gesagt eine &Uuml;bertreibung wie Diederichsen von ihr zu sprechen als &#8220;der letzten m&ouml;glichen Verk&ouml;rperung eines Mediensuperstars, der an die M&ouml;glichkeit erinnerte und auch an sie selber zu glauben vorgab, Popmusik als Subversionsstrategie einzusetzen, die das Recht auf Party und Ferien f&uuml;r alle (und nicht nur f&uuml;r eingeweihte Undergroundler) symbolisch stark machen wollte. &#8220;(<a name="26" href="#a26">26</a>) Sie h&auml;lt uns den Spiegel vielmehr blo&szlig; vor, nicht um sich darin zu erkennen, sondern um sich gleich ihr aufzuputzen.</p>
<h4>V&ouml;geln und beten</h4>
<p>Schon die Namensbeibehaltung verweist auf den religi&ouml;sen Hintergrund, ebenso das rituelle Beten vor den Konzerten. Madonnas Sprache und Gestus sind durch und durch religi&ouml;s. Sie ist eine <em>Vorbeterin</em>, die modernste, die wir je hatten. &#8220;Ich bin die Prophetin eines neuen Lebensstils&#8221;, (<a name="27" href="#a27">27</a>) verk&uuml;ndigt sie. Es ist profanes und vor allem <em>exoterisches</em> (nicht: esoterisches! ) Gottsuchertum im Zeitalter der regressiven Zersetzung des Religi&ouml;sen, das uns hier anmacht. Da&szlig; diese Verk&uuml;ndigung kirchlicherseits nur als Vers&uuml;ndigung aufgefa&szlig;t werden kann, ist so klar wie daneben.</p>
<p>&#8220;Aber ich bin davon &uuml;berzeugt, da&szlig; Religion und Erotik sehr viel miteinander zu tun haben. Und ich glaube auch, da&szlig; meine urspr&uuml;nglichen Gef&uuml;hle von Sexualit&auml;t und Erotik daher kommen, da&szlig; ich fr&uuml;her oft in die Kirche gegangen bin. &#8220;(<a name="28" href="#a28">28</a>) Zweifellos, Religion, vor allem die katholische, ist geradezu als sexuelles Surrogat zu fassen. Die Abfeierung der Verbote ist wahrlich fetischierte Sublimation. Die Lustfeindschaft der Kirche ist umgepolte Lust, sie soll sich nicht in origin&auml;rer Form &auml;u&szlig;ern, sondern eben in einem <em>Au&szlig;er-Sich-Setzen</em>. Sie zelebriert sich in Ansprachen und Ges&auml;ngen, Riten und D&uuml;ften, Gew&auml;ndern und Masken. Eine Messe kann durchaus als geistlicher Koitus empfangen und empfunden werden. Sie unterstellt <em>Eins-Werden</em> mit Gott. Ihr Faszinosum liegt in ihrer orgiastischen Veranstaltung. Der Pomp des Katholizismus ist eine der raffiniertesten Umleitungen sexuellen Wollens.</p>
<p>Wir sollen selig sein, es ist der Leib Christi, der &uuml;ber uns kommt. &#8220;Kruzifixe sind sexy. Weil ein nackter Mann da drauf ist&#8221;, sagt Madonna. (<a name="29" href="#a29">29</a>) Oder: &#8220;Es ist sehr sinnlich, und alles dreht sich darum, was man nicht tun darf. (&#8230; ) Im Grunde ist der Katholizismus sehr sadomasochistisch. &#8220;(<a name="30" href="#a30">30</a>) Das Unbefriedigte erf&auml;hrt in der Kirche sein inneres Ventil. Dort, wo das <em>Nichtun-d&uuml;rfen </em>so zentral ist, ist das <em>Tun</em> das entscheidende Thema. In der Kirche geht es um das V&ouml;geln.</p>
<p>Madonna entmystifiziert aber nun nicht die Religion, sie sakralisiert die Sexualit&auml;t, ideell ist bei ihr zwischen Beten und V&ouml;geln kein Unterschied. Ihr V&ouml;geln ist Beten. Ihr Beten ist V&ouml;geln. Und die Konzerte heilige Messen. Der transformierte Fetisch wird &ouml;ffentlich zur Schau gestellt, ist nicht mehr geheim. In der Madonna kommt der Katholizismus zu sich. Der Papst k&ouml;nnte eigentlich dankbar sein. Vielleicht kommen sie ja auch noch zusammen.</p>
<h4>Lecken und blasen</h4>
<p>Madonna ist die Indiskretion in Person, die konstruierte Inkarnation des Anr&uuml;chigen. Sie wei&szlig;: Was nicht auff&auml;llt, f&auml;llt ab. Sie beendigt die Verlogenheit, nicht aber die L&uuml;ge. Die Intimit&auml;t geht dabei jedoch nicht vor die Hunde, sie feiert eine seltsame Auferstehung dadurch, da&szlig; sie im Morast von Moral und Markt, den unter das Volk gemischten Informationen ganz einfach versteckt wurde. Madonna erz&auml;hlt so viel, da&szlig; sie das wichtigste bei sich behalten kann.</p>
<p>Gerade deshalb, weil sie sich so &#8220;freiz&uuml;gig&#8221; <em>offenlegt</em>, ist sie umgekehrt freilich auch schwer <em>aufmachbar</em>. Sie ist nicht &#8220;die &ouml;ffentlichste Frau dieser Erde&#8221;, (<a name="31" href="#a31">31</a>) wie das Zeitgeistmagazine gl&auml;ubig versichern, sondern die <em>ver&ouml;ffentlichste</em>. Da&szlig; Madonna gern geleckt wird und weniger gern bl&auml;st, mag stimmen oder nicht, es ist wahrhaft nur in einer verklemmten und spie&szlig;igen Gesellschaft von &ouml;ffentlichem Interesse, in einer Gesellschaft, in der ganz offensichtlich zu wenig geleckt und geblasen wird.</p>
<p>&#8220;Express yourself&#8221;, proklamiert sie. Ursprung und &Auml;u&szlig;erungsform sind und bleiben katholisch befangen, aber das &#8220;Demonstriere Dich! &#8221; ist tendenziell antireligi&ouml;s, zumindest weniger christlich als das &#8220;Du sollst nicht&#8221; der alten Frauenbewegung. Jenes bleibt nur affirmativ h&auml;ngen, steigert sich nicht zu Selbstreflexion und Selbstkritik. Das <em>Zeigen</em> verk&uuml;mmert im <em>Inszenieren</em>, der zunehmend einzig m&ouml;glichen Form der Pr&auml;sentation. Jenes wird kulturindustriell ert&uuml;chtigt sowie erstickt, wenngleich es etwas anspricht, was &uuml;ber den Markt hinauswill, nicht von ihm apriori pr&auml;formiert ist, sondern erst a posteriori deformiert werden mu&szlig;.</p>
<h4>K&ouml;nnen und M&uuml;ssen</h4>
<p>Und immer nagt das proletarische Minderwertigkeitsgef&uuml;hl, das es zu &uuml;berwinden gilt. Sei es die Abnabelung vom Vater &#8211; &#8220;I&#8217;m not a baby&#8221;, singt sie in &#8220;Papa don&#8217;t preach&#8221; (True blue 1986) &#8211; oder die Anerkennung in verschiedensten Branchen und Medien. Stets geht es um die Akzeptanz. Ohne Verwandlung wird die Ciccone aus Detroit nicht ernstgenommen. Jahrelang hatte sie sich um diese Musical-Rolle gerissen. Zurecht meint sie, Evita zu sein. Sie ist Evita Peron wie sie Grace Kelly sein wird oder Marylin Monroe oder Jacky Onassis, ja selbst Dolores Ibarruri oder Rosa Luxemburg k&ouml;nnte sie sein. Sie kann das.</p>
<p>Nachdem Filme wie &#8220;Shanghai surprise&#8221; (1986) oder &#8220;Who&#8217;s that girl? &#8221; (1987) zurecht bel&auml;chelt wurden, galt es, sich nicht unterkriegen zu lassen, es den Snobs in Hollywood zu zeigen. Und nicht nur ihnen. Immer wieder mu&szlig; sie beweisen, da&szlig; sie es doch kann. &#8220;Hollywood hat lange nicht an mich geglaubt. Jetzt sind wohl endg&uuml;ltig alle Zweifel best&auml;tigt&#8221;, (<a name="32" href="#a32">32</a>) sagte sie nach Verleihung des <em>Golden Globes</em>.</p>
<p>Dieses <em>K&ouml;nnen</em> ist ein <em>Erlernen</em>. Zweifellos. Ihre Begabung ist durchschnittlich, aber ihr Instinkt ist gro&szlig; und ihr Flei&szlig; noch gr&ouml;&szlig;er. Die Frau, die mit &#8220;Holiday&#8221; ihren ersten Hit hatte, war in den letzten f&uuml;nfzehn Jahren kaum auf Urlaub gewesen. Ihr wurde wirklich nichts in die Wiege gelegt. &#8220;Um als Schauspielerin anerkannt zu werden, mu&szlig; ich einfach sehr hart arbeiten, tun, was ich tun mu&szlig; und die Leute reden lassen, was sie wollen. Nur so funktioniert Erfolg. So hat er immer funktioniert. &#8220;(<a name="33" href="#a33">33</a>)</p>
<p>Auf die Frage, warum sie so eine schlechte Presse habe, antwortete sie bereits 1985: &#8220;Weil f&uuml;r die meisten Leute ein M&auml;dchen mit Erfolg nur eine ist, die es mit einem h&uuml;bschen, aber leeren Kopf und nicht mit strengen Prinzipien zu etwas gebracht hat. &#8220;(<a name="34" href="#a34">34</a>) Die strengen Prinzipien sind es, die dieses <em>K&ouml;nnen</em>, das ein <em>M&uuml;ssen</em> ist, auszeichnen. &#8220;I&#8217;ve learned my lesson well&#8221;, singt sie in ihrer wohl gelungensten Ballade &#8220;Live to tell&#8221; (1986). Madonna ist eine <em>M&uuml;sserin</em>. Nicht, ob Madonna singen oder schauspielern kann, ist dann von Belang, sondern ob sie mu&szlig;? &#8211; Sie mu&szlig;!</p>
<p>Und das st&ouml;rt auch nicht. Was aber immens st&ouml;rt, ist die Ausschlie&szlig;lichkeit, mit der es daherkommt, die Intransingenz, mit der es sich verallgemeinert. Es l&auml;&szlig;t nichts mehr zu, es richtet ab, es reduziert das <em>Sp&uuml;ren</em> auf das <em>Spuren. </em> Diese Strenge hat absolutistischen Charakter, w&uuml;rde uns das Wort aus anderen Gr&uuml;nden nicht suspekt sein, dann k&ouml;nnte man dieses Verhalten totalit&auml;rer Z&uuml;ge bezichtigen. Gerade da ist auch der Untergang des Aufbruchs in der strengen Zucht zu verorten.</p>
<p>Auf die Frage &#8220;Kannst du nicht einmal spontan sein? &#8221; antwortet sie sich selbst: &#8220;Ich kanns eben nicht. (&#8230; ) Ich brauche Ordnung in meinem Leben. (&#8230; ) Und ich schaffe Ordnung. &#8220;(<a name="35" href="#a35">35</a>) Und das, obwohl sie programmatisch anders verk&uuml;ndet: &#8220;Where&#8217; sthe party / Iwant to free my soul / Where&#8217;s the party / I want to loose control&#8221; (True blue, 1986).</p>
<p>Wahrlich, Madonna ist eine H&uuml;terin der Ordnung. Nicht Unzucht und Unordnung, sondern <em>Zucht und Ordnung</em> sind eigentlich ihre Themen. Es geht um Macht und um Kontrolle. Die offene Schlagseite des Reaktion&auml;ren, quillt gerade durch eine Figur wie Evita auf Madonna. Sie wird regressiv. Die starke Frau schreit nach der starken Hand. &#8220;Give me strength, give me joy my boy&#8221; singt das &#8220;boy toy&#8221; auf &#8220;Like a prayer&#8221; (1989). Mussolini und Peron nehmen Aufstellung, anstatt in Deckung zu gehen. Madonna kokettiert mit dem Faschismus, man kann und soll es nicht anders benennen.</p>
<p>K&uuml;nstlerisch ist Evita der Durchfall, (<a name="36" href="#a36">36</a>) aber industriell ist das der eigentliche Durchbruch. Hollywood mu&szlig; sie nicht nur ernst nehmen, Hollywood mu&szlig; sie in Zukunft sogar nehmen, wann immer sie genommen werden m&ouml;chte. In einigen Jahren werden sie vor der vom <em>girl</em> zur <em>Diva </em>gewandelten Frau auf den Knien liegen. Dort will Madonna sie auch haben. Sie will Verehrung und Huldigung. Ihr Name verdeutlicht ihr zentrales Verlangen: <em>Anbetung</em>. Aus dem &#8220;I wanna be loved by you&#8221; der Marylin Monroe ist &#8220;You must love me&#8221; bei Madonna geworden. Der <em>Oscar</em> ist nur eine Frage der Zeit. Warum sie heuer keinen bekommen hat, ist eigentlich schleierhaft. Aber sie schafft es, weil sie sich dazu geschaffen hat.</p>
<hr />Fu&szlig;noten</p>
<p><a name="a1" href="#1">1</a>) Madonna im Gespr&auml;ch mit Norman Mailer, Playboy 10/94, S. 36.</p>
<p><a name="a2" href="#2">2</a>) Musik Express/Sounds, Nr. 4/89, S. 38.</p>
<p><a name="a3" href="#3">3</a>) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik II. (1816), Werke 6, Frankfurt am Main 1986, S. 19.</p>
<p><a name="a4" href="#4">4</a>) Diedrich Diederichsen, Offene Identit&auml;t &#038; zynische Untertanen; in: Diederichsen, Dormagen, Penth&#038;W&ouml;rner, Das Madonna Ph&auml;nomen, Hamburg 1993, S. 11-12.</p>
<p><a name="a5" href="#5">5</a>) Ebenda, S. 21.</p>
<p><a name="a6" href="#6">6</a>) Vgl. Theodor W. Adorno, Zeitlose Mode. Zum Jazz (1953); in: ders. , Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1976, S. 159.</p>
<p><a name="a7" href="#7">7</a>) Vgl. unsere fl&uuml;chtige Skizze &uuml;ber Bands wie <em>Pink Floyd</em> oder die <em>Rolling Stones</em>: Franz Schandl, Tyrannosaurus Rock. Mi&szlig;lungene Reinkarnationen, Volksstimme, 17. August 1995, S. 22. In der sogenannten E-Musik k&ouml;nnte man vielleicht die <em>minimal music </em>(Philipp Glass&#038;Co. ) als Pedant ausmachen.</p>
<p><a name="a8" href="#8">8</a>) Theodor W. Adorno, Zeitlose Mode. Zum Jazz, S. 145.</p>
<p><a name="a9" href="#9">9</a>) Simon Reynolds/Joy Press, The sex revolts, Sage 1995, p. 319</p>
<p><a name="a10" href="#10">10</a>) Vgl. Penthouse 9/85.</p>
<p><a name="a11" href="#11">11</a>) Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccone; in: Diederichsen, Dormagen, Penth&#038;W&ouml;rner, Das Madonna Ph&auml;nomen, S. 28.</p>
<p><a name="a12" href="#12">12</a>) Simon Reynolds/Joy Press, The sex revolts, p. 321.</p>
<p><a name="a13" href="#13">13</a>) Diedrich Diederichsen, Offene Identit&auml;t &#038; zynische Untertanen, S. 16-17.</p>
<p><a name="a14" href="#14">14</a>) Zu Norman Mailer sagt sie: &#8220;Jedesmal wenn ich mir einen Pornofilm anschaue, kann ich mich kaum halten vor Lachen (&#8230;. ) Ich finde sie komisch, weil in Pornos immer versucht wird, die fadenscheinigsten Vorw&auml;nde f&uuml;rs Ficken zu konstruieren.&#8221; (Playboy 10/94, S. 40. )</p>
<p><a name="a15" href="#15">15</a>) Wiener, Juli 1991, S. 152.</p>
<p><a name="a16" href="#16">16</a>) Musik Express/Sounds 4/89, S. 38.</p>
<p><a name="a17" href="#17">17</a>) Playboy 10/94, S. 26.</p>
<p><a name="a18" href="#18">18</a>) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ph&auml;nomenolgie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 91.</p>
<p><a name="a19" href="#19">19</a>) Ebenda.</p>
<p><a name="a20" href="#20">20</a>) Julius Mende, Jugendkultur &#8211; narzi&szlig;tische Selbstinszenierung als/oder Herrschaftsmechanismus? , Beitr&auml;ge zur historischen Sozialkunde 4/94, S. 137.</p>
<p><a name="a21" href="#21">21</a>) G&uuml;nther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II. &Uuml;ber die Zerst&ouml;rung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, M&uuml;nchen 1980, S. 136.</p>
<p><a name="a22" href="#22">22</a>) Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccone, S. 39.</p>
<p><a name="a23" href="#23">23</a>) Simon Reynolds/Joy Press, The sex revolts, p. 320.</p>
<p><a name="a24" href="#24">24</a>) Playboy 10/94, S. 36.</p>
<p><a name="a25" href="#25">25</a>) Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccone, S. 84.</p>
<p><a name="a26" href="#26">26</a>) Diedrich Diederichsen, Offene Identit&auml;t &#038; zynische Untertanen, S. 22.</p>
<p><a name="a27" href="#27">27</a>) Basta 7-8/91, S. 172.</p>
<p><a name="a28" href="#28">28</a>) Playboy 10/94, S. 41.</p>
<p><a name="a29" href="#29">29</a>) Penthouse 9/85, S. 60.</p>
<p><a name="a30" href="#30">30</a>) Playboy 10/94, S. 41.</p>
<p><a name="a31" href="#31">31</a>) Basta 7-8/91, S. 171.</p>
<p><a name="a32" href="#32">32</a>) Madonna laut News 4/97, S. 162.</p>
<p><a name="a33" href="#33">33</a>) Muik Express/Sounds 4/89, S. 38.</p>
<p><a name="a34" href="#34">34</a>) Penthouse 9/85, S. 158.</p>
<p><a name="a35" href="#35">35</a>) Madonna laut Wiener, Juni 1991, hier zit. nach: Boris Penth/Natalia W&ouml;rner, Das elfte Gebot: Madonna Ciccione; S. 48.</p>
<p><a name="a36" href="#36">36</a>) &Uuml;ber Andrew Lloyd Webbers Musik sollte man keine Zeile verlieren, das ist Kitsch der &uuml;belsten Sorte, arrogantes Abtun daher die angemessene Reaktion.</p>
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		<title>Die Trümmer der sexuellen Revolution</title>
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		<pubDate>Wed, 28 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erotik / Liebe]]></category>
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		<category><![CDATA[Weg und Ziel 1997-5]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/die-truemmer-der-sexuellen-revolution">Die Trümmer der sexuellen Revolution</a></p>
Was wird aus Eros in den Zeiten von Telephonsex, Penisprothesen und Kinderpornos?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/die-truemmer-der-sexuellen-revolution">Die Trümmer der sexuellen Revolution</a></p>
<h3>Was wird aus Eros in den Zeiten von Telephonsex, Penisprothesen und Kinderpornos? </h3>
<p><em>von Volkmar Sigusch</em> <span id="more-856"></span></p>
<p>Die Sexualwissenschaft machte sich einst zum Anwalt einer Befreiung der Triebe. Heute steht sie vor der bitteren Erkenntnis: Diese Emanzipation r&uuml;ckte die zerst&ouml;rerische Seite der Sexualit&auml;t in den Vordergrund.</p>
<p>Der Schatten des Eros hei&szlig;t Anteros. Den Alten war er nicht nur der Bruder des Eros und der Gott der Gegenliebe, sondern auch der r&auml;chende Genius verschm&auml;hter Liebe. Der sch&ouml;ne Knabe Meles zwang Timagoras, den Fremdling, zum Beweis seiner Liebe von der Akropolis zu springen. Nachdem es Timagoras getan hatte, sprang Meles aus Reue hinterher. So t&ouml;teten sich beide. Seither herrschen Eros und Anteros &uuml;ber Bruchst&uuml;cke.</p>
<p>Die Bruchst&uuml;cke, die uns im Augenblick besch&auml;ftigen, hei&szlig;en das mi&szlig;brauchte Kind, der Sextourist, der Pferdesch&auml;nder. Zu ihnen gesellt sich seit zwei Jahrzehnten ein gequ&auml;ltes und qu&auml;lendes Diskurspersonal: die falsch liebende Mutter, der l&uuml;stern abwesende Vater, der sexistische Mann, die lustlose Frau, der medial Sexs&uuml;chtige, der elektronisch zerstreute Perverse, der medizinisch prothetisierte Impotente, der operativ beruhigte Geschlechterwechsler, vor allem aber das sozial ungleiche, emotional mi&szlig;trauische, theoretisch und aporetisch heterosexuelle Paar. Wahrlich ein posthegelianischer Aufkl&auml;rungstrupp, der Eros ein falbes Grauen bereiten d&uuml;rfte.</p>
<p>Die Sexualwissenschaft m&uuml;&szlig;te eigentlich betreten schweigen, wenn es um Eros geht. Denn auch ihr Erzeuger ist Anteros. Von kleinen Inseln abgesehen, hat sich in unserer Kultur keine ars erotica, sondern eine scientia sexualis entwickelt. Der Blick der dominierenden Wissenschaftler war immer kalt: Kein Geheimnis soll sein. Heute wissen alle Bescheid, und keiner hat eine Ahnung. Sexualwissenschaft existiert aber auch fort, weil das sexuelle Elend nicht verschwand. K&auml;men Wunsch und Befriedigung zueinander, k&auml;men Dauer und Intensit&auml;t zusammen, fielen Begierde und Liebe nicht auseinander, w&uuml;&szlig;ten wir, was ein sexueller Rausch ist und k&ouml;nnten uns in ihn versetzen, scherten wir uns doch um wissenschaftliche Er&ouml;rterungen &uuml;berhaupt nicht. Und Eros lachte.</p>
<p>Anders als in fremden Kulturen geht es bei uns seit etwa zwei Jahrhunderten vorrangig um das manifeste und nicht um das spirituelle Befriedigen von Gier und Neugier. Auch deshalb unterliegt der Bereich, den wir erst seit dem 19. Jahrhundert unter der Bezeichnung &#8220;Sexualit&auml;t&#8221; isoliert und dramatisiert haben, einem st&auml;ndigen kulturellen Wandel. Ununterbrochen werden W&uuml;nsche produziert, die sich unverz&uuml;glich niederschlagen sollen. Ununterbrochen wird die scheinbare Einheit Sexualit&auml;t zerlegt, um ihr neue Begierden zuschreiben und neue Konsumationen abmarkten zu k&ouml;nnen.</p>
<h4>Technologisierung der Fortpflanzung </h4>
<p>Manchmal erfolgt das mit Geschrei, manchmal eher lautlos. Die &Auml;lteren werden sich noch an das Get&ouml;se erinnern, das am Ende der sechziger Jahre &#8220;sexuelle Revolution&#8221; genannt worden ist. Damals wurde ein K&ouml;nig Sex inthronisiert, der alle bis dahin normalen Sexualverh&auml;ltnisse als normopathisch und die gl&uuml;ckliche Familie als durch und durch zerst&ouml;rerisch denunzierte. Er ordnete deshalb Umordnung an. Porno- und Sexographie wurden breit kommerzialisiert. In den Massenmedien probten diverse Sexualia den Aufstand, bis sie ihre Stupidit&auml;t nicht mehr verbergen konnten. In den Schulen wurde versucht, den Zeigestock gegen das Imagin&auml;re ins Feld zu f&uuml;hren. Dazu pa&szlig;t das zunehmende Technologisieren der Fortpflanzung ebenso wie das Trennen von Recht und Moral. Der Staat zog sich aus einigen Bereichen des individuellen Lebens zur&uuml;ck, so da&szlig; das Sexual-, Ehe- und Kontrazeptionsverhalten partiell entp&ouml;nalisiert wurde. Jugendliche und junge Erwachsene forcierten ihr Sexualverhalten kollektiv, blieben aber mehrheitlich am Ehe- und Treuemodell ihrer Eltern orientiert. Besonders einschneidend war die kulturelle Resexualisierung der Frau als Genus. Sie war jetzt orgasmuspflichtig, nachdem ihr bis in die drei&szlig;iger Jahre dieses Jahrhunderts hinein wissenschaftlich abgesprochen worden war, &uuml;berhaupt ein sexuelles Wesen sui generis zu sein. Hinzu kam die waren&auml;sthetische Indienstnahme nicht nur des weiblichen, sondern auch des m&auml;nnlichen K&ouml;rpers, dessen neue Drapierung die durchschnittlich zwei Unterhosen aus wei&szlig;em Baumwollripp weit hinter sich lie&szlig;. Erinnert sei schlie&szlig;lich an die enorme Psychologisierung des heterosexuellen Paares, das, in eine Beziehungskiste eingesperrt, ununterbrochen in sich hineinlauschen und sein Empfinden zu Protokoll geben sollte, bis sich die ersch&ouml;pften Partner wieder in sich zur&uuml;ckzogen.</p>
<h4>Gewalt &#8211; Mi&szlig;brauch &#8211; t&ouml;dliche Infektion </h4>
<p>Das war der Beginn eines lautlosen Wandels, den ich die &#8220;neosexuelle Revolution&#8221; nenne. Die Umw&auml;lzung, die in den achtziger und neunziger Jahren erfolgte, ist vielleicht noch einschneidender als die, die mit der sexuellen Revolution einherging. Die Kulturform Sexualit&auml;t verlor an symbolischer Bedeutung, wird heute nicht mehr als die Lust- und Gl&uuml;cksm&ouml;glichkeit schlechthin &uuml;bersch&auml;tzt. Wurde sie Ende der sechziger Jahre positiv mystifiziert als Rausch, Ekstase und Transgression, wird sie heute negativ diskursiviert als Gewalt, Mi&szlig;brauch und t&ouml;dliche Infektion.</p>
<p>Damit es dazu kommen konnte, mu&szlig;te die scheinbare Einheit Sexualit&auml;t erneut zerschlagen und neu zusammengesetzt werden. Bestand die alte Sexualit&auml;t vor allem aus Trieb, Orgasmus und dem heterosexuellen Paar, bestehen die Neosexualit&auml;ten vor allem aus Geschlechterdifferenz, Prothetisierungen und Thrills. Geschlecht ist heute nicht mehr Geschlecht, sondern wird differenziert nach K&ouml;rpergeschlecht, Geschlechtsrollenverhalten, Transgenderismus, Geschlechtsidentit&auml;t und so weiter. Die destruktive Seite der Sexualit&auml;t wird heute st&auml;rker betont als die libidin&ouml;se. Wir werden st&auml;ndig mit sexueller Gewalt konfrontiert, kaum aber an Hingabe und Wohllust erinnert. Der ehemals singul&auml;r kranke Triebt&auml;ter wurde zum ubiquit&auml;r normalen Geschlechtst&auml;ter vervielf&auml;ltigt, bis M&auml;nner nur noch geil, gewaltt&auml;tig und impotent zu sein schienen.</p>
<h4>Widerruf der Diffenzierung von Recht und Moral </h4>
<p>Politisch schlug sich dieses Betonen der zerst&ouml;rerischen Seite der Sexualit&auml;t in neuen P&ouml;nalisierungen nieder, die die m&uuml;hsam in den siebziger Jahren vorangetriebene Differenzierung von Recht und Moral brutal widerriefen. Brutal auch, weil Abstimmungsfronten von alternativ bis rechtsradikal, die selbst als so etwas wie die &#8220;Pornographie der Demokratie&#8221; figurierten, die letzte institutionelle oder kollektive Gegenrede ausschlossen. Wir ahnen jetzt, wie sehr unsere Sexualit&auml;t auf &Uuml;berw&auml;ltigung und Asymmetrie basiert. Wir reflektieren aber nicht den allgemeinen Gewalt- und Verstofflichungszusammenhang, der unsere Gesellschaft mitkonstituiert. Gegen Kindesmi&szlig;brauch sind wir unisono, denn das kostet nur das &Ouml;l des Humanismus, das bisher h&ouml;chst erfolgreich die R&auml;derwerke der Gewalt geschmiert hat. F&uuml;r Programme aber, die Kinderleben retten k&ouml;nnten, sind im Ernst nur wenige, weil es Geld und Gem&uuml;tlichkeit kostete und eine andere Art zu leben erforderte. Ein h&ouml;heres Strafma&szlig; zu fordern wie der alternative Minister von Plottnitz oder FKK-Heftchen verbieten zu wollen wie die nichtalternative Ministerin Nolte ist roh, borniert, untauglich und heuchlerisch.</p>
<h4>Neue Geschlechts- und Sexualformen </h4>
<p>Doch die neosexuelle Revolution hat nicht nur neue Heucheleien gebracht. So wird die weibliche Sexualit&auml;t heute dank Frauenbewegung und Feminismus weitgehend als eine eigensinnige Form betrachtet. Sie ist theoretisch nicht mehr durchweg vom Modell Mann abgezogen, wird praktisch nicht mehr als Negativ der m&auml;nnlichen Sexualit&auml;t mi&szlig;achtet. Die Vervielf&auml;ltigung der sozial akzeptierten Beziehungs- und Lebensformen hat zu einer Differenzierung sowohl der alten Hetero- wie der alten Homosexualit&auml;t gef&uuml;hrt, deren vordem monolithischere Charaktere sich damit empirisch als theoretisch in dem Sinn erweisen: da&szlig; sie kulturell produziert worden sind. Sexuelle und geschlechtliche Empfindungsweisen, die fr&uuml;her der Heterosexualit&auml;t, der Homosexualit&auml;t oder der Perversion zugeschlagen worden sind, weil keine anderen Raster zur Verf&uuml;gung standen, treten aus deren Bannkreis heraus, definieren und pluralisieren sich selbst als Lebensweisen. Alte Krankheitsentit&auml;ten wie Fetischismus, Sadomasochismus oder Transsexualismus zerfallen. Neue Geschlechts- und Sexualformen wie die Bisexualit&auml;t treten hervor.</p>
<p>Durch diese Diversifikation, die die Selbstbestimmungs- und B&uuml;rgerrechtsbewegungen der vergangenen Jahrzehnte politisch angesto&szlig;en haben, verliert die Herkunftsfamilie zunehmend an emotionaler und sozialer Bedeutung. Andere Vernetzungen ohne Bluts- und Keimbande werden immer wichtiger. Die Familie ist im Verlauf einiger Jahrhunderte drastisch geschrumpft. Bestand das &#8220;ganze Haus&#8221; aus zehn, zwanzig, hundert Personen, bewegen wir uns seit einigen Jahrzehnten auf eine Kleinstfamilie zu. Immer mehr Einzelpersonen sind zu ihrer eigenen Familie geworden. Die triangul&auml;re Triade Vater-Mutter-Kind, noch vor zwei Generationen der Inbegriff der Familie, ist in einem ungeahnten Ausma&szlig; kulturell verbla&szlig;t. Ehe und Familie sind faktisch voneinander getrennt. Es gibt jetzt Singles und Alleinerziehende, Dauerbeziehungen mit Liebe, aber ohne sexuellen Verkehr, &auml;u&szlig;erst komplizierte Intimbeziehungen mit drei und mehr Akteuren, Abstinenz und Partnertausch, One-night-Stands, Let&#8217;s party, Call-in, Vakuumpumpen und Love Parades sowie eine Unzahl &#8220;pseudoperverser Inszenierungen&#8221;, von denen der unvergessene Eberhard Schorsch gesprochen hat. Alle alten Perversionen sind inzwischen elektronisch zerstreut und partiell entd&auml;monisiert worden &#8211; mit Ausnahme der nach wie vor tabuisierten P&auml;dosexualit&auml;t.</p>
<h4>Warenf&ouml;rmigkeit sexueller Fragmente </h4>
<p>Doch auch die P&auml;dosexualit&auml;t pluralisiert sich nach marktwirtschaftlicher Logik. Immer mehr sexuelle Fragmente und N&ouml;te werden in die Warenf&ouml;rmigkeit gepre&szlig;t. Flirtschulen, Partnervermittlungen oder Hersteller von Sadomasochisten-M&ouml;beln bieten ihre Dienste an. Embryonen, Tiere oder Jungfrauen werden auf dem Markt angeboten. Warum nicht auch Kinderfleisch, wenn alles k&auml;uflich ist? Neben dem alten, vereinzelten P&auml;dophilen, der ein Kind ernster nahm, als es ein Fernsehapparat zustande bringt, ist massenhaft der Biedermann getreten. Er macht damit einen Verdacht wahr, den die Sexualwissenschaft seit ihren Anf&auml;ngen hegt: da&szlig; er nur dann &#8220;potent&#8221; ist, wenn er das Sexualobjekt erniedrigt und beherrscht.</p>
<h4>&Uuml;berwindung des K&ouml;rpers </h4>
<p>Auch von der Medizin wird allerlei angeboten. Beispielsweise mechanisch, medikament&ouml;s oder chirurgisch hergestellte Gliedversteifungen. Dadurch werden sexuelles Erleben und k&ouml;rperliche Reaktion k&uuml;nstlich voneinander getrennt. Ein Mann kann dann ohne inneres Verlangen und oft auch ohne jene psychophysischen Sensationen, die dem sexuellen Erlebnis bisher eigen zu sein schienen, &#8220;sexuell funktionieren&#8221; und den Geschlechtsverkehr als das praktizieren, was er in unserer Kultur einer wesentlichen Tendenz nach immer war: Vollzug. Der Traum der Mediziner von der totalen Prothetisierung der sexuellen Funktionen, deren Verk&ouml;rperungen den K&ouml;rper zur Leiche machen, als auch Entk&ouml;rperungen sind, korrespondiert mit dem allgemeinen Traum von der Pr&auml;vention des Somatischen und der &Uuml;berwindung des K&ouml;rpers, von der Entleiblichung des Sexus und des Genus.</p>
<p>Abzulesen ist diese kulturelle Tendenz momentan am Telephonsex und den TV-Partnertreffs, an Fax-, PC- und Cybersex. An letzterem offenbart sich m&ouml;glicherweise ein generelles Umschreiben der Sinnlichkeits- und Wahrnehmungsstrukturen, das mit dem &Uuml;bergang von einer Kultur des Wortes und des Bildes zu einer Kultur des Zeichens zusammenh&auml;ngt. Die alten Mythen schrumpfen zu Punkten und Strichen zusammen. Momentan noch ungef&auml;hrdet wie der Pilot, der am Flugsimulator trainiert, will der Cybersex die alte Sexualit&auml;t hinter sich lassen, ohne die Gefahren der elektronischen Kopulation bereits zu kennen, die eine produktive Verstofflichung dieser Dimension zwangsl&auml;ufig enth&auml;lt, solange den Manipulateuren eine Leibseele alter Manier zugerechnet wird.</p>
<p>Auf der Suche nach dem Thrill sind uns mittlerweile alle Mittel und Methoden recht. Heute wird der Abgrund, der in unserer Kultur zwischen dem Wunsch und seiner Befriedigung klafft, scheinbar durch allerlei Praktiken und Lebensweisen &uuml;berbr&uuml;ckt. Doch das beinahe l&uuml;ckenlose Kommerzialisieren und elektronische Inszenieren treiben das Begehren offenbar wirksamer aus als das Unterdr&uuml;cken durch Verbote. Da&szlig; die Verbote immer lustges&auml;ttigt waren, ahnt der Vatikan bis heute, Freud und Bataille aber haben es bereits begriffen.</p>
<p>Was also hat die neosexuelle Revolution gebracht? Es gibt jetzt eine sexuelle und geschlechtliche Buntscheckigkeit, von der fr&uuml;here Generationen getr&auml;umt haben m&ouml;gen. Der Proze&szlig; der kulturellen Dissoziation der alten Einheit Sexualit&auml;t hat zu einer gewaltigen Zerstreuung der Partikel, Fragmente und Lebensweisen gef&uuml;hrt, die ich &#8220;sexuelle Dispersion&#8221; nenne. Dadurch sind neue Konstrukte entstanden, die einige Verkrampfungen, Zweifel und Bef&uuml;rchtungen beseitigt haben, so da&szlig; sich andere ausbreiten k&ouml;nnen.</p>
<h4>Lean Sex &#8211; selbstdiszipliniert und selbstoptimiert </h4>
<p>Mit der Rationalisierung, der Zerstreuung, der Kommerzialisierung und dem Zwang zur Vielfalt ist eine generelle Banalisierung des Sexuellen verbunden. Sexualit&auml;t ist kulturell etwas weitgehend Selbstverst&auml;ndliches geworden wie Mobilit&auml;t oder Urbanit&auml;t. Manfrau tut es oder tut es eben nicht. Aus dem revolution&auml;ren Eros ist, etwas zu modern gesagt, Lean Sex geworden: selbstdiszipliniert und selbstoptimiert. Love Parades sind folglich der Inbegriff der Neosexualit&auml;ten. Werktags wird sauber und korrekt funktioniert, am Wochenende aber wird eine Techno-Sau durch den Tiergarten getrieben, die nur noch von ferne an die Verhei&szlig;ungen und Risiken des Gartens der L&uuml;ste erinnert.</p>
<p>Eros bezeichnet nicht mehr die offene Stelle in unserer Kultur. Dummerweise wissen wir, da&szlig; abstinentes, monogames oder promiskes Verhalten gleich weit entfernt sind von einem freien Sinnesleben, da&szlig; die Helden der Liebe ebenso Indices des falschen Lebens sind wie die Sexualstraft&auml;ter, da&szlig; das gesunde und gl&uuml;ckliche Sexualleben seit Jahrhunderten die Ideologie seiner Verhinderung ist. Noch aber widersprechen unbewu&szlig;te Impulse und individuelle Phantasien dem, was allgemein als rational entschieden gilt. Noch k&ouml;nnen in der sexuellen Erregung Dinge zur&uuml;cktreten, die das Alltagsleben strangulieren. Alles ist gang und g&auml;be, alles scheint eingef&uuml;gt und erstarrt, doch da ereignet sich etwas Unvorhergesehenes, Ersch&uuml;tterndes, Verr&uuml;cktes. Infantile Allmachts- und Vollkommenheitsphantasien sind auf einmal wieder da. Es geht nicht mehr gem&uuml;tlich zu, sondern h&ouml;chst riskant, es herrscht nicht mehr Langeweile, sondern ein Ausnahmezustand. Das, so glauben wir, ohne den Macht-Dispositiven der heutigen Philosophie das alte selbstm&auml;chtige Subjekt entgegenhalten zu wollen, vermag das Sexuelle immer noch, das Freud vor hundert Jahren ein &#8220;gro&szlig;es Bed&uuml;rfnis&#8221; genannt hat.</p>
<p>Solange die kulturellen Inszenierungen auf die Sehnsucht der Menschen nach Transzendenz spekulieren, so lange wird der Kampf zwischen Eros und Anteros um die Fragmente weitergehen. Kommt er zu einem Ende, k&ouml;nnen die Menschen nicht mehr hoffen, den anterotischen Bruchst&uuml;cken und den k&auml;uflichen Dingen nur auf Widerruf zubestimmt zu sein.</p>
<p>Dr. Volkmar SIGUSCH ist Direktor des Instituts f&uuml;r Sexualwissenschaft am Klinikum der Universit&auml;t Frankfurt am Main sowie Mitherausgeber der &#8220;Zeitschrift f&uuml;r Sexualforschung&#8221;. Er studierte unter anderem Philosophie, Medizin (Facharzt f&uuml;r Psychiatrie und Psychotherapie) sowie Sexualwissenschaft.</p>
<p>* Dieser Beitrag erschien erstmals in DIE ZEIT am 4. Oktober 1996. In &#8220;Weg und Ziel&#8221; war er in der Nr. 5/1997 nachgedruckt. Die Zwischentitel stammen von der &#8220;Weg und Ziel&#8221;-Redaktion.</p>
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		<title>Pop-Geschichte wird gemacht</title>
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		<pubDate>Mon, 19 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Pop]]></category>
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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/pop-geschichte-wird-gemacht">Pop-Geschichte wird gemacht</a></p>
<h3>&Uuml;berlegungen zum Umgang mit der Pop-Vergangenheit </h3>
<p><em>von Regina Behrendt / G&uuml;nther Jacob </em> <span id="more-859"></span></p>
<p>Wenn Dave Hanley beim Lachen seine obere Zahnreihe entbl&ouml;&szlig;t, wird eine gro&szlig;e L&uuml;cke sichtbar. Seine graue Second Hand-Fischgr&auml;those hat &uuml;ber dem ausgebeulten linken Knie ein Brandloch und seine F&uuml;&szlig;e stecken in abgetragenen Sandalen. Dave Hanley sieht aus, wie viele junge Londoner in den Szenevierteln Notting Hill oder Camden Town aussehen &#8212; etwas &auml;rmlich und abgerissen.</p>
<p>Der Grund daf&uuml;r ist aber nicht in einer ung&uuml;nstigen Einkommenssituation oder den hohen Londoner Mietpreisen zu suchen, sondern in einem spezifischen Szenecode. Auch unter widrigen &ouml;konomischen Rahmenbedingungen hat es immer popkulturell orientierte junge Leute gegeben, die ihre geringen finanziellen Mittel bevorzugt in teure Klamotten, Motorroller oder Plattensammlungen steckten.</p>
<p>Vor seiner Karriere als DJ, Produzent und Musiker betrieb Dave Hanley einen Fris&ouml;rladen an der Kensington High Street. Auch sein Partner Justin Langlands, vormals Layouter bei einer renommierten Popzeitschrift, kommt aus einer Szene, in der es wichtig ist, kommerziellen Erfolg mit einer Street-Attitude zu verbinden, sich nicht habituell &uuml;ber die Community zu erheben, deren Netzwerk den Aufstieg erst erm&ouml;glichte und deren Imagezuschreibungen auch weiterhin Einflu&szlig; auf den Marktwert der ihr angeh&ouml;rigen Individuen haben.</p>
<p>Dave Hanley und Justin Langlands wurden Anfang der 90er Jahre mit ihrem Dancefloor-Projekt Pressure Drop bekannt. Als wir sie damals interviewten, fiel mir als erstes der Gegensatz zwischen ihrem Understatement und ihrer gesch&auml;ftlichen Cleverness auf. Die beiden geh&ouml;rten mit zu den ersten, die mit einem Underground-Gestus zur Industrie gehen konnten, ohne da&szlig; ihnen das geschadet h&auml;tte. Ihre Deals mit Polydor und Marlboro h&auml;tten andere noch um ihre Szenereputation gebracht. Sie aber repr&auml;sentierten bereits jenen heute allzu bekannten neuen Jungunternehmertypus, der trotz gesch&auml;ftlichem Erfolg den Kontakt zur Posse nicht verliert.</p>
<p>Im Unterschied zu dem Aufsteiger alten Typs, der seine Herkunft verleugnet und sich demonstrativ distanziert (&quot;Spiel nicht mit den Schmuddelkindern&quot;), steht der neue Jungunternehmer f&uuml;r eine andere Haltung: Er vergi&szlig;t seine &quot;Roots&quot; nicht. Glaubt man dem Bild, das er von sich zeichnet, so hat er das System durchschaut und nutzt nur dessen Strukturen aus. Im Inneren verachtet er es. Er bleibt cool und den Werten seines Herkunftmilieus treu. Dorthin vergibt er einen Teil der Jobs und Auftr&auml;ge, denn in den Bereichen Musik &amp; Mode ist die pers&ouml;nliche Teilnahme heute (selbst f&uuml;r viele Labelchefs der Majors) Voraussetzung der permanenten Innovation. Wer Clubwear verkauft, einen Club betreibt oder mit Trend-Platten handelt, mu&szlig; am Ball bleiben und auch auf sein Image in der Szene achten.</p>
<p><strong>Fallstudie und theoretische Reflexion</strong></p>
<p>Club Culture stellt heute (neben den von WOM, Camel etc. gesponsorten Gro&szlig;-Rave-Veranstaltungen) nicht nur einen der wichtigsten Gesch&auml;ftszweige des Pop dar, sondern ein verzweigtes System von Images und Orten, die in ausdr&uuml;cklicher Konkurrenz zur tradierten Rock Culture durchgesetzt wurden. Mit Club Culture schufen sich Szenen und Gruppierungen ein neues Feld, die in der Rock Culture aus verschiedenen Gr&uuml;nden nicht zum Zug kamen. Durch eine Rekonstruktion dieser Entwicklung, das ist unsere These, w&uuml;rde man wichtige Anhaltspunkte f&uuml;r eine angemessene Analyse der Entwicklungsdynamik des Pop-Feldes erhalten. Diese Rekonstruktion wurde durch die jahrelange Wortf&uuml;hrerschaft der auf Distinktionsstrategien abonnierten Subkulturideologen bisher behindert. Nachdem ihr Kanon von den etablierten Medien &uuml;bernommen wurde, ist dessen Dekonstruktion Bedingung jeder Pop-Kritik.</p>
<p>Eine solche Kritik mu&szlig; sich auch &uuml;ber ihre eigenen Voraussetzungen und Methoden klar werden. Wir pl&auml;dieren dabei f&uuml;r eine Kombination von Fallstudien und theoretischen Reflexionen. Wie andere Gegenst&auml;nde, erschlie&szlig;t sich auch Pop nicht durch Ferndiagnosen und theoretische Ableitungen. Jedes Urteil aus zu gro&szlig;er Distanz erweist sich schnell als unhaltbar. Wer sich mit dem Gegenstand nicht detailliert auseinandersetzt, endet bei einem Denken, das von jedem Ph&auml;nomen wei&szlig;, wo es hingeh&ouml;rt, und von keinem, was es ist. Eine rein transzendente, von ihrem Gegenstand unber&uuml;hrte Kritik mu&szlig; als Etikettierung enden. Wer Pop kritisiert, mu&szlig; ein St&uuml;ck daran teilhaben, aber auch wieder Distanz herstellen. Der Selbstbewegung des Objekts vermag nur zu folgen, wer es kennt, ihm aber nicht vollkommen angeh&ouml;rt.</p>
<p>Es kommt schon sehr auf die Details an, wenn man heute beispielsweise untersuchen m&ouml;chte, wie das, was in der zweiten H&auml;lfte der 80er Jahre als kleine Szene begann, die lediglich Zeitschriften und Labels des Special interest-Bereiches trug, in den 90er Jahren zu einem gro&szlig;en und diversifizierten Markt der Club Culture werden konnte, der von DJs, Kinderzimmer-Produzenten, Studios, Trendclubs, Plattenl&auml;den, Clubwear- und Sport-Firmen, Stadtzeitungen, privaten Radiostationen, Plattenfirmen, Tabakmultis und nicht zuletzt von Musiksendern wie MTV und VIVA intensiv bearbeitet wird.</p>
<p>Aber so wichtig die Kenntnis der Details auch ist &#8212; sie setzen sich nicht von selbst zu einem Gesamtpanorama zusammen. Pop spricht seine Geheimnisse nicht unmittelbar aus. Eine immanente Betrachtung w&uuml;rde daher nicht ausreichen. Weil das Gewicht der konventionellen Wahrnehmungsmuster nach unten zieht, kommt es darauf an, den Gegenstand immer wieder von sich zu sto&szlig;en und so einen Abstand zu ihm zu schaffen. Unvermeidlich wird er einem dabei auch ein St&uuml;ck fremder werden, denn eine Distanz, die man sich erarbeitet hat, l&auml;&szlig;t sich nicht beliebig in die alte N&auml;he zur&uuml;ck verwandeln. Das merkt man schon daran, da&szlig; einen das affektive Investment nachr&uuml;ckender Fans befremdet oder am&uuml;siert, die soeben eine Musik f&uuml;r sich entdecken (etwa Dub), die man schon ein Jahrzehnt zuvor &#8212; wahrscheinlich mit der gleichen Emphase &#8212; rezipiert hat.</p>
<p>Der eigene &#8212; keineswegs stabile &#8212; Sprechort mu&szlig; daher st&auml;ndig mit reflektiert werden. Jeder Entschlu&szlig; zur Kritik ist auch eine folgenreiche Neupositionierung im sozialen Raum. Die Kritik sollte deshalb in ihrem Diskurs eine implizite Diskussion &uuml;ber sich selbst enthalten, die sich gegen die eigenen Axiome kehrt und ihre Voraussetzungen, Ma&szlig;st&auml;be und Kategorien befragt: &quot;Die Kritik ist Diskurs &uuml;ber einen Diskurs. Sie ist die , sekund&auml;re Sprache&#8216; oder , Meta-Sprache&#8216;, die sich mit einer , prim&auml;ren Sprache&#8216; befa&szlig;t&quot; (Roland Barthes).</p>
<p>Das gilt um so mehr, wenn zur &quot;prim&auml;ren Sprache&quot; auch die der g&auml;ngigen Popzeitschriften und Popb&uuml;cher z&auml;hlt, denn dann beobachtet man wiederum die &quot;Beobachter zweiter Ordnung&quot;.</p>
<p>Auch sie sind von beschreibbaren W&uuml;nschen und Bed&uuml;rfnissen gepr&auml;gt, die den blinden Fleck ihrer Praxis ausmachen. Indem diese Praxis &#8212; und nicht nur das was sie sagen &#8212; in die Kritik einbezogen wird, bewerten wir den Bereich des Sozialen. Die Frage ist dann nicht mehr die nach der guten Platte oder der Berechtigung eines Deleuze-Zitates, sondern danach, welche Mechanismen der Orientierung und welche kulturellen Dimensionen diesen Diskurs antreiben: Mit welchen Unterscheidungen operieren diese Beobachter, warum mit diesen und nicht mit anderen? Welches sind die konkreten empirischen Bedingungen, unter denen sie operieren? Wie thematisieren oder &uuml;berspielen sie ihre materielle Abh&auml;ngigkeit von den Ressourcen der Popindustrie? Wie vermeiden sie es, explizit &uuml;ber den Zusammenhang zwischen Leistung, Belohnung, Konkurrenz, Spielregeln, Statuserwerb, Kompetenzerwerb etc. zu sprechen? Wie sichern sie ihre &quot;Glaubw&uuml;rdigkeit&quot;?</p>
<p><strong>Das Pop-Feld</strong></p>
<p>Eine Kategorie, die in diesem Zusammenhang weiterhelfen kann, ist Bourdieus Begriff des Feldes. Er besagt folgendes: Was in der sozialen Welt existiert, sind objektive Relationen, die unabh&auml;ngig vom Bewu&szlig;tsein und Willen der Individuen bestehen. Ein Feld ist ein Netz relationaler Positionen. Der Zugang zu den spezifischen symbolischen, kulturellen, sozialen etc. Profiten ist z. B. auf dem kulturellen Feld anders geregelt als auf dem &ouml;konomischen. Und in jedem Feld gibt es eine besonders umk&auml;mpfte Kapitalsorte, auf der die Macht der tonangebenden Personen beruht. Jede Szene hat z. B. ihre spezifischen Schl&uuml;sselbegriffe. In ihnen konzentriert sich ihr soziales Wollen als Losung. Die Summe der Parolen l&auml;&szlig;t sich als Verhaltenskodex lesen und erm&ouml;glicht es zu erkennen, aus welchem Stoff der symbolische Mehrwert der Wortf&uuml;hrer ist. Ihre Parolen leben vom &Uuml;berschu&szlig;, das hei&szlig;t &#8212; siehe die mittlerweile eingegangene Techno-Zeitschrift &#8220;Frontpage&#8221; &#8212;, sie leben nur solange, wie ihr Kerngehalt sich noch nicht verwirklicht hat. Das Ziel konkurrierender Kr&auml;fte ist es daher, diesen &Uuml;berschu&szlig; zu entwerten und/oder umzuwerten und ihr spezifisches Kapital besser zur Geltung zu bringen. Wenn z. B. im Pop die Sprechmacht der &quot;Rockavantgarde&quot; auf einem technikskeptischen Kanon beruht, k&ouml;nnen Computer-Kenntnisse einen Vorsprung einbringen, sofern es gelingt HighTech, Avantgardismus und &ouml;kologische Ideen zu einem Diskurs zu vereinigen. Dann kann es sein, da&szlig; es den bisherigen Wortf&uuml;hrern nicht mehr gelingt, die alten Sprachen der Dissidenz und der Subversion so zu aktualisieren, da&szlig; sie auch in der aktuellen &quot;Partykultur&quot; ihre Wirkung entfalten k&ouml;nnen. Sarah Thornton hat in ihrem lesenswerten Buch &quot;Club Cultures. Music, Media and Subcultural Capital&quot; (Oxford 1995) gezeigt, wie neue Szenen durch Abgrenzung von konkurrierenden Fraktionen entstehen. Erst die Abgrenzungsdiskurse schaffen neue Orte, Territorien und Seilschaften mit eigener Erz&auml;hlstrategie, eigenem Wissen, eigenem Kapital und neuen Subjektpositionen (z. B. &quot;der DJ&quot;).</p>
<p>Wollte man also auch f&uuml;r die BRD oder &Ouml;sterreich rekonstruieren, wie das Feld der Club Culture in Abgrenzung von der Gitarrenmusik entstand, so w&auml;ren in erster Linie jene Gruppierungen zu betrachten, die auf dem bereits besetzten Feld des Rock keinen Platz mehr fanden und deshalb neue Images entwickeln und neue Orte schaffen mu&szlig;ten. Nicht &quot;die Industrie&quot;, sondern diese kulturellen Gruppierungen etablierten &#8212; innerhalb der kulturindustriellen Strukturen &#8212; mit der Club Culture ein von der Rock Culture unterschiedenes alternativ-hedonistisches urbanes Milieu, das sich in seinen Anf&auml;ngen als Teil einer Internationale des guten Geschmacks verstand. Im Kontext von Club Cultur wurden Instrumente wie Saxophon, Trompete, Fl&ouml;te, Bar-Piano, Latin Percussion, Strings und Funk-Gitarre, die im Pop lange Zeit als veraltet galten, wieder rehabilitiert &#8212; zun&auml;chst per Sample, sp&auml;ter auch als Live-Einspielungen und auf der B&uuml;hne. Diese nachr&uuml;ckenden Gruppierungen entwarfen das Bild einer stilvollen Ausgelassenheit, das zun&auml;chst Nachtschw&auml;rmer, Tanzakrobaten, Partysanen und Rare Groove-Sammler anlockte, und dann &#8220;Max&#8221;, &#8220;Elle&#8221; und angesagte Stadtmagazine lesende Medienleute, Galerie&auml;stheten, Cabrio-Fahrer, City Slickers und aufgeschlossene Mittdrei&szlig;iger in fester Stellung.</p>
<p><strong>Diskursive Konstruktionen</strong></p>
<p>Die diskursive Konstruktion von Club Culture (wie auch die sp&auml;teren Verschiebungen von &quot;Dancefloor-Jazz&quot; und HipHop zu Dub, Jungle, Drum&#8216;n&#8217;Bass, Elektro etc. ) kann recht genau nachgezeichnet werden. So l&auml;&szlig;t sich zum Beispiel zeigen, welche Bedeutung Sampler wie &quot;London Underground&quot; f&uuml;r die sp&auml;ter g&uuml;ltigen Vorstellungen von einem Dance Underground hatten oder welche Rolle der Multikulti-Diskurs bei der Imagekonstruktion spielte. Einschl&auml;gigen Publikationen von &#8220;NME&#8221; bis &#8220;The Face&#8221; l&auml;&szlig;t sich entnehmen, wie das f&uuml;r die Club Culture konstitutive Konzept einer &quot;Begegnung zwischen den Kulturen&quot; in England vorformuliert und dann in der BRD zu einem Come together-Slogan wurde. Es l&auml;&szlig;t sich auch zeigen, wie und weshalb der Entwurf des Clubs als Ort, an dem trotz ungleicher Lebensbedingungen wirkliche zivilisierte Geselligkeit m&ouml;glich ist, zun&auml;chst mit Jazz-, Soul- und Latin-Anteilen am Dancefloor korrespondierte. Schlie&szlig;lich w&auml;ren noch die &ouml;konomischen Strategien des postmodernen Jungunternehmertums zu rekonstruieren, seine Merchandising-Praktiken (Club &amp; Kleiderladen, Club &amp; CD etc. ), die Bedeutung von Corporate Identity (das LOGO auf Platte, Slipmate, Shirt etc. ), die verfeinerte Door policy (sie sichert die Separation der Szenen), das Posse-Prinzip, die neuen Gr&uuml;ndungsmythen, die Anbetung von Creativity und Innovation etc. Zuletzt w&auml;ren sicher auch noch die Tabakkonzerne zu erw&auml;hnen, die einen Teil ihres Werbeetats imagetr&auml;chtig in die Club Culture investierten. Sie waren aber keineswegs der Motor dieses Trends gewesen, st&uuml;tzten ihn jedoch, verschoben einige Images und stellten spezifische Abh&auml;ngigkeiten her.</p>
<p><strong>Pop und Geschichtsschreibung</strong></p>
<p>Der Pop-Diskurs ist ein Archiv konventionalisierter (und institutionalisierter) Regelm&auml;&szlig;igkeiten, die alle ihre eigene soziale Differenzierungsgeschichte haben und in Kombination mit anderen Unterscheidungen ihre jeweils aktuelle Bedeutung erhalten. Damit ist auch gesagt, da&szlig; die Kritik nicht an der kanonisierten Popgeschichte ankn&uuml;pfen kann.</p>
<p>Da&szlig; es nach 50 Jahren Pop eine solche Geschichte gibt, kann nicht bezweifelt werden. Aber die uns bekannte Popgeschichte unterscheidet sich kaum von der Geschichtsschreibung der Schulb&uuml;cher. Es ist die Geschichte von &#8212; zumeist m&auml;nnlichen &#8212; Helden (Elvis, Chuck Berry, Otis Redding, Jimi Hendrix, Mick Jagger, Bob Dylan, Bee Gees, Kraftwerk, Kiss, Sid Vicious, David Bowie, Michael Jackson, David Byrne, Ice-T, Chuck D, Kurt Cobain, Goldie etc. ), die Geschichte von Genres (Cool Jazz, Rock&#8216;n&#8217;Roll, Soul, Folk, Beat, Rock, Disco, Punk, Rap, House, Techno, Drum&#8216;n&#8217;Bass etc. ) und die Geschichte der Klang- und Wiedergabeger&auml;te (Trompete, Gitarre, Schallplatte, Synthesizer, Beatbox, Sampler, Cubase etc. ). Um diese Daten herum sind diverse Erz&auml;hlungen gruppiert, die seit Jahrzehnten wiederholt werden: Das Birdland war ein legend&auml;rer Jazzclub, Bill Haley entfachte eine Teen-Rebellion, Jimi Hendrix erfand die R&uuml;ckkoppelung, die Woodstock-Generation k&auml;mpfte gegen den Vietnamkrieg, Mick Jagger sa&szlig; wegen Drogenbesitz im Gef&auml;ngnis, Jim Morrison verachtete das Establishment, Kraftwerk leiteten das elektronische Zeitalter ein, David Bowie ist ein bisexueller Avantgardist, Punk richtete sich gegen fett gewordenen Gro&szlig;rock und setzt die Tradition der Dadaisten fort, Madonna ist eine autonome Frau, Cobain litt an seinem Erfolg&#8230;</p>
<p>Nehmen wir als Beispiel die beliebten Genre-Geschichten: Ein Mensch mit vielen Platten und einem guten Archiv blickt zur&uuml;ck und schreibt die Geschichte von Rock oder Disco. Nur zu gerne produziert eine solche Geschichtsschreibung Genealogien der verschiedenen Subgenres, in denen untergegangene Bands als &quot;Vorg&auml;nger&quot; der jeweils aktuellen Popmusik eingeordnet werden. Wer bei Oasis und Garbage die Sixties heraush&ouml;rt, wird sich auch leicht davon &uuml;berzeugen lassen, da&szlig; die sp&auml;teren Perioden popkultureller Aktivit&auml;t aus den fr&uuml;heren hervorgehen. Von Kraftwerk zu Techno wird da meistens umstandslos eine gerade Linie gezogen, bis sich der Plattenoutput in ein aufsteigendes Fortschrittsmodell f&uuml;gt. Ob man nun den Bogen von Amon D&uuml;&uuml;l II zur brandneuen Steve Bug-Kompilation spannt, oder eine History of House konstruiert &#8212; am Ende lief alles, was &quot;vorher&quot; war, auf das heute bekannte Resultat hinaus.</p>
<p>Eine solche zeitlineare, technikzentrierte und &quot;illustrative&quot; Lekt&uuml;re von Musik operiert nicht nur mit einem &quot;Schein der Entwicklung&quot; (Adorno) &#8212; das Lob des Neuen gilt nicht der Musik, sondern der Technik und der neuen Ware &#8212;, sondern auch mit der Vorstellung einer klaren Evidenz der Musik. Man bezieht die Kl&auml;nge konventionell auf die ph&auml;nomenale Welt und behandelt sie als deren Zeichen oder Ausdruck. Die Wirkung der Musik wird aus den sinnlichen Eigenschaften ihres Materials bzw. aus dem stilistischen Beitrag der einzelnen Bands abgeleitet. Selbst &quot;Geschichte&quot; glaubt man aus den T&ouml;nen heraus h&ouml;ren zu k&ouml;nnen, insbesondere aus Samples, die aber keine Geschichtszitate sind, sondern Bezugnahmen auf HEUTE g&uuml;ltige Konventionen und Images.</p>
<p><strong>Das (Gemacht-)Werden von Massenkultur</strong></p>
<p>An diesen Erz&auml;hlungen hat sich also die historische und begriffliche Analyse des Pop abzuarbeiten. Dabei geht es nicht um eine isolierte &quot;Poptheorie&quot;, sondern um das Verst&auml;ndnis des kulturellen Systems der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, insbesondere um das Verst&auml;ndnis der &quot;Massenkultur&quot; &#8212; um ihr Werden und Gemacht-Werden, um die Kr&auml;fte, gegen die sie sich durchsetzen mu&szlig;te und um jene, die sich mittels ihrer durchsetzen wollten und wollen. Mit anderen Worten: es geht um die Geschichte dieser Massenkultur und um die Strukturen, in denen diese Geschichte stattfindet.</p>
<p>Verstanden als Geschichte gesellschaftlicher Konventionen (z. B. : wie kam es dazu, da&szlig; bestimmte Ger&auml;usche spacy klingen und an &quot;Weltraum&quot; erinnern? ), kollektiver Praktiken, Machtbeziehungen, Ausgrenzungen, Einschlie&szlig;ungen, Aufwertungen und Aburteilungen (z. B: Wer/welche Gruppe hat wann mit welcher Intention, Praxis und Macht dem Wort &quot;Mainstream&quot; welchen Sinn gegeben? &quot;), mu&szlig; es dabei nicht notwendig zur Historisierung der Pop-Praxis kommen.</p>
<p>Das Interesse an der Historisierung liegt auf der Hand. Sie w&uuml;rde es den Akteuren erm&ouml;glichen, die Verantwortung f&uuml;r fr&uuml;her eingenommene Positionen von sich zu weisen und sich bruchlos den jeweils neuesten Trends anzupassen. Historisierung erlaubt es, Praktiken, die heute fragw&uuml;rdig (oder &quot;peinlich&quot;) erscheinen, als welche darzustellen, die unter fr&uuml;heren Bedingungen durchaus ad&auml;quat waren. Nach dem Motto: &quot;Ich will nicht unbedingt sagen, da&szlig; da etwas falsch war, sondern da&szlig; es nicht mehr funktioniert hat, ans Ende geraten war&quot; (aus dem Buch Copy Shop). Wenn alles immer den Umst&auml;nden entsprach, gibt es keine Fehler und keine Kurs&auml;nderungen. Die Biographie bleibt geradlinig und unangefochten. Man kennt das auch aus politischen Diskursen. Doch die &uuml;berspannten Slogans von &quot;damals&quot; sind nicht erst heute falsch. Wir m&uuml;ssen eingestehen, da&szlig; wir uns irrten (und dabei ein bestimmtes Interesse verfolgten), als wir bestimmten Musikstilen und Popszenen &quot;subversive&quot; Qualit&auml;ten unterschoben.</p>
<p><strong>Pop und Dekonstruktion</strong></p>
<p>Bei jedem Repr&auml;sentations- bzw. Symbolisierungsproze&szlig; bleibt etwas &quot;offen&quot;, und das ist in vielen F&auml;llen gerade die verschwiegene soziale Strategie. Eine materialistische Pop-Geschichte, die versuchen wollte, die historischen Konstruktionen des Pop-&Auml;sthetischen einer bestimmten Zeit von denen einer anderen zu unterscheiden, h&auml;tte darauf zu achten, da&szlig; sie auch das, was da noch &quot;offen&quot; bleibt, im Blick beh&auml;lt. Das gilt durchaus auch f&uuml;r die &quot;guten Hoffnungen&quot; und phantasmatischen Projektionen, die bisher in den Pop investiert wurden. Die Kritik des &quot;Waren-H&ouml;rens&quot; mu&szlig; sich auch jenem Quantum instabilen subjektiven Sinns stellen, das &uuml;brig bleibt, nachdem die deutlich lesbare Bedeutung einer Sache abgezogen worden ist. Wahrscheinlich ist das sogar der schwierigste Teil einer materialistischen Popgeschichte. Gerade dieser &quot;Rest&quot; wird gerne ideologisch weg manipuliert, weil die psychische Konfrontation mit der zu untersuchenden Sache die Identit&auml;t des kritisierenden Subjekts tangiert. Die Versuchung zur Reduktion ist deshalb so gro&szlig;, weil es so schwierig ist, die eigene &#8212; zweifellos &quot;warenfetischistische&quot; &#8212; Faszination in die Analyse einzubeziehen. Die entschiedenste Ablehnung neuer Popmusik kommt oft von denen, die ihr ihre Anziehungskraft am meisten ver&uuml;beln. Sie tragen ihre Desillusion dann wie eine schmerzliche B&uuml;rde, aber man hat den Eindruck, da&szlig; sie damit einen eigenen Stil entdeckt haben.</p>
<p>Statt Illusionslosigkeit zur Schau zu stellen, k&auml;me es darauf an, die diskursiven Konstruktionen von Pop systematisch zu hinterfragen und auf diese Weise etwas &uuml;ber die Beschaffenheit des Pop-Feldes heraus zu bekommen. Dabei wird man unvermeidlich auf den Begriff der Dekonstruktion sto&szlig;en, der bisher auf dem Weg popul&auml;rer poststrukturalistischer Analysepraktiken wie New Historicism und Cultural Studies in die Popgeschichtsschreibung einsickerte. Er ist allerdings dadurch diskreditiert, da&szlig; er in die H&auml;nde &quot;subkultureller&quot; Gesch&auml;ftsleute fiel, die daraus Markenartikel wie Deconstruction, Mille Plateaux etc. machten. Dadurch und durch das Interesse akademischer Popverbraucher an der Aufwertung von Teilen der Popmusik, werden bestimmte (&quot;avantgardistische&quot;) Segmente des Pop schon selbst durch Diskursformen wie Dekonstruktion und Diskursanalyse mitkonstituiert. Als Metapher verwendet, tr&auml;gt sogar ein bestimmter Diskursbegriff, indem er Sprache als Zentrum sozialer Konstruktionen privilegiert, zur Aufwertung dieser Popsegmente bei, weshalb man besser von diskursiver Konstruktion spricht, damit man fragen kann, wer mit welchen Mitteln auf dem Schauplatz dieser Konstitutionsprozesse aktiv ist?</p>
<p>Man wird also das Image der Dekonstruktion selbst zum Gegenstand einer die hermeneutischen Pop-Erz&auml;hlungen dekonstruierenden Praxis machen m&uuml;ssen. Da der popkulturellen Demystifikations-Rhetorik nicht nur der Pessimismus und die existentialistische Arroganz des Dekonstruktionsansatzes abgeht, sondern &uuml;berhaupt jedes analytische Interesse, d&uuml;rfte das auch zu machen sein. Der heute &uuml;bliche Kurzschlu&szlig; von Pop und Dekonstruktion ist letztlich nicht mehr als ein Aufblitzenlassen von Namen und Zitaten. Man spielt damit auf die kanonisierten Kunst/ Theorie-Paarungen an: Weil die &quot;vorpostmoderne&quot; Kunst das f&uuml;r den durch Konventionen beschr&auml;nkten Blick Unsichtbare darstellen wollte, suchte sie die Anleitung der Wissenschaft, die erhellen sollte, was &quot;hinter&quot; dem Sichtbaren geschieht. Impressionisten lie&szlig;en sich von der Optik inspirieren, Kubisten von der Relativit&auml;tstheorie und Surrealisten von der Psychoanalyse. Heute, wo Kunst ein &quot;Dahinter&quot; nicht mehr darstellen will, hat es mit dem Ph&auml;nomen steigender Kommentarbed&uuml;rftigkeit zu tun, wenn K&uuml;nstler/innen, von Cindy Sherman bis Bruce Nauman, sich auf Jacques Lacan, Roland Barthes, Paul de Man, Michel Foucault Jacques Derrida, Gilles Deleuze oder Judith Butler berufen. Im Pop hingegen geht es um nichts dergleichen. Selbst &quot;ambitionierte&quot; Drum&#8216;n&#8217;Bass-Titel (etwa die auf dem Sampler &quot;The freestyle files, Vol. 2&quot;) sind in keiner Weise kommentarbed&uuml;rftig. Wenn dort ein St&uuml;ck &quot;Mothership&quot; hei&szlig;t, denn erklingen auch wirklich &quot;Weltraumkl&auml;nge&quot;.</p>
<p>Zusammengefa&szlig;t: Popkritik sollte einerseits auf einem close reading der Ereignisse basieren, auf der Aufmerksamkeit f&uuml;r die Partikularit&auml;t und Materialit&auml;t der Dinge und Situationen. Je n&auml;her man dabei &quot;am Material&quot; bleibt, desto mehr Lesarten sind m&ouml;glich. Jede Begegnung zwischen Individuum und Pop ist singul&auml;r. Manche haben sich verliebt, als &quot;Why? &quot; von Bronski Beat in den Charts war, kunstinteressierte Studenten behaupten, durch Red Krayola &quot;politisiert&quot; worden zu sein, w&auml;hrend anderen die Backstreet Boys als Offenbarung gelten. Diese semantische Vielfalt ist aber &#8212; andererseits &#8212; durchaus strukturiert.</p>
<p><strong>Machtbeziehungen &#8230; </strong></p>
<p>Zu dieser Struktur z&auml;hlt nicht zuletzt die sogenannte Kulturindustrie. Trotzdem pl&auml;diere ich daf&uuml;r, nicht alle Aufmerksamkeit auf sie, sondern auf das soziale Feld insgesamt zu konzentrieren. Die umgangssprachliche Anwendung von Adornos Begriff der Kulturindustrie transportiert h&auml;ufig die Vorstellung, gemeine &quot;Monopole&quot; w&uuml;rden eine vorab &quot;unschuldige&quot; Kultur nachtr&auml;glich der kapitalistischen Logik unterwerfen. Diese Sichtweise hat zum Beispiel der kleinkapitalistischen Indie-Wirtschaft ein gutes Image verschafft. Dabei sagt der Begriff der Kulturindustrie zun&auml;chst nicht mehr, als da&szlig; Kultur heute nicht nur gelegentlich f&uuml;r den Markt produziert wird (wie etwa zu Mozarts Zeiten, als Musiker ihre gedruckten Kompositionen verkauften), sondern da&szlig; sie l&auml;ngst vollst&auml;ndig als kapitalistische Ware produziert wird. Kunstwerke sind sp&auml;testens seit dem 18. Jahrhundert Ware im kapitalistischen Kunstmarkt, w&auml;hrend Rock/Pop die erste Musik ist, die nie eine andere Daseinsweise gekannt hat. Die popkulturelle Idee vom kapitalistischen Mi&szlig;brauch des Pop ist deshalb eine besonders einf&auml;ltige Variante der Ideologiekritik.</p>
<p>Die kapitalistische Produktionsweise ist von den vorangegangenen Formen vor allem dadurch unterschieden, da&szlig; die Produktion von Waren (als zusammen mit der Geldzirkulation entscheidende Voraussetzung der Kapitalbildung) die vorherrschende Produktion ist, wozu auch geh&ouml;rt, da&szlig; die menschliche Kraftpotenz selbst zur Ware wird. Und der Zweck der ganzen Sache besteht nicht nur nicht in der Produktion von Gebrauchswerten &#8212; das gilt f&uuml;r jede Warenproduktion &#8212;, sondern &uuml;berhaupt nicht in der Befriedigung der privaten Bed&uuml;rfnisse.</p>
<p>Diese Einsichten sind jedoch nicht viel wert, wenn sie so formuliert werden, da&szlig; die aktive Beteiligung der b&uuml;rgerlichen Individuen an diesem Vorgang ausgeblendet wird und ihre (als unber&uuml;hrter Naturzustand gedachte) Lebenswelt als von fremden M&auml;chten kolonisiert dargestellt wird. Man w&uuml;rde auf diese Weise nur ein Subjekt konstruieren, dem die Machtbeziehungen &auml;u&szlig;erlich sind, eine gerade in Popszenen verbreitete Vorstellung, die auf eine Praxis der &quot;Befreiung von der Entfremdung&quot; hinaus l&auml;uft. Man konstruiert so ein wahres, &quot;eigentliches&quot; Selbst, das es zu befreien gilt. Die gesamte Rockkultur-Formation war/ist um die Idee der Authentizit&auml;t und des zentrierten Subjekts herum aufgebaut, das im Kampf gegen die &auml;u&szlig;eren M&auml;chte zu einem sich im Inneren entfaltenden Ich unterwegs ist. Auch die Erz&auml;hlung vom ewigen Konflikt zwischen den kommerziellen Interessen der Kulturindustrie und den Dissidenz-Interessen &quot;der Jugend&quot; lebt von der Vorstellung, Kapitalismus sei den Pop-Konsumenten &auml;u&szlig;erlich. Am Ende hat man einen un&uuml;berwindlichen Gegensatz zwischen &quot;guter Gemeinschaft&quot; einerseits und &quot;b&ouml;sem Marktproze&szlig;&quot; andererseits herbei geredet. Indem der &quot;Mainstream&quot; oder das &quot;Monopolkapital&quot; als &Uuml;belt&auml;ter geoutet werden, kann von der eigenen Verstrickung in die Machtverh&auml;ltnisse abgesehen werden.</p>
<p><strong>&#8230; und Symbolsysteme</strong></p>
<p>Tats&auml;chlich ist jedoch das Wertverh&auml;ltnis die Form, in der sich die Reproduktion in einer Produktionsweise vermittelt, in der die Gesellschaftlichkeit der Arbeit nicht unmittelbar gegeben ist: &quot;Der einzelne wirkt hier nur als Teil einer gesellschaftlichen Macht, als Atom der Masse, und es ist in dieser Form, da&szlig; die Konkurrenz den gesellschaftlichen Charakter der Produktion und Konsumtion geltend macht&quot; (Marx). Die diesen Zusammenhang verh&uuml;llenden Mechanismen der Konkurrenz sind der strukturbestimmende Teil der gesamten Verh&auml;ltnisse, in welchen die b&uuml;rgerlichen Individuen praktisch verkehren. Die Individuen sind also in das Wertverh&auml;ltnis verwickelt. Linke Kapitalismuskritik handelt deshalb nicht von &quot;Industrien&quot;, sondern &quot;von Verh&auml;ltnissen zwischen Personen und in letzter Instanz zwischen Klassen&quot;.</p>
<p>Die b&uuml;rgerlichen Individuen, sogar die linken darunter, reproduzieren diese Verh&auml;ltnisse, w&auml;hrend sie im Rahmen der sozialen Konkurrenz ihren Interessen nachgehen. Das im Zusammenhang spezifischer Symbolfelder nachzuweisen, macht die Kritik erst konkret und interessant. So l&auml;&szlig;t sich beispielsweise untersuchen, wie bestimmte soziale Gruppen im Computer/Internet-Bereich an der Produktion von symbolischem Mehrwert arbeiten, der diese Felder sozial aufwertet. Es l&auml;&szlig;t sich konkret rekonstruieren, wie das Internet von K&uuml;nstlergruppen und Lifestyle-Ideologen mittels besonderer Diskursstrategien zu einer Art zweitem Pop-Feld gemacht wurde. Auch von Linken &uuml;brigens, die hier einen attraktiven Ort jenseits von Isolation suchten. Man kann zeigen wie es dabei zur affektiven Besetzung solcher Felder kommt und wie Images hergestellt werden, die so ein profanes Ding wie ein technisches Kommunikationsnetzwerk unter anderen Umst&auml;nden nicht hergeben w&uuml;rde. Der Internet-Diskurs machte neue Gruppen zu (kulturellen) &quot;Avantgarden&quot;, die bisher &#8212; etwa im Pop oder in der Kunst &#8212; nicht zum Zug kamen. Die gehobene Techno-Musik-Debatte wiederum kann als multimediale Schnittstelle wirken, &uuml;ber die andere Gruppen sich an diesem Fortschrittsdiskurs andocken, so da&szlig; neuartige Koalitionen zwischen K&uuml;nstlern, technischer Intelligenz und neuen Selbst&auml;ndigen entstehen k&ouml;nnen.</p>
<p><strong>Der Adorno-Komplex</strong></p>
<p>In den Diskussionen &uuml;ber Pop wird von Seiten der Anh&auml;nger des deleuzianischen Subversionsmodells demgegen&uuml;ber gerne betont, da&szlig; Pop nicht vollst&auml;ndig kapitalistisch vereinnahmt werden kann und somit immer wieder &quot;mikropolitische&quot; Fluchtwege er&ouml;ffnet werden k&ouml;nnen. Wir nennen das den Adorno-Komplex der Popdissidenten. Sie tun so, als sei eine &Uuml;bermacht linker Kritiker mit Erfolg dabei, die Poprebellion zu hintertreiben. Ihre Argumentation erinnert an die verbreitete Emp&ouml;rung &uuml;ber Adornos Text zum Gedichteschreiben nach Auschwitz.</p>
<p>Adornos Verdikt traf seinerzeit mitten in den Transformationsproze&szlig; der sich in Aufl&ouml;sung befindlichen b&uuml;rgerlichen Bildungskultur in eine moderne Kulturindustrie. Seither hat eine Kultur, die eigentlich heiter und unterhaltsam sein will, ein Problem. Das unabweisbare Wissen &uuml;ber das Grauen wird als st&ouml;rend empfunden und jene, die das so sagen, als St&ouml;renfriede der Gegenwart. Adornos Satz verdirbt offenbar den Genu&szlig; an einer Kultur, die sich als Medium des Vergessens etabliert hat. Deshalb kennen auch die, die nicht viel von ihm wissen, den aus dem Zusammenhang gerissenen Satz: &quot;Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch. &quot; Dieses Zitat bringt noch immer viele aus der Fassung.</p>
<p>Ganz &auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit der popkulturellen Warnung vor der adornotisch-marxistisch-linksradikalen Gefahr. Obwohl es sich dabei leider um eine absolut minorit&auml;re Position handelt, die gegen die millionenfachen Affirmationen &uuml;berhaupt keine Chance hat, will es sich doch niemand nehmen lassen, zum abermillionsten Mal daran zu erinnern, wie versponnen, weltfremd und trotzdem gef&auml;hrlich f&uuml;r den Fortbestand des Pop diese Position doch ist. Hat nicht schon Adorno Jazz und die Beatles fast verhindert? Wo st&uuml;nden wir heute, wenn er sich durchgesetzt h&auml;tte!</p>
<p>So wird wirklich gedacht. Aber weder Adorno, noch die anderen fr&uuml;hen linken Theoretiker der Massenkultur &#8212; Luk&aacute;cs, Brecht, Gramsci, Bloch, Benjamin &#8212; haben jemals behauptet, die symbolische Reproduktion werde vollst&auml;ndig von der Kulturindustrie kontrolliert. Da auch Pop, &auml;hnlich wie Sprache, Tanz, Theater, Literatur, Comic, Film, Video, Photographie, Mode, Design oder Werbung, eine Unterabteilung des gesellschaftlichen Symbolsystems darstellt, und somit ebenfalls Material f&uuml;r Distinktionsk&auml;mpfe liefert, ist Pop selbstverst&auml;ndlich mehr als eine Ansammlung von CDs und Magazinen. Doch dieses Mehr hat wiederum mit Kapitalismus und b&uuml;rgerlichem Staat zu tun, ist es doch das Wachstum der Produktivit&auml;t der gesellschaftlichen Arbeit, das die Vertiefung der Arbeitsteilung und die Individuation der Subjekte bewirkt. Und das eine wie das andere geht notwendig mit einer Ausdehnung und Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Symbolsysteme einher.</p>
<p><strong>Kampf um Bedeutung</strong></p>
<p>Dabei wird eine spezifische Widerspr&uuml;chlichkeit deutlich: Die Dynamisierung der Symbolsysteme ist einerseits Folge kapitalistischen Profitstrebens, andererseits bezieht sie ihre Antriebskraft zugleich aus den M&ouml;glichkeiten freier Entfaltung, die den Klassenindividuen jenseits der Zeit, die sie mit Lohnarbeit verbringen (bzw. , wie bei Sch&uuml;lern und Studenten, in den dieser Zeit vorgelagerten Lebensabschnitten) zur Verf&uuml;gung steht.</p>
<p>Dieser &#8212; gestiegene &#8212; Reichtum der Subjekte an F&auml;higkeiten und Bed&uuml;rfnissen entwickelt sich allerdings innerhalb unbeherrschter Gesamtverh&auml;ltnisse auf der Basis eines von &ouml;konomischen Mystifikationen bestimmten Alltagsbewu&szlig;tseins. Und weil diese Verh&auml;ltnisse nicht bewu&szlig;t eingegangen werden, verselbst&auml;ndigen sich die symbolischen Subsysteme gegeneinander: Musik trennt sich z. B. in Unterhaltungsmusik und Kunstmusik. Die Subjekte k&ouml;nnen dieser Anordnung der gesellschaftlich-symbolischen Formen nicht ausweichen, weil sie nicht in einem freien Verh&auml;ltnis zur Kultur stehen.</p>
<p>Damit Popmusik &quot;kapitalistisch&quot; genannt werden kann, m&uuml;ssen also keineswegs alle bildlich-ikonischen und auditiven Symbolsysteme unmittelbar in der Verwertungslogik aufgehen. Das k&ouml;nnen sie auch nicht. Die sprachliche Kommunikation zum Beispiel erlaubt es den Subjekten, ohne gro&szlig;en &quot;Produktionsaufwand&quot; in die Umgestaltung alter Symboliken einzugreifen und sich an der Schaffung und Gestaltung neuer zu beteiligen. Sie k&ouml;nnen durch Bildung neuer Metaphern, sprachlicher Abk&uuml;rzungen komplexer Zusammenh&auml;nge oder Verdichtung von Emotionalit&auml;t in bestimmten sprachlichen Bildern oder Betonungstechniken ihre Individualit&auml;t zum Ausdruck bringen. Solche Innovationen gehen am Ende allerdings kostenlos in die Popmusik ein, was bedeutet, da&szlig; kommerzielle Musik auch von nichtkommerziellen Prozessen profitieren kann, weil diese bereits von den konkurrenzhaften sozialen Prozessen vorstrukturiert sind.</p>
<p>Der Kampf um Bedeutung und der damit einher gehende Wandel der Symbolsysteme entsteht innerhalb dieser Gesellschaft.</p>
<p>Dieser Kampf wird beschleunigt, wenn kulturelle Artikulationsweisen zur Anlagesph&auml;re von Kapital werden. Es ist in der Geschichte der Musik immer noch ein relativ junges Ph&auml;nomen, da&szlig; zun&auml;chst nur lokal bekannte Musiker (wie etwa Offspring) weltweit Millionen Menschen erreichen. Schlie&szlig;lich ist es noch nicht lange selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; Musiker unbedingt eine Schallplatte aufnehmen, ihre Musik also &quot;waren&ouml;ffentlich&quot; und somit weltweit (! ) verf&uuml;gbar machen wollen.</p>
<p>Selbstverst&auml;ndlich ist die Kritik dieser Strukturen und Prozesse, in denen den Subjekten ihr gesellschaftlicher Zusammenhang unter anderem als &auml;sthetisierte Gebrauchswerteigenschaft ihrer Produkte bzw. als Kultur erscheint, kein moralischer Vorwurf, keine Aufforderung zur M&auml;&szlig;igung und auch keine zur Gr&uuml;ndung von Independent-Labels. Die materialistische Pop-Kritik bestreitet nicht einmal die Existenz der faszinierenden Seiten der waren&auml;sthetischen Sinnlichkeit und auch nicht die vielf&auml;ltigen Subjektivierungserfahrungen, die mit dem Erwerb bestimmter Waren einher gehen. Sie bietet allerdings einige Erkl&auml;rungen daf&uuml;r, warum Spa&szlig; und Angst so nahe beieinander liegen, solange den Individuen die unbegriffene Gesellschaftlichkeit ihrer T&auml;tigkeiten als unabh&auml;ngige Macht gegen&uuml;ber tritt.</p>
<ul>
<p><em>&#9;Regina Behrendt ist Publizistin. G&uuml;nther Jacob ist DJ und Publizist. Sie leben in Hamburg. </em> </ul>
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		<title>Pop: Die Raving Society frißt ihre Kinder</title>
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		<pubDate>Mon, 12 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
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		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Weg und Ziel 1997-5]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/pop-die-raving-society-frisst-ihre-kinder">Pop: Die Raving Society frißt ihre Kinder</a></p>
Anmerkungen zum zweiten Jugendstil]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/pop-die-raving-society-frisst-ihre-kinder">Pop: Die Raving Society frißt ihre Kinder</a></p>
<h3>Anmerkungen zum zweiten Jugendstil</h3>
<p><em>von Roger Behrens </em> <span id="more-858"></span></p>
<p><strong>Popbegriffe und Popdiskurse (Der Positivismus des Dabei-Seins)</strong></p>
<p>Die Aufmerksamkeit, die der unter &quot;Pop&quot; zusammengefa&szlig;ten sozio-kulturellen Sph&auml;re gegenw&auml;rtig in einer nur noch schwer &uuml;berschaubaren Zahl an Publikationen geschenkt wird, steht erstaunlich disparat zur begrifflichen und ph&auml;nomenalen Bedeutung von &quot;Pop&quot;, zum Desiderat, &uuml;berhaupt angeben zu k&ouml;nnen, was denn &quot;Pop&quot; sei. An dieses Mi&szlig;verh&auml;ltnis sind zugleich spezifische Eigenschaften vom Pop gebunden: sie haben mit der Art und Weise zu tun, in der &uuml;ber Pop geschrieben und reflektiert wird, damit, inwiefern Pop selbst neben einer kruden kulturell-&ouml;konomischen Realit&auml;t ein Produkt von Diskursen ist. Das Reden &uuml;ber Pop ist bisweilen mehr Pop als das, worauf es gerichtet ist. Die Adressaten solcher Diskurse geben Aufschlu&szlig; &uuml;ber die Mechanismen, wie Pop entsteht, ohne da&szlig; er als Ganzes darstellbar ist: die Konsumenten von den im Popdiskurs tonangebenden Musikzeitschriften, die Leser also, begreifen sich selbst genauso als Teilnehmer im Feld wie diejenigen, die den Diskurs anf&uuml;hren. &#8212; Gleich den Konzertberichten, die denjenigen, die auf das Philharmonische Sonntagskonzert abonniert sind, das, was sie &uuml;ber Beethovens &quot;Eroica&quot; wissen m&uuml;ssen, phrasenfertig und doch schon geahnt am n&auml;chsten Tag in allgemeinsten Aussagen &uuml;ber die Leistungen des Dirigenten vorsetzen, konstruiert sich das Feld von Pop zunehmend mehr &uuml;ber den Diskurs als &uuml;ber faktische kulturelle Grenzen. Deshalb geh&ouml;rt zur Popkritik stets der kritische Ton: &quot;Dem Kulturkritiker pa&szlig;t die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt. Er redet, als vertrete er sei&#8217;s ungeschm&auml;lerte Natur, sei&#8217;s einen h&ouml;heren geschichtlichen Zustand, und ist doch notwendig vom gleichen Wesen wie das, wor&uuml;ber er erhaben sich d&uuml;nkt. &quot;1 Kurzum: Diejenigen, die &uuml;ber Pop schreiben, bedienen sich nicht nur des Jargons, der Pop so oder so bestimmt, sondern sind zugleich die Angestellten derselben &ouml;konomischen Branche; mehr als Schriftsteller sind sie Journalisten, sind Produzenten wie alle anderen im Pop auch. Zur diskursiven Struktur geh&ouml;rt allerdings, da&szlig; diesem Produzentendasein, also der Verflechtung im kruden &ouml;konomischen Zusammenhang kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Selbst dort nicht, wo man &#8212; wenigstens im theoretischen Ansatz radikal &#8212; von der &quot;Kulturindustrie&quot; schreibt und den Profit kritisiert. Sofern die These der kritischen Theorie aufgegriffen wird, die mit dem Kulturindustriebegriff gemeint war, da&szlig; alle Kultur zur Ware werde, beschr&auml;nkt sich dies auf die Distributionsstruktur des Warendings, der Compact-Disc vor allem, oder den Produktionskosten, den Gagen f&uuml;r einzelne Popprodukte. 2 Die Pop&ouml;konomie wird als Kartellbildung sogenannter Majorlabel, als Medienverbund rezipiert. Subversionshoffnungen binden sich an die Oberfl&auml;chlichkeit von alternativ&ouml;konomischen Vertriebsstrukturen oder an den, vom Monopol scheinbar noch nicht erfa&szlig;ten Subszenen der Popkultur. Doch kaum jemand spricht von den Arbeitsbedingungen der Musiker beispielsweise, sei es der professionellen im Studio oder der Amateure, die mit &Uuml;bungsraummieten strapaziert sind und selbst f&uuml;r Auftrittsgelegenheiten zahlen m&uuml;ssen. Ebenso wird die Warenlogik fast ausschlie&szlig;lich &uuml;ber die Tatsache erfa&szlig;t, da&szlig; Tontr&auml;ger nun einmal Geld kosten &#8212; von der immanenten Warenlogik eines Musikst&uuml;cks, was die Ware im &uuml;brigen einzig als Fetisch brisant macht, sprechen die wenigsten. Was im Pop &quot;Material&quot; hei&szlig;t, und in der b&uuml;rgerlichen Musik noch &uuml;ber Tonalit&auml;t, Rhythmik, Metrik und Instrumentierung greifbar war, als &auml;sthetisches Material &uuml;ber den Stil schlie&szlig;lich, ist heute technizistisch reduziert. Stil ist die Phrase vom Sound, Material selbst ein Fetisch, der bemessen wird an den eingesetzten Ger&auml;ten zur Tonerzeugung und Klangwiedergabe. &Uuml;ber die technischen M&ouml;glichkeiten, die etwa gegenw&auml;rtig mit dem Plattenspieler gegeben sind und sich in den Musikformen des Samplings &#8212; Techno, HipHop, Drum&#8216;n&#8217;Bass etc. &#8212; ausdr&uuml;cken, meint man beweisen zu k&ouml;nnen, da&szlig; es im Pop demokratisch zuginge, die Kulturindustrie den Zugang zur musikalischen Produktion auch f&uuml;r den Laien er&ouml;ffnet. 3</p>
<p>Schon im Blickwinkel immanenter Kritik scheinen diese beiden typischen Popdiskursans&auml;tze &#8212; <em>erstens </em>die Kritik von Verkaufszahlen sowie <em>zweitens </em>Verabsolutierung des Technischen &#8212; fragw&uuml;rdig; ideologiekritisch f&auml;llt an ihnen jeweils auf, da&szlig; sie bei aller Emphase von Kritik weder den Kapitalismus antasten, noch die konkret-&auml;sthetische Materialit&auml;t von Pop erfassen. Pop erscheint als ein Au&szlig;enraum innerhalb des Kapitalismus, ebenso wie man ihn auf Postavantgardismen verpflichtet, die den b&uuml;rgerlichen Kunstbetrieb hinter sich gelassen h&auml;tten. Wer aber &uuml;ber den Kapitalismus schweigt, kann im Reden &uuml;ber den Pop seine Immanenzen kaum &uuml;berschreiten; bei zus&auml;tzlicher Ausblendung des Material&auml;sthetischen ist solches Reden &uuml;ber den Pop redundant.</p>
<p>Diese Redundanz spiegelt sich als Positivismus wieder und reflektiert die allgemeine Ideologie, die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung auszublenden. Innerhalb des Popdiskurses ist dieser Positivismus allerdings deshalb frappant, weil zugleich das theoretische Vokabular der Kritik beibehalten wird, ohne sie einzul&ouml;sen: durchaus ist es m&ouml;glich, da&szlig; gewisse Popszenen sich &uuml;ber gewisse Diskurse definieren, sie mittragen und zugleich ablehnen &#8212; zwischen Affronts gegen eine &quot;Theoretisierung&quot; des Pop und aufgeschnappten Postmodernismen ist alles m&ouml;glich. Stets pr&auml;sentiert der Pop nur seine Oberfl&auml;che und damit zugleich die Oberfl&auml;che der Gesellschaft; selbst in seinen radikalen Varianten bleibt ihm der Zugang zu den &ouml;konomischen und sozialen Mechanismen versperrt.</p>
<p>Der Positivismus &auml;u&szlig;ert sich als der Stolz &uuml;ber eigene Befindlichkeiten; mit dem Positivismus der akademischen Soziologie hat er einiges gemeinsam: der Konsument bewegt sich in den Popfeldern wie in einer Statistik der Marktforschung, deren permanente Testperson er ist. Dagegen will sich die Autonomie des Warensubjekts gern behaupten und redet selbstbewu&szlig;t vom souver&auml;nen Geschmacksurteil, ohne sich je eines Selbst bewu&szlig;t gewesen zu sein: noch die Besucher der Massenveranstaltung, die zu Verkaufszwecken und nicht zum Musikerlebnis hergerichtet sind, glauben an ihre M&uuml;ndigkeit in der Entscheidung f&uuml;r diese oder jene Popware.</p>
<p>Der Pop rechtfertigt den Positivismus und der Positivismus rechtfertigt den Pop: jeder Zugang, jedes Urteil steht und f&auml;llt mit dem Beweis, dabeigewesen zu sein. Wer nicht da war, kann nicht mitreden. Das ist die Ideologie, mit der die Konsumenten gelockt werden und sich der Popdiskurs legitimiert. Pop ist soziale Bewegung ohne Klassenwiderspruch; die Interessen sind weder die von Klassen noch von Bildung, sondern solche von Informiertheit. Selbst die soziologische Forschung ist mittlerweile eingeladen, im Ansturm auf Popph&auml;nomene nicht mehr von au&szlig;en urteilen zu m&uuml;ssen: auch sie macht mit. Pop bietet kulturelle Bewegungen, mit denen sich der Bewegungsforscher teilnehmend identifizieren kann, ohne dem Lapsus des beobachteten Teilnehmers aufzusitzen. Wichtiger als das methodologische Problem ist jedoch das der provozierten pers&ouml;nlichen N&auml;he zum Feld: man darf &#8212; und soll eben &#8212; heute &uuml;berall aktiv mitwirken, ohne von den allt&auml;glichen Konventionen abzur&uuml;cken.</p>
<p>Innerhalb der verschiedenen Popfelder, &#8212;szenen und -diskurse hat sich eine &#8212; gleichfalls begrifflich nur schwer umgrenzte &#8212; sogenannte Poplinke etabliert. Sie ist so fragmentarisch wie Pop und Linke insgesamt. Zum Teil setzt sie sich aus ehemaligen linken Aktivisten zusammen, die die Besch&auml;ftigung mit politischen Themen zugunsten von kulturellen aufgaben; andere sehen eben diese politischen Themen nur in dem Popfeld diskutierbar; wieder andere wollen mittels Pop mit dem herrschenden Politikbegriff brechen; auch behaupten einige, &uuml;ber das Interesse am Pop erst Zugang zur Politik gefunden zu haben. Sp&auml;testens dies bezeichnet die Naht, an der Pop mit Jugendbewegungen identifiziert werden kann, wo politische Bewegungen sich als Popph&auml;nomene einrichten (Punk, Hippies, Hardcore etc. ). Der Poplinken ist gemeinsam, in einem bestimmten Theorie-Praxis-Verh&auml;ltnis situiert zu sein: mit dem Aktionismus von Bewegungen wie den Autonomen m&ouml;chte sie brechen &#8212; Theorie allerdings bleibt hier ebenso Versatzst&uuml;ck wie dort die Praxis. Die Poplinke besch&auml;ftigt sich mit Pop als Ort von Subversion und Rebellion &#8212; gleichwohl lehnt sie Kulturrevolution schon deshalb ab, weil sie weder &uuml;ber einen Kulturbegriff noch &uuml;ber eine Revolutionstheorie verf&uuml;gt. Pop ist der Bereich von politischer Theorie-Praxis, wo als ausgemacht gilt, da&szlig; die herrschenden Zust&auml;nde sich eh nicht sobald &auml;ndern, &#8212; und im &uuml;brigen auch gar nicht so schlecht sind: die meisten Poplinken stehen immerhin bei den &ouml;konomischen Popagenturen in Lohn und Brot.</p>
<p><strong>Popgeschichte (Die Genese der &quot;fun morality&quot; &#8212; when theory turns to Belanglosigkeit)</strong></p>
<p>Pop ist wesentlich eine bestimmte Umgangsform mit Musik im Kapitalismus. Pop ist nicht nur die sogenannte popul&auml;re Musik, die Tonwelt der Massenkultur, sondern tendenziell zieht Pop alle Musik, gerade die der kulturellen b&uuml;rgerlichen Hochzeiten in den Bann: Barock, Klassik, Romantik, Sp&auml;tromantik, auch Moderne und Neue Musik. Zum Pop geh&ouml;rt je schon eine gewisse Immunit&auml;t und Ignoranz den eigenen Objekten gegen&uuml;ber, schlie&szlig;lich der Musik selbst. Dies l&auml;&szlig;t Pop als plurales kulturelles Ph&auml;nomen erscheinen. Zur Pop-art (Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg u. a. ) ist sicherlich eine Parallele gegeben, die auch Arnold Hauser schon bei den Beatles auffiel, 4 sie spielt aber nur peripher eine Rolle &#8212; und zwar deshalb, weil die Ankn&uuml;pfung vom Pop an die Musik sich weniger als eine k&uuml;nstlerisch-kunsthafte geriert als vielmehr eine soziale und waren&ouml;konomische. Tats&auml;chlich hat sich, auch wenn bei der Rede von der &quot;Kulturindustrie&quot; das Industrielle nicht w&ouml;rtlich verstanden sein will, mehr als in den anderen K&uuml;nsten, selbst die Taschenbuchproduktion noch &uuml;bertreffend, eine gigantische Industrie herausgebildet. In dieser nimmt die eigentliche musikalische Produktion &#8212; das Arrangieren, Komponieren und Interpretieren der Musik &#8212; blo&szlig; noch einen peripheren Raum ein; wesentlich ist das Gesch&auml;ft der Popmusik eines von Reklame. 5 Der Popdiskurs, selbst der kritische &#8212; und das ist der, der den Pop kritisiert, aber auch &uuml;ber den Pop die Gesellschaft kritisieren m&ouml;chte &#8212;, besch&auml;ftigt sich mit der Musik in einem Jargon, der aus der Werbung entlehnt ist; das musikalische Urteil ist subjektivistisch und bekennt sich dazu affirmativ. Es z&auml;hlt die musikalische Meinung und die Konsumierbarkeit der Musik. Dieser Proze&szlig;, in dem die Stellung der Musik ambivalent bleibt, fl&uuml;chtig und manifest zugleich, ist freilich nicht nur durch den Gang der &Ouml;konomie, die Entfaltung des Warenverkehrs bedingt &#8212; die Geschichte der Musik, der Kultur &uuml;berhaupt, setzt sich darin durchaus fort. Insofern hat, fast paradox, die periphere Musik im Pop notwendig mehr als nur eine marginalisierte Stellung.</p>
<p>Von den alten K&uuml;nsten erwies sich Musik als die profitabelste. Kunstgeschichtlich hat sich damit die Stellung der Musik innerhalb der K&uuml;nste f&uuml;r die b&uuml;rgerliche Gesellschaft grundlegend gewandelt. Lange Zeit hat das B&uuml;rgertum gebraucht, bis es seine Musik entdeckte, bis es eine b&uuml;rgerliche Tonsprache entwickelte, die sich sowohl klassenspezifisch wie auch geschichtlich abhob; dazu geh&ouml;rt die L&ouml;sung von der Kirchenmusik, die Entwicklung der Oper, die Orchestermusik, die Eigenst&auml;ndigkeit bestimmter Instrumente wie auch deren technische ntwicklung (temperierte Stimmung, Ventilhorn etc. ), die nun dynamisch-individuellen Ausdruck erlaubten, also den gef&uuml;hlvoll-subjektiven Ton. Dies hat im 16. Jahrhundert mit Claudio Monteverdi seinen Ausgangspunkt &#8212; neben die &quot;prima pratica&quot; trat die &quot;seconda pratica&quot;, die monodische Form, nach der ein Solos&auml;nger das Zentrum der Komposition aufbaut, konzentriert auf den bis dahin undenkbaren individuellen Gef&uuml;hlsausdruck. Das soziale Feld der Auff&uuml;hrungspraxis &auml;nderte sich: zu Buxtehudes Zeiten, im 17. Jahrhundert, entwickelten sich Oratorium und die sogenannten Abendmusiken (Musikauff&uuml;hrungen f&uuml;r die B&ouml;rseng&auml;nger); neben der famili&auml;ren Hausmusik trat nicht nur der Kammerkonzertabend, sondern das Sinfonieorchester, in seiner Gr&ouml;&szlig;e st&auml;ndig wachsend, bis ein Dirigent n&ouml;tig war (was zuvor etwa der Cembalist miterledigte): das Kapellmeistertum brachte einen ersten Starkult hervor, der Musikjournalismus entwickelte sich und was Wackenroder oder Tieck &uuml;ber Tonkunst schrieben, antizipierte den Popdiskurs: trotz ihres musikalischen Wissens und der F&auml;higkeit, dem analytisch Ausdruck zu verleihen, w&auml;hlten sie die bildlich-romantische Sprache zur Beschreibung des Geh&ouml;rten; subjektive Innerlichkeit wurde zur rezeptiven Leitlinie erhoben, von der bis heute die Musik nicht abgelassen hat. Pop ist versp&auml;tete Sp&auml;tromantik, durchsetzt mit volksnahen Elementen, mit Trivialem wie sonst nur der Mahler der Wunderhorn-Sinfonien. Von solchen Dichotomien ist schon die b&uuml;rgerliche Musik geschichtlich gekennzeichnet; hier tragen sich nicht nur Klassenwiderspr&uuml;che aus, sondern wesentlich auch die Antagonismen des B&uuml;rgertums selbst: die Musik steht mit ihrer Sprachgestalt mehr als andere K&uuml;nste vor dem Problem der Vermittlung und des Verstehens. Musikalische Bildung ist innerhalb des B&uuml;rgertums selten &uuml;ber das Repertoirewissen hinausgekommen. Im Popularbarock findet dies einen ersten L&ouml;sungsversuch. Da&szlig; die Popmusik zur selben Zeit sich etabliert, wo das b&uuml;rgerliche Konzertpublikum von der Zw&ouml;lftonmusik und freien Atonalit&auml;t &uuml;berfordert wird, kurz nach der Jahrhundertwende, ist kein Zufall: bis heute lie&szlig;e sich nachzeichnen, da&szlig; der Pop den Strang aufgegriffen hat, der im letzten Jahrhundert zwischen der leichten und der ernsten Musik den Kompromi&szlig; suchte: die mittlere Musik. 6</p>
<p>Vom musikalischen Standpunkt lie&szlig;en sich einige Parameter nennen, die einen Popsong zum Pop machen: Elemente des A-B-Schemas, Wiederholungen, stereotype Instrumentierungen oder textliche Inhalte bilden solche Momente. Gleichwohl gilt das schon f&uuml;r das Paradebeispiel des Beatles-Songs nur unzureichend. Erst recht gilt das nicht f&uuml;r neuere Tanzmusik (Drum&#8216;n&#8217;Bass) oder &quot;avantgardistische&quot; Popmusik aus dem Bereich der Soundexperimente; alte musikalische Unterscheidungsversuche wie zwischen Pop und Rock sind l&auml;ngst hinf&auml;llig: Bon Jovi ist Pop, und meistens ist es sowieso egal: ob Bands wie Radiohead, Blur oder Foo Fighters nun Rock, Brit-Pop, Post-Rock oder Alternative-Rock sind, meint Differenzierungen f&uuml;r den Plattenladen, nicht zur Bezeichnung der musikalischen Strukturen. Hinzu kommt zudem: der Bestand an sogenannter &quot;Klassik&quot; ist mit dem Pop konvertiert &#8212; schon das falsche Etikett f&uuml;r alle b&uuml;rgerliche Kunstmusik dr&uuml;ckt das aus. Was objektiv Gustav Mahlers &quot;Lied von der Erde&quot; und Michael Jacksons &quot;Earth Song&quot; trennt, vermag subjektiv wohl kaum noch jemand anzugeben. Ohne s w&auml;re es m&ouml;glich, Aufnahmen von beiden in derselben Rubrik zu sortieren.</p>
<p>Die Erhabenheit des alten Wertereichs b&uuml;rgerlicher Kultur, der Kopfsatz von Beethovens F&uuml;nfter, ist bei vollem Bewu&szlig;tsein zur Karikatur geworden &#8212; nicht erst, seit Bands wie Ekseption versuchten, sich der Klassik durch krude Adaptationen anzun&auml;hern. Durchaus h&auml;lt solche Karikatur aber Subversives bereit, verspricht es zumindest. Mit dem kulturpessimistischen Vorurteil ist dem nicht beizukommen. Nietzsche hat recht und unrecht zugleich, als er den Pop vorausahnte: &quot;Was liegt an aller unsrer Kunst der Kunstwerke, wenn jene h&ouml;here Kunst, die Kunst der Feste uns abhanden kommt! Ehedem waren alle Kunstwerke an der gro&szlig;en Feststra&szlig;e der Menschheit aufgestellt, als Erinnerungszeichen und Denkm&auml;ler hoher und seliger Momente. Jetzt will man mit den Kunstwerken die armen Ersch&ouml;pften und Kranken von der gro&szlig;en Leidensstra&szlig;e der Menschheit beiseite locken, f&uuml;r ein l&uuml;sternes Augenblickchen; man bietet ihnen einen kleinen Rausch und Wahnsinn an. &quot;7 Wer nach diesem Muster Pop kritisiert, der gilt als Spa&szlig;verderber &#8212; doch Popkritik, die sich tats&auml;chlich derart am Spa&szlig;verbot &uuml;ben w&uuml;rde, w&auml;re h&auml;mischer noch als Nietzsche; kritische Theorie des Pop hat zum Initialmotiv eben gerade, das offizielle Spa&szlig;verbot zu enttarnen, welches sich hinter der verordneten Fr&ouml;hlichkeit versteckt, die &uuml;ber Schl&uuml;sselreize reglementiert ist. Am Ende der b&uuml;rgerlichen Kunstmusik steht der Pop: eine subjektive Innerlichkeit, der alles Subjektive genommen ist &#8212; das &quot;Sch&ouml;ne als Symbol des sittlich Guten&quot; (Kant) hat sich zur &quot;fun morality&quot; pervertiert: musikgeschichtlich in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft unabdingbar. 8</p>
<p><strong>Technik und Popkonsumenten</strong></p>
<p>&quot;Von Interessenten wird die Kulturindustrie gern technologisch erkl&auml;rt. Die Teilnahme der Millionen an ihr erzwinge Reproduktionsverfahren, die es wiederum unabwendbar machten, da&szlig; an zahllosen Stellen gleiche Bed&uuml;rfnisse mit Standardg&uuml;tern beliefert werden (&#8230;) Die Standards seien urspr&uuml;nglich aus den Bed&uuml;rfnissen der Konsumenten hervorgegangen: daher w&uuml;rden sie so widerspruchslos akzeptiert (&#8230;) Verschwiegen wird dabei, da&szlig; der Boden, auf dem die Technik Macht &uuml;ber die Gesellschaft gewinnt, die Macht der &ouml;konomisch St&auml;rksten ist. &quot; (Adorno und Horkheimer, Dialektik der Aufkl&auml;rung)</p>
<p>&quot;Nur dem Namen nach ist der Begriff der Technik der Kulturindustrie derselbe wie in den Kunstwerken (&#8230;) Ideologischen R&uuml;ckhalt hat die Kulturindustrie gerade daran, da&szlig; sie vor der vollen Konsequenz ihrer Technik in den Produkten sorgsam sich h&uuml;tet. Sie lebt gleichsam parasit&auml;r von der au&szlig;erk&uuml;nstlerischen Technik materieller G&uuml;terherstellung. &quot; (Adorno, R&eacute;sum&eacute; &uuml;ber Kulturindustrie)</p>
<p>&quot;Eine Prognose war f&auml;llig, und sie blieb aus. Das besiegelte einen Verlauf, der f&uuml;r das vergangene Jahrhundert kennzeichnend ist: n&auml;mlich die verungl&uuml;ckte Rezeption der Technik. Sie besteht in einer Folge schwungvoller, immer erneuter Anl&auml;ufe, die samt und sonders den Umstand zu &uuml;berspringen suchen, da&szlig; diese Gesellschaft der Technik nur zur Erzeugung von Waren dient (&#8230;) Von dieser Entwicklung, die durchaus eine klassenbedingte gewesen ist, darf man sagen, da&szlig; sie sich im R&uuml;cken des vorigen Jahrhunderts vollzogen hat. Ihm sind die zerst&ouml;renden Energien der Technik noch nicht bewu&szlig;t gewesen. Das gilt zumal von der Sozialdemokratie der Jahrhundertwende. &quot; (Walter Benjamin, Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker)</p>
<p>Der &quot;affirmative Charakter der Kultur&quot; (Herbert Marcuse) sollte einst pr&auml;ventiv das B&uuml;rgertum vor seinen eigenen Widerspr&uuml;chen sch&uuml;tzen. Kaum ist je aus der b&uuml;rgerlichen Kultur ernstlich eine politische Protestbewegung erwachsen &#8212; Forderungen wie die Schillers nach dem Nationaltheater waren zur zeitgleichen franz&ouml;sischen Revolutionsepoche harmlos. Zwar steckt in Wagners &quot;Rheingold&quot; Kapitalismuskritik &#8212; die Arbeiterbewegung hat sich allerdings vom &quot;Communisten&quot; Wagner erst beeindrucken lassen, als das B&uuml;hnenspektakel jenseits von Bayreuth die Opernh&auml;user eroberte und zum Feierabendvergn&uuml;gen ward. Der affirmative Charakter der Popkultur tritt dementgegen nicht pr&auml;ventiv, sondern aggressiv auf: Pop kanalisiert vorhandene Protestbewegungen, verwandelt Subversives zum Verkaufserfolg: was um 1977 als Punk begann, entpuppte sich trotz rebellischer Geste und Provokation als geplante Reklame: Bands wie die Sex Pistols waren die ersten, die mit umfassenden Werbekampagnen sich Geh&ouml;r verschafften; die billigen Akkordfolgen, mit denen sie warben, hatte der Rock&#8216;n&#8217;Roll l&auml;ngst vorgemacht. Vom Punk &#8212; also der vermeintlich subversivsten Popkultur &#8212; haben vor allem die Techno-Rebellen der &quot;Generation X&quot;9 gelernt. Mark Terkessidis und Tom Holert res&uuml;mieren: &quot;Die Generation X l&ouml;ste eine Menge Probleme: Sie schwei&szlig;te die Diversifizierten als Konsumrebellen zusammen und verteilte sie gleichzeitig auf verschiedene Minderheiten. So hatten nun alle die gleichen Werte &#8212; bewu&szlig;t kaufen, Stil erwerben &#8212; und konnten je nach minorit&auml;rem Gusto zielgruppenorientiert angesprochen werden. &quot;10 Fraglich, ob dies erst der heutigen Jugend zum Leitmotiv wurde. Walter Grasskamp sieht Jugendkultur grunds&auml;tzlich mit der Kulturindustrie verzahnt: &quot;Jugendkultur entwickelte sich daher zu einem Investitionsschwerpunkt der Kulturindustrie, wobei die Marktsegmente lernten, sich synchron als Subkultur und diachron als Generationen zu verstehen, denn ihre wichtigsten Identifikationserlebnisse erwarben sie nicht durch Arbeit oder Krieg, Religion oder Politik, sondern im Konsum. &quot;11 F&uuml;r die Autoren vom <em>Mainstream der Minderheiten</em> ergibt sich diese Vereinnahmungstendenz aus der von Gilles Deleuze inspirierten, wenig dialektischen Diagnose einer &quot;Kontrollgesellschaft&quot; &#8212; dies kennzeichne in der Popkultur den Wechsel von einer fremdm&auml;chtigen Disziplinargesellschaft (k&ouml;rperliche, politische Gewalt &uuml;ber die Masse) zur Gesellschaft, die vom einzelnen die freiwillige Selbstkontrolle abverlangt. 12 Grasskamp hingegen argumentiert, trotz der N&auml;he im Ansatz, nicht mit einer gerade erst sich abzeichnenden, sondern grunds&auml;tzlichen Tendenz, die durch Kulturindustrialisierung je schon mitgegeben ist. Zudem setzt er auch wenig soziologistisch bei der Kunst an und sp&uuml;rt sehr genau der f&uuml;r den Pop entscheidenden &Uuml;berf&uuml;hrung von Kulturkampf und -revolutionsstrategien in Subversionsbeliebigkeiten nach: &quot;Die Popkultur verdr&auml;ngte, was sich als Nachkriegsavantgarde gerade hatte etablieren wollen (&#8230;) Die Preisgabe der Kampfbegriffe beg&uuml;nstigte die Abl&ouml;sung der Nachkriegsavantgarden durch die Popkultur, der wenig sp&auml;ter auch die Studentenrevolte zuarbeitete (&#8230;) Von der &#8218;Gegenkultur&#8216; der sechziger Jahre hat bereits kein Geringerer als Frank Zappa behauptet, sie sei blo&szlig; eine Erfindung der Medien gewesen (&#8230;) Die Erinnerung an den Widerstand gegen die Kulturindustrie wird jedenfalls inzwischen von dem Verdacht zersetzt, wom&ouml;glich nur an einer ihrer ersten Massenveranstaltungen teilgenommen zu haben. &quot;13</p>
<p>Das meint die Dialektik, die geschichtlich in der Kulturindustrie Kunst zu ihrem Ende bringt: &ouml;konomische Entwicklungen bedingen technologische und umgekehrt. Der technische Fortschritt, auf dem der Pop, ja die Produktion und Reproduktion aller Musik basiert &#8212; von den Orchestrions des 19. Jahrhunderts bis zur digitalen Elektronik &#8212; ist auf das dichteste mit sozial-&ouml;konomischen Prozessen des Kapitalismus verbunden. Schnell erscheint deshalb das Technische als ein Eigenwert der Popkultur. 14 Die M&ouml;glichkeiten der synthetischen Klangerzeugung k&ouml;nnen vom Konsum- und H&ouml;rverhalten nicht getrennt werden; gleichzeitig kann das H&ouml;rverhalten der Konsumenten jedoch nicht als Ma&szlig;stab dienen. 15 Genau darauf berufen sich jedoch die Apologeten der Kulturindustrie und nennen sie demokratisch. Die einzelnen Popszenen, die darauf halbherzig reagieren, indem sie einerseits das Demokratische retten m&ouml;chten, um doch elit&auml;r ihren &quot;Stil&quot; gegen den Rest zu verteidigen, best&auml;tigen in letzter Instanz f&uuml;r jedes musikalische Sachurteil blo&szlig; die Konsumentenideologie: Techno ist das beste Beispiel, weil die Anh&auml;nger hier auf Fortschrittlichkeit getrimmt werden, die sich &uuml;ber die technologischen M&ouml;glichkeiten begr&uuml;ndet. Manche prophezeien gar: &quot;Techno ist der neue Kommunismus. &quot;16 Gerne erhebt man technische Raffinessen zum Argument. Der bekannte Radio-DJ Klaus Walter schreibt: &quot;Jeder ist irgendwie DJ heute, so wie fr&uuml;her alles irgendwie politisch war, was heute wieder ziemlich aus der Mode gekommen ist. &quot;17 &#8212; Das Problem solcher technikeuphorischer Bekundungen, die es zuletzt seitens der Energieindustrie in Sachen Kernkraft gegeben haben d&uuml;rfte, ist allerdings alsbald genau das eigene Argument: &quot;Irgendwie DJ-Sein&quot; h&ouml;rt n&auml;mlich dort auf, wo die falschen Platten gespielt werden. Niemand ist im Technotaumel in der Lage, vom Standpunkt der demokratischen Technik angeben zu k&ouml;nnen, was von der musikalischen Materialit&auml;t ein St&uuml;ck von Alec Empire, Oval oder Sven V&auml;th von einem von Bon Jovi oder Michael Jackson unterscheidet: nach Ma&szlig;gabe des Technischen d&uuml;rfte ausgerechnet Michael Jackson weitaus elaborierter sein. 18</p>
<p>Nicht nur wird Technik verabsolutiert, sondern auch ihre Funktion innerhalb der Kulturindustrie verwechselt. Als Produktivkraft wird sie gar nicht wahrgenommen. An ihr haftet alle Kreativit&auml;t. Was durch die moderne Musiktechnik m&ouml;glich wird, die Welt in ihrer Funktion darzustellen, bringt sie eben soweit in die Funktionale, da&szlig; nicht mehr heraush&ouml;rbar ist, welche Produktionsbedingungen hinter einem Song stecken. Wie auf der Produktionsebene kittet die Technik auf der Konsumtionsebene, der Reproduktion: ihre Demokratie hei&szlig;t, Menschen gleichdumm zu machen. Die affirmative Deutung des Technischen, die im Techno kulminieren soll, wird fast eine Art hermeneutischer Zirkel: &uuml;ber Technik verst&auml;ndigen sich soziale Klassen, etwa beim wochenendlichen Raven, die sich sonst nur in hierarchischen Verh&auml;ltnissen gegen&uuml;bertreten, als Gleichgesinnte; im Pop ist die eindimensionale Gesellschaft verwirklicht, auch wenn realgesellschaftlich die Widerspr&uuml;che l&auml;ngst krisenhaft blank liegen. Das b&uuml;rgerliche Prinzip von Gleichheit, das bisher stets kontradiktorisch eine kulturelle Gleichheit versus &ouml;konomisches &Auml;quivalenzprinzip meinte, vers&ouml;hnt sich im Pop. Technik bindet diese Gleichheit; zu ihr geh&ouml;rt auch die &quot;repressive Toleranz&quot; (Marcuse). Pop scheint prim&auml;r sozial, dann musikalisch erkennbar; die sozialen Schichten der Popkultur sagen aber &uuml;ber die Gesellschaft nichts; sie best&auml;tigen blo&szlig; fetischistisch die Faktizit&auml;t der Undurchdringbarkeit der Verh&auml;ltnisse.</p>
<p>Das alte Programm der Romantik und dann der Avantgarden, die Kunst ins Leben zu &uuml;berf&uuml;hren, hat sich unter Bedingungen der Kulturindustrie und des Sp&auml;tkapitalismus grotesk verwirklicht: in der Tat proklamiert der Pop, das Leben zum Kunstwerk erheben zu k&ouml;nnen &#8212; ein Leben von einzelnen, welches an Belanglosigkeit allen Vitalismus unterbietet und sich doch auf ihn beruft. Soweit gilt das f&uuml;rs Individuum. Aber auch sozial hat sich Kultur in der Gesellschaft aufgehoben &#8212; schon im letzten Jahrhundert setzte ausgerechnet in der Musik ein Proze&szlig; ein, der die musikalische Form wieder in die soziale &uuml;berf&uuml;hrte, beziehungsweise sie aus den neuen sozialen &#8212; haupts&auml;chlich urbanen &#8212; R&auml;umen herausholte. Tanzveranstaltungen geh&ouml;rten dazu, der Kult um den Star, der Konzertbetrieb (etwa das Orchester nur noch als Rhythmusmaschine, als &#8218;Riesengitarre&#8216;, wie Berlioz sagte, wirken zu lassen. Am folgenreichsten d&uuml;rfte allerdings die Entwicklung &#8212; und Konvergenz &#8212; der Kneipen-, Club- und Salonkultur des 19. Jahrhunderts f&uuml;r den Pop des 20. Jahrhunderts gewesen sein. Moderne technische Entwicklungen von der Musikbox bis zum Plattenspieler erscheinen dagegen als krude Wiederholungen: das Orchestrion ist das erste Kneipeninstrument &#8212; und brauchte noch nicht den DJ als &quot;Automatenhirten&quot; (G&uuml;nther Anders).</p>
<p>Der Zwischenbereich der privaten und der &ouml;ffentlichen Sph&auml;re, der &quot;kleine kulturelle Alltag&quot; (Gunnar F. Gerlach), der zwischen der heimischen Plattensammlung und dem Massenkonzert steht, ist von Kulturindustrie und Konsumentenorientierung nicht frei. Wenn sich im Pop allerdings Subversives regt, dann an diesen informellen Orten: auf sie haben die Agenturen der Kulturindustrie nicht unmittelbar Zugriff. Allerdings sind solche Clubs und Kneipen stets so subversiv wie die jeweiligen politischen Bewegungen, die sich hier aufhalten &#8212; die in den Clubs gespielte Musik ist f&uuml;r Subversion insofern kaum Indiz; doch auch dies: alles Subversionspotential, was in solchen R&auml;umen sich kristallisiert, ist gebunden an einen Bohemismus, der &#8212; die Geschichte zeigt es &#8212; nicht unproblematisch ist. 19 Die Subversion, die hier stattfindet, hat sich je schon mit ihrem Platz abgefunden; sie schl&auml;gt deshalb so leicht vom Politischen ins &Auml;sthetische um, weil ihr Politikverst&auml;ndnis k&uuml;nstlerisch gemeint war, als &Auml;sthetik der Existenz. Sowenig wie am Konsumentenbewu&szlig;tsein abzulesen w&auml;re, was im Pop sich zutr&auml;gt, so sehr spiegelt das allgemeine H&ouml;rverhalten in all seinen Sparten doch nur das vorgegebene Klangereignis wieder. Um wirklich differenzieren zu k&ouml;nnen, bem&uuml;ht man die soziale Anekdote, nicht die material&auml;sthetische L&ouml;sung. Bodo Hahn findet etwa &quot;sooo zum Kotzen! &quot; und &quot;zum Steinerweichen komisch, weil es zum Weinen harmlos ist, wenn man nachts um 4.00 Uhr vor der Frankfurter Festhalle steht und beobachtet, wie die Kids nach der dort stattgefundenen &#8218;Mayday&#8216; von ihren Eltern, die noch ihre Pantoffeln tragen, da man ja schlie&szlig;lich schon geschlafen hat, abgeholt werden. &quot; Und er schiebt das theoretische Programm gleich hinterher: &quot;Techno war noch nie wirklich eine &#8218;politische&#8216; Bewegung, sondern eine Bewegung, deren Inhalt der radikale Spa&szlig; war, in Form einer radikalen Absage an den b&uuml;rgerlichen Alltag. Partys, die um 4.00 Uhr beendet sind, ausschlie&szlig;lich am Wochenende stattfinden und f&uuml;r deren horrende Eintrittsgelder man sich das Geld vom Munde absparen mu&szlig;, machen keinen Spa&szlig; (&#8230;) Deswegen mu&szlig; eine subkulturelle Techno-Bewegung schnell sein und nach M&ouml;glichkeit mit jedem neuen Track, der entsteht, eine neue Stilrichtung repetitiver Musik schaffen. Jeder/jede, der/die die M&ouml;glichkeit hat, Partys, unter welchen Umst&auml;nden auch immer zu veranstalten, sollte dies tun, wenn ihm/ihr am Erhalt von Subkultur etwas gelegen ist. &quot;20 Die sogenannte Club Culture transzendiert alles m&ouml;gliche im Namen der Politik, transzendiert vor allem die Politik ins Abseits des privatistischen Kulturraums; der &uuml;ber den Pop erweiterte Politikbegriff, der sich befreien wollte vom Muff der Staats- und Parteipolitik, ist enger noch und rutscht in die Bedeutungslosigkeit. Mit bestimmten Begriffen wird journalistisch lanciert, bei denjenigen, die ihre Abende und N&auml;chte in Clubs verbringen, handle es sich um politisch aufgekl&auml;rte, theoretisch bewanderte und selbstbewu&szlig;te Menschen; die Mode signalisiere die je individuelle Pers&ouml;nlichkeit. Es ginge um &quot;Vermehrung intelligenter Partykultur, &quot; denn &quot;Selbstsubversion steht f&uuml;r eine gesteigerte Form der Autonomie&quot;. Im sprachlichen &Uuml;berschwang wird das Subversionspotential herbeigezaubert: &quot;Trainingsr&auml;ume unserer Phantasie sind die Nicht-Orte der Kunst, die Clubs bzw. die Art Clubs. &quot;21 Man tut so, als w&auml;re allein durch die Streuung gewisser Termini &#8212; &quot;Hamburger Schule&quot;, &quot;Club Culture&quot;, Begriffe der postmodernen Philosophie, Wortsch&ouml;pfen f&uuml;r musikalische Sparten &#8212; ein theoretischer Standard gewahrt; faktisch wird sich damit jedoch der Theorie entzogen. Auf einmal glauben die Wortf&uuml;hrer des Popdiskurses, da&szlig; in den Clubs alle &uuml;ber Deleuze sprechen. Tats&auml;chlich wei&szlig; hier niemand wer Deleuze ist, geschweige denn, da&szlig; die Wortf&uuml;hrer selbst in der Lage w&auml;ren, auch nur einen Deleuzeschen Begriff &#8212; &quot;Plateau&quot;, &quot;Rhizom&quot; etc. &#8212; auf den Pop begr&uuml;ndet anzuwenden, sofern diese Philosophie sich nicht von sich aus schon in Inhaltsleere erstreckt.</p>
<p>Das Wissen f&uuml;r den Dancefloor ist keines von Reflexion, sondern von Produktinformation. Subversion steht nicht gegen die Gesellschaft, sondern ist ein Etikett, das die eine Musik von der anderen unterscheidet, wo sie ansonsten als Waren sich gleichen. Die Kulturindustrie eint die antagonistischen sozialen Gruppen als Konsumenten; als K&auml;ufer und H&ouml;rer werden sie alle potentiell gleich &#8212; in Widerspruch treten sie nicht als Klassen von Produzenten, sondern als Angeh&ouml;rige verschiedener &quot;Reproduktionsschichten&quot;.</p>
<p><strong>Popsubversionen und Popindividuen</strong></p>
<p>&quot;Die Wellen der Mode brechen sich an der kompakten Masse der Unterdr&uuml;ckten. Dagegen haben die Bewegungen der herrschenden Klasse nachdem sie einmal zu ihrer Herrschaft gelangt ist, einen modischen Einschlag an sich. Insbesondere sind die Ideologien der Herrschenden ihrer Natur nach wandelbarer als die Ideen der Unterdr&uuml;ckten. Denn sie haben sich nicht nur, wie die Ideen der letzteren, der jeweiligen gesellschaftlichen Kampfsituation anzupassen sondern sie als eine im Grunde harmonische Situation zu verkl&auml;ren. Bei diesem Gesch&auml;ft mu&szlig; exzentrisch und sprunghaft verfahren werden. Es ist im vollsten Sinne des Wortes ein modisches. &quot; (Benjamin, Das Passagen-Werk)</p>
<p>Die Subversionspotentiale im Pop m&uuml;ssen sich am Stand des Individuums in der Gesellschaft messen lassen. Nicht da&szlig; einzelne Popkulturen und Jugendbewegungen mit ihren Subversionen gescheitert sind, ist dabei ausschlaggebend, sondern da&szlig; je schon eine subversive Individualit&auml;t des Popsubjekts unterstellt wird, die doch eigentlich erst am Horizont aller Subversionspraxis erschiene. Weil hier dem Ziel stets vorgegriffen ist, ist die begriffliche Unterbestimmung des Subversionsanspruchs nicht seine Freiheit oder gar eine Strategie der Uneinnehmbarkeit, die Souver&auml;nit&auml;t und Autonomie vom Pop, sondern vielmehr markiert dies die ideologische L&uuml;ge im rebellischen Programm. Derart ist alles Pop und Subversion und verliert sich im hermeneutischen Zirkel. Dazu geh&ouml;rt auch die Behauptung, von der Subversion mit Gegenwartsanspruch einzig zehrt, da&szlig; das Subversionspotential aller bisherigen Popkultur versiegt sei. Die Subversion &uuml;berantwortet sich der Mode und wird selber eine. Das modische Popsubjekt ist als Konsument subversiv; die Subversion kann nur Mode sein, nicht theoretische Reflexion. Popsubversion rebelliert gegen das falsche Selbstbewu&szlig;tsein, da&szlig; der Autonomie des Konsumenten auf dem Warenmarkt anheftet &#8212; um dieses falsche Selbstbewu&szlig;tsein zugleich als subversive Kraft per se vorzugeben. Pop rebelliert gegen die Entfremdung des b&uuml;rgerlichen Subjekts, indem er es zugleich manifestiert. Alle Befreiung bleibt privat.</p>
<p>Alles wird Pop &#8212; und Pop ist mitunter subversiv; solche Proklamationen vereiteln die Subversionsnotwendigkeit dort, wo sie Desiderat bleibt: da&szlig; Gesellschaft sich nicht ver&auml;ndert, nicht revolutioniert wird, verhinderte je schon die Kultur. Bewu&szlig;t spricht man nicht von Kulturrevolution. Alles wird Pop soll schlie&szlig;lich beides meinen: da&szlig; das Soziale Pop wird und der Pop das Soziale ersetzt; so m&ouml;chte man das Individuum gegen die Gesellschaft ausspielen. Die damit sich durchsetzende Idee des Individuums, das real gar keines ist, begr&uuml;ndet sich in einer Vorstellung von widerspruchsfreier Kultur, als sei sie nicht, nach der Erkenntnis Freuds &quot;Folge der Triebverdr&auml;ngung&quot;. Dieses Bild von Kultur, das dem Kulturpessimismus ebenso verwandt scheint wie der Lebensphilosophie, zeigt an, da&szlig; der Pop historisch nicht erst durch seine spezifischen musikalischen Formen datierbar ist, sondern als gesellschaftliche Struktur im vorherigen Jahrhundert seine Parallelen findet: in der Mode, im Jugendstil &#8212; auch in der Musik. Es ist der Wunsch nach b&uuml;rgerlicher Individualit&auml;t; aber nicht die aufgekl&auml;rte des 18. Jahrhunderts ist gemeint, sondern die im Muff des vergangenen, die gescheiterte.</p>
<p>Walter Benjamin hatte in diesem Kontext das 19. Jahrhundert durchleuchtet und schon in der Fr&uuml;hphase des Pop seine Genealogie vorgeschlagen, und zwar &quot;den Jugend<em>stil</em> bis in seine Auswirkung in die Jugend<em>bewegung</em> [zu] verfolgen. &quot;22 Der Pop realisiert in seinem Rebellionsgebaren gleichsam das Grundmotiv des Jugendstils: &quot;Das Tr&auml;umen, man sei erwacht. &quot;23 Und auch Adorno wu&szlig;te zu betonen: &quot;Jugendstil ist, wie der Name verr&auml;t, die in Permanenz erkl&auml;rte Pubert&auml;t: Utopie, welche die eigene Unrealisierbarkeit diskontiert. &quot;24 &#8212; Solche Unrealisierbarkeit meint freilich die von Subjektivit&auml;t. Gleichwohl bricht alle Subversion im Pop nicht nur am Scheitern solcher Subjektivit&auml;t, sondern auch an ihrem Dr&auml;ngen und ihrer Not, die utopisch in der Musik noch nachhallt. Davon m&ouml;chte sich der subversive wie krude &ouml;konomische Pop freimachen, weil alles Versprechen, was noch nicht mit den monatlichen Neuerscheinungen abgegolten ist, als gesch&auml;ftssch&auml;digend gilt. Die &quot;Raving Society&quot; fri&szlig;t ihre Kinder: nicht &quot;der Pop ist erwachsen geworden&quot;, wie Ulf Poschardt meint, sondern das 19. Jahrhundert erw&auml;chst im Pop seiner Naivit&auml;t, um doch im Schutz der Kulturindustrie Infantilit&auml;t zu wahren.</p>
<ul>
<p><em>&#9;Mag. Roger Behrens ist Philosoph und Publizist sowie Redakteur der Zeitschrift &#8220;testcard. beitr&auml;ge zur popgeschichte&#8221;. Er lebt in Hamburg. &#8212; 1996 erschien u. a. sein Buch </em>Pop &#8212; Kultur &#8212; Industrie. Zur Philosophie der popul&auml;ren Musik<em> (W&uuml;rzburg 1996); im n&auml;chsten Jahr erscheint </em>Ton Klang Gewalt. Texte zu Musik, Gesellschaft und Subkultur. </ul>
<p><strong>Anmerkungen</strong>
<ul>
<p><em>1&#9;Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft, in: ders. , Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1987, S. 9. </em></p>
<p><em>2&#9;Vgl. etwa Christoph Gurks in diesem Punkt ausgezeichnete Ausf&uuml;hrung: &quot;Wem geh&ouml;rt die Popmusik? Die Kulturindustriethese unter den Bedingungen postmoderner &Ouml;konomie&quot;, in: Tom Holert / Mark Terkessidis, Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft, Berlin / Amsterdam 1996, S. 20ff. </em></p>
<p><em>3&#9;In der neueren Literatur ist dies von Richard Shusterman, Kunst leben. Die &Auml;sthetik des Pragmatismus, Frankfurt am Main 1994, sowie Ulf Poschardt, DJ-Culture, Frankfurt am Main 1995, S. 331ff. , verteidigt worden. </em></p>
<p><em>4&#9;Vgl. Arnold Hauser, Soziologie der Kunst, M&uuml;nchen 1983 S. 684ff. </em></p>
<p><em>5&#9;Adorno und Max Horkheimer kommen in dem Kapitel &uuml;ber &quot;Kulturindustrie. Aufkl&auml;rung als Massenbetrug&quot; in ihrer Dialektik der Aufkl&auml;rung zu dem Schlu&szlig;: &quot;Technisch so gut wie &ouml;konomisch verschmelzen Reklame und Kulturindustrie&quot;; ferner sprechen die Autoren vom &quot;Triumph der Reklame &uuml;ber die Kulturindustrie&quot; (Dialektik der Aufkl&auml;rung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1985, S. 147 und 150). </em></p>
<p><em>6&#9;Vgl. hierzu: Carl Dahlhaus, &quot;&Uuml;ber die &#8218;mittlere Musik&#8216; des 19. Jahrhunderts&quot;, in: Helga de la Motte-Haber (Hg. ), Das Triviale in Literatur, Musik und bildender Kunst, Frankfurt am Main 1972, 13ff. Mittlere Musik ist ein f&uuml;r das 19. Jahrhundert charakteristisches Ph&auml;nomen: ein Resultat aus der Trennung zwischen Gebrauchsmusik und Kunstmusik; mittlere Musik ist von der autonomen Musik abgespaltene Gebrauchsmusik. </em></p>
<p><em>7&#9;Friedrich Nietzsche, Die fr&ouml;hliche Wissenschaft (Jetzt und Ehedem), Frankfurt am Main 1982, S. 106. </em></p>
<p><em>8&#9;Vgl. Dieter Prokop, Kriterien der Kritik und der Analyse von Medienprodukten: Die Ans&auml;tze, deren Verselbst&auml;ndigungen und der Versuch einer Antwort auf die Frage, was Kritik ist, in: ders. (Hg. ), Medienforschung, Bd. 3: Analysen &#8212; Kritiken &#8212; &Auml;sthetik, Frankfurt am Main 1976, S. 152. </em></p>
<p><em>9&#9;Die Vokabel einer &quot;Generation X&quot; zeigt, wie der Popdiskurs funktioniert: vom Schriftsteller Douglas Coupland eingef&uuml;hrt zur Bezeichnung von Aussteigern, wurde die &quot;Generation X&quot; zum Synonym des Umgekehrten, einer Generation der Mitmacher. </em></p>
<p><em>10&#9;Holert / Terkessidis, &quot;Einf&uuml;hrung in den Mainstream der Minderheiten&quot;, in: dies. , Mainstream der Minderheiten, a. a. O. , S. 7. </em></p>
<p><em>11&#9;Walter Grasskamp, Der lange Marsch durch die Illusionen. &Uuml;ber Kunst und Politik, M&uuml;nchen 1995, S. 20. </em></p>
<p><em>12&#9;Die Analyse gegenw&auml;rtiger Gesellschaftsverh&auml;ltnisse nach diesem postmodern-poststrukturalen Mustern repr&auml;sentiert selbst schon das Verschwinden theoretischer Reflexion, den &Uuml;bergang der Theorie zum Pop. Holert und Terkessidis leiten ihre Kritik aus einem zehnseitigen Deleuze-Text ab, der offenkundig von Mi&szlig;verst&auml;ndnissen der Foucaultschen Philosophie gekennzeichnet ist (Foucault w&uuml;rde diese merkw&uuml;rdige Trennung zwischen Disziplinargesellschaft und Kontrollgesellschaft gar nicht machen k&ouml;nnen). Eben dieser Ansatz, die Kritik an der Erscheinungsebene festzusetzen, repr&auml;sentiert den Positivismus. Fredric Jameson hat darauf verwiesen, da&szlig; die Postmoderne f&uuml;r die kritische Theorie das darstellt, was fr&uuml;her der Positivismus war; im Pop l&ouml;st sich dies selbstgef&auml;llig ein. Vgl. Fredric Jameson, Sp&auml;tmarxismus. Adorno und die Beharrlichkeit der Dialektik, Hamburg 1991, S. 304: &quot;Was Adorno n&auml;mlich Positivismus nannte, ist genau das, was wir heute als Postmodernismus bezeichnen, dessen primitivere Stufe der Positivismus darstellte. &quot;</em></p>
<p><em>13&#9;Grasskamp, Der lange Marsch durch die Illusionen, a. a. O. , S. 12ff. </em></p>
<p><em>14&#9;Das f&uuml;hrt noch einmal auf die Schwierigkeit mit dem Popbegriff zur&uuml;ck: da&szlig; ab einem bestimmten Punkt &quot;alles Pop&quot; ist, ergibt sich, weil in der modernen Welt alles technisch gefiltert ist. Ebenso versucht die Technoszene die mit Maschinen und Elektronik durchsetzte Lebenswelt kurzerhand als insgesamt &quot;Techno&quot; zu erkl&auml;ren. </em></p>
<p><em>15&#9;Vgl. meine Aufs&auml;tze &quot;Das hedonistische Ohr. Pr&auml;liminarien zur &Auml;sthetik musikalischer Subkulturen&quot;, in: &#8220;Musik &amp; &Auml;sthetik&#8221; Heft 1/2, 1997, S. 75ff. ; sowie: &quot;Soziale Verh&auml;ltnisse &#8212; Klangverh&auml;ltnisse. Versuch einer Entzerrung des ausgesparten Problems der Materialdialektik in der Popul&auml;rmusik&quot;, in: &#8220;testcard. beitr&auml;ge zur popgeschichte&#8221;, Heft 3, 1996, S. 20ff. </em></p>
<p><em>16&#9;Paolo Bianchi, in: Kunstforum International, Bd. 135. Themenheft: Cool Club Cultures, S. 76. </em></p>
<p><em>17&#9;In: &#8220;Nachtexpress. Save our Night&#8221; Nr. 2, o. S. ; wie sehr das Politische aus der Mode ist, hat Walter selbst j&uuml;ngst bei einer Essener Podiumsdiskussion &uuml;ber ein B&ouml;hse-Onkelz-Konzert beweisen d&uuml;rfen: er h&auml;lt die Naziband, die in ihren Texten einst offen zum Mord aufrief, nicht f&uuml;r faschistisch, sondern &#8212; f&uuml;r Mainstream. Als das eigentliche &Uuml;bel gilt heute der Mainstream, von dem es sich &auml;sthetisch abzugrenzen gilt. </em></p>
<p><em>18&#9;Dar&uuml;ber t&auml;uscht auch nicht hinweg, wenn sich im Bereich von Elektro, TripHop und Drum&#8216;n&#8217;Bass vom Mainstreamgebrauch der Technik durch einen kruden Minimalismus abgegrenzt wird &#8212; dieser klangliche Minimalismus, der gegen den kitschigen Pop die Melancholie &uuml;bt, basiert schlie&szlig;lich doch auf demselben technischen Aufwand. </em></p>
<p><em>19&#9;Vgl. Tobia Bezzola, Massenbohemisierung und bohemische Massenkultur, in: &#8220;17 &#176;C &#8212; Zeitschrift f&uuml;r den Rest&#8221;, Nr. 10 / April/Mai/Juni 1995, S. 85ff. </em></p>
<p><em>20&#9;Bodo Hahn, in: &#8220;Nachtexpress. Save our Night&#8221; Nr. 2, o. S. </em></p>
<p><em>21&#9;Paolo Bianchi, in: &#8220;Kunstforum International&#8221;, a. a. O. , S. 76. </em></p>
<p><em>22&#9;Walter Benjamin, Passagen-Werk, Ges. Schriften Bd. V/1, Frankfurt am Main 1991, S. 686. </em></p>
<p><em>23&#9;Ebd. , S. 496. </em></p>
<p><em>24&#9;Adorno, &Auml;sthetische Theorie, Frankfurt am Main 1990, S. 404. </em> </ul>
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		<title>Roll over Adorno?</title>
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		<pubDate>Sat, 03 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Scheit; Gerhard]]></category>
		<category><![CDATA[Weg und Ziel 1997-5]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/roll-over-adorno">Roll over Adorno?</a></p>
<h3>Kleine Musikgeschichte des Fordismus (notiert nach Art der Sonate)</h3>
<p><em>von Gerhard Scheit </em> <span id="more-857"></span></p>
<p><strong>Warum Adorno-Sch&uuml;ler Jazz und Pop sosehr m&ouml;gen</p>
<p>(Introduktion)</strong></p>
<p>Unter den zahlreichen erfundenen Anekdoten des neudeutschen Humoristen Eckhard Henscheid gibt es eine einzige wirklich gegl&uuml;ckte &#8212; sie handelt von Professor Adornos Verh&auml;ltnis zur popul&auml;ren Musik: &quot;Immer wieder und herb kritisierte Adorno in Buch und Gespr&auml;ch die Jazzmusik. Ein Student fragte ihn, ob dies Verdikt auch f&uuml;r die neue Popmusik gelte, f&uuml;r die Beatles z. B. Adorno schwieg zuerst und dachte sehr lange nach. Erst auf die nochmalige dringliche Anfrage, ob seiner Meinung nach die Beatles auch schlecht seien, antwortete er langsam: , Ja, die auch. &#8216;&quot;1</p>
<p>Tats&auml;chlich bedeutete das Jazz-Verdikt Adornos f&uuml;r die nachfolgende Generation der Adorno-Sch&uuml;ler und -Leser oftmals ein Problem, da nicht wenige Jazz- oder Rock-Fans darunter waren, die vielleicht sogar nebenher in einer Band spielten &#8212; und ausgerechnet der Meister der Negativen Dialektik sollte ihnen diesen Rhythmus verderben, bei dem sie vor lauter Negativit&auml;t Arme und Beine f&ouml;rmlich zucken sp&uuml;rten? Wer gewieft genug war, machte aus dieser seelischen oder sogar k&ouml;rperlichen Not eine akademische Tugend und erwarb seine wissenschaftlichen Meriten &uuml;ber das Thema, warum Professor Adorno den Jazz oder die Beatles nicht leiden konnte, stellte den Professor vom Kopf aufs Tanzbein und fand heraus, da&szlig; dieser den wirklichen Jazz oder den wirklichen Rock gar nicht kennen konnte, weil er eben nicht zuletzt ein Bildungsb&uuml;rger war, und da&szlig; darum f&uuml;r Produkte der Kulturindustrie dasselbe oder etwas &Auml;hnliches oder etwas Vergleichbares gelten m&uuml;sse, wie f&uuml;r jene Kunstwerke, die Adorno favorisiert habe, zumal die Kunstautonomie ohnehin abgestorben sei etc.</p>
<p>Aber es ist seltsam: Adorno l&auml;&szlig;t sich nicht verjazzen, die Negative Dialektik nicht einmal rappen. Die Differenz zwischen U- und E-Musik ist mehr als die Grenze zwischen zwei Marktsegmenten &#8212; sie hat in der Produktion ihren Sitz, und bis dorthin reicht die beschwingte Adorno-Kritik der akademischen Vaterm&ouml;rder meist nicht. Wenn es darum &uuml;ber autonome Kunst und kulturindustriellen Pop, &uuml;ber Atonal-Seriell-Minimal und Jazz-Rock-Rap, noch irgendetwas zu sagen gibt, dann in ihrem Zusammenhang mit der Durchsetzung der abstrakten Arbeit als universaler Kategorie der Gesellschaft &#8212; Kunstautonomie und Kulturindustrie sind die beiden &auml;sthetischen Seiten dieser Durchsetzung. Denn bei Adorno, der im Unterschied zu den meisten seiner verjazzten und poppigen Kritiker noch einen Begriff von Wertkritik &#8212; als Kritik der abstrakten Arbeit &#8212; hatte, ist gerade dieser Zusammenhang etwas verdeckt &#8212; aber er ist vorhanden. Ihn ein wenig ans Licht zu bringen, versuchen die folgenden &Uuml;berlegungen.</p>
<p><strong>Beat und Off-Beat I: Jazz</p>
<p>(Exposition &#8212; Hauptthema: Die Synkope als Freizeit-Signal in der fordistischen Arbeitsgesellschaft)</strong></p>
<p>Der Siegeszug des Jazz verlief parallel zu dem des Automobils. Es waren die Fabriken Henry Fords, die ab 1908 das Fahrzeug mit Verbrennungsmotor (Modell T) zur Massenware machten &#8212; und weil in diesen Fabriken mit Flie&szlig;band und tayloristischen Methoden auch ein neues Niveau in der , Rationalisierung&#8216;, in der Abstraktheit und Me&szlig;barkeit von Arbeit erreicht wurde, das bald auf die Produktion anderer Konsumg&uuml;ter &uuml;bergriff, sprechen &Ouml;konomen mit einigem Recht vom Zeitalter des Fordismus, das damals angebrochen sei.</p>
<p>Etwa zur selben Zeit und schneller noch als das Auto entwickelte sich die Schallplatte zur Massenware; auf ihrer Grundlage erst avancierte der Jazz zur ersten nahezu globalen Unterhaltungsmusik. Die erste Jazzplatte ging 1918 (in New Orleans) in Produktion. Der Fordismus zeichnet sich auf der Ebene des Marktes vor allem dadurch aus, da&szlig; zum ersten Mal in der Geschichte breiteste Schichten als Konsumenten der industriell gefertigten Waren gewonnen werden konnten, neue Bed&uuml;rfnisse geweckt oder alte umgeleitet wurden, die zuvor noch von Kleinbetrieben, Handwerkern, oder &uuml;berhaupt nicht in Form von Waren bedient wurden. W&auml;hrend also fr&uuml;her dem Platzkonzert der &ouml;rtlichen Blechmusikkapelle gelauscht oder zur Polka im Gasthaus getanzt wurde, kaufte man sich nun in zunehmendem Ma&szlig;, so man gen&uuml;gend Geld hatte, eine Schellack oder Schallplatte (der Plattenumsatz stieg etwa in Deutschland zwischen 1906 und 1930 von 1,5 Millionen auf 30 Millionen St&uuml;ck, 1977 waren es dann 136,4 Millionen).</p>
<p>Das Auto verh&auml;lt sich auch hinsichtlich seines Gebrauchswerts zur Eisenbahn &#8212; der ersten industriellen Form der Mobilit&auml;t &#8212;, wie die Jazzband zur Blasmusik: diese war die fr&uuml;he Begleitmusik der Industrialisierung, ob sie nun von Milit&auml;r-, Dorf- oder Werkskapellen geblasen wurde. (Der sentimentale Arbeiterbewegungsschinken , Brassed off&#8216; des Regisseurs Mark Herman &#8212; der dieses Jahr bei der Berlinale mit gro&szlig;em Erfolg gezeigt wurde &#8212; hat folgerichtig zur Blasmusik gegriffen, um die Bergwerksarbeit zu verkl&auml;ren. ) Wie das Auto dem einzelnen Fahrenden Mobilit&auml;t relativ unabh&auml;ngig von den anderen erm&ouml;glichte (das Fahrrad fungiert hier in gewisser Weise als Auto des kleinen Mannes), so der Jazz dem einzelnen Spielenden im Ensemble. Die Analogie soll nicht &uuml;berspannt werden, aber beide, Auto und Jazz, gewannen im Fordismus geradezu symbolischen Gebrauchswert &#8212; also einen Gebrauchswert, der f&uuml;r viele andere stand: sie galten als Inbegriff der Freizeit &#8212; ja als Ding, das die Freizeit in Freiheit verwandeln konnte. Diese symbolische Bedeutung gilt es im Inneren der Musik selbst dingfest zu machen.</p>
<p>Als wichtigstes Charakteristikum des Jazz, wie auch der an ihn anschlie&szlig;enden Musikformen (Pop, Rock etc. ), kann eine bestimmte Art von Rhythmus gelten: Off-Beat und Synkope in Permanenz, die den Beat &#8212; die Betonung der regelm&auml;&szlig;igen Schlagzeit &#8212; konterkarieren. Der Beat, der bei dem bevorzugten Vierviertel-Takt den ersten und dritten Taktschlag akzentuiert, wird nicht aufgehoben, aber abgewertet. Der Unterschied zwischen Off-Beat und Synkope ist dabei eher ein gradueller: die Synkope ist gewisserma&szlig;en Off-Beat in gro&szlig;er, notierbarer Gestalt; Off-Beat die Synkope im Kleinen. Aus der Spannung zwischen Beat und Off-Beat entsteht nun der charakteristische swing oder drive oder rock&#8230; Gegen&uuml;ber dieser rhythmischen Eigenart bleiben die anderen Charakteristika des Jazz von geringerer Bedeutung: wie der Off-Beat gegen den Beat seine Akzente setzt, so versuchen die Instrumentalisten &quot;gegen&quot; die klassische, herk&ouml;mmliche Art des Spielens anzuspielen: die festgelegte temperierte Stimmung und die auf ihr gegr&uuml;ndete Harmonik werden dabei etwa nicht aufgehoben oder zur&uuml;ckgenommen (sieht man von der signifikanten kleinen Terz und kleinen Septime der Blues-Harmonik ab), sondern eher umspielt: Unrein intonierte, verschmierte &#8212; smear &#8212; , schmutzig gemachte&#8216; T&ouml;ne &#8212; dirty notes &#8212;, h&auml;ufige Glissandi, weite Vibrati; T&ouml;ne, die absichtlich etwas zu tief angesetzt werden, um dann mit auf Erregung kalkulierter Langsamkeit hinaufgeschraubt zu werden etc. stehen in einem tonalen Rahmen, der im wesentlichen den harmonischen Spielregeln des Abendlandes (Tonika-Subdominante-Dominante) folgt. Die Improvisation l&ouml;st sich zwar von der fixierten Notenschrift, akzeptiert aber ihre harmonischen Rahmenbedingungen.</p>
<p>Eine der fr&uuml;hesten Erscheinungsformen des Off-Beat war der Ragtime, ein Klavierstil, bei dem in der einfachsten Form die linke Hand den Beat, die rechte den Off-Beat spielte; der Name des Stils leitet sich ab von ragged time &#8212; zerrissene Zeit. Und die Zeit des Fordismus war in der Tat zerrissen wie noch nie &#8212; in Arbeit und Freizeit. Je mehr die Arbeit , rationalisiert&#8216; und selbst zerst&uuml;ckelt wurde und in einer strengen Disziplin und einer abstrakten Me&szlig;barkeit aufging, die wohl unbewu&szlig;t in der Musik als Beat empfunden werden kann, desto mehr fuhr offenbar auch der Off-Beat in die Beine, suggerierte Befreiung von der Disziplin und dem Diktat der Zeit. (W&auml;re es m&ouml;glich, einem Individuum aus der europ&auml;ischen Gesellschaft des 18. oder fr&uuml;hen 19. Jahrhunderts &#8212; egal aus welcher Klasse oder Schicht &#8212; Jazz- oder Rockmusik vorzuspielen, es w&uuml;rde die Attraktivit&auml;t der permanent synkopierten Musik wohl kaum versp&uuml;ren, da es doch auf der anderen Seite auch noch nicht jener disziplinierten und abstrakten Form der Arbeit unterworfen w&auml;re. Vielleicht w&uuml;rde es den Off-Beat eher als zwanghafte Reaktion empfinden. )</p>
<p>Der Off-Beat ist dem Milieu der amerikanischen Schwarzen entsprungen &#8212; der ehemaligen, aus Afrika verschleppten Sklaven &#8212; also einer Bev&ouml;lkerungsschicht, die in besonderem Ma&szlig; die Disziplinierung durch die modernen Arbeitsverh&auml;ltnisse erfuhr, f&uuml;r die aber die Industrie zugleich die Befreiung aus der Sklaverei bedeutete. Die Spannung zwischen Beat und Off-Beat l&auml;&szlig;t sich jedenfalls nicht unmittelbar aus der afrikanischen Herkunft der Schwarzen herleiten. Abgesehen davon, da&szlig; dies fast schon eine biologistische Substantialisierung w&auml;re, stimmt es auch nicht im strikt musikalischen Sinn. In der traditionellen afrikanischen Musik gibt es keine Taktstruktur mit festgelegten metrischen schweren (akzentuierten) und leichten (nicht akzentuierten) Z&auml;hlzeiten. Kann man von einem Beat hier &uuml;berhaupt sprechen, so ist es eine Zusammenfassung von mehreren &quot;Elementarpulsationen&quot; &#8212; eine Art Schwebezustand. Eine besondere Eigenart der afrikanischen Musik ist &uuml;berhaupt die Kombination oder &Uuml;berlagerung verschiedener heterogener Rhythmen (Polyrhythmik). In vielen F&auml;llen k&ouml;nnte etwa von einem individuellen Beat gesprochen werden &#8212; so bei einem Beispiel aus Zambia, das Gerhard Kubik heranzieht: &quot;Der Beat eines jeden der drei Trommler f&auml;llt an eine andere Stelle des zeitlichen Ablaufs. W&uuml;rde man sie (&#8230; ) bitten, den Beat mit dem Fu&szlig; zu markieren, dann stampften sie nicht gemeinsam, sondern zwischeneinander fallend. Das bedeutet, da&szlig; jeder der Musiker sein Spiel auf eine von seinem Gegen&uuml;ber verschiedene Ebene von Orientierungspunkten bezieht; und jeder die gesamte Musik (&#8230; ) von seinem Standpunkt aus anders gelagert h&ouml;rt. &quot;2 Die Abstraktion, die solche individuellen Spiel- und H&ouml;rperspektiven zugunsten eines einzigen, gleichsam punktgenauen Beat beseitigt (also auch die &Uuml;berlagerung heterogener Rhythmen abbaut), setzte sich demnach in der Musik der Schwarzen erst in Amerika allgemein durch. 3 Die Individuen erkennen bewu&szlig;t oder unbewu&szlig;t im abstrakten Beat etwas von den ihnen aufgezwungenen Arbeits- und Zeitverh&auml;ltnissen wieder und k&ouml;nnen im Off-Beat in gewisser Weise auf Distanz dazu gehen, eine bestimmte Form der Selbstbestimmung zur&uuml;ckgewinnen und sich entspannen. Vor&uuml;bergehend aus der Logik der fordistischen Arbeits- und Zeit&ouml;konomie entlassen, werden die Spielenden und H&ouml;renden von einer federnden Elastizit&auml;t getragen, die bei aller Dynamik stets gelassen &#8212; relaxed &#8212; bleibt.</p>
<p>Aus der gel&auml;ufigen Zuordnung des Jazz zu den afrikanischen Urspr&uuml;ngen der schwarzen Musiker resultierte aber f&uuml;r dessen wei&szlig;e Rezipienten von Anfang an eine bestimmte, unwiderstehlich romantische Konnotation des Off-Beat: &auml;hnlich wie die Roma und Sinti und die &quot;Zigeunermusik&quot; standen die Schwarzen und der Jazz f&uuml;r Lebensformen, die sich der abstrakten Arbeit und ihrer Disziplin prinzipiell widersetzten, die sich &quot;gehen lie&szlig;en&quot; und das protestantische Arbeitsethos verweigerten, sich vielmehr auch sexuell keiner Norm unterwarfen &#8212; die Schwarzen galten als , Wilde&#8216;, als , Primitive&#8216;, die ihren nat&uuml;rlichen Trieben noch verbunden seien und sich ihrer gerade in der Jazzmusik versicherten. Und diese Konnotation d&uuml;rfte nicht wenig zum Erfolg des Jazz unter Wei&szlig;en in Amerika und Europa beigetragen haben. Duke Ellington hat mit seiner Bigband diese wei&szlig;e Rezeptionshaltung fast schon parodiert, als er mit dem Jungle Style das ad&auml;quate exotische Trugbild schuf und mit , wilden&#8216; D&auml;mpfereffekten der Blechbl&auml;ser Tierlaute als Urwaldger&auml;usche imitierte. Doch der Dschungel, dem die Jazzmusik entstammte, lag in New Orleans, Chicago und New York.</p>
<p>Bereits in den drei&szlig;iger Jahren und ohne genaue Kenntnis der genuin afrikanischen Musikformen bestritt Adorno den afrikanischen Charakter des Jazz, indem er nichts anderes tat, als dessen Gebrauch in der Moderne zu untersuchen: &quot;keine Archaik gibt es im Jazz denn die aus Moderne mit dem Mechanismus der Unterdr&uuml;ckung gezeitigte. Nicht alte und verdr&auml;ngte Triebe werden in den genormten Rhythmen und genormten Ausbr&uuml;chen frei: neue, verdr&auml;ngte, verst&uuml;mmelte erstarren zu Masken der l&auml;ngst gewesenen. &quot;4 Obwohl Adorno den Zusammenhang des Jazz mit der Durchsetzung des fordistischen Arbeitssystems nicht explizit darstellt, vermag er doch die Geburt des Jazz aus dem Geiste der Freizeit zu beschreiben: der Jazzmusiker, der &quot;zwischen den markierten Taktteilen, seine abenteuerlichen Spr&uuml;nge machte, der die Akzente verschob und mit k&uuml;hnen Glissandi die T&ouml;ne verschleifte &#8212; er jedenfalls doch h&auml;tte der Industrialisierung enthoben sein sollen; sein Reich galt als Reich der Freiheit; hier war offenbar die starre Wand zwischen Produktion und Reproduktion gesprengt, die ersehnte Unmittelbarkeit wiederhergestellt (&#8230; )&quot;. 5 Aber die Z&uuml;ge des Jazz &#8212; die Adorno freilich vergr&ouml;bert, weil er sie in der Synkope aufgehen l&auml;&szlig;t &#8212; &quot;charakterisieren eine Subjektivit&auml;t, die gegen eine Kollektivmacht aufbegehrt, die sie doch selber , ist&#8216;; darum erscheint ihr Aufbegehren l&auml;cherlich und wird von der Trommel niedergeschlagen wie die Synkope von der Z&auml;hlzeit. (&#8230; ) Das eigentlich Entscheidende am Jazz-Subjekt ist, da&szlig; es sich, trotz seines individuellen Charakters, &uuml;berhaupt nicht selbst geh&ouml;rt (&#8230; ) Das , Zerfetzen der Zeit&#8216; durch die Synkope ist ambivalent. Es ist zugleich Ausdruck der opponierenden Scheinsubjektivit&auml;t, die gegen das Ma&szlig; der Zeit aufbegehrt, und der von der objektiven Instanz vorgezeichneten Regression. &quot;6</p>
<p>Die Attraktivit&auml;t des Off-Beat gr&uuml;ndet sich allerdings nicht allein auf dem subkutan wirkenden Gegensatz zu den neuen Formen der Arbeit, denen sich das Subjekt, das seine Arbeitskraft unter fordistischen Bedingungen verkaufen mu&szlig;, ausgeliefert sieht &#8212; es artikuliert sich darin zugleich eine Opposition zum Staat, der im Fordismus aufger&uuml;stet wird zu einer weite Teile der Gesellschaft regulierenden Instanz. Diese Aufr&uuml;stung n&auml;mlich vollzog sich zu den Kl&auml;ngen einer &auml;lteren Form von Pop-Musik, die den Beat f&ouml;rmlich einzementierte: der Marschmusik. 7 In fr&uuml;herer Zeit zielte dieser Rhythmus des ewigen Gleichschritts noch auf die Formierung eines Berufsheers (in der Habsburgermonarchie z. B. wurde der Gleichschritt 1740 eingef&uuml;hrt), er wurde von schlanken Kapellen (mit Pauken oder Trommeln, in denen Holzbl&auml;ser den Klang dominierten) gespielt und pr&auml;gte den Alltag in Stadt und Land nur peripher. Mit der allgemeinen Wehrpflicht, dem Aufbau von Riesenheeren im 19. Jahrhundert begann er sich in ein blechgepanzertes, tausendf&uuml;&szlig;iges Monster mit schwerem Schlagzeug zu verwandeln, das nahezu &uuml;berall zu h&ouml;ren und zu sehen war und sich in Dorf- und Werkskapellen fortpflanzte. Die Individuen wurden vom Marschrhythmus zum Volksk&ouml;rper und Staatsvolk gleichsam zusammengeschwei&szlig;t. In Deutschland und in &Ouml;sterreich, wo sich die Gesellschaft geschlossen wie nirgendwo sonst zum Volksstaat formierte, erreichte auch die Marschmusik die gr&ouml;&szlig;te Bedeutung, und die Wirkung des Jazz blieb am geringsten bzw. am l&auml;ngsten verz&ouml;gert: d. h. in Deutschland und in Deutsch&ouml;sterreich f&uuml;hlten sich die Individuen auch in der Freizeit vor allem als Staatssubjekt und Teil eines Volksk&ouml;rpers. Die M&auml;rsche h&ouml;rend, spielend und mitmarschierend &uuml;bten sie sich ein in die Rolle eines staatstragenden Volks, bannten im Gleichschritt mit den anderen die permanente Angst, die sie im Angesicht des Werts &#8212; am Arbeitsmarkt zum Beispiel &#8212; immer wieder &uuml;berfallen konnte: die Angst, minderwertig, ja &uuml;berfl&uuml;ssig zu sein. Der Marsch mit dem Gleichschritt auf den ersten Taktschlag garantierte ihnen ihren Wert und lie&szlig; sie die Gleichwertigkeit und St&auml;rke als Staatsb&uuml;rger und Volksgenossen buchst&auml;blich als K&ouml;rpergef&uuml;hl erfahren. 8</p>
<p>Die &uuml;berkommenen Formen der Tanzmusik (L&auml;ndler, Walzer, Polka etc. ), die sich im Umfeld dieser allgemeinen Marschkultur weiterhin der gr&ouml;&szlig;ten Beliebtheit erfreuten und vom Jazz kaum gef&auml;hrdet werden konnten, zeichnen sich vor allem dadurch aus, da&szlig; sie keinen solchen expliziten Gegensatz zur staatlich formierenden Marschmusik kennen, wie ihn der Jazz in Gestalt des Off-Beat artikuliert; vielmehr betonen auch sie den Beat, die regelm&auml;&szlig;ige Schlagzeit, wenn auch &#8212; wie vor allem der Walzer &#8212; auf etwas charmantere Weise. In seiner sechsten Symphonie hat &uuml;brigens Gustav Mahler &#8212; ein Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg &#8212; die N&auml;he zwischen Marsch und dieser Art von Tanz auf schockierende Weise kenntlich gemacht, wenn er den Dreiachtel-Takt des Scherzos durch Sforzati wie einen Marsch erklingen l&auml;&szlig;t: man glaubt hier eine Fortsetzung des Marsches aus dem ersten Satz zu h&ouml;ren, nur da&szlig; jetzt &#8212; wie in einer surrealen Montage &#8212; ein Wesen mit drei Beinen marschiert.</p>
<p>Die Apotheose des Marsches war der Nationalsozialismus. Wenn der Staat hier als &quot;Gro&szlig;konsument&quot; (Ulrich Enderwitz) einspringt und die in der Krise erschlaffte Kaufkraft der Massen ersetzt, um das Kapital zu retten, mu&szlig; er auch die Freizeit der Warensubjekte in Regie nehmen: und das bedeutet Marschmusik total. HJ, SA, SS und Wehrmacht hatten ihre M&auml;rsche, Marschlieder und Marschmusikkapellen &#8212; neben ihnen beteiligten sich auch DAF, Reichsarbeitsdienst und die vielen anderen Organisationen, mit denen die Nationalsozialisten die Freizeit verstaatlichten, am totalen Platzkonzert des Dritten Reichs, nicht zu vergessen die fortexistierenden , privaten&#8216; Volksmusikkapellen &#8212; man z&auml;hlte 1939 weit &uuml;ber zehntausend solcher privater Vereine, davon 10 Prozent Werkskapellen. 9 Kraft durch Freude hie&szlig; also Kraft durch Beat &#8212; der Marsch f&uuml;hrte die Massen von der Freizeit direkt in den Vernichtungskrieg.</p>
<p>Der Off-Beat des Jazz &#8212; Inbegriff der privaten Konsumtionsform &#8212; wurde folgerichtig verdammt und immer wieder verboten. Wie das Dritte Reich aber den Warenkonsum nicht abschaffte, sondern nur den Gro&szlig;teil der Kaufkraft verstaatlichte, so existierte auch der Jazz in bescheidenem Umfang und mit verschiedenen Deckbl&auml;ttern fort. 10 Was unter Goebbels als &quot;gute deutsche Tanzmusik&quot; verkauft wurde, griff vielfach notengetreu auf einzelne Nummern des amerikanischen &quot;Swing&quot; zur&uuml;ck (nicht mit swing im allgemeinen zu verwechseln). Diese Bigband-Musik aus den USA der drei&szlig;iger Jahre, die man als Swing-&Auml;ra bezeichnet, neigte sich allerdings ihrerseits in bisher unbekanntem Ma&szlig; dem Staat zu: es war die Musik der Roosevelt-Zeit, der Swing begleitete das deficit spending, das hier wie in Deutschland der Staat betrieb, um die Verwertungskrise zu beenden &#8212; Glenn Millers &quot;In the mood&quot; k&ouml;nnte fast als Parademusik des New Deal gelten. An die Stelle von kleinen Ensembles in mehr oder weniger verrufenen Etablissements einiger St&auml;dte waren Bigband-Orchester in gro&szlig;en , &ouml;ffentlichen&#8216; R&auml;umen getreten, die den Jazz mittels Schallplatten, Radio und Film zu einer im ganzen Land erklingenden, nationalen Tanzmusik machten. Die Rhythmik wurde sanfter, schmiegsamer; der Klang und die Phrasierung elegant und ausgewogen; Improvisationen wurden eher vermieden, stattdessen wurde des Riff als Stilmittel gepflegt &#8212; eine kurze, meist zwei- oder viertaktige Phrase, die in der Art eines ostinato st&auml;ndig wiederholt wurde und sogar Themencharakter erhalten konnte.</p>
<p>Als Adorno in den drei&szlig;iger Jahren den Jazz untersuchte, hat er diese Abschw&auml;chung der urspr&uuml;nglichen Impulse des Jazz in der Swing-&Auml;ra wohl registriert, und sie kam seiner Auffassung entgegen, wonach die Gesellschaft auch in den USA zum Totalit&auml;ren tendiere. Nur so ist zu erkl&auml;ren, was er 1933 &uuml;ber eines der ersten Verbote des Jazz schrieb: &quot;Die Verordnung, die es dem Rundfunk verwehrt, , Negerjazz&#8216; zu &uuml;bertragen, hat vielleicht einen neuen Rechtszustand geschaffen &#8212; k&uuml;nstlerisch [! ] aber nur durchs drastische Verdikt best&auml;tigt, was sachlich l&auml;ngst entschieden ist: das Ende der Jazzmusik selber. Denn gleichg&uuml;ltig, was man unter wei&szlig;em und unter Negerjazz verstehen will, hier gibt es nichts zu retten; der Jazz selber befindet sich l&auml;ngst in Aufl&ouml;sung, auf der Flucht in Milit&auml;rm&auml;rsche und allerlei Folklore. (&#8230; ) l&auml;ngst schon lag unter den bunten Schn&ouml;rkeln des Jazz der Milit&auml;rmarsch bereit. &quot;11 Weil sich Adorno selbst zu dieser Zeit &#8212; in Verkennung der Situation &#8212; in das NS-Regime fl&uuml;chten wollte und wirklich glaubte, hier ein Auskommen zu finden, konnte er nicht erkennen, da&szlig; der Jazz mitnichten in den Marsch fl&uuml;chtet, vielmehr immer schon auf der Flucht vor ihm war, ja da&szlig; diese Fluchtbewegung das zentrale Motiv des Jazz ausmacht, das sogar noch im echten Swing lebendig ist. Jeder Vergleich einer Nummer von Benny Goodman, Duke Ellington, selbst Glenn Miller mit einer irgendeines deutschen Tanzorchesters aus der NS-Zeit liefert hier gen&uuml;gend Anschauungsmaterial: Das &Uuml;bergewicht des Marsches verdirbt auch noch den , deutschen Swing&#8216; &#8212; w&auml;hrend der Kontakt der amerikanischen Bigband-Musiker mit einer am Rande fortexistierenden alten Jazz-Tradition, und mit einer gegen den Swing rebellierenden neuen12, erst jenes f&uuml;r den jazzigen Off-Beat unabdingbare (aber nicht mit Noten fixierbare) Feingef&uuml;hl entstehen und den Swing erst richtig schwingen lie&szlig;. Adorno konnte solche Feinheiten (falls er sie &uuml;berhaupt gesp&uuml;rt hat) kategoriell nicht fassen &#8212; denn er spricht immer nur von Synkope und nicht von Off-Beat. 13 Solche interpretatorischen Feinheiten betreffen im Falle des Jazz aber das Wesentliche: die Kompatibilit&auml;t des US-amerikanischen Swing f&uuml;r die deutsche Volksgemeinschaft mag die gemeinsame fordistische Grundlage der beiden Gesellschaftsformen zeigen &#8212; die Differenz zwischen dem gegl&uuml;ckten amerikanischen Original und der vom deutschen Marsch verdorbenen Imitation verweist jedoch letztlich auf den ge&auml;nderten Stellenwert des Rassismus im Staat. 14</p>
<p><strong>Exkurs: E-Musik als Selbstkritik der Arbeit</p>
<p>(Durchf&uuml;hrung)</strong></p>
<p>&quot;Der Jazz ist Ware im strikten Sinn. &quot;</p>
<p>Theodor W. Adorno, &Uuml;ber Jazz, 1936 15</p>
<p>&quot;Von der Autonomie der Kunstwerke (&#8230; ) ist nichts &uuml;brig als der Fetischcharakter der Ware (&#8230; ). &quot;</p>
<p>Theodor W. Adorno, &Auml;sthetische Theorie, 1970 16</p>
<p>Romantischen wie fr&uuml;hsozialistischen Positionen galt das Komponieren als eine Form, wenn nicht Inbegriff von nicht-entfremdeter Arbeit. Noch in den &quot;Grundrissen&quot; von 1857/58 f&auml;llt Marx nur das Komponieren ein, um den Arbeitsbegriff zu retten, &quot;wirklich freie Arbeiten&quot; beim Namen zu nennen &#8212; als &quot;travail attractif, Selbstverwirklichung des Individuums&quot;. 17 Der romantische Entfremdungsbegriff verdeckte jedoch seinerseits, was in der musikalischen Klassik vor sich ging: nicht um eine von Entfremdung erl&ouml;ste Arbeit handelte es sich, sondern um die Kritik der Arbeit &#8212; als Arbeit.</p>
<p>So kommt der musiktheoretische Terminus von der &quot;thematischen Arbeit&quot; f&uuml;r die durchf&uuml;hrungsartigen Teile der Sonaten und Symphonien eben nicht von ungef&auml;hr: Komponieren ist eine h&ouml;here Form von Arbeit: doch H&ouml;he meint hier nichts anderes als eine Distanz, die Selbstreflexion erm&ouml;glicht.</p>
<p>Als eine Kunst, die mehr als jede andere davon lebt, die Zeit zu organisieren, steht die Musik in einem besonderen Verh&auml;ltnis zur abstrakten Arbeit &#8212; zur Abstraktion, die der Wert an den verschiedenen Formen der konkreten Arbeit vornimmt, um sie auf den gemeinsamen Nenner der durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit zu bringen. Die Arbeit bezweckt ein genaues, &uuml;berpr&uuml;fbares und wiederholbares Resultat des Arbeitsvorganges (nur dann kann der Mehrwert auch realisiert werden, der in der Ware steckt). Auch der Ausgangspunkt der klassischen Komposition ist die Wiederholung &#8212; im Kleinen (die regelm&auml;&szlig;ige Schlagzeit: der Beat; der Tonika-Dreiklang) wie im Gro&szlig;en (die Form der Reprise). Sie bildet den Rahmen, in dem die Musik ihre Arbeit tut. &quot;Das Wiederholungsmoment im Spiel ist das Nachbild unfreier Arbeit (&#8230; ). &quot; (Adorno)18 Die Komponisten, soweit sie K&uuml;nstler sind und keine Handwerker, entwickeln jedoch ihre ganze Kunst nicht in der Realisierung der Wiederholung, sondern in der Abweichung von ihr. Im Unterschied zum Off-Beat des Jazz lassen diese Abweichungen sich allerdings auf keinen Nenner bringen, nur auf den Begriff des Kunstwerks: denn jedes &auml;sthetisch gegl&uuml;ckte Musikst&uuml;ck beruht auf der Einzigartigkeit der Abweichung vom Formschema; und jede Auff&uuml;hrung desselben auf der Einzigartigkeit der Interpretation. Allerdings schie&szlig;t auch die gew&ouml;hnliche Arbeit stets &uuml;ber ihr Ziel hinaus &#8212; nur will sie es im Unterschied zur Kunst nicht wahrhaben, weil dieser konkrete &Uuml;berschu&szlig; (anders als der abstrakte) eben nicht die Form des Wertes annehmen kann, sondern eher die einer sozialen oder &ouml;kologischen Krise. In der &auml;sthetischen Produktion indessen wird dieser &Uuml;berschu&szlig;, das Eintreten des Nicht-Gewollten, nicht als Krise, sondern als Genu&szlig; erfahren.</p>
<p>Bei Wagner schon nimmt die Arbeit der Musik &#8212; so Adorno &#8212; &quot;den Charakter des kreisend Vergeblichen, schlecht Zwanghaften an. Wagner hat damit etwas &uuml;ber das Wesen der Durchf&uuml;hrung selber ausgemacht d. h. ihr wohnt objektiv-musikalisch die gleiche Vergeblichkeit schon inne, die er dann explizit gemacht hat. Das h&auml;ngt aber mit dem gesellschaftlichen Wesen der Arbeit zusammen, die gleichzeitig , produktiv&#8216; ist, die Gesellschaft am Leben erh&auml;lt, und in ihrer Blindheit doch vergeblich bleibt, auf der Stelle sich bewegt (&#8230; ) Wenn in der Ver&auml;nderung des Durchf&uuml;hrungsprinzips von Beethoven zu Wagner eine gesamtb&uuml;rgerliche Entwicklungstendenz sich niederschl&auml;gt, so zeigt aber die sp&auml;tere Phase zugleich etwas &uuml;ber die fr&uuml;here an, n&auml;mlich die immanente Unm&ouml;glichkeit der Durchf&uuml;hrung, die nur momentan, paradox gelingen kann. &quot;19</p>
<p>Adorno hat es sich &#8212; zum Leidwesen Sch&ouml;nbergs &#8212; auch nicht nehmen lassen, diese Analogie f&uuml;r die Zw&ouml;lftontechnik fortzuf&uuml;hren. Und es ist auch dies keine oberfl&auml;chliche Analogie, denn sie betrifft die &quot;wachsende organische Zusammensetzung des Individuums&quot;: &quot;Das, wodurch die Subjekte in sich selber als Produktionsmittel und nicht als lebende Zwecke bestimmt sind, steigt wie der Anteil der Maschinen gegen&uuml;ber dem variablen Kapital. &quot;20 Diese Erkenntnis aus den Minima Moralia hat Adorno in seiner Philosophie der neuen Musik f&uuml;r die Zweite Wiener Schule ausbuchstabiert: Es w&auml;chst demnach auch die organische Zusammensetzung der Komposition an &#8212; das, wodurch sie in sich selber als Kompositionsmittel und nicht als Zweck bestimmt ist &#8212; die Logik eines Tonsystems &#8212; steigt wie der Anteil der Maschinen gegen&uuml;ber dem variablen Kapital; die Zw&ouml;lftontechnik markiert dabei die h&ouml;chste bis dahin erreichte organische Zusammensetzung der Musik. &quot;Die Verwandlung der ausdruckstragenden Elemente von Musik in Material, welche Sch&ouml;nberg zufolge durch die ganze Geschichte von Musik hindurch unabl&auml;ssig statthat, ist heute so radikal geworden, da&szlig; sie die M&ouml;glichkeit von Ausdruck selber in Frage stellt. (&#8230; ) Es ist (&#8230; ) das unterdr&uuml;ckende Moment der Naturbeherrschung, das umschlagend gegen die subjektive Autonomie selber sich wendet, in deren Namen die Naturbeherrschung vollzogen ward (&#8230; ) Stimmigkeit als ein mathematisches Aufgehen setzt sich an die Stelle dessen, was der traditionellen Kunst , Idee&#8216; hie&szlig; (&#8230; ) Die neue Ordnung der Zw&ouml;lftontechnik l&ouml;scht virtuell das Subjekt aus. &quot;21 Paradoxerweise gelangte die Zweite Wiener Schule zu dieser , Automation&#8216; des Komponierens auf der st&auml;ndigen Flucht vor der Wiederholung &#8212; vor jenem musikalischen Prinzip, das die Musik mit der Arbeit eigentlich teilt und das bereits f&uuml;r die Wiener Klassik der Stachel war.</p>
<p>Je offener und konsequenter die Musik die allgemeine Entwicklung in sich austrug, desto mehr konnte sie &#8212; in Adornos Auffassung &#8212; als Einspruch gegen sie verstanden werden. Als Indiz f&uuml;r den Widerstandscharakter der neuen Musik gilt gerade deren elit&auml;rer Charakter &#8212; das Ausbleiben des Publikums. Damit die Musik die allgemeine Entwicklung nicht einfach widerspiegelt und verdoppelt, mu&szlig; Adorno die Kunstautonomie ins Extrem treiben und mit geradezu religi&ouml;ser Bedeutung aufladen. Die neue Musik allein &quot;entwirft das Bild der totalen Repression und nicht deren Ideologie. Als unvers&ouml;hntes Bild der Realit&auml;t wird sie dieser inkommensurabel (&#8230; ) Alle Dunkelheit und Schuld der Welt hat sie auf sich genommen. &quot;22 Tats&auml;chlich leeren sich die Konzerts&auml;le &#8212; nicht un&auml;hnlich den Kirchen &#8212; wenn die Vertreter der Zweiten Wiener Schule ihre Arbeiten vorf&uuml;hren, die den Tanz- und Unterhaltungscharakter, den die Klassik stets noch mit dem der Arbeit auf angenehme Weise zu verbinden wu&szlig;te, v&ouml;llig abgestreift haben. Das Publikum fl&uuml;chtet in die Freizeit: zu Jazz und Pop, wo wiederum zugunsten des Tanz- und Unterhaltungscharakters auf thematische Arbeit so gut wie vollst&auml;ndig verzichtet wurde.</p>
<p>Im Vergleich zur Zweiten Wiener Schule mag die Selbstkritik der Arbeit in der postseriellen , Avantgarde&#8216;-Musik durchwegs als Trivialisierung erscheinen, doch wird sie gerade auf diese Weise konsequent zu Ende gef&uuml;hrt. Und am Ende steht die vollkommene Aush&ouml;hlung der Kunstautonomie, wie sie in einem Musikst&uuml;ck von John Cage, einem Sch&uuml;ler Sch&ouml;nbergs, unnachahmlich zum Ausdruck kommt. Es tr&auml;gt seine Zeitdauer als Titel &#8212; 4&#8217;33 &#8212;, und besitzt auch sonst alles, was zu einem Werk geh&ouml;rt: ein ver&ouml;ffentlichter , Notentext&#8216;, Besetzungs- und Vortragsangaben und die Aufgliederung in drei S&auml;tze &#8212; nur da&szlig; in diesen S&auml;tzen der Interpret nichts tut: Das Werk besteht aus drei Generalpausen. Es ist wie ein Witz, den sich die Musik &uuml;ber ihre eigene Geschichte erz&auml;hlt.</p>
<p>Neben dieser wirklichen Vollendung der Musikgeschichte zeigt sich auch bei anderen Komponisten und Werken der Avantgarde, da&szlig; sich der Klang insofern von Tonsystemen emanzipiert hat, als er das Ger&auml;usch &#8212; das bei Cages 4&#8217;33 wie unabsichtlich erklingt (Stra&szlig;enl&auml;rm, Ger&auml;usche aus dem Publikum) &#8212; in den Konzertsaal oder ins Studio einspielt, so da&szlig; jeder Zuh&ouml;rer &#8212; und sei er noch so banausisch, ja gerade dann &#8212; begreifen kann, was auch dem Museumsbesucher bei einem Artefakt von Joseph Beuys schlagartig klar werden mu&szlig;: hier wird ein Ding pr&auml;sentiert, das ganz ohne Arbeit entstanden ist, also keinen Wert hat und doch den h&ouml;chsten Preis erzielt. &quot;Bewu&szlig;tsein durchschaut das Beschr&auml;nkte des schrankenlos sich selbst gen&uuml;genden Fortgangs als Illusion des absoluten Subjekts&quot;, schrieb Adorno in der Fragment gebliebenen &Auml;sthetischen Theorie: &quot;gesellschaftliche Arbeit spottet &auml;sthetisch des b&uuml;rgerlichen Pathos, nachdem die &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit der Arbeit real in Reichweite kam. Einhalt gebietet der Dynamik der Kunstwerke sowohl die Hoffnung auf die Abschaffung von Arbeit wie die Drohung des K&auml;ltetods; beides meldet objektiv in ihr sich an; von sich aus kann sie nicht w&auml;hlen. &quot;23</p>
<p><strong>Beat und Off-Beat II: Rock</p>
<p>(Reprise) </strong></p>
<p>Als die amerikanische Autoproduktion in den f&uuml;nfziger Jahren mit neuen, stromlinienf&ouml;rmigen Modellen einen beachtlichen Wachstumsschub initiierte (die Zahl der registrierten Fahrzeuge etwa stieg in den USA zwischen 1950 und 1960 um mehr als 20 Millionen auf 61,5 Millionen, also um die H&auml;lfte, an), eroberte auch die Schallplattenproduktion mit der Erfindung der Kunststoff- (1948) und Stereoschallplatte (1958), vor allem aber mit der neuen Musikform des Rock&#8216;n&#8217;Roll, M&auml;rkte von ungeahnter und f&uuml;r den Jazz unerreichbarer Gr&ouml;&szlig;e. Denn der Rock&#8216;n&#8217;Roll gewann eine neue K&auml;ufergeneration, und es gelang mit ihm, das Bed&uuml;rfnis nach Musik ganz mit dem nach der Schallplatte zu verschwei&szlig;en &#8212; die Juke-Box, die S&auml;nger und Kapellen in den Tanzlokalen abl&ouml;ste, bildete gleichsam diese Schwei&szlig;naht. Getragen von der expandierenden Schallplatten-Industrie entwickelte sich die neue, aus Elementen des Jazz abgeleitete Musikform mit unglaublichem Tempo zu einem weltweiten Idiom der Jugend, schneller hatte bis dahin noch keine Musik die Welt erobert.</p>
<p>Mit dem Jazz teilt der Rock den Off-Beat und den Synkopenreichtum, mehr noch als der Swing dr&auml;ngt er die freie Improvisation zur&uuml;ck und verl&auml;&szlig;t sich auf festgelegte Arrangements (mit riffartiger Melodiebildung) &#8212; besonders deutlich bei den ersten Heroen des Rock&#8216;n&#8217;Roll, Bill Haley, Elvis Presley, Little Richard etc. (Eigentlich war der Ansto&szlig; mit Rhythm &amp; Blues wiederum vom st&auml;dtischen Milieu der schwarzen amerikanischen Bev&ouml;lkerung ausgegangen &#8212; unter dem Markenzeichen Rock&#8216;n&#8217;Roll wurden diese Spuren dann beseitigt. ) An die Stelle von Chromatik, modalen Skalen und rhythmischer Vielfalt, die der Jazz im Spannungsfeld zwischen Beat und Off-beat mitunter entwickeln konnte, regrediert die Rockmusik auf das Ma&szlig; des herk&ouml;mmlichen Strophenlieds mit der harmonischen Basis einfacher Grundakkorde und manchen Ankl&auml;ngen an Pentatonik. W&auml;hrend der Jazz mit seinen Improvisationen und Chorussen vorwiegend variativ verfuhr (Thema mit Verarbeitung als vorherrschender Ablauf), zieht sich die Rockmusik weitgehend auf Repetition (Strophenform) zur&uuml;ck.</p>
<p>Nun nach dem Ende des Nationalsozialismus konnte die poppige Synkope auch in &Ouml;sterreich und Deutschland wirklich boomen. F&uuml;r die von der Marschmusik offenbar bis ans Lebensende gepr&auml;gten Angeh&ouml;rigen der &auml;lteren Generation blieb mit gutem Grund alles was nach Off-Beat roch, sei es nun Mick Jagger oder Pink Floyd &quot;Jazzmusik&quot;, worin man selbstverst&auml;ndlich den Untergang jenes Abendlandes erblickte, das man einst mit Marschmusik zu verteidigen dachte. F&uuml;r jene &Uuml;bergangs-Generation, die sich gleichsam am Scheitelpunkt von Marsch- und Rockmusik befand, hat Johannes Hodek r&uuml;ckblickend die Subjektivit&auml;t treffend charakterisiert: &quot;Unsterblich haben sich diese [Nazi-Marsch-]Lieder in die Herzen der Nachkriegsgeneration gegraben. Obwohl ich die Schlager- und Rock&#8216;n&#8217;Roll-Kultur der f&uuml;nfziger Jahre in Tanzkapellen singend und spielend miterlebt habe (&#8230; ) &#8212; nie vergesse ich ein Lied wie dieses: , Wer nur den lieben Tag, ohne Plag ohne Arbeit vert&auml;ndelt, wer das mag, der geh&ouml;rt nicht zu uns. Wir steh&#8217;n des Morgens zeitig auf, hurtig mit der Sonne Lauf sind wir, wenn der Abend naht, nach getaner Tat eine muntere, f&uuml;rwahr, eine fr&ouml;hliche Schar. &#8216;&quot;24 Den jungen Arbeitern des Wirtschaftswunders und den neuen Soldaten von freedom and democracy vermittelten indes Bill Haley und Elvis Presley, sp&auml;ter die Beatles und die Rolling Stones, , nach getaner Tat&#8216; einen nicht weniger munteren Freizeit-K&ouml;rper, der besonders in deutschsprachigen Landen von einer geradezu atemberaubenden Neuheit war und in den man etwa schl&uuml;pfen konnte, um den Konflikt mit dem marschs&uuml;chtigen Vater auszutragen.</p>
<p>Es war die Revolte als Freizeit, oder die Freizeit als Revolte. Wie die Freizeit nur die andere Seite der Arbeit ist, so ist auch das Freiheitsgef&uuml;hl, das die Synkope vermittelt, an das permanente Bewu&szlig;tsein der regelm&auml;&szlig;igen Schlagzeit gekn&uuml;pft: wer sich am Abend und am Wochenende in der Band oder auf der Tanzfl&auml;che austobt, hat st&auml;ndig im Hinterkopf, da&szlig; er am n&auml;chsten Tag wieder am Flie&szlig;band steht oder in der Kaserne exerziert &#8212; und dieses Wissen ist in der Musik selbst anwesend in Gestalt des niemals fallengelassenen Beat. Worin die Rockmusik sich zuallererst vom Jazz unterscheidet, ist nun gerade die st&auml;rkere Akzentuierung des Beat &#8212; man sprach darum Mitte der sechziger Jahre ganz richtig von Beatmusik, und die ber&uuml;hmteste Rockgruppe dieser Jahre hie&szlig; nicht umsonst Beatles. Der Beat ist im Rock vordergr&uuml;ndig vorhanden und sp&uuml;rbar, ja aufdringlich einh&auml;mmernd (der Hardrock der siebziger Jahre und sp&auml;ter der Punk spezialisieren sich geradezu darauf). Die Betonung des Beat macht das spezifisch Rockige aus, w&auml;hrend der Reiz des Jazz &#8212; und darin vielleicht doch noch eine gewisse N&auml;he zu afrikanischen Musikformen? &#8212; darin bestand, den Beat zu &uuml;berspielen oder eher diskret anzudeuten. Durch die Betonung des Beat kam jedoch eine neue Spannung in die Musik, eine rhythmische Steigerung, da doch nun der Off-Beat ebenfalls verst&auml;rkt werden mu&szlig;te. Die Musik wurde aggressiver, wozu nicht zuletzt auch die elektronischen M&ouml;glichkeiten der Verst&auml;rkung beitragen konnten; sie verlor den Grundcharakter der Entspannung, der federnden Elastizit&auml;t, des Relaxing. In unbewu&szlig;ter Weise hat die Rockmusik sich damit den Marschrhythmus einverleibt &#8212; und im Unterschied zum Jazz die direkte Konfrontation mit ihm gesucht.</p>
<p>Selten erreicht diese Konfrontation eine gewisse Bewu&szlig;theit wie bei Bob Dylan oder Jimi Hendrix. Dylans &quot;Hurricane&quot; von 1975 &#8212; die Rock-Ballade &uuml;ber den schwarzen Boxer Rubin Carter, &quot;The man the authorities came to blame / For somethin&#8217; that he never done&quot; &#8212; akzentuiert den Beat mit derselben Aggressivit&auml;t, mit dem sie den Staat zur Sprache bringt. 25 Die Illusionen &uuml;ber die rassistischen Grundlagen des Staats &#8212; die Hoffnung gleichsam auf Urlaub vom Staat &#8212;, die im Text in der Forderung nach Rehabilitation zum Ausdruck kommen, werden vom Beat und von der Strophenstruktur mit ihrer permanenten Wiederholung L&uuml;gen gestraft &#8212; doch diese L&uuml;ge selbst wird nicht bewu&szlig;t. Es sei denn in der Ironie, die Bob Dylan in seine Stimme legt &#8212; oder in dem Ha&szlig;, mit dem er &quot;all the criminals in their coats and their ties&quot; besingt &#8212; verdoppelt noch durch die geradezu kontrapunktisch gef&uuml;hrte Violine von Scarlet Rivera. In anderen Songs hat Dylan gerade umgekehrt das Relaxing des Jazz, das im Rock weitgehend verloren ging, in seiner Stimme aufbewahrt. Bei &quot;Tangled up in blue&quot;, wo dies der Fall ist, wird jedoch der Beat mit den in jeder Strophe wiederkehrenden Worten des Titels &#8212; die ungef&auml;hr mit &quot;In Tr&uuml;bsal verwickelt&quot; &uuml;bersetzt werden k&ouml;nnen &#8212; f&ouml;rmlich synchronisiert. Und mit diesem Beat am Ende jeder Strophe wird die Freiheit, die das Subjekt sich in den einzelnen Strophen als Vagabund in den Nischen der fordistischen Arbeitsgesellschaft erringt, jedesmal aufs Neue niedergeschlagen. 26</p>
<p>Auch dies unterscheidet die Pop-Musik vom Jazz: sie legt Wert auf diskursiven Inhalt und mehr noch auf dessen Ausdruck durch die menschliche Stimme, w&auml;hrend der Jazz &uuml;berwiegend instrumental bestimmt blieb und seine Freizeit-Botschaft gleichsam verschl&uuml;sselt oder heimlich transportierte. Tats&auml;chlich er&ouml;ffnet die Verst&auml;rker-Technik hier M&ouml;glichkeiten, die dem klassischen Gesang eigentlich immer verschlossen geblieben waren.</p>
<p>Was Bob Dylan einst mit seiner vielgestaltigen Stimme erreichte (inzwischen singt er vorm Papst, dieser heilige Beat d&uuml;rfte seine Stimme endg&uuml;ltig erschlagen haben), gelang Jimi Hendrix (der an einer anderen Droge zugrundegegangen ist) mit virtuosen Improvisationen auf der E-Gitarre: das repetitive Schema der Rockmusik aufzusprengen und ihr damit zu ganz neuen Ausdrucksqualit&auml;ten zu verhelfen. Verglichen mit Dylan, der durch seine Anlehnung an den Country- und Talking-Blues im Musikalischen beinahe Anachronismen produzierte, war Jimi Hendrix &#8212; wie Lothar Trampert festh&auml;lt &#8212; &quot;in bezug auf seine musikalischen Mittel und deren k&uuml;nstlerische Ergebnisse ungleich konsequenter. Er spielte eine wesentlich freiere, h&auml;rtere und elektrisierendere Variante des Blues als alle Musiker vor ihm. &quot;27 Auch Hendrix suchte die bewu&szlig;te Konfrontation mit dem Staat, als er sich &#8212; etwa in Woodstock &#8212; die amerikanische Bundeshymne vornahm &#8212; um schlie&szlig;lich ebenfalls mit Tangled up in blue zu enden: er zerfetzt &#8212; so Achim Sonderhoff &#8212; &quot;die Nationalhymne in elektronische Splitter, macht aus ihr einen apokalyptischen Abgesang auf den American way of life, um dann in eine unglaublich traurige Melodie zu gleiten, einen Abgesang auf die sechziger Jahre, die zwar Ans&auml;tze gebracht haben, die aber niedergekn&uuml;ppelt wurden&quot;. 28 Im Studio spielte Hendrix eine wesentlich ironischer get&ouml;nte Fassung ein: &quot;Allein mit klanglichen Mitteln entlarvt Hendrix hier, indem er sowohl Erinnerungen an schottische Dudelsackmusik als auch &#8212; mit Hilfe seiner Anschlagtechnik &#8212; an ein Mandolinenorchester weckt, das aufdringliche Pathos der Melodie und reduziert diese auf eine zuckers&uuml;&szlig;e Nationalhymne f&uuml;r Disneyland. &quot;29</p>
<p><strong>Rap</p>
<p>(Coda)</strong></p>
<p>In der Pop-Musik wuchs die organische Zusammensetzung des Individuums bedeutend rascher. Der Pop wiederholt gleichsam im Zeitraffer die Entwicklung der b&uuml;rgerlichen Kultur: Er&ouml;ffnete die Technik zun&auml;chst neue M&ouml;glichkeiten der Individualisierung, so werden sie im Rap wieder kassiert. Das freie Singen, das sich in der Spannung zwischen Beat und Off-Beat entfalten konnte, wird auf ein monotones, schnelles und abgehacktes Beat-Sprechen reduziert, das so etwas wie einen Off-Beat nur noch in rhythmischen Betonungen erkennen l&auml;&szlig;t; das parodistische Moment, das der Rock mitunter vom Jazz &uuml;bernommen hatte, wird auf blo&szlig;es Recycling heruntergeschraubt (dem Sampling fehlt die Ironie). Der monotone Sprechgesang (Rap hei&szlig;t schw&auml;tzen) resultiert in gewisser Weise aus dem Prinzip der Beschleunigung und Vervielfachung: es gilt, m&ouml;glichst viel Textmasse in den Song einzuspeichern. 30 Allein diese Aufbl&auml;hung mit Text schw&auml;cht die Beat-Off-Beat-Spannung betr&auml;chtlich und macht das Aussingen einer Melodie unm&ouml;glich. Diese erscheint zusammen mit der althergebrachten synkopetisierten Musik im Hintergrund oder zwischen den gerappten Passagen. Dabei zeigt sich oftmals eine neue musikalische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern (die sich &uuml;brigens auch in der Kleidermode niedergeschlagen hat): die M&auml;nner rappen im Vordergrund, die Frauen singen im Hintergrund. 31 (Der Rock der sechziger und siebziger Jahre hatte die Geschlechter in Ausdruck und Kleidung eher einander angen&auml;hert &#8212; Mick Jagger suchte Mann und Frau in einer Person zu vereinigen. Freilich ist es kein Zufall, da&szlig; die meisten Stars dennoch M&auml;nner waren. )</p>
<p>Wieder ging der Impuls von der schwarzen Bev&ouml;lkerung Amerikas aus. Mit den afrikanischen Urspr&uuml;ngen, die vom Rap im Sinne des &quot;Nation of Islam&quot; mitunter beschworen werden, hat die Eigenart dieser neuen Musikform noch weniger zu tun als der Jazz oder der Rhythm &amp; Blues. Wenn die hier entwickelte Theorie des Off-Beat stimmt, dann deutet sich in der Abschw&auml;chung der Off-Beat-Spannung vielmehr ein insgesamt ver&auml;ndertes Verh&auml;ltnis von Arbeit und Freizeit, Staat und Individuum an &#8212; dann l&auml;utet der Rap das Ende des Fordismus ein. Die Zeit ist nicht mehr zerrissen in Freizeit und Arbeit &#8212; sie ist flexibilisiert. Die einen arbeiten immer, auch wenn sie sich vergn&uuml;gen, die andern sind f&uuml;r immer arbeitslos, auch wenn sie von Job zu Job hetzen. W&auml;hrend in der &quot;Disziplinargesellschaft&quot; des Fordismus Arbeit und Erholung strikt getrennt waren, sieht Arbeit &#8212; so Tom Holert und Mark Terkessidis &#8212; &quot;heute aus wie Freizeit und Freizeit wie Arbeit. Im Unternehmen schuften die Mitarbeiter, als ginge es um ihr pers&ouml;nliches Vergn&uuml;gen, und in der Freizeit vergn&uuml;gen sie sich, als ginge es ums Schuften. &quot;32</p>
<p>Die Tanzbewegung gewinnt im Hiphop eine neue selbst&auml;ndige Bedeutung &#8212; zusammen mit der f&uuml;r diese Musik zentralen Videotechnik. Auch hier scheint die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zu schwinden: &quot;Der K&ouml;rper wird zur Sportmaschine und erzeugt das Produkt Tanz (&#8230; ) Die permanente K&ouml;rperkontrolle wird jedoch nicht mehr als Disziplinierung erfahren. Die Arbeit am K&ouml;rper &#8212; die erh&ouml;hte gesellschaftliche Anpassungsleistung und freiwillige Leistungssteigerung &#8212; ist nicht als Tribut an eine ver&auml;nderte, dynamischere, flexiblere Kontrollgesellschaft erkennbar. Das Lustprinzip wird nicht mehr von einem Realit&auml;tsprinzip begrenzt, das Lustprinzip bringt die Kontrolle selbst hervor. &quot;33 (Annette Weber) Damit vermag sich auch der Staat auf neue Weise im Individuum festzusetzen &#8212; nicht als autorit&auml;re Disziplin, sondern als individuelle Motiviertheit, wie der nationale Wettbewerbsstaat es erfordert: eine flexibilisierte Volksgemeinschaft. Die &Auml;sthetik der Hiphop-Videoclips auf MTV erinnert eben nicht allein an Aerobic-Kurse, sie suggeriert Fitne&szlig;-Training f&uuml;r den Banden- und B&uuml;rgerkrieg. 34 Und nicht wenige rassistische Textstellen deuten an, da&szlig; dieser Krieg im Stil der j&uuml;ngsten Auseinandersetzungen in Jugoslawien ausgetragen werden k&ouml;nnte.</p>
<p>Doch dieser Essay soll nicht kulturpessimistisch schlie&szlig;en; dann schon lieber mit der Banalit&auml;t, da&szlig; niemand wei&szlig;, wie die Zukunft wirklich aussehen wird. Das Ende der Pop-Musik jedenfalls, das der Rap ausplaudert, l&auml;&szlig;t sich wie jenes der ernsten Musik, &uuml;ber das schon John Cage schmunzelte, nicht r&uuml;ckg&auml;ngig machen, so lange es sich auch hinziehen mag. Eine wirklich neue Musik kann es nur noch jenseits des Fetisch-Systems von U- und E-Musik, Beat und Off-Beat, geben. Und solange diese Schwelle nicht &uuml;berschritten ist, bleibt jenes Spannungsverh&auml;ltnis in Kraft, in dem sich Adorno immerzu bewegte: &quot;Es gibt kein richtiges Leben im Falschen&quot;, hei&szlig;t es 1944 in den Minima Moralia, die sich aber bereits ein Jahr sp&auml;ter &#8212; mit dem Wissen &uuml;ber den Nationalsozialismus &#8212; das Motto gegeben haben: &quot;Where everything is bad / it must be good / to know the worst. &quot;35</p>
<ul>
<p><em>&#9;Dr. Gerhard Scheit hat Musik- und Theaterwissenschaft sowie Philosophie studiert. Er arbeitet als wissenschaftlicher Autor und Essayist. </em> </ul>
<p><strong>Anmerkungen</strong>
<ul>
<p><em>1&#9;Eckhard Henscheid: Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte. Z&uuml;rich 1983, S. 68. </em></p>
<p><em>2&#9;Gerhard Kubik: Einige Grundbegriffe und -konzepte der afrikanischen Musikforschung. In: Jahrbuch f&uuml;r musikalische Volks- und V&ouml;lkerkunde 11 (1984), S. 75. </em></p>
<p><em>3&#9;Es ist andererseits gewi&szlig; kein Zufall, da&szlig; ein Musikforscher namens Karl B&uuml;cher aus dem vom Jazz noch unber&uuml;hrten protestantischen Deutschland etwa zur selben Zeit, da diese Musik in Amerika ihre ersten Erfolge feierte, auf die Idee kam, den musikalischen Rhythmus aus der Arbeit abzuleiten (Karl B&uuml;cher: Arbeit und Rhythmus. Leipzig 1897) &#8212; und es erstaunt des n wenig, da&szlig; ein vom Arbeitsbegriff besoffener marxistischer Philosoph wie der sp&auml;te Georg Luk&aacute;cs B&uuml;chers protestantisches Musikethos in seine &Auml;sthetik &uuml;bernahm (Die Eigenart des &Auml;sthetischen. Bd. 1. Berlin, Weimar 1981, S. 236ff. ). </em></p>
<p><em>4&#9;Theodor W. Adorno: &Uuml;ber Jazz. Gesammelte Schriften Bd. 17. Frankfurt am Main 1982, S. 84 [zuerst in: Zeitschrift f&uuml;r Sozialforschung 1937/5 (1937)]. </em></p>
<p><em>5&#9;Adorno, Abschied vom Jazz, S. 797-799. </em></p>
<p><em>6&#9;Adorno, &Uuml;ber Jazz, S. 77f. </em></p>
<p><em>7&#9;Von manchen Musikforschern wird die Entstehung des Jazzrhythmus im S&uuml;den der Vereinigten Staaten sogar unmittelbar als Verschmelzung der dort herrschenden Musiktradition, die vom europ&auml;ischen Marschrhythmus gepr&auml;gt war, mit den durch die Sklaven , eingewanderten&#8216; afrikanischen Trommelrhythmen begriffen. Eine Episode aus der Fr&uuml;hgeschichte des Jazz erscheint f&uuml;r das ambivalente Verh&auml;ltnis zu Staat und Milit&auml;r von geradezu symbolischer Bedeutung: Als im Jahre 1917 die amerikanische Kriegsmarine in New Orleans stationiert war, nahm der Vergn&uuml;gungsbetrieb an diesem Ort derartige Formen an, da&szlig; das Marineministerium die Schlie&szlig;ung des gesamten Vergn&uuml;gungsviertels anordnete. Am Morgen des 10. Oktober verlie&szlig;en die Betroffenen die Stadt. Alle Jazzmusiker zogen in einer Kolonne durch die Stra&szlig;en. Ihnen folgten die Prostituierten mit geschulterten Matratzen. Auf dem Marktplatz wurde ein Abschiedschoral gespielt. </em></p>
<p><em>8&#9;&Uuml;ber die Bedeutung der Marschmusik in Preu&szlig;en bzw. in Deutschland in der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts hei&szlig;t es in der Enzyklop&auml;die &quot;Die Musik in Geschichte und Gegenwart&quot; geradezu enthusiastisch: &quot;Sehr beliebt bei der Bev&ouml;lkerung waren das t&auml;gliche Aufziehen der Wache und der Stra&szlig;enmarsch mit klingendem Spiel, und auch bei Platz-, Garten- und Saalkonzerten bewies der Marsch eine magische Anziehungskraft. Nach den Erweiterungen des preu&szlig;ischen bzw. deutschen Heeres in den 1860er und 1890er Jahren erlebte die Milit&auml;rmusik hinsichtlich ihrer Verbreitung eine zweite Bl&uuml;tezeit; in Berlin fanden an Sommerabenden zwanzig bis drei&szlig;ig Milit&auml;rkonzerte statt. Die Marschproduktion erlebte eine Hochkonjunktur. Jahr f&uuml;r Jahr erschienen neue , Schlager&#8216;, jedoch auch manche , Perlen&#8216;, die sich bis in die Gegenwart erhalten haben (&#8230; ) St&auml;ndig vergr&ouml;&szlig;erte sich die Zahl der Marsch-Liebhaber. Gelegentlich wurden Preiskonkurrenzen f&uuml;r Marschkompositionen ausgeschrieben (so 1857 und 1912, sp&auml;ter 1934 [also immer &uuml;berp&uuml;nktlich vor den Kriegen! G. S. ]), und gute Kompositionen wurden (&#8230; ) nachtr&auml;glich , zum Armeemarsch&#8216; ernannt. &quot; (Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Hg. v. Friedrich Blume. Bd. 9. Kassel usw. 1961, S. 321). </em></p>
<p><em>9&#9;So l&auml;&szlig;t sich etwa in einer Volksmusik-Zeitschrift der gekr&auml;nkte Stolz eines alten Volksblaspioniers heraush&ouml;ren: &quot;Es sollte einmal deutlich gemacht werden, da&szlig; die deutschen Volksmusikkapellen nicht erst seit heute und nicht nur musikalisch ihre Schuldigkeit tun, und da&szlig; die G&uuml;te des nationalsozialistischen Einsatzes unabh&auml;ngig ist von der &auml;u&szlig;eren Art der Bindung, in der er erfolgt. Alle diese Volksmusikkapellen waren und sind gute nationalsozialistische Gemeinschaften (&#8230; ) Sie sind Kultursoldaten des F&uuml;hrers. &quot; (Theo Jung: Einsatz der Volksmusikkapellen w&auml;hrend der Kampfzeit. In: Die Volksmusik III/12 (1938), S. 532). &#8212; Ob wirklicher Soldat oder nur Kultursoldat &#8212; wichtig schien die Verinnerlichung des Staates &#8212; und dazu war die Musik beauftragt: &quot;&Uuml;berall, wo eine innere Geschlossenheit herrscht, ist die Musik fest in das Staatswesen eingegliedert und wird als Ausdruck der volksgebundenen Seele als geistiger Tr&auml;ger des Staates und der Volksgemeinschaft gewertet. Deshalb wird sie gef&ouml;rdert, gepflegt und als Volksgut von fremden Einfl&uuml;ssen gesch&uuml;tzt. &quot; (Karl Gustav Fellerer: Musik und Politik. &#8220;Deutsche Tonk&uuml;nstler-Zeitung&#8221; 30/7 (1933), S. 103). </em></p>
<p><em>10&#9;Besonders die Angeh&ouml;rigen der deutschen Luftwaffe &#8212; eine etwas privilegierte Schicht der Wehrmacht &#8212; erwiesen sich als Jazzfans; und es gab sogar eine wirkliche Jazz-Band von Goebbels Gnaden, die f&uuml;r spezielle Zwecke eingesetzt wurde. Vgl. hierzu Fred K. Prieberg: Musik im NS-Staat. Frankfurt am Main 1982, S. 293. </em></p>
<p><em>11&#9;Theodor W. Adorno: Abschied vom Jazz. Gesammelte Schriften Bd. 18. Frankfurt am Main 1984, S. 795 u. S. 798. [Zuerst erschienen in: Europ&auml;ische Revue 9 (1933), S. 313-316. ]</em></p>
<p><em>12&#9;Bebop genannt (Dizzy Gillespie, Charlie Parker etc. ). Sein Rhythmus ist wieder komplexer und legt Wert auf polymetrische Strukturen, der Beat wird weniger streng markiert, die Improvisation erh&auml;lt wieder gro&szlig;en Raum. Der Zauber der Bigbands verflog allm&auml;hlich, die New-Deal-Harmonie erwies sich als scheinhaft. &quot;Bepop ist die Musik einer durch bessere Lebensbedingungen und bessere Ausbildung zu Beginn der vierziger Jahre rasch anwachsenden schwarzen Intelligenz, die nachdr&uuml;cklich auf Einl&ouml;sung der Ideale der amerikanischen Demokratie dr&auml;ngt und sich angesichts der fortgesetzten rassistischen Praxis der wei&szlig;en Bourgeoisie bewu&szlig;t von deren sozialem und &auml;sthetischem Normensystem ab- und ebenso bewu&szlig;t der Entwicklung bzw. ntwicklung eines schwarzen Normensystems zuwendet. Nicht zuf&auml;llig beginnt der Aufstieg der Black Muslims in den vierziger Jahren, und nicht zuf&auml;llig traten viele der jungen Bop-Musiker zum mohammedanischen Glauben &uuml;ber. &quot; Klaus Kuhnke, Manfred Miller, Peter Schulze: Geschichte der Pop-Musik. Bd. 1. Lilienthal/Bremen 1977, S. 408. </em></p>
<p><em>13&#9;Auch Kuhnke, Miller und Schulze identifizieren in ihrer Geschichte der Pop-Musik den amerikanischen Swing mit der deutschen Tanzmusik &#8212; offenbar um die &quot;Klassenherrschaft&quot; in den USA mit der in Deutschland gleichsetzen zu k&ouml;nnen; vgl. Kuhnke, Miller, Schulze, Geschichte der Pop-Musik, S. 373-379. </em></p>
<p><em>14&#9;Die Homogenit&auml;t des Swing war auch kein blo&szlig;er Schein: Benny Goodman begann als erster Bandleader, schwarze Musiker in sein Orchester aufzunehmen. Die Schwarzen konnten insbesondere w&auml;hrend des Kriegs aufgrund des gestiegenen Bedarfs an Arbeitskr&auml;ften ihre soziale Lage verbessern: die Zahl der gelernten Arbeiter verdoppelte sich zwischen 1940 und 1944, die Zahl der in der Industrie t&auml;tigen schwarzen Frauen vervierfachte sich, der Prozentsatz der schwarzen High-School-Absolventen verdoppelte sich zwischen 1933 und 1943; die Zahl der schwarzen Offiziere stieg gegen&uuml;ber dem Ersten Weltkrieg um das siebenfache. </em></p>
<p><em>15&#9;Adorno, &Uuml;ber Jazz, S. 77. </em></p>
<p><em>16&#9;Theodor W. Adorno: &Auml;sthetische Theorie. 3. Aufl. Frankfurt am Main 1977, S. 33. </em></p>
<p><em>17&#9;Karl Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen &Ouml;konomie. Berlin 1974, S. 505. </em></p>
<p><em>18&#9;Adorno, &Auml;sthetische Theorie, S. 471. </em></p>
<p><em>19&#9;Theodor W. Adorno: Beethoven. Philosophie der Musik. Frankfurt am Main 1993, S. 62f. u. 65f. </em></p>
<p><em>20&#9;Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt am Main 1980, S. 307. </em></p>
<p><em>21&#9;Theodor W. Adorno: Philosophie der neuen Musik. Frankfurt, Berlin, Wien 1974, S. 24, 62f. , 66. </em></p>
<p><em>22&#9;Ebd. , S. 103, 119. </em></p>
<p><em>23&#9;Adorno, &Auml;sthetische Theorie, S. 333. </em></p>
<p><em>24&#9;Johannes Hodek: , Sie wissen wenn man Heroin nimmt&#8230; &#8216;. Von Sangeslust und Gewalt in Naziliedern. In: Musik und Musikpolitik im faschistischen Deutschland. Hg. v. Hanns-Werner Heister u. Hans-G&uuml;nter Klein. Frankfurt am Main 1984, S. 24. </em></p>
<p><em>25&#9;&quot;Now all the criminals in their coats and their ties / Are free to drink martinis and watch the sun rise / While Rubin sits like Buddha in a ten-foot cell / An innocent man in a living hell. That&#8217;s the story of Hurricane, / But it won&#8217;t be over till they clear his name / And give him back the time he&#8217;s done. Put in a prison cell, but one time he could-a been / The champion of the world. &quot;</em></p>
<p><em>26&#9;&quot;All the people we used to know / they&#8217;re an illusion to me now. / Some are mathematicians / Some are carpenters&#8217;s wives. / Don&#8217;t know how it all got started, / I don&#8217;t know what they&#8217;re doin&#8217; with their lives. / But me, I&#8217;m still on the road / Headin&#8217; for another joint / We always did feel the same, / We just saw it from a different point of view, / Tangled up in blue. &quot; In etwas plumperer Weise stie&szlig;en die Rolling Stones immer wieder an die Grenzen des von der Popmusik er&ouml;ffneten Reichs der Freiheit: &quot;I can get no satisfaction&quot; ert&ouml;nt in einer Welt, in der alle freie Zeit auf den Konsum von Waren hin ausgerichtet werden soll. </em></p>
<p><em>27&#9;Lothar Trampert: Elektrisch! Jimi Hendrix. M&uuml;nchen 1994, S. 194. </em></p>
<p><em>28&#9;Achim Sonderhoff: Jimi Hendrix. 1981. Zit. n. Trampert, Elektrisch! , S. 220. </em></p>
<p><em>29&#9;Trampert, Elektrisch! , S. 220. </em></p>
<p><em>30&#9;In Jamaika, wo eine der Wurzeln des Rap liegt, kam der neue Stil der DJs von fliegenden H&auml;ndlern, die neue Reggaeplatten anpriesen und ihre Sprechweise der Musik der verkauften Platten anpa&szlig;ten. Andererseits wurde immer wieder die N&auml;he des Rap zum Fernsehen und insbesondere zum Werbefernsehen hervorgehoben. So sind die zahlreichen Markennamen bezeichnend, die sich in Rap-Texten ebenso wie auf den Kleidern der Rapper finden. Vgl. hierzu: David Dufresne: Rap Revolution. Geschichte, Gruppen, Bewegung. Z&uuml;rich-Mainz 1997, S. 19. </em></p>
<p><em>31&#9;G&uuml;nter Jacob registriert seit 1996 die Tendenz, da&szlig; M&auml;nner noch dominanter geworden sind: &quot;Die popul&auml;ren Rapperinnen lassen sich mittlerweile fast an einer Hand abz&auml;hlen. Junge K&uuml;nstlerinnen sind l&auml;ngst zum Soul, Swing und R&amp;B abgewandert, weil sie dort vielf&auml;ltigere Selbstdarstellungsm&ouml;glichkeiten haben. In den heute tonangebenden Teilen des Hiphop wird, jedenfalls wenn man sich an den Verkaufszahlen orientiert, vor allem der Konkurrenzkampf auf Kosten noch Schw&auml;cherer propagiert. &quot; (G. J. : Retrospektive. In: Dufresne, Rap Revolution, S. 364. </em></p>
<p><em>32&#9;Tom Holert, Mark Terkessidis: Einf&uuml;hrung. In: Dies. (Hg. ) Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin-Amsterdam 1996, S. 15. </em></p>
<p><em>33&#9;Annette Weber: Miniaturstaat Rave-Nation. In: Mainstream der Minderheiten, S. 53. </em></p>
<p><em>34&#9;Auch der Jargon verweist darauf: Burn hei&szlig;t, einen Rivalen bei Tanz und Musik auszustechen; Gangsterism die m&ouml;glichst glaubw&uuml;rdige Darstellung von Gangster-Attit&uuml;den; auff&auml;llig die vielen Bezeichnungen f&uuml;r eine Gruppe: Posse z. B. leitet sich ab von einer Gruppe im amerikanischen , Wilden Westen&#8216;, die sich zur Selbstjustiz formiert. </em></p>
<p><em>35&#9;Das Zitat stammt von F. H. Bradley. Adorno, Minima Moralia, S. 42 u. 103. </em> </ul>
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