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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2009-47</title>
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		<title>Ortsansässig?</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Oct 2010 10:56:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Severin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wohnen]]></category>
		<category><![CDATA[aramis]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2010/ortsansaessig">Ortsansässig?</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2010/ortsansaessig">Ortsansässig?</a></p>
<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von aramis</em> <span id="more-5619"></span></p>
<p>grundsätzlich gehe ich davon aus, dass land niemandem oder allen gehört. die geeignetsten menschen mögen es anvertraut bekommen und das für viele beste daraus machen. in meiner jugend gab es besetzungen von orten, häusern, die von ihren eigentümern nicht genützt, meist als spekulationsobjekte verwendet wurden. ich habe mich, abgesehen von solidaritätsaktionen mit den „landlosen“, hauslosen, anders verhalten – suchte nach grundstücken und häusern, die jahrzehntelang verlassen, dem verfall preisgegeben waren und schloss mit den eigentümern verträge in form von naturalpacht: freies wohnen und gestalten für eine gewisse zeit, nach ablauf derer ich grund und häuser in restauriertem zustand zurückgebe. burg linth, schloss lind mit kapelle, wirtschaftsgebäuden, obstgarten, wäldchen, weiden, teich und alten bäumen ist mein viertes projekt dieser art. dass alles unter ensembleschutz des bundesdenkmalamtes steht, kommt mir sehr entgegen, hindert es doch den eigentümer, dieses oder jenes gebäude einfach verschwinden zu lassen. durch diesen zugang wird arbeiten und leben zur einheit. das einfühlen in historische bauten und anlagen zur „bildung“: indem ich am bilden bin, bildet sich meine persönlichkeit heraus. </p>
<p>bei den orten meines lebens handelt es sich also immer um „temporäre“ heimaten. wer lebt, übe sich bei zeiten im abschiednehmen: der tod ist uns allen gewiss. un-heimlicher aber als abschied und tod ist mir stets ein „totes leben“, ein in gewohnheit, wohlstand, abgesichert-sein versandendes existieren erschienen. dem un-heimlichen dieser wohlstandsgesellschaften, von denen diese meine inseln umzingelt sind, deren kultur zersetzendes, fressendes technisches überformen immer größere teile der welt zur ortlosigkeit verdammt, gilt mein kampf: ich verteidige, solange es geht, oasen einer anderen kultur gegen die herrschende zivilisation, deren bewohner immer barbarischer und ferngelenkter werden. zu sehen wie sich dieser totalitäre formierungsprozess von menschen, orten und ganzen landschaften immer schneller bahn bricht, ist das un-heimlichste für mich. </p>
<p>die möglichkeiten historischer „substanz“ liegen für mich im er-innern. im gegensatz zu einer bildungsvorstellung, die nur mehr aus-, fort-, weiterbildung kennt und deren durch „lebenslanges lernen“ getriebene schüler immer mehr vom kopf und den wuchernden virtuellen anschlusswelten bestimmt werden, betrachte ich die arbeit mit dem ganzen körper als grundvoraussetzung von bildung. das leben und arbeiten in und mit historischen substanzen formt über die jahre persönlichkeiten, die sich gegen die abziehbilder des stets wechselnden zeitgeistes abheben: das ziel, „ein mensch“ zu werden, wird so nicht verloren. </p>
<p>musealisierung ist natürlich eine form von aus-dem-verkehr-ziehen. objekte, die in museen gesammelt sind, verlieren ihre politische brisanz. für mich gilt: politik ist nicht die frage, wer zu wählen sei, sondern wie zu leben sei. das „andere heimatmuseum“ (<em>des Autors aktuelles Projekt: www.schosslind.at – Anmerkung der Redaktion</em>) nimmt deswegen auch zu gesellschaftlichen vorgängen ausdrücklich stellung. gesellschaftskritische, d.h. die unterscheidungsfähigkeit zwischen guten und schlechten bzw. sinnvollen und unsinnigen veränderungen schulende interventionen mit den mitteln von gegenwartskunst sind politische eingriffe, zwischenrufe, widerstandsformen, halten alternativen in bewusstsein, versuchen „heimat“ zu ermöglichen. sind selbst eine art von heimat. </p>
<p>„wohnen, dämmern, lügen“, heißt ein band eines zeitgenössischen dichters nicht ohne grund. mein ganzes selbstständiges leben habe ich so etwas wie ein „wohnzimmer“ nicht eingerichtet. ich lebe mit meiner familie, den freunden und gästen in gehäusen, die in zimmer, säle, kabinette, galerien gegliedert sind und wo dies und jenes möglich ist und geschieht. die weihnachtsbäume wandern durchs haus und versammeln um sich die feiernden in verschiedenster umgebung. im sommer wohnt unsereins so viel als möglich draußen. da ist alles weit. im winter zieht man sich auf wenige räume zurück. lebt um die kachelöfen und herde herum. aber immer „wohnt“ man arbeitend am land: ob heu machend oder den schafen zutragend. ob holz schneidend und hackend oder im garten pflanzend, jätend, laub rechend. ob am gemäuer restaurierend, am hölzernen bundwerk, an den dächern: immer ist es ein leben auf der bau-stelle. immer ist für „gymnastik“ gesorgt, für ein „sportliches“ leben. bis der tod uns das werkzeug aus der hand windet und alles erneut zur disposition stellt.</p>
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		<title>47/2009</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 11:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[ohne Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/472009">47/2009</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/472009">47/2009</a></p>
<h3>Inhalt</h3>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/2009/einlauf-2">EINlauf &#8211; Franz Schandl</a><br />
<a href="http://www.streifzuege.org/2009/neuland-statt-krise">Andreas Exner: Neuland statt Krise</a> </p>
<h4>Artikel &#8211; Schwerpunkt: Living room</h4>
<p>• <a href="http://www.streifzuege.org/2009/raum-fuer-die-meiste-zeit">Franz Schandl: Raum für die meiste Zeit. Lose Vermutungen zur alltäglichen Praxis des Wohnens </a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2010/ortsansaessig">aramis: ortsansaessig?</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/schoener-wohnen-in-der-kommune">Peter Pott: Schöner Wohnen &#8211; in der Kommune</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/gentrification-und-urbane-bewegung">Rober Behrens: Gentrification und urbane Bewegung</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/von-mieterrevolten-zum-freien-markt">Günter Schneider: Von Mieterrevolten zum freien Markt. Stadtentwicklung und Mietrecht in Wien. Ein Abriss</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/1x1-fuer-ein-hausprojekt">Hausprojekt: Umsonstökonomischer Ansatz. Eine Dokumentation</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/sonderbare-sonderware">Franz Schandl: Sonderbare Sonderware. Zur politischen Ökonomie des Wohnens</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/ausharren-im-nirgendwo">Birgit von Criegern: Ausharren im Nirgendwo. Flüchtlinge in Deutschland</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/hinterwirklichkeiten">Nicoletta Wojtera: Hinterwirklichkeiten. Gedanken zum literarischen (Wohn-)Raum</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/home-stories#maria">Maria Wölflingseder, </a> <a href="http://www.streifzuege.org/2009/home-stories#sara">Sara Kleyhons,</a> <a href="http://www.streifzuege.org/2009/home-stories#franz">Franz Schandl,</a> <a href="http://www.streifzuege.org/2009/home-stories#severin">Severin Heilmann,</a> <a href="http://www.streifzuege.org/2009/home-stories#lorenz">Lorenz Glatz: Home Stories</a></p>
<h4>Artikel &#8211; andere</h4>
<p>• <a href="http://www.streifzuege.org/2009/you-cant-get-something-for-nothing">Lothar Galow-Bergemann: You can&#8217;t get something for nothing</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/bildung-hat-keinen-wert">Erich Ribolits: Bildung hat keinen Wert. Über den Verlust von Bildung, sobald dieser Wert zugeschrieben wird</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/what-we-do-matters">Lorenz Glatz: What we do matters</a></p>
<h4>Kolumnen</h4>
<p>• <a href="http://www.streifzuege.org/2009/wohnungslos-arbeitslos">Maria Wölflingseder: Wohnung(slos)-Arbeits(los) (Dead Men Working)</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/gesellschaft">Stefan Meretz: Gesellschaft (Immaterial World)</a>  • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/thriller">Roger Behrens: Thriller (Rückkopplungen)</a> • </p>
<h4>2000 Zeichen abwärts</h4>
<p>• <a href="http://www.streifzuege.org/2009/adorno-wohnt-trotzdem">Julian Bierwirth (J.B.): Adorno wohnt trotzdem</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/die-betriebskostenverrechner">Franz Schandl (F.S.): Die Betriebskostenverrechner</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/buero-2-0-vom-wohnen-in-der-legebatterie">Dominika Meindl (D.M.): Büro 2.0: Vom Wohnen in der Legebatterie</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/die-spezialisten-des-ueberlebens">Ricky Trang (R.T.): Die Spezialisten des Überlebens</a> • <a href="http://www.streifzuege.org/2009/schreckstellungen-zu-scheuringer-und-seinen-kontrahenten">Pichl Peter (P.P.): Schreckstellungen zu Scheuringer und seinen Kontrahenten</a><br />
&nbsp;<br />
 <a href="http://www.streifzuege.org/2009/auslauf-starke-fragen">AUSlauf &#8211; Andreas Exner: Starke Fragen (Auslauf)</a></p>
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		<title>EINlauf Wohnen</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:59:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wohnen]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/einlauf-2">EINlauf Wohnen</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/einlauf-2">EINlauf Wohnen</a></p>
<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-5446"></span></p>
<p>Wohnen. – Ist das nicht ein fades Thema? Zwar tun wir es die ganze Zeit, doch denken wir darüber ernsthaft nach? Zum Wie? vielleicht, aber zum Was? und zum Warum?, da findet sich wenig. Wohnen scheint also tatsächlich eine „Hinterwirklichkeit“ (Kafka) zu sein – zwar von Bedeutung, aber ohne Herausforderung zu besonderer Betrachtung und gesonderter Begrifflichkeit. Spricht das nicht dafür, dass wir unseren unmittelbaren Lebenslagen doch etwas indifferent gegenüber stehen? Ja, die Kritik des Wohnens ist unterentwickelt, zweifellos. </p>
<p>Diese Ausgabe der <em>Streifzüge</em> will nun versuchen, dieser Indifferenz etwas entgegenzusetzen. Natürlich begeben wir uns damit auf ein Feld, das wir bisher fast gar nicht beackert haben. Doch das hat auch seine Reize. So ist es immer wieder notwendig, sich thematisch nicht zu beschränken und auch diverse Alltagsbereiche, die sich einem wahrscheinlich gerade aufgrund ihrer Unmittelbarkeit nicht und nicht aufdrängen, in Theorie und Praxis entsprechend zu berücksichtigen.</p>
<p>Selbstverständlich sind auch diese <em>Streifzüge</em> Streifzüge geworden. Sie können nicht alles abdecken, aber doch versuchen Akzente zu setzen. Manches war geplant, manches hat sich ganz zufällig ergeben. Andererseits gibt es zu wichtigen Fragen keine gesonderten Beiträge, etwa zur Wohnungspolitik oder zur Preisentwicklung am Wohnungsmarkt, zur Obdachlosigkeit oder zu den elendiglichen Wohn- und Lebensbedingungen in vielen Gegenden dieser Erde. Aber da kann ja noch etwas nachgereicht werden.</p>
<p>Wie dem auch sei, wir haben uns wie immer bemüht, eine ansprechende Nummer zu gestalten. In jeder Hinsicht wollen wir uns verbreitern und verbreiten. Punkto Wohnen kann das globale Ziel doch nur und bloß und lediglich darin bestehen, den „Fluch dieser nichtswürdigen Behausungsverhältnisse“ (Karl Marx) zu überwinden. Nichts weniger ist zu wollen als das gute Leben für alle.</p>
<p>P.S.: Mit dieser Ausgabe hat Françoise Guiguet unser Layout übernommen. Herzlichen Dank und willkommen!</p>
<p>P.P.S.: Wir freuen uns über jedes Abo, jede Spende, jede Hilfe. Jedes Mal. Danke.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Neuland statt Krise</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2009/neuland-statt-krise</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:58:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ricky</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie / Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/neuland-statt-krise">Neuland statt Krise</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/neuland-statt-krise">Neuland statt Krise</a></p>
<h3>Anleger fassen Vertrauen, Unternehmer fassen Mut: Es geht bergauf, so glaubt man. Fad, aber wahr: die Krise bleibt. – Wo bitte geht’s hier raus?</h3>
<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Andreas Exner </em> <span id="more-5523"></span></p>
<p>„Die deutschen Profianleger fassen Vertrauen in den Wirtschaftsaufschwung“, vermeldet die deutsche Ausgabe der <em>Financial Times </em> (<EM>FTD</EM> , 26.10.). „Deutlich mehr Anleger als zuvor erwarten bis Frühjahr 2010 steigende Aktien – und vor allem fallende Anleihekurse“, so heißt es weiter. Grundlage ist eine Umfrage von Feri Eurorating Services und <EM>FTD</EM> . „Die Serie der positiven Konjunkturnachrichten reißt nicht ab. Deshalb weichen langsam die Zweifel“, sagt einer in der <EM>FTD</EM> -Umfrage. Skeptische Stimmen sind aber nicht verstummt, sagt das Blatt.</p>
<p>In der <EM>FTD</EM>  vom 3.11. (online) dann „Star-Ökonom“ Nouriel Roubini: „Die Fed sorgt für eine neue Monsterblase.“ Auf der lockeren Geldpolitik der Fed baue sich schon der nächste Spekulationscrash auf. Anleger investieren bei Minuszins mit dem schwachen Dollar in äußerst rentable Risikoanlagen. „Eines Tages wird diese Blase platzen und zum größten koordinierten Vermögenskollaps der Geschichte führen“, meint Roubini.</p>
<h4>Chamäleon<br />
</h4>
<p> In den Augen der Betrachter wechselt die Wirtschaftskrise seit ihrem vollen Ausbruch 2008 so rasch ihren Charakter wie die Stimmungslage an der Börse. Waren die ersten Reaktionen auf die Turbulenzen auf den US-Häusermärkten in Europa einhellig ungerührt, so entwickelte sich nach dem Zusammenbruch der Lehman Brothers rapide Panik. Auch sonst laufen die Ausschläge von Aktienkursen und veröffentlichter Meinung weitgehend parallel. Nicht zufällig gründet sich die oben zitierte positive Einschätzung der <EM>FTD</EM>  auf der Erwartung, dass die Aktienkurse steigen werden. Ob sich fundamentale wirtschaftliche Daten dagegen verbessert haben, interessiert erst im zweiten Schritt. Hauptsache, die Erwartung stimmt.</p>
<p>Ein Blick auf die Krisendeutungen zeigt allerdings, dass der anfängliche Meinungsmonolith sich fragmentiert. Die Ausdifferenzierung begann, als Konsens wurde, dass die Krise nicht so rasch bereinigt ist. Zwar ist immer noch die Rede von „Konjunkturprogrammen“, und die Hoffnung auf den „Konjunkturaufschwung“ gehört fast zum guten Ton, so als befände man sich in einem der üblichen Wellentäler kapitalistischer Prosperität. Dennoch hat auch ein Diskurs, der nicht solch einen naiven Optimismus verströmt, inzwischen seinen Platz. So meinen Experten des Centre for Global Energy Studies in London laut <em>Handelsblatt</em>  (27.10.): „Der Ölpreis bleibt volatil, denn die wirtschaftlichen Signale sind mit großer Unsicherheit behaftet und können schnell falsch interpretiert werden.“ Fachleute der japanischen Bank Nomura schätzten die Lage ähnlich ein.</p>
<h4>V, U oder W?<br />
</h4>
<p> Das war die Preisfrage dieses Sommers: V, U oder W. Oder anders gesagt: Glauben Sie an einen raschen, steilen Aufschwung (V), einen langsamen (U) oder schon an den nächsten Einbruch (W)? Ein L, das heißt eine langfristige Stagnation stand nicht zur Auswahl. Vorausgesetzt bleibt, dass der Aufschwung kommt.<br />
Die Hoffnung auf denselben stützt sich freilich auf äußerst dürftige Indizien. Im Grunde gilt die Verlangsamung des Produktionsrückgangs schon als Beleg dafür. Die Stahlbranche registrierte laut <EM>FTD</EM>  (27.8.) prosperierende Signale mit dem Argument, die Nachfrageerholung könne man nicht allein auf die Wiederauffüllung von Lagern zurückführen. Das Ifo-Institut sprach dortselbst bereits von Aufschwung, weil sich das Geschäftsklima im Gewerbe verbesserte. Nur um hinzuzufügen: „Man kann noch nicht davon ausgehen, dass die Aufwärtsbewegung nachhaltig ist“ – und zwar aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit. </p>
<p>Wie fadenscheinig momentan der Optimismus ist, zeigen dagegen Meldungen wie die vom Einbruch des Index für das US-Verbrauchervertrauen Ende Oktober (<em>Der Standard</em> , 27.10.): Fast jeder Zweite gab an, es sei derzeit schwierig, einen Job zu bekommen. Das stimmt das Kapital bedenklich, denn zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung entfallen auf Konsumausgaben. Auch andere Indizien deuten auf persistierende Schwierigkeiten. So nimmt derzeit die Kreditvergabe in der Euro-Zone ab, und zwar das erste Mal seit Einführung der Statistik 1992.</p>
<p>Die Staatsschuld kommt, interessant genug, nur am Rande in Betracht. In der genannten <EM>FTD</EM> -Ausgabe finden sich zwar auch skeptische Einschätzungen, doch als Marginalie. Man zitiert die Befürchtung des US-Ökonomen Nouriel Roubini, dass der „Double Dip“ drohe – ein, wie es hieß „vorübergehender Rückfall“, sobald die Schubkraft der Konjunkturpakete nachlasse, die Arbeitslosigkeit steige und die Staaten ihre hohen Defizite wieder abbauen müssten. Der Bundeswirtschaftsminister Theodor zu Guttenberg sah im Sommer eine „diffuse konjunkturelle Hügellandschaft“ vor sich. Auch Stefan Bierlmeier von der Deutschen Bank ließ Vorsicht walten: „Bislang sei der Anstieg des Ifo-Geschäftsklimas vor allem erwartungsgetrieben, in den realen Daten lasse sich der Aufschwung noch gar nicht ablesen“ (<EM>FTD</EM> , 27.8.).</p>
<h4>Schuldig<br />
</h4>
<p> Die Krise des neoliberalen Wachstumsmodells kam 2008 zum Ausbruch, als Zweifel um sich griffen, ob die ins Extrem akkumulierten Ansprüche des Kapitals auf zukünftigen Mehrwert noch lukriert werden könnten. Die Besitzer von Wertpapieren versuchten, das ihnen auf dem Papier gegebene Reichtumsversprechen als Kontobuchung einzulösen. Nachdem die akkumulierten Ansprüche die tatsächlich verfügbare Mehrwertmasse um ein Vielfaches überstiegen, begann ein allgemeiner Kampf um die Verteilung der Verluste unter den Besitzern von Kapital und Vermögen. Der Zweifel entsprang wie ein Haarriss im US-amerikanischen Immobilienmarkt, als 2007 aufgrund steigender Energiepreise und einer Erhöhung der Zinsen die finanziell am schlechtesten gestellten privaten Schuldner das Handtuch warfen. Deren Kreditschulden hatten die Banken zu einem handelbaren Gut gemacht. Diese Verbriefung der Kredite war die Basis für eine Kette von ebenso ausgedehntem wie undurchsichtigem Handel. So konnte sich der Haarriss auf dem Immobilienmarkt vertiefen und binnen Kurzem bis in die Verästelungen des globalen Bankensystems verzweigen. Nicht nur die US-amerikanische Immobilienblase platzte, auch andernorts, in Spanien, England oder Irland, begannen die Häuserwerte zu fallen. Das Vertrauen der Finanzwelt wurde bis ins Mark erschüttert.</p>
<p>Der Konsum der USA war bis 2007 das Herz der globalen Konjunktur. Aber dieses Herz war schwach, denn es hing am Tropf einer steigenden Verschuldung der privaten Haushalte. Seit die Schuldenpyramide einzubrechen begann, sackte auch das Fundament der weltweiten Nachfrage immer weiter nach unten. Der eine Prozess verstärkte den anderen, was im Ganzen einen Riesenabschwung ergab.</p>
<p>Der Staat sprang frühzeitig als Retter des Systems ein. Anders als in der Zwischenkriegszeit existierten dafür die politischen Instrumente und eine gewisse fachliche Kompetenz. Darüber hinaus gab es zwei gute Gründe für hastige „Rettungsaktionen“: <em>Erstens</em>  hatten die Interessen der Vermögensbesitzer ja schon der ganzen neoliberalen Periode ihren Stempel aufgedrückt, sodass auch jetzt „Krisenpakete“ zur Rettung von Banken und Vermögen Vorrang hatten, auch vor den Interessen der warenproduzierenden Unternehmen. <em>Zweitens</em>  macht die seit dem Zweiten Weltkrieg deutlich gewachsene Macht der Gewerkschaften einen ungebremsten Fall ins Bodenlose, zwangsläufiger Effekt eines Zusammenbruchs des Finanzsystems, für die politische Elite mehr als riskant.</p>
<p>De facto haben die bisherigen Staatsaktionen die Ansprüche des fiktiven Kapitals zum großen Teil lediglich umverteilt. Nun fungiert der Staat als Sachwalter der Ansprüche auf zukünftigen Mehrwert. Auch wenn diese durch den Fall von Aktienkursen und durch Insolvenzen zum Teil vernichtet worden sind, existiert ein Großteil nach wie vor. Das ist es, was in den enorm gewachsenen Staatsschulden zum Ausdruck kommt. Das fiktive Kapital, das vor Ausbruch der Krise im luftleeren Raum der Börsen flottierte, bekommt nun Zähne, seit der Staatsapparat es unter seine unheilvollen Fittiche nimmt. Anders als ein Kapitalist kann der Staat die Abpressung von Mehrwert nämlich mit dem Backup von Polizei und Militär handfest erzwingen. Er kann große Teile der in seinen Zwinger gesperrten Leute, die mehr oder weniger auf Transferleistungen angewiesen sind, fast auf Nulldiät setzen und eine Intensivierung der Ausbeutung von Arbeitskraft tatkräftig unterstützen.</p>
<p>Das hat er zwar der Tendenz nach auch zuvor getan, allerdings lukrierte er durch die Verschuldungsfähigkeit vieler privater Haushalte, die Autos, Häuser, Studien usf. auf Pump finanzierten, eine Befriedungsrente; und so blieben die Ansprüche auf künftigen Mehrwert, solange sie nur in den Himmel wuchsen, ein im Vergleich noch kleines Übel. Das fiktive Kapital, das sich ganz einfach „reichgerechnet“ hat, übte nur indirekt, durch die Shareholder, Druck auf die Profitabilität der Unternehmen und damit auf die Beschäftigten aus. Nun aber ist bare Zahlung, nackte Buchung in Geld erfordert, um die faulen Kredite zu bedienen und die Banken „zu retten“. Deshalb muss die Auspressung der Lohnabhängigen eine neue Dimension annehmen.</p>
<p>Das Ausmaß der Schuldenberge ist zumindest zu erahnen, wenn man sie mit der realen Wirtschaftsleistung ins Verhältnis setzt. So betrug laut Information des US-Finanzministeriums (www.tresurydirect.gov) bis 31. August 2009 der Stand der US-Staatsschuld des Bundes und der Bundesstaaten 11,8 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Das jährliche Brutto-Inlandsprodukt der USA betrug 2008 ca. 14,3 Billionen Dollar. Laut Internationalem Währungsfonds soll die Staatsschuld der G20 auf Basis „gegenwärtiger Trends“ bis 2014 auf 118 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts angewachsen sein (<em>Financial Times</em> , 4.11.). Die EU-Finanzminister schließlich warnen, dass die Staatsschuld der EU bis 2014 rund 100 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts ausmachen und „weiter zunehmen“ könnte. Dabei setzen sie allerdings die „langfristigen Wachstumsraten der Zeit vor der Krise“, also eine zügige wirtschaftliche Erholung voraus (<em>Financial Times,</em>  9.11.). Wie zu erwarten, mahnen sie „fiskalische Disziplin“, das heißt soziales Elend, ein. </p>
<p>In gewissem Sinn ereilt die Massen des globalen Nordens nun die „Strukturanpassung“, die seine Eliten in den vergangenen zwei Jahrzehnten dem globalen Süden verordnet hatten. Wie die Staatsapparate der Dritten und der Zweiten Welt ihre Bevölkerungen durch Kürzung von Sozialleistungen, Verschärfung der Arbeitsdisziplin, Privatisierung von Infrastrukturen und von gemeinschaftlichen Gütern unter das Joch der akkumulierten Renditeansprüche der Anleger drückten und damit die Akkumulation des Kapitals per Schuldendienst befeuerten, so wendet sich nun derselbe Mechanismus gegen die Bewohner des globalen Nordens. Die Mechanismen des Kapitals erscheinen hier nur deshalb erst jetzt so ungeheuerlich, wie sie sind, weil diese bis dato nicht in voller Härte zu spüren waren. Wir profitierten alle von dieser internationalen Herrschaftsarchitektur, bis hinunter zur Sozialhilfeempfängerin.</p>
<h4>Krisenebenen<br />
</h4>
<p> Die hiesige Linke thematisiert zwar die absehbaren sozialen Folgen der Überschuldung, schweigt aber zumeist zu ihrer ökonomischen Problematik. Dass die Krise schon jetzt global enorme Opfer kostet, bleibt seltsam blass. Man hofft offenbar auf einen Aufschwung und meint, die Krise wäre vorrangig eine finanzielle Verteilungsfrage. Diese Ansicht kann durchaus damit einhergehen, einen Aufschwung frühestens erst in einigen Jahren für denkbar zu halten, wie etwa bei Joachim Bischoff. Dass der Giftkuchen der Verwertung insgesamt schrumpfen und klein bleiben dürfte, wird von den meisten ausgeblendet.</p>
<p>Für das Kapital als eine objektivierte Beziehungsstruktur gibt es nur eine einzige Form von Krise: wenn sein Profit niedergeht. Maß der Verwertung ist die Profitrate, Ziel kapitalistischer Produktion ist ihre Maximierung, ihr Fall bedeutet Krise. Im Hirn der Kapitalagenten zeigt sich dies als eine Verschlechterung des Klimas für die Investition. Bei rückläufigen Profitraten wird sich der Drang, die Produktion auszuweiten, in Grenzen halten, Investitionsvorhaben werden eher zurückgestellt, man trifft Vorbereitungen für Schlimmeres. Die ökonomische Krise macht sich bemerkbar als wachsender Druck, die Unternehmen zu restrukturieren, die Kosten zu senken, die Ausbeutung der Arbeit zu verschärfen und die Konkurrenzfähigkeit zu verbessern. Sofern solche Gegenmaßnahmen den Fall der Profitrate aufhalten, sie stabilisieren oder gar erhöhen, ist für die Augen des Kapitals von einer ökonomischen Krise nichts zu sehen.</p>
<p>Während die Profitrate den Anreiz zur Investition regelt, bestimmt die Profitmasse, vermittelt über das Bankensystem und seine kreditären Hebeleffekte, den Umfang der möglichen Akkumulation des Kapitals. Sofern ein Fall der Profitrate dazu führt, dass auch die Erweiterung des Kapitalstocks leidet und die Profitrate stärker fällt als die Rate der Akkumulation (Neukapital im Vergleich zum Kapitalstock), so schrumpft die Masse des Profits, sein Gesamtvolumen bezogen auf das gesellschaftliche Gesamtkapital.</p>
<p>Eine Abnahme der Akkumulation freilich bedeutet strikt ökonomisch noch keine Krise. Jene muss, anders als ein Fall der Profitrate, den Akteuren überhaupt nicht als eine Krise ins Bewusstsein treten. Nehmen wir als Beispiel die neoliberale Periode. Ihren ganzen Verlauf über blieb die Akkumulationsrate vergleichsweise gering. Der Freisetzungseffekt der Rationalisierung überstieg den Beschäftigungseffekt der Akkumulation des Kapitals, was zumindest im globalen Norden im Kontext einer Internationalisierung des Kapitals strukturelle Arbeitslosigkeit zur Folge hatte. Und doch geht der Neoliberalismus in die Geschichte der industrialisierten Länder nicht als eine Phase der Krise, sondern einer beängstigenden Stabilität und Kohärenz trotz wachsenden Elends und einer Zuspitzung von sozialen Widersprüchen ein.</p>
<p>Nehmen wir umgekehrt das Beispiel der Krise des Fordismus am Ende der 1960er Jahre. Die Krise seines Akkumulationsregimes und der entsprechenden politischen Vermittlung entsprang keineswegs allein ökonomischen Mechanismen. Nicht nur waren diese durch soziale Faktoren wesentlich mitbedingt, etwa indem Arbeitskämpfe die fordistische Manier von Produktivitätsfortschritt begrenzten und zugleich die Lohnkosten in die Höhe trieben. Vielmehr erodierte überhaupt der gesellschaftliche Konsens darüber, was als gut und erstrebenswert und was als zwangsläufig angesehen wurde. Ab dem Punkt, an dem die für den Fordismus wesentliche Kommandoloyalität aufgesprengt wurde, traten alle Akteure in einen umfassenden Suchprozess ein – auf der einen Seite nach neuen Formen der Prozessierbarkeit von Herrschaft, auf der anderen Seite nach Befreiung davon. Als vorläufiges Resultat etablierte sich aus der Verquickung der rebellischen Motive mit einem vermögenszentrierten Pfad der Akkumulation ein neuer, temporär stabiler Konsens, mit Gewaltmitteln abgestützt, den wir den Neoliberalismus nennen.</p>
<p>Eine Krise, die nicht erfahren wird, ist keine. Zwar kann kein Kapitalist den Fall der Profitrate ignorieren. Ob aber gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen, die historisch bestimmten Lebensperspektiven der Menschen und das Gefühl der Zwangsläufigkeit sozialer Entwicklungen sich fortschreiben oder nicht, hängt nicht allein, vielleicht nicht einmal wesentlich von ökonomischen Krisenbedingungen ab, sondern eben von der Vorstellung, der Perspektive und dem Gefühl. Der Zusammenhang zwischen der ökonomischen Krise und dem Krisenbewusstsein der breiten Masse ist vermittelt. Die eine bedingt das andere nicht von Natur aus, ja es kann sich umgekehrt ein Krisenbewusstsein der Masse als Ausdruck des Gefühls der Unhaltbarkeit herrschender Zustände zur Krise des Kapitals auswachsen.</p>
<h4>Worauf es ankommt<br />
</h4>
<p> Ökonomisch sind die Perspektiven des Kapitals gemischt. Wie in jeder Krise werden Kapitalien vernichtet, jene, die übrig bleiben, finden verbesserte Verwertungsbedingungen vor aufgrund der Verbilligung der Kosten für Kapital und Arbeit. Dass sich daraus ein neuer Schub der Akkumulation ergibt, ist damit keinesfalls schon ausgemacht. Ganz im Gegenteil erfordert ein halbwegs stabiles Akkumulationsregime nicht nur ein entsprechend breites Feld rentabler Möglichkeiten der Investition, sondern ebenso ein aufeinander abgestimmtes Netz von Institutionen, Normen und Aushandlungsprozeduren. Nicht zuletzt liegen Investitionsfelder nicht einfach da unter freiem Himmel, sondern müssen politisch erst konstituiert und, wie die Geschichte ebenso zeigt wie die Gegenwart, gegen sozialen Widerstand durchgesetzt werden. Keine ausgemachte Sache also.</p>
<p>Selbst nach einem neuen Aufschwung, der zum Mindesten eine großangelegte Kapitalvernichtung oder langfristige Abschreibung der Verluste auf dem Rücken der Lohnabhängigen zur Voraussetzung hat, wird sich angesichts von Ressourcenverknappungen kein neues Regime der Akkumulation etablieren. Dabei, das ist zu bedenken, lauern gravierende Gefahren im Abbau der Staatsschuld als einem Versuch, die notwendige Kapitalvernichtung irgendwie kontrolliert zu bewerkstelligen. Wird sie auf Kosten der Lohnabhängigen und Erwerbslosen zu rasch zurückgeschraubt, so trifft sie erst recht das Wachstum; wird sie bis auf Weiteres mit neuen Krediten unterfüttert, so kann dies Zweifel an der Zahlungsfähigkeit und damit Bonität der staatlichen Gläubiger nähren und die Kosten der Kreditaufnahme erhöhen, Inflationstendenzen inklusive.</p>
<p>Die momentane Verlangsamung des globalen Produktionseinbruchs dürfte vor allem auf die staatlichen Ausgabenprogramme zurückzuführen sein. Deren Effekt wird jedoch nur von kurzer Dauer sein, und die steigende Arbeitslosigkeit und weitere Ausfälle bei Konsumkrediten werden den Abschwung eher verstärken. Der relativ gute Zustand der chinesischen Wirtschaft als neue Hoffnung ist zwar nicht auf Sand, dafür auf einer Vergrößerung des Überhangs an Produktionsmitteln gebaut. Die Investitionsgüterindustrie war in China allerdings schon vor der Krise aufgebläht. China bürgt also ebenso wenig wie die konzertierten „Abwrackprämien“ für einen bruchlosen „Aufschwung“.</p>
<p>Dass der US-Dollar noch lange Weltgeld bleibt, wie manch einer annimmt, scheint ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich. Eher stellt sich die Frage, ob eine Flucht aus dem Dollar einsetzt oder ein langsamer Niedergang erfolgt. Mit dem weiteren Abstieg der USA als einer wirtschaftlichen und mittelfristig auch als einer militärischen Macht ist eine grundlegende Verschiebung in den internationalen Beziehungen eingeleitet. Aufgrund der wechselseitigen Abhängigkeit des äußerst fraglichen Neo-Hegemons China und der verfallenden Vorrangstellung der USA ist eine Weitergabe des Feuers der Akkumulation an Südostasien schwer vorstellbar. Das wahrscheinlichste Szenario ist ein Teufelskreis der Instabilität.</p>
<p>Das ist freilich nur die nackte ökonomische Seite. Ein für gesellschaftliche Intervention brauchbarer Krisenbegriff darf sich darauf nicht verkürzen. Die Stabilität der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wird nicht allein und unmittelbar vom Rückgang der Akkumulation, der wohl auf absehbare Zeit anhalten und den die Ressourcenverknappung noch verschärfen wird, in Frage gestellt. Die Verschiebung der Beziehungen zwischen kapitalistischer und nicht-kapitalistischen Produktionsweisen könnte Stabilität bei einer adäquaten Mischung aus Zwang und Konsens durchaus auf niedrigerem Lebensstandard der Massen und bei verschärfter Ausbeutung wiederherstellen. Schon bisher war eine „solidarische Ökonomie“ nicht nur Moment der kapitalistischen Produktionsweise selbst, sondern mehr noch Teil der Überlebensstrategien der Massen an Armen und Verarmten. Sofern solidarische Produktionsweisen nicht das Herz von Unterdrückung und Exklusion, das in der Verwertung liegt, angreifen und überwinden, bleiben sie ein „Schockabsorber“, der die vom Kapitalismus produzierte soziale Unordnung selbstorganisiert verarbeitet und das Gesamtsystem damit stabilisiert. In jedem Fall wird schon auf kurze Sicht das Elend zugenommen haben, selbst wenn sich die Profitraten erholen würden.</p>
<p>Die ökonomistische Krisenanalyse war immer schon verkürzt. Sie konnte dem Aufweis der Limitierung, ja Borniertheit sozialdemokratischer Konzepte dienen und ein besseres Verständnis der Krisen<em>potenziale</em>  ermöglichen. Spätestens jetzt, wo die Krise längst in den Köpfen der Eliten tobt, weil ihr Besitzstand vielfach in Gefahr ist, und die soziale Krise, die sich schon seit rund zwanzig Jahren vertieft, unleugbar ein neues Barbarisierungsniveau erreicht, muss sich der strategische Fokus jedoch verschieben. Es geht unter diesen Bedingungen weniger darum zu zeigen, dass das sozialdemokratische Wirtschaftswunderideal definitiv für den Müll ist, als vielmehr um die Kritik der kollektiven Vorstellungen von „gutem Leben“, die sich an Verwertung und Lohnarbeit ketten und damit alles nur noch schlimmer machen. Es geht darum, den Konsens, dass ein Leben ohne Kauf und Verkauf nicht denkbar sei, mit Verweis auf Neuland, das ganz anders und viel schöner zu beziehen ist, zu verlassen. Während viele ihr Heil in der individuellen und nationalen Konkurrenzfähigkeit suchen, muss der Gedanke der Kooperation umfassend Wurzeln schlagen und sich als Struktur des Zusammenlebens realisieren – in einer Solidarischen Ökonomie, die vom „Schockabsorber“ zu einer dauerhaften Lebensperspektive wird.</p>
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		<title>Raum für die meiste Zeit</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:57:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2009/raum-fuer-die-meiste-zeit">Raum für die meiste Zeit</a></p>
<h3>Lose Vermutungen zur alltäglichen Praxis des Wohnens</h3>
<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Franz Schandl </em> <span id="more-5547"></span></p>
<p><em>Wenn wir wohnen − was tun wir, was geschieht uns? So ungefähr lauten unsere Ausgangsfragen, von denen aus wir unsere Überlegungen entwickeln möchten. </em></p>
<p>Wohnen könnte man vorerst einmal umschreiben als das regelmäßige Dasein in einer Behausung, die Realisierung exklusiver Verfügung von Räumlichkeiten. Es geht um ein (in doppeltem Wortsinn) festes Zuhause in einem überschaubaren und abgeschlossenen Bereich. Der Bezug zur Wohnung ist geprägt von einer sich stetig durchsetzenden Hingezogenheit, die mehr als episodischen Charakter hat, sie ist permanenter Natur. Im Wohnen drückt sich aus ein mächtiges <em>Wo</em>, welches das <em>Wohin</em> immer an das <em>Woher</em> verweisen will. Wohnen hat was von Zurückkommen und Zusichkommen. </p>
<p>Tür und Tor sind Scheidepunkte der Welt in ein Innen und ein Außen. Und diese Grenze will jeder und jede wahrgenommen sehen. Durch die Wohnung setze ich anderen eine Schranke, die nicht verletzt werden soll. Eine Wohnung ist so betrachtet der Prototyp des nichtöffentlichen Raumes. Die Möglichkeit des Versperrens, des unbegründeten Abschließens und Abschottens hat gewährleistet zu sein. Das bürgerliche Wohnen baut auf einem sehr strikten Gegensatz von Exklusion und Inklusion. Der Wohnraum selbst ist nach innen weniger porös als der Staat, die Eigner verfügen rigoros, nach außen zu freilich soll jener absolut durchlässig sein. Alle sollen raus dürfen, aber nur wenige rein.</p>
<h4>Existenzielle Verortung</h4>
<p>Die Zeit, in der wir leben, die ist uns vorgegeben. Der Ort, an dem wir leben, da sind wir relativ autonom. Die Wohnung als Immobilie ist in ihrem empirischen Sosein die Konkretion eines aktuell unversetzbaren Sitzes. Sie verortet die unmittelbare Existenz oder noch genauer: die Koordinaten räumlichen Existierens. So könnte man die Wohnung definieren als physische Behausung mit metaphysischem Gehalt. Nicht nur wir sitzen in der Wohnung, die Wohnung sitzt auch in uns, weil wir ihr Teil geworden sind. Ähnlich der Nahrung und der Kleidung verkörpert die Wohnung wohl die erste Kategorie der Lebensmittel.</p>
<p>Existenzielle Bedürfnisse sind hier zugegen: Schlafen, Essen, Vögeln, Kleiden, Waschen, Pflege, Erziehung oder Spiel, aber auch sehr lästige Pflichten wie Putzen oder Bügeln, Aufräumen oder Verstauen. Die notwendige Ausdifferenzierung der Genannten kann aber bloß angedeutet werden; insbesondere auch das ausufernde Fernsehen oder das Internet-Surfen müssten als Gelegenheiten, die a priori nicht existenziell sind, wohl aber so erscheinen, in die Analyse der Struktur des Wohnens noch einbezogen werden.</p>
<p>Die Wohnung ist ein Ort, der die Regelmäßigkeit des Alltags ordnet, primär den Reproduktionsbereich. Berufsleben und öffentliches Leben finden anderswo statt, wenngleich in den letzten Jahren Ersteres immer mehr in den privaten Raum zurückgedrängt wird, Heimarbeit zusehends obligat werden möchte, um Kosten auszulagern.</p>
<p>In der Wohnung hat alles seinen Platz, was in der Unmittelbarkeit der Reproduktion vonnöten ist: Kochstellen, Ruhestätten, Esstische, Rückzugsorte, Waschgelegenheiten, Aborte, Aufbewahrungsräume. In den bürgerlichen Haushalten sind diese zu erkennen als Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer, WC, Badezimmer, Speisekammer. Alles fein separiert und arbeitsteilig angelegt.</p>
<p>Im Wohnen drücken sich ganz wichtige Aspekte profaner Begehrlichkeiten aus. Die Wohnung garantiert an sich Widersprüchliches: Sie gewährleistet das Vereinzeln ebenso wie das Verrudeln mit bestimmten Leuten. Die Frage, wer da zusammen wohnt, ist eine Frage nach der Typologie der Bewohner. (Vgl. ausführlich Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Soziologie des Wohnens, Weinheim und München, 2. Aufl. 2000, S. 322ff.) Wir unterscheiden etwa in Großfamilien, Kleinfamilien (mit und ohne Patchwork), Kernfamilien, Alleinerziehende mit Kind(ern), Wohngemeinschaften, Singlehaushalte, Heime, Klöster, Kinderdörfer, Haftanstalten etc. − Vorherrschend ist wohl immer noch die neuzeitliche Kleinfamilie, das heterosexuelle Paar und seine ein bis zwei Kinder. Anzumerken bleibt aber, dass der allen geläufige Zentralbegriff der Familie erst im 18. Jahrhundert seinen Eingang in die Umgangssprache gefunden hat.</p>
<h4>Abgewandter Lebensmittelpunkt</h4>
<p>Das Wohnen ist einem nahe, nicht fern. So nahe, dass man sich kaum distanzieren kann. Eben weil Personen und Gegenstände des Alltäglichen in und um die Wohnung anzutreffen sind und dies alles als emotionale <em>Einhegung</em> wahrgenommen wird. Schon das Kind greift mangels Alternative eifrig danach, ohne es auch nur begreifen zu können. Einhegung ist in ihrem ersten Erleben eine unwidersprochene Vorgabe für jeden Menschen.</p>
<p>Die Wohnung bildet einen sinnlichen Lebensmittelpunkt, d.h., sie ist ein Platz, der (von Ausnahmen abgesehen) täglich angesteuert wird, die permanente Anlaufstelle, der Ort des Niederlegens und des Aufstehens. Zentral sind das Private und das Intime, das der übrigen Welt <em>Entzogene</em>. Wohnen erfährt sich als sinnliche Hingabe nach innen, eins will dabei nach außen unsichtbar und unhörbar, unberührbar und unriechbar bleiben. Natürlich ist dieser Abschluss einmal rigider, einmal offener, aber Abschluss bleibt Abschluss. Am allerwichtigsten ist ja auch nicht, dass die Wohnung geschlossen ist, sondern dass sie schließbar ist.</p>
<p>Die häusliche Intimität ist gezeichnet durch das Geborgene wie das Verborgene. Intimität ist drinnen, nicht draußen. Wohnung kann verstanden werden als die der Öffentlichkeit abgewandte Seite. Hier will man seine Eigenheiten entfalten, ohne auf Äußerlichkeiten Rücksicht nehmen zu müssen. Die Wohnung gilt als nichtbeobachtetes Kontinuum, als Ort diverser Geheimnisse des Lebens, als Heimstätte für das vermeintlich Individuelle, wenngleich bei näherer Sichtung dieses so individuell wiederum nicht ist.</p>
<p>Diese Abgeschiedenheit entfaltet eine eigene Ordnung, wo etwa der Rhythmus, die Gerüche oder die Lichtverhältnisse charakteristische Potenzen entfalten. Die darin Lebenden begreifen alles als unmittelbar, weil es für sie das Unmittelbare ist. Aber auch dieses Begreifen ist (gleich dem Kind) ein Betätigen, mehr Können als Kennen, mehr Kennen als Erkennen.</p>
<p>Wohnen ist fixierter Bestandteil des Lebens, ohne dass dieses in jenem aufgeht. Die Wohnung ist der Raum für die meiste Zeit, wenngleich der Großteil dieser Zeit wohl Schlafenszeit ist. Das eigene Bett erscheint so als hohes Gut und ist wohl der privateste Platz menschlicher Wesen. Zweifellos, dort finden wichtige Dinge statt, vor allem was Geborgenheit und Verborgenheit betrifft. Wenn die Wohnung eine Zelle ist, dann ist das Bett der Zellkern. Was aber auch heißt: Der Raum für die meiste Zeit ist nicht der Raum für die meiste Tätigkeit.</p>
<h4>Die Tür</h4>
<p>Fenster und Tür sind Stellen der <em>Öffnung</em> (aber nicht der Offenheit) wie der <em>Schließung</em> (aber nicht der Geschlossenheit). Ob diese Möglichkeiten realisiert oder sistiert werden, soll ganz den Inhabern überlassen sein. Tür und Fenster sind so fest verankerte, aber bewegliche Teile des unbeweglichen Ganzen. Eine Phänomenologie zentraler Wohnungsbestandteile und deren Entzifferung wäre sicher eine reizvolle Aufgabe. Eminent erscheint insbesondere die Disproportion einiger Objekte, was das Innere und Äußere betrifft. <em>Fenster</em>: etwas, wo es leichter ist, rauszuschauen als reinzuschauen; <em>Tür</em>: etwas, wo es leichter ist, rauszugehen als reinzukommen; <em>Bett</em>: etwas, wo es leichter ist, reinzuhüpfen als aufzustehen. Versuchen wir trotzdem, einige Gedanken anhand der Tür zu präzisieren.</p>
<p>„Die Tür!“, schreit Gaston Bachelard, „sie ist ein ganzer Kosmos des Halboffenen&#8230;“ (Poetik des Raumes, Frankfurt am Main 1987, S. 221) Ihre Dialektik besteht tatsächlich darin, dass sie offen nach innen und außen, aber auch geschlossen nach innen und außen sein kann. Von drinnen nach draußen lässt sie einen ins Freie laufen. Von außen nach innen lässt sie uns in die Geborgenheit flüchten. Draußen ist immer, zumindest in letzter Konsequenz, das Unbestimmte, es kann alles Mögliche passieren. Drinnen hingegen soll das Bestimmte sein, wenn es geht, gar das Selbstbestimmte, es hat nichts zu passieren.</p>
<p>Den Gesetzen der formalen Logik folgend haben Innen und Außen hohe Eindeutigkeit. Das Eine kann nicht das Andere sein. Hier macht sich eine antagonistische Differenz geltend, die an Vehemenz nicht zu wünschen übrig lässt. In etwa: Alle, die drinnen sind, dürfen rausgehen, aber nicht alle, die draußen sind, dürfen reingehen, abgesehen davon, dass sie ob des Platzmangels sowieso nicht reingehen dürften. Drinnen und Draußen können nicht einfach umdefiniert werden, vor allem dann nicht, wenn wir Innen als das <em>Umschlossene</em> erkennen und Außen als das <em>Umschließende</em>.</p>
<p>In einem metaphysischen Anfall hat Gerhard Ruiss das in seinen Mani-Matter-Übersetzungen treffend und glänzend besungen:</p>
<p><em>es is oft a viaeggaz loch in der waund<br />
und in dem loch drinnen aum seitlichn raund<br />
a viaeggaz brettl zum draan darau, dafia<br />
kauns das aufduan und zuaduan; ma nennt des a dia</p>
<p>a dia hod noamal, ob glaa oda groos<br />
a schnoin drau zum druggn und meisdns a schloos<br />
waunst de dia aufmochsd, kaunsd aus und kaunsd ei<br />
waun d dia auwa zua is, daun loss besser sei</p>
<p>es gibt nua zwa oatn: offn und zua<br />
is offn is offn, is zua daun is zua<br />
is offn kaunsd eine und aussa dazua<br />
nua waun zua is is zua und is zua daun is zua</em></p>
<p><em>(Gerhard Ruiss/Herbert Prenn/Manni Matter, Gö, Wien 1994)</em></p>
<p>Der häusliche Kosmos wird komplizierter, je genauer wir ihn anschauen und uns jenseits sinnlicher Gewissheiten postieren. Das Innen ist das Geschlossene, das Außen ist das Offene, das Außen kann verschlossen bleiben, aber nie geschlossen werden. Das Innen kann geöffnet werden, aber nie das Offene sein. Betrachten wir das Wohnen vom Standpunkt des Erlebens, dann gilt: Das Draußen ist weiträumiger − und macht uns deswegen kleiner; das Drinnen ist kleinräumiger, aber macht uns daher größer. </p>
<h4>Eigenheim als Eigenheit</h4>
<p>Die Wohnung möchte jedenfalls die Eigenheiten der Wohnenden erlauben und fördern. Denken wir bloß an die Möbel, die zentralen Gegenstände der Einrichtung. Gar nicht wenige Eigentümlichkeiten sind allerdings mehr die Folge des schnöden Mammons bzw. umgekehrt die eines eklatanten Geldmangels. Werfen wir einen Blick in unsere Wohnung, wo sich einiges eingerichtet hat, was wir so nicht eingerichtet hätten, etwa die Küche, die mein Großvater im Jahre 1974 meinen Eltern spendierte. Unser Wunsch wäre die nie gewesen, doch die Geldbörse sagte 1996 nur: Nehmt sie, seid froh, dass ihr sie habt. Und so nahmen wir sie, da wir keine neue kaufen konnten, in Kauf. Dieses Relikt aus vergangenen Tagen erfüllt zwar einige Notwendigkeiten, ist aber jenseits praktischer Kompatibilität, von der Ästhetik ganz zu schweigen. Mit unserem Geschmack hat diese Küche absolut nichts zu tun. Diese Einrichtung sagt nichts über unsere Ausrichtung, wohl aber über unsere finanzielle Lage in einer bestimmten Situation.</p>
<p>Geschmack ist natürlich auch keine Geldfrage. Selbst ausfinanzierte Eigenheiten in Eigenheimen stellen sich oft als Multiplikationen der Konvention heraus, an denen nichts Eigenes zu erkennen ist. Man kann, aber muss da gar nicht an IKEA denken. Trotzdem erscheint das Häusliche als das einem unbedingt Zurechenbare. Ein Winkel kann noch so daneben, ein Zimmer noch so verunglückt sein, es sind doch <em>eigene</em>. „Hier bin ich“, schreit dann eine Identität, die mehr aus Referenzen denn Reflexionen besteht. Die Angst, nichts Eigenes zu sein, ohne Eigentum zu haben, sitzt tief, und sie ist der bürgerlichen Konstitution, die Freiheit nur über Rechtstitel zulässt, entsprechend.</p>
<h4>Demobilisierung und Etappe</h4>
<p>Die Wohnung dient als Ruhe- und Fluchtpunkt vor der andauernden Mobilisierung und den Zwängen. Jene will sich behaupten als der abgedichtete Raum gegen die Außenwelt, als Schutz und Aufgehobenheit, als Innenraum des menschlichen Lebens, sowohl verstanden als innerster als auch als innigster. Daheimsein meint Schonzeit, weil sie der unmittelbaren Konkurrenz entzogen ist. Wohnen ist verbunden mit Rasten und Ruhen. Doch dieses Schonen ist nicht Selbstzweck, sondern komplementär zu einer äußeren Zweckentsprechung der Verwertung.</p>
<p>Die Demobilisierung ist der Mobilisierung vor- und nachgeordnet, sie gleicht der Etappe im Krieg. Die Regeneration dient vornehmlich dem Fit-Machen für Job und Schule, Geschäft und Markt. Der von Konkurrenz und Kampf weitgehend geschützte Raum erfüllt also gerade wegen dieser Schonung seinen Zweck für jene. Die Begriffe „Freizeit“ und „Erholung“ drücken das vorzüglich aus.</p>
<p>Freizeit und Erholung sind wiederum unterbrochen, ja oft dominiert durch unvermeidbare Haushaltstätigkeiten. Das Reaktive als das zu Reaktivierende, die Reproduktion als das zu Reproduzierende beherrschen den Alltag, geben ihm Struktur durch die Notwendigkeit der Verrichtungen. Diese sind nach wie vor geschlechts- und generationsspezifisch strukturiert. Auch Draußen und Drinnen sind männlich und weiblich codiert. Wobei dies heute weniger eine Konsequenz patriarchaler Zuschreibung ist als eine Folge traditioneller Trägheiten. Nach wie vor leisten Frauen den meisten Reproduktionsdienst, Männer noch immer weniger.</p>
<h4>Gewohnheit und Gewöhnung</h4>
<p>„In seinen Honigwaben speichert der Raum verdichtete Zeit. Dazu ist der Raum da“, schrieb Gaston Bachelard in seiner „Poetik des Raumes“ 1957. (S. 35) „Für solche Untersuchungen sind die Träumereien nützlicher als die Träume.“ (Ebenda) Zweifellos, da wird auf einen ganz wichtigen Aspekt verwiesen. Unsere Träumereien mögen so gar nicht stimmen, aber sie erscheinen uns stimmig. Sie sind positive Projektionen, d.h. spezifisch angereicherte Partikel des Vergangenen, die nun als geschönte und harmonisierte Sequenzen uns laben. Das, was man haben will, verlegt man in die Vergangenheit und tut so, als ob man es je schon gehabt hätte. Es ist keine aufgespürte Erinnerung, sondern eine gespürte Innerung, die sich als beständige Äußerung gewisser Sentimentalitäten zu erkennen gibt. Diese sind jedoch allzu oft auch das Grab von Praxis und Perspektive, eben weil man sich einer nostalgischen Utopie hingibt.</p>
<p>Die Wohnung jedenfalls ist unser Bewahrungsort, ein Gehäuse, das als entrückter Raum einen bedächtigen Kreislauf ermöglichen soll. Dieser Raum muss nicht immer aufs Neue erkundet werden, wir sind durch Gewohnheit kundig. Gewohnheit hängt ganz eng mit Wohnen zusammen, die Sprache verrät das auch. Wohnung ist das, wo ich schon öfter, ja regelmäßig gewesen bin. Sie ist Anziehungspunkt, der Ort, der mich abseits bestimmter Anlässe stets attrahiert. Das bedeutet aber nicht, dass man dort, wo man einst seinen Sitz hatte, sesshaft bleiben muss. Wohnung ist keineswegs an eine originäre Herkunft geknüpft, sie kann sich von dieser gänzlich entfernen. Auch muss es nicht nur einen Wohnort geben, wenngleich es nicht viele davon geben kann, sondern maximal einige wenige, um überhaupt eine Ansässigkeit und Vertrautheit begründen zu können, die jenseits eines formalen Besitztitels sich geltend machen.</p>
<p>Das Zuhause könnte man mit Marcel Proust wohl beschreiben als „die regelmäßig wiederkehrenden Abweichungen, die innerhalb der bestehenden Einförmigkeit eine zweite Art von Ordnung etablieren“. (Marcel Proust, In Swanns Welt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Erster Teil, Frankfurt am Main 1981, S. 148-149) Und an anderer Stelle sagt er: „Ja, die Gewohnheit! Sie ist eine geschickte, wenn auch langsame Umzugskünstlerin, die zunächst einmal unseren Geist wochenlang in einem Provisorium schmachten lässt; aber man ist doch froh über ihr Vorhandensein, denn ohne sie und aus eigener Kraft wäre man außerstande, ein Heim bewohnbar zu machen.“ (Ebenda, S. 16)</p>
<p>Ohne Gewohnheit wäre es uns unmöglich, sich an das Leben zu gewöhnen. Diese Selbstvergewisserung ist eine der Grundlagen unserer vermeintlichen Sicherheit. Zu untersuchen wäre, was an der Gewohnheit historischen Charakter hat, aber auch, was darüber hinausreicht oder hinausreichen könnte. Gewohnheit sagt aber nicht, dass es immer so gewesen ist, sondern bloß, dass das Durchgesetzte sich Raum und Zeit verschafft hat und nun meint, Gültigkeit als Ewigkeit suggerieren zu können. Durch Tradition und Brauch versucht sich die Gewohnheit als Ontologie zu verfestigen. Die Vergangenheit sagt der Gegenwart, dass sie Zukunft sein will.</p>
<p>Eins ist dieser Wohnraum jedenfalls nicht: der Raum der gesellschaftlichen Transformation. Wohnen hat sogar eine eminent affirmative Seite, man hat sich eingerichtet und man möchte einen Kreislauf aufrechterhalten. Der Identifizierung ist schwer zu entgehen: Wenn ich mich andauernd hineinlege in mein Bett, dann identifiziere ich mich früher oder später damit. Egal, ob es mir passte, hat es mir zu passen, bis es mir passt. Das gilt für die Couch genauso wie für den Schrank, ja für die gesamte Räumlichkeit. Denn in einer gewissen Hinsicht müssen sie mir entsprechen, sonst hätte ich sie nicht, so der Zirkelschluss. Und die Außensicht widerspricht dieser Innensicht gar nicht.</p>
<p>Eine zu große Portion an Häuslichkeit neigt indes zu Biederkeit und Stupidität, sie verwandelt das Heim in eine Konservendose ewig gleichen Geschmacks. Diese Beständigkeit wirkt abgestanden, es riecht muffig. Und doch würden wir die Langeweile, die sich aus den Kontinuitäten des Eigenheims ergibt, durchaus zweischneidig betrachten. Einerseits als Fadesse und Tristesse des Alltags, andererseits aber auch als Voraussetzung, überhaupt Gedanken jenseits der Funktionalität fassen und schöpfen zu können. Selbst das Dämmern ist mitnichten eine bloß zu verachtende Größe. Auch es kennt zwei Richtungen und ist nicht nur Oblomowerei.</p>
<p>Die Gewohnheit ist also weniger eine Folge der Gestaltung als der Gewöhnung. Das hat schon was von einer resignativen Anpassung an die Verhältnisse. Der konkrete Fall oder besser noch: Zufall erscheint als Vorgegebenheit, eben weil jene sich täglich reproduziert und ihre Veränderungen bedächtig, wenn auch inzwischen immer weniger langsam vor sich gehen. Die temporalen Disparitäten betreffend die Gewohnheit wären aber auch schon wieder ein eigenes Thema. Die Gewohnheit, so sehr sie uns als Sicherheit dienlich ist, wird zusehends selbst zu einer antiquierten Größe, wenngleich die Wohnung noch zu den Einheiten größerer Resistenz zu zählen ist als etwa das Auto, der Computer oder gar das Handy. Die Grundtendenz ist wohl diese: Wir können uns an nichts mehr richtig gewöhnen, sind aber gewöhnt, uns an alles zu gewöhnen. Das postmoderne Subjekt ist ein in Raum und Zeit zerrissenes.</p>
<h4>Wonne und Behagen</h4>
<p>Letztlich möchte die Wohnung gar der Ort des unbedingten <em>Behagens</em> sein, mehr als eine Unterkunft. Wohnen und Wonne haben ja die gleichen etymologischen Wurzeln. Das Verhältnis zur Wohnung ist emotional, nicht pragmatisch. Die Wohnung ist auch ein mentales Gehäuse, eine dritte Haut. Dort, wo Wohnen gelingt, sprechen wir von einer wohltemperierten und harmonischen Fügung der Sinne im Sinne des Behagens oder einfach der Gemütlichkeit. Doch geht das? Ohne Schummeln – um hier ein freundlicheres Wort als das des Verdrängens zu gebrauchen – wohl kaum.<br />
„Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. (Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Gesammelte Schriften 4:42) Indes, wir sind nicht jenseits, und so sind der wahre Zug und die richtige Spur nur als Teil des Falschen zu haben. Man sollte jene genießen, ohne sie zu idealisieren. „Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen.“ (4:43) Geradewegs so.</p>
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		<title>Schöner Wohnen – in der Kommune</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:55:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Wohnen]]></category>
		<category><![CDATA[Pott; Peter]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Peter Pott</em> <span id="more-5469"></span></p>
<p>Wer seine Individualität mit der eines anderen Individuums belastet, schränkt die eigene nicht ein. Er schränkt sie ein, wenn er sie als Arbeitskraft verkauft, mit der Institution der Ehe belastet, sie in ein Eigenheim zwängt. Ohne Einschränkung assoziiert sich die individuelle Lebensäußerung des einen − ein unwiederholbares Lächeln, ein unwiederholbarer Tanzschritt, eine einmalige Wortwahl z.B. – den Lebensäußerungen des anderen Individuums und erweitert und bestärkt dessen Ausdrucksvermögen. An die Stelle herrischer Abmachungen, die die individuellen Lebensäußerungen als abgemacht ausmachen, den tastenden Tanzschritt als Bemühen, den Standardtanz zu tanzen, den Singsang der Sprache als Zuspruch zum Abgesprochenen, das sinnende Lächeln als Zustimmung zum Vorbestimmten tritt eine Assoziation von Individuen, die einander zugetan sind und den Staat und seinen Befehl zur Treue überflüssig macht, doch nicht die Sache, die sie vereint, ein Haus z.B., das ihnen auch Unterkunft bietet – und nicht nur Unterschlupf: ein Haus, das schwer enttäuscht wäre, wenn seine Bewohner sich weigerten, ihr miteinander belastetes Leben auf es zu übertragen und Kräfte in ihm anzusprechen, die seinen „beengten und beengenden gesellschaftlichen Zustand über sich hinaus treiben zu einem menschenwürdigen hin“ (Adorno: Noten).</p>
<h4>Haus und Zuhause<br />
</h4>
<p>Es gehört zu „meinem Glück“, bekennt Nietzsche, „kein Hausbesitzer zu sein“. Man muss heute hinzufügen, meint Adorno: „Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein“ (Adorno: Minima, S. 41). Vorausgesetzt: „Das Haus ist vergangen“ (ebd.) – und lässt sich nicht wieder beleben. Adorno sieht da keine Chance. „Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. Kein Einzelner vermag etwas dagegen“ (ebd.). Natürlich nicht. Zwei, drei, vier Menschen, die im Gespräch, im Tanz oder weiß wo sich als „Fahrzeug“ zu „schöner bewegtem Sein“ erfahren haben und für dieses „Fahrzeug“ eine Bleibe suchen, vermögen durchaus etwas dagegen. Sie können, was ein Einzelner nicht kann. Sie können ein Haus besetzen, in dem man auch wohnen kann. Sie müssen es, wenn ihr „Fahrzeug“, das sie sind, Bestand haben soll – und nicht in seine Einzelteile zerfallen, die dann nur irgendwo Unterschlupf finden können.</p>
<p>Die Frage der Unterkunft kann nicht nur die Frage sein, wie ihr mit Sachverstand beizukommen ist. Die Frage muss immer auch sein, was zu tun und zu lassen ist, damit sie sich als menschenwürdig erweist. „Bei allen Gedanken muss man also die Menschen suchen, zu denen hin und von denen her sie gehen, dann erst versteht man ihre Wirksamkeit“, so Bertolt Brecht (Me-ti, S. 18). Bei Marx heißt das: „Das menschliche Wesen der Natur ist erst da für den gesellschaftlichen Menschen; denn erst hier ist sie für ihn da als Band mit dem Menschen, als Dasein seiner für den andren und des andren für ihn, wie als Lebenselement der menschlichen Wirklichkeit, erst hier ist sie da als Grundlage seines eignen menschlichen Daseins. Erst hier ist sein natürliches Dasein sein menschliches Dasein und die Natur für ihn zum Menschen geworden. Also die Gesellschaft ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur“ (Ernst Bloch, S. 537f.).</p>
<p>„Also die Gesellschaft“ − die Bewohner des Hauses, und zwar alle, Männer, Frauen, Kinder, gleichgültig, über welchen Sachverstand sie verfügen – ist die Grundlage des menschlichen Daseins des Hauses, das auf dieser Grundlage nicht als Wertobjekt da ist, sondern als gegenständliches Band, das den einen mit dem anderen „in seinem individuellsten Dasein“ (ebd. S. 535) verbindet und das „Lebenselement der menschlichen Wirklichkeit“ ist. Dazu müssen sie das Haus allerdings auch haben, wie sie auch andere Dinge haben müssen, die, wie die Dinge liegen, nur als Wertobjekte zu haben sind. Geld macht es möglich.</p>
<p>Geld macht das Unmögliche möglich. Es „zwingt das sich Widersprechende zum Kuss“, verwandelt „den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn“ (ebd.). Es kann Misstrauen mit Vertrauen, Treue mit Untreue, Hass mit Liebe verwechseln. Es kann niemand ermächtigen, sich mit einer „Lebensäußrung als liebender Mensch … zum geliebten Menschen“ zu machen (MEW EB, S. 566f.). Geld macht nicht glücklich! Doch wo es regiert, ist ohne Geld nichts zu machen. Man muss es haben.</p>
<h4>Eigentum haben<br />
</h4>
<p>Man muss „Eigentum haben“, wie Adorno schreibt, „wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt“ (Adorno: Minima, S. 42). Und dafür muss man in der Regel zur Arbeit gehen – und mit seinen „Humanressourcen“ einen Produktionsapparat beliefern, der einem nicht gehört. Was man nicht muss? Man muss sein privat erworbenes Eigentum nicht unbedingt privat verzehren. Man kann es auch kommunistisch genießen. Um aber nicht da zu enden, wohin die Reise im Zuge des kapitalistisch bestimmten technischen Fortschritts ohnehin führt −, nicht in jener Nacht, in der alle Katzen grau sind, jedes menschliche Individuum als „Humankapital“ erscheint, das völlig uneigensinnig jede seiner Aktivitäten auf die Dynamik des kapitalistischen Verwertungsprozesses ausrichtet −, ist mit dem negativen auch „das positive Wesen des Privateigentums“ zu erfassen – und eine Kommune zu bilden, die die in der Konkurrenz dumm und einseitig verteidigte und im Arbeitsprozess zerriebene bürgerliche Bildung vielseitig und produktiv nutzt.</p>
<p>Wenn Weib und Kind und natürlich auch der Mann innerhalb der Kommune aus dem „Verhältnis der exklusiven Ehe mit dem Privateigentümer“ heraustreten, so verabschieden sie sich doch nicht von ihren individuellen Differenzen – und damit auch nicht von deren gesellschaftlicher Natur, der ein differenziertes gesellschaftliches Verhältnis nur lieb und teuer ist. Statt sich den Spielraum zu einer individuellen und somit gesellschaftlichen Bestimmung ihres Lebens und Daseins weiter einengen zu lassen, ist der Ausbau des Spielraums ihr ausdrückliches − nein: nicht ihr Programm, nicht „ein Zustand, der hergestellt werden soll“. Es geht nicht um den Ausbau einer Räumlichkeit, der Subjekte voraussetzt, die den ausgebauten Raum schon in ihrem „Kopf gebaut“ haben, bevor sie ihn materialisieren. Der Ausbau oder besser gesagt: die Ausweitung des gesellschaftlichen Spielraums der Individuen, die die positive Aufhebung des Privateigentums beinhaltet, beinhaltet logischerweise auch die positive Aufhebung der Privatperson: die bewusste und willentliche Rückkehr des bürgerlichen Subjekts „in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein“, in dem die Individuen ohne Angst verschieden sein können, ihre furchtlos geäußerten Einfälle sich zu einer Vorstellung von der Wirklichkeit vermitteln, die die alte aufhebt. Und das nicht nur im Spiel, sondern mit der Kraft, die Fakten schafft − und Arbeit heißt, mit der die Gemeinschaft sich als Produktionsapparat setzt, mit dem sie sowohl ihr sachliches wie auch ihr lebendiges Vermögen, die Qualität und Quantität der ihr zur Verfügung stehenden Produkte und ebenso ihre Produktivkraft vermehrt. Fragt sich allerdings, ob das eine möglich ist, wenn das andere nötig ist: ob „das wirkliche Leben, das den jetzigen Zustand aufhebt“ (Marx), sich so zu organisieren vermag, dass es den herrschenden Zuständen auch tatsächlich trotzen kann, wenn doch die Trotzigen nicht umhinkönnen, sich den Anmaßungen der herrschenden Klasse zu beugen.</p>
<h4>Richtiges Leben</h4>
<p>Adornos Feststellung, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, ist wenig ermutigend. Sie trifft nur bedingt zu. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass das Leben nie das richtige ist, es das richtige immer noch vor sich hat – und dieses Vorhaben im falschen Leben auch lebt. Es gibt im falschen Leben ein richtiges, das das falsche aufhebt: „die wirkliche Bewegung“, die Marx und Engels kommunistisch nennen, „welche den jetzigen Zustand aufhebt“ (MEW 3, S. 35). Diese Bewegung gibt es unter jeder Bedingung. Es gibt nicht immer und überall, gibt nirgends, gab nie Bedingungen, unter denen das richtige Leben sich ohne Einschränkung auch zu realisieren vermochte. Stets unterlag es staatlichen Beschränkungen, wenn auch lange nicht in der umfassenden Weise des modernen bürgerlich-kapitalistischen Staates. Es gibt auch in diesem falschen Leben ein richtiges, das dem falschen trotzt – und bei allem Trotz sich beugt. So tief inzwischen, dass Zweifel erlaubt sind, ob es je wieder aus seinem Tiefsinn auftaucht, um über den oberflächlichen Erfahrungsaustausch menschlicher Individuen wieder richtig in Form zu kommen, die abgetauchte wirkliche Bewegung sich auf eine Gesellschaft zubewegt, die vermeidet, „die Gesellschaft &#8230; als Abstraktion dem Individuum gegenüber zu fixieren“ (MEW EB, S. 539). Der Zweifel bleibt, auch wenn nicht zu zweifeln ist, dass genügend Spielraum ist, sich der routinierten Verbeugung vor der Herrschaft des Interesses zu entziehen – und sich auf eine liebenswürdigere Lebens- und Arbeitsweise zu besinnen als die, der die Individuen notgedrungen nachgehen müssen. Dass die Masse diesen Spielraum dann doch nicht nur verspielt, beweist schon die Masse „Schwarzarbeit“, in der mit mehr Liebe als sonst und guten Bekannten ein Haus gebaut oder sonst eine Arbeit gemeistert wird, die dem offiziellen Arbeitsmarkt im wahrsten Sinne des Wortes abhanden kommt. Sie beweist allerdings auch, dass Individuen, die sich zusammentun und mit schwarzer Arbeit der weißen trotzen und weitergehen als die Polizei erlaubt, doch in der Regel nicht weit genug gehen, um dem richtigen Leben im falschen eine wirkliche Chance zu geben, die verlangt, dass die schwarz miteinander verbundenen Produzenten ihr Produkt nicht auf den Markt tragen, sondern es auch gemeinsam genießen, das miteinander gebaute Haus auch miteinander bewohnen und so gewohnheitsmäßig mit mehr Liebe zur Sache kommen, mehr Leben im Haus sich abspielt. Es läge nahe.</p>
<p>„Der Kommunismus ist wirklich die geringste Forderung, / Das Allernächstliegende, Mittlere, Vernünftige“, heißt es in dem Anfang der 1930er Jahre geschriebenen Gedicht „Der Kommunismus ist das Mittlere“ von Bertolt Brecht. Er bietet „die praktikablen Erkenntnisse“, so erläutert Walter Benjamin brieflich Brechts Gedicht <em>Werner Kraft</em>, „die unfruchtbare Prätension auf Menschheitslösungen abzustellen, ja überhaupt die unbescheidene Perspektive auf totale Systeme aufzugeben, und den Versuch zumindest zu unternehmen, den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzubauen, wie ein gutausgeschlafener, vernünftiger Mensch seinen Tag antritt“ (zitiert nach Erdmut Wizisla, S. 272).</p>
<p>Schwarzarbeit, die so weit nicht geht, dass die in ihr unvermeidlichen menschlichen Begegnungen sich auch als „das energische Prinzip der nächsten Zukunft“ (Marx) organisieren, hat kaum eine Chance, „die unfruchtbare Prätension auf Menschheitslösungen abzustellen“. Die Produzenten bleiben dem Tiefsinn verhaftet, der sie an „die unbescheidene Perspektive auf totale Systeme“ kettet. Von der Erfahrung ihrer produktiven Energie berauscht und praktisch mit Auge und Ohr, mit allen fünf Sinnen darauf eingestellt, mehr mit- und füreinander zu tun, erleben sie mit dem Rückzug ins „Privatleben“ die kollektive Erfahrung des Rausches als private Potenz, mit der sie die gesellschaftliche Macht, die ihnen noch zu eigen ist, als belanglos abtun und lieber ihr Leben lassen, als das „Allernächstliegende, Mittlere, Vernünftige“ zu tun.</p>
<p>Welche Macht sie noch haben? Sie haben ein mehr oder weniger ausgekochtes Leben, das trotz eindringlicher Verformungen die „revolutionäre Energie“ besitzt, die versteinerten Verhältnisse immer wieder zum Tanzen zu zwingen, um in dem „Ausnahmezustand, in dem wir leben“, die individuelle Energie als gesellschaftliche Macht zu erleben, mit der sich auch „schwarz“ arbeiten lässt. Wenn sie die Chance nicht nutzen bzw. sie nicht weitgehend genug nutzen, zwar mit mehr Liebe als sonst und guten Bekannten ein Haus sich bauen, doch dieses Haus nicht nutzen, um es mit den ihm „schwarz“ verbundenen Produzenten auch zu bewohnen und mit ihnen gewohnheitsmäßig mit Liebe zur Sache zu kommen, dann&#8230; Dann sollten sie nicht nur die Herrschenden anklagen und darüber klagen, dass „die Möglichkeit des Wohnens &#8230; von der der sozialistischen Gesellschaft“ vernichtet wird, „die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät“. Wie Adorno klagt (Minima, S. 41). Sie sollten stattdessen das Versäumte nach Maßgabe des Möglichen unversäumt nachholen.</p>
<p>„Kein Einzelner vermag etwas dagegen.“ Wendet Adorno ein. Kein Einzelner aber ist so vereinzelt und bar aller Mittel, um sich und seine Mittel nicht einem Verein von „Bekannten, Erreichbaren, viele Kennenlernenden und Erreichenden in der Masse der Unbekannten“ anvertrauen zu können (Brecht) und damit eine Wohnung zu beziehen, in der anders als in den „traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind“, nicht „jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie“ zu bezahlen ist (Adorno: Minima, S. 40), sondern mehrere Familien eine Wohngemeinschaft bilden, die ihr vereintes Privatvermögen nicht nur vereint verzehren, sondern auch als Mittel zu ihrer Produktion nutzen. Aber wer will das schon? Adorno nicht. Er ist überzeugt: „Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so zu belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen. &#8230; Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, dass das Privateigentum einem nicht mehr gehört&#8230;; dass man aber dennoch Eigentum haben muss, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortschritt des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber&#8230;“, so muss Adorno eingestehen: Die Verteidigung des Privateigentums ist „schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen“ (S. 41f.).</p>
<p>Adorno entschuldigt sich: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (ebd.). Stimmt. Es gibt in den herrschenden Verhältnissen für das menschliche Miteinander keine richtige, keine glückliche Lösung. Es gibt aber eine bessere als die, die Adorno vorschlägt. Deren Kunst bestünde darin, mit dem privaten Eigentum, das man haben muss, „wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortschritt des Besitzverhältnisses zugute kommt“, ein Privatleben zu führen, das sich nicht nur moralisch für unangemessen hält und nur theoretisch für ein anderes Leben spricht. Es bleibt dabei: Nicht genug, dass man „die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“ (MEW 3, S. 7), wenn nicht im Ganzen, dann doch im Kleinen.</p>
<p>Auch wenn die Gesellschaftsordnung nur ein privat geführtes Leben duldet, so muss man doch keineswegs so geduldig wie Adorno auch die aufs Privatleben eingeschworenen Bedürfnisse dulden – und Verhältnisse ertragen, die unerträglich sind. Zumal die eigenen Bedürfnisse gar nicht so geduldig sind – und ungeduldig darauf bestehen, dass mehr Leben ins Haus kommt, als die bürgerliche Hausordnung vorsieht: die Aufregung, die von draußen kommt, die schon mit der Geburt eines und aufregender noch mit der mehrerer Kinder ins Haus kommt, und die dann auch noch zahllose fremde Kinder mitbringen.</p>
<p>Der frische Wind, der mit Kindern ins Haus kommt und seine Behaglichkeit tilgt, wird freilich nur bleiben und den Muff vertreiben, wenn der Hausherr seine Beherrschung verliert – und ihm die fremden Kinder so lieb sind wie die eigenen und diese ihm durch ihre Zuneigung zu den fremden noch lieber werden. Womit er auch das Verhältnis zu seiner Frau aufs Spiel setzt, die als Mutter ihren Mutterstolz hat, der sie zwingt, sich unsterblich in das Leben zu verlieben, das sie ohne viel Bedenken zur Welt gebracht hat. Nicht auszuschließen, dass der Mutter Bedenken kommen, das eigene Leben in dem ihrer Kinder zu suchen, statt mit einem eigenen in das der Kinder zu treten. Denkbar, dass die Gattin die Unbeherrschtheit des Gatten, die ihm die Vater- und ihr die Mutterrolle verleidet, nicht länger entsetzt − und sie ermuntert, für das sich auflösende und mit fremden Lebensweisen sympathisierende Familienleben ein Unterkommen zu suchen, in dem es mit anderen Familien unterkommt, die es satt haben, „mit schlechtem Gewissen das Ihre zu behalten“.</p>
<p>Dass man „Eigentum haben muss, wenn man nicht &#8230; in Abhängigkeit und Not geraten will“, ist keine Frage. Die Frage ist, ob man es für sich allein haben muss. Man muss es nicht! Wenn man das Privateigentum auch nicht allgemein aufheben kann, so kann man doch sein Eigentum, ohne in Not und Abhängigkeit zu geraten, mit dem Eigentum anderer zusammentun – und zugeben, dass das zusammengetane Eigentum nicht nur nicht „einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge“ Vorschub leistet, „die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt“, wie Adorno befürchtet (ebd.), sondern eher einer liebevolleren Beachtung der Dinge und notwendigerweise auch der Menschen dient.</p>
<p>Statt die Dinge, die man geerbt, durch Arbeit oder sonst eine Beschäftigung in seinen privaten Besitz gebracht hat, im Privatbesitz zu belassen, sie nur als Mittel zur Sicherung und Erweiterung der privaten Existenz wertzuschätzen, lassen sie sich bei gutem Willen auch als gesellschaftlich produziertes und so zu produzierendes Eigentum genießen – und das nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Das „ist wirklich die geringste Forderung“. Sie fordert nicht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun – und mit der wertlosen schwarzen Arbeit keiner wertvollen Lohnarbeit mehr nachzugehen. Das kann sich kein Arbeiter leisten. Er bleibt, so reichhaltig auch die Eigenproduktion ist, auf die Mittel angewiesen, die das Kapital der Kapitalisten bilden, so dass er notgedrungen aus dem Haus heraus und zur Arbeit gehen bzw. surfen muss, um das „Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte“ (MEW 23, S. 193) in einer Anordnung zu genießen, mit der nicht zu spielen ist. Anders als dort, wo er mit „Bekannten, Erreichbaren“ zu Hause ist. Da kann der Arbeiter das Spiel seiner körperlichen und geistigen Kräfte auch in eigener Anordnung genießen – und das durchaus auch zu produktiven Zwecken: in der Erzeugung von Lebensmitteln, die ihn nicht von der Lohnarbeit befreit, aber eine Menge davon erspart, die um so größer ist, desto größer die Zahl der „Bekannten, Erreichbaren“ ist, die ihr privates Hab und Gut zusammentun, ohne es lediglich verzehren zu wollen.</p>
<hr />
<h4>Literatur<br />
</h4>
<p>Theodor W. Adorno: Minima Moralia, Frankfurt/M. 1984.<br />
Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur, Frankfurt/M. 1989.<br />
Ernst Bloch: Prinzip Hoffnung I−III, Frankfurt/M. 1968.<br />
Bertolt Brecht: Me-ti, Buch der Wendungen, Frankfurt/M. 1971.<br />
Karl Marx, Friedrich Engels: Werke (MEW), Berlin 1981.<br />
Erdmut Wizisla: Benjamin und Brecht, Frankfurt/M. 2004.</p>
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		<title>Gentrification und urbane Bewegung</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:54:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-47]]></category>

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<h3>„My lifestyle determines my deathstyle.“ Metallica, „Frantic“<br />
</h3>
<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Roger Behrens <span id="more-5635"></span></p>
<p></em>Die einstige Hoffnung der funktionalistischen Planung, die moderne Stadt sei in ihrer Raumgestalt fertig, und hätte zumindest soviel Dauer und Bestand, dass in ihr die Menschen noch im neuen Jahrtausend leben könnten, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Seit den achtziger Jahren zeichnet sich immer deutlicher ein Prozess der massiven Umgestaltung der Metropolen und ihrer Grundstruktur ab, in dem sich die allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen der politischen Ökonomie manifestieren: Die fordistische Stadt (eine Stadt der Inklusion) wird von der postfordistischen Stadt (eine Stadt der Exklusion) abgelöst. Welche Veränderungen das sozial und architektonisch nach sich zieht, zeigt sich an den paradox scheinenden Diagnosen der ‚Endless Cities‘ einerseits, der ‚Shrinking Cities‘ andererseits. Tatsächlich sind die bis in die siebziger Jahre hinein in Beton gegossenen Riesenstädte keineswegs statisch, stabil, „steinern“; vielmehr sind sie höchst veränderbar, dynamisch, von Krisen und Katastrophen gekennzeichnet, die sich im Einsturz, Abbruch, Leerstand, Zerfall und Verwüstung äußern.</p>
<p>Mitten in den Metropolen Shanghai, Dubai oder Berlin gibt es Brachen, Neuland als Baufläche, auf der ganze urbane Zonen neu entstehen. In Hamburg wird im Zentrum mit der „Hafen City“ ein neuer Stadtteil gebaut – ein in diesem Ausmaß und dieser Lage weltweit einzigartiges Bauvorhaben. Das hat Auswirkungen auf die umliegenden Stadtteile: vor allem das Schanzenviertel, St. Pauli und, im Zuge des Hafen City-Projekts, Wilhelmsburg. </p>
<p>In diesen Vierteln gibt es ohnehin Wandlungsprozesse, die zunächst auf der Erscheinungsebene auffällig geworden sind: Andere Leute, andere Läden etc. Es manifestieren sich Veränderungen, die <em>nur zu offensichtlich scheinen</em>. „Gegner“ dieser Prozesse – Stadtteilaktivisten, Hausbesetzer und Wohnprojektler, Autonome und sonstige Engagierte sprechen von <em>Gentrifizierung</em>. Mittlerweile ist dieser der kritischen Stadtsoziologie entnommene Begriff kaum mehr als ein Schlagwort, mit dem in seiner allgemeinsten Definition beklagt wird, dass vorgeblich alteingesessene, „ursprüngliche“ Bewohner durch steigende Mieten von beruflich und finanziell gut situierten „Reichen“ verdrängt werden. Damit einher geht eine Verwandlung des gewohnten und liebgewonnenen Straßenbildes und damit ein Verschwinden des das jeweilige Viertel – angeblich – bestimmenden Lebensgefühls: die eine „Viertelkultur“, bei der suggeriert wird, dass sie „authentisch“ sei, werde <em>zerstört </em>und <em>ersetzt </em>durch eine neue „Kommerzkultur“, die „hier“ gar nicht hingehöre: Modeläden, Bars, Restaurants der Neuen Küche (Fingerfood etc.) und ein damit identifiziertes Publikum prägen fortan die Szenerien.</p>
<p>Die in der Regel nur durch vage Informationen bestätigte Meinung, dass sich die meisten der bisherigen Bewohner diesen Kommerz beziehungsweise die Verteuerungen nicht mehr leisten können, ist nur ein Aspekt der gentrifizierungskritischen „Bewegungen“. Tatsächlich konzentriert sich darauf gar nicht die Hauptkritik der Gentrifzierungsgegner; gerade die bei diesen beliebte Parole „Reclaim the Streets“ zeigt an, dass es primär um das Leben auf der Straße geht, um den <em>dort präsenten </em>und <em>repräsentierten </em>Lifestyle. Es geht nicht um Haushalts- und Wohnformen, radikale Kritik an Immobilieneigentum; weder um sozialreformerische Forderungen nach infrastrukturellen Verbesserung der Versorgung, noch um stadtkritische Utopien. Verteidigt werden die eigene Position innerhalb des „öffentlichen Raums“, und damit das postmoderne Derivat der „Privatsphäre“, die längst in diese „Öffentlichkeit“ aufgelöst wurde.</p>
<p>Diese Verschiebung des „Privaten“ ins „Öffentliche“ kündigte sich ebenfalls in den achtziger Jahren an, allgemein durch den Neokonservatismus der Ära Reagan-Thatcher-Kohl, in der Linken in Bezug auf das Stadtleben durch das Ende der Hausbesetzerbewegung und die Konzentration auf kulturelle Freiräume (in Hamburg zum Beispiel: Kemal-Altun-Platz, Rote Flora, Park Fiction). Mit der Abspaltung des „Politischen“ durch die Etablierung einer Poplinken und eines vermeintlich hedonistischen Lebensstils wurde diese Verschiebung schließlich besiegelt: in der urbanen Selbststilisierung durch Mode, adaptierte Rollen und Stereotypen und andere Formierungen eines repräsentativen Geschmacks.</p>
<p>Eine Kritik des Kapitals, das seit der Neuzeit in Produktions- wie Reproduktionsverhältnissen in den Städten seinen vielfältigen Ausdruck gefunden hat, kommt in den Auseinandersetzungen um die Gentrifizierung zumeist nur als abstrakte quantitative Größe vor: „Alles wird teurer“, das Leben wird <em>kommerzialisiert </em>beziehungsweise die Stadt wird <em>ökonomisiert</em>. Diese Kritik bleibt insofern abstrakt und bloß quantitativ, weil sie eine <em>viertelspezifische </em>– also scheinbar nur hier wirkende – Erhöhung der Lebenshaltungskosten unterstellt, die an steigenden Mietpreisen und einem mit „Luxus“ assoziierten Konsumangebot (etwa Boutiquen, Cafés mit extravaganten Sortimenten) festgemacht wird; <em>dadurch</em>, so die These, werden die bisher ansässigen Bewohner „verdrängt“, das heißt gezwungen wegzuziehen. Faktisch zielt diese Kritik nicht auf das Kapital, sondern auf ein bestimmtes Publikum, das mit der Kommerzialisierung identifiziert wird. </p>
<h4>Fassadenkritik<br />
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<p>Es ist dies zudem ein Publikum, das in seiner Haltung und Mode vom eigenen kulturlinken pseudohedonistischen Lebensstil gar nicht so weit entfernt scheint, gleichzeitig aber diesen Lebensstil (waren)ästhetisch überformt und damit „verrät“. Eine weitere Teilnahme an diesem Lifestyle ist – wie es die Poplinke bereits vorlebte – einem permanenten Legitimationszwang unterworfen, der jetzt aber nicht mehr an als „politisch“ verstandene kulturelle Einverständnisse gebunden ist, sondern an spektakuläre Inszenierungen der Simulation eines gelungenen, (ökonomisch) erfolgreichen und somit auch kulturell wertvollen Lebens, das man führt oder vielmehr führen möchte.</p>
<p>Diese Kritik ist oberflächlich und bleibt buchstäblich an den Fassaden hängen: Gentrifizierung als soziales Verhältnis wird weder in der ökonomischen noch demografischen Struktur der Stadt analysiert; eine gesellschaftskritische Klassenanalyse fehlt ebenso wie eine Kritik der politischen Ökonomie der Stadt. Stattdessen konzentriert sich die gegenwärtige Gentrifizierungskritik auf die Verteidigung eines linkskulturellen, alternativen Status Quo, das heißt auf die Verteidigung vermeintlicher urbaner Freiräume. Sie sind Gegenstand der Auseinandersetzungen, weil man in ihnen selber wohnt oder einen repräsentativen Teil der Lebenszeit verbringt; es sind mithin genau deshalb Freiräume, <em>weil</em> man hier präsent ist und einen bestimmten „alternativen“ Lifestyle etabliert hat. Kraft der Illusion, dass man sich mit seinem eigenen Lebensstil stets außerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik glaubte, ergo dass das durch den eigenen Lebensstil definierte Viertel von einer nicht aggressiv-kapitalistischen Ökonomie gekennzeichnet sei (sondern durch fairen Tausch, Plattenläden mit den Soundtracks der Freiräume, günstige Second Hand-Läden, gemütliche Flohmärkte etc.), hat sich die paradoxe Ideologie verdichtet, dass einerseits die Gentrifizierung nur das eigene Viertel betrifft und nachgerade als persönlicher Angriff auf die „eigenen Freiräume“ deklariert wird, dass andererseits sich erst mit der Gentrifizierung eine Ökonomisierung des Stadtteils vollzieht, die in anderen, nicht von der Gentrifizierung betroffenen Stadtteilen schon längst abgeschlossen scheint. </p>
<h4>Aufwertung<br />
</H4>„Mit Gentrification wird die bauliche Aufwertung eines Quartiers mit nachfolgenden sozialen Veränderungen bezeichnet, die in der Verdrängung einer statusniedrigen sozialen Schicht durch eine höhere resultieren. Zu beobachten waren solche Prozesse in Deutschland zum ersten Mal in den späten siebziger Jahren, als Studenten und Künstler (,Pioniere’) sich in leerstehenden Wohnungen und Gewerbegebäuden in Quartieren aus der Zeit der Industrialisierung einrichteten, durch ihre baulichen, kulturellen und ökonomischen Aktivitäten das Milieu und das Image der verfallenden Nachbarschaft veränderten und so einen neuen Investitionszyklus auslösten, an dessen Ende dann das Quartier überwiegend in den Händen von überdurchschnittlich gut verdienenden, jungen Haushalten lag &#8211; überwiegend Haushalte von Alleinstehenden, in hochwertigen Dienstleistungstätigkeiten beschäftigt. In den USA wurden sie als young urban professionals charakterisiert, und die Abkürzung Yuppies ist auch in Deutschland zum gängigen Begriff in der Beschreibung dieses ungeplanten Wandels von innerstädtischen Altbaugebieten geworden.“ (Hartmut Häußermann, Dieter Läpple, Walter Siebel, Stadtpolitik, Ffm. 2008, S. 242f.)</p>
<p>Der aus der US-amerikanischen New Urban Sociology der achtziger Jahre kommende Begriff „Gentrification“ ist kritisch gemeint und bedeutet zunächst, der üblichen stadtsoziologischen Definition nach, die „Aufwertung innerstädtischer oder Innenstadt naher Viertel“. Damit sind die drei wesentlichen Aspekte der Gentrification angedeutet: <em>Erstens: </em>Gentrification findet in Großstädten, Metropolen, urbanen Ballungszonen statt, nicht in Dörfern oder ländlichen Regionen; <em>zweitens:</em> Gentrification betrifft Viertel in der Nähe der Zentren, nicht Randgebiete, Trabantenstädte etc.; <em>drittens:</em> Gentrification ist eine ökonomische Aufwertung, die in einer sichtbaren und erlebbaren Erhöhung der Lebensqualität in einem Viertel ihren Ausdruck findet – und das setzt voraus, dass es überhaupt <em>signifikant </em>etwas aufzuwerten gibt (in Hamburg dürften Innenstadt nahe Viertel wie Pöseldorf, Eppendorf oder Rotherbaum kaum gentrifiziert werden), dass es aber auch einen Bedarf an Aufwertung gibt, der eine lebensstilistische Identifikation mit dem eigenen Alltag, der über die Parameter „Wohnen“ und „Arbeiten“ hinausgeht, voraussetzt (die städtischen Bau- und Planungsmaßnahmen in Hamburger Vierteln wie Hammerbrock, Hamm, Dulsberg, Stellingen etc. werden eben nicht als Gentrification registriert).</p>
<p>Aufwertung ist auch in diesem Kontext nicht anders denn als ökonomischer Begriff zu verstehen, mit dem allerdings angezeigt ist, inwieweit eine abstrakte kapitalistische Verwertungslogik sich im Alltagsleben konkretisiert, nämlich in Hinblick auf die Herausbildung städtischen Lebens in den letzten zwei Jahrhunderten. Menschen verorten sich sozial nicht mehr in ihrer Klasse, sondern in einem an die urbane Umgebung gekoppelten Lebensstil. Diese Identifikation vollzieht sich durch permanente Repräsentation des Lebensstils, wodurch sich letztendlich überhaupt erst ein bestimmter Charakter eines Viertels ergibt. Dafür brauchen die Menschen vor allem Zeit, in der sie sich nicht mit vorgegebenen Angeboten der Reproduktion ihrer Arbeitskraft beschäftigen (Einkaufen, Kino, Fernsehen, Sport etc.), sondern ihre leibliche Anwesenheit in ihrer Wohnumgebung zur (Selbst-) Beschäftigung machen – gewissermaßen anfangen, sich selbst in ihrer urbanen Existenz zu konsumieren. Sich selbst in dieser Weise auszustellen und seinen Lebensstil repräsentieren zu wollen, muss jedoch auch als Bedürfnis erzeugt werden. </p>
<h4>Konsumistisches Selbstverständnis<br />
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<p>Erst mit der vollständigen Durchsetzung der kapitalistischen Warenproduktion in allen Lebensbereichen, die sich seit den fünfziger Jahren in der Formierung einer Popkultur vollzog, in der der Konsum und ein konsumistisches Selbstverhältnis zum Lebensmittelpunkt der Menschen ideologisiert werden, wird auch das Wohnen – sei’s in den Städten, sei’s in den Neubausiedlungen oder nostalgischen Dörfern – neu in seiner gesellschaftlichen Bedeutung konfiguriert: Immobilien, Häuser, Eigenheime werden zu Orten, an denen der Mensch nicht nur Zeit verbringt, sondern die dort verbrachte Lebenszeit wird zum Ausdruck der Persönlichkeit. Dieser Prozess ging mit einer Veränderung der Wohnorte selbst einher und aus der Rückkopplung zwischen dem privaten Wohnraum und seiner Lage verallgemeinerte und individualisierte sich zugleich eine Ideologie der Lebensweise, bei der die Gestaltung des architektonischen Raumes mit Lebensqualität verbunden wurde. Vorbilder gab es dafür nicht nur etwa in den handwerklich-vorkapitalistischen Lebensweisen (eine Linie, die sich von der mittelalterlichen Stadt über Fourier, Morris u.a. bis Le Corbusier nachzeichnen lässt) oder in der lebensreformerischen und sozialistisch inspirierten Gartenstadtbewegung um Neunzehnhundert, sondern auch – und das ist ein Bild, das bis heute propagiert wird – in den inszenierten Wohnformen des prosperierenden Adels, der mit den allgemeinen positiven Vorstellungen vom Großbürgertum konvergiert: Das Häuschen im Grünen, eine barocke Möblierung der guten Stube, überhaupt die Idee des Wohnzimmers (statt Diele), die Ausstaffierung der Wohnung mit Tinnef und Kitsch, schließlich eine bizarre Idee von „Design“ gehören dazu. Bis in die siebziger Jahre äußerte sich dies, finanziert durch Bausparverträge und mit staatlichen Subventionen unterstützt, in einer Stadtflucht, in deren Zuge riesige Areale, ganze Dörfer und Kleinstädte baulich erschlossen wurden. </p>
<p>Mit dem Ende des „goldenen Zeitalters“ der Wohlstandsgesellschaft sind die Städte selbst ungeheuren Transformationen unterworfen: Die rücksichtslose Kommodifizierung des Wohnens heißt nun nicht mehr, einfach aus der Vermietung eines Schutz- und Ruheraums Profit zu schlagen, sondern den Wohnraum als Ware sich über die „urbane Lebensqualität“ gleichsam selbst rechtfertigen zu lassen: das heißt nicht nur, bereitwillig in einem als „chic“ geltenden Stadtteil überproportional mehr Miete zu zahlen, sondern auch die endgültige Bestätigung des Fetischcharakters dieser Ware, nämlich dass Wohnraum, Strom, Wasser etc. <em>natürlich, d.h. selbstverständlich bezahlt werden müssen</em>.</p>
<h4>Transformation der Städte<br />
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<p>Auch diese Transformation der Städte wird nach wie vor von einer Idee des Wohnens begleitet, die sich an der wie auch immer idealisierten Vorstellung der Lebensweise des Adels orientiert. Deshalb verwundert es nicht, dass bei einigen dieser städtischen Veränderungen in den achtziger Jahren nun von „Gentrification“ gesprochen wird: der Begriff leitet sich vom englischen ‚Gentry‘ her, womit ehedem der niedere Adel vom höheren Adel (‚Peers‘, ‚Nobility‘) unterschieden wurde; die Gentry waren indes den einfachen Bürgern sozial und rechtlich übergeordnet. Einer der Protofälle der Gentrifizierung war in den achtziger Jahren in Manhattan (New York), insbesondere in Soho zu beobachten: In den von Zerfall und Armut betroffenen und von „sozial Schwachen“ bewohnten Viertel zog nun ein neuer „niederer Adel“, nämlich jugendliche und jung-erwachsene deklassierte Bürger und Kleinbürger, die ihre Lebensweise zwar vom Establishment abgrenzten, aber dennoch aufwerteten, indem sie ihre Lebensweise als bewussten Lebensstil erhöhten; sie – Studenten, Künstler, erfolglose Kleinunternehmer, gut ausgebildete Teilzeit-Jobber, die ersten professionellen Computer-Nerds etc. – eroberten Stadteile wie Soho als <em>Bühne</em>, für die Häuser, Straßen und alle anderen Bewohner nur eine – letzthin austauschbare – Kulisse darstellten: so konnten sie gerade in diesen Problemgebieten ein innerhalb der allgemeinen etablierten Maßstäbe nicht sonderlich erfolgreiches, kohärentes Lebensmodell als homogene, schließlich an diesem Ort auch hegemoniale Subkultur inszenieren; dies war schnell ökonomisch attraktiv, weil diese Subkultur einen riesigen neuen Arbeits- und Absatzmarkt bot, über den sich dieser „neue niedere Adel“ scheinbar autark und alternativ, schließlich finanziell erfolgreich versorgen konnte: Was Anfang der achtziger Jahre in den USA als Yuppisierung (Yuppie = <em>young urban professionals</em>) begann, endete mit dem Zerplatzen der New Economy-Blase um 2000. </p>
<p>Was sich in diesem Zeitraum in den Metropolen an Gentrification vollzog, war zwar räumlich auf einzelne Stadtteile beschränkt, fand aber seine Parallele in einer neuen Form des konsumistischen Individualismus, mit der sich ein Sozialcharakter des „autonomen Konformisten“ konstituierte, der sich vorrangig über verschiedene Selbst-Ästhetisierungsstrategien definiert. Zu diesen Strategien gehört nach wie vor die „bewusste“ Entscheidung für einen Wohnort, der mit einem Lebensstil beziehungsweise mit Lebensqualität identifiziert wird. Diese Identifikation ist allerdings heute keine produktive und kreative mehr (wonach ein bestimmtes Image eines Viertels erst im Alltag hergestellt wird), sondern funktioniert reproduktiv und rezeptiv als reiner Schematismus (wonach ein erwartetes, vorgegebenes Image eines Viertels adaptiert beziehungsweise konsumiert wird). </p>
<p>Für die gegenwärtig in den Städten zu beobachtenden Transformationsprozesse, vor allem dort, wo auch heute wieder von Gentrifizierung gesprochen wird, hat dies aberwitzig erscheinende Konsequenzen: Gerade in den Stadtteilen Schanzenviertel, St. Pauli, Altona, Karolinenviertel und auch Wilhelmsburg sind es Gentrifizierungsgegner, die eine erste Gentrifizierungswelle vor zehn oder fünfzehn Jahren selbst in Gang gesetzt haben. Insgesamt wird deutlich, dass die Idee kultureller Aufwertung mit ihrem eigentlichen ökonomischen Zweck nicht kompatibel ist und eine Gentrifizierungskritik, die nur den eigenen Freiraum, Lifestyle oder einen sonstigen subkulturellen Status Quo verteidigt, ins Leere läuft. Aufwertung im Sinne der Gentrifizierung braucht Akteure, braucht Menschen, die sich für diese Formen der „kulturellen“ Aufwertung interessieren, insofern es ihnen wichtig ist, Wohnen mit bestimmen Werten und Qualitäten zu verbinden, also die Lebensqualität selbst einem Wertmaßstab zu unterwerfen, der sich in der Inszenierung des (eigenen) urbanen Lifestyles widerspiegelt. Das Viertel, um das es dabei geht, reduziert sich auf eine überschaubare Bühne mit Darstellern, Publikum und einer diffusen Menge von Statisten und Komparsen (in der Regel sind das die „ursprünglichen“ Bewohner, auf die sich berufen wird und <em>„für die man das alles macht“</em>, die aber selbst keine aktive Rolle in diesem Schauspiel abbekommen). Die Bühne, auf der unterschiedliche Bekenntnisse zur Viertelidentität aufgeführt werden, wird zeitlich und räumlich immer weiter eingeengt.</p>
<h4>Beispiel Hamburg<br />
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<p>In den achtziger Jahren waren die meisten Hamburger Viertel von einer – wenn auch zum Teil absurden – links-alternativen Alltagskultur geprägt: Barmbek, Harburg, Eimsbüttel, Winterhude, selbst Horn, Hamm, Rahlstedt, Billstedt etc. hatten ihre Szenen, dazugehörige Kneipen und es gab regelmäßig links-alternative Stadtteilfeste oder andere Veranstaltungen. Die Auseinandersetzung mit dem Stadtraum war noch nicht identitär auf den (eigenen) Lebensstil bezogen, sondern vielmehr die Verlängerung einer allgemeinen gesellschaftskritischen Politik, die einerseits noch stark bestimmt war von den klassischen Themen der Arbeiterbewegung (auch wenn es die Arbeiterbewegung selbst nicht mehr gab) und gewerkschaftlichen Kampagnen (35-Stunden-Woche, § 116 [der so genannte Streikparagraf], „Mach’ meinen Kumpel nicht an!“ etc.); andererseits von den Neuen Sozialen Bewegungen und ihren Themen (Feminismus, Häuserkampf, Ökologie etc.). </p>
<p>Das Schanzenviertel, um einen Blick zurück zu werfen, war von einer heterogenen links-alternativen (Sub-) Kultur geprägt, zu der „urige“ Studentenkneipen (‚Frank &#038; Frei‘, ‚Golem‘ etc.) ebenso gehörten wie „kommerzielle“ Szenetreffs (das so genannte Bermuda-Dreieck, bestehend aus dem ‚Pickenpack‘, ‚Stairways‘ und ‚Zartbitter‘) und „unkommerzielle“ Szenetreffs (‚Kir‘, ‚Café Tuc Tuc‘, ‚Subotnik‘, ‚Marktstube‘ etc.). Damals gab es in der Schanze und St. Pauli noch soviel Leerstand, dass immer wieder Besetzungen stattfanden; die Hafenstraße ist zwar nicht das einzige Überbleibsel dieser Zeit, gleichwohl lässt sich aber gerade an den Auseinandersetzungen um diese Häuser nachvollziehen, wie sukzessive das Thema „Stadt“ zum eigenständigen linkspolitischen Gegenstand wurde und langsam, in den neunziger Jahren, in die links-hedonistische Selbstbeschäftigung abrutschte.</p>
<h4>Flair und Atmosphäre<br />
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<p>Damit etablierte sich in den achtziger Jahren ein neuer Typus sozialer urbaner Bewegung, in der sich Leute formierten, denen es um „kulturelle Identität“ mit „ihrem Viertel“ ging. Für sie stand nicht mehr wie für die klassischen sozialen urbanen Bewegungen der Kampf um eine bessere Versorgung (Schulen, Nahverkehr, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte etc.) auf der Agenda, aber auch nicht die – basis- und sozialdemokratische, an den Staat gerichtete – Forderung nach mehr Mitbestimmung in Stadtentwicklungsangelegenheiten, sondern eine Kulturalisierung des Lebensalltags und Alltagslebens. </p>
<p>Schon Ende der achtziger Jahre ist in diesem Zusammenhang von einer „Dethematisierung des Sozialen“ die Rede. Vor allem wurde die Stadt nicht mehr als Manifestation von sozialen Klassenstrukturen thematisiert; Armut war nicht mehr Indikator für Lebensbedingungen in einem Viertel, sondern verwandelte sich in eine ästhetische Erscheinung von „Flair“ oder „Atmosphäre“. Ohne sich auf einen sozialen Klassenkampf beziehungsweise die politische Verteidigung von Klasseninteressen einzulassen, gelang es so einem sozial instabilen Teil der Mittelklasse (Studenten, Künstler, Kulturarbeiter) die kollektive Erfahrung von Deprivilegierung in ein individuelles Erlebnis der Privilegierung umzulenken. Damit wurden im Verlauf der neunziger Jahre aus den <em>sozial</em>-<em>politischen</em> „Bewegungen“ (denen es um Armut, Arbeitslosigkeit, Mieterinteressen etc. ging) letztendlich die heute aktiven <em>individuell</em>-<em>kulturellen</em> „Bewegungen“ (denen es um Lebensstandard, gutes oder exotisches Essen, Multikulturalismus im Sinne von „Lebendigkeit“ und „Vielfalt“ sowie hohe Mobilität &#038; Flexibilität geht). Begleitet wird dies von einem Prozess der sozialen Segregation (Entmischung), dessen Konsequenzen sich in den vergangenen zehn Jahren abzeichnen: Deutlich treten wieder soziale Unterschiede hervor, deren Demarkationslinien nunmehr mitten durch die Viertel verlaufen. Endgültig scheint die fordistische Standardisierung der Lebensweisen aufgebrochen; nicht mehr geht es um die „Verteilung des kollektiven Konsums“, sondern um die Realisierung individualistischer Interessen. Als Kollektiv formiert sich diese „Bewegung“ nur noch als <em>‚angry middleclass‘</em>, die sich neuerdings als „Präkariat“ stilisiert. Ihr politisches Programm ist ein konfuses, plakatives Gemenge aus Meinungen, Populismus und Propaganda, wobei sowohl alte Themen wie „Mietpreise“ und „Yuppisierung“ vertreten sind, als auch neue Themen wie „Schutz“, „Sicherheit“, oder reaktionäre Abbiegungen in die Drogen- und Asylpolitik.</p>
<p>In verschiedenen Stufen sowohl arrivierter als auch marginalisierter Viertel-Bewohner stellt sich mittlerweile das Leben in der Schanze als disparates demografisches Gemenge dar: drastisch ausgedrückt leben hier Modernisierungsverlierer und Postmodernisierungsgewinner zusammen, und dies nur unter der Regie einer Art Burgfrieden, mit dem diverse Widerstände, Anomalien, Unruhen und Delinquenzen verdeckt werden. Anders gesagt: Gentrification vollzieht sich gegenwärtig als ein Mehrfrontengefecht, wobei die Hauptkampflinien, die immer noch dem schematischen Muster „‚Wir‘ versus ‚die anderen‘“ organisiert sind, mehrfach mitten durch das Viertel verlaufen; gleichwohl können diese Konflikte durch die Gentrifizierung selbst strategisch als Elemente einer „Erlebniswelt“ abgefedert werden, von der die „linke Szene“ (oder was sich als solche geriert) mittlerweile ein integraler Bestandteil ist. Die groteske Wendung besteht darin, dass schließlich die Gentrifizierung selbst als „weicher Standortfaktor“ erscheint…</p>
<h4>Krise der Stadt<br />
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<p>„Die größte revolutionäre Idee über den Urbanismus ist selbst weder urbanistisch noch technologisch oder ästhetisch. Es ist die Entscheidung, den Raum nach den Bedürfnissen der Macht der Arbeiterräte, der <em>anti-staatlichen Diktatur</em> des Proletariats, des vollstreckbaren Dialogs vollständig wiederaufzubauen. Und die Macht der Räte, die nur wirklich sein kann, wenn sie die Totalität der bestehenden Bedingungen verändert, wird sich, wenn sie anerkannt werden will und <em>sich selbst</em> in ihrer Welt wieder <em>anerkennen </em>will, keine geringere Aufgabe stellen können“, schreibt Guy Debord (Die Gesellschaft des Spektakels, Abs. 179).</p>
<p>In der Krise der Städte manifestiert sich die Krise der kapitalistischen Gesellschaft. Ihren konkreten Ausdruck findet die Krise in den Wirklichkeiten der urbanen Lebensweise; und dies nicht einfach nur in einer Veränderung der kulturellen Ansprüche der Stadtbewohner an „ihre“ Stadt, „ihr“ Viertel, „ihre“ Siedlung, „ihre“ Straße oder schließlich „ihr“ Haus und „ihre Wohnung“, sondern überhaupt in einer Kulturalisierung der subjektiven Selbstverortung (die gleichwohl in die Selbstautorisierung und Authentifizierung der eigenen Viertel-Identität unmittelbar zurückschlägt). </p>
<p>Im Zuge dieser Dynamik zwischen <em>urbanisiertem Individualismus </em>und <em>individualisiertem Urbanismus</em> wird „das Soziale“ zum Teil in „das Kulturelle“ übersetzt, zum Teil auch vom „Kulturellen“ überlagert. Trotz der sich eklatant und brutal vermehrenden sozialen Miseren in den letzten Jahrzehnten (Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Zusammenbruch des Sozialsystems, i.e. Renten- und Krankenversicherung, rapide steigende Lebenshaltungskosten, Verschuldung und Privatinsolvenzen, Obdachlosigkeit etc.), scheint sich das Augenmerk in Bezug auf die Sicherung der eigenen Situation selbst in den so genannten Problemvierteln immer mehr auf periphere und temporäre „kulturelle“ Angebote zu beziehen. Das ist Ideologie, die allerdings gerade durch die Selbstinszenierungen einer so genannten Kulturlinken gewissermaßen „vorgelebt“ wird: Unter der Parole, dass das Private das Politische ist, wurde im Verlauf der neunziger Jahre das Politische privatisiert. Heute meint selbst in den Resten einer ‚politischen Linken‘ „Politik“ nicht mehr eine Gesamtheit gesellschaftlicher Aktivitäten; statt dessen wird „Politik“ von gesellschaftlichen Themenfeldern abgetrennt und rückt in den Nahbereich des Lebensumfeldes und privater Interessen, oder wird gänzlich aus dem eigenen Handlungsbereich ausgelagert.</p>
<p>Gerade in der Zeit, in der soziale Probleme im urbanen Raum massiv und für alle sichtbar in Erscheinung treten, konzentriert man sich in der Beschäftigung mit dem urbanen Raum als (eigenes) Lebensumfeld vorrangig, wenn nicht ausschließlich mit isolierten kulturellen Phänomenen. Auffällig zudem, in welchem Maße die heute sich Engagierenden ohne Beziehungen zueinander operieren und Auseinandersetzungen auch auf einzelne Stadtteile oder sogar Straßenzüge isoliert bleiben. Selbst die Kritik der Gentrifizierung orientiert sich nicht mehr am ganzen Viertel oder gar an einer Kontextualisierung der betreffenden Vierteln mit anderen Vierteln oder der Gesamtstadt, sondern konzentriert sich auf einige wenige, repräsentative, eher symbolisch als für die urbane Struktur bedeutsame Gebäude und Bauvorhaben.</p>
<p>So war im Schanzenviertel das Wasserturm-Hotel (Schanzenpark) das einzige Bauprojekt, an dem sich Widerstand entzündete; nahezu alle übrigen Baumaßnahmen, Sanierungen wie Neubau, konnten ohne jedweden faktischen Protest durchgeführt werden, das betrifft sowohl den riesigen Messe-Komplex als auch die Neubauten im Schulterblatt, die mit ihren Fassaden mittlerweile den architektonischen Charakter der Straße vollkommen verändert haben. Themen wie Umweltschutz, Infrastruktur-Angebote (Kindergärten, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten etc.), Mieten scheinen sich in den Partikularismus einer individualisierten Interessenverteidigung verschoben zu haben; an ihnen entzünden sich nur noch punktuelle (zeitliche wie räumliche) Defensivkonflikte. Was darüber hinaus im städtischen Bereich noch an explizit oder implizit urbanen Bewegungen übrig geblieben ist, oder vielleicht auch deklariert, sich als Bewegung neu zu formieren (man denke an den Euromayday und die dem einhergehende Präkarisierungsdebatte) unterliegt einem Zustand der Starre, wenn nicht Paralyse. </p>
<h4>
Radikalität als Ritual<br />
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<p>Entscheidend für die Gentrification genannten Prozesse ist nicht nur eine „Aufwertung“ des betreffenden Viertels durch neue Bewohnergruppen, die bereit sind höhere Mieten zu zahlen und die ihre Identifikation mit dem Viertel mit neuen Codes permanent demonstrieren, die eben durch solche – sei’s auch<em> </em>unbewussten Strategien „einkommensschwache“ Bewohner verdrängen; entscheidend ist auch der politisch-ökonomische Eingriff in das Viertelleben, nämlich die Übernahme von staatlichen und marktwirtschaftlichen Funktionen und Posten. Es werden Läden und Kneipen eröffnet, Waren verkauft, und zum Teil die Verfolgung und sogar Bestrafung von Regelverstößen in Eigenregie in die Hand genommen (Diebstahl unter Freunden, inakzeptables Verhalten bei Partys, sexuelle Übergriffe etc.). „Linke“ verhalten sich hierbei in Bezug auf die Gentrification nicht anders als Yuppies. Das Ganze erinnert an die amerikanische Siedlerbewegung, an mafiotische Dorfstrukturen, an autarke Zonen, wie es sie in einigen der brasilianischen Favelas oder in Christiania in Kopenhagen gibt; tatsächlich tendierten das Schanzenviertel oder das Karoviertel im Zuge der Gentrifizierungsprozesse in den neunziger Jahren zur politisch-ökonomischen Abschottung und – scheinbaren – Selbstversorgung sowie -verwaltung. (In St. Pauli war das deshalb anders, weil es erst Ende der Neunziger langsam gelang, in der von der Sex- und Unterhaltungsbranche dominierten Ökonomie Fuß zu fassen – man wohnte hier und hatte seine zwei, drei Kneipen, die man sich aber mit einem Publikum teilte, das in diesem Viertel sich nur vergnügen, nicht wohnen wollte.)</p>
<p>Die als legitim verteidigte Präsenz im Viertel, mit der sich die Gentrifizierer der endachtziger und neunziger Jahre mit den „alteingesessenen“ Bewohnern gemein machen wollten („Das ist unser Viertel“), erforderte einen Pragmatismus, der einerseits eine soziale, politische und ökonomische Sicherung der eigenen Position bedeutete (Hafenstraße, Rote Flora…), der andererseits aber zulasten der politischen Radikalität ging: Eine grundsätzliche antikapitalistische Praxis war mit der kulturellen, sich mit dem Viertel ständig identifizierenden Praxis nicht auf Dauer vereinbar. Von der politischen Radikalität bleiben Rituale und Mythen übrig.</p>
<p>Zur selben Zeit – im Zuge der Etablierung des Postfordismus – zog sich der Staat immer weiter aus der Stadtpolitik zurück; zu den Forderungen eines autonomen Viertellebens passend, war tatsächlich in den neunziger Jahren die Polizei im Alltag kaum noch präsent. Dafür kehrte sie aber mit der zweiten Gentrifizierungswelle umso hemmungsloser zurück und prägt durch Patrouillen das Straßenbild wie nie zuvor. </p>
<p>Überhaupt finden sich in der jetzigen Gentrifizierung im Vergleich zu den neunziger Jahren drastische Unterschiede. Die mit dem bestimmten, „angesagten“ Vierteln verbundene Idee des urbanen Lebensstils ist mittlerweile vollständig kulturalisiert; die ehedem noch erkennbare Klassenstruktur ist im Zuge dessen gänzlich nivelliert worden. Auch hierbei fällt noch einmal ins Gewicht, dass es zum Beispiel keine kollektive Praxis in Bezug auf Mieterinteressen gibt. War die Gentrifizierung in den neunziger Jahren noch offensiv an der Idee neuer und alternativer Lebensformen orientiert (Hausgemeinschaft, WG, Singledasein als bewusste Entscheidung gegen die Familie etc.), so ist das Wohnen, wie die gesellschaftliche Ideologie es auch allenthalben propagiert, wieder auf den potenziellen Kleinfamilienhaushalt ausgerichtet. </p>
<p>Die WG als alternative Lebensform wird zur reinen Zweckform, ist nicht der Antizipationsversuch einer gesellschaftlichen Utopie, sondern Übergangslösung. Zugleich wird die Architektur der WGs als großzügig geschnittene Altbauwohnung mit Holzfußboden, weitläufigem Flur, hohen Decken, Stuck und geräumiger Küche zur Privatutopie; man muss als Student mit der konkreten Wohnsituation in der WG im Schanzenviertel nicht zufrieden sein, um doch die Räume, in denen man lebt, zum Teil der kulturellen Identität zu machen und sogar zum Schlüssel eines Lebensstils, der sich identifikatorisch eben auf den Satz „Ich wohne in meinem Viertel“ zusammenziehen lässt. WG- oder Single-Haushalte existieren nicht mehr als eigenständige Form (der <em>Junggeselle</em>, der Yuppie etc.), sondern als Übergang, als Derivat einer noch zu gründenden Familie. Ebenso werden Einzelpersonen, die mit (ihren) Kindern zusammenleben, als alleinerziehende Mütter oder Väter geführt. In jedem Fall heißt das Ziel nicht Kommune, sondern Familie, und sei es wenigstens eine Patchwork-Familie. </p>
<p>Auch die Gentrifizierung der achtziger und neunziger Jahre war schon von der postfordistischen Stadt bestimmt: Während für die fordistische Stadt noch eine klare Trennung von Arbeiten, Wohnen und Freizeit signifikant war, überlagern sich in der postfordistischen Stadt diese Bereiche – gerade in den von der Gentrifizierung betroffenen Stadtteilen, wie es sich anschaulich an der Situation des Schanzenviertels während der Hochzeit der New Economy nachvollziehen lässt. Mit der gegenwärtigen Stufe der Gentrifizierung bricht diese (ideale) Einheit von Wohnen, Arbeiten und Freizeit wieder auseinander; mehr noch: Freizeit tritt in den Vordergrund, Wohnen und Arbeiten werden scheinbar zu Funktionen eines vollkommen auf Unterhaltung ausgerichteten Lebens. Dadurch wird die Gentrifizierung aber nicht nur ausschließlich von den neuen Bewohnergruppen vorangetrieben, sondern vor allem von spaßorientierten Besuchergruppen, die durch ihr regelmäßiges Auftreten im Stadtteil aber ebenso wie die Bewohner eine kulturelle Identität mit „ihrem Viertel“ behaupten können. Auch dadurch kommt es zu Vertreibungen, allerdings nicht aus sozialen oder ökonomischen Gründen, sondern aus kulturellen. </p>
<p>Wir gehen davon aus, dass der Begriff Gentrification nur Ausgangspunkt einer kritischen Theorie sein kann, die sich auf den Zusammenhang von Kapitalismus und urbanen Veränderungen richtet, und die zugleich notwendige Grundlage einer erst noch zu situierenden radikalen Praxis ist. „Stadt“ ist keineswegs eine vorgegebene Raumordnung, in der sich das Profitmotiv realisiert, sondern eine Matrix, die durch die Logik kapitalistischer Wertvergesellschaftung überhaupt erzeugt wird.</p>
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		<title>Von Mieterrevolten zum freien Markt</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ricky</dc:creator>
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<h3>Stadtentwicklung und Mietrecht in Wien. Ein Abriss<br />
</h3>
<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Günter Schneider</em><span id="more-5531"></span></p>
<p>Am 7.11.1911 versammeln sich etwa 2000 Demonstrant/inn/en vor dem Haus Herthergasse 26 in Meidling, um gegen ungerechtfertigte Kündigungen zu protestieren. „Die Menge warf Steine gegen das Haus, und einige Fensterscheiben wurden durch Steinwürfe zertrümmert“, schreibt die Arbeiterzeitung. Die Sicherheitswache löst die Versammlung gewaltsam auf. Aber auch an den nächsten zwei Tagen kommen jeweils an die 1200 Personen, um ihren Unmut über die Willkür der Hausherren kundzutun. Solche Mieterrevolten und auch Mieterstreiks waren um 1910 in Wien und Budapest, den Hauptstädten der österreichisch-ungarischen Monarchie, an der Tagesordnung. Das damals für Mietwohnungen gültige Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (ABGB) sicherte den Hausherren Vertragsfreiheit zu. So konnten innerhalb kurzer Zeit Kündigungen und Mietzinserhöhungen ohne Begründung ausgesprochen werden.</p>
<h4>Mieterschutz und Rotes Wien<br />
</h4>
<p> Im Jänner 1917 erließ das österreichische Gesamtministerium die erste Mieterschutzverordnung, sozusagen eine Vorläuferin des Mietengesetzes. Grund dafür war die Angst, dass in den schlechter werdenden Zeiten des 1. Weltkriegs die Mieterproteste noch stärker werden. Es sollte damit im Hinterland Ruhe geschaffen werden. Weitere Verordnungen folgten im Jänner und Oktober 1918. Alle enthielten neben dem Verbot einer nicht gerechtfertigten Erhöhung des Mietzinses Bestimmungen, die das freie Kündigungsrecht des Vermieters auf wichtige Gründe einschränkten. Erst im Jahr 1922 wurden diese Verordnungen vom Mietengesetz abgelöst, das von da an über die Zeit der Ersten Republik, des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus hinaus bis 1981 gültig war. </p>
<p>Das Mietengesetz regelte den Markt mehr oder weniger restriktiv. Auf der anderen Seite stellte die öffentliche Hand billigen Wohnraum durch den sozialen Wohnbau zur Verfügung (Gemeindebau im Roten Wien). Für das private Kapital war es dadurch alles in allem wenig lukrativ, in den Wohnungsbau zu investieren. Trotz der Aufhebung der Mietzinsobergrenzen (Friedenskronenzins) durch die ÖVP-Alleinregierung ab Jänner 1968 kam es zu keinem drastischen Anstieg der Wohnungspreise in Österreich. Erst Mitte der 80er Jahre wurde der Immobiliensektor für die Anleger interessant – ausgelöst durch weitere Lockerungen in der Mietengesetzgebung, vor allem durch das Mietrechtsgesetz (MRG) von 1982 und die Freigabe der Kategorie A aus den damals gültigen Mietzinsobergrenzen ab 1986.</p>
<p>Die strengen Regelungen des Mietengesetzes waren auch maßgeblich daran beteiligt, dass die Wiener Stadtstruktur bis Anfang der 1980er Jahre mehr oder weniger stabil geblieben ist. Sie bremsten Polarisierungs- und Entflechtungstendenzen der Bevölkerung und städtischen Funktionen und verhinderten die Bildung regelrechter Slums. Diese positive Wirkung erkannte der leider viel zu früh verstorbene Stadtplaner Willi Kainrath 1982 in der Österreichischen Zeitschrift für Politikwissenschaft (82/4) ausdrücklich und sah sie im Angesicht des neu in Kraft getretenen Mietrechtsgesetzes zu Recht als gefährdet an.</p>
<h4>
Der Abriss&#8230;<br />
</h4>
<p> In den letzten 25 Jahren blieb denn auch mit der Liberalisierung des Mietrechts im Wohnungssektor kein Stein auf dem anderen, sowohl den Wohnungsmarkt als auch die Stadtentwicklung betreffend. Die Mietpreise haben sich vervielfacht, der Wohnungsaufwand beträgt heute oft mehr als die Hälfte des Familieneinkommens. Die Stadt hat sich durch soziale Entflechtung und Bildung von Ausländergettos gravierend verändert. </p>
<p>Die Mietengesetzgebung, die gerade in Wien durch seinen großen Althausbestand von etwa noch 35.000 Gründerzeithäusern – „Neu“bauten ab 1945 sind von den meisten Bestimmungen ausgenommen – von größter Bedeutung ist, fußt auf drei tragenden Säulen: dem Kündigungsschutz, den Mietzinsregelungen und der Erhaltungspflicht der Häuser durch die Hauseigentümer. Dazu kommt noch ein Rechtsinstrumentarium, das den Mieter/innen auch die Möglichkeit der Durchsetzung ihrer Rechte gibt.</p>
<p>Nur im Zusammenwirken aller dieser Punkte ist Mieterschutz gewährleistet, soweit dieses überhaupt durch Gesetze bzw. Gerichte möglich ist. Gibt es keinen Kündigungsschutz, sind Mietzinsbegrenzungen sinnlos, denn die Mieter/innen sind bei einem etwaigen Gang zum Gericht der Gefahr der Kündigung ausgesetzt. Gibt es keine Mietzinsbegrenzungen, ist der Kündigungsschutz unnötig, da sich die Wohnungssuchenden die Wohnungen nicht leisten können. Gibt es schließlich keine Erhaltungspflicht, sind beide anderen Bestimmungen überflüssig, denn die Häuser brechen über den Köpfen der Mieter/innen zusammen, was ja in der Realität auch tatsächlich manchmal passiert. Und wird das Rechtsinstrumentarium unbrauchbar, nützt das ganze Mietrecht nichts, denn es ist nicht durchsetzbar.</p>
<p>Erster großer Einschnitt im Prozess der Liberalisierung und marktgerechten Zurichtung des Mietrechts war 1986 die Herausnahme der Kategorie-A-Wohnungen aus der Mietzinsbegrenzung. Der darauffolgenden Entwicklung, dass binnen weniger Jahre fast nur mehr teure A-Wohnungen am Markt zu finden waren, sollte mit der Einführung des Richtwert-Mietzinses ab 1994 begegnet werden. Dieser Zins, ein Mittelding zwischen Kategorie- und Marktmiete, bewirkte, dass bis heute das Mietenniveau in Wien auf Werte bis 12,44 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete (Hauptmietzins + Betriebskosten + Steuer) gestiegen ist. Sogar bei den durch die Stadt Wien geförderten Sanierungen sind oft Mietpreise über 10 Euro pro Quadratmeter üblich. Der Gemeindewohnungsbau wurde bereits vor Jahren eingestellt. Auch das Steuerungsinstrument der weit niedrigeren Mieten für die Gemeindewohnungen wurde von der Stadtverwaltung dadurch aus der Hand gegeben, dass jene bei Wiedervermietung an den privaten Sektor angeglichen wurden.</p>
<p>Die Kündigungsbestimmungen wurden zwar nicht aufgehoben oder reduziert, sind aber nur für Mieter/innen mit einem unbefristeten Mietvertrag wirksam. Mit dem ab März 1994 in Kraft getretenen 3. Wohnrechtsänderungsgesetz wurde jedoch der befristete Mietvertrag eingeführt. Mit einer Mindestdauer von drei Jahren kann ein Mietvertrag mittlerweile beliebig oft verlängert werden. Damit werden die Mieter/innen natürlich genötigt, sich unauffällig zu verhalten. Streben sie z.B. eine gerichtliche Überprüfung des Mietzinses an, ist eine Verlängerung des Mietvertrages praktisch ausgeschlossen. Einer Studie nach wurden im Jahr 2002 nahezu 40 Prozent aller neuen Mietverträge befristet abgeschlossen. Viele, vor allem Zuwanderer/innen, sind daher gezwungen, Nomaden gleich, alle paar Jahre umzuziehen. Erst in den letzten Jahren hat sich diese Situation durch den Zugang von Ausländer/innen zu Gemeindewohnungen etwas entspannt.</p>
<p>Auch Verfahren wegen notwendiger Erhaltungsarbeiten (etwa Reparatur von Fenstern) sind bei befristeten Mietverträgen sinnlos. Die Vermieterseite kann durch den gesetzlich vorgesehenen Instanzenzug das Verfahren in den meisten Fällen hinauszögern, bis der Vertrag ausläuft. Die Langsamkeit der Gerichte tut ihr Übriges.</p>
<p>Und schließlich wurde es den Mieter/innen in den letzten Jahren erschwert, ihre Rechte gerichtlich durchzusetzen. Im Jahr 2005 wurde nämlich das Gesetz derart geändert, dass die Mieter/innen im Fall, dass das Verfahren verloren wird, einen Kostenersatz für Vertretungskosten an die Vermieterseite zu zahlen haben. Da sich Vermieter mehrheitlich von Anwälten vertreten lassen, ist somit für antragstellende Mieter/innen ein großes Kostenrisiko gegeben, das natürlich viele davon abhält, zu Gericht zu gehen. Auch mit erhöhten Gebühren und sonstigen Gesetzesänderungen wird der Zugang zum Recht erschwert bzw. beschränkt. Die Anzahl der Mietenprozesse ist daher deutlich gesunken.</p>
<p>Dazu kommt noch, dass sich Mietervertreter/innen, Schlichtungsstellen, Gerichte etc. mittlerweile mit einem Gesetz herumzuschlagen haben, das immer weniger in der Lage ist, die Materie der Vermietung von Wohnraum zu regeln. Klare Bestimmungen werden vom Gesetzgeber zunehmend vermieden, Entscheidungen, die eigentlich die Politik treffen sollte, etwa die Festsetzung der Höhe des Mietzinses, werden den Gerichten bzw. „unabhängigen“ Sachverständigen, die ausschließlich aus dem Bereich der Immobilienwirtschaft kommen, überlassen.</p>
<h4>
&#8230;und die Folgen<br />
</h4>
<p> Alles im allem hat sich die Wiener Stadtstruktur durch diese Entwicklungen zum Nachteil für die Bewohner/innen geändert. Die ab Mitte der 70er Jahre vor allem aus Jugoslawien und der Türkei zugewanderten Arbeiter/innen hatten lange Jahre keinen Zugang zu den Gemeindebauten. Sie haben sich daher nicht über das Stadtgebiet verteilt, was ihre Integration hätte fördern können, sondern haben sich großteils in den Gründerzeitvierteln außerhalb des Gürtels angesiedelt. Dort waren genügend schlecht ausgestattete Wohnungen vorhanden, die – meist nach Bezahlung einer saftigen Ablöse – um eine halbwegs erschwingliche Miete zu haben waren bzw. auch nicht gesetzeskonform Eingewanderten als Unterschlupf gegen oft enormen Aufpreis zur Verfügung standen. Hauptsächlich betroffen hievon waren und sind noch (Inner)Favoriten, Rudolfsheim/Fünfhaus, Ottakring und die Brigittenau, wo Spekulanten ihre Mieter/innen auspressen und zugleich kaum in die Häuser investieren.</p>
<p>Auch die Infrastruktur leidet in diesen Grätzln. Wettkaffees, Imbissshops und Billigläden herrschen im Straßenbild vor. Geschäfte, Wirtshäuser und Gewerbebetriebe sperren immer häufiger zu, sind zum Teil fast verschwunden. Auf der anderen Seite entsteht durch den Bauboom an den Stadträndern ein Einkaufszentrum und Bürobau nach dem anderen. Die Entflechtung städtischer Funktionen ist weit vorangeschritten, wodurch auch der Verkehr stark angestiegen ist. Maßnahmen zur Beseitigung dieser Entwicklung werden kaum ergriffen. Wenigstens zum Teil wird diese allerdings durch Neugründungen von Geschäften und Handwerksbetrieben durch die Zuwanderer und deren Nachkommen gemildert.</p>
<p>Vielleicht kommt aber auch anderes wieder in Gang. Junge Leute fangen mit Hausbesetzungen an, um darauf hinzuweisen, dass der Wohnungsmarkt für sie und eine andere Art zu leben als in der Welt von Geld und Arbeit vorgesehen keinen Raum bietet. Zuletzt wurde z.B. eine alte Schule, die als Amtshaus in einer Fernsehsatire bekannt wurde, besetzt. Diese Aktion wurde freilich genauso wie die Mieterrevolten vor 100 Jahren von der Polizei zunächst einmal gewaltsam beendet. </p>
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		<title>1&#215;1 für ein Hausprojekt</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:52:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wohnen]]></category>
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<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/Hausprojekt1mal1.pdf">Text</a></p>
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		<title>Sonderbare Sonderware</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 10:51:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
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		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
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<h3>Zur Politischen Ökonomie des Wohnens</h3>
<p>Streifzüge 47/2009</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-5687"></span></p>
<p><em>Wohnungen müssen nicht bloß da sein, sie müssen auch jemanden gehören, also Eigentum sein: Ware auf dem und für den Immobilienmarkt. </em></p>
<p>Wohnungen, wie könnte es im Kapitalismus anders sein, haben einen Preis, wobei dieser Marktpreis hierzulande einigen restriktiven gesetzlichen Beschränkungen und Auflagen unterworfen ist. Darüber hinaus sind die modernen Haushalte zwangsweise an den Markt angeschlossen, man denke an die Versorgung von Gas, Strom, Wasser oder die Entsorgung von Müll und Abwasser. Die Wohnung ist eine Markteinheit, unabhängig davon, ob ihre Bewohner einer solchen zugehörig sein wollen oder nicht. </p>
<p><strong>Preis statt Menschenrecht</strong></p>
<p>Wohnen ist zwar ein Grundbedürfnis, aber es ist kein Grundrecht. Wer nicht zahlen kann, fliegt raus oder steht ohne Wohnung da. Obdachlosigkeit ist eine schwere Strafe, sie führt aufgrund der rest- wie rastlosen Auslieferung an die Unwirtlichkeiten des öffentlichen Sektors und der zivilen Gesellschaft zu individueller Desorganisation.<br />
Wohnen im Kapitalismus ist somit keine Selbstverständlichkeit, es verwirklicht sich nur über ein bürgerliches Rechtsverhältnis, einen Miet- oder Kaufvertrag. Jedes Wohnrecht ist der Zahlungspflicht untergeordnet. Das gilt übrigens auch für andere Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, Kleiden. Sie sind den ideellen Menschenrechten (Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Religionsfreiheit) nicht gleich gestellt, werden von den bürgerlichen Gesellschaften nicht garantiert, sondern haben sich über den Markt zu realisieren. Wohnungsinhaber müssen Wohnungseigentümer oder Wohnungsmieter sein, so die Regel, oder von den beiden Letzteren als Bewohner geduldet werden, so die Ausnahmen.</p>
<p>Der Preis der Häuser und Wohnungen rührt aus dem Wert zweier unterschiedlicher Revenuen, einmal aus dem Kapital (die erbaute Wohneinheit) und einmal aus der Grundrente (das Land, auf dem es steht). „Der Verkauf einer Ware besteht bekanntlich darin, dass der Besitzer ihren Gebrauchswert weggibt und ihren Tauschwert einsteckt. Die Gebrauchswerte der Waren unterscheiden sich unter anderem auch darin, dass ihre Konsumtion verschiedene Zeiträume erfordert. Ein Laib Brot wird in einem Tage verzehrt, ein Paar Hosen in einem Jahr verschlissen, ein Haus meinetwegen in hundert Jahren. Bei Waren von langer Verschleißdauer tritt also die Möglichkeit ein, den Gebrauchswert stückweise, jedes Mal auf bestimmte Zeit, zu verkaufen, d.h. ihn zu vermieten. Der stückweise Verkauf realisiert also den Tauschwert nur nach und nach; für diesen Verzicht auf sofortige Rückzahlung des vorgeschossenen Kapitals und des darauf erworbenen Profits wird der Verkäufer entschädigt durch einen Preisaufschlag, eine Verzinsung, deren Höhe durch die Gesetze der politischen Ökonomie, durchaus nicht willkürlich, bestimmt wird. Am Ende der hundert Jahre ist das Haus aufgebraucht, verschlissen, unbewohnbar geworden. Wenn wir dann von dem gezahlten Gesamtmietbetrag abziehen: 1. die Grundrente nebst der etwaigen Steigerung, die sie während der Zeit erfahren, und 2. die ausgelegten laufenden Reparaturkosten, so werden wir finden, dass der Rest im Durchschnitt sich zusammensetzt: 1. aus dem ursprünglichen Baukapital des Hauses, 2. aus dem Profit darauf, und 3. aus der Verzinsung des nach und nach fällig gewordenen Kapitals und Profit.“ (Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage (1872), MEW 18:270)</p>
<p><strong>Ökonomie der Mieten</strong></p>
<p>Im Kauf wird das Vertragsverhältnis durch einen Akt eingelöst. Der Abschluss setzt diesem Vertragsverhältnis ein Ende, die Ware Wohnung oder Haus wird übergeben. Was der Käufer mit der Ware tut, geht den Verkäufer gar nichts mehr an. Bei der Miete hingegen setzt der Abschluss das Vertragsverhältnis erst in Gang. Mieter und Vermieter binden sich aneinander, gerade weil die Ware nicht den Eigentümer wechselt, sondern bloß Nutzungsrechte auf Zeit den Besitzer wechseln. Der Mieter ist daher dem Vermieter jedes Monat den Zins schuldig. Bei der Miete wird eine Zeit in einem Raum verkauft, ohne dass der Raum verkauft wird. Was der Mieter mit dem Raum in dieser Zeit macht, ist aber nicht ganz seiner Autonomie überlassen. Vermietung ist Verkauf ohne Entledigung, Besitzer und Nutzer fallen auseinander.</p>
<p>Der Mieter zahlt den Vermieter, ist also Käufer einer Ware, ohne zu deren Eigentümer zu werden. Der Vermieter erhält Geld, weil er Teile seiner Verfügung per Vollmacht auf Zeit begrenzt entäußert. Der Arbeiter hingegen verkauft eine Ware. Seine Ware, die Arbeitskraft wird am Arbeitsmarkt nachgefragt und angekauft. Ökonomisch betrachtet sind so der Mietgegenstand und die Arbeitskraft das zu Veräußernde, während die Wohnung und die Arbeit das Anzueignende sind. Der Mietgegenstand ist im Wesentlichen tote Arbeit, die Arbeitskraft hingegen produziert lebendige Arbeit.</p>
<p>Zur Konkretion: Bei der Lohnarbeit wird Zeit für die Anwendung der Arbeitskraft verkauft, ohne dass der Lohnarbeiter verkauft wird. Was der Käufer in dieser Zeit mit der Arbeitskraft macht, bleibt auch ihm überlassen. Im Gegensatz zur Vermietung ist das aber kein Zeitkauf eines fertigen Produktes, sondern der Zeitkauf einer abzuschöpfenden Potenz.</p>
<p>Dass Lohnarbeiter zu Kapitalisten sich anders verhalten als Mieter zu Hausherrn, wusste schon Friedrich Engels: „Der Arbeiter, ob seine Arbeit vom Kapitalisten unter, über oder zu ihrem Wert bezahlt wird, wird immer um einen Teil seines Arbeitsprodukts geprellt; der Mieter nur dann, wenn er die Wohnung über ihren Wert bezahlen muss. Es ist also eine totale Verdrehung des Verhältnisses zwischen Mieter und Vermieter, es mit dem zwischen Arbeiter und Kapitalisten gleichstellen zu wollen. Im Gegenteil, wir haben es mit einem ganz gewöhnlichen Warengeschäft zwischen zwei Bürgern zu tun, und dies Geschäft wickelt sich ab nach den ökonomischen Gesetzen, die den Warenverkauf überhaupt regeln, und speziell den Verkauf der Ware: Grundbesitz.“ (MEW 18:216)</p>
<p>Das Wohnrecht trägt diesen komplexen Verhältnissen auf unterschiedliche Weise Rechnung. Einerseits sind Mieter gegenüber öffentlichen Ämtern und Institutionen weitgehend rechtlos, da sie über keinen Eigentumstitel verfügen, somit also einen inferioren Rechtsstatus genießen. Auch heute gilt noch, was Wilhelm Kainrath einstens festgehalten hat: „So war es schon bisher. Im gesamten Baurecht sind nur die Grund- und Hauseigentümer Gesprächspartner der Behörde.“ Und er zitiert gleich anschließend eine Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes vom 23. November 1911‚ die da lautet: „Weder durch die Beziehung zur Verhandlung noch durch die Zustellung des Bescheides können dem Mieter Parteirechte entstehen.“ (<em>Neues FORVM</em>, Heft 219, März 1972, S. 23.) So wie 1911 1972, so wie 1972 2009.</p>
<p>Andererseits müssen wir auch festhalten, dass auf der formal-rechtlichen Ebene Mieter in einigen Punkten besser gestellt sind als Vermieter, z.B. kann der Mieter kündigen ohne Gründe anzuführen, aber nicht gekündigt werden ohne Grund. Ohne diesen Sonderstatus wären die Mieter auch völlig der Willkür der Hausherren ausgeliefert. Ihre Abhängigkeit wäre absolut. Die Markstellung des Erwerbers einer Unterkunft ist in gewisser Hinsicht durchaus vergleichbar mit jener des Verkäufers der Ware Arbeitskraft, auch wenn der eine etwas loswerden will und der andere etwas erwerben möchte. Beider Stellung ist eine Minderstellung, weil die Ware, um die es jeweils geht, eine ist, auf die sie unbedingt angewiesen sind. Dass Mieterschutz notwendig ist, sagt freilich auch alles über die Erbärmlichkeit dieser Marktbeziehung aus, vor allem weil sie Mieter zu infantilen Subjekten erklären muss.</p>
<p><strong>Markt und Staat</strong></p>
<p>Das vorrangige Ziel der Immobilienbranche besteht nicht in der Schaffung von Wohnraum, sondern in der Erzielung und Erhöhung der Renditen. Daher ist es ökonomisch ratsam wie reizvoll, Leute mit niedrigen Mieten aus den Häusern zu drängen, um sie durch Hausparteien zu ersetzen, die oft das Doppelte bis Dreifache berappen und auch noch brav sieben Monatsmieten im Voraus (vier Monatsmieten Kaution, drei Monatsmieten Provision) abliefern. Gerade die Gentrifizierung bestimmter Stadtteile lässt eine aggressive Absiedelungspolitik der Hauseigentümer keimen. „Assanierung bedeutet Vertreibung der ärmsten und kaufschwächsten Bewohner aus dem City-Gebiet“, schrieb Kainrath schon vor mehr als 35 Jahren.“ (Ebenda, S. 24)</p>
<p>Wolfgang Louzek, der Präsident der institutionellen Immobilien-Investoren bringt die Sicht der Branche im Standard vom 22. September 2009 auf den Punkt: „Die Mieter zahlen zu wenig, insbesondere bei Altverträgen und Richtwertmieten“. „Die Lösung wäre, diese ganzen Preisregelungen über Bord zu werfen. Die Mieten muss der Markt regulieren, alles andere führt zu nichts.“ Was den Mann wohl besonders ärgert ist, dass gesetzliche Bestimmungen den Profit hemmen, was sie ja zweifellos tun. Daher fordern Vermieter auch stets die Lockerung oder gar Abschaffung des Mieterschutzes.</p>
<p>„Der Markt regelt sich selbst“, posaunt der Mann allen Ernstes. Aber so wirklich gegen den Staat ist er natürlich nicht, im Gegenteil verlangt er im gleichen Interview, dass die öffentliche Hand via Mietzuschuss sicherstellt, dass sich Wohnungsbedürftige die Wohnungen leisten können. Forsch fordert er damit nichts anderes, als dass die Gewinne der Vermieter durch die Allgemeinheit bezahlt werden. Denn nicht die Mieter werden durch Mietbeihilfen gefördert – diese sind nur ein Durchlaufposten –, sondern die Vermieter. Indirekt gibt Louzek damit zu verstehen, dass der Markt das Wohnbedürfnis überhaupt nicht regeln kann. Unser Marktfanatiker ist gar nicht gegen den Staat, er möchte lediglich, dass die Protektion sich anders positioniert.</p>
<p><strong>Sonderfall Wohnen</strong></p>
<p>Nicht bloß die Miete ist ein Sonderfall, sondern Wohnen als Ware überhaupt. Warum?</p>
<p>Erstens: Wohnraum ist nicht nur eine Ware, sondern auch eine Immobilie, d.h. sie ist fest an einen Ort gebunden. Somit auch ihr Erwerber, d.h. er legt sich mit Kauf oder Miete örtlich fest. Der Käufer holt die Ware nicht zu sich, sondern sich zur Ware. Daraus ergeben sich eine Unmenge von Konsequenzen. Man denke an die vergleichsweise hohen Kosten, die bei Kauf und Anmietung anfallen (Kaufpreis, Kaution, Provision, Vergebührung, Umzugskosten, Ausfallskosten), ebenso die dafür aufgewandten Zeiten und Energien der Übersiedelungen.</p>
<p>Zweitens: Wohnung ist eine langfristige Entscheidung, weil ihr Konsum ein langfristiger ist. Nicht nur der Ort ist gebunden, auch die Zeit. Die Wahl für diese oder jene Wohnung ist eine andere als für diesen oder jenen Wein, dieses oder jenes Waschmittel. Kauf und Anmietung sind somit unabhängig vom Preis eine jeweils eminente Disposition, die weit über die unmittelbare Lebenslage hinauswirkt. Wir treffen damit Verfügungen für Zeiträume, die wir gar nicht kennen. Fehlentscheidungen fallen bei Wohnungen größer ins Gewicht.</p>
<p>Drittens: Das Wohnbedürfnis ist allgemeiner und quasi unbedingter Natur, man kann sich kaum aussuchen, ob man wohnen will oder nicht. Man muss. Dieser Mangel ist existenziell. Diese Not kann also nicht einfach durch andere Bedürfnisse substituiert werden. Gemeinhin werden Wohnungen nicht gesucht, weil man sie will, sondern weil man sie braucht. Die Wohnung ist ein unbedingter Gebrauchswert, der das Kriterium der Unverzichtbarkeit erfüllt. Der Gebrauchswert hat etwas von einer Vorbestimmung, die jede Selbstbestimmung am Markt übersteigt. </p>
<p><strong>Einseitige Konfrontationen</strong></p>
<p>In ihrer Studie „Soziologie des Wohnens“ schreiben Hartmut Häußermann und Walter Siebel, „dass geringe Marktfähigkeit einhergeht mit geringer Kenntnis der eigenen Rechte beziehungsweise größerer Scheu, sie in Anspruch zu nehmen. Zum anderen werden Wohnprozesse dargestellt als Prozesse der Gewöhnung: an zuviel Lärm, steigende Kosten, schlechte Ausstattung und Überbelegung. Diese Gewöhnungseffekte sind ein weiterer Grund für die geringe Konfliktträchtigkeit (&#8230;)“ (S. 292)</p>
<p>Die Hausinhabungen spekulieren zu Recht darauf, dass die Mieter auf Konflikte verzichten, weil diese ihnen einerseits zu mühsam sind, zu viel Zeit und Geld kosten und es sich andererseits oft bloß um geringe Beträge handelt, die sich kumuliert aber für die Vermieter durchaus hochrechnen. Deren Stärke liegt in den atomisierten und ruhiggestellten Mietern. Diese sind nicht nur schlecht organisiert, sie sind meist gar nicht organisiert. Interessenvertretungen erscheinen ihnen als zusätzliche Verursacherinnen von Kosten. So leben Mieter nebeneinander, haben wenig Ahnung voneinander und wollen diese als bürgerliche Subjekte auch gar nicht haben. Die gute und gepflegte Nachbarschaft ist in diesen Zeiten ziemlich sistiert, sowohl aufgrund des ökonomisch dimensionierten Zeitdrucks als auch wegen der mentalen Zurichtung.</p>
<p>Was kümmern mich die anderen? Viele gehen als „souveräne Bürger“ davon aus, dass sie es sich selbst richten können. Die Empörung ist oft groß, doch sie überwindet Passivität und Fatalismus kaum. Die Aufregung bleibt meist in ihr selbst stecken und verpufft ohne Wirkung. Aber auch wenn mündige Bürger auftreten, aufgetakelt mit einem freien Willen und einem Faible für Gerechtigkeit, gleicht dies nicht selten einem Kampf gegen Windmühlen. Dass Mieter gegen Vermieter vorgehen, kommt seltener vor als umgekehrt.</p>
<p>Ein Ungleichgewicht besteht auch darin, dass die Eigentümer und ihre Vertreter an solche Konfrontationen gewöhnt sind. Sie sind an Erfahrungen reich und überlegen, verfügen über bezahlte Angestellte und betreiben die Auseinandersetzung mehr oder weniger professionell. Ihre Geschäftstätigkeiten werden außerdem von den Mietern finanziert. Diese zahlen nicht nur für sich, sondern auch gegen sich. Selbst im Falle einer Niederlage sind die Hausbesitzer und Verwaltungen nicht unmittelbar oder gar persönlich betroffen, sondern lediglich als Geschäftsträger involviert. Emotional hängen sie nicht an einer bestimmten Wohnung. Verlieren Mieter ihre Wohnung, verlieren sie nicht irgendetwas, sie verlieren ihren bisherigen Lebensmittelpunkt.</p>
<p><strong>Ebenenwechsel</strong></p>
<p>Was tun? – Die Analyse der eigenen wie fremden Stärken und Schwächen ist Voraussetzung, um Konfrontationen erfolgreich führen und bestehen zu können. Eine solide Informationssammlung ist unabdingbar: Anzulegen sind Notizen, Vermerke, Tagebücher, Fotos, Dokumentationen aller Art. Kontraproduktiv ist das Versteifen auf irgendeine Art von Gerechtigkeit. Juristische Mittel sind die stumpfesten Waffen. Gerichtliche Auseinandersetzungen kosten Zeit und Nerven, dauern sehr lange, und ihr Ausgang ist oft ungewiss und zufällig. Man solle seine Rechte kennen, man sollte sie aber nicht überschätzen.</p>
<p>Am allerwichtigsten ist der Ebenenwechsel. Dies meint erstens von der Defensive in die Offensive überzugehen, Reagieren durch Agieren zu ersetzen. Zweitens sollte eins selbst die Kampffelder bestimmen, soweit dies möglich ist. Die Gegenseite muss auf ein Terrain gezwungen werden, das nicht ihres ist und wo ihr die ganze Routine wenig nützt. Das erfordert eine planmäßige Vorgangsweise und einen strategischen Mix der Instrumentarien und Methoden. Vor allem das Internet und andere neue Medien bieten da zusätzliche Chancen. Gezielte Subversion und berechnende Multiplizierung der Kontakte sollen eine den Fall zuträgliche spezifische Öffentlichkeit schaffen.</p>
<p>Indes, nur wer Zeit, Möglichkeit, Energie, Courage, Wissen hat, weiters über genügend Kompetenz, Infrastruktur und Netzwerke verfügt, kann das tun. Und man muss das nicht bloß können, man muss es sich auch leisten können. Insofern war unsere <a href="http://www.streifzuege.org/2008/darf-man-kinder-in-einen-vogelkaefig-sperren">Auseinandersetzung mit der Niederösterreichischen Versicherung</a>, unserem Hausbesitzer in der Margaretenstraße recht lehrreich.</p>
<p>Es geht aber nicht darum, den Kohlhaas zu spielen. Der individuelle Kraftakt kann nicht den kollektiven Zusammenschluss der Betroffenen ersetzen, er zeigt aber in Ansätzen an, was möglich sein könnte, käme es zu koordiniertem Auftreten. Alleine wenn Erfahrungen und Informationen weitergegeben werden könnten, wäre das ein großer Fortschritt. Macht funktioniert ja nur, wenn Ohnmacht sie zulässt und somit ermächtigt.</p>
<p>Roger Behrens stellt in seinem Beitrag fest, dass es „keine kollektive Praxis in Bezug auf Mieterinteressen gibt“ (S. 18). Das ist richtig, aber ist es unbedingt zwingend? Wäre es nicht geradezu notwendig, sich auch hier die Frage der Organisierung zu stellen? Ist die Mieterinitiative so abwegig? Könnte man sie nicht einbauen in die Frage nach dem guten Leben? Vermag das Wohnen mehr als individueller Rückzug zu sein, könnte es unter Umständen auch zum gemeinschaftlichen Aufbruch, ja Aufstand beitragen? Welche Wohntypen wären dafür zusätzlich zu inaugurieren?</p>
<p>Die richtigen Fragen müssen, wie so oft, erst gestellt werden. Perspektivisch haben die Schranken zwischen jenen, die noch brav zahlen und jenen, die nicht mehr zahlen können oder wollen, überwunden zu werden. Wie erobern sich welche den Freiraum? Wie bleiben Leute in ihren Wohnungen, ohne dass sie zahlen müssen? Wie gelingt es, Wohnen als auch andere Bedürfnisse aus dem Warenverhältnis zu befreien? – Nicht nur Häuser gilt es zu besetzen, auch das Leben selbst muss besetzt werden.</p>
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