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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2008-43</title>
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		<title>Weltmarktbeben</title>
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		<comments>http://www.streifzuege.org/2008/weltmarktbeben#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:59:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie / Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>
		<category><![CDATA[Trenkle; Norbert]]></category>

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		<description><![CDATA[&#220;ber die tieferliegenden Ursachen der aktuellen Finanzmarktkrise (1. Teil)<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/weltmarktbeben">Weltmarktbeben</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>&Uuml;ber die tieferliegenden Ursachen der aktuellen Finanzmarktkrise (1. Teil)</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>von Norbert Trenkle</em> <span id="more-513"></span></p>
<p>Sp&auml;testens seit der sogenannten &#8220;Kapitalismuskritik&#8221; von Franz M&uuml;ntefering im Jahr 2005 hat sich das Bild der &#8220;Heuschrecke&#8221; allgemein durchgesetzt, um das auszudr&uuml;cken, was ohnehin schon immer in weiten Teilen der &ouml;ffentlichen Meinung als selbstverst&auml;ndlich galt: dass n&auml;mlich &#8220;gierige Finanzinvestoren&#8221; hauptverantwortlich f&uuml;r die aktuellen &ouml;konomischen und sozialen Krisenerscheinungen sein sollen. Insofern konnte die exzessive Verwendung der Heuschrecken-Metapher und der damit verbundenen Assoziationen in der ver.di-Brosch&uuml;re &#8220;Finanzkapitalismus: Geldgier in Reinkultur&#8221; zun&auml;chst nicht verwundern. Umso erfreulicher ist aber, dass sowohl innerhalb wie au&szlig;erhalb der Gewerkschaft heftige Kritik an dieser Brosch&uuml;re artikuliert worden ist und somit eine l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige Debatte in Gang zu kommen scheint. Zur Verteidigung gegen die Kritik haben die AutorInnen der Brosch&uuml;re ein durchaus erhellendes Argument ins Feld gef&uuml;hrt. Sie h&auml;tten &#8211; so schreiben sie in einem in LabourNet ver&ouml;ffentlichten Beitrag<a name="1" href="#a1"><sup>1</sup></a> &#8211; im Vorfeld &uuml;ber die Heuschrecken-Metapher diskutiert, seien dann aber &#8220;zu der &Uuml;berzeugung gelangt, dass man bei dem Thema &#8230; um dieses Bild bzw. diesen Begriff gar nicht herum kommt. &#8230; Umst&auml;ndliche Umschreibungen w&auml;ren ansonsten n&ouml;tig geworden. Letztlich w&auml;re es aber gar nicht zu vermeiden gewesen, dass der Leserin/ dem Leser fr&uuml;her oder sp&auml;ter deutlich wird, dass wir nat&uuml;rlich die vielbeschriebenen , Heuschrecken&#8217; meinen.&#8221;</p>
<p>Erhellend ist dieses Argument deshalb, weil es darauf verweist, dass die Heuschrecken-Metapher keinesfalls eine blo&szlig; oberfl&auml;chliche ideologische Zuschreibung ist, die durch eine andere &#8220;harmlosere&#8221; (also nicht antisemitisch konnotierte) ersetzt werden k&ouml;nnte, sondern sich aus dem Argumentationsgang der Brosch&uuml;re (und &auml;hnlich gelagerter Schriften) durchaus stringent ergibt. Genau hier liegt der Hund begraben. Problematisch ist bereits die in der Brosch&uuml;re vorgelegte &ouml;konomische Analyse oder, genauer gesagt, die Art und Weise der Kritik am Finanzkapital und nicht blo&szlig; der dabei verwendete Bilderkanon, denn dieser passt zu jener wie der Deckel auf den Topf. Selbstverst&auml;ndlich muss Kapitalismuskritik den Zusammenhang zwischen der ungeheuren Aufbl&auml;hung der Finanzm&auml;rkte und der Dynamik der krisenkapitalistischen Globalisierung analysieren und danach fragen, welche praktischen Konsequenzen sich f&uuml;r soziale Bewegungen und Gewerkschaften daraus ergeben. Die entscheidende Frage aber ist, worin dieser Zusammenhang besteht. Der folgende Text will einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage leisten, der angesichts der immer bedrohlicheren Krise an den internationalen Finanzm&auml;rkten zus&auml;tzliche Brisanz zukommt. Die aktuelle Krise an den internationalen Finanzm&auml;rkten, die sich zu einer veritablen Weltmarktkrise auszuwachsen droht, wird von fast allen Kommentatoren und Wirtschaftsexperten auf die ungehemmte Entfesselung der Spekulation vor allem in den USA zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Im Schussfeld stehen dementsprechend die Banken und Investmentfonds als Hauptakteure dieser Spekulation, aber auch die Regierungen und Zentralbanken (allen voran die US-Regierung und die Federal Reserve), die diese Entwicklung erm&ouml;glicht und gef&ouml;rdert h&auml;tten. Es f&uuml;hlen sich jetzt alle jene best&auml;tigt, die schon seit Jahren in der Entfesselung und Verselbstst&auml;ndigung der Spekulation die wichtigste Ursache aller aktuellen &ouml;konomischen und sozialen Verwerfungen wie Massenarbeitslosigkeit, Lohndr&uuml;ckerei, versch&auml;rfter Standortkonkurrenz und Abriss der Sozialsysteme sehen und als Schl&uuml;ssel f&uuml;r die L&ouml;sung dieser Probleme eine Regulation und Kontrolle der Finanzm&auml;rkte propagieren.</p>
<p>Nun k&ouml;nnte es bei oberfl&auml;chlicher Betrachtung tats&auml;chlich so erscheinen, als gehe der zunehmende &ouml;konomische Druck auf die gesamte Gesellschaft urs&auml;chlich von den Finanzm&auml;rkten aus. Wer wollte leugnen, dass diese in einem historisch einzigartigen Ma&szlig;e an Gewicht gewonnen haben und starken Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung nehmen? Liegt es da nicht nahe, sie als Hauptschuldige f&uuml;r die gesellschaftliche Misere zu identifizieren? Doch die Polemik gegen Hedgefonds, Private-Equity-Fonds und andere Finanzmarktakteure (unter Verwendung ideologisch brandgef&auml;hrlicher Bilder wie &#8220;Heuschrecken&#8221; und &#8220;Blutsauger&#8221;)<a name="2" href="#a2"><sup>2</sup></a> findet nicht nur deshalb ein so starkes Echo in der &Ouml;ffentlichkeit, weil sie den Schein der Oberfl&auml;che widerspiegelt. Dar&uuml;ber hinaus kann sie sich auf ein verbreitetes Vorverst&auml;ndnis st&uuml;tzen, wonach das Finanzkapital, die Banken und &#8220;die Spekulanten&#8221; ohnehin f&uuml;r die meisten &Uuml;bel des Kapitalismus verantwortlich gemacht werden, weil sie angeblich auf Kosten der &#8220;ehrlichen Arbeit&#8221; und des &#8220;produktiven Unternehmertums&#8221; ihre Gewinne einfahren, ohne daf&uuml;r einen Finger krumm zu machen. Dementsprechend wird stets die &#8220;uners&auml;ttliche Gier&#8221; der Finanzmarktakteure angeprangert, die nach &#8220;&uuml;bertriebenen Renditen&#8221; strebten (so als ob die kapitalistische Produktionsweise nicht ihrem Wesen nach auf dem Prinzip der Gewinnmaximierung basieren w&uuml;rde und daf&uuml;r immer schon &uuml;ber Leichen gegangen w&auml;re).</p>
<p>Das freilich ist keine Kritik am Kapitalismus, sondern bestenfalls eine nostalgische Verkl&auml;rung des sozialstaatlich regulierten Kapitalismus der Nachkriegszeit, als angeblich die Welt noch in Ordnung war. Schlimmer noch wird damit aber zugleich die T&uuml;r f&uuml;r antisemitische Wahnprojektionen ge&ouml;ffnet, zu deren Kernbestand ja bekanntlich die Aufspaltung des Kapitals in ein (konkretes) &#8220;schaffendes&#8221; und ein (abstraktes) &#8220;raffendes Kapital&#8221; geh&ouml;rt, wobei &#8220;die Spekulanten&#8221; mit &#8220;den Juden&#8221; identifiziert werden, die angeblich hinter den Kulissen die F&auml;den der Weltwirtschaft und -politik ziehen. Dieser gef&auml;hrliche ideologische Zusammenhang ist in den letzten Jahren vielfach aufgezeigt und kritisiert worden, weshalb ich ihn hier nicht n&auml;her ausf&uuml;hren muss. <a name="3" href="#a3"><sup>3</sup></a> Stattdessen werde ich mich vor allem auf den Nachweis konzentrieren, dass mit der einseitigen Attacke auf das Finanzkapital auch die Ursache-Wirkung-Zusammenh&auml;nge der kapitalistischen Funktionslogik auf den Kopf gestellt werden und damit nicht nur einer Analyse des laufenden Krisenprozesses der Weg verstellt wird, sondern auch einem ad&auml;quaten Widerstand gegen die damit verbundenen sozialen und politischen Zumutungen.</p>
<h4>Die langen Nachwirkungen der Krise des Fordismus</h4>
<p>Schon ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Entstehung von gro&szlig;en Spekulations- und Kreditblasen an den Finanzm&auml;rkten noch nie die Ursache von kapitalistischen Krisen war, sondern immer nur Folge und Verlaufsform von Krisenprozessen, deren Gr&uuml;nde sich stets auf die Stockung der Kapitalverwertung in der Realwirtschaft zur&uuml;ckf&uuml;hren lie&szlig;en. Das gilt auch und gerade auch f&uuml;r die gegenw&auml;rtige Finanzmarktkrise und die lange Periode der Spekulation, die ihr vorangegangen ist, auch wenn sie in der Tat einige historische Besonderheiten gegen&uuml;ber fr&uuml;heren Krisen vorzuweisen hat.</p>
<p>Es ist allgemein bekannt, dass das Abheben und die weitgehende Verselbstst&auml;ndigung der Finanzm&auml;rkte in der Mitte der 1970er Jahre begannen. Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r lagen jedoch nicht etwa in willk&uuml;rlichen politischen Entscheidungen oder dem Einfluss neoliberaler Thinktanks und m&auml;chtiger wirtschaftlicher Interessengruppen, wie es im R&uuml;ckblick heute vielfach behauptet wird, sondern darin, dass die lange Aufschwungsphase der Nachkriegszeit in eine tiefe Strukturkrise geriet und der Fordismus an seine Grenzen stie&szlig;. Die Profitraten gerieten unter Druck, weil sich die organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Produktivit&auml;tsreserven der standardisierten Massenproduktion ersch&ouml;pft hatten, w&auml;hrend gleichzeitig erfolgreiche Arbeitsk&auml;mpfe f&uuml;r eine Anhebung der L&ouml;hne und Sozialleistungen sorgten und die Vorauskosten f&uuml;r die Finanzierung der allgemeinen &ouml;ffentlichen Infrastruktur immer weiter anstiegen. Als die OPEC-L&auml;nder dann auch noch den &Ouml;lpreis empfindlich anhoben und damit die Kosten f&uuml;r die exzessive Ausbeutung der fossilen Energiereserven in die H&ouml;he schnellten, war der selbsttragende Wachstumsschub der Nachkriegszeit an sein Ende gelangt. Zus&auml;tzliche Investitionen in Produktionsmittel, Fabriken, Geb&auml;ude etc. unterblieben, weil sie keinen oder keinen ausreichenden Gewinn mehr versprachen; in der Folge wurde ein erheblicher Teil des Kapitals &#8220;freigesetzt&#8221; und fand keine rentable Anlagem&ouml;glichkeit mehr.</p>
<p>Da aber Kapital seinem Wesen nach sich selbst verwertender Wert ist, also der einzige Zweck der kapitalistischen Produktion darin besteht, aus Geld mehr Geld zu machen (daher auch der dem Kapitalismus eigene Zwang zum permanenten quantitativen Wachstum ohne R&uuml;cksicht auf menschliche Bed&uuml;rfnisse und nat&uuml;rliche Grenzen), ist eine solche Stockung des Verwertungsprozesses gleichbedeutend mit einer Krise. Genauer gesagt: mit einer &Uuml;berakkumulationskrise oder &#8211; um es im g&auml;ngigen volkswirtschaftlichen Vokabular auszudr&uuml;cken &#8211; mit einer &Uuml;berinvestitionskrise. Ein Teil des Kapitals ist &uuml;bersch&uuml;ssig (gemessen am eigenen abstrakten Selbstzweck) und daher von der Entwertung bedroht. Findet diese Entwertung statt, so bleibt sie nicht auf einzelne Unternehmens- und Bankenzusammenbr&uuml;che beschr&auml;nkt (wie sie im kapitalistischen Normalbetrieb immer vorkommen), sondern schl&auml;gt &#8211; vermittelt und verst&auml;rkt &uuml;ber negative Multiplikatoreffekte &#8211; auf die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft durch.</p>
<p>Genau diese Gefahr drohte Mitte der 1970er Jahre, was &uuml;brigens viele (nicht nur linke) &Ouml;konomen prognostizierten. <a name="4" href="#a4"><sup>4</sup></a> Warum jedoch kam es nicht dazu? Warum blieb der gro&szlig;e weltwirtschaftliche Kriseneinbruch aus? Ein wesentlicher Grund daf&uuml;r war, dass ein erheblicher Teil des &uuml;bersch&uuml;ssigen Kapitals, das in der Realwirtschaft nicht mehr investiert werden konnte, an die internationalen Finanzm&auml;rkte auswich, wo es zun&auml;chst haupts&auml;chlich in der Form von Staatskrediten, zunehmend aber auch in der Aktien- und Wertpapierspekulation angelegt wurde. Dieses Ausweichen in die Finanzsph&auml;re ist f&uuml;r sich genommen eine ganz normale Verlaufsform jeder Krise der Kapitalverwertung. Marx hat sie bereits anhand der Krise von 1857 analysiert und daf&uuml;r den Begriff des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; gepr&auml;gt. Fiktiv ist das Kredit- und Spekulationskapital deshalb, weil es nur <em>scheinbar</em> als Kapital fungiert. Denn so sehr es auch f&uuml;r seine Eigent&uuml;mer Zins- und Spekulationsgewinne abwirft, so wenig findet doch eine reale Verwertung statt, die immer voraussetzt, dass abstrakte Arbeit in der Produktion von Waren und Dienstleistungen verausgabt und ein Teil davon als Mehrwert abgesch&ouml;pft wird. Die &#8220;Ertr&auml;ge&#8221;, die das fiktive Kapital &#8220;abwirft&#8221;, stammen jedoch aus anderen Quellen, seien es Steuern und neue Kredite (im Fall der exponentiell anwachsenden Staatsverschuldung), seien es Wetten auf die Zukunft (im Fall von spekulativen Kursgewinnen) oder der Ausverkauf der gesellschaftlichen Substanz (im Fall von Privatisierungserl&ouml;sen).</p>
<p>Am offensichtlichsten ist dies im Fall der Staatverschuldung: Der Staat leiht sich Geld, um dieses dann sofort wieder in den Konsumkreislauf zu schleusen. Vom Standpunkt des Kreditgebers erscheint dieses Geld als Kapital, weil es ja Zinsen &#8220;abwirft&#8221;. Tats&auml;chlich jedoch ist es l&auml;ngst konsumtiv verausgabt worden, existiert also als &#8220;Wert&#8221; nur noch in der Gestalt von Anrechtsscheinen (Staatsanleihen). Aber auch der private Konsum- oder Hypothekenkredit funktioniert nach dem gleichen Muster: Die Kreditnehmer leihen sich Geld, um H&auml;user, Autos oder andere Verbrauchsg&uuml;ter zu kaufen, f&uuml;r die Kreditgeber jedoch erscheint dasselbe Geld als Kapital, das profitabel angelegt wurde, obwohl es l&auml;ngst im Konsum verbrannt worden ist. Dieser Zusammenhang ist freilich den Letzteren herzlich egal. Die kredit&auml;re oder spekulative Finanzanlage erscheint ihnen als Anlagem&ouml;glichkeit genauso &#8220;real&#8221; zu sein, wie jede andere auch, solange die Geldquellen nur sprudeln.</p>
<p>Doch die Aufbl&auml;hung des fiktiven Kapitals verschafft nicht nur den Kapitalanlegern eine Ausweichm&ouml;glichkeit, sie bedeutet auch makro&ouml;konomisch einen Aufschub des Kriseneinbruchs. Denn das Ausweichen an die Finanzm&auml;rkte verhindert nicht nur vor&uuml;bergehend die Entwertung des &uuml;bersch&uuml;ssigen Kapitals, zugleich schafft sie vermittelt &uuml;ber verschiedene Mechanismen auch zus&auml;tzliche Kaufkraft, die sich in der Nachfrage von Waren und Dienstleistungen ausdr&uuml;ckt und dar&uuml;ber die Realwirtschaft am Laufen h&auml;lt oder sogar weiter anheizen kann. Im Fall der Staatsverschuldung wirkt dieser Mechanismus ganz unmittelbar und hat es als solcher ja zu einem zentralen Instrument der Wirtschaftspolitik gebracht. Ganz egal ob der Staat das geliehene Geld f&uuml;r den Bau von Stra&szlig;en, den Ankauf von Milit&auml;rflugzeugen oder f&uuml;r soziale Transferleistungen ausgibt, immer flie&szlig;t es direkt in den Konsumkreislauf zur&uuml;ck und facht dar&uuml;ber die Konjunktur an. Exakt die gleiche volkswirtschaftliche Funktion erf&uuml;llen Konsum- und Hypothekenkredite, wie der j&uuml;ngste Immobilienboom in den USA gezeigt hat, nur dass die Kreditnehmer eben Privatleute sind. Aber auch die Finanzmarktgewinne selbst flie&szlig;en teilweise wieder in die Realwirtschaft zur&uuml;ck, sei es &uuml;ber Ausgaben f&uuml;r die Gesch&auml;ftsausstattung der Banken, Investmentfonds und anderer institutioneller Finanzmarktakteure (vom Fuhrpark &uuml;ber die Computer bis hin zu den repr&auml;sentativen B&uuml;rogeb&auml;uden), sei es dass deren Angestellte oder Privatanleger ihren Konsum aus Spekulations- und Zinsertr&auml;gen finanzieren. Insofern ist das fiktive Kapital alles andere als ein totes Gewicht, das auf der Realwirtschaft lastet und sie in ihrem Funktionieren behindert. Im Gegenteil, es erm&ouml;glicht die vor&uuml;bergehende Aufrechterhaltung des kapitalistischen Normalbetriebs.</p>
<p>In allen bisherigen gro&szlig;en kapitalistischen Krisen w&auml;hrte dieser Modus des Krisenaufschubs allerdings nie sehr lang. Nach einer kurzen Phase der spekulativen &Uuml;berhitzung folgte zwangsl&auml;ufig ein gro&szlig;er Finanzmarktcrash, in dem sich das aufgestaute Krisenpotential mit enormer Wucht entlud und mit einem Schlag gro&szlig;e Teile der &ouml;konomischen und sozialen Strukturen zerst&ouml;rte. Die historische Besonderheit der Krise des Fordismus besteht darin, dass eine solche massenhafte Entwertung der in ihrem Gefolge aufgeh&auml;uften Spekulations- und Kreditmasse bis heute nicht stattfand. Aber das bedeutet keinesfalls, dass die Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten der kapitalistischen Verwertungs- und Funktionslogik au&szlig;er Kraft gesetzt worden seien, wie es vielfach behauptet worden ist. Historisch einmalig ist nur der ungeheuer lange Zeitraum des Krisenaufschubs, der jedoch strukturell nicht anders als in vorangegangenen Krisen &uuml;ber den Mechanismus des fiktiven Kapitals vermittelt ist und daher auch fr&uuml;her oder sp&auml;ter in einem gewaltigen Entwertungsschub m&uuml;nden muss. Diesem langen Zeitraum entspricht logischerweise eine entsprechend gigantische Aufbl&auml;hung der Spekulations- und Kreditblase. Wenn heute daher &#8211; wie es mittlerweile in fast jeder Zeitung steht &#8211; rund 97 Prozent aller transnationalen Finanzstr&ouml;me rein spekulativen Zwecken dienen, so ist dies kein Beleg f&uuml;r eine wirtschaftliche &#8220;Fehlsteuerung&#8221; oder gar f&uuml;r die &#8220;Gier&#8221; uners&auml;ttlicher Spekulanten, sondern zeigt, welche Ausma&szlig;e der Krisenaufschub inzwischen angenommen hat, und damit auch, welches enorme Krisenpotential aufgeh&auml;uft wurde.</p>
<h4>Die Besonderheiten des langen Krisenaufschubs</h4>
<p>Politisch gesehen war es die fortschreitende Liberalisierung der transnationalen Finanzm&auml;rkte und die endg&uuml;ltige Entkopplung des Geldes vom Gold (mit der Aufhebung der Goldbindung des Dollars im Jahr 1971 und dem damit eingeleiteten Ende des Systems regulierter Wechselkurse), welche diese ungeheuer lange Streckung des Krisenaufschubs &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glichte. Denn erst dadurch konnte die globale Geldmenge in einem Ausma&szlig; wachsen, das in den vorangegangenen Krisen nicht denkbar war, weil Goldstandard und national regulierte Finanzm&auml;rkte der monet&auml;ren Expansion enge Grenzen setzten. Doch die Entscheidung, diese Grenzen niederzurei&szlig;en war kein willk&uuml;rlicher politischer Akt, der sich etwa auf den Einfluss bestimmter m&auml;chtiger Interessengruppen zur&uuml;ckf&uuml;hren lie&szlig;e. <a name="5" href="#a5"><sup>5</sup></a> Vielmehr folgte sie aus der Dynamik der &ouml;konomischen Entwicklung in den 1950er und 1960er Jahren, die nach und nach die Grundlagen des Systems von Bretton Woods untergrub. In dem Ma&szlig;e, wie die unangefochtene &ouml;konomische Vormachtstellung der USA verloren ging und diese die Kosten ihrer politisch-milit&auml;rischen Weltmachtposition nur noch &uuml;ber eine wachsende Staatsverschuldung finanzieren konnten (die Kosten des Vietnamkriegs spielten hierbei bekanntlich eine wesentliche Rolle), waren feste Wechselkurse und eine R&uuml;ckbindung der westlichen W&auml;hrungen an die US-Goldreserven nicht mehr aufrechtzuerhalten. Damit aber wurden zugleich die Voraussetzungen f&uuml;r eine ungeheure Aufbl&auml;hung der Geldmenge unter aktiver Beteiligung der Regierungen und Zentralbanken sowie der internationalen Finanzorganisationen &uuml;berhaupt erst geschaffen. Diese haben seit den 1970er und vor allem seit den 1980er Jahren ungeheure Mengen ungedeckter Liquidit&auml;t in die M&auml;rkte gepumpt; zum einen &uuml;ber den direkten Weg der Staatsverschuldung, zum anderen durch eine Politik des &#8220;billigen Geldes&#8221;, die immer dann eingeschlagen wurde, wenn es an den Finanzm&auml;rkten kriselte. Eine zentrale Rolle dabei spielten die USA, die sich lange Zeit aufgrund ihrer Weltmachtstellung in ihrer eigenen W&auml;hrung verschulden konnten, ohne Wechselkursverluste bef&uuml;rchten zu m&uuml;ssen, weil der Dollar als faktisches Weltgeld fungierte (eine Rolle, die derzeit infrage gestellt wird). Aber auch die anderen westlichen Staaten haben durch ihre Verschuldungs- und Geldsch&ouml;pfungspolitik wesentlich dazu beigetragen, die globale Blase des fiktiven Kapitals permanent aufzupumpen, um auf diese Weise den Kriseneinbruch immer weiter aufzuschieben.</p>
<p>Hinzu kommt aber noch eine weitere, wichtige historische Besonderheit des langen finanzkapitalistischen Zyklus seit den 1970er Jahren. Sie besteht darin, dass er nicht nur einen Aufschub der Krise des Fordismus darstellte, sondern zugleich den gewaltigen Produktivkraftschub der dritten industriellen Revolution &uuml;berlagerte. Unter den Bedingungen einer &#8220;normalen&#8221; &Uuml;berakkumulationskrise h&auml;tte sich die gewaltige Transformation der Produktion auf Grundlage der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, wenn &uuml;berhaupt, dann erst nach einer tiefen, weltweiten Depression durchsetzen k&ouml;nnen, in deren Verlauf das &ouml;konomische Geb&auml;ude der Nachkriegszeit in Schutt und Asche gelegt worden w&auml;re. Die lange Streckung der Krise mithilfe des fiktiven Kapitals erlaubte es jedoch, dieses Zerst&ouml;rungswerk zun&auml;chst weitgehend auf die L&auml;nder des globalen S&uuml;dens und des ehemaligen Ostblocks zu begrenzen. Zwar kamen auch in den westlichen Metropolen die fordistischen Strukturen unter die R&auml;der, doch geschah dies im Zuge eines l&auml;ngeren Prozesses, in dessen Verlauf der Druck auf Arbeitsbedingungen und Sozialsysteme stetig wuchs und die Produktionsstrukturen grundlegend umgew&auml;lzt wurden. Je nach Weltmarkt- und Wettbewerbsposition der verschiedenen L&auml;nder verlief dieser Prozess unterschiedlich, doch die Tendenz war &uuml;berall die gleiche: Der industrielle Sektor wurde mit Hilfe mikroelektronischer Anwendungen auf durchgreifende Weise rationalisiert und nach und nach auf hyperproduktive Kerne reduziert, w&auml;hrend man jene Teile der Produktion, deren Automatisierung sich betriebswirtschaftlich (noch) nicht &#8220;rechnete&#8221;, in Niedriglohnl&auml;nder oder -sektoren auslagerte.</p>
<p>Da gleichzeitig der sogenannte Dienstleistungssektor zunehmend an Bedeutung gewann und einen erheblichen Teil der in der Industrie nicht mehr ben&ouml;tigten Arbeitskr&auml;fte aufsog, konnte es oberfl&auml;chlich betrachtet so erscheinen, als habe der Kapitalismus nur eine weitere Strukturver&auml;nderung durchlaufen, die wesentlich durch die Abl&ouml;sung des alten Leitsektors der Industrie durch den Sektor von Dienstleistungen und &#8220;Wissensproduktion&#8221; und eine gleichzeitige Globalisierung der &ouml;konomischen Beziehungen charakterisiert sei. Dementsprechend waren sich die allermeisten Beobachter und Wirtschaftsexperten darin einig, dass es dem Kapitalismus zumindest in den westlichen Metropolen weitgehend gelungen sei, die Krise der 1970er und 80er Jahre (Stichwort &#8220;Krise der Arbeitsgesellschaft&#8221;) zu &uuml;berwinden, wenn auch zum Preis einer zunehmenden Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsbedingungen f&uuml;r gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung, die je nach politischer Position als unvermeidlich betrachtet oder als revidierbares Ergebnis der neoliberalen Politik angeprangert wurde. &Uuml;ber alle Lager hinweg erschien jedoch die Diagnose eines fundamentalen Krisenprozesses als absurd und abwegig. &#8220;Schaut doch nur, wie quicklebendig der Kapitalismus ist&#8221;, hie&szlig; es &#8211; je nach Standpunkt jubilierend, kritisch oder resigniert &#8211; unter Verweis auf die sprudelnden Gewinne gerade in den letzten Jahren.</p>
<p>Die aktuelle Finanzmarktkrise jedoch verweist ziemlich unmissverst&auml;ndlich darauf, dass diese Einsch&auml;tzung grundlegend verkehrt war. Und dies nicht etwa, weil die Spekulation eine an sich tragf&auml;hige real&ouml;konomische Struktur zerst&ouml;ren w&uuml;rde (wie in der Hetze gegen &#8220;die Heuschrecken&#8221; stets behauptet wird), sondern weil die Struktur, die sich in den letzten f&uuml;nfundzwanzig bis drei&szlig;ig Jahren herausgebildet hat, noch nie eine Grundlage f&uuml;r einen selbsttragenden Boom der Kapitalakkumulation darstellte. Umgekehrt war sie &uuml;berhaupt nur lebensf&auml;hig, weil sie permanent aus den Zufl&uuml;ssen des fiktiven Kapitals alimentiert wurde (und bisher immer noch wird). Ein selbsttragender Boom w&uuml;rde voraussetzen, dass im Zuge eines anhaltenden Wachstums immer mehr Arbeitskr&auml;fte in der Produktion von Waren auf dem jeweils ma&szlig;geblichen Produktivit&auml;tsniveau vernutzt werden, denn nur dadurch kann die Masse des gesch&ouml;pften Werts gesteigert und der Kreislauf &#8220;Geld-Ware-mehr Geld&#8221; best&auml;ndig aufrechterhalten werden. Von der Nachfrageseite her betrachtet w&uuml;rde dies bedeuten, dass in jeder Periode ausreichend Arbeitseinkommen geschaffen werden, damit die in der Vorperiode produzierten Waren auch Absatz finden. Genau diese Voraussetzungen sind jedoch unter den Bedingungen der dritten industriellen Revolution nicht mehr gegeben. Die Rationalisierung auf Grundlage der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien pfl&uuml;gt mit einem solch ungeheuren Tempo alle Sektoren der &Ouml;konomie quer durch alle Branchen um, dass sie aufs Ganze gesehen immer mehr Arbeitskr&auml;fte &uuml;berfl&uuml;ssig macht, als bei gleichzeitigem Wachstum zus&auml;tzlich ben&ouml;tigt werden. Damit aber schneidet sich der Verwertungsprozess nicht nur permanent selbst die Nachfrage ab, auf die er doch angewiesen ist, um den produzierten Wert am Markt zu realisieren; grunds&auml;tzlicher noch untergr&auml;bt er damit dauerhaft die ureigenen Grundlagen. <a name="6" href="#a6"><sup>6</sup></a> Insofern erzeugt die mikroelektronische Produktivkraftrevolution eine Art permanenter &Uuml;berakkumulationskrise, das hei&szlig;t, sie bringt st&auml;ndig einen &Uuml;berschuss an produktiv nicht mehr verwertbarem Kapital hervor, das in die Sph&auml;re des fiktiven Kapitals ausweichen muss, und tr&auml;gt damit ganz wesentlich zum exponentiellen Wachstum der Finanzblase bei.</p>
<h4>Krise? Welche Krise? </h4>
<p>Gegen diese Diagnose wird nun h&auml;ufig eingewandt, es seien doch in den letzten Jahrzehnten Abermillionen von zus&auml;tzlichen Arbeitspl&auml;tzen in den ehemals peripheren L&auml;ndern, vor allem in Ost- und S&uuml;dostasien entstanden und somit sei die Basis der Wertproduktion gewachsen und nicht etwa geschrumpft. Doch dieses Argument &uuml;bersieht zwei grundlegende Dinge. Erstens wird die gro&szlig;e Masse der industriellen Arbeit in den betreffenden L&auml;ndern auf sehr niedrigem Produktivit&auml;tsniveau geleistet und stellt daher, gemessen am Standard der automatisierten und durchrationalisierten Weltmarktfabriken, nur einen sehr geringen Wertanteil dar. Denn vom Standpunkt der Wertproduktion z&auml;hlt ja nicht die blo&szlig;e Anzahl der geleisteten Stunden, vielmehr wird der Wertanteil einer Ware durch das jeweils gesellschaftlich g&uuml;ltige Produktivit&auml;tsniveau definiert. <a name="7" href="#a7"><sup>7</sup></a> Und da dieses in den Kernsegmenten der Weltmarktproduktion permanent ansteigt, wird die unterproduktive Arbeit in den ausgelagerten Produktionsabschnitten ebenso permanent in ihrem Wert herabgedr&uuml;ckt. Deshalb ist die Auslagerung unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten auch nur rentabel, solange sie zu immer niedrigeren L&ouml;hnen und immer miserableren Arbeitsbedingungen geleistet wird. <a name="8" href="#a8"><sup>8</sup></a> Und das wiederum ist der Grund daf&uuml;r, weshalb der gegenw&auml;rtige Rationalisierungsschub nicht zu einer allgemeinen Reduktion der Arbeitszeit und einem guten Leben f&uuml;r alle f&uuml;hrt (ja noch nicht einmal Spielr&auml;ume f&uuml;r eine relative Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft er&ouml;ffnet), sondern zu massenhafter sozialer Verelendung und Depravierung.</p>
<p>Zweitens aber ist der Boom in China, Indien und den anderen &#8220;Schwellenl&auml;ndern&#8221; selber alles andere als selbsttragend, sondern seinerseits vollkommen abh&auml;ngig von der kredit&auml;ren und spekulativen Geldsch&ouml;pfung an den transnationalen Finanzm&auml;rkten. Bekanntlich ist die komplette wirtschaftliche Struktur in diesen L&auml;ndern auf den massenhaften Export vor allem in die USA und die EU ausgerichtet, die ihre Einfuhren wiederum zu einem erheblichen Teil &uuml;ber Zufl&uuml;sse von Spekulations- und Kreditkapital finanzieren. Paradigmatisch daf&uuml;r steht der pazifische Defizitkreislauf zwischen den USA und Ostasien, der seit den Zeiten der Reagan-Regierung zu dem zentralen Antriebsmotor der weltwirtschaftlichen Konjunktur geworden ist. Sein Funktionsmechanismus ist im Grunde sehr simpel: Das stetig wachsende Handelsdefizit wird durch einen ebenso stetig wachsenden Import von Finanzkapital gedeckt, das zum Teil &uuml;ber den direkten Weg kreditfinanzierter Staatsausgaben (&#8220;Zwillingsdefizit&#8221;), zum Teil &uuml;ber den Umweg des privaten Finanzsystems wieder in den Konsumkreislauf eingeschleust wird. Da aber die Geldzufl&uuml;sse zu einem erheblichen Teil aus den asiatischen L&auml;ndern stammen (zun&auml;chst &uuml;berwiegend Japan, nun in wachsendem Ma&szlig;e China), die ihre Verkaufserl&ouml;se im Finanzsektor der USA anlegen bzw. Devisenreserven in US-Dollar aufbauen, finanzieren diese also ihre Exporte selbst. In der Reagan-&Auml;ra war es zun&auml;chst die gigantische Staatsverschuldung, die als Konsummotor fungierte, zunehmend kam dann die Aktien- und Wertpapierspekulation hinzu &#8211; in der Zeit der sogenannten &#8220;New Economy&#8221; etwa finanzierten nicht wenige Privatanleger einen Teil ihres Konsums aus den gigantischen Kurssteigerungen am &#8220;Neuen Markt&#8221;. Und in den letzten Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt schlie&szlig;lich hin zur Immobilienspekulation.</p>
<p>Allerdings funktioniert dieser Kreislauf nur, solange der US-Dollar das n&ouml;tige Vertrauen genie&szlig;t und dadurch immer wieder frisches Finanzkapital zuflie&szlig;t, um das Dauerdefizit zu finanzieren. Es zeichnet die aktuelle Finanzmarktkrise aus, dass dieses Vertrauen in zunehmendem Ma&szlig;e br&ouml;ckelt (worauf der abst&uuml;rzende Dollarkurs verweist). Sollte es der US-Regierung und der Fed nicht gelingen, diesen Trend umzukehren, k&auml;me der pazifische Defizitkreislauf zum Erliegen, und das h&auml;tte f&uuml;r die Weltwirtschaft ungef&auml;hr die gleiche Bedeutung wie das m&ouml;gliche Versiegen des Golfstroms f&uuml;r das Weltklima. Freilich ist es billiger Antiamerikanismus, wenn sich angesichts dieses Bedrohungsszenarios nun in Europa immer mehr Stimmen erheben, die mit moralischer Entr&uuml;stung die USA anklagen, sie h&auml;tten &#8220;auf Kosten der &uuml;brigen Welt gelebt&#8221;, indem sie ihren &#8220;unproduktiven Konsum&#8221; per Kredit finanzierten<a name="9" href="#a9"><sup>9</sup></a> und w&uuml;rden jetzt auch noch die Weltwirtschaft in die Krise st&uuml;rzen. Einmal mehr wird hier die ideologische Spaltung in &#8220;parasit&auml;res&#8221; Kreditkapital und ehrliches Produktivkapital reproduziert &#8211; antiamerikanische Ideologiemuster weisen zumindest in Europa immer schon eine gef&auml;hrliche N&auml;he zu antisemitischen Konstrukten auf &#8211; und obendrein der reale Zusammenhang v&ouml;llig auf den Kopf gestellt. Denn zum einen haben auch die europ&auml;ischen L&auml;nder in starkem Ma&szlig;e von der kreditfinanzierten Nachfrage aus den USA profitiert; insbesondere die deutsche Industrie l&auml;ge ohne die gewaltigen Exporte &uuml;ber den Atlantik l&auml;ngst am Boden. Zum anderen ist die Staatsverschuldung in Europa gemessen am BIP der in den USA durchaus ebenb&uuml;rtig und die Spekulation ist auch nicht von schlechten Eltern; in den letzten Jahren etwa gab es vor allem in S&uuml;deuropa einen gewaltigen spekulativen Boom an den Immobilienm&auml;rkten, der gerade ebenfalls in sich zusammenf&auml;llt. Und schlie&szlig;lich h&auml;ngt ohnehin aufs Ganze gesehen die gesamte kapitalistische Weltwirtschaft am Tropf des fiktiven Kapitals, weil sie real&ouml;konomisch nicht mehr tragf&auml;hig ist.</p>
<p>Es ist deshalb vollkommen absurd, wenn die Kommentatoren in allen Zeitungen von links bis rechts heute etwa der US-Zentralbank vorwerfen, sie habe die Immobilienspekulation durch ihre extreme Niedrig-Zinspolitik angeheizt und sei deshalb verantwortlich f&uuml;r die derzeitige Finanzmarktkrise. Was die Fed nach dem Crash der New Economy getan hat, war, schlicht zu verhindern, dass schon damals die gro&szlig;e Finanzmarktlawine abging. Sie hat also den Kriseneinbruch noch einmal um sieben bis acht Jahre aufgeschoben und damit u. a. den ber&uuml;hmten Aufschwung erm&ouml;glicht, den heute alle Politiker f&uuml;r sich reklamieren. Wenn man also in diesem Zusammenhang &uuml;berhaupt moralische Kategorien bem&uuml;hen wollte, m&uuml;sste man der Fed und der US-Regierung dankbar daf&uuml;r sein, dass sie durch ihre expansive Geldpolitik der Weltwirtschaft noch einmal eine ordentliche Atempause verschafft haben. Aber Dankbarkeit ist hier genauso unangebracht wie moralische Anklage. Es geht vielmehr zun&auml;chst einmal darum, zu begreifen, dass die Krise an den Finanzm&auml;rkten ihre Ursachen nicht in der Spekulation hat, sondern in einer viel grunds&auml;tzlicheren Strukturkrise der kapitalistischen Reproduktion. Diese Einsicht aber hat sehr weitreichende Auswirkungen f&uuml;r die sozialen Auseinandersetzungen der n&auml;heren Zukunft.</p>
<p><em>Der 2. Teil erscheint in der n&auml;chsten Nummer.</p>
<hr />Anmerkungen</p>
<p><a name="a1" href="#1"><sup>1</sup></a> www. labournet. de/diskussion/gewerkschaft/real/insekten_wipo.pdf</p>
<p><a name="a2" href="#2"><sup>2</sup></a> Zur einleitend genannten ver.di-Brosch&uuml;re &#8220;Finanzkapitalismus &#8211; Geldgier in Reinkultur&#8221; vgl. Lothar Galow-Bergemann: Gegen B&ouml;rsenungeziefer (Streifz&uuml;ge 42/2008) sowie die Kritik der Finanzkapital AG bei ver.di Stuttgart (www. labournet. de/diskussion/gewerkschaft/real/insekten.html).</p>
<p><a name="a3" href="#3"><sup>3</sup></a> Vgl. etwa meinen Artikel: Entsorgung nach Art des Hauses, in: Streifz&uuml;ge 32/2004 (www. streifzuege. org/texte_str/str_04-32_trenkle_entsorgung.html).</p>
<p><a name="a4" href="#4"><sup>4</sup></a> Vgl. etwa die zum Teil sehr guten Analysen in: Elmar Altvater, Volkhard Brandes, Jochen Reiche (Hrsg. ): Handbuch 4. Inflation &#8211; Akkumulation &#8211; Krise II, Frankfurt/M. 1976.</p>
<p><a name="a5" href="#5"><sup>5</sup></a> Eine groteske Zuspitzung der Vorstellung, die Aufhebung der Goldbindung sei eine willk&uuml;rliche Entscheidung gewesen, findet sich bei J&uuml;rgen Els&auml;sser: &#8220;1971 verk&uuml;ndigte US-Pr&auml;sident Richard Nixon in einer Nacht- und Nebelaktion das Ende der Goldumtauschpflicht f&uuml;r den Dollar. Seither zersetzt sich die &ouml;konomische Grundlage des Kapitalismus sukzessive&#8221;, in: Solidarit&auml;t &#8211; Sozialistische Zeitung, Nr. 57, 4.5.2007.</p>
<p><a name="a6" href="#6"><sup>6</sup></a> Aus der volkswirtschaftlichen Statistik ist bekannt, dass heute sehr viel h&ouml;here Wachstumsraten des BIP ben&ouml;tigt werden, um zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, als noch in den 1970er Jahren. Allerdings gibt die statistische Gesamtbetrachtung ein noch sehr gesch&ouml;ntes Bild wieder, weil sie einfach alle Arbeitspl&auml;tze addiert, ohne danach zu fragen, ob diese nun zur Wertproduktion beitragen oder nicht (diese Fragestellung schlie&szlig;t die VWL ja schon von vorneherein aus). F&uuml;r die Mehrheit der Dienstleistungen sowie f&uuml;r die &#8220;Wissensproduktion&#8221; muss das jedoch verneint werden (vgl. dazu die Artikel von Samol, Lohoff und Meretz in <em>krisis</em> 31). Insofern kann das Wachstum des terti&auml;ren Sektors den s&auml;kularen Trend des Abschmelzens der Arbeits- und Wertsubstanz nicht kompensieren.</p>
<p><a name="a7" href="#7"><sup>7</sup></a> Es sei daran erinnert, dass Marx auf diesen Zusammenhang bereits im ersten Kapitel des <em>Kapitals</em> hinweist: &#8220;Es k&ouml;nnte scheinen, dass, wenn der Wert einer Ware durch das w&auml;hrend ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht. Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit, Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft, die sich in den Werten der Warenwelt darstellt, gilt hier als ein und dieselbe menschliche Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen individuellen Arbeitskr&auml;ften besteht. &#8230; Nach der Einf&uuml;hrung des Dampfwebstuhls in England z. B. gen&uuml;gte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die H&auml;lfte seines fr&uuml;hern Werts&#8221; (MEW 23, S. 53).</p>
<p><a name="a8" href="#8"><sup>8</sup></a> Vgl. dazu Norbert Trenkle: Es rettet euch kein Billiglohn, in: Kurz, Lohoff, Trenkle (Hrsg. ): Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit, Hamburg 1999.</p>
<p><a name="a9" href="#9"><sup>9</sup></a> So schreibt etwa Elmar Altvater: &#8220;Die US-B&uuml;rger k&ouml;nnen sich einen hohen Konsumstandard, also den , American way of life&#8217; leisten, obwohl sie hoch verschuldet sind &#8230; Voraussetzung daf&uuml;r allerdings ist erstens eine hohe Sparquote in anderen Weltregionen, die es den USA und ihren B&uuml;rgern erlaubt, &uuml;ber die Str&auml;nge zu schlagen. Zweitens m&uuml;ssen die Finanzm&auml;rkte so funktionieren, dass die Ersparnisse der Welt in die USA geschleust werden&#8221; (Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus &#8211; so wie wir ihn kennen, M&uuml;nster 2005, S. 135).</p>
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/weltmarktbeben">Weltmarktbeben</a></p>
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		<title>Rausch ohne Rechnung!</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:55:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der Kritik]]></category>
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		<category><![CDATA[Scheuringer; Martin]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>

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		<description><![CDATA[Fu&#223;ball, &#214;konomie, P&#228;dagogik und Begeisterung<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/rausch-ohne-rechnung">Rausch ohne Rechnung!</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Fu&szlig;ball, &Ouml;konomie, P&auml;dagogik und Begeisterung </h3>
<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>von Martin Scheuringer</em> <span id="more-511"></span></p>
<p>Abrupt l&ouml;st sich jene beim Mitfiebern entstandene Anspannung meines K&ouml;rpers, als endlich &#8220;unser&#8221; St&uuml;rmer das F&uuml;hrungstor erzielt. In der 85. Minute! Doch kaum zwei Sekunden vergehen, und sie packt mich wieder und zwingt mich, voller Konzentration meine Sinne auf das Geschehen im TV-Ger&auml;t zu b&uuml;ndeln, sodass ich nur mehr ein Beobachten und ein Mitgehen im Geschehen bin. Jedes Ereignis f&uuml;hrt zu einer unmittelbaren Reaktion, deren bewusstes Kontrollieren sich mir entzieht, jeder blo&szlig;e Versuch w&uuml;rde mich &uuml;berfordern. Den Genuss w&uuml;rde er mir verderben, den das Einsaugen des Spiels mir bereitet. Ich will voll und ganz im Geschehen stehen, nicht aber eine reflexive Position au&szlig;erhalb des Banns einnehmen. Als sich schlie&szlig;lich der optische und akustische Eindruck des Schlusspfiffes ohne mein bewusstes Zutun in innerlichen Jubels und ein &auml;u&szlig;erlich sichtbares Grinsen verwandelt, bewegt sich meine Hand in die H&ouml;he, die Finger ballen sich zur Faust des Siegers.</p>
<p>Nun, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich ein anderer geworden. Das reflektierende Ich hat sich zu Wort gemeldet, es war schon, w&auml;hrend ich den ersten Absatz tippte, im Einsatz. Es organisiert Nachbetrachtungen f&uuml;r das Ged&auml;chtnis, indem es eine Differenz zwischen mir und dem Ausgangspunkt des Erlebens aufbaut. Zur&uuml;ckgezogen in das eigene Denken betrachte ich das vergangene seelisch, akustisch und optisch Erlebte, das jetzt als Erinnerung nur mehr Inhalt meines Bewusstseins ist. Als Reflektierender setze ich eine un&uuml;berwindbare Grenze zwischen meine reflexiven Denkinhalte und jene vergangenen Ereignisse &#8211; ich nenne Erstere Bewusstsein und Zweitere Welt. Im angespannten Mitfiebern waren sie eine Einheit. Eine kategorische Trennung ist in einem genie&szlig;enden Ich-Zustand nicht durchf&uuml;hrbar; w&uuml;rde ich sie vollziehen wollen, so f&uuml;hrte sie mich sofort in das reflektierende Ich, und damit aus dem lustvollen Bann hinaus. F&uuml;r mich als ein in der Moderne lebendes Ich hat durch den hohen sozialen Status der Vern&uuml;nftigkeit das reflexive Denken eine verf&uuml;hrerische Kraft, die mir vorgaukelt, diese von mir gesetzte kategorische Differenz zwischen Bewusstsein und Welt sei eine nicht durch mich erstellte ontologische Differenz.</p>
<p>Doch genau diese Kluft zwischen mir und der Welt ist w&auml;hrend der Wahrnehmung des Siegestores nicht da. Sinneseindruck und ich sind unmittelbar verbunden, genauso wie der Jubel ohne Dazwischentreten einer freien Entscheidung aus mir emporsteigt. In diesen Momenten bin ich schon entschieden und erlebe dies als befreiend.</p>
<p>Solche von der schweren Last des reflexiven Denkens erleichterte Momente, durfte ich w&auml;hrend des Spieles mehrmals erleben, als mein theoretisierendes, durch Beobachtungen Differenzen aufbauendes Ich pausierte und ich voller Leidenschaft das Geschehen in mich aufsog. Als der Mittelfeldregisseur mit einem genialen Pass den St&uuml;rmer in den leeren Raum schickt und dieser beinah unbedr&auml;ngt auf das Tor l&auml;uft, oder als die gegnerische Mannschaft ein wunderbares Kombinationsspiel &uuml;ber mehrere Stationen aufzieht und sich gef&auml;hrlich unserem Tor n&auml;hert: da stiegen unmittelbar gemischte Gef&uuml;hle in mir auf: Freude an der Sch&ouml;nheit dieses Spielzuges und Angst vor einem Gegentreffer. Ich habe mich jedoch nie selbst bestimmt, diese Gef&uuml;hle jetzt haben zu wollen. Ich war drau&szlig;en beim Objekt oder das Objekt bei mir herinnen, das reflexive Ich war nicht da, es kommt erst jetzt in Gang, da ich dar&uuml;ber schreibe. Jetzt trenne ich Objekt und Subjekt, Vergangenheit und Gegenwart.</p>
<p>Begeistertes Zuschauen beim Fu&szlig;ball ist nat&uuml;rlich weder die verbreitetste noch eine privilegierte M&ouml;glichkeit, sich seinem sinnlichen Ich anzun&auml;hern. Sex ist hief&uuml;r noch immer die den meisten Menschen gel&auml;ufigste Gelegenheit. Aber auch noch in der sublimen Form hoher Kunst erlebt der Meister seine Sinnlichkeit, wie z. B. Stefan Zweig von Auguste Rodin berichtet: &#8220;Gro&szlig;e Augenblicke sind immer jenseits der Zeit. Rodin war so vertieft, so versunken in seine Arbeit, dass kein Donner ihn erweckte. Immer h&auml;rter, fast zorniger wurden seine Bewegungen; eine Art Wildheit oder Trunkenheit war &uuml;ber ihn gekommen, er arbeitete rascher und rascher. Dann wurden die H&auml;nde z&ouml;gernder, sie erschienen erkannt zu haben: es gab f&uuml;r sie nichts mehr zu tun. (&#8230; ) In dieser Stunde hatte ich das ewige Geheimnis aller gro&szlig;en Kunst, ja eigentlich jeder irdischen Leistung aufgetan gesehen: Konzentration, die Zusammenfassung aller Kr&auml;fte, aller Sinne, das Au&szlig;er-sich-Sein, das Au&szlig;er-der-Welt-Sein jedes K&uuml;nstlers.&#8221;</p>
<p>Erlebe ich mich als ein sinnliches Ich, so verlasse ich in doppelter Hinsicht die Sph&auml;re der Reflexion. Weder bin ich dann im Bewusstsein noch in der Welt, sondern ich bin in deren Vermittlung wirklich, dort wo beides jenseits von Raum und Zeit vereint ist. Dort, wo die philosophische Theorie seit Anbeginn versucht hat Fu&szlig; zu fassen und es ihr doch noch nicht gelungen ist. Wird die Reflexion dort etwas fassen k&ouml;nnen?</p>
<h4>Theoretische Vermittlung</h4>
<p>Der Satz &#8220;Der Elfer-Pfiff des Schiedsrichters war eine bodenlose Frechheit&#8221; wird durch die Reflexion zu einer Emp&ouml;rung, die ein Subjekt zuvor erlitten hat. Sie trennt Emp&ouml;rung vom Pfiff, verbannt das eine in das Bewusstsein und lokalisiert das andere in der Welt, definiert eines als objektiven Reiz und das andere als subjektive Reaktion.</p>
<p>So weit, so theoretisch klar: Durch diese Weltentrennung kommt die Theorie in Argumentationsnotstand, wenn es um das Problem der Aktivierung einer Handlung geht &#8211; und das meint hier jegliche Aktivit&auml;t, sprich: von der Bewegung der Hand &uuml;ber Erkenntnis bis zum Denken.</p>
<p>Die Handlungstheorie behauptet, jeglichem actus humanus gehe eine Entscheidung, ein Akt des Willens voraus &#8211; noch eine Kategorie von Aktivit&auml;t! Nur indem dieser einen m&ouml;glichen Handlungsgrund zu einem wirklichen erkl&auml;rt, f&uuml;hrt der Mensch eine Handlung aus. Dabei bleibt f&uuml;r die Theorie aber genau der deklarierende Akt wieder uneinholbar praktisch &#8211; da kann die Philosophie noch so praktisch werden &#8211; und als solcher unerkennbar vorausgesetzt. Denn jeder Akt erscheint in der Theorie schon seiner praktischen Wirklichkeit entkleidet. Theorie kann nur operieren, indem sie in alles Flie&szlig;ende statische Differenzen einbaut, ohne die sie blind ist. Nicht einmal das Denken selbst kann sich denkend durchleuchten: Der Denk-Akt kommt seinem Resultat immer zuvor und ist von anderer Wirklichkeit als sein Inhalt. Jeder Denkakt ist praktisch, jegliche Theorie hingegen ist Resultat einer Praxis: Sie kann nicht theoretisch erfasst, nur praktisch vollzogen werden.</p>
<p>Auf der zeitlichen Ebene betrachtet ist klar: Denken ist Nach-Denken. Es hat als seine Gegenst&auml;nde die Dinge in ihrer theoretischen Aktualisierung, nicht in ihrer praktisch-wirklichen Gestalt. Nicht die wirkliche Wahrnehmung ist sein Inhalt, sondern die vermittels des Ged&auml;chtnisses reproduzierte theoretische Inhaltlichkeit, die mit Bildern und Begriffen operiert, die F&uuml;lle der sinnlichen Gewissheit aber nicht wiedergeben kann. Ein Zu-sp&auml;t Kommen ist Bedingung seiner M&ouml;glichkeit, mich beim Erinnern zu unterst&uuml;tzen. Der von Hegel beobachtete Baum ist jeweils ein anderer: Einmal als unmittelbar Gesehenes, dann aber als theoretisch vermittelter Inhalt im Ged&auml;chtnis, der durch diese Wandlung offen ist f&uuml;r Negation. Um es in einen Satz zu sagen: Der Theorie ist eine absolute Grenze gesetzt. Sie ist daher nicht das Mittel, das unsere Praxis absolut leiten kann.</p>
<h4>Vernunft in der Warenwelt</h4>
<p>Warum lehrt die P&auml;dagogik vehement genau diese Maximen: Zuerst denken, dann handeln! Zweifle bei allem, was du tust, ob es richtig ist! Sei Mensch indem du dich vergeistigst! Lass&#8217; das Animalische hinter dir, bezwinge diesen Teil deiner Wirklichkeit!</p>
<p>Viel zu selten darf ich den Theoretiker in mir so wie beim Fu&szlig;ballschauen ignorieren, viel zu selten darf ich meine Praxis so organisieren, dass sie ein unmittelbares Aufgehen in der Sinnlichkeit bietet. Wenn ich solche Momente erleben will, dann geht dies nur in der Freizeit. In Arbeit und Konsum &#8211; also in der aufgekl&auml;rten Sph&auml;re, ist das rationale vergeistigte Ideal von mir verlangt.</p>
<p>Viel zu oft muss ich beim Gebrauch oder Ansehen eines Gegenstandes Gr&uuml;nde abw&auml;gen und eine Entscheidung f&uuml;r oder gegen ihn treffen. Bevor ich einem Fu&szlig;ballspiel beiwohne, muss ich &uuml;berlegen in welcher Preiskategorie ich sitzen m&ouml;chte, wie viel mir dieses Vergn&uuml;gen wert sein soll. Ein Problem so selbstverst&auml;ndlich wie st&ouml;rend, n&ouml;tigt es mich doch zu einer Reihe von Denkoperationen, auch wenn diese ganz ohne Anstrengung ablaufen, ich das mache ohne zu wissen, wie viel ich da denke. Dabei nehme ich Eintauchen in die Welt der Objekte &#8211; den Genuss &#8211; theoretisch vorweg, ich bewerte und entscheide schlie&szlig;lich an Hand des Wertquantums, ob ich mir das Spiel ansehe oder nicht. Ich handle wahrhaft aufgekl&auml;rt.</p>
<p>Weil da so viel mit so gro&szlig;er Selbstverst&auml;ndlichkeit gedacht wird, liste ich die Operationen vor dem Besuch eines Spiels noch mal der Reihe nach auf: theoretische Vorstellung des potentiellen Genusses; Verwandlung dieses Bildes in einen &ouml;konomischen Tausch-Wert; Berechnung seines Preises, der von einer tendenziell unendlich gro&szlig;en Zahl von Variablen abh&auml;ngt; Vergleich des subjektiven Preises mit dem Marktpreis; Berechnung, ob die Differenz gerechtfertigt bzw. leistbar ist; Entschluss f&uuml;r oder gegen den Kauf einer Eintrittskarte. W&auml;hrend des ganzen Spiels nagt der Zweifel, ob es das wert war. Nach dem Spiel, wird in Abh&auml;ngigkeit vom Erlebten noch einmal quantifiziert und endg&uuml;ltig entschieden, ob sich der Besuch ausgezahlt hat oder nicht.</p>
<p>All diese Denkoperationen haben sich zwischen mich und das Objekt der Begierde geworfen, sie haben sich mir aufgedr&auml;ngt, ohne ihnen zu gen&uuml;gen, gibt es keinen Genuss. Dort, wo wir gerecht tauschen, m&uuml;ssen wir so viel und genau in dieser Art kalkulieren. Die Wirklichkeit ist durch diese komplexen Denkleistungen um eine Ebene reicher geworden: Alle Dinge sind auf drei Ebenen im Sein &#8211; als empirische Wirklichkeit, als deren Abbildung im Bewusstsein (wir sind gerade Theoretiker, wohlgemerkt) und als Preis in der &ouml;konomischen Welt, was hier ungeheuerliche praktische Relevanz hat.</p>
<p>&Ouml;konomisierung des Fu&szlig;balls</p>
<p>Um den Status des Fu&szlig;balls beurteilen zu k&ouml;nnen, kommen wir nicht umhin, ihn durch die Brille der &Ouml;konomen, die ja auf der dritten Ebene ihren Standpunkt bezogen haben, zu betrachten. Fu&szlig;ball ist allt&auml;gliches Gesch&auml;ft, gro&szlig;e Clubs agieren mit viel Kapital. Real Madrid &#8211; der reichste Club &#8211; nahm im Jahr 2007 351 Millionen Euro ein, davon blieben 44 Millionen Euro als Gewinn &uuml;brig (wikipedia).</p>
<p>Gro&szlig; wird das Gesch&auml;ft durch die Masse der zahlenden Kunden: In Deutschland sahen in der vergangenen Saison im Durchschnitt 38.874 Menschen ein Spiel der Bundesliga live im Stadion &#8211; dies ist der h&ouml;chste europ&auml;ische Wert (www. transfermarkt. de). Addiert man die vielen Menschen vor den TV-Ger&auml;ten hinzu, so ergibt sich eine Summe von Aufmerksamkeit verschiedenster Zielgruppen, die vom Marketing unbedingt umworben sein wollen. Jeglicher Freiraum ist daher mit einem Werbeplakat zugepflastert, jede freie Minute mit einem Spot gef&uuml;llt. Auf Grund des gro&szlig;en Aufmerksamkeitsquantums sind daf&uuml;r recht h&uuml;bsche Summen an die Vereine zu bezahlen, die wiederum die Sponsoren mit der Vergabe von Luxuslogen in die Stadien locken, um den Vertragsabschluss zu vers&uuml;&szlig;en.</p>
<p>Ber&uuml;hmt wurden diese Logen wegen ihrer z&uuml;ndenden Atmosph&auml;re, die sie vor allem vor und nach dem Spiel, nicht aber w&auml;hrenddessen verbreiten. &#8220;Das ist doch populistische Schei&szlig;e. F&uuml;r die Schei&szlig;stimmung seid ihr doch zust&auml;ndig und nicht wir. Was glaubt ihr eigentlich, was wir das ganze Jahr machen, um euch f&uuml;r sieben Euro ins Stadion zu lassen. Euch finanzieren die Leute in der Loge. Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid? Es kann doch nicht sein, dass wir daf&uuml;r kritisiert werden, dass wir uns seit vielen Jahren den Arsch aufgerissen haben, um dieses Stadion hinzustellen. Wir sollen die Champions League gewinnen, aber kosten darf es nix &#8211; oder wie? Das ist das Problem in diesem Land&#8221;, sagt Ulrich Hoeness, Manager des FC Bayern. Er w&uuml;rde ja gerne mehr Stimmung haben, d. h. mehr Fans und weniger M&auml;zene in den Stadien, aber die &ouml;konomische Realit&auml;t kann selbst der Chef nicht ausschalten (http: //diepresse. com/home/sport/fussball/343088/index. do).</p>
<p>Red Bull ist der Konzern, der am offensichtlichsten Marketing durch Fu&szlig;ball betreibt. Statt sich Raum in den Medien f&uuml;r Anzeigen zu kaufen oder schlicht Sponsor eines Vereins zu sein, kreierte er einen Verein und ist somit im viel gelesenen Sportteil st&auml;ndig mit erh&ouml;hter Quantit&auml;t pr&auml;sent. Ob der Club erfolgreich spielt oder nicht, ist aus der Marketing-Perspektive beim jetzigen Stand der Dinge egal, denn gerade weil Didi Mateschitz so viel Geld investiert, wird &uuml;ber jede Niederlage genauso gern berichtet wie &uuml;ber jeden Sieg.</p>
<p>Vereinsfu&szlig;ball ist der allt&auml;gliche &ouml;konomische Kuchen, dem durch Gro&szlig;ereignisse ein Sahneh&auml;ubchen aufgesetzt werden soll. So geschehen bei der WM 2006 in Deutschland: Professor Markus Voeth berechnet folgende Wirkungen: Deutsche &uuml;ber 14 Jahre haben im Schnitt 66,07 Euro mehr bei der WM ausgegeben als sonst. In Summe wurden so 4,7 Milliarden Euro zus&auml;tzlich in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Dies kurbelte vor allem die Produktion von Getr&auml;nken und die Dienstleistungen der Gastronomie (45%) an und verschaffte der Elektroindustrie (9%), der Kleidungs- und Sportartikelindustrie (18%) und den Reiseanbietern (12%) enorme Mehreinnahmen. Diese revanchierten sich schon im Vorhinein mit eifrigem Sponsoring (www. wm-studie. de).</p>
<p>Am nachhaltigsten aber, so sagt man, profitiert der Tourismus von solchen Gro&szlig;ereignissen, denn st&auml;ndig sind die Bilder der austragenden Orte in den Medien. Diese Effekte sollen auch bei der EURO 2008 erzielt werden, da soll Wien in seiner sch&ouml;nsten Pracht gezeigt werden, und es wundert nicht, dass die Fanmeile am Rathausplatz sein wird, auch wenn dies bei Sicherheitsexperten ein ganz mulmiges Gef&uuml;hl ausl&ouml;st.</p>
<h4>Unterhaltung und das Tier in mir </h4>
<p>Die am h&ouml;chsten bewerteten Fu&szlig;baller sind den Regeln des Unterhaltungsbusiness folgend Stars. Die TV-Wahrnehmung schaut auf diese Einzelspieler, auf ihre Tribblings, auf Ballannahme, Gestik und vor allem auf ihre Mimik. Die Kamera will genau das zeigen, was sich auch in mir beim Zusehen abspielen soll. Jene unmittelbaren Reaktionen auf das Geschehen, die beim Akteur freilich viel ausgepr&auml;gter sind, liefert sie in Zeitlupe und close-up. Das innere Geschehen wird Zentrum der Aufmerksamkeit. Fu&szlig;ball soll nicht blo&szlig; Leistungssport zu Showzwecken sein, sondern vor allem Emotion transportieren. Leidenschaft der Spieler, Konzentration aller Sinne auf den Moment hin, Aufgehen im Spiel als dem hier und jetzt einzig Wahren und die daraus resultierenden heftigen Gef&uuml;hlsregungen der Spieler, das sind jene Bilder, die gesendet werden.</p>
<p>Dies sind genau jene sinnlichen Momente, die mir die Aufkl&auml;rung und vorher schon das Christentum madig machen wollten. Sie kommen durch das Nadel&ouml;hr der Kulturindustrie als serielle Aufreizung zu mir retour, jedoch zu dem rein &ouml;konomischen Zweck, aus unserer eben auch animalischen conditio humana Kapital zu schlagen. St&auml;ndig werden wir aufgefordert, Lust haben zu wollen, denn nur so kann die Kulturindustrie ihr Geld verdienen. Und st&auml;ndig fordert uns die P&auml;dagogik auf, rational zu entscheiden, denn nur so bricht der Kapitalismus nicht an einer fulminanten Schuldenkrise einerseits, an dem unb&auml;ndigen Willen, nicht mehr arbeiten zu wollen, andererseits, zusammen.</p>
<p>Moderne P&auml;dagogik und Kulturindustrie sind f&uuml;r den Kapitalismus eine funktionale Einheit. &#8220;People often ask me what it is that makes Manchester United so special. When I played for the club Sit Matt Busby always used to say that the lad who works on the factory shop floor, but finds it boring, wants excitement in his free time&#8230; that when he goes to football at the weekend he wants excitement. He therefore used to tell us that we therefore had a responsibility to entertain. It is a philosophy that has continued right through until today and that has made the club popular the world over&#8221; (Bobby Charlton).</p>
<p>Mein Leben in der Arbeit ist gepr&auml;gt vom Umgang mit Kunden, der in aller Rationalit&auml;t abzulaufen hat. W&auml;re ich ein Blumenverk&auml;ufer, der seine Blumen aus lauter Freude an deren Sch&ouml;nheit jeden Tag blo&szlig; betrachten w&uuml;rde, m&uuml;sste ich mein Gesch&auml;ft wohl bald zusperren. Je rationalisierter ich agiere, je mehr kalkulatorische Denkleistung ich erbringe, desto eher habe ich einen Konkurrenzvorteil. Hier herrscht N&uuml;chternheit, nicht rauschartiges Aufgehen an der Sch&ouml;nheit der Dinge.</p>
<p>Eben, weil ich keinen sinnlichen Bezug zu den Dingen habe, die ich herstelle oder verkaufe, kann ich so rational an die Sachen herangehen. Diese N&uuml;chternheit ist aber nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Konsum geboten, denn w&uuml;rde sich der K&auml;ufer ganz irrational ins Kaufhaus st&uuml;rzen und kaufen, worauf ihm Lust gemacht wird, so steckte er schneller in der Schuldenfalle, als er aus dem Kaufrausch erwachte.</p>
<h4>&Uuml;bertreibung</h4>
<p>Wozu dann aber die Werbung, die uns doch ausgerechnet mit &#8220;let&#8217;s go narrisch&#8221; zur EURO lockt? &#8211; Sie verspricht den wunderbaren animalischen Genuss: das Eintauchen in das Objekt, die Ausschaltung der nervenden Rationalit&auml;t. Freilich, die Kreativabteilungen &uuml;berdrehen jede kleine Befriedigung zum multiplen Aufgeilen f&uuml;r unser abgestumpftes Sehen, H&ouml;ren und Sp&uuml;ren. Wir sollen zum Au&szlig;er-uns-Sein, zum Au&szlig;er-der-Welt-Sein verleitet werden &#8211; traurigerweise in einer Welt, in der einem genau das teuer zu stehen kommen kann.</p>
<p>&#8220;Da ist die Wirtschaft, da geht es relativ sachlich zu. Dann kommt die Politik, da wird es emotionaler, aber es bleibt halbwegs sachlich. In der Kultur wird es teilweise irrational. Im Fu&szlig;ball gelten all diese Kriterien nicht, da wird es ganz extrem&#8221;, sagt &Ouml;FB-Pr&auml;sident Stickler im <em>Standard</em> (21.1.2008). Welch ein &#8220;herrlich&#8221; &#8220;konkretes&#8221; Ziel ist ein Tor, im Vergleich zu den 15% Umsatzplus, die im diesj&auml;hrigen Gesch&auml;ftsjahr Plansoll sind? Diese abstrakten Ziele bestimmen einen Gro&szlig;teil unserer Lebenszeit: Arbeit und Konsum sind dieser Zahlenwelt eingemeindet. All dies ruft ein ungeheures Bed&uuml;rfnis nach Sinnlichkeit und Leidenschaft hervor, auf die wieder das Marketing aufspringt. Und so wird perverserweise das durch die Arbeitswelt erzeugte Bed&uuml;rfnis durch die in der Arbeitswelt erzeugten Produkte befriedigt: eine absurde Trennung, mit der wir unser Geld verdienen.</p>
<p>Beim Mitfiebern mit der Nationalmannschaft werde ich alles vergessen und genie&szlig;en. Ich werde begeistert sein und ohne R&uuml;cksicht auf &ouml;konomische Verluste konsumieren. Ich werde mich berauschen lassen und vergessen, dass ich arbeiten muss und (daher) den Dingen ein l&auml;stiger Tauschwert anhaftet, an dem wir unser Handeln rationalisieren und orientieren sollten. Ich werde aus der Kreatur des homo oeconomicus herausschl&uuml;pfen. Ich werde auf den Kalkulator in mir pfeifen und Momente des Gl&uuml;cks versp&uuml;ren.</p>
<p>Wie sch&ouml;n w&auml;re es, w&uuml;rde nach dem Rausch keine Rechnung kommen.</p>
</td>
</tr>
</table>
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		<title>Deutsche und Bergdeutsche</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nation und Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Franz Schandl</em> <span id="more-507"></span></p>
<p>Wenn diese Zeitung erscheint, wird das Match zwischen &Ouml;sterreich und Deutschland schon gelaufen sein. Derlei Spiele haben es schon in sich. Das 3: 2 gegen Deutschland bei der WM 1978 war f&uuml;r &Ouml;sterreich nicht nur die Rache f&uuml;r die Schlacht von K&ouml;niggr&auml;tz, Cordoba war ganz mitentscheidend f&uuml;r die Herausbildung der &ouml;sterreichischen Nation. &Ouml;sterreich hat Deutschland in Argentinien geschlagenUnser Volksheld Hans Krankl hat die Deutschen mit zwei Toren regelrecht zertr&uuml;mmert. &#8220;I wea narrisch&#8221;, schrie der legend&auml;re Sportreporter Edi Finger senior ins Mikrophon. Das war nicht weniger als der letzte Inaugurationschrei einer noch jungen Nation. Dann war die Nation fertig, fix war sie sowieso.</p>
<p>Wenn &Ouml;sterreicher ein Match der Deutschen anschauen, sind sie alles andere als unparteiisch. Mitnichten, sie sind geradezu fixiert auf den gro&szlig;en Nachbarn. Idealtypisch treten dann im Publikum immer die Gro&szlig;deutschen gegen die Piefkefresser an. Im Falle eines Tors z&uuml;cken beide das Banner, entweder das germanische oder das des jeweiligen Gegners.</p>
<p>Dem Spiel mit den Deutschen fieberte man hier schon auf ganz eigene Weise entgegen: &#8220;Deutsche! Wir sind auch im Bett besser&#8221;, schlagzeilte die Gratisgazette <em>Heute</em> am 14. Mai. Dieser heimt&uuml;ckische Provokativ, eine Mischung aus Minderwertigkeitsgef&uuml;hl und Allmachtspotenz liest sich des Weiteren so: &#8220;Deutsche, wir m&ouml;gen auf dem Rasen nicht unbedingt die Angstgegner sein, doch in Sachen Sex sind wir auf dem besten Weg zum Meister! &#8221; Da der regierende Weltmeister Italien diese Statistik anf&uuml;hrt und der regierende Europameister Griechenland am zweiten Platz folgt, ist an der Stichhaltigkeit und Seriosit&auml;t dieser Argumentation sowieso nicht zu zweifeln. Im Ranking liegen die &Ouml;sterreicher am dritten Rang, die Deutschen nur am neunten. Wie der Begriff Bergdeutsche richtig sagt, kommen die &Ouml;sterreicher weit &ouml;fter zum Gipfel als ihre Nachbarn.</p>
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		<title>Konstantinopel brennt</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:45:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 43/2008 2000 Zeichen abw&#228;rts von Lorenz Glatz Normalerweise d&#252;rfen sie das gar nicht. Hierzulande verbietet irgendein Gesetz, dass die Leute mit F&#228;hnchen, rot-wei&#223;-rot, ev. noch den Bundesgeier mittendrin, durch die Gegend fahren. Dank der Kronenzeitung hat der Innenminister zum Wohl des Patriotismus das Gesetz f&#252;r die Dauer der EM sistiert. Darf er das eigentlich? [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/konstantinopel-brennt">Konstantinopel brennt</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-504"></span></p>
<p>Normalerweise d&uuml;rfen sie das gar nicht. Hierzulande verbietet irgendein Gesetz, dass die Leute mit F&auml;hnchen, rot-wei&szlig;-rot, ev. noch den Bundesgeier mittendrin, durch die Gegend fahren. Dank der Kronenzeitung hat der Innenminister zum Wohl des Patriotismus das Gesetz f&uuml;r die Dauer der EM sistiert. Darf er das eigentlich? K&ouml;nnen tut er&#8217;s jedenfalls, und wir d&uuml;rfen dann. Irgendwie schauen die so drapierten Autos wie Staatskarossen ausDass drinnen Leute sitzen, deren Hirn von der Nation akut vernebelt ist, macht jedenfalls nicht den Unterschied.</p>
<p>Ich habe ja lange gedacht, es ist besser, wir haben eine &ouml;sterreichische Nation statt einer deutschen, weil von Germanien Abstand zu halten, eine gute Sache w&auml;re und &Ouml;sterreich allein zumindest weniger anstellen k&ouml;nnte, als wenn es mit Gro&szlig;deutschland marschiert. Seit aber das einst so strammdeutsche Haidervolk &#8220;&Ouml;sterreich zuerst&#8221; begehrt und jeder Xenophobe und Rassist hierzulande seine Menschenfeindschaft bei Bedarf mit rot-wei&szlig;-roten R&auml;ndern druckt, reicht mir, was das &#8220;Land der Berge&#8221; als Nation so drauf hat.</p>
<p>Man sagt mir, es sei besser, sie fighten auf dem Spielfeld und br&uuml;llen im Stadium f&uuml;r die Nation als mit dem Gewehr in der Hand auf den Stra&szlig;en und sonstigen Feldern der Ehre. Mir scheint, das eine ist eher eine Vor&uuml;bung f&uuml;r das andere. Es muss ja auch im &#8220;Ernstfall&#8221; nicht jeder schie&szlig;en. Die Z&auml;hne fletschen, br&uuml;llen, mitleiden, jubeln, wenigstens die Daumen dr&uuml;cken ist auch gefragt. Wie im Stadion.</p>
<p>Ich habe mir die Laufgitter f&uuml;r die Fans auf der Wiener Ringstra&szlig;e angesehen, mit denen sie von den Parks und Prunkgeb&auml;uden ferngehalten werden sollen. So h&auml;lt man wilde Tiere. Ob die Veranstalter wissen, dass ausgerastete Fans schon in alten Zeiten Konstantinopel zweimal niedergebrannt haben? Auf meine alten Tage bin ich dahin gekommen, dass ich Sieg und Niederlage hasse. Dass wir ohne so etwas nicht spielen k&ouml;nnen, sagt fast alles &uuml;ber unsere Art Zusammenleben.</p>
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		<title>Skandal als Skandalisierung</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2008/skandal-als-skandalisierung</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Skandal und Kriminal]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>

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		<description><![CDATA[Schr&#228;gstellungen zur Anatomie gesellschaftlicher Aff&#228;ren<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/skandal-als-skandalisierung">Skandal als Skandalisierung</a></p>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schr&auml;gstellungen zur Anatomie gesellschaftlicher Aff&auml;ren </h3>
<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-508"></span></p>
<p><em>&#8220;Die Skandalrepublik &Ouml;sterreich gibt es nicht mehr, das ist endg&uuml;ltig vorbei. &#8221;</p>
<p>(Alfred Worm (2000), zit. nach: Medien und Zeit, 1/2008, S. 44)</em></p>
<p>Es ist ein echter Nestroy. Auch wenn fast alle meinen, dass er zu diesem Zeitpunkt schon hin&uuml;ber gewesen sei, schrieb Johann Nepomuk Nestroy im Herbst 1862 an einer neuen Posse mit dem schlichten Titel: &#8220;Die Bank&#8221; oder: &#8220;Der Erfolg und sein Geheimnis&#8221;. Die Hauptrolle darin spielt der flotte, aber letztlich gescheiterte Bankier Marcel Elster, weiters treten auf die Hausspekulanten Abgang und Fl&ouml;ten, die Aufsichtsr&auml;te Weniger und Verstehtnix, Elsters Nachfolger Nowoswasi und der Geldbote Sacklhater. In Nebenrollen finden sich die Parteisekret&auml;re Misston und Kaliber, der Polizeipr&auml;sident Horny und seine Geliebte, abwechselnd Hanni oder Honey gehei&szlig;en, die wenig liebevoll &#8220;Aufdeckhengste&#8221; genannten Reporter Fell, Schwamm und Hei&szlig;, nicht zu vergessen die der Bank aufs Engste verbundenen Gro&szlig;unternehmer Schaff, Saus und Meinis, ein umtriebiger Finanzminister namens Krasser und die &uuml;ber alles streng urteilende Richterin, Frau Bandit-Ordner. Zwischen den Szenen singt der Kr&ouml;tenchor, so hei&szlig;t der Gesangsverein der Wiener Polizei nicht nur aufgrund seiner dunkelgr&uuml;nen Uniform, seine Gstanzln. Echter geht&#8217;s nicht.</p>
<p>Zweifellos, der Dichter war auch nach seiner Zeit seiner Zeit weit voraus: &#8220;Was hat Nestroy gegen seine Zeitgenossen? Wahrlich, er &uuml;bereilt sich. Er geht antizipierend seine kleine Umwelt mit einer Sch&auml;rfe an, die einer sp&auml;teren Sache w&uuml;rdig w&auml;re&#8221;, schreibt Karl Kraus in einem der wenigen Kommentare zu unserem St&uuml;ck, das von Germanisten leider nie zur Kenntnis genommen wurde. Bestenfalls galt es als verschollen. Unversch&auml;mterweise wurde es aber in den Vorst&auml;dten tradiert, m&uuml;ndlich, daher auch alterierend &#8220;Honey&#8221; und &#8220;Hanni&#8221; oder die Komprimierung der Spekulanten auf eine Person. In den letzten Jahren wurde das Schauspiel zur allgemeinen &Uuml;berraschung in der Hauptstadt von echten Personen in echten Positionen uraufgef&uuml;hrt. Derzeit l&auml;uft der letzte Akt, es ist ein Gerichtsakt.</p>
<p>Dieser Schluss war lange umstritten. Und wirklich, es h&auml;tte auch so ausgehen k&ouml;nnen: Bei einem vom &Ouml;GB veranstalteten &#8220;Fest f&uuml;r Fritz&#8221;, das f&uuml;r den langj&auml;hrigen Gewerkschaftspr&auml;sidenten Fritz Verzetnitsch im September 2010 ausgerichtet wird, unterstreicht Alfred Gusenbauer in seiner Laudatio ausdr&uuml;cklich die &#8220;nie in Frage zu stellende Untadeligkeit meines Freundes&#8221;, der &#8220;liebe uneigenn&uuml;tzige Fritz&#8221; sei einer, der &#8220;sich aber auch nie, ich betone: nie, das Geringste zu Schulden hat kommen lassen&#8221;, der kulturbeflissene Kanzler beschwor sogar &#8220;die Glorie von Uneigenn&uuml;tzigkeit&#8221;. Tags zuvor hatte er Ibsens &#8220;St&uuml;tzen der Gesellschaft&#8221; im Burgtheater besucht.</p>
<p>Absolute Seriosit&auml;t und Pakttreue werden dem geehrten Gef&auml;hrten auch vom Wirtschaftskammerpr&auml;sidenten Christoph Leitl best&auml;tigt. Alle Parteien zollen Anerkennung. Zu seinem Abschied im Nationalrat gibt es stehende Ovationen. In der <em>Krone</em> findet sich ein Vierseitenportr&auml;t. Verzetnitsch wird unisono beschieden, ein ganz Gro&szlig;er der Zweiten Republik zu sein. Vom Bundespr&auml;sidenten wird ihm das Goldene Kreuz ob seiner Verdienste f&uuml;r die Republik &Ouml;sterreich verliehen. 23 Jahre steht er nun schon an der Spitze der Gewerkschaft. Ein paar Jahre will er, so er gesund bleibt, noch anh&auml;ngen. Auch der Kanzler habe ihn darum gebeten.</p>
<p>Monate vorher, am 12. Mai 2010 feiert Helmut Elsner in einem vollgestopften Innenstadtpalais seinen 75. Geburtstag. Die Lobesrede h&auml;lt niemand Geringerer als Josef Taus. Er nennt &#8220;unseren Freund Marcel&#8221; einen &#8220;tatkr&auml;ftigen Mann&#8221;, dieser sei, &#8220;und das sage ich nicht nur so dahin, wirklich einer, der sich was traut, einer, der Grenzen nicht nur auslotet, sondern gelegentlich auch &uuml;berschreitet&#8221;. &#8220;Wir alle haben ihm viel, sehr viel zu verdanken.&#8221; &#8220;Manchmal hamma auch zittert, lieber Marcel, aber das ist alles Schnee von gestern&#8221;, so der Industrielle ganz launig am Schluss seiner Rede. Gro&szlig;es Gel&auml;chter und tosender Applaus folgen.</p>
<p>Unter vorgehaltener Hand ist freilich auch heute (also im Fr&uuml;hjahr 2010) noch des &ouml;fteren zu h&ouml;ren, dass es wirklich ein Wunder sei, dass oder besser noch wie Marcel die wilden Neunzigerjahre heil &uuml;berstanden hat. Ger&uuml;chten zu Folge soll es Ende des Jahrtausends zu wilden Spekulationen gekommen sein. BAWAG und &Ouml;GB sollen damals am Abgrund gestanden sein. Angeblich. Denn Genaues wei&szlig; man nicht. Der unaufhaltsame Aufstieg der BAWAG im ersten Dezennium hat das zu Nichtigkeiten degradiert. Auf die Frage, was er zu den nicht verstummenden Geschichten zu sagen habe, macht Elsner nur eine lapidare Handbewegung, l&auml;chelt s&uuml;ffisant, und murmelt fast sanft ein einziges Wort ins Mikrophon: &#8220;Makulatur&#8221;. Was Rechtes ist auch nie aktenkundig geworden. Letztlich hat Elsner die Bank nicht nur zu einer nationalen Gr&ouml;&szlig;e aufgebaut, sondern gar zu einem internationalen Player gemacht, steht sein Name eindeutig und auf ewig f&uuml;r den Erfolg der ehemaligen Arbeiterbank. Was z&auml;hlt und bleibt, das ist diese Leistung. Wer m&ouml;chte da die Ehre versagen? Keiner!</p>
<p>Im Vorjahr, also 2009, ist die Bank auch &auml;u&szlig;erst lukrativ ver&auml;u&szlig;ert worden. &#8220;Die BAWAG ist zu einem transnationalen Institut geworden, bestens postiert, nicht nur am heimischen Markt. Der Verkauf an einen US-amerikanischen Fonds, bescherte ihrem urspr&uuml;nglichen Eigent&uuml;mer einen satten Verkaufserl&ouml;s. Der &Ouml;GB gilt nicht erst seitdem als (nicht nur bezogen auf seine Mitglieder) reichster Gewerkschaftsverband der Welt&#8221;, ist im <em>profil</em> 38/2009 nachzulesen, auf dessen Frontseite sich Verzetnitsch und Weninger im Nadelstreif gratulierend die Hand reichen. Darunter steht in fetten Lettern: &#8220;WIRTSCHAFTSWUNDER &Ouml;GB&#8221;. Das vergr&ouml;&szlig;erte Cover h&auml;ngt &uuml;brigens seitdem in der Eingangshalle der aufwendig renovierten Gewerkschaftszentrale in der Hohenstaufengasse. &#8220;Und da sage noch einmal jemand, die Gewerkschaft k&ouml;nne nicht wirtschaften&#8221;, sagt Fritz Verzetnitsch lachend in einem ORF-Interview. Und niemand sagt sowas. Es ist ja auch alles gut gegangen.</p>
<p>***</p>
<p>Nun, wie wir wissen, ist es gar nicht gut gegangen. Es ist anders gekommen, obwohl die oben ausgef&uuml;hrte Parallelwelt das wahrscheinlichere Szenario gewesen w&auml;re. Ohne die fulminante REFCO-Pleite 2005 h&auml;tten sich die angesprochenen Herren der h&ouml;chsten Auszeichnungen der Republik, des gr&ouml;&szlig;ten Respekts und der besten Reputation sicher sein k&ouml;nnen. Nichts h&auml;tte dem Abbruch getan, keine karibischen Turbulenzen und auch kein Casino-Crash in Jericho. Gar nichts w&auml;re passiert, das meiste w&auml;re geheim geblieben. Ob Verzetnitsch, Elsner oder Fl&ouml;ttl gemeinhin als Falotten gelten oder als St&uuml;tzen der Gesellschaft, das hing an einem seidenen Faden. Und es ist des &Ouml;fteren so: Zwischen flotten Burschen und windigen Burlis, da ist nicht viel um. Manche werden Manager des Jahres, andere sitzen hinter Schwedischen Gardinen. Was auch hintereinander m&ouml;glich ist.</p>
<p>Ohne hier ein verallgemeinerndes Istgleichzeichen zu setzen, aber: Falotten sind verdiente Mitglieder der Gesellschaft und verdiente Mitglieder der Gesellschaft sind Falotten. Da mag man nun einwenden, dass solch eine Sichtweise aber die B&uuml;lcher bagatellisiert und die ehrbaren Leute diskreditiert. Nichts anderes ist beabsichtigt. &#8220;Die Vorliebe des B&uuml;rgertums f&uuml;r R&auml;uber erkl&auml;rt sich aus dem Irrtum: ein R&auml;uber sei kein B&uuml;rger. Dieser Irrtum hat als Vater einen anderen Irrtum: ein B&uuml;rger sei kein R&auml;uber&#8221;, wusste schon Bertolt Brecht.</p>
<p>Zwei zentrale Kriterien gesellschaftlicher Durchsetzung und Anerkennung sind, wie Nestroy im Untertitel richtig erkannte, der Erfolg und sein Geheimnis. Es steckt zwar in ihm, aber heimt&uuml;ckischerweise versteckt, d. h. jedes Werden verschwindet im Resultat. Normalerweise fragt dann niemand mehr. Im Erfolg demonstriert man, was man erreicht hat, im Geheimnis verschweigt man, wie man es bewerkstelligt hat. Geht Ersterer daneben oder wird Letzteres aufgedeckt, wird jeder Bursch zum Burli. Diesen Prozess einer &ouml;ffentlichen Degradierung oder besser noch Depotenzierung erleben wir gerade.</p>
<p>Mit ein bisschen Gl&uuml;ck h&auml;tten Fl&ouml;ttl senior und junior auch als die Fugger der &ouml;sterreichischen Arbeiterbewegung gelten k&ouml;nnen. M&ouml;glicherweise h&auml;tte Wolfgang Fl&ouml;ttl noch den Bestseller &#8220;Das karibische Abenteurer&#8221; ver&ouml;ffentlicht. W&auml;ren Fl&ouml;ttls Gesch&auml;fte aufgegangen (und sie h&auml;tten dann die selbe kriminelle Energie gehabt wie im Verlustfall! ), w&auml;re dieser Mann wohl als eines der gr&ouml;&szlig;ten Finanzgenies in die Geschichte des Landes eingegangen. Aus dem wird nichts, im Gegenteil, er ger&auml;t in eine Reihe mit dem Schiffeversenker Udo Proksch. Sagte Fl&ouml;ttl noch im September 2006: &#8220;Schlechte Gesch&auml;fte sind kein illegaler Akt&#8221; (<em>&Ouml;sterreich</em>, 21. September 2006, S. 8), so ist das zwar richtig und stimmt doch nicht. Geld versenken ist ein Kapitalverbrechen, weil ein Verbrechen am Kapital.</p>
<p>Es hat nicht sein sollen. Im Erfolgsfall h&auml;tte der Spekulant Wolfgang Fl&ouml;ttl nicht eine Sekunde an ein Schuldbekenntnis denken m&uuml;ssen, w&auml;re ihm doch jedwedes Verst&auml;ndnis entgegengebracht worden. Sein Fehler bestand darin, als Loser und nicht als Winner daherzukommen. Die Teilgest&auml;ndnisse einiger Angeklagten im BAWAG-Prozess haben also mehr mit Kalk&uuml;l als mit Wahrheit oder L&uuml;ge zu tun. Sie folgen der Einsch&auml;tzung, dass Verurteilungen wahrscheinlicher sind als Freispr&uuml;che, Gest&auml;ndnisse aber Erstere mildern. Und niemand sage, das alles habe mit der gesellschaftlichen Dynamik des Falls nichts zu tun. Sie beherrscht diesen weitgehend. Dass der unkooperative Elsner als einziger Angeklagter in U-Haft sitzt, ist vorrangig auf die ver&ouml;ffentlichte Meinung der Medienpropaganda zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
<p>Die Justiz agiert in solchen Prozessen jenseits der Grenzen ihrer Disziplin. Sie hat &uuml;ber etwas zu richten, was sie mit ihren Instrumentarien gar nicht richtig begreifen kann. Sie hat Urteile zu sprechen, ohne Beurteilungen treffen zu d&uuml;rfen. Ihre Ermessensentscheidungen sind jenseits des positiven Rechts angesiedelt, auch wenn sich ordentliche Begr&uuml;ndungen f&uuml;r Frei- wie Schuldspr&uuml;che in den Paragraphen finden lassen. Noch deutlicher als anderswo ist hier das Gesetz Knetmasse der Advokaten. Sie k&ouml;nnten auch w&uuml;rfeln. Dass Frau Bandion-Ortner in den letzten Monaten psychosomatisch auf den Fall reagierte, spricht &uuml;brigens f&uuml;r sie.</p>
<p>***</p>
<p>Skandale st&auml;rken die b&uuml;rgerlichen Werte und Normen, weil die Skandalisierung deren Zustimmung voraussetzt wie einfordert. Skandalisierung dient zur Selbstversicherung der Ideale, zur Selbstverst&auml;ndigung des Selbstverst&auml;ndlichen. Sie ist eine Art Crash-Kurs in Sachen Staatsb&uuml;rgerkunde. Auf ideologischer Ebene haben die Skandalisierer leichtes Spiel, weil die Skandalisierten defensiv, nie offensiv agieren, eben weil sie selbst der gleichen Moral aufsitzen wie ihre moralischen Richter. Zumeist wollen jene es nicht getan haben. Wenn das nicht geht, ist es ihnen passiert und sie versprechen Besserung. Niemand hingegen sagt: &#8220;Ja zur Steuerhinterziehung! &#8221; &#8220;Hoch die Schmiergeldzahlung! &#8221; &#8220;Es lebe die Vetternwirtschaft! &#8221; &#8211; Das ist eigentlich schade. Denn die Fragen nach Beziehungen, nach Provisionen und der Drang, es sich zu richten, der ist uns allen nicht unbekannt. Insgeheim wissen wir, was wir nicht sagen d&uuml;rfen. Es ist wieder einmal eine dieser Eigenarten, wo die Differenz von Praxis und Theorie niemandem auffallen will: Alle Gesellschaftsmitglieder sind skandalf&auml;hig und skandalanf&auml;llig, aber keines bekennt sich zu ihm. Im Gegenteil, der Skandal, das sind immer die andern.</p>
<p>Was das Empirische betrifft, ist der Skandal oft wirklich so, wie ihn sich der kleine Maxi vorstellt, nur komparativer. Das ist darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass der kleine Maxi im Kleinen nichts anderes tut als die gro&szlig;en Maxln in Politik und Wirtschaft. Aber das sagt man nicht. Maxi wei&szlig;, was er Max vorwirft, weil er sich, obwohl er sich verleugnet, kennt. Ihn entsetzt, was er tut, bei den andern, die nichts anderes tun. &#8220;Das gew&ouml;hnliche Leben ist ein Mittelzustand aus allen uns m&ouml;glichen Verbrechen&#8221; (Der Mann ohne Eigenschaften I, Reinbek bei Hamburg 1987, S. 474), wusste schon Robert Musil. &#8220;Alles Verbrechen ist gew&ouml;hnlich, gerade wie alle Gew&ouml;hnlichkeit ein Verbrechen ist&#8221;, hei&szlig;t es in Oscar Wildes &#8220;Das Bildnis des Dorian Gray&#8221; (M&uuml;nchen 2004, S. 240). Es ist durchaus richtig, dass die Worte &#8220;&uuml;blich&#8221; und &#8220;&Uuml;bel&#8221; sehr nahe beieinander liegen.</p>
<p>Der Skandal geh&ouml;rt nicht blo&szlig; <em>zur</em> Normalit&auml;t, er <em>ist</em> Normalit&auml;t. Keine Entgegensetzung, nicht einmal ein Querschl&auml;ger! Im Skandal immunisiert sich die Gel&auml;ufigkeit des Normalen, indem sie eine zugeh&ouml;rige Besonderheit als ungeheuerliche und ungeh&ouml;rige Absonderlichkeit auftreten l&auml;sst. Im Skandal tritt die Banalit&auml;t gerade so auf, als sei sie eine Sensation. Skandalisierung stilisiert bestimmte Erscheinungen, rei&szlig;t sie aus ihrem struktiven Zusammenhang und bl&auml;st sie via medialer Berichterstattung und politischem Befund zur Wichtigkeit par excellence auf. Skandale sind da zum Abreagieren. Sie lenken ab von der Allt&auml;glichkeit des Geschehens, indem sie nicht dieses, sondern dessen Aff&auml;ren zum Thema machen. Im Skandal substituiert der gesellschaftliche L&auml;rm den gesellschaftlichen Lauf. Im Get&ouml;se verlieren die Strukturen ihre Kenntlichkeit.</p>
<p>Rufen wir uns auch in Erinnerung, weil es von zentraler Wichtigkeit ist: Der Skandal bedroht <em>nie</em> den gesellschaftlichen Zweck, Geld zu machen, sondern erf&uuml;llt ihn nur mit Mitteln, die sitten- oder rechtswidrig sind. Aber das ist ein Detail. Was sind schon die Mittel gegen das Ziel, das kaum jemandem als fragw&uuml;rdig erscheint? Skandale sind in erster Linie als Folgen und Funktionen der Geldwirtschaft zu dechiffrieren. Und zwar als solche, die zwar den Zweck teilen, aber die Regeln flexibel bestimmen m&ouml;chten und das auch tun. Im schier ewigen Spiel der Geldmacherei ist der Skandal nicht Bedrohung, sondern Stachel. Dass man Geld haben soll und soviel wie m&ouml;glich, nimmt kaum jemand so ernst wie diese Delinquenten. Keine Regel soll aufhalten und behindern. Illegal gewesen ist auch nicht das, was illegal gewesen ist, sondern nur das, was der Illegalit&auml;t &uuml;berf&uuml;hrt werden konnte. Illegale usu legale fit.</p>
<p>Das Gesetz ist diesbez&uuml;glich ein recht harmloser Geselle. In 95 Prozent der F&auml;lle, also jenen, die nicht durch Aufdeckung a posteriori zu Unf&auml;llen werden, ist der Rechtstaat recht stad, um nicht zu sagen: ganz still. Manchmal ist er trotz aller Offensichtlichkeiten hilflos und zur Unt&auml;tigkeit verurteilt. Warum sollen keine &#8220;Sympathiezahlungen&#8221;, wie Frau Wolf (Nachname wie Wortsch&ouml;pfung lassen auf einen weiteren unbekannten Nestroy schlie&szlig;en) ihre Geschenke aus dem Geschenkskorb der EADS v&ouml;llig korrekt tituliert, an diverse Sympathietr&auml;ger erfolgen? Der freie Markt l&auml;sst das nicht nur zu, er f&ouml;rdert diese freie &Uuml;bereinkunft. Und warum soll die Frau Auffangj&auml;ger Erika Rumpold nicht aus &auml;hnlichen Eignungshonoraren ein kleines Wirtschaftsimperium aufbauen? Es sage mir doch bitte mal jemand einen wirklichen Grund? Urspr&uuml;ngliche Akkumulation, die nie aufgeh&ouml;rt hat, verl&auml;uft so. Dass Gesch&auml;ft und Verbrechen beide dem Aneignungs-, somit dem Entwendungstrieb folgen, liegt auf der Hand. Und bestaunen wir nicht eigentlich derlei Bravourst&uuml;cke? Sind wir nicht alle irgendwie s&uuml;chtig auf einen Coup, wenngleich die meisten wohl eher auf die Lotterie oder gar einarmige Banditen setzen, was &uuml;brigens nicht f&uuml;r allzu gro&szlig;e Intelligenz spricht.</p>
<p>Ob Helmut Elsner ein Gauner ist, will z. B. ein hellsichtiger Kopf wie Wolfgang Reithofer nicht einfach bejahen. &#8220;Man soll vorsichtig sein, andere so locker zu verurteilen. Man wei&szlig; nicht, was einem selber unterkommt&#8221;, (<em>Datum</em>, Februar 2007, S. 25) sagt einer der f&uuml;hrenden Unternehmer des Landes, einer, der wahrscheinlich genau wei&szlig;, was einem so alles unterkommt. Klug auch dieses: &#8220;Niemand ist frei. Auch der Vorstand eines Unternehmens nicht, der hat andere Zw&auml;nge. Vielleicht macht man das den Menschen zu wenig bewusst.&#8221; (Ebenda, S. 22. ) Was zwar nicht f&uuml;r die Zw&auml;nge spricht, sondern gegen die kollektive Halluzination der Bewusstlosigkeit, sich als freier Wille zu verstehen.</p>
<p>Doch weil wir das alles nicht debattieren, sondern uns blo&szlig; &uuml;ber dieses und jenes das Maul zerrei&szlig;en, gehen Funktion und Substanz des Skandals gerade in der grassierenden Skandalisierung unter. &Uuml;ber Elsner und Fl&ouml;ttl, Verzetnitsch oder Horngacher wird viel geredet und geschrieben, aber sie werden nicht er&ouml;rtert, sondern beschuldigt oder entschuldigt. Indes w&auml;re eine Diskussion &uuml;ber die Konstitution solcher Typen, nicht die individuelle, sondern die gesellschaftliche von au&szlig;erordentlichem Interesse. Doch darf das interessieren? Ist das nicht fad? Ist nicht jeder er selbst, ein verantwortungsbewusstes Individuum, nicht ein zuordenbares Subjekt? Haben wir es nicht so gelernt? Und warum soll es nicht stimmen?</p>
<p>***</p>
<p>Ob etwas zum Skandal gereicht oder nicht, entscheidet prim&auml;r die mediale Verwertbarkeit. Nicht objektive Tatbest&auml;nde machen den Skandal zum Skandal, sondern eine entsprechende kulturindustrielle Produktionsform des Investigierens. Wie der Begriff sagt, geht es dabei um Investment und Gier. Ein ganzes Journalistenvolk gibt sich gegenw&auml;rtig dem investigativen Taumel hin, dieser ist Inbegriff des professionellen Leitbilds. &#8220;Journalismus. Das hei&szlig;t: aufdecken, enth&uuml;llen&#8221;, sagte Josef Votzi vor mehr als zehn Jahren. (<em>tv-Media</em> 5/97) Kurzum: &#8220;Schreibe, was ist.&#8221; (<em>profil</em> 28/96) Nicht <em>was warum ist</em>, ist der Anspruch, sondern der losgel&ouml;ste Sachverhalt soll auf den Punkt gebracht werden. Zweifelsohne ein d&uuml;rftiges Programm. Das Dasein, woher es r&uuml;hrt und wohin es f&uuml;hrt, was ist das schon gegen die schlichte Aufforderung zur Darstellung sogenannter Fakten und Vorkommnisse?</p>
<p>Der Skandal ist eindeutig m&auml;nnlich konnotiert, es geht ums Stierln, ums Abgreifen und ums Abschie&szlig;en. Jemanden bis auf die Unterhose ausziehen, das hat was. Was interessiert, sind die Dessous der Macht. Der Skandal ist eine Peep Show der Kulturindustrie, allerdings eine, wo eins es sich nicht aussuchen kann, jene zu besuchen oder nicht. Wir sind zugeschaltet, es gibt kein Leben abseits des medialen Banns. Elsner und Zumwinkel sind aktuelle Ber&uuml;hmtheiten, auch wenn sie in einigen Jahren kaum jemand mehr kennen wird. Sendungen und Zeitungen gleichen &#8220;peeping organs&#8221;. Es wird aufgegeilt, bis es fahl und fad wird. Daher geht es auch Schlag auf Schlag, folgt Fall auf Fall, Kriminal auf Kriminal. Die BAWAG-Aff&auml;re, obwohl noch nicht ganz ausgestanden, ist bereits ein Skandal von gestern. Neue stehen auf der Tagesordnung. Die Lieferung bleibt nicht aus. Verschnaufen ist nicht. Abf&uuml;ttern schon.</p>
<p>Skandale aufdecken meint Selektion geheimen Wissens durch Offenbarung sogenannter Indizien und Tatbest&auml;nde. Der Rezipient ist freilich kaum f&auml;hig, Ger&uuml;cht und Wahrheit zu unterscheiden bzw. den jeweiligen Stellenwert zu ermessen. Er ist angewiesen und abh&auml;ngig, ja ausgeliefert. Bei gezieltem Investigieren kommt auch kein Skandalisierter unbesch&auml;digt davon. Irgendetwas bleibt h&auml;ngen. Dass jedem und jeder etwas anzuh&auml;ngen ist, sollte klar sein. Ob jemand unter Verdunkelungsgefahr leidet oder schon Opfer einer Enth&uuml;llungsentz&uuml;ndung ist, ist manchmal schwer festzustellen. Man kann &uuml;ber Lappalien oder gar haltlose Bezichtigungen st&uuml;rzen, wie es etwa dem ehemaligen SP-Zentralsekret&auml;r Heinrich Keller passiert ist. Man kann aus Skandalen, die jeden anderen zur Strecke bringen, auch gest&auml;rkt hervorgehen: J&ouml;rg Haider ist das zwischen 1986 und 2000 einige Male gelungen.</p>
<p>Skandale werden nicht einfach enth&uuml;llt, sondern folgen einer strategischen Dramaturgie. Die Wahrnehmung gilt aber nicht vorrangig dem inkriminierten Fall, also dem Skandal, sondern vor allem der gen&uuml;sslichen Aufbereitung desselben, also der Skandalisierung. Die Aff&auml;re ist das beste und eintr&auml;glichste Mittel der Erregung unmittelbarer Aufmerksamkeit. Der Skandal kommt erst durch die Aufdeckung zu sich. Das Ereignis ger&auml;t erst in ihm au&szlig;er sich zu seinem nachtr&auml;glichen Begriff. Ein Skandal ohne Aufdeckung ist keiner gewesen, mag gewesen sein, was immer auch gewesen ist.</p>
<p>Kein Skandal ohne Skandalisierung! Gibt es Letztere nicht, hat es Ersteren nie gegeben, egal nun, wie hoch die kriminellen Ingredienzien der jeweiligen Gesch&auml;fte und Politiken zu veranschlagen gewesen w&auml;ren. Der Skandal kann ohne &ouml;ffentliche Kenntnisnahme nicht gedacht werden. Letztlich verschleiert die Skandalisierung mehr als sie aufdeckt, eben weil sie sich beharrlich weigert, Missst&auml;nde und Zust&auml;nde als Einheit zu denken, sondern deren immanente Diskrepanz stets zur kontrafaktischen, aber kategorischen Zweiheit aufbauscht. In der Aufdeckung und Konstruktion von Skandalen demonstriert das System nicht seine Instabilit&auml;t, sondern im Gegenteil seine Stabilit&auml;t. Trotz aller Aufregung und Emp&ouml;rung folgen zum Schluss Ermattung und Indifferenz. Sie sind das ungenannte, ja oft unbewusste Ziel.</p>
<p>Die Voraussetzung einer Aff&auml;re mag ein krimineller Sachverhalt sein, ihre Bedingung ist aber ihre Inszenierung. Um den Skandal als soziale Gr&ouml;&szlig;e zu erfassen, ist es vor allem notwendig, die Methoden der Skandalisierung genauer zu untersuchen und zum Gegenstand der Kritik zu machen. Dreckmacher und Dreckstierler bilden zwar keine symbiotische, ab er doch eine synergetische Einheit. Sie geh&ouml;ren zusammen und f&uuml;hren gemeinsam ihre St&uuml;cke auf. So wie der Kasperl und das Krokodil. Gewinnen tut immer der Kasperl, sofern das Krokodil auf der B&uuml;hne erscheint. Verbleiben die Krokodile im Sumpf, d&uuml;rfen sie anstellen, was sie wollen und fressen, wen sie wollen. Dass fast alle Krokodile dort sind, ist anzunehmen, im Fernsehen trocknen sie schnell aus und in der &Ouml;ffentlichkeit kommen sie um. Aber im Sumpf der Zivilgesellschaft gedeihen sie pr&auml;chtig. Da m&ouml;gen die Kasperln denken, was sie wollen.</p>
<p>***</p>
<p>Skandalisierung und Skandal verhalten sich wie Verlogenheit und L&uuml;ge. Erscheint Letztere offensichtlich, bleibt Erstere, gerade weil sie beleuchtet, im Dunkeln. Wir wissen (oder glauben zu wissen) von den Gesch&auml;ften der Aufgedeckten, haben aber wenig Ahnung von den Gesch&auml;ften der Aufdeckung. Nat&uuml;rlich kommt es schon mal vor, dass ein Blatt ein anderes bezichtigt, Geld angeboten oder angenommen zu haben, aber das ist die Ausnahme. Und zumeist folgenlos, denn jeder darf jedem Geld geben f&uuml;r eine bestimmte Leistung. Warum soll man durch eine Auskunft keine Einkunft erzielen? Das sei unlauter? Nicht mehr als jedes andere Gesch&auml;fte auch.</p>
<p>Viele Fragen bleiben offen: Wer beliefert die Aufdecker? Wer bezahlt die Lieferanten? Worin unterscheiden sich Bestechung und Aufdeckung? Wo werden welche Waren gehandelt? Wie hoch sind die Preise? Abgeh&ouml;rte Telefonate, bespitzelte Personen, umgeleitete E-Mails, ver&ouml;ffentlichte Steuerbescheide, weitergereichte Rechnungshofrohberichte, gestohlene Akten, Erpressungen &#8211; das alles, obwohl tats&auml;chlich, ist kaum pr&auml;sent. Nichts ist transparent, aber alles undicht. Der Skandal, so zeichnet es sich ab, ist nur auf skandal&ouml;se Art und Weise zu bek&auml;mpfen. Oft wei&szlig; man nicht, wer der &Uuml;blere ist, der Aufdecker oder der Zudecker? Wobei die nat&uuml;rlich auch von Fall zu Fall die Positionen tauschen k&ouml;nn(t)en. Aufdeckung erfordert dieselben Methoden, gegen die sie auftritt. Wer die Dialektik des Skandals eingehend studiert, k&ouml;nnte wissen, dass der Saubermann oft jener Mann ist, der am meisten mit dem Dreck zu tun hat. Indes, Thema ist die Enth&uuml;llung der zu Enth&uuml;llenden nicht die Enth&uuml;llung der Enth&uuml;ller. Wer sollte die auch einbringen? Die nichtbeobachteten Beobachter, die Aufdecker selbst? Die k&ouml;nnen absolut kein Interesse an solchen Gesch&auml;ftsst&ouml;rungen haben.</p>
<p>Die deutsche Postbankaff&auml;re um Klaus Zumwinkel offenbart da mehr, als allen Aufdeckern recht sein kann. Der offiziell bekannt gewordene Ankauf von Daten &uuml;ber Steuers&uuml;nder mag ein Novum sein. Dass mit solchen Sachen gehandelt wird, liegt aber auf der Hand. Wer Informationen sammelt und besitzt, der will und darf sie doch auch verkaufen. Da mag die Beschaffung auch selbst nicht ganz legal sein. Egal. Rein formal wird ein Angebot gelegt, das auf Nachfrage hofft. H&auml;tte der BND nicht gekauft, h&auml;tte die deutsche Finanz sich zahlreiche gro&szlig;e Fische durch die Lappen gehen lassen. Zumwinkel &#038; Co. w&auml;re nichts nachzuweisen gewesen. Nicht die Zivilgesellschaft entledigt sich der Korruption, sondern neben der Korruption wird auch die Skandalisierung zu einer ordentlichen Businesssparte mit flexiblen Preisen. Hehlen mit brisanten Daten, da tut sich ein gro&szlig;es Gesch&auml;ftsfeld auf.</p>
<p>Besonders gef&auml;hrlich sind Leute, die prophylaktisch (oft ohne konkrete Absicht und spezifischen Hintergrund) Daten sammeln, Dateien speichern, Dossiers anlegen. Denn jene sind meist unauff&auml;llige und unverd&auml;chtige Elemente, die unmittelbar gar nicht als Gefahrenquelle erfasst werden k&ouml;nnen. Keine Spionageabwehr rechnet mit ihnen. Sie sind also unberechenbar. Wer wei&szlig;, was passiert, wenn sie &uuml;bergangen, gemobbt, degradiert, gedem&uuml;tigt oder arbeitslos werden? Wenn sie meinen, sie k&auml;men zu kurz oder auch einmal ein bisschen m&auml;chtig erscheinen m&ouml;chten? Wenn sie jemandem eins auswischen wollen? Oder einfach nur geldgierig sind? Soll vorkommen. Da k&ouml;nnen aus biederen Sammlern gierige J&auml;ger werden, wahre Denunziationsbomben. Sie brauchen sich nur zu entsichern, also bei Redaktionen oder Beh&ouml;rden vorstellig werden und andeuten, dass sie unter Umst&auml;nden was h&auml;tten, wenn&#8230;</p>
<p>Wir m&uuml;ssen davon ausgehen, dass auch von privater Seite kontinuierlich Berichte und Notizen angelegt werden, um sie gegebenenfalls auf dem Markt zu verh&ouml;kern. Wo die Integrit&auml;t sinkt, h&auml;ufen sich die Intrigen. Vertrauliche Gesch&auml;fts- und Amtskenntnisse erzielen lukrative Preise am Markt. Das l&auml;uft so, nur wei&szlig; man eben nicht genau, welche investigativen Leistungen mithilfe welcher Transaktionen erzielt wurden. Daf&uuml;r sorgen ironischerweise das Amts-, Gesch&auml;fts- und Redaktionsgeheimnis, deren Umgehung die Voraussetzung jeder Enth&uuml;llung ist. Faktum bleibt: Dem kriminellen Handeln erster Ordnung folgt unweigerlich eines zweiter Ordnung. Der Verrat ist nur eine besondere Form des Rats, gerade deswegen erzielt er auch einen besonderen Preis.</p>
<p>M&ouml;glicherweise inauguriert sich hier ein neuer Typus des Alltagsspitzels als Heckensch&uuml;tzen. Das Hehlen mit fremden Daten wird zum Gesch&auml;ftszweig. Erinnern wir uns kurz an eine andere zeitgen&ouml;ssische Nestroy-Figur, an Josef Kleindienst. Dieser ehemalige FP&Ouml;-Gendarm nutzte als Aufdeckungsgehilfe einer l&auml;ngst vergessenen Spitzelaff&auml;re sein Geheimwissen &auml;u&szlig;erst geschickt zur ersten Akkumulation seines Verm&ouml;gens, das sich zwischenzeitlich zum Immobilienimperium entwickelt hat. Aus dem Aufdecker wurde jedenfalls ein Abzocker, die Verwandtschaft der Arten ist wiederum offensichtlich. Und jeder Affirmatiker der praktizierenden Mehrheit w&uuml;rde hier best&auml;tigend ausrufen: Genau so musst du&#8217;s machen! Zweifellos, wollen tun&#8217;s viele, k&ouml;nnen nur einige.</p>
<p>***</p>
<p>Anstand ist ein menschliches, kein &ouml;konomisches Kriterium. Wer sich am Markt auf den Anstand beruft, ist in einem wirtschaftlichen Notstand. Wer anst&auml;ndig Gesch&auml;fte machen will, kann keine anst&auml;ndigen machen. B&ouml;se Zungen wie glaubhafte Sachverst&auml;ndige im BAWAG-Prozess behaupten gar, dass man in letzter Konsequenz nur jenen Bilanzen vertrauen d&uuml;rfe, die man selber gef&auml;lscht hat. &#8220;Letztlich ist jede Bilanz objektiv unrichtig&#8221;, sagt der Gutachter Thomas Keppert, der es wissen muss. (<em>Kronen Zeitung</em>, 10. Februar 2008, S. 36) Nun, wir wollen&#8217;s nicht &uuml;bertreiben, aber verantwortungsvoll im Sinne eines Unternehmens zu agieren, hei&szlig;t nicht, nicht zu l&uuml;gen. Es hei&szlig;t, zu l&uuml;gen. Zwar nicht notorisch, aber kalkulierend und spekulierend. In der Welt von Gesch&auml;ft und Politik gilt: Wenn eine Wahrheit schlecht ist, ist sie schlecht und daher zu unterdr&uuml;cken; wenn eine L&uuml;ge gut ist, ist sie gut und daher zu verbreiten.</p>
<p>L&uuml;ge ist ein probates Mittel, genauso wie die Wahrheit. Man muss flexibel sein und auch gut mixen k&ouml;nnen. Und jetzt bitte keine Kinderspr&uuml;che wie etwa, dass die Wahrheit immer ans Licht kommt, dass L&uuml;gen kurze Beine haben, oder gar, dass man jemandem, der dreimal l&uuml;gt, nicht mehr glaubt. So ein Bl&ouml;dsinn. Plausibilit&auml;ten von T&auml;uschungen beherrschen unsere allt&auml;gliche Kommunikation. Oberfl&auml;chlich betrachtet sind Unternehmen Erscheinungen von Inseraten und Resultaten, in Wirklichkeit aber sind sie Black Boxes, wo es dann regelm&auml;&szlig;ig verwundert, was bei Siemens und BAWAG, bei VW und Postbank alles m&ouml;glich ist. Aber auch wenn gelegentlich die Eingeweide nach au&szlig;en treten, sind es blo&szlig; Organe, die austreten, und nicht Organismen, die sich offenbaren. Die &ouml;ffentliche Beschau der Ged&auml;rme, l&auml;sst vielleicht erkennen, was in der Schei&szlig;e ist, was deren Tr&auml;ger gefressen und ausgefressen haben, nicht aber, wie das gro&szlig;e Fressen und das Abf&uuml;ttern im Konkreten funktionieren. Das, was wir wissen, ist harmlos gegen das, was wir nicht wissen. Und das meiste wissen wir schlicht und einfach nicht. Gerade deswegen sollten wir uns Sorgen machen.</p>
<p>Henrik Ibsen l&auml;sst in &#8220;Die St&uuml;tzen der Gesellschaft&#8221; (1877) seine Hauptfigur Konsul Bernick sagen: &#8220;Und zwingt uns nicht die Gesellschaft selbst, krumme Wege zu gehen? Was w&auml;re hier geschehen, wenn ich nicht in der Stille gehandelt h&auml;tte? Alle w&uuml;rden sich auf das Unternehmen gest&uuml;rzt haben, w&uuml;rden die ganze Geschichte geteilt, zersplittert, verdorben und verpfuscht haben.&#8221; (S&auml;mtliche Werke, Dritter Band, Berlin, o. J. , S. 512) Der h&ouml;chste Eigent&uuml;mervertreter der BAWAG, Fritz Verzetnitsch, hat tausendmal recht, wenn er sagt, dass er das wahre Ausma&szlig; der Verluste von 1999/2000 vor dem &Ouml;GB-Vorstand im Interesse von Unternehmen und Gewerkschaft hat verschweigen m&uuml;ssen. H&auml;tte er geredet, h&auml;tte er BAWAG und &Ouml;GB schon einige Jahre zuvor ins &ouml;konomische Desaster getrieben. Derlei Wahrheiten st&ouml;ren n&auml;mlich nicht nur Gesch&auml;fte, sondern richten Unternehmen zugrunde.</p>
<p>Und tats&auml;chlich, h&auml;tte ihnen REFCO 2005 nicht das Licht ausgeblasen, h&auml;tten die Spitzen in Bank und Gewerkschaft diese Chance der Vertuschung auch ordentlich genutzt und die Sache heil &uuml;berstanden. Gerade der Misserfolg ist oft ein Verr&auml;ter bitterer Wahrheiten, w&auml;hrend der Erfolg der H&uuml;ter diverser Geheimnisse ist. &#8220;Zuweilen ist der Kaufmann, der Konkurs macht, ehrlicher als der, der es zu Reichtum bringt&#8221;, schreibt Vilfredo Pareto in seinem Werk &#8220;Das soziale System&#8221; (&sect; 2264): &#8220;&Auml;hnlich ist es h&auml;ufig bei den Politikern so, dass die erwischten zu den weniger Schuldigen geh&ouml;ren. &#8230; In diesen Schlachten der Politiker retten sich h&auml;ufig die Schlechtesten. Es ist komisch, wenn man sie hinterher die weniger Schlechten im Namen der Tugend und der Moral richten und verurteilen sieht.&#8221; (Ausgew&auml;hlte Schriften, Frankfurt/Main-Berlin-Wien 1976, S. 287. )</p>
<p>Auch Politik kann nicht nicht korrupt sein. Helfen und Nachhelfen sind obligatorisch. Es ist schwierig, den Punkt anzugeben, wo Protektion aufh&ouml;rt und wo Korruption beginnt. Im Prinzip geh&ouml;ren sie derselben Welt an. Die &Uuml;berg&auml;nge sind flie&szlig;end wie der Fluss von Information und Geld. Austausch und Zueignung von Gef&auml;lligkeiten (Jobvergaben, Wohnungsmittlungen, Bef&ouml;rderungen u. v. m. ) geh&ouml;ren seit ehedem zum politischen Gesch&auml;ft, und es ist ein Gesch&auml;ft. Die Intervention ist nicht g&auml;nzlich anderen Charakters als diverse andere Interessen. Politiker sind Protektionsassistenten und daher pr&auml;destiniert f&uuml;r korrupte Machenschaften. Da eine Gef&auml;lligkeit und dort eine, der man sich nicht entziehen kann, und bald mag etwas notiert, aufgezeichnet oder gespeichert sein, was einmal gef&auml;hrlich werden k&ouml;nnte. Das Problem der Politik ist nun, dass selbst die ma&szlig;geblichen Politiker nicht mehr Herren der Gef&auml;lligkeiten sind, sondern den Gef&auml;lligkeiten nicht mehr Herr werden k&ouml;nnen. Der Sog ist m&auml;chtiger als alle Sauger und Ausgesaugten.</p>
<p>&#8220;Kann man da nichts machen? &#8220;, ist eine Frage, die jeder von uns schon mal in verf&auml;nglichem Zusammenhang gestellt oder gestellt bekommen hat. Insbesondere von Politikern wird des &Ouml;fteren verlangt und erwartet, etwas zu tun, was sie nicht d&uuml;rfen, wohl aber k&ouml;nnen. &#8220;Die H&auml;lfte der Interventionen ist jenseits der Legalit&auml;t. Die k&ouml;nnen wir nicht alle erf&uuml;llen&#8221;, sagte sinngem&auml;&szlig; ein nicht nur mir bekannter Politiker. Off records. Der Politiker ist kein gr&ouml;&szlig;erer Lump als der B&uuml;rger, den er vertritt und bedient. Wer eine Bagage sehen will, werfe zuerst einen Blick in den Spiegel. Das sollte aber weder Trost noch Anklage sein, sondern lediglich eine ern&uuml;chternde Feststellung.</p>
<p>Erkannt (nicht zu verwechseln mit anerkannt! ) werden sollte, dass Korruption erfolgreichen Handlungen wie Verhandlungen nicht abtr&auml;glich ist, sondern zumeist ungemein f&ouml;rderlich. Das sagt man zwar nicht, aber alle Praktizierenden wissen es. Nicht zu Unrecht spricht man davon, dass Gesch&auml;fte wie geschmiert laufen. Korruption, richtig dosiert, ist zweifelsohne ein wichtiges Schmier-, ja Treibmittel: Beschleuniger, Abk&uuml;rzer, Erleichterer. Das, was hochkommt, ist ein Bruchteil dessen, was skandaltr&auml;chtig sein k&ouml;nnte. Wobei der Prozentsatz, der auffliegt, nicht unbedingt steigt, denn der ist abh&auml;ngig von der begrenzten Aufnahmekapazit&auml;t des Publikums, wohingegen der Prozentsatz, der auffliegen k&ouml;nnte, im Steigen begriffen ist, weil die Informationskan&auml;le sich immer vielf&auml;ltiger gestalten und Geheimhaltung schwieriger wird. Wir wissen alle nicht, was von uns alles gewusst wird oder gegebenenfalls in Erfahrung gebracht werden k&ouml;nnte.</p>
<p>Kriminelle Energie ist ein Kennzeichen unserer Normalit&auml;t, keines der Divergenz. Sie ist in dieser Gesellschaft eben nicht in erster Linie als pers&ouml;nliches Manko, sondern als strukturelle Setzung zu charakterisieren. Man mag Delinquenten also verurteilen und strafen, aber damit ist wenig gel&ouml;st und schon gar nichts gekl&auml;rt. Wenn jemand aus dem Verkehr gezogen ist, &auml;ndert das f&uuml;r den Verkehr wenig, vor allem, wenn das Skandalisieren zum Verkehr geh&ouml;rt und nicht, wie allgemein angenommen, der Skandal eine Verkehrsst&ouml;rung ist. Mit Aff&auml;ren immunisiert sich das Gesellschaftssystem gegen substanzielle Angriffe, indem es regelm&auml;&szlig;ig S&auml;uberungen und Opferungen veranstaltet. Esoterisch sind diese ein quasi religi&ouml;ses Ritual der Reinigung, exoterisch ein R&auml;uber- und Gendarmspiel f&uuml;r Erwachsene.</p>
<p>Objektiv versucht die Skandalisierung nichts anderes, als die Korruption zu optimieren, d. h. &Uuml;ber- und Unterproduktion zu vermeiden. Bis zu einem gewissen Ma&szlig; wirft Korruption Ertr&auml;ge ab, aber ab einem gewissen &Uuml;berma&szlig; wird sie uneintr&auml;glich und gerade deswegen unertr&auml;glich. Doch das w&auml;re bereits ein eigenes Thema. Aufgabe von Politik und Justiz ist es jedenfalls nicht, die Korruption zu beseitigen, sondern sie entsprechend zu verwalten, ein bestimmtes Verhalten als Schuld zu definieren, und unentwegt von Fehlern und Schw&auml;chen einzelner T&auml;ter zu schw&auml;tzen. Das ist zwar auch nicht ganz falsch, aber es ist nur ein untergeordneter, wenn auch offensichtlicher Aspekt, vorausgesetzt er erblickt &uuml;berhaupt das Licht der Welt. Jeder Skandal ger&auml;t so zur Beschau des Personals unter Ausblendung der es bedingenden Struktur. W&ouml;lfe sagen, dass es unter ihnen auch schwarze Schafe gibt. Was alle Schafe sofort glauben.</p>
<p>Bei der Frage, ob wir rein bleiben oder im Gesch&auml;ft bleiben wollen, entscheidet sich das Gem&uuml;t meist f&uuml;r das Gesch&auml;ft, auch weil da mehr rein kommt, als wenn man rein bleibt. Seri&ouml;s oder unseri&ouml;s, das war bei Gesch&auml;ften nie die entscheidende, aber doch eine wichtige Komponente. Inzwischen ist aber auch der Kurs der Seriosit&auml;t im Sinken begriffen. Zuschlag hat Handschlag ersetzt. Nur wer zuschlagen kann, erh&auml;lt den Zuschlag. Mit dem Risiko steigt die Korruption. Erfolgreiche Businessexemplare sind fast ausschlie&szlig;lich Leute, die sich etwas trauen, aber auf nichts mehr vertauen k&ouml;nnen, weil sie in ihren Konkurrenten zu Recht ein Spiegelbild ihrer selbst vermuten. Gute Gesch&auml;fte haben immer etwas Verwegenes, ja Mafioses an sich.</p>
<p>Eine Studie &uuml;ber den tendenziellen Fall von Integrit&auml;t im Gesch&auml;ftsleben aufgrund objektiver Zw&auml;nge w&auml;re von gro&szlig;em Interesse. Skandal und Aff&auml;re k&ouml;nnen aber nur dann die Balance halten, wenn sie nicht g&auml;nzlich aus dem Ruder laufen. Oder wie es Josef Votzi einmal in einer grenzgenialen Formulierung ausdr&uuml;ckte: &#8220;Macht-Missbrauch braucht Kontrolle.&#8221; (<em>profil</em> 26/96) Das scheint auch Ex-Kripo-Chef Herwig Haidinger anzudeuten, wenn er gar kryptisch meint: &#8220;Korruption &uuml;bersteigt ertr&auml;gliches Ma&szlig;&#8221; (<em>Kurier</em>, 24. Februar 2008, S. 5) Das mit dem ertr&auml;glichen Ma&szlig; ist allerdings so eine Sache. Die, die die Ertr&auml;ge haben, h&auml;tten gerne, dass die anderen sauber bleiben. Und die, die die Ertr&auml;ge nicht haben, wollen, wenn es nicht gelingt, die anderen zu s&auml;ubern, auch unsauber sein d&uuml;rfen, um Wettbewerbsnachteile auszugleichen. So ziemlich alles spricht f&uuml;r die Verschmutzung.</p>
<p>Normalit&auml;t ist keine Konstruktion der Norm, sondern die Norm ist eine von vielen Referenzen der Normalit&auml;t, und zwar die ideelle Referenz der sich selbst t&auml;uschenden Get&auml;uschten. Sie glauben, dass etwas so sein muss &#8211; was falsch ist, und nicht, dass sie sich etwas einbilden m&uuml;ssen &#8211; was richtig w&auml;re. Auch wenn die Norm sich als Vorgesetzte referiert, sollte keine ernsthafte Analyse auf diese Anma&szlig;ung hereinfallen. Wenn etwa die Gr&uuml;nen im Nationalratswahlkampf 2006 Inserate schalten mit &#8220;Es geht auch ohne Skandale und Machtmissbrauch. Garantiert&#8221;, dann ist das schlichtweg Volksverbl&ouml;dung.</p>
<p>***</p>
<p>Im politischen Betrieb, und es ist ein Betrieb, geht es heute haupts&auml;chlich darum, den Kontrahenten Dreck am Stecken nachzuweisen oder anzudichten. Der immanente Ruf nach der gro&szlig;en S&auml;uberung ist da fast eine logische Konsequenz. Der Skandal schreit nach dem Aufr&auml;umer, der da den Saustall ausmistet und endlich f&uuml;r Ordnung sorgt. Da rappt dann der H. C. Strache: &#8220;Skandale, Bestechung, Korruption und Verrat/ Das sind die Eckpfleiler in unserem Staat. / Es wird Zeit, dass da jemand dagegen anrennt/ Der aufpasst, der aufschreit, Missst&auml;nde aufzeigt&#8230;&#8221; usw. , usf. Dass das Rappen etwas f&uuml;r Deppen sei, ist &uuml;brigens schon Nestroy aufgefallen, nur wei&szlig; ich nicht mehr, in welchem St&uuml;ck.</p>
<p>Unsere emotionale Empfindung pendelt zwischen Emp&ouml;rung und Indifferenz. Kurzatmige Aufgeregtheit und dumpfe Gleichg&uuml;ltigkeit reichen sich oft die Hand. Alles spielt auf der Ebene &#8220;unproduktiver Emp&ouml;rung&#8221; (Karl Kraus). Medien stacheln, Politiker sticheln, das Publikum gibt sich entsetzt, die Volksseele kocht und die W&auml;hler denken an den Denkzettel, also kaum. Emp&ouml;rung w&uuml;rde erst dann produktiv, wenn sie sich nicht auf eine Sache kapriziert, sondern sich selbst und die Gesellschaft insgesamt zum Gegenstand der Betrachtung macht. Nur so kann Unbehagen sich in Kritik transformieren. Was kaum passiert.</p>
<p>Die Kleinen h&auml;ngt man, die Gro&szlig;en l&auml;sst man laufen, ist schon eine Wahrheit. Allerdings, was folgt gew&ouml;hnlich daraus? Nun eben, dass die Kleinen auch die Gro&szlig;en h&auml;ngen sehen wollen und nicht, dass das mit dem H&auml;ngen &uuml;berhaupt eine verkehrte Weise sei, dem Verkehrten zu begegnen. Die h&auml;ngen gelassen werden, haben immer einen Hang zum H&auml;ngen. Sie lieben den kurzen Prozess, wohl auch deswegen, weil sie andauernd erleben, wie grob abgefertigt und billig abgespeist sie werden. Sie wollen abrechnen und heimzahlen. Sie sind ad&auml;quater Ausdruck der Verh&auml;ltnisse, Opfer, die sich gerne als T&auml;ter aufspielen w&uuml;rden. Ihre Richtung hei&szlig;t Hinrichtung. Wir werden keinen Richter brauchen, sagen zugerichtete Laienrichter. Hei&szlig;gemachte wollen kaltmachen.</p>
<p>Solch Kundschaft ist ohne entsprechende Botschaft nicht denkbar. Vice versa. Vorlagen reproduzieren Kurzschl&uuml;sse, die wiederum Vorlagen erzeugen. Sie schaukeln sich gegenseitig auf. Publikum braucht Medium braucht Publikum&#8230; Nat&uuml;rlich werden manche Aufdecker, die sich als Aufkl&auml;rer verstehen, das nicht wollen, aber was sie treiben, treibt dorthin. Ihre Handlungen legen diese Konsequenzen nahe. Doch auch die Medien sind nicht nur Betreiber, sondern auch Betriebene im Kampf um Quote und Absatz. Massenmedien stehen unter dem Gebot permanenter Sensationierung. Sie werden es so lange tun, so lange es ein Gesch&auml;ft ist. Und der Skandal ist <em>der</em> Verkaufsschlager. Ganze Medienkonzerne bauen drauf auf, setzen auf ihn. Was w&auml;re etwa die Fellner-Company ohne Skandalisierung? &#8211; Nichts!</p>
<p>Die Attraktivit&auml;t von Aff&auml;ren liegt auch in der Tristesse des Alltags. Da ist wenigstens was los, da tut sich was. Jene befriedigen ein Bed&uuml;rfnis. Wobei sich die Haltung nicht aus dem Delikt ergibt, sondern daraus, ob Coups gelungen sind oder nicht. Gro&szlig;e Gauner sind oft ein Objekt der Verehrung, gestrauchelte hingegen ein Objekt der Verachtung. Leistet man Ersteren ideell Gefolgschaft, so sind Letztere als Schufte enttarnt und der Verfolgung preisgegeben. Es geht nie gegen die Deliquenz an sich, es geht auch hier gegen die Loser.</p>
<p>Es ist gerade der Aufdeckungsjournalismus, der das Unbehagen ins Ressentiment wandelt, ob er es nun bezweckt oder nicht. Es geht um Registrieren und Kassieren, nicht um Reflektieren und Kapieren. Mag das Unbehagen seine Berechtigung haben, so ist das Ressentiment eine Verungl&uuml;ckung. Dem ungl&uuml;cklichen Zustand folgt eine ungl&uuml;ckliche Sicht. Nicht eine Gesellschaft kommt mit sich ins Reine, es werden vielmehr Rituale einer regelm&auml;&szlig;igen S&auml;uberungsaktion, demokratische Schauprozesse, geboten. Es geht um Ersatzbefriedigungen f&uuml;r ein Publikum, das nach Opfern und fremden Intimit&auml;ten giert. Die unaufh&ouml;rlichen Sex-and-Crime-Spiele der Journaille befriedigen die niedrigsten, ja widerw&auml;rtigsten Instinkte, sie f&ouml;rdern prim&auml;r Neid, Missgunst, Schadenfreude. &#8211; R&uuml;be ab! Schwanz ab! Ab! Ab! Ab!</p>
<p>Skandalisierung liefert den Text (nicht blo&szlig; den Subtext) f&uuml;r die Aggressivierung diverser Potenziale. Dort, wo dann die Emp&ouml;rung &#8220;unfassbar&#8221; schreit und &#8220;ungeheuerlich&#8221; zu sagen pflegt, wei&szlig; man, dass das Hirn entweder ausgeschaltet oder nie eingeschaltet wurde. Wer meint, dies oder jenes sei ein Wahnsinn, gibt nur zu erkennen, nichts erkennen zu wollen. Der Satz &#8220;Das darf doch nicht wahr sein&#8221; zeigt an, wie Leute denken. Sie wollen die Wahrheit gar nicht so recht wissen, sie ist st&ouml;rend, nicht befreiend, sie ist eine Entt&auml;uschung, da gibt man sich doch lieber den T&auml;uschungen hin. Derer sind viele und die andern machen&#8217;s doch auch. Lasset uns dumm sein! Besser gemeinsam als einsam!</p>
<p>So kommt man als Kritiker in die uns&auml;gliche Rolle, gelegentlich sogar die Korruption gegen die J&auml;ger zu Pferd (Medien, Politik, Justiz) und zu Fu&szlig; (Mob, Stammtisch) zu verteidigen. Schon Karl Kraus erging es so: &#8220;Aber freuen wir uns, dass die Dummheit hierzulande wenigstens ein Korrektiv findet: die Korruption! &#8221; (Sittlichkeit und Kriminalit&auml;t, Frankfurt am Main 1978, S. 270) Es ist freilich ein schwacher, ja resignierender Trost. Es soll hier auch nicht die offizielle Politik in Schutz genommen werden, aber dezidiert ist anzusprechen, dass die Skandalisierung selbst eherner Bestandteil des kulturindustriellen Spektakels ist. Sie ist ja auch Kennzeichen der im Populismus untergehenden Politik. Kein Wahlkampf, ja keine Parteienauseinandersetzung mehr ohne systematische Skandalisierung. Sieht die eine Partei sich von der anderen kriminalisiert, kriminalisiert sie die andere ebenso. So campaignisieren sie sich regelrecht nieder.</p>
<p>Was f&uuml;r die Politik gilt, gilt f&uuml;r den gesamten Sektor der Kulturindustrie, insbesondere f&uuml;r die Medien. Wer andauernd Stimmungsbilder ver&ouml;ffentlicht, wo zuvor in suggestiver Weise danach gefragt wird, ob Elsner in den H&auml;fen soll oder nicht, zeigt wie solche Organe und die von ihr Reorganisierten ticken. Es ist eine aggressive Weggetretenheit, die hier herrscht. Skandale sind Highlights, von und f&uuml;r Leuchten, die high sein wollen. Wenn dann 90 Prozent laut Umfrage f&uuml;r Einsperren sind, wie viele sind eigentlich f&uuml;rs Aufh&auml;ngen? Man sieht, was die Leute sehen und wie sie sich L&ouml;sungen vorstellen. Es herrscht der Volksgerichtshof der Meinungsumfrage. Ein ganzes Land entdeckt seine Lust an &#8220;klickenden Handschellen&#8221;, nicht nur der vielgescholtene Stammtisch. Kaum eine Phrase hatte im Sommer 2006 eine solche Karriere gemacht wie diese.</p>
<p>So sprach nicht nur einer aus, was jetzt folgt: &#8220;Dass diese Leute dann noch auf freiem Fu&szlig; herumspazieren, Golf spielen und sich in franz&ouml;sischen Prachtvillen vergn&uuml;gen und ihre Penth&auml;user noch immer nicht zur&uuml;ckgegeben haben, ist einfach unglaublich. Ich versteh&#8217; ehrlich gesagt nicht, wieso da die Handschellen noch nicht geklickt haben.&#8221; Im populistischen Wordrap: &#8220;Diese Leute&#8221;, &#8220;Golf spielen&#8221;, &#8220;Prachtvillen&#8221;, &#8220;Penth&auml;user&#8221;, &#8220;frei herumspazieren&#8221;, &#8220;vergn&uuml;gen&#8221;, &#8220;unglaublich&#8221;, &#8211; &#8220;Handschellen klicken! &#8221; Hier offenbart sich der gesunde Menschenverstand der &ouml;ffentlichen Meinung in all seiner beschr&auml;nkten Gemeinheit. Wer das gewesen ist? Landesvater Haider? Die zerstrittenen Gebr&uuml;der Strache und Westenthaler? Onkel Pr&ouml;ll? Neffe Pilz? Nat&uuml;rlich h&auml;tte es jeder sein k&ouml;nnen, tats&auml;chlich gewesen ist es aber der Kanzler h&ouml;chstpers&ouml;nlich, der in einem Interview mit dem <em>Kurier</em> vom 25. Juni 2006 (S. 4) sein Volksempfinden nachdr&uuml;cklich unter Beweis stellte.</p>
<p>Res&uuml;mee gef&auml;llig? Dieser Staat mag verlottert, sumpfig, ja bananig sein, aber er ist nicht verlotterter, sumpfiger oder bananiger als &auml;hnliche westliche Demokratien. Er ist auch kein Nachz&uuml;gler, sondern Avantgarde, zumindest was die populistischen Spektakel betrifft. Dieses ist abgedrehter, zugespitzter und in gewisser Hinsicht auch lustiger als etwa bei den endlosen Langeweilern durchgeknallter Ernsthaftigkeit in deutschen Landen. Wird es mal fad, dann f&uuml;llt Nepomuk Napoleon im Etablisment pers&ouml;nlich ab, und l&auml;sst ihn anderntags betrunken durch die Felberstra&szlig;e kutschieren. Vorher hatte man in irgendeiner Sonderbar noch gemeint, jetzt traue er sich das aber nimmer. Und ob er sich traut, der Napoleon. Und dann findet man im karibischen Zweitkeller des alten Fl&ouml;ttl auch noch brisante Unterlagen. Man sieht, man h&auml;lt uns nicht nur auf Trab, die Skandalisierung gleicht einer galoppierenden Fallsucht.</p>
<p>Auff&auml;llig ist die mediale wie mentale &Uuml;berdimensionalisierung von Aff&auml;ren. In &Ouml;sterreich gleichen sie stets einer riesigen Rauschpartie, wo alle, je nach Milieu besoffen, bekifft oder eingekokst sind. Kein Nestroy h&auml;tte so viele Rollen zu vergeben. Das ganze Land spielt mit: die Oberen und die Unteren, die gesellschaftliche Mitte und ihre Extremisten, Aufdecker und Zudecker, Polizisten und Gesch&auml;ftsleute, die Justiz, die B&uuml;rokratie, die Parteien, der Kanzler und die Ex-Kanzler, die Schlitzohren und die Neider, die Upgegradeten und die Outgesourcten, die Sauberm&auml;nner und die Schmutzfinken, die Oberfl&auml;che und die Unterwelt. Auch der hier publizierende Autor bem&auml;chtigt sich blo&szlig; der Rolle eines Schreiberlings, der Kr&auml;hwinkels Schande akkurat anders interpretiert sehen will. Wer braucht das? Zur Strafe findet sich &uuml;brigens eine Figur gleichen Namens, wie k&ouml;nnte es anders sein, in Nestroys Original.</p>
</td>
</tr>
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<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/skandal-als-skandalisierung">Skandal als Skandalisierung</a></p>
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		<title>Eichmann, das sind wir alle</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Klein; Peter]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>

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		<description><![CDATA[Die private Seite der Demokratie<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/eichmann-das-sind-wir-alle">Eichmann, das sind wir alle</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die private Seite der Demokratie </h3>
<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>von Peter Klein</em> <span id="more-505"></span></p>
<p>Die Wechselw&auml;hler, die sinkende Wahlbeteiligung, die eher m&auml;&szlig;igen Sympathiewerte, die der Beruf des Politikers in den Umfragen zu erzielen pflegt &#8211; diese und viele andere Ph&auml;nomene haben l&auml;ngst dazu gef&uuml;hrt, dass in der ver&ouml;ffentlichten Meinung das Schlagwort vom &#8220;Politik-Verdruss&#8221; die Runde macht. Gro&szlig;e Richtungsentscheidungen sind auf den traditionellen Feldern der Politik nicht mehr in Sicht. Das ewige Gefeilsche um die Prozentzahlen, die hier ein wenig angehoben, dort ein wenig gesenkt werden, l&auml;sst der politischen Leidenschaft keinen Raum. &Uuml;berall haben wir es mit Sachthemen zu tun, die in moderatem Tonfall von den entsprechenden Sachverst&auml;ndigen diskutiert werden. Von Profis formuliert findet so gut wie jede Meinung ihr Pl&auml;tzchen in der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit. Wozu sollte man da noch selbst aktiv werden?</p>
<p>Nicht einmal die Frage von Krieg und Frieden bringt die Menschen in nennenswerte Bewegung. Auch in diesem Jahr ist die Teilnahme an den Oster-Friedens-Spazierm&auml;rschen eher bescheiden ausgefallen. Die politischen Parteien, allesamt demokratisch, merken es am Mitgliederschwund, dass es so etwas wie eine &#8220;politische Identit&auml;t&#8221; nicht mehr gibt. Gleichg&uuml;ltigkeit, Distanz, Misstrauen und Skepsis gegen&uuml;ber der Politik &#8211; das sind wohl die Worte, mit denen man die Haltung der meisten Menschen, und zwar in allen Staaten der westlichen Welt, charakterisieren muss. &#8220;Es ist eine Tatsache, dass sich immer weniger B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger an der Politik und in der Politik beteiligen.&#8221; So lie&szlig; sich der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang B&ouml;ckenf&ouml;rde bereits 1997 vernehmen. Und der Autor des Artikels, in dem dieser Satz zitiert wird, vergisst nicht hinzuzuf&uuml;gen, dass die B&uuml;rger stattdessen etwas (vermeintlich) anderes tun: Sie haben sich &#8220;in ihrer Mehrheit &#8211; undemokratischerweise? &#8211; in eine exzessive Privatheit und Verschiedenheit der Lebens- und Unterhaltungsformen zur&uuml;ckgezogen (Johan Schloemann: Ach n&auml;hmen sie nur teil wie wir, SZ vom 28.10.2006).</p>
<h4>Undemokratisch</h4>
<p>Unmokratischerweise? Das Fragezeichen, mit dem der Autor diesen Einschub versieht, hat seine Berechtigung. Ist die politische Apathie tats&auml;chlich ein Zeichen f&uuml;r das Schwachwerden des demokratischen Systems? Etliche der politischen Beobachter sehen es so. Die einen f&uuml;rchten um die Demokratie, weil sie meinen, dass sie auf das aktive Mittun der B&uuml;rger angewiesen sei. Da ist es fatal zu sehen, dass die B&uuml;rger derma&szlig;en privat geworden sind, dass sie sich nicht einmal zum Schutz der eigenen Privatheit aufraffen k&ouml;nnen. Der Protest gegen den seit dem 11. September rasant ausgebauten &#8220;&Uuml;berwachungsstaat&#8221; findet lediglich in einigen Zeitungen statt. Andere wiederum f&uuml;rchten, dass sich hinter den langweiligen Ritualen des demokratischen Alltagsbetriebes ein durchaus unerw&uuml;nschtes Mittun der Massen vorbereiten k&ouml;nnte. Das Volk, wenn es im Originalton seine Stimme erhebt, wei&szlig; seit jeher, wer schuld ist. Es hat eine vermaledeite Vorliebe f&uuml;r schnelle, gewaltsame L&ouml;sungen, die sich im Handumdrehen in Katastrophen verwandeln. Wer das Volk ruft, muss mit den primitiven Ressentiments der ewig Neidischen und ewig zu kurz Gekommenen rechnen, die die Konkurrenzgesellschaft ja am laufenden Band produziert. Nach dieser Ansicht haben wir es mit einer Ruhe vor dem Sturm zu tun und es droht eine Neuauflage der totalit&auml;ren Demokratie.</p>
<p>Wieder andere, antikapitalistisch Gesinnte, betrachten die Abkehr von der Politik mit Wohlgefallen. Denn die Demokratie, das wissen sie, ist ja nichts anderes als jene Form der gesellschaftlichen Organisation, in welcher die Menschen frei sind, dem &uuml;beraus weit verbreiteten Trieb zum Gelderwerb zu gehorchen &#8211; womit sie so nebenbei das automatische Subjekt der kapitalistischen Wertverwertung bedienen. Das Erlahmen des politischen Interesses k&ouml;nnte bedeuten, dass sie den Blick von den Prinzipien und Ideen abwenden, um ihn auf den kapitalistischen Boden zu richten, der ihnen alles andere als Sicherheit bietet. Krise der Demokratie &#8211; der direkte Weg zur Kritik des Kapitalismus?</p>
<p>Alle diese Positionen, auch die zuletzt genannte, f&uuml;r die ich selbst ein Faible habe, scheinen mir daran zu kranken, dass sie die Demokratie zu sehr als ein Produkt des gesellschaftlichen Bewusstseins betrachten, dessen Wohl und Wehe von einem ausdr&uuml;cklich darauf gerichteten Wollen und Bekennen abh&auml;ngt. Wird der politische Wille schwach, greift der &#8220;privatistische&#8221; Lebensstil um sich, dann ist das auch ein Schwachwerden der Demokratie. Die Weimarer Republik, der es bekanntlich an &uuml;berzeugten Demokraten fehlte, ist das gel&auml;ufige historische Vorbild, aus dem dieser Gedanke sich speist. Dem ist freilich entgegenzuhalten, dass es damals der Masse der Bev&ouml;lkerung auch an jener &#8220;exzessiven Privatheit&#8221; gebrach, mit der wir es heute zu tun haben. Man braucht sich nur die gedr&uuml;ckte Lage der ostelbischen Landarbeiter vor Augen zu halten, wie sie etwa Joseph Roth in &#8220;Das Spinnennetz&#8221; (Wien 1923) schildert, um verstehen zu k&ouml;nnen, dass Privatsein und Privatsein zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes bedeutet. Das Problem, das Leben nach eigenem Geschmack und in freier Selbstverantwortung gestalten zu m&uuml;ssen, war seinerzeit, als die &#8220;bessere Gesellschaft&#8221; in ihrem Denken und Handeln noch viele Z&uuml;ge der patriarchalen Arroganz und Selbstherrlichkeit aufzuweisen hatte, sicherlich weniger weit verbreitet als heutzutage, wo das Proletarierm&auml;dchen die wichtige Frage zu entscheiden hat, ob es sein Geld f&uuml;r die coole Brustvergr&ouml;&szlig;erung oder doch lieber f&uuml;r den Urlaub ausgeben soll.</p>
<h4>Privatheit als Verstaatlichung</h4>
<p>Denn das darf man eben nicht vergessen: dass es sich bei der Privatheit per se um eine gesellschaftliche Kategorie handelt. Sie ist ein Moment des als Staat organisierten Gemeinwesens, sie spiegelt den Entwicklungsstand der staatlichen Organisation wieder und ist, was ihren politischen Stellenwert betrifft, nur im Rahmen dieser Organisation zu verstehen. Und da ist es doch eigentlich klar, dass die private Form nur in dem Ma&szlig;e vordringen konnte, in dem die Staatst&auml;tigkeit sich ausdehnte und nach und nach alle Arten von Beziehungen in solche von gleichrangigen Rechtspersonen verwandelte. Die kapitalistische Marktgesellschaft verlangt den pers&ouml;nlich freien Marktteilnehmer und Geldverdiener. Dementsprechend wurden die vormodernen Abh&auml;ngigkeits-, Treue-, Gefolgschafts- und F&uuml;rsorgebeziehungen unhaltbar. Sie wurden ersetzt durch Vertr&auml;ge zwischen gleichberechtigten Personen, deren jeweilige T&auml;tigkeit und Lebenssituation dabei als Rechtsmaterie beschrieben (und dementsprechend einheitlich organisiert) werden musste. Selbstverst&auml;ndlich, dass damit die Recht setzende und Recht sprechende Gewalt, der Staat mit einem Wort, an Umfang und Gewicht zunahm. Wenn aber der freie Wille als die Grundausstattung einer jeden Rechtsperson, die sie zum Vertr&auml;geschlie&szlig;en ben&ouml;tigt, auf der Ebene des einzelnen Individuums angelangt ist, dann hei&szlig;t das eben, dass die Individuen voneinander getrennt und unabh&auml;ngig, dass sie durchg&auml;ngig zu Privatpersonen geworden sind.</p>
<p>Etwas anderes haben die philosophischen Vordenker des modernen Staates unter Freiheit und Gleichheit nie vestanden. Die Menschen sind nach dieser Auffassung a priori voneinander getrennte Einzelwesen, Freiheit ist die Freiheit voneinander, weshalb der Zusammenhang der Menschen als eine extra Veranstaltung konzipiert werden muss: als ein System allgemeiner Gesetze, das es den empirischen Unterschieden zwischen den Menschen nicht mehr gestattet, irgend Einfluss auf ihren rechtlichen Status zu nehmen.</p>
<p>In diesem Sinne w&auml;re ein Staat dann vollendet, wenn er, als Rechtssystem allgegenw&auml;rtig geworden, f&uuml;r sich selbst keine Aufmerksamkeit mehr beansprucht. In einem solchen Staat, der gleichsam ohne ideologischen Eigennamen funktionieren w&uuml;rde, rein als eine Recht setzende, Recht ausf&uuml;hrende und Recht sichernde Maschine, h&auml;tte die Rechtsform sozusagen in jedem einzelnen Individuum Wurzeln geschlagen. Die B&uuml;rger dieses Staates w&uuml;rden sich immer schon, ohne dass es ihnen noch zu Bewusstsein k&auml;me, als Rechtspersonen verstehen, und das private Dasein w&auml;re zum selbstverst&auml;ndlichen Ausgangpunkt all ihrer Interessen und Bed&uuml;rfnisse geworden. Selbst noch die Weltanschauung w&uuml;rden sie &#8211; unter Au&szlig;erachtlassung der Welt, in der sie sich tats&auml;chlich befinden &#8211; f&uuml;r ihre private Angelegenheit halten. Die Rede ist nat&uuml;rlich von der modernen Demokratie. Sie scheint mir diesem Idealbild von einem Staat, der nichts weiter mehr ist als ein Funktionsraum f&uuml;r private Interessen, in der Tat nahe zu kommen. Die Single-Gesellschaft unserer Zeit ist nicht die vom Staat abgewandte, sondern die total verstaatlichte Gesellschaft.</p>
<h4>Funktion als Charakter </h4>
<p>Die Pioniere dieser Art von individualistischer Privatheit, die ihren Konstitutionsbedingungen gegen&uuml;ber blind ist, konnten die Abkehr von der &#8220;Herde&#8221; und dem &#8220;Herdenbewusstsein&#8221; noch als ein aufregendes und belebendes Abenteuer empfinden. In Zwiesprache mit sich selbst treten, sich selbst finden, zu sich selbst stehen &#8211; das sah damals nach F&uuml;lle und Reichtum aus. Die Nietzsche und Hesse vermochten die Schmerzen und Wonnen der &#8220;Einsamkeit&#8221; noch zu kultivieren. Damit ist es in den Zeiten der &#8220;einsamen Masse&#8221; (Riesman) vorbei. Die Herde besteht heute aus lauter &#8220;selbstverantwortlichen Individuen&#8221;, die in ihrem &#8220;Selbst&#8221; vergeblich nach einem Inhalt suchen.</p>
<p>Es liegt auf der Hand, dass dieser Vergesellschaftungszustand, bei dem gigantische, weltweit dimensionierte Produktivkr&auml;fte von Leuten gehandhabt werden, die allesamt in der privaten Form eingesperrt und mit der privaten Lebensgestaltung besch&auml;ftigt sind, &auml;u&szlig;erst katastrophentr&auml;chtig ist. Schon die Weltkriegsepoche hat ja gezeigt, welche gewaltigen Destruktionspotentiale die kapitalistische Gesellschaft gerade dadurch zu mobilisieren vermag, dass sie in weiten Bereichen als eine rein nach objektiven Kriterien der Effizienz organisierte Maschine funktioniert, die das private Meinen und Trachten der Menschen unber&uuml;hrt l&auml;sst. Adolf Eichmann, der &#8220;, pers&ouml;nlich&#8217; &#8230; nie das Geringste gegen die Juden gehabt&#8221; hat (S. 54), aber gleichwohl ihre Ausrottung organisierte, gilt seit Hannah Arendts ber&uuml;hmtem Buch (Eichmann in Jerusalem &#8211; Ein Bericht von der Banalit&auml;t des B&ouml;sen, M&uuml;nchen 1964) als der Prototyp des modernen Menschen, bei dem die private Motivlage und das praktische Funktionieren im Rahmen der b&uuml;rokratischen Maschinerie weitgehend voneinander dissoziiert sind. &#8220;Au&szlig;er einer ganz ungew&ouml;hnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er &uuml;berhaupt keine Motive&#8221; (ebd. , S. 15 f. ).</p>
<p>Obwohl die Hitler-Diktatur in hohem Grade ideologisch aufgeladen war, obwohl sie sich als ein geschichtsmetaphysisches Werk in Szene setzte, bei dem das Schicksal Deutschlands, der wei&szlig;en Rasse und &uuml;berhaupt der Kultur auf dem Spiele stand, war sie l&auml;ngst genug Staat, um in massenhaftem Umfang diese Eichmann-Problematik hervorbringen zu k&ouml;nnen. Hinterher gaben die meisten der Beteiligten zu Protokoll, dass sie sich lediglich in der Rolle des Zuschauers, wenn nicht gar des Opfers befunden h&auml;tten. Sie h&auml;tten nichts weiter getan, als im Rahmen des allgemein &Uuml;blichen ihrer Pflicht zu gen&uuml;gen.</p>
<p>Meines Erachtens handelt es sich bei dieser Wahrnehmung keineswegs blo&szlig; und nicht einmal in erster Linie um Heuchelei, sondern um ein Problem, das der moderne verstaatlichte Mensch mit der Wirklichkeit &uuml;berhaupt hat. Eben in der Rede von dem, was allgemein &uuml;blich ist oder allgemein gilt, scheint diese Problematik auf. Denn die Allgemeinheit ist diejenige Kategorie, auf der das beruht, was wir Objektivit&auml;t nennen. Und das ist, wie wir seit Kant und seiner Formulierung des Ding-an-sich-Problems wissen, etwas durchaus anderes als die konkret gelebte Wirklichkeit.</p>
<p>Auch in moralischer Hinsicht ist die Allgemeinheit das ausschlaggebende Kriterium f&uuml;r die Unterscheidung von objektiv richtig und falsch. Forderungen, die im Namen der Allgemeinheit an ihn herangetragen werden, empfindet der b&uuml;rgerliche Mensch als verpflichtend, auch wenn er ihnen gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;ig ablehnend oder distanziert gegen&uuml;bersteht.</p>
<p>Weil die Objektivit&auml;t das ist, was allgemein gilt, betrifft sie mich in dem, was ich <em>pers&ouml;nlich</em> bin, gerade nicht. Im Hinblick auf die Objektivit&auml;t muss ich von meiner konkreten Situation und Befindlichkeit abstrahieren. Hier ist meine Vernunft gefordert, dasjenige von mir, was sich auf Objektivit&auml;t beziehen, was mit Objektivit&auml;t umgehen und also in den Kategorien von Richtig und Falsch denken kann. Richtig im Sinne Kants und des modernen Staates ist aber immer das, was mich und alle anderen Privatpersonen, die &uuml;ber einen freien Willen verf&uuml;gen, in dieser Subjektform best&auml;tigt. Dagegen muss das, was mich als empirisch konkrete Person kennzeichnet und ausmacht, einschlie&szlig;lich meiner Gef&uuml;hle und Neigungen, zur&uuml;ckstehen. Es findet diesseits davon statt, eben in jenem Bereich, in dem ich nicht der Allgemeinheit und ihren Sachzw&auml;ngen geh&ouml;re, sondern, dank meines privaten Daseins, von ihr getrennt bin.</p>
<h4>Takt der Objektivit&auml;t</h4>
<p>Nun ist aber, siehe oben, dieses private Dasein inzwischen auf das Niveau des vereinzelten Individuums heruntergekommen. Irgendwelche organisatorischen Erfordernisse, Beziehungen zu anderen Menschen, die in pers&ouml;nlicher Verantwortung zu gestalten w&auml;ren, fallen auf diesem ebenso reduzierten wie verallgemeinerten Niveau von Privatheit nicht mehr an. Der Bourgeois und der Gutsbesitzer des 19. Jahrhunderts hatten es innerhalb ihrer Privatsph&auml;re, f&uuml;r welche ihnen ihr Betrieb und Hausstand gelten mussten, mit Untergebenen und Schutzbefohlenen zu tun hatten. So verpflichtete sich, &#8220;wer in der Darmst&auml;dter Firma E. Merck 1853 einen Arbeitsvertrag unterschrieb, &#8230; gegen&uuml;ber dem , Brodherrn&#8217; nicht allein zur p&uuml;nktlichen Ausf&uuml;hrung aller Arbeiten sowie zur unbedingten &Uuml;bernahme notwendiger &Uuml;berstunden, sondern auch dazu, , durch Flei&szlig;, Treue und ordentlichen Lebenswandel die Zufriedenheit seines Herrn zu erwerben&#8217;&#8221; (Jens Bisky, Ein Volk bei der Arbeit, SZ vom 24.4.08). Die moderne Privatperson jedoch hat es blo&szlig; noch mit anderen Privatpersonen zu tun. Deren Beziehungen geh&ouml;ren aber von vornherein ins Jenseits der vom allgemeinen Gelten des Rechtssystems gew&auml;hrleisteten Objektivit&auml;t. Organisatorische Kompetenzen werden von der Privatperson nicht erwartet und nicht trainiert. Sie ist nur f&uuml;r sich selbst verantwortlich, alles andere regeln die Gesetze. Kaum eine Management-Entscheidung, bei der nicht der Justitiar zu Rate gezogen werden m&uuml;sste, kaum eine Familie, die ihre Zwistigkeiten ohne den Beistand der Rechtswissenschaft beizulegen verm&ouml;chte. Selbst die Frage, ob und in welchen Zeitabst&auml;nden ein Vater sein au&szlig;erehelich geborenes Kind sehen darf oder muss, wird &ouml;ffentlich diskutiert &#8211; als eine Herausforderung f&uuml;r das Rechtssystem.</p>
<p>Mit dem pers&ouml;nlichen Leben ist es unter diesen Umst&auml;nden nicht weit her. Hannah Arendt hatte schon zu ihrer Zeit Recht, dieses Wort, mit dem Eichmann sich &#8220;pers&ouml;nlich&#8221; zu entlasten suchte, in Anf&uuml;hrungszeichen zu setzen. Um wieviel mehr ist die Relevanz des &#8220;Pers&ouml;nlichen&#8221; heute in Zweifel zu ziehen, wo die Objektivierung aller Lebenslagen noch viel weiter fortgeschritten ist! Auf allen Seiten ist das private Individuum von Normen und Regeln umstellt, &uuml;berall gibt die Objektivit&auml;t den Takt vor, &uuml;berall handelt es sich darum, die Entscheidung zwischen &#8220;richtig&#8221; und &#8220;falsch&#8221; zu treffen. Da bleibt f&uuml;r das F&uuml;hlen und Sp&uuml;ren, das in fr&uuml;heren Zeiten immerhin beim weiblichen Geschlecht ein Unterkommen gefunden zu haben schien, freilich auch nur im Rahmen der seinerzeitigen Privatsph&auml;re, nicht mehr viel Platz.</p>
<p>Zun&auml;chst waren es die sozialen Rangunterschiede, die sich im Jahrhundert des (mal mehr, mal weniger nationalen) Sozialismus zu blo&szlig;en Funktionskategorien objektivierten. Dank des ziemlich in die Breite gegangenen Wirkens von Psychoanalyse und Feminismus sind inzwischen auch die Gef&uuml;hle auf die &#8220;andere Seite&#8221;, n&auml;mlich der Objektivit&auml;t, &uuml;bergegangen und zum Gegenstand kluger Er&ouml;rterungen in klugen B&uuml;chern geworden. So schreibt Eva Illouz in ihrem Buch &#8220;Gef&uuml;hle in Zeiten des Kapitalismus&#8221;, im Zuge der Rationalisierung von Beziehungen komme es zu der Vorstellung, &#8220;dass Emotionen ins Selbst gesperrte separate Entit&auml;ten sind, die durch Verschriftlichung zu fixierbaren, vom Selbst abl&ouml;sbaren Entit&auml;ten werden, denen mit Beobachtung, Manipulation und Kontrolle beizukommen ist&#8221; (Eva Illouz: Gef&uuml;hle in Zeiten des Kapitalismus. Adorno-Vorlesungen 2004, Frankfurt/M 2006. Besprechung durch Jens Bisky, SZ vom 28.7.06). Das existenzielle Bed&uuml;rfnis, das einmal viele bewegte, ist domestiziert und eingehegt worden durch das Recht, das die Menschen nur als Vereinzelte respektive Private kennt, die der Versicherungspflicht unterliegen. Wo immer eine empirische Unebenheit auftritt, die das runde Laufen der kapitalistischen Maschine st&ouml;ren k&ouml;nnte, ist flugs ein &#8220;Antidiskriminierungsgesetz&#8221; zur Stelle, das sie glatthobelt. Wenn es nach der Transgenderszene geht, der &#8220;letzten B&uuml;rgerrechtsfront&#8221; (SZ vom 3.5.08), wird demn&auml;chst auch der Geschlechtsunterschied zu jenen empirischen Tatsachen geh&ouml;ren, die es juristisch nicht mehr gibt.</p>
<p>Die Demokratie ist logischerweise die Endstation der Demokratisierung. Als solche ist sie der Friedhof, auf dem all die Hoffnungen, Tr&auml;ume, Leidenschaften und Illusionen begraben sind, die die verschiedenen &#8220;Materien&#8221; auf ihrem Weg zur Rechtwerdung begleiteten. Die Zeit der kollektiven Bewegtheiten ist jedenfalls vorbei, und die Frage, wie sie sich bei dem, was allgemein gilt und ihr Verhalten bestimmt, <em>f&uuml;hlen</em>, besitzt f&uuml;r die meisten Menschen blo&szlig; noch einen hypothetischen, wenn nicht utopischen Charakter. Einen Beitrag zur Ver&auml;nderung dessen, was sie f&uuml;r die einzig denkbare Realit&auml;t halten, k&ouml;nnen sie darin nicht erkennen. F&uuml;hlen kann man sich bekanntlich, wie man will &#8211; im &Uuml;brigen gilt, frei nach Kants Kategorischem Imperativ: &#8220;Wat mutt, dat mutt. &#8221;</p>
<p>Mit anderen Worten: F&uuml;r die Insassen der modernen Demokratie ist es eine Selbstverst&auml;ndlichkeit, dass sie objektiv definierte Funktionen aus&uuml;ben, die mit ihnen &#8220;pers&ouml;nlich&#8221; nichts zu tun haben. Da ihr pers&ouml;nliches Leben von Objektivit&auml;t wie von einer Plastikfolie versiegelt ist, sind sie bei dem, was sie tun, grunds&auml;tzlich nicht pr&auml;sent, sie sind niemals mit ganzem Herzen bei der Sache, an welche sie pers&ouml;nlich nichts, die &#8220;objektive Notwendigkeit&#8221; des Gelderwerbs daf&uuml;r umso fester bindet. In diesem Sinne schreibt der franz&ouml;sische Philosoph Bernard Stiegler, dass die &#8220;psychosoziale Verfassung der Gegenwart&#8221; als &#8220;globales Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom&#8221; zu bezeichnen sei. Er spricht von einer &#8220;Gesellschaft verantwortungs- und r&uuml;cksichtsloser Wesen, die keine Sorge &#8211; weder die Sorge f&uuml;r sich, noch f&uuml;r die anderen, noch die Welt &#8211; mehr kennt&#8221; (Bernard Stiegler: Logik der Sorge. Verlust der Aufkl&auml;rung durch Technik und Medien. (Frankfurt/M 2008. Besprechung durch Erich H&ouml;rl, SZ vom 22.4.08. Peter Sloterdijk beurteilte in den achtziger Jahren das Ph&auml;nomen, das damals locker und spa&szlig;ig aussah, noch positiv. Es schien ihm die &#8220;kynische&#8221; Gegenthese gegen die herrschende &#8220;zynische Vernunft&#8221; zu sein).</p>
<p>Umgekehrt hei&szlig;t das nat&uuml;rlich, dass sich das kapitalistische System vom pers&ouml;nlichen Meinen und F&uuml;r-wahr-Halten, das die allemal privaten Individuen in bunter Vielfalt betreiben &#8211; von der Wiking-Jugend bis zum Bibel-Kreis ist jedes Hobby vertreten -, restlos emanzipiert hat. Die Maschine der Wertverwertung frisst die nat&uuml;rlichen Ressourcen der Erde bis zu deren v&ouml;lliger Ersch&ouml;pfung. Urw&auml;lder werden vernichtet, W&uuml;sten breiten sich aus, das Klima kippt, Hungersnot und B&uuml;rgerkrieg w&uuml;ten in vielen L&auml;ndern, weite Teile der Welt versinken in Not und Elend &#8211; und diejenigen, die diese au&szlig;er Rand und Band geratene Maschine in aller privaten Unschuld t&auml;glich bedienen, haben mit all dem nichts zu tun! <em>Pers&ouml;nlich</em> nichts zu tun, muss man sagen, denn das, was der Gesch&auml;ftsverlauf und die Objektivit&auml;t des Marktes verlangen, steht ja auf einem ganz anderen Blatt.</p>
<h4>Modus als Struktur</h4>
<p>Das Privatsein ist offensichtlich der Modus, in dem wir als Bestandteile des kapitalistischen Systems funktionieren k&ouml;nnen, ohne ausdr&uuml;cklich &#8220;daf&uuml;r&#8221; sein zu m&uuml;ssen. Das liegt eben daran, dass uns im hoch verrechtlichten Kapitalismus der modernen Demokratie &uuml;berall nur die Objektivit&auml;t gegen&uuml;bersteht: eine Macht, zu der wir uns als die dazu passenden bzw. passend gemachten Subjekte nicht eigens zu bekennen brauchen und die deshalb wirksamer herrscht als jede Parteidiktatur. Dieses Gegen&uuml;berstehen ist kennzeichnend f&uuml;r die Subjekt-Objekt-Konstellation, in der sich das moderne Denken seit Descartes herumtreibt und wir, wie Slavoj Zizek schreibt, auf dem besten Wege seien, &#8220;abstrakte kartesianische Subjekte&#8221; zu werden (in seinem Aufsatz &#8220;Das wahre Erbe des Jahres 1968&#8243;, SZ vom 3.5.2008).</p>
<p>In Descartes` <em>cogito ergo sum </em>meldet sich erstmals jenes abstrakte Ich zu Wort, das seiner selbst ausgerechnet darin sicher zu sein meint (sum), dass es sich als solches vor allem Inhalt und unabh&auml;ngig von allem Inhalt, den es etwa zu erkennen oder zu bezweifeln gibt (cogito), definiert &#8211; wodurch, nebenbei gesagt, der Inhalt automatisch zu einem Gegen&uuml;berstehenden wird, zu etwas, das in der Gegenstandsform gedacht werden muss. Nach den Jahrhunderten der Verrechtlichung, vulgo Demokratisierung, ist dieses <em>vor</em> und <em>unabh&auml;ngig von jedem Inhalt </em>nicht blo&szlig; ein theoretischer Standpunkt geblieben. Vielmehr ist diese Konstellation, das Auseinander von Subjekt und Objekt, zur Funktionsbedingung der modernen Gesellschaft geworden. Wo und wann immer wir es mit &#8220;objektiven Gegebenheiten&#8221; zu tun haben, bringt uns der Subjektstatus, in dem wir uns als private Rechtspersonen immer schon befinden, in die Position des Gegen&uuml;ber- oder Au&szlig;erhalbstehens.</p>
<p>Die Abstraktion, die dieser Konstellation zu Grunde liegt, hat Kant sehr einleuchtend als ein stillschweigend unterlaufendes &#8220;Apriori&#8221; bezeichnet &#8211; allerdings &#8220;der Vernunft&#8221;, was heute, da das Abstrahieren keineswegs blo&szlig; im Denken stattfindet, vielleicht nicht mehr ganz so einleuchtend klingt. F&uuml;r diejenigen, die in diesem Apriori befangen sind (und wer ist das nicht? ), hat es jedenfalls einen die Wirklichkeit verschleiernden Effekt. &Auml;hnlich jenem Tarnumhang, der Harry Potter zur Verf&uuml;gung stand, bringt es die Tatsache zum Verschwinden, dass es ja allemal die privaten Subjekte selbst sind, die in ihrem t&auml;glichen Funktionieren jene Objektivit&auml;t erzeugen, f&uuml;r die sie <em>pers&ouml;nlich</em> keine Verantwortung tragen.</p>
<p>&#8220;<em>Es</em> ist Krieg&#8221;, sprach der Soldat und stieg in den Zug, der ihn nach Russland bringen sollte. &#8220;<em>Es</em> gibt ein Umweltproblem&#8221;, sagt der B&uuml;rger heutzutage, und dabei steigt er ins Auto oder ins Flugzeug. Da man dem System nicht mehr ausdr&uuml;cklich zuzujubeln und mit &#8220;Heil&#8221;-Rufen seine Unterst&uuml;tzung kundzutun pflegt, besitzt dieses &#8220;Es&#8221; heute mehr Gewicht als jemals zuvor, viel mehr als zur Zeit Adolf Eichmanns. Niemand ist da, der die Katastrophe im Namen irgendeiner menschenfresserischen Ideologie fordern oder f&uuml;r notwendig erkl&auml;ren w&uuml;rde. Der Krieg gegen das reale Leben, das dem Standpunkt der Objektivit&auml;t &uuml;brigens seit jeher f&uuml;r anr&uuml;chig galt, funktioniert heute ohne den ideologischen Aufwand, den die totalit&auml;ren Regime des 20. Jahrhunderts zu ihrer Zeit noch betreiben mussten. Die moderne Demokratie ist auf Lobhudeleien irgendwelcher Art nicht mehr angewiesen. Der demokratische Kapitalismus kann sich sogar den Luxus des &#8220;kritischen Bewusstseins&#8221; leisten und angesichts der Zerst&ouml;rungen, die er weltweit anrichtet, Betroffenheit zelebrieren. Die Aufrufe zum &#8220;Umdenken&#8221; sind Legion.</p>
<p>Die Crux liegt nicht im Denken, sondern im Sein. Weshalb auch die Meinungsfreiheit nicht das edle Gut ist, als welches sie uns von denen, die damit Geld verdienen, angepriesen wird. Bei Hunderten Fernsehsendern und Millionen Druckerzeugnissen ist sie zun&auml;chst mal nichts anderes als die rechtlich unerl&auml;ssliche Grundlage einer weit verzweigten Industrie, die immer schon die Staatsgewalt zu ihrer Voraussetzung hat. Die Zeiten, in denen das Meinen und Bekennen und Eide Schw&ouml;ren noch etwas geholfen hat, sind vorbei. Freiheit und Gleichheit besitzen heute nicht mehr den Stellenwert eines politischen Bekenntnisses. Sie haben sich vielmehr in dem rechtlichen Status, den wir als vereinzelte Privatpersonen innehaben, praktisch und realit&auml;tsbestimmend niedergeschlagen. Mehr als alle Glaubenss&auml;tze vor ihnen sind sie zum Bestandteil des gesellschaftlichen Seins geworden. Als solches beruht ihre Wirkung nicht auf dem Inhalt, den wir jeweils bezwecken, sondern auf dem Standpunkt, den wir dabei stillschweigend voraussetzen: auf dem stummen Apriori der Privatheit, das wir im Bem&uuml;hen, &#8220;selbst&auml;ndige&#8221; und &#8220;selbstverantwortliche&#8221; Mitglieder der Gesellschaft zu werden, die ihr &#8220;eigenes Geld&#8221; verdienen, von Kind auf einge&uuml;bt haben. So lange dieses Apriori nicht wenigstens mental einen Knacks bekommen hat, braucht uns um die Demokratie als den vollendeten Staat nicht bange zu sein &#8211; leider, muss ich sagen. Oder um einen ehemals bekannten Theoretiker zu bem&uuml;hen: &#8220;Die alte Schei&szlig;e&#8221; wird sich, Krise hin, Krise her, immer wieder von Neuem herstellen.</p>
<p>So lange die Menschen ihre private Freiheit nicht als das erstickend enge Gef&auml;ngnis empfinden, das l&auml;ngst daraus geworden ist, wird auch das omin&ouml;se &#8220;Wir&#8221;, das st&auml;ndig zum &#8220;Umdenken&#8221; aufgefordert wird, nicht aufh&ouml;ren k&ouml;nnen, die zum privaten Ich sich komplement&auml;r verhaltende Abstraktion der staatlichen Allgemeinheit zu sein. Die verh&auml;ngnisvolle Konstellation von Subjekt und Objekt, die in immer mehr Lebensbereichen die pers&ouml;nliche (An-)Teilnahme ausschlie&szlig;t und l&auml;hmt, wird sich immer noch weiter ausdifferenzieren, und &uuml;ber kurz oder lang d&uuml;rfte eine Situation entstehen, die uns alle, die ideologischen Lobredner und Gegner des Systems gleicherma&szlig;en, das F&uuml;rchten lehrt. Die am G&auml;ngelband der Objektivit&auml;t sozialisierten Bewohner der Demokratie hatten keine Zeit, ihre pers&ouml;nlichen Bed&uuml;rfnisse zu entwickeln. Sie werden die Objektivit&auml;t von Markt und Staat, wenn sie endlich unertr&auml;glich geworden ist, nicht mit einem zivilen H&auml;ndedruck verabschieden, um die Befriedigung ihrer Bed&uuml;rfnisse von Stund an pers&ouml;nlich und in eigener Verantwortung zu organisieren. Der Organisation der Sachzw&auml;nge, von der sie auf allen Seiten umstellt sind, werden sie mit der kompletten Unf&auml;higkeit und Unwilligkeit zur Organisation &uuml;berhaupt begegnen. Aus der Gemengelage von Verwahrlosung und Verzweiflung, von stumpfsinnig ausge&uuml;bter und hingenommener Brutalit&auml;t, von hysterischem Gutmenschentum und explosivem amoklaufenden Hass, die sich bereits heute in vielen Bereichen bemerkbar macht &#8211; nicht von Birma, sondern von den am h&ouml;chsten entwickelten Zentren des demokratischen Kapitalismus ist die Rede -, l&auml;sst sich ohne allzu viel apokalyptischer Phantasie eine Situation extrapolieren, die in Punkto Barbarei die &#8220;ordentlich&#8221; funktionierende T&ouml;tungsmaschinerie Hitlers noch &uuml;bertreffen k&ouml;nnte. Hannah Arendt: &#8220;Die erschreckende Koinzidenz der modernen Bev&ouml;lkerungsexplosion mit den technischen Erfindungen der Automation einerseits, die gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung `&uuml;berfl&uuml;ssig&acute; zu machen droht, und mit der Entdeckung der Atomenergie andererseits hat eine Situation geschaffen, in der man `Probleme&acute; mit einem Vernichtungspotenzial l&ouml;sen k&ouml;nnte, dem gegen&uuml;ber Hitlers Gasanlagen sich wie die st&uuml;mperhaften Versuche eines b&ouml;sartigen Kindes ausnehmen&#8221; (a. a. O. , S. 322).<br />
<hr />
<p><a href="#*" name="a*"><sup>*</sup></a> gegen&uuml;ber der Printversion um einige Zus&auml;tze verl&auml;ngerter Text</p>
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/eichmann-das-sind-wir-alle">Eichmann, das sind wir alle</a></p>
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		<title>Monster</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:30:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 43/2008 2000 Zeichen abw&#228;rts von Lorenz Glatz Fast jede/r kennt den Spruch des fr&#252;hmodernen Theoretikers Thomas Hobbes, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Beim altr&#246;mischen Kom&#246;diendichter Plautus, von dem er seinen Satz hat, hei&#223;t es aber: &#8220;Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt&#8221;. F&#252;r [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/monster">Monster</a></p>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&#252;ge 43/2008</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&#228;rts</em></p>
<p><em>von Lorenz Glatz<br />
</em> <span id="more-503"></span></p>
<p>Fast jede/r kennt den Spruch des fr&#252;hmodernen Theoretikers Thomas Hobbes, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Beim altr&#246;mischen Kom&#246;diendichter Plautus, von dem er seinen Satz hat, hei&#223;t es aber: &#8220;Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt&#8221;. F&#252;r den Neuerer ist es eher umgekehrt. Grade weil man sich kennt, wei&#223; man, dass man dem anderen ans Leder, an die W&#228;sche willDas Raubtierhafte am Menschen verliert sich nicht mit der Bekanntschaft, es ist das Wesen seines Umgangs.</p>
<p>Das als Natur festzunageln, was das Leben in der Gesellschaft aus den Menschen in der Regel macht, ist freilich eine alte schlechte Gewohnheit der Philosophen. Was Hobbes in der Fr&#252;hzeit unserer Epoche als die endlich entdeckte &#8220;nat&#252;rliche&#8221; Begr&#252;ndung der Notwendigkeit einer absoluten Monarchie beschrieb, ist in den sp&#228;ten Zeiten demokratischer Selbstbeherrschung der Menschen in einem zunehmend entsicherten Zusammenleben nur virulenter geworden. Je mehr nicht nur aller Bedarf an Sachen, sondern auch jede menschliche Beziehung, jedes Bed&#252;rfnis nach Anerkennung, Ansehen und Zuwendung an Geld, Leistung, Arbeit und Konkurrenz gebunden sind, desto mehr nimmt das Leben die Z&#252;ge der Hobbes&#8217;schen &#8220;Natur&#8221;, seiner f&#252;rchterlichen Utopie des Krieges aller gegen alle an.</p>
<p>&#8220;In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt&#8221;, soll Napoleon gesagt haben. Was idealtypisch festh&#228;lt, wie manns Bed&#252;rfnisse in dieser Gesellschaft geformt werden und Befriedigung suchen. Das Entsetzen, das sich kurzfristig ausbreitet, wenn &#8220;Lust&#8221;-Verbrechen an Frauen und Kindern &#8211; wie in der letzten Zeit in Belgien, &#214;sterreich und Frankreich &#8211; in den Medien hochgekocht werden, ist durchaus echt. Einerseits dringt so die grundlegende Isolation, Einsamkeit und Schutzlosigkeit der Schw&#228;cheren oft selbst im engsten Kreis der Familie f&#252;r einen Augenblick ins Bewusstsein, andererseits die peinsame, ungern thematisierte Erkenntnis des Geheimrats Goethe: &#8220;Ich kann mir kein Verbrechen vorstellen, das nicht auch ich h&#228;tte begehen k&#246;nnen&#8221;. Beides wird im Skandal externalisiert und wieder verdr&#228;ngt &#8211; und mit dem Schrei nach mehr &#8220;Sicherheit&#8221; dem Leviathan Staat &#252;berantwortet, der daf&#252;r sorgen soll, dass wir in jeder Hinsicht mehr vom Gleichen bekommen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/monster">Monster</a></p>
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		<title>&#8220;Bruttosozialgl&#252;ck&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:25:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wölflingseder; Maria]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 43/2008 KOLUMNE Dead Men Working von MariaW&#246;lflingseder Der dernier cri hallt frohgemut durch die Feuilletons der Printmedien und durch die einschl&#228;gigen Sendungen des ORF-Radio &#214;1, in dem sich die alternativ-links-liberalen Trendsetter ein Stelldichein geben. Ihre neuen Zauberformeln gegen Armut, Arbeitslosigkeit und alle anderen leidvollen Auswirkungen lauten: &#8220;Investieren Sie in Ihr Sozial-Kapital! Genie&#223;t den direkten [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/bruttosozialglueck">&#8220;Bruttosozialgl&#252;ck&#8221;</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>KOLUMNE Dead Men Working</em></p>
<p><em>von MariaW&ouml;lflingseder</em> <span id="more-514"></span></p>
<p>Der dernier cri hallt frohgemut durch die Feuilletons der Printmedien und durch die einschl&auml;gigen Sendungen des ORF-Radio &Ouml;1, in dem sich die alternativ-links-liberalen Trendsetter ein Stelldichein geben. Ihre neuen Zauberformeln gegen Armut, Arbeitslosigkeit und alle anderen leidvollen Auswirkungen lauten: &#8220;Investieren Sie in Ihr Sozial-Kapital! Genie&szlig;t den direkten Profit, den pers&ouml;nlichen Mehrwert Eurer ehrenamtlichen T&auml;tigkeit! Und Ihr, liebe Unternehmer schafft sozialen und &ouml;kologischen Mehrwert! &#8221; &#8211; Wie aus einem &#8220;Salzburger Nachtstudio&#8221; (Der Kitt der Gesellschaft, 16.4.2008, &Ouml;1) geschlossen werden kann, hat die Soziologie das &#8220;soziale Kapital&#8221; als Wundermittel entdecktDie Wissenschaft hat festgestellt, wer es hat: diejenigen, die &uuml;ber ein intaktes soziales Netzwerk verf&uuml;gen, viele Freunde haben (und zumindest neun Leute kennen, die sie notfalls in der Nacht anrufen k&ouml;nnen), und die in Vereinen wohlt&auml;tig sind. Diese Menschen haben ein h&ouml;heres Einkommen und einen sichereren Job, sind optimistischer, kurz, in allen Lebenslagen gl&uuml;cklicher als andere. Analoges gilt f&uuml;r Soziet&auml;ten. Auf wirtschaftlichem und politischem Erfolgskurs seien jene Regionen, in denen Personen mit hohem Sozial-Kapital leben w&uuml;rden. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sei das soziale Kapital gef&auml;hrlich geschwunden. Aber durch eine angekurbelte &#8220;Sozial-Kapital-Forschung&#8221; soll jeder B&uuml;rger animiert werden, sich diese &#8220;rasch erneuerbare Ressource&#8221; wieder anzueignen. Schnell wird klar, worum&#8217;s tats&auml;chlich geht: Sozial-Kapital ist das trendy Wort f&uuml;r ehrenamtliche T&auml;tigkeit, f&uuml;r &#8220;soziale Kompetenz&#8221;, f&uuml;r soziales Engagement. Fehlen diese, w&uuml;rden &#8211; wie betont wird &#8211; die Kosten des Sozialsystems explodieren. Jeder Einzelne und die Gemeinden sollen Verantwortung &uuml;bernehmen &#8211; anstatt die Probleme an das &#8220;System&#8221; zu delegieren &#8211; und sich selbst um &ouml;kologische und soziale Belange k&uuml;mmern. Forciert wird das etwa durch die Agenda 21 oder durch Gruppen, die Faire-Trade-Produkte und &Ouml;kostrom konsumieren oder die die Coolness des &Ouml;ffi-Verkehrs propagieren. Nat&uuml;rlich m&uuml;sse auch die Makroebene mitziehen. In der gesamten Wirtschaft sollte es mehr Kooperation und weniger Konkurrenz, mehr Nachhaltigkeit und weniger herk&ouml;mmliches monet&auml;res Gewinnstreben geben.</p>
<p>Wie easy die Wirtschaft zum Guten gewendet werden kann, zelebriert der Vordenker in Sachen Kapital-Veredelung Christian Felber in seinem neuesten hochgelobten Werk &#8220;Neue Werte f&uuml;r die Wirtschaft &#8211; Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus&#8221;. Das himmelblaue Buch-Cover zieren, wie k&ouml;nnte es anders sein, drei schwarze, gemeingef&auml;hrlich anmutende Riesenheuschrecken. F&uuml;r den Autor erwuchs &#8211; laut eigenen Angaben &#8211; &#8220;die Notwendigkeit, dieses Buch zu schreiben&#8221;, direkt aus seinem vorigen Bestseller, den &#8220;50 Vorschl&auml;gen f&uuml;r eine gerechtere Welt&#8221;. &#8220;Denn so positiv die meisten Vorschl&auml;ge aufgenommen wurden, sie alle sto&szlig;en auf ein gemeinsames Hindernis: das Gewinninteresse m&auml;chtiger Konzerne.&#8221; Aber auch diese Ungereimtheit kann beseitigt werden: Die Gesetzgeber (! ? ) br&auml;uchten den privaten Unternehmen nur andere Ziele vorgeben, sprich, sie f&uuml;r ihr Gemeinwohlverhalten anstatt f&uuml;rs Gewinnmachen zu belohnen. Dann w&uuml;rde &#8211; Hokuspokus &#8211; der Wachstumszwang in der Wirtschaft entfallen, weil die einen Unternehmen nicht mehr einen h&ouml;heren Gewinn als die anderen erzielen und einander deshalb nicht mehr fressen m&uuml;ssten, somit die Vernichtungskonkurrenz erl&ouml;schen w&uuml;rde. Das Kapital w&uuml;rde sich vom Zweck zum (guten) Mittel wandeln.</p>
<p>Ja, selbst die Weltbank sei schon auf dem Weg, den Reichtum nicht mehr nur als BIP zu berechnen, sondern beziehe vermehrt soziale Kriterien mit ein. Ein &ouml;sterreichischer Forscher zeigt, wie das geht. Selbst im fernen Bhutan, dem absolutistisch-buddhistischen K&ouml;nigreich, ziehen jetzt neue, gl&uuml;ckliche, demokratische Zeiten ein. Der Soziologe und Kulturanthropologe und au&szlig;erordentliche Universit&auml;tsprofessor Andreas Obrecht hat die kulturellen, sozialen und &ouml;konomischen Auswirkungen der im Rahmen der &ouml;sterreichischen Entwicklungszusammenarbeit durchgef&uuml;hrten Elektrifizierung dieses r&uuml;ckst&auml;ndigen Landes erforscht. Er berichtete in einem &#8220;H&ouml;rbild&#8221; (9.5.2008, &Ouml;1), wie die entlegene Dorfbev&ouml;lkerung &#8211; bis dato kaum mit Geld in Ber&uuml;hrung gekommen &#8211; den Wert ihrer Arbeit zum ersten Mal richtig sch&auml;tzen lernte: Um den gelieferten Strom bezahlen zu k&ouml;nnen, muss sie sich von nun an lohnarbeitend verdingen. Dieser Umstand wird von unserem Forschungsbeauftragten unumwunden als Erfolg verbucht. Obrecht beteuert, wie sehr sich das &#8220;Bruttosozialgl&uuml;ck&#8221; zu vermehren beginne. Wie so viele andere kommt auch er in diesem Zusammenhang sogleich auf die Spiritualit&auml;t zu sprechen. Manchmal ist sie buddhistischer Provenienz, immerzu wird aber die Verbundenheit mit einem gr&ouml;&szlig;eren Ganzen beschworen, die durch die neue Wertegemeinschaft entsteht. Nicht in kurzfristigen Genuss soll investiert werden, sondern in das soziale Kapital, zu dem auch die Spiritualit&auml;t gez&auml;hlt wird.</p>
<p>Geben all diese positiv gewendeten Begriffe aus der kapitalistischen &Ouml;konomie, garniert mit Religion, nicht zu denken? Schrillen da nicht die Alarmglocken bei dem, was uns da als KRITIK angedreht wird? Die Zusammenh&auml;nge und Auswirkungen der kapitalistischen Verh&auml;ltnisse zu erkennen und deren Grundfesten samt und sonders in Frage zu stellen, ist offenbar ein so gro&szlig;es Tabu, dass anstatt dessen keine Kosten und M&uuml;hen gescheut werden, den Kapitalismus zurechtzubiegen, bunt anzumalen, wohlschmeckend zu w&uuml;rzen, um ihn dann als humanisiert, &ouml;kologisiert und gez&auml;hmt als <em>die</em> Alternative zu pr&auml;sentieren. All das erinnert verdammt an die Esoterik-Bewegung: Auch sie hat alles Unertr&auml;gliche und Leidvolle kurzerhand positiv umgemodelt: Zum Beispiel sollte mittels spirituellem &Ouml;kofeminismus die Unterdr&uuml;ckung und Benachteiligung der Frau aufgehoben werden, indem das Weibliche &uuml;berh&ouml;ht und zur Retterin stilisiert wurde. All diese &auml;u&szlig;erst oberfl&auml;chliche Kritik hat nat&uuml;rlich nichts gefruchtet. Nichtsdestotrotz wird in der gleicher Manier, mit gleicher Manie fortgefahren. Aber &#8220;ein Problem kann man nicht mit der Art des Denkens l&ouml;sen, die es geschaffen hat&#8221;. Ohne diese hilfreiche Erkenntnis, die schon Albert Einstein formuliert hat, wird sich nichts zum Besseren &auml;ndern lassen.</p>
</td>
</tr>
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<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/bruttosozialglueck">&#8220;Bruttosozialgl&#252;ck&#8221;</a></p>
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		<title>&#8220;&#8230;und dann gnade uns Gott!&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:20:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>
		<category><![CDATA[Zuckermann; Moshe]]></category>

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		<description><![CDATA[Interview<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/und-dann-gnade-uns-gott">&#8220;&#8230;und dann gnade uns Gott!&#8221;</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>Interview mit Moshe Zuckermann<br />
(Mit Moshe Zuckermann sprach Lorenz Glatz am 30.3.08 in Tel Aviv)<br />
</em> <span id="more-515"></span></p>
<h4>Eckpunkte eines Friedens&#8230; </h4>
<p><em>Ich habe mit einer Reihe Leute in Israel gesprochen. Sie haben Angst, dass, ja weil es keinen Frieden mit den Arabern geben k&ouml;nne. Gibt es noch eine politische Perspektive oder muss man sich auf eine Katastrophe einstellen ? </em></p>
<p>Verzweiflung, Absage an die M&ouml;glichkeit der Friedensl&ouml;sung kann man sich gar nicht leisten, wenn man es mit Israel ernst meint. Verzweiflung, weil ich vermeintlich so herrlich bin und die anderen so schrecklich sind, ist Ideologie der Stagnation, w&auml;hrend die Realit&auml;t aber weiter kocht und weiter arbeitet &#8211; die Frage bleibt, wie kann ich die Geschichte meistern, sie gestalten, sodass ihre Risiken und Perspektiven transparent werden und ich mit ihnen umgehen kann.</p>
<p>Das Grundverh&auml;ltnis ist doch, dass man den Frieden hier noch nie erprobt hat. Was man hier erprobt hat, das hat immer eine Gewalteskalation ergeben, die von Intermezzi der Friedenssuche blo&szlig; unterbrochen waren &#8211; ich rede vom israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikt, denn die anderen, die Israel hier in der Region hat, sind dazu Epiph&auml;nomene. Nie hat man die erkannten Voraussetzungen implementiert und versucht, mit den daraus entspringenden Entwicklungen klarzukommen [unklar: was klarzumachen? ].</p>
<p>Was immer man &uuml;ber den Oslo-Prozess sagen kann und will (ich war daf&uuml;r, war aber der Meinung, dass er einen Kapitulationsfrieden f&uuml;r die Pal&auml;stinenser gebracht h&auml;tte), er hat klar gemacht, dass es ohne einen massiven R&uuml;ckzug aus den besetzten Gebieten, ohne einen massiven Siedlungsabbau, ohne Regelung der Jerusalemfrage im Sinne einer Zweistaatenl&ouml;sung und ohne eine politische L&ouml;sung f&uuml;r das R&uuml;ckkehrrecht der Pal&auml;stinenser (wie viele kann man aufnehmen, wie kann man sie integrieren) gar nichts zu haben ist.</p>
<h4>&#8230; damit man hier weiter leben kann</h4>
<p><em>Beruhen israelische und pal&auml;stinensiche Politik nicht auf dem Konflikt und wollen sich gar nicht von ihm wegbewegen? </em></p>
<p>Die Frage ist doch: Will man leben oder will man heroisch im Recht-gehabt-Haben zusammen untergehen. Das zionistische Projekt wird l&auml;ngerfristig in der Region nicht &uuml;berleben k&ouml;nnen, wenn es keine Friedensverh&auml;ltnisse hat. Jetzt geht es noch darum, ob man dieses oder jenes Gebiet besetzt hat. Aber in einiger Zeit, wenn vielleicht die ganze Region nuklearisiert ist und auch der Terror und eventuell auch die Guerilla nuklearisiert ist, geht es f&uuml;r Israel um die Frage, ob man es auf Gewaltverh&auml;ltnisse ankommen l&auml;sst, die nicht mehr kontrollierbar sind. Um die Frage, ob Israel l&auml;ngerfristig in der Region &uuml;berleben kann &#8211; nicht, ob man milit&auml;risch &uuml;berleben kann, sondern ob man als eine sich von allen anderen Staaten der Region abgrenzende Bastion &uuml;berleben kann.</p>
<p>Das ist aber ein Ding der Unm&ouml;glichkeit. Nicht, weil Israel nicht milit&auml;risch bestehen kann &#8211; nat&uuml;rlich kann niemand in der Region die Existenz Israels bedrohen, ohne seine eigene Existenz zugleich aufs Spiel zu setzen -, sondern weil es f&uuml;r die Gesellschaft nicht ertr&auml;glich sein wird, wenn sie auch die n&auml;chsten vierzig, f&uuml;nfzig Jahre unter der Bedingung permanenten Terrors und der Aufrechterhaltung der Okkupation leben muss, wenn die Lebensbedingungen dadurch so unerquicklich werden, dass es mit einem massiven brain drain , massiver Kapitalflucht und einem Ekel vor einem solchen Leben einhergehen wird.</p>
<p>Es stellt sich also gar nicht so sehr &#8211; oder zumindest nicht nur &#8211; die moralische Frage, ob wir den Pal&auml;stinensern gegen&uuml;ber b&ouml;se und sie uns gegen&uuml;ber zu gewaltt&auml;tig sind usw. Die Fehler, die wir &uuml;ber vierzig, sechzig, ja hundert Jahre permanent gemacht haben in der Regulierung dessen, was dann sp&auml;ter der pal&auml;stinensich-israelische Konflikt genannt worden ist, sind keine Strukturmerkmale, die un&uuml;berwindbar w&auml;ren. Es geht hier um historisch entstandene Strukturen, die auch historisch &uuml;berwindbar sind. Die einzige Frage ist, will man sie erkennen und &uuml;berwinden.</p>
<p>Die Politik sowohl Israels als auch Pal&auml;stinas kann sich nach dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr dadurch erhalten, dass sie &uuml;ber das Negative l&auml;uft, also der innere Zusammenhalt Israels und der Pal&auml;stinenser sich &uuml;ber die &auml;u&szlig;ere Bedrohung erh&auml;lt (wobei das die gegenw&auml;rtige pal&auml;stinensische Spaltung ja doch nicht verhindert hat). &#8211; Eine solche Strategie kommt an ihr Ende, denn der Friede ist keine moralische Frage, er ist auch nicht nice to have, er ist ein Muss. Wenn man die Perspektive darin sieht, dass Israelis, Pal&auml;stinenser und Jordanier, Syrer usw. in ihren eigenen L&auml;ndern leben und in Kooperation (in meiner Vision in einer Konf&ouml;deration oder &auml;hnlichem) miteinander die dr&auml;ngenden Probleme der Region wie z. B. die Wasserfrage l&ouml;sen, dann braucht es Frieden und daf&uuml;r gibt es die vier genannten Grundvoraussetzungen, die unbedingt angegangen werden m&uuml;ssen.</p>
<h4>Skylla und Charybdis des Zionismus</h4>
<p><em>Nun leidet Israel ja an betr&auml;chtlichen inneren Gegens&auml;tzen&#8230; </em></p>
<p>Die gesellschaftliche Kluft ist ein krasser Widerspruch zu den Vorstellungen des klassischen Zionismus &#8211; wir geh&ouml;ren zu den drei entwickelten L&auml;ndern mit der gr&ouml;&szlig;ten sozialen Kluft. Nat&uuml;rlich kann man die Koh&auml;sion eine Zeit lang durch die &auml;u&szlig;ere Bedrohung herstellen, wenn man sich mit der inneren Zerkl&uuml;ftung nicht auseinandersetzen will. Andererseits kann diese jetzt mit Sicherheitsfragen nicht mehr l&auml;nger abgedeckt werden. Ja, gerade dass vierzig, f&uuml;nfzig Prozent des Budgets f&uuml;r Sicherheit ausgegeben werden, tr&auml;gt zu diesem Riss entscheidend bei. Die Frage, was denn mit dieser Gesellschaft werden soll, wenn diese Entwicklung weitergeht, ist entscheidend, eine Entwicklung, die auch vom Standpunkt des Nationalstaats &auml;u&szlig;erst kontraproduktiv ist.</p>
<p>Den &auml;u&szlig;eren Konflikt perpetuieren, weil man sich mit den inneren Konflikten (vor allem den sozialen, den ethnischen zwischen der j&uuml;dischen Israeli, dem arabisch-j&uuml;dischen innerhalb Israels, den Problemen zwischen Staat und Religion) nicht auseinandersetzen will, das funktioniert nun nicht mehr, weil die Auseinandersetzung mit den Pal&auml;stinensern f&uuml;r den Zionismus zu einer Situation von Skylla und Charybdis gediehen ist, dass man n&auml;mlich entweder die Besetzung aufrechterh&auml;lt und die Struktur einer Binationalit&auml;t bekommt oder die Verzichtsma&szlig;nahmen in Richtung Frieden setzt, was aber zu gravierenden innerisraelischen Konflikten f&uuml;hren d&uuml;rfte.</p>
<p>Ersteres stellt Israel zunehmend vor die Alternative, ein radikaler Apartheid-Staat zu werden, der eine wachsende Majorit&auml;t unter dem Stiefel h&auml;lt, oder kein j&uuml;discher, sondern ein binationaler Staat zu sein, auch wenn er politisch als solcher nicht abgesegnet ist. Beides w&auml;re das Ende des Zionismus.</p>
<p>Wenn man sich aber nicht auf Binationalit&auml;t und damit auf das Ende des j&uuml;dischen Charakters des Staates, ja auf eine pal&auml;stinensische Mehrheit einlassen und daher die Gebiete den Pal&auml;stinensern zur&uuml;ckgeben wollte, bekommt man eine b&uuml;rgerkriegs&auml;hnliche Situation, die von den f&uuml;nf- bis zehntausend religi&ouml;s motivierten Hardlinern auf der Westbank ausgeht, die die Staatsr&auml;son nicht mehr anerkennen und den Abzug wortw&ouml;rtlich nur &uuml;ber ihre Leichen zulassen wollen. Das Westjordanland (Jud&auml;a und Samaria als Teil der biblischen Verhei&szlig;ung) hat da zahlenm&auml;&szlig;ig und religi&ouml;s-ideologisch eine ganz andere Dimension und Qualit&auml;t als Gaza, die weit in die israelische Gesellschaft hineinreichen.</p>
<p>Man kann hier im Interesse des Lebens und des Friedens nicht mehr lange zuwarten mit den genannten notwendigen Schritten. Der ganze Prozess w&auml;re als Zweiphasenl&ouml;sung machbar. Zuerst eine Zweistaatenkonstruktion, die dem derzeitigen Stand der W&uuml;nsche nach einem j&uuml;dischen Staat und nach pal&auml;stinensischen Souver&auml;nit&auml;t entgegenkommt, und dann fr&uuml;her oder sp&auml;ter angesichts der anstehenden Aufgaben eine bi- und mehrnationale L&ouml;sung, eine F&ouml;deration oder Konf&ouml;deration Israels, Pal&auml;stinas und vielleicht auch Jordaniens und Syriens.</p>
<p>Tats&auml;chlich ist die Zweistaatenl&ouml;sung schon viel popul&auml;rer angesagt als noch vor drei&szlig;ig Jahren. Heute reden auch die Politiker schon davon, auch Sharon hat von ihr gesprochen. Zumindest vorbewusst wissen im Grund alle, worum es geht. Die Aufgabe ist, das auch durchzusetzen gegen die zu erwartenden Widerst&auml;nde. Es gibt aber derzeit keine Pers&ouml;nlichkeit und keine Partei, die dazu willens und f&auml;hig w&auml;ren.</p>
<h4>Die Angst zu wissen, was man wei&szlig;</h4>
<p><em>Gibt es in der israelischen Gesellschaft Str&ouml;mungen, Bewegungen in diese Richtung? </em></p>
<p>Nein. Aber das muss noch nichts hei&szlig;en: In den Sechzigern war man noch ein erschie&szlig;ungsw&uuml;rdiger Verr&auml;ter, wenn man von zwei Staaten gesprochen hat. Heute reden alle davon und von der &#8220;demographischen Zeitbombe&#8221;. Die Zionisten m&uuml;ssen handeln, wenn Juden nicht zur &#8220;Minderheit im eigenen Land&#8221; werden sollen.</p>
<p>Ein Leben f&uuml;r die Konfliganten wird es auf Dauer nur geben, wenn ihr Konflikt friedlich beigelegt ist. Das hei&szlig;t freilich, dass sich die Politik von allem verabschieden muss, was man bis jetzt getan und gedacht hat. Momentan steht eben die eine Sache an: Ist Israel f&auml;hig, und Israel hat die Karten in der Hand, die Gebiete zur&uuml;ckzugeben, den Siedlungsabbau bei allem Schmerz und aller Gewalt, die das bedeuten mag, durchzusetzen, anzuerkennen, dass die Pal&auml;stinenser in Ostjerusalem ihre Hauptstadt haben und hundert- bis zweihundertf&uuml;nfzigtausend Pal&auml;stinenser zur Familienzusammenf&uuml;hrung aufzunehmen, oder ist es dazu nicht f&auml;hig.</p>
<p>Wenn nicht, dann kann die Idylle, in der wir hier (in Tel-Aviv) sitzen, weiter jede Minute in eine Apokalypse umschlagen. Erst letzte Nacht war wieder gro&szlig;er Alarm in der N&auml;he von Tel Aviv, weil ein pal&auml;stinensisches Kommando eingedrungen ist. Das Ganze ist als Strukturproblem zu begreifen und nicht als ein moralisches, wer angefangen hat und wer schuld ist &#8211; obgleich es nat&uuml;rlich auch das ist. Wenn es keine Neuordnung der Struktur gibt, f&uuml;hrt das unweigerlich in die Katastrophe, zu einem unvorstellbaren Gemetzel.</p>
<p>Das israelische Milit&auml;r kann so wie die USA in Irak und Afghanistan mit Guerillakrieg und Terror nicht umgehen, daf&uuml;r ist ein Milt&auml;r nicht gebaut. Obwohl eigentlich alle schon wissen (k&ouml;nnten), worum es geht, machen und reden sie doch noch immer doofe Ideologie. Ein halbes Jahr vor dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 hat uns in Ramallah in der PALISAD-Gruppe (ein paar Dutzend pal&auml;stinensische und israelische Intellektuelle) die pal&auml;stinensische Anthropologin und Politologin Rema Hammami eine Analyse dessen geliefert, was passieren wird, wenn die USA in den Irak gehen. Sie hat Punkt f&uuml;r Punkt und in vielen Details beschrieben, was dann tats&auml;chlich so passiert ist, vom Sieg &uuml;ber Saddam Hussein bis zur Herausbildung einer Art von &#8220;zweitem Vietnam&#8221;. Und das Pentagon und das Wei&szlig;e Haus h&auml;tten so etwas nicht wissen k&ouml;nnen, nicht gewusst?</p>
<p>Die Frage f&uuml;r Israel ist doch: Warum will man mit dem, was man eigentlich wei&szlig;, nicht umgehen? Der Grund daf&uuml;r ist, dass in der Struktur eine Sackgasse entstanden ist, in der man bei jeder Alternative, die sich anbietet, etwa R&uuml;ckzug oder Nicht-R&uuml;ckzug, eine Katastrophe kommen sieht &#8211; sodass man sich in einer Stagnation festgefahren hat. Dann h&ouml;rt man die bekannten Ideologien vom mangelnden Gespr&auml;chspartner (den man selber &auml;u&szlig;erst geschw&auml;cht bzw. in den Tod hat auslaufen lassen), von den &Auml;ngsten, dass jeder R&uuml;ckzug Beschuss von St&auml;dten bedeutet (als ob Tel Aviv nicht schon beschossen worden w&auml;re und bald von &uuml;berall her beschossen werden kann) und von den Arabern, die eben &#8220;so&#8221; sind.</p>
<p>Statt dessen sollte man sich doch fragen, wie das alles so geworden ist und wie man eine Konstellation herstellt, in der der Beschuss von Tel Aviv und der Terror kein Thema mehr sind. Schon kurz vor dem Golfkrieg von 1991 hat der religi&ouml;se Philosoph und Naturwissenschaftler Jeschajahu Leibowitz in einer Pressekonferenz festgestellt, dass Saddam Hussein keine Handhabe hat, Israel zu beschie&szlig;en, wenn man jetzt Friedensgespr&auml;che mit den Pal&auml;stinensern beginne. Tats&auml;chlich ist es so, dass die Machtposition von Hisbollah, Dschihad, Hamas, der gesamte Terror untergraben wird noch sonst jemand eine Handhabe f&uuml;r einen Angriff auf uns hat, wenn Israel und die Pal&auml;stinenser Frieden machen.</p>
<p>Verh&auml;ltnisse sind historisch geworden und k&ouml;nnen historisch ver&auml;ndert werden. Selbst wenn Frankreich und Deutschland die zwei Weltkriege gebraucht haben sollten, um zu einem Frieden zu kommen, dann h&auml;tten wir hier unser Pensum auch schon erf&uuml;llt.</p>
<h4>Der Friede ist machbar&#8230; </h4>
<p><em>Allerdings hat der Friedensprozess zwischen Deutschland und Frankreich auf dem wirtschaftlichen Aufstieg im Fordismus beruht, w&auml;hrend heutzutage &ouml;konomische Krise und Desintegration vorherrschen. </em></p>
<p>Ich sehe eher eine Barbarisierung des Kapitalismus, die ja auch in den Kl&uuml;ften der israelischen Gesellschaft zutage tritt und bei den Pal&auml;stinensern etwa in den Gegens&auml;tzen zwischen dem Fellachentum der D&ouml;rfer und dem B&uuml;rgertum von Ramallah und Nablus noch erscheinen wird. Eine Beilegung des politischen Konflikts w&uuml;rde jedoch hier lokal eine rapide Anhebung des Lebensstandards bringen &#8211; bei Anwachsen der bestehenden sozialen Kluft. Gerade wegen der Neuralgie dieser Region w&uuml;rde n&auml;mlich aus geopolitischen Gr&uuml;nden wie der Sicherung der Ressourcen gro&szlig;e Mengen Kapital investiert werden. Ein Beispiel, wie das heute geht: Eine t&uuml;rkische Kapitalgruppe wollte dieser Tage, abgesegnet von der t&uuml;rkischen Regierung und abgesprochen mit den Pal&auml;stinensern, einen Industriekomplex mit etwa zwanzig-, drei&szlig;igtausend Arbeitern und Angestellten in den Gebieten errichten &#8211; wo etwa 50% der Leute arbeitslos sind. Autonomiebeh&ouml;rde und israelische Regierung haben dar&uuml;ber gestritten, ob das nur in Area B oder auch in Area C geschehen darf (was politisch tats&auml;chlich einen Unterschied macht) &#8211; und die Investoren haben sich zur&uuml;ckgezogen. Ohne den Konflikt w&uuml;rden die USA, die EU, die Oligarchen aus Russland und die &Ouml;lstaaten der Golfregion Geld reinpumpen. Kapitalistisch gesprochen gibt es hier ein enormes Knowhow und billigste Arbeitskraft nebeneinander. Nat&uuml;rlich begeistert es mich nicht, dass nun hier die neuen kapitalistischen Widerspr&uuml;che reproduziert werden. Aber man kann diese Phase, in der auch erst zivilgesellschaftliche Strukturen hergestellt werden, nicht &uuml;berspringen.</p>
<h4>&#8230; weil die Menschen leben wollen </h4>
<p><em>Sie sind also recht optimistisch, dass der grassierende Irrsinn der Gottesstaatsk&auml;mpfer und Selbstm&ouml;rder aktuell &uuml;berwindbar ist. </em></p>
<p>Ja, ich kann nicht davon ausgehen, dass arabische Eltern eher bereit sind, auf ihre Kinder zu verzichten, als israelische oder sonst welche. Es ist ja kein essenzielles Attribut von Menschen, dass jemand sich einen Sprengstoffg&uuml;rtel anlegt und auf einer belebten Stra&szlig;e in Tel Aviv oder Jerusalem in die Luft sprengt, sondern das ist eine historisch entstandene Ideologie, eine Verzerrung usw.</p>
<p>Im Vergleich zu seinen Erfahrungen in und mit dem Christentum hat das Judentum im Islam nicht sehr viel zu leiden gehabt. Erst durch das mit dem Zionismus entstandene politische, territoriale Problem hat sich eine Hassstruktur entwickelt, im Zusammenhang mit postkolonialem Hass in der so genannten Dritten Welt. Schlie&szlig;lich besitzen ja laut Uno die reichsten ein Prozent der Weltbev&ouml;lkerung die H&auml;lfte des Weltreichtums. Aus solchen Umst&auml;nden n&auml;hrt sich das islamistische, postkoloniale Ressentiment &#8211; der Westen ist der Kapitalismus, der Kapitalismus ist die Zirkulationssph&auml;re, die Zirkulationssph&auml;re sind die Juden, daher k&auml;mpfen wir gegen die Juden. Das ist &#8211; anders als in den traditionell christlichen L&auml;ndern &#8211; hier noch nicht lange so und &uuml;berwindbar.</p>
<p><em>Nun wird es aber darauf ankommen, dass sich gegen den Wahnsinn Menschen zusammentun. Es wird ja nicht reichen, auf einen charismatischen und vern&uuml;nftigen Politiker zu warten. </em></p>
<p>Nat&uuml;rlich hat es kein Politiker in der Geschichte vermocht, etwas zu bewegen, wenn dahinter keine gesellschaftlichen Kr&auml;fte waren. Was hier geschehen wird, ist nicht determiniert, aber wenn ich davon ausgehe, dass die Leute &uuml;berleben wollen, dann k&ouml;nnen sie auch aus der Struktur heraus begreifen, dass es keine Alternative zum Frieden gibt und daf&uuml;r eintreten. Wenn man das nicht begreift, dann erliegen wir dem Samson-Syndrom: Wir werden untergehen und die andern mit in den Tod nehmen.</p>
<p>Es ist n&auml;mlich wohl war, dass jeder, der Israel vernichtet, seinen Untergang mit festgeschrieben hat. Es ist aber auch wahr, dass die Abschreckung begrenzt ist, weil unter den gegebenen Bedingungen l&auml;ngerfristig niemand existieren kann. Und in L&auml;ndern, wo wie z. B. in &Auml;gypten mit seinen 75 Mio. Einwohnern 80% in erb&auml;rmlicher Armut leben, ist auch die Gefahr des Fundamentalismus immer da, wenn die bedr&auml;ngte menschliche Kreatur keinen Ausweg mehr weiss und sich dem Opium des Volkes verschreibt. Worauf ich jedoch setze, ist erstens, dass es in Strukturen, die sich derart festgefahren haben, keine lebbare Alternative zu dem gibt, was ich sage, und zweitens, dass die Menschen lebenswillig sind.</p>
<h4>Ich sage das alles konditional</h4>
<p>Die israelische Linke sieht derzeit erb&auml;rmlich aus. Sie hat die Antworten der Angst. Die Angst wird zur Ausrede, dass man sich nicht traut, die Bedingungen f&uuml;r den Frieden anzugehen. Das kann dann aber hei&szlig;en, man agiert als die hochger&uuml;stete Milit&auml;rmacht, die man ist, und riskiert in Wirklichkeit die Eskalation zu einem Krieg, der den ganzen Nahen Osten in Schutt und Asche legen k&ouml;nnte. Wenn es dazu k&auml;me, dass Israel z. B. mit allen milit&auml;rischen Mitteln auf der Westbank und in Gaza vorgeht, wenn man auch tausende Frauen, Kinder und Alte umbringt und diese Bilder dann kursieren, dann wird der islamische Fundamentalismus die Staaten der Region in Zugzwang bringen und einen regionalen Krieg in ganz Nahost ausl&ouml;sen.</p>
<p>Die Hoffnung ist, dass diese Ideologie der Angst aufgebrochen wird, ehe es zum Schlimmsten kommt, noch ehe die strukturelle Barbarei sich so aktualisiert, dass Friede nur noch aus dem Zusammenbruch herstellbar ist. F&uuml;r Israel ist aber selbst das wohl gar nicht zu haben. Israel w&uuml;rde in einem Krieg, bei dem es vierzig-, f&uuml;nfzig-, sechzigtausend Ziviltote hinnehmen m&uuml;sste &#8211; bei Hunderttausenden, ja Millionen auf der anderen Seite -, auseinanderfallen. Zu viele Leute w&uuml;rden nicht mehr mitmachen, ihre Sachen packen und abhauen.</p>
<p>Die Aktivit&auml;ten kleiner Gruppen der nichtzionistischen Linken, alles in allem vielleicht f&uuml;nftausend Leute, wie ich in der Politik absolut randst&auml;ndig, halten das Prinzip Hoffnung aufrecht, sie k&ouml;nnen die Fr&uuml;chte aber nicht ernten, die sie vielleicht ges&auml;t haben. Umgesetzt werden muss das n&auml;mlich im Rahmen der gro&szlig;en Politik. Noch dazu kann in diesem Land Friede paradoxerweise nicht von links durchgesetzt werden, sondern es bedarf rechter Kr&auml;fte, die aus der Ausweglosigkeit heraus den Fieden wollen. Nur die k&ouml;nnen das machen.</p>
<p>Ich sage das alles konditional: Wenn wir nicht tun, was zu tun ist, dann wird die Geschichte ihren Lauf nehmen, und dann gnade uns Gott.</p>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 01:15:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Bierwirth; Julian]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>

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		<description><![CDATA[Skizze zu Wertkritik und Soziologie<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/friendly-reading">Friendly Reading</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Skizze zu Wertkritik und Soziologie</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>von Julian Bierwirth</em> <span id="more-500"></span></p>
<h4>Wertkritik als Gesellschaftskritik</h4>
<p>In seinem Werk &#8220;Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft&#8221; stellt Moishe Postone die Behauptung auf, b&uuml;rgerliche Individuen h&auml;tten analog zur Ware einen Doppelcharakter. Diesen macht er in ihrer Bestimmung als warenproduzierende und -tauschende Menschen aus: Einerseits sind es die Menschen, die hier ihre Gesellschaftlichkeit produzieren, die also handelnd ihre Welt einrichten. Andererseits sind sie den dadurch entstehenden Systemnotwendigkeiten unterworfen, die als scheinbare Naturgewalt auf sie einwirken. Sie sind also zugleich Subjekt gesellschaftlichen Handelns und Objekt gesellschaftlicher Verh&auml;ltnisse.</p>
<p>Diese Doppeldeutigkeit bleibt ihnen im Alltag allerdings verborgen. Die Menschen nehmen sich vielmehr entweder als Subjekt oder als Objekt wahr. Einerseits imaginieren sie sich als unabh&auml;ngige Individuen, die fernab jeglicher Gesellschaftlichkeit ihre Geschm&auml;cker und Vorlieben scheinbar aus ihrem freien Willen entwickelt haben. Und andererseits werden gesellschaftliche Institutionen wie Markt oder Staat als Prozesse angesehen, die wie Naturgewalten auf die einzelnen einwirken und gegen die sich nichts unternehmen l&auml;sst.</p>
<p>Die kapitalistischen Subjekt-Objekte wechseln nun sprunghaft, je nach Situation und Anforderung, zwischen dem einen Mechanismus und dem anderen. Die gesellschaftliche Bedingtheit beider vermeintlich naturhaften Prozesse verm&ouml;gen sie dabei ebenso wenig zu ergr&uuml;nden wie deren Zusammenwirken (Postone 2003, 251ff).</p>
<p>Die eine oder der andere kann diese &Uuml;berlegungen vielleicht mit privaten Erfahrungen abgleichen und so f&uuml;r sich verst&auml;ndlich machen. Dass eben gespart werden muss, wird von manchen mit ebenso &uuml;berzeugter Pose vorgetragen wie bereits im n&auml;chsten Moment auf das eigene Freidenkertum gepocht wird. Doch auch &uuml;ber die private Erfahrung hinaus gibt es im Feld b&uuml;rgerlicher Wissenschaften durchaus Untersuchungen, welche diesem Ph&auml;nomen Allgemeing&uuml;ltigkeit zusprechen.</p>
<h4>Beispiel: Ideologiebildung bei Jugendlichen</h4>
<p>Die wohl bekannteste Langzeit-Untersuchung im Bereich der Studien zum politischen Selbstverst&auml;ndnis junger Menschen wird vom Shell-Konzern finanziert, kann aber trotz ihres offensichtlichen Charakters als PR-Projekt als durchaus repr&auml;sentatives und wissenschaftlich fundiertes Werk angesehen werden. Die Shell-Studie 2006 macht zum einen eine auf pers&ouml;nlichen Erfolg gem&uuml;nzte Individualisierung aus. Das Ich steht, wollen wir der Studie glauben, im Mittelpunkt des jugendlichen Interesses. 90 Prozent der Jugendlichen halten das Aussehen f&uuml;r einen wichtigen Faktor, 79 sch&auml;tzen das Tragen von Markenklamotten f&uuml;r wichtig ein und 84 machen bei ihren Altersgenossen das Ziel aus, Karriere machen zu wollen. Weiterhin gelten Eigenverantwortung, viele Kontakte, Unabh&auml;ngigkeit sowie Kreativit&auml;t als wichtig. Wesentlich geringer f&auml;llt die Zustimmung f&uuml;r Selbstdurchsetzung sowie Macht und Einfluss aus. Dies deutet darauf hin, dass gesellschaftlicher Erfolg weniger als erfolgreiches Bestehen in einer Konkurrenz gesehen wird, in der auf jede Siegerin stets auch eine Verliererin zu kommen hat. Stattdessen soll die individuelle, von jeder Gesellschaftlichkeit getrennte Anstrengung als Grund f&uuml;r Erfolg und Misserfolg herhalten (Shell 2006, 172; 174).</p>
<p>Andererseits herrscht aber auch ein ganz spezieller, zu Postones Befund passender Bezug auf Politik und Staatlichkeit vor. In der Studie wird festgestellt, dass Staat und Politik zunehmend als naturhafte Entit&auml;ten gesehen werden, die objektive Anforderungen an die politisch Handelnden stellen. Die Jugendlichen bringen &#8220;den unabh&auml;ngigen Institutionen in einem demokratischen Rechtsstaat, wie etwa den Gerichten oder der Polizei und interessanterweise auch der Bundeswehr, eher Vertrauen entgegen&#8221; als den Parteien, der Bundesregierung und den Unternehmerverb&auml;nden (Shell 2006, 113ff).</p>
<p>Es ergibt sich hier eine Hierarchisierung des Vertrauens: Grunds&auml;tzlich erhalten diejenigen Institutionen ein h&ouml;heres Vertrauen, die als unabh&auml;ngig eingestuft werden und f&uuml;r das gesellschaftliche Ganze, die Universalit&auml;t, stehen sollen. Niedriger fallen die Zustimmungswerte f&uuml;r diejenigen Institutionen aus, die als Aktivistinnen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wahrgenommen werden, denen also zugeschrieben wird, aus partikularem Interesse heraus das gro&szlig;e Ganze mit Konflikten zu belasten.</p>
<p>Zu &auml;hnlichen Ergebnissen kamen auch Alex Demirovic und Gerd Paul in ihrer Mitte der 90er Jahre ver&ouml;ffentlichten Studie zum politischen Selbstverst&auml;ndnis von Studierenden. Unzufriedenheit mit dem System politischer Partizipation wird vor allem als Frust &uuml;ber PolitikerInnen und &#8220;Parteienkl&uuml;ngel&#8221; ge&auml;u&szlig;ert. Diese gingen lieber ihren Partikularinteressen nach, als das berechtigte und offensichtliche Anliegen der Allgemeinheit umzusetzen (Demirovic/Paul 1996, 144ff).</p>
<p>Gleichzeitig verweisen die Autoren darauf, dass diese akuten Formen von Ideologiebildung stark mit politischen Vorstellungen gerade der Neuen Rechten einhergehen (Demirovic/Paul 1996, 137ff), sodass es doch als zumindest fragw&uuml;rdig erscheinen muss, wenn diese Haltung als &#8220;unpolitisch&#8221; eingeordnet wird und gar als Ankn&uuml;pfungspunkt f&uuml;r eine emanzipative, antipolitische Praxis diskutiert wird.</p>
<h4>Methodische Anmerkungen</h4>
<p>In den erw&auml;hnten Studien finden wir die von Postone eingef&uuml;hrten Kategorien geradezu musterg&uuml;ltig vorgef&uuml;hrt: die ungesellschaftlich gedachte Ideologie vom unabh&auml;ngigen, autonomen Individuum einerseits, die bereitwillige Unterwerfung unter gesellschaftliche Naturgesetze auf der anderen Seite. W&auml;hrend die AutorInnen einigerma&szlig;en ratlos vor ihrem Zahlenwust stehen, wird eine befruchtende Re-Interpretation dieser Daten vor dem Hintergrund grunds&auml;tzlicher, kategorialer &Uuml;berlegungen m&ouml;glich.</p>
<p>Ein solches Vorgehen ist aber bislang in Kreisen, die sich an der Wertkritik orientieren, eher selten. Gerne wird die kategoriale Beschr&auml;nktheit unterschiedlichster Studien und theoretischer Ans&auml;tze herausgearbeitet. Aber nur vereinzelt wird versucht, deren (empirische) Ergebnisse f&uuml;r die eigene theoretische T&auml;tigkeit fruchtbar zu machen. Will die Wertkritik aber diesbez&uuml;glich &uuml;ber den Charakter eines gehobenen Feuilletons hinauskommen, muss sie sich wohl oder &uuml;bel auf wissenschaftlich zumindest ansatzweise valides Material st&uuml;tzen.</p>
<p>Das eigenst&auml;ndig zu erheben, mag wiederum ein hehres Unterfangen sein, scheint aber aufgrund der zunehmenden Prekarisierung von Theoretikerinnen und der mangelnden institutionellen Einbindung in finanziell halbwegs abgesicherte Institutionen kaum m&ouml;glich. Wertkritische Re-Interpretation kann hier einen Ausweg bieten. Nicht zuletzt auch f&uuml;r eine weitere Konzeptionalisierung der theoretischen Kategorien und deren Bedeutung sowie f&uuml;r eine plausible Einsch&auml;tzung der aktuellen Entwicklungen.</p>
<p>Dies kann selbstverst&auml;ndlich nicht hei&szlig;en, das vorgefundene Material umstandslos zu &uuml;bernehmen und oberfl&auml;chlich in den vorhandenen, wertkritischen Begriffsapparat einzuflechten. Zu Recht ist auf die Gefahr hingewiesen worden, damit lediglich an das Bestehende anzukn&uuml;pfen und es zu affirmieren. Da die wissenschaftlichen Techniken stets vom verwendeten theoretischen Konzept abh&auml;ngen, gibt es einen Zusammenhang zwischen den Daten und diesen Konzepten (vgl. Eberle 1974, 138ff). Nur sollte dabei nicht vergessen werden, dass die Theorien nicht einfach &#8220;falsch&#8221; sind, sondern dass auch sie die Widerspr&uuml;chlichkeit der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft auf je individuelle Art reproduzieren. Sie lassen sich also selber in das obige Schema vom Doppelcharakter b&uuml;rgerlicher Selbstwahrnehmung einordnen. Den WissenschaftlerInnen zerf&auml;llt &#8220;die Totalit&auml;t in die Pole Individuen hier und verdinglichte gesellschaftliche Struktur dort, die nur &auml;u&szlig;erlich zusammengebracht werden k&ouml;nnen&#8221;. (Winkel 1986)</p>
<p>Dies gilt es bei der Re-Interpretation der Daten zu ber&uuml;cksichtigen. Ein wesentliches Reflexionsmoment stellt dabei die marxsche Unterscheidung von Wesen und Erscheinung dar, die sich zwar auf Platon zur&uuml;ckf&uuml;hren l&auml;sst, durch Marx aber eine qualitativ neue Bedeutung erhielt. Gem&auml;&szlig; dieser Unterscheidung werden an der f&uuml;r Soziologinnen wahrnehmbaren Oberfl&auml;che der Gesellschaft die ihr zugrundeliegenden Mechanismen sowohl ausgedr&uuml;ckt als auch verschleiert. Postone f&uuml;hrt diese Unterscheidung nicht zuf&auml;llig im Kapitel &uuml;ber den Fetisch ein. Der an Marx orientierte Begriff vom Fetisch deutet darauf hin, dass gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse als dinghaft dargestellt werden. In diesen &#8220;gesellschaftlichen Beziehungen der Sachen&#8221; (MEW 23, 87) verbergen sich die &#8220;sachlichen Verh&auml;ltnisse der Personen&#8221; ebenso, wie sie sich in ihnen darstellen (Postone 2003, 258ff). Die verwendeten Items b&uuml;rgerlicher Forschung und die mit ihrer Hilfe erworbenen Daten verschleiern also die Realit&auml;t ebenso, wie sie sie kenntlich machen.</p>
<p>Ebenso kann sicherlich nicht davon ausgegangen werden, dass die Ideologiebildungen umfassenden Charakter angenommen h&auml;tten. Die entsprechenden Werte auf den Skalen der angef&uuml;hrten Studien sind zwar hoch und bed&uuml;rfen einer gesellschaftskritischen Erkl&auml;rung, aber sie sind nicht total. Ganz offensichtlich gibt es Wege und M&ouml;glichkeiten, sich dem Trend zu entziehen. Dass hier ein detaillierter Blick auf qualitatives Interviewmaterial notwendig ist, soll gar nicht geleugnet werden. Vermieden werden sollte jedoch ein Verfahren, das aus der reinen Abstraktion von den Besonderheiten des zu untersuchenden Gegenstandes dessen Spezifik zu erkl&auml;ren versucht (Creydt 1997). Es gilt weniger die Begrifflichkeiten identit&auml;tslogisch gleichzusetzen, als vielmehr das Allgemeine im Besonderen zu entdecken, ohne dabei das zu &uuml;bersehen, was nicht im Allgemeinen aufgeht. Es geht darum, &#8220;Untersuchungen zu beziehen auf Analysen der objektiven gesellschaftlichen Institutionen, mit denen die zu ermittelnden Meinungen und Verhaltensweisen etwas zu tun haben&#8221;. (Adorno 1969, 544)</p>
<p>Diesen widerspr&uuml;chlichen Zusammenhang zu dechiffrieren w&auml;re eine wichtige Aufgabe des hier vorgeschlagenen , Friendly Reading&#8217;. Dabei sind nach wie vor viele Fragen offen: Fragen nach methodischen Problemen des Ausgangsmaterials ebenso wie nach ihrer Bedeutung f&uuml;r einen wertkritischen Begriffsapparat. Diese Notwendigkeit wurde in fr&uuml;hen wertkritischen Schriften durchaus gesehen (vgl. etwa Winkel 1987), aber leider nicht oder nur unzul&auml;nglich umgesetzt. Dies mag der bewussten au&szlig;eruniversit&auml;ren Orientierung der fr&uuml;hen Wertkritik geschuldet sein, k&ouml;nnte sich langfristig aber gegen sie wenden.</p>
<p>Nicht zu Unrecht ist der Wertkritik ebenso wie der (von ihr letztlich nicht zu trennenden) Wertabspaltungskritik immer wieder vorgeworfen worden, sie beziehe ihr empirisches Material f&uuml;r weitreichende Behauptungen &uuml;ber die Entwicklung der Gesellschaft aus den Massenmedien und lese sozialwissenschaftliche Studien &uuml;beraus selektiv (z. B. B&ouml;nold 2008). Dem Vorwurf w&auml;re jedoch durchaus abzuhelfen.</p>
<hr />Literatur</p>
<p>Adorno, Theodor W. (1969): Gesellschaftstheorie und empirische Forschung. In: ders. : Soziologische Schriften 1. Frankfurt am Main 2003.</p>
<p>B&ouml;nold, Fritjof (2008): Zur immanenten Kritik am Wert-Abspaltungstheorem. Streifz&uuml;ge 42/2008. Internet: http: //www. streifzuege. org/texte_str/str_08-42_boenold_abspaltung1.html (letzter Abruf: 20.05.2008).</p>
<p>Creydt, Meinhardt (1997): Regeln (nicht nur) der soziologischen Methode. In: Das Argument H. 222, 1997, S. 675-684. Internet: http://www.meinhard-creydt.de/archives/53 (letzter Abruf: 20.05.2008).</p>
<p>Eberle, Friedrich (1974): Zur Auseinandersetzung der Marxschen Theorie mit b&uuml;rgerlichen Ans&auml;tzen. In: Gesellschaft. Beitr&auml;ge zur Marxschen Theorie 1. Frankfurt am Main, S. 138ff.</p>
<p>Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg.</p>
<p>Shell Deutschland Holding (Hrsg. ) (2006): Jugend 2006. Eine pragmatische Generation unter Druck. Frankfurt am Main.</p>
<p>Demirovic, Alex/ Paul, Gerd (1996): Demokratisches Selbstverst&auml;ndnis und die Herausforderung von rechts: Student und Politik in den neunziger Jahren. Frankfurt am Main.</p>
<p>Winkel, Udo (1986): Krise des Marxismus. In: Marxistische Kritik 2. Internet: http: //www. balzix. de/u-winkel_krise-des-marxismus_mk2-1986.html (letzter Abruf: 20.05.2008).</p>
<p>Winkel, Udo (1987): Von der &#8220;Rekonstruktion&#8221; zur &#8220;Krise des Marxismus&#8221;. In: Marxistische Kritik 3. Internet: http: //www. balzix. de/u-winkel_rekonstruktion-zur-krise_mk3-1987.html (letzter Abruf: 20.05.2008).</p>
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/friendly-reading">Friendly Reading</a></p>
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