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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2006-38</title>
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		<title>Markt und Kapital</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:58:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einführung]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Unzertrennlichen und ihre Motschgerer<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/markt-und-kapital">Markt und Kapital</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Unzertrennlichen und ihre Motschgerer</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>von Andreas Exner </em> <span id="more-434"></span></p>
<p>Ein &#8220;neuer Anti-Kapitalismus&#8221; macht die Runde. Falsch, flach und fad. Das aber scheint beinahe nix und niemandem etwas auszumachen. Nein, dieses Lamento geht ins Ohr. Motschgern hei&szlig;t das in Wien. Motschgern liegt irgendwo zwischen Sudern und Aufpudeln. Von Einsicht und Kritik ist es etwa so weit entfernt wie Paris von Dakar &#8211; zu Fu&szlig;. Motschgern freilich ist kein Wiener Privileg. Motschgern ist &uuml;blich. Motschgern ist&#8230; wenn eins sich st&ouml;&szlig;t am Kapital oder an den Kapitalisten, am Zins oder am Profit oder an den Finanzm&auml;rkten, an dicker Luft in &Ouml;ffis, am Klimawandel oder am Elend der Welt, aber an einem nicht, ja nie und nimmer &#8211; bitte, wo k&auml;men wir da hin &#8211; also wirklich keinesfalls&#8230; am Markt. Stellen wir uns vor: Es g&auml;be zwei Menschen. Sie tr&auml;fen sich. Was w&uuml;rden sie tun? &#8211; Gr&uuml;&szlig;en? Reden? Einander ignorieren? Sich wechselseitig eins &uuml;ber den Sch&auml;del ziehen? Freundlich l&auml;cheln? Und err&ouml;ten? Sich in die Arme fallen? Ein Gespr&auml;ch &uuml;ber das Wetter anzetteln? Oder aber betreten schweigen? Das alles m&ouml;gen sie wohl tun. Vor allem aber tun sie eines &#8211; ein Blick in die Zauberkugel &ouml;konomischer Wissenschaft zeigt dies so klar wie die Offenbarungsliteratur liberaler Pseudodenker: Die beiden tauschen. Ja, Sie haben richtig geh&ouml;rt. Unsere zwei Parademenschen haben nichts Besseres zu tun als zu tauschen. Wo Sie, liebe Leserin, oder Sie, lieber Leser, vielleicht gr&uuml;&szlig;en, sich unterhalten, err&ouml;ten oder l&auml;cheln, da tun andere immer nur das eine. Und dies ist beileibe nicht, was Sie sich vielleicht darunter h&auml;tten vorstellen wollen, vielmehr: Sie tauschen. Ein klares Resultat, den Menschen &#8211; der Realit&auml;t ganz widersprechend &#8211; isoliert vorausgesetzt. Schon Adam Smith fand das ganz logisch und erfand als anthropologische Konstante einen &#8220;Hang zum Tausch&#8221;. Heerscharen von &Ouml;konomen tun&#8217;s noch heute; sofern sie derlei &uuml;berhaupt reflektieren. Mit ihnen eine schiere Masse jener, die diese gesellschaftliche Welt zwar hinterfragen, doch denen auf halbem Weg die Luft ausgeht, der Mut schwindet, die Motivation abhanden kommt, die Vorstellungskraft versiegt, das Denken versagt, das &#8220;Nein&#8221; zu dem, was ist, sich wie auch immer zu einem kl&auml;glich kleinen &#8220;Jein&#8221; verbiegt.</p>
<p>Tausch ohne Geld ist wie ein Motor ohne &Ouml;l. So kommt&#8217;s dann raus. Der Tausch als Regelfall erfordert Geld. Und tritt endlich Geld in prallem Glanz hinzu, vollbringt es wundersam geradewegs das Allersch&ouml;nste. Ein Schuster, der gern Eier m&ouml;chte &#8211; nur zum Beispiel -, muss nicht erst einen Bauern suchen, dem er sein l&ouml;chrig Schuhwerk flicken mag, nein, auch eines Tischlers Schuh erf&uuml;llt den Zweck. Jener gibt ihm Geld, dieser gibt das Geld &#8211; dem Bauern. Und erh&auml;lt die Eier. Soweit, so platt; die Moderne stellt sich die &ouml;konomische Wissenschaft in diesem Fall gern in Kost&uuml;men l&auml;ngst vergangener Zeiten vor. Am simplen Faktum, dass ohne Geld kein Kauf, vermag sich manch eine oder einer gar nicht genug zu begeistern. F&uuml;r die Wirtschaftswissenschaft ist die beschriebene, allt&auml;glich ach so segensreiche Wirkung bereits auch eine tiefe theoretische Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Notwendigkeit von Geld. F&uuml;rwahr ein &#8220;pfiffig ausgedachtes Auskunftsmittel&#8221;, sp&ouml;ttelt Marx.</p>
<h4>Rasend</h4>
<p>Doch nicht allein Neoliberale reinen Wassers freuen sich gedankenlos &uuml;ber die geld- und gesch&auml;ftsgewandte &#8220;unsichtbare Hand des Marktes&#8221;. Diese gelungene Mystifikation aus dem Hause Adam Smith ist heute geradezu ein Gassenhauer. Wer sonst nichts hinterfragt, fragt zumindest eines: Wie bittesch&ouml;n finden denn Angebot und Nachfrage zusammen? Die Frage enth&auml;lt &#8211; wie billig &#8211; ihre eigene Antwort, und diese lautet, unschwer zu erraten: mittels Geld. Zwar konzediert etwa die Globalisierungskritik, dass Adams Hand mitunter arg daneben greift. Afrika zum Beispiel scheint ihr nicht so recht zu liegen, schwer tut sie sich auch mit weiten Teilen S&uuml;damerikas und Asiens, sogar mit Millionen von Menschen in Nordamerika, Japan und Europa, trotz Heimvorteil. Auch mit dem Weltklima kommt sie nicht sehr gut zurecht. Ganz abgesehen vom menschlichen Wohlbefinden, das wahrscheinlich nicht in den Umkreis ihrer Steckenpferde f&auml;llt. Aber lassen wir kleinliche L&auml;stereien, schlie&szlig;lich ist die Sache mit dem unsichtbaren &#8220;Ausgleich von Angebot und Nachfrage&#8221; auch mit dem Einsatz aller Gelder dieser Erde, und seien sie noch so pfiffig, &#8211; sagen wir&#8217;s doch, wie es ist &#8211; ziemlich undurchsichtig.</p>
<p>Die g&auml;ngige Klage &uuml;ber den Markt f&uuml;hrt jedenfalls blo&szlig; dazu, dieses durchaus kalte H&auml;ndchen an die Hand des Staates geben zu wollen. Von &#8220;Leitplanken&#8221; ist da etwa oft die Rede. Der Markt sei f&uuml;r sich gut, doch an sich schlecht. Leitplanken also m&uuml;sse der Staat ihm setzen. Sehr sch&ouml;n entbl&ouml;&szlig;t diese Metapher den konkurrenzistischen Schwachsinn, der in st&auml;ndiger Begleitung des Marktgefasels auftritt, ob es nun von rechts oder von links daherkommt. Die Leitplanke ist bekanntlich das Komplement zur Autobahn, zur Rennstrecke. Rasende Raser brauchen sie. Freilich nicht, um die Raserei zu unterbinden. Im Gegenteil: Sie kanalisiert die Geschwindigkeit und erm&ouml;glicht so erst eine Beschleunigung, die aller R&uuml;ck- und Hinsichten gegen&uuml;ber dem Streckenumfeld ledig ist. Die Leitplanken hindern die Raser daran, ins Publikum zu fahren oder in den Stra&szlig;engraben, und sie hindern andere, die Raser zu behindern. Sie wollen Tod und Zerst&ouml;rung auf die Renn- und Autobahn beschr&auml;nken. Und genau damit erh&ouml;hen sie bestenfalls die Unfallzahlen.</p>
<h4>Ortlos</h4>
<p>Freilich ist die Vorstellung von einem &#8220;Markt mit Leitplanken&#8221; im Grunde ganz verkehrt. Denn sie suggeriert, dass Markt schlechthin ein Ort sei. Dies ist der Markt mitnichten. Zwar gibt es Superm&auml;rkte, Gem&uuml;sem&auml;rkte, den Markt um die Ecke, Bauern-, Gro&szlig;- und Flohm&auml;rkte, und es gab den Markt der antiken Polis. Doch unterscheidet sich davon der Markt als Beziehungsform. Wir k&ouml;nnen den <em>Markt-als-Ort</em> aufsuchen oder meiden. Dem <em>Markt-als-Beziehungsform</em> hingegen entgehen wir in keinem Fall. Wenngleich sein Radius sich je nach Standpunkt eines Unternehmens oder einer K&auml;uferin als lokal, regional oder weltweit definieren l&auml;sst, wenngleich auch er sich je nach Warentyp als G&uuml;ter-, Dienstleistungs-, Arbeits- oder Finanzmarkt charakterisiert, ist der Markt als Kauf und Verkauf kein bestimmter Ort. Vielmehr bestimmt erst der Markt-als-Beziehungsform den Raum der sozialen Orte, ideell wie materiell.</p>
<p>Der Markt trennt <em>erstens</em> das &ouml;ffentliche Handeln der Handeltreibenden von ihrer privaten Haushaltsf&uuml;hrung einerseits, ihrer Arbeit in Fabrik, B&uuml;ro oder in der &#8220;Firma ICH&#8221; andererseits. Insofern ist der Markt die Basis b&uuml;rgerlicher &Ouml;ffentlichkeit, ist die so genannte &Ouml;ffentlichkeit blo&szlig; sein politischer Ausdruck. Hat eins in der zuerst genannten Hinsicht etwa an die Anstalten der Medien zu denken, der kommerziellen Bild-, Text- und Tonfabriken, so ist mit der zweitgenannten in letzter Instanz auf den Staat verwiesen. <em>Zweitens</em> verteilt der Markt Einkommen und verweist seine Unterworfenen auf Positionen in einer vom Geld bestimmten sozialen Hierarchie. Kauf und Verkauf infiltrieren, Anmache, Anmacher und Angemachte besetzen <em>drittens</em> den materiellen Raum. Der Zwang des Kapitals, den Wert seiner Waren in Geld zu m&uuml;nzen, erfordert Bauten und Wege: Kaufh&auml;user und Boutiquen, Alternativl&auml;den, Kinos, Zeitungen, Plakatw&auml;nde, Kaffeeh&auml;user und Restaurants, Urlaubsdestinationen, Tourismusregionen, Stra&szlig;en, Flugh&auml;fen und Internetleitungen, Architektur und Infrastruktur aller Art. Spuren hinterl&auml;sst der Markt allerorten, von &#8220;Leitplanken&#8221; fehlt indes jede Spur.</p>
<p>Schlie&szlig;lich und <em>viertens</em> ist der Markt-als-Beziehungsform auch eine recht umfassende Denk-, Gef&uuml;hls- und Verhaltensmatrix. Menschen agieren darin als Kampfidioten, (mehr oder weniger) willens und f&auml;hig, einander permanent zu misstrauen, f&uuml;r den &#8220;individuellen Nutzen&#8221; zu benutzen und ganz allgemein als l&auml;stiges Hindernis in Kauf zu nehmen, bei Gelegenheit aber auch als Objekt der eigenen Befriedigung zu gebrauchen. An der Oberfl&auml;che ist diese strukturelle Idiotie, vom Liberalismus jedweder Couleur als &#8220;Freiheit des Individuums&#8221; beklatscht, abgemildert durch den &#8220;solidarischen&#8221; Zusammenschluss der &#8220;vereinzelten Einzelnen&#8221; zu konkurrenzistischen Gruppen und Verb&auml;nden. Was etwa gemeinhin als Paradebeispiel f&uuml;r eine &#8220;Leitplanke des Marktes&#8221; gilt, die ber&uuml;chtigte &#8220;&ouml;sterreichische Sozialpartnerschaft&#8221;, ist wenig mehr als die institutionalisierte Zusammenrottung von bornierten Tr&auml;gern ebensolcher Interessen. Die identit&auml;ren Schranken der Konkurrenzsubjekte m&ouml;gen zwischen Nationen und &#8220;Volkswirtschaften&#8221;, zwischen Wirtschaftsstandorten, Betrieben, Abteilungen, Belegschaftsteilen oder Individuen verlaufen, entlang rassistischer oder sozialdarwinistischer Kriterien, oder solchen sexistischer oder ethnizistisch-kulturalistischer &#8220;Natur&#8221; &#8211; das Muster bleibt allemal dasselbe. In jedem Fall sind die Auswirkungen mehr oder weniger verheerend.</p>
<h4>Oh du Entdecker! Informant!</h4>
<p>Hier und heute kommen wir ohne Geld zu nichts. Um Geld sollen wir deshalb angeblich nicht herum kommen. Es ist im Grunde schon erstaunlich, wie verbreitet diese Behauptung ist. Erstaunlicher noch ist allerdings die Ansicht, es gebe Markt ohne Kapital. Diese umspannt die Subsistenzperspektive einer Veronika Bennholdt-Thomsen ebenso wie die Kritik der Globalisierung in den Reihen von Attac, reicht von Hans-Georg Conert, einem reflektierten Sozialisten, bis zu einem informierten Interpreten Marx&#8217; wie Elmar Altvater; da m&ouml;gen sich die kritischen Begriffe &#8220;Fetisch&#8221; oder &#8220;Warenform&#8221; noch so fr&ouml;hlich in den Texten tummeln und sich noch so treffende Zustandsbeschreibungen finden, m&ouml;gen noch so engagierte Pl&auml;doyers f&uuml;r &#8220;Solidarit&auml;t&#8221; und &#8220;Nachhaltigkeit&#8221; gehalten und mag &#8220;der Kapitalismus&#8221; &#8211; was auch immer dies dann sei &#8211; auch noch so heftig kritisiert werden. Dessen ungeachtet liest eins in derlei Schriften von der unbeirrten &Uuml;berzeugung: Markt ist unumg&auml;nglich.</p>
<p>So etwa bei Elmar Altvater, wenn er hinsichtlich einer &#8220;redistributiven&#8221;, an konkret-stofflichen Kriterien und sinnlichen Bed&uuml;rfnissen orientierten Verteilungsweise behauptet: &#8220;Redistribution verlangt eine einigerma&szlig;en &uuml;berschaubare Gesellschaft mit nicht zu komplexen sozialen und &ouml;konomischen Beziehungen. Sonst hat F. A. von Hayek Recht mit seiner Kritik an der sozialistischen Planwirtschaft, dass sie nicht in der Lage sei, das Informationsproblem zu l&ouml;sen. M&auml;rkte, so seine These, seien Informationsbeschaffungs- und -verarbeitungssysteme und der Wettbewerb sei vor allem ein Entdeckungsverfahren. Das gilt in besonderer Weise auf globaler Ebene, auf der ein redistributives System schwer vorstellbar ist&#8221; (Das Ende des Kapitalismus, 2005, S. 185). Der Schulterschluss mit dem neoliberalen Guru Hayek ist ebenso pikant wie bezeichnend. Geradezu haarstr&auml;ubend aber wird es, wenn Altvater den Wettbewerb um den Profit als ein &#8220;Entdeckungsverfahren&#8221; sch&ouml;nredet. Immer noch beruhen so genannte Entdeckungen auf Kreativit&auml;t, Intuition, Zufall, Forschung und vor allem Kooperation. Es ist typisch f&uuml;r das marktwirtschaftliche Bewusstsein, dem Wettbewerb Qualit&auml;ten zuzusprechen, die er nicht hat, jene aber auszublenden, die ihn gerade kennzeichnen. Das Ziel des marktlichen Wettbewerbs ist nicht Entdeckung, sondern Profit. Insofern verdeckt der Wettbewerb zwangsl&auml;ufig jene tats&auml;chlichen oder m&ouml;glichen Entdeckungen, die seiner Bewegung und seinem Motiv zuwiderlaufen. Es ist eigentlich offenkundig, dennoch verdr&auml;ngt es sich so leicht: Am Markt geht es nicht darum, wer am sch&ouml;nsten singt, am meisten produziert, die schnellsten Computer erzeugt, eine neue Pflanzenart beschreibt, die liebevollste Zuwendung geben kann oder die besten Ideen generiert. Zentral ist vielmehr die Frage, wie ein Maximum an Geld zu machen ist. Die Herstellung oder Bereitstellung notwendiger, sinnvoller und gen&uuml;sslicher G&uuml;ter oder Dienste ist Mittel zu diesem Zweck, nicht aber das eigentliche Ziel. Der im &ouml;konomischen Lehrbuch auffindbare &#8220;Qualit&auml;tswettbewerb&#8221; ist kein Gegensatz zum &#8220;Preiswettbewerb&#8221;. Beide sind vielmehr immer schon Funktion des <em>Profitwettbewerbs</em>, wonach wir im Gros der Lehrb&uuml;cher allerdings vergeblich fahnden. Aufgrund dieses eindimensional-primitiven, abstrakten Selbstzwecks nehmen weder Produktion noch Verteilung R&uuml;cksicht auf Mensch oder Natur. Genau das ist ja mit erschreckender Deutlichkeit und allerorten zu besichtigen.</p>
<p>W&uuml;rden wir Altvater und Hayek Glauben schenken, so w&auml;re der Markt aber nicht nur Konkurrenzarena &#8211; unschwer ist das schlie&szlig;lich festzustellen -, sondern auch ein &#8220;Informationsbeschaffungs- und -verarbeitungssystem&#8221;. Das wirft einige Fragen auf. Welche Information wird hier von wem beschafft? Wo, wie und von wem wird sie verarbeitet? Und f&uuml;r welchen Zweck? Altvater ist in diesem Punkt nicht weiter als ein x-beliebiges, ordin&auml;res &Ouml;konomie-Lehrbuch: &#8220;Preise sind eindimensionale Informationskonzentrate&#8221; (Grundz&uuml;ge der VWL f&uuml;r Juristen, E. &#038; M. Streissler 1986, S. 117). Sehen wir einmal mehr ab von der Mystifikation, dass &#8220;der Markt&#8221; bei Altvater etwas &#8220;tun&#8221; soll, wozu nur Menschen in der Lage sind, n&auml;mlich Informationen zu erkennen, zu beschaffen und diese sinnvoll zu interpretieren, so l&auml;sst sich sagen, dass der Markt in Gestalt der Preise lediglich zwei Sorten Information bereit h&auml;lt. Dem Unternehmer zeigt er <em>erstens</em>, ob seine Ware mit Profit verk&auml;uflich ist, und einem Investor folglich, ob ein Unternehmen sich rentiert, den Konsumierenden hingegen <em>zweitens</em>, was wie viel kostet. Mehr &#8220;zeigt&#8221; der Markt beim besten Willen nicht. Die vielbesungene, schon weiter oben angesprochene &#8220;Funktion&#8221;, Angebot und Nachfrage zu &#8220;koordinieren&#8221;, erf&uuml;llt er jedenfalls nicht. Nichts und niemanden koordiniert der Markt. Nichts weiter ist er als die Gesamtheit aller K&auml;ufe und Verk&auml;ufe. Schlicht und ergreifend. Angebot und Nachfrage werden &uuml;berhaupt nicht koordiniert. Beide fallen vielmehr mit sch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit auseinander, weshalb das Kapital sich bekanntlich in einem Karussell von Prosperit&auml;t und Krise dreht. Mit konkreten menschlichen Bed&uuml;rfnissen aber haben Angebot und Nachfrage so und so nur indirekt und partiell zu tun, bestimmend sind hingegen die Erwartung von Profit zum einen und zum anderen die F&auml;higkeit zu zahlen.</p>
<h4>G plus Strich</h4>
<p>Markt ohne Kapital sei also m&ouml;glich. Wir glauben&#8217;s nicht. Das m&uuml;sste uns eins mit guten Argumenten demonstrieren. Bis dahin wollen wir die Sache n&uuml;chtern sehen. Setzen wir also isolierte Einzelne voraus, gleich Adam Smith. Sie nur unterliegen dem Zwang zu tauschen. Ansonsten w&uuml;rden sie sich absprechen, kooperativ und koordiniert produzieren &#8211; was nach Ansicht der Markt-ohne-Kapital-Fraktion jedoch unm&ouml;glich sei. Nehmen wir W f&uuml;r Ware und G f&uuml;r Geld. Ein Tauschakt verlaufe nach der Formel W-G-W. Als Waren seien zum Beispiel Schuhe und Eier vorgestellt. Ein Schuhmacher verkaufe Schuhe, mit dem erhaltenen Geld kaufe er sich Eier. Der Vorgang findet Anfang und Ende in einem konkreten Bed&uuml;rfnis, das eine bestimmte Ware befriedigt. Geld dient hier lediglich als Tauschmittel, ist nicht das Motiv der Handlung.</p>
<p>Dieses Beispiel verdeutlicht freilich nur den Kauf- und Verkaufsakt zweier beliebiger Konsumenten. Es ist der Standpunkt des Lohnempf&auml;ngers, der f&uuml;r Geld Ware will. Nicht aber spiegelt es die Realit&auml;t der Marktwirtschaft, den &uuml;bergreifenden Zusammenhang, in dem Lohnempf&auml;ngerin und -empf&auml;nger sich bewegen. Zentral ist dort die Ware Arbeitskraft. Nicht der Zahl ihrer Exemplare nach, sondern des Umstands wegen, als einzige Wert und Mehrwert zu produzieren. Kein Produktionsmittel, kein anderer &#8220;Produktionsfaktor&#8221; ist dazu in der Lage. Selbst wenn wir die wertkritische Theorie von Marx nicht nachvollziehen wollen &#8211; und an dieser Stelle sei es unterlassen, das Geheimnis des Werts und seiner &#8220;Sch&ouml;pfung&#8221; zu l&uuml;ften -, so bleibt doch der Umstand eklatant, dass ein Unternehmen von beliebiger Facon nicht produziert, um Sch&ouml;nes unter die Leute zu bringen oder zur &#8220;Wellness&#8221; seiner &#8220;Arbeitskr&auml;fte&#8221; beizutragen, sondern um eine positive Bilanz auszuweisen, &#8220;Plusmacherei&#8221; zu betreiben, wie Marx es ausdr&uuml;ckt. Allein schon die begriffliche Unterscheidung des Unternehmens von den &#8211; wohlgemerkt &#8211; zu &#8220;Arbeitskr&auml;ften&#8221; Degradierten, die es besch&auml;ftigt, verweist ja auf die absurde Verkehrung im Verh&auml;ltnis zwischen den Menschen und ihren Kapital gewordenen Produktionsmitteln. Erstere sind letzteren untergeordnet. Wieder: Es ist dies eine Banalit&auml;t und dennoch dr&auml;ngt es offenbar dazu, sie zu verdr&auml;ngen. Der zentrale, weil die Waren<em>produktion</em> erst betreibende K&auml;ufer ist in der Marktwirtschaft nicht, wer &uuml;ber Lohn verf&uuml;gt, sondern wer Geldkapital locker machen kann und L&ouml;hne zahlt.</p>
<p>Wir m&uuml;ssen uns also, sprechen wir vom Markt, dem Kapital zuwenden. In seiner einfachsten Form beschreibt Kapital die Bewegung G-W-G&#8217;. Manch eine mag an dieser Stelle wissend nicken &#8211; in der Tat, so kommen wir den wirklichen Verh&auml;ltnissen schon bedeutend n&auml;her. Was dr&uuml;ckt die Formel aus? Der Unternehmer schie&szlig;t Geld vor, kauft damit Arbeitskraft und Produktionsmittel, l&auml;sst Waren produzieren, verkauft sie und erh&auml;lt G&#8217;, die urspr&uuml;nglich vorgeschossene Summe Geld vermehrt um den Profit. Der schlie&szlig;lich teilt sich in Unternehmergewinn und Zins. Von diesem Standpunkt aus wird sichtbar: Mehrgeld ist der Zweck der ganzen Aktion. Ohne G&#8217; macht Warenproduktion f&uuml;r den Eigner von Geldkapital schlicht keinen Sinn. Im Gegenteil: Weil Geld &#8220;alles kauft&#8221;, einen allgemeinen, abstrakten <em>&#8220;Reichtum schlechthin&#8221;</em> darstellt, vollst&auml;ndig entbettet jeder konkreten Verwendung, macht es sogar sehr viel Sinn, in erster Linie Geld vermehren zu wollen, die Waren hingegen lediglich als mehr oder weniger l&auml;stige Transportmittel von potenziellem Geldwert, der sich in beliebige Ware umsetzen l&auml;sst, zu betrachten. Der verh&auml;ngnisvollen Verkehrung von G und W, von geldwertem Mittel und warenf&ouml;rmigem Zweck des vermeintlich harmlosen Tauschgesch&auml;fts, entgeht auch eine philanthropische Gesinnung nicht. Denn die Unternehmen sind eben Unternehmen, das hei&szlig;t: <em>Privatproduzenten</em>, die wie gew&uuml;nscht erst &uuml;ber den Markt zusammenfinden. Damit ist Konkurrenz gesetzt, woraus der Zwang zur Profitmaximierung resultiert, Reinvestition und Kapitalakkumulation im Gefolge &#8211; der allseits bekannte Zirkus also. Mit dieser betr&uuml;blichen Verkettung h&auml;tte sich im &Uuml;brigen auch eine Arbeitergenossenschaft herumzuschlagen. Auch sie w&auml;re gezwungen, Vorprodukte und Produktionsmittel am Markt zu kaufen und Mehrgeld durch Verkauf ihrer Waren einzunehmen. Wie so etwas in der Praxis aussieht, ist etwa in Argentinien zu beobachten. Fazit: Wo Konkurrenz drinnen ist, da kommt Konkurrenz auch heraus. Der Markt ist nicht Gegenst&uuml;ck zum, sondern Transitraum f&uuml;r das Kapital, er ist eine Dimension seines Daseins. Auch historisch gilt das: Erst das Kapital schuf einen Markt in gesellschaftlicher Ausdehnung; dass &uuml;berhaupt <em>der</em> Markt als solcher existiert, geht auf sein Konto. Ohne Kapital keine Marktwirtschaft. Da hilft kein Wehklagen. Entweder oder.</p>
<h4>G plus Staatskommando</h4>
<p>Einer letzten &#8220;M&ouml;glichkeit&#8221; wollen wir uns widmen. Lassen wir die Illusionen spielen! Nehmen wir an, die Produktionsmittel bef&auml;nden sich s&auml;mtlich in Staatsbesitz, in der Gewalt eines zentralen Verwaltungsapparates anstelle einzelner Kapitalisten. Welche Aufgaben h&auml;tte wohl ein solcher Staat? Wir bitten zu uns: Madame Realit&eacute;. Wir sagen es kurz: Schon eine grobe Auflistung l&auml;sst ein b&uuml;rokratisches Monstrum ahnen. M&uuml;sste es doch die Bedarfe der Konsumenten wie der Betriebe erheben, Investitionspl&auml;ne erstellen, die entsprechenden Auftr&auml;ge verteilen und schlie&szlig;lich auch die zu ihrer Erf&uuml;llung notwendigen Stoff- und Energiefl&uuml;sse koordinieren. Seine Planung m&uuml;sste eine umfassende (realiter unm&ouml;gliche) Kontrolle einschlie&szlig;en. Eines solchen Staates grundlegendes Dilemma best&uuml;nde darin, dass ihm, einem vom Rest der Gesellschaft abgehobenen Gewaltapparat, die Unternehmen nur &auml;u&szlig;erlich unterworfen w&auml;ren. Bezeichnenderweise bliebe die Produktion in einzelne &#8220;Betriebswirtschaften&#8221; und &#8220;Haushalte&#8221;, die ihren gesellschaftlichen Zusammenhang nicht direkt, sondern &uuml;ber Geld vermittelten, zersplittert. Die Individuen w&uuml;rden sich nicht gemeinsam absprechen, sondern von einer externen Instanz auf bestimmte Leistungen vergattert. Ihr eigener Zusammenhang bliebe ihnen &auml;u&szlig;erlich, in Gestalt von Geld und Staat.</p>
<p>Der verblichene Realsozialismus illustrierte dieses Dilemma auf&#8217;s anschaulich Schauderlichste. Spiegelbild des unaufgel&ouml;sten Widerspruchs war der eigenartige <em>Doppelcharakter </em>des realsozialistischen Planungssystems &#8211; der nicht zuf&auml;llig an den Doppelcharakter der Ware erinnerte, zugleich Gebrauchs- und Tauschwert zu sein. Die Planung ging zwar von naturalen, stofflichen Ziele aus, rechnete diese aber f&uuml;r die Produktionspraxis in Geldeinheiten um. Es sollten gute, sch&ouml;ne, n&uuml;tzliche Dinge und Dienste f&uuml;r die Gesellschaft produziert werden. Produziert wurden aber prima vista abstrakte Geldwert-Quanta in Gestalt mehr oder weniger defizienter Waren. Damit in unmittelbarem Zusammenhang stand die blinde <em>Wachstumsfixiertheit</em>, der entsprechenddie absolute Ausdehnung des Produktionsumfangs als prim&auml;res Wirtschaftsziel galt. Gem&auml;&szlig; einer naturalistischen Arbeitswertlehre &#8211; f&auml;lschlich mit Marx in Verbindung gebracht -, die den Wert in der Ware hausen sah wie Bier in der Flasche, berechnete sich der Geldwert der Waren fatalerweise anhand der einzelbetrieblichen Aufwendungen. Je mehr Arbeit und Rohstoffe eine Produktion verbraten konnte, desto mehr abstrakter, monet&auml;rer Wert kam dieser verqueren Formel nach heraus, desto besser war das Betriebsergebnis. F&uuml;rwahr, ein superbes Rezept f&uuml;r Sozialismus. Die Staatsplanung war, wie sich zeigte, alles andere als ein zureichender Ersatz f&uuml;r den freien Markt. Genau dessen Vermittlung sorgt ansonsten ja daf&uuml;r, dass als Wert einer bestimmten Ware nur die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich durchschnittlich notwendige abstrakte Arbeitszeit erscheint und nur sofern die fabrizierten Gebrauchswerte tats&auml;chlich auch auf zahlungsf&auml;hige Nachfrage treffen; dies alles aber ist nicht berechenbar im Voraus, sondern ergibt sich immer erst im Nachhinein, eben &uuml;ber den Markt.</p>
<p>Angesichts der sowjetischen Blamage kamen immer wieder Hybrid-Systeme staatlich geplanter Marktwirtschaften ins Spiel; &uuml;brigens schon in den Reformdebatten der UdSSR seit den 1960er Jahren. Je gr&ouml;&szlig;er die Verf&uuml;gungsmacht der Unternehmen, desto virulenter allerdings der Widerspruch zwischen partiellen, abstrakt-monet&auml;ren Betriebs- und staatlich festgelegten, konkret-stofflichen Interessen. Die Auswirkungen einer solchen Konfiguration analysiert Ernst Lohoff anhand des jugoslawischen &#8220;Selbstverwaltungssozialismus&#8221; (Der Dritte Weg in den B&uuml;rgerkrieg, 1996). Aber auch die Erfahrungen der franz&ouml;sischen Planification der 1950er Jahre verweisen auf die enormen Schwierigkeiten, ja auf die Unm&ouml;glichkeit, Produktion und Verteilung im Rahmen von Kapital, Markt und Staat sinnvoll zu planen. Zwangsl&auml;ufig ist eine staatliche Investitionslenkung, dem hehren Ziel einer &#8220;konkreten Bedarfsorientierung&#8221; zum Trotz, mit der Gefahr konfrontiert, Monopolprofite, &#8220;Investitionskartelle&#8221; und &#8220;Pyramidenbauten&#8221; zu f&ouml;rdern sowie defiziente, destruktive Produktionen zu st&uuml;tzen. Die Orientierung am &#8220;Bedarf&#8221; st&uuml;nde permanent im Clinch mit jener am Profit. Behielte der Staat hingegen die Gewinne ein, um selbst die Investitionen vorzunehmen, so h&auml;tten weder Betriebe noch private Investoren einen Produktionsanreiz. Auch w&auml;re die Koppelung von Produktion und Bed&uuml;rfnissen problematisch. Denn es ist einzig der Profitzwang, der, durch die Konkurrenz vermittelt, im System der Warenproduktion Bed&uuml;rfnisse &uuml;berhaupt einer &#8211; wie wir wissen: h&ouml;chst beschr&auml;nkten &#8211; Ber&uuml;cksichtigung w&uuml;rdig macht. Zwar gibt oder gab es immer einen unterschiedlich ausgedehnten Non-Profit-Sektor, und man k&ouml;nnte meinen, hier l&auml;ge doch ein Beispiel vor f&uuml;r Markt ohne Kapital. Jedoch existiert dieser Sektor nur nach Ma&szlig;gabe der Profitproduktion, die eine entsprechende steuerliche Umverteilung oder aber eine zahlungskr&auml;ftige Privatnachfrage zu seinen Gunsten erst erm&ouml;glicht. Ohne Profit auch kein &#8220;Non-Profit&#8221;.</p>
<h4>Nochmal, W ohne</h4>
<p>Kapitalismus ist zuerst einmal &#8220;Big Business&#8221;. Dieses Business is <em>so</em> <em>big</em>, dass es nicht gar leicht in den Blick zu bekommen ist. Viel leichter dagegen legt sich das Augenmerk auf einzelne seiner Z&uuml;ge. F&uuml;hren wir etwa ein Bankkonto, so f&auml;llt geradezu ins Auge: Da fehlt das W. G tragen wir zur Bank und holen ab G&#8217;. Kein W nicht gibt&#8217;s; von unserer Seite her betrachtet. Erfreuen wir uns einer T&uuml;te Lohn, so existiert da wiederum kein G&#8217;. Wir geben G gegen W &#8211; und das war&#8217;s auch schon. Sind wir hingegen Unternehmer von bestimmtem Zuschnitt &#8211; lassen Sie es mich umschreiben, in etwa so: vom Wunsch beseelt, die Welt mit unseren Waren und unserem besonderen &#8220;Geist&#8221; zu begl&uuml;cken, Arbeitspl&auml;tze zu sichern, die Wirtschaftsregion zu st&auml;rken, Menschen ihr t&auml;glich Brot im Schwei&szlig;e ihres Angesichts zu geben -, dann haben wir zwar G&#8217; im Auge, und auch das W. Ersteres f&uuml;llt mit Gewinn unsere Bilanz, mit Stolz f&uuml;llt unsere Brust das Zweitere. Hingegen kommt uns G-G&#8217; wom&ouml;glich fremd, gar unnat&uuml;rlich vor; insbesondere, maltr&auml;tiert uns ein Kredit. Oder aber: wir &#8211; ehedem kleiner W-Produzent &#8211; sind gro&szlig; geworden und gehen an die B&ouml;rse. Dieser Gang entpuppt sich eventuell, bei schlechtem Gang der Gesch&auml;fte, als ein Opfergang. Wem haben wir uns da verkauft, so fragt das W in unserer stolzen Produzentenbrust, Reihen von &#8220;ehrlichen Arbeitern&#8221; hinter sich. Werte wollten wir sch&ouml;pfen, W wollten wir machen, G&#8217; sollte uns nicht schaden. Nun haben wir den B&ouml;rsenanalysten zu dienen. Ja, verkaufen wollten wir. Aber doch nicht gleich das Unternehmen! Auf den Namen G-W-G&#8217; h&auml;tte das Business h&ouml;ren sollen. Und hat ja auch darauf geh&ouml;rt. G-G&#8217;, vulgo: Zins &#8211; das war vielleicht ausgemacht. Das mag uns bis jetzt auch so gefallen haben. Schlie&szlig;lich w&auml;re ohne Zusatz-G unser Strich erheblich k&uuml;rzer. Aber die Bedingungen haben sich ver&auml;ndert. Schlie&szlig;lich sitzen wir auf jeder Menge W. Was aber interessiert uns W &#8211; &#8220;ehrliche Arbeit&#8221; hin oder her. Herrgott nochmal, G muss her, mehr muss es werden, unterscheiden muss man doch k&ouml;nnen, zwischen W und G, und G und G, zwischen der Rede sonntags oder montags. Bis zu G&#8217; aber ist&#8217;s ein weiter Weg, zumal wenn andere schneller sind. Unfair ist das. Aber wirklich! In unserer zornigen Entt&auml;uschung vergessen wir, dass nicht nur &#8220;ohne Geld ka Musi&#8217;&#8221;, sondern dass es ohne Kapital keine Gewinne spielt, ohne Gewinne aber auch kein Kapital; und dass niemand Geld zum Vergn&uuml;gen leiht, und selten nur aus G&uuml;te.</p>
<p>Da haben wir nun eine m&ouml;gliche Perspektive durchgespielt, eine Erregung vorgef&uuml;hrt. Deren gibt es indessen mehrere. Dass W gut ist etwa, das behaupten beinahe alle; dass W1 (nehmen wir zum Beispiel: Sockensorte 1, Osterstriezel fabriksfrisch, Ostereier) &uuml;berlegen sei gegen&uuml;ber, sagen wir W2 (Sockensorte 2, Topinambur aus biologischem Anbau, Marx-Engels-Werke Band 23), unterstreicht dies unentwegt. Auch dass G gut sei, meinen viele. Viele aber meinen auch: es w&auml;re anders, besser, anders besser einzusetzen; also besser anders. Das mag in vielen Einzelf&auml;llen stimmen. Hier aber soll uns die Struktur des Arguments interessieren. Es geht dabei G1 gegen G2, die Sache also bleibt sich im Grunde gleich. G bleibt Sieger. Kommen wir nun zu G&#8217;: meist schl&auml;gt eins auch hier blo&szlig; eine andere Verwendung vor. Sieger bleiben nach wie vor W, G und nat&uuml;rlich auch G&#8217;.</p>
<p>Das Bummerl hat dann G-G&#8217;. Das kritisieren viele. Das schmeckt nur wenigen so wirklich. Meist wird kritisiert mit Sitz in W, wenn um der &#8220;ehrlichen&#8221; oder &#8220;ordentlichen&#8221; Arbeit oder guter G&uuml;ter willen; dagegen vom Standpunkt G-W-G&#8217; aus, wenn im Namen &#8220;sch&ouml;pferischen Unternehmertums&#8221;. Da gehen erstere mit zweiteren auch immer wieder Hand in Hand. Solange die unmittelbaren Produzenten W&#8217;s oder Freund &#8220;Unternehmergeist&#8221; sich nicht gerade selber &uuml;ben in G-G&#8217;; die Stichworte dazu w&auml;ren: Pensionsvorsorge, Kapitalaufstockung, Mitarbeiterbeteiligung. In diesem Fall n&auml;mlich sieht die G-G&#8217;-Kritik ein wenig komisch aus.</p>
<p>G-G&#8217; jedenfalls ist im System von G-W-G&#8217; so zwangsl&auml;ufig wie die Autobahn bei Existenz des Individualverkehrs. G&#8217; ist ja das Ziel, W bestenfalls Station. Wir sehen es an uns selbst: wir selber verkaufen ja G als W, das G&#8217; abwirft, wenn wir ein Konto er&ouml;ffnen. Betitelt das neuerdings in Gewerkschaftskreisen gern gesehene Wirtschaftsmagazin <em>brand eins</em> M&auml;rz diesen Jahres seinen Themenschwerpunkt &#8220;Kapital&#8221; mit &#8220;Kapitalismus heute: Mehr Geld als Verstand&#8221;, so sollte doch eine Frage auf der Zunge liegen: Was ist klug im Kapitalismus? Geld aus dem Fenster werfen ja wohl nicht. Viele Wege f&uuml;hren nach G&#8217;. Bl&ouml;d ist von diesem Ziel aus gesehen jedenfalls, wer immerzu den ausgerechnet l&auml;ngsten nimmt.</p>
<p>Langer Rede kurzer Sinn: Im Kapitalismus h&auml;ngt alles mit allem zusammen. Es sieht aber deshalb nicht gleich alles von allen Seiten her betrachtet gleich aus. Vielmehr ganz anders. Es verh&auml;lt sich mit dem Blick auf&#8217;s Kapital so wie mit einem Hologramm. Von einer Seite her sehen wir das Profil eines Gesichts. Von der anderen die Front, zwei Augen mittendrin. Von hinten sieht eins Hals und Haar, von oben Haar und Glatze, von unten aber Kinn und Bart, eventuell auch zwei Nasenl&ouml;cher. Alle Bilder ganz verschieden, je nach Richtung, Position und Ausschnitt. Handelt es sich deshalb um je verschiedene Wesen? K&ouml;nnen wir deshalb sagen: ich h&auml;tte lieber Kinn und Bart, Haar und Glatze jedoch nicht; das Profil aber nehm ich gern dazu; den Hals legen sie mir dann noch oben drauf, wenn&#8217;s Ihnen recht ist. K&ouml;nnen wir? K&ouml;nnen wir nat&uuml;rlich nicht.</p>
<h4>Wenn schon, denn schon</h4>
<p>Geld ist notwendig in einer Gesellschaft von Warenproduzierenden, von sozialen Wesen also, die kurioserweise erst am Markt feststellen, <em>ob</em> und <em>wie</em> sie eigentlich zusammengeh&ouml;ren. Geld ist unser eigener, in eine dingliche Gestalt projizierter gesellschaftlicher Zusammenhang. Wir tragen ihn, Marx bringt es auf den Punkt, gleichsam in der Tasche mit uns herum. Damit spielt Geld zugleich die Rolle eines abstrakten &#8220;Anteilscheins&#8221; auf den konkreten Reichtum. Die Gleichg&uuml;ltigkeit gegen die konkrete Produktion ist auf diese Weise mit ihm strukturell verbunden; schlie&szlig;lich best&auml;tigt sich die Gesellschaftlichkeit der Produzierenden ja allein via Geld. Nicht zuletzt ist so ein &#8220;Freibrief&#8221; ausgestellt f&uuml;r die Akkumulation von Macht in den H&auml;nden weniger. Wenn die Gesellschaftlichkeit als solche eine abstrakte Gestalt annimmt, die au&szlig;erhalb der konkreten Beziehungen liegt &#8211; wie dies im Geld geschieht -, dann ist damit schon die M&ouml;glichkeit gesetzt, dass, wer &uuml;ber dieses Medium im &Uuml;berma&szlig; verf&uuml;gt, die Gesellschaft nachgerade <em>in die Hand</em> bekommt &#8211; ungeachtet der &#8220;Eigendynamik&#8221; des Geldmediums, die fortwirkt. Dass aber Geld sich in den H&auml;nden weniger tats&auml;chlich akkumuliert, ist allein schon Folge dieser &#8220;Eigendynamik&#8221;, des von ihm bestimmten Selbstzwecks der Warenproduktion: Mehrgeld. Versuche einer Regulierung greifen in dieser Hinsicht immer schon zu kurz. Sollte es daf&uuml;r eines Beweises noch bed&uuml;rfen, die Geschichte des Kapitalismus liefert ihn.</p>
<p>Kein Wunder also, dass der &#8220;geplante Markt&#8221; des Realsozialismus in die Binsen ging. Wundern aber m&uuml;ssen wir uns &uuml;ber all die farbenfrohen Neuauflagen &auml;hnlich widersinniger Ideen. War der Realsozialismus immerhin noch historisch zu verstehen als ein ideologisch &uuml;berdrehter &#8220;Kriegskommunismus&#8221;, dessen Lebensspanne um Jahrzehnte mit Gewalt verl&auml;ngert wurde, so gelingt mit Kopfgeburten in der Art von &#8220;M&auml;rkten mit Leitplanken&#8221;, einer &#8220;sozialistischen Marktwirtschaft&#8221; oder gar eines &#8220;zivilisierten Kapitalismus&#8221; nicht einmal mehr das. Wo eine &#8220;solidarische Warenproduktion&#8221; propagiert oder eine &#8220;Sozialisation der Konzerne&#8221; gefordert wird, mag durchaus der Gedanke einer gemeinsamen Aneignung der gesellschaftlichen Reichtumsm&ouml;glichkeiten aufscheinen. Als Gegenmodell zu Markt und Kapital taugt derlei jedoch noch lange nicht. Auch wenn es sich bedeutend leichter schreibt als tut: Mehr Phantasie ist gefragt, und auch mehr Mut. Motschgern jedenfalls ist out. Wir bitten zum Tanz!</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/markt-und-kapital">Markt und Kapital</a></p>
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		<title>Vollbesch&#228;ftigtes Irrenhaus</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2006/vollbeschaeftigtes-irrenhaus</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:54:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>
		<category><![CDATA[Wölflingseder; Maria]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 38/2006 KOLUMNE Dead Men Working von Maria W&#246;lflingseder Heuer, im &#246;sterreichischen Wahljahr, hat die Regierung eine Menge Geld locker gemacht &#8211; das AMS-Budget wurde um ein Drittel erh&#246;ht -, um die Arbeitslosen noch erfolgreicher aus der Statistik zu entfernen. Gemeinn&#252;tzige Personal&#252;berlasser sind die neuen Wundert&#228;ter. Arbeitslose verwandeln sich in ihren H&#228;nden auch ohne Job [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/vollbeschaeftigtes-irrenhaus">Vollbesch&#228;ftigtes Irrenhaus</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>KOLUMNE Dead Men Working </em></p>
<p><em>von Maria W&ouml;lflingseder</em> <span id="more-439"></span></p>
<p>Heuer, im &ouml;sterreichischen Wahljahr, hat die Regierung eine Menge Geld locker gemacht &#8211; das AMS-Budget wurde um ein Drittel erh&ouml;ht -, um die Arbeitslosen noch erfolgreicher aus der Statistik zu entfernen. <em>Gemeinn&uuml;tzige Personal&uuml;berlasser</em> sind die neuen Wundert&auml;ter. Arbeitslose verwandeln sich in ihren H&auml;nden auch ohne Job in Besch&auml;ftigte. F&uuml;r diese reduziert sich jedoch bei neuerlicher Arbeitslosigkeit mitunter die H&ouml;he des Arbeitslosengeldes auf zirka 420 Euro.</p>
<p>Weiblichen Arbeitslosen wurde zuhauf der BILLA-Einberufungsbefehl zugestellt: Frauen wurden wahllos &#8220;zwangsrekrutiert&#8221; und erhielten daf&uuml;r nicht von der Supermarktkette, sondern vom AMS eine geringe Entlohnung.</p>
<p>Beim <em>Forum Alpbach</em> verk&uuml;ndete der alpenl&auml;ndische Wirtschaftskammerpr&auml;sident Christoph Leitl, das Ziel sei Vollbesch&auml;ftigung in zehn Jahren. Wobei ihm das d&auml;nische Modell richtungsweisend sei. Demnach sollte es eine h&ouml;here, aber k&uuml;rzere Arbeitslosenunterst&uuml;tzung geben. Nach einer bestimmten Zahl von Ablehnungen angebotener Jobs sollten die Arbeitslosen in den Pflegeberuf umgeschult werden.</p>
<p>Der Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein verhie&szlig; ganz nonchalant die baldige erfolgreiche Senkung der Arbeitslosenzahl auf unter vier Prozent. Auf jene Zahl, die als Vollbesch&auml;ftigung gilt.</p>
<p>Die M&auml;r von den Arbeitslosen, die alle aufgrund ihrer Ungebildetheit arbeitslos w&auml;ren, wird gebetsm&uuml;hlenartig wiederholt. Sie dient wohl vor allem dazu, das Bildungsgesch&auml;ft anzukurbeln. Also alles angeblich nur eine Frage der Behebung individueller Defizite. Warum es aber jetzt schon so viele arbeitslose AkademikerInnen gibt bzw. solche, die st&auml;ndig mit der Begr&uuml;ndung &#8220;&uuml;berqualifiziert&#8221; abgelehnt werden, erkl&auml;rt niemand.</p>
<p>Vom <em>Institut f&uuml;r H&ouml;here Studien</em> wird gefordert, die 8000 Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss m&uuml;ssten diesen nachholen, weil sie sonst von Arbeitslosigkeit bedroht w&auml;ren. Vorbild sei Polen, wo die Arbeitslosigkeit viel h&ouml;her sei als in &Ouml;sterreich, aber von den Jugendlichen h&auml;tten fast alle einen Schulabschluss. &#8211; Die Konsequenz, dass also genug Bildung auch nicht vor Arbeitslosigkeit sch&uuml;tzt, liegt auf der Hand, will aber nicht gesehen werden.</p>
<p>Jetzt, nach der Nationalratswahl, wartet das Wirtschaftsforschungsinstitut mit einem Wei&szlig;buch von 70 Experten auf. Ziel ist die Wiedererreichung der Vollbesch&auml;ftigung. Das Werk wurde von den Sozialpartnern in Auftrag gegeben und wird von diesen auch inhaltlich unterst&uuml;tzt. Gemeinsam wollen sie das Wirtschaftswachstum auf &uuml;ber 2,5 Prozent pro Jahr bringen; ab diesem Wert beginne die Arbeitslosigkeit zu sinken. Die kontroversiellen Vorschl&auml;ge reichen von Flexibilisierung der Arbeitszeit (bis zu 12 Stunden t&auml;glich) bis zur Ankurbelung der Hochtechnologie.</p>
<p>Das <em>Zentrum f&uuml;r Soziale Innovation</em> veranstaltete k&uuml;rzlich eine Aktionswoche. Die Themen waren &#8220;Arbeitslosigkeit, M&auml;ngel in Bildung und Weiterbildung, technologische Herausforderungen, Gef&auml;hrdung des sozialen Zusammenhalts (soziales Europa) und Demokratiedefizite, sowie neue Formen der Steuerung von Entscheidungsprozessen (, governance&#8217; bzw. ein demokratisches Europa)&#8221;. Die Kernaussage war die Forderung nach &#8220;neuen Verfahren&#8221;, &#8220;neuen Regeln&#8221;, den so genannten &#8220;sozialen Innovationen&#8221;, die heute notwendig w&auml;ren. Wichtigstes &#8220;Verfahren&#8221; sei die Umverteilung von Reich zu Arm, ein Prozent des Reichtums w&auml;re daf&uuml;r genug. Ferner m&uuml;sste mehr &#8220;investives Kapital&#8221; bereit gestellt werden.</p>
<p>So weit einige Beispiele, in welcher Weise Hunderte von PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen damit besch&auml;ftigt sind, mit dem Problem Arbeitslosigkeit fertig zu werden. All diese Versuche sind gleicherma&szlig;en irreal wie zynisch. Dass es nie wieder Vollbesch&auml;ftigung geben wird, ist offensichtlich. Dass jemandes Bildungsgrad wenig mit seinen Jobchancen zu tun hat, ist auch klar. Dass Wirtschaftswachstum nicht viel mit weniger Arbeitslosen zu tun hat, ist ebenfalls erkennbar. Aber vielleicht geht es ohnehin lediglich um die Statistik. Aber was besagt diese Statistik? &#8211; Dem Ende der klassischen Arbeitsverh&auml;ltnisse entspricht auch ein Ende der klassischen Arbeitslosigkeit. Das hei&szlig;t, Arbeitslosigkeit ist nicht mehr die Zeit zwischen zwei &#8220;fixen&#8221; Anstellungsverh&auml;ltnissen, denn die Bereiche Arbeit und Arbeitslosigkeit verschwimmen immer mehr. Geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigte, Besch&auml;ftigte als &#8220;freie Mitarbeiter&#8221;, neue Selbst&auml;ndige, also ICH-AGs, alte Freiberufler, befristet Angestellte, und dazwischen immer wieder Zeiten der Arbeitslosigkeit, das ist heute die Norm.</p>
<p>Deshalb sagt die staatliche Arbeitslosenstatistik sehr wenig &uuml;ber die tats&auml;chliche Zahl der Arbeitslosen aus. Und sie sagt nichts &uuml;ber die working poor aus, die von ihrem Job, ihren McJobs, nicht leben k&ouml;nnen. Sie sagt ebenfalls nichts dar&uuml;ber aus, wie viele Menschen nicht versichert sind, z. B. weil sie sich keine Krankenversicherung, geschweige denn eine Pensionsversicherung als &#8220;prek&auml;re Selbst&auml;ndige&#8221; leisten k&ouml;nnen.</p>
<p>In der Arbeitslosenstatistik werden nur jene Arbeitslosen gez&auml;hlt, die beim AMS als Arbeitssuchende gemeldet sind, meist also nur jene, die Anspruch auf einen Bezug haben. All jene, die noch nie ein Jahr lang fix angestellt (also mit Arbeitslosenversicherung) gearbeitet haben &#8211; und diese Gruppe wird immer gr&ouml;&szlig;er -, haben keinen Anspruch. Weiters haben jene keinen Anspruch auf Notstandshilfe, deren Partner &#8220;zu viel&#8221; verdient. Viele Arbeitslose scheinen in der Statistik nicht auf, weil sie vom AMS gedr&auml;ngt werden, einen Pensionsantrag zu stellen oder weil sie im (Dauer-)Krankenstand sind. Und nicht zu vergessen, all jene, die sich den Schikanen seitens des AMS nicht aussetzen wollen und sich deshalb nicht arbeitslos melden. In den etablierten Medien wird zwar auf die in der Statistik fehlenden KursteilnehmerInnen verwiesen, aber &uuml;ber all die anderen, ebenfalls nicht Mitgez&auml;hlten, verliert niemand ein Wort. Linzer Wirtschaftsuniprofessoren haben bereits 2005 die tats&auml;chliche Zahl der Arbeitslosen mit mindestens 550.000 beziffert, also weit mehr als das doppelte der offiziellen Z&auml;hlweise.</p>
<p>Genau betrachtet, m&uuml;sste die Arbeitslosigkeit aber ohnehin fr&uuml;her oder sp&auml;ter &#8220;aussterben&#8221;. Einerseits, weil die nachkommende Generation kaum mehr Anspruch auf Arbeitslosenunterst&uuml;tzung haben wird, andererseits, weil die Noch-Bezugsberechtigten mit allen Mitteln aus der Statistik gedr&auml;ngt werden. Dann h&auml;tten wir sie ja bald, die allseits halluzinierte Vollbesch&auml;ftigung.</p>
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/vollbeschaeftigtes-irrenhaus">Vollbesch&#228;ftigtes Irrenhaus</a></p>
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		<title>Grundeinkommen &#8211; Bedingung der M&#246;glichkeit von Bildung?</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2006/grundeinkommen-bedingung-der-moeglichkeit-von-bildung</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[Ribolits; Erich]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=438</guid>
		<description><![CDATA[Revolution&#228;rer Charakter von Bildung wurde neutralisiert<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/grundeinkommen-bedingung-der-moeglichkeit-von-bildung">Grundeinkommen &#8211; Bedingung der M&#246;glichkeit von Bildung?</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>von Erich Ribolits</em> <span id="more-438"></span></p>
<p>Viele Bef&uuml;rworter eines Grundeinkommens betonen, dass ihre Forderung keineswegs blo&szlig; als Krisenma&szlig;nahme zur Milderung der aktuellen Situation zu verstehen sei, in der eine anwachsende Zahl von Menschen keine Chance mehr hat, sich durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft einen ad&auml;quaten Lebensstandard zu sichern. &Uuml;ber die unmittelbaren Auswirkungen als Sozialleistung hinaus, die ein Minimum an finanziellen M&ouml;glichkeiten f&uuml;r jede und jeden &#8211; unabh&auml;ngig davon, ob und in welchem Grad er/sie ins System der Arbeitskraftverwertung eingebunden ist &#8211; gew&auml;hrleisten soll, soll das Grundeinkommen auch Motor f&uuml;r grunds&auml;tzliche kulturelle Ver&auml;nderungen sein. Es soll den gesellschaftlichen Freiraum daf&uuml;r schaffen, dass sich Menschen von jenem Korsett befreien k&ouml;nnen, in das ihr Denken durch die Arbeitsgesellschaft gezw&auml;ngt ist. Dem Grundeinkommen wird damit zugesprochen, ein Gegenkonzept zu den Entfremdungsbedingungen des politisch-&ouml;konomischen Systems darzustellen, in dem das Leben nahezu v&ouml;llig von den Pr&auml;missen des Kaufens und Verkaufens bestimmt ist.</p>
<p>Wenn durch die Einf&uuml;hrung eines Grundeinkommens tats&auml;chlich der Entfremdung entgegengearbeitet wird &#8211; jenem Ph&auml;nomen, das die kapitalistische Gesellschaft einerseits charakterisiert und andererseits in ihrem Weiterbestand sichert -, dann stellt das Grundeinkommen quasi eine &#8220;Bedingung der M&ouml;glichkeit&#8221; von (emanzipatorischer) Bildung dar. Ziel von Bildungsbem&uuml;hungen, die nicht schon selbst durch das Verwertungssystem korrumpiert sind, ist es ja, Menschen zu animieren, die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens dahingehend zu hinterfragen, ob und inwieweit durch sie das aktuell m&ouml;gliche Ma&szlig; an Entfaltungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r alle verwirklicht wird. Bildung kann als jener lebenslange Prozess umschrieben werden, in dem Menschen sich selbst mit ihren Bed&uuml;rfnissen als humane Wesen in Relation zu den gesellschaftlichen Bedingungen setzen und dadurch jenes Selbstbewusstsein erwerben, das ihnen erm&ouml;glicht, das nicht entfremdete &#8220;gute&#8221; Leben auch tats&auml;chlich einzufordern, also soziale Bedingungen anzustreben, in denen die Kluft zwischen Bed&uuml;rfnissen und M&ouml;glichkeiten geschlossen wird.</p>
<p>Um zu &uuml;berpr&uuml;fen, ob emanzipatorische Bildung und die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen tats&auml;chlich in derart engem Konnex stehen, soll im Folgenden zum einen in aller K&uuml;rze der Bildungsbegriff in seiner Genese und aktuellen Auspr&auml;gung und zum anderen die emanzipatorische Potenz des Grundeinkommenskonzepts hinterfragt sowie die beiden Konzepte zueinander in Beziehung gesetzt werden. Um Missverst&auml;ndnissen vorzubeugen m&ouml;chte ich allerdings klarstellen, dass es mir im gegenst&auml;ndlichen Text <em>nur</em> um die Kl&auml;rung dieser Frage geht; ob die Forderung nach einem Grundeinkommen dar&uuml;ber hinaus mehr als blo&szlig;er Reflex auf die akute Notlage aller jener sein kann, deren Arbeitskraft heute nicht mehr gebraucht wird, will und kann der Text nicht beantworten.</p>
<p>Der moderne Bildungsbegriff ist untrennbar mit der Entstehung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft verbunden &#8211; jener gesellschaftlichen Ordnung, in der an die Stelle der aus dem Gottesgnadentum abgeleiteten Vormachtstellung des Adels ein System trat, in dem der Besitz an Waren und die &#8220;T&uuml;chtigkeit&#8221; beim Warentausch zur Grundlage von Macht wurde. Der Bildungsbegriff etablierte sich in den deutschen L&auml;ndern ab der zweiten H&auml;lfte des 18. Jahrhunderts als ein Ausdruck, mit dem die b&uuml;rgerliche Klasse ihren besonderen Wert und ihre spezifische moralische Integrit&auml;t legitimierte und sich von ihren Feudalherrn abgrenzte. Als Ausdruck des Anspruchs, die Geschichte nicht l&auml;nger als mythisch verh&auml;ngtes Schicksal, sondern als gestaltbar zu begreifen, trug der Bildungsbegriff in der Phase seines Entstehens einen &auml;u&szlig;erst progressiven Akzent in sich. Er war gewisserma&szlig;en die Fortsetzung des politischen Kampfes des B&uuml;rgertums mit p&auml;dagogischen Mitteln. Entstanden als Parole im Kampf um gesellschaftliche Emanzipation, birgt er aber bis heute durchaus noch politischen Z&uuml;ndstoff in sich.</p>
<h4>Revolution&auml;rer Charakter von Bildung wurde neutralisiert</h4>
<p>Der Vorstellung von der &#8220;Freisetzung der Vernunft&#8221; &#8211; also der Bef&auml;higung zum Entwickeln systemsprengender Utopien, die &uuml;ber die gesellschaftlichen Strukturen und entsprechenden Werte, Normen und Verhaltensweisen, hinausweisen &#8211; wurde ihr emanzipatorischer Gehalt allerdings bald wieder genommen. Im Zuge der Etablierung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft wurde der revolution&auml;re Charakter von Bildung umgehend wieder neutralisiert. Wesentlich daf&uuml;r war ihre Aufspaltung in Berufsbildung &#8211; dem &#8220;blinden&#8221; Erwerben verwertbarer Qualifikationen &#8211; und in Allgemeinbildung &#8211; der abgehobenen Besch&auml;ftigung mit dem Wahren, Guten und Sch&ouml;nen. Als berufliche Qualifizierung wurde sie vollst&auml;ndig der Verwertungspr&auml;misse unterworfen und als Allgemeinbildung wurde sie ihr v&ouml;llig entr&uuml;ckt. Auf der einen Seite Zurichtung, um als Arbeitskraft &uuml;berleben zu k&ouml;nnen, und auf der anderen Seite Aneignung sch&ouml;ngeistig-zweckfreien Wissens und kultivierten Verhaltens, unter strikter Vermeidung einer Bezugnahme auf die gesellschaftliche Realit&auml;t. Entstanden als Instrument des Widerstandes wurde Bildung damit selbst zur systemstabilisierenden Gr&ouml;&szlig;e.</p>
<p>Die b&uuml;rgerliche (Allgemein? )Bildungsvorstellung des nur seiner individuellen Veredelung verpflichteten Menschen ist n&auml;mlich nicht blo&szlig; politisch abstinent, letztlich hintertreibt sie jedweden Anspruch von Bildung als gesellschaftstransformierende Kraft. Indem sie konsequent ausblendet, dass der Majorit&auml;t der Gesellschaftsmitglieder die zur Besch&auml;ftigung mit dem Wahren, Guten und Sch&ouml;nen notwendige materielle und intellektuelle Grundlage systematisch vorenthalten wird, liefert sie einer Minderheit die Legitimation daf&uuml;r, ihr Mehr an Wissen als prestigetr&auml;chtige Dekoration vor sich hertragen zu k&ouml;nnen und sich der Frage nach den Konsequenzen dieses Wissens &uuml;berhaupt nicht mehr zu stellen. Indem der gesellschaftliche Skandal einer nicht an die Kandare der Verwertung genommenen Bildung nur f&uuml;r wenige auf Kosten der Unbildung f&uuml;r die Mehrheit nicht selbst zum Thema von Bildung gemacht, sondern systematisch ausgeblendet wird, ger&auml;t das, was zwar weiterhin Bildung hei&szlig;t, zur blo&szlig;en Legitimation b&uuml;rgerlicher Vormachtstellung und wirkt letztlich entm&uuml;ndigend.</p>
<p>Erst in den 1960er Jahren wurde der politische Anspruch der Bildungsidee wieder verst&auml;rkt eingefordert. Von einer Reihe namhafter Vertreter der Bildungswissenschaft wurde die zur p&auml;dagogischen Pathosformel geronnene Phrase vom m&uuml;ndigen Menschen in die gesellschaftspolitische Pflicht genommen und der gebildete Mensch als jemand definiert, der gesellschaftliche Domestizierung radikal hinterfragt und im Bewusstsein seiner potentiellen Freiheit deren gesellschaftliche Umsetzung einfordert. Bildung zielt in diesem Sinn auf den Menschen, der sich nicht mit der individuellen Veredelung seiner selbst &#8211; unbeschadet von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen &#8211; begn&uuml;gt, sondern sich dem allumfassenden Verwertungsdiktat der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft selbstbewusst entgegenstellt.</p>
<p>Dieses Aufflackern des an Emanzipation und (politischer) M&uuml;ndigkeit orientierten Bildungsbegriffs war allerdings blo&szlig; ein vor&uuml;bergehendes Ph&auml;nomen. Heute ist Bildung sowohl in ihrer theoretischen Rezeption als auch in ihrer praktischen Umsetzung weitgehend dem Status quo untergeordnet; sie gilt fast ausschlie&szlig;lich als eine Funktion &ouml;konomischer Prozesse. Verstanden wird darunter ein Lernen, das den Einzelnen f&uuml;r &ouml;konomische Prozesse brauchbar macht und ihn bef&auml;higt seine Konkurrenten kraft besonderer Verwertbarkeit auszustechen. Sie soll helfen f&uuml;r seine Arbeitskraft einen hohen Marktwert zu erzielen und der Attraktivit&auml;t des jeweiligen Wirtschaftsstandortes zuzuarbeiten. Von einer Bildung, die an der W&uuml;rde des Menschen orientiert ist und ihn in die Lage versetzt, &uuml;ber den Tellerrand des Status quo hinauszublicken und Bedingungen des Lebens einzufordern, die das jeweils m&ouml;gliche H&ouml;chstma&szlig; an Freiheit f&uuml;r alle erm&ouml;glichen, ist kaum mehr je die Rede.</p>
<p>Bildung gilt heute als ein Element des allgemeinen Kampfes jede/r gegen jede/n &#8211; eines Kampfes, in dem der Erfolg des einen nur zu haben ist, um den Preis der Niederlage des anderen. Der Erfolg in diesem zum Wettbewerb sch&ouml;ngeredeten Krieg mit &ouml;konomischen Mitteln bemisst sich einzig und allein an der Zahl der aus dem Feld geschlagenen Konkurrent/innen. In diesem Konkurrenzkampf kommt es &uuml;berhaupt nicht darauf an, was jemand macht, sondern nur darauf, wie gut sich das, was er macht, als Ware am Markt verkaufen l&auml;sst. Und im Gegensatz zur weit verbreiteten Vorstellung setzen sich dabei auch nicht die Besten durch, sondern die Skrupellosesten, n&auml;mlich jene, die die &#8220;K&uuml;nste der Marktbeeinflussung&#8221; am kaltbl&uuml;tigsten einzusetzen bereit sind.</p>
<p>Aufbauend auf diese kurze Revue der Bildungsgeschichte lie&szlig;e sich also durchaus der Schluss ziehen, dass die Forderung nach einer materiellen Grundsicherung f&uuml;r alle einen engen Konnex zu emanzipatorischen Bildungsvorstellungen hat. Zum einen &#8211; so k&ouml;nnte man meinen &#8211; wird damit der unerbittliche und allgegenw&auml;rtige Zwang, die eigene Haut zum Arbeitsmarkt tragen zu m&uuml;ssen, gemildert und damit ein gewisses Ma&szlig; an gesellschaftlicher Freiheit verwirklicht. Zum anderen suggeriert die Idee, dass dadurch auch das Lernen zumindest zum Teil wieder von seiner Anbindung an die Verwertbarkeitspr&auml;misse befreit w&uuml;rde; es best&uuml;nde quasi die Chance, die gewonnene Freiheit daf&uuml;r zu n&uuml;tzen, Lernen zumindest fallweise wieder unter dem Anspruch einer Bildung stattfinden zu lassen, die zur Transformation der gesellschaftlichen Zust&auml;nde in Richtung von mehr Humanit&auml;t beitr&auml;gt.</p>
<h4>Sich mit der kapitalistischen Verwertungspr&auml;misse arrangieren? </h4>
<p>Wie schon eingangs erw&auml;hnt, verbinden in diesem Sinn viele Bef&uuml;rworter mit dem Grundeinkommen auch die Hoffnung, dass seine Einf&uuml;hrung nachhaltige Ver&auml;nderungen des politisch-&ouml;konomischen Systems initiieren w&uuml;rde. Auf das Grundeinkommen gest&uuml;tzt &#8211; so die Erwartung &#8211; k&ouml;nnten sich Subkulturen eines Lebens jenseits der Verwertung in Arbeit und Konsum entwickeln; Enklaven und Keimzellen des guten Lebens, aus denen heraus es gelingen k&ouml;nnte, die aktuellen gesellschaftlichen Pr&auml;missen zu konterkarieren und letztendlich zu kippen. Diese Vorstellung wird von einer, m. E. &auml;u&szlig;erst hinterfragenswerten Annahme getragen: dass es m&ouml;glich sei, die Welt mit dem Geld derer zu ver&auml;ndern, die daran interessiert sind, dass sie so wie bisher weiterfunktioniert.</p>
<p>Die Forderung nach einem Grundeinkommen fu&szlig;t letztendlich auf der Hoffnung, sich mit der kapitalistischen Verwertungspr&auml;misse arrangieren zu k&ouml;nnen. Die Grundeinkommensbef&uuml;rworter nehmen zwar zur Kenntnis, dass dem Kapitalismus seine Verwertungspotenz f&uuml;r menschliche Arbeitskraft derzeit in rasch anwachsendem Ma&szlig; abhanden kommt und es deshalb heute ziemlich sinnlos ist, um neue Arbeitspl&auml;tze zu betteln. Allerdings wird von ihnen die weit verbreitete Illusion der ewig weitergehenden Verwertung menschlicher Arbeitskraft durch die Vorstellung ersetzt, dass der Kapitalismus ja auch noch recht gut auf seinem zweiten Verwertungsbein &#8211; der Verwertung der Menschen als Konsumenten &#8211; weiter durch die Welt humpeln k&ouml;nne. Das Geld daf&uuml;r m&uuml;sste man den potenziellen Konsument/innen nur zustecken, indem man es vorher vom vorgeblich im &Uuml;berfluss vorhandenen Reichtum abgezweigt hat.</p>
<p>In dieser Argumentation werden zwei Reichtumsdimensionen kapitalistischer Gesellschaften vermengt, die tats&auml;chlich in keiner direkten Beziehung stehen &#8211; der &Uuml;berfluss an Gebrauchswerten und der Reichtum an Geld. W&auml;hrend der Gebrauchswertreichtum dem historischen Stand der Produktivkraftentwicklung geschuldet ist, steht und f&auml;llt der &Uuml;berfluss an Geldverm&ouml;gen &#8211; von dem die Bef&uuml;rworter des Grundeinkommens gerne etwas abzweigen m&ouml;chten &#8211; mit dem auf der Verwertung von allem und jedem/jeder beruhenden &ouml;konomischen System. Das vorhandene Geldverm&ouml;gen ist nicht ein Korrelat des Reichtums an Gebrauchswerten, sondern blo&szlig; eines der aktuellen Verwertungssituation. Wird diese allerdings unterlaufen &#8211; indem zum Beispiel Menschen, deren Arbeitskraft unverwertbar geworden ist, qua Grundeinkommen erm&ouml;glicht wird, trotzdem am sachlichen Reichtum mitzunaschen -, verfl&uuml;chtigt sich der Geldreichtum in einer &auml;hnlichen Form, wie im M&auml;rchen die Goldst&uuml;cke beim Verlassen des magischen Raums zu wertlosen Rosskn&ouml;deln werden.</p>
<p>Somit kann die Grundeinkommensforderung gar nicht quer zum geltenden politisch-&ouml;konomischen Status quo stehen. Sie befindet sich in einem geradezu fatalen Konsens mit jener &Ouml;konomie, deren Grundpr&auml;misse die Verwandlung von Geld in mehr Geld ist &#8211; ja sie setzt sogar deren prinzipielles &#8220;gutes&#8221; Weiterfunktionieren voraus. Denn jenes Geld, mit dem das geforderte Grundeinkommen finanziert werden soll, k&ouml;nnte ja nur hereinkommen, indem von den L&ouml;hnen und Profiten, die in <em>gelingenden</em> Verwertungsprozessen lukriert werden, ein wenig abgezweigt w&uuml;rde. Die Bef&uuml;rworter eines Grundeinkommens gehen somit &#8211; meist wohl ohne sich dessen bewusst zu sein und auch im Widerspruch zu ihrer ansonsten vielfach durchaus kapitalismuskritischen Haltung &#8211; vom Sieg des jeweils &#8220;eigenen&#8221; Landes im globalen Krieg der M&auml;rkte aus. Nur ein Erfolg im Standortwettbewerb k&ouml;nnte die finanzielle Grundlage daf&uuml;r schaffen, die anwachsende Schar der hierzulande nicht mehr verwertbaren Esser in einer Form durchzuf&uuml;ttern, die in akzeptabler Relation zum allgemeinen Lebensstandard st&uuml;nde.</p>
<p>In der Grundeinkommensforderung wird ausgeblendet, dass das Bereitstellen von Waren im Kapitalismus niemals der &#8220;unschuldigen&#8221; Befriedigung der Bed&uuml;rfnisse von Menschen dient, sondern immer nur als Nebeneffekt des Profit Machens m&ouml;glich ist. Dieser Tatsache entsprechend schlagen aber die Bed&uuml;rfnisse von Menschen, deren Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird, stets Profit mindernd zu Buche und <em>m&uuml;ssen</em> deshalb auf ein Minimum herabgedr&uuml;ckt werden. Aus diesem Grund ist &uuml;brigens auch zu bef&uuml;rchten, dass die Forderung nach einer finanziellen Basissicherung &#8211; genau weil sie letztendlich auf der klammheimlichen Akzeptanz des auf der Verwertung von allem und jedem/jeder aufbauenden Systems beruht &#8211; letztendlich zum Vehikel f&uuml;r die Umwandlung aller bisherigen Sozialtransfers in eine Armenversorgung werden k&ouml;nnte.</p>
<h4>Unter Kuratel des b&uuml;rgerlichen Denkkorsetts</h4>
<p>Wer f&uuml;r ein Grundeinkommen eintritt, hat sich notgedrungen &#8211; ob bewusst oder unbewusst &#8211; gedanklich schon unter Kuratel des auf Ware und Verwertung beruhenden b&uuml;rgerlichen Systems begeben &#8211; seine Forderung ergibt nur Sinn innerhalb der entsprechenden Logik. Emanzipation kann dagegen nur das tendenzielle Durchbrechen der Verwertungslogik bedeuten. Sie l&auml;sst sich nicht erreichen, indem durch ein klammheimliches Profitieren am Verwertungssystem ein Freiraum zu seiner &Uuml;berwindung imaginiert wird. Man kann ein System schwerlich gleichzeitig ausn&uuml;tzen und abschaffen wollen. F&uuml;r eine Bildung, die mit dem Anspruch des radikalen Hinterfragens aller Einschr&auml;nkungen des Denkens auftritt, stellt das Grundeinkommen somit sicher keine besonders f&ouml;rderliche Basis dar.</p>
<p>Die p&auml;dagogische Provinz ist nicht der Ort wo Emanzipation stattfindet, sie ist der Platz individueller Nabelschau und Kultivierung unter Ausblendung der gesellschaftlichen Realit&auml;ten. Der Aufschrei des Widerstandes gegen die entw&uuml;rdigenden Bedingungen einer Gesellschaft, in der nur z&auml;hlt, was profitabel verwertbar ist, und in der nur existieren kann, wer Geld aus Verwertungsprozessen lukriert, bricht sich nicht dort Bahn, wo geglaubt wird, dass sich das gute Leben im schlechten verwirklichen lie&szlig;e. Bildungsarbeit, die Menschen dazu erm&auml;chtigen will, die Gesellschaft im Sinne ihrer Bed&uuml;rfnisse &auml;ndern zu k&ouml;nnen, muss an den von ihnen erlebten Widerspr&uuml;chen in der Gesellschaft ansetzen und zu ihrer kritischen Reflexion animieren. Indem Menschen p&auml;dagogisch genau dort &#8220;abgeholt&#8221; werden, wo sie von der Inhumanit&auml;t des Status quo hautnah betroffen sind, entfaltet sich &#8211; vielleicht &#8211; die systemsprengende Kraft von Bildung, sicher jedoch nicht dadurch, dass sie glauben gemacht werden, es w&auml;re m&ouml;glich, sich in irgendwelchen Fluchtnischen kuschelig einzurichten.</p>
<p>Bildung ist das Synonym f&uuml;r den Prozess zunehmender Bewusstwerdung der Tatsache, dass die gesellschaftliche Verfasstheit nicht Ausfluss unbeeinflussbarer transzendenter Kr&auml;fte ist, sondern von Menschen gemacht und somit durch Menschen auch ver&auml;nderbar ist. Dazu braucht es Mut in zweifacher Hinsicht: zum einen, um sich mit der schmerzhaften Erfahrung der durch die gesellschaftlichen Bedingungen verursachten Entfremdung tats&auml;chlich zu konfrontieren, sie in ihrer Tragweite also wirklich wahrzunehmen und zum anderen, um die resultierende Emp&ouml;rung &uuml;ber das domestizierte Leben nicht in ohnm&auml;chtiger Wut versanden zu lassen, sondern sie zum Ausgangspunkt von Lernprozessen und darauf aufbauenden Ver&auml;nderungsschritten zu machen. Diesen Mut zum Denken zu f&ouml;rdern, ist die Aufgabe von Lehrenden, sofern ihnen Bildung tats&auml;chlich ein Anliegen ist &#8211; unabh&auml;ngig davon, ob sie in Schulen, Universit&auml;ten oder Einrichtungen der Erwachsenenbildung wirken.</p>
<p>Diese Aufgabe bewegt sich aber auf einer ganz anderen Ebene als das Vertr&ouml;sten auf Inseln des unverzweckten Lebens mitten im Meer der allumfassenden Verwertung. Ein bedingungsloses Grundeinkommen mag eine aktuell sinnvolle Sozialleistung sein; f&uuml;r jene anwachsende Zahl an Menschen, die derzeit aus dem Arbeitskraftverwertungssystem herausfallen, w&auml;re es &#8211; sofern es eben nicht blo&szlig; eine Armenversorgung darstellt &#8211; materiell und auch psychisch zu einem gewissen Grad entlastend. Es w&uuml;rde f&uuml;r sie zumindest einen erb&auml;rmlichen Rest an W&uuml;rde sichern, die Grundeinkommensforderung ist aus humanit&auml;rer Sichtweise dementsprechend durchaus zu unterst&uuml;tzen. In ihr besondere emanzipatorische Potenz oder einen Konnex zu einer Bildung zu sehen, deren Ziel es ist, Menschen zu selbstbewussten Gestaltern ihres Daseins zu machen, w&auml;re allerdings zu weit gegriffen.</p>
<p>Letztendlich verl&auml;sst die Grundeinkommensforderung nicht das durch die Pr&auml;missen der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft vorgegebene Denkkorsett. Sie korreliert im Grunde genommen mit dem, was in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft von Bildung &uuml;brig blieb &#8211; mit der Vorstellung individueller Kultivierung. Mit einem Grundeinkommen mag man die Hoffnung verbinden, dass es dem Einzelnen dadurch m&ouml;glich werden k&ouml;nnte, sich von gesellschaftlichen Zw&auml;ngen ein wenig frei zu spielen, zugleich w&uuml;rde es aber bewirken, dass er &#8211; genau deshalb &#8211; umso mehr an der Aufrechterhaltung der entm&uuml;ndigenden gesellschaftlichen Bedingungen interessiert sein muss. Die Forderung nach einem Grundeinkommen paralysiert somit in letzter Konsequenz den Anspruch, den Zustand der Entfremdung generell zu beseitigen und Menschen zu bef&auml;higen, Formen des Zusammenlebens zu kreieren, die nicht vom Diktat der Verwertung bestimmt sind. Indem sie die Brosamen des Verwertungsprozesses einfordert, der ja genau den Zustand der allgemeinen Entfremdung zur Grundlage hat, ist die Grundeinkommensforderung letztendlich in einer &auml;hnlichen Form entm&uuml;ndigend, wie es die b&uuml;rgerliche Bildungsrezeption ist.</p>
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/grundeinkommen-bedingung-der-moeglichkeit-von-bildung">Grundeinkommen &#8211; Bedingung der M&#246;glichkeit von Bildung?</a></p>
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		<title>Vom Verkaufen</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:48:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
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		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>

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		<description><![CDATA[Notizen zum gesellschaftlichen Stoffwechsel - Teil 2<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/vom-verkaufen">Vom Verkaufen</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Notizen zum gesellschaftlichen Stoffwechsel &#8211; Teil 2</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-440"></span></p>
<p>Forsch zur Sache schreitet Niklas Luhmann. Sein Band &#8220;Die Wirtschaft der Gesellschaft&#8221; (Frankfurt am Main 1994) beginnt gleich mit den Preisen, im Index finden sich weder die Begriffe <em>Kaufen </em>noch <em>Verkaufen</em>. Worum es ihm geht, ist die Zahlung: &#8220;Ein System, das auf der Basis von Zahlungen als letzten, nicht weiter aufl&ouml;sbaren Elementen errichtet ist, muss daher vor allem f&uuml;r neue Zahlungen sorgen.&#8221; (S. 17) Das, was deren Bedingung ist, was hinter den Zahlungen steckt, kommt nur am Rande vor. F&uuml;r Luhmann scheint da kein Problem vorhanden zu sein, zumindest keines, das er, der alles theoretisieren will, theoretisieren m&ouml;chte. Und Luhmann steht hier nicht alleine. Kaufen gilt solch forschen Forschern als fixe Gr&ouml;&szlig;e der menschlichen Spezies. Ein Problem sehen die politischen &Ouml;konomen erst dann gegeben, wenn nicht mehr gezahlt werden kann, aber keineswegs in dem Umstand, dass gekauft werden <em>muss</em>.</p>
<p>11.</p>
<p><em>Verkaufen</em> meint Ware gegen Geld einzutauschen (W-G). Beim Verkaufen geht es darum, dass ein Stoff- oder Leistungsinhaber sich in einen Geldnehmer transformiert. Der Verk&auml;ufer will seine Ware loswerden. Er besitzt etwas, was andere bed&uuml;rfen oder wollen.</p>
<p>Charakteristisch f&uuml;r den Kapitalismus ist die Trennung von den Lebensmitteln, sie sind nicht unmittelbar zug&auml;ngig, sondern nur mittelbar zugegen. Sie kommen den Leuten nicht direkt und f&uuml;rsorglich zu, sie sind nicht einfach zu entnehmen, sie haben sie via Geld zu handeln. Jeder soll etwas haben, das er nicht braucht, und gegen etwas tauschen, was er wiederum ben&ouml;tigt. Marktwirtschaft ist so auch Handel mit der Not der anderen und nicht selten wird daraus eine wirkliche N&ouml;tigung.</p>
<p>Der Verk&auml;ufer hat also eine Ware, von der er nichts hat. Die blasphemische Frage m&uuml;sste sofort lauten: Warum hat er nur etwas, wovon er nichts hat? Nun, er hat sie deswegen, weil er sie am Markt in Geld verwandeln, somit einen Tauschwert realisieren kann. Darin liegt der einzige Sinn dieser Habe. Solche Ware ist nie Schatz, sondern etwas, das man so schnell wie m&ouml;glich verkaufen will. Je l&auml;nger die Umlaufszeit ist, desto gr&ouml;&szlig;er werden die Kosten des Verk&auml;ufers. Abgesehen davon hat jede Ware eine begrenzte Lebensdauer.</p>
<p>Der Verk&auml;ufer ist indifferent gegen&uuml;ber den K&auml;ufern, verkauft wird an jedermann, der Geld hat. Kriterium ist nicht, ob Menschen etwas brauchen oder wollen, sondern ob die Ware am Markt Absatz findet. Nicht die Welt und ihre Bed&uuml;rftigkeit ist das Ziel, sondern der Markt und seine Kapazit&auml;t. Das Schicksal der Menschen mag den Menschen nicht egal sein, als Verk&auml;ufern ist es ihnen gleichg&uuml;ltig. Insofern sie anderen &Uuml;berlegungen folgen, z. B. spenden, beschneiden sie, falls es sich nicht um verdeckte Werbekosten handelt, ihren &ouml;konomischen Handlungsradius. Der Imperativ des Marktes sagt: So wie dir nichts geschenkt wird, hast auch du nichts herzuschenken. &#8220;Mir wird auch nichts geschenkt&#8221;, lautet einer dieser g&auml;ngigen Alltagsspr&uuml;che.</p>
<p>Marktwirtschaft ist furchtbar kompliziert: Verkauft werden Waren. Doch die Interessen orientieren sich je nachdem am Gebrauchswert oder am Tauschwert derselben. &#8220;Und wenn der Gebrauchswert der Ware dem K&auml;ufer n&uuml;tzlicher als dem Verk&auml;ufer, ist ihre Geldform dem Verk&auml;ufer n&uuml;tzlicher als dem K&auml;ufer&#8221;, schreibt Marx. (MEW23: 174) Obwohl Geld ohne Ware keinen Wert hat, erscheint das in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft nicht nur umgekehrt, sondern wird auch so gehandhabt.</p>
<p>Die Verdoppelung des Materiellen (Stoff) im Formellen (Geld) ist grundlegend f&uuml;r die b&uuml;rgerliche &Ouml;konomie. Der Gebrauchswert ist nur &uuml;ber den Tauschwert vermittelbar, ohne Tauschwert kann kein Gebrauchswert am Markt auftreten. Sie sind in der Ware verschmolzen. &#8220;Die Waren m&uuml;ssen sich daher als Werte realisieren, bevor sie sich als Gebrauchswerte realisieren k&ouml;nnen.&#8221; (MEW23: 100) Bei W-G-W ist der Gebrauchswert das treibende Moment, bei G-W-G der Tauschwert (MEW23: 164), G-W-G wiederum macht nur Sinn als G-W-G&#8217; (MEW23: 165). Einmal geht es um die qualitative Verschiedenheit von Waren, das andere Mal um die quantitative Differenz von Geld. (MEW23: 174-175)</p>
<p>Der Verk&auml;ufer will etwas loswerden (Ware) und will etwas bekommen (Geld), der K&auml;ufer hingegen will zwar etwas bekommen (Ware), aber loswerden will er deswegen das Geld noch lange nicht. Er gibt es nur her, weil er muss. Einem zweimaligen Wollen steht ein einmaliges Wollen und ein einmaliges M&uuml;ssen gegen&uuml;ber. Zwei objektive Selbstverst&auml;ndlichkeiten sind an ihren Subjekten unterschiedlich dimensioniert. &#8220;Ich habe Ware, also soll sie weg&#8221;, erscheint dem Warenbesitzer ganz selbstverst&auml;ndlich. &#8220;Ich habe Geld, also soll es raus&#8221;, ist dem Geldbesitzer schon um vieles weniger selbstverst&auml;ndlich. Zweiteres muss extra motiviert werden.</p>
<p>Und noch eine Besonderheit ist bemerkenswert: Der Verk&auml;ufer ist auf den K&auml;ufer als Bezugsobjekt abgerichtet, w&auml;hrend der K&auml;ufer mehr auf das Kaufobjekt als auf das Verkaufssubjekt fixiert ist. Ihm geht es um den Gebrauchswert. Der Gegenstand wiederum interessiert den Verk&auml;ufer weniger, er will ihn loshaben; was ihn interessiert, ist die Brieftasche des K&auml;ufers, da will er zugreifen. Es geht um den Tauschwert, den dieser ver&auml;u&szlig;ern k&ouml;nnte.</p>
<p>12.</p>
<p>Die &#8220;gro&szlig;e gesellschaftliche Retorte&#8221; (MEW23: 145), die <em>Zirkulation, </em> darf nicht beschrieben werden als die Summe der erledigten Gesch&auml;fte, sondern als das Getriebe der Verwertung schlechthin. Zirkulation entscheidet &uuml;ber Gelingen und Misslingen der Verwertung. Marx kritisiert etwa James Mill, weil dieser den Zirkulationsprozess mit den Tauschhandlungen verwechsle: &#8220;Das metaphysische Gleichgewicht der K&auml;ufe und Verk&auml;ufe beschr&auml;nkt sich darauf, dass jeder Kauf ein Verkauf und jeder Verkauf ein Kauf ist, was kein sonderlicher Trost ist f&uuml;r die Warenh&uuml;ter, die es nicht zum Verkauf, also auch nicht zum Kauf bringen.&#8221; (MEW13: 78)</p>
<p>Markt meint nicht nur den gegl&uuml;ckten Tausch, sondern ist auch der Raum der verungl&uuml;ckten Versuche, den Wert zu realisieren. Vollzugsakte sind gegen&uuml;ber Fehlschl&auml;gen in der Minderheit. Und die Fehlschl&auml;ge nehmen nominell und prozentuell sogar zu, wo sich Gesch&auml;fte und Waren mehr und mehr ausweiten. Am Markt herrscht der Drang, m&ouml;glichst viel zu kaufen, aber auch die Einsicht, vieles nicht kaufen zu k&ouml;nnen. Die Zirkulation f&uuml;hrt den K&auml;ufern vor Augen, dass es da etwas gibt, das sie haben k&ouml;nnen, aber ebenso, dass es etwas gibt, was sie nicht haben k&ouml;nnen. Die Differenz von <em>kaufbar</em> und <em>leistbar</em> ist jedem Marktteilnehmer bewusst. Dieser Zwiespalt zwischen ideeller Begierde und reeller Enthaltsamkeit pr&auml;gt das Subjekt.</p>
<p>Verderben und Verlust sind immanente Gr&ouml;&szlig;en. Warenberge k&ouml;nnen Leichenberge werden. Man denke nur an die M&uuml;llhalden. Wenn Verk&auml;ufer nicht mehr verkaufen k&ouml;nnen, ist meist Vernichtung der Ware angesagt. Entweder tut sie es selbst, indem sie verdirbt, oder sie wird bewusst zerst&ouml;rt. Diese unsch&ouml;ne Seite der Lebensmittelverschwendung ist Kapitalismus pur.</p>
<p>Von Gleichgewichten kann nur sprechen, wer das Gelingen der Gesch&auml;fte sieht und das Misslingen ausblendet. Am Markt treten Inklusion und Exklusion als identische Differenz auf. Er ist der gro&szlig;e Ort des Scheiterns und des Untergangs. Mehr als der Erfolg ist der Misserfolg konstitutiv und zwar konstitutiv destruktiv. Ein Kollaps folgt dem n&auml;chsten. Zirkulation ist immer auch Stockung. Die Gefahr des Umschlags eines Vorrats in einen Stau ist stets gegeben. (Vgl. Franz Schandl, Die Verungl&uuml;ckungen des Komparativs. Ausgew&auml;hlte Materialien zu einer Philosophie des Staus, <em>Streifz&uuml;ge</em> 1/2001, S. 5) Das Lager ist zwar notwendig, aber man kann auf ihm auch sitzen bleiben, sowohl als Produzent als auch als H&auml;ndler als auch als Konsument. Waren- und Warenhandlungskapital sind jedenfalls an m&ouml;glichst schnellen Umlaufszeiten der Ware und Umschlagszeiten des Kapitals interessiert. (Vgl. MEW 24: 124ff; 154ff. ; 251ff. ; 260ff. )</p>
<p>13.</p>
<p>&#8220;Das einzige, was z&auml;hlt in der Welt, ist, was du verkaufen kannst.&#8221; (Arthur Miller, Tod eines Handlungsreisenden (1949), Frankfurt am Main 1988, S. 80) Nicht nur &#8220;Wie verkaufe ich richtig? &#8220;, sondern insbesondere auch &#8220;Wie verkaufe ich mich richtig? &#8221; ist zu einer zentralen Frage des Lebens geworden. Und da ist nicht nur der wirtschaftliche Bereich gemeint. Auch im &uuml;bertragenen Sinne gilt das. Denn in unserer Welt ist alles der Gesch&auml;ftswelt analogisiert. It&#8217;s all business.</p>
<p>Freilich ist es ein Unterschied, ob man Waren verkauft oder sich als Ware verkauft. Weiters, ob die Ware von mir selbst erzeugt oder ob sie von eingekauften Arbeitskr&auml;ften hergestellt wurde. Nur Letzteres erm&ouml;glicht Mehrwert. (Vgl. Franz Schandl, Mehrwert und Verwertung, <em>Streifz&uuml;ge</em> 30, S. 7-8) Was den Arbeiter als Besitzer der Arbeitskraft von anderen Verk&auml;ufern abhebt, ist, dass er eine produktive Funktion verkauft. Seine Arbeitskraft ist kein Endprodukt, sondern eine anwendbare Potenz, nichts Fertiges, sondern Verfertigendes, nicht tote Arbeit, sondern lebendige.</p>
<p><em>Lohnarbeit</em> beschreibt ein paradoxes Verh&auml;ltnis. Einerseits verf&uuml;gt der Arbeitskraftverk&auml;ufer &uuml;ber etwas, dessen Verkauf ihm vorbehalten ist, andererseits verf&uuml;gt der Arbeitskraftk&auml;ufer nach dem Kauf &uuml;ber die gekaufte Arbeitskraft in absolutistischer Weise. Als K&auml;ufer der Arbeitszeit zahlt er dem Eigent&uuml;mer der Arbeitskraft Abl&ouml;se, also Lohn. Der Arbeitskraftverk&auml;ufer gibt etwas her, das unmittelbar mit ihm k&ouml;rperlich verbunden ist. Wenn er seine Arbeitskraft verkauft, ist er sie zwar los, aber sie h&auml;ngt physisch nach wie vor an ihm. Der Arbeiter ist an die Arbeitskraft gekettet, sie ist von ihm nur durch seine Arbeit abl&ouml;sbar. Seine Pr&auml;senz ist also unabdingbar. Solch Eigenart besitzt nur die Ware Arbeitskraft. Das unterscheidet sie auch von einer Dienstleistung. Bei dieser wird eine <em>Erledigung</em> gekauft, mit der Arbeitskraft jedoch deren <em>Verf&uuml;gung</em>. Der nunmehrige Verf&uuml;ger der verkauften Arbeitskraft, gebietet somit auch &uuml;ber den Arbeitskraftbesitzer. Als Lohnarbeiter ist man mitverkauft, man hat sich als Person &uuml;bergeben.</p>
<p>M&uuml;ndigkeit am Markt ist f&uuml;r den Lohnabh&auml;ngigen nur zu haben, wenn er sich der Unm&uuml;ndigkeit in der Besch&auml;ftigung ausliefert. Freie Lohnarbeit ist die Freiheit, ein unfreies Verh&auml;ltnis auf Zeit einzugehen, Freiheit zur Unfreiheit. Der Arbeiter ist der Sklave, der das Privileg hat, sich selbst zu verkaufen. Doch dieses Privileg tr&auml;gt immer weniger. Schlimmer als verkauft zu sein, ist es, zusehends nicht mehr verkaufbar zu sein oder &#8211; was ja dasselbe darstellt &#8211; entlassen zu werden. Der Arbeitsmarkt hat schon seine T&uuml;cken. Einen Job zu haben ist gleichbedeutend mit einer Zulassung, und die H&ouml;he des Gehalts entscheidet &uuml;ber die Beteiligungsm&ouml;glichkeiten. <em>Entlassung</em> meint <em>Entwertung</em>. Sie ist eine Degradierung, nicht vergleichbar &#8211; weder strukturell noch psychisch &#8211; mit der Weigerung, etwas nicht zu kaufen oder der R&uuml;ckgabe einer Ware. Entlassung ist auch von ganz anderer emotionaler Brisanz als die K&uuml;ndigung durch den Arbeiter selbst.</p>
<p>14.</p>
<p>Was will der Zirkulant? Als K&auml;ufer will er so billig als m&ouml;glich einkaufen, als Verk&auml;ufer will er so teuer als m&ouml;glich verkaufen. Seiniges wie sich. <em>Was er als Verk&auml;ufer will, will er als K&auml;ufer nicht</em>. Dieser Widerspruch muss aber im Tauschakt aufgehoben werden. <em>Handeln</em> meint, dass der Verk&auml;ufer die Ware anpreist und der K&auml;ufer sie abpreist, um sich idealtypisch doch auf ihren Wert zu einigen.</p>
<p>Von Steuern und sonstigen Abgaben abgesehen, kann der K&auml;ufer nicht mehr bzw. weniger zahlen als der Verk&auml;ufer erh&auml;lt. Sie m&uuml;ssen <em>gegeneinander sein, </em> aber <em>zueinander finden</em>, soll das Gesch&auml;ft sich realisieren. Auf den Preis m&uuml;ssen sie sich einigen. Vergesellschaftung durch den Kauf funktioniert so, dass K&auml;ufer und Verk&auml;ufer etwas Gemeinsames vollziehen, aber nicht miteinander, sondern <em>gegeneinander</em>. Ihr Aufeinandertreffen gleicht einem <em>Kampf</em>. Sie sind zwar f&uuml;reinander da, aber sie beh&uuml;ten sich nicht, sondern m&uuml;ssen immer auf der Hut voreinander sein. Besorgung meint nicht F&uuml;rsorge. Die Rede von der <em>ungesellschaftlichen Gesellschaftlichkeit</em> macht durchaus Sinn.</p>
<p>Loswerden hat auch mit Wegkriegen zu tun. Gibt es am Markt viele <em>Wegkrieger</em> (durchaus auch zu lesen als Wegelagerer), ist der Krieg derselben unausweichlich. <em>Preiskampf</em> nennt sich das dann, zunehmend ist daher auch in der Werbung von <em>Kampfpreisen</em> die Rede. Zu Recht. Werbeschlacht und Absatzkrieg sind obligate Folgen. Wer auf seinem Sortiment sitzen bleibt, hat das Nachsehen. Am Markt stehen sich die Teilnehmer als Gegner gegen&uuml;ber. Im Preis finden sie einen Vergleich ihrer W&uuml;nsche und M&ouml;glichkeiten. Das Gesch&auml;ft ist die Exekution des entsprechenden (Aus-)Handelns. Die dubiose Kategorie des <em>Gesch&auml;fts</em> sollte &uuml;berhaupt einmal n&auml;her beleuchtet werden. Was macht eine Transaktion zu einem Gesch&auml;ft und warum wird dieser Begriff sowohl f&uuml;r bestimmte als auch f&uuml;r alle K&auml;ufe angewendet? Als besonders gesch&auml;ftst&uuml;chtig werden Gesch&auml;ftsleute gepriesen, denen es gelingt, in der W&uuml;ste Sand und am Polarkreis Eis zu verkaufen. Die Perversion der Markt&ouml;konomie ist damit gut charakterisiert.</p>
<p>Das Sich-Vertragen ist alles andere als selbstverst&auml;ndlich, es bedarf vielmehr eines gesonderten Vertrags, eines <em>Kaufvertrags</em>. Vertrauen kann unter solchen Bedingungen kaum gedeihen. Zuschlag geht vor Handschlag. Man muss verteufelt aufpassen, Gelegenheiten erkennen, einen Riecher entwickeln und kaltbl&uuml;tig Chancen realisieren, Lobbying betreiben oder auch Mobbing, das ja nur aus anderer Perspektive &Auml;hnliches beschreibt. T&auml;t ich&#8217;s nicht, ein anderer t&auml;t&#8217;s. Zweifellos. Auch die Ideologie gegenseitiger Entschuldigung ist im Gesch&auml;ft grundgelegt.</p>
<p>Gesetze sind dazu da, den Kampf einigerma&szlig;en zu regeln und zu z&uuml;geln, auf dass er in Bahnen verl&auml;uft, die ertr&auml;glich sind. Die rechtspositivistische Sprache des Hans Kelsen legt den ganzen Fetischismus dieser Kommunikationsform offen: &#8220;Damit der Vertrag zustande komme, muss die Erkl&auml;rung der einen Partei an die andere gerichtet und von dieser in ihrer an jene gerichteten Erkl&auml;rung angenommen werden. Der Vertrag besteht daher, wie man sagt, in einem Antrag oder einer Offerte und deren Annahme. Die Offerte ist ein Antrag, durch dessen Annahme eine Norm in Geltung gesetzt wird, die das gegenseitige Verhalten der vertragschlie&szlig;enden Parteien regelt. Wenn diese Norm eine Pflicht des Antragsstellers statuiert, hat die Offerte den Charakter eines Versprechens. Die Unterscheidung von Offerte und Annahme setzt voraus, dass die beiden Erkl&auml;rungen nicht gleichzeitig erfolgen. Die Offerte muss der Annahme vorausgehen.&#8221; (Hans Kelsen, Reine Rechtslehre (1934), Wien 1992, S. 264) Die ungemeine Komplexit&auml;t erscheint nur deswegen nicht als solche, weil wir auf ihren allt&auml;glichen Vollzug abgerichtet sind. Die absurde Leistung gleicht einem zum Reflex gewordenen Usus.</p>
<p>Zum Abschluss eines Gesch&auml;ftes kann niemand gezwungen werden, zur Einhaltung eines abgeschlossenen Vertrags allerdings schon, liegen nicht garantierte Ausstiegsgr&uuml;nde vor. Im Momente des Kaufakts gehen die Tauschpartner genannten Tauschgegner eine Bindung ein, die gesetzlich geregelt ist: Die Ware muss hergegeben oder in bestimmter Frist geliefert werden, sie muss den Kriterien entsprechen, sie geht aber erst nach Zahlung in den Besitz des neuen Eigent&uuml;mers &uuml;ber. Regress ist m&ouml;glich.</p>
<p>Billig kaufen, teuer verkaufen! Dieses sich widersprechende Prinzip ist eine Zumutung sondergleichen. Jeder schaut in den Konfliktsituationen auf sich, nimmt Einbu&szlig;en des anderen nicht nur in Kauf, sondern strebt sie direkt an. R&uuml;cksichtnahme verursacht Kosten. Doch nicht nur K&auml;ufer und Verk&auml;ufer treten gegeneinander an, auch Verk&auml;ufer gegen Verk&auml;ufer, und ebenso K&auml;ufer gegen K&auml;ufer, etwa auf der Jagd nach billigen Produkten, Leistungen und Arbeitskr&auml;ften. Der Gier nach Schn&auml;ppchen entsprechen die Sonderangebote, die feilgeboten werden. Sie befriedigen sie, weil sie sie hervorrufen. Schn&auml;ppchenjagd gleicht einem Basistraining f&uuml;r K&auml;ufer.</p>
<p>Konkurrenz ist ein unter Druck setzendes und unterdr&uuml;ckendes Verh&auml;ltnis. Sie l&auml;sst einen nicht zur Ruhe kommen. Sie funktioniert als b&ouml;ses Spiel des &Uuml;bertrumpfens und Unterbietens, letztlich des Ausstechens. Man darf dem Konkurrenten gar nichts Gutes w&uuml;nschen, weil das hie&szlig;e sich ins eigene Fleisch zu schneiden. In der Konkurrenz gilt es, sich Vorteile zu verschaffen, was nichts anderes bedeutet, als anderen Nachteile zu bringen. Das ist &uuml;brigens auch ein Grund, warum jene, die das nicht k&ouml;nnen, interessiert sind an Kollektivvertr&auml;gen, starren Arbeitsformen und rigiden Gesetzlichkeiten. Nicht weil sie faul oder feige sind, sondern weil sie Angst haben. Jene Freiheit ist die Vogelfreiheit, eine Schutzlosigkeit, in der die Schw&auml;cheren unter die R&auml;der geraten. So schreien sie nach Schutz und Erm&auml;chtigung. Die alte Arbeiterbewegung war bisher die Bewegung gegen diese Zust&auml;nde, aber eine, die sich mit der Warengesellschaft arrangierte.</p>
<p>15.</p>
<p>Nichts darf bestehen, was sich nicht bewirbt. Jedes Warensubjekt hat gesch&auml;ftst&uuml;chtig zu sein. Verkaufen ist etwas, das man k&ouml;nnen muss. Es ist evident, dass der energetische Aufwand aller Verk&auml;ufer betreffend Eigenwerbung stetig im Anwachsen begriffen ist. Sich nicht verkaufen zu k&ouml;nnen, ist dem eigenen Werdegang abtr&auml;glich. Ebenso, wenn man unf&auml;hig oder unwillig ist, ausst&auml;ndiges Geld einzutreiben.</p>
<p>Konkurrenz verwandelt Menschen in berechnende Wesen, in Kalkulanten und Spekulanten. Es geht gar nicht anders. F&uuml;r den Verk&auml;ufer hei&szlig;t das, dass ein Zwang besteht, sich und seines anbieten zu m&uuml;ssen. Das Dasein der Waren muss laut und sichtbar pr&auml;sentiert werden. Hier ist auch der Urknall der kommerziellen Werbung zu suchen. Nicht jede Reklame ist schon kommerziell, aber alles Kommerzielle betreibt Reklame. Dieses penetrante Aufmerksam-Machen dient ausschlie&szlig;lich der Verwertung. Wenn es sich nicht reklamiert, ist es seinem Untergang geweiht. Die Ware ist kein krudes Ding, sie gedeiht auf ihrer <em>Verk&uuml;ndigung</em>, ja<em> Verhei&szlig;ung</em>. Ware tr&auml;gt Reklame in sich. Waren m&uuml;ssen PR-m&auml;&szlig;ig aufger&uuml;stet werden. Der Verkauf erfordert hochentwickelte psychologische Strategien. Produktwerbung ist meist wichtiger als Produktentwicklung oder Produktqualit&auml;t. Interessanter als die Ver&ouml;ffentlichung der Werbeprospekte w&auml;re allemal die Publizierung der Werbekonzepte. Doch da gilt in der offenen Gesellschaft einmal mehr das Betriebsgeheimnis.</p>
<p>Der Erwerbung geht die Werbung voraus. Werbung f&auml;llt auf die Seite des Verk&auml;ufers, der K&auml;ufer hingegen muss umworben werden. Werbung ist beim Verk&auml;ufer eine aktive Gr&ouml;&szlig;e und beim K&auml;ufer eine passive. Was eins tut, wird dem anderen angetan. Erwerben tue ich ausschlie&szlig;lich mit Geld, aber werben tue ich in erster Linie mit Eindr&uuml;cken und Versprechungen. Um zu kaufen, muss man Erscheinungen haben. Der Verk&auml;ufer hat diese extra anzubieten. Anmache, Animation, Indiskretion, das sind seine Aufgaben.</p>
<p>Die Ware ist f&uuml;r den Markt noch nicht fertig, wenn sie als Produkt fertig ist. Es bedarf zus&auml;tzlicher Fermente, die eben in seinem Stoff nicht, aber in ihrer Funktion sehr wohl enthalten sind. Es handelt sich dabei um gesellschaftlich notwendige Projektionen und T&auml;uschungen, die imstande sind, die Kunden auch unabh&auml;ngig von Produkt und Preis zu beeinflussen. Es geht um die Herstellung <em>serieller Eindr&uuml;cke</em>. Zweifellos ist es leichter, Produkte nicht haben zu wollen als Eindr&uuml;cke. Letzteres geht nicht, und wenn, dann nur &auml;u&szlig;erst bedingt. Denn nicht ich habe Eindr&uuml;cke, die Eindr&uuml;cke haben mich, sind eigentlich Beeindruckungen. Eindruck ist etwas von mir Erzeugtes, Beeindruckung ist etwas in mir Erzeugtes.</p>
<p>Was den Konsumenten in Gang setzt, sind zweifellos die Gebrauchswerte, die er konsumieren will. Was ihn jedoch zu diesem oder jenem Handel treibt, sind die Reize, die Waren zu bieten haben. Der Verk&auml;ufer und insbesondere der Kaufmann hat seine Waren entsprechend anzureichern und auszustatten. Sie m&uuml;ssen als mehr erscheinen, als sie sind, um als solche zu gelten. Kaufentscheidungen sollen einem &uuml;berdeterminierenden Verlangen folgen.</p>
<p>Ein Waschmittel, das in einer schlichten und schmucklosen Verpackung stecken w&uuml;rde, k&ouml;nnen wir uns gar nicht vorstellen. Kaufen w&uuml;rden wir es nur, wenn es beim Preisvergleich um vieles g&uuml;nstiger w&auml;re als die sich reklamierenden Konkurrenten. Wer kennt schon solche Waschmittel? Nicht was das Waschmittel in der Waschmaschine tut, ist relevant f&uuml;r den Kauf, sondern ganz andere Aspekte.</p>
<p>16.</p>
<p>Der Verkauf baut auf drei Pfeilern: Ma&szlig; des Preises, kommunikative Formierung, materielle Qualit&auml;t. &Uuml;blich sind ein Preisversprechen, ein Erlebnisversprechen und ein Qualit&auml;tsversprechen. Werbung spricht f&uuml;r das Produkt, auch wenn nichts f&uuml;r das Produkt spricht. Keine Ware wird jemals freiwillig &uuml;ber sich sagen, dass sie mangelhaft oder miserabel ist. Die Ware muss nicht halten, was sie verspricht, sie muss aber versprechen, was sie verspricht. Versprechen sind Versprechungen. Die Ware muss also verhei&szlig;en, was zu ihrem Verkauf f&uuml;hrt, nicht eine objektive Expertise ihrer Kriterien vorlegen. Das macht der Konsumentenschutz, doch der ist eine Randerscheinung. Der Organisationsgrad der K&auml;ufer als Kollektiv (z. B. in Verbraucherverb&auml;nden) ist im Gegensatz zu den Institutionen der Verk&auml;ufer recht unterentwickelt.</p>
<p>Kommerzielle Versprechen orientieren sich also nicht am Gegenstand, sondern an dessen Verkauf. Werbung erz&auml;hlt nicht, was die Ware ist, sondern richtet sich danach aus, wohin sie will. Nun denn, sie will abgesetzt werden. Das elementarste Versprechen ist das <em>Tauschwertversprechen</em>, kurzum der vorgeschlagene Preis. Der Preis muss niedrig erscheinen, daher wird nach dem obligaten <em>Preisvergleich</em> auch der selbstbezogene <em>Vergleichspreis </em>wichtiger: 4,99 statt 6,99 verhei&szlig;t das Sonderangebot. Das Ding ist nicht nur preiswerter als andere, es ist sogar g&uuml;nstiger als es selbst. Suggeriert wird nicht: Ich zahle 5, sondern ich erspare mir 2 Euro. Der Preis wirkt auch nur im Vergleich ansprechend, nicht als Zahl selbst. Anzumerken ist, dass der unterbotene alte Preis oft nur Fiktion ist, um die Differenz &uuml;berhaupt in Erscheinung treten zu lassen.</p>
<p>Das zentrale Argument einer Ware ist zweifellos ihr Preis. Indes ist die wichtigste Grundlage nicht immer bestimmend. Der K&auml;ufer muss als Beworbener beeindruckt sein und der Verk&auml;ufer muss als Bewerber beeindrucken. Der Preis ist zwar das m&auml;chtigste Kriterium, aber nicht unbedingt das ausschlaggebende. Vor allem bei ann&auml;hernder Preisgleichheit sind alle anderen Kriterien entscheidender als das entscheidende. Die Relevanz des Preises kann auch durch eine Surpluswerbung oder durch die Etablierung einer Marke minimiert werden.</p>
<p>Im <em>Erlebnisversprechen</em> der Reklame wird das Angebot zu einem Eventangebot (siehe Punkt 15). Die besondere Ware macht seinen Besitzer cooler, j&uuml;nger, elit&auml;rer, integrierter, moderner, vorausgesetzt, man legt sich jenes Produkt zu. Dann ist man dabei. Die In-Group muss sich nicht gro&szlig; verst&auml;ndigen, kleine Blicke und Signifikate reichen da oft schon. Sieh auf die Etiketten und du wei&szlig;t, wen du vor dir hast. Man erzielt dadurch einen ideellen Vorteil am Markt, der sich durchaus auch rechnen kann.</p>
<p>Reklame verspricht hohe Qualit&auml;t zu niedrigem Preis. Das alles wird noch verpackt als Ereignis, pr&auml;sentiert durch Marke, Phantasie, Erotik, &Auml;sthetik &#8211; ein wahrer Horizont tut sich hier auf, ein Horizont allseitiger Verzauberung. Fetischismus meint auch: Waren verkaufen sich nicht von selbst! Da ist keine Selbstverst&auml;ndlichkeit am Werk, sondern ein komplexes Aggregat der Kulturindustrie wird in Bewegung gesetzt.</p>
<p>Man mag einwenden, dass man die Werbung nicht mehr wahrnimmt, und in gewisser Hinsicht stimmt das. Aber das ist auch nicht notwendig. Wichtig ist nicht, dass man sie wahrnimmt, sondern was man hinnimmt. Es w&auml;re nicht in ihrem Sinne, dass wir Werbung aufmerksam registrieren oder gar bewusst reflektieren, sondern umgekehrt, es geht darum, dass sie sich in uns einnistet und festsaugt, auf dass wir sie zwar nicht sp&uuml;ren, aber trotzdem spuren und in ihrem Sinne agieren und funktionieren.</p>
<p>Auch beim <em>Qualit&auml;tsversprechen</em> stellt sich die Frage, ob es sich nicht um ein Ritual handelt, das da in beiderseitigem Einvernehmen aufgef&uuml;hrt wird. Der best&auml;ndige Druck, den Preis zu senken und den Aussto&szlig; zu erh&ouml;hen, f&uuml;hrt jedenfalls unvermeidlich zum Absenken der Qualit&auml;t. Serielle Produkte normieren sich nach unten. Hier greift eine negative Dialektik von Quantit&auml;t und Qualit&auml;t. Quantit&auml;t ist kompatibler mit dem Wert als Qualit&auml;t &#8211; was auch nicht verwundert, ist der Wert doch selbst ein Verh&auml;ltnis abstraktifizierter Quantit&auml;ten.</p>
<p>17.</p>
<p>Das kommerzielle Wesen beherrscht die Welt, und seine Unterworfenen wandeln wie die Monaden durch das Universum der Gesch&auml;fte. K&auml;ufer und Verk&auml;ufer sind Vollzugsorgane der Ware. Um sie kreisen ihre Gedanken und ihr Verlangen, das tats&auml;chlich ein erotifiziertes Surrogat substanzieller Lust darstellt. Der Komparativ des kommerziellen Angebots lautet <em>besser</em>, <em>billiger, </em> <em>geiler! </em>Nicht zuf&auml;llig ist &#8220;echt geil&#8221; zu einem oft gebrauchten Schlagwort geworden. Kaufen macht gl&uuml;cklich, das ist geldrichtig. Und f&uuml;r den Verk&auml;ufer sogar noch geldrichtiger. Happy shopping, das liegt den Geldsubjekten im Blut, also im Waren- und Geldkreislauf. Wir haben zu den Waren ein libidin&ouml;ses Verh&auml;ltnis.</p>
<p>Wir haben unsere Pflicht am Markt zu erf&uuml;llen. Diese Last wird nicht als spezifische Belastung wahrgenommen, im Gegenteil, sie erscheint als &auml;u&szlig;erst verlockend. Unaufh&ouml;rlich singt die Ware ihre Lieder und blickt ihre Kundschaft verf&uuml;hrerisch an. Sie nennt ihre Zahl und schaut auf ihre Freier: Komm, nimm mich mit, so g&uuml;nstig kriegst du mich nie wieder. Zweifellos, Waren fungieren erotisch. Geld ist das Mittel, sie legal zu erobern. Nichts leichter als in einen Supermarkt zu gehen, das Wagerl voll zu r&auml;umen und Bargeld oder Kreditkarte zu z&uuml;cken. So weit vorhanden.</p>
<p>Als Entsch&auml;digung f&uuml;r das ungelebte Leben will das Subjekt sich belohnen &#8211; wer kennt das nicht? Nicht selten verlassen wir die L&auml;den und Gesch&auml;fte mit mehr Waren als wir je kaufen wollten. Den Reizen ist einfach nicht zu widerstehen. Wenn das Sich-etwas-G&ouml;nnen st&auml;ndig in die Ware fl&uuml;chtet, sprechen wir von <em>Konsumismus</em>. Doch solches Belohnen wird wirtschaftlich erwartet und angeheizt. Das Geld darf nicht ruhen. Was sich als unmittelbare Emotionalit&auml;t erlebt, ist h&ouml;chste Rationalit&auml;t des Waren- und Geldverkehrs. In seiner letzten praktischen Ausgestaltung ist das nicht einmal mehr Konsum um des Konsums willen, sondern Kauf um des Kaufs willen. Zum Kauf treibt mehr der Kauf als das Gekaufte.</p>
<p>Kaufen bestimmt die b&uuml;rgerliche Gesellschaftlichkeit. &#8220;Raunz nicht, kauf! &#8220;, hei&szlig;t ein realer wie unversch&auml;mter Werbeslogan. Der gilt und wirkt als kategorischer Imperativ: Kauf auch du, was ein anderer kaufen k&ouml;nnte: <em>Handle so, wie jeder handelt, der handeln muss. </em> Vom Verkauf aus betrachtet, kann es daher gar kein pathologisches Kaufen geben. Der pathologische K&auml;ufer handelt rational im Sinne des Kapitals. Zum &ouml;konomischen Problem wird er nicht ob der Menge seiner Eink&auml;ufe, sondern dann, wenn er seine Kreditf&auml;higkeit &uuml;bersch&auml;tzt und sich &uuml;bernimmt. Wenn er also das, was er kauft, letztlich nicht mehr zahlen kann. Pathologische K&auml;ufer sind wir alle. Die Offensichtlichkeit einiger sollte den Hintergrund aller nicht verdunkeln. Das Grundproblem ist vielmehr, dass Kaufen generell eine pathologische Form der Vergesellschaftung ist.</p>
<p>Gepaart mit der Kaufsucht ist die <em>Verkaufssucht</em>, aus allem und alles zu Geld zu machen. Auch die sucht uns alle heim, letztlich m&uuml;ssen wir andere davon &uuml;berzeugen, dass sie von uns, ja gerade von uns etwas haben wollen m&uuml;ssen. Der Verk&auml;ufer ist zwangsweise pathologisch dimensioniert. Im Kapitalismus geht es nicht um die Befriedigung irgendwelcher Bed&uuml;rfnisse, sondern um die Weckung bestimmter Kaufgel&uuml;ste. Um den unverd&auml;chtigen Liberalen John Stuart Mill zu zitieren: &#8220;Fast jeder gekaufte oder verkaufte Gegenstand kann im &Uuml;berma&szlig; benutzt werden, und die Verk&auml;ufer haben ein Gewinninteresse daran, diese Unm&auml;&szlig;igkeit zu ermutigen&#8221;. (&Uuml;ber die Freiheit (1859), Stuttgart 1974, S. 137) Die Verk&auml;ufer haben absolut kein Interesse an der S&auml;ttigung ihrer Kunden, sondern lediglich am Hunger derselben.</p>
<p>Kaufen und Haben sind nicht nur nicht eins, es wird immer schwieriger, sich Waren &uuml;berhaupt noch als G&uuml;ter aneignen zu k&ouml;nnen. Haltbarkeit ist kaum gegeben, Reparatur ist zu teuer, Modernit&auml;t verlangt nach Austausch. Der Gebrauch moderner Ger&auml;tschaft hat von kurzer Dauer zu sein, die Waren sind schnelllebig, kaum erworben, wollen sie schon durch bessere, neuere, flottere, buntere ersetzt werden. Der Komparativ sitzt im Nacken und der Gang der Gesch&auml;fte darf nicht unterbrochen werden. Alles andere ist wachstumsfeindlich.</p>
<p>18.</p>
<p>&#8220;Der Austausch des Austauschs wegen trennt sich vom Austausch der Waren wegen. Der Kaufmannsstand tritt zwischen die Produzenten, ein Stand, der blo&szlig; kauft, um zu verkaufen, und blo&szlig; verkauft, um wieder zu kaufen, und in dieser Operation nicht den Besitz der Waren als Produkte bezweckt, sondern blo&szlig; das Erhalten von Tauschwerten als solchen, von Geld.&#8221; (MEW42: 83) &#8220;Der Zweck des Handelns ist nicht direkt die Konsumtion, sondern das Erwerben von Geld, von Tauschwerten.&#8221; (MEW42: 83) An die Stelle von W-G tritt also G-W-G oder genauer G-W-G&#8217;, Geld heckendes Geld. Diese Ware kann auch Geld sein. Dann zirkuliert etwas, das durch keinen Warenk&ouml;rper mehr verunreinigt scheint: G-G&#8217;.</p>
<p>Nicht jeder Verk&auml;ufer ist ein Kaufmann. Der Verk&auml;ufer verwandelt W in G, aber der Kaufmann verwandelt G in W, um G&#8217; zu erzielen. Der Kaufmann als Warenh&auml;ndler ist der organisierte Verk&auml;ufer, eine notwendige Institution des Handels, Folge kommerzieller Arbeitsteilung, der Dislozierung und Differenzierung &ouml;konomischer Prozesse. Zwar sind alle dazu berufen, zu handeln, aber beim Kaufmann hat sich diese Berufung zum <em>Beruf </em>verselbst&auml;ndigt. Er ist nicht nur ein konstitutioneller, sondern ein professioneller H&auml;ndler. &#8220;Diese den Zirkulationsprozess des industriellen Kapitals vermittelnde T&auml;tigkeit ist die ausschlie&szlig;liche Funktion des Geldkapitals, womit der Kaufmann operiert. Durch diese Funktion verwandelt er sein Geld in Geldkapital, stellt sein G dar als G-W-G&#8217;, und durch denselben Prozess verwandelt er das Warenkapital in Warenhandlungskapital.&#8221; (MEW 25: 285) &#8220;Der Profit des Kaufmanns ist bestimmt nicht durch die Masse des Warenkapitals, das er umschl&auml;gt, sondern durch die Gr&ouml;&szlig;e des Geldkapitals, das er zur Vermittlung dieses Umschlags vorschie&szlig;t.&#8221; (MEW 25: 323) Und noch einmal Karl Marx: &#8220;Das Kaufmannskapital ist nichts als innerhalb der Zirkulationssph&auml;re fungierendes Kapital. Der Zirkulationsprozess ist eine Phase des gesamten Reproduktionsprozesses. Aber im Zirkulationsprozess wird kein Wert produziert, also auch kein Mehrwert.&#8221; (MEW 25: 290-291)</p>
<p>Anders als der Konsument richtet der Kaufmann auch beim Kauf sein Augenmerk nicht auf den Gebrauchswert der Ware, sondern auf den Tauschwert, den er am Markt realisieren will. Beim Kaufmann befindet sich die Ware auf Durchreise, sie ist nicht zu seiner Konsumtion bestimmt. Den Kaufmann interessiert am Gesch&auml;ft das Resultat, d. h. was er letztendlich verdient. Alles andere ist nur zu ber&uuml;cksichtigen, wenn es auf die Kosten durchschl&auml;gt. Warenkapital dient blo&szlig; als Vehikel des Geldkapitals. &#8220;Ware wird verkauft, nicht um Ware zu kaufen, sondern um Warenform durch Geldform zu ersetzen. Als blo&szlig;e Vermittlung des Stoffwechsels wird dieser Formwechsel zum Selbstzweck.&#8221; (MEW23: 144) Das dazwischentretende W interessiert den Kaufmann nur, weil es G in G&#8217; verwandelt. Darin liegt seine Aufgabe. Ob die Schokolade gut ist, das Fleisch frisch oder die Regalbetreuer gestresst, ist f&uuml;r ihn nur von Belang, wenn dies der Verwertung abtr&auml;glich ist, oder er von Rechts wegen zur Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen gezwungen wird, nicht aber von der Sache her. Standard und Qualit&auml;t des Produktes sind nur Facetten der Verwertung. Detto die Menschen.</p>
<p>Den K&auml;ufer interessiert der Preis der Ware, nicht dessen Wertzusammensetzung. F&uuml;r den kommerziellen Verk&auml;ufer hingegen ist diese Proportion ausschlaggebend. Die Differenz von dem, was er hineinsteckt und dem, was er herausholt, ist von prim&auml;rer Relevanz. Das gilt f&uuml;r den Kaufmann wie f&uuml;r den Fabrikanten. Er will aber nicht nur so teuer als m&ouml;glich, sondern muss auch so billig wie n&ouml;tig verkaufen. Dieser Widerspruch bedarf einer sorgf&auml;ltigen Kalkulation. Im Preis wird dieser Widerspruch ideell und im Verkauf sodann auch reell aufgehoben. Durch die Zahlung werden Verkaufspreis und Kaufpreis identisch.</p>
<p><em>Rechnung</em> sagt uns, dass das &Auml;quivalenzprinzip f&uuml;r Gerechtigkeit sorgt, dass Gleiches mit Gleichem vergolten werden muss. Am Markt kann man nichts erlangen, ohne eine Rechnung pr&auml;sentiert zu bekommen. Das gemeine Wort <em>Abrechnung</em> spricht klar und deutlich aus, was da &ouml;konomisch l&auml;uft. Beim Kaufmann muss diese Berechnung geradezu perfektioniert werden. Max Weber h&auml;lt fest: &#8220;Als <em>formale</em> Rationalit&auml;t eines Wirtschaftens soll hier das Ma&szlig; der ihm technisch m&ouml;glichen und von ihm wirklich angewendeten <em>Rechnung</em> bezeichnet werden.&#8221; (Wirtschaft und Gesellschaft, Neu Isenberg 2005, S. 60) Richtig auch Folgendes: &#8220;Die Kapitalrechnung in ihrer <em>formal</em> rationalsten Gestalt setzt daher den <em>Kampf des Menschen mit dem Menschen</em> voraus.&#8221; (S. 66) Weber ontologisiert nun aber den Mangel als eine nat&uuml;rliche Differenz zwischen Bedarfsempfindung und Bedarf. (Ebenda) Der Kampf sei daher unausweichlich. Indes, es k&auml;mpfen nicht Menschen gegen Menschen, sondern ihre Charaktermasken gegen ihre Charaktermasken. Das Problem der zugrunde liegenden Menschen ist allerdings, dass sie in denselben K&ouml;rpern stecken und wahrlich nicht aus ihrer Haut k&ouml;nnen. Darin liegt ihre Tragik.</p>
<p>19.</p>
<p>Die Frage, wer wen disponiert, ist bereits entschieden. Wir sind unseren Verdinglichungen ausgeliefert. Die Gesch&auml;fte fressen Zeit und Raum auf. Unsere Chancen werden nicht gr&ouml;&szlig;er, auch wenn oder gerade weil es derer zunehmend mehr gibt. Doch jene besetzen die Felder des Lebens, nehmen Raum und Zeit ein, die sie den Menschen abgenommen haben. Je mehr man sich aussuchen kann, desto mehr wird man suchen m&uuml;ssen, will man den Angeboten gerecht werden. Solche Berechnungen finden in die &Ouml;konomie kaum Eingang, denn diese M&uuml;hen belasten sie nicht, sondern ausschlie&szlig;lich die Verbraucher. Vielleicht sollte man von inversen Folgen sprechen. Es w&auml;re interessant zu wissen, wie viel Lebenszeit Menschen durchschnittlich zur Erledigung ihrer Gesch&auml;fte aufwenden m&uuml;ssen und wie viel Lebensraum sie daf&uuml;r verbrauchen.</p>
<p>Ziel der Ware ist die &Uuml;berwindung von sittlichen und traditionellen Hindernissen, ja aller r&auml;umlichen und zeitlichen Schranken. Es geht heute nicht mehr nur um das klassische Ausweiten der M&auml;rkte, sondern um die Multiplizierung der Verkaufsm&ouml;glichkeiten, reell und insbesondere virtuell. Die Waren m&uuml;ssen nicht dort sein, wo sie angeboten werden. Vor allem mit dem Internet lassen sich viele Gesch&auml;fte von jedem Ort aus und zu jeder Zeit erledigen. Der Kauf wird zusehends anonym. K&auml;ufer und Verk&auml;ufer m&uuml;ssen sich weder kennen noch treffen.</p>
<p>Immer mehr Waren befinden sich auf Reisen. Meistens sind sie unterwegs. Der Transport wird zusehends zum Hauptort aufbewahrter Waren. Bewegung verdr&auml;ngt Speicherung. Da sie im richtigen Augenblick an der richtigen Stelle sein sollen, ist ihre andauernde Mobilisierung logisch. Waren liegen nicht herum, sondern sind irgendwie stets im Anrollen. Jede Fernverkehrsstra&szlig;e demonstriert dies eindrucksvoll. Erst der Kauf f&uuml;hrt zur Demobilisierung. Aber f&uuml;r Nachschub ist gesorgt.</p>
<p>Die Zeit des Kaufens ist nicht nur ein Zeitpunkt, sondern eine Zeitspanne. Insbesondere Ratenzahlung und Darlehen dehnen die Dauer des Gesch&auml;fts. Der Kaufakt muss nicht identisch sein mit dem Zahlungsakt. Abgeschlossen wird das Gesch&auml;ft, die Zahlung mag zuvor, zugleich oder auch sp&auml;ter erfolgen, sie mag auf einmal get&auml;tigt werden oder in Raten. Freilich ist die Terminisierung f&uuml;r beide Seiten nicht unerheblich. Der Verk&auml;ufer mag auf zeitiges Bezahlen oder auf Vorauszahlung dr&auml;ngen, daf&uuml;r ist er bereit, Abstriche beim Preis hinzunehmen. Der K&auml;ufer mag auf sp&auml;test m&ouml;gliche oder gar Ratenzahlung dr&auml;ngen, daf&uuml;r ist er bereit, h&ouml;here Preise oder Zinsen zu akzeptieren. Dort, wo nicht nach Cash and Carry gehandelt wird, ist eine zus&auml;tzliche Risikoabsch&auml;tzung vonn&ouml;ten.</p>
<p>Nat&uuml;rlich muss man nicht immer gleich zahlen und kann etwas schuldig bleiben. Schulden bilden keine Ausnahme, sondern sind vielen Transaktionen unabdingbar. Unz&auml;hlige Gesch&auml;fte k&ouml;nnen nur &uuml;ber Kredit ins Laufen gebracht werden. Im Falle sp&auml;terer Zahlung verl&auml;sst sich der Verk&auml;ufer darauf, dass gezahlt werden kann. Eine fundamentale Differenz zwischen bezahlten und unbezahlten Rechnungen tritt allerdings dann ein, wenn die noch unbezahlten tats&auml;chlich nicht bezahlt werden (k&ouml;nnen). Dieser Unterschied ist allen Verk&auml;ufern und K&auml;ufern bewusst.</p>
<p>Die <em>offene Rechnung</em> firmiert in der Alltagssprache auch als Drohung. &Ouml;konomisch ist sie eine Bedrohung f&uuml;r den K&auml;ufer, der das Geld nicht hat, aber auch f&uuml;r den Verk&auml;ufer, der das Geld nicht bekommt. Der Kauf wurde zwar get&auml;tigt, aber nicht finalisiert. Dieses Risiko muss aber ob der Fl&uuml;ssigkeit des Waren- und Geldverkehrs zunehmend eingegangen werden. Gefeit davor, aufgrund unbezahlter Rechnungen zu bankrottieren, ist niemand. Oft sind es unvermutete Ausf&auml;lle, die solcherlei bewirken. In der Wirtschaft greift daher folgendes Ph&auml;nomen um sich: das der <em>unbezahlbaren Rechnungen aufgrund unbezahlter Rechnungen</em>. Die Verunsicherung wird gr&ouml;&szlig;er. Vor allem Freelancer k&ouml;nnen ein Lied davon singen, wie Au&szlig;enst&auml;nde Au&szlig;enst&auml;nde bedingen. Werden die Schulden nicht beglichen, folgt der wirtschaftliche Zusammenbruch. Der Konkurs ist ja nichts anderes als die immanente Kapitulation der Gesch&auml;ftstr&auml;ger aufgrund fehlender Gesch&auml;ftsmittel.</p>
<p>20.</p>
<p>Transvolution bedeutet, dass die Menschen mit dem Kaufen und Verkaufen <em>bewusst</em> aufh&ouml;ren. Dass sie sich geben und sich nehmen, was sie brauchen. Dass sie die Kostenrechnung verwerfen und durch profane Zuneigung und Zueignung ersetzen. Dass Angebot und Nachfrage durch Eingabe und Entnahme ersetzt werden. Dass der konkurrenzistische Gesch&auml;ftstrieb von einer kompetenten Kooperation abgel&ouml;st wird. Dass die Trennung von Motiv und Bedingung bei der Transaktion von G&uuml;tern &uuml;berwunden wird. Dass Bezahlung als destruktives Moment erkannt und somit aus der menschlichen Geschichte ausgeschieden wird</p>
<p>Eine freie Assoziation w&auml;re, von spezifisch knappen G&uuml;tern abgesehen, im Wesentlichen von einem gemeinsamen Prozess des Sch&ouml;pfens bestimmt. Warum? Wo? Wann? Wie viel? Ohne jede Kostenkalkulation ginge es um Grund, Ort, Zeit, Menge und Bewerkstelligung. Rechnungen w&auml;ren stoffliche Erfassungen, die Material, T&auml;tigkeit und Folge absch&auml;tzen m&ouml;chten. Distribution ginge ohne Besitzwechsel &uuml;ber die B&uuml;hne. Eigentum in Form ausschlie&szlig;licher Verf&uuml;gung g&auml;be es nicht. K&ouml;nner stellten her, was Verwender br&auml;uchten. &Uuml;berg&auml;nge w&auml;ren kein Tausch und kein Kauf mehr. &Ouml;konomie verschw&auml;nde als gesonderte Sph&auml;re, denn &#8211; und da hat Luhmann recht: &#8220;Produktion ist nur Wirtschaft, Tausch ist nur Wirtschaft, wenn Kosten bzw. Gegenzahlungen anfallen.&#8221; (Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 16. ) Es geht tats&auml;chlich um einen Haushalt jenseits der Wirtschaft, d. h. die allseitige Kooperation gegen die Konkurrenz zu setzen und zur schlichten Verwaltung von Sachen &uuml;berzugehen. Das ist das Einfache, das schwer zu machen ist.</p>
<p>Wie sagt doch der Erste Gott im Brechtschen St&uuml;ck &#8220;Der gute Mensch von Sezuan&#8221; (1940): &#8220;Ich gebe zu, ich verstehe nichts von Gesch&auml;ften, vielleicht muss man sich da erkundigen, was das &Uuml;bliche ist. Aber &uuml;berhaupt Gesch&auml;fte! Machten die sieben guten K&ouml;nige Gesch&auml;fte? Verkaufte der gerechte Kung Fische? Was haben Gesch&auml;fte mit einem rechtschaffenen und w&uuml;rdigen Leben zu tun? &#8221; (Gesammelte Werke 4, Frankfurt am Main 1967, S. 1530) &#8211; Nichts! Absolut Nichts!</p>
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/vom-verkaufen">Vom Verkaufen</a></p>
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		<title>Reform oder Raiffeisen? Fragen zur Solidarischen &#214;konomie</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Papa wird's nicht richten<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/reform-oder-raiffeisen-fragen-zur-solidarischen-oekonomie">Reform oder Raiffeisen? Fragen zur Solidarischen &#214;konomie</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-435"></span></p>
<p>Die Globalisierungskritik, sie bewegt sich doch. Wir erinnern uns: Mit der Tobinsteuer machte sie Furore. F&uuml;r den Staat, gegen die Konzerne! Hoch das Wirtschaftswachstum, nieder mit der Spekulation! &#8211; so lautete ihr Nonplusultra. Ein <a href="http://www.solidarische-oekonomie.de">Kongress</a> zur Solidarischen &Ouml;konomie in Berlin schl&auml;gt nun, so scheint es, andere T&ouml;ne an. Der VSA-Verlag hat dazu vorab einen <a href="http://www.vsa-verlag.de/vsa/">Reader</a> publiziert. Und auch in der Schweizer Zeitschrift <a href="http://www.widerspruch.ch">Widerspruch</a> geht es, wie der Titel ihrer j&uuml;ngsten Nummer proklamiert, um &#8220;Alternativen&#8221;.</p>
<p></em>Manch eine mag dabei ein D&eacute;j&agrave;vu erleben. Alternative Betriebe, Kooperativen und Kommunen gr&uuml;nden &#8211; hatten wir das nicht schon mal? Ja, stimmt, hatten wir schon mal. Der Schluss, dass eins die Solidarische &Ouml;konomie vergessen k&ouml;nne, weil es schon in den 1970er Jahren &auml;hnliche Initiativen gab &#8211; und die, wir wissen es doch, sind allesamt gescheitert &#8211; ist allerdings zu kurz. Denn zumindest zweierlei ist heute anders. <em>Erstens</em> ist die Solidarische &Ouml;konomie um die Erfahrung ihrer Grenzen und des Scheiterns fr&uuml;herer Ans&auml;tze reicher, <em>zweitens</em> trifft sie heute auf g&auml;nzlich ver&auml;nderte Umst&auml;nde. So ist die Solidarische &Ouml;konomie des 21. Jahrhunderts, im Unterschied zu den Alternativbetrieben der 1970er Jahre, selten eine Spielwiese f&uuml;r Leute, die aus freien St&uuml;cken einem Normalo-Job den R&uuml;cken kehren, sondern ist oft eine Notwendigkeit des &Uuml;berlebens &#8211; nicht nur, aber gerade auch f&uuml;r jene, die &#8220;normale&#8221; Jobs kaum mehr kennen.</p>
<p>Hinzu kommt, dass sich auch das diskursive Umfeld geh&ouml;rig gewandelt hat. Das Denken nach dem Motto Tina &#8211; <em>&#8220;There is no alternative&#8221; </em>(Margret Thatcher) &#8211; kn&uuml;ppelt heute jede Kritik, die mehr und anderes sein will als eine Flaschenpost f&uuml;r bessere Zeiten, nieder. Schon der blo&szlig;e Gedanke an eine gesellschaftliche Ver&auml;nderung, die mehr und anderes meint als die Ver&auml;nderung von Gesetzen, trifft in der Regel auf massive Ignoranz, n&ouml;tigenfalls auf heftige Gegenwehr. Anders als die sozialen Experimentierstationen und Gemeinschaftslabors, die im Gefolge der 1968er-Bewegung aus dem Boden schossen, hat die Solidarische &Ouml;konomie in Europa heute keinen breiteren R&uuml;ckhalt, ist nicht Teil einer starken gesellschaftlichen Str&ouml;mung hin zu neuen Ufern des Zusammenlebens. Nach wie vor ist das Tina-Prinzip ein entscheidendes Hindernis f&uuml;r jede Opposition zum neoliberalen Himmelfahrtskommando. Die Solidarische &Ouml;konomie ist deshalb nichts weniger als der &#8220;lebendige Zweifel an der These vom Ende der Geschichte, an dem es , keine Alternativen&#8217; mehr g&auml;be&#8221; (Solidarisches Wirtschaften, S. 19, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006) &#8211; Elmar Altvater bringt es auf den Punkt.</p>
<p>Allerdings hat sich die antiliberale Opposition auch selbst einige Steine in den Weg gelegt. Dies gilt nicht zuletzt f&uuml;r ihr Vertrauen auf den Staat, der, mit vern&uuml;nftigen Argumenten und sozialtechnischen L&ouml;sungsvorschl&auml;gen konfrontiert, alles zum Guten wenden solle. Anstatt dass die politischen Eliten sich aber aufkl&auml;ren lie&szlig;en &uuml;ber die neoliberale Verirrung, in die sie geraten sind, fahren sie vielmehr unbeirrt darin fort, &ouml;ffentliche G&uuml;ter und Dienste dem Markt zum Fra&szlig; vorzuwerfen, halten in der Tat stur daran fest, dem Wettbewerb und der Flexibilit&auml;t zu opfern, was das Leben bis dato angenehmer machte. Sozialliberale Funktion&auml;re in Parteien und Gewerkschaften garnieren dies eventuell noch mit einem regressiven Geschimpfe gegen den &#8220;Kapitalismus&#8221; in Gestalt von &#8220;Heuschrecken&#8221; (Franz M&uuml;ntefering) &#8211; das freilich haucht weder dem Sozialstaat von einst neues Leben ein noch schafft es die ber&uuml;hmten Arbeitspl&auml;tze. Der Reality-Check ist f&uuml;r die Staatstreuen also hart. Das mag auch erkl&auml;ren, warum Attac, mediales Aush&auml;ngeschild der Globalisierungskritik, gewisse Erm&uuml;dungserscheinungen zeigt. Ulrich Brand, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac in Deutschland, f&uuml;hrt die gelegentliche Herbststimmung darauf zur&uuml;ck, dass derzeit &#8220;Expertise und politische Ausgefuchstheit (&#8230; ) gegen&uuml;ber dem Ausprobieren, der Emphase und dem Erfahrungswissen dominieren&#8221; (Strategien progressiver Kr&auml;fte in Europa, S. 173, in: Widerspruch Nr. 50, 2006). Dagegen w&auml;re es vonn&ouml;ten, die &#8220;rebellische Subjektivit&auml;t&#8221; zu betonen, das &#8220;subversive Element in den Bewegungen und die vielen lokalen Praktiken&#8221; st&auml;rker zu beachten (S. 172).</p>
<h4>Der Papa wird&#8217;s nicht richten</h4>
<p>Vor diesem Hintergrund markiert der Kongress &#8220;Wie wollen wir wirtschaften? &#8220;, der von 24. bis 26. November in Berlin stattfindet, m&ouml;glicherweise eine wichtige qualitative Neuorientierung der globalisierungskritischen Bewegung. Hier scheint sich anzudeuten, dass Teile der Globalisierungskritik sich aus ihrer Staatsfixierung l&ouml;sen und das Augenmerk auf eine Perspektive legen, die Fragen der gesellschaftlichen Aneignung von Ressourcen (Infrastruktur, Produktionsmittel) und der Entwicklung entsprechender kooperativer Zusammenh&auml;nge in den Mittelpunkt stellt. Selbst Elmar Altvater, der gegen John Holloway gewendet lediglich eine &#8220;sympathische Naivit&auml;t&#8221; (Solidarisches Wirtschaften, S. 16, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006) darin erkennt, die Welt ver&auml;ndern zu wollen, ohne die (staatliche) Macht zu ergreifen, betont, dass Basisbewegungen realiter in den meisten F&auml;llen &#8220;gezwungen (sind), sich gegen Regierungen zu richten und in ihren K&auml;mpfen Gegenmacht aufzubauen, indem Territorien, Land und Fabriken, Kohlenminen und Erd&ouml;lfelder besetzt und genossenschaftlich selbstverwaltet werden&#8221; (S. 17f. , a. a. O. ). Dar&uuml;ber hinaus sei zu reflektieren, &#8220;dass der Staat aufgrund der (&#8230; ) lock-in Effekte [Blockierung von Alternativen durch Privatisierung u. &auml;. , A. E. ] ein anderer ist als in den Jahrzehnten von Keynesianismus und Fordismus&#8221; (S. 14, a. a. O. ). Zuvorderst m&uuml;sse man deshalb &#8220;bei den Erfahrungen alternativer Vergesellschaftung ankn&uuml;pfen&#8221; und bedenken, dass &#8220;die Staatlichkeit als Folge der Privatisierung mehr und mehr globalisiert&#8221; (a. a. O. ) sei, daher auch soziale Bewegungen im Denken und in der Praxis &#8220;global ausgreifen&#8221; (a. a. O. ) m&uuml;ssten.</p>
<p>Deutlich setzt der Kongress ein Signal daf&uuml;r, der Frage einer <em>wirklichen</em> Ver&auml;nderung der <em>Alltags</em>verh&auml;ltnisse mehr Gewicht zu geben als bisher. Ist es doch sein Ziel, zu diskutieren, &#8220;ob Solidarische &Ouml;konomie eine wirksame politische Strategie gegen Armut und Ausgrenzung sein kann, und wie angesichts der neoliberalen Umstrukturierung der Gesellschaft eigene wirtschaftliche Strukturen aufgebaut werden k&ouml;nnen&#8221; (www. solidarische-oekonomie. de, Kongressfolder). Dabei sollen auch die je eigenen, nicht selten schwierigen materiellen Lagen thematisiert werden. Vorbild f&uuml;r diese Fragestellung sind offensichtlich die sozialen Bewegungen Lateinamerikas. Denn anders als im Fall der hiesigen Globalisierungskritik ist politischer Protest im lateinamerikanischen Kontext eng mit dem Aufbau materiell-kooperativer Zusammenh&auml;nge verkoppelt. F&uuml;r eine emanzipative Bewegung ist es in der Tat essenziell, die politische Aktion als eine auf den Staat bezogene mit einer Gegenpraxis zu verkn&uuml;pfen, die dem &#8220;Wunsch, selbstbestimmt zu leben&#8221;, dem &#8220;Nicht-mehr-Mitmachen&#8221; und der &#8220;Suche nach Neuem&#8221; (Widerspruch Nr. 50, S. 173) &#8211; wie Ulrich Brand dies formuliert &#8211; sichtbaren Ausdruck verleihen kann.</p>
<h4>Solidar&ouml;konomie, was ist das? </h4>
<p>Der Begriff der Solidarischen &Ouml;konomie ist unscharf. Das nimmt nicht weiter Wunder, handelt es sich dabei doch um einen Diskurs, der seine Konturen in erster Linie negativ gewinnt. Im Grunde sind darin alle materiellen Praxen repr&auml;sentiert, die den neoliberal-kapitalistischen Imperativen mehr oder weniger widersprechen. Der Kongress-Reader mit dem Titel &#8220;Solidarische &Ouml;konomie&#8221; behandelt dementsprechend eine Vielzahl ganz unterschiedlich verfasster &ouml;konomischer Strukturen: Mitteleurop&auml;ische Genossenschaften und solidar&ouml;konomische Betriebe in Lateinamerika werden ebenso dazu gez&auml;hlt wie Fair-Trade-Unternehmen, selbstverwaltete Betriebe des sozialistischen Jugoslawien und subsistenzwirtschaftliche Ans&auml;tze in Indien. Auch Tauschringe, landwirtschaftliche Direktvermarktung und alternative Wohnprojekte werden darunter subsumiert (Vorwort, S. 7, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006). Die Homepage zum Kongress (www. solidarische-oekonomie. de) listet dar&uuml;ber hinaus noch Unternehmungen mit sozialer Zielsetzung, alternative Finanzierungseinrichtungen, Frauenprojekte, Initiativen f&uuml;r offenen Zugang zu Wissen und &#8220;andere Formen wirtschaftlicher Selbsthilfe&#8221; auf. Nach Elmar Altvater geh&ouml;rt auch der &#8220;dritte, Non-Profit-Sektor in allen Industriel&auml;ndern&#8221; in die Reihe der &#8220;Ans&auml;tze einer alternativen Solidarischen &Ouml;konomie&#8221; (Solidarisches Wirtschaften, S. 18, a. a. O. ). Dabei sieht Altvater durchaus die Ambivalenz des &#8220;dritten Sektors&#8221;. Dieser dehne sich gerade dort aus, wo Arbeitspl&auml;tze im &#8220;ersten Sektor&#8221;, also in der privaten, formellen &Ouml;konomie abgebaut werden und der &ouml;ffentliche &#8220;zweite Sektor&#8221; schrumpft (S. 19, a. a. O. ).</p>
<p>Was aber ist nun Solidarit&auml;t? Altvater fasst den Begriff prim&auml;r negativ: &#8220;Das Prinzip der <em>Solidarit&auml;t und Fairness</em> ist den Prinzipien von &Auml;quivalenz (und Reziprozit&auml;t) (&#8230; ) entgegengerichtet&#8221; (S. 17, a. a. O. ). Wir d&uuml;rfen unter Solidarit&auml;t demnach eine Beziehung verstehen, die weder auf dem Prinzip &auml;quivalenten, also <em>gleichwertigen</em> Tausches beruht wie auf dem Markt &#8211; &#8220;Ich gebe dir 5 Euro, du gibst mir Waren im Wert von 5 Euro&#8221; &#8211; noch auf dem Prinzip der reziproken Gegengabe, der Wechselseitigkeit des &#8220;Ich gebe dir, du gibst mir&#8221; (vgl. E. Altvater, Das Ende des Kapitalismus, 2005, S. 180ff. ). Solidarit&auml;t und Fairness gingen &#8220;vom gesellschaftlichen Kollektiv und nicht von Individuen und ihren marktvermittelten Beziehungen aus&#8221; (Solidarisches Wirtschaften, S. 17, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006). Sie k&ouml;nne daher &#8220;nur in organisierter Form zur Geltung kommen&#8221; (a. a. O. ). &#8220;Fair&#8221; nennt Altvater dabei &#8220;solidarische Beitr&auml;ge&#8221;, die jeder und jede &#8220;nach seinen (bzw. ihren) M&ouml;glichkeiten&#8221; leistet (a. a. O. ). Dies setze &#8220;ein Bewusstsein von Gemeinsamkeit und innerer Verbundenheit in einer Gesellschaft voraus, die in einer gemeinsamen Lebenserfahrung begr&uuml;ndet sein kann&#8221; (a. a. O. ).</p>
<p>Paul Singer, Staatssekret&auml;r f&uuml;r Solidarische &Ouml;konomie in Brasilien und h&auml;ufiger Gew&auml;hrsmann in der mitteleurop&auml;ischen Debatte, gibt in einem Artikel folgende Definition: &#8220;Das solidarische Unternehmen lehnt die Trennung zwischen Arbeit und Besitz der Produktionsmittel (&#8230; ) ab&#8221; (Solidarische &Ouml;konomie in Brasilien heute, S. 1, aus: Jahrbuch Lateinamerika Bd. 25, 2001; Abruf: www.solidarische-oekonomie.de). Nachdem die genannte Trennung laut Paul Singer &#8220;anerkannterma&szlig;en die Grundlage des Kapitalismus&#8221; (a. a. O. ) ist, h&auml;lt er die Solidarische &Ouml;konomie nicht f&uuml;r kapitalistisch. Zugleich konzediert er allerdings, dass sie auf jeden Fall noch Teil der kapitalistischen Gesellschaftsformation sei, die weiterhin den &#8220;legalen und institutionellen &Uuml;berbau&#8221; (a. a. O. ) bestimme, ja mehr noch, dass die Solidarische &Ouml;konomie &#8220;nur gangbar und zu einer wirklichen Alternative zum Kapitalismus (wird), wenn die Mehrheit der Gesellschaft, die kein Eigentum an Kapital hat, ein Bewusstsein davon gewinnt, dass es in ihrem Interesse liegt, die Produktion auf eine Weise zu organisieren, bei der die Produktionsmittel all denen geh&ouml;ren, die sie zur Schaffung des Sozialprodukts benutzen&#8221; (a. a. O. ). Besonders betont Singer dabei die Rolle der Arbeit. Das &#8220;solidarische Unternehmen besteht grunds&auml;tzlich aus Arbeitern, die nur in zweiter Linie auch seine Eigent&uuml;mer sind&#8221; (a. a. O. ). Deshalb, so Singer, &#8220;ist ihr Zweck auch nicht die Maximierung des Profits, sondern die Maximierung der Menge und der Qualit&auml;t der Arbeit&#8221; (a. a. O. ). Daraus folge, dass ein solidar&ouml;konomischer Betrieb keinen Profit erwirtschafte, da &#8220;kein Teil seiner Einnahmen proportional zu den Kapitalquoten verteilt wird&#8221; (a. a. O. ). Die Verwaltung des Unternehmens erfolge gemeinschaftlich, entweder mittels Vollversammlungen oder in Delegiertenr&auml;ten. Um gleiche Entscheidungsrechte zu garantieren, sei auch das Eigentum am Betrieb unter den Arbeiterinnen und Arbeitern gleich verteilt.</p>
<h4>Nachfragen zur Theorie</h4>
<p>Deutlich wird in diesen Konzeptionen, dass sich die Solidarische &Ouml;konomie im Grunde mit dem Gedanken der betrieblichen Selbstverwaltung deckt, wie er etwa in Jugoslawien zur Staatsideologie erhoben worden ist. Allerdings ist das Konzept breiter gefasst. Das h&auml;ngt nicht nur damit zusammen, dass Fair-Trade, Direktvermarktung und Tauschkreise erst in den 1990er Jahren eine gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung bekamen und die Freie Software-Szene &uuml;berhaupt erst mit dem Internet das Licht der Welt erblickte, weshalb sie schon allein aus historischen Gr&uuml;nden in der alten Alternativ- und Genossenschaftsbewegung keine Rolle spielen konnten. Die Breite des Konzepts hat wohl auch damit zu tun, dass der Diskurs einerseits inhaltlich offen gehalten werden soll &#8211; ganz im Sinne dessen, was Elmar Altvater einen &#8220;diskursiven Prozess , kollektiver Forschung&#8217;&#8221; nennt (Das Ende des Kapitalismus, 2005, S. 221), und dass er andererseits eine politische Ausrichtung hin auf eine Alternative zum neoliberalen Kapitalismus erhalten und so &#8220;den Begriff , Solidarische &Ouml;konomie&#8217; in Deutschland besetzen&#8221; soll (www. solidarische-oekonomie. de) &#8211; und zwar von Seiten der linken Globalisierungskritik.</p>
<p>Dieses Anliegen mag f&uuml;rs Erste dar&uuml;ber hinwegtr&ouml;sten, dass diese Konzeption erheblichen Kl&auml;rungsbedarf mit sich bringt. Denn theoretisch befindet sich die Debatte insgesamt mehr oder weniger auf dem Stand der 1970er Jahre. Zwar verweist schon allein der Diskurs der Solidarischen &Ouml;konomie darauf, dass einige der realen Bedingungen und tats&auml;chlichen Erfordernisse emanzipativer Praxis mittlerweile wahrgenommen werden. Doch wenn es um das gesellschaftliche <em>Strukturwissen</em> geht, um die Frage also, wie jene Produktionsweise zu verstehen ist, von der wir uns emanzipieren wollen, so zeigen sich rasch einige Defizite. Unweigerlich wirken diese aber auf das Verst&auml;ndnis der Solidar&ouml;konomie selbst zur&uuml;ck, darauf also, wie wir ihre Potenziale und Grenzen begreifen, ihre Perspektiven und Gefahren einsch&auml;tzen.</p>
<p>Deutlich illustriert dies der Beitrag von Gabriele Herter, &#8220;Die , unsichtbare Hand&#8217; in der Selbstverwaltung&#8221; (S. 22ff. , in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006). Den &#8220;Kern einer jeden kooperativen Wirtschaftsordnung, die Vorbild und Grundlage einer Solidarischen &Ouml;konomie sein m&uuml;sste&#8221; sieht Herter in der Formel &#8220;, Labour hires Capital&#8217; &#8211; Die Arbeit macht sich das Kapital zu Diensten&#8221; (S. 22, a. a. O. ). &#8220;Selbstverwaltete Betriebe und Genossenschaften haben andere Ziele als traditionelle Unternehmen&#8221;, meint die Autorin, &#8220;sie sehen sie nicht in irgendwelchen Ableitungen vom Prinzip der Profitmaximierung wie der Eingliederung in den Weltmarkt, Erh&ouml;hung des Exports, Rentabilit&auml;t usw.&#8221; (S. 23, a. a. O. ). Das Kapital werde &#8220;zur Herstellung oder Bereitstellung von gebrauchswertorientierten Produkten in humaner Arbeitsweise&#8221; verwendet (a. a. O. ). Gleichzeitig verteidigt Herter den Markt als gesellschaftliches Ordnungsprinzip. Sie f&uuml;hrt ins Treffen, dass der Staat sich &#8220;in der Rolle des idealen Organisators der sozialen und gesellschaftlichen Dienstleistungen (&#8230; ) nicht als besonders effizient erwiesen&#8221; habe (a. a. O. ). Den Umkehrschluss, der Markt sei also der bessere Organisator, m&ouml;chte Herter mit dem Verweis auf Karl Polanyis ber&uuml;hmte Studie &#8220;The Great Transformation&#8221; (1944) st&uuml;tzen. Darin beschrieb Polanyi die Durchsetzung der Marktwirtschaft als eine &#8220;Entbettung des Marktes aus der Gesellschaft&#8221;. Voraussetzung dieser Entbettung war laut Polanyi, dass Arbeitskraft, Boden und Geld die Form von Waren annahmen. Er nennt sie &#8220;fiktive Waren&#8221;, weil sie von Natur aus keine Waren seien. Herter spitzt dies noch zu: &#8220;Sie sind unf&auml;hig, als Ware zu fungieren&#8221; (S. 24, a. a. O. ). Dieser Annahme gem&auml;&szlig; w&auml;re der Markt als solcher zu begr&uuml;&szlig;en, abzulehnen hingegen lediglich in jener Form, die er im Zuge seiner &#8220;Entbettung&#8221; angenommen habe. Weiters meint sie, dass in genossenschaftlichen Strukturen &#8220;der Arbeitsmarkt praktisch abgeschafft&#8221; ist (a. a. O. ), die Arbeitskraft also keine (fiktive) Ware mehr sei (S. 23, a. a. O. ), und behauptet: &#8220;Diese theoretischen &Uuml;berlegungen k&ouml;nnen anhand jedes kooperativen Dachverbands in der Welt verifiziert werden&#8221; (S. 24, a. a. O. ). Als Paradigma der Solidarischen &Ouml;konomie gilt der Autorin offenbar das jugoslawische Selbstverwaltungsmodell. Dieses sei an den Verteilungsk&auml;mpfen gescheitert, die aus der ungleichzeitigen Entwicklung der Teilrepubliken resultierten, wie Herter res&uuml;miert. In letzter Instanz f&uuml;hrt sie den Misserfolg des jugoslawischen Marktsozialismus allerdings darauf zur&uuml;ck, dass &#8220;die Hochzinspolitik der entwickelten L&auml;nder und der &uuml;berh&ouml;hte Dollarkurs&#8221; es unm&ouml;glich machten, &#8220;die vorhandenen Planungsinstrumente [zum regionalen Ausgleich, A. E. ] sinnvoll einzusetzen&#8221; (S. 27, a. a. O. ).</p>
<p>In ihrem Beitrag verstrickt Herter sich in einige Widerspr&uuml;che. So w&uuml;rden Genossenschaften wie die baskische <em>Mondragon</em>, die laut Elmar Altvater &#8220;au&szlig;erordentlich wettbewerbsf&auml;hig auf dem Weltmarkt operieren&#8221; (Solidarisches Wirtschaften, S. 18, a. a. O. ), Herters &#8220;theoretische &Uuml;berlegungen&#8221; nach ihren eigenen Kriterien falsifizieren. Noch krasser gilt dies f&uuml;r den Fall von Fair Trade &#8211; <em>per se</em> ein Weltmarkt-Akteur. Aber auch Beispiele wie die brasilianische Landlosenbewegung MST widersprechen der Behauptung, Genossenschaften w&uuml;rden sich nicht auf den Weltmarkt hin orientieren &#8211; im Gegenteil. So gei&szlig;eln zwar die F&uuml;hrungsetagen des MST die globale Wirtschaftspolitik, &#8220;die Produktionsgenossenschaften der Bewegung jedoch (versuchen), ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu platzieren&#8221; (I. Salzer, Der MST und sein alternatives Projekt, S. 78, JEP XXI/2, 2005).</p>
<h4>Jugoslawien <em>revisited</em></h4>
<p>Besonders deutlich widerlegt der jugoslawische Selbstverwaltungssozialismus die Konzeption von Herter. Das lassen schon die offiziellen &Auml;u&szlig;erungen der Staatsf&uuml;hrung erkennen. So wurde etwa Ende der 1960er Jahre ein Wirtschaftsprogramm mit dem vielsagenden Namen &#8220;<em>Rentabilnost</em>&#8221; auf den Weg gebracht mit dem Ziel, den Export anzukurbeln (E. Lohoff, Der dritte Weg in den B&uuml;rgerkrieg, 1996, S. 86). Dass die jugoslawische Arbeitskraft ihren Warencharakter verloren hatte, wie die Position von Herter impliziert, k&ouml;nnte allenfalls f&uuml;r das jugoslawische Territorium gelten. Denn seit Mitte der 1960er Jahre gab es eine bedeutende Arbeitsmigration auf die Arbeitsm&auml;rkte des Auslands, was jene Freisetzung von Arbeitskr&auml;ften kompensierte (E. Lohoff, S. 87, a. a. O. ), die es Herter zufolge in einer genossenschaftlich strukturierten Wirtschaft gar nicht geben d&uuml;rfte: &#8220;Selbst wo rationalisiert, modernisiert und fusioniert wird (&#8230; ), werden Arbeitspl&auml;tze erhalten bzw. neue geschaffen&#8221; (G. Herter, S. 24, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006). Dass die jugoslawische Selbstverwaltung nicht bereits in den 1970er Jahren implodierte, ist wohl nicht auf den &#8220;Erfolg&#8221; des Modells als solchem, sondern auf die St&uuml;tzung der wenig bis nicht rentablen selbstverwalteten Betriebe durch Kredite zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Wichtige Stabilit&auml;tsfaktoren waren daneben die bedeutende Subsistenzwirtschaft sowie die Einnahmen aus dem Tourismus. Jugoslawien war Teil des Weltmarkts und f&uuml;r seine selbstverwalteten Betriebe galten Rentabilit&auml;tskriterien. Eine wachsende Produktion von abstraktem Wert war erkl&auml;rtes Ziel der Politik und objektive Vorgabe f&uuml;r die Unternehmen (die Gebrauchswertorientierung blieb dagegen sekund&auml;r, weil geldabh&auml;ngig). Daf&uuml;r waren Investitionen n&ouml;tig, die sich aus dem Profit der selbstverwalteten Betriebe speisten oder mittels Kredit finanziert wurden, das hei&szlig;t mit Anspr&uuml;chen auf zuk&uuml;nftige Profite verbunden waren.</p>
<p>Schon 1950 hatte Tito angek&uuml;ndigt, das staatliche Eigentum an Produktionsmitteln gehe von nun an &#8220;in eine h&ouml;here Form des sozialistischen Eigentums &uuml;ber&#8221; (zit. nach E. Lohoff, S. 69, a. a. O. ). Als ersten Schritt durften die Betriebe ab 1952 einen Teil des erwirtschafteten &#8220;Mehrwerts&#8221; behalten. Aus diesem Fonds mussten sie von nun ab sowohl die L&ouml;hne bestreiten als auch soziale und kulturelle Einrichtungen unterhalten. 1953 schlie&szlig;lich erkl&auml;rte die Regierung die bis dahin kostenlosen Rohstoffe zu kostenpflichtigen G&uuml;tern, d. h. zu Waren, und die zuvor staatseigenen Maschinen zu Betriebsbesitz. Weil die selbstverwalteten Betriebe dazu tendierten, das kurzfristige Einkommen der Besch&auml;ftigten zu erh&ouml;hen anstatt langfristig zu investieren, verwaltete der Staat weiterhin einen erheblichen Teil des &#8220;Mehrwerts&#8221;. Ideologisch hatte in Jugoslawien die kapitalistische Produktionsweise zwar das Zeitliche gesegnet, strukturell waren die Selbstverwaltungsbetriebe jedoch ebenso kapitalistisch wie die nationalstaatlich verfasste Gesellschaft, in der sie existierten.</p>
<h4>Der Markt im Bett </h4>
<p>Wenn wir &uuml;ber Solidarische &Ouml;konomien sprechen, so gilt es also, eine Ideologisierung zu vermeiden. Die Selbstwahrnehmungen dieser Projekte sind dabei ebenso zu hinterfragen wie staatsoffizielle Zuschreibungen. Denn es ist durchaus verf&uuml;hrerisch, durch blo&szlig;e Sprachregelungen neue Strukturen zu behaupten, wenn tats&auml;chliche Ver&auml;nderungen schwierig sind. Und noch verlockender ist es unter Umst&auml;nden, die Verwirklichung von Zielen durch Proklamationen zu ersetzen. Auch mag die Dringlichkeit, eine &#8220;andere Welt&#8221; auf den Weg zu bringen, mitunter dazu verleiten, in die Solidarische &Ouml;konomie zu projizieren, was erst in Ans&auml;tzen vorhanden oder &uuml;berhaupt noch zu entwickeln w&auml;re. Zentral ist dabei die Frage, welche <em>Strukturmerkmale</em> die kapitalistische Produktionsweise auszeichnen. Daraus ergibt sich, was im Gegenzug in einer Solidarischen &Ouml;konomie zumindest partiell zu &uuml;berwinden ist.</p>
<p>Nun ist bereits klar geworden, dass jene &#8220;empirischen Wirtschaften&#8221;, die nach Herter zur Solidarischen &Ouml;konomie geh&ouml;ren, vielfach den Kriterien widersprechen, die Herter selbst daf&uuml;r angibt. Damit aber nicht genug. Weiter noch stellt sich die Frage nach der Art des Zusammenhangs der Genossenschaften bzw. solidar&ouml;konomischen Betriebe. Erst dieser Zusammenhang w&uuml;rde n&auml;mlich sichern, dass &#8220;Wirtschaft&#8221; &#8211; einer Formulierung Polanyis nach, die Herter zitiert &#8211; &#8220;zu einer Einheit wird&#8221;, und k&ouml;nnte erkl&auml;ren, auf welche Weise dies geschieht. Die M&ouml;glichkeit einer staatlichen Planung schlie&szlig;t Herter &#8211; zu Recht &#8211; aus. Aber leistet der Markt tats&auml;chlich, was Herter f&uuml;r die Solidarische &Ouml;konomie in Anspruch nimmt? Einerseits redet sie dem Markt das Wort, andererseits aber meint auch die Autorin, es gehe gerade darum, &#8220;gegen die , unsichtbare Hand des Marktes&#8217; Geschichte (&#8230; ) mit Bewusstsein zu machen, also in welcher Form und in welchem Ausma&szlig; auch immer zu planen&#8221; (S. 23, a. a. O. ). Nun ist es allerdings so, dass der Markt nicht im Widerspruch zur Planung steht, denn Unternehmen planen immer, ob solidarisch oder nicht. Entscheidend ist also gerade das, was Herter f&uuml;r unwesentlich erkl&auml;rt, n&auml;mlich Form und Ausma&szlig; der Planung.</p>
<p>Hier beginnt die eigentliche Problematik. Herter geht, von Polanyi angeregt, davon aus, dass ein intakter oder doch ohne weiteres rekonstruierbarer menschlicher Zusammenhang einen &#8220;entbetteten&#8221; Markt wieder z&auml;hmen und dienstbar machen k&ouml;nne und m&uuml;sse. &Uuml;bersehen wird dabei aber, dass die gegenw&auml;rtige Form von gesellschaftlichem Zusammenhang gerade in der Vermittlung der Individuen &uuml;ber den Markt besteht, ja dass erst die Durchsetzung des Marktes als der allgemeinen, ja einzig allgemeinen Vermittlungsweise und Beziehungsform &#8220;Gesellschaft&#8221; im modernen Sinn geschaffen hat. Eine Gesellschaft mit einer spezifischen, allein gesamtgesellschaftlich g&uuml;ltigen Handlungsform &#8211; Kauf und Verkauf &#8211; sowie einer entsprechenden Handlungsrationalit&auml;t &#8211; Streben nach billigem Kauf, teurem Verkauf und nach monet&auml;rem Gewinn. Folgerichtig wurde auch die neoliberale Zuspitzung der &#8220;Entbettung&#8221; des Marktes von (staatlicher) Politik und (neoliberaler) Zivilgesellschaft durchgesetzt und aktiv unterst&uuml;tzt. Es geht daher nicht &#8220;wieder um die Herstellung einer Priorit&auml;t des Gesellschaftlichen gegen&uuml;ber der kapitalistischen Marktwirtschaft und der sie dominierenden Handlungslogik&#8221;, wie Elmar Altvater dies meint (S. 17, a. a. O. ). Die Institutionen und Normensysteme k&ouml;nnen die grundlegende Logik der &#8220;Marktgesellschaft&#8221;, wie Karl Polanyi sie nennt, nicht nur nicht au&szlig;er Kraft setzen, sondern sind dazu da, das Prokrustesbett der <em>Wertvergesellschaftung </em>zu st&uuml;tzen. Die Funktion der b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Institutionen &#8211; und hier ist allen voran an den Staat zu denken &#8211; besteht gerade darin, die allgemeinen Grundlagen der marktwirtschaftlichen Warenproduktion, also eine spezifische Infrastruktur, Bildung usw. , bereit zu stellen, wobei diese Institutionen &uuml;ber die Steuereinnahmen von einer auf den M&auml;rkten realisierten Kapitalverwertung abh&auml;ngen.</p>
<p>Solange Menschen privat, voneinander scheinbar unabh&auml;ngig, f&uuml;r einen gesellschaftlichen Bedarf produzieren, &auml;u&szlig;ert sich ihr Zusammenhang unwillk&uuml;rlich in einer von ihnen selbst &#8220;entbetteten&#8221; Form, um an Polanyis Wortwahl in einem anderen Sinne anzuschlie&szlig;en, n&auml;mlich in Gestalt ihrer Produkte, die damit zu Waren f&uuml;r M&auml;rkte werden. Die Ware ist das reale Paradox eines Dings, das gesellschaftliche Eigenschaften hat, als handelte es sich um seine nat&uuml;rlichen Merkmale &#8211; das Produkt in Warenform wird zum Tr&auml;ger von <em>abstraktem Wert</em> (dasselbe gilt f&uuml;r Dienstleistungen). W&auml;hrend wir als Marktindividuen prim&auml;r voneinander isoliert sind und nur durch Kauf und Verkauf in Kontakt treten, ist die Welt der Waren und des Geldes immer schon auf denselben Nenner des Werts gebracht, sind die Wertdinge immer schon in eine umfassende, gespenstische &#8220;Beziehung&#8221; zueinander gesetzt. Es ist der Wert, der &#8220;die Wirtschaft zu einer Einheit&#8221; formt, um Polanyis Formulierung aufzugreifen, w&auml;hrend er die Trennung und Konkurrenz der Menschen voneinander fortschreibt und umgekehrt die Menschen, die sich voneinander abtrennen, ihn im gleichen Zug best&auml;ndig fortschreiben.</p>
<p>Der abstrakte, &ouml;konomische Wert ist etwas anderes als der konkrete Nutzen, ist vom Gebrauchswert einer Ware grundverschieden. Der Wert ist die &uuml;berlegene Form des Reichtums: Er erh&auml;lt sich nicht nur, sondern er vermehrt sich in Form des Kapitals; Gebrauchswerte hingegen verschwinden mit dem Konsum. Die Produktion von Gebrauchswerten aber ist abh&auml;ngig von der Wertproduktion. Die Vermehrung des Werts in Gestalt von Geld, das Profit abwirft, steht folglich mit der Produktion f&uuml;r konkrete Bed&uuml;rfnisse vielfach im Widerspruch. Anschaulich beschreiben Wolfgang Neef und Frank Becker in ihrem Beitrag &#8220;Technik gegen den &ouml;konomischen Strich&#8221; (S. 73ff. , a. a. O. ), wie sich diese Widerspr&uuml;che auswirken.</p>
<p>Die Solidarische &Ouml;konomie will sich am Gebrauchswert orientieren und weist die Profitmaximierung &#8211; jedenfalls als Ziel an sich &#8211; zur&uuml;ck. Solange jedoch solidarwirtschaftliche Betriebe <em>Waren</em> produzieren oder verkaufen, ist das nicht selten ein Spagat. Er wird sp&auml;testens dann zur Zerrei&szlig;probe, wenn die Konkurrenz zwischen den solidar&ouml;konomischen Einheiten objektiv erzwingt, was &uuml;bliche kapitalistische Unternehmen auch subjektiv wollen; sei es, weil die institutionellen und sozialen Vorkehrungen gegen den harten Trend des abstrakten Werts, sich &uuml;ber die Gebrauchswertorientierung hinwegzusetzen, versagen (was erfahrungsgem&auml;&szlig; leicht geschieht); sei es, weil das gesamtwirtschaftliche Wachstum nachl&auml;sst oder einbricht.</p>
<p>In einer weitergehenden Perspektive ist deshalb die Frage zweifellos <em>entscheidend</em>, wie sich solidar&ouml;konomische Betriebe vernetzen k&ouml;nnen, wie der <em>gesellschaftliche</em> Stoffwechsel, zumindest einmal innerhalb des &#8220;solidarischen Sektors&#8221;, zu organisieren ist &#8211; ohne den Fehlschlag einer staatlich geplanten Warenproduktion zu wiederholen, aber auch ohne die bekannten Probleme der Marktvermittlung zu reproduzieren.</p>
<p>Es ist sicherlich &#8220;ein Mangel der Debatte &uuml;ber alternative Wirtschaftsgestaltung&#8221;, wie Elmar Altvater in Hinblick auf Michael Albert und Alex Callinicos betont, &#8220;dass in den seltensten F&auml;llen der Versuch gemacht wird, das , Geldr&auml;tsel&#8217; zu l&ouml;sen, ja nicht einmal zu sehen, dass es hier ein R&auml;tsel zu knacken gilt &#8211; wie Marx bereits den &Ouml;konomen seiner Zeit vorgeworfen hat&#8221; (Solidarisches Wirtschaften, S. 15, a. a. O. ). Die L&ouml;sung des &#8220;Geldr&auml;tsels&#8221; kann aber nicht darin m&uuml;nden, &#8220;die Notwendigkeit einer Regulation der (globalen) Finanzm&auml;rkte ins Zentrum der Kampagnen&#8221; (a. a. O. ) zu r&uuml;cken, wie Altvater das offenbar meint. Vielmehr f&uuml;hren die Passagen des Marxschen &#8220;Kapital&#8221;, auf die Altvater explizit verweist, hin zur Kritik des <em>Fetischcharakters der Ware</em>, wie er oben sehr gerafft zu skizzieren war. Die Analyse der Ware ist aber nur der Einstieg, um die kapitalistische Produktionsweise im Ganzen kritisch zu durchleuchten. Denn letztlich haben alle &ouml;konomischen Formen der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft &#8211; als Formen des Werts &#8211; fetischistischen Charakter (Geld, Preis, Lohn, Kapital, Profit, Zins usw. ). Anne-Britt Arps und Raul Zelik ist daher zuzustimmen: &#8220;Das Ende marktf&ouml;rmiger Vergesellschaftung ist Grundlage f&uuml;r jedes sozialistische Projekt. Markt und Geld k&ouml;nnen jedoch nicht einfach abgeschafft werden, sondern m&uuml;ssen durch alternative Formen von Vergesellschaftung ersetzt werden&#8221; (Mit, im und gegen den Staat, S. 124, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006). Dass dies weder mittels Verstaatlichung noch durch einen blo&szlig;en &#8220;Aufbau von unten&#8221; gelingen kann, wie Arps und Zelik vermerken, macht offenbar die besondere Schwierigkeit einer post-kapitalistischen Agenda aus, f&uuml;r deren Umsetzung die Solidarische &Ouml;konomie zu untersuchen und zu entwickeln ist.</p>
<h4>Die Fu&szlig;angeln der Tradition</h4>
<p>Das Projekt einer &#8220;anderen Welt&#8221; erfordert auch eine &#8220;andere Theorie&#8221;. H&auml;ufig werden jedoch einfach die &uuml;berkommenen Vorstellungen der alten Arbeiterbewegung wiederholt, so etwa bei Paul Singer. Seiner Meinung nach ist die &#8220;Trennung zwischen Arbeit und Besitz an Produktionsmitteln&#8221; (s. o. ) das entscheidende Merkmal des Kapitalismus. Tats&auml;chlich finden sich aber Ausbeutungsbeziehungen solcher Art z. B. auch im europ&auml;ischen Feudalismus. Doch kapitalistische Produktionsverh&auml;ltnisse kennzeichnet nicht die Trennung zwischen Nicht-Produzenten, die z. B. Land besitzen, und Produzentinnen, die dieses Land bewirtschaften und von ihrem Produkt nur soviel behalten d&uuml;rfen, wie sie selbst zum (&Uuml;ber)Leben brauchen, sondern f&uuml;r den <em>kapitalistischen</em> Charakter einer Produktionsweise ist vielmehr entscheidend, dass die Arbeitsprodukte in der Regel <em>Warenform</em> haben und der <em>Wert</em> bzw. das <em>Geld</em> eine gesellschaftliche Vermittlung herstellen.</p>
<p>Sobald Arbeiter ihren Betrieb einmal besitzen, meint Singer, sei auch der Profit von gestern. Diese Annahme geht in die Irre. Der Profit mag zwar kein subjektives Motiv einer Genossenschaft sein, die Waren produziert und auf den Kauf von Rohstoffen usw. angewiesen ist. Das &auml;ndert allerdings nichts daran, dass das Kapital dieses Betriebs zumindest erhalten werden muss. Eine solidar&ouml;konomische Genossenschaft, die fortlaufend finanzielle Verluste schreibt, wird nicht &uuml;berleben k&ouml;nnen, weil sie den objektiven kapitalistischen Zw&auml;ngen nicht gen&uuml;gt und den Genossenschafterinnen keinen Gelderwerb erm&ouml;glicht. Realiter wird der Solidarbetrieb &#8211; Warenproduktion vorausgesetzt &#8211; nicht umhin kommen, auch Profit zu machen. Wie anders k&ouml;nnte er sonst Investitionen t&auml;tigen?</p>
<p>Wie auch in einem normalen kapitalistischen Betrieb gr&uuml;nden die daf&uuml;r n&ouml;tigen monet&auml;ren &Uuml;bersch&uuml;sse letztlich in unbezahlter Arbeitszeit. Profit wird nicht zu Lohn, nur weil wir ihn anders nennen, was Paul Singer letztlich vorschl&auml;gt. Genauso wenig &auml;ndert es am Kapital, wenn eins eine Identit&auml;t von Funktionen postuliert, die im kapitalistischen Normalbetrieb auseinanderfallen. Die genossenschaftliche Identit&auml;t von Kapitaleigner und Arbeiterin f&uuml;hrt vielmehr dazu, die Zw&auml;nge beider Funktionen quasi in einer Brust zu vereinigen, beide Rollen abwechselnd oder abw&auml;gend einzunehmen. Eine extreme Variante dieser strukturellen Spaltung ist die Ich-AG. Die Mitarbeiterbeteiligung an Aktiengesellschaften ist ein weiteres Beispiel. Im Fall des jugoslawischen Marktsozialismus f&uuml;hrte die formelle Zusammenfassung von Kapital und Arbeit auf der Ebene des Betriebs dazu, dass sich ihre Trennung auf der Ebene von Staat und Gesellschaft wieder einstellte (E. Lohoff, a. a. O. ). Der Staat &uuml;bernahm anstelle der Betriebsleitung die Funktion des Kapitalisten, die Verwertung sicher zu stellen und damit nicht zuletzt auch die Produktion am Laufen zu halten.</p>
<p>Die Vereinigung von Antagonisten f&uuml;hrt nicht zur Vers&ouml;hnung, sondern erh&ouml;ht im Regelfall vielmehr die Anforderungen der Selbstdisziplinierung. &#8220;Arbeit und Kapital sind miteinander verschmolzen&#8221;, schreibt Singer zwar in Hinblick auf die Solidarunternehmen. Doch f&uuml;hrt die Personalunion von Kapitalist und Arbeiterin offenbar h&auml;ufig dazu, den Lohn zu senken und die unbezahlte Arbeit auszuweiten. Das geht z. B. aus den Ergebnissen einer Untersuchung von Kooperativen in Argentinien hervor (F. Habermann, Aus der Not eine andere Welt, S. 131ff. , 2004). Auch Margot Geiger schreibt: &#8220;In besetzten Betrieben wird meist auch &uuml;ber die Phase der Wiederaufnahme der Produktion hinaus l&auml;nger, f&uuml;r weniger Geld und ohne die sozialstaatlichen Beg&uuml;nstigungen des Normalarbeitsverh&auml;ltnisses gearbeitet&#8221; (Betriebsbesetzungen in Argentinien, S. 98, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006).</p>
<p>Keineswegs ist deshalb aber die Erfahrung kleinzureden, dass mit der Besetzung und der Selbstverwaltung von Betrieben generell ein Gef&uuml;hl der Befreiung einhergeht, endlich ohne Chef arbeiten und Entscheidungen gemeinsam treffen zu k&ouml;nnen. Die mittlerweile zahlreichen Berichte &uuml;ber die Beispiele in Argentinien stimmen darin &uuml;berein. Dies bedeutet allerdings nicht, dass solche Betriebe <em>in terms of</em> Wert- und Warenproduktion dauerhaft funktionst&uuml;chtig sind, sondern es verweist darauf, dass die damit verbundene Art der direkten Kooperation emotional befreiend und sozio-psychisch unterst&uuml;tzend wirkt.</p>
<h4>Strukturen, die es leichter machen</h4>
<p>So sehr ethische Motive den Entwurf einer post-kapitalistischen Agenda auch inspirieren und vorantreiben, so entscheidend ist es doch, gesellschaftliche Strukturen aufzubauen, die jene Handlungsweisen f&ouml;rdern und erleichtern. Die dominanten Handlungsregulative m&uuml;ssen den ethischen Orientierungen also entgegenkommen. Gerade der Diskurs der Solidarit&auml;t birgt ansonsten die Gefahr, zu einer fruchtlosen Moralisierung beizutragen, wonach wir lediglich das Gute wollen m&uuml;ssten, um es in die Welt zu setzen. Der inflation&auml;re Gebrauch des Solidarit&auml;tsbegriffs ist eine Folge dieser Schlagseite. Denn die Rede von der Solidarit&auml;t sagt noch lange nichts &uuml;ber ihren Inhalt aus. Dies illustriert nicht zuletzt die gro&szlig;e Zahl der hiesigen Genossenschaften, die sich auf eine solidarische F&ouml;rderung der Mitglieder beschr&auml;nken, mit dem Ziel, ihre Stellung am Markt zu verbessern, ihre Konkurrenzf&auml;higkeit zu st&auml;rken oder ihren privaten Lebensstandard zu erh&ouml;hen.</p>
<p>Damit das, was f&uuml;r einen Betrieb gut ist, auch den Menschen gut tut, ben&ouml;tigt &#8220;Solidarische &Ouml;konomie&#8221; eine entsprechende gesellschaftliche Ordnung. Geld und Ware erweisen sich daf&uuml;r als hinderlich. Mit dem Geld als Repr&auml;sentanten eines allgemeinen, abstrakten Reichtums n&auml;mlich ist das egoistische Geldinteresse strukturell schon gesetzt. Geld &#8211; und nur Geld &#8211; erlaubt den Zugriff auf den konkreten Reichtum in Gestalt der Waren. Geld verk&ouml;rpert somit Reichtum schlechthin. Es liegt in seiner Eigenschaft als Geld selbst begr&uuml;ndet, in der Eigenschaft, allgemeines Tauschmittel und selbstst&auml;ndige Wertgestalt zu sein, den Reichtum <em>erstens</em> auf einen unterschiedslosen Nenner zu bringen und <em>zweitens</em> den Zugang zu den Gebrauchswerten dadurch absolut zu monopolisieren. In dieser &#8220;Geldnatur&#8221; liegt schon beschlossen, dass es sich gegen&uuml;ber konkreten Handlungszwecken verselbstst&auml;ndigt, dass Geld zu Kapital mutiert, es den Menschen als Feind gegen&uuml;bertritt. Sie und ihre Bed&uuml;rfnisse sind der unerbittlichen Notwendigkeit, Geld haben und Geld einnehmen zu m&uuml;ssen, strikt nachgeordnet.</p>
<p>Eine soziale Bewegung, die gegen diese Verh&auml;ltnisse ohne Illusionen angehen will, sollte sich dar&uuml;ber im Klaren sein, dass der Widerstand gegen die historische <em>Durchsetzung</em> der Waren&ouml;konomie von anderer Qualit&auml;t war als die Anstrengung, die eine solche Bewegung heute selbst unternehmen muss.</p>
<p>Dazu geh&ouml;rt ganz wesentlich, die scheinbar unverr&uuml;ckbare Reichtumsform der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft anzutasten. Denn es hilft letztlich und auf Dauer wenig, nur nach einem anderen Gebrauch von Ware, Geld und Kapital zu verlangen. Auch wenn wir Arbeitskraft, Boden oder Geld mit Karl Polanyi f&uuml;r &#8220;fiktive Waren&#8221; halten wollen, so &auml;ndert dies nichts an deren Warencharakter. Wie Moishe Postone zutreffend bemerkt, bedeutet die Rede von den &#8220;fiktiven Waren&#8221; im Umkehrschluss im Grunde, dass die &uuml;brigen Waren &#8220;nat&uuml;rlich&#8221; seien (S. 231f. , Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 2003). Tats&auml;chlich ist die Ware als besondere, gesellschaftlich bedingte Form des Arbeitsprodukts jedoch in keiner Weise nat&uuml;rlich. Eine &#8220;nat&uuml;rliche Ware&#8221; gibt es nicht. Gesellschaftlich dominant wird die Warenform historisch erst mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise, mit der Produktion f&uuml;r den Verkauf, also der modernen Warenproduktion. Sie muss verschwinden, soll der Kapitalismus &uuml;berwunden werden.</p>
<p>Wie sollte eine Gesellschaftsordnung denn auch beschaffen sein, in der sich &#8220;solidarische Genossenschaften&#8221; zwar &uuml;ber den Markt vermitteln, in der aber weder ein Arbeitsmarkt noch ein Markt f&uuml;r Geld, also ein Kredit- bzw. Kapitalmarkt existieren, wir eine staatliche Wirtschaftsplanung aber ausschlie&szlig;en? Sollen die Produkte nach wie vor Warenform haben, so bleibt auch unklar, wie der Boden seinen Warencharakter verlieren soll. Zustimmend zitiert Gabriele Herter Karl Polanyi, wenn er schreibt: &#8220;M&auml;rkte sind schlicht isolierte Flecken, die mit der Produktion nicht verbunden sind. Niemals vor dem 19. Jahrhundert wurden sie innerhalb der Gesellschaft bestimmend&#8221; (zit. nach Herter, S. 23f. , in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006). Soll diese Form des isolierten, vor- und fr&uuml;hmodernen Marktes als Bezugspunkt einer Solidarischen &Ouml;konomie dienen, so w&auml;re allerdings noch zu skizzieren, wie die Produktion auf einer h&ouml;heren gesellschaftlichen Ebene zu regulieren ist, als sie jene isolierten Lokalwirtschaften der Feudalepoche darstellten, die auf lokalen und regionalen M&auml;rkten zusammentrafen, um ihre gelegentlichen &Uuml;bersch&uuml;sse zu verkaufen.</p>
<h4>Ausblicke</h4>
<p>Die Beitr&auml;ge zur &#8220;Solidarischen &Ouml;konomie&#8221; kommen insgesamt zu einem ausgewogenen Urteil. Weder werden die Potenziale jener Projekte und Ans&auml;tze, die der Diskurs der Solidarischen &Ouml;konomie versammelt, untersch&auml;tzt, noch deren absehbare Grenzen und immanente Herausforderungen kleingeredet. Die theoretische Debatte wird sich weiter befassen m&uuml;ssen: mit dem Verh&auml;ltnis der Solidarischen &Ouml;konomie zum Staat, dem Verh&auml;ltnis von Ethik, Handlungsrationalit&auml;t, Organisations- und Gesellschaftsstruktur, der Einsch&auml;tzung historischer Erfahrungen mit Selbstverwaltung und Genossenschaften und zu guter Letzt mit der allgemeinen Zielrichtung, in der das Projekt Solidarische &Ouml;konomie sich entwickeln soll. Ist Solidar&ouml;konomie blo&szlig; ein &#8220;Kind der Not&#8221;, das ephemere Komplement einer Krisenphase? Ist sie ein Beispiel daf&uuml;r, wie unter kapitalistischen Bedingungen eine &#8220;andere Wirtschaft&#8221; m&ouml;glich ist? Oder ist Solidarische &Ouml;konomie der erste Schritt auf dem Weg in eine &#8220;andere Welt&#8221;, in der die Fixierung auf Geldbeziehungen und Warenproduktion zur Disposition zu stellen w&auml;re?</p>
<p>Die fortgesetzte Suche nach Antworten muss dabei mit strategischen &Uuml;berlegungen einher gehen. So pl&auml;dieren Irmtraud Schlosser und Bodo Zeuner nach brasilianischem Beispiel f&uuml;r eine engere Kooperation zwischen Solidar&ouml;konomie und Gewerkschaft. Zu Recht verweisen sie auf die Gefahr, dass selbstverwaltete Betriebe andernfalls &#8220;reformistische Errungenschaften der sozialen Mindestsicherung&#8221; (Gewerkschaften, Genossenschaften und Solidarische &Ouml;konomie, S. 32, in: Solidarische &Ouml;konomie, 2006) untergraben k&ouml;nnten. In der Tat m&uuml;ssen sich Projekte der Solidarischen &Ouml;konomie klar gegen einen &#8220;Neoliberalismus von unten&#8221; abgrenzen. Dies kann letztlich nur anhand ihrer gesellschaftlichen Zielsetzung und ihres sozialen Kontextes erfolgen. Gewerkschaften k&ouml;nnten dar&uuml;ber hinaus wichtige Vernetzungsfunktionen &uuml;bernehmen, was Clarita M&uuml;ller-Plantenberg in ihrem Beitrag zur &#8220;Solidarische(n) &Ouml;konomie in Brasilien&#8221; (S. 112ff. , a. a. O. ) beschreibt. Es w&auml;re zu diskutieren, ob eine solche Vernetzungsstruktur auch den Rahmen daf&uuml;r abgeben k&ouml;nnte, den &#8220;solidarischen Sektor&#8221; zumindest partiell von den Kapitalbewegungen und Geldbeziehungen der Waren&ouml;konomie abzukoppeln. Wolfgang Nitsch schlie&szlig;lich h&auml;lt unter anderem eine auf die Solidar&ouml;konomie bezogene, &#8220;aber unabh&auml;ngige kritisch-solidarische Theorie-, Forschungs- und Bildungsarbeit&#8221;, die in &#8220;selber solidarisch-&ouml;konomisch zu organisierenden&#8221; Zentren stattfinden solle, f&uuml;r notwendig (Das transformatorische Potenzial der Solidarischen &Ouml;konomie, S. 161f. , a. a. O. ). Auch daf&uuml;r k&ouml;nnte Brasilien als Beispiel dienen.</p>
<p>Willi Eberle und Hans Sch&auml;ppi nennen zwei Voraussetzungen f&uuml;r &#8220;eine radikale Linke, welche den Bruch mit dem Kapitalismus anstrebt&#8221; (&Uuml;ber den Keynesianismus hinaus, S. 165, Widerspruch Nr. 50, 2006). Eine solche w&auml;re heute <em>erstens</em> &#8220;nur glaubw&uuml;rdig, wenn sie (&#8230; ) bereit ist, die sozialistischen Experimente der Vergangenheit schonungslos zu kritisieren&#8221;. Dar&uuml;ber hinaus aber m&uuml;sse sie <em>zweitens</em> &#8220;die Entwicklung von konkreten Alternativen, konkreten Utopien zum real existierenden Kapitalismus&#8221; vorantreiben. Denn ohne solche Alternativen k&ouml;nne &#8220;niemand von der Notwendigkeit eines Bruchs &uuml;berzeugt werden&#8221;. Das Projekt einer Solidarischen &Ouml;konomie sollte sich auf diese Notwendigkeit hin orientieren.</p>
<hr /><a href="http://www.vsa-verlag.de/vsa/"> Elmar Alvater / Nicola Sekler (Hrsg. ), Solidarische &Ouml;konomie. Reader des wissenschaftlichen Beirats von attac. VSA-Verlag 2006, Hamburg</a></p>
<p><a href="http://www.widerspruch.ch">Widerspruch. Beitr&auml;ge zu sozialistischer Politik Nr. 50: &#8220;Alternativen! &#8220;</a></p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/reform-oder-raiffeisen-fragen-zur-solidarischen-oekonomie">Reform oder Raiffeisen? Fragen zur Solidarischen &#214;konomie</a></p>
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		<title>&#196;thiopische Decken</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:44:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 38/2006 2000 Zeichen abw&#228;rts von Franz Schandl Da ersteht man im Juni 1992 zwei Decken in Addis Abeba und dann das: strapazf&#228;hig, ansch&#252;ttbar, kinderfest, sonnenresistent. Auch nach 14 Jahren G&#228;nseh&#228;ufel halten deren Maschen dicht, will deren Benutzbarkeit nicht enden. Nat&#252;rlich, auch diese Decken sind nicht mehr wert als der Lebensunterhalt f&#252;r die, die sie [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/aethiopische-decken">&#196;thiopische Decken</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Franz Schandl</em> <span id="more-994"></span></p>
<p>Da ersteht man im Juni 1992 zwei Decken in Addis Abeba und dann das: strapazf&auml;hig, ansch&uuml;ttbar, kinderfest, sonnenresistent. Auch nach 14 Jahren G&auml;nseh&auml;ufel halten deren Maschen dicht, will deren Benutzbarkeit nicht enden. Nat&uuml;rlich, auch diese Decken sind nicht mehr wert als der Lebensunterhalt f&uuml;r die, die sie hergestellten haben. Werden sie jedoch ihren unmittelbaren Verh&auml;ltnissen entrissen und hier in Einsatz gebracht, erweisen sie mir nicht nur einen au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Nutzen, sondern auch einen &ouml;konomischen SurplusWeiterer Deckenkauf wurde damit &uuml;berfl&uuml;ssig. Bezogen auf den in Mitteleuropa herrschenden Wert durchschnittlicher Decken, bin ich ein sp&auml;tkolonialistischer Kriegsgewinnler. Es ist sinnlich greifbar. Die Stoffe gleichen fast einem Geschenk mir unbekannter Menschen an mich, sind eine Freude, an der die fernen Produzenten freilich nicht einmal dem ortsversetzten Wert entsprechend partizipieren k&ouml;nnen. Die Decken sind Entwicklungshilfe. Nicht angewandte, sondern gewendete.</p>
<p>Die technischen M&ouml;glichkeiten sind hierzulande nicht schlechter als in &Auml;thiopien, indes, produziert wird nicht nach Anspr&uuml;chen der Qualit&auml;t, sondern nach den Kriterien m&ouml;glichst effektiver Verwertbarkeit. Fazit: Decken haben nicht so lange zu halten wie die, an die ich zuf&auml;llig geraten bin. Auch wenn sie die besten sein sollten, sind sie nach den Prinzipien des Weltmarkts einfach verwerflich. Solche Decken w&uuml;rden die Wirtschaft ruinieren, gerade weil ihr hoher Gebrauchswert den Tauschwert ad absurdum f&uuml;hrt. Daher werden sie auch nicht zugelassen.</p>
<p>Best&uuml;nde ein Interesse an &auml;thiopischen Decken, h&auml;tte man ihren Standard schon auf den markt&uuml;blichen abgesenkt. Sie w&auml;ren also nicht mehr jene, von denen ich zehre. Qualit&auml;t ist eine Gegnerin des Markts, daher frisst der Markt die Qualit&auml;t oder besser: Er l&auml;sst sie nur als besondere Sparte, als teuren Luxus zu. Denn dann ist es wieder ein Gesch&auml;ft. Und um nichts anderes geht es.</p>
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		<title>Krieg der Engel</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:42:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>
		<category><![CDATA[Wendler; Christoph]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 38/2006 2000 Zeichen abw&#228;rts von Christoph Wendler Der gr&#246;&#223;te R&#252;stungskonzern Europas (BAE Systems) lie&#223; vor kurzem mit dem Postulat aufhorchen, er plane auf lange Sicht alle gef&#228;hrlichen Komponenten, &#8220;die der Umwelt schaden und ein Risiko f&#252;r den Menschen sind&#8221;, aus seiner Produktpalette zu entfernen. Eine an Zynismus schier un&#252;bertreffbare Aussage! Dass im Kapitalismus der [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/krieg-der-engel">Krieg der Engel</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Christoph Wendler</em> <span id="more-993"></span></p>
<p>Der gr&ouml;&szlig;te R&uuml;stungskonzern Europas (BAE Systems) lie&szlig; vor kurzem mit dem Postulat aufhorchen, er plane auf lange Sicht alle gef&auml;hrlichen Komponenten, &#8220;die der Umwelt schaden und ein Risiko f&uuml;r den Menschen sind&#8221;, aus seiner Produktpalette zu entfernen. Eine an Zynismus schier un&uuml;bertreffbare Aussage! Dass im Kapitalismus der Krieg eine &#8220;blo&szlig;e Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln&#8221; ist, gilt im Grunde zwar sp&auml;testens seit dem Milit&auml;rtheoretiker Carl von Clausewitz als Allgemeinplatz, der &Ouml;ko-Faible hingegen &#8211; der gr&uuml;ne Daumen am Abzug &#8211; ist ein ganz neuer AspektWas mit dieser Pseudo-Ethik wirklich beabsichtigt wird au&szlig;er neuartige Promotion oder Absatzsteigerungen, sei dahingestellt; die Gesundheit der Menschen ist es mit Sicherheit nicht&#8230;</p>
<p>In einer Gesellschaft, in der Konkurrenz und ihre Ausgeburten Gewalt und Krieg als unverr&uuml;ckbare anthropologische Konstanten gelten, ist es nur konsequent, im Namen der Humanit&auml;t die Effizienz des T&ouml;tens zu steigern und die unerw&uuml;nschten externen Kosten, die so genannten Kollateralsch&auml;den, m&ouml;glichst zu minimieren, anstatt dem Wahnsinn endlich und endg&uuml;ltig Einhalt zu gebieten. Das todbringende Business as usual erhofft sich im Hinblick auf zuk&uuml;nftige Konflikt-Potenziale, welche in Zeiten des Krisenkapitalismus en masse vorhanden sind, eine erh&ouml;hte Todesrate und damit steigende Profite. Doch nicht nur die R&uuml;stungskonzerne selbst, sondern auch andere nicht-/staatliche AkteurInnen d&uuml;rften an der Entwicklung umweltvertr&auml;glicher Kampfsysteme interessiert sein, denn je &ouml;kologischer der Krieg, desto unproblematischer und rentabler der anschlie&szlig;ende Wiederaufbau. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass bspw. die britische Regierung diese Idee bereits wohlwollend aufgenommen hat. Eine Kooperation k&ouml;nnte dann im Sinne einer Public Private Partnership erfolgen; mit Folgen: Die Weltordnungskriege der Zukunft d&uuml;rften mit Umwelt-Zeichen wie &#8220;Blauer Engel&#8221; die Menschheit ins Jenseits bef&ouml;rdern!</p>
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		<title>Make Copyright History!</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Copyleft / Freie Software]]></category>
		<category><![CDATA[Immaterial World]]></category>
		<category><![CDATA[Meretz; Stefan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 38/2006 KOLUMNE Immaterial World von Stefan Meretz Die globale Bewegung zur Befreiung digitaler G&#252;ter weitet sich aus. Was mit der Befreiung der Software begann, ist inzwischen zu einer Freien Kulturbewegung geworden. Das gro&#223;e &#8220;F&#8221; im Adjektiv &#8220;Frei&#8221; verweist auf die &#8220;vier Freiheiten&#8221; der Freien Software, die f&#252;r den Bereich digitaler Kulturg&#252;ter adaptiert wurden: die [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/make-copyright-history">Make Copyright History!</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&#252;ge 38/2006</p>
<p><em>KOLUMNE <a href="http://www.streifzuege.org/navi/immaterial-world">Immaterial World</a></em></p>
<p><em>von Stefan Meretz</em> <span id="more-437"></span></p>
<p>Die globale Bewegung zur Befreiung digitaler G&#252;ter weitet sich aus. Was mit der Befreiung der Software begann, ist inzwischen zu einer Freien Kulturbewegung geworden. Das gro&#223;e &#8220;F&#8221; im Adjektiv &#8220;Frei&#8221; verweist auf die &#8220;vier Freiheiten&#8221; der Freien Software, die f&#252;r den Bereich digitaler Kulturg&#252;ter adaptiert wurden: die freie Nutzung zu jedem Zweck, der freie Zugang zu den Quellen, die freie Kopie und Weitergabe, die M&#246;glichkeit zum Remix und freier Remix-Verbreitung.</p>
<p>Der Begriff &#8220;Remix&#8221; verweist auf den genuin gesellschaftlichen Charakter von Kulturprodukten sowie allgemein aller Produkte. Remix bedeutet, verf&#252;gbares und kumuliertes Menschheitswissen zu nutzen, um daraus neue Produkte zu kreieren. Diese ontische Eigenschaft gesellschaftlicher Produkte steht der Warenform entgegen. Eine Ware muss knapp, das in Herstellung und Produkt vergegenst&#228;ndlichte Wissen muss exklusiv sein.</p>
<p>Im &#8220;analogen Zeitalter&#8221; ist die Exklusivit&#228;t durch die Verkn&#252;pfung von Material und Wissen gleichsam automatisch, eben &#8220;material&#8221; gegeben. Patente und Urheberrechte sorgen zus&#228;tzlich f&#252;r die exklusive Verwertbarkeit der an sich unstofflichen &#8220;Ideen&#8221;. Zwischen &#246;ffentlichem Nutzen und privater Verwertung gibt es eine tradierte &#8220;Balance&#8221;, denn eine schrankenlose Verwertung w&#252;rde jeden gesellschaftlichen Zusammenhang zerst&#246;ren. Diese viel beschworene &#8220;Balance&#8221;, die im Kern den b&#252;rgerlichen Sozialstaat ausmacht, zerf&#228;llt im digitalen Zeitalter. Zwei Prozesse sind hierf&#252;r urs&#228;chlich verantwortlich.</p>
<p>Zum einen ist die kapitalistische Verwertung in eine Krise geraten. Es ist keine Basisinnovation in Sicht, die eine neue &#8220;lange Welle&#8221; der Vernutzung von Arbeitskraft und Mehrung der Wertsubstanz bedeuten k&#246;nnte. Jede Produktivit&#228;tssteigerung zersetzt die Basis, auf der der Verwertungsprozess beruht. Ganz unliberal versucht das Kapital den Staat zum Instrument seiner W&#252;nsche nach Sanktionierung der freien Kopierbarkeit zu machen &#8211; klebt doch im digitalen Zeitalter das Wissen nicht mehr am Produkt, sondern kann von einem zum anderen stofflichen Tr&#228;ger wandern. Denn auch das Kapital ist f&#252;r eine sichere Rente &#8211; f&#252;r seine Informationsrente.</p>
<p>Auf der anderen Seite ist es die digitale Form, die genau jene freie Kreativit&#228;t erm&#246;glicht, die das Kapital exklusiv verwerten will. Jede und jeder kann produzieren, kann Vorhandenes nehmen und daraus etwas Neues erzeugen &#8211; eben remixen. Lawrence Lessig, Jurist an der Stanford-Universit&#228;t (USA) hat daf&#252;r ein sch&#246;nes Bild gefunden: Es geht um den &#220;bergang von einer &#8220;read-only&#8221; (RO) zu einer &#8220;read-write&#8221; (RW) Gesellschaft.</p>
<p>Das Kapital braucht das Copyright, um seine Vision einer RO-Gesellschaft durchsetzen. Passive Couch-Potatoes sollen konsumieren, was ihnen vorgesetzt wird &#8211; und daf&#252;r bezahlen. Auf der anderen Seite stehen Myriaden kreativer Menschen, die &#8220;ihr Ding&#8221; machen. Dabei geht es l&#228;ngst nicht mehr nur um Hacker, die sich &#8220;in Software&#8221; austoben, sondern um eine breite Kulturproduktion. F&#252;r diese RW-Gesellschaft hat Lessig die Creative-Commons (CC)-Lizenzen entwickelt. &#196;hnlich den freien Softwarelizenzen geben sie den KulturproduzentInnen die M&#246;glichkeit, ihre Produkte der Welt zur Verf&#252;gung zu stellen. Der Erfolg ist durchschlagend, inzwischen verweisen 140 Millionen Links auf die Website creativecommons. org und die CC-Lizenzen.</p>
<p>CC ist ein Einstieg in den Ausstieg propriet&#228;rer Kulturproduktion. Rund um CC sind v&#246;llig neue Formen der Subsistenz entstanden. So wird in den Favelas Brasiliens t&#228;glich Musik produziert, die auf CDs gebrannt nur &#252;ber den Stra&#223;enhandel vertrieben werden. Sch&#228;tzungen gehen von 1000 Releases pro Jahr aus, w&#228;hrend es BMG/Sony gerade einmal auf 15 Neuerscheinungen brasilianischer Interpreten bringt &#8211; erh&#228;ltlich nur in &#8220;normalen&#8221; Gesch&#228;ften. Die brasilianische Regierung unterst&#252;tzt den Entkopplungsprozess durch den Aufbau lokaler Kulturzentren (&#8220;Pontos de Cultura&#8221;). Dahinter steht eine ambivalente, aber durchaus realistische Einsch&#228;tzung: &#8220;Jobs and employment are things of the 20th century. The future has nothing to do with employment&#8221; &#8211; so Claudio Prado, Leiter der Abteilung f&#252;r Digitale Kultur im brasilianischen Kulturministerium auf der Berliner Konferenz &#8220;Wizards of OS&#8221; im September 2006. Krisenerscheinung und neue Formen lokaler Subsistenz und Autonomie jenseits &#8220;normaler Lohnarbeit&#8221; liegen eng beieinander.</p>
<p>Selbstredend wird auch diese &#8220;Produktivit&#228;t von unten&#8221; wiederum privat angeeignet und gewinnbringend zu Markte getragen. Ein Beispiel ist &#8220;Web 2.0&#8243;: Vordergr&#252;ndig als neue Qualit&#228;t interaktiver Anwendungen im Internet diskutiert, stehen hierf&#252;r im Kern jedoch neue &#8220;Gesch&#228;ftsmodelle&#8221;, die darauf basieren, dass die User den Content, den sie nutzen wollen, selbst zusammentragen. L&#228;uft der Laden erfolgreich, wird f&#252;r ein paar Milliarden Dollar an Google verkauft &#8211; wie j&#252;ngst beim Videoportal &#8220;YouTube&#8221; geschehen.</p>
<p>&#214;konomisch besteht dieser widerspruchsvoll ablaufende Prozess in einer gigantischen Entwertung, dem sich langfristig auch die gro&#223;en Content-Konzerne von Microsoft bis BMG/Sony nicht entziehen k&#246;nnen. Diese Entwertung macht Platz f&#252;r neue Formen der Peer-to-Peer (P2P)-Kooperation &#8211; noch im Geldmodus oder schon jenseits davon. Freie Software war nur der Anfang, die Freie Kulturbewegung ist neu auf der B&#252;hne. Interessanterweise fallen die verschiedenen Formen der P2P-Kooperation dort auf fruchtbaren Boden, wo die Verwertungslogik bereits &#8220;ganze Arbeit&#8221; geleistet hat und &#8220;normaler Kapitalismus&#8221; l&#228;ngst nicht mehr funktioniert &#8211; w&#228;hrend sich die Linke hierzulande an eben jene retrograde &#8220;Normalit&#228;t&#8221; klammert.</p>
<p>Der globale Entwertungsprozess ist nicht aufzuhalten, sondern er ist zu beschleunigen. Eine zentrale, im traditionellen Sinne politische, aber keineswegs antikapitalistische Forderung ist die nach der Abschaffung des Urheberrechts: &#8220;Make Copyright History&#8221;. Sie ist dennoch &#8220;unerh&#246;rt&#8221;, denn sie erzwingt eine Bewegung im Kopf und im Tun, weil sie den realen Entwertungsprozess offen legt und Alternativen herausfordert: Wie wollen wir leben? Welche Kulturg&#252;ter wollen wir produzieren und genie&#223;en? Wie wird es mit der stofflichen Produktion laufen? Welche Formen der Kooperation kann es geben? Wie k&#246;nnen wir uns allt&#228;glich selbst organisieren? Fragen, die gestellt und besprochen werden m&#252;ssen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/make-copyright-history">Make Copyright History!</a></p>
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		<title>Kommunikation und Konsum</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2006/kommunikation-und-konsum</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:38:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Enderwitz; Ulrich]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-38]]></category>

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		<description><![CDATA[Sph&#228;re und Zeichen<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/kommunikation-und-konsum">Kommunikation und Konsum</a></p>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 38/2006</p>
<p><em>von Ulrich Enderwitz</em> <span id="more-433"></span></p>
<p><em>Kommunikation</em> kommt aus dem Lateinischen, ist die substantivierte Form des Verbs <em>communicare</em>, das sich von dem Wort <em>communis</em>, <em>gemeinsam</em>, ableitet, das wiederum auf das Verb <em>munire</em>, <em>Mauern </em>oder<em> Schanzwerke errichten</em>, verweist, so dass es sich w&ouml;rtlich mit <em>gemeinsame Mauern habend</em> wiedergeben lie&szlig;e. Unser Wort <em>Kommune</em> h&auml;lt diesen urspr&uuml;nglichen Sinn nach wie vor ziemlich genau fest. <em>Communicare</em> hat im Lateinischen einen Bedeutungsumfang, der von <em>gemeinsam</em> <em>machen</em> &uuml;ber <em>geben</em> und <em>teilnehmen lassen</em> bis zu <em>besprechen</em> und <em>sich beraten</em> reicht.</p>
<p>Vor seiner modernen Wiederaufnahme und inflation&auml;ren Verwendung &uuml;berlebt in der europ&auml;ischen Neuzeit der Begriff eigentlich nur in einer milit&auml;risch spezialisierten Bedeutung: Da bezeichnet er die &Uuml;bermittlung von Informationen unter den erschwerten Bedingungen teils ihrer Geheimhaltung vor dem milit&auml;rischen Gegner, teils ihrer Absicherung gegen St&ouml;rungen und Vereitelungen durch den milit&auml;rischen Gegner.</p>
<p>Der inflation&auml;re neue Gebrauch, der gegenw&auml;rtig von dem Begriff gemacht wird, scheint mit dieser milit&auml;rischen Spezialbedeutung nichts zu tun zu haben. Schon deshalb nicht, weil bei dieser neuen Kommunikation die &Uuml;bermittlung von Informationen gar keine oder h&ouml;chstens eine nur sekund&auml;re Rolle spielt. Wer heute Kommunikation sagt, der denkt nicht prim&auml;r an objektive Vorg&auml;nge, an Austausch von Informationen, s&auml;chliche Mitteilungen, Verst&auml;ndigung &uuml;ber etwas, sondern an subjektive Befindlichkeiten, pers&ouml;nlichen Kontakt, Verst&auml;ndigung als gegenstandsloses &#8220;Einanderverstehen&#8221;, Gespr&auml;chsklima, Austausch sans phrase. Kommunikation ist ein Sprechen, bei dem nicht sowohl der Inhalt und Gegenstand der Mitteilung als vielmehr der Mitteilungsakt selbst und als solcher im Mittelpunkt steht.</p>
<p>Nicht zuf&auml;llig z&auml;hlen die christlichen Gemeinschaften, die Fachleute f&uuml;r irdisches klimatisiertes Miteinander (denn auf diese sozialtechnische Aufgabe ist das Christentum mittlerweile reduziert, sieht man einmal von den wohlfahrtsstaatlichen Funktionen ab, die die Kirchen mit Hilfe der ihnen zugewiesenen Steuermittel au&szlig;erdem noch wahrnehmen), zu den eifrigsten Propagatoren solcher modernen Kommunikation.</p>
<p>Ist Gegenstands- beziehungsweise Intentionslosigkeit oder jedenfalls die relative Unerheblichkeit dessen, wor&uuml;ber man sich austauscht, das eine hervorstechende Merkmal der Kommunikation, so deutet die obige Wendung vom Austausch sans phrase zugleich schon ihr zweites auszeichnendes Charakteristikum an: Kommunikation ist anders als die traditionelle Verst&auml;ndigung kein explizit oder gar ausschlie&szlig;lich sprachliches Verhalten. Seitdem der Begriff mit den nachexistenzialistisch-strukturalistischen Theoriebildungen in den sechziger und siebziger Jahren richtig in Mode gekommen ist, haben die diversen Vertreter dieser Theorien &#8211; ein L&eacute;vi-Strauss, Leach, Habermas, Lorenzer und wie sie alle hei&szlig;en m&ouml;gen &#8211; gr&ouml;&szlig;ten Wert darauf gelegt, ihn &uuml;ber die Sprache im eigentlichen Sinne hinaus auf alle m&ouml;glichen anderen menschlichen Hervorbringungen und kulturellen Erscheinungen auszudehnen und ihm neben dem Bereich der Sprache auch andere menschliche Objektbereiche als Bet&auml;tigungsfeld und Entfaltungsraum nachzuweisen. So kann sich die Kommunikation ebenso gut wie im Felde der Lautzeichen auch in der Sph&auml;re anderer materieller Ph&auml;nomene und Objekte entfalten, etwa im Medium von Gesten und Geb&auml;rden, von mythologischen Motiven und Symbolen, von Kult- und Gebrauchsgegenst&auml;nden, von Modeartikeln und Kleidungsst&uuml;cken, von Lebensmitteln und K&uuml;chenrezepten, von M&ouml;belstilen und Autotypen und wei&szlig; der Himmel von was sonst noch.</p>
<p>Intentionslosigkeit und Unsprachlichkeit oder, halbwegs paradox ausgedr&uuml;ckt, Gegenstandslosigkeit und Gegenst&auml;ndlichkeit &#8211; das sind die beiden entscheidenden Merkmale der modernen Kommunikation. Das erstere m&ouml;chte ich als das ideologische Moment am Kommunikationsbegriff bezeichnen, das ich in fr&uuml;heren Auseinandersetzungen mit dem Strukturalismus ideologiekritisch herauszuarbeiten versucht habe (<em>Schamanismus und Psychoanalyse </em>- <em>Zum Problem mythologischer Rationalit&auml;t in der strukturalen Anthropologie von Claude L&eacute;vi-Strauss</em>, Wiesbaden 1977; <em>Totale Reklame </em>- <em>Von der Marktgesellschaft zur Kommunikationsgemeinschaft</em>, Freiburg 1986; www.reichtum-und-religion.de). Ideologisch ist dabei der mit der Intentionslosigkeit synonyme bedingungslose Systemanspruch. Ph&auml;nomene interessieren ausschlie&szlig;lich im Blick auf ihren bestehenden und als solcher zu reaffirmierenden beziehungsweise zu erhaltenden immanent-funktionellen Zusammenhang, eben ihre Kontinuit&auml;t als funktionierendes System; eine transzendent-intentionale Betrachtung, die Realisierung des Ph&auml;nomenganzen als eines in Entwicklung begriffenen, prozessualen Organismus soll ausgeschlossen bleiben. Die Struktur, das intentionslos gesetzte System, ist das bannkr&auml;ftige oder jedenfalls abwehrzauberische Veto gegen Ver&auml;nderung und Geschichte &#8211; und zwar unter gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Ver&auml;nderung nur die Katastrophe verspricht und der historische Fortgang nur in den revolution&auml;ren Zusammenbruch beziehungsweise in den diesen aufzuhalten gedachten faschistischen Terror zu f&uuml;hren droht.</p>
<p>Das zweite Moment, die Unsprachlichkeit der Kommunikation, scheint mir dagegen eher empiriologisch als ideologisch relevant und verlangt deshalb auch weniger eine ideologiekritische Behandlung als eine erfahrungstheoretische W&uuml;rdigung. Die Unsprachlichkeit als Konsequenz der Ausdehnung von Sprache im eigentlichen Sinn auf alle m&ouml;glichen Ensembles nichtsprachlicher Ph&auml;nomene, Objekte und Verhaltensweisen ist meines Erachtens Reflex einer ebenso virulenten wie aktuellen Erfahrung &#8211; der Erfahrung, die wir als moderne Konsumenten machen. Dank der ungeheuren Produktivit&auml;tsentwicklung, die in den letzten zweihundertf&uuml;nfzig Jahren unsere Gesellschaften genommen haben, und dank des kapitalistischen Produktionsverh&auml;ltnisses, unter dessen Auspizien sich diese Produktivit&auml;t entfaltet, finden wir uns in zunehmendem Ma&szlig;e einem von Menschenhand beziehungsweise menschlicher Apparatur geschaffenen Milieu konfrontiert oder vielmehr von diesem Milieu umgeben, das uns in der Unmittelbarkeit einer zweiten Natur entgegentritt und dem gegen&uuml;ber wir uns haargenau so verhalten, wie es der Strukturalismus im Blick auf die als Kommunikationsmaterie von ihm reklamierten Objektklassen und Systeme von Ph&auml;nomenen beschreibt: Wir bewegen uns in einer industriell gefertigten, hoch differenzierten G&uuml;terwelt, die dazu da ist, unsere entsprechend diversifizierten Bed&uuml;rfnisse zu befriedigen und der wir zu diesem Ende weniger aktiv produzierend als passiv rezipierend begegnen &#8211; als wahrnehmende, identifizierende, kontrastierende, vergleichende, ausw&auml;hlende, entscheidende Konsumenten.</p>
<p>Und nicht nur pr&auml;gt diese konsumtive G&uuml;terwelt, diese zweite Natur, wegen ihrer expansiven Allgegenwart immer st&auml;rker unser erscheinungsweltliches Bewusstsein, unsere Erfahrung von Wirklichkeit &uuml;berhaupt und l&auml;sst die erste, nat&uuml;rlich gewachsene Natur immer mehr zum Korollar oder Sonderfall der zweiten, industriell gefertigten Natur herabsinken &#8211; weil wegen der fortschreitenden Technisierung und Automatisierung der Produktionsprozesse die aktiv-produzierende Auseinandersetzung mit Wirklichkeit gegen&uuml;ber jenem konsumtiv-rezipierenden Umgang mit ihr zugleich immer mehr an Umfang und Gewicht verliert, finden wir uns auch lebenszeitlich-biographisch immer st&auml;rker durch die Konsumsph&auml;re okkupiert und wird sie zum nicht weniger chronisch verbindlichen als topisch ma&szlig;gebenden Lebensraum und Erfahrungsort f&uuml;r uns. Einen Gro&szlig;teil unseres Lebens halten wir uns in ihr auf und pflegen eben den dispositionell-warenkundlichen Umgang mit ihr, den uns der Strukturalismus dann als im Zentrum seiner Kommunikationstheorie stehende intellektuell-systembildnerische Objektbeziehung pr&auml;sentiert, um nicht zu sagen verkauft. So archaisch und exotisch verfremdet und so sehr auf Basis dieser Archaik aller historischen Identifizierung in schiere Anthropologie entr&uuml;ckt ein L&eacute;vi-Strauss (<em>Strukturale Anthropologie</em>, Frankfurt am Main 1967) seine Kommunikationsmodelle auch erscheinen lassen mag, ohne die moderne Konsumsph&auml;re und die von ihr gepr&auml;gte Wirklichkeitserfahrung fielen ihm diese Modelle im Traum nicht ein.</p>
<h4>Sph&auml;re und Zeichen</h4>
<p>Aber warum, wenn das so ist und der Strukturalismus moderne Konsumerfahrungen theoretisiert, warum spricht er dann nicht von Konsum, sondern nennt das Ding Kommunikation? Nun, ein reines Missverst&auml;ndnis, eine v&ouml;llig abwegige Verwechselung stellt, wenn man die Sache recht besieht, dieses Quidproquo, das der Strukturalismus begeht, wohl nicht dar. Schlie&szlig;lich ist die Konsumsph&auml;re, insofern sie als Endstation und Schlussetappe des Zirkulationsprozesses wie die Zirkulation selbst marktf&ouml;rmig organisiert und dank gro&szlig;er Industrie und umfassendem Handel zunehmend vereinheitlicht und zentralisiert ist, ein gigantischer &ouml;ffentlicher Raum und als solcher nolens volens ein Versammlungsort, eine Begegnungsst&auml;tte, die in den gro&szlig;en Warenh&auml;usern und Superm&auml;rkten unserer Zeit ihr passendes Symbol findet. Indem ich in die Konsumsph&auml;re eintrete und mich gem&auml;&szlig; meinen Bed&uuml;rfnissen und Interessen auf ihre &#8220;ungeheure Warensammlung&#8221; beziehe, beziehe ich mich durch sie nolens volens auf meine Mitmenschen, trete ich, ob ich will oder nicht, ins Verh&auml;ltnis zu den vielen anderen, die sich zusammen mit mir in der Konsumsph&auml;re aufhalten und bewegen. Durch die Objektivit&auml;t der Warensammlung sozialisiere ich mich; ich orte mich in einem sozialen Beziehungsgeflecht, ich erkenne andere und werde von ihnen erkannt, verst&auml;ndige mich mit ihnen und werde von ihnen verstanden. Durch die Objekte der Konsumsph&auml;re, die insofern in der Tat Zeichencharakter beweisen, identifiziere ich mich mit anderen Konsumenten oder Konsumentengruppen, vergleiche mich mit ihnen, unterscheide mich von ihnen, opponiere ihnen, erhebe mich &uuml;ber sie, gewinne Macht &uuml;ber sie, mache ihnen Avancen und so weiter. Und dies nicht nur auf Basis einzelner Artikel oder im Rahmen bestimmter Konsumsparten, sondern dank der heute herrschenden Reklamestrategie einer Beschw&ouml;rung des Ganzen durch jedes seiner Teile, einer Reklamation der Totalit&auml;t der Konsumsph&auml;re als solcher bringt mich die Entscheidung &uuml;ber den Kauf eines Autos oder auch nur einer Perlwei&szlig;-Zahnpastatube im Prinzip mit der gesamten Konsumentengemeinde in Kontakt und integriert mich in sie. Ohne diesen kommunikativen Nebeneffekt, die Erzeugung eines Gef&uuml;hls von Dazugeh&ouml;rigkeit und die Befriedigung eines Bed&uuml;rfnisses nach Vergesellschaftung, nach dem reklamatorisch-sprichw&ouml;rtlichen Come together, w&auml;re die Plausibilit&auml;t und Effektivit&auml;t dieser modernen, aufs Ganze des Sortiments gehenden, die Welt der Waren als einen Kosmos beschw&ouml;renden Reklamestrategie gar nicht zu erkl&auml;ren.</p>
<p>Als gro&szlig;e Kommunikationsgemeinschaft best&auml;tigt allerdings die um die ungeheure Warensammlung gescharte Konsumgesellschaft objektiv, was ihr als ideologischer Charakter von mir unterstellt wurde: Sie ist intentionslos, verfolgt kein Ziel, dementiert vielmehr jede Absicht und Perspektive. Diese durch die Warenwelt als Zeichenzusammenhang vermittelte Verst&auml;ndigung erlaubt mir nur, mit anderen in Verbindung zu treten und mich mit ihnen auszutauschen, nicht, mich mit ihnen zusammenzutun und zu verabreden. Nicht die funktionelle Bestimmung der Sprache, eine zielgerichtete Solidarisierung, die Orientierung auf ein gemeinsames Projekt, wird durch sie erm&ouml;glicht, sondern sie stellt blo&szlig; die strukturelle Bedingung des Sprechens, eine situationsgebundene Sozialisierung, die Identifizierung mit einer gemeinschaftlichen Befindlichkeit her. Der Grund daf&uuml;r ist einfach genug: Zeichen und Sache, Bezeichnendes und Bezeichnetes koinzidieren in diesem Sonderfall quasisprachlicher Verst&auml;ndigung. Die als intersubjektive Zeichen firmierenden Waren repr&auml;sentieren nur sich selbst und das System, das sie bilden. Mit dieser Sprache l&auml;sst sich nur &uuml;ber sie selber sprechen, eben kommunizieren. Die praktischen Auswirkungen dieses mittlerweile vorherrschenden, intentionslos selbstbez&uuml;glichen Kommunikationsverhaltens auf den modernen Alltag lassen sich an der sprachlichen Verst&auml;ndigung stricto sensu studieren: Nicht etwa nur in der medialen Reklame, sondern ebenso sehr im allt&auml;glichen Gespr&auml;ch verst&auml;ndigt man sich fast nur noch &uuml;ber Konsumartikel, erz&auml;hlt sich von Erfahrungen und Entdeckungen in der Konsumsph&auml;re, gibt Einkauftipps, vergleicht Preise, berichtet von Fundstellen, Sonderangeboten, Schn&auml;ppchen.</p>
<p>Die strukturalistische Interpretation der modernen Konsumsph&auml;re als Kommunikationssystem hat also durchaus ihr Moment von Wahrheit oder Realismus. Allerdings nur ein Moment, dessen exklusive Totalisierung es ebenso sehr der Unwahrheit verd&auml;chtig macht. Was n&auml;mlich zu erkl&auml;ren bleibt, ist, warum der Strukturalismus derart ausschlie&szlig;lich auf das kommunikationssystematische Moment abhebt, dass er vom Realfundament oder materiellen Tr&auml;ger solchen Kommunizierens, eben der Konsumsph&auml;re, gar nichts zu gewahren oder zu wissen scheint, dass aus der Perspektive dieser strukturalistischen Interpretation der modernen konsumtiven Erfahrungswelt der materielle Tr&auml;ger hinter der ihm zugeschriebenen kommunikativen Funktion regelrecht verschwindet, durch sie als im klassischen Sinne hypostasiertes Ph&auml;nomen spurlos eskamotiert scheint. Was h&auml;lt den Strukturalismus davon ab, seinen Kommunikationsbegriff als Resultat historisch bestimmter, sprich, konsumgesellschaftlicher Erfahrungen wahrzunehmen, was bringt ihn dazu, in diesem Begriff ein keiner empirischen R&uuml;ckf&uuml;hrung bed&uuml;rftiges, ahistorisch-allgemeinmenschliches Verhaltensprinzip zu erkennen?</p>
<p>Wenn der Strukturalismus den materiellen Konsum mit sozialer Bedeutung, mit einer Kommunikation genannten Vergesellschaftungsfunktion einhergehen beziehungsweise ihn als solchen in dieser Funktion regelrecht aufgehen, hinter ihr verschwinden l&auml;sst, dann tut er nichts Pr&auml;zedenzloses, noch nie Dagewesenes. Auch in fr&uuml;heren Zeiten schon zeigt sich materieller Konsum &uuml;ber seine individuelle Regenerationsfunktion hinaus mit sozialer Bedeutung, mit kollektiv-generischen Absichten befrachtet. Ohne viel Anspruch auf systematische Stringenz m&ouml;chte ich zwei historisch wohlbekannte Konsumereignisse, bei denen dies der Fall ist, aufgreifen und das, was ich an anderer Stelle &#8211; im ersten und sechsten Band meiner Studie &uuml;ber <em>Reichtum und Religion</em> (7 B&auml;nde in 4 B&uuml;chern, Freiburg 1990 fortlaufend) &#8211; herausgefunden zu haben glaube, kurz rekapitulieren, in der Hoffnung, dass ihre Erkl&auml;rung einen Beitrag zum Verst&auml;ndnis jenes modernen, Kommunikation genannten, bedeutungsvollen Konsums leisten kann. Ich meine das archaische Fest und die christliche Kommunion. Ich rekapituliere:</p>
<p>Das archaische Fest ist Reaktion auf eine grundlegende Ver&auml;nderung der Subsistenzsituation des Stammes, Reaktion auf die Erzeugung von Reichtum, &Uuml;berfluss. Die Gefahr, mit der Reichtum die Stammesgesellschaft bedroht, ist die Etablierung von Herrschaft, die Aufspaltung der Gesellschaft in eine Unterschicht, die arbeitet und die Subsistenzmittel erzeugt, und eine Oberschicht, die bestimmte politisch-kultische Leistungen erbringt und daf&uuml;r an den Fr&uuml;chten der Arbeit der anderen partizipiert. Oder vielmehr nicht nur partizipiert, sondern diese Fr&uuml;chte, den gesellschaftlichen Reichtum, als ihr angestammtes Eigentum mit Beschlag belegt und in Umkehrung des tats&auml;chlichen Prozesses die urspr&uuml;nglichen Erzeuger an diesem herrschaftlichen Eigentum ebenso g&uuml;tigerweise wie in bescheidenem Umfang teilhaben l&auml;sst. (Das ist sehr verk&uuml;rzt dargestellt; um die besagte Umkehrung des Prozesses und etwa den Anspruch der Herrschaft auf die erw&auml;hnten kultischen Leistungen zu erkl&auml;ren, bedarf es einer &uuml;beraus komplizierten Spekulation, die, wer sich daf&uuml;r interessiert, im ersten Band meiner Studie nachlesen kann. )</p>
<p>Der Gefahr einer solch reichtumsbedingten herrschaftlichen Aufspaltung der Gesellschaft begegnet der Stamm mit dem Potlatch des Festes. Der &Uuml;berfluss wird in einer gro&szlig;en Verschwendungsorgie konsumiert, und damit ist die Gefahr gebannt: Der Stamm kehrt zur alten, kargen Subsistenz zur&uuml;ck und das Gespenst realer Herrschaft verschwindet wieder hinter der Realit&auml;t sozialen Funktion&auml;rstums, aus dem drohenden Herrscher wird wieder der einfache H&auml;uptling. Nat&uuml;rlich ist das archaische Fest, der verschwenderische Konsum keine dauerhafte Konfliktl&ouml;sungsstrategie, sondern bleibt ein &Uuml;bergangsph&auml;nomen: So gewiss die menschliche Produktivkraftentwicklung voranschreitet und sich der gesellschaftliche Reichtum auf diese Weise nicht mehr aus der Welt schaffen l&auml;sst, so gewiss werden fr&uuml;her oder sp&auml;ter herrschaftlich organisierte Gesellschaften die Norm.</p>
<p>Die Kommunion ist die Antwort auf eine in der Sp&auml;tantike eingetretene Situation, in der sich herausstellt, dass die herrschaftliche Reichtumsproduktion die Subsistenzwirtschaft, aus der sie hervorgeht, in letzter Instanz zerst&ouml;rt und der herrschaftlich erzeugte Reichtum die unmittelbare Subsistenz, der er entsprungen ist, zu b&ouml;ser Letzt vereitelt, weil das gro&szlig;e herrschaftliche Gebilde, das auf handelsst&auml;dtischer Basis einen beispiellosen Aufstieg erlebt und sich als eine Art parasit&auml;re Supermacht den traditionellen Territorialherrschaften rund ums Mittelmeer oktroyiert hat, das R&ouml;mische Reich, im Streit um die Verf&uuml;gung &uuml;ber den Reichtum und um seinen Genuss sich selbst zerfleischt und zugrunde richtet. In dieser Situation wenden sich die Menschen, am Leben und &Uuml;berleben verzweifelnd, von der Welt ab und suchen mit Hilfe gnostisch-messianischer Orientierungen ihr Heil in der Weltflucht, der Flucht in ein zum gegenweltlichen Himmelreich entfaltetes platonisches Ideenreich.</p>
<p>Zentrale Bedeutung f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung dieser Weltfluchtmotion gewinnt ein als Abendmahl bekannter Subsistenzakt, der dazu dient, in der Gestalt beziehungsweise Leibhaftigkeit von Brot und Wein das f&uuml;r den Wechsel aus dem irdischen ins himmlische Leben erforderliche Heilsmittel, den Leib Christi, das Materie in Spiritus verwandelnde Pneuma, einzunehmen und sich anzuverwandeln. Insofern diese Subsistenzhandlung das irdische Leben besiegelt und den Grund f&uuml;r den Wechsel des Menschen ins ewige Sein legt, ist sie in der buchst&auml;blichen Bedeutung des Ausdrucks, mit dem das Angels&auml;chsische sie benennt, &#8220;last supper&#8221;, der letzte Akt einer Subsistenz, die in dem ironischen Sinne ein verzehrendes, tilgendes Ereignis, kurz, Konsum, ist, dass sie durch eben diesen letzten Akt sich selber &uuml;berfl&uuml;ssig macht und ad acta legt. An ihrer Subsistenz, die durch den agonalen Streit um den herrschaftlichen Konsum zugrunde gerichtet wird, verzweifelnd, geben die Untertanen des Reichs ihr Subsistenzinteresse preis beziehungsweise schlagen es in die Schanze jenes als Kommunion firmierenden, verzehrend letzten Subsistenzakts, der die Basis f&uuml;r die Transfiguration des irdischen Leibes in das himmlische Corpus liefert und damit alle Subsistenzprobleme ein- f&uuml;r allemal l&ouml;st (siehe Ulrich Enderwitz, <em>Reichtum und Religion</em>, 3. Buch: <em>Die Herrschaft des Wesens</em>, 4. Bd. : <em>Die Krise des Reichtums</em>, Freiburg 2005).</p>
<p>Versuchen wir die beiden Ereignisse des archaischen Festes und der christlichen Eucharistie ins Verh&auml;ltnis zueinander zu setzen, so k&ouml;nnen wir diese doppelte Gemeinsamkeit konstatieren, dass in beiden F&auml;llen eine gesellschaftlich bedingte Subsistenzkrise vorliegt und dass beide Ereignisse eine Antwort auf die jeweilige Krise darstellen. So verschieden allerdings die Krisen sind, so verschieden sind auch die Antworten und die mit ihnen intendierte Krisenbew&auml;ltigung. Im Fall des archaischen Festes droht herrschaftliche Reichtumsproduktion und die damit einhergehende Umfunktionierung der Erzeuger in fronwirtschaftliche Reichtumsproduzenten und Reduktion ihrer Subsistenz auf ein blo&szlig;es Abfallprodukt eben jener Reichtumsproduktion. Der Konsum des archaischen Festes dient dazu, diese im Reichtum und &Uuml;berfluss bestehende Drohung zu beseitigen und die alte Subsistenzsituation zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen. Im Fall der christlichen Kommunion droht die herrschaftliche Reichtumsproduktion durch den agonalen Kampf um &ouml;konomische Verf&uuml;gung und politische Macht die Subsistenz sogar noch in ihrer der Reichtumsproduktion untergeordneten und integrierten Form zu zerst&ouml;ren. Der Konsum des Abendmahls verfolgt den Zweck, die Subsistenz als irdisch-materielle Notwendigkeit zu &uuml;berwinden und hinter sich zu lassen und sich ins spirituelle Sein eines messianischen Gottesreichs abzusetzen. Im einen Fall versucht man, eine durch die menschliche Produktivkraftentwicklung vorangetriebene und als bedrohlich erscheinende Geschichte zwecks Erhaltung der guten alten Zeiten zu stornieren, im anderen Fall wird versucht, der katastrophischen Entwicklung, die diese Geschichte mittlerweile &uuml;ber die irdische Welt heraufbeschworen hat, zu entrinnen und Zuflucht in einer platonisch ewigen Himmelswelt zu finden.</p>
<h4>Subsistenz und &Uuml;berfluss</h4>
<p>Wie stellt sich nun vor dem Hintergrund dieser beiden F&auml;lle eines mit sozialer Bedeutung aufgeladenen, sozialstrategisch orientierten Konsums der moderne Konsum dar, jener konsumgesellschaftliche Konsum, der die uneingestandene empirische Grundlage f&uuml;r die Kommunikationsmodelle des Strukturalismus abgibt? L&auml;sst auch er sich als Reaktion auf eine Subsistenzkrise verstehen, stellt auch er beziehungsweise die Kommunikation, als die er vom Strukturalismus nicht ohne Grund gefasst und pr&auml;sentiert wird, eine Krisenbew&auml;ltigungsstrategie dar? Wenn Subsistenzkrise meint, dass die Subsistenz sozial oder materiell bedroht ist, wie in den beiden anderen F&auml;llen durch die im tribalen Rahmen beginnende Reichtumsproduktion oder durch die agonale Balgerei des Imperiums um die Reichtumsbeute, dann sicher nicht! Sozial gesehen, ist im Rahmen der fest etablierten kapitalistischen Reichtumsproduktion die Subsistenz &#8211; jedenfalls in unseren &Uuml;berflussgesellschaften &#8211; so selbstverst&auml;ndlich impliziert, dass sie praktisch schon zu den menschlichen Grundrechten gez&auml;hlt wird. Und materiell ist sie so umf&auml;nglich und reichlich gesichert, dass sie &#8211; jedenfalls in unseren &Uuml;berflussgesellschaften &#8211; gar nicht mehr als Subsistenz, sondern eben, wie die Rede von der Konsumgesellschaft ja besagt, selber bereits als Konsum, als mit Konsum identisch erscheint.</p>
<p>Hier liegt der Unterschied, der auf den ersten Blick allen Vergleich mit den erw&auml;hnten F&auml;llen einer als Konsum sozialstrategisch befrachteten Subsistenz unsinnig erscheinen l&auml;sst: Die Subsistenz scheint heute nicht nur nicht bedroht, sie scheint von sich aus in Konsum &uuml;bergegangen, scheint deckungsgleich mit Konsum. Konsum muss nicht mehr wie bei der archaischen Verschwendung und dem eucharistischen Selbstverzehr eigens veranstaltet, zelebriert werden, er ist das durch die Natur der kapitalistischen Reproduktion unserer Gesellschaften allt&auml;glich Gegebene, die herrschende Erfahrung. Der moderne Konsum ist keine Krisenbew&auml;ltigungsstrategie, die erst von den Mitgliedern der Gesellschaft in Szene gesetzt werden muss, vielmehr ist er eine den letzteren von ihrem &ouml;konomischen System als die verbindliche Form ihrer Subsistenz frei Haus gelieferte, ganz unstrategisch faktische Lebensform.</p>
<p>Er ist mitnichten eine Krisenbew&auml;ltigungsstrategie, allerdings ist, schaut man genauer hin, auch er mit einer Strategie geschlagen, nur nicht mit einer, die Krisen bew&auml;ltigt, sondern die Krisen erzeugt. Er st&uuml;rzt die Subsistenz in eine Krise, die an Folgenschwere den durch die beginnende Reichtumsproduktion und durch die imperiale Agonie des R&ouml;mischen Reiches heraufbeschworenen Krisen in nichts nachsteht. Sosehr ph&auml;nomenologisch Subsistenz und Konsum deckungsgleich werden m&ouml;gen, sosehr stehen sie doch, systematisch betrachtet, im Widerspruch zueinander. Konsumiert wird in der kapitalistischen Gesellschaft nicht, um die realen Subsistenzbed&uuml;rfnisse zu befriedigen, sondern um die kapitale Verwertungsmaschinerie in Gang zu halten. Subsistenz dient der Erhaltung der Menschen, Konsum der Erhaltung des Kapitalverh&auml;ltnisses. Konsum ist hinter der Camouflage individuellen Genusses versteckte gesellschaftliche Arbeit, die dazu dient, an den reell oder auch nur mehr formell als Gebrauchsgegenst&auml;nde erscheinenden Waren oder Wertverk&ouml;rperungen die naturale Form zu vertilgen und zu beseitigen, damit das, was an ihnen wertbest&auml;ndig ist, der Wertk&ouml;rper sans phrase, das Geld, hervortreten und sich als der &ouml;konomische Zweck des Ganzen, als mehrwertiges Kapital, zur Geltung bringen kann. Konsum dient, wie das lateinische Wort ja auch impliziert, dem Verzehr, der Zerst&ouml;rung, Vernichtung von Befriedigungsmitteln, die &ouml;konomisch nur mehr als &auml;u&szlig;ere H&uuml;lle des darin verborgenen mehrwertigen Kapitals firmieren und die aus der Welt geschafft werden m&uuml;ssen, damit letzteres sich in weitere als Befriedigungsmittel getarnte Werth&uuml;llen investieren und mittels ihrer noch mehr mehrwertiges Kapital in die Welt setzen kann.</p>
<p>In dieser jedem traditionellen Subsistenzbed&uuml;rfnis ins Gesicht schlagenden Vernichtungsfunktion, die aus &ouml;konomischer Sicht als Wertrealisierung figuriert, hat der moderne Konsum seine wesentliche, weil durch die politisch-&ouml;konomische Macht des Kapitals gesetzte Wahrheit. Eine Wahrheit, die so &uuml;berw&auml;ltigend dominant ist, dass in einer &Uuml;berflussgesellschaft wie der unseren angesichts der schleichenden, durch die allgemeine &Uuml;bers&auml;ttigung und &Uuml;berbeanspruchung der Subsistenzbed&uuml;rfnisse einfach genug erkl&auml;rlichen Absatzkrise fast alle gesellschaftlichen Gruppen in absoluter Gleichg&uuml;ltigkeit gegen eben jenen offenbaren guten Grund f&uuml;r die Absatzkrise sich Rettung aus der Not partout nur von einer Ankurbelung der Binnennachfrage, zu Deutsch, von einer jeder R&uuml;cksicht auf subsistenzielle Bed&uuml;rfnisse baren Steigerung des Konsums erhoffen.</p>
<h4>Krise und Konsum</h4>
<p>Wir haben es also durchaus mit einer den archaischen und den sp&auml;tantiken Verh&auml;ltnissen parallelisierbaren Subsistenzkrise zu tun, nur ist das, was in den anderen F&auml;llen die L&ouml;sung, die Krisenbew&auml;ltigung, sein sollte, n&auml;mlich der gesellschaftliche beziehungsweise gemeinschaftliche Konsum, jetzt vielmehr das Krisenerzeugende, die Krankheit. Gibt es dann aber anders als bei den beiden historischen Vorbildern heute gar keine Krisenbew&auml;ltigungsstratregie? Doch es gibt sie, und sie besteht &#8211; im Konsum! In gut mythologischer Manier gibt die Krankheit zugleich das Heilmittel ab, ist der Speer, der die Wunde schlug, dasjenige, was sie auch wieder schlie&szlig;en soll. Konsum als Konsum, als die Subsistenz ad absurdum f&uuml;hrende Vernichtungsorgie, ist die Krankheit, Konsum als Kommunikation, als die Subsistenzr&uuml;cksicht ad acta legendes Gesellschaftsspiel, ist das Heilmittel. Die L&ouml;sung der qua Konsum &uuml;ber die Subsistenz heraufbeschworenen Krise besteht kurz und b&uuml;ndig darin, die R&uuml;cksicht auf die Subsistenz aufzugeben, die Subsistenz als Ma&szlig;stab, als in irgendeiner Form normativen Bezugspunkt abzudanken und den Konsum qua Kommunikation anderen, mit seiner Ma&szlig;losigkeit besser vereinbaren Zwecken zuzuwenden, den Zwecken der Vergesellschaftung durch dingliche Zeichensysteme, des Come together, des Shoppens, des vergleichenden, differenzierenden, Identifikation erm&ouml;glichenden, Gruppenbildung bef&ouml;rdernden, zum Austausch anregenden Miteinanders.</p>
<p>Wir sehen die &Auml;hnlichkeit und die Verschiedenheit der drei Krisenbew&auml;ltigungsstrategien: Das archaische Fest bem&uuml;ht sich, die gef&auml;hrdete Subsistenz durch verschwenderischen Konsum wiederherzustellen. Die christliche Kommunion sucht die vereitelte Subsistenz durch deren Selbstverzehr, ihre konsumtive Aufhebung zu transzendieren. Die moderne Kommunikation sucht dem Konsum durch seine Abkoppelung von der Subsistenzr&uuml;cksicht seine die Subsistenz durch &Uuml;berforderung zugrunde richtenden zerst&ouml;rerischen Implikationen zu nehmen und ihn in einen sozialen Zeitvertreib, ein Gesellschaftsspiel umzufunktionieren.</p>
<p>Alles &#8211; die &ouml;konomische Dauerkrise, in der wir stecken, die panischen Reaktionen des Sozialabbaus und der Problemverlagerung auf die Terrorbek&auml;mpfung &#8211; alles spricht daf&uuml;r, dass es sich bei dieser Verwandlung des Krankmachers in das Heilmittel, der harten gesellschaftlichen Arbeit des Konsums in das heitere Gesellschaftsspiel der Kommunikation um einen Taschenspielertrick handelt, ein zwar der Wirklichkeit der Konsumsph&auml;re und ihres Reklamecharakters abgeschautes, aber doch dann von dieser Wirklichkeit abgehobenes und ins Phantasmagorische verstiegenes, intellektuelles Glasperlenspiel. Alles spricht daf&uuml;r, dass die Subsistenzr&uuml;cksicht sich nicht so einfach au&szlig;er Kraft setzen l&auml;sst, dass sie als Klotz am Bein des Konsums dessen kapitalgetriebene Himmelfahrt auch weiterhin bremsen und mit der Drohung einer nicht minder kapitallancierten H&ouml;llenfahrt konfrontieren wird.</p>
<p>Aber selbst wenn es, wogegen alles spricht, m&ouml;glich sein sollte, den Konsum, frei von aller subsistenziellen Hemmung, als kommunikatives Gesellschaftsspiel ad calendas graecas fortzusetzen und in all seiner ebenso unabschlie&szlig;baren wie unaufhaltsamen Expansionstendenz zum Zuge kommen zu lassen &#8211; hinter dem Veto der au&szlig;er Kraft gesetzten menschlichen Natur bliebe doch immer noch das der &uuml;berstrapazierten irdischen Natur, und sie w&uuml;rde dem kapitalen Spuk fr&uuml;her oder sp&auml;ter ein Ende machen. Lebten wir vollends in der virtuellen Welt, in der wir schon halbwegs leben, best&uuml;nden die Waren, die wir im haltlosen Teufelskreis produzieren, um sie zu konsumieren, und konsumieren, um sie zu produzieren, nur aus elektronischen Impulsen, Irritationen in Magnetfeldern, das Kalk&uuml;l m&ouml;chte vielleicht noch aufgehen, das Rezept funktionieren. Aber unsere Waren bestehen nicht aus elektrischen Impulsen, sondern aus materiellen Elementen, aus Stoffen dieser Erde, und unter der Last der &#8220;ungeheuren Warensammlung&#8221;, die wir produzieren und konsumieren, nur damit der kapitale Kreislauf nach dem ihm eingeschriebenen vitiosen Gesetz einer immer erweiterten Reproduktion weitergehen kann, wird unsere Erde irgendwann kollabieren und ihren Geist aufgeben, besser gesagt, als qua Natur organisierte Materie zugrunde gehen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/kommunikation-und-konsum">Kommunikation und Konsum</a></p>
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		<title>Akustisches Nervens&#228;gen</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Nov 2006 01:36:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Maria W&ouml;lglingseder</em> <span id="more-995"></span></p>
<p>Unl&auml;ngst antworteten im Radio eine S&auml;ngerin und ein S&auml;nger, beide &auml;ltere Semester, auf die Frage, was f&uuml;r sie missliebige Musik sei: Wenn aus einem Auto mit offenen Fenstern Popmusik mit unertr&auml;glichen B&auml;ssen dr&ouml;hnt. Die Gl&uuml;cklichen, wenn sie nur damit gelegentlich behelligt werden! Sie sind nicht von drei Wohnungen umgeben, aus denen nach Belieben zu jeder Tag- und Nachtzeit Techno ert&ouml;nt; dieses Geh&auml;mmer muss gar nicht besonders laut sein, damit es seine marternde Funktion zeitigtDie Gl&uuml;cklichen, wenn sie nicht in Gesch&auml;ften mit unertr&auml;glichem Lautgemenge verkehren m&uuml;ssen. Auch beim Billa gibt&#8217;s seit kurzem kein Pardon mehr, in der Gastronomie sowieso selten, und in Schei&szlig;h&auml;usln herrschen Radiosender mit ortsentsprechendem Musik- und Werbeprogramm. Unl&auml;ngst demonstrierte in Wien eine stumme Blasmusikkapelle gegen diese akustischen Verseuchungen. Eigentlich gibt es keine entsprechenden Begriffe f&uuml;r diesen nervt&ouml;tenden L&auml;rm, der Musik genannt wird. Kakophonie ist ein niedlicher Hilfsausdruck.</p>
<p>Und wie soll das gedeutet werden? Werden hier die durchgeknallten gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse in entsprechende T&ouml;ne transponiert? Oder ist es ein Zudr&ouml;hnen, um den &uuml;brigen unertr&auml;glichen L&auml;rm (Stra&szlig;en-, Flug-, Baustellenl&auml;rm) zu &uuml;bert&ouml;nen? (&Uuml;brigens Ostwind &#8211; meist bei Sch&ouml;nwetterphasen &#8211; beschert halb Wien samt den Erholungsgebieten Sch&ouml;nbrunn und Wilhelminenberg einen fr&uuml;her nie da gewesenen auditiven Flugzeuglande-Alptraum. )</p>
<p>Den Jugendlichen werden Ballspiel- und Trampolink&auml;fige inmitten der Verkehrsh&ouml;lle auf dem schmalen Gr&uuml;nstreifen zwischen Wiener Au&szlig;en- und Inneng&uuml;rtel (je 3-4spurige Stra&szlig;e) zugewiesen. Nicht nur diese Lokation wird als megahip erkl&auml;rt, auch die Technotempel im G&uuml;rtelbereich erfreuen sich gro&szlig;er Beliebtheit, mitsamt ihren Schanig&auml;rten direkt neben den Fahrbahnen und dem suizidal anmutenden Abgas- und L&auml;rmcocktail. Die ganze Nacht lautstark die Gegend bev&ouml;lkernd und mit leeren Aludosen Fu&szlig;ball spielend rauben die Technofreaks den Anrainern den Schlaf.</p>
<p>M. W&ouml;.</p>
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