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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2007-39</title>
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		<title>Alles außer Krieg ist schwer zu machen</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:59:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Nation und Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/alles-ausser-krieg-ist-schwer-zu-machen">Alles außer Krieg ist schwer zu machen</a></p>
Nicht nur im Nahen Osten, aber vor allem dort]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/alles-ausser-krieg-ist-schwer-zu-machen">Alles außer Krieg ist schwer zu machen</a></p>
<h3>Nicht nur im Nahen Osten, aber vor allem dort. Einige Behauptungen zum Streiten</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-445"></span></p>
<h4>Misere der Wert-Ordnung</h4>
<p>Krieg ist der Vater aller Dinge. Staat muss sein. Ohne ihn herrscht blanke Gewalt. Mit ihm auch. Aber ordentlich. Seit Thomas Hobbes ist das der Weisheit letzter Schluss, wenn eins &uuml;ber das Leben r&auml;soniert. Und f&uuml;r die moderne Gesellschaft, zu deren Propheten Hobbes z&auml;hlt, macht das durchaus Sinn. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und gerade das Wort f&uuml;r die wohl grundlegendste T&auml;tigkeit der Warengesellschaft &#8211; &#8220;kaufen&#8221; &#8211; ist eng mit dem Verb &#8220;kapern&#8221; verwandt. Mehr, als dass der Kampf im Normalfall nach Regeln geht und nicht gleich mit Brachialgewalt beginnt, ist da nicht drin. Selbst das zu erreichen ist schwer genug geworden. An den Peripherien &#8211; jenen des Weltsystems, aber auch an den breit gewordenen gesellschaftlichen R&auml;ndern vieler Staaten des Zentrums &#8211; braucht es dazu mehr Polizei und Justizpersonal, mehr Peacekeeper und Friedenspanzer, als man finanzieren kann. Staatsgewalt in Recht und Ordnung ist oft vom Ausnahmezustand nicht mehr recht zu unterscheiden, die Gewalt tritt aus ihren Schranken, Ordnungskr&auml;fte und Todesschwadronen gehen in einander &uuml;ber. Ja, die Staaten scheinen Chaos und Misere, die sie auf ihrem Gebiet und international bek&auml;mpfen, just dadurch noch auszuweiten.</p>
<p>Und doch hat das Ziel einer Gesellschaft jenseits dieser sozialen Zwangsform bei den meisten Gesellschaftskritikern keine Priorit&auml;t. Traditionsmarxisten und Antiimperialisten auf der einen und Antideutsche auf der anderen Seite sind einander spinnefeind, was allerdings wie meist in solchen F&auml;llen daher kommt, dass sie um denselben schwankenden Boden k&auml;mpfen: Die Letzteren erkl&auml;ren die &Uuml;berwindung des Kapitalismus f&uuml;r aktuell unm&ouml;glich und die westliche Weltgendarmerie f&uuml;r das Bollwerk der Zivilisation gegen die anbrandende antisemitische Barbarei des Islams. Die Ersteren aber reden, unbeeindruckt von der Geschichte der letzten hundert Jahre, von der &#8220;nationalen Befreiung der unterdr&uuml;ckten V&ouml;lker vom Joch des Imperialismus&#8221;. Beide klammern sich also an die Wert-Ordnung von Arbeit, Markt, Geld und Staat und wollen so die Misere ausgerechnet mit den Mitteln bek&auml;mpfen, die jene verursachen.</p>
<h4>Format der Nation</h4>
<p>Die modernen Nationalstaaten sind das Ergebnis von wirtschaftlicher, politischer, sprachlicher, kultureller, religi&ouml;ser Gleichschaltung, von Expansion und Vertreibung, von Rassismus und Massenmord, kurz, von unterschiedlichsten Formen von Gewalt. Begleitet und stabilisiert wird ihre Durchsetzung von Mythen und Geschichtsklitterung, mit denen territoriale Anspr&uuml;che und kulturelle, soziale, oft auch biologische Identit&auml;ten konstruiert und begr&uuml;ndet werden. Massenpsychologisch geh&ouml;rt Nationalbewusstsein zur Ausstattung des Waren- und Konkurrenzsubjekts, zugleich geh&ouml;rt es zu den Drogen, die die Entbehrungen und die K&auml;lte des b&uuml;rgerlichen (Kampf-)Hundedaseins aushalten lassen. Im zunehmend normalen Extremfall wird nationale Zugeh&ouml;rigkeit nicht blo&szlig; zu einem Kriterium daf&uuml;r, ob eins zu den Gewinnern oder Verlierern geh&ouml;rt, diskriminiert oder gef&ouml;rdert wird, sondern auch ob eins schie&szlig;en muss oder zu erschie&szlig;en ist.</p>
<p>Nation ist eine Formatierung von Menschen, die zum Leben Geld brauchen und &uuml;ber Geld miteinander verkehren, sie ist eine R&uuml;stung, um ein Leben in der Warenform herzustellen und die nationalen Rechte und Anspr&uuml;che mit Staatsgewalt, notfalls mit Mord und Totschlag, zu verteidigen oder durchzusetzen. Was immer sonst wer in der Nation sehen, in sie hineinlegen und mit ihr verbinden will &#8211; wenn&#8217;s drauf ankommt, gilt das alles nur, soweit es das g&uuml;ltige Format hat von Geld, Leistung, Konkurrenz und Kampfmoral.</p>
<p>Die Entwicklung seit dem Ende des Nach-Weltkriegsbooms hat dieses Grundformat auch in den l&auml;ngst konstituierten Nationalstaaten des Westens wieder blo&szlig;gelegt. Der Nationalstaat mit seinen Hymnen, M&auml;rschen, M&auml;rchen und Schw&uuml;lstigkeiten, mit seiner Strenge und F&uuml;rsorge und aller Hoffnung auf Befreiung, die in der Geschichte auf ihn gesetzt wurde, mutiert zum kalten, ausgesetzten Standort von Schuldendienst und Kapitalverwertung. Die Nischen des Menschlichen werden rar und flach. Was unl&auml;ngst noch der Logik von Markt und Staatsr&auml;son entzogen schien, wird schneller, als eins nachkommt, nach Verwertbarkeit, Markttauglichkeit, Durchsetzungsf&auml;higkeit bemessen, sortiert, verwurstet oder als unbrauchbar und nicht zu finanzieren ausgeschieden. Sinnleere, Stress, Fadesse, Aggressivit&auml;t und Depression grassieren in Luxusgettos, Family-Homes, Banlieus und Slums, bei den Gewinnern kaum weniger als bei denen, die deren Gl&uuml;ck nur aus der Werbung kennen.</p>
<p>Die Bl&uuml;tentr&auml;ume von &#8220;Entwicklung&#8221;, &#8220;Gerechtigkeit&#8221; und allgemeinem Wohlstand verblassen, die Hoffnungen der &#8220;Dritten Welt&#8221; und des &#8220;Realsozialismus&#8221; sind zuschanden geworden und auch in den Festungen der Metropolen &#8211; immer noch das Traumziel z. B. von der H&auml;lfte der arabischen Jugend &#8211; dehnen sich die sozialen Kl&uuml;fte, w&auml;chst die Zahl der selbst von der Statistik Ignorierten. Viele Menschen weltweit sind ern&uuml;chtert, und doch sind die meisten gleich wieder auf der Suche nach neuen Sedativa und Halluzinogenen. Solange sich die Lebensweise nicht &auml;ndert, werden fadenscheinig gewordene Aussichten und Sinngebungen recht schnell durch andere, genauso br&uuml;chige und zunehmend destruktive und gewaltt&auml;tige erg&auml;nzt oder ersetzt.</p>
<h4>Tr&uuml;be Perspektiven</h4>
<p>So verschieden diese Hoffnungen von au&szlig;en auch aussehen, worauf sie im Kern setzen, ist stets dasselbe: Gewalt, Menschen verachtende, andere und auch sich selbst. Die rationalen Checker versuchen es mit der Steigerung der &#8220;alten Werte&#8221; &#8211; mit noch mehr vom Selben. Privat mit mehr Leistung, mehr Hingabe, mehr Schl&auml;ue, mehr Biss und Brutalit&auml;t. Auf der Ebene der Staaten mit versch&auml;rftem Ein- und Ausschluss der verschiedenen Menschensorten auf ihrem Territorium und nach au&szlig;en mit gesteigertem, schon inflationiertem politischen Druck, mit Drohung und Erpressung, Aufr&uuml;stung und milit&auml;rischen Repressalien, Einmarsch und Besetzung, und alles mit der jeweils zugeh&ouml;rigen Propaganda und Hetze.</p>
<p>Soweit solche diesseitigen Methoden jedoch versagen oder schlicht nicht mehr leist- und darstellbar sind, findet sich als Erg&auml;nzung und Ersatz eine F&uuml;lle von jenseitigen aus Religion, Esoterik, Aberglauben. Damit kann eins durchhalten und weitermachen, ob mit Klostersuppe oder Kaviar, jedenfalls aber mit Selbstverleugnung, Selbsthingabe an die Sachzw&auml;nge und mit viel Moral. Weltweit wuchern solche Fr&uuml;chte der Desillusionierung, und ein ob seiner Sinnleere schwer ertr&auml;gliches Leben treibt die Suche nach Besserung weiter in die Richtung, in die man schlie&szlig;lich Amok l&auml;uft. Heilige B&uuml;cher boomen, Gurus werden reich, Prediger finden ein Millionenpublikum, heimelige Rituale und rassistische und antisemitische Verschw&ouml;rungstheorien breiten sich aus, und wenn es um Weltverbesserung geht, werden &Uuml;berfall und Zerst&ouml;rung, Terror und Vertreibung mit Weissagungen, mit Bibel und Koran begr&uuml;ndet.</p>
<p>Wo die Entt&auml;uschung am schlimmsten ist, also nicht zuletzt im islamischen Raum und unter den jungen Moslems in den westlichen Metropolen, hat ein Gebr&auml;u aus nationaler bzw. religi&ouml;ser Solidarit&auml;t und antisemitischer Welterkl&auml;rung, religi&ouml;ser Moral und moralischer Wut politische Gestalt angenommen, und neue F&uuml;hrer gerieren sich als Leuchtturm in der Finsternis der Depravierung und Dem&uuml;tigung. Mit der Hamas hat eine solche Kraft unter den Pal&auml;stinensern die Wahlen gewonnen, im Iran sitzt diese Art gottgl&auml;ubiger Sittenw&auml;chter im g&ouml;ttlichen Auftrag an den Hebeln der Staatsmacht. Die reinsten, poststaatlichen Formen, die keine irdische Perspektive mehr kennen, hat diese Str&ouml;mung in Anschl&auml;gen wie denen der Aiun-Sekte in Japan, der Oklahoma-Bomber in den USA und in vom Islamismus inspirierten (Selbst-)M&ouml;rdern angenommen, die ohne irdisch-politische Zielsetzung f&uuml;r &#8220;islamischen Zorn&#8221; und Rache sich selbst zum Sprengk&ouml;rper machen.</p>
<h4>Fiasko der &#8220;arabischen Nation&#8221;</h4>
<p>Die besondere Brisanz all dieser Erscheinungen in der Nahostregion h&auml;ngt stark mit zwei Dingen zusammen. Einerseits liegen in diesem Gebiet die wichtigsten und reichsten Erd&ouml;lreserven und damit ein Brennpunkt weltwirtschaftlicher und weltpolitischer Interessen und Interventionen. Mit allen Mitteln soll die Entwicklung in den vorgesehenen Bahnen von Kapital und Staat gehalten werden, weil jeder lokale Konflikt sich zu einer Bedrohung des Weltsystems auswachsen kann und globale finanzielle Auswirkungen hat, die in der herrschenden Ordnung nun einmal absolute Priorit&auml;t haben.</p>
<p>Andererseits wird diese Konstellation durch eine historische Besonderheit versch&auml;rft, mit welcher in dieser Region der Anlauf zu einer Modernisierung &agrave; la Europ&eacute;enne verlief. Die Versuche der Formierung des arabischsprachigen Teils der Menschheit zur Nation kamen &uuml;ber die Zersplitterung in zuletzt fast zwei Dutzend, zum Teil heftig rivalisierender Staaten nicht hinaus. Zugleich hatte im levantinischen Zentrum der arabischen Welt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch ein anderer, ein atypischer, den arabischen konterkarierender Nationalismus Fu&szlig; gefasst &#8211; das zionistische Projekt einer j&uuml;dischen &#8220;nationalen Heimst&auml;tte in Pal&auml;stina&#8221;, ein kolonialistischer Nationalismus, der durch den gro&szlig;deutschen, industriellen Massenmord an den europ&auml;ischen Juden Z&uuml;ge eines verzweifelt entschlossenen Selbstschutzprogramms bekam.</p>
<p>Die nationalistischen arabischen Eliten des Nahen Ostens verbanden von Anfang an ihren s&auml;kular-panarabischen bzw. religi&ouml;s-islamischen F&uuml;hrungsanspruch mit dem Eifer f&uuml;r das Ziel der &#8220;Befreiung Pal&auml;stinas&#8221;. Das Scheitern der arabischen Einigung und der &#8220;nachholenden Modernisierung&#8221; der arabischen L&auml;nder, selbst der gro&szlig;en &Ouml;lstaaten, auf dem Weltmarkt wurde durch die milit&auml;rischen und politischen Niederlagen gegen Israel empfindlich versch&auml;rft. Es hat die Eliten tiefer als anderswo in Unglaubw&uuml;rdigkeit und Krise gest&uuml;rzt und f&uuml;r die apokalyptischen, schon nicht mehr staatlich organisierbaren und auch nicht mehr arabisch-nationalen, sondern panislamistischen Zorn- und Rachebewegungen Platz geschaffen.</p>
<p>Diese sind ein Ausdruck einer &auml;u&szlig;erst gef&auml;hrlichen Situation: Einerseits gelingt es nicht, die Grundlage nationaler Entwicklung herzustellen, n&auml;mlich den Einschluss wesentlicher Teile der Bev&ouml;lkerung in einen kapitalistischen Verwertungskreislauf und deren Selbstidentifikation damit &#8211; das imperiale Versprechen der USA, dieses Kunstst&uuml;ck in einem &#8220;befreiten&#8221; Nationalstaat Irak mittels &#8220;Freedom and Democrazy&#8221; zu vollbringen, l&ouml;st sich eben in Rauch und Blut auf. Weil aber andererseits eine konstruktive Alternative jenseits von Markt und Staat nicht am Werk ist, mausern sich die Konkurrenz- und Gewaltpotentiale, die der Vergesellschaftung &uuml;ber den Wert weltweit zugrunde liegen, weitgehend ungehindert zum destruktiven Selbstzweck.</p>
<h4>Scheitern des Zionismus</h4>
<p>Der Zionismus entstand als Projekt, die europ&auml;ischen Juden vor antisemitischer Verfolgung zu sch&uuml;tzen und durch die Gr&uuml;ndung eines modernen, europ&auml;ischen Nationalstaats &#8220;im Zeichen der Arbeit&#8221; zu einem &#8220;normalen Volk&#8221; zu machen. Das sollte in der Form einer &#8220;Heimkehr&#8221; in das aus europ&auml;isch-zionistischer Sicht r&uuml;ckst&auml;ndige und gerade deshalb zur Kolonisierung geeignete, osmanische Pal&auml;stina geschehen.</p>
<p>Dieses Vorhaben geriet im Lauf des letzten Jahrhunderts zweifach in eine Sackgasse. Einerseits war das Projekt ohne Krieg und Vertreibung bzw. dauerhafte Diskriminierung der verbliebenen Pal&auml;stinenser nicht umsetzbar und ist der Konflikt mit dem arabischen Nationalismus und den Hegemonieanspr&uuml;chen des Islam seit Jahrzehnten permanent und unentschieden virulent. Hier ergeht es dem Zionismus &auml;hnlich wie dem Kolonialismus der europ&auml;ischen Gro&szlig;m&auml;chte, ohne dass jenem aber &#8211; als einer Bewegung von Siedlern ohne Heimatnation, die sich als Kolonisten erst als Staatsnation konstituieren wollen &#8211; die L&ouml;sung Entkolonisierung, Abzug oder Integration ohne Selbstaufgabe offen stand.</p>
<p>Es macht auf dieser Ebene wenig Sinn, die gegens&auml;tzlichen Rechtstitel der beiden Seiten gegeneinander abzuw&auml;gen, um dann den einen Anspruch vor dem anderen zu rechtfertigen. National-v&ouml;lkisch-religi&ouml;se Kollektivsubjekte st&uuml;tzen sich auf Konstruktionen und Ausblendungen wie die Geschichte der V&ouml;lker, historischen Fortschritt, Autochthonie, den Primat der Arbeit, heilige B&uuml;cher und Offenbarungen etc. Sie sind auf Ausschaltung und Sieg aus, sie haben nicht Recht, sie schaffen welches, wenn sie sich durchsetzen. Der herrschende Rahmen der Arbeit, des Gelds, der Konkurrenz und des Leviathans Staat erscheint ihnen als nat&uuml;rlich oder gottgewollt, und die eigene blutige Gewalt als gerecht, wenn sie nur zum Sieg f&uuml;hrt. Gerade dass dieser aber seit Jahrzehnten f&uuml;r beide Seiten unerreichbar ist, macht die Hohlheit und Br&uuml;chigkeit ihrer Argumente so recht sichtbar und die Lage so verzweifelt.</p>
<p>Tragischer noch ist Israels zweite Sackgasse, n&auml;mlich einen Staat als Beseitigung des Antisemitismus durch &#8220;Normalisierung&#8221; der Juden bzw. &#8211; nach dem Menschheitsverbrechen der Shoah &#8211; wenigstens als sicheren Hafen aller verfolgten Juden aufzubauen. Der moderne antisemitische Wahn entspringt der Etablierung der Staats- und Geldwirtschaft und interpretiert die Krisen und Leiden der modernen Lebensweise als Ergebnis einer transnationalen j&uuml;dischen Weltverschw&ouml;rung, ein Erkl&auml;rungsmuster, das in der Shoah sein massenm&ouml;rderisches Potenzial bereits einmal umgesetzt hat und dieses in den Krisen des Lebens unter Kapital und Arbeit so lange neu aufladen wird, bis diese Lebensweise &uuml;berwunden ist.</p>
<p>Die antikoloniale arabische Gegnerschaft zum, wie sich zeigte, &uuml;berlegenen &#8220;Judenstaat&#8221; war von Anfang an f&uuml;r antisemitische Vorstellungen empf&auml;nglich. Die Gedankenwelt dieses Amalgams hat sich durch die Niederlagen und die Diskreditierung der arabischen F&uuml;hrer, durch wirtschaftlichen Niedergang und in Pal&auml;stina selbst vor allem durch die Erfahrung des israelischen Besatzungsregimes radikalisiert und verallgemeinert. Es hat die Aufweichung der antiisraelischen Front durch die Friedensschl&uuml;sse mit &Auml;gypten und Jordanien konterkariert und ist in den poststaatlichen Fanatismus der islamistischen Zorneskrieger gem&uuml;ndet. Israel ist so zu jenem Ort in der Welt worden, an dem Menschen am ehesten Gefahr laufen, ermordet oder verst&uuml;mmelt zu werden, weil sie Juden sind. Dass als Sicherheitsma&szlig;nahme Israel abgemauert, ein Mehrfaches an Verd&auml;chtigen und Kollateralmenschen umgebracht, Infrastruktur zerst&ouml;rt, die Bev&ouml;lkerung der besetzen Gebiete gedem&uuml;tigt und Libanon von Zeit zu Zeit mit Krieg &uuml;berzogen wird, hat sich auf Dauer noch immer als wenig effektiv erwiesen.</p>
<h4>Staatlichkeit prek&auml;r und virtuell </h4>
<p>Im Konflikt um Israel/Pal&auml;stina destabilisiert die Krise des Nationalstaats im globalisierten Kapitalismus ein seit Anbeginn instabiles Konstrukt. Weder hat sich der Staat Israel seit seiner Gr&uuml;ndung je auf eigene Rechnung ohne Unterst&uuml;tzung der j&uuml;dischen Diaspora und westlicher M&auml;chte behaupten k&ouml;nnen, noch haben die Pal&auml;stinenser seit bald sechzig Jahren ohne internationale Hilfe auch nur das nackte &Uuml;berleben sichern k&ouml;nnen. Weder k&ouml;nnten, wie propagiert, alle Juden in Israel leben noch alle Pal&auml;stinenser auf der Westbank und im Gazastreifen oder auch zusammen mit der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung im heute israelischen Machtbereich ohne millionenfache erneute Vertreibung. Fiktion und Realit&auml;t in den Ideologien und Anspr&uuml;chen klaffen also ungew&ouml;hnlich weit auseinander, und wenn Israels Staatlichkeit eher prek&auml;re Fundamente hat, so ist die geplante Pal&auml;stinas &uuml;berhaupt weitestgehend virtuell. Der Standort Israel kann nur profitabel sein, wenn seine milit&auml;rischen Unterhaltskosten zu einem guten Teil andere tragen und ein Staat Pal&auml;stina ist auf unabsehbare Zeit finanziell &uuml;berhaupt nur simulierbar, wenn fast vollst&auml;ndig von au&szlig;en finanziert.</p>
<p>&Uuml;berhaupt ist der ganze Nahe Osten eine Weltgegend, in der die Ordnung des Werts und seiner Abk&ouml;mmlinge die Form von Stagnation und Krise, stellenweise von (Banden-)Krieg und Massenschl&auml;chterei annimmt. Die mangelnde &#8220;Ortung der Ordnung&#8221; f&uuml;hrt dazu, dass die ihr zugrundeliegende Gewaltlogik am Stand durchdreht und Konflikte vielerorts auch nicht einmal mehr oberfl&auml;chlich ruhiggestellt, geschweige denn gel&ouml;st werden k&ouml;nnen. Dabei ist anzumerken, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise in dieser Region auch &ouml;kologisch, in der Wasserfrage, unmittelbar katastrophale Folgen zu zeitigen beginnt.</p>
<h4>Friede der Zerst&ouml;rung</h4>
<p>Der &Ouml;lhunger der Weltwirtschaft und die Migration sind die wesentlichen Schnittstellen, an denen sich die Konflikte dieser Weltgegend internationalisieren. Die westliche Theorie des &#8220;Clash of Civilizations&#8221; und die nach innen repressive und nach au&szlig;en kriegerische Praxis des &#8220;War on Terror&#8221; ist das passende paranoide Gegenst&uuml;ck zum Fanatismus des sogenannten islamischen Fundamentalismus und des von ihm gespeisten Terrorismus, in dem lebende Bomben zur Hauptwaffengattung geworden sind. Krieg ist f&uuml;r beide Seiten nicht mehr die zeitweise erscheinende Latenz hinter dem Frieden, sondern dehnt sich zur herrschenden Verkehrsform.</p>
<p>9/11 ist f&uuml;r beide Seiten zum Fanal geworden. Dem entstaatlichten, weitgehend dezentralen und transnationalen Zorn- und Racheterrorismus kann der &#8220;War on Terror&#8221; der westlichen Kriegsmaschine nicht beikommen, eben weil jener keine staatlichen Ziele mehr verfolgt und weil Selbstm&ouml;rder mit Todesdrohungen nicht abgeschreckt, schwer vor ihrer Tat ausfindig gemacht und auch nur mit gro&szlig;em und diffusem Aufwand an &Uuml;berwachung und Kontrolle in ihrem Tun behindert werden k&ouml;nnen. Aber selbst die gespenstische Aussicht, jene k&ouml;nnten einmal an biologische oder nukleare Waffen gelangen, w&uuml;rde sie dem Ziel einer neuen Ordnung, das sie nicht haben, nicht n&auml;her bringen k&ouml;nnen.</p>
<p>Sowohl f&uuml;r die westlichen Menschenrechtskrieger gegen die Barbarei als auch f&uuml;r die islamistischen R&auml;cher der Enterbten am gro&szlig;en und kleinen Satan ist der Nahe Osten zentraler Frontabschnitt, an dem sie mit Terror und Vergeltung die Menschen ihres Machtbereichs hinter den jeweiligen Fahnen auf Angst und Abscheu, Hass und Kampfmoral vergattern. Der kriegerische Misserfolg der USA und ihrer Willigen im Irak ist durch friedliche Mittel kaum zu reparieren, weil schlicht auch die sozialen und &ouml;konomischen Voraussetzungen f&uuml;r eine friedliche Variante der kapitalistischen Destruktivit&auml;t schwinden. Und es waren ironischerweise die USA selber, die mit dem Sturz Saddam Husseins den Deckel von der B&uuml;chse der Pandora genommen haben (ohne dass man sagen k&ouml;nnte, diese Entwicklung w&auml;re nicht auch anders fr&uuml;her oder sp&auml;ter eingetreten).</p>
<p>Bevor noch die genuinen Suizidbomber an Bakteriengranaten und Atombomben herangekommen sind, zeigt sich ihre M&auml;rtyrermentalit&auml;t schon auf staatlicher Ebene in der Gestalt, zumindest aber in der Rhetorik des iranischen Pr&auml;sidenten, dem die inneren Zerfallserscheinungen der iranischen Gesellschaft bei seinen &uuml;bernat&uuml;rlichen Anwandlungen Resonanz verschaffen. Zwar hat der Zersetzungsgrad des persischen Staats noch keineswegs irakische Ausma&szlig;e und Ahmadinejad nicht die Hebel der iranischen Atompolitik in der Hand, aber das Regime insgesamt hat nicht mehr allzu viel zur Hand, um anders als mit nationaler Gr&ouml;&szlig;e und apokalyptischer Aggressivit&auml;t die Bev&ouml;lkerung hinter sich und sich selbst f&uuml;r gottgef&auml;llig zu halten. Auf der anderen Seite liegt es nicht gerade in der Machtlogik der israelischen Politik oder des Wei&szlig;en Hauses, nach Indien und Pakistan nun auch noch den bef&uuml;rchteten Aufstieg des Mullah-Regimes zur Atommacht abzuwarten, statt notfalls erstmals seit Hiroshima auch atomare Pr&auml;ventivschl&auml;ge zu riskieren.</p>
<p>Wenn nicht nur die Ideologien, sondern schon die ganz allt&auml;glichen Einstellungen alle Wahrnehmungen an Wert und Macht ausrichten, verengt sich der Horizont des Handelns und der Motive leicht zur Tunnelr&ouml;hre, auch wenn die Folge eine unabsehbare Kettenreaktion von Krieg und Terror auf der ganzen Welt w&auml;re. Die Perspektiven des Wirkens der glorreich clashenden Civilizations k&ouml;nnte man mit Tacitus formulieren: Sie schaffen eine W&uuml;ste und nennen es dann Frieden. Wobei sie auf unabsehbare Zeit noch sehr mit Verw&uuml;sten besch&auml;ftigt sind.</p>
<h4>Chancen, klein aber mein</h4>
<p>Das Bild der Entwicklung in solcher Schw&auml;rze nachzuzeichnen, ist einem wohl nur m&ouml;glich, wenn eins noch Hoffnung hat, dass auch anderes am Werk ist als das Viva la muerte der Krieger der verschiedenen Schattierungen von Bin Laden bis George Bush und der zugeh&ouml;rigen Hochrufer auf die &#8220;Solidarit&auml;t&#8221;, von links bis rechts, von antideutsch bis antiimp. Gegen diese Leute, gegen das T&ouml;ten Stellung zu nehmen ist mehr oder weniger riskant, abh&auml;ngig auch davon, wie nah oder weit vom Schuss eins gerade lebt. Wer gegen den Tod auftritt, steht vielerorts leicht in seiner N&auml;he, aber auch in konsolidierten kriegf&uuml;hrenden Rechtsstaaten erwirbt man sich als Kriegsgegner nicht gerade die Sympathie der Staatsmacht. Vor allem aber folgen dem Krieg und Terror ab dem ersten Toten bei vielen Menschen der Schrei nach Schutz und Rache oder die L&auml;hmung dumpfer Verzweiflung.</p>
<p>Nur wer das Leben von Mitmenschen bedingungslos &uuml;ber dessen Opferung f&uuml;r Nation, Religion, Klasse und all die anderen Emanationen der Diktatur des Werts stellt, kann kritische Distanz gewinnen zu den brutalen Selbstverst&auml;ndlichkeiten, die Freund und Feind im Namen jener angetan werden. Nur solche Menschen werden auch den gegens&auml;tzlichen Erz&auml;hlungen vom Leben und Ungl&uuml;ck, die hinter allen Feindschaften auch stehen, wirklich zuh&ouml;ren und an einem neuen Text der Vers&ouml;hnung und Gemeinsamkeit mitweben k&ouml;nnen.</p>
<p>Es ist diese Haltung bei GegnerInnen der grassierenden Menschenfeindlichkeit im Kernkonflikt Israel/Pal&auml;stina, die eine Entwicklung jenseits der Solidarit&auml;t der Frontk&auml;mpfer vielleicht noch offen h&auml;lt. Zwar verlassen auch die globalen Vorstellungen jener Leute, soweit ich sehe, kaum den Rahmen von Staat und Markt, von Recht und Geld, und auch bei den Grassroots-Aktivisten redet man von Vertr&auml;gen, Staatsgr&uuml;ndung, Finanzhilfen, internationalen Investoren, wenn es um &#8220;Ordnung&#8221; geht. Und tats&auml;chlich wird jeder ernsthafte Versuch, die sich abzeichnende Eskalation doch noch zu vermeiden, zun&auml;chst diese tiefeingegrabenen Spurrinnen befahren. Doch wird weder ein solcher Versuch unternommen werden noch kann er die absehbare Situation &uuml;berleben, in der das Anliegen des Friedens und die politischen und &ouml;konomischen Mittel, mit denen man ihn zu formieren hofft, konfligieren, wenn nicht Menschen zu ihm dr&auml;ngen und ihn mittragen, die &uuml;ber die die Fronten durchbrechen und gemeinsame Sache machen, indem sie als normierte Feinde miteinander gegen ihre Feindschaft reden, zerst&ouml;rte H&auml;user reparieren, B&auml;ume pflanzen, &ouml;ffentlich auftreten etc. Wohl nur die Verbundenheit von Menschen, die als Feinde vorgesehen sind, kann f&uuml;r &Uuml;berlegungen empf&auml;nglich machen, die &uuml;ber die allgemeine Zurichtung hinausgehen, wohl nur sie kann damit fertig werden, dass der Strand viel tiefer unter dem Pflaster liegt, als man erwartet hat. Kluge Gedanken &auml;ndern die Welt nicht, wenn sie nicht auch das Alltagsverh&auml;ltnis der Denkenden ergreifen, und dieses &auml;ndert sich nicht, wenn wir nicht auch die Welt anders denken.</p>
<p>Fast zum Verzweifeln klein sind diese Initiativen und Gruppen angesichts der Walze des Misstrauens, das sich &uuml;berall best&auml;tigt sieht, doch sie sind, denke ich, das, was wir haben. Glanz und Elend derer, die da unterwegs sind gegen Krieg und Terror in Israel/Pal&auml;stina, kann eins aufsuchen z. B. &uuml;ber www.ariga.com, www. ijv. org. uk, www.salaamshalom.org.uk, www. onevoicemovement. org/wps/portal. Man kann dort einiges lernen, was eins weitergeben mag, man kann sich in verschiedenster Weise n&uuml;tzlich machen f&uuml;r sich und seinesgleichen.</p>
</td>
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		<title>Straße der Sieger</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:55:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em></a> 2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Lorenz Glatz </em><span id="more-997"></span></p>
<p>Es ist tr&uuml;b. Ich auch. Neben mir humpelt mein J&uuml;ngerer, ich st&uuml;tze ihn, wir sind unterwegs zur Krankenkassenambulanz auf der Mariahilfer Stra&szlig;e, Wiens repr&auml;sentativer Shopping Mall. Der &uuml;bliche Einkaufsbetrieb und einige Mienen, die zu diesem Gottesdienst passen, auf den Gesichtern der Touristen und anderen Gl&auml;ubigen. Dazwischen Leute, die es eilig haben, ein pl&auml;rrendes M&auml;dchen an der Hand wohl seines Vaters, Leute mit Sorgen und Kummer, manche verhehlen das kaum, hier unter Fremden. Keine M&uuml;&szlig;igg&auml;nger, aber wo gibt es die noch? Nicht einmal Liebespaare. Kein Wunder bei dem Wetter. Eine Migrantin, so in den Vierzigern, h&auml;lt den Passanten die <em>Bunte Zeitung</em> hin. Sie ist nicht versiert, sie tut auch nicht so, als t&auml;te sie&#8217;s gern, sie ist unangenehm ber&uuml;hrt von dem, was sie da muss, und ist recht erstaunt, dass sie von mir die zwei Euro bekommt. Vis a vis steht ein Mann mit zwei bellenden Hunden; er hofft trotzdem, dass ihm wer die Stra&szlig;enzeitung <em>Augustin</em> abnimmt. Ein M&auml;dchen dr&uuml;ckt den vorbeikommenden Frauen eine Rose in die Hand und m&ouml;chte eine Spende daf&uuml;r. Erfolg seh ich keinen, blo&szlig;, dass ihr Gesicht verf&auml;llt, wenn sie abgelehnt wird. Auf dem Fenstersims einer Bank sitzt reglos ein Mann mit rotem Anorak, eine offene Schachtel auf den Knien und einen Zettel vor sich: &#8220;Ich bin obdachlos&#8221;. Die Bank l&auml;sst ihn unbehelligt, die Vor&uuml;bergehenden auch. Vor ihm auf dem Trottoir ist eine der Tafeln eingelassen, die hier so alle zehn Meter zu sehen sind. Sie ehrt einen Para-Weltmeister und Olympioniken Hajek, wer und was immer das ist oder war. Der Titel der Tafeln: &#8220;Stra&szlig;e der Sieger&#8221;. Wir sind am Eingang zum Krankenkassengeb&auml;ude angekommen. Ich halte die T&uuml;r auf f&uuml;r den alten Mann, der uns ein bisschen m&uuml;hselig entgegenkommt. Er strahlt. Der erste, der mich heute angelacht hat.</p>
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		<title>Aggression und Regression</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Enderwitz; Ulrich]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em>von Ulrich Enderwitz</em> <span id="more-443"></span></p>
<p>Um aber auf den Antisemitismus in seinen beiden Spielarten des deutschen und des arabischen Hasses auf die Juden und auf unsere Ausgangsfrage nach der Identit&auml;t, die beide eint, oder vielmehr der Differenz, die sie trennt, zur&uuml;ckzukommen, so hat unsere n&auml;here Betrachtung der arabischen Version in ihrer Entwicklung vom nationalistischen Antizionismus bis zum fundamentalistischen Islamismus die zwei wesentlichen Unterschiede zur deutschen Spielart hoffentlich deutlich werden lassen. Der eine, offenkundige Unterschied ist funktioneller Natur: W&auml;hrend der nationalsozialistische Antisemitismus die Juden als Einsch&uuml;chterungs- und Disziplinierungsinstrument einsetzt, will hei&szlig;en, sie benutzt, um die &ouml;konomisch ma&szlig;gebende, b&uuml;rgerliche Klasse der Gesellschaft zu entm&uuml;ndigen beziehungsweise zu entmachten und zur Mitwirkung am faschistischen Programm einer gewaltsamen Rettung der kapitalistischen Volkswirtschaft zu bewegen, braucht der nationalistische Antisemitismus der arabischen Welt bis hin zu seiner islamistischen Auspr&auml;gung die Juden als ein Beschwichtigungs- und Eskamotierungsmittel, will hei&szlig;en, sie dienen ihm dazu, den Schein von sozialer Eintracht beziehungsweise von intentionaler Eindeutigkeit aufrecht zu erhalten, den ein abstraktes politisches Autonomieprogramm beziehungsweise ein nicht minder abstraktes Programm fundamentalistischer Erneuerung erheischen und den die &ouml;konomische Zerrissenheit der eigenen Gesellschaft beziehungsweise die Gespaltenheit der pers&ouml;nlichen Existenz in Wahrheit L&uuml;gen strafen. W&auml;hrend also der Antisemitismus des deutschen Nationalismus offensiven Charakter hat und mittels des gegen die Juden gesch&uuml;rten Hasses eine politisch-&ouml;konomische Ausrichtung der eigenen Gesellschaft durchzusetzen bezweckt, ist der Antisemitismus des arabisch-pal&auml;stinensischen Nationalismus beziehungsweise Fundamentalismus defensiver Natur und dient einzig und allein dazu, ein tr&ouml;stlich irref&uuml;hrendes Bild von der Situation und Perspektive der eigenen Gesellschaft beziehungsweise der pers&ouml;nlichen Identit&auml;t der Betroffenen aufrecht zu erhalten.</p>
<p>In dieser anderen, eher eskamotistischen als faschistischen Funktion des nationalistisch-fundamentalistischen Antisemitismus der arabischen Welt ist auch schon der zweite Unterschied einbeschlossen, der diesen Hass auf die Juden vom nationalsozialistischen Antisemitismus trennt und der struktureller Natur ist: F&uuml;r den Nationalsozialismus, der ein die b&uuml;rgerliche Klasse sozial einzusch&uuml;chtern, &ouml;konomisch zu steuern und politisch zu entmachten geeignetes Disziplinierungsinstrument sucht, sind die Juden nichts weiter als ein ebenso zweckrational wie zynisch eingesetztes Mittel zum Zweck. Dank der generell europ&auml;ischen und speziell deutschen Vorgeschichte ihrer Befrachtung mit der Rolle eines entlastenden Alias f&uuml;r politisch-&ouml;konomische Schuldzuweisungen, eines sozialen S&uuml;ndenbocks, bieten sie sich f&uuml;r die neue Aufgabe an, ohne die mindeste, in ihrer sozialen Struktur oder personalen Beschaffenheit gelegene, objektive Qualifikation f&uuml;r sie mitzubringen, ohne dass sich mit anderen Worten eine in ihren sozialen Verh&auml;ltnissen oder ihrer pers&ouml;nlichen Existenz gelegene inhaltliche Eignung und nat&uuml;rliche Disposition f&uuml;r die Aufgabe geltend machen lie&szlig;en. Sie finden sich vollst&auml;ndig selbstentfremdet, absolut funktionialisiert, erfahren sich als das Objekt einer sie selber ebenso wenig angehenden, wie existenziell ereilenden Manipulation.</p>
<p>Der Judenhass islamistischer Provenienz dagegen hat sein Realfundament, seinen nicht in Instrumentalisierung und Manipulation aufgehenden empirischen Bezugspunkt im Konflikt der arabisch-pal&auml;stinensischen Gesellschaften mit dem in ihrer Mitte etablierten Staat Israel. Auch wenn dieser Konflikt durch die antisemitische Motion, das hei&szlig;t, durch seine &Uuml;berdeterminierung und Funktionalisierung zum Austragungsort oder besser gesagt Schauplatz der den arabisch-pal&auml;stinensischen Gesellschaften von der imperialistischen Weltordnung ins Haus getragenen internen Ambivalenzen und Widerspr&uuml;che, aller eigenen Dimension oder spezifischen Relation beraubt und in seiner &#8220;Zweckentfremdung&#8221; bis zur Unkenntlichkeit entstellt beziehungsweise, schlimmer noch, bis zur Unansprechbarkeit &#8220;affektbefrachtet&#8221; erscheint &#8211; er bleibt doch allemal jenes St&uuml;ck Wirklichkeit unter aller Symptomproduktion, jenes Moment von Faktizit&auml;t hinter allen Fiktionen, jenes Gran Objektivit&auml;t in allen Projektionen, das beim nationalsozialistischen Antisemitismus fehlt und dessen Fehlen nicht zuletzt verantwortlich daf&uuml;r ist, dass in der letzten Phase der nationalsozialistischen Herrschaft der Antisemitismus sich so m&uuml;helos und mit so vernichtenden Folgen aus einem Werkzeug zur symbolischen Bew&auml;ltigung gesellschaftsinterner Konflikte und zur Herstellung einer verschworenen Volksgemeinschaft in einen Tatort zur imagin&auml;ren &Uuml;berw&auml;ltigung der milit&auml;rischen Gegner und zur halluzinatorischen Beschw&ouml;rung des Endsiegs in einem tats&auml;chlich bereits verlorenen Krieg verwandeln kann.</p>
<p>Dieses St&uuml;ck Realfundament, dieses Moment von objektiver Begr&uuml;ndung bei der Wahl des Hassobjekts, das den Antisemitismus der arabisch-islamischen Welt von dem des deutschen Nationalsozialismus strukturell unterscheidet, impliziert freilich, dass, auch wenn es gel&auml;nge, den Antisemitismus als solchen abzubauen und also den Konflikt der arabisch-pal&auml;stinensischen Welt mit dem Staat Israel von der &Uuml;berdeterminierung und Funktionalisierung durch ihn zu befreien, jener reale Konflikt, der sich um Vertriebene, Grenzziehungen, Wasserrechte, Entsch&auml;digungen und Kultst&auml;tten dreht, doch immer noch vorhanden w&auml;re und seiner L&ouml;sung harrte. Der strukturelle Unterschied impliziert mit anderen Worten, dass die Zur&uuml;cknahme der Verschiebungsleistung, die Aufhebung der Projektion interner Probleme auf den Konflikt mit dem &auml;u&szlig;eren Gegner, nicht zur Befreiung von jenem Konflikt, sondern nur zu dessen Offenlegung f&uuml;hrte und also von einer Konfliktbew&auml;ltigung stricto sensu, einer manifesten Austragung der nicht mehr mit Stellvertreteraufgaben, mit der symptomatischen Darstellung latenter Widerspr&uuml;che, befrachteten realen Differenzen gefolgt sein m&uuml;sste.</p>
<p>Dass es zu solch einer Zur&uuml;cknahme der Verschiebungsleistung, solch einer Aufhebung der sich als Antisemitismus artikulierenden Projektion kommt und also die M&ouml;glichkeit eines realistischen Umgangs mit dem nah&ouml;stlichen Konflikt sich er&ouml;ffnet, ist freilich denkbar unwahrscheinlich. Zu sehr leisten objektiv der imperialistische Dauerdruck, der auf den arabischen Staaten in specie und der muslimischen Welt in genere lastet, und subjektiv die Ambivalenz, mit der die Betroffenen auf diesen Dauerdruck reagieren, dem als Antisemitismus sich artikulierenden Eskapismus und regressiven Verhalten Vorschub, als dass sich von dieser Seite die Bereitschaft, den Konflikt mit dem israelischen Gemeinwesen nicht gleich als Projektionsfl&auml;che und Verschiebungsebene zu missbrauchen, sondern ihn als ein ebenso sehr aus der weltpolitischen Konfrontation herausl&ouml;sbares regionales Problem wie von aller mythologischen &Uuml;berfrachtung abstrahierbares historisches Faktum ins Auge zu fassen und zu l&ouml;sen, erwarten und realistischerweise die Kraft dazu fordern lie&szlig;e.</p>
<p>Eher wohl lie&szlig;e sich vom israelischen Gemeinwesen erwarten, dass es im Bed&uuml;rfnis, sich aus seiner prek&auml;ren Lage zu befreien und zu einem dauerhaften Arrangement mit seinen Nachbarn zu kommen, die Probe aufs Exempel der Abl&ouml;sbarkeit des realen Konflikts von seiner ideologischen &Uuml;berdeterminierung, der Trennbarkeit zwischen den empirischen Problemen und ihrer symbolischen Funktionalisierung durch den Antisemitismus, machte und mittels ernsthafter, Gebietsverzicht und s&auml;chliche Reparationsleistungen einschlie&szlig;ender Friedensangebote an die arabisch-pal&auml;stinensische Seite diese zw&auml;nge, die Bereitschaft, den regionalen Konflikt als solchen zur Kenntnis zu nehmen und einer L&ouml;sung zuzuf&uuml;hren, als eine gegen&uuml;ber dem Festhalten an der ideologischen &Uuml;berfrachtung des Konflikts ansprechende Alternative, weil gewinnbringende Option zu gewahren. Nicht dass solch eine, den Frieden durch die Preisgabe objektiver Positionen und projektiver Anspr&uuml;che zu erkaufen bestimmte Initiative unbedingt von Erfolg gekr&ouml;nt w&auml;re! Nichts kann im Vorhinein gew&auml;hrleisten, dass der durch die Verschiebung hauseigener Probleme auf den &auml;u&szlig;eren Konflikt, sprich, durch seine antisemitische &Uuml;berdeterminierung und Funktionalisierung gewonnene sch&ouml;ne Schein von sozialer Einheit beziehungsweise personaler Reinheit den Betroffenen nicht kostbar und erhaltenswert genug erscheint, um ihnen jeden Realismus zu verschlagen und ihnen auch die verlockendsten Konfliktl&ouml;sungen, weil sie ja mit dem Konflikt zugleich ihren vertrauten Verschiebungsprospekt, ihre liebgewordene Projektionsfl&auml;che zum Verschwinden br&auml;chten, als unbedingt zu verhindernden Verlust vorzustellen.</p>
<p>Immerhin ist aber, wie gesehen, der nationalistisch-islamistische Antisemitismus der arabisch-muslimischen Welt anders als der faschistische Antisemitismus des nationalsozialistischen Deutschland kein aggressives Strategem zur Durchsetzung politisch-&ouml;konomischer Ziele, sondern eine regressive Ausflucht zur Erhaltung sozialer beziehungsweise pers&ouml;nlicher Illusionen, kein Disziplinierungsinstrument f&uuml;r andere, sondern eine Gl&uuml;cksdroge f&uuml;r den eigenen Gebrauch, kurz, kein willentliches T&auml;uschungsman&ouml;ver, sondern eine unwillk&uuml;rliche Selbstt&auml;uschungsveranstaltung &#8211; und von daher k&ouml;nnte man durchaus hoffen, dass dieser weniger von b&ouml;sem Willen als von Angst vor der Wahrheit diktierte Hass auf die Juden aus der Reserve seiner triebdynamischen Vorurteilsstruktur zu locken und durch eine in Friedensangeboten bestehende &#8220;Umarmungstaktik&#8221; zu unterlaufen und um seine haltgebende Verankerung in der Empirie zu bringen w&auml;re. Angesichts des Schutzes und R&uuml;ckhalts, den die westlichen Industriestaaten in einer fragw&uuml;rdigen Mischung aus historisch schlechtem Gewissen und strategisch imperialistischem Kalk&uuml;l dem Staat Israel angedeihen lassen, k&ouml;nnte dieser das Experiment eines auf friedliche Koexistenz zielenden Arrangements mit seinen arabisch-pal&auml;stinensischen Nachbarn sogar ohne Gef&auml;hrdung seiner eigenen Existenz und Sicherheit wagen: Er k&ouml;nnte sich quasi passiv der durch die imperialistische Requisition billiger Rohstoffe bestimmten weltpolitischen Lage bedienen, k&ouml;nnte sie sich gleicherma&szlig;en als Handlungsrahmen und Druckmittel zunutze machen, um Konflikte zu l&ouml;sen und Vereinbarungen zu erreichen, die von Haus aus regionaler Natur sind und mit den weltpolitischen Perspektiven und Absichten der imperialen Schutzm&auml;chte gar nicht &#8211; jedenfalls nicht aus der Sicht und nach den Pl&auml;nen des israelischen Gemeinwesens &#8211; verquickt sein m&uuml;ssten.</p>
<p>Von so viel Augenma&szlig; und List einer zur Selbsterhaltung durch Selbstbeschr&auml;nkung entschlossenen Vernunft scheint indes der Staat Israel mittlerweile weit entfernt. Schon kurz nach seiner f&ouml;rmlichen Begr&uuml;ndung, anl&auml;sslich der Krise um den Suezkanal, beteiligt er sich vielmehr, jenseits aller blo&szlig; passiven Nutzbarmachung weltpolitischer Konstellationen, aktiv am imperialistischen Coup Englands und Frankreichs, in der eitlen Hoffnung auf eine rasche milit&auml;rische L&ouml;sung seines Konflikts mit den im fehlgeleiteten Elan ihrer milit&auml;rherrschaftlichen &#8220;Emanzipation&#8221; von imperialistischer Bevormundung und Kontrolle Aggressivit&auml;t ihm gegen&uuml;ber demonstrierenden arabischen Nachbarn. Zwar ist es auch in den folgenden milit&auml;rischen Auseinandersetzungen berechtigte Angst um die bedrohte Existenz, was den israelischen Staat zum Handeln antreibt, aber unter dem Eindruck der durchschlagenden oder jedenfalls relativen Erfolge seiner kriegerischen Aktionen, der territorialen Gewinne und Eroberung strategischer Positionen, die ihn zu einer quasi ex negativo funktionierenden Hegemonialmacht in der Region avancieren lassen, wandelt sich allm&auml;hlich seine politische Zielsetzung und darauf fu&szlig;ende strategische Konzeption: Nicht mehr Sicherheit und Frieden ist sein prim&auml;res Ziel, sondern die zur conditio sine qua non, wenn schon nicht des Friedens mit den Nachbarn, so jedenfalls doch seiner Sicherheit vor ihnen erkl&auml;rte Aufrechterhaltung seiner Vormachtstellung und &uuml;berlegenen strategischen Positionen. Diese gewandelte Zielsetzung ist nicht einfach nur die Folge normaler staatlicher Rationalit&auml;t, eines Realismus, der den jeweils erreichten Status quo zur Grundlage k&uuml;nftigen Handelns macht und so den politischen Entscheidungsprozess in eine aus objektiven Zw&auml;ngen und historischen Notwendigkeiten gewirkte Schicksalsfuge transformiert. Sie wird mehr noch verst&auml;rkt und zementiert durch ein als Randmotiv bereits mit dem Staatsgr&uuml;ndungsgedanken verkn&uuml;pftes und unter dem Druck des Dauerkonflikts und der permanenten existenziellen Bedrohung zur religi&ouml;sen Besessenheit und Heilsbotschaft eskaliertes und verselbst&auml;ndigtes romantisches Landnahmepathos, das unter anachronistisch-fundamentalistischer Berufung auf den alttestamentarischen Gott und das von ihm den fernen Ahnen verhei&szlig;ene und geschenkte Land wachsende Bev&ouml;lkerungsgruppen kultivieren und in die Tat einer ebenso unkontrollierten wie unsystematischen Siedlungspolitik umsetzen.</p>
<p>Seinerseits zunehmend geneigt, macht- und okkupationsstrategischen Kalk&uuml;len den Vorrang vor einer auf Vertrag und Kooperation setzenden Politik zu geben, versp&uuml;rt der s&auml;kulare Staat Israel wenig Neigung, dem Treiben seiner religi&ouml;sen Zeloten Einhalt zu gebieten, zumal das prek&auml;re Kr&auml;fteverh&auml;ltnis im Land jedes entschlossene Vorgehen gegen den religi&ouml;s motivierten Expansionismus zu einer innenpolitischen Zerrei&szlig;probe werden l&auml;sst. Das Ergebnis ist, dass dem Staat Israel in seiner derzeitigen Orientierung die zum Antisemitismus &uuml;berdeterminierte Feindseligkeit der arabisch-pal&auml;stinensischen Nachbarn in specie und der muslimisch-islamistischen Welt in genere als Rechtfertigungsgrund oder Plausibilit&auml;t heischender Vorwand f&uuml;r seine als aktive Partizipation am imperialistisch-terroristischen Antiterrorkampf betriebene Macht- und Okkupationspolitik ebenso zupass kommt, wie sie den arabischen Nachbarn und der muslimischen Welt als Alibi und Rationalisierung f&uuml;r die Verdr&auml;ngung ihrer inneren Probleme und die Aufrechthaltung eines falschen Scheins von nationaler Geschlossenheit beziehungsweise intentionaler Resolution ans Herz gewachsen ist. Beide Seiten, der israelische Staat und seine arabischen Nachbarn, ziehen also den sekund&auml;ren Lustgewinn beziehungsweise den ephemeren taktischen Vorteil, den die Krankheit Antisemitismus ihnen verschafft, einem Verfahren vor, das irgend verspr&auml;che, wenn schon nicht die Krankheit durch Beseitigung ihrer Ursachen zu heilen (das steht unter den gegebenen Umst&auml;nden nicht in ihrer Macht), so jedenfalls doch durch Beseitigung des N&auml;hrbodens, auf dem sie sich symptomatisch entfaltet, sie als solche, als das der Verdr&auml;ngung der wirklichen Konflikte entspringende Verschiebungsprodukt, das sie ist, erkennbar und greifbar werden zu lassen.</p>
<p><a href="#*" name="a*"><sup>*</sup></a> Aus: Ulrich Enderwitz, Konsum, Terror und Gesellschaftskritik &#8211; Eine Tour d&#8217; Horizon, Unrast-Verlag, M&uuml;nster 2005, 124 Seiten, 12 Euro (D), S. 110-117.</p>
</td>
</tr>
</table>
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		<title>Türken vor Wien</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:45:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em></a>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Lorenz Glatz </em><span id="more-996"></span></p>
<p>Leute mit &ouml;sterreichischem oder t&uuml;rkischem Pass brauchen ein Visum, wenn sie einander besuchen wollen. Alpenl&auml;ndler erstehen das Ding bei der Ankunft am Flughafen f&uuml;r 15 Euro. Schlie&szlig;lich soll niemand abgeschreckt werden, dem Land Devisen zu bringen, was ja der Zweck ist, wozu ein Land sich Touristen antut.</p>
<p>Wenn t&uuml;rkische Passtr&auml;ger nach &Ouml;sterreich wollen, haben sie die F&auml;higkeit zum Geld-Ausgeben erst einmal nachzuweisenSie stehen so wie die meisten Erdlinge unter Generalverdacht, sie k&ouml;nnten kosten. Die Familie, die uns zu Weihnachten besuchen sollte, hat Ende Oktober die Visa-Antr&auml;ge f&uuml;r Vater, Mutter und Kind am Konsulat im nahen Istanbul gestellt. Und wurde an die Botschaft in Ankara verwiesen. F&uuml;r Reisedokumente ist ein Konsulat nur zust&auml;ndig, wo man der Bonit&auml;t der Reisewilligen auch traut. Am 22.11. flog die Family nach Ankara. In der Mappe meine Einladung (mit der ich &#8211; Kopie des Bankauszugs und meines Passes &#8211; daf&uuml;r b&uuml;rge, dass der Staat hinsichtlich allen geldwerten Unheils, das die Besucher hierzulande anrichten k&ouml;nnten, schad- und klaglos bleibt), Eigentumsnachweis am Haus, Mitgliedsbest&auml;tigung der &Auml;rztekammer, Einkommensteuerbescheid, Bankbest&auml;tigung &uuml;ber ausreichend Guthaben, Kopien der Kreditkarten des Ehepaars, Autopapiere, R&uuml;ckflugtickets und Reiseversicherung &uuml;ber 30.000 Euro. Die P&auml;sse abholen durfte ein Freund mit Vollmacht. Statt der Visa kam der Bescheid, dass Mietvertrag und Mieth&ouml;he des Einladers noch fehlen. Mit dem Papier flog der Papa nach Ankara. Und erfuhr in der Botschaft, dass heute nicht der Tag f&uuml;r derlei sei. Immerhin durfte der Freund das Papier anderntags nachbringen. Am 14.12. hatte man die P&auml;sse &#8211; die Mama allerdings ohne Visum. Flugkarten werden storniert, der Besuch abgesagt.</p>
<p>Auftritt der Deus ex machina: Ein Freund und h&ouml;herer Beamter im t&uuml;rkischen Au&szlig;enministerium bekommt heraus, es war blo&szlig; eine Schlamperei der Botschaft &#8211; Pass express in die Hauptstadt und retour. Mit Visum. Platz im Flugzeug ist vorhanden. Wen wundert&#8217;s? Schwamm dr&uuml;ber, Weihnachtsfriede! ?</p>
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		</item>
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		<title>Die islamistische Scheinalternative</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2007/die-islamistische-scheinalternative</link>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antideutsche]]></category>
		<category><![CDATA[Kampf der Kulturen?]]></category>
		<category><![CDATA[Schmid; Bernhard]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/die-islamistische-scheinalternative">Die islamistische Scheinalternative</a></p>
Am Beispiel Algeriens]]></description>
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<h3>Am Beispiel Algeriens</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em>von Bernhard Schmid</em> <span id="more-454"></span></p>
<p>Die Gewalt, die mit den islamistischen Anschl&auml;gen vom 11. September 2001 zum Ausdruck kam, hat die Reste der Linken m&auml;chtig durcheinandergewirbelt. W&auml;hrend einige Stimmen sich den radikalen politischen Islam als &#8220;objektiv antiimperialistisch&#8221; und als faktischen Platzhalter f&uuml;r fr&uuml;here revolution&auml;re Aufbr&uuml;che in der &#8220;Dritten Welt&#8221; zurechtsch&ouml;nen, fl&uuml;chten sich andere seitdem unter die Fittiche der &#8220;westlichen Zivilisation&#8221;.</p>
<h4>Moderne Massenbewegung</h4>
<p>Ein wesentliches Motiv f&uuml;r letztere Haltung bildet die Vorstellung, der Aufstieg oder die Manifestation des politischen Islam widerspiegele eine Drohung mit dem R&uuml;ckfall in eine Vormoderne, gegen welchen es den Kern des &#8220;Gl&uuml;cksversprechens&#8221; der b&uuml;rgerlichen Moderne &#8211; als Voraussetzung, um von da aus etwa sozialistische Utopien in einer ferneren Zukunft irgendwann entwickeln zu k&ouml;nnen &#8211; zu retten gelte. Die Erscheinung des politischen Islam, die mitten aus dem 20. Jahrhundert heraus entsprang, wird dabei aus der &#8220;Moderne&#8221; herausdefiniert und als eine Art Wiederkehr eines historisch &auml;lteren Zustands, eines neuen Mittelalters interpretiert. Um die gesellschaftliche Natur dieser Bewegung zu charakterisieren schreibt etwa Joachim Rohloff kurz nach den Attentaten des 11. September in der<em> Jungle World</em> von &#8220;hirnlosen Werkzeugen islamischer Steinzeittheologen&#8221;. Seine Redakteurskollegin Heike Runge spricht von einer &#8220;antimodernen Botschaft&#8221;, von dem Vorhaben, &#8220;der Welt den Strom abzusperren&#8221;, und einer Bedrohung f&uuml;r &#8220;die Moderne und die Emanzipation&#8221;. Nun, f&uuml;r die Emanzipation ist die Ideologie des Islamismus mit Sicherheit t&ouml;dlich. Aber gebrauchen die zitierten AutorInnen den Begriff der &#8220;Moderne&#8221; nicht in einer ideologisch determinierten und verzerrten Weise? Die Verwendung des Begriffs erscheint ebenso falsch wie die Interpretation der ideologischen Ph&auml;nomene, die er transportieren soll.</p>
<p>Christian Y. Schmidt seinerseits begr&uuml;&szlig;t in seinem ebendort erschienenen Beitrag &#8220;die globale Zerst&ouml;rung ethnischer und religi&ouml;ser Identit&auml;t, die Vernichtung des (oft gewaltt&auml;tigen) Idylls der Doofen und Zur&uuml;ckgebliebenen&#8221;, dessen quasi letzte Mohikaner die Islamisten seien. Hat diesem Autor &#8211; der die Argumentation im Nachhinein selbst relativiert, sobald er auf das globale Wirtschaftssystem zu sprechen kommt &#8211; schon mal jemand gesagt, dass die Zahl national, &#8220;rassisch&#8221; oder konfessionell definierter Identit&auml;tsbewegungen in den letzten zwanzig Jahren sprunghaft zugenommen hat?</p>
<p>Karl Marx hatte sich noch von der Bourgeoisie und dem internationalen Handel erhofft, dass sie &#8220;alles Idyllische&#8221; entzaubern und zerst&ouml;ren w&uuml;rden. Die damalige &Auml;ra aber ist definitiv vor&uuml;ber, und es gibt heute keinen idyllischen Flecken mehr, der nicht den Regeln und &#8211; vor allem im Trikont &#8211; den Verheerungen des internationalen kapitalistischen Wirtschaftssystems unterliegen w&uuml;rde.</p>
<p>In Wirklichkeit geht es v&ouml;llig in die Irre, wenn AutorInnen bewusst oder unbewusst eine Str&ouml;mung wie den Islamismus mit der Antimoderne schlechthin verbinden. Dem widerspricht die Entstehung des politischen Islamismus selbst. Denn er bildet im Wesentlichen nicht eine Wiederkehr versch&uuml;tteter Tradition, sondern eine moderne Massenbewegung, die gewisse mit dem europ&auml;ischen Faschismus verwandte Z&uuml;ge aufweist, der sich ja auch nicht als die reine Wiederkehr des Mittelalters darstellte. Dennoch bestehen gewichtige Unterschiede zwischen beiden. Vor allem ist der Islamismus, jedenfalls in den meisten seiner Spielarten, nicht angetreten, um die Welt zu erobern, sondern um die aus seiner Sicht zerr&uuml;ttete innere Ordnung der muslimischen Gesellschaften wieder herzustellen.</p>
<h4>Frucht des Kolonialismus</h4>
<p>Die wohl wesentliche Erfolgsgrundlage des Islamismus beruht auf dem Erlebnis der Form, in der die kapitalistische &#8220;Moderne&#8221; in die entsprechenden L&auml;nder eingedrungen ist &#8211; mitsamt dem von ihr instrumentalisierten Diskurs des politischen Liberalismus, der Errungenschaften der Franz&ouml;sischen Revolution, der Aufkl&auml;rung. N&auml;mlich in der Regel in Gestalt europ&auml;ischer Gro&szlig;m&auml;chte, deren Repr&auml;sentanten diese Begriffe verwendeten und zugleich viele der L&auml;nder in ihrer Entwicklung zur&uuml;ckgeworfen haben. So kommen etwa die Kader des politischen Islamismus in Algerien oft von den natur- (und nicht geistes-)wissenschaftlichen Fakult&auml;ten, sodass ihnen moderne Technologie keineswegs fremd ist. Dass in diesen akademischen Bereichen die islamistische Str&ouml;mung mehrheitsf&auml;hig ist, kommt daher, dass man in der Vorstellung lebt, dass, wenn der sogenannte Westen schon auf technischer und wirtschaftlicher Ebene dominiert, die muslimischen L&auml;nder des S&uuml;dens wenigstens ihre eigene Interpretation der Welt behalten m&uuml;ssten.</p>
<p>Das kollektive Ged&auml;chtnis der Kolonisierung hat n&auml;mlich verhindert, dass sich in diesen Gesellschaften ein Prozess bis zum Ende vollzog, der im 19. und 20. Jahrhundert in vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern zum Abschluss kam. Dort sorgten die wissenschaftlichen Entdeckungen und die moderne Technik daf&uuml;r, dass das alte Weltbild mit Gott als im menschlichen Leben pr&auml;sentem Ausgangs- und Endpunkt nachhaltig ersch&uuml;ttert wurde. Noch im 17. Jahrhundert nahmen viele Europ&auml;erInnen r&auml;tselhafte Krankheiten als &#8220;Strafe Gottes&#8221; an, um wenigstens &uuml;ber irgendeine Erkl&auml;rung und Handlungsanleitung zu verf&uuml;gen, statt zu verzweifeln. Nachdem der Cholerabazillus und der Pockenvirus identifiziert worden waren, vertraute der moderne Europ&auml;er dann doch lieber der Medizin.</p>
<p>In einer Gesellschaft jedoch, die den Anbruch der europ&auml;ischen Moderne in Form einer &auml;u&szlig;eren Aggression wahrgenommen hat, wurde dieser eigentlich in allen menschlichen Gemeinwesen zu erwartende Prozess dauerhaft blockiert. Kr&auml;fte und Sichtweisen, die sonst als reaktion&auml;r kritisiert worden w&auml;ren, konnten sich dadurch legitimieren, dass sie sich als &#8220;Widerstand gegen die &auml;u&szlig;eren Aggressoren&#8221; auswiesen.</p>
<p>Den Ausgangspunkt einer gr&uuml;ndlicheren Analyse des islamistischen Ph&auml;nomens kann ein Zitat gut umrei&szlig;en, das eine der zentralen Ursachen daf&uuml;r beschreibt, warum aktuell dem Islamismus in vielen L&auml;ndern von Teilen der Gesellschaft Legitimit&auml;t zuerkannt wird. Ende der achtziger Jahre schrieben Cheryl Bernard und Zalmay Khalizad in ihrem Buch &uuml;ber &#8220;The Government of God. Iran&#8217;s Islamic Republic&#8221; folgende S&auml;tze, die die Situation postkolonialer Gesellschaften skizzieren und mit einigen Abwandlungen auf eine Reihe von L&auml;ndern &uuml;bertragbar sind: &#8220;Pseudo-moderne Eliten &#8230; sitzen an den Schalthebeln der Macht und arrangieren sich mit den Gro&szlig;m&auml;chten und dem internationalen System. Daneben aber existieren die traditionellen Eliten fort und behalten bedeutende Teile ihres Einflusses, sowohl materiell als auch kulturell und ideell. W&auml;hrend sie unter anderen Umst&auml;nden als die Gro&szlig;grundbesitzer, die r&uuml;ckst&auml;ndigen Traditionalisten und die privilegierten Eliten, die sie tats&auml;chlich sind, bek&auml;mpft w&uuml;rden, hat die Struktur der Nord-S&uuml;d-Beziehungen ihnen eine nationalistische und sogar revolution&auml;re Note verliehen. Heute streiten sie um die Restauration ihrer Macht und ihrer Privilegien, aber sie bedienen sich des Vokabulars der nationalen und kulturellen Befreiung und Selbstbehauptung und der entsprechenden Volksstimmung. &#8221;</p>
<h4>Aufstieg des Islamismus in Algerien</h4>
<p>Ziehen wir die algerische Situation als Untersuchungsbeispiel f&uuml;r die historischen Hintergr&uuml;nde eines (zeitweisen) Erfolgs des politischen Islams heran, so m&uuml;ssen hier spezifische Faktoren ber&uuml;cksichtigt werden. Die wichtigste Besonderheit in diesem nordafrikanischen Land besteht darin, dass hier die alteingesessenen Eliten nicht unangetastet blieben und den Modernisierungsschock einfach sozusagen &#8220;&uuml;berwintern&#8221; konnten. Tats&auml;chlich hat in Algerien seit langem ein Austausch der gesellschaftlichen Eliten stattgefunden, der es verbietet, den dortigen Islamismus einfach als Wiederkehr alter, feudaler Eliten mit aufgefrischter Legitimation zu interpretieren. Denn Algerien wurde durch Frankreich, dessen koloniale Herrschaft verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig lange andauerte &#8211; von 1830 bis 1962 -, als &#8220;Teil des Mutterlands&#8221; (aufgeteilt in drei franz&ouml;sische D&eacute;partements) und Siedlungskolonie behandelt. Der gr&ouml;&szlig;ere Teil der alteingesessenen Eliten sah sich seines Landbesitzes zugunsten europ&auml;ischer Bewirtschafter enteignet.</p>
<p>Der gr&ouml;&szlig;te Teil der Bewohner wurde aus den vorherigen sozialen Rollen herausgerissen und in das umgeformt, was der linke algerische Historiker Mohammed Harbi &#8211; unter Anlehnung an einen Begriff aus dem antiken Rom &#8211; als &#8220;die Plebs&#8221; bezeichnet hat. Also eine mehr oder minder verarmte und (sub-)proletarisierte &#8220;Masse&#8221; von Menschen, die aber weder als Arbeiter noch als Bauern eine dauerhafte gesellschaftliche Stellung einnahmen, sondern als Hilfskr&auml;fte (vom zeitweise besch&auml;ftigten Landarbeiter oder Tagel&ouml;hner bis zur Hausdienerin) vom Kolonialsystem irgendwie durchgebracht wurden.</p>
<p>Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt: Das Bewirtschaften der b&auml;uerlichen Scholle und das &#8220;Verhaftet-Sein&#8221; mit ihr ist beileibe kein idyllischer Zustand, dessen Bewahrung an sich erstrebenswert w&auml;re. Tats&auml;chlich ist das Heraustreten aus der Abh&auml;ngigkeit vom Boden und seinen Ertr&auml;gen, vom Wetter usw. ein &#8220;an sich&#8221; progressives Moment in der Geschichte. Es kommt nur ganz darauf an, in welcher Form dieses Heraustreten aus b&auml;uerlichen Lebensformen und Sozialverh&auml;ltnissen sich vollzieht. Geschieht es unter den Bedingungen kolonialer Enteignung und Vertreibung sowie anschlie&szlig;ender Umformung der solcherart vom Boden &#8220;Befreiten&#8221; nicht in (lohnabh&auml;ngige, aber durch ihre Konzentration in modernen Industrien zum Umsturz bef&auml;higte) Arbeiter, sondern in eine &#8220;Plebs&#8221; ohne definierten Platz in der Gesellschaft, dann bietet das gewiss nicht die besten Voraussetzungen f&uuml;r die Entfaltung von Klassenkampf mit dem Ziel sozialer Emanzipation. Denn eine solche objektive Lage ist der Entwicklung einer Form von Klassenbewusstsein nicht besonders dienlich.</p>
<p>Zur gleichen Zeit funktionierte die Gesellschaftsordnung im franz&ouml;sischen Algerien auf der Basis eines Apartheidsystems (mit drei Klassen von Staatsangeh&ouml;rigen), das mit religi&ouml;sen Kategorien operierte. Dadurch wurde die Frage der Konfessionszugeh&ouml;rigkeit und nebenbei der Herkunft, zum zentralen gesellschaftlichen Identifikationskriterium erhoben, aus dem Rechtspositionen abgeleitet werden konnten. Hier findet sich bereits eine der Zutaten f&uuml;r den Diskurs, der sp&auml;ter unter anderem den Erfolg des politischen Islamismus ausmachte &#8211; und in dem das Bekenntnis zum Islam einerseits und das Eintreten f&uuml;r die sozial Entrechteten andererseits als Quasi-Synonyme behandelt werden.</p>
<p>Dieses Element allein gen&uuml;gt aber noch nicht, um die Genese der islamistischen Massenbewegung zu verstehen, denn diese entstand keineswegs als spontane, direkte Reaktion auf den Kolonialismus. Im Gegenteil fanden sich die Protagonisten der konservativ-reaktion&auml;ren religi&ouml;sen Kreise w&auml;hrend des Befreiungskrieges gegen Frankreich von 1954 bis 1962 (der nach offiziellen Angaben 30.000 Tote &#8211; darunter 27.000 Soldaten &#8211; auf franz&ouml;sischer Seite und rund eine Million, mehrheitlich zivile Opfer, auf algerischer Seite kostete) durch den Lauf der Dinge auf die Seite gedr&auml;ngt. Denn die Ulama, die Versammlung der (konservativen) muslimischen Geistlichen, f&uuml;rchtete nichts so sehr wie eine weitere Ersch&uuml;tterung der herk&ouml;mmlichen Sozialordnung, die ohnehin von au&szlig;en durch den Druck des Kolonialismus angeknackst war, durch eine Mobilisierung der &#8220;Plebejer&#8221;, um mit Harbis Begriff zu sprechen. Sie setzte vielmehr auf Ruhe und Ordnung, wozu die &#8220;Erziehung&#8221; hinzukommen m&uuml;sse. Innerhalb der algerischen Nationalbewegung gab es zwar Kr&auml;fte, die vor allem f&uuml;r &#8220;den Islam&#8221; k&auml;mpften, in der Regel verstanden sie darunter aber weitaus eher eine Selbstidentifikation des am schlechtesten gestellten Teils der algerischen Bev&ouml;lkerung als die Idee eines Gottesstaates. Man traf in den Reihen des FLN (Front de lib&eacute;ration nationale) auf reaktion&auml;re Protagonisten, die beispielsweise der Bev&ouml;lkerung den Zwang auferlegten, weder Alkohol noch Tabak zu konsumieren. Zugleich aber kamen mit dem FLN auch die Teilnahme der Frauen am bewaffneten Kampf und das schlicht unislamistische Ringen um ein materiell besseres Leben in dieser Welt. Einige K&auml;mpfer definierten sich vorrangig als Muslime, andere als Atheisten oder jedenfalls Sozialisten.</p>
<p>In den fr&uuml;hen Jahren nach der Unabh&auml;ngigkeit (1962) war Algerien meilenweit von der Vorstellung eines Religionsstaats entfernt, auch wenn vom Islam durchaus viel die Rede war &#8211; doch eher im Sinne einer vagen, kulturellen Selbstbeschreibung in Abgenzung vom kolonialen Erbe. Im Laufe der Jahre und parallel zur Mutation der Nationalen Befreiungsbewegung FLN zur zunehmend konservativen und auf reinen Machterhalt ausgerichteten Staatspartei &auml;nderten sich die Inhalte, mit denen die Begriffe gef&uuml;llt wurden.</p>
<p>Anf&auml;nglich eher eine blo&szlig;e H&uuml;lle, die sehr materielle Vorstellungen von einer neuen Sozialordnung umgab, wandelten sich die Bez&uuml;ge auf den Islam und das Arabertum, je mehr die greifbaren sozialen Versprechungen der neuen Staatsmacht an &#8220;ihre&#8221; Bev&ouml;lkerung abnahmen, immer st&auml;rker zum eigentlichen Inhalt des Diskurses. Und die neue Opposition, wie sie ab den achtziger Jahren hervortrat, suchte die herrschende Oligarchie auf diesem Gebiet noch zu &uuml;bertrumpfen. Es trifft freilich auch zu, dass der Austausch einer urspr&uuml;nglich links vom Regime stehenden Opposition durch den Islamismus (der sich anfangs an konservativen Widerst&auml;nden etwa gegen die Agrarreform von 1972 kristallisiert hatte) als st&auml;rkste Gegenmacht wohlwollend durch Teile des Regimes begleitet wurde.</p>
<p>Um die zwar illegale, aber (auch aus R&uuml;cksicht auf die verb&uuml;ndete UdSSR) tolerierte algerische KP, die Anfang der siebziger Jahre noch stark war, und andere linke Str&ouml;mungen aus den Universit&auml;ten zu verdr&auml;ngen, lie&szlig;en die Beh&ouml;rden islamistischen Gruppen ab Ende des Jahrzehnts quasi freien Lauf und verst&auml;rkten zugleich selbst die Islamisierung des offiziellen Diskurses. So hat das 1984 vom FLN verabschiedete Familiengesetz &#8211; der &#8220;Code de la famille&#8221; &#8211; stark islamisch gepr&auml;gte Normen ins algerische Zivilrecht eingef&uuml;hrt und der Frau mindere Rechtspositionen zugewiesen. (Im Gegensatz zu Staaten wie dem Iran oder Saudi-Arabien gilt allerdings in Algerien nicht das dazu geh&ouml;rige Strafrecht mit seinen Z&uuml;chtigungsvorschriften. )</p>
<p>Dass letzlich beim Zusammenbruch des FLN-Systems der Islamismus als vermeintlicher kollektiver Robin Hood der Armen und Gedem&uuml;tigten erscheinen konnte, dazu trugen einige weitere Faktoren wesentlich bei. Da ist zum einen das Scheitern des staatssozialistischen Entwicklungsmodells, das der regierende FLN ab Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre erprobt hatte, und das Zusammenspiel von westlichem Technikdiktat und Korruption innerhalb der staatlichen Nomenklatura (als Algerien etwa schl&uuml;sselfertige Fabriken mit veralteter Technologie angedreht wurden, die anschlie&szlig;end kaum funktionierten) und der &Ouml;lpreisverfall der Jahre um 1985.</p>
<p>Zum anderen spielt die strategische Niederlage der Linken eine bedeutende Rolle. Im algerischen Beispiel war die dortige KP, damals PAGS (Parti de l&#8217;avant-garde socialiste), dem &#8220;alten&#8221; Regime vor 1988 lange Jahre in &#8220;kritischer Solidarit&auml;t&#8221; verbunden gewesen. Als 1989/90 das Mehrparteiensystem eingef&uuml;hrt wurde, war die Partei sowohl unter die Tr&uuml;mmer der frisch zusammengebrochenen realsozialistischen Staaten des &ouml;stlichen Europa als auch unter jene des algerischen FLN-&#8221;Sozialismus&#8221; geraten: Aller beider Bilanz r&uuml;ckte den Begriff des Sozialismus in ein unattraktives Licht. Der PAGS und sp&auml;ter seine &Uuml;berreste bzw. Nachfolger setzten ab dieser Zeit auf Publikumsbeschimpfung gegen&uuml;ber der gesamten (&#8220;r&uuml;ckst&auml;ndigen&#8221; und &#8220;f&uuml;r die Demokratie nicht reifen&#8221;) Bev&ouml;lkerung und auf die Perspektive einer Modernisierungsdiktatur, die hin zu einem &#8220;normalen Kapitalismus&#8221; f&uuml;hren sollte &#8211; ein ehemaliger PAGS-Kader zog gegen&uuml;ber dem Autor dieser Zeilen glatt &#8220;einen antiislamistischen Pinochet&#8221; als potenzielles Vorbild heran. Letzterer werde dann auf l&auml;ngere Frist eine b&uuml;rgerliche Demokratie schon mit sich bringen. Damit war angesichts der mit H&auml;nden greifbaren Verelendung in den sp&auml;ten achtziger Jahren nat&uuml;rlich kein Blumentopf zu gewinnen.</p>
<p>Eine andere (ehemals) linke Kraft, die &#8220;Arbeiterpartei&#8221; PT trotzkistischer Herkunft und linksnationalistischer Tendenz, h&auml;ngte sich in den fr&uuml;hen neunziger Jahren an den Zug der islamistischen Opposition als vermeintlich radikalste, systemsprengende Kraft hinten dran. Das Dilemma der algerischen Linken stellte sich zwar w&auml;hrend der Jahre des B&uuml;rgerkriegs in zugespitzter Form dar, aber in seiner Grundkonstellation befand sich auch die Linke anderer L&auml;nder der Region davor. Die meisten dortigen kommunistischen oder Linksparteien fanden sich auf einem von zwei Polen wieder: Entweder als jeglicher Vorstellung von sozialer Opposition beraubter Wurmfortsatz (vermeintlich) modernistischer Eliten oder aber als faktische Hilfstruppe der Islamisten.</p>
<p>Als das Einparteienregime des FLN unter dem Eindruck der heftigen Jugendrevolte im Oktober 1988 implodierte, trugen zwei weitere Ursachen zum Durchbruch des Islamismus als politischer Kraft bei: Erstens die explosionsartige Zunahme des Rassismus im Frankreich der achtziger Jahre und die Politik der Grenzschlie&szlig;ung, die eines der wichtigsten Ventile verschloss, durch welche der algerische Staat bis dahin den Druck abgeleitet sah: die M&ouml;glichkeit der Emigration nach Frankreich. Und zweitens die Erfahrung des Zweiten Golfkriegs Anfang 1991, der von den algerischen Zuschauern &#8211; wie in anderen L&auml;ndern der sogenannten Dritten Welt &#8211; als feiges Zusammenbomben einer muslimischen Zivilbev&ouml;lkerung aus der H&ouml;he erlebt wurde. Der Kreis mit der eigenen kollektiven Erinnerung an den Unabh&auml;ngigkeitskrieg gegen Frankreich und die Kolonialmassaker schien sich so zu schlie&szlig;en.</p>
<p>Eine &auml;hnliche Rolle als &#8220;mobilisierender Mythos&#8221; hatte im &Uuml;brigen in den achtziger Jahren der islamistische Guerillakrieg gegen die sowjetische Armee in Afghanistan gespielt. Zwar wies die dortige Konstellation, analysiert man sie n&auml;her, bedeutende Unterschiede zu einer Kolonialsituation auf. Doch wesentlich f&uuml;r die Rezeption in den meisten arabischen und / oder muslimischen L&auml;ndern waren die (und seien es oberfl&auml;chlichen) &Auml;hnlichkeiten zwischen ihrer kollektiven Erinnerung an die Kolonialkriege und der Form des sowjetischen Eingreifens, das eine brutale und autorit&auml;re Intervention blieb und nat&uuml;rlich vorrangig aufgrund sowjetischer Staatsinteressen erfolgte &#8211; obwohl sie objektiv jene Kr&auml;fte st&uuml;tzte, die in Punkten wie der Beteiligung der Frauen am &ouml;ffentlichen Leben weitaus moderner und aufgekl&auml;rter waren als die Parteien der islamistischen Opposition.</p>
<h4>Relativer Sieg &#8230; </h4>
<p>In Algerien wie auch in anderen L&auml;ndern der Region, insbesondere in &Auml;gypten, bildeten die R&uuml;ckkehrer aus Afghanistan das R&uuml;ckgrat der militanten Strukturen des Islamismus, eine gewisse Brutalisierung und Enthemmung bereits aus der Kriegserfahrung mitbringend. Zu Anfang der neunziger Jahre bildeten sich am Rande und im Umfeld der islamistischen Massenbewegung, in Gestalt des FIS (Front islamique du salut, korrekt &uuml;bersetzt: &#8220;Islamische Errettungsfront&#8221;), eine Reihe mehr oder minder auf eigene Faust handelnder &#8220;islamischer Milizen&#8221; heraus, die sich zur Aufgabe stellten, das &#8220;Sittengesetz&#8221; notfalls gewaltsam durchzusetzen. Denn der innerste Kern des politischen Islamismus besteht aus dieser Idee: Das &#8220;nat&uuml;rliche Wesen&#8221; der islamischen Gesellschaft, das durch die modernen Formen des Zusammenlebens zur Disposition gestellt ist, soll notfalls durch Druck und Zwang wieder hergestellt werden. Die Wirkung der relativen (durch die materiellen Verh&auml;ltnisse, etwa extremen Wohnraummangel, begrenzten) Emanzipation von Frauen und Jugend, n&auml;mlich das Aufbrechen der traditionellen Sozialstrukturen, wird durch die Islamisten ausschlie&szlig;lich im Lichte der Erfahrung &auml;u&szlig;erer Aggression interpretiert, als Folge des &#8220;westlichen (bzw. christlich-j&uuml;dischen) Angriffs&#8221; bewertet. Im Regelfall bedeutet das: Gegebenenfalls soll unter Einschluss k&ouml;rperlicher Z&uuml;chtigungsstrafen der &#8220;moralische Zustand&#8221; wieder herbeigef&uuml;hrt werden. Denn das Abkommen von diesem positiven Urzustand habe die islamischen Gesellschaften erst in die Krise gest&uuml;rzt. S&auml;mtliche Umw&auml;lzungs- und Verwerfungserscheinungen in der Gesellschaft, von der Massenarmut bis zur Frauenemanzipation, werden so &uuml;ber einen Kamm geschoren und als Ausdruck einer Art &#8220;&Uuml;berfremdung&#8221; aufgefasst. In den Jahren 1990/91 &#8211; parallel zum Aufstieg des FIS als Wahlpartei &#8211; h&auml;uften sich so die Angriffe mal mehr, mal weniger eigenst&auml;ndiger &#8220;Tugendw&auml;chter&#8221;-Milizen, die etwa der Prostitution verd&auml;chtigte Frauen oft t&auml;tlich angriffen. Zugleich war der Islamismus jedoch in Algerien, dessen Bev&ouml;lkerung zu bedeutenden Teilen die Vorz&uuml;ge des europ&auml;ischen Lebens kennt (dank allgegenw&auml;rtigen franz&ouml;sischen Fernsehens, der Pr&auml;senz einer bedeutenden &#8220;community&#8221; in der Emigration in Frankreich und aufgrund der vielf&auml;ltigen Verflechtungen beider Gesellschaften) niemals v&ouml;llig hegemonial.</p>
<p>Anl&auml;sslich der Parlamentswahlen, die im Januar 1992 zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang abgebrochen wurden, erhielt der FIS insgesamt 3 Millionen Stimmen, bei 13 Millionen Wahlberechtigten. Das bedeutet die Zustimmung von nur rund einem Viertel der vollj&auml;hrigen algerischen Bev&ouml;lkerung.</p>
<p>Aufgrund des Mehrheitswahlrechts h&auml;tte die Islamistenpartei, die im ersten Durchgang 47 Prozent der g&uuml;ltigen Stimmen erhalten hatte (gut 40 Prozent der Wahlberechtigten waren den Urnen fern geblieben, hinzu kamen viele ung&uuml;ltige Stimmen), freilich eine klare Mehrheit der Parlamentssitze erreicht. Dies er&ouml;ffnete die M&ouml;glichkeit einer parlamentarischen Mehrheit, widerspiegelte jedoch keineswegs eine totale gesellschaftliche Hegemonie. Au&szlig;erdem stimmten viele der FIS-W&auml;hler zwar f&uuml;r die &#8211; in ihren Augen &#8211; einzige radikale Alternative zu den regierenden mafi&ouml;sen Eliten, die von der Pl&uuml;nderung und beginnenden Privatisierung der (durch sie heruntergewirtschafteten) ehemals staatssozialistischen &Ouml;konomie profitierten, nicht aber f&uuml;r die reaktion&auml;re Utopie einer &#8220;gesundeten islamischen Gesellschaft&#8221;. Freilich existierte auch ein ideologisch fundierter &#8220;harter Kern&#8221; der Bewegung.</p>
<h4>&#8230; und R&uuml;ckschlag</h4>
<p>Mit dem Abbruch der Parlamentswahlen im Januar und der gesetzlichen Aufl&ouml;sung des FIS im M&auml;rz 1992 begann eine &Auml;ra der Repression gegen die Aktivisten der islamistischen Bewegung. Eine kurzatmige, ein politisches Problem mit rein polizeilich-milit&auml;rischen Mitteln l&ouml;sen wollende Politik des (selbst tief in der Krise steckenden) Staatsapparats rief jedoch zun&auml;chst eher die gegenteilige als die beabsichtigte Wirkung hervor. Die Verhaftung der den Sicherheitskr&auml;ften bekannten Kader der Islamisten sorgte, in Verbindung mit einer &#8220;Dampfwalze&#8221; der Repression gegen die pauschal der Sympathie verd&auml;chtigten Armenviertel (die ihre Solidarisierungseffekte nicht verfehlte) daf&uuml;r, dass die Bewegung immer unkontrollierbarer wurde. Anstatt der politisch-ideologisch motivierten und strategisch handelnden Kader, deren &#8220;Korsett&#8221;funktion f&uuml;r die Bewegung wegfiel, nahmen nunmehr aufgeheizte junge Anh&auml;nger aus den subproletarischen Wohnbezirken den Kampf in die Hand. Ab Anfang 1993 brach somit die &Auml;ra der selbsternannten &#8220;Emire&#8221; (islamische Befehlshaber) an, die &uuml;ber Mikroterritorien herrschten: oft sozial deklassierte Zonen, die der Staatsapparat vor&uuml;bergehend ihrem Schicksal &uuml;berlie&szlig;, um sich auf die Verteidigung der Wohngebiete der Eliten zu konzentrieren. Diese Akteure begannen, einen &#8220;Heiligen Krieg&#8221; auf eigene Faust zu f&uuml;hren. Oft genug war dieser stark von nur oberfl&auml;chlich ideologisch &uuml;bert&uuml;nchten Triebkr&auml;ften wie dem Wunsch nach rascher Selbstbereicherung (mit-)bestimmt.</p>
<p>Zwei nicht unbedingt total entgegengesetzte, aber doch auseinanderstrebende Logiken pr&auml;gten ab 1993/94 die islamistische Gewalt, die das Land mit Blut zu &uuml;berziehen begann. Auf der einen Seite stand die Strategie einer dem FIS entsprungenen Guerilla, deren wichtigste Vertretung die &#8220;Islamische Rettungsarmee&#8221; AIS bildete und die an vorderster Stelle das Ziel einer politischen Machteroberung verfolgte. Auf der anderen Seite fand sich eine Anzahl selbst&auml;ndig operierender Guerillagr&uuml;ppchen, deren wichtigste alsbald die &#8220;Bewaffneten Islamischen Gruppen&#8221; GIA waren und die sich oftmals um Afghanistan-R&uuml;ckkehrer herum bildeten. Diese Gruppen wiesen einen Doppelcharakter auf. Einerseits handelte es sich um extrem gewaltt&auml;tige religi&ouml;se Sekten (deren Diskurs die gesamte Bev&ouml;lkerung, sofern sie diese Terrorgr&uuml;ppchen nicht materiell unterst&uuml;tzte, f&uuml;r &#8220;ungl&auml;ubig&#8221; bzw. &#8220;vom rechten Glauben abgewichen&#8221; und todesw&uuml;rdig erkl&auml;rte) und andererseits um eine in brutaler Form direkte Aneignung betreibende Form des kriminellen Bandenwesens. Die selbst vorgenommene Legitimierung durch die &#8220;heilige Sache&#8221;, die kraft Berufung auf g&ouml;ttlichen Willen keinerlei Widerspruch dulden konnte, wurde somit zum Deckmantel der Rechtfertigung einer Raub-, Pl&uuml;nderungs- und Aneignungs&ouml;konomie, die (im Kontext einer Anfang der neunziger Jahre zusammenbrechenden &Ouml;konomie) den R&uuml;cksichtslosesten oder Motiviertesten das &Uuml;berleben auf Kosten des Rests sichern sollte.</p>
<p>Vor allem das Vorgehen der zweitgenannten Gruppen f&uuml;hrte binnen weniger Jahre dazu, dass die islamistischen Guerillabewegungen den allergr&ouml;&szlig;ten Teil der zuvor genossenen Unterst&uuml;tzung (denn anfangs sahen Teile der Bev&ouml;lkerung in ihnen, wie gesagt, eine Art kollektiven Robin Hood) bis 1995/96 verloren hatten. Die gro&szlig;en Kollektivmassaker der sp&auml;ten neunziger Jahre sind die logische Konsequenz dieses Prozesses: Die materielle Basis ihres Kampfes zunehmend einb&uuml;&szlig;end entschieden sich vor allem die GIA, die mittlerweile den gr&ouml;&szlig;ten Teil der autonom operierenden Terrorgruppen aufgesogen hatten, f&uuml;r eine blutige Flucht nach vorn. Damit brachten sie aber auch die bisherige islamistische Massenbasis gegen sich auf. Die Erfahrung mit beiden Varianten des bewaffneten Islamismus hat jedenfalls zur Abwendung der Bev&ouml;lkerung gef&uuml;hrt. Das Ziel einer gewaltsamen Macht&uuml;bernahme ist auf unabsehbare Zeit hin gescheitert (auch wenn einige Desperadogruppen mit islamistischem Banner nach wie vor aktiv sind).</p>
<p>Das bedeutet jedoch nicht, dass der politische Islamismus die Auseinandersetzung schon heute und f&uuml;r immer verloren h&auml;tte. Denn einerseits bleibt der gesellschaftliche N&auml;hrboden, auf dem die Zustimmung zur islamistischen &#8220;Alternative&#8221; gedeihen konnte, unangetastet: Armut und Perspektivlosigkeit sind in Algerien nach wie vor vorhanden, auch wenn sie aufgrund des relativ hohen &Ouml;lpreises in den letzten f&uuml;nf Jahren von einem gewissen oberfl&auml;chlichen Boom &uuml;berlagert werden, dessen Fr&uuml;chte nat&uuml;rlich nicht allen Algeriern zugute kommen. Andererseits bleibt die M&ouml;glichkeit einer anderen, einer linken, sozialen Alternative bisher noch in weiter Ferne, auch wenn ihre M&ouml;glichkeit mit den seit 2001 mehrfach aufgebrochenen &#8211; aber f&uuml;r den Augenblick stecken gebliebenen &#8211; sozialen Revolten erstmals wieder aufgeschienen ist.</p>
</td>
</tr>
</table>
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		<title>Existenz und Terror</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Klein; Peter]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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Vorschlag, den Terrorismus nicht mit seinen Begründungen gleichzusetzen]]></description>
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<h3>Vorschlag, den Terrorismus nicht mit seinen Begr&uuml;ndungen gleichzusetzen</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em>von Peter Klein</em> <span id="more-449"></span></p>
<h4>Motivation und Begr&uuml;ndung</h4>
<p>Wenn man das kausale Denken, das dem b&uuml;rgerlichen Menschen zur zweiten Natur geworden ist, auf die terroristischen Anschl&auml;ge projiziert, dann kommt es wie von selbst zu den bekannten Aussagen, in denen der Terrorismus immer schon als politisch oder religi&ouml;s oder sonst wie ideologisch &#8220;motiviert&#8221; dargestellt wird. Die Ideologen, die aus der Verzweiflung eine Strategie zu machen versuchen, werden damit gleichsam beim Wort genommen. Sie erhalten einen Rang und eine Verantwortung zugesprochen, die sie vielleicht gerne h&auml;tten, mangels eines funktionierenden Staatsapparates aber gerade nicht haben. &Uuml;ber die Verzweiflung selbst dagegen und all die anderen Gef&uuml;hlsqualit&auml;ten, die ja bei denjenigen, die den Schritt zur Gewalt nicht blo&szlig; propagandistisch, sondern praktisch tun, eine nicht unerhebliche Rolle spielen d&uuml;rften, wird achtlos hinweg getrampelt. Die Frage nach der <em>Begr&uuml;ndung</em>, ob sie rationalen Anspr&uuml;chen standhalte oder nicht, scheint mir in ihrem Falle gerade <em>nicht</em> angebracht zu sein. Denn das hei&szlig;t, jene Konstellation, in welcher Subjekt und Objekt fein s&auml;uberlich voneinander getrennt sind, auf eine Situation zu &uuml;bertragen, in der das Herrschen jeglicher Allgemeinverbindlichkeit und damit auch die Objektform der gesellschaftlichen Beziehungen so ziemlich am Ende ist. Die Konstellation der &Auml;u&szlig;erlichkeit, die eine stabile Struktur von staatlichen Gesetzen und Einrichtungen zur Voraussetzung hat, bricht hier, beim Ph&auml;nomen der substaatlichen Gewalt, ja gerade zusammen, also werde ich mir mit ihrer Hilfe eben <em>keinen</em> Reim auf die Situation machen k&ouml;nnen. Ich m&uuml;sste denn ein Bild vom Menschen vor Augen haben, nach dem er sich <em>immer</em>, selbst noch in einer existenziellen Grenzsituation, <em>au&szlig;en</em> befindet. Auf jemanden, den seine Lebensumst&auml;nde zur terroristischen Aktion und zum Einsatz des eigenen Lebens treiben, scheint mir dieses &#8220;coole&#8221; Bild vom abstrakten Ich, das n&uuml;chtern und sachlich seinen &#8220;Vorteil&#8221; kalkuliert, aber ganz und gar nicht zu passen. Der Zynismus befindet sich auf der Seite des Bildes, nicht auf der Seite der wirklichen Menschen, die hassen und die verzweifelt sind.</p>
<p>Dass es Lebensumst&auml;nde und Erfahrungen gibt, die einen dazu bringen k&ouml;nnen, auszurasten und in namenlosem Hass um sich zu schlagen, ist im b&uuml;rgerlichen Weltbild offensichtlich nicht vorgesehen. Es kann nur die Entscheidung f&uuml;r ein falsches Prinzip, einen falschen Glauben oder ein falsches Konzept sein, was einen Menschen zum Terroristen macht. Die <em>ideologische Begr&uuml;ndung</em> des Terrors hat sich an die Stelle der <em>Motivation</em> gesetzt, sie wird geradezu damit verwechselt. Dem herrschenden Rationalismus kann die Entsorgung der existenziellen Dimension des Problems nur recht sein. Der Forderung von Kant, dass es bei der Moral und dem Recht auf das Prinzip und sonst nichts ankomme, wird damit genau entsprochen. Alles, was &#8220;blo&szlig;&#8221; empirisch und damit wechselhaft, unbest&auml;ndig und an die jeweilige Situation gebunden ist &#8211; &#8220;Gef&uuml;hl, Antrieb und Neigung&#8221;, wie Kant es formuliert &#8211; hat laut ihm au&szlig;er Betracht zu bleiben. Nur dem Prinzip, nur der reinen Form des freien Willens als solcher, gilt die Aufmerksamkeit des Gesetzes, nicht der <em>Materie</em> des Willens, nicht dem, was den <em>empirischen</em> Menschen bewegt, nicht seinen &Auml;ngsten oder W&uuml;nschen, nicht seinem Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck. F&uuml;r das Funktionieren des Rechtssystems ist es v&ouml;llig ausreichend, wenn sich eine jede Rechtsperson an die Grenze h&auml;lt, die das <em>Prinzip</em> des freien Willens darstellt. Die Willk&uuml;r der einen Privatperson kann mit der Willk&uuml;r der anderen Privatperson zusammen bestehen, wenn sie unter der gleichen Form des allgemeinen Gesetzes wie unter einem gemeinsamen Dach vereinigt sind. <a href="#a1" name="1"><sup>1</sup></a> Was sich diesseits davon abspielt, im Innern des privaten Geh&auml;uses gleichsam, das der freie Wille darstellt, ist, solange es dort bleibt, vom gesetzlichen Standpunkt aus unerheblich. Es ist nicht von allgemeinem Interesse. Im Gegenteil, wenn allzu viel pers&ouml;nliches Schicksal, allzu viel &#8220;Gef&uuml;hl, Antrieb und Neigung&#8221;, hin&uuml;berschwappt in die &ouml;ffentliche Sph&auml;re, dann kann dies f&uuml;r die Anw&auml;lte der Staatsr&auml;son geradezu l&auml;stig und st&ouml;rend sein, ein Hemmschuh beim Kampf gegen die Terroristen.</p>
<p>Der amerikanische Senator Tom Lantos, unzweifelhaft ein Kantianer, hat dies bei einer entsprechenden Gelegenheit deutlich gesagt: &#8220;Konzentration auf pers&ouml;nliche Trag&ouml;dien, Gespr&auml;che mit den Familien von Menschen in Angst und Schrecken und Alptr&auml;umen kann den politischen Entscheidungstr&auml;gern auf staatlicher Ebene vollst&auml;ndig die Kr&auml;fte entziehen, die sie ben&ouml;tigen, um rationale Entscheidungen (! ) im nationalen Interesse (! ) zu f&auml;llen. &#8220;<a href="#a2" name="2"><sup>2</sup></a> Wo bliebe die rationale Anstalt des Staates, wenn es auf die pers&ouml;nlichen Gef&uuml;hle der Menschen ank&auml;me? Die Worte stehen &uuml;brigens im Zusammenhang mit einer Flugzeugentf&uuml;hrung des Jahres 1985, bei der es den Terroristen, Hisbollah-Mitgliedern aus dem Libanon, gelungen war, 756 in Israel einsitzende Schiiten im Austausch gegen 39 amerikanische Geiseln freizupressen. Die gef&uuml;hlsbetonte Berichterstattung der amerikanischen Medien, t&auml;glich ausgestrahlte Interviews mit den Angeh&ouml;rigen der Geiseln, hatten es der Reagan-Administration quasi unm&ouml;glich gemacht, die 39 Geiseln der Staatsr&auml;son zu opfern, sie musste die israelische Regierung zum Nachgeben bewegen. Eine schreckliche Niederlage f&uuml;r all jene, denen das Prinzip wichtiger ist als das Schicksal lebendiger Menschen. Mit Verbrechern verhandelt man bekanntlich nicht, man muss sie bestrafen.</p>
<p>Wenn also die Bushs und Putins keinen Blick auf die n&auml;heren Umst&auml;nde werfen, die einen Landstrich zur &#8220;Brutst&auml;tte des Terrors&#8221; machen, dann verhalten sie sich nur artgerecht. Die Sache des Staates ist die Sache des Prinzips. Jede Gewalt, die nicht im Namen des Gesetzes ausge&uuml;bt wird, ist definitionsgem&auml;&szlig; ungesetzlich, ein Verbrechen. Und das Verbrechen bek&auml;mpft man nat&uuml;rlich im Verbrecher. Die Primitiv-Psychologie, die uns auf die Frage nach der Ursache schlicht mit dem juristischen Verursacher-Prinzip antwortet: wer &uuml;ber einen freien Willen verf&uuml;gt, ist f&uuml;r sein Handeln verantwortlich, ist hier durchaus am Platz. Das amerikanische Au&szlig;enministerium legt Wert auf die &#8220;Betonung der vors&auml;tzlichen und geplanten oder kalkulierten Wesensart von Terrorismus&#8221;. <a href="#a3" name="3"><sup>3</sup></a> Der Terrorismus wird von Terroristen verursacht, b&ouml;se Taten kommen von b&ouml;sen Menschen, so einfach ist das. Was soll da der Hinweis auf irgendwelche Fl&uuml;chtlingslager oder eine hohe Kindersterblichkeit oder die brutale Effizienz des westlichen Kapitalismus? Von der existenziellen Dimension der Angelegenheit d&uuml;rfen sich die Sachwalter der Freiheit nicht beeinflussen lassen.</p>
<p>Wer sich als Systemopposition versteht, muss nicht gleich eine neue Nomenklatur erfinden. Einen Bombenanschlag auf die Londoner U-Bahn als schrecklich und als Verbrechen zu bezeichnen, hat auch f&uuml;r einen Systemoppositionellen nichts Ungeh&ouml;riges. Bei der Beurteilung des Anschlags sollte er aber eine Gewichtung vornehmen, die der des Staates genau entgegengesetzt ist. Er sollte also nicht das verletzte Prinzip, sondern die get&ouml;teten und mental und k&ouml;rperlich verletzten Menschen in den Vordergrund r&uuml;cken. Dabei ist es zweitrangig, ob die aktuelle Situation sie nun gerade in der T&auml;ter- oder in der Opferrolle pr&auml;sentiert. Die Rollen wechseln schnell &#8211; je nach dem, welchen Zeitrahmen und welchen Bedeutungszusammenhang man in den Blick nimmt. Die tschetschenische Selbstmordattent&auml;terin, die sich am 10. Juni 2000 zusammen mit dem russischen General Rassul Gadschijew und acht seiner Leibw&auml;chter in die Luft sprengte, war an diesem Tage ganz offensichtlich eine Terroristin, zuvor aber hatte sie sechzehn ihrer n&auml;chsten Verwandten, darunter ihren Mann, zwei Br&uuml;der und eine Schwester, verloren &#8211; innerhalb eines Jahres get&ouml;tet von ordentlichen oder regul&auml;ren (oder wie man das nennt) russischen Milit&auml;rs, die auf ihre Bitte um die Herausgabe der Leichname ihres Mannes und ihres Bruders nur mit der Drohung, wenn sie keine Ruhe gebe, werde man sie lebendig eingraben, reagiert hatten. <a href="#a4" name="4"><sup>4</sup></a> Auch von einem der dummen Jungen, die im vergangenen Sommer (2006) schlecht konstruierte Kofferbomben in deutschen Z&uuml;gen platzierten, geht das Ger&uuml;cht, er habe bei der Bombardierung des Libanons durch die staatlicherseits dazu erm&auml;chtigte israelische Luftwaffe einen Bruder verloren. Der Gedanke, dass es denjenigen, die terroristische Anschl&auml;ge ver&uuml;ben, nicht unbedingt gut geht, ist, so scheint mir, wenigstens in diesen F&auml;llen nicht von der Hand zu weisen. Die Frage aber, wer nun am Ungl&uuml;ck dieser Menschen wirklich Schuld hat und inwieweit sie selber sich mit Schuld beladen, ist &#8211; da wird mir jeder beipflichten, der schon einmal versucht hat, die Metaphysik auf die Anklagebank zu setzen &#8211; ein weites Feld. Nur diesseits davon, unterhalb der Ebene, auf welcher sich die strategischen Konzepte und ideologischen Bekenntnisse tummeln, kann man dem schlichten Gedanken voranhelfen, dass die Ismen, zumal wenn sie konsequent gehandhabt werden, der Existenz der Menschen nicht eben f&ouml;rderlich sind.</p>
<h4>Insassen des Imperiums</h4>
<p>Als Insassen des westlichen Imperiums sollten wir im Terrorismus zu aller erst eine Gelegenheit sehen, das Thema der Existenz auf die Tagesordnung zu setzen &#8211; das Thema der Existenz, wie es sich <em>hierzulande</em> darstellt. Eben dieses Thema, in dem sich eigentlich jeder Mensch wiedererkennen m&uuml;sste, ist es, das den entscheidenden Ansto&szlig; zu den terroristischen Anschl&auml;gen gegeben hat. Wegen des ideologischen Drumherum ist diese Ebene des Ph&auml;nomens aber versch&uuml;ttet und in den Untergrund verbannt worden. Der Terrorismus, wie er sich gegenw&auml;rtig pr&auml;sentiert und wie er von den Ideologen des Westens nur allzu gerne dargestellt wird, kommt von au&szlig;en. Und auf den ersten Blick trifft das auch zu. Die Desperados, die die Anschl&auml;ge ver&uuml;ben, stammen aus den Verliererregionen dieser Welt, mindestens haben sie enge Kontakte dorthin, wo die kapitalistische Modernisierung gescheitert oder nie sehr weit &uuml;ber das Anfangsstadium der blo&szlig;en Destruktion traditioneller Lebensformen hinausgelangt ist. Wegen der Fremdheit, die das Ph&auml;nomen in geographischer, kultureller und &ouml;konomischer Hinsicht besitzt, liegt es f&uuml;r den oberfl&auml;chlichen Betrachter nahe, auch die zugrunde liegende Problematik als eine fremde anzusehen, die vom aufgekl&auml;rten westlichen Menschen nicht leicht nachzuvollziehen sei. Weil der westliche Mensch sich &#8220;innen&#8221; befindet, wohl geborgen im Scho&szlig; des reichen, friedliebenden, demokratischen und &uuml;beraus zivilisierten westlichen Kapitalismus, gibt es f&uuml;r ihn angeblich keinen Anlass zu hassen und zu verzweifeln. Wenn seine Existenz bedroht ist, dann gewiss nicht von diesem wunderbaren System der westlichen Werte, das seine Freiheit sichert. Die Gefahr droht vielmehr von den Feinden dieses Systems und von all jenen, die sich mit ihnen &#8211; etwa durch ein blo&szlig; beschwichtigendes Verhalten &#8211; gemein machen. In dem Ma&szlig;e, in dem es gelungen ist, die Diskussion auf die ideologische Bahn zu lenken, wird das Feindbild von den <em>islamistischen</em> Terroristen geliefert, von wahnsinnig gewordenen M&ouml;chtegern-Hitlers, die sich allen Ernstes gegen die allein selig machende Normalit&auml;t des westlichen Imperiums stellen und sogar nach der Atombombe greifen. Unter dem Stichwort &#8220;Kampf der Kulturen&#8221; wird schon seit einiger Zeit in dieser Richtung Stimmung gemacht. Und nach dem 11. September erklang der Ruf, die &ouml;ffentliche Meinung m&ouml;ge sich unter der Fahne der &#8220;westlichen Werte&#8221; sammeln und entschlossen f&uuml;r sie eintreten, nat&uuml;rlich besonders laut und penetrant.</p>
<p>Das Pathos, in dem sich die F&uuml;hrer des Westens dabei versuchten, erinnerte in fataler Weise an die nationalistischen Aufrufe aus der ersten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts. Das Echo allerdings, das sie in der Bev&ouml;lkerung fanden, blieb bemerkenswert ged&auml;mpft. Kein Vergleich mit dem August 1914. Es hat momentan nicht den Anschein, als lie&szlig;en sich durch das &ouml;ffentliche Phrasendreschen noch nennenswerte Massen in politische Bewegung setzen. <a href="#a5" name="5"><sup>5</sup></a> Die Bewohner des Westens kennen die Demokratie aus eigener Erfahrung. Sie m&uuml;ssen sich unter dem Schutze der westlichen, auf das einzelne geldverdienende Individuum zugeschnittenen Werte t&auml;glich abhetzen, um den unmenschlichen Anforderungen in Sachen Effizienz und Flexibilit&auml;t zu gen&uuml;gen &#8211; und haben bei allem Sich-Kr&uuml;mmen doch keine Gew&auml;hr, dass sie demn&auml;chst nicht abrutschen ins zunehmend verwahrlosende untere Drittel der Gesellschaft, das mit Drogentoten und verhungerten Kindern von sich reden macht. Sie sind nicht sonderlich aufgeschlossen f&uuml;r Politik-Konzepte, die sie in einen &#8220;Kampf der Kulturen&#8221; zu hetzen versuchen. Nicht einmal der &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; rei&szlig;t sie zu Begeisterungsst&uuml;rmen hin. Wir leben in den Zeiten der &#8220;Ausbildungsm&uuml;digkeit&#8221; und der &#8220;Politikverdrossenheit&#8221;, nicht in denen eines Kreuzzuges f&uuml;r die westlichen Werte. Diese stehen im Gegenteil unter Verdacht. Es greift eine Ahnung, ein Gef&uuml;hl um sich, dass etwas faul ist an der sch&ouml;nen freien Warenwelt. Ein Punkt in einer Masse namenloser Punkte zu sein, mit anderen Menschen durch nichts als die Geldfunktion in Verbindung zu stehen, die t&auml;gliche Existenzangst aber in freier Selbstverantwortung aushalten zu d&uuml;rfen &#8211; das ist nicht die Situation, f&uuml;r die man sein Leben aufs Spiel setzt und Heldentaten vollbringt. Die Demokratie, man sieht es an den Wahlergebnissen, br&ouml;ckelt. Sie ist innerlich ausgeh&ouml;hlt. <a href="#a6" name="6"><sup>6</sup></a> Die Skepsis gegen&uuml;ber der Politik, dass von ihr keine Besserung der Lage zu erwarten sei, reicht weit &uuml;ber das rechts-demokratische W&auml;hlerpotential hinaus. Was fehlt, damit die blo&szlig; noch aus Heuchelei bestehende Fassade der Demokratie endlich zusammenst&uuml;rzt, ist die ausdr&uuml;ckliche Kritik, die dem verbreiteten Unbehagen eine Richtung gibt und den Menschen Mut macht &#8211; Mut, sich dem herrschenden Funktionalismus zu verweigern, anstatt sich ihm mit immer noch mehr Beflissenheit anzudienen und sich jede immer noch weitere Anhebung der Normen, die man als Arbeitsplatzbewerber zu erf&uuml;llen hat, gefallen zu lassen. Hier, meine ich, auf der Ebene der tagt&auml;glich zu ertragenden Existenzbedingungen, liegt der Angriffspunkt, auf den sich die Systemopposition, jede Systemopposition, konzentrieren muss &#8211; und eben nicht im Aushecken und Anpreisen von Strategien und Konzepten, mit denen die sch&ouml;ne &#8220;neue Gesellschaftsordnung&#8221; zu verwirklichen sei. Mit Visionen und Konzepten werden die Leute gef&uuml;ttert bis zum &Uuml;berdruss. Dergleichen h&auml;ngt ihnen zum Halse heraus. Den ideologischen Nebel beiseite schieben und die existenzielle Situation zur Sprache bringen, darum geht es.</p>
<h4>F&uuml;hlen oder Funktionieren</h4>
<p>Der Gedanke, der zu verbreiten ist, lautet: Nicht nur denen geht es schlecht, die &#8220;au&szlig;en&#8221; sind, weil sie der Kapitalismus ausgespuckt oder noch nie in Verwendung gehabt hat, sondern auch denen, die sich &#8220;innen&#8221; befinden, die dem kapitalistischen Funktionalismus unmittelbar unterworfen sind. Nicht nur der Hass, der die Terroristen zu ihren Wahnsinnstaten treibt, ist existenziell nachzuvollziehen, auch jener Hass w&auml;re es, mit dem sich der westliche Mensch gegen seine Existenzbedingungen aufzulehnen h&auml;tte &#8211; es aber bislang noch nicht tut. Er h&auml;tte allen Grund, sich an den Terroristen ein Beispiel zu nehmen &#8211; nicht gerade, was ihre Taten, sehr wohl aber, was diese Gef&uuml;hlsqualit&auml;t angeht. Dies muss zun&auml;chst einmal klar gesagt werden, bevor man den zweiten Schritt tut und ein umst&auml;ndliches Raisonnement dar&uuml;ber beginnt, in welche ideologische Richtung sich dieser Hass, wenn er denn einmal &ouml;ffentlich wirksam und zur Staatskrise werden sollte, sich m&ouml;glicherweise zu wenden oder lieber nicht zu wenden h&auml;tte. Die Ideologien sind zweitrangig. Noch kein Ideologe ist dort, wo er sich hingetr&auml;umt hat, auch angekommen. Aber noch jeder Ideologe musste sich auf die Existenzbedingungen der Menschen einlassen. Erst recht m&uuml;ssen das diejenigen tun, die den Ideologen das Wasser abgraben wollen.</p>
<p>Dem Hass und &uuml;berhaupt allen elementaren Gef&uuml;hlsqualit&auml;ten sich zuzuwenden, sie zu ermuntern, ihnen eine Stimme zu geben, ist gerade in den &#8220;hochzivilisierten&#8221; L&auml;ndern des westlichen Imperiums eine eigene Aufgabe. Jeder, der das verk&uuml;mmerte Seelenleben des westlichen Menschen kennt, wird mir darin zustimmen. Denn seine Not besteht ja eben darin, dass er ohne einen berechnenden Seitenblick in Richtung: wie kommt das an? noch nicht einmal traurig oder w&uuml;tend sein kann. Dass er den Kontakt zu seinen elementaren Bed&uuml;rfnissen verloren hat, dass er nicht einmal sp&uuml;ren kann, was ihm &#8211; au&szlig;er Geld &#8211; vielleicht sonst noch fehlt, geschweige dass er sich im Namen dieser Bed&uuml;rfnisse zu wehren verm&ouml;chte gegen die Zumutungen des Funktionalismus des Geldes. Ein moderner Arbeitnehmer, der sozusagen auf dem neuesten Stand der Zivilisation ist, bringt es ja fertig, sich schwerkrank in den Betrieb zu schleppen und den Tod zu riskieren &#8211; um nur ja der Gefahr der Entlassung vorzubeugen. Wer sich so verh&auml;lt, hat es aufgegeben, einen Unterschied zwischen dem Leben und dem Funktionieren zu machen, der wei&szlig; vermutlich noch nicht einmal, wovon bei diesem Unterschied die Rede ist.</p>
<p>Der Funktionalismus, dem wir unterworfen sind, ist eben kein Ismus der herk&ouml;mmlichen Art, keine Glaubens&uuml;berzeugung, der man durch den individuellen Akt des Nichtglaubens oder des Dagegenseins beikommen k&ouml;nnte, er bestimmt vielmehr als &#8220;objektive Realit&auml;t&#8221; unser t&auml;gliches Leben. Er befindet sich <em>in</em> dem modernen Individuum, das von klein auf und unter Schmerzen lernen musste, mit dieser Realit&auml;t zurecht zu kommen. Das moderne Ich ist historisch &uuml;berhaupt erst im Prozess der Anpassung an diese Objektivit&auml;t entstanden. Als eine leere Abstraktion, die jeglichen Inhalt immer nur in dieser Form der Objektivit&auml;t, als ein &auml;u&szlig;eres Gegen&uuml;ber, wahrzunehmen vermag, ist es zur Kritik dieser Objektivit&auml;t, an der ja definitionsgem&auml;&szlig; nicht zu r&uuml;tteln ist, g&auml;nzlich au&szlig;er Stande. Es hat gelernt, das, was in der kapitalistischen Welt als Vorteil gilt, zu berechnen, es kann die vom Markt gebotenen Chancen ausn&uuml;tzen, aber von dem, was man nur sp&uuml;ren kann, von der R&uuml;cksichtnahme auf die materiellen Bed&uuml;rfnisse, die ein gutes Leben ausmachen, versteht es nichts. Gerade in der Realit&auml;tsbeflissenheit des modernen Ichs steckt die Gewalt, die sich ein jeder und eine jede antun muss, der oder die unter den Vorgaben der Objektivit&auml;t Erfolg haben oder auch blo&szlig; auf anst&auml;ndige Weise &uuml;berleben will.</p>
<p>Mit der Friedensliebe, die zum Standardvokabular der Demokratie geh&ouml;rt, ist immer der &ouml;ffentliche Friede gemeint. Dieser aber verdankt sich nur zum kleineren Teil der Staatsgewalt, zum gr&ouml;&szlig;eren beruht er auf der Selbstvergewaltigung des einzelnen Individuums, die eben darin besteht, dass es ein solches vereinzeltes (und in der Vereinzelung vom Staat gesetztes und affirmiertes) Individuum zu sein hat. Das moderne Individuum ist daran gew&ouml;hnt, nicht nur den Erfolg, sondern auch den Misserfolg als seine Privatangelegenheit zu betrachten. Es &uuml;bersetzt den Druck, der von der Objektivit&auml;t her kommt, ins Pers&ouml;nliche und trachtet danach, auf eigene Faust damit fertig zu werden. Die moderne Gesellschaft der abstrakten Individuen besitzt daher eine unerh&ouml;rte Kapazit&auml;t beim Verdauen und Abpuffern von Frustrationen, die sich gerade in der Krise bew&auml;hrt. Das millionenfache Ungl&uuml;ck, das sie erzeugt, wird erstens blo&szlig; in den herrschenden Kategorien von Ware und Geld wahrgenommen, zweitens betrifft es lauter Einzelne, die meinen, von einem pers&ouml;nlichen Ungl&uuml;ck getroffen worden zu sein, das sie sich wom&ouml;glich auch noch selber, ihrer eigenen Unt&uuml;chtigkeit und Unf&auml;higkeit, zuzuschreiben haben. Die Ideologie der individuellen Freiheit, die mit den Bildern des Erfolges nicht geizt, gaukelt ihnen vor, dass es auch ganz anders h&auml;tte kommen k&ouml;nnen, dass die Pechstr&auml;hne, in der sie sich vermeintlich befinden, jederzeit und vielleicht schon bald durch eine Gl&uuml;cksstr&auml;hne abgel&ouml;st werden kann. Mindestens eine Hintert&uuml;r, ein individuelles, h&ouml;chstpers&ouml;nliches Schlupfloch, das sich durch ein noch Mehr an Leistung, durch ein noch besseres Funktionieren aufmachen l&auml;sst, muss es doch geben. Die kapitalistische Krise entsch&auml;rft sich auf diese Weise selbst durch die Form, in der sie wahrgenommen und erlebt wird. Sie versickert gleichsam in der privaten Struktur, die als die &#8220;W&uuml;rde&#8221; des vereinzelten Individuums von der herrschenden Staatspartei nach Kr&auml;ften zelebriert wird. Sie wird absorbiert von der Unzahl der Einzelschicksale, die sich alle voneinander unterscheiden.</p>
<h4>&#8220;Je l&auml;nger die Stille, desto f&uuml;rchterlicher, was sich in der Tiefe zusammenbraut&#8221;</h4>
<p>Der Druck, der auf den existenziellen Bed&uuml;rfnissen lastet, wird durch die privaten Ausfl&uuml;chte und Verarbeitungsformen der Krise nicht etwa abgemildert, sondern verst&auml;rkt. Aber das Anziehen der Schraube geschieht (jedenfalls f&uuml;r die Verh&auml;ltnisse eines Menschenlebens) allm&auml;hlich, und bis die private Form hinl&auml;nglich abgen&uuml;tzt und zerschlissen ist und als solche in Misskredit kommt, vergeht Zeit, viel Zeit. Darin aber besteht die Gefahr, in der wir uns gegenw&auml;rtig befinden. In mentaler Hinsicht ist das abstrakte, allen Inhalts entbl&ouml;&szlig;te Ich des demokratisch vergesellschafteten Menschen so armselig und so verwahrlost, wie es die sogenannten <em>boat-people</em>, jene Elendsgestalten, die sich mit letzter Kraft von der geographischen Peripherie des Kapitalismus ausgerechnet in sein Zentrum zu retten versuchen, der &auml;u&szlig;eren Erscheinung nach sind. Aber anders als diesen, die sich &uuml;ber ihren Zustand keiner T&auml;uschung hingeben k&ouml;nnen, fehlt dem abstrakten Individuum das entsprechende Bewusstsein. Es w&auml;re sonst keines. Die Unterwerfung unter die Marktgesetze erfolgt ja unter dem Vorzeichen der Freiwilligkeit. Das ordentliche Funktionieren im Rahmen der herrschenden Objektivit&auml;t gilt nicht nur als ein Gebot der Moral, im landl&auml;ufigen Verst&auml;ndnis ist sogar die Hoffnung auf Gl&uuml;ck damit verbunden. Entsprechend heftig muss die Entt&auml;uschungsreaktion ausfallen, wenn die privaten Illusionen zerfallen, wenn sich das unwiderlegbare Gef&uuml;hl verbreitet, dass der &#8220;st&auml;ndige Kampf&#8221;, in dem sich viele Menschen stehen sehen<a href="#a7" name="7"><sup>7</sup></a>, ohne jede Aussicht auf Erfolg gef&uuml;hrt wird, dass er nur in der Ersch&ouml;pfung und in der Krankheit m&uuml;nden kann &#8211; und in sonst nichts. Je l&auml;nger die Menschen weitermachen im alten Trott des Funktionalismus, je mehr Zeit vergeht, in der die unterdr&uuml;ckten Bed&uuml;rfnisse sich aufstauen, desto verheerender die Gewalt, mit der die Emotion, das unbekannte Wesen, schlie&szlig;lich hervorbrechen wird. &#8220;Je l&auml;nger die Stille, desto f&uuml;rchterlicher, was sich in der Tiefe zusammenbraut. &#8220;<a href="#a8" name="8"><sup>8</sup></a></p>
<p>In diesem Sinne ist der Terrorismus ein Menetekel. Die Botschaft, die er dem verstockten, seelisch verh&auml;rteten, im Korsett der Objektivit&auml;t erstarrten westlichen Menschen zuruft, l&auml;sst sich, entkleidet von den ideologischen Floskeln, vielleicht in die folgenden Worte fassen: &#8220;Ja, das gibt es tats&auml;chlich: Menschen, die derart verzweifelt sind und hassen, dass sie kein Funktionalismus mehr einfangen kann; die so gr&uuml;ndlich aus dem Normengef&uuml;ge der kapitalistischen Gesellschaft herausgefallen sind, dass sie keinem ihrer Effizienzkriterien mehr gen&uuml;gen &#8211; und auch gar nicht mehr gen&uuml;gen wollen; die der westlichen Milit&auml;rmaschinerie hoffnungslos unterlegen sind, sich aber dennoch nicht unterwerfen &#8211; weil sie vor lauter Ungl&uuml;ck und ohnm&auml;chtiger Wut selbst das nicht mehr fertig bringen; die sich lieber selbst in die Luft sprengen, als im Zustand des Elends, der Erniedrigung und der Hoffnungslosigkeit weiterzuleben. W&auml;re dieses unleugbare Ende der westlichen Ausstrahlungskraft f&uuml;r Dich, westlicher Mensch, nicht endlich ein Anlass zu stutzen und Dich auf Deine eigene existenzielle Situation zu besinnen? Wie lange willst Du in dieser stumpfsinnig rotierenden Maschine des Kapitalismus, die von Dir nur immer noch mehr Anpassung an die sich laufend steigernde Geschwindigkeit verlangt, noch weiterfunktionieren? Wann wirst <em>Du</em> endlich Deine vitalen Bed&uuml;rfnisse ernst nehmen, Deinerseits Halt rufen und mit dem f&auml;lligen Aufstand beginnen? &#8221;</p>
<p>Im Nahen und Mittleren Osten empfinden die Menschen das westliche System &#8211; bis zu einem gewissen Grade sicher zu Recht &#8211; als eine von au&szlig;en kommende Bedrohung, als milit&auml;rische Besatzungsmacht. Dieses von einschl&auml;gigen Erfahrungen gen&auml;hrte Gef&uuml;hl interferiert mit dem auf dem Wege der Modernisierung liegenden Erfordernis, eine neue, eine <em>politische </em>Identit&auml;t zu entwickeln. Die terroristischen Anschl&auml;ge lassen sich hier mit Leichtigkeit politisch interpretieren und in einen Bedeutungszusammenhang einordnen, den man in Erinnerung an die entsprechende Phase der europ&auml;ischen Geschichte als sp&auml;te Version der &#8220;Nationalisierung der Massen&#8221; bezeichnen k&ouml;nnte, kollektiver b&uuml;rgerlicher Identit&auml;tsfindung also. In dieser Richtung hat der westliche Mensch nichts mehr zu suchen. Seine Identit&auml;t, in der die Systemzw&auml;nge als objektive Realit&auml;t vorausgesetzt werden, ist so kollektiv, dass es kollektiver nicht geht. Mehr Vergesellschaftung als die zum &#8220;Menschsein &uuml;berhaupt&#8221; ist nicht m&ouml;glich. Die Opposition, die ihm noch bleibt, kann nicht in einen neuen Glauben an ein neues, noch umfangreicheres System gegossen werden. Oppositionell sein hei&szlig;t hier kehrtmachen und jegliche Systematik verweigern. Nur, wenn er f&uuml;r seine stofflich-realen Bed&uuml;rfnisse eintritt, f&uuml;r elementare Dinge wie ausreichenden Schlaf, gesundes Essen und Zeit f&uuml;r die Liebe, wenn er sich angesichts der &#8220;objektiven Anforderungen&#8221; des Systems f&uuml;r inkompetent und unbrauchbar erkl&auml;rt, wenn er gleichsam offensiv kapituliert und im Namen seiner Unzul&auml;nglichkeit auftrumpft, wenn er seine Langsamkeit, seine Begrenztheit, sein Nicht-mehr-mithalten-K&ouml;nnen geltend macht, kann er eine Art von Sabotage zu Stande bringen und den auf ihm lastenden Druck vermindern.</p>
<p>Und nur in diesem Falle, wenn es gelingt, die eine oder andere Schleuse schon vorher zu &ouml;ffnen, l&auml;sst sich hoffen, dass die auf uns zurollende Tsunami-Welle, die das soziale Erdbeben &#8211; im Aufruhr der franz&ouml;sischen Vorst&auml;dte und in vielen anderen Vorzeichen (z. B. im Umkreis der Fu&szlig;ballstadien) k&uuml;ndigt es sich bereits an &#8211; in seinem Gefolge haben wird, in ihrer zerst&ouml;rerischen Wucht abgemildert werden kann. Nur dies, wirksamer Widerstand, der sich im Inneren des westlichen Systems selber bemerkbar macht, der den allzu hei&szlig; gelaufenen Motor zum Stottern bringt, wird auch den Druck, zumindest den milit&auml;rischen Druck, von den Verliererregionen des Weltkapitalismus nehmen und es erm&ouml;glichen, dass dort ein differenziertes Bild des &#8220;Systems Westen&#8221; um sich greift und dass die &Uuml;berzeugung der Terroristen, hier w&uuml;rde man ohnehin &#8220;immer die Richtigen&#8221; treffen, an Boden verliert.</p>
<hr />Anmerkungen</p>
<p><a href="#1" name="a1"><sup>1</sup></a> Vgl. I. Kant, Metaphysik der Sitten, S. 337 (Band 8 der Weischedel-Ausgabe).</p>
<p><a href="#2" name="a2"><sup>2</sup></a> B. Hoffman, Terrorismus, S. 176.</p>
<p><a href="#3" name="a3"><sup>3</sup></a> B. Hoffman, a. a. O. , S. 48.</p>
<p><a href="#4" name="a4"><sup>4</sup></a> Mainat Abdulajewa, Warum sie morden, <em>FAZ</em> vom 4.9.2004, S. 35. Von den achtzehn Frauen, die an der Besetzung des Moskauer Musical-Theaters beteiligt waren, wei&szlig; der Artikel &auml;hnliche Schicksale zu berichten: &#8220;Alle hatten sie ihre M&auml;nner, Br&uuml;der, Kinder verloren oder Folter und Gewalt durch russische Soldaten am eigenen Leib erfahren. &#8221;</p>
<p><a href="#5" name="a5"><sup>5</sup></a> Was, wie schon an anderer Stelle gesagt, die F&auml;higkeit, Krieg zu f&uuml;hren, leider nicht allzu sehr beintr&auml;chtigen muss.</p>
<p><a href="#6" name="a6"><sup>6</sup></a> &#8220;Woran es mangelt, ist die W&auml;rme, mit der wir uns zu unseren Werten bekennen. Ansteckend kann die Demokratie nur wirken, wenn sie nicht routiniert betrieben oder anderen mit Gewalt aufgezwungen, sondern mit Enthusiasmus gelebt wird.&#8221; (Wolf Lepenies in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2006, <em>SZ</em> vom 9.10.2006, S. 17) So kl&auml;glich klingt die Demokratie heute, wo sie blo&szlig; noch in den Gewohnheiten stark ist, ihren historischen Sinn aber eingeb&uuml;&szlig;t hat.</p>
<p><a href="#7" name="a7"><sup>7</sup></a> Laut der k&uuml;rzlich von der Friedrich-Ebert-Stiftung ver&ouml;ffentlichten Armuts-Studie &#8220;empfinden 46 Prozent der B&uuml;rger ihr Leben als st&auml;ndigen Kampf&acute;&#8221; (<em>SZ </em>vom 16.10.2006, S. 1).</p>
<p><a href="#8" name="a8"><sup>8</sup></a> <em>Der Spiegel</em> 44, 2006, S. 182, zur Frage eines m&ouml;glicherweise bevorstehenden Vesuvausbruches. Von dem destruktiven Potential, das in der massenhaft empfundenen Entt&auml;uschung und Verbitterung enthalten ist, darf man sich durchaus auch an Hand der nationalsozialistischen Bewegung ein Bild machen. Die Energie dieser Bewegung wurde seinerzeit vom Staat noch weitgehend der Totalisierung und Modernisierung nutzbar gemacht, was bei dem heute erreichten Grad der Verstaatlichung, wo sich die Menschen in der Gleichschaltung sogar frei zu sein d&uuml;nken, wohl unm&ouml;glich geworden ist.</p>
</td>
</tr>
</table>
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		<title>Wegsehen oder Solidarität mit Israel?</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:30:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kampf der Kulturen?]]></category>
		<category><![CDATA[Galow-Bergemann; Lothar]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/wegsehen-oder-solidaritaet-mit-israel">Wegsehen oder Solidarität mit Israel?</a></p>
<h3>Civilization of Clash und antisemitischer Vernichtungswahn</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p>von Lothar Galow-Bergemann <span id="more-446"></span></p>
<h4>1. </h4>
<p>&#8220;Israel muss von der Bildfl&auml;che getilgt werden. &#8221;</p>
<p>&#8220;Die Wurzel des zionistischen Regimes muss trockengelegt werden. &#8221;</p>
<p>&#8220;Die Anwendung einer einzigen Atombombe w&uuml;rde Israel v&ouml;llig zerst&ouml;ren, w&auml;hrend sie der islamischen Welt nur begrenzte Sch&auml;den zuf&uuml;gen w&uuml;rde. &#8221;</p>
<p>Wer dem gegenw&auml;rtigen iranischen Pr&auml;sidenten Ahmadinejad diese Worte in den Mund legen wollte, l&auml;ge falsch. Das erste Zitat stammt von Chomeini, dem iranischen Revolutionsf&uuml;hrer von 1979 bis 1989<a href="#a1" name="1"><sup>1</sup></a>, das zweite vom derzeitigen religi&ouml;sen F&uuml;hrer Khamenei<a href="#a2" name="2"><sup>2</sup></a> und das dritte vom ehemaligen Staatspr&auml;sidenten Rafsandschani<a href="#a3" name="3"><sup>3</sup></a>, der in Deutschland allen Ernstes den Ruf eines &#8220;gem&auml;&szlig;igten&#8221; Vertreters des iranischen Regimes genie&szlig;t.</p>
<p>Ahmadinejads Vernichtungsaufrufe gegen Israel sind mitnichten die &#8220;Einzelmeinung eines Verr&uuml;ckten&#8221; in der Machtelite des Gottesstaates. <em>Warum wird das trotzdem so gerne geglaubt? </em> Wer wollte, h&auml;tte die Absichten des iranischen Regimes schon lange vor Ahmadinejad zur Kenntnis nehmen k&ouml;nnen. <em>Warum taten es so wenige? </em></p>
<p>&#8220;Die eigentlichen Regisseure aller Aktivit&auml;ten der Amerikaner sind der Jude, der Zionist und sogar die Christen mit zionistischen Tendenzen. Hollywood, der Verein, der weltweit Unsitte und Verderbtheit der Gro&szlig;kapitalisten verbreitet, ist in den H&auml;nden von Juden, Zionisten oder Menschen, die in ihrer Gewalt sind. &#8221;</p>
<p>So nicht irgendein Provinzmullah, sondern der Vertreter Khameneis, Rahimian. <a href="#a4" name="4"><sup>4</sup></a> Die herrschenden Islamisten sind vom antisemitischen Wahn befallen. <a href="#a5" name="5"><sup>5</sup></a> <em>Warum str&auml;uben sich so viele, dies zur Kenntnis zu nehmen? </em></p>
<p>Noch einmal Rahimian: &#8220;Der Jude ist der hartn&auml;ckigste Feind des Frommen. Und der Hauptkrieg wird &uuml;ber das Schicksal der Menschheit bestimmen. Ein Krieg, der schlie&szlig;lich &uuml;ber die Weltherrschaft des Islam entscheiden wird; das Wiedererscheinen des 12. Imam wird einen Krieg zwischen Israel und der Shia mit sich bringen. &#8220;<a href="#a6" name="6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Der dem antisemitischen Wahn verfallene islamische Fundamentalismus setzt auf Krieg und strebt nach Weltherrschaft. <a href="#a7" name="7"><sup>7</sup></a> <em>Warum verschlie&szlig;en so viele die Augen davor? </em></p>
<h4>2. </h4>
<p>Manchmal erstaunt das Ausma&szlig; der Solidarit&auml;t mit Israel. Liest man die Kommentarspalten und lauscht den politischen Debatten, so vertreten das in Deutschland <em>eigentlich</em> fast alle. Seltsamerweise wird es meist umso mehr betont, je heftiger die Stellungnahmen gegen Israel ausfallen. Auch ist sich der Chor der <em>eigentlich</em> um Israel Besorgten jedes Mal im Handumdrehen dar&uuml;ber einig, dass Israel <em>eben gerade diesmal leider</em> <em>wieder</em> falsch handle, folglich halt doch irgendwie selber an seiner Lage schuld sei. So gibt es f&uuml;r die <em>eigentlichen</em> Freunde Israels auch <em>eigentlich </em>nur einen einzigen Fall, in dem sie <em>nicht</em> solidarisch mit Israel sein k&ouml;nnen: dann n&auml;mlich, wenn es konkret wird. Das &auml;ndert selbstverst&auml;ndlich gar nichts daran, dass man so ganz im Allgemeinen <em>eigentlich</em> unheimlich dicke solidarisch mit dem Judenstaat ist.</p>
<p>Diese <em>Eigentlichkeit</em> ist eine sch&ouml;ne Sache, garantiert sie einem doch ein best&auml;ndig gutes Gewissen. Au&szlig;erdem ist sie sehr produktiv, denn sie f&uuml;hrt dazu, dass in Deutschland in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden Eier gelegt werden. Erst k&uuml;rzlich landete eines im Neste 25 deutscher Professoren und die taten das Ganze selbstredend weder unter einem Manifest<a href="#a8" name="8"><sup>8</sup></a> noch ohne lautes Gegacker &uuml;ber &#8220;Holocaust und deutsche Verantwortung&#8221;. Doch klopft man die glatte Schale auf, schl&auml;gt einem Gestank entgegen: Die Verfasser, die offenbar wirklich glauben, sich mit der Lage Israels zu befassen, erw&auml;hnen auf vier ausgedruckten Seiten kein einziges Mal, dass das iranische Regime den Holocaust leugnet, zur Vernichtung Israels aufruft und nach Atomwaffen strebt. Eine erstaunliche Leistung, derer allerdings viele f&auml;hig sind, die mit Statements &uuml;ber Israel und seine Politik nicht geizen. Nicht zuletzt in der politischen Linken sind traditionell ganze Legebatterien damit besch&auml;ftigt, solche faulen Eier in die Welt zu setzen.</p>
<h4>3. </h4>
<p>Kaum ein Ph&auml;nomen wird so sehr untersch&auml;tzt wie der Antisemitismus. Nach allem, was er bereits angerichtet hat, ein unglaublicher Vorgang. Genauer gesagt, eine ungeheure Verdr&auml;ngungsleistung. Dass &#8220;die Nazis&#8221; den Holocaust zu verantworten hatten, nicht aber die Deutschen/&Ouml;sterreicher, ist <em>die</em> Lebensl&uuml;ge der Gesellschaften in den Nachfolgestaaten des Gro&szlig;deutschen Reiches. Die vermeintlich so viel bessere Linke unterscheidet sich, von l&ouml;blichen Ausnahmen abgesehen, nicht vom Mainstream. Schlie&szlig;lich musste sie mit &#8220;der Arbeiterklasse und dem Volk&#8221; nicht nur ihre Legitimationsgrundlage retten, sie wollte sich auch nie ihrer eigenen antisemitischen Geschichte bewusst werden. <a href="#a9" name="9"><sup>9</sup></a> Folgerichtig war der Antisemitismus jahrzehntelang im herrschenden Bewusstsein irgendwo &#8220;fr&uuml;her&#8221; angesiedelt, &#8220;heute&#8221; hingegen hatte er sich weitgehend erledigt.</p>
<p>Zwar ist diese Haltung in den letzten Jahren unter dem Druck der Tatsachen ein wenig in die Defensive geraten. Denn schlie&szlig;lich ist es fast schon wieder Alltag, dass Kinder auf Schulh&ouml;fen wegen ihres J&uuml;dischseins verpr&uuml;gelt und in Fu&szlig;ballstadien Fahrkarten nach Auschwitz angepriesen, ja sogar Menschen umgebracht werden, <em>weil</em> sie Juden sind. Selbst die Friedrich-Ebert-Stiftung stellt fest, dass jeder siebte Deutsche der Meinung ist, &#8220;Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigent&uuml;mliches und passen nicht so recht zu uns. &#8220;<a href="#a10" name="10"><sup>10</sup></a> Was viele nicht mehr f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tten &#8211; der prim&auml;re, ungeschlachte, offene Antisemitismus traut sich wieder ans Tageslicht.</p>
<p>Doch so widerlich er ist, er ist nicht das Hauptproblem. Nach wie vor gilt er als verp&ouml;nt und wer sich dazu bekennt, muss erfreulicherweise immer noch mit der politischen und gesellschaftlichen &Auml;chtung rechnen. Weit gef&auml;hrlicher, weil wirkm&auml;chtiger, ist der variierte Antisemitismus, der sich nach 1945 etabliert hat und der felsenfest davon &uuml;berzeugt ist, dass er &#8220;nichts gegen Juden&#8221; hat. Er tritt vorwiegend als Antizionismus auf, ist zutiefst von seiner Moralit&auml;t &uuml;berzeugt und will &#8220;ja nur Israel kritisieren&#8221;.</p>
<h4>4. </h4>
<p>Sobald sich das kapitalistische Alltagsbewusstsein zur Kritik aufschwingt, wittert es Verschw&ouml;rung. Es kann sich nicht erkl&auml;ren, wie Krise, Ausbeutung, Armut und Elend in die Welt kommen, wo ihm Arbeit, Ware, Kaufen und Verkaufen doch so selbstverst&auml;ndlich sind wie die Luft zum Atmen. Nie k&auml;me es auf die Idee, die Grundlagen der warenf&ouml;rmigen Vergesellschaftung zu hinterfragen. Ihre Folgen scheinen ihm einem anderen Universum zu entstammen. So macht es sich denn auf die Suche nach dem B&ouml;sen und seinen Strippenziehern und wird auch regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;ndig. Mal erscheint es ihm als raffgieriger Manager oder Heuschrecke, mal als &Ouml;lkonzern oder US-Pr&auml;sident und versklavt die Menschheit.</p>
<p>In Deutschland macht seit geraumer Zeit eine antisemitisch besetzte Metapher Karriere: Die Heuschrecken, von denen man sich all&uuml;berall bedroht sieht. <a href="#a11" name="11"><sup>11</sup></a> Doch l&auml;ge man daneben, wollte man allen, die sie benutzen, gleich ein antisemitisches Weltbild unterstellen. Die meisten denken dabei vermutlich nicht an Juden und haben auch wirklich &#8220;nichts gegen sie&#8221;. Das &uuml;berrascht nicht. Denn das Bild des verschlagenen Juden, der &#8211; obwohl einer kleinen Minderheit angeh&ouml;rig &#8211; eine ungeheure und undurchschaubare weltweite Macht aus&uuml;bt, der l&uuml;gt und heuchelt, die Geldstr&ouml;me dirigiert, r&uuml;cksichtslos brutal auf seinen eigenen Vorteil aus ist, Kriege anzettelt und die &#8220;V&ouml;lker&#8221; auspl&uuml;ndert &#8211; es ist seit der Shoah gr&uuml;ndlich diskreditiert.</p>
<p>Quicklebendig hingegen ist die frappierend &auml;hnliche Vorstellung vom b&ouml;sartigen Israel, das &#8211; obwohl doch so klein &#8211; einen ungeheuren, undurchschaubaren Einfluss auf die Weltpolitik aus&uuml;bt, selbst die Weltmacht USA stark beeinflusst, wenn nicht gar steuert, l&uuml;gt und heuchelt, r&uuml;cksichtslos brutal und egoistisch die &#8220;V&ouml;lker&#8221; bedroht und auspl&uuml;ndert sowie Kriege anzettelt. Dieses Phantasma hat eine &auml;u&szlig;erst zahlreiche Anh&auml;ngerschar &#8211; von rechts bis links und von Isfahan bis Hamburg.</p>
<p>So diskreditiert das eine, so &#8220;legitim&#8221;, gar en vogue, das andere. Beide Bilder &#8211; das der gierigen Heuschrecke und das des b&ouml;sartigen Israel &#8211; sind zwar nicht deckungsgleich, aber sie kriechen aus demselben Scho&szlig; des in Verschw&ouml;rungsphantasien fiebernden kapitalistischen Krisenbewusstseins. So ist es kein Zufall, dass sie h&auml;ufig miteinander verschmelzen und Israel als eine Art &#8220;Weltheuschrecke&#8221; imaginiert wird.</p>
<p>Israel ist die Konsequenz aus Antisemitismus und Shoah. Antizionismus bestreitet den Juden das Recht, endlich nicht mehr verfolgte Minderheit zu sein und in einem Staat zu leben, in dem sie die Mehrheit stellen. Er bedient sich gro&szlig;teils antisemitischer Stereotype und &uuml;bertr&auml;gt sie auf Israel. Er hat eine Platzhalterfunktion f&uuml;r den gesellschaftsunf&auml;higen Antisemitismus eingenommen. <a href="#a12" name="12"><sup>12</sup></a></p>
<h4>5. </h4>
<p>Diese Feststellung st&ouml;&szlig;t h&auml;ufig auf emp&ouml;rte Abwehr: &#8220;Man will Kritik mundtot machen, indem man unterstellt, jede Kritik an israelischer Politik sei antisemitisch.&#8221; Nun gibt es zwar, abgesehen von ein paar Stilbl&uuml;ten &#8220;antideutscher&#8221; Provenienz, praktisch keine Position, die eine solche Absurdit&auml;t vertritt. Nichtsdestotrotz ist die Einbildung, dass es dieses Kritikverbot wirklich g&auml;be, ein au&szlig;erordentlich beliebter und hingebungsvoll gehegter Popanz der &#8220;Israelkritiker&#8221; verschiedenster Couleur. Ihre Reklamation eines Rechts auf &#8220;Israelkritik&#8221; verr&auml;t &uuml;brigens mehr &uuml;ber sie, als ihnen wom&ouml;glich selbst bewusst ist. Schlie&szlig;lich gibt es auch keine Frankreichkritik, Japankritik oder Russlandkritik, sondern immer nur Kritik an franz&ouml;sischer, japanischer und russischer Politik. Auch der Verweis auf innerisraelischen politischen Streit hilft den &#8220;Israelkritikern&#8221; nicht so recht weiter. Denn wer als Nichtjude und Nichtisraeli, zumal in Deutschland, &uuml;ber israelische Politik spricht, sagt, sogar wenn er die gleichen Worte verwenden mag, unter Umst&auml;nden etwas sehr viel anderes als das, was in Israel gesprochen und gemeint wird. Weil man glaubt, diese Klippe trickreich umschiffen zu k&ouml;nnen, sind in Deutschland j&uuml;dische und/oder israelische Kronzeugen, die Israel in Grund und Boden &#8220;kritisieren&#8221;, so beliebt. So werden in der Mainstream-Linken seit Jahren ein bis zwei Handvoll Leute herumgereicht, die in Israel weitgehend isoliert sind. <a href="#a13" name="13"><sup>13</sup></a></p>
<p>6.</p>
<p>Der Nahostkonflikt ist nicht nur, aber <em>auch</em> ein Streit um Land und Ressourcen. Dass er von vielen <em>ausschlie&szlig;lich</em> als ein solcher wahrgenommen wird, ist fatal, aber tun wir der Einfachheit halber einmal so, als gehe es wirklich nur darum: Es muss erstaunen, wie viel selbst auf dieser Ebene ausgeblendet wird.</p>
<p>Spontan abrufbar, oft en detail, sind Berichte &uuml;ber israelische Schikanen an Kontrollposten, gezielte Liquidierung von Pal&auml;stinensern, T&ouml;tung Unschuldiger durch die israelische Armee oder Erschwernisse f&uuml;r viele Pal&auml;stinenser durch Mauer, Besatzung und Siedlungspolitik. Was man nicht wei&szlig;, nicht wissen will oder was bestenfalls ein Schattendasein im Bewusstsein &uuml;ber den Konflikt f&uuml;hrt, ist dagegen beispielsweise, dass bisher noch jede Lockerung von Kontrollen f&uuml;r neue Terroranschl&auml;ge benutzt wurde; dass sich gezielte Liquidierungen gegen die Organisatoren des Selbstmordterrors richten und viele Anschl&auml;ge verhindert haben; dass die Errichtung der Sperranlagen zu einem starken R&uuml;ckgang der Terroranschl&auml;ge gef&uuml;hrt hat; dass Israel st&auml;ndig Selbstmordanschl&auml;ge verhindert, was meistens gar nicht den Weg in unsere Medien findet; dass Hamas und Co die Taktik der &#8220;menschlichen Schutzschilde&#8221; verwenden; dass Israel f&uuml;r die sehr weitgehende einseitige Vorleistung des R&uuml;ckzugs aus dem Gazastreifen nichts als anhaltenden Raketenbeschuss erntet; dass die Charta der Hamas ein Dokument des antisemitischen Wahns ist; dass schon seit 1948 ein pal&auml;stinensischer Staat existieren k&ouml;nnte, wenn man auf arabischer Seite die Koexistenz mit dem Judenstaat dem wiederholten Versuch seiner Vernichtung vorgezogen h&auml;tte.</p>
<p><em>Warum spielt das alles kaum eine Rolle in der Wahrnehmung des Konflikts? </em> Was die &#8220;Israelkritiker&#8221; umtreibt, ist nicht etwa die Sorge um die Pal&auml;stinenser. Es ist allein Israel. Sie k&ouml;nnen aus dem Stegreif einen Vortrag &uuml;ber das Massaker von Sabra und Shatila halten<a href="#a14" name="14"><sup>14</sup></a>, verlieren aber kein Wort &uuml;ber den &#8220;Schwarzen September&#8221;<a href="#a15" name="15"><sup>15</sup></a>, die Massaker schiitischer Amal-Milizen<a href="#a16" name="16"><sup>16</sup></a> oder die entw&uuml;rdigenden Lebensbedingungen, die die meisten arabischen Regimes den Pal&auml;stinensern zumuten. Diese Haltung ist allerdings nur konsequent, denn man kehrt sich in diesen Kreisen auch auffallend wenig um die zigtausenden Muslime, die seit Jahren im Sudan dran glauben m&uuml;ssen. Ihr Pech scheint zu sein, dass sie von Muslimen abgeschlachtet werden.</p>
<p>Selbst wenn man die pal&auml;stinensischen Zahlen &uuml;ber Tote und Verletzte als wahr unterstellen w&uuml;rde<a href="#a17" name="17"><sup>17</sup></a> &#8211; sie st&uuml;nden immer noch in keinerlei Verh&auml;ltnis zu alledem. Trotzdem findet man dazu keine Demonstrationen, Mahnwachen, Leserbriefe, Manifeste oder Unterschriftensammlungen. <em>Sobald man Israel (und den USA) nichts anh&auml;ngen kann, l&ouml;st sich der hochmoralische Anspruch deutscher Friedensfreunde im Handumdrehen in Luft auf. </em></p>
<p>Unbewusst wirken daf&uuml;r umso mehr antisemitische Stereotype. &#8220;Du sollst deinen N&auml;chsten lieben wie dich selbst&#8221;, steht bekanntlich schon im Alten Testament<a href="#a18" name="18"><sup>18</sup></a>, was so gar nicht in die Vorstellung vom Neuen Testament als einer &#8220;Lehre der N&auml;chstenliebe&#8221; und vom Alten als einer des &#8220;Auge um Auge, Zahn um Zahn&#8221; passt. Dennoch wird dieses kulturalistische Bild regelm&auml;&szlig;ig gegen Israel aufgerufen. Selbst nach der von der &uuml;bergro&szlig;en Mehrheit der israelischen Gesellschaft unterst&uuml;tzten R&auml;umung Gazas erfreut sich das bequeme Denkschema von den &#8220;religi&ouml;sen Eiferern auf beiden Seiten, die sich gegenseitig hochschaukeln&#8221; unvermindert hartn&auml;ckig gro&szlig;er Beliebtheit.</p>
<h4>7. </h4>
<p>Der j&uuml;ngste Nahostkrieg war im Kern ein iranisch-israelischer Krieg. Leider spricht viel f&uuml;r die Bef&uuml;rchtung, dass es nur der erste war. Die Hisbollah war Platzhalter wie hocheffektives Instrument des iranischen Regimes. Ihr andauernder Raketenbeschuss Israels, die T&ouml;tung und Entf&uuml;hrung von Soldaten zielten mit Bedacht auf den Kern israelischen Sicherheitsbewusstseins und l&ouml;sten damit den Krieg aus. Keine Institution genie&szlig;t in der israelischen Bev&ouml;lkerung so viel Vertrauen wie die Armee. Von oben bis unten, von rechts bis links. Das hat seine Ursache darin, dass die Israelis ein bisschen besser als deutsche Friedensbewegte verstehen, wem sie ihr &Uuml;berleben zu verdanken haben. Deswegen kann es sich Israel nicht leisten, auf die Entf&uuml;hrung seiner Soldaten &#8220;gelassen&#8221; zu reagieren, so wie ihm das viele empfahlen, die es nicht verstanden, warum man &#8220;nur wegen der Entf&uuml;hrung zweier Soldaten&#8221; so &#8220;unangemessen reagiert&#8221;. Als sich erwiesen hatte, wie gut die Hisbollah und wie schlecht Israel auf den Krieg vorbereitet war, wurden viele <em>eigentlich</em> Israelsolidarische erneut von den Israelis entt&auml;uscht: Die meinen n&auml;mlich immer noch nicht, dass es falsch war, sich der Bedrohung durch den Iran und seine Hilfstruppen zu erwehren, sondern kritisieren seither vehement politische und milit&auml;rische Fehler, die der Schlagkraft dieser Bem&uuml;hungen geschadet haben.</p>
<p>Der <em>eigentlich</em> Israelsolidarische versteht die Lage Israels nicht, weil er den Charakter von Antizionismus und islamischem Fundamentalismus nicht versteht.</p>
<h4>8. </h4>
<p>Der israelische Milit&auml;rapparat w&auml;re der erste, der keine Spur des Grauens hinterlie&szlig;e und keine brutale Eigendynamik entwickelte. Der Einsatz von Streubomben<a href="#a19" name="19"><sup>19</sup></a> im letzten Krieg ist ein Beispiel daf&uuml;r. Da ist nichts zu besch&ouml;nigen. Trotzdem &uuml;berrascht immer wieder, mit welcher Selbstverst&auml;ndlichkeit offensichtliche Propagandabehauptungen f&uuml;r bare M&uuml;nze genommen werden. So findet sich &#8211; um nur ein Beispiel aus der j&uuml;ngsten linken Debatte zu nehmen &#8211; bereits auf dem Klappentext einer Brosch&uuml;re zu diesem Krieg v&ouml;llig unhinterfragt die Behauptung von den &#8220;rund 1200 zivilen Toten&#8221; des Krieges. <a href="#a20" name="20"><sup>20</sup></a> Nach israelischen Angaben waren ca. 600 der rund 1000 Opfer auf libanesischer Seite K&auml;mpfer der Hisbollah &#8211; was sich selbstverst&auml;ndlich nur schwer nachpr&uuml;fen l&auml;sst. Aber dass die Hisbollahk&auml;mpfer immer wieder &#8220;zivil&#8221; auftraten, dass sie Abschussrampen und Waffenlager in Wohnh&auml;usern, Kliniken, Schulen und Moscheen unterbrachten, dass sie die Taktik der &#8220;menschlichen Schutzschilde&#8221; verfolgen und somit jeden Angegriffenen vor die Wahl stellen, sich entweder wehrlos alles gefallen zu lassen oder beim Versuch, die Angreifer auszuschalten auch unschuldige Opfer in Kauf zu nehmen &#8211; all das ist bekannt und m&uuml;sste bei objektiver Betrachtung zumindest gr&ouml;&szlig;te Skepsis gegen&uuml;ber den Angaben &uuml;ber &#8220;zivile&#8221; Opfer im Libanon hervorrufen. Aber es f&uuml;hrt seltsamerweise nicht etwa dazu, dass von der &#8220;bewussten Inkaufnahme hoher ziviler Opfer&#8221; durch die Hisbollah geredet wird &#8211; sondern durch Israel. <a href="#a21" name="21"><sup>21</sup></a></p>
<p>Die Er&ouml;rterung der Frage, wie man eine Abschussbasis ausschalten soll, die in einem Wohnkomplex untergebracht ist, mag unter der W&uuml;rde deutscher Professoren liegen. F&uuml;r die Israelis ist sie &uuml;berlebenswichtig. Allein mangelnde Zielgenauigkeit und begrenzte Zerst&ouml;rungskraft der Hisbollahraketen haben diesmal noch einen Massenmord an den Israelis verhindert. Was w&auml;re geschehen, wenn sie mit biologischen oder Gasgranaten best&uuml;ckt gewesen w&auml;ren? Daran verschwendet der <em>eigentlich</em> Israelsolidarische keinen Gedanken.</p>
<h4>9. </h4>
<p>Der islamistische Gottesstaat ist nicht NS-Deutschland, Ahmadinejad nicht Hitler. Manchmal rutschen da Vergleiche heraus, die viel &uuml;ber deutsche Befindlichkeiten aussagen. Trotzdem gibt es zwischen beiden Regimes eine entsetzliche Schnittmenge: die des bis zum Vernichtungswahn entfalteten Antisemitismus. Dem widerspricht nicht, dass es gegenw&auml;rtig keine &uuml;ber das &uuml;bliche Ma&szlig; hinausgehenden Repressalien gegen die noch verbliebenen Juden im Land zu geben scheint. <a href="#a22" name="22"><sup>22</sup></a> Denn daf&uuml;r sprechen nicht nur taktische R&uuml;cksichtnahmen. Seit 1945 schm&uuml;ckt sich der Antisemitismus bekanntlich gerne damit, &#8220;einige Juden&#8221; zu seinen &#8220;besten Freunden&#8221; zu z&auml;hlen und au&szlig;erdem hat er ja sowieso &#8220;nur&#8221; etwas gegen Israel. Zwar war die Massenbasis des Vernichtungswahns in Deutschland offenkundig gr&ouml;&szlig;er als im heutigen Iran, aber auch dort ist sie nicht gering. Das zeigen die hunderttausendfachen Rufe nach &#8220;Tod Israel! &#8221; auf den Massendemonstrationen und der rege Zuspruch f&uuml;r die Lehrg&auml;nge, in denen man sich zum Selbstmordattent&auml;ter &#8220;f&uuml;r die pal&auml;stinensischen Br&uuml;der und Schwestern&#8221; ausbilden lassen kann.</p>
<p>Der Gottesstaat ist bereits &uuml;ber das blo&szlig;e Anzetteln und Unterst&uuml;tzen von Selbstmordterror hinausgekommen und zum wirkungsvollen Beschuss israelischer St&auml;dte durch seine Hilfstruppen &uuml;bergegangen. Aber er strebt nach H&ouml;herem. Sein Programm hei&szlig;t Endl&ouml;sung der Israelfrage.</p>
<p>Die Hisbollah wird von Teheran mit Hochdruck (wieder)aufger&uuml;stet. Die Unifil-Truppen scheinen das kaum zu verhindern. Es ist fraglich, ob Iran durch die eher halbherzigen und widerspr&uuml;chlichen &#8220;internationalen Bem&uuml;hungen&#8221; daran gehindert wird, sich Atomwaffen zu verschaffen. Tr&auml;gersysteme, die bereits &uuml;ber Israel hinausreichen, hat er bereits.</p>
<p>&#8220;Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod! &#8220;, lautet der islamistische Imperativ, mit den &#8220;Bassidschi&#8221; unter Chomeini vorexerziert<a href="#a23" name="23"><sup>23</sup></a>, von den Selbstmordterroristen verinnerlicht und oft genug verwirklicht. <em>Antisemitischer Vernichtungswahn und apokalyptisches Endzeitdenken, gepaart mit der Mentalit&auml;t von Selbstmordattent&auml;tern, greifen in Gestalt des iranischen Gottesstaates nach der Atomwaffe. </em> Angesichts dieser monstr&ouml;sen Entwicklung wird das Denken in den Kategorien der Abschreckung obsolet. Wie sollte ein solches Regime die Aussicht auf die eigene Vernichtung oder die seiner Verb&uuml;ndeten noch schrecken? Es hat einst Zigtausende seiner Kinder(! ) als lebendige &#8220;Minensuchger&auml;te&#8221; im Krieg gegen den Irak verheizt, es treibt heute scharenweise Jugendliche in den Selbstmord und benutzt skrupellos die Waffe der &#8220;menschlichen Schutzschilde&#8221;. Warum sollte es die &Uuml;berlegung irritieren, dass die Pal&auml;stinenser mit draufgehen werden, wenn der Judenstaat ausradiert wird? Ja, warum sollte es die eigene Vernichtung f&uuml;rchten? Schlie&szlig;lich winkt ein ehrenvoller Platz in der langen Galerie der M&auml;rtyrer.</p>
<h4>10. </h4>
<p>Am 8. Mai, am 9. November und neuerdings auch am 27. Januar mit Inbrunst &#8220;Nie wieder! &#8221; zu schw&ouml;ren, ist in Deutschland &uuml;blich. Im gleichen Atemzug verschlie&szlig;en erschreckend viele die Augen davor, dass derzeit ein neues Programm der Judenvernichtung vorbereitet wird. W&auml;re das &#8220;Nie wieder! &#8221; nicht zur Floskel verkommen und h&auml;tte es wirkliche Konsequenzen, so ginge es um die Organisierung praktischer Solidarit&auml;t mit dem j&uuml;dischen Staat, der nach einem Wort von Paul Spiegel eine Art Lebensversicherung f&uuml;r alle Juden ist, auch f&uuml;r die, die nicht in ihm leben oder leben wollen.</p>
<p>Nichts aber liegt dem eben nur <em>eigentlich</em> Israelsolidarischen ferner. Schlie&szlig;lich hat er bereits &Uuml;bung darin, die Selbstmordattent&auml;ter, die auf ihren Abschiedsvideos mit strahlenden Augen erkl&auml;ren, sie freuten sich darauf, nun bald im Paradies zu sein und dabei m&ouml;glichst viele Juden zu beseitigen, zu &#8220;armen verzweifelten Menschen&#8221; zu verharmlosen. Liest man die verst&auml;ndnistriefenden Kommentierungen iranischer Politik und h&ouml;rt man, wie ausgerechnet dem j&uuml;dischen Staat ein zweiter Holocaust vorgeworfen wird<a href="#a24" name="24"><sup>24</sup></a>, so schwant einem, dass die r&uuml;hrseligen Nie-Wieder-Ges&auml;nge in sp&auml;teren Geschichtsb&uuml;chern wom&ouml;glich als Begleitmusik des n&auml;chsten Anlaufs zur Judenvernichtung Erw&auml;hnung finden k&ouml;nnten.</p>
<p>Der <em>eigentlich</em> Israelsolidarische tr&auml;umt definitiv nicht vom atomaren Ausradieren Israels. Aber schwingt da nicht trotzdem eine Saite in ihm mit? Kam ihm nicht auch schon mal der Gedanke, Israel sei<em> eigentlich</em> irgendwie das Problem? Glaubt er nicht manchmal klammheimlich, ohne den Judenstaat ginge es besser auf der Welt?</p>
<h4>11. </h4>
<p>Israel sieht sich von Anfang an bis heute der Vernichtungsdrohung ausgesetzt. Schon bald nach 1948 hatte es nur eine Chance, zu &uuml;berleben: Wenn es sich unter die Fittiche der USA stellte. H&auml;tte es sich nicht auf die gest&uuml;tzt und stattdessen alle die gegen es gerichteten UN-Resolutionen<a href="#a25" name="25"><sup>25</sup></a> realisiert, w&uuml;rde es schon l&auml;ngst nicht mehr existieren. Das ist &uuml;brigens eine Schande f&uuml;r alles auf der Welt, was sich links nennt. Angefangen bei der Sowjetunion, die das Land nach kurzer anf&auml;nglicher Unterst&uuml;tzung im Zuge der antisemitischen Welle des Stalinismus Ende der 40er/Anfang der 50er schnell fallen lie&szlig;, m&uuml;ssen sich die meisten Linken bis heute fragen lassen, was sie eigentlich daf&uuml;r getan haben, dass Israel jemals eine andere Chance hatte. Ein besonders widerw&auml;rtiges Schauspiel liefert gegenw&auml;rtig das neue Idol eines vermeintlichen &#8220;Sozialismus&#8221;, der &#8220;geliebte F&uuml;hrer&#8221; Hugo Chavez, der seinen &#8220;Bruder&#8221; Ahmadinejad vor laufenden Kameras ans Herz dr&uuml;ckt und Israel vorwirft, es sei &#8220;schlimmer als Hitler&#8221;<a href="#a26" name="26"><sup>26</sup></a>.</p>
<p>Die USA als die (noch) st&auml;rkste milit&auml;rische, politische und &ouml;konomische Macht sind ein schwergewichtiger, getriebener und treibender Akteur im Prozess der globalen Verwertungskrise der Weltwarengesellschaft, ihre Politik ist Mitverursacherin vieler katastrophischer Zust&auml;nde auf dem Planeten. Trotzdem ist es ein historischer Gl&uuml;cksfall, dass sich der antisemitische Wahn in der US-Gesellschaft jedenfalls bis heute nicht zu andernorts &uuml;blichen H&ouml;hen aufschwingen konnte. Der gro&szlig;e Beitrag der USA zur Zerschlagung Nazideutschlands und ihre entscheidende Existenzgarantie f&uuml;r den Judenstaat h&auml;ngen miteinander zusammen und beides kann nicht hoch genug gew&uuml;rdigt werden.</p>
<h4>12. </h4>
<p>Die Zukunft ist offen. Nicht nur die fortschreitende Krise der warenproduzierenden Gesellschaft macht es prinzipiell vorstellbar, dass auch in den USA einmal die D&auml;mme gegen den antisemitischen Wahn brechen k&ouml;nnten. In der US-Politik und -Wirtschaft tauchen auch immer wieder sehr konkrete &Uuml;berlegungen auf, sich von Israel abzuwenden. Schlie&szlig;lich spricht realpolitisch viel daf&uuml;r. Das Land mit seinen sieben Millionen Einwohnern hat nicht nur, ganz anders als seine Gegner, keine Bodensch&auml;tze. Lie&szlig;en sie es fallen, k&ouml;nnten sich die USA wohl auch berechtigte Hoffnungen auf deutlich bessere Karten in den muslimisch gepr&auml;gten Staaten und Gesellschaften mit &uuml;ber einer Milliarde Einwohnern machen.</p>
<p>Es ist nicht zuletzt die Unsicherheit &uuml;ber den k&uuml;nftigen Kurs der USA, der die israelische Politik zunehmend F&uuml;hler in Richtung EU ausstrecken l&auml;sst. Angesichts deren weitgehend pro-pal&auml;stinensischen, pro-arabischen und pro-iranischen Politik der letzten Jahrzehnte, von der es kaum Anzeichen auf ein Abr&uuml;cken gibt, ist allerdings zu bef&uuml;rchten, dass es damit vom Regen in die Traufe k&auml;me. Auf China und Russland ist schon gar kein Verlass. Umso prek&auml;rer die Lage Israels.</p>
<h4>13. </h4>
<p>Man kann keine Ideologie milit&auml;risch zerschlagen. Milit&auml;rische Sicherheit ist auf Dauer keine wirkliche Sicherheit. Diese Binsenweisheit unterstreicht noch einmal Israels schwierige Situation. Selbst seine Atomwaffen k&ouml;nnten, nach dem kolportierten Wort eines seiner Gener&auml;le, nur &#8220;entweder zu fr&uuml;h oder zu sp&auml;t&#8221; eingesetzt werden. Trotzdem bleibt richtig: W&auml;re Israel all denjenigen, die es von der ersten Stunde an ausradieren wollten, nicht entscheidend milit&auml;risch &uuml;berlegen gewesen, es w&auml;re schon lange beseitigt worden.</p>
<p>&#8220;Nie wieder! &#8220;, hie&szlig; und hei&szlig;t f&uuml;r die Israelis von Anfang an: Wir lassen uns nie wieder wehrlos abschlachten und wir verlassen uns in erster Linie auf uns selber. Israel hat schon mehrfach Pr&auml;ventivschl&auml;ge gef&uuml;hrt, bevor es zu sp&auml;t war. Es wird nicht zuschauen, bis seine Todfeinde in der Lage sind, einen zweiten Holocaust zu verwirklichen. Und es ist nicht von ihm zu verlangen, dass es zuschaut.</p>
<h4>14. </h4>
<p>Denjenigen, die dem antisemitischen Vernichtungswahn verfallen sind, die M&ouml;glichkeit verwehren, ihre Absichten in die Tat umzusetzen &#8211; das ist das Minimalprogramm des Kampfes gegen den Antisemitismus. <em>Keine Atomwaffen f&uuml;r Iran </em>lautet aktuell die wichtigste aller Forderungen. Sie darf keinen taktischen Erw&auml;gungen unterliegen. Dass die USA, die EU und andere M&auml;chte, die diese Forderung gegenw&auml;rtig (noch? ) vertreten, mit ihr auch jeweils eigene Gro&szlig;machtinteressen verbinden, liegt auf der Hand, muss aber angesichts der konkreten Gefahr in den Hintergrund treten. Man hat ja auch vern&uuml;nftigerweise nichts dagegen, wenn der Staat einmal gegen Nazibanden vorgeht, auch wenn man ihm deswegen noch lange keine ungetr&uuml;bt edlen Motive unterstellt.</p>
<p>Doch es bleibt offen, wie lange die Forderung der Gro&szlig;m&auml;chte an Iran Bestand haben wird. Die Kungelei mit den widerlichsten Regimes ist bekanntlich nicht allein eine europ&auml;ische, russische oder chinesische Spezialit&auml;t, auch die USA haben genug &Uuml;bung damit. Schon regen sich auch dort Stimmen, man m&uuml;sse &#8220;mit der iranischen Bombe leben&#8221;. Was fatale Folgen f&uuml;r Israel h&auml;tte.</p>
<h4>15. </h4>
<p>Auf Dauer ist &#8220;der Westen&#8221; eine h&ouml;chst zweifelhafte St&uuml;tze f&uuml;r Israel. Die teilweise spiegelbildlich zum Islamismus von ihm aus betriebene Kulturalisierung, mitunter sogar Religi&ouml;sisierung der Konflikte ist selbst mitverantwortlich f&uuml;r ein Katastrophenszenario, das in Teilen der Welt schon Wirklichkeit geworden ist und das die ganze Menschheit in den Strudel des &#8220;Kampfes der Kulturen&#8221; hineinziehen k&ouml;nnte. Ob &#8220;deutsche Leitkultur&#8221;, Bushs permanent-penetrante Anrufung &#8220;Gottes&#8221;, Ratzingers Versuch, seine eigene Religion zur besseren zu erkl&auml;ren oder Unterschriftensammlungen gegen Moscheen in Berlin &#8211; dies alles ist Ausdruck eines wachsenden westlichen Fundamentalismus, der sein islamistisches Gegen&uuml;ber selber immer wieder f&uuml;ttert und bef&ouml;rdert. Auch die j&uuml;ngste Politik der USA ist f&uuml;r Israel h&ouml;chst ambivalent: Einerseits die Existenzgarantie, andrerseits die Tolerierung der pakistanischen Atombombe, die quasi &uuml;ber Nacht zu einer islamistischen geputscht werden k&ouml;nnte, sowie die enorme St&auml;rkung ausgerechnet des Teheraner Regimes infolge des Irakkrieges. Dass die &#8220;europ&auml;ische Alternative&#8221; keinen Deut besser w&auml;re, liegt auf der Hand, schlie&szlig;lich konnte der Gottesstaat sein Atomprogramm &uuml;berhaupt erst im Windschatten des jahrzehntelangen Schmusekurses der EU gegen&uuml;ber den angeblichen &#8220;Reformern&#8221; aufbauen. Umso schwieriger die Lage Israels.</p>
<h4>16. </h4>
<p>Die sogenannten Antideutschen sind viel kritisiert worden. Zu Recht und zu Unrecht. Ihr gro&szlig;es Verdienst bleibt, dass sie einer selbstgerechten und ignoranten Linken den Spiegel vorgehalten und daf&uuml;r gesorgt haben, dass das Thema Antisemitismus und Verh&auml;ltnis zu Israel nicht mehr von der Tagesordnung abgesetzt werden kann. Auch ihr Hinweis auf arabischen bzw. islamistischen Antisemitismus &#8211; mag er nun &#8220;origin&auml;r&#8221; oder &#8220;importiert&#8221; sein -, nachweisbar u. a. an der bereits in den 20er Jahren entstandenen Organisation der Muslimbr&uuml;der, die schon in den 30ern explosionsartig an Einfluss gewann<a href="#a27" name="27"><sup>27</sup></a>, verweist auf Geschichtskapitel, in denen f&uuml;r viele, die immer noch glauben, Hamas, Hisbollah und Co seien &#8220;eine Reaktion auf die israelische Besatzung&#8221;, schlicht und ergreifend Nachsitzen angesagt ist. <a href="#a28" name="28"><sup>28</sup></a></p>
<p>Leider haben viele Antideutsche der Sache gleichzeitig einen B&auml;rendienst erwiesen, indem sie da, wo die Mainstream-Linke ausschlie&szlig;lich einen <em>territorialen</em> Konflikt wahrnimmt, spiegelbildlich verkehrt ausschlie&szlig;lich einen <em>ideologischen</em> konstatiert haben. <a href="#a29" name="29"><sup>29</sup></a> Denn so sehr die Vernichtungsdrohung gegen&uuml;ber dem j&uuml;dischen Staat den Kern des Konflikts ausmacht, so hat es doch nichts mit Antisemitismus zu tun, dass sich Pal&auml;stinenser emp&ouml;ren, wenn israelische Siedler ihre Olivenhaine zerst&ouml;ren oder fast das ganze Trinkwasser in ihre Ortschaften umleiten. Es ist nur verst&auml;ndlich. Wer das wegwischt und die Pal&auml;stinenser mir nichts dir nichts zum &#8220;antisemitischen Mordkollektiv&#8221; erkl&auml;rt<a href="#a30" name="30"><sup>30</sup></a>, ignoriert nicht nur die Vielfalt der realen Auseinandersetzungen, er liefert auch allen eine Steilvorlage, die schon immer den Verdacht hatten, sie w&uuml;rden auf die schiefe Bahn geraten, sobald sie anfangen, ihr antizionistisches Weltbild zu hinterfragen.</p>
<p>Leider war und ist aber auch die Reaktion innerhalb der Linken auf die Antideutschen bis heute eine insgesamt recht traurige Angelegenheit. Hier soll nicht weiter auf das tumbe Verschw&ouml;rungsgefasel aus der antiimperialistischen Ecke eingegangen werden, die eh seit langem zu nichts anderem mehr f&auml;hig ist. So berechtigt und notwendig der Hinweis aus reflektierteren Kreisen war und ist, dass so manche Antideutsche zu gl&uuml;henden Verfechtern des Westens im &#8220;Kampf der Kulturen&#8221; mutiert sind, so falsch und kurzsichtig war es, ihnen die Lufthoheit &uuml;ber das Thema Antisemitismus, Antizionismus und Israel zu &uuml;berlassen. Das trug dazu bei, dass bis heute viele meinen, wer Antisemitismus und Antizionismus thematisiert, den Islamismus bek&auml;mpft und f&uuml;r Solidarit&auml;t mit Israel eintritt, sei eben ein &#8220;westlicher Menschenrechtskrieger&#8221;.</p>
<h4>17. </h4>
<p>Nicht wenige ziehen es angesichts dieser ziemlich verfahrenen Situation vor, zu dem Thema ganz zu schweigen. Eine &#8220;Nichtposition&#8221; aber kl&auml;rt gar nichts, sie bef&ouml;rdert nur weiter zunehmende Verwirrung und L&auml;hmung. In einer krisengesch&uuml;ttelten Welt, in der der antisemitische Wahn um sich greift, kann man kaum einen gr&ouml;&szlig;eren Fehler machen. Eine Position, die nicht Partei <em>im </em>&#8220;Kampf der Kulturen&#8221;, sondern <em>gegen</em> ihn sein will, schlie&szlig;t entschiedene Kritik an Antisemitismus, Antizionismus und islamischem Fundamentalismus sowie Solidarit&auml;t mit Israel notwendig ein.</p>
<p>Je ungewisser es ist, ob sich der Judenstaat wird halten k&ouml;nnen, desto mehr muss, wer sich menschliche Emanzipation auf die Fahne geschrieben hat, zu seiner Existenzsicherung beitragen. Nicht nur um Israels und der Juden willen, was allein schon Grund genug w&auml;re. Sondern auch, weil ohne Kampf gegen den Antisemitismus keine freie Assoziation der Individuen m&ouml;glich sein wird. Und weil die Gefahr, dass die Welt im kriegerischen Strudel versinkt, umso kleiner ist, je weniger Raum und Handlungsfreiheit dem antisemitischen Wahn gegeben wird.</p>
<hr />Anmerkungen</p>
<p><a href="#1" name="a1"><sup>1</sup></a> Jomhuriye Islami, 18.10.2006, zitiert nach www.honestly-concerned.org, Al-Kuds Sonderausgabe 2006.</p>
<p><a href="#2" name="a2"><sup>2</sup></a> Moqamevat. ir, 19.10.2006, zitiert nach www.honestly-concerned.org, Al-Kuds Sonderausgabe 2006.</p>
<p><a href="#3" name="a3"><sup>3</sup></a> http://wikipedia.org/wiki/Rafsandschani</p>
<p><a href="#4" name="a4"><sup>4</sup></a> ISNA, 16.11.2006, zitiert nach www.honestly-concerned.org, Iran: Antij&uuml;dische Parolen und Kriegsdrohungen.</p>
<p><a href="#5" name="a5"><sup>5</sup></a> Der Berater Ahmadinejads und Organisator der Teheraner Holocaust-Konferenz Mohammad Ali Ramin behauptet auf der iranischen Website &#8220;Baztab&#8221; (28.12.2006), dass die Mutter von Hitler J&uuml;din und auch die sowjetischen Regierungen j&uuml;disch gewesen seien. Juden h&auml;tten die Vereinigten Staaten gegr&uuml;ndet und seien f&uuml;r den Ersten und Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Juden h&auml;tten das Archiv der russischen Zeitung Prawda zerst&ouml;rt. Die Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 f&uuml;hrt er auf die Konferenz von Durban zur&uuml;ck. Ramin will als Leiter einer neuen &#8220;Weltstiftung f&uuml;r Holocaustforschung&#8221; ein B&uuml;ro in Berlin er&ouml;ffnen. Deutsche &Uuml;bersetzung des vollst&auml;ndigen Interviews unter</p>
<p>http: //honestlyconcerned. info/bin/articles. cgi? ID=IR5307&#038;Category=ir&#038;Subcategory=19</p>
<p><a href="#6" name="a6"><sup>6</sup></a> ISNA, 16.11.2006, zitiert nach www.honestly-concerned.org, Iran: Antij&uuml;dische Parolen und Kriegsdrohungen.</p>
<p><a href="#7" name="a7"><sup>7</sup></a> Auf einer offiziellen iranischen Website ist zu lesen: &#8220;&#8230; the Mahdi will form an army to defeat the enemies of Islam in a series of apocalyptic battles, in which the Mahdi will overcome his archvillain in Jerusalem. The Mahdi&#8217;s far sightedness and firmness in the face of mischievous elements will strike awe. After his uprising from Mecca all of Arabia will be submit to him and then other parts of the world as he marches upon Iraq and established his seat of global government in the city of Kufa. Then the Imam will send 10 thousand of his forces to the east and west to uproot the oppressors. At this time God will facilitate things for him and lands will come under his control one after the other. &#8221;</p>
<p>http: //englsh. irb. ir/IRAN/Leader/Illumination. htm</p>
<p><a href="#8" name="a8"><sup>8</sup></a> &#8220;Freundschaft und Kritik. Warum die , besonderen Beziehungen&#8217; zwischen Deutschland und Israel &uuml;berdacht werden m&uuml;ssen / Das Manifest der 25&#8243;, Frankfurter Rundschau, 15.11.2006</p>
<p><a href="#9" name="a9"><sup>9</sup></a> Siehe dazu z. B. : O. Kistenmacher, Vom &#8220;Judas&#8221; zum Judenkapital, Antisemitische Denkformen in der KPD der Weimarer Republik 1918-1933, Olaf-Kistenmacher@web. de; I. Neidhardt/W. Bischof (Hrsg. ), Wir sind die Guten &#8211; Antisemitismus in der radikalen Linken, 2000.</p>
<p><a href="#10" name="a10"><sup>10</sup></a> Oliver Decker und Elmar Br&auml;hler unter Mitarbeit von Normann Gei&szlig;ler, Vom Rand zur Mitte, Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2006, S. 29.</p>
<p><a href="#11" name="a11"><sup>11</sup></a> &#8220;Wie die Heuschrecken kommen sie &uuml;ber unser Land! &#8220;, so der NS-Propagandafilm &#8220;Jud S&uuml;&szlig;&#8221; &uuml;ber die Juden. www. shoa. de/jud_suess_film.html</p>
<p><a href="#12" name="a12"><sup>12</sup></a> Siehe Martin Kloke, Zwischen Scham und Wahn, Israel und die deutsche Linke 1945 &#8211; 2000 www.stud-uni-hannover.de/~muab/kloke01.htm</p>
<p><a href="#13" name="a13"><sup>13</sup></a> So d&uuml;rfen z. B. Uri Avnery oder Felicia Langer auf keiner deutschen &#8220;Nahost-Friedensveranstaltung&#8221; fehlen, w&auml;hrend man sich um das, was die ganz &uuml;berwiegende Mehrheit der Israelis erlebt und denkt, einen feuchten Kehricht schert.</p>
<p><a href="#14" name="a14"><sup>14</sup></a> Wo mit Israel verb&uuml;ndete christliche &#8220;Falangisten&#8221; w&auml;hrend des Libanonkrieges 1982 unter den Augen des damaligen Oberbefehlshabers Sharon je nach Angaben zwischen 460 und 3.300 Pal&auml;stinenser umbrachten; http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Sabra_und_Schatila#_note-0</p>
<p><a href="#15" name="a15"><sup>15</sup></a> Wo die jordanische Armee 1970 vermutlich 40.000 Pal&auml;stinenser umbrachte; http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege/108_jordanien.htm</p>
<p><a href="#16" name="a16"><sup>16</sup></a> In Pal&auml;stinenserlagern zwischen 1985 und 88; http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Sabra_und_Schatila#_note-0</p>
<p><a href="#17" name="a17"><sup>17</sup></a> So sprachen pal&auml;stinensische Quellen beispielsweise beim angeblichen &#8220;Massaker von Jenin&#8221; im April 2002 zun&auml;chst von 2.000 bis 3.000 get&ouml;teten Pal&auml;stinensern, sp&auml;ter von 500, w&auml;hrend selbst die wenig israelfreundliche UN bald darauf die israelischen Angaben &uuml;ber 23 israelische Soldaten und 52 Pal&auml;stinenser, die bei H&auml;userk&auml;mpfen ums Leben gekommen seien, im Wesentlichen best&auml;tigte. http://de.wikipedia.org/wiki/Jenin</p>
<p><a href="#18" name="a18"><sup>18</sup></a> 3. Mose 19,16.</p>
<p><a href="#19" name="a19"><sup>19</sup></a> &Uuml;ber den in der israelischen Armee wenigstens gestritten wird, was zwar den Opfern nicht hilft, gleichwohl im Kontrast zur Hisbollah steht, die die gleichen Waffen einsetzte und von der nichts &uuml;ber diesbez&uuml;glich interne Auseinandersetzungen bekannt ist. Bezeichnenderweise waren Bundesministerin Wieczorek-Zeul nicht etwa die Taten der Hisbollah sondern die Meldungen &uuml;ber die israelischen Streubomben Anlass, ihr Schweigen &uuml;ber den j&uuml;ngsten Nahostkrieg zu brechen und, selbstredend, Israel zu verurteilen. Es scheint, als habe es die ehemals &#8220;rote Heidi&#8221; geschafft, wenn schon sonst nichts, so doch wenigstens den Antizionismus aus ihrer linken Vergangenheit in ihre Gegenwart als Mitglied der Bundesregierung hin&uuml;berzuretten.</p>
<p><a href="#20" name="a20"><sup>20</sup></a> Bernhard Schmid, Der Krieg und die Kritiker, M&uuml;nster, Oktober 2006</p>
<p><a href="#21" name="a21"><sup>21</sup></a> So nat&uuml;rlich auch die 25 Professoren, a. a. O.</p>
<p><a href="#22" name="a22"><sup>22</sup></a> Der Gro&szlig;teil ist in den Jahren seit 1979 sowieso ausgewandert.</p>
<p><a href="#23" name="a23"><sup>23</sup></a> &#8220;Viele von ihnen starben, weil sie zum R&auml;umen von Minenfeldern genutzt wurden: sie liefen in waagrechter Linie auf das zu r&auml;umende Feld, f&uuml;r diejenigen, welche auf eine Mine traten und starben, kamen neue Kinder von hinten nach. Den Kindern hatte man dabei Plastikschl&uuml;ssel um den Hals geh&auml;ngt, die die Pforte zum Paradies aufschlie&szlig;en sollten. Bevor man die Kinder dazu benutzte, hatte man Esel und Maultiere verwendet, diese fl&uuml;chteten jedoch in Panik, sobald die ersten Tiere von den Explosionen auseinandergerissen wurden. Dies passierte bei den auf den Einsatz vorbereiteten Kindern nicht und war daher effektiver.&#8221; http://de.wikipedia.org/wiki/Bassidschi</p>
<p><a href="#24" name="a24"><sup>24</sup></a> Israel mache &#8220;mit den Pal&auml;stinensern das Gleiche, was die Nazis gemacht haben&#8221;, wissen bekanntlich sehr viele Deutsche.</p>
<p><a href="#25" name="a25"><sup>25</sup></a> Gegen kein Land der Welt hat die UN mehr Resolutionen beschlossen als gegen Israel, es gibt bis heute keine einzige UN-Resolution gegen pal&auml;stinensische Angriffe auf Israel.</p>
<p><a href="#26" name="a26"><sup>26</sup></a> http: //www. tagesschau. de/aktuell/meldungen/0,1185, OID5762936,00.html</p>
<p><a href="#27" name="a27"><sup>27</sup></a> Siehe z. B. Mathias K&uuml;ntzel, Djihad und Judenhass, Freiburg, 2002.</p>
<p><a href="#28" name="a28"><sup>28</sup></a> So weisen bei weitem nicht nur Autoren aus dem antideutschen Spektrum auf die enge Zusammenarbeit arabischer Eliten mit Nazideutschland hin. Siehe z. B. Mallmann/C&uuml;ppers, Halbmond und Hakenkreuz, Das &#8220;Dritte Reich&#8221;, die Araber und Pal&auml;stina, Darmstadt, 2006. Die dort detailreich beschriebene Kooperation des Gro&szlig;mufti von Jerusalem Al Husseini mit den Deutschen bei der Vorbereitung der f&uuml;r 1942/43 geplanten Vernichtung der Juden in Pal&auml;stina ist zwar in Israel f&uuml;r niemanden eine Neuigkeit, bezeichnenderweise jedoch f&uuml;r viele, auch und gerade Linke, in Deutschland. Dass dieser Plan allein durch Rommels Niederlage bei El Alamein gestoppt wurde, d&uuml;rfte vielen, die der Vorstellung anh&auml;ngen, alles Milit&auml;rische sei im Kampf gegen die Bedrohung durch antisemitischen Wahn grunds&auml;tzlich von &Uuml;bel, ebenso unbequem sein wie die Feststellung der Autoren, dass es sich bei Al Husseini &#8220;sowohl um einen islamischen Fundamentalisten als auch um einen Nationalsozialisten&#8221; gehandelt hat. Siehe auch: Unsere Opfer z&auml;hlen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Berlin/Hamburg 2005, S. 179ff.</p>
<p><a href="#29" name="a29"><sup>29</sup></a> Siehe dazu leider auch Mathias K&uuml;ntzel, a. a. O.</p>
<p><a href="#30" name="a30"><sup>30</sup></a> U. a. eine Spezialit&auml;t der Zeitschrift bahamas, www.bahamas.org</p>
</td>
</tr>
</table>
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		<title>Fratze statt Mythos</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:25:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/fratze-statt-mythos">Fratze statt Mythos</a></p>
Reemtsma und Kraushaar entsorgen 1968]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2007/fratze-statt-mythos">Fratze statt Mythos</a></p>
<h3>Reemtsma und Kraushaar entsorgen 1968</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-452"></span></p>
<p>RAF, das ist deutsche Geschichte. Die Aufl&ouml;sungserkl&auml;rung vom April 1998 ist durchaus ernst zu nehmen. Wenig ist freilich so in Erinnerung geblieben wie die Anschl&auml;ge der sogenannten Baader-Meinhof-Bande. Terror, das war immer auch ein Quotenhit.</p>
<p>Was die praktische Seite betrifft, ist das Kapitel wohl endg&uuml;ltig abgeschlossen. Doch was die theoretische Sichtung angeht, geht es hei&szlig; her. Vor uns liegen zwei umfangreiche B&auml;nde, und sie bieten reichlich Stoff zur Debatte. Da finden sich Beitr&auml;ge zu Begriff und Topologie des Terrorismus, Biographien von Andreas Baader, Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof, Fallstudien &uuml;ber die Tupamaros in Uruguay oder West-Berlin, Aufs&auml;tze &uuml;ber Querverbindungen der RAF zu PLO und PFLP oder zu offiziellen Stellen in der DDR. Diskutiert wird auch der islamistische Terrorismus, wenngleich sich hier jeder Vergleich zum Selbstmordattentat verbietet. Ebenso Ber&uuml;cksichtigung finden die Guerilla-Konzeptionen von Mao und Guevara. Besonders lesenswert ist die Wiederver&ouml;ffentlichung von Sebastian Haffners Vorwort zu Mao Tse tungs Buch &#8220;Theorie des Guerillakrieges&#8221;: &#8220;Mit der Anwendbarkeit des Maoschen Kriegsrezepts auf Deutschland oder Europa ist es also nichts&#8221; (S. 179), wusste Haffner schon 1966.</p>
<h4>Ereignis</h4>
<p>Wer Terrorist ist oder Freiheitsk&auml;mpfer, ist nicht immer leicht zu sagen. Entschieden wird das erst nachher. Klar sollte sein, dass die RAF nie auch nur einen Funken Chance hatte, in die zweite Kategorie aufzusteigen. F&uuml;r sie gab es einiges anzurichten, aber schlicht nichts zu gewinnen. Haffners Warnung wurde jedenfalls ausgeschlagen, man glaubte ernsthaft, den bewaffneten Kampf in die Metropolen tragen zu k&ouml;nnen. Diese unrealistische, aber ultimative Sichtweise der Stadtguerilla korrespondierte mit einer programmatischen Leere, die &uuml;ber plakative Phrasen nie hinauskam. Ratlosigkeit trieb in Aktionen, Entschlossenheit beweis sich in Anschl&auml;gen.</p>
<p>Es war eine &#8220;verzweifelte Entschlossenheit&#8221; (S. 1318), wie Christoph T&uuml;rcke schreibt. Die &#8220;knallh&auml;rtesten Taten&#8221; (Bommi Baumann) sch&uuml;chterten zwar ein und erregten gro&szlig;e Aufmerksamkeit, aber anders als die IRA oder die ETA konnte die RAF mit ihren Aktionen nie punkten. Im Gegenteil, das umworbene Volk hegte offene Aversion. Gleich einem Fisch in der W&uuml;ste bewegte sich die RAF in Deutschland. Ja, sie isolierte sich sogar in der radikalen Linken. Die koketten Sympathien verfl&uuml;chtigten sich zusehends. Der Deutsche Herbst 1977 stellte den Wendepunkt dar.</p>
<p>Eigentlich ist die Rote Armee Fraktion nicht mehr als eine historische Fu&szlig;note. Ideengeschichtlich uninteressant, ereignisgeschichtlich etwas bedeutender, aber mentalit&auml;tsgeschichtlich zweifellos von erheblicher Brisanz, und das noch heute. Das zeigen auch diverse Aufgeregtheiten, wenn eins auf das Thema zu sprechen kommt. Etwa wenn eine Stra&szlig;e nach Rudi Dutschke benannt werden soll oder wenn es um die Freilassung der letzten RAF-H&auml;ftlinge geht. Was 68 und auch die RAF vermittelte, war auch: <em>Es darf nicht so sein, wie es ist. </em> Hier wurde tats&auml;chlich das erste Mal nach 1918ff. an einen Bruch gedacht. Und das ergriff nicht nur den linken Rand des Spektrums.</p>
<p>Die meisten RAF-Kader stammten aus dem Bildungsb&uuml;rgertum, viele wuchsen in religi&ouml;sen, vor allem protestantischen Familien auf, sie kamen aus der Mitte der Gesellschaft, sozial wie politisch. &#8220;Unsere S&ouml;hne und T&ouml;chter&#8221; hei&szlig;t bezeichnenderweise der Beitrag von J&ouml;rg Herrmann. (S. 644ff. ) Frauen waren &uuml;berproportional vertreten, gerade auch in f&uuml;hrenden Positionen. &#8220;Was waren das denn f&uuml;r Leute&#8221;, fragt Jan Philipp Reemtsma und Hans-Magnus Enzensberger antwortet: &#8220;Ganz biedere Leute.&#8221; (S. 1393)</p>
<p>1968, das war ein Aufbruch von Antiautoritarismus und Autoritarismus, von Antifaschismus und (ja auch! ) Antisemitismus, von Radikalit&auml;t und Rabiatheit, von gro&szlig;er Phantasie und grober Illusion. Es war eine wilde, oft produktive, aber oft auch problematische Mixtur, die sich da breit machte. Das Gros der 68er wurde sehr bald sozialdemokratisch und realsozialistisch aufgesaugt bzw. verlief sich in diversen, haupts&auml;chlich maoistisch orientierten K-Gruppen. Der propagierte Marsch durch die Institutionen endete zwar mit einer Eroberung, aber mit der Eroberung der Menschen durch die Institutionen. Nur ein Bruchteil eines Bruchteils ging den Weg in den Untergrund. Diese Relationen sind zu achten.</p>
<p>Ist die RAF nun die Konsequenz aus 1968 oder dessen Irrl&auml;ufer? Folgen wir dem Herausgeber Wolfgang Kraushaar, aus dessen Feder immerhin neun Beitr&auml;ge stammen, ist die erste Antwort naheliegend. Geradezu verbissen vertritt er diese Hypothese und exorziert sie akribisch an Rudi Dutschke. Dieser wird vorgef&uuml;hrt als Ziehvater des Terrors: &#8220;In der Propagierung illegaler Aktionen gab es zu jener Zeit vermutlich niemanden, der sich mit der von Dutschke an den Tag gelegten Entschlossenheit h&auml;tte messen lassen k&ouml;nnen.&#8221; (S. 236) Vor lauter Text verschwindet der Kontext. Kraushaar w&uuml;hlt in Dutschkes Nachlass wie in einem Papierkorb, d. h. er f&ouml;rdert aus unbearbeiteten und unver&ouml;ffentlichten Skizzen wirres und grobschl&auml;chtiges Zeug zutage.</p>
<p>Diskutiert wird nicht die theoretische D&uuml;rftigkeit der Dutschkeschen Aussagen, daf&uuml;r wird die theatralische Inszenierung eines politischen Spektakels f&uuml;r bare M&uuml;nze genommen. Indes m&uuml;sste diese Doppelgleisigkeit von Wort und Tat doch aus Politik und Werbung sattsam bekannt sein. Die Dramatik der revolution&auml;ren Phrase war mehr der Provokation und der Distinktion geschuldet, als dass sie wirklich je Bekenntnis und Absicht wiedergegeben h&auml;tte. Ist nicht eher anzunehmen, dass Dutschkes Reden und gelegentliches Schreiben aus dieser aufgeputschten Stimmung gesellschaftlicher Konfrontationen r&uuml;hrt, prim&auml;r also der Agitation diente? Soviel Differenzierung darf man doch erwarten. Kompromittierende Papiere ersetzen keine Analyse, sie illustrieren sie h&ouml;chstens. Bei Kraushaar hat sich das Verh&auml;ltnis jedoch umgekehrt. Er agiert als Staatsanwalt, als einer, der viel wei&szlig;, schlie&szlig;lich geh&ouml;rte er doch fr&uuml;her selbst der Szene an. Die unbarmherzigsten Inquisitoren waren einst Ketzer.</p>
<p>Was Jahre sp&auml;ter nicht nur schr&auml;g, sondern regelrecht durchgeknallt klingt, ist eben auch als roher Urknall der versuchten Befreiung vom postfaschistischen Mief der Restauration zu begreifen. Das mag gescheitert sein, aber es ist nicht ohne positive wie negative Wirkungen geblieben. Was die 68er allesamt nicht erkannten, war, wie sehr sie selbst in den Konventionen einer &Auml;ra verstrickt geblieben sind. Auch wenn man den Antisemitismus nicht als zentrales Bestimmungsst&uuml;ck dieser Bewegung auffassen darf, ist doch frappant, wie unsensibel und vorurteilsbeladen mit dem Thema hantiert wurde, mit welcher Selbstverst&auml;ndlichkeit gerade der pal&auml;stinensische Nationalismus forciert und der Staat Israel inbr&uuml;nstig abgelehnt wurde.</p>
<p>Eindeutige Zuordnungen sollten sich allerdings verbieten, sie werden dem Gegenstand nicht gerecht. Manche 68er sind noch immer links, aber wenige sind aktiv. Schon mehr sind nach rechts gewandert, die meisten davon in der Mitte h&auml;ngen geblieben, einige sind Politiker geworden, aufgestiegen in h&ouml;chste Staats- oder Partei&auml;mter, denken wir nur an die Frankfurter Stra&szlig;enk&auml;mpfer von einst, an Josef Fischer oder Daniel Cohn-Bendit. Wenige wie Horst Mahler oder Bernd Rabehl sind tats&auml;chlich bei der NPD oder der &#8220;Jungen Freiheit&#8221; gelandet. Was aus Dutschke geworden w&auml;re, wei&szlig; niemand. In den letzten Monaten seines Lebens stand er bei der Gr&uuml;ndung der &Ouml;kopartei Pate, geh&ouml;rte aber ausdr&uuml;cklich nicht dem linken Fl&uuml;gel an, sondern war Weggef&auml;hrte der konservativen Bremer Gr&uuml;nen.</p>
<h4>Methode</h4>
<p>Nat&uuml;rlich gibt es interessante Parallelen zwischen Dutschke oder Baader mit rechten Denkern wie J&uuml;nger, Heidegger oder Schmitt. Kraushaar und andere konstruieren jedoch schl&uuml;ssige Linien, z. B. anhand des Dezisionismus. Mit gar nicht so gro&szlig;em Geschick k&ouml;nnte man auch nachweisen, dass Max Horkheimer, Herbert Marcuse oder auch G&uuml;nther Anders Adepten Heideggers gewesen sind. Einschl&auml;gige Textsequenzen sind leicht zu finden. Es ist freilich eine bequeme Rezeption, in der eine philologische Montage die kritische Aufarbeitung abgel&ouml;st hat. Die Methode besteht darin, aus dekontextualisierten Zitaten in kriminologischer Manier Indizien zu basteln, um bestimmte Punzierungen zu erm&ouml;glichen und entsprechende Tickets auszustellen. Den dezisionistischen Hang zum Voluntarismus k&ouml;nnte man doch auch dechiffrieren als Zuspitzung des b&uuml;rgerlichen Glaubens an den freien Willen. Was in jeder Hinsicht naheliegender w&auml;re. Aber das d&uuml;rfte Kraushaar &uuml;berfordern.</p>
<p>Man kann auch &uuml;ber das Faszinosum der Form reden, doch jede krude Analogie greift zu kurz. Der haben sich einige Autoren aber verschrieben. Wie mache ich ein Puzzle aus Benjamin und Baader, auf dass sich ein logisches Bild ergibt? Nun, man nehme einen Text des ersteren und ein Exzerpt des zweiteren, garniere es mit einem Schuss Carl Schmitt, und fertig ist das Gem&auml;lde. Wenn Schmitt erkl&auml;rt, souver&auml;n sei, wer &uuml;ber den Ausnahmezustand verf&uuml;gt, Benjamin &Auml;hnliches behauptet hat und Baader dem zustimmt, was sagt das aus? Dass rechts und links gleich sind? Wir w&uuml;rden doch annehmen, dass jene These nur richtig oder falsch sein kann. Erkenntnis und Bekenntnis sollten doch auseinander gehalten werden. Was jemand sagt, wo jemand steht und was jemand tut, wird auf eine Weise verr&uuml;hrt, dass es das vorgefasste Urteil nur noch best&auml;tigen kann. Da finden sich skurrile S&auml;tze wie: &#8220;Von allen Thesen Benjamins l&auml;sst die achte am ehesten eine terroristische Lekt&uuml;re zu.&#8221; (Irving Wohlfahrt, S. 288) Wie liest man terroristisch? Lesen Terroristen terroristische Lekt&uuml;ren terroristisch? Oder kann mir das auch passieren? Muss ich meine Kalaschnikow einsperren, wenn ich zu Benjamin greife?</p>
<p>Walter Benjamins &Uuml;berlegungen zur Gewalt wurden verfasst in einer Periode des aufkeimenden Faschismus, in einer Welt paramilit&auml;rischer Vereinigungen und handgreiflicher Zusammenst&ouml;&szlig;e, in einer Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Massenelends. Bedacht werden sollte, dass alle elementaren Ereignisse des 20. Jahrhunderts unmittelbar mit Gewalt verbunden gewesen sind. Sowohl bei der Errichtung des Nationalsozialismus als auch bei seiner Niederschlagung hat Gewalt eine eminente Rolle eingenommen. Die Frage nach der Gewalt ist ja nicht mit einem Bekenntnis zu Gewaltmonopol und Rechtsstaat erledigt. Die Frage, was Gewalt ist, wer die Gewalt hat, welche Gewalt sinnvoll, zielf&uuml;hrend oder kontraproduktiv ist, die wird heute leider nicht gef&uuml;hrt. Walter Benjamin hat sich mit solchen Problemen intensiv besch&auml;ftigt. Das spricht f&uuml;r ihn. Nat&uuml;rlich kann man, wenn man will, einiges auch als Apologie der Gewalt lesen. Aber k&ouml;nnen kann man vieles, was man nicht soll. Man kann Zwischentitel posten wie jenen auf Seite 288: &#8220;Zwischen Flaschenpost und Molotow-cocktail: Benjamin, Marcuse, Negt&#8221;. Man kann auch hinsichtlich der Frankfurter Schule von der &#8220;, Bombe&#8217;, die vielleicht in ihrem Text steckte&#8221; (S. 288) faseln. Man kann.</p>
<p>Darf man also Rechte und die Linke nicht zusammendenken? Oh doch, allerdings sollte man dabei die goldene Mitte nicht vergessen. Die ist kein unschuldiger Zentralk&ouml;rper, dem alle Extremismen fremd sind. In dieser Publikation wird allzu oft die gesellschaftliche Totalit&auml;t durch eine vorschnelle Ph&auml;nomenologie erschlagen. Mit solcher Vorgangsweise kann man vielen vieles anh&auml;ngen. Man mag dann in zahlreichen Details Recht haben und trotzdem gro&szlig;en Unsinn erz&auml;hlen. Hier soll ein Mythos durch eine Fratze ersetzt werden.</p>
<h4>Absicht</h4>
<p>Die vorliegende Bilanz ist leider im wahrsten Sinne des Wortes eine Abrechnung. Da werden alte Rechnungen beglichen, von denen aber die meisten Leser nichts wissen k&ouml;nnen. Woraus r&uuml;hrt ihre Aggressivit&auml;t? F&uuml;hlten sie sich jahrelang eingemeindet in eine Geiselhaft falscher Solidarit&auml;t? Das mag sein und einiges erkl&auml;ren. Aber rechtfertigen tut es nichts.</p>
<p>Ziel ist nicht blo&szlig; die Delegitimierung der RAF, sondern die Delegitimierung von 68 und damit jeglichen emanzipatorischen Versuchs. Diese wirkt umso st&auml;rker, je mehr sie von Ehemaligen vorgetragen wird. Es handelt sich dabei um das Bed&uuml;rfnis der in der Berliner Republik angekommenen Ex-68er, um die R&uuml;ckkehr der biederen Leute. Das Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung ist ihr lautstarker Verbrennungsmotor. Und das geht nicht klammheimlich, sondern lautstark &uuml;ber die B&uuml;hne. Wolfgang Kraushaar ist durchaus ein Joschka Fischer der Wissenschaft. Apropos Frankfurter Spontis: Warum sind Cohn-Bendit und Fischer eigentlich verloren gegangen, warum kommen sie kaum vor und wenn, dann gut weg? Gibt es keine Elaborate, Reden und Auftritte wie jene von Dutschke, oder h&auml;ngt das damit zusammen, dass die beiden inzwischen den gleichen Positionswechsel wie Kraushaar vollzogen haben? Oder ist das eine b&ouml;se Frage?</p>
<p>Was beabsichtigt wird, f&uuml;hrt Jan Philipp Reemtsma in seinem Beitrag, insbesondere auf der allerletzten Seite, aus. Das scharfe Credo des endg&uuml;ltig Gel&auml;uterten liest sich so: &#8220;Man versteht nichts von der Geschichte der RAF, wenn man nicht insbesondere die Gewaltlockung erkennt, die in der Idee eines nicht entfremdeten, authentischen Lebens liegt. Nur unter dieser Perspektive versteht man, wie es zu einem , Mythos RAF&#8217; kommen konnte, wie dieser Gruppe Desparados, die sich in Brutalit&auml;t und Vulgarit&auml;t gefielen, die Aura des R&auml;tsels zuwachsen konnte.&#8221; (S. 1368, alle folgenden Zitate von dieser Seite. )</p>
<p>Abgesehen davon, dass Brutalit&auml;t und Vulgarit&auml;t Mythos und Aura weder bedingen noch ausschlie&szlig;en, l&auml;uft da wirklich einer mit einer &uuml;berdimensionalen rechtsstaatlichen Brechstange durch die Gegend und zieht jedem eins &uuml;ber, der anderes denkt. Das Nichtentfremdete und das Authentische m&ouml;gen schon ihre T&uuml;cken haben, aber sie rechtfertigen doch nicht das Gegenteil. Das sieht Reemtsma aber ganz anders: &#8220;Solidarit&auml;t respektive Kameradschaft (sic! , F. S. ) &#8230; sind f&uuml;r solche, die das b&uuml;rgerliche Leben nicht aushalten, weil es sie &uuml;berfordert.&#8221;</p>
<p>In aller Offenheit wird hier gesagt, was Sache es: <em>Das b&uuml;rgerliche Leben ist auszuhalten</em>. Wer mit Markt und Staat, Arbeit und Geld nicht klarkommt, ist selber schuld, &#8220;&uuml;berfordert&#8221;, letztlich ein pathologischer Fall. Unbehagen, Aufbegehren, Widerstand werden somit zum pers&ouml;nlichen Manko. Jeder ist doch seines Gl&uuml;ckes Schmied, sagt der gemeine Menschenverstand und Reemtsma als wendiger wie gewendeter Ideologe &uuml;bersetzt die marktliberalen Plattheiten ins Akademische. Dass die Leute der RAF es nicht ausgehalten haben, spricht nicht gegen sie, gegen sie spricht, dass sie falsche Konsequenzen gezogen haben. Das sind zwei verschiedene Dinge.</p>
<p>Anpassung und Geldmachen, mehr ist es nicht, was hier geboten wird. Was die Gesellschaft verlangt, wird idealisiert. Es ist das Duett des Besitzb&uuml;rgers mit dem Staatsb&uuml;rger, das hier gegeben wird. Das manich&auml;ische Weltbild, das Reemtsma und Kraushaar anderen so salopp unterstellen, ist ihr eigenes. Nur spiegelverkehrt. Es sind die Fanatiker von Markt und Demokratie, die sich hier breit machen und alles niederwalzen wollen, was nach Kritik riecht, indem sie diese a priori unter Verdacht stellen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der gemeingef&auml;hrliche, totalitaristische Reflex wieder nach einem Radikalenerlass schreit. Da ist nichts anderes unterwegs als ein ideologisches R&auml;umkommando des germanischen Ausgrenzungswahn, der am anderen Ende auch ein Heimholungswahn ist. &#8220;Kapituliert! &#8220;, schreit dieser neudeutsche Imperativ.</p>
<p>Das Andere zu wollen ist nicht nur falsch, sondern auch bl&ouml;de: &#8220;Keine terroristische Gruppe k&ouml;nnte sonderlich erfolgreich sein ohne solche verst&auml;ndnisvollen Dritten, die die Sehns&uuml;chte nach Authentizit&auml;t, unentfremdetem Leben sive Undifferenziertheit und Dummheit teilen, die sich aber nicht trauen, selber zuzuschlagen, und darum von der terroristischen Gruppe verachtet werden. Die Feigheit der verst&auml;ndnisvollen Dritten ist das Moment der Realit&auml;tst&uuml;chtigkeit in ihm.&#8221; Einmal mehr wird der Sympathisant strapaziert: &#8220;Die Geschichte der RAF kann man nicht verstehen ohne die theorief&ouml;rmigen Affekte verst&auml;ndnisvoller Dritter zu analysieren.&#8221; Nein, die Geschichte von Reemtsma, Kraushaar und Co kann man nicht verstehen ohne die theorief&ouml;rmigen Defekte der Ehemaligen zu untersuchen. Reemtsma entsorgt nicht nur ein Verst&auml;ndnis, er entsorgt jedes Verstehen gleich mit. Die strikte Personalisierung der Tat fungiert als Freispruch f&uuml;r das gesellschaftliche System. Renegaten stehen hoch im Kurs. Mehr als die Figur des Sympathisanten sollte die des Denunzianten interessieren.</p>
<p>Der RAF braucht niemand nachweinen, auch 1968 muss nicht rehabilitiert werden, was jedoch verlangt werden kann, ist Realisierung des Kontexts und Respekt vor den Motiven. Die Fragen, die damals aufgeworfen wurden, sind ja mitnichten erledigt. Da m&ouml;gen sich die ersten Antworten noch so blamiert, ja desavouiert haben. Wenn Kronzeugen unterwegs sind und die eigene L&auml;uterung nicht an sich selbst, sondern an ehemaligen Genossen exekutieren, ist generell Vorsicht geboten. Da verminen welche das Forschungsgel&auml;nde. Und dr&uuml;ber weht ein frischer Wind. Es ist der kalte alte. Willkommen in der FdGO!</p>
<p><em>Wolfgang Kraushaar (Hg. ), Die RAF und der linke Terrorismus, 1415 Seiten, 2 B&auml;nde im Schuber, 78 Euro (Hamburger Edition, Hamburg 2006). </em></p>
<h4>Die dummen Einf&auml;lle des Dr. Wolfgang Kraushaar</h4>
</td>
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		<title>Die dummen Einfälle des Dr. Kraushaar</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:20:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Mohr; Markus]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
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<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em>von Markus Mohr</em> <span id="more-451"></span></p>
<p>Johannes Agnoli, der sich selbst nie so wichtig nahm, qualifizierte in seiner 1998 erschienenen Aufsatzsammlung &#8220;1968 und die Folgen&#8221; das Bem&uuml;hen der &#8220;diversen Kraushaar&#8221; als eine &#8220;Abwertung und Verleumdung all dessen, was von links kommt und vor allem in der 68er-Revolte gipfelte&#8221;. Glaubt man nun einem j&uuml;ngst von dem Italien-Korrespondenten der <em>Frankfurter</em> <em>Allgemeinen Zeitung</em> Rainer Blasius gro&szlig;formatig publizierten Tratsch &uuml;ber eine Tagung zu den &#8220;Krisenzeiten von 1968 bis 1973&#8243; im deutsch-italienischen Zentrum Villa Vigoni am Comer See (<em>FAZ</em> vom 12.12.2006), dann scheint Dr. Wolfgang Kraushaar sich erneut darum bem&uuml;ht zu haben, das Agnolische Diktum zu best&auml;tigen.</p>
<p>In einem Vortrag unter der Themenstellung &#8220;Die Entstehung au&szlig;erparlamentarisch agierender oppositioneller Gruppen und ihre Wirkung auf Politik, Gesellschaft und Kultur&#8221; wusste dieser u. a. brav einige biographische Details aus dem Leben von Johannes Agnoli zu rapportieren. Eine gewisse Dramatik in der Darstellung kann dabei dem als &#8220;68er-Veteranen&#8221; vorgestellten Doktor vom Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung nicht abgesprochen werden: &#8220;Was in den achtziger Jahren &uuml;ber Agnolis Jugend nur als Ger&uuml;cht verbreitet wurde, sei nach seinem Tod im Mai 2003 , zur Gewi&szlig;heit geworden&#8217;. &#8230; Als Redakteur einer Sch&uuml;lerzeitung und Anf&uuml;hrer eines faschistischen Jugendverbandes (verfasste Agnoli) Hymnen auf Mussolini, sodass sein Name sogar auf einer Hinrichtungsliste der Partisanen stand. Wegen seiner Bewunderung f&uuml;r das , Dritte Reich&#8217; meldete er sich 1943 freiwillig zur Waffen-SS und wurde bald darauf Soldat der deutschen Wehrmacht. Als Gebirgsj&auml;ger mit dem germanisierten Namen Johannes Aknoli war er bei der Partisanenbek&auml;mpfung in Jugoslawien im Einsatz. &#8221;</p>
<p>Diese Details aus der verwickelten Biographie Johannes Agnolis k&ouml;nnen seit Jahren leicht in der kleinen biographischen Skizze von dessen Ehefrau Barbara G&ouml;rres Agnoli nachgelesen werden (Konkret-Verlag 2004). Sie ist im Text frei von allen Ger&uuml;chten und jeder Dramatik, konzentriert sich auf wesentliche Stationen dessen Lebens und f&uuml;hrt daran eine zum Teil engagierte Auseinandersetzung. Doch derart Lakonisches scheint nicht die Sache des <em>FAZ</em>-Protokollanten noch die des Dr. Kraushaar zu sein, denn weiter steht zu lesen: &#8220;&Uuml;ber seine Vergangenheit habe Agnoli seine politischen Mitstreiter , offensichtlich in Unkenntnis&#8217; gelassen.&#8221; Das ist an verlogener Gemeinheit nur schwer zu &uuml;berbieten. Auch wenn Dr. Kraushaar unterstellt werden kann, dass er sich auf die von Barbara G&ouml;rres Agnoli verfasste biographische Skizze gest&uuml;tzt hat, scheint er dies aber doch gleich wieder vergessen zu haben.</p>
<p>Der zweite Teil der durch die Brille der <em>FAZ</em> referierten Einf&auml;lle Kraushaars kapriziert sich dann auf die politikwissenschaftlichen Abhandlungen Agnolis, dessen &#8220;Grundgedanken&#8221; der Referent &#8220;in Italiens pr&auml;faschistischer &Auml;ra&#8221; ausmacht. Agnoli habe dann in der Zeit der Gro&szlig;en Koalition in der Bundesrepublik &#8220;das Bild vom Parlament als einer massenwirksamen Fiktion benutzt, um es grundlegend zu delegimitieren und damit Platz f&uuml;r eine nicht weiter konkretisierte Herrschaftsform als Alternative zu machen&#8221;. Was schert es da den &#8220;68er-Veteranen&#8221;, der als ein sp&auml;ter Mitl&auml;ufer des SDS-Ortsverbandes Frankfurt gelten kann, dass sich brillante &Uuml;berlegungen zu einer Fiktion der parlamentarischen Repr&auml;sentation seitenlang bei dem sozialdemokratischem Rechtgelehrten Hans Kelsen, den Sch&ouml;pfer der &Ouml;sterreichischen Bundesverfassung, nachlesen lassen, der von Agnoli &uuml;brigens auch zitiert wird.</p>
<p>Der primitive Anwurf der Kontaktschuld ist hier die &uuml;beraus billige Methode von Herrn Dr. Kraushaar, &uuml;ber die er nicht hinauskommt. Agnoli waren die Ber&uuml;hrungspunkte der rechten und linken Demokratiekritik in der Tat bewusst, er hat sie sogar durchgearbeitet, anstatt einen einf&auml;ltigen Grenzstrich zwischen dem b&ouml;sen Denken einer politischen Rechten und dem vermeintlich guten Denken der politischen Linken zu ziehen. Als erwachsener Mann hat sich der Politikwissenschaftler Agnoli der Linken nicht eingeordnet, sondern hat zu denen geh&ouml;rt, die sie politikwissenschaftlich angeordnet haben wie der Magnet die Metallsp&auml;ne. Und ausgerechnet dem furios negativen Herrschaftskritiker Agnoli mit dem Anwurf bekleckern zu wollen, er habe damit Platz f&uuml;r eine &#8220;nicht weiter konkretisierte Herrschaftsform als Alternative&#8221; machen wollen, dementiert sich an der Sache und auch an der Person selbst.</p>
<p>Doch f&uuml;r den Ankl&auml;ger ist es damit nicht genug. Agnoli pers&ouml;nlich soll es gewesen sein, der durch die &#8220;Stigmatisierung des Staates und Klassenkampfrhetorik &#8230; nicht wenige der von der Apo ausgegangenen Anst&ouml;&szlig;e , aufgezehrt&#8217; und , politisch ein ganzes Jahrzehnt lang in die Irre&#8217; gef&uuml;hrt&#8221; haben soll. Sogar die &#8220;von der RAF herbeigef&uuml;hrte Krise der inneren Sicherheit&#8221; wird von diesem auch noch dem Genossen Agnoli zugeschrieben. Auch wenn es Dr. Kraushaar vor seinem Delinquenten so graust, dass er kaum noch etwas begreift: In den Spalten der <em>FAZ</em> h&auml;lt er &#8211; ohne es zu merken &#8211; eine Laudatio auf die schwarze Katze Agnoli, hinter der alle &#8211; dumm, wof&uuml;r Kraushaar sie heute h&auml;lt &#8211; hergelaufen sein sollen!</p>
<p>Zu vermuten steht, dass die Kraushaarschen Einf&auml;lle im Jahre 2006 nicht wesentlich &uuml;ber das hinausgehen, woran er bereits auf einer im Jahre 1985 in West-Berlin abgehaltenen Tagung gescheitert ist: Agnoli mit beliebigen Analogien und Denunziationen &#8211; nun sekundiert von der <em>FAZ</em> &#8211; das Linksfaschismus-Ticket anzuh&auml;ngen. Agnoli hat hier bereits 1986 einem weitsichtig in Anf&uuml;hrungsstrichen geschriebenen &#8220;Wolfgang Kraushaar aus Frankfurt&#8221; den munter gestimmten Bescheid in einer lehrreichen Abhandlung erteilt.</p>
<p>In einer Stellungnahme zu der <em>FAZ</em>-Kolportage zu den wie &uuml;blich unsauber-kreativen Kraushaarschen Quellenrecyclings &auml;u&szlig;erte Rudolf Walter die Vermutung, dass &#8220;so kurzschl&uuml;ssig und grob&#8221;, wie sich die <em>FAZ</em> die Geschichte zurechtgelegt habe, eben jener Dr. Kraushaar &#8220;seine theoriegeschichtlichen Analogien nicht gemeint haben&#8221; d&uuml;rfte. (<em>taz</em> vom 15.12.2006)</p>
<p>Dieser Hoffnung kann man begr&uuml;ndet widersprechen. Dr. Kraushaar, der 1998 die &#8220;Unterwanderung&#8221; der Studentenbewegung mal nicht durch den Faschismus, aber doch durch die Stasi beklagte und damit r&uuml;ckwirkend auf einen Prozess der S&auml;uberung reflektierte, kann heute als der Couponschneider am intellektuellen und praktischen Wirken au&szlig;erinstitutionell operierender linksradikaler Aktivisten der 60er und 70er Jahre gelten. Mit diesen macht er unter dem Signum dessen, was er als aktuelle Anti-Extremismus-Staatsr&auml;son begreift, frei von allen Regeln rabiat kurzen Prozess. Mit der vom erwachsenen Agnoli meisterhaft verk&ouml;rperten Praxis von Geduld und Ironie ist dem intellektuell alles entgegen zu halten.</p>
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		<title>Durchstarten!</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 01:15:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2007-39]]></category>
		<category><![CDATA[Wölflingseder; Maria]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 39/2007</p>
<p><em>KOLUMNE Dead Men Working</em></p>
<p>von Maria W&ouml;lflingseder <span id="more-453"></span></p>
<p>Auf der Pampers-Windel-Werbung prangt unter dem Foto eines friedlich schlafenden S&auml;uglings der Schriftzug: &#8220;Bitte nicht st&ouml;ren. Arbeite auf Hochtouren.&#8221; Dass &#8220;dein Gehirn w&auml;hrend der Nacht Millionen von Verbindungen herstellt, um all das zu verarbeiten, was du tags&uuml;ber erlebt hast&#8221;, wird klein gedruckt erkl&auml;rt. &#8211; Auf Hochtouren arbeiten, ist das Gebot der Stunde, offenbar vom S&auml;uglingsalter an!</p>
<p>Endlich richtig &#8220;durchzustarten&#8221; wird unz&auml;hligen, auf minimaler Provisionsbasis Besch&auml;ftigten von ihren &#8220;Vorarbeitern&#8221; wie aus einem Munde einzupauken versucht, unterstrichen durch eine mehr lahme denn schwungvolle Armbewegung.</p>
<p>Die SP&Ouml; verk&uuml;ndete auf ihren Werbeplakaten, &#8220;Verantwortung f&uuml;r ein soziales &Ouml;sterreich&#8221; &uuml;bernehmen zu wollen. &#8220;Durchstarten f&uuml;r eine bessere Zukunft&#8221;, ist ihr Credo. Beim &Ouml;GB-Kongress h&ouml;rte sich das jedoch ganz nach neoliberaler Propaganda an. Bundeskanzler Gusenbauer, der sein Berufsziel angeblich schon vom Sandkastenalter an zielstrebig verfolgte, sprach vom kleinen &Ouml;sterreich, das sich im internationalen Wettbewerb behaupten m&uuml;sse, und von lethargischen Arbeitslosen, die unbedingt wieder in einen Job zu verfrachten seien.</p>
<p>In halb &Ouml;sterreich gebe es bereits Vollbesch&auml;ftigung, verk&uuml;ndet Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein, der Rest sei sp&auml;testens im Jahr 2010 komplett besch&auml;ftigt. Eins der Zaubermittel: &Ouml;sterreich muss am Technologiesektor endlich vom &#8220;breiten, kuscheligen Mittelfeld&#8221; zum Spitzenfeld aufr&uuml;cken. Das erfordert Risikofreude. Gem&uuml;tlichkeit ist pass&eacute;.</p>
<p>Die allgegenw&auml;rtige Pr&auml;senz der W&ouml;rter <em>durchstarten</em>, <em>auf Hochtouren arbeiten</em>, <em>hochtourig</em> <em>leben</em>, die Ablehnung jedweden <em>Kuschelkurses, </em> spiegelt die Anforderungen, die t&auml;glich an uns gestellt werden. Jemand ohne Stress wird heute scheel angeschaut. F&uuml;r Arbeitslose trifft das auf besondere Weise zu. Sie haben alle <em>Hebel in Bewegung zu setzen</em>, um ehebaldigst wieder jobm&auml;&szlig;ig <em>rotieren</em> zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Diese Diktion lehnt sich augen- und ohrenscheinlich an Maschinelles an, insbesondere an die Welt des Autos. Ich h&ouml;re bei all den W&ouml;rtern immer das Aufheulen eines Motors zu unangemessen hoher Drehzahl, bevor das <em>Geschoss, </em> wie Autos gerne genannt werden, losgelassen wird. &#8211; Sind wir alle am Durchdrehen? Helmut Qualtingers Liedzeile &#8220;I hab zwor ka Ahnung wo i hinfohr, ober daf&uuml;r bin i gschwinder durt&#8221;, bekommt eine neue Dimension, eine geradezu universelle. Das Wort <em>Auto</em> kommt vom griechischen <em>aut&oacute;s</em>, auf Deutsch: <em>selbst</em>. &#8211; Wissen wir selbst noch, was wir tun? Was wir wollen? Oder sind wir lauter Selbstl&auml;ufer, automatisch Operierende, programmiert von der herrschenden irrationalen Rationalit&auml;t? Maschinen m&uuml;ssen wir intelligent f&uuml;r uns arbeiten lassen anstatt selbst zu einer zu verbl&ouml;den! Aber der Arbeitswahn beherrscht uns immer noch.</p>
<p>Dass Menschen am AMS weniger schikaniert werden und weniger sinnlose Kurse besuchen m&uuml;ssen, darum bem&uuml;hen sich Arbeitsloseninitiativen redlich. Dar&uuml;ber hinaus bewirkt ihre Kritik nicht viel mehr als ein Tropfen auf den hei&szlig;en Stein. Sie bewegt sich an der Oberfl&auml;che und bleibt somit ganz in der Logik der herrschenden Irrationalit&auml;ten verhaftet.</p>
<p>Aktuelles Beispiel: Die <em>Kronen</em>-Zeitung hetzte gegen Arbeitslose. Der Vorwurf: Sie wollten ja gar nicht arbeiten. Dazu wurde eine Webseite aus Deutschland zitiert, auf der Verhaltenstipps f&uuml;r vom Arbeitsamt aufgezwungene Bewerbungsgespr&auml;che gegeben werden. Ein Aufschrei folgte. Alle beteuerten, wie sehr sich die Arbeitslosen einen Job w&uuml;nschten und sich auch dementsprechend verhielten. Eine wissenschaftliche Untersuchung wurde als Beleg daf&uuml;r angef&uuml;hrt. Von den Experten der Arbeiterkammer bis hin zum Pr&auml;sidenten der Wirtschaftskammer wurden alle angefleht, die Arbeitslosen gegen solche Verleumdungen zu sch&uuml;tzen. Letzterer versprach, daf&uuml;r zu sorgen, dass in Hinkunft mehr auf die Unterscheidung zwischen arbeitswilligen und arbeitsunwilligen Arbeitslosen geachtet wird.</p>
<p>Weiteres Beispiel: Viele sehen in einer Mikrokreditfinanzierung, wie sie der, nein, nicht <em>Wirtschafts</em>-, sondern <em>Friedens</em>nobelpreistr&auml;ger und Gr&uuml;nder der Grameen-Bank Mohammed Yunus kreiert hat, eine L&ouml;sung. In einem E-Mail-Forum schreibt ein Bef&uuml;rworter &uuml;ber diese Kredite, die nun auch in &Ouml;sterreich f&uuml;r Arme aus Afrika, Asien und Osteuropa finanziert werden: &#8220;Sie entwickeln die Menschen von willenlosen Almosenempf&auml;ngern (Hartz IV) und gerissenen Bettlern zu eigenst&auml;ndig-eigenverantwortlichen Unternehmern im besten Sinne. Die Menschen beginnen, f&uuml;r sich selbst und andere, etwas zu <em>unternehmen</em>! Die Kreditnehmer m&uuml;ssen nicht &uuml;ber Rechtsanw&auml;lte ihr tristes Arbeitslosengeld erstreiten, sondern k&ouml;nnen sich frei entscheiden, wo und wie auch immer sie erwerbst&auml;tig werden.&#8221;</p>
<p>Befremdlich mutet auch die Forderung an, doch bitte, bitte die &auml;lteren Arbeitslosen, die Frauen und die Behinderten nicht gar so arg vom Arbeitsmarkt auszugrenzen. Das hie&szlig;e also: Verteilt die Arbeitslosigkeit gerecht! Schafft Quoten-Arbeitspl&auml;tze! ?</p>
<p>Besonders deutlich zeigt sich das Rotieren auf der Stelle und der Verschlei&szlig; an Energie auch im endlosen Sich-Ereifern &uuml;ber den &#8220;Verrat&#8221; der Anliegen der Arbeiter und der Arbeitslosen durch die SP&Ouml; und die Gewerkschaft. &#8211; All diese Kritik greift nicht, weil sie die Grund&uuml;bel der Mieseren nicht erkennt. An ein Jenseits der Kerkermauern wird nicht einmal gedacht. Das Einzige, was gelegentlich aufblitzt, ist das geforderte &#8220;Recht auf Faulheit&#8221; oder, wie die Zeitschrift <em>Augustin</em> (Nr. 194) unl&auml;ngst auf ihrer Titelseite schrieb: &#8220;Liebe &Ouml;GBler und &Ouml;GBlerinnen, tut was: Respektiert die Nixtuer! &#8221; Diese Forderungen alleine sind allerdings ein blo&szlig;er Reflex gegen die Zumutungen der fremdbestimmten Arbeits- und Arbeitslosenwelt und gegen die von der Konsum- und Freizeitindustrie geforderte Betriebsamkeit. <em>Faulheit</em> und <em>Nixtun</em> d&uuml;rfen aber keine systemimmanente Flucht bleiben. Ziel ist Selbstbestimmung und das Prinzip Mu&szlig;e, also eine Lebensform, die es nur <em>jenseits</em> der kapitalistischen Warengesellschaft geben kann. Gegen das Paradigma des &#8220;Durchstartens&#8221; und &#8220;Durchdrehens&#8221; muss dem Fundamentalbegriff M&uuml;&szlig;iggang (dar&uuml;ber im n&auml;chsten Heft), der mit der Etablierung der totalit&auml;ren Arbeitswelt zerst&ouml;rt wurde, zum Durchbruch verholfen werden. Solange aber nicht einmal jemandem auff&auml;llt, welch menschliche Widersinnigkeit es ist, Arbeitenden heute ganz selbstverst&auml;ndlich &#8220;ein hohes Ma&szlig; an Belastbarkeit&#8221; und &#8220;hohe Frustrationstoleranz&#8221; abzuverlangen, wird sich so schnell nichts &auml;ndern.</p>
</td>
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