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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2006-36</title>
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		<title>Abschaffung des Geldes</title>
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		<comments>http://www.streifzuege.org/2006/abschaffung-des-geldes#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 07:58:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Theorie / Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Bockelmann; Eske]]></category>
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		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2006/abschaffung-des-geldes">Abschaffung des Geldes</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2006/abschaffung-des-geldes">Abschaffung des Geldes</a></p>
<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em> von Eske Bockelmann</em> <span id="more-404"></span></p>
<p><em>Diese Abhandlung wird im Laufe des Jahres 2006 als Beitrag erscheinen in: R. Heinz und Jochen H&ouml;risch (Hg. ), Geld und Geltung. Zu Alfred Sohn-Rethels sozialistischer Erkenntnislehre, ( Verlag K&ouml;nighausen &#038; Neumann, 144 Seiten, ca. 24,80 Euro. </em></p>
<p>Als ich mit gut f&uuml;nf Jahren erfuhr, ich w&uuml;rde sp&auml;ter einmal &#8211; wie jeder &#8211; mein Geld selbst verdienen m&uuml;ssen, da durchzuckte mich als b&ouml;se Gewissheit, erstens, das k&ouml;nne nicht gelingen, und zweitens, ich m&uuml;sse deshalb zaubern lernen. Anders n&auml;mlich, so war mir bedr&uuml;ckend klar, w&uuml;rde ich es niemals zu all den Dingen bringen, die man so zum Leben braucht. Einen Beruf zu haben und daf&uuml;r vieles k&ouml;nnen zu m&uuml;ssen, was ich jetzt noch nicht konnte, das war mir wohl vorstellbar. Aber dass davon die Zuteilung jenes immerfremden Stoffes abh&auml;ngen sollte, der irgendwie von au&szlig;en kam, offenbar noch &uuml;ber den Eltern stand und &uuml;ber ihren Berufen, und dass von diesem Stoff wiederum unmittelbar mein eigenes &Uuml;berleben abhinge, das klang mir auf eine Weise bedrohlich, dass ich mich auf die Zauberei verwiesen sah. Nat&uuml;rlich, meines Wissens bestand wenig Aussicht, sie zu erlernen, doch da meine Absichten ohnehin nur auf allt&auml;gliche Dinge wie Essen und Wohnen gingen und wenn ich mich also darauf beschr&auml;nkte, nur dieses Wenige und nicht gleich <em>alles</em> zaubern zu k&ouml;nnen&#8230;</p>
<p>Ich habe es bis heute nicht gelernt. Und so hob ich denn damals meine Hand, als endlich einmal die Frage erging: &#8220;&#8230; oder w&uuml;rde einer von Ihnen das Geld abschaffen wollen? &#8221; Das war zum Abschluss der Alfred-Sohn-Rethel-Konferenz, ich sa&szlig; f&uuml;r die Diskussion unter den Referenten auf dem Podium, und Jochen H&ouml;risch fasste gerade zusammen: Bei aller Kritik, die Sohn-Rethel auf das Geld und den Warentausch gewendet habe, bekanntlich &#8220;zur kritischen Liquidierung des Apriorismus&#8221;, sei er zugleich ein gro&szlig;er Bewunderer des Geldes gewesen. Daher sollten auch wir unsere Konferenz nicht stur kritisch gegen&uuml;ber dem Geld beschlie&szlig;en, sondern zugleich dessen enorme Leistungen hochachten &#8211; laut Sohn-Rethel immerhin die Schaffung der rationalen Denkformen, die gesamtgesellschaftliche Synthesis, die heute &uuml;ber das Geld laufe, oder etwa das geradezu unersch&ouml;pfliche Reservoir an Metaphorik, um welches es die Sprache bereichert habe. Dem Geld m&uuml;sse, das sollten wir uns eingestehen, recht eigentlich tiefe Bewunderung gelten &#8211; &#8220;oder w&uuml;rde einer von Ihnen das Geld abschaffen wollen? &#8221;</p>
<p>Ja &#8211; ich habe die Hand gehoben: Wenn es nach mir ginge, w&uuml;rde es abgeschafft. Aber siehe da, ich blickte um mich und sah niemanden sonst, der die Hand hob, meine Hand war die einzige geblieben, die sich nach oben streckte, und niemand also hegte au&szlig;er mir den Wunsch und den Gedanken, es sollte einmal ohne Geld gehen. Das erstaunte mich, und ich stellte mir damals die Frage, ob Sohn-Rethels Einsichten tats&auml;chlich weniger dazu dr&auml;ngten, dem Geld ein Ende zu w&uuml;nschen, als dass sie eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r liefern, weshalb dies durchaus niemand w&uuml;nscht.</p>
<h4>1. Es geht nicht gut mit dem Geld</h4>
<p>Geht es denn so gut mit dem Geld? Nein, es geht nicht gut damit. Das Gr&ouml;bste, was sich dazu sagen l&auml;sst, hei&szlig;t zwar, dass es einem Teil der Menschen zu Wohlhabenheit und Reichtum verhilft, doch bekanntlich nur einem stets sehr kleinen Teil der Menschen, w&auml;hrend der weitaus gr&ouml;&szlig;ere &#8211; und zwar <em>in Folge</em> jenes Reichtums &#8211; gequ&auml;lt wird, darbt und verhungert. Ist das die Schuld des Geldes? Ja, es ist seine Schuld, und zwar insofern, als Geld die allererste und allgemeinste Grundlage genau der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse bildet, die heute weltweit durchgesetzt sind, die diese Art von Zweiteilung der Menschheit bedingen und sie zu Lasten des zunehmend gr&ouml;&szlig;eren Teiles immer weiter noch versch&auml;rfen.</p>
<p>Das ist nicht so zu verstehen, als h&auml;tte es vor den Zeiten des Geldes kein Darben, keine Qual und keine Gewalt gegeben. Und noch ein anderes Missverst&auml;ndnis g&auml;lte es zu vermeiden, welches Sohn-Rethel so lange gepflegt hat, n&auml;mlich dass mit der ersten Pr&auml;gung von M&uuml;nzen, also zu fr&uuml;hen Zeiten der griechischen Antike, das Geld bereits den <em>nexus rerum</em> gebildet, das hei&szlig;t bereits die Kraft erlangt h&auml;tte, die innergesellschaftliche Synthesis zu leisten &#8211; und damit auch jene Wirkungen zu zeitigen, die ich meine. Dazu kommt es erst mit Anbruch der europ&auml;ischen Neuzeit, ja, der &Uuml;bergang zur Geld-Wirtschaft im Verlauf des so genannten , langen&#8217; 16. Jahrhunderts <em>ist</em> geradezu der Beginn dieser Neuzeit. Vorher gibt es wohl Geld, also Warentausch und Warenproduktion, aber, wie Sohn-Rethel unschwer h&auml;tte nachlesen k&ouml;nnen: &#8220;Warenproduktion und Warenzirkulation k&ouml;nnen stattfinden, obgleich die weit &uuml;berwiegende Produktenmasse, unmittelbar auf den Selbstbedarf gerichtet, sich nicht in Ware verwandelt, der gesellschaftliche Produktionsprozess also noch lange nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe vom Tauschwert beherrscht ist. &#8220;<a name="1" href="#a1"><sup>1</sup></a> Und also nicht vom Geld. Sp&auml;t erst, und zu sp&auml;t, um diese Einsicht noch tief genug in seine Konstruktion von &#8220;Warenform und Denkform&#8221; einf&uuml;gen zu k&ouml;nnen &#8211; ach, Herr Horkheimer, was haben Sie da alles verhindert! -, erkennt Sohn-Rethel: &#8220;Meine damalige Lesart der antiken Gesellschafts- und Ausbeutungsordnung war verfehlt&#8221;, es &#8220;krankt die Konstruktion daran, dass die Denkweise der Antike nach dem Modell der europ&auml;ischen verstanden, also missverstanden ist&#8221;, <a name="2" href="#a2"><sup>2</sup></a> und zwar die &#8220;Denkweise&#8221;, <em>weil</em> die Gesellschaftsordnung. Erst in der neuzeitlich europ&auml;ischen beginnt das Geld die gesamte Gesellschaft zu durchdringen und die Versorgung der Menschen mitsamt ihrer Verbindung bestimmend von <em>sich</em> abh&auml;ngig zu machen. Und damit erst schafft es die historisch sehr spezifischen Verh&auml;ltnisse, von denen ich spreche und die sp&auml;testens heute erkennen lassen, dass es, trotz Reichum und unvorstellbar gesteigerter Produktivkr&auml;fte, grunds&auml;tzlich nicht gut mit ihnen geht.</p>
<p>Wir jedenfalls leben ohne Zweifel in einer, inzwischen ber&uuml;hmterweise gar &#8220;globalisierten&#8221;, <em>geldvermittelten</em> Gesellschaft &#8211; wenn auch nicht mehr so ganz ohne Zweifel, was deren <em>Funktionieren</em> anbelangt. Selbst von biederster offizieller Seite &#8211; wenn ich mich recht entsinne unter der Schirmherrschaft des Bundespr&auml;sidenten und zumindest vom gleichen Zuschnitt wie der auf gro&szlig;en Plakatw&auml;nden beworbene &#8220;Ruck&#8221;, der durch Deutschland gehen m&uuml;sse: Wenn das nur keinen Veitstanz gibt! &#8211; wurde vor nicht allzu langer Zeit eine Werbekampagne gef&uuml;hrt f&uuml;r das &#8220;Modell Ehrenamt&#8221;. Nicht nur allen , Ehrenamtlichen im Sport&#8217; wurde da gedankt, nein, <em>insgesamt</em> seien &#8220;wir&#8221; auf das Ehrenamt angewiesen, ehrenamtliche Arbeit m&uuml;sse zu einer neuen Grundlage &#8220;unserer&#8221; Gesellschaft werden, die B&uuml;rger m&ouml;gen sich endlich fl&auml;chendeckend bereit finden und menschlich-solidarisch statt rechnerisch-selbstbezogen t&auml;tig werden, wenn sie nicht ihre Gesellschaft den ber&uuml;hmten &#8220;Herausforderungen&#8221; wollten erliegen sehen. Das Ehrenamt &#8211; die T&auml;tigkeit <em>ohne Bezahlung</em>: Sie solle sich zu einer neuen konstitutiven Form der Arbeitsleistung mausern, eben weil die Bezahlung der Arbeiten, die allerorten zu leisten w&auml;ren, unl&ouml;sbare Schwierigkeiten macht: Ja, zu tun g&auml;be es viel, aber wer soll das alles bezahlen? Also, B&uuml;rger, Schluss mit der sozialen K&auml;lte, warmherzig angepackt und menschlicherweise auf Bezahlung verzichtet!</p>
<p>Hm, und doch &#8211; so &auml;hnlich denke ich mir das auch. Was immer ich tue, zur Zeit noch, um damit Geld zu verdienen, von mir aus erledige ich es gerne ehrenamtlich und niemand soll mir etwas daf&uuml;r zahlen &#8211; vorausgesetzt nur, ich bekomme meine Lebensmittel ebenfalls ehrenamtlich &uuml;berlassen, ich darf ehrenamtlich in meiner Wohnung wohnen und ehrenamtlich hilft mir jemand bei der Reparatur meines Fahrrads. Denn dass ich zur Zeit noch auf der Bezahlung meiner Arbeit bestehe, liegt nicht daran, dass ich speziell auf Geld begierig w&auml;re und vor allem einmal Geld sehen m&ouml;chte, <em>Geld Geld Geld!</em>, bevor ich es dann wieder ausgebe und etwas Ordentliches damit anfange. Nein, mein Geldbed&uuml;rfnis hat seinen Grund vielmehr allein in der weltbekannten Notwendigkeit, auf die ich allenthalben sto&szlig;e, n&auml;mlich dass ich meine Mittel zum Leben ausschlie&szlig;lich <em>f&uuml;r Geld</em> bekomme, dass n&auml;mlich alle anderen um mich her auch auf Bezahlung bestehen und ich also unbedingt <em>Geld</em> zur Verf&uuml;gung haben muss, um zu irgendetwas zu kommen. Und weshalb bestehen alle anderen darauf? Weil sie es genauso m&uuml;ssen, weil auch f&uuml;r sie gilt, dass alle anderen, mich eingeschlossen, darauf bestehen &#8211; und so sch&ouml;n immer weiter im Kreis und auf dem Erdkreis.</p>
<p>Es versteht sich also, dass der <em>Zwang</em>, als welcher das Geld eingerichtet und &uuml;ber jeden, ob er will oder nicht, in dieser <em>Allgemeinheit</em> verh&auml;ngt ist, nur in dieser Allgemeinheit auch aufzuheben geht. Dies zu tun, hat das Projekt &#8220;Ehrenamt&#8221; in aller Unschuld vorgeschlagen, da es doch unbezahlte Arbeit zur Grundlage unserer Gesellschaft machen will &#8211; aber Vorsicht, Herr Bundespr&auml;sident, vor dieser erzkommunistischen Idee! Dass die Menschen diejenigen Arbeiten und Dinge, die ihnen n&ouml;tig oder lieb sind, einfach nur deshalb erledigen und einfach deshalb herstellen, weil sie ihnen n&ouml;tig oder lieb sind, und nicht, weil erst einmal der weltweite Zwang des Geldes dazwischengeschaltet ist und bedient sein will, das n&auml;mlich ist der Gedanke &#8211; man k&ouml;nnte ja sagen: einer befreiten Menschheit, aber lassen wir nur diese H&ouml;henfl&uuml;ge, begn&uuml;gen wir uns zu sagen: ist der gut materialistische Gedanke eines vers&ouml;hnten guten Lebens.</p>
<p>Um den war es Ihnen nicht zu tun, das glaube ich wohl, und an die Frage des Eigentums, die daran h&auml;ngt, wollten Sie erst recht nicht r&uuml;hren. Ihnen ging es im Gegenteil ja um eine Sicherung der Gesellschaft, so wie sie <em>ist</em>. Nur dass diese Gesellschaft offenbar mit ihrer Grundlage, dem Geld eben, so weit in Schwierigkeiten ger&auml;t, dass es einer solch widerspr&uuml;chlichen Rettung bedarf, einer, die genau das entbindet, wovor sie uns retten soll, den Gedanken einer grunds&auml;tzlich <em>ver&auml;nderten</em> Gesellschaft: dass es <em>ohne</em> Geld gehen m&uuml;sse. Auf diesen Gedanken, seltsamerweise, kommt niemand au&szlig;er auf solch verdeckte Weise &#8211; ohne zu wissen, was er da denkt. Niemandem zwar entgehen die offen sichtbaren, radikalen und umfassenden Schwierigkeiten, die das Geld unter anderem <em>sich selbst</em> macht, von der Arbeitslosigkeit sogar in den reichsten Nationen bis zum Bankrott ganzer L&auml;nder. Es ist auch durchaus kein Tabu, sich &uuml;ber Weltbank und IWF aufzuhalten, &uuml;ber <em>global player</em> und vers&auml;umte Pflichten der Politiker, &uuml;ber Moral und Unf&auml;higkeit von Managern, &uuml;ber Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Handels, richtige oder falsche Steuern, &uuml;ber zu freien oder zu sehr gelenkten Markt, zu gro&szlig;e Schulden oder zu wenig Kredit. Und doch geht solche Kritik und Unzufriedenheit am Geldwesen niemals so weit, zu fragen, wie es <em>ohne</em> Geld gehen k&ouml;nne, sondern besteht im Gegenteil ausnahmslos darauf, dass es <em>mit</em> dem Geld gehen m&uuml;sse, nur eben &#8211; wei&szlig; der Teufel, wie &#8211; <em>besser</em>.</p>
<h4>2. Zwei Wege, die Welt , mit&#8217; zu verbessern</h4>
<p>Es gibt im ganzen zwei Wege, dies zu betreiben und zu hoffen, und fraglich nur, welcher von ihnen hoffnungsloser verl&auml;uft. Auf dem einen sind zumindest die m&auml;chtigeren Kolonnen unterwegs. Der andere ist historisch bereits abgetan.</p>
<p>Dieser war einmal der Versuch, das Geld <em>mores</em> zu lehren. Es sollte einfach alles <em>richtig</em> machen, sollte den Wohlstand richtig verteilen, sollte die Menschen nicht in zwei Klassen spalten, sollte dorthin flie&szlig;en, wo es f&uuml;r die Versorgung der Menschen ben&ouml;tigt war, sollte dort entstehen, wo Gutes geschaffen wurde. Eine komplette H&auml;lfte der Welt berief sich daf&uuml;r auf Marx und brachte es doch nur auf das gr&ouml;bste Missverst&auml;ndnis und eine Verkehrung ins Gegenteil dessen, was bei ihm <em>Kritik</em> der politischen &Ouml;konomie war. Die Wertgesetze, die Marx in den kapitalistischen Verh&auml;ltnissen am Wirken sah und die er f&uuml;r diese Verh&auml;ltnisse in all ihrer Lieblichkeit verantwortlich machte, der realexistierende Sozialismus hat sie gerade <em>nicht</em> kritisiert, sondern umgekehrt f&uuml;r eherne Naturgesetze genommen, die er lediglich in seinem Sinne nutzen m&uuml;sse, um <em>gut</em> zu wirtschaften. Die L&auml;nder, die sich da f&uuml;r kommunistisch hielten, hatten keinesfalls die Absicht, sich von der Geldlogik zu l&ouml;sen, sondern dachten sich ihrer vielmehr besten Wissens zu <em>bedienen</em>. Was Marx kritisiert hatte, haben sie nicht abgeschafft, sondern sich angelegen sein lassen. Lediglich, um es zu den gedachten guten Sitten anzuhalten, wurde dem Geld punktuell eine Art Bremse eingebaut.</p>
<p>Nicht das Geld mit seinen Gesetzen, nicht den abstrakten Wert als solchen haben sie durch Planung ersetzt, sondern allein die <em>Konkurrenz</em> um ihn. Man plante, wo wieviel Geld erwirtschaftet, wieviel also produziert und f&uuml;r wieviel das jeweilige Produkt verkauft werden sollte. Was unter rein kapitalistischen Verh&auml;ltnissen die Marktkonkurrenz steuert, indem die Teilnehmer wechselseitig an den Preisen ihrer Konkurrenten Ma&szlig; nehmen m&uuml;ssen und nur dort produzieren, wo es sich nach demselben Ma&szlig;nehmen auch in Geld rentiert, das haben die Realsozialisten dem Geld ab- und selbst in die steuernde Hand genommen. So waren sehr wohl gegen&uuml;ber den kapitalistischen ver&auml;nderte Verh&auml;ltnisse geschaffen und die Menschen ein kleines St&uuml;ck weit von der Geldlogik befreit &#8211; wer wie ich nach dem Mauerfall vom Westen in den Osten kam und dort seit Jahren lebt, hat den Unterschied im Verhalten der Menschen sehr deutlich bemerken und dann rasch verschwinden sehen k&ouml;nnen. Trotzdem, es war bei der Geldlogik geblieben und unger&uuml;hrt hat sie ihr Werk denn auch gegen den guten Willen der Planer getan. Solange nicht unmittelbar das produktive Ergebnis geplant wird, zum Beispiel der Bau von H&auml;usern dieser oder jener Qualit&auml;t, sondern stattdessen die <em>Geldmenge</em>, die daf&uuml;r aufzuwenden und damit zu erl&ouml;sen sei, bleibt den Bauleuten ein verkehrtes Ziel gesetzt. Die aufzuwendende Geldmenge bemisst sich dann etwa an der Menge Material, die in den Bau eingeht, und wenn also <em>davon</em> eine bestimmte Menge zum Plansoll erhoben wird, so und so viel Tonnen Stahl, haben die geforderten Leute eben dies im Auge. Sie werden den Rohbau &uuml;ppig mit Stahlmatten volldonnern, um den Plan auf <em>diese</em> Weise zu erf&uuml;llen statt mit dem ordentlich hingestellten Haus. Und so schadet der abstrakte Wert auch hier, wo er &#8211; ganz gegen-kapitalistisch &#8211; auf der Kostenseite einmal nicht so sparsam, sondern geradezu so verschwenderisch wie m&ouml;glich anfallen soll, dem <em>materialen</em> Wert, der &#8220;Ware&#8221;. Und dass er selbst, der <em>abstrakte</em> Wert, auf diese Weise nie genug vom geplanten Mehrwert heckte, ist sattsam bekannt.</p>
<p>Mit diesem Versuch ist es daher vorbei, er hat historisch abtreten m&uuml;ssen. Nachfolger, wenn auch weit entfernt vom alten Lager, findet er trotzdem noch immer. Zaghaft oder selbstbewusst, wollen sie noch einmal bedeutend weniger weit gehen als die Sozialisten, gar nichts soll sich an den Grundrechenarten der kapitalistischen Mehrwertproduktion &auml;ndern, aber hier eine Tobin-Steuer, dort vielleicht die Besteuerung von Maschinen statt Menschen, hier mehr Marktchancen f&uuml;r die armen L&auml;nder und dort insgesamt die Entschleunigung des Marktes sollen dem Ganzen ein menschlicheres Antlitz geben. Doch wo immer die Bremse eingebaut w&uuml;rde, der Wachstumszwang, der mit dem gesellschaftsweit agierenden Geld gesetzt ist und der es schon schlecht vertr&auml;gt, wenn die Steigerung nur zu gering ausf&auml;llt, vertr&uuml;ge erst recht keine Form der Bremsung. Geld funktioniert nur dann als Kapital, es wird nur dann f&uuml;r <em>irgendetwas</em> produktiv, wenn es dar&uuml;ber zu <em>mehr</em> Geld wird. Kein Gesch&auml;ft ist eines, das nicht zuletzt mehr <em>Geld</em> einbringt als aufwendet, und ein Einsatz von Geld, der es dazu nicht bringt, muss unterbleiben. Diese klare Logik gilt schon f&uuml;r das bescheidenste Unternehmen, umso mehr aber, bei den Unmengen von Kapital, die da weltweit als Anspruch auf Vermehrung unterwegs sind, f&uuml;r die Gesamtheit des Weltmarkts. Ihn noch weiter zu hemmen, der schon jetzt nicht genug Rendite findet, um sich anst&auml;ndig am Laufen zu halten, hie&szlig;e die Krise nur versch&auml;rfen. Nicht menschlicher ginge es zu, sondern schlimmer katastrophisch. Die heute bereits g&auml;ngigen Zusammenbr&uuml;che, unter denen ganze L&auml;nder der bittersten Not verfallen, w&uuml;rden weiter noch ausgreifen, und solche urgem&uuml;tlichen Normalzust&auml;nde kapitalistischen Lebens gew&auml;nnen nur entscheidend noch an Ausdehnung und Sch&auml;rfe. Das Geld l&auml;sst sich nicht gut zureden, <em>zugleich</em> als Geld zu funktionieren <em>und nicht</em> als Geld zu funktionieren, n&auml;mlich bitte lieb zu sein mit allen.</p>
<p>Also steht felsenfest der andere Glaube, wie es mit dem Geld besser gehen k&ouml;nnte: Es m&uuml;sse nur ungebremst, ohne nach links und rechts zu schauen, ganz allein <em>seinem</em> Erfolg zugetrieben werden &#8211; &#8220;neo-liberal&#8221;, &#8220;global brutal&#8221;, &#8220;Kapitalismus pur&#8221; -, und als Folge <em>davon</em> w&uuml;rde sich dann alles andere auf der Welt ebenso zum Guten wenden. Wenn die Welt erst einmal von Kapital &uuml;berfl&ouml;sse, so h&auml;tte das endlich auch den &Uuml;berfluss an Wohlstand und Wohltaten und Wohlergehen f&uuml;r alles und jeden zur Folge. Wenn dem heute offenbar <em>noch</em> nicht so sei, dann nicht etwa auf Grund von &#8220;Kapitalismus pur&#8221;, sondern weil der bisher nicht pur genug zum Zug gekommen sei. Schon bis dato h&auml;tten die Jahrhunderte kapitalistischen Wirtschaftens gro&szlig;en Reichtum geschaffen, aber weil noch nicht f&uuml;r alle, m&uuml;sse man folglich in dieser Richtung <em>fortfahren</em> und einfach <em>noch mehr</em> schaffen. Ja, allein dasjenige, was das Geld in die Hand n&auml;hme, habe &uuml;berhaupt die Gew&auml;hr, zum Besten gewendet zu werden. Wenn die Luft im Moment noch verschmutzt und Gew&auml;sser und Sonstiges unsch&ouml;n belastet werden, zwar: nach gut kapitalistischer Kostenrechnung, so m&uuml;ssten dennoch zuletzt auch Luft und Wasser &#8220;monetarisiert&#8221; werden, also ihren Geldwert erhalten, zu kaufen und zu bezahlen sein: als Waren einzig dem zug&auml;nglich, der daf&uuml;r Geld zu geben vermag. Dann erst, wenn wirklich alles &#8220;geldwert&#8221; w&auml;re, w&uuml;rde alles im rechten Ma&szlig; gesch&auml;tzt und, so kostbar wie kostentr&auml;chtig, auch gesch&uuml;tzt. Eine &Uuml;berzeugung, zu der sich auch H&ouml;risch damals auf dem Podium bekannte: Die Welt w&auml;re gut, weil richtig teuer.</p>
<p>Nun denn &#8211; m&uuml;sste also nur irgendwie daf&uuml;r gesorgt werden, dass das viele, viele, doch bitte keinesfalls <em>zu</em> viele Geld &uuml;berall <em>im rechten Ma&szlig;</em> vorhanden w&auml;re. Jeder Private und jeder Unternehmer m&uuml;sste &uuml;ber <em>genug</em> Geld verf&uuml;gen, um alles N&ouml;tige bezahlen zu k&ouml;nnen &#8211; nur so w&auml;re Not verhindert -, aber keinesfalls &uuml;ber <em>mehr</em> als genug &#8211; nur so w&auml;re verhindert, dass er Luft etwa <em>f&uuml;rs Verschmutzen</em> bezahlt. Der gesamten Welt als einer einzigen gro&szlig;en Ansammlung von Waren, vom Wassertropfen bis zum High-End-Produkt, von der Arbeitskraft bis zum Recht, irgendwo zu wohnen, m&uuml;sste die genau austarierte Menge an Geldverm&ouml;gen gegen&uuml;berstehen, und zwar nicht nur insgesamt, der Gesamtheit der Waren die richtige Gesamtmenge Geld, sondern bei jedem Einzelnen, bei <em>jedem</em> und jedem <em>einzeln</em>, m&uuml;sste fortlaufend genau die richtige Menge an Geld eingehen, die er f&uuml;r die austariert richtige Menge an Waren auszugeben h&auml;tte. O heilige <em>harmonia praestabilita</em> &#8211; welche g&ouml;ttliche Vorsehung sollte <em>das</em> planen! Aber nein, selbst das w&auml;re ja noch zu einfach, eine entscheidende Anforderung k&auml;me erst noch hinzu: All diese wunderbare Harmonie zwischen der Menge weltlicher G&uuml;ter und dem abstrakten Wert, um den sie sich ihrem Verbrauch ergeben, sollte sich ja allein durch die unsichtbare Hand des Markts erstellen, durch den blinden Konkurrenzkampf jeder gegen jeden, durch die pure <em>Logik des abstrakten Werts</em>. Globalisierungsgegner zwar demonstrieren vor Politikern allen Ernstes darum, sie m&ouml;chten dem Geld seine harmonische Verteilung doch bitte <em>anbefehlen</em>, sie durch robustes Auftreten gegen&uuml;ber der &#8220;Wirtschaft&#8221; herbeiregieren, aber das hie&szlig;e nur wieder das Geld diejenigen <em>mores</em> zu lehren versuchen, die es als Geld nicht befolgen kann und deshalb seit Jahrhunderten nicht befolgt. Die Politiker, die es da mit dem Geld endlich einmal richtig lenken sollen, tun denn auch nichts dergleichen und k&ouml;nnen es gar nicht. Sie haben alle H&auml;nde voll damit zu tun, in ihren National&ouml;konomien g&uuml;nstige Voraussetzungen f&uuml;r das zu schaffen, worauf eine jede National&ouml;konomie beruht, n&auml;mlich m&ouml;glichst hohe Kapitalverwertung, und dies nach der einzig m&ouml;glichen Logik dieser Verwertung, der des Geldes selbst.</p>
<p>Wie aber die funktioniert, ist kein Geheimnis: Sie leistet und erzwingt das genaue Gegenteil der erhofften und erbetenen Harmonie; nicht Ausgleich der Verm&ouml;gen, sondern absurde Polarisierung in Reich und Arm, Inseln des Profits durch Verelendung der Vielen, siegreiches Kapital unter Verw&uuml;stung ganzer L&auml;nder. <em>Und dem ist nicht zu steuern</em>. Denn das Geld, es feiert Erfolge, indem es sie verwehrt, und meidet Misserfolg, indem es Misserfolge schafft: Die Konkurrenz, die jeder gewinnen muss, gewinnt er <em>gegen</em> andere; und das Geld, das er gewinnt, gewinnt er anderen ab. Wenn denn &#8211; wie prophezeit &#8211; mit dem Geld alle zu Gewinnern werden k&ouml;nnten, oh, so h&auml;tten die Geldm&auml;chtigen l&auml;ngst daf&uuml;r gesorgt! Auch dem brutalsten Ausbeuter w&auml;re es lieber, er m&uuml;sste seine Arbeiter nicht r&uuml;cksichtslos um einen ausk&ouml;mmlichen Lohn bringen; so h&auml;tten sie n&auml;mlich mehr Geld, um ihm mehr abzukaufen. Und der verbohrteste Lobbyist einer Supermacht s&auml;he es lieber, seine weltmarktgerechten IWF-Ma&szlig;nahmen w&uuml;rden die betreuten Staaten nicht weiter ruinieren, sondern verwandelten sie in bl&uuml;hende Landschaften mit vielen gl&uuml;cklichen Leuten und ganz, ganz vielem Geld: Was w&auml;ren sie dann f&uuml;r ein attraktiver Markt!</p>
<h4>3. Das Denken denkt nicht , ohne&#8217;</h4>
<p>So aber geht es nicht zu, und wie es heute geht &#8211; ich muss nicht malen, was jeder kennt &#8211; so <em>muss</em> es gehen, wenn das Geld bestimmt. Unsere Gegenwart ist hier ein g&uuml;ltiger <em>Beweis</em>. Der lachhafte Modell-Idealismus stirbt zwar deshalb nicht aus: Weil es Erfolgreiche gibt, k&ouml;nnten alle erfolgreich sein, <em>wenn sie es nur machten wie jene</em>; klar, wenn <em>einer</em> siegt beim Hundert-Meter-Lauf, so k&ouml;nnen es alle, wenn sie es definitionsgem&auml;&szlig; machen <em>wie er</em> &#8211; nur leider, indem auch sie die anderen <em>be</em>siegen. Nein, die Varianten, um die Niederlagen zu vermeiden, sind alle l&auml;ngst durchgespielt, mehr Markt, mehr Staat, ein anderer Zins, noch mehr privat, und l&auml;ge es wirklich in der Hand von Managern, Politikern oder internationalen Institutionen, den weltweiten Erfolg aller oder jedenfalls der je eigenen Nation herbeizuregieren, sie h&auml;tten es liebend gerne getan, nichts w&uuml;rde ihre Stellung besser festigen. Worldcom w&auml;re nicht pleite gegangen, Afrika w&uuml;rde zahlen statt zu hungern und die Meere h&auml;tten weiterhin reichlich Fisch. Die H&auml;rten des Markts und die H&auml;rten gegen diese Welt, sie sind <em>Erfolg</em> des Geldes. Und wohin auch immer man sich wendet, den H&auml;rten zu entgehen, man st&ouml;&szlig;t auf <em>seine</em> Logik, die es jedesmal verwehrt.</p>
<p>Weshalb fehlt dann der Gedanke: <em>ohne Geld</em>?</p>
<p>Nein, nicht weil er schwierig ist, weil die Probleme unabsehbar w&auml;ren und weil reifliche &Uuml;berlegung ihn deshalb ausgeschlossen h&auml;tte. Es <em>gibt</em> den Gedanken einfach nicht, er fehlt von vornherein. Alles verbreitete Schimpfen, Verzweifeln und Klagen &uuml;bers Geld, nirgends wagt es sich auch nur in die N&auml;he des Gedankens, dies Beschimpfens- und Beklagenswerte auszuschlie&szlig;en. Die utopischsten Vorstellungen davon, wie es mit dem Geld einmal gegen dessen Logik gehen sollte, niemals versteigen sie sich zu <em>dieser</em> Utopie. Philosophen halten es locker f&uuml;r m&ouml;glich, dass es keine Welt gibt, und Physiker, es g&auml;be unendlich viele, nur eine Welt <em>ohne Geld</em> ist ganz undenkbar.</p>
<p>Sohn-Rethel hatte erkannt: Das Geld formt auch das <em>Denken</em>. Die Warenform als Denkform &#8211; das Geld als eine Form, nach der wir denken &#8211; das Denken selbst nicht denkbar , ohne Geld&#8217;: <em>So</em> w&auml;re uns der Gedanke genommen, es ginge jemals , ohne&#8217;. Kein Gedanke entkommt dem Geld, weil es jeder fest schon in sich tr&auml;gt.</p>
<p><em>Can such things be? </em> Verfalle ich nun doch dem Glauben an Magie? Steht das bei Sohn-Rethel &#8211; oder h&auml;tte er dem wenigstens zugestimmt? Mag sein, er h&auml;tte es nicht getan, und doch nehme ich mit meiner Schlussfolgerung seine Erkenntnis nur sehr ernst. Es lie&szlig;e sich ausf&uuml;hren &#8211; und ich habe es in meinem Vortrag zum Sohn-Rethel-Kongress getan -, dass er selbst sich nicht recht klar war, welche Denkformen es <em>genau</em> sind, die uns das Geld einbeschreibt, und vor allem nicht, wie es dazu kommt. Zweifellos, die spezifische Abstraktion in der Tauschhandlung Geld gegen Ware, Ware gegen Geld, tr&auml;gt Formbestimmungen, die nach Sohn-Rethel f&uuml;r das rationale Denken &#8211; ich w&uuml;rde einschr&auml;nken: f&uuml;r bestimmte Formen davon &#8211; konstitutiv sind. Doch auf die Frage, wie sich die Abstraktion von der Tauschhandlung ins Denken und dort unwillentlich und unwissentlich auf alle m&ouml;glichen Denkinhalte <em>&uuml;bertr&auml;gt</em>, gibt er die zuverl&auml;ssig falscheste Antwort: durch bewusste Reflexion, sagt er, also dadurch, dass wir alle durchdringend und kritisch &uuml;ber den geldvermittelten Tausch und die in ihm verborgene Abstraktionsleistung <em>nachdenken</em> und sie <em>erkennen </em>w&uuml;rden. Das kann schon deshalb nicht sein, weil kaum jemand dergleichen tut, und ist deswegen so verfehlt, weil die &Uuml;bertragung damit <em>bewusst</em> vollzogen w&uuml;rde und wir jene am Geld gewonnenen, vom Geld erzwungenen Denkformen gerade nicht <em>unwillk&uuml;rlich</em> und <em>ohne unser Wissen</em> auf andere Denkinhalte legten. Solange aber die Frage der &Uuml;bertragung unbeantwortet, solange also ungekl&auml;rt ist, <em>wie</em>, bleibt unklar auch, <em>was</em> da genau &uuml;bertragen wird, und das hei&szlig;t eben: nach pr&auml;zise <em>welchen</em> Formen unser Denken auf Gehei&szlig; des Geldes denkt. In dem hier zur Rede stehenden Punkt aber &#8211; und nur in diesem! &#8211; l&auml;sst sich das einmal recht einfach zeigen. <a name="3" href="#a3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Wie steckt das Geld in unserem Denken? Seiner Wirkung nach so, dass wir gleichsam durch es hindurch auf die Welt blicken, es bereits in unseren Augen tragen und so auf alles legen, worauf unser Blick f&auml;llt, eine Art F&auml;rbung des Glask&ouml;rpers, die uns deshalb auf den Dingen zu liegen scheint, eine Polarisierung durch die Hornhaut, die uns die Welt nicht mehr anders sehen l&auml;sst als polarisiert. Daher wird es uns so unendlich schwer, vom Geld noch einmal <em>ab</em>zusehen. Nicht nur, dass es uns aus jeder Ecke unserer Wirklichkeit entgegenruft: &#8220;Ick b&uuml;n all hier&#8221;; wo wir auf welches St&uuml;ck Welt auch immer treffen, etwas betrachten, es ber&uuml;hren, uns aneignen wollen, immer h&auml;ngt schon Geld daran. Sondern diese objektive Ubiquit&auml;t hat ihre Folgen und setzt ihre Bedingungen auch im Subjekt. Jeden zwingt sie dazu, Geld all&uuml;berall auch <em>mitzudenken</em>, es &uuml;berall <em>hineinzusehen</em>. F&uuml;r jeden der unz&auml;hligen Kaufakte, die wir Tag f&uuml;r Tag zu t&auml;tigen haben, haben wir zu wissen, aktuell vorwegzunehmen und aktiv zu bewahrheiten, <em>dass die Dinge hienieden verbunden sind mit Geld</em>. Damit selbst eine so einfache Transaktion wie der Einkauf beim B&auml;cker gelingt, m&uuml;ssen wir in der Ware zus&auml;tzlich noch den Geldwert sehen, leisten wir vorweg ihren Bezug auf Geld als abstrakten, rein f&uuml;r sich bestehenden Wert.</p>
<p>Der Bezug von Ware auf Geld, den wir im &Auml;quivalententausch herstellen m&uuml;ssen, <em>vulgo</em> bei Kauf und Verkauf, wo das eine f&uuml;rs andere gegeben und dabei <em>als Wert</em> gleichgesetzt wird, er verlangt von uns, diesen Wert zu denken, und der ist: eine <em>rein gedachte</em> Substanz, nein, <em>Un</em>-Substanz, immateriell, qualit&auml;tslos, ein leeres, stoff- und atomfreies, rein quantifiziertes <em>Nichts</em>. Doch dieses Nichts wiederum stets bezogen auf Ware, verbunden also mit allen nur denkbaren Gegenst&auml;nden und Sachverhalten, und damit zugleich der Inbegriff von <em>Etwas</em>, Inbegriff aller Substanzen, Qualit&auml;ten, Inhalte. Seinem Dasein nach ist der Tauschwert <em>reine Form</em>: jene Form n&auml;mlich, <em>die</em> und <em>in der</em> uns das Geld zu denken zwingt &#8211; ohne dass wir es bemerken w&uuml;rden -, die Form jener nicht-inhaltlichen Un-Substanz, die unser Denken einzig am Geld gewinnen kann. Seiner Funktion nach aber heftet sich dieser Wert, nein, heften <em>wir</em> ihn, <em>denken</em> wir ihn <em>gebunden an alles und jedes</em>: was auch immer Ware werden k&ouml;nnte.</p>
<p>Und das setzt nicht erst ein, wenn wir im B&auml;ckerladen stehen, wir tun es l&auml;ngst vorher und unabl&auml;ssig, unser Denken leistet es so allgemein und grunds&auml;tzlich, wie wir in Verh&auml;ltnisse hineingeboren werden, die ebendies allgemein und grunds&auml;tzlich erfordern. Dadurch, dass es unser Denken leistet, und nur, <em>wenn</em> es dies getreulich tut, <em>gibt</em> es dieses Nichts, abstrakten Wert: indem Menschen seine Funktion <em>anerkennen</em> und seine Existenz daf&uuml;r <em>annehmen</em>. Eine Annahme, die allerdings nicht blo&szlig; aus der Luft gegriffen ist. Sie besitzt ja ihren zwingenden Grund darin, dass die Funktion abstrakten Werts &#8211; wie ausgedacht er auch immer sein mag &#8211; objektiv durchgesetzt ist. Wollte jemand die Annahme unterlassen und den Geldwert f&uuml;r inexistent halten, die weltlichen M&auml;chte w&uuml;rden alsogleich Nachhilfe zu leisten und dem Verwirrten mit Nachdruck den richtigen Glauben beibiegen. In Bezug auf Geld sind die Gesetze ja sehr empfindlich und geben der Polizei und anderen Kr&auml;ften damit reichlich zu tun. Und dennoch gilt: Dass Geld als Geld funktioniert, dass es &uuml;berhaupt Geld <em>ist</em>, hat zur Voraussetzung, dass Menschen es <em>denken</em>, dass sie die Dinge mit diesem abstrakten Wert verkn&uuml;pfen und ihn daf&uuml;r, den es sonst nicht g&auml;be und der sonst in nichts besteht, im Denken synthetisch erst <em>bilden</em> &#8211; ja, man kann sagen: ihn sich <em>einbilden</em>. Der Geldwert ist eine Denkleistung.</p>
<h4>4. Wert als Energie</h4>
<p>So findet <em>diese</em> Frage ihre fast tautologisch einfache Antwort: Wir kommen deshalb nicht dazu, die Welt ohne Geld zu denken, weil wir alles <em>mit</em> ihm denken. Unwillk&uuml;rlich und unumg&auml;nglich hat unser Denken dieses chim&auml;rische Wesen , Wert&#8217; zu synthetisieren und, ineins damit, &uuml;ber die ganze Welt zu legen. Das geh&ouml;rt zum Wert wie die globale Ubiquit&auml;t zum Geld, das er ist, und hat darin zugleich seinen <em>negativen</em> Grund: die qualitative Leere und <em>Un</em>bestimmtheit des Geldes. Da es virtuell mit <em>allem</em> gleichgesetzt wird, tr&auml;gt es <em>keinerlei</em> inhaltliche Bestimmung, und keinerlei definitorische Kanten schlie&szlig;en irgendetwas davon aus, gegen Geld getauscht und also mit abstraktem Wert verkn&uuml;pft zu werden. Gerade durch diese Unbestimmtheit bestimmt sich paradoxerweise, wie wir diesen Wert denken und worauf wir seine Form &uuml;bertragen. Sowenig n&auml;mlich dem Geld eine Grenze gezogen ist, welche Dinge <em>nicht</em> mit ihm gekauft, womit es also <em>nicht</em> verbunden werden k&ouml;nnte, so wenig vermag unser Denken eine Grenze zu ziehen, woran es die Wert-Form nicht mehr heften d&uuml;rfte. Die universale Ausdehnung der Sache bildet sich ab in der nicht-inhaltlichen Form, und umgekehrt die nicht-inhaltliche Sache darin, dass ihre Form universal auf alles, auf jeden Denkinhalt auch <em>&uuml;bertragbar</em> ist. Kein Ding vermag dem Denken je Einhalt zu gebieten: &#8220;Ich bin nicht Wert.&#8221; <em>Daher</em> ist ihm alles in der Welt auch Wert.</p>
<p>Ich erinnere mich noch gut der Entr&uuml;stung eines Bauarbeiters aus dem deutschen Osten, der erleben musste, wie einem westlichen Kollegen eine ganze Schachtel N&auml;gel vom Ger&uuml;st fiel und dieser, statt die N&auml;gel wieder zusammenzuklauben, kurzerhand zur n&auml;chsten Schachtel griff. In der DDR war kein Holzbrett beiseite gestellt worden, ohne dass man die alten N&auml;gel herausgezogen und f&uuml;r weitere Verwendung glatt geh&auml;mmert h&auml;tte. Nun fallen dort die neuen &#8211; und jemand rechnet anders. Er rechnet ganz in Geld und sagt sich, die Zeit, um hinabzusteigen und St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck zu suchen, w&uuml;rde mehr kosten als die neuen N&auml;gel. Das mag zutreffen oder nicht, in jedem Fall sind f&uuml;r ihn nicht N&auml;gel vom Ger&uuml;st gefallen, sondern Geld &#8211; dasselbe, was auch die Zeit &#8220;ist&#8221;. Es steckt hierin wie dortdrin, und die N&auml;gel m&ouml;gen aus Eisen und die Zeit woraus auch immer sein, ihre eigentliche Substanz ist jedesmal das Geld: Um <em>seine</em> Bewahrung geht es, um <em>seine</em> Wirklichkeit.</p>
<p>Mit ihm verdoppeln wir die Welt in sie selbst und diesen Astralleib, den wir in sie hineinsehen. Der aber, der ausgedachte, scheint uns wirklicher noch als sie selbst, scheint uns ihr wahrer Leib zu sein, der Leib, der z&auml;hlt. Des Kaisers Marschalk beklagt im <em>Faust</em> &#8211; &#8220;<em>Nun soll ich zahlen, alle lohnen</em>&#8221; &#8211; die Abh&auml;ngigkeit von einem Gl&auml;ubiger:</p>
<p>&#8220;Der schafft Antizipationen,</p>
<p>Die speisen Jahr um Jahr voraus.</p>
<p>Die Schweine kommen nicht zu Fette,</p>
<p>Verpf&auml;ndet ist der Pf&uuml;hl im Bette,</p>
<p>Und auf den Tisch kommt vorgegessen Brot. &#8221;</p>
<p>Denn dessen <em>Wert</em> ist &#8220;Jahr um Jahr voraus&#8221; bereits verbraucht worden, <em>er</em> ist &#8220;vor&#8221;-gegessen und ist das eigentliche Brot, dem das gebackene auf dem Tisch nur noch nachfolgt wie Hexen-Fexen und Gespenst-Gespinste. Doch Mephisto wei&szlig; Rat, den Antizipationen der Schuldscheine zu entkommen, indem ihnen eine gleiche Vorwegnahme entgegengesetzt wird: Geldpapiere als Anweisung auf vergrabene Sch&auml;tze. Goethe l&auml;sst sie spielen, als kursierte da nur Scheingeld, und sind doch veritable Geldscheine &#8211; &auml;hnlich steht es noch heute auf den Dollars:</p>
<p>&#8220;Zu wissen sei es jedem, der&#8217;s begehrt:</p>
<p>Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.</p>
<p>Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,</p>
<p>Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.</p>
<p>Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,</p>
<p>Sogleich gehoben, diene zum Ersatz. &#8221;</p>
<p>Das Gold als der gedachte Wertgrund des Papiers, man mag es gut und gerne vergraben lassen. Denn ob mit Gold oder ohne, ob festgehalten auf Papier, in Metall oder elektronischen Daten, durch nichts davon wird der Wert substantieller oder weniger substantiell. Der Verweis aufs <em>Gold</em>, den ihm Teufel und Obrigkeit da mit auf den Weg geben, zeigt blo&szlig;, wie gediegen-wirklich uns der Wert erscheint, w&auml;hrend er sich doch in nichts sonst als Wert bew&auml;hrt, als dass er &uuml;berhaupt auf G&uuml;ter <em>verweist</em> &#8211; egal auf welche. Er <em>ist</em> dieser Verweis: der <em>Bezug</em> auf Waren, auf das, was er kauft, auf das, worin er sich &uuml;berhaupt nur immer realisiert. Und daf&uuml;r, dass er das tut, gen&uuml;gt es, ihn nur irgendwo und irgendwie als Zahl festzuhalten &#8211; wenn au&szlig;erdem durch irdische M&auml;chte gesichert ist, dass diese Zahl als Geld <em>fungiert</em>, als ein Quantum des <em>Bezugs auf Waren</em>. W&auml;re die Zahl auf dem Konto einmal nicht mehr als dieser einzusetzen und w&auml;re nichts mehr mit ihr zu kaufen, so w&auml;re sie das blo&szlig;e Nichts ihrer Form. Damit sie das bedeutende Etwas wird, als welches wir sie kennen, hat ihr genau nur diese Funktion zuzukommen und hat es also nur &uuml;berhaupt Waren zu geben, die diesen Bezug auf sich anerkennen, egal ob nun Gold oder Gummib&auml;rchen, Massage oder frisches Brot. Deshalb l&ouml;sen die Nationen, die es endlich auch verstanden haben, allm&auml;hlich ihre Goldreserven auf, und seit langem schon bek&auml;me man den Geldwert eines Scheines staatlicherseits nicht mehr in Gold aufgewogen. Aber das hei&szlig;t nur, dass der Wert selbst nun wirkt wie Gold, hei&szlig;t also, dass Funktion und reiner Bezug f&uuml;r uns gediegen-selbst&auml;ndige Existenz erhalten &#8211; dass wir sie in dieser Weise <em>denken</em>. Das ist verr&uuml;ckt genug und ist entsetzlich verkehrt.</p>
<p>Es ist der unwillk&uuml;rliche Irrglaube, Geld und Wert w&auml;ren eine absolute Substanz oder besser noch eine Art Energie, die man gewinnen k&ouml;nne und erzeugen m&uuml;sse wie Kilokalorien oder elektrischen Strom. Man kennt die Vorstellung: Geld muss man nur irgendwo hinflie&szlig;en lassen, hineinpumpen, investieren, und wo vorher Stillstand war, geht es alsbald rund. &#8220;Wo fehlt&#8217;s nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.&#8221; Und es fehlt &uuml;berall, wird &uuml;berall gebraucht, wo <em>irgendetwas</em> fehlt. Hier wird gehungert, da Geld die Nahrung ist, dort bleibt ein Bau unvollendet, weil Geld der M&ouml;rtel ist, und da bricht alle Versorgung zusammen, da Geld f&uuml;r alles Mittel ist. Und dort fehlt zwar Nahrung, doch sie flie&szlig;t, wenn Gelder flie&szlig;en. Hier ruht ein Projekt, obwohl alles, Leute und Material, bereitsteht, doch l&auml;uft es, sobald nur der Treibstoff einl&auml;uft, Geld. In den armen L&auml;ndern wiederum h&auml;tte es t&uuml;chtige H&auml;nde genug, doch erst muss Geld von au&szlig;en kommen, das gibt ihnen Kraft, um Arbeitskr&auml;fte zu werden.</p>
<p>Kurd La&szlig;witz hat die Vorstellung dabei auf ihre reinste Form gebracht. Sein Roman &#8220;Auf zwei Planeten&#8221; l&auml;sst die Bewohner des Mars, herrlich &uuml;berlegen den Erdmenschen, zwar ebenso wenig wie sie aufs Geld verzichten, aber doch unmittelbar <em>Energie</em> als Geld verwenden. Wie auf einer Geldkarte mit Speicherchip tr&auml;gt jeder sein Quantum davon bei sich, aufgeladen mit Hilfe der Sonne, als Tauschmittel &uuml;bertragbar auf andere und in jedem Fall aber eine Form von Wert, die als Energie <em>unmittelbar</em> Arbeit leistet. Der aufgeladene Akku, ja, so stellen wir uns das Geld vor: Leistung, die sich sammelt und somit Leistung erm&ouml;glicht. Was die reichen Staaten an Energie aufgebracht h&auml;tten, davon g&auml;ben sie den armen ab, und weil es denen an Kraft gebricht, &uuml;bertr&uuml;gen ihnen die Starken etwas von der ihren. Woher sonst soll die Kraft zum Handeln kommen denn aus &#8211; Kraft? Diese aber w&auml;re das Geld direkt: die potentielle Energie eines Steins, den wir mit derselben Energie auf eine H&ouml;he gehoben haben, die er, hinunter rollend, wieder abgibt, &#8220;leistet&#8221;. Deshalb hei&szlig;t es: Man kann sich nur leisten, was man geleistet hat! Man kann nur verbrauchen, was vorher erwirtschaftet wurde! Solche Kerns&auml;tze leuchten uns sehr wohl ein. Und doch sind sie, vom Geld gesprochen, die pure L&uuml;ge: als w&auml;re das Geld selbst die Nahrung, nur dann zu essen, wenn sie vorher angebaut wurde, und als w&auml;re es selbst die Arbeit, nur dann zu leisten, wenn jemand Kraft dazu gesammelt hat.</p>
<p>Tats&auml;chlich, wenn dem so w&auml;re, wie unser geldgeformtes Denken da behauptet, <em>dann ginge es nicht ohne Geld</em>. Dann l&auml;ge es schon immer in der Welt, und jene Zeiten, die es noch nicht kannten, h&auml;tten einfach noch nicht entdeckt, dass Arbeit, die einer aufwendet, unmittelbar Wert ist und jedes Ding als solches immer Geld. Als die Menschen es endlich m&uuml;nzten, auf Papier schrieben und an der B&ouml;rse handelten, h&auml;tten sie diesem Naturzustand damit nur sichtbare Form gegeben.</p>
<p>Doch Geld <em>zwingt</em> zwar zu Leistung, aber es <em>ist</em> sie nicht, <em>verf&uuml;gt</em> zwar &uuml;ber die Produktion von Dingen, aber <em>produziert</em> sie nicht. <em>Sein</em> Produziertwerden vollzieht sich allein &uuml;ber den Handwechsel bei Kauf und Verkauf, das hei&szlig;t beim schieren Gegenteil von Produktion, bei ihrem <em>Verbrauch</em>. Was immer produziert wird, zu Geld wird es nicht als dieses Produkt, sondern allein dadurch, dass es &#8211; bei einem anderen als dem Produzenten &#8211; in den Verbrauch geht. Wie selbstverst&auml;ndlich ist uns klar, dass vor allem eines: Konsum n&ouml;tig ist, damit es der &#8220;Wirtschaft&#8221; gut geht. Wo nicht verbraucht wird, f&auml;llt auch kein Geld an, und insofern also <em>ist</em> Geld Verbrauch, und zwar unsinnigerweise der bereits erfolgte, der vergangene, ist Geld stets &#8220;vorgegessen Brot&#8221;. Absurd also, dass sich, was Einer verbraucht, bei einem Anderen als Substanz ansammelt; dass solch gewesener Verbrauch als Stoff fungiert, von dem der k&uuml;nftige zu zehren hat; dass Geld und Kredit als Nahrung oder Brennstoff weitergeben, was andere einmal verbrannt und verdaut haben!</p>
<p>Eine harmlose Unlogik, so mag man sagen, aber &#8211; nur zum Beispiel &#8211; ein t&ouml;dliches Ungl&uuml;ck dort, wo nicht genug Verbrauch in just diese Form seiner abstrakten Negation hat &uuml;bergehen k&ouml;nnen, wo also zu wenig davon zu Geld wurde und daher zugleich mit diesem nun unmittelbar die Nahrung fehlt. Zum globalen Ungl&uuml;ck aber wird dieselbe Unlogik, nein, ist sie l&auml;ngst geworden, da sie &#8211; so: Man stelle sich einen Apfelbaum vor, schwer von Fr&uuml;chten, und nun eine Logik, ihn zu ernten, die besagt, je mehr &Auml;pfel bereits abgenommen wurden, umso mehr seien von ihm zu holen; wenn nichts geerntet worden sei, trage er auch keine &Auml;pfel; besser, es fehlten schon viele &Auml;pfel und w&auml;ren gegessen, so g&auml;be es diese reichlich noch einmal und immer wieder vom Baum zu holen; und am besten, er w&auml;re einmal vollst&auml;ndig gepl&uuml;ndert, dann, ja dann w&auml;re von dem gepl&uuml;nderten, von dem kahlen Baum, der nichts mehr tr&auml;gt, die F&uuml;lle zu holen. Ein wiederum allzu harmloses Bild, aber jeder wird es um die entsprechenden und um detailliertere Bilder davon erg&auml;nzen k&ouml;nnen, welche Wirkungen und Wirklichkeiten ein Umgang mit der Welt zeitigt, von Boden, Luft und Wasser bis zum &auml;therischen Innenleben der Menschen, der dieser Logik gedankenlos gedankenvoll entspricht.</p>
<h4>5. Der undenkbare Gedanke</h4>
<p>Und wenn es nun ohne Geld ginge? Nein, keine blo&szlig;e Ersetzung durch Informationsbits, Kauri-Muscheln oder Arbeitswertscheine, keine Rettung des Geldes und Bewahrung seiner Logik, sondern seine Abschaffung. Wenn es ohne Geld ginge: so fehlte es &#8211; und fehlte somit <em>nichts</em>.</p>
<p>Die Welt w&auml;re nicht l&auml;nger verdoppelt. Dinge und Menschen w&auml;ren nur mehr sich selbst, keinem Doppel verpflichtet, nicht diesem Un-Ding unterworfen, vor dessen Zwang, <em>sich</em> zu vermehren, alles andere f&uuml;r nichts gilt. Jedes Lebensmittel w&uuml;rde entstehen, weil es Lebensmittel, nicht aus dem Grund und nur unter der Bedingung, dass es zugleich vor allem Wert ist, jenes Un-Wesen, als welches sich alles zu realisieren hat, wenn es denn jemandem zum Verbrauch dienen soll. Die Menschen h&auml;tten sich allein um diese Mittel zu sorgen, nicht darum, sie vorweg zum Mittel eines Un-Werts zu machen, der sich um gar nichts sonst besorgt.</p>
<p>Es w&auml;re nichts mehr zu teuer. Kein Hunger bliebe noch deshalb ungestillt, weil es an Geld fehlt. Keine Hilfe bliebe deshalb ungeleistet, weil sie sich keiner leisten kann. Keine Unternehmung l&auml;ge nur deshalb ungetan darnieder, weil sich Verbrauch an anderer Stelle nicht ausreichend in diese staatlich garantierte Chim&auml;re verwandelt hat.</p>
<p>Nichts hinge mehr davon ab, dass es sich rentieren muss. Keine Tat und kein Gut entst&uuml;nden nur noch dann, wenn die nebenher laufende Rechnung aufgeht: Geld, das einer daf&uuml;r aufbringt, muss mehr Geld werden, das es ihm einbringt. Produktionsst&auml;tten w&uuml;rden betrieben, weil sie Produkte, und w&uuml;rden nicht deshalb zusammenbrechen, weil sie nicht genug Geld abwerfen. Kein Mensch verl&ouml;re seinen Unterhalt, weil, ihn zu bezahlen, einem anderen nicht genug Profit verschafft.</p>
<p>Man k&ouml;nnte produzieren, wie es die Sache und die Bed&uuml;rfnisse, nicht wie es Kosten und Rentabilit&auml;t verlangen. Kein Haus m&uuml;sste schlechter gebaut oder hergerichtet werden, als es die technischen M&ouml;glichkeiten erlauben &#8211; weil es billiger ist. Tiere m&uuml;ssten nicht mit Dreck, Chemie und ihresgleichen zur Verk&auml;uflichkeit gezogen werden &#8211; weil man sich anders nicht auf dem Markt h&auml;lt. Und Menschen &#8211; heute hei&szlig;t das diejenigen, die noch um das Gl&uuml;ck einer bezahlten Arbeit ringen d&uuml;rfen &#8211; h&auml;tten nicht unter einem Druck zu arbeiten, der ihnen mehr und mehr noch ihr Leben verdirbt &#8211; weil es die Konkurrenz nicht anders zul&auml;sst.</p>
<p>Gut und sch&ouml;n, das sind papieren-utopische Verh&auml;ltnisse und eine Liste, die sich endlos fortsetzen lie&szlig;e, von den Kriegen um eine den wirtschaftlichen F&uuml;hrungsnationen genehme Weltordnung bis zum Markenzwang unter den <em>kids</em> oder umgekehrt von der Tomate, die schmeckt, bis zu einer Versorgung der Menschen ohne Besiegte. Aber, so lautet der erste Einwand, wer soll all die sch&ouml;nen Dinge dann bezahlen? Niemand soll sie bezahlen, denn niemand h&auml;tte mehr etwas zu bezahlen. Wer soll daf&uuml;r aufkommen? Niemand, f&uuml;r nichts w&auml;re mehr Geld aufzubringen. Aber wer stellt dann her, was alle brauchen, wer &uuml;bernimmt die n&ouml;tigen Dienste? Wer es eben &#8211; sagen wir vorl&auml;ufig: ehrenhalber &#8211; &uuml;bernimmt.</p>
<p>Nat&uuml;rlich ist der Einwand zwingend: Wenn das Geld fehlt, woher soll dann alles kommen? Aber er setzt nur wieder voraus, was gerade nicht mehr Voraussetzung sein soll, n&auml;mlich das Geld als Treibstoff aller T&auml;tigkeit und Produktion. Weil heute alles unter seinem Zwang geschieht, weil es heute zu nichts kommt, ohne dass Geld daran beteiligt w&auml;re, deshalb ist unvorstellbar, dass es ohne Geld noch zu &uuml;berhaupt etwas k&auml;me. Richtig aber w&auml;re dies: Es kommt zu all dem, was sich Menschen vornehmen und was in ihren realen M&ouml;glichkeiten liegt, weil sie es sich vornehmen und dar&uuml;ber einig werden.</p>
<p>Ein anderer Einwand: Wie soll es denn gehen, dass man gibt und nimmt und dabei nicht <em>gleich viel</em> bekommen will, wie man selbst gegeben hat? Soll sich denn der Eine, ohne mit der Wimper zu zucken, st&auml;ndig &uuml;bervorteilen lassen? Soll das, was er f&uuml;r das Weggetauschte bekommt, ohne Einspruchsrecht einfach weniger wert sein d&uuml;rfen? Nein, denn es w&auml;re nicht <em>weniger</em> wert, weil es nicht <em>Wert</em> w&auml;re. Und das ist kein Trick, sondern zeigt nur noch einmal, wie schwer es uns f&auml;llt, die Welt <em>nicht</em> als Wert anzusehen. Denn auch dieser Einwand setzt etwas voraus, was ohne Geld keinen Sinn mehr h&auml;tte, den &Auml;quivalententausch zwischen je zwei Wertbesitzern A und B. Auch er w&uuml;rde fallen, und an seine Stelle tr&auml;te das Richtige: die gemeinsame, abgesprochene Produktion und Verteilung der G&uuml;ter.</p>
<p>&#8220;Aber dann kann sich ja jeder nehmen, was er will! &#8221; Ein guter Einwand, f&uuml;rwahr, und endlich ein St&uuml;ck Wahrheit &uuml;ber das Geld. Man h&auml;lt sich ja sonst &uuml;berzeugt, Geld w&auml;re ganz allein daf&uuml;r da, dass jeder an seine Sachen kommt, da er sie unzweifelhaft <em>f&uuml;r Geld</em> bekommt. Und doch liegen die Dinge so, dass er sie <em>ausschlie&szlig;lich</em> f&uuml;r Geld bekommt, und auf diese Weise ist das Geld umgekehrt das Mittel daf&uuml;r, dass eben <em>nicht</em> jeder nehmen kann, was er will, dass er vielmehr <em>nichts</em> nehmen kann, dass er <em>ausgeschlossen</em> ist von allem &#8211; von allem, wof&uuml;r er nicht <em>Geld</em> zu bieten hat. Diese Ausschlie&szlig;ung, tats&auml;chlich, m&uuml;sste fallen. Nicht so, dass die Welt weiterhin der Supermarkt bliebe und der Einzelne ginge hin, r&auml;umte die Regale leer und machte einen eigenen Laden auf &#8211; wozu auch, da ihm niemand etwas abkauft. Sondern so, dass die Verteilung ebenso wie die Produktion abgesprochen w&auml;re, nicht mehr Sache des privaten Kunden, sondern die einer Art Almende.</p>
<p>Wie das gehen soll? Das wei&szlig; ich nicht. Aber ich habe einen Vorschlag.</p>
<p>All die Menschen, die jetzt noch hauptberuflich oder zu einem sonst betr&auml;chtlichen Teil ihres Berufslebens damit befasst sind, zu &uuml;berlegen, auszurechnen und auszut&uuml;fteln, wie es mit dem Geld zu gehen habe, also zum Beispiel Finanzbeamte bis hinauf in die Ministerien, Wirtschaftsweise vom IWF bis hinab zum Steuerberater, Bankleute von der h&auml;sslichen Filiale hier an der Ecke bis wiederum hinauf zu EZB und Weltbank, die Leute aus der Versicherungsbranche, den Werbeagenturen und Unternehmensberatungen, die geballte <em>intelligentsia</em> von BWL und VWL, Wirtschaftsjournalisten, B&ouml;rsianer bis zu solchen Nobel-Preis-gekr&ouml;nten &Uuml;berfliegern, die mit ihren Formeln das Jahr darauf eine saubere Pleite hinlegen, die Entwickler von Geldautomaten, Diebstahlssicherungen und Fahrscheinen, Angestellte an den Kassen, in der Buchhaltung, im Marketing-Bereich, eine Unmenge von Juristen, von Wachm&auml;nnern und Vollzugsbeamten, Bankr&auml;uber und Spekulanten, Programmierer und Verpackungsdesigner, Gewerkschafter und Lotto-Feen, alle sie, diese Millionen und Abermillionen Menschen, die ohne Geld nichts oder doch bedeutend weniger zu tun h&auml;tten und also frei w&uuml;rden f&uuml;r eine neue Besch&auml;ftigung, aber eingeschlossen ebenso alle &uuml;brigen Menschen, die noch immer genug Sorgen haben mit dem Geld, sie alle m&ouml;chten sich zusammenfinden zu einem gewaltigen <em>brain-storming</em>, zu einer Art Silicon Valley der neuen Vergesellschaftung, zur kritischen Masse eines qualitativ befreiten Innovationsdiskurses &#8211; schon gut, also, sie m&ouml;chten ihre gesammelte Geistest&auml;tigkeit, die bisher zu der hohen Stufe von Produktivit&auml;t <em>plus</em> aufreibende Verwaltung der Geldangelegenheiten hingereicht hat, einmal allein auf die erstere richten. Und dann m&ouml;chten sie &uuml;berlegen, wie das N&ouml;tige produziert und wie es verteilt wird.</p>
<p>Die Produktion wird sich sicherlich ver&auml;ndern, G&uuml;ter werden nicht erst dreimal um die Welt jagen m&uuml;ssen, um am Ende zwar weniger Geld, jedoch umso mehr Energie verbraucht zu haben. Nicht jedes kleine Kinder-Joghurt wird in seinem eigenen kleinen Plastikbecher mit eigener Deckfolie im offenen K&uuml;hlregal stehen, damit sein Kauf nur um Himmels willen keinen unn&ouml;tigen Widerstand &uuml;berwinden muss. Die Produktionskraft wird zum einen nachlassen, da das Geld als der gro&szlig;e Zwang &uuml;ber den Menschen wegf&auml;llt und da also auch kein Zwang mehr zum Wachstum besteht; aber zum anderen wird sie zunehmen, da kein Geld mehr Millionen &uuml;ber Millionen Menschen aussondert und zu Unt&auml;tigkeit verdammt; und weil eben viele, viele unn&ouml;tige Arbeit, sonst allein auf die Schwierigkeiten mit dem Geld und das Orakeln um den auf immer blind-undurchdringlichen Markt gewendet, frei w&uuml;rde f&uuml;r n&uuml;tzlichere Dinge.</p>
<p>Und die Verteilung? Muss da nicht <em>geplant</em> werden? Ja, es m&uuml;sste sein, wie grauenhaft schlimm das auch in den Ohren von Menschen klingt, die in der Marktwirtschaft noch nie irgendetwas zu planen hatten, nicht wahr? Weder irgendwelche Bestandteile oder Abl&auml;ufe der Produktion noch die &Uuml;berlistung, &Uuml;berbietung, Ausbremsung der Konkurrenz, nein, weil sich der Gang der B&ouml;rse beispielsweise gar nicht planen <em>l&auml;sst</em>, haben sie in ihrem ganzen Leben noch nie einen planerischen Gedanken auf diesen Gang verschwendet, ist es nicht so? Nun, jetzt m&uuml;sste leider und ganz &uuml;berraschend mit einem Mal geplant werden, ja, wenn auch nicht, wie im Sozialismus, der &#8220;Absatz&#8221; von &#8220;Waren&#8221;, die &#8220;Erwirtschaftung&#8221; von &#8220;Mehrwert&#8221; und &auml;hnlicher Kokolores. Sondern zu planen w&auml;re, was gebraucht wird, was wie lange wie viele H&auml;nde braucht, wenn man es auf welche Weise produziert &#8211; solcherlei Dinge. Da k&ouml;nnten Programme eingesetzt werden, wie sie l&auml;ngst in den Unternehmen existieren, Programme, die regeln, wann welches Produktionselement an welcher Stelle eintreffen muss, damit am Ende alles gut ist. Bei der Feststellung des Bedarfs w&auml;re inzwischen auf eine wunderbar planerisch-interaktive Einrichtung wie das Internet zur&uuml;ckzugreifen. Und Leute, die auf jeden Fall verhindern wollten, dass irgendjemand mehr bekommt, als ihm zusteht, w&uuml;rden ohne Zweifel mit einem Bruchteil des Aufwands, der heute f&uuml;r das entsprechende Problem getrieben wird, zu Ergebnissen kommen. Mir w&uuml;rde gen&uuml;gen, ich habe zu essen, habe meine Unterkunft, habe keine Konkurrenten; die Yacht mag sich unter den Nagel rei&szlig;en, wer will.</p>
<p>Alle einverstanden? Kann es sich jemand vorstellen? W&uuml;rde &#8211; jetzt &#8211; einer von Ihnen das Geld abschaffen wollen?</p>
<p>Kein Arm zuckt, kein Finger r&uuml;hrt sich. Ich bleibe allein. Was ist nur falsch, was ist geschehen, was habe ich &uuml;bersehen? Aber nat&uuml;rlich, eine ganze, gro&szlig;e Kleinigkeit: dass es gar nicht geht. Denn es <em>gibt</em> Geld &#8211; und damit den <em>Zwang</em> zu ihm. Jede m&uuml;de Mark, die einer besitzt, besteht auf dieser Welt als der <em>Anspruch</em>, in G&uuml;tern eingel&ouml;st zu werden, ein wohl gesch&uuml;tzter, ein machtvoll &uuml;berwachter Anspruch, auf dem jeder bestehen muss und der sich damit forterbt als immer er selbst und immer derselbe. Dieses gro&szlig;e Eine, was wir hienieden besitzen, was uns ausmacht, worauf unsere Stellung in der Welt beruht &#8211; oder wodurch unsere Stellung ebendort auch ins Wanken ger&auml;t -, wir <em>wollen</em> es nicht aufgeben: W&auml;re es doch, als g&auml;ben wir <em>uns</em> auf. Und wir <em>k&ouml;nnen</em> es nicht aufgeben. Da gibt es ja m&auml;chtige Aufpasser, die es gar nicht gerne sehen, wenn selbst Staaten auf ihrem ureigensten souver&auml;nen Gebiet der Geldlogik einmal nur <em>zu wenig</em> Recht einr&auml;umen wollen. Sie sehen es nicht gerne und lassen es deshalb einfach nicht zu. Da wird dann offen erpresst, wird gemordet, intrigiert und nicht zuletzt auch richtig Krieg gef&uuml;hrt. Kalt muss er heutzutage ja nicht mehr sein. Das mit der Abschaffung des Geldes kann man also, wie man so sagt, vergessen.</p>
<p>Also lassen wir f&uuml;r immer auch von dem Gedanken.<br />
<hr />
<p>Anmerkungen</p>
<p><a name="a1" href="#1">1</a> Karl Marx, Das Kapital I, MEW 23, S. 184.</p>
<p><a name="a2" href="#2">2</a> In einer auf 1970 datierten Anmerkung zu &#8220;Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus&#8221; (1937), in: Warenform und Denkform, Frankfurt/Main 1978, S. 27-89 (S. 83f. ).</p>
<p><a name="a3" href="#3">3</a> Wohlgemerkt, das Folgende betrifft lediglich einen kleinen Ausschnitt dessen, was hier zu entwickeln w&auml;re. Ausf&uuml;hrlicher dazu mein Buch &#8220;Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens&#8221;, Springe 2004.</p>
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		<title>Wenn uns die Arbeit ausgeht&#8230;</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:54:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Gronemeyer; Marianne]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2006/wenn-uns-die-arbeit-ausgeht">Wenn uns die Arbeit ausgeht&#8230;</a></p>
Die Heiligung der Arbeit]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2006/wenn-uns-die-arbeit-ausgeht">Wenn uns die Arbeit ausgeht&#8230;</a></p>
<p>Streifzüge 36/2006</p>
<p><em>von Marianne Gronemeyer</em> <span id="more-409"></span></p>
<p><em>Eine längere Fassung dieses Beitrags befindet sich in: Losarbeiten &#8211; Arbeitslos? , hg. von Andreas Exner, Judith Sauer, Pia Lichtblau, Nora Hangel, Veronika Schweiger, Stefan Schneider, in Kooperation mit Attac, ( Unrast-Verlag, Münster 2005. </em></p>
<p>&#8220;Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder&#8230; Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heilig gesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott&#8230; haben sie das, was ihr Gott verflucht hat, wieder zu Ehren zu bringen gesucht.&#8221; (Paul Lafargue)<a name="1" href="#a1"></a><sup>1</sup></p>
<p>Wer diesen Text heute in prekärer Lage, also von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen, liest, der wird ihn zynisch oder frivol finden. Als ob, was verzweifelte Angewiesenheit ist, nur eine verirrte Neigung, eine fehlgeleitete Begierde, kurz eine &#8220;seltsame Sucht&#8221; sei. Als sei das die tiefere Ursache der gegenwärtigen Krise der Arbeit, dass wir so verteufelt vernarrt in sie sind, dass wir so versessen darauf sind, Arbeit zu verrichten statt dem edlen Müßiggang zu frönen, und als sei die Arbeit nur deshalb so knapp, weil sich alle so nach ihr drängeln. Dabei wird, andererseits, den Arbeitsuchenden von den modernen Zynikern ganz anderes eingeschärft: &#8220;Wer Arbeit will, der kriegt auch welche.&#8221; Was nun also: Ist die Mehrheit der modernen Lohnsklaven arbeitssüchtig oder arbeitsscheu?</p>
<p>Aber ist Lafargue denn wirklich ein Zyniker? Oder können wir mit seiner Hilfe einige der unumstößlichen Satzwahrheiten in Frage stellen, welche uns tagtäglich als die Quintessenz der ökonomischen Vernunft eingebläut werden &#8211; einer besonderen Abteilung von Vernunft übrigens, die sich im allgemeinen Bewusstsein längst als <em>die</em> Vernunft schlechthin etabliert hat?</p>
<h4>Die Heiligung der Arbeit</h4>
<p>Lafargue sagt der Arbeit nach, sie sei die &#8220;Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung&#8221;. Das mag in dieser zugespitzten Form ein Spezifikum der Zeit der Frühindustrialisierung gewesen sein, aber gleichwohl ist doch den allermeisten auch heute die Arbeit eine solche Last, dass sie von der eigentlichen Lebenszeit als Zeit des Nicht-Lebens subtrahiert wird. Das Leben findet außerhalb der Arbeit statt, wenn es denn stattfindet. Und trotzdem steht , Arbeit&#8217; den Umfragen zufolge an der ersten Stelle der Lebenshoffnungen. Was macht die Lohnarbeit so attraktiv, dass niemand auf die Idee verfällt, sie zu ächten, wie man einst die Sklavenarbeit ächtete, nicht einmal die, die sich abrackern um ein karges Entgelt als Tausch für ihre verlorene Lebenszeit einzuhandeln, und noch weniger die, denen der Zugang zur Arbeit überhaupt verweigert wird? Niemand würde es wagen, auf die Arbeit zu pfeifen. Denn sie ist heutzutage nahezu die einzige Möglichkeit, sein Auskommen zu finden. Eigentlich garantiert für die allermeisten <em>nur</em> die Lohnarbeit den Lebensunterhalt. Also könnte man meinen, dass die Verehrung, die die Arbeit genießt, gar nicht ihr selbst gilt, sondern dem Lohn, der dabei abfällt. Das würde aber nicht erklären, warum diejenigen, die aus dem Arbeitsprozess verstoßen werden, sich nicht nur materiell geschädigt, sondern vor allem ausgestoßen fühlen, nicht mehr zugehörig. Warum also löst Arbeitslosigkeit solche dramatischen <em>Sinnkrisen </em>aus?</p>
<p>Arbeit ist knapp, oder besser: sie ist künstlich verknappt und wird tagtäglich rarer. Man braucht sich nur die mit düsterer Stimme vorgetragenen Nachrichten über Firmenzusammenlegungen und die sie begleitende &#8220;Freisetzung&#8221; der Arbeitenden zu Tausenden zu vergegenwärtigen um diese Tendenz allen anders lautenden Beschwörungen zum Trotz für unumkehrbar zu halten. Wir leben aber in einer Gesellschaft, in der alles, was knapp ist, in höchstem Ansehen steht, während das überreichlich Vorhandene naserümpfend für minderwertig erklärt wird. Das führt zu der perversen Situation, dass die Verehrungswürdigkeit der Arbeit in dem Maße steigt, in dem sie immer knapper wird, obwohl durch diese Verknappung der Arbeits- und Leistungsdruck und die zeitliche Beanspruchung für die Einzelnen immer mehr anwachsen, obwohl also moderne Arbeitsverhältnisse immer mehr Ähnlichkeit mit überwunden geglaubter Sklavenhalterschaft annehmen:</p>
<p>Während ich dies schreibe, kommt der lange und ungeduldig erwartete Techniker des Telefon-Störungsdienstes ins Haus um den Schaden, den ein Blitz angerichtet hat, zu beheben. Er kommt gewissermaßen im Laufschritt. Den ihm angebotenen Kaffee akzeptiert er beinah widerwillig und kippt ihn hastig hinunter, während er schon mit fliegenden Händen die notwendigen Verrichtungen erledigt. Er wirkt geradezu schweißgebadet und macht &#8211; das sei zu seiner Ehre gesagt &#8211; es dennoch möglich, freundlich zu bleiben, ja uns sogar bei der Diagnose weiterer Schäden zu helfen, die ihn wegen der strikten Auftragsaufteilung und -erteilung gar nichts angehen oder angehen dürfen. Ihm unterläuft bei seiner hastigen Arbeit ein Fehler, den er mit einem nervösen Blick auf die Uhr korrigiert. Sein Kommentar: &#8220;Je schneller das gehen muss, desto ineffektiver werde ich.&#8221; Nach Erledigung seines Auftrages hetzt er zu seinem Auto, um weitere Kundenaufträge , abzuarbeiten&#8217;. Er ist gewiss ein guter und verständiger Techniker, und ich habe enormen Respekt davor, dass er es sich leistete, sich um unsere Belange zu kümmern, die ihn nur in noch größere zeitliche Bedrängnis brachten. Als er fortfährt, frage ich mich, wie lange der Mittvierziger das noch durchhalten kann, und ich bin gar nicht mehr so sicher, dass die körperliche Zermürbung der Arbeitenden ein Spezifikum der Frühindustrialisierung war. Dennoch wird auch dieser gejagte Techniker in den Chor derer einstimmen, die die Arbeit als das höchste Gut besingen. Denn noch einmal: Je knapper und zugleich zwingender die Arbeit wird, desto heiliger und unantastbarer steht sie da.</p>
<p>Spätestens an diesem Punkt müsste die Frage nach den Profiteuren dieser irrigen Anschauung ins Spiel kommen. Aber so sehr verbindet sich schon jetzt mit dem Besitz eines Arbeitsplatzes die Vorstellung, einer Elite zuzugehören, dass sich diese mickrigen Eliten der niederen Ränge hineinphantasieren in die Zugehörigkeit zu den , Happy few&#8217; und deshalb ihre , Privilegien&#8217; mit Zähnen und Klauen gegen die Habenichtse verteidigen. Und die wiederum verfügen nicht über so viel Definitionsmacht, dass sie den Spieß einfach umdrehen und daran erinnern könnten, dass in der antiken Gesellschaft überhaupt nur derjenige den Bürgerstatus erwerben, also Ansehen genießen konnte, der <em>nicht</em> zur Verrichtung von schwerer Arbeit genötigt war. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sich dies als das neue Selbstbewusstsein der Arbeitslosen durchsetzen würde, statt dass sie beschämt und gedemütigt ein möglichst unauffälliges Schattendasein führen, das Schattendasein der viel zu Vielen, die ihrer Vielheit wegen nicht nur nichts wert, sondern eine gesellschaftliche Zumutung sind. Sie wären dann zwar immer noch materiell schlecht gestellt, aber sie könnten selbstbewusst eine neue kritische Öffentlichkeit begründen, in der sie sogar den im Arbeitsprozess drangsalierten und vollständig erpressbaren Mitbürgerinnen und Mitbürgern die kritische Stimme der nicht mehr Erpressbaren leihen könnten. Darin könnten sie übrigens von den Alten unterstützt werden, die auch keine Arbeit mehr zu verlieren haben: eine große Koalition der nicht-erpressbaren Nichteinverstandenen.</p>
<p>Ich bin mir vollständig darüber im Klaren, dass ich mir mit diesem Szenario den Vorwurf des Sozialromantizismus einhandle. Also: Mit welchen lieb gewordenen Denkgewohnheiten müssten wir noch brechen, um dieser abwegigen Vorstellung zur Glaubwürdigkeit zu verhelfen? Wir müssten uns abgewöhnen, den Arbeitslosen das ihnen vom Noch-Sozialstaat gewährte karge Salär zu missgönnen, wir müssten aufhören, sie ihres Nichtstuns wegen scheel anzusehen. Tatsächlich hätten wir allen Grund, die Nicht-Arbeiter und Nicht-Arbeiterinnen fürstlich zu honorieren, denn sie schädigen die Gesellschaft bei weitem weniger als diejenigen, die ihre Arbeitskraft in den Dienst des großen , Weltverbesserungsprojekts&#8217; der Moderne stellen, das in Wahrheit unsere Lebensgrundlagen vollständig zerstört. Aber ebenso tatsächlich gehört es natürlich zu den Spielregeln der modernen Gesellschaft, gerade denjenigen Macht, Autorität und Erfolg zuzuerkennen, die die Gesellschaft am nachhaltigsten schädigen, die den meisten das meiste vorzuenthalten vermögen. Wir müssten also die Verteilung von Schaden und Nutzen neu bedenken.</p>
<p>Der Gesellschaft und der Natur schaden in diesem Sinn nicht nur die 220 Reichsten der Welt, die sich den halben Globus unter den Nagel gerissen haben, nicht nur die Tausende von Wissenschaftlern, die ihren Lebenssinn und ihren Ruhm darin suchen, fieberhaft die militärischen Vernichtungspotenziale zu raffinieren, auch nicht nur die , exzellenten Köpfe&#8217; in den Biotechnologien, die die Menschen und alles, was sonst kreucht und fleucht und wächst und gedeiht, aller Kreatürlichkeit berauben und zum Rohstoff ihrer hybriden Konstruktionsabsichten machen wollen, und auch nicht nur die neuen Zyniker im großen Agrobusiness, die eine Apokalypse des Hungers vorbereiten, indem sie das Saatgut so manipulieren, dass es nach <em>einer</em> Ernte tot, also nicht mehr keimfähig ist und Jahr für Jahr neu gekauft werden muss bei diesen Herren der Erde.</p>
<p>Wohlgemerkt, sie alle stehen in hohem gesellschaftlichen Ansehen.</p>
<p>Schädigend sind jedoch auch die Betreiber jener Professionen, die nach wie vor auch moralisch einen guten Ruf genießen, die Repräsentanten der Dienstleistungsberufe, die heilenden, lehrenden und helfenden Berufe eingeschlossen, die sich schmeicheln, nichts als segensreich zu sein in ihrem Wirken, während sie in Wahrheit eine entmündigende &#8220;Expertenherrschaft&#8221; (Ivan Illich) aufrichten, die die Menschen der Verfügungsgewalt über ihre eigenen Belange vollständig beraubt. Ich muss mich nur in meiner eigenen Lebensgeschichte umsehen, um mich darüber zu entsetzen, wie viele von den Lebens- und Sterbensverrichtungen, die in meiner Kindheit noch ganz selbstverständlich in der Verfügung von jederfrau und jedermann waren &#8211; von der Reparatur der Dinge des täglichen Bedarfs über die Kurierung von Kinderkrankheiten bis zum Sterbebeistand -, heute in die Zuständigkeit von Experten und Expertinnen fallen, die sie als Dienstleistungsware feilbieten und jeden Versuch, davon <em>keinen</em> Gebrauch zu machen, nicht nur mit professioneller Strenge entmutigen, sondern sogar scharf sanktionieren.</p>
<p>Kurzum: Bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass beinah alles, was heute berufsmäßig an Arbeit verrichtet wird, menschheitsschädigend ist, und zwar durch die Bank. Tatsächlich müssen nicht die Arbeitslosen sich die Sinnfrage stellen lassen, sondern die Arbeitenden, und sorgfältige Selbstprüfung würde sie mit einem eher bestürzenden Eindruck von der Sinnhaftigkeit ihres geschäftigen Tuns konfrontieren.</p>
<p>Kommt noch hinzu, dass die Arbeitslosen, ihrer bescheidenen Alimentierung wegen, auch die schlechteren Konsumierenden sind, und auch das macht sie, wiederum gegen den Richtungssinn der ökonomischen Propaganda, zu , besseren, will sagen: verträglicheren Menschen&#8217;, denn ohne Frage verhalten sich, aufs Große und Ganze und auf lange Sicht gesehen, diejenigen am freundlichsten gegenüber den Nachkommen, die am wenigsten von dem verbrauchen, was sich nicht von selbst erneuert.</p>
<p>Wäre aber so die Ehre der Arbeitslosen wiederhergestellt, dann bliebe immer noch zu fragen, wie sie ihre zunehmende materielle Misere verbessern könnten. Die einzige Antwort, die mir einleuchtet, lautet: , Eigenarbeit&#8217;. Eigenarbeit, das heißt, den Geldbedarf und die Geldabhängigkeit zu mindern durch eigenes Tun und durch die Schaffung unmittelbar nützlicher Gebrauchsgüter für den eigenen oder den nachbarschaftlichen Bedarf. Es wäre ein anderer Gebrauch als der , Ein-Euro-Arbeitsdienst&#8217; von der überreichlich vorhandenen Zeit der Arbeitslosen zu machen. Die viel zu viele Zeit wird von den Arbeitslosen ja in der überwältigenden Mehrheit der Fälle gerade als peinigend und peinlich empfunden und die Pflicht, sie totzuschlagen, als noch belastender als die Maloche. Aber in ihr könnte eine reelle Chance stecken. Denn Arbeit an sich ist ja keineswegs knapp, im Gegenteil, sie liegt überall herum, man muss sie nur in Angriff nehmen. Knapp ist bloß die bezahlte Arbeit, könnte man meinen. Und so scheint es doch nahe liegend, die notwendigen Verrichtungen, in denen man sich als Lohnarbeiter durch andere vertreten ließ, die wiederum <em>damit</em> ihren Lebensunterhalt verdienten, wieder selbst in die Hand zu nehmen; und sei es auch aus Ungeübtheit zunächst ein wenig stümperhaft. Aber Vorsicht, so einfach ist das nicht.</p>
<p>In einem studentischen Projekt, das sich über zwei Semester erstreckte, sind wir intensiv der Frage nachgegangen, welche Möglichkeiten zur Eigentätigkeit und zur Minderung des Geldbedarfs es in den Bereichen Nahrung, Kleidung, Wohnung und Bildung in den modernen Gesellschaften gibt. Das deprimierende Ergebnis unserer Nachforschungen: Die konsumistische Gesellschaft hat die beiden in ihr favorisierten Existenzweisen, nämlich Warenproduktion und Warenkonsumtion, so totalisiert, dass beinah jede andere nicht von solcher Produktion und solchem Konsum beherrschte Tätigkeit erstorben ist. Nicht zuletzt dadurch, dass es schlichtweg kaum noch Eigenarbeit gibt, die ihren Einsatz lohnte. Jede Eigenarbeit wird durch Billigprodukte von vornherein ins Unrecht gesetzt oder entmutigt.</p>
<ul>
<li>* Meine Großmutter konnte noch aus zwei oder drei aufgeribbelten Pullovern einen neuen stricken, der nichts kostete. Der war keinesfalls modisch, aber warm, praktisch und haltbar. Heute kann man keinen gekauften Pullover mehr aufribbeln. Und die Wolle, um einen zu stricken, kostet das Dreifache von einem modischen Fertigteil aus chinesischer oder indischer Produktion.</li>
<li>* Die Bauern führen Klage, dass sie Milch nicht mehr zu dem Preis produzieren können, den die Käufer/innen im Supermarkt dafür entrichten müssen.</li>
<li>* Man kann so beschwerlich und asketisch reisen, wie man will, es wird immer noch teurer sein als ein Last-Minute-Schnäppchen vom Reiseanbieter auf Luxusniveau. Es ist nicht mehr einfach, mit seiner Hände und seines Hirnes Arbeit etwas herzustellen, das nichts oder weniger kostet als das, was im Supermarkt der Billigangebote zu haben ist.</li>
</ul>
<p>Und noch einer anderen Gefahr ist die Eigenarbeit ausgesetzt, nämlich der, verwechselt zu werden mit der Schattenarbeit, die wir als Konsumierende in immer größerem Umfang zu leisten gezwungen werden. Jene unbezahlte Arbeit, die wir verrichten müssen, um wertdefiziente Waren oder Dienstleistungen so aufzubessern, dass wir sie brauchen oder verbrauchen können.</p>
<p>Ivan Illich, der diese Art von Arbeit präzise analysiert und identifiziert hat, schreibt: &#8220;Mit Schattenarbeit meine ich das neuzeitliche, unbezahlte Komplement zur Lohnarbeit (&#8230; ) jene Arbeit, die notwendig &#8211; oft lebensnotwendig ist um fertige Ware für den Haushalt überhaupt erst brauchbar zu machen. Diese Arbeit konnte es nicht geben, bevor aus dem Haushalt, dem Ort des Unterhalts, ein Heim wurde, das nun Ort des Konsums ist. &#8220;<a name="2" href="#a2"></a><sup>2</sup> Schattenarbeit wird insbesondere im Dienstleistungssektor geleistet. Schularbeitenhilfe für die Kinder, Transport der Kinder zu den zahlreichen Nachmittagsbeschäftigungen, die Heimwerkerei von Ikea-Kunden, das Warten im Sprechzimmer des Arztes, der Gang zur Berufsberatung, die therapeutischen Maßnahmen, die notwendig werden, damit Kinder und Erwachsenen ihren institutionellen Alltag überhaupt überstehen können, die Wartung des Autos, die Bedienung des häuslichen Maschinenparks, die Mülltrennung usw. usf. All dies sind Tätigkeiten, die nicht mir selbst oder dem Mitmenschen gelten. Sie sind viel mehr ein Dienst an <em>den</em> Institutionen, die den Menschen die Zuständigkeit für ihre eigenen Angelegenheiten überhaupt erst entzogen haben. Durch Schattenarbeit richten sich die Konsumierenden/Produzierenden selbst und gegenseitig für ihre Institutionen- und Maschinentauglichkeit zu. Schattenarbeit macht immer mehr Teilprozesse von Dienstleistungen, die wir ja bezahlen müssen, zur unbezahlten Obliegenheit der Konsumierenden. Inzwischen müssen wir den Banken die Arbeit durch Tele-Banking erleichtern, der Bahn AG durch die Selbstbedienung im Internet, der Telekommunikation ihren Konkurrenzkampf durch penible Preisvergleiche ermöglichen. Immer mehr Zeit muss in diese Handlangerei für den Apparatus investiert werden, Zeit, die den Wohltaten, die wir einander gewähren können, abgeht.</p>
<p>Ernüchtert und illusionslos ist also festzustellen, dass die Eigenarbeit in der konsumistischen Gesellschaft nahezu chancenlos ist, und doch plädiere ich dafür, alle Anstrengungen der Phantasie und alle Kraft des Gedankens darauf zu richten, wie wir uns denn aus dem Würgegriff der großen Erpressung befreien können, die uns mit dem Arbeitsplatzargument jegliches Wohlverhalten und jegliche Unterwerfung abnötigen kann. Und Freiheitsspielräume können wir nur zurückgewinnen, wenn wir unseren Geldbedarf einschränken, auch wenn es so scheinen mag, als würden wir Unabhängigkeit durch mehr Geld gewinnen. Mehr Geld hält uns aber in der barbarischen Logik des &#8220;Faschismus des Geldes&#8221; (George Steiner) gefangen.</p>
<h4>Bildung für einen tätigen Weltumgang</h4>
<p>Es ist gerade die Dummheit, verstanden als bösartige Verweigerung des Gedankens, die die Bedingung der Entstehung von Reichtum ist. Was allerdings bedauerlicherweise nicht den Umkehrschluss zulässt, die Armen seien notwendigerweise klug.</p>
<p>Zur Bildung gehört das Nachdenken, die Zeit für Um- und Abwege, das Bedenken der Folgen des Gedachten, die Kritik und die Kritik der Kritik, das Schlendern und Flanieren, die Umkehr und der Neuanfang, die verzweifelte Einsicht, der ungegängelte Dialog, die Ziellosigkeit der Gedankenwege, die Lust am folgenlosen Experimentieren, der beharrliche Zweifel und vieles mehr. Zur Bildung und zur Erkenntnis gehört es, dass man ihr im Kreis von Freunden und nicht im Umfeld von Konkurrenten nachgeht. Sobald ich meine Bildung mit dem scheelen Blick auf den beargwöhnten Nebenbuhler &#8220;vorantreibe&#8221;, habe ich die Möglichkeit, mich zu bilden, Einsicht und Erkenntnis zu gewinnen, bereits verspielt. Die Neugier, der Durst nach Erklärung, Einsicht und Sinn weichen dem eisernen Willen zu siegen, Vorteil zu ergattern und Position zu gewinnen. Folglich: Bildung und kapitalistische , Vernunft&#8217; schließen einander kategorisch aus.</p>
<p>Die Konkurrenz spielt Nullsummenspiele. Der Erfolg des Einen ist die Niederlage der Andern, mehr noch, je mehr Niederlagen ich anderen zufüge, desto besser stehe ich da. Mein Erfolg bemisst sich im täglichen Wirtschaftskampf gerade nicht nach der Qualität der erzeugten Produkte, sondern nach der Zahl der aus dem Felde geschlagenen Konkurrenten. Je härter die Konkurrenz, desto mehr werden der Notwendigkeit, auf diesem Schlachtfeld zu siegen, alle Ziele, alle Inhalte, und alles Gemeinwohl geopfert. Eine Vergleichgültigung unvorstellbaren Ausmaßes findet statt. Es kommt nicht mehr darauf an, was ich mache, sondern lediglich darauf, was ich von mir hermache. Unter dem Konkurrenzdruck wird Imagepflege zum ersten Erfordernis, weshalb schon jetzt viele Unternehmen mehr Geld in die Werbung und Akzeptanzforschung stecken als in die eigentliche Produktion. Aber nicht nur Unternehmen, auch Politiker und Kirchenführer, Künstler, Entertainer und Wissenschaftler strampeln sich ab in diesem Metier, um in die , Bestsellerlisten&#8217; zu gelangen, sich besser zu verkaufen als andere. Der Konkurrenzkampf kürt nicht die Besten und das Beste, sondern die Raffiniertesten und Skrupellosesten, die die Verführungs- und Verdummungskünste am virtuosesten beherrschen. Und er befördert nicht das beste Produkt, sondern dasjenige, dem mit Hilfe raffiniertester Werbestrategien der Nimbus, dass es beneidenswert mache, verpasst werden konnte.</p>
<p>Wie aber ist es möglich, dass die ökonomische Unvernunft sich so unangefochten als Vernunft behaupten kann? Wie ist es möglich, dass Wachstum, Innovation, Arbeit und Konkurrenz sich in der <em>opinio communis</em> so unbestritten als das Rettende, als der Königsweg in eine lebenswerte Zukunft festsetzen konnten? Wie kommt es zu dieser gespenstischen Dynamik, die mit dem Gutsein und Gutwerden der Welt und ihrer Bewohner gar nichts mehr zu tun hat? Die Antwort auf diese Frage kann kurz ausfallen. Sie braucht nur vier Buchstaben: GELD. Die Unterstellung, es könne alles, was von dieser &#8211; und jener &#8211; Welt ist, mit einem Geldwert belegt werden, macht alles miteinander vergleichbar, gegeneinander austauschbar, durcheinander ersetzbar, in seiner Verwertbarkeit taxierbar und in seinem Daseinsrecht bestimmbar. Der Geldwert vernichtet alle Singularitäten, alles Eigenwillige, Eigenständige und Einzigartige und erklärt die Beliebigkeit zum Prinzip.</p>
<p>Aber diese Geldwerte, die allem und jedem angeheftet werden, sind nicht real, sie haben keine Wirklichkeit, sie sind eine reine Fiktion, aber dennoch wirksam, sie treiben eine leere Dynamik an; sie legen sich wie ein Schimmelbezug auf die Welt der realen Dinge und Wesen. Sie begründen eine von der Wirklichkeit losgelöste Parallelwelt, in der die Logik des Geldes herrscht. In <em>dieser</em> Logik ist das ökonomische Kalkül , vernünftig&#8217;. Geld ist heute der wichtigste Indikator für das, was gilt. Aber der Geldwert ist nichts, was den Dingen oder den Wesen oder den Phänomenen oder Begebenheiten zu eigen ist. Geldwerte sind das Resultat einer Veranschlagung &#8211; &#8220;Was kost&#8217; die Welt? &#8221; &#8211; und von Simulation, eine Gespensterwelt eben. Aber trotz oder gerade wegen ihrer Leere verfügen sie über die Macht, die Wirklichkeit in sich einzusaugen und sich selbst als äußerst wirkmächtig zu erweisen. Es bedarf aller Anstrengung des widerborstigen Gedankens, um sich von dieser Logik mit ihren tödlichen Folgen nicht ganz und gar irre machen zu lassen.</p>
<p>Nur in der Logik des Geldes konnte die Arbeit zu dem werden, was sie heute &#8211; noch &#8211; ist, zur Ware. Allerdings stellen wir jetzt fest, dass sie noch weiter herunterkommen kann. Ihre Warenförmigkeit ist noch nicht das Endstadium ihrer Verunstaltung: Der Techniker, der meine Telefonanlage reparierte, ist schon nicht mehr nur ein Arbeitnehmer, der seine Arbeitskraft einem Unternehmer gegen einen schäbigen Gegenwert verkauft. Er gehört bereits dem neuen Typus des &#8220;Arbeitskraft-Unternehmers&#8221; an, und der muss viel mehr als seine Arbeitskraft verkaufen, nämlich sich selbst mit Haut und Haar inklusive seiner Familie und allem, was sein ist. Im Gegenzug darf er sich schmeicheln zur Unternehmerkaste zu gehören. Er ist Unternehmer seiner selbst. Ihm wird Autonomie versprochen, er kann und soll sein Arbeitsschicksal ganz in die eigene Hand nehmen; er sei sein eigener Herr, wird ihm zugesichert, niemand werde ihm dreinreden. Nur zwei Vorgaben stehen eisern fest: das Ziel, das ihm gesetzt ist, und der Zeitpunkt, zu dem das makellose Resultat seiner unternehmerischen Bemühungen vorzuliegen hat. &#8220;Wie Sie das machen, interessiert uns nicht.&#8221; Und so wird ihm die volle Verantwortung angedreht für die Markttauglichkeit seiner Offerte. Er muss sich auf dem Laufenden halten, sein Angebot den Erfordernissen des Marktes mit seismographischem Spürsinn anpassen, er muss sein eigener Zeitmanager sein und seine Gesundheit stabil halten, er muss seine vollkommene Mobilität gewährleisten und seine Familie bei Laune halten, er muss sein ganzes Leben in den Dienst der pünktlich zu erledigenden Aufgabe stellen, mit seinen Ersparnissen die Zeiten schlechter Auftragslage überbrücken und für sein Alter vorsorgen. Wer dies Metier perfekt beherrscht, kann sogar mit ansehnlicher Entlohnung rechnen. &#8220;Viele genießen zunächst die (&#8230; ) Rolle des <em>high</em> <em>performer, </em> vor allem in jungen Jahren macht die Probe auf die eigene Belastbarkeit noch Spaß. Auch wer allmählich ahnt, dass das Tempo der ersten Berufsjahre nicht durchzuhalten ist, mutet sich und den nahe stehenden Menschen den Verzicht auf freie Zeit in der Hoffnung zu, irgendwann werde die Balance gelingen. Gefangen im Selbstbild des Könners fühlt man sich lange als , Herr der Lage&#8217;, verdrängt Zeitdruck und Stress wie eine peinliche Krankheit, aber schon in mittleren Jahren wächst die Angst&#8230; &#8220;<a name="3" href="#a3"></a><sup>3</sup></p>
<p>Das alles ist wahrlich Grund genug, in Lafargues Verdikt über die Arbeit einzustimmen. Aber die Konsequenz, die er daraus zieht, nämlich ein &#8220;Recht auf Faulheit&#8221; zu proklamieren, will ich nicht mitvollziehen. Faulheit können wir uns ja heute nur als das Komplement zur Arbeit vorstellen, als ein vollkommen erschöpftes Nichtstun. Aber daraus entsprießen dem Menschen keine Kräfte, Kräfte wachsen ihm vielmehr aus dem Tun, aus dem Tätigsein zu. Schon Goethe wusste, dass die reife Persönlichkeit aus dem &#8220;tätigen Weltumgang&#8221; erwächst, und George Steiner ahnt, dass uns ohne diesen tätigen Weltumgang buchstäblich das Lachen vergeht, denn der Augenblick des großen Lachens entspringe aus überstandener Mühsal und aus dem Gelingen einer selbstgesetzten Aufgabe zum eigenen Nutzen und zum Wohle anderer.</p>
<hr />
<p>Anmerkungen</p>
<p><a name="a1" href="#1"></a>1 Lafargue, Paul (1980; Original 1891): Das Recht auf Faulheit, Edition Sonne und Faulheit, S. 21.</p>
<p><a name="a2" href="#2"></a>2 Illich, Ivan (1982): Schattenarbeit. In: Ders. : Vom Recht auf Gemeinheit, Rowohlt Verlag, S. 76.</p>
<p><a name="a3" href="#3"></a>3 Kadritzke, Ulf (Juli 2005): Übernächtigt in Seattle. Die neue Arbeit enteignet die Zeit, in: <em>LE MONDE diplomatique</em>, S. 9.</p>
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		<title>Virtualisierung der Ware Arbeitskraft</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:52:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Lohoff; Ernst]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>

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Kleine Politische Ökonomie des Praktikumsbooms]]></description>
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<h3>Kleine Politische &Ouml;konomie des Praktikumsbooms</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em>KOLUMNE Dead Men Working</em></p>
<p><em>von Ernst Lohoff</em> <span id="more-410"></span></p>
<p>Die Angeh&ouml;rigen meiner Generation lernten das Praktikum noch als Erg&auml;nzung und Abschluss einer schulischen oder universit&auml;ren Ausbildung kennen. F&uuml;r die Nachgeborenen wird das mehr und mehr zur Propagandal&uuml;ge. Das Etikett ist geblieben, der Inhalt aber hat sich ver&auml;ndert. Aus einem Teil der Berufsvorbereitung ist eine neue, prek&auml;re Form der Berufsaus&uuml;bung geworden. W&auml;hrend der deutsche Arbeitsmarkt stagniert, vermehren sich die Praktikantenstellen explosionsartig. Franz&ouml;sische Zeitungen berichten, in ihrem Land w&uuml;rden Jungakademiker mittlerweile im Schnitt 5 Jahre ohne Sal&auml;r arbeiten, bevor sie ihre erste Festanstellung finden.</p>
<p>Die Aufhebung der Lohnarbeit in der Form der Aufhebung des Lohns stellt die Betroffenen vor immense lebenspraktische Probleme, den Kritiker der Politischen &Ouml;konomie vor ein theoretisches. Bei Apologeten wie Gegnern galt die freie Lohnarbeit bis dato als die der kapitalistischen Produktionsweise ad&auml;quate Form abh&auml;ngiger Besch&auml;ftigung. Angesichts der Krise der Arbeit zeigt sich das Kapital aber pl&ouml;tzlich undogmatisch. Wie l&auml;sst sich die neue Arbeitsform analytisch einordnen?</p>
<p>Die regul&auml;re Arbeitskraft wird als Ware gehandelt. Wie bereits Marx im &#8220;Kapital&#8221; entwickelt hat, funktioniert ihr Tausch nach der gleichen Logik nach der auch der Austausch anderer Waren funktioniert. Dem Verk&auml;ufer geht es um die Realisation des Wertes der Ware, dem K&auml;ufer dagegen um deren Gebrauchswert. Die Ware Arbeitskraft zeichnet sich durch einen spezifischen Gebrauchswert aus. Ihr ist die wundersame Potenz eigen, Wert schaffen zu k&ouml;nnen, der &uuml;ber ihren eigenen Wert hinausgeht. Aufgrund dieser besonderen Eigenschaft hat die Ware Arbeitskraft f&uuml;r den Verk&auml;ufer einen grunds&auml;tzlich anderen kategorialen Charakter als f&uuml;r seinen Tauschpartner. Der urspr&uuml;ngliche Besitzer hat an ihr nichts als eine Ware. Indem der K&auml;ufer den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft nutzt, mutiert sie f&uuml;r ihn dagegen von einer simplen Ware zu (variablem) Kapital.</p>
<p>Verliert die Arbeitskraft f&uuml;r den Kapitalisten ihren besonderen Gebrauchswert, Wert in mehr Wert zu verwandeln, dann fallen sowohl die Verwandlung von Arbeitskraft in Kapital aus als auch der Tauschakt. Der Arbeiter bleibt auf seiner Ware sitzen, sie ist entwertet. F&uuml;r den Kapitalisten ist die nicht gekaufte Arbeitskraft kein Kapital und f&uuml;r den Arbeiter eine nicht realisierbare Ware.</p>
<p><em>Entwertete Arbeitskaft war bis dato au&szlig;er Kurs gesetzte Arbeitskraft. Als unverk&auml;ufliche Ware blieb sie ungenutzt am Wegesrand liegen, bis sie endg&uuml;ltig verrottet war oder doch noch einen Anwender fand. Die Entstehung von Arbeitskraft-Umsonstl&auml;den bricht mit dieser Regel und f&uuml;hrt entwertete Arbeitskraft der einzelbetrieblichen Vernutzung zu.</p>
<p>Was &auml;ndert sich damit kategorial gegen&uuml;ber dem von Marx analysierten Verh&auml;ltnis? Was die Kapitalistenseite betrifft, so vermindert der Einsatz kostenloser Arbeitskraft den Kapitaleinsatz durch die Aneignung eines von dritter Seite unterhaltenen Gutes. Was das fixe Kapital angeht, ist das Prinzip der Kostenexternalisierung wohlvertraut. Betriebswirtschaftlich war es schon immer vern&uuml;nftiger, die Luft als M&uuml;llhalde zu benutzen, als in teure Filteranlagen zu investieren. Im Zeitalter der Just-in-time-Produktion lagern Unternehmen im gro&szlig;en Stil ihre Lagerhaltung auf die &ouml;ffentlichen Stra&szlig;en aus. Die Krise der Arbeit bietet die einmalige Chance auch die Reproduktionskosten von angewandter Arbeitskraft anderen aufzuhalsen. </em></p>
<p>Wie ver&auml;ndert der &Uuml;bergang zur Umsonstarbeit aber das Verh&auml;ltnis des Arbeiters zu seiner nicht realisierten Ware? Die Marktwirtschaftspropaganda liefert eine originelle Antwort. Sie entsch&auml;digt Praktikant &#038; Co. f&uuml;r den Lohnverzicht, indem sie ihn zum Kapitalisten und Investor adelt. Wer arbeitet, ohne sich daf&uuml;r bezahlen zu lassen, investiert in sein &#8220;Humankapital&#8221;.</p>
<p>Polit&ouml;konomiekritisch ist das nat&uuml;rlich Unfug. Als Kapital fungiert die Ware Arbeitskraft immer nur f&uuml;r den K&auml;ufer und Anwender, nie f&uuml;r ihren Tr&auml;ger. Spart sich das Kapital die Bezahlung, sinkt f&uuml;r den Umsonstarbeiter seine Arbeitskraft zur blo&szlig; virtuellen Ware herab statt zu seinem Kapital aufzusteigen. Praktikant &#038; Co. wird die Anwendung ihrer Arbeitskraft nicht mit deren Wert vergolten, sondern mit einem Versprechen: Wenn sie heute ihre Arbeitskraft gratis vernutzen lassen, bringt diese es vielleicht sp&auml;ter einmal bis zu einer richtigen Ware.</p>
<p>Neben der Medienbranche sowie dem Sozial- und Kulturbereich nahm der Praktikumsboom in den Avantgardesektoren der New Economy seinen Ausgang und trieb dort seine buntesten Bl&uuml;ten. Das ist kein Zufall. Was die Kapitalbeschaffung angeht, ist das Geb&auml;ude der IT-Branche auf meist ungedeckten Zukunftserwartungen errichtet worden. Warum auf diese bew&auml;hrte Methode nicht auch beim Arbeitskrafteinsatz zur&uuml;ckgreifen? Das ist aber nicht der einzige Grund f&uuml;r die Vorreiterrolle. In keinem anderen Bereich unterliegt die Arbeitskraft einem vergleichbar rasanten &#8220;moralischen Verschlei&szlig;&#8221;: Arbeitskraft, die keinen Anwender findet, ist im Handumdrehen nicht nur vor&uuml;bergehend, sondern ein f&uuml;r allemal entwertet.</p>
<p>In der Welt der Finanzspekulation lassen sich Gewinnerwartungen in aktuell vorhandenes Geld verwandeln. Mit der vagen Aussicht auf k&uuml;nftige regul&auml;re Arbeitskraftver&auml;u&szlig;erung funktioniert das nicht, allem &#8220;Humankapital&#8221;-Geschw&auml;tz zum Trotz. Auch wenn Menschen sich nicht mehr &uuml;ber ihre Arbeit reproduzieren k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie sich reproduzieren, um arbeiten zu k&ouml;nnen. Wer seine Arbeitskraft als blo&szlig; virtuelle im Umsonstladen des Kapitals abliefert, dem treten alle anderen G&uuml;ter &auml;rgerlicherweise immer noch als reale Waren gegen&uuml;ber &#8211; sie wollen bezahlt sein. Auch er braucht also tats&auml;chliche Geldeink&uuml;nfte. Neben den leiblichen Eltern springt Papa Staat, dem Gedanken der Employability verpflichtet, mit seinen Transferleistungen in die Bresche. &#8220;Lieber Besch&auml;ftigung finanzieren als Arbeitslosigkeit&#8221;, lautet sein Motto.</p>
<p>Den Unternehmen, die entwertete Arbeit nutzen, tut er damit selbstredend einen Gefallen. F&uuml;r die staatliche Finanzlage ist diese Art der Lohnsubstituierung genauso ruin&ouml;s wie andere Varianten. Auch wer kein gelernter &Ouml;konomiekritiker ist, kann sich an zwei Fingern abz&auml;hlen, dass f&uuml;r jeden aus den Sozialkassen unterhaltenen Umsonstarbeiter ein Steuer- und Beitragszahler auf der Stra&szlig;e landet.</p>
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		<title>Hans im Glück</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Engster; Frank]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>

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Ein Anti-Märchen für Erwachsene]]></description>
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<h3>Ein Anti-M&auml;rchen f&uuml;r Erwachsene</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em>von Frank Engster</em> <span id="more-406"></span></p>
<p><em>Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient, da sprach er zu ihm: &#8220;Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte ich gerne wieder heim zu meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn.&#8221; Der Herr antwortete: &#8220;Du hast mir treu und ehrlich gedient, wie der Dienst war, so soll der Lohn sein&#8221;, und gab ihm ein St&uuml;ck Gold, das so gro&szlig; als Hansens Kopf war: Hans zog sein T&uuml;chlein aus der Tasche, wickelte den Klumpen hinein, setzte ihn auf die Schulter und machte sich auf den Weg nach Haus.</p>
<p>Jede kennt das M&auml;rchen und wei&szlig;, wie es weitergeht: Der Goldklumpen wird Hans zu schwer, und als er einen Reiter erblickt und diesen um sein Pferd beneidet, tauscht der Reiter bereitwillig sein Ross gegen das Gold. Als aber das Pferd Hans abwirft, tauscht er es mit einem Bauern gegen dessen Kuh, weil die Aussicht auf Milch, Butter und K&auml;se Hans verlockender erscheint als das riskante Reiten. Die Kuh freilich tritt Hans beim Melken gegen den Kopf, und darum tauscht er sie, verf&uuml;hrt durch die Verhei&szlig;ung auf saftige W&uuml;rste, mit einem Metzger gegen ein Schwein, dieses dann gegen eine Gans und diese wiederum mit einem Scherenschleifer gegen einen Wetzstein, und als dieser ihm schlie&szlig;lich durch ein Missgeschick in den Brunnen f&auml;llt, f&uuml;hlt er sich wie befreit: ,, , So gl&uuml;cklich wie ich&#8217;, rief er aus, , gibt es keinen Menschen unter der Sonne&#8217;. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war. &#8220;<a name="1" href="#a1"><sup>1</sup></a> Das M&auml;rchen vom Hans im Gl&uuml;ck gilt zu Recht als Antim&auml;rchen: Statt in die Fremde zu ziehen und sein Gl&uuml;ck zu machen, kehrt der Held aus der Fremde zur&uuml;ck nach Hause. Das Gl&uuml;ck, das ihm in der Fremde zun&auml;chst in Form eines kopfgro&szlig;en Goldklumpens zuteil wurde, verliert er durch eine Reihe , falscher&#8217; Tauschhandlungen, bis er am Ende zwar mit leeren H&auml;nden, aber frohen Herzens zu seiner Mutter (! ) zur&uuml;ckkehrt. Auch Hans selbst ist ein echter Antiheld: Mit den eingetauschten Dingen kann er nicht umgehen, am Ende steht nicht die Heirat mit einer K&ouml;nigstochter, sondern die eigene Mutter, und wo er sich zum ungleichen Tauschhandel nicht von seinem Gegen&uuml;ber &uuml;berreden l&auml;sst, da regt er ihn eigenm&auml;chtig an.</p>
<p>Und in eben diesen , Anti-Tauschhandlungen&#8217; steckt die eigentliche Anziehungskraft des relativ jungen M&auml;rchens<a name="2" href="#a2"><sup>2</sup></a>, das weniger als ein Angebot zu psychisch-symbolischer Verarbeitung oder als erzieherischer Ratschlag f&uuml;r Kinder zu verstehen ist denn als Spott der aufgekl&auml;rten Mehrheit &uuml;ber einen in bestimmter Hinsicht zur&uuml;ckgebliebenen , Simpel&#8217;. Tats&auml;chlich ist Hans geradezu die Personifikation von in mehrfacher Hinsicht , regressiven&#8217; Tauschhandlungen: Sein Gegenstandsbezug gleicht dem eines Kindes, das von seinem Bed&uuml;rfnis nicht abstrahiert und sein Gl&uuml;ck nur in sofortiger und unmittelbarer Befriedigung am Gegenstand erf&auml;hrt. <a name="3" href="#a3"><sup>3</sup></a> Dabei schreitet er in seinen Tauschhandlungen in der gesellschaftlichen Hierarchie r&uuml;ckw&auml;rts, vom Pferd (feudaler Adel) &uuml;ber Kuh und Schwein (Bauer/Metzger) bis zum Wetzstein (fahrendes Handwerk). Und auch in der Form des Austauschs selbst durchl&auml;uft Hans die historisch-logische Genese der Tauschhandlungen umgekehrt: Obwohl ihm mit dem Goldklumpen ein allgemeines &Auml;quivalent f&uuml;r die Welt der Gegenst&auml;nde zur Verf&uuml;gung steht, das einen quantifizierenden Zugang erm&ouml;glicht, ordnet Hans die &#8220;K&ouml;nigin der Waren&#8221; dem &#8220;allgemeinen Warenp&ouml;bel&#8221; (Marx) unter. Nun nehmen seine Tauschakte wieder die urspr&uuml;ngliche Form des einfachen, einzelnen und spontanen Tauschs an, bei der Wert sich noch nicht in einem allgemeinen &Auml;quivalent, sondern unmittelbar in der Naturalform des getauschten Gegenstandes darstellt. Hans im Gl&uuml;ck </em>ist es gelungen, in seiner Gesamtheit einen r&uuml;ckw&auml;rtsgewandten, radikal regressiven Verlauf von Vergesellschaftung darzustellen, indem das Wesen der Vergesellschaftung, die Tauschhandlung, einfach auf den Kopf gestellt wird.</p>
<p>Der Tausch setzt die getauschten Gegenst&auml;nde und die Akteure gleich. So kommt es, dass Hans sich im Zuge seiner ungleichen Tauschgesch&auml;fte in der gesellschaftlichen Hierarchie zwar widerspiegelt, aber eben in absteigender Folge. Das Problem ist, dass der Tausch die Gleichheit der Gegenst&auml;nde nur behauptet &#8211; aber &#8220;die Waren tauschen sich zu &Auml;quivalenten, werden nicht etwa &Auml;quivalente durch Tausch&#8221; (Marx). Mit anderen Worten: Die Dinge als Objekte des Tauschs, also als Waren, werden nicht erst Werte durch die Tauschrelation, sondern befinden sich schon in dieser gesellschaftlichen Formbestimmung. Der Wert stellt sich her aus der quantitativ bestimmenden, gesellschaftlichen Produktionsweise einerseits und seiner relationalen, blind wirkenden Durchsetzung andererseits. Er ist nicht nur Abstraktion von der einzelnen konkreten Arbeit, die als abstrakte Arbeitszeit, blo&szlig;es Zeitquantum, in einen identit&auml;ren Daseinsmodus gehoben wird, in dem alles mit allem vergleichbar wird &#8211; er entspringt gleichzeitig der Abstraktion von der Totalit&auml;t der gesellschaftlichen Gesamtarbeiten, die diesen Daseinsmodus der abstrakten Allgemeinheit im Kapitalismus erst herstellen. Durch den Wert sind die Dinge jedenfalls &uuml;berhaupt erst quantitativer Bestimmung zug&auml;nglich. Und auch wenn ihr Wert nur im Tausch erscheinen kann, so ist ihr Tausch selbst gleichzeitig immer schon in diese gesellschaftliche Bestimmung gesetzt. Weil der Wert nun dieses gesellschaftliche Verh&auml;ltnis ist und auch die Wertgr&ouml;&szlig;e sich als gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit herstellt, geht es hier also nicht um ein individuelles Tauschverh&auml;ltnis zweier Warenbesitzer, sondern um das vorausgesetzte gesellschaftliche Verh&auml;ltnis der Sachen, das die objektive Form gesellschaftlicher Beziehungen ihrer Besitzer bestimmt. Doch unser Hans verh&auml;lt sich tats&auml;chlich so, als g&auml;be es diese gesellschaftliche Daseinsform der Dinge nicht. So tauscht er sie als &Auml;quivalente und gibt den Dingen dadurch Gleichheit, obwohl sie weder stofflich-materiell noch immateriell, also ihrem Wert nach, gleich sind. Hans tauscht sie offensichtlich nicht ihrer Wertgr&ouml;&szlig;e entsprechend, und h&auml;tte das , Nichts&#8217; eine darstellbare und tauschbare Gestalt, Hans w&auml;re am Ende wohl auch mit ihm den Tausch eingegangen. (Im M&auml;rchen muss der Zufall die Figur zu ihrem logischen Ende bringen &#8211; Hans&#8217; wertloser Stein f&auml;llt in einen Brunnen. )</p>
<p>Weil die Dinge als getrennte aufeinander bezogen werden m&uuml;ssen, erh&auml;lt der Wert seinen verselbstst&auml;ndigten, selbstreferenziellen Charakter. Die Naturw&uuml;chsigkeit der Tauschprozesse bildet sich jedoch eine bestimmte Logik aus, die Austauschform nach dem &Auml;quivalenzprinzip. Das &Auml;quivalenzprinzip ist reine Identifikation: Die Verdoppelung der Dinge in der Warenform (qualitativer Gebrauchsgegenstand und abstrakter Wert) erm&ouml;glicht es, die Dinge als Werte mit sich selbst zu identifizieren &#8211; der Wert trifft auf sich selbst. Diese Selbstidentifikation wird zum Selbstformationsprinzip gesellschaftlicher Materie mit schrankenloser, universeller G&uuml;ltigkeit &#8211; die Form, in der sich der zur Ware gewordene Gegenstand selbst anschaut. Diese Selbstidentifikation des Werts in den wechselseitig ausgetauschten Gegenst&auml;nden bewahrt die Integrit&auml;t ihrer Besitzer, weil im Tausch Parit&auml;t hergestellt wird.</p>
<p>Hans&#8217; anf&auml;nglicher Besitz, sein Gold, setzt die Bedingungen seiner M&ouml;glichkeiten, sich gesellschaftlich auszutauschen. Solange sich Hans&#8217; Besitz nur in der Form der Austauschbarkeit, also in der &Auml;quivalentform befindet, kann er ihm ebenso als potenzieller Anteil an der zur Ware gewordenen Welt gelten, als hielte er tats&auml;chlich den blo&szlig;en Wert in H&auml;nden. Nur: W&auml;hrend der Wert als gesellschaftlicher Fetisch den Menschen als Eigenschaft eines Gegenstandes erscheint, l&auml;sst sich Hans umgekehrt von der Naturalform der Gegenst&auml;nde blenden und verf&uuml;hren. Nach dem ersten Tausch ist sein Anteil an der Gesellschaft nur noch im Wert des Pferdes ausgedr&uuml;ckt, dann in einer Kuh und so fort.</p>
<p>Die Dinge m&uuml;ssen also in der Wertform auch der Wertgr&ouml;&szlig;e nach gleichgesetzt werden &#8211; n&auml;mlich ihrer eigenen. Die durch das &Auml;quivalenzprinzip aufgestellte Identit&auml;t gleichgesetzter Gr&ouml;&szlig;en bildet &uuml;berhaupt erst den Ma&szlig;stab, von dem aus sich Urteile &uuml;ber vern&uuml;nftig/unvern&uuml;nftig, logisch/unlogisch, richtig/falsch, rational/irrational, Vorteil/Nachteil, wahr/falsch usw. legitimieren. Die qualitative Differenz der Gebrauchswerte wird bezogen auf ihre quantitative Einheit, ihr Treffpunkt ist die quantitative Identit&auml;t. Der Tausch ist Dialektik, weil er die Einheit der Gegens&auml;tze ist. Der Wert als die Realabstraktion von den Dingen als Gebrauchsgegenst&auml;nden bedeutet also zugleich die Realidentifikation der Dinge als Werte.</p>
<p>Wenn Hans die Dinge aber durch die Tat gleichsetzt, obwohl sie nicht gleich sind, wie wirkt sich die , Differenz&#8217; aus, und warum handelt Hans innerhalb der Tauschlogik unvern&uuml;nftig? Der Bezug, an dem sich diese , Differenz&#8217; niederschl&auml;gt und an dem sie erscheinen muss, ist Hans selbst. Sein Lohn, ein Klumpen Gold, repr&auml;sentiert den Teil seiner Arbeitszeit, der f&uuml;r seine Reproduktion notwendig ist. Die von Hans verausgabte Eigenzeit, aufgehoben in dem Goldklumpen, ist seine vergegenst&auml;ndlichte Zukunft, die er nun Tauschakt f&uuml;r Tauschakt minimiert. Die Reproduktion der im Goldklumpen verendlichten Lebenszeit durch das Tausch&auml;quivalent ist durch die Asymmetrie des Tausches nicht m&ouml;glich. Denn es ist ja Hans, der sich (seine Existenz) reproduzieren muss. Daf&uuml;r muss er seine vergegenst&auml;ndlichte Vergangenheit, hier also zuallererst den Goldklumpen f&uuml;r die verbrauchte Arbeitszeit, im Tausch erhalten &#8211; die gesellschaftliche Existenzform der Dinge ist nicht zu trennen von der Daseinsform unseres Hans&#8217;. Die Selbsterhaltung &uuml;ber den Tausch verlangt unter diesen Bedingungen den symmetrischen, parit&auml;tischen, also gerechten Tausch. Hans&#8217; Tauschgesch&auml;fte dagegen sind ungleich. Denn was sich im Allgemeinen als notwendiger Durchschnitt durchsetzt, kann im Besonderen beliebig davon abweichen. &#8220;Das Vern&uuml;nftige und Notwendige setzt sich nur als blind wirkender Durchschnitt durch&#8221; (Marx).</p>
<p>Man beachte die in diesen Zusammenhang gebrachten Begriffe , vern&uuml;nftig&#8217; und , blind wirkend&#8217;. Anscheinend ist , vern&uuml;nftig&#8217; &#8211; bezogen auf die Tauschhandlung &#8211; identisch mit gerechtem, gleichem &Auml;quivalententausch, ja dieser stellt &uuml;berhaupt erst so etwas wie , Identit&auml;t&#8217; her. Die Vorstellungen der Vernunft werden zwar a priori auf den Tausch bezogen, sie sind aber umgekehrt blind wirkende Denkformen aus dem Tausch. Sie entsprechen den identifizierenden Denkformen rational, logisch etc. Hans dagegen erscheint einf&auml;ltig und dumm, weil er die Dinge als besondere und konkrete gleichsetzt, sie aber nicht rationalisiert als allgemeine und abstrakte. Sie befinden sich innerhalb einer gesellschaftlichen Form, der Wertform, der Hans die entsprechende Denkform versagt. Abstrakt muss er sie vor dem Tausch im Kopf gleichsetzen, und genau das tut er nicht. Er setzt sie nicht dem Wert nach gleich, weil er sich &uuml;ber die rationale Vernunft (Denken, das sich dem identifizierenden Formverh&auml;ltnis der Wirklichkeit gleichsetzt, wo sich also der reale Abstraktionsprozess der Tauschhandlung im Denken identifiziert), &uuml;berhaupt hinwegsetzt. Und das will bei einer Vernunft, die sich eben blind wirkend und notwendig durchsetzt, schon etwas hei&szlig;en.</p>
<p>Dass die Dinge als abstrakte Wertgr&ouml;&szlig;en aufeinander bezogen werden, setzt erst die Methode, die in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft zu wissenschaftlicher Anschauung &uuml;berhaupt wird. Erst unter dem Kapitalverh&auml;ltnis entwickelt sich eine rationale Vernunft, die die Dinge so selbstbez&uuml;glich im allgemeinen und abstrakten Medium von Raum und Zeit betrachtet, wie dieses System selbst es tut. Die Selbstverwertung im Kapitalismus, das Produktionsmittel, das selbstbez&uuml;glich angewandt und erweitert wird, die Arbeit um der Arbeit willen, die Selbstverwertung des Geldes als G-G&#8217; &#8211; diese gesellschaftliche Form schlie&szlig;t den Menschen tendenziell aus und stellt ihn neben den Produktionsprozess. So wie im Kapitalismus der Wert sich an sich selbst koppelt, entwickelt sich die Methode der reinen Naturwissenschaft, die Dinge , rein objektiv&#8217; zu betrachten (also sozusagen unter Ausschluss des subjektiven (St&ouml;r-)Faktors Mensch). D. h. nicht, dass wir z. B. in die Physik nur die Organisationsweise des Kapitals hineininterpretieren, also letztlich nur das herauslesen, was wir durch unsere momentane gesellschaftliche Konstitution hineingelegt haben. Das Kapital entfaltet sich tats&auml;chlich nach dem Selbstorganisationsprinzip der Materie. In ihm werden die Dinge tats&auml;chlich als Abstraktionen von Raum und Zeit auf sich selbst bezogen. Die Zeit wird verdinglicht (Produktion/Ware-Wert) und der Raum verendlicht (Zirkulation/Markt/Tausch), und das Kapital bewegt selbst sich unter den von ihm verallgemeinerten Bedingungen als Funktion des Raumes und der Zeit. Der Kapitalismus setzt also nicht nur eine Form der Erkenntnis, unter der die Natur angeschaut wird: Die Selbstkonstitution des Kapitals unter den Bedingungen von abstraktem Raum und Zeit bezieht sich auf die Natur nach ihren eigenen Gesetzen. Das Kapital existiert in der Form der naturwissenschaftlichen Anschauung, seine Methode folgt der Logik der Mathematik, es bildet die Gesellschaft als abstraktes Raum-Zeit-Kontinuum aus, seine , Gravitation&#8217; stellt weltweit Gleichzeitigkeit her: Das Kapital ist die Selbstorganisation der Abstraktion.</p>
<p>In diesem Verh&auml;ltnis kommen nun f&uuml;r unseren Hans die in den Waren aufgehobenen Arbeitszeiten im Tausch zur Deckung. Die wechselseitige Privatisierung der getauschten Dinge erh&auml;lt somit stets den status quo der Tauschpartner: Die Menschen reproduzieren sich innerhalb der einfachen Zirkulation immer im Zustand des Gleichgewichts. Die Identifikation der Gegenst&auml;nde als identische Zeit&auml;quivalente gibt formal dem Tausch absolute Gerechtigkeit. Als Tauschende sind die Menschen gleich, nicht Ausbeutung, noch Gewalt, noch irgendein anderer Angriff auf Gleichheit und Freiheit der Menschen finden in der einfachen Zirkulation statt. Diese entfaltet sich erst in der b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur Allgemeinheit, erst hier wird &#8220;die Sph&auml;re der Zirkulation&#8221; zum &#8220;Dorado der b&uuml;rgerlichen Existenz&#8221; (Horkheimer). Erst im Kapitalismus werden Freiheit und Gleichheit, also die Prinzipien des parit&auml;tischen &Auml;quivalententauschs, zur Selbstorganisationsform des Werts: Die Produktion ist seine Reflexionsform als Akkumulation (Kapital), die Zirkulation die kontradiktorische Reflexionsform, nicht Akkumulation, sondern wechselseitige Absto&szlig;ung und , Privatisierung&#8217; ist hier Strukturprinzip. Produktion ist Bildung von Wert, Zirkulation seine Realisierung. Man k&ouml;nnte sogar sagen, die kapitalistische Produktion topologisiert die Zeit und produziert Geschichte, sie vergegenst&auml;ndlicht gespeichertes, historisches Wissen, sedimentiert es in ihren Waren und hebt es auf in den Produktionsmitteln. Die Zirkulation ist dagegen keine geschichtliche Zeit, sie ist reine Gegenwart, , vergegenw&auml;rtigte&#8217; Vergangenheit des Menschen, blo&szlig;er Austausch vergegenst&auml;ndlichter Zeit und Verteilung von Geschichte, nicht ihre Produktion. Die einfache Zirkulation ist daher nicht mehr der Ort von Gewalt und Ausbeutung, im Gegensatz zur Vormoderne: W&auml;hrend im Kapitalismus durch friedlichen, freien und gleichen Tausch der Mehrwert f&uuml;r das Kapital realisiert wird, wurde in den Zeiten der Vormoderne Reichtum noch unmittelbar in Form der Produktion, der Produzenten oder ihrer Produkte gewaltsam angeeignet.</p>
<p>Obwohl das M&auml;rchen die Prinzipien der Tauschhandlung bis zur Kenntlichkeit entstellt, ist es doch missverst&auml;ndlich. <a name="4" href="#a4"><sup>4</sup></a> Denn unser Antiheld ist ja ein netter Mensch; sein offener, unbek&uuml;mmerter Charakter tritt nicht nur in seinen Tauschhandlungen zu Tage, er wird auch in seinem Namen herausgestellt: Hans Wohlgemut. Und unsere Sympathie gilt Hans nicht nur als unserem imagin&auml;ren Tauschpartner, sie kommt auch seiner m&auml;rchenhaften Selbstzufriedenheit zu. Statt die Dinge im Kopf als Werte miteinander zu identifizieren, identifiziert er die Dinge mit seinem leiblichen Bed&uuml;rfnis. Hans sieht die Dinge noch rein qualitativ, , konkretistisch&#8217;, auf sein Bed&uuml;rfnis gerichtet und sinnlich.</p>
<p>Er ignoriert die gesellschaftliche Daseinsform der Dinge, die auch seine eigenen gesellschaftlichen Beziehungen bestimmen, und verh&auml;lt sich so, wie es ihm grad am besten passt. Die Notwendigkeiten, die ihm durch das Wertverh&auml;ltnis gesetzt werden, k&uuml;mmern ihn nicht, er lebt nur f&uuml;r den Augenblick. Hans handelt nicht im Sinne verabsolutierter Zeitlichkeit, sondern ganz nach seinen eigenen Sinnen: Der Besitz ist nur dem unmittelbaren Nutzen f&uuml;r die eigene Leiblichkeit und Sinnlichkeit verpflichtet. Die Dinge existieren f&uuml;r ihn nicht als Wertgr&ouml;&szlig;en, im Verh&auml;ltnis ihrer gesellschaftlichen Existenz, sondern nur als Gestalten naturaler Eigenschaften. Selbst sein Gold als die gegenst&auml;ndliche Erscheinung des &Auml;quivalents vertritt f&uuml;r ihn nicht die , Eigenschaft&#8217; des Werts, sondern die der Schwere. Doch unser M&auml;rchen wird &uuml;berhaupt erst dadurch konsequentes Antim&auml;rchen, indem sich unserem Hans auch der unmittelbare Gebrauchswert versperrt. Er schafft es nie, seine Sachen ihrer eigentlichen Gebrauchsbestimmung zuzuf&uuml;hren und dadurch die verh&auml;ngnisvolle Logik aufzuhalten, stattdessen scheitert er noch an den einfachsten T&auml;tigkeiten. Wie der Wert ist auch der Gebrauchswert nur in seiner gesellschaftlichen Bestimmung existent. Seine Anwendung, z. B. das Melken der Kuh zum Trinken der Milch, um den K&ouml;rper zu reproduzieren, w&uuml;rde seine soziale Funktion realisieren und unser M&auml;rchen w&auml;re kein folgerichtiges Antim&auml;rchen, sondern w&uuml;rde etwas aufeinander Bezogenes und wechselseitig Konstitutives, n&auml;mlich Gebrauchswert und Tauschwert, gegeneinander ausspielen. So aber bleibt das M&auml;rchen bei der Negation der Tauschlogik in sich schl&uuml;ssig.</p>
<p>Hans&#8217; Dilemma, die Abstraktion von der unmittelbaren, eigenen Sinnlichkeit, um diese zu entwickeln, ist freilich ein allzu menschliches. Sozusagen als , Prim&auml;rabstraktion&#8217; vollzieht sich an ihr die Vergesellschaftung der Menschen &uuml;berhaupt: Das Produktionsmittel schiebt sich zwischen Kopf und Hand und konstituiert sie als getrennt voneinander. Denken und Handeln erwachsen als aufeinander bezogene, aber raumzeitlich auseinanderfallende Vorg&auml;nge, und die Menschen untereinander handeln als getrennte, aber aufeinander notwendig bezogene. Vielleicht liegt der Bezug zum &Uuml;bergang von menschlicher T&auml;tigkeit zum Wert schon im Formproblem von Zeit und Zeitempfinden begr&uuml;ndet, die nur negativ in Erscheinung treten k&ouml;nnen, eben als Form, als das Vermittelnde. Wo sich f&uuml;r den Menschen Denken und Handeln als notwendig voneinander Getrenntes entwickeln, als Kausalit&auml;t von Ursache und Wirkung, Grund und Folge etc. , kann &uuml;berhaupt erst die Anschauungsform der Zeit als Seiendes-Nichtseiendes, eben als Abstraktum entstehen. Hier wird nun der Wert mit Zeit identisch, die Zeit der , uneigenn&uuml;tzigen&#8217; T&auml;tigkeit des Menschen wird zum Wert.</p>
<p>Die Abstraktion von den Dingen als qualitativen Ereignissen ist Zeit; Zeit ist der Abstand zweier Ereignisse (die im dreifachen Sinn k&uuml;rzeste Definition der Zeit). Gleichzeitig beinhaltet dies Vermittlung, Ver&auml;nderung, Bewegung. Beides, Vermittlung und Vermitteltes, kann sich naturw&uuml;chsig, blind wirkend und universell nur als Totalit&auml;t in der Form der Zeit (naturwissenschaftliche Dimension) und des Werts (gesellschaftliche Dimension) geltend machen. Der Abstand von Bed&uuml;rfnis und der durchschnittlich notwendigen Dauer zu seiner Befriedigung, der Prozess der verschiedenen Arbeiten selbst, die Vermittlung ihrer Produkte &#8211; alle Vermittlung ist Zeit, Vermittlung des Getrennten, Aufhebung der Differenz. Zeit ist immer das, was fehlt, und nur sie kann unbewusste Vergesellschaftung universell g&uuml;ltig vollziehen.</p>
<p>Dieser Abstraktionsprozess Arbeitszeit bedingt die Abstraktion von der eigenen Sinnlichkeit. Sie entspringt mit der Warenform, die Tauschwert und Gebrauchswert vermittelt als Auseinanderfallendes. Beide entspringen also als Effekte der Abstraktion &#8211; von der unmittelbaren Sinnlichkeit muss abstrahiert werden, sowohl f&uuml;r die Herstellung als auch f&uuml;r den Austausch. Durch die Vergesellschaftung, die Abstraktion von der Natur durch ihre Anwendung &#8211; wobei Natur die Leiblichkeit mit einschlie&szlig;t &#8211; wird der qualitative Prozess der Naturemanzipation zeitlich quantifiziert (verdinglicht im Geld). Das Produkt muss f&uuml;r irgendeinen Gebrauchswert haben, sonst kann es keinen Tauschwert f&uuml;r einen anderen haben. Von der eigenen Endlichkeit kann der Mensch jedoch nicht abstrahieren; sie geht als unterschiedslose menschliche Lebenszeit in die gesellschaftliche Vermittlung und ist schlie&szlig;lich diese Vermittlung selbst, in der Arbeit wie im Tausch. So wie in der Naturwissenschaft alles Getrennte wieder in Beziehung gesetzt wird durch Zeit und Raum und darin als quantitative Gr&ouml;&szlig;e aufeinander bezogen wird, wird in der kapitalistischen Gesellschaft konkrete T&auml;tigkeit zu allgemeiner und abstrakter Arbeit, lebendige Arbeit wird tote, und die Zeit heilt alle Wunden. Obwohl die Herstellung eines Gegenstandes menschliche Eigenzeit also &auml;u&szlig;erlich und damit ver&auml;u&szlig;erlich macht, bleibt durch den Bezug auf die im Gegenstand aufgehobene Zeit, also die , negative&#8217; Vermittlungsform Wert, doch der Bezug zwischen Subjekt und Objekt aufgehoben &#8211; eben als Arbeitszeit, als Wert. Durch den Wert ist die Trennung von Subjekt und Objekt in der Zeit gleichzeitig vollzogen und aufgehoben; Subjekt der Erkenntnis und Objekt der Erkenntnis sind daher auch in der gleichen Form.</p>
<p>Die ganze Unmittelbarkeit des Gegenstandsbezuges gibt es also nicht einmal im M&auml;rchen. Bed&uuml;rfnisse entstehen und werden befriedigt nicht durch unmittelbaren Gegenstandsbezug, sondern &uuml;ber den gesellschaftlich vermittelten Tausch. Hans handelt also als Antiheld im Antim&auml;rchen widerspr&uuml;chlich gegen&uuml;ber dem Prozess seiner eigenen Gesellschaftlichkeit. Im M&auml;rchen endet er daf&uuml;r konsequenterweise wieder bei seiner Mutter.</p>
<p>Wie br&uuml;chig die identit&auml;tsstiftende Form des Tauschs mittlerweile geworden ist, stellt sich in den Theorien der Postmoderne dar. Doch einen R&uuml;ckzug gibt es nur im M&auml;rchen. Solange die Selbstorganisation des Werts die Gleichheit und Gerechtigkeit des Tausches als Gleichgewichtszustand herstellt, bleibt die gesellschaftliche Einheit und Gleichheit der Menschen auch eine der Form nach. In dieser Form, als diese Form selbst, sind sie wirklich gleich. Es gilt keine , wirkliche&#8217; Gleichheit mehr zu verwirklichen, sondern nur noch ihre Kritik: &#8220;Jeder nach seinen F&auml;higkeiten, jedem nach seinen Bed&uuml;rfnissen! &#8221;<br />
<hr />
<p>Anmerkungen</p>
<p><a name="a1" href="#1">1</a> Zitiert nach <em>Grimms Kinder- und Hausm&auml;rchen</em>, hrsg. v. H. -J. Uther, M&uuml;nchen 1996, Bd. 1, S. 84ff.</p>
<p><a name="a2" href="#2">2</a> Es findet sich noch nicht in der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausm&auml;rchen von 1812-15, sondern ist erst in der Ausgabe von 1819 eingef&uuml;hrt worden. Die Logik des M&auml;rchens wird am besten sichtbar, wenn man es vom heutigen Standpunkt aus betrachtet. Ich wende daher im Folgenden die Verh&auml;ltnisse der kapitalistischen Gesellschaft auf <em>Hans im Gl&uuml;ck</em> an.</p>
<p><a name="a3" href="#3">3</a> So gesehen befindet sich Hans tats&auml;chlich , im Gl&uuml;ck&#8217;. Doch das M&auml;rchen zeigt, dass der rein stoffliche Gegenstandsbezug &#8211; das Diktat der Sinne &#8211; im Nichts endet, und letztlich wird nicht einmal ein einziges Bed&uuml;rfnis gestillt. Es gibt das Motiv des ungleichen Tauschs noch in einer Reihe weiterer M&auml;rchen, wobei sich das Ende in zwei gegens&auml;tzliche Varianten scheidet: Einige lassen den letzten Tausch (h&auml;ufig eine Wette) zum Guten ausschlagen, in anderen aber kommt der Held, oft mitsamt seinen Angeh&ouml;rigen, zu Tode. Obwohl der Tod der unbarmherzigen Logik ungleicher Tauschhandlungen wahrscheinlich am n&auml;chsten kommt, bleibt <em>Hans im Gl&uuml;ck</em> in seiner konsequent regressiven Version, bei der der Held am Ende befreit, gl&uuml;cklich und v&ouml;llig mit sich selbst zufrieden seiner Mutter zueilt, die anr&uuml;hrendste Variante.</p>
<p><a name="a4" href="#4">4</a> So ist in einem Kommentar des M&auml;rchens davon die Rede, dass die Tauschgesch&auml;fte &#8220;materiell zu seinen Ungunsten geraten&#8221;, obwohl Hans doch gerade materiell ganz zufrieden ist mit seinen Tauschergebnissen und sich der Nachteil bei seinen Tauschgesch&auml;ften, beispielsweise von dem Pferd gegen die Kuh, materiell wohl nicht so ohne weiteres fassen l&auml;sst. Eine Kuh ist materiell sicher von gr&ouml;&szlig;erem Nutzen als ein Klumpen Gold. Weiter hei&szlig;t es: &#8220;Aber der materielle Besitz interessiert Hans gar nicht&#8230;&#8221; Offensichtlich ist es doch gerade der materielle Besitz, der Hans interessiert, w&auml;hrend das Immaterielle, der Wert, f&uuml;r ihn in der Tat nicht von Interesse ist. Das Immaterielle, das die Abstraktion vom Materiellen zur Voraussetzung hat, kann sich aufgrund der Unmittelbarkeit seines Gegenstandsbezugs nicht zum Wertbegriff entwickeln. Die Ambivalenz des M&auml;rchens speist sich aus diesem unmittelbaren Zugang auf die Welt. (<em>Grimms Kinder- und Hausm&auml;rchen</em>, a. a. O. , S. 157. )</p>
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		<title>Caché oder Welcher Sinn wird durch Tausch denn gegeben?</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:48:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Engster; Frank]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>

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<h3><em>Cach&eacute;</em> oder Welcher Sinn wird durch Tausch denn gegeben? </h3>
<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em>von Frank Engster</em> <span id="more-405"></span></p>
<p>Das M&auml;rchen <em>Hans im Gl&uuml;ck </em>zeigt die M&ouml;glichkeit eines unsinnigen, n&auml;mlich ungleichen Tauschs. Das &Auml;quivalenzprinzip beh&auml;lt seinen Sinn zwar bei, aber es wird nicht eingehalten. Weil Hans dessen Sinn entgegen handelt, stellen sich seine Tauschakte als unsinnig oder zumindest regressiv dar.</p>
<p>Indes gibt es im M&auml;rchen einen blinden Fleck, der alle Geschichten betrifft, die sich um den unvermittelten Austausch drehen; um einen Tausch, in dem die Dinge scheinbar unmittelbar als solche gegeben und genommen werden. Denn damit der Tausch um Ausgleich und Gerechtigkeit kreisen kann, damit es ein &Auml;quivalenzprinzip gibt, ja damit es &uuml;berhaupt <em>Werte </em>gibt, muss etwas als Wert <em>gelten</em> k&ouml;nnen. Es muss eine Werteinheit je gesetzt sein, die ma&szlig;geblich ist f&uuml;r die Dinge als Werte: das Geld. Mit anderen Worten, es gibt keinen Wert ohne das Geld. Was immer getauscht wird &#8211; es wird, wenn etwas &uuml;berhaupt als etwas <em>gilt</em>, immer Geld gegeben. Genauer gesagt, muss sich immer auf das Geld <em>bezogen</em> werden, denn nur durch das Geld kann die reine Geltung der Dinge als Werte <em>wieder-gegeben</em> werden. Doch wenn das Geld allen Dingen Geltung gibt und erst dadurch dem Tausch der Sinn der &Auml;quivalenz zukommen kann: Wodurch ist dann das Geld selbst gegeben? Im M&auml;rchen wird Gold &#8211; das hier ja f&uuml;r Geld stehen kann &#8211; f&uuml;r eine Verausgabung gegeben, f&uuml;r <em>Arbeit</em>. Abgesehen davon, dass Hans der Bestimmung des Goldes als Geld nicht nachkommt, kann der Tausch Arbeit gegen Gold nicht die <em>Geltung </em>begr&uuml;nden, die dem Gold als Geld zukommt.</p>
<p>Dieselbe Frage treibt auch die Marxsche Kapitalkritik um; in gewisser Weise h&auml;ngen an ihr sogar M&ouml;glichkeit und Anfang der Kapitalkritik. So kreist die Wertformanalyse zu Beginn des <em>Kapital Bd. I </em>darum, dass sich die Waren nur als Werte aufeinander beziehen k&ouml;nnen, wenn sie sich zugleich auf ihre Werteinheit im Geld beziehen. Dasselbe gilt f&uuml;r die Warenbesitzer, die hinter ihrem R&uuml;cken die in den Waren vergegenst&auml;ndlichten Arbeiten als Werte gleichsetzen und gleichsam hinterr&uuml;cks das Geld einf&uuml;hren, indem sie an eben diese Stelle, an der alle Waren als Werte gelten und darum spekulativ identisch gesetzt sind, das Geld setzen.</p>
<p>Die Waren sind also je schon durch das Geld in Geltung gesetzt &#8211; aber ebenso ist diese Geltung immer schon in den Waren verschwunden. Es muss daher scheinen, als k&ouml;nnten die Waren von sich aus, also <em>ohne </em>das Geld, als Werte gelten. Weil die Waren auch dann auf das Geld bezogen werden, wenn das Geld nicht selbst erscheint, k&ouml;nnen sie scheinbar an sich selbst darstellen, was sie wert sind, ganz wie bei Hans im Gl&uuml;ck, dessen Geschichte ihren (Un-) Sinn nur erh&auml;lt, weil die getauschten Dinge, obwohl das Geld nicht auftaucht, spontan als Werte begriffen werden. Marx&#8217; Wertformanalyse muss als Kritik dieser Verschr&auml;nkung von Ware und Geld begriffen werden. Sie ist eine immanente Kritik der Ware, indem sie im Geld diejenige Vermittlung einholt, durch welche die Waren einerseits in Geltung gesetzt werden, andererseits aber so, dass die Vermittlung in der Unmittelbarkeit der Ware und in ihrer unmittelbaren Geltung als Wert verschwindet. Die <em>Analyse</em> der Ware soll daher zugleich die <em>Genesis</em> der Geltung des Geldes entwickeln, genauer gesagt, die Analyse der Ware muss das Geld ebenso entwickeln wie <em>einholen</em>. Die Kritik der Ware ist somit beides, das Einholender verschwundenen Vermittlung durch das Geld und in eins die Entwicklungder Genesis des Geldes.</p>
<p>Diese eigent&uuml;mliche Durchf&uuml;hrung der Kritik f&uuml;hrt allerdings nicht in eine Theorie des Geldes. Vielmehr stellt sich die Wertformanalyse an ihrem Ende nicht nur als Kritik der Ware, sondern zudem als die des Geldes heraus, denn die Genesis des Geldes ist, obwohl sie doch durch die Analyse der Ware gezeigt wurde, in seiner Geltung spurlos verschwunden. Nun stellt es sich umgekehrt dar: Die Analyse der Form des Werts ist nur m&ouml;glich gewesen, die einzelnen Wertformen haben nur darum die Genesis des Geldes entwickelt, weil von dessen Geltung schon ausgegangen wurde.</p>
<p>Das Problem von Genesis und Geltung des Geldes kann hier nur angeschnitten werden. Entscheidend ist, &uuml;berhaupt die unbedingte Notwendigkeit einer <em>Einheit </em>von Wert- und Geldkritik zu begreifen und den Wert nicht, wie allgemein &uuml;blich, entweder aus der Arbeit oder aus der Warenf&ouml;rmigkeit des Tausches begr&uuml;nden zu wollen.</p>
<p>Ein anderer Einstieg in den unnahbaren Ursprung der Geltung des Geldes findet sich bei Jacques Derrida, und zwar in <em>Falschgeld. Zeit geben I</em>. (M&uuml;nchen 1993).</p>
<p>Das Geld taucht zwar anfangs noch nicht als solches auf; statt dessen geht es Derrida um &#8220;die Gabe&#8221;. Doch mit der Gabe kreist Derrida um nichts anderes als um den unergr&uuml;ndlichen Ursprung des Geldes bzw. um das, wof&uuml;r das Geld steht. Derrida unterscheidet sich allerdings von Marx&#8217; Wertformanalyse. Anders als Marx setzt er nicht Wertsubstanz (verausgabte Arbeit) und Wertform (Warentausch) durch das Geld ins Verh&auml;ltnis, sondern zielt auf das, was dem schon vorhergehen muss. Die Frage nach dem Geld ist gleichsam &#8220;fr&uuml;her&#8221; als Arbeit und Produktion, als Ding und Tausch. Sie geht der &Ouml;konomie und ihrer Logik insgesamt voraus und fragt, warum sie &uuml;berhaupt <em>als solche </em>gegeben ist, genauer, warum man zu ihr &uuml;berhaupt ins Verh&auml;ltnis gesetzt ist. Eine solch radikale Frage muss, wie bei Marx, auf den Ursprung der <em>Geltung </em>der &Ouml;konomie zielen. Sie muss auf die &Ouml;konomie <em>rein </em>als solche und abgel&ouml;st von allem bestimmten Inhalt, kurz, sie muss auf den Wert zielen.</p>
<p>Wodurch ist die Geltung <em>als </em>Geltung gegeben? Trotz des unterschiedlichen Ausgangspunktes gibt es eine gemeinsame Notwendigkeit, die in beiden Ans&auml;tzen denselben Grundzug geltend macht. In derselben Weise, wie Marx&#8217; Kritik um die Negativit&auml;t eines Werts kreist, der sich in all seinen Darstellungen ebenso mitteilt wie entzieht, kreist Derrida um die <em>Unm&ouml;glichkeit </em>der Gabe. Eine Gabe rein <em>als solche </em>gibt es nur um den Preis ihrer Unm&ouml;glichkeit: Sobald sie als solche eintritt, sorgt sie, gleichg&uuml;ltig, ob sie erwartet wurde oder nicht, ob sie erwidert wird oder nicht, f&uuml;r ihre Unm&ouml;glichkeit. Aber nicht, weil alles, was folgt oder auch ausbleibt, unweigerlich in die Bestimmungen der &#8220;Logik oder &Ouml;konomie&#8221; (Derrida) f&uuml;hrt, also in Tausch und &Auml;quivalenz, Ent&auml;u&szlig;erung und Annahme, Gewinn und Verlust, Ausgleich und Gerechtigkeit, letztlich in die Kreisl&auml;ufe von Bedeutung und in die Produktion von Sinn. Die Gabe ist nicht darum unm&ouml;glich, weil sie immer bestimmte Erwartungen mitbringt oder hervorruft und dadurch (logische wie &ouml;konomische) Bedeutung und Sinn produziert. Sie sorgt dem vorwegf&uuml;r ihre Unm&ouml;glichkeit durch nichts als sich selbst. Das, was die Gabe wieder zur&uuml;cknimmt, folgt demnach nicht aus ihr: <em>dass </em>es sie gibt, dass sie &uuml;berhaupt als solche <em>gilt</em>, das ist schon die Folge, welche die Gabe negiert. Denn einerseits muss sich die Gabe grund- und zwecklos ereignen, anonym und folgenlos bleiben, oder die Gabe erf&uuml;llt sich nicht. Andererseits ist eine solche Gabe nichts. Doch wird sich auf die Gabe bezogen, wird sie <em>angenommen</em>, so wird sich in irgendeiner Art und Weise zur Gabe ins Verh&auml;ltnis gesetzt. Dadurch gibt es nun zwar eine Gabe, doch indem sie angenommen ist, wird ein Geben und Nehmen daraus. Sie ist mehr als sie selbst und nicht mehr rein als solche m&ouml;glich, sie schreibt bereits ihre Bedeutung ein und die Logik des Tausches ist er&ouml;ffnet: Die &Ouml;konomie hat schon angefangen.</p>
<p>Es f&auml;llt sofort auf, dass die eigent&uuml;mliche Unfassbarkeit der alles durchdringenden, positiven Negativit&auml;t, die durch die Gabe gegeben wird, dem Wert entspricht, den das Geld gibt. Derrida hat es zwar unterlassen, an die Stelle der Gabe das Geld zu setzen und deren Geben mit dem Wert gleichzusetzen. Doch f&auml;ngt nicht auch die &Ouml;konomie damit an, dass der Wert &uuml;berhaupt als solcher angenommen wird? Ist die Gabe bei Derrida nicht in derselben Weise von der Welt abgel&ouml;st wie die ausgeschlossene Geldware bei Marx, die als abgel&ouml;ste Werteinheit allen Waren Wert gibt? Und muss das, was die Gabe gibt, nicht auf dieselbe Art und Weise angenommen werden wie die Geltung, die durch das Geld gegeben wird? Wenn das Geld von den Subjekten hinterr&uuml;cks als Ma&szlig; aller Dinge eingef&uuml;hrt wird, um dann als das Tausch- und Verwertungsmittel wiederzukehren und der kapitalistischen Gesellschaft objektive Geltung zu verleihen: Geben sich dann nicht die Subjekte das Geld durch sich selber, aber hinterr&uuml;cks, auf eine unbewusste, anonyme und unverf&uuml;gbare Weise?</p>
<p>Doch zur&uuml;ck zu Derrida! Die Unm&ouml;glichkeit der Gabe zeitigt sich in dem, was die Gabe &#8220;eigentlich&#8221;, n&auml;mlich <em>durch sich selber</em> gibt. Das ist vor allem anderen, vor allem Inhalt, die Zeit selbst. Die Gabe gibt nicht Zeit, vielmehr zeitigt sie sich selbst: Indem sie den Geltungsraum gibt, in dem sich etwas ereignen kann und der die Grund- und Zwecklosigkeit, die Uneigenn&uuml;tzigkeit, kurz die absolute Losl&ouml;sung der Gabe zur&uuml;cknimmt und negiert. Allein durch den Bezug, der die Gabe erst Gabe sein l&auml;sst, entsteht, gleich dem Bezug auf das Geld, ein gleichg&uuml;ltiger, objektiver Geltungsraum f&uuml;r alle weiteren Bestimmungen und Beziehungen, mithin f&uuml;r genau diejenige &Ouml;konomie, durch welche die Gabe negiert wird. Die &Ouml;konomie h&auml;ngt an der Geltung, die durch die Gabe gegeben wird, aber indem die &Ouml;konomie die reine Geltung annimmt, mit bestimmter Bedeutung erf&uuml;llt und ihr einen Sinn gibt, ereignet sich genau der nachtr&auml;gliche Prozess, der die Gabe in eins annimmt wie vernichtet.</p>
<p>Dass sich Derridas Geldkritik von der Marxschen unterscheidet, liegt weniger an einem kontr&auml;ren Geldbegriff als am gegens&auml;tzlichen Anfang seiner Entwicklung. Marx entwickelt das Geld durch dessen drei Bestimmungen zum Kapital. Er f&auml;ngt in der Wertformanalyse zun&auml;chst mit der Geltung des Geldes als Ma&szlig; des Werts an; darauf folgt die zweite Bestimmung als Tausch- und Zirkulationsmittel. Dann erst werden beide Bestimmungen des Geldes durch seine dritte, exzessive als Kapital aufgehoben, und zwar so, dass die Kapitalform G-W-G&#8217; wiederum die ersten beiden in Bestimmung <em>setzt</em>. Die Notwendigkeit, durch die erste Funktion des Geldes als Ma&szlig; ein Wertverh&auml;ltnis zu bilden und durch die zweite als Tauschmittel &Auml;quivalenz herzustellen, ergibt sich stets nachtr&auml;glich durch seine dritte: Der Exzess, die Produktion eines nicht aufgehenden Mehrwerts, ist dem vorausgesetzt. Derrida f&auml;ngt dagegen umgekehrt mit der exzessiven, auf Geltung und Verwertung dr&auml;ngenden Dimension des Geldes als Kapital an. Er kann darum zeigen, dass alle Versuche, eine &Ouml;konomie des restlosen Austauschs, der &Auml;quivalenz, der Kreisl&auml;ufe etc. zu begr&uuml;nden, von der exzessiven Dimension durchdrungen ist und von vornherein transzendiert wird. Geht man allerdings mit Marx vom vollst&auml;ndig entwickelten, also kapitalistisch bestimmten Geld aus, so ist auch hier die gesamte &Ouml;konomie von vornherein dem Sinn des Geldes als G&#8217; ausgesetzt. Wo Derrida das Exzessive der Gabe an ihrer Selbstzeitigung festmacht, da f&uuml;hrt Marx die Selbstzeitigung des Exzesses als Notwendigkeit der Selbstverwertung und der Mehrwertproduktion ein. Will man es bei dieser groben &Uuml;bereinstimmung bewenden lassen, so dr&auml;ngt sich mit dem exzessiven Gehalt der Gabe/des Geldes die Frage auf, wie sich das Exzessive und Verzeitlichende, Sinn und Bedeutung Stiftende denn nun zur Geltung bringt.</p>
<p>Bekanntlich leistet Derrida eine andere Kritik der &Ouml;konomie und eine andere Kritik der Produktionsweise als Marx. Bei Derrida hei&szlig;t &Ouml;konomiekritik Dekonstruktion von Texten; sie an die Grenze ihres Sinns zu f&uuml;hren und sich selbst in Frage stellen zu lassen, zielt auf die Frage nach der Produktion von Bedeutung. Folgt man Derridas Verfahren, er&ouml;ffnet es den Zugang zu einem aktuellen Film, der das Exzessive der Gabe und die mit ihr verbundenen Erwartungen und Zeitigungen anschaulich werden l&auml;sst. Es ist <em>Cach&eacute; </em>von Michael Haneke. Hier bringt sich das Exzessive der Gabe auf eine Art und Weise zur Geltung, die das M&auml;rchen vom Hans im Gl&uuml;ck umgekehrt durchl&auml;uft. Hier wie dort bleibt das &Auml;quivalenzprinzip in Geltung und ist ma&szlig;geblich f&uuml;r das Gesetz des Austausches und die damit verbundenen Vorstellungen von Sinn und Gerechtigkeit. Doch w&auml;hrend sich die Notwendigkeit der &Auml;quivalenz bei Hans geltend macht, indem sie das Unsinnige und Regressive seiner Tauschbewegungen und seiner &ouml;konomischen Kreisl&auml;ufe zeitigt, versucht sich im Film umgekehrt das &Auml;quivalenzprinzip gegen das Exzessive einer Gabe geltend zu machen, doch &#8211; statt Austausch und Ausgleich zu erreichen, f&uuml;hrt das erst recht in den Exzess.</p>
<p>Am Anfang des Films stehen f&uuml;r die Gabe im Sinne Derridas Videob&auml;nder, die in loser Folge einem Ehepaar aus dem Nichts heraus, so grundlos wie zwecklos, zugespielt werden. So anonym und grundlos die Videos gegeben sind, bleibt auch ihr Inhalt, der belanglose Aufnahmen des Hauses wiedergibt. Allein, ist erst einmal etwas <em>als </em>etwas gegeben, so ist es gerade die Unbestimmtheit oder vielmehr das <em>noch </em>Unbestimmte, das zur Bedeutung dr&auml;ngt und mit bestimmten Erwartungen verbunden wird. Unmittelbar macht sich die Eigent&uuml;mlichkeit der Gabe geltend, ihre Unentschiedenheit zwischen M&ouml;glichkeit und Unm&ouml;glichkeit. Denn die Gabe existiert ja nur, wenn sie als solche angenommen wird, aber das f&uuml;hrt in eine &Ouml;konomie, die das Exzessive der Gabe einholen und dadurch ihre Einmaligkeit und Absolutheit vernichten muss. Auch im vorliegenden Fall werden mit den Videos weitergehende Annahmen verbunden. Dass die Videos angenommen werden, setzt bei den Empf&auml;ngern genau die Produktion von Bedeutung in Gang, die, indem sie sich fortgesetzt auf die Gabe bezieht, nachtr&auml;glich die Gabe durch den Sinn negiert, der sich durch sie stiftet. So wie das Geld nur zirkuliert, um Mehrwert zu realisieren und neuen zu stiften, w&auml;hrend der &Auml;quivalententausch und die Zirkulation das Exzessive der Mehrwertproduktion normalisieren und ausgleichen, so ist auch durch die Gabe immer mehr gegeben, als sie selbst gewesen sein wird. Doch was auch immer aus ihr folgt, es wird jedenfalls genau das gewesen sein, was die Gabe zerst&ouml;rt. Und das Zerst&ouml;rende ist nicht das Mehr, das erst aus ihr folgt, sondern durch die Gabe wird mehr als sie selbst gegeben und es ist umgekehrt der Versuch des Ausgleichs, der scheitert. So ist es im Film das Dr&auml;ngen auf Ausgleich und Gerechtigkeit, das f&uuml;r das Gegenteil geradezu produktiv wird und schlie&szlig;lich zu einem absoluten Exzess f&uuml;hrt.</p>
<p>Zun&auml;chst will die Hauptfigur den fehlenden Sinn der Gabe einl&ouml;sen und die Schuld, die mit ihr gegeben scheint, irgendwie tilgen, auch wenn es weniger Gerechtigkeitssinn als die Angst vor einer offenen Rechnung ist, vor etwas nicht Aufgegangenem, das zur Logik des Tausches und der &Auml;quivalenz dr&auml;ngt und im Film den Sinn stiftet. Die Geschichte kommt sogar allererst in Gang, weil ihr Anfang nicht aufgeht; und er geht nicht auf, weil durch die Gabe &#8211; die Videos &#8211; mit einem Schlag ein &Uuml;berfluss im Spiel ist. Es ist ein rein negativer &Uuml;berschuss an unbestimmter und unmittelbarer Geltung, die, gleich dem Mehrwert, gleichwohl positiv vorhanden ist und darauf dr&auml;ngt, Bedeutung anzunehmen. Im Film ist dieser negative &Uuml;berschuss, der dem Mehrwert entspricht, die Schuld, die (noch) unbestimmte, aber vorhandene und belastende Schuld. Sie steht (wie der Mehrwert) am Anfang der Geschichte und des Sinns, indem sie die Notwendigkeit des Fortgangs geltend macht. Der Fortgang ist notwendig, weil die offene Schuld auf Ausgleich und Gerechtigkeit dr&auml;ngt &#8211; doch ohne das endg&uuml;ltig erreichen zu k&ouml;nnen, denn kein Ausgleich, keine Gerechtigkeit kann hinter den <em>Grund </em>der Schuld gelangen, hinter die Produktionsweise der Schuld. Es ist das &Auml;quivalenzgesetz selber, das f&uuml;r Schuld produktiv sein muss, ganz wie f&uuml;r den Mehrwert nach Marx. Denn Marx&#8217; Kritik des Tausches und der Zirkulation zeigt ja nicht nur, dass sich die Waren zu &Auml;quivalenten tauschen, er zeigt auch den verborgenen Sinn im &Auml;quivalenzprinzip: Aus dem &Auml;quivalenzprinzip geht Nicht-&Auml;quivalentes hervor, der Mehrwert, und der wird durch dasselbe Prinzip wiederum realisiert. Es gibt also einen &Uuml;berschuss, der die gesamte &Ouml;konomie trotz ihrer &Auml;quivalenz durchzieht, der immer vorhanden ist und mit dem es umzugehen, ja, den es auszugleichen gilt &#8211; ohne dass er je restlos in dem &Auml;quivalenzprinzip aufgehen k&ouml;nnte, das ihn selber hervorbringt. (Damit die Logik des &Auml;quivalenzprinzips aufgehen kann, muss bei Marx die Zeit einspringen. Es ist das zeitliche Verm&ouml;gen der besonderen Ware Arbeitskraft, Arbeitszeit zu geben, die &uuml;ber die zur eigenen Reproduktion notwendigen hinausgeht. Die L&ouml;sung von &Auml;quivalenz und Nicht-&Auml;quivalenz f&uuml;hrt zu einer Aufl&ouml;sung in der Zeit. ) Was Marx f&uuml;r das &Auml;quivalenzprinzip zeigt, gilt f&uuml;r <em>jede </em>Form des Austausches: Kein Selbstbewusstsein und kein Dialog, keine Partnerschaft und keine &Ouml;konomie kommt &uuml;ber eine blo&szlig;e Tautologie hinaus, wenn dazu nicht ein Drittes, Neues, Hinausgehendes gezeitigt wird, dasjenige n&auml;mlich, worauf der Austausch, um sich &uuml;berhaupt zu ereignen, von vornherein angewiesen ist &#8211; doch ohne je &#8220;hinter&#8221; die Form des Tausches oder an sein Ende zu gelangen.</p>
<p>Auch die Geschichte, die aus Schuld und Mehrwert folgt, ist dieselbe. Beide sind zun&auml;chst als das Abwesende anwesend und dr&auml;ngen darauf, bestimmte Bedeutung anzunehmen. Da es keinen &#8220;eigentlichen&#8221; Ort f&uuml;r diesen &Uuml;berschuss geben kann, dr&auml;ngt sich der &Uuml;berschuss zwar in die bestehende &Ouml;konomie hinein, aber ebenso f&uuml;gt er ihr neue Bedeutung hinzu. Er nimmt notwendigerweise eine &#8220;falsche&#8221; Gestalt an, aber insofern es ohnehin keinen &#8220;richtigen&#8221; Ort f&uuml;r den Mehrwert und die Schuld gibt, beide vielmehr unangemessen gegen&uuml;ber dem Bestehenden sind und darum zu &Auml;quivalenz und Gerechtigkeit dr&auml;ngen, also zu einem Dasein, das sich selbst angemessen sein soll, insofern ist der ihr Ort gleichg&uuml;ltig. Die Gabe, ob als Schuld oder Mehrwert, ist &uuml;berfl&uuml;ssig, sie besteht in nichts als in ihrer exzessiven Geltung und dringt in das N&auml;chstbeste. Im Film nimmt jeder auf seine Weise an der Schuld teil und jeder gibt sie weiter. So &uuml;berfl&uuml;ssig und ungebunden die Schuld dadurch bleibt, so beliebig sie zirkulieren muss, so wenig kann sie endg&uuml;ltig stillstehen oder endg&uuml;ltig verschwinden und so bleibt sie doch immer ein und dieselbe. Der einzig ihr angemessene Ort ist die Ortlosigkeit und best&auml;ndige Losl&ouml;sung, also wieder: die Gabe oder das Geld, oder auch Gott, das &Uuml;ber-Ich, das Gewissen, die Gerechtigkeit.</p>
<p>Auf den ersten Blick scheint Hanekes Film zu zeigen, dass die Oberfl&auml;che der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft nie glatt ist und immer etwas Unabgegoltenes durchdringt. Doch er zeigt das nicht, indem er die Oberfl&auml;che der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft mit dem konfrontiert, was sie durch Verdr&auml;ngung zu verbergen oder vergessen sucht. Er zeigt, dass bereits diese Konfrontation (und damit ein Austausch) von vornherein scheitern muss. Gerade wenn nichts gegeben ist als die Oberfl&auml;che und z. B. ein Ehepaar sich in der eigenen Normalit&auml;t spiegelt und nur wiedergeben wird, was ohnehin passiert, gerade dann meldet sich das schlechte Gewissen. Doch wird nun ein Umgang und Ausgleich gesucht, so gelangt das weder zu einem Ursprung der Schuld. (Das Geschehen, auf das die Schuld zur&uuml;ckgehen k&ouml;nnte, beruht auf dem Tun eines nicht schuldbewussten Sechsj&auml;hrigen, und diejenigen, die durch die Videos auch die Schuld &#8220;gegeben&#8221; haben k&ouml;nnten, streiten alles ab, ja, sie zeigen sich, obwohl sie Grund dazu h&auml;tten, weder an Rache noch Ausgleich interessiert. ) Noch gelingt es, die Schuld auszugleichen oder sich &uuml;berhaupt &uuml;ber sie auszutauschen. Mehr noch, im Film ist es gerade der Versuch, der Schuld auf den Grund zu gehen, der dasjenige Ereignis zeitigt, das die Hauptfigur schlie&szlig;lich mit einer unannehmbaren Schuld konfrontiert. Der Versuch, &#8220;hinter&#8221; den Sinn der Gabe zu kommen und zum Ursprung der Schuld zur&uuml;ckzukehren, f&uuml;hrt in gewisser Weise doch noch zu ihr, aber als Wiederholung eines Ursprungs, der sich dadurch allererst ereignet. Im Film wird das dargestellt durch eine Gabe, die schlechthin <em>unannehmbar</em> ist, und zwar f&uuml;r beide Beteiligten: Jemandem durch dessen blo&szlig;e Teilnahme die Schuld zu geben, dass man sich das Leben nimmt.</p>
<p>Es zeichnet <em>Cach&eacute; </em>aus, die Idee der Gabe konsequent zu verfolgen, indem die Schuld von aller Logik des Gebens und Nehmens, des Austauschs, kurz aller &Ouml;konomie bereinigt wird. Das f&uuml;hrt im Film dazu, dass die Geschichte nicht recht aufgeht und sogar unsinnig erscheint, weil letztlich niemand die Videos und die darin mitgegebene Schuld gegeben hat. Indes macht das die skizzierte Analogie zur Gabe nach Derrida erst m&ouml;glich. Die Schuld wird so hinterr&uuml;cks und anonym gegeben wie die Videos; ihr exzessives Dr&auml;ngen f&auml;ngt erst nachtr&auml;glich an, und zwar allein dadurch, dass man zu seinem Tun ins Verh&auml;ltnis gesetzt wird und sei es, wie in diesem Fall, zu einem Tun, das im Zustand der Schuldunf&auml;higkeit begangen wurde; und es ist das Dr&auml;ngen auf Austausch, auf Ausgleichen und Gerechtigkeit, das schlie&szlig;lich zum Exzess, zur unannehmbaren Gabe f&uuml;hren wird.</p>
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		<title>In Acht nehmen</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
		<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>

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Selbstverwertung]]></description>
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<h3>Materialien zum mentalen Kapitalismus anhand des neuen Bandes von Georg Franck</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-413"></span></p>
<p><em>Georg Franck, Mentaler Kapitalismus. Eine politische &Ouml;konomie des Geistes, Carl Hanser Verlag, M&uuml;nchen 2005, 286 Seiten, 23,50 Euro. Seitenzahlen im Artikel beziehen sich auf diesen Band. </em></p>
<p><em>Manchmal gibt es B&uuml;cher, die sind empfehlenswert und &auml;rgerlich in einem. Georg Francks Studie ist so eines. Da legt einer wirklich viele richtige F&auml;hrten. Die Schranken der einzelnen gesellschaftlichen Sph&auml;ren und wissenschaftlichen Disziplinen werden konsequent durchbrochen. Auch die Herausarbeitung eines Zusammenhangs von Waren- und Denkform, ist nicht hoch genug einzusch&auml;tzen. Eines muss man dem Professor f&uuml;r digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der Technischen Universit&auml;t in Wien konzedieren: ein absolutes Gesp&uuml;r f&uuml;r relevante Fragen der Zeit. Und gut lesbar ist der Band auch noch. </em></p>
<p>Kapitalistisch ist nicht nur die Wirtschaft, der Kapitalismus ist &uuml;berall, oder zumindest will er &uuml;berall sein. Er ist tief eingegraben im Leben, innerer (wenn auch nicht eherner) Modus der Menschen. Zuhause in den K&ouml;pfen, auch den widerspenstigen. Der Kapitalismus kommt aber nur dahingehend &uuml;ber die Menschen, weil sie ihn selbst machen. Er ist ihnen ein unhinterfragtes Betriebssystem. Die Entscheidung f&uuml;r ihn ist keine bewusste, aber eine allt&auml;glich-praktische.</p>
<p>Franck allerdings &uuml;bertreibt, wenn er festh&auml;lt: &#8220;Der Verdacht nun freilich, die kapitalistische Verwertungslogik habe sich der kulturellen Produktion bem&auml;chtigt, scheint ungeheuer.&#8221; (S. 16) Denn nichts naheliegender als das. Beschreibt man den Kapitalismus als gesamtgesellschaftliches Aggregat der Werts, ist dieser Zusammenhang gesetzt. H&auml;ngt man aber wie Franck einem Basis-&Uuml;berbau-Schema an, dann ist jener erst durch eine Bem&auml;chtigung zu entdecken. Aber da hat sich nichts bem&auml;chtigt, da hat sich nur etwas verdichtet und entwickelt, sodass es heute sinnf&auml;lliger ist.</p>
<h4>Selbstverwertung</h4>
<p>Was die Menschen von sich und anderen halten, folgt einer &#8220;&Ouml;konomie des Denkens&#8221; (S. 8): &#8220;Der Selbstwert nimmt, um es hart zu sagen, die Z&uuml;ge eines &ouml;konomischen Preises an.&#8221; (S. 155) Da verr&auml;t Franck zwar nichts Neues, doch ist seine insistierende Betonung dieses Komplexes nachvollziehbar, eben weil dieser bestimmend, aber nicht zur Kenntnis genommen wird. Franck analogisiert daher zu Recht ein &#8220;Sozialprodukt an Beachtung&#8221;. (S. 8) Selbstwertsch&auml;tzung habe mit &#8220;&auml;u&szlig;erer Wertsch&auml;tzung zu tun&#8221;. (S. 85) Die subjektiven Kriterien unserer Selbstschau sind objektivierter Natur. Selbstwertsch&auml;tzung ist Selbst<em>wert</em>sch&auml;tzung, nicht blo&szlig;e Selbst<em>ein</em>sch&auml;tzung. So profan ist der Kapitalismus nicht. Jene bezieht sich wie alles andere (Personen, Verh&auml;ltnisse, Ereignisse, Sachen) auf eine gemeinsame Gr&ouml;&szlig;e, auf den Wert, und damit ist nicht nur jener gemeint, der sich am Markt und letztlich im Geld ausdr&uuml;ckt. Alle Bereiche sollen durch Werte dem Wert angepasst sein. Das Vokabular verr&auml;t es, man denke nur an all die befallenen Begriffe wie <em>Wertsch&auml;tzung, Wertsch&ouml;pfung, Wertegemeinschaft, Bewertung oder wertvoll</em>.</p>
<p>Der <em>Selbstwert</em> ist nie etwas anderes gewesen als die von au&szlig;en gepr&auml;gte Werteinsch&auml;tzung des Selbst, wobei das Selbst die R&uuml;ckbez&uuml;glichkeit schon in sich tr&auml;gt. Es ist ein abstraktes Sich, kein konkretes Ich, ein Subjekt, dessen Selbstwert immer an Verwertung und Achtung denken muss. Es w&auml;re interessant zu wissen, zu welchem Zeitpunkt die Worte <em>Selbstwertgef&uuml;hl</em> und <em>Selbstwertsch&auml;tzung</em> in den allgemeinen Sprachgebrauch &uuml;bergegangen sind. Vermutlich geschah das fr&uuml;hestens in der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts. Was nicht meint, dass sich Leute fr&uuml;her nicht sch&auml;tzten, aber nur heute tun sie sich wertsch&auml;tzen. Und das ist mehr als eine neues Wort f&uuml;r ein und dasselbe.</p>
<p>Dieses Selbstwertgef&uuml;hl sinkt rapide, wird der Einzelne vom Kapital nicht anerkannt. Nicht nur Arbeitslose sp&uuml;ren das, die aber ganz besonders. Solch Personal kommt bei Franck aber gar nicht erst vor. Auch die Arbeit und der materielle Kapitalismus bleiben &#8211; so sie nicht zum Analogieschluss herhalten m&uuml;ssen &#8211; unber&uuml;cksichtigt. Ebenso der Konnex von Angst und Achtung. Und selbst den zentralen Terminus <em>Wert </em>l&auml;sst er einfach so stehen, als w&uuml;rde der Alltagsverstand dar&uuml;ber ausreichend Auskunft geben. Wie kommen wir &uuml;berhaupt dazu, auf irgendetwas Wert zu legen? Warum betrachten wir irgendetwas nicht als profanes Konkretum, warum versehen wir es akkurat mit einer ganz spezifischen Abstraktion? &#8211; Uns ist es jedenfalls unm&ouml;glich, uns vorzustellen, dass kein Tausch sein muss, dass die Menschen sich weder direkt noch indirekt dem &Auml;quivalenzprinzip ausliefern, sondern die Kommunikation auf Geben, Nehmen und Sch&ouml;pfen basiert.</p>
<h4>Beachtung</h4>
<p>Sein eigentliches Gewicht legt der Autor auf die <em>Beachtung</em> und ihre Funktionsweise. &#8220;Geben wir Acht auf das, worauf wir Wert legen, oder legen wir Wert auf das, worauf wir achten? (&#8230; ) Wenn das Wertlegen dem Achten vorausgeht, dann ist es der Wert, der entscheidet, was wichtig und relevant ist. Wenn hingegen der Wert, den wir legen, der Beachtung folgt, die die Sache findet, dann wird wichtig und erheblich, was Aufsehen erregt.&#8221; (S. 11) Wertlegen wie Achten kommen dem Gegenstand (unabh&auml;ngig davon, was vorher gewesen ist) als ein &Auml;u&szlig;eres zu, sie werden ihm aufgrund seiner Erscheinung zugeschlagen. Doch diese Erscheinung kann nur scheinen im Blick auf sie. Es ist daher fast m&uuml;&szlig;ig, dar&uuml;ber zu streiten, was vorher gewesen ist, sie bedingen sich nicht nur gegenseitig, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Beschreiben k&ouml;nnte man sie so, wie Marx im wenig gelesenen zweiten Band des Kapitals die Zirkulation auseinander legt, als einen Kreislauf, der nirgendwo beginnt und nirgendwo endet, wo man also jeden Anfang und jedes Ende analytisch setzen kann.</p>
<p>Wir geben Acht auf das, was als Wert erscheint und nennen Wert das, worauf wir achten. Das ist nat&uuml;rlich ein Zirkelschluss, aber es ist der, in dem sich alle b&uuml;rgerlichen Subjekte (also alle! ) der Gesellschaft verfangen haben, ohne sich dar&uuml;ber Rechenschaft abzulegen. Wert und Achtung sind nicht so einfach zu trennen, weder temporal als auch kausal. &#8220;Wenn nicht zu entscheiden ist, ob die Beachtung dem Wert oder der Wert der Beachtung folgt, dann ist es gleichg&uuml;ltig, ob eine Sache Beachtung findet, weil sie wertvoll ist, oder wertvoll wird, weil sie Beachtung findet, Wunschdenken w&auml;re es dann, auf eine Objektivierung kultureller Werte und k&uuml;nstlerischen Rangs zu hoffen. Die Unterscheidung zwischen Urteilskraft und Herdentrieb w&auml;re gegenstandslos.&#8221; (S. 12) Dem ist so und das ist eigentlich eine schreckliche Erkenntnis. Das Individuum ist nur zu retten, wenn das b&uuml;rgerliche Subjekt nicht als jenes aufgefasst wird.</p>
<p>Achtung meint jedenfalls nicht eine von uns hergestellte Nachfrage, Achtung findet das uns vorgestellte Angebot. Wir suchen uns das Beachtbare ja nicht aus, bestimmen es nicht, es kommt zu uns. Es ist Heimsuchung, nicht Suche. Die ganze westliche Zivilisation, ihre &Ouml;konomie, Politik und Kultur, ist gepr&auml;gt vom allm&auml;chtigen Reiz der Aufdringlichkeit. Zur Kenntnisnahme kann eins gar nicht &#8220;Nein&#8221; sagen, auch wenn es tausendmal &#8220;Ich will das nicht! &#8221; sagt. Unser Leben ist ein Trainingslager, wo wir uns gegenseitig dazu abrichten, die Angebote als Gebote zu betrachten. Lassen wir uns alles bieten? Fast. Sollen wir uns in Acht nehmen vor dem Acht geben? &#8211; Genau das. H&uuml;tet euch vor den Angeboten! Nehmt euch in Acht vor der Achtung!</p>
<p>Achtung ist somit eine Gr&ouml;&szlig;e, die in ihrer Zurichtung nicht nur vorbestimmt ist, sondern eine, die industriell entwickelt und notfalls auch mit Gewalt durchgesetzt wird. Der Eindruck ist Folge einer Auslieferung, die niemand beschlossen hat, schon gar kein Parlament, das ja sowieso noch nie mit grundlegenden Fragen der Gesellschaft befasst wurde. Der potenzielle Konsument hat gef&auml;lligst zu reagieren, es geht um Realisierung der Botschaft, sei es durch W&uuml;rdigung und/oder Verwertung. Wert und W&uuml;rde sind &uuml;brigens etymologisch enge Verwandte.</p>
<p>Aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass Menschen keine Individuen sind, sondern blo&szlig; Subjekte dieser &Ouml;konomie der Aufmerksamkeit, dann haben diese Subjekte doch ihre eigenen Mucken und T&uuml;cken, nicht nur hinsichtlich ihrer Stabilit&auml;t, sondern auch hinsichtlich ihrer Normierung. Selbstwertbildung unterscheidet sich trotz aller Analogie doch st&auml;rker von der allgemeinen Preisbildung als angenommen. Der prim&auml;re Unterschied liegt darin, dass wir es bei den Menschen mit lebendigen und in Ans&auml;tzen reflektierten Wesen zu tun haben. Im Kapitalismus sollen sie zwar als automatische Subjekte fungieren, trotzdem funktionieren sie nicht einfach so. Ihr Verh&auml;ltnis zum Kapital ist nicht blo&szlig; ein entsprechendes, sondern auch ein <em>sprechendes</em>. In letzter Konsequenz sind Menschen unberechenbar. Es gibt da ein <em>repulsives Moment</em>, das Vorgaben nicht einfach hinnimmt. Das wiederum ist das Besondere dieser Ware Mensch, er ist nicht absolut identisch mit ihr.</p>
<p>&#8220;Das Achten aufs Achten der anderen ist ein Zusammenhang, der nicht rei&szlig;t: Er ist es, der das Haus des Seins zusammenh&auml;lt.&#8221; (S. 260) &#8220;Keine Kultur, die nicht von &#8211; und in &#8211; der Beachtung ihrer Mitglieder leben w&uuml;rde.&#8221; (S. 12) Das klingt so &uuml;berzeugend, dass es nur falsch sein kann. Denn hier geraten einige Sachen durcheinander: Die b&uuml;rgerliche Gesellschaft zeichnet sich mitnichten dadurch aus, dass sich Menschen gegenseitig als solche anerkennen, sondern dass sie sich &uuml;ber etwas Drittes aufeinander beziehen und auch akzeptieren, n&auml;mlich als K&auml;ufer und Verk&auml;ufer auf allen M&auml;rkten. Franck ontologisiert die Beachtung, indem er gemeinverst&auml;ndliches Vokabular und kapitalistische Spezifit&auml;t in eins mischt. &#8220;Beachtet wurde immer&#8221; firmiert dann schon auf einem Niveau von &#8220;Gearbeitet wurde immer&#8221;.</p>
<p>Achtung kennt auch negative Dimensionen, ja diese sind sogar von eminenter Bedeutung. So wie Kultur nicht ohne Barbarei ist, so ist Beachtung nicht ohne Missachtung, ja Verachtung zu haben, keine Wertung ohne Entwertung. Die Minderwertigen sind &uuml;berall und auch der Unwert lauert. Die st&auml;rkste Form der Achtung ist deren ultimative Negation, die &Auml;chtung! Und wird sie als ideelle Nichtung zur reellen Tat, kann sie nur zur Vernichtung schreiten. Und das tut sie auch, explizit wie implizit.</p>
<h4>Aufmerksamkeit und Indifferenz</h4>
<p>Georg Franck &uuml;bersetzt Beachtung als Aufmerksamkeit, er synthetisiert einen relativ unbestimmten Begriff zu einer bestimmten Kategorie. Denn Aufmerksamkeit erweckt in erster Linie positive Assoziationen. Sie unterstellt reflektiertes Erkennen und aktives Zutun seitens des Empf&auml;ngers. Doch ist das nicht geradezu eine willk&uuml;rliche &Uuml;berh&ouml;hung, den Vollzug der Anmache Aufmerksamkeit zu nennen? Wird da nicht das Grobe fein rausgeputzt? Der (auch von Franck gebrauchte) Begriff des Aufsehens w&auml;re hier t&uuml;chtiger, er sagt, worum es geht, indem er einerseits gleich die geb&uuml;ckte Form der Haltung ausplaudert und andererseits seine Verwandtschaft zur Aufregung demonstriert.</p>
<p>&#8220;Die Zunahme der Aufmerksamkeit, die in den Massenmedien umgesetzt wird, bedeutet, dass die Menge der Aufmerksamkeit w&auml;chst, die als Zahlungsmittel im Umlauf ist.&#8221; (S. 140) Aber gleichen diese mentalen Blasen nicht faulen Krediten? Die &#8220;Mengenexpansion&#8221; (S. 160) verl&auml;uft doch asynchron. Was da alles produziert wie projiziert wird, kann unm&ouml;glich konsumiert werden. Die Vervielfachungsm&ouml;glichkeit ist eine einseitige. Medien verm&ouml;gen stets mehr zu senden, zweifellos, aber die Empf&auml;nger verm&ouml;gen nicht immer mehr zu empfangen. Wir haben also eine &Uuml;berproduktionskrise. Vor lauter Angeboten k&ouml;nnen wir die Gebote gar nicht erf&uuml;llen. Auch wenn wir pflichtbewusst wollen. Es staut sich. Als Abnehmer sind wir heillos &uuml;berfordert.</p>
<p>Vom Sender aus betrachtet mag Aufmerksamkeit ein unlimitierter Tauschwert sein, vom einzelnen Menschen aus gesehen, ist sie ein limitierter Gebrauchswert. Es gibt also physische und soziale Schranken der Aufmerksamkeit, und selbst wenn es den Medien gelingt, bestimmte Aufmerksamkeiten noch zu erzielen, hei&szlig;t das doch nur, dass sie anderswo abgehen. Solch &#8220;Bereicherungen&#8221; sind mit Verarmungen erkauft. Die stete Forderung nach Beachtung f&uuml;hrt also wegen ihrer &Uuml;berdimensionierung nicht zur verst&auml;rkten Aufmerksamkeit, sondern geradewegs in die <em>Indifferenz</em>. Die freilich kommt bei Franck auch nicht vor. Die mentale Akkumulation l&auml;uft zusehends leer. Es beschleicht einen das Gef&uuml;hl, dass die Leute noch nie so wenig aufmerksam gewesen sind wie im Zeitalter ihrer allgemeinen Aufschreckung. Der intransigente Zwang zur Aufmerksamkeit schafft abgestumpfte Wesen, die weder unterscheiden wollen und wahrscheinlich auch nicht mehr k&ouml;nnen. Insofern gilt allerdings auch, dass die Aufmerksamkeit trotz permanenter Erregung nicht zunimmt, sondern ab einer gewissen Quote abnimmt, sie ist ebenso wenig unendlich wie der Markt.</p>
<p>Die Aufmerksamkeitskontingente der potenziellen Kunden sind beschr&auml;nkt, was aber wiederum nur hei&szlig;t, dass im Konkurrenzkampf die allseitige Reklame noch gerissener, noch r&uuml;cksichtsloser und schamloser verfahren muss, wenn sie ankommen will. It&#8217;s time for stalking! Erregung will, dass wir dauernd auf etwas hei&szlig; sein sollen. Doch Erregung ist als Dauerzustand unm&ouml;glich, ja extrem nervig. Sie ist Spannung ohne Entspannung, ein fieberhaftes Treiben, &Uuml;berreizung.</p>
<p>Eigentlich w&auml;re wohl Herostratos der Idealtypus dieser Aufmerksamkeits&ouml;konomie. Wer w&uuml;rde ihn kennen, h&auml;tte er den Tempel von Ephesos nicht angez&uuml;ndet? Oder Mohammed Atta, der da um der vielen Jungfrauen willen in das New Yorker Hochhaus gekracht ist. Aber auch die unz&auml;hligen Miniherostraten, die die Talkshows bev&ouml;lkern oder sich im Reality-TV tummeln, um einen Hauch von Prominenz abzukriegen. Wenn Robert Misik in seiner Franck-Rezension schreibt: &#8220;Leute, die fr&uuml;her in die Klapsm&uuml;hle gewandert w&auml;ren, gelten heute als schr&auml;g und kommen ins Fernsehen&#8221; (<em>Falter </em>42/05 bzw. <em>taz</em> 19.10.2005), dann hat er mehr recht, als er meint. Denn das Fernsehen ist nichts anderes als eine gro&szlig;e Klapsm&uuml;hle, die schonungslos die Projektionen des Publikums offen legt. Jede Sehnsucht nach alter Biederkeit, die das alles unter den Teppich kehrte, ist verst&auml;ndlich, aber hilflos. Das Fernsehen ist der gro&szlig;e Spiegel der Matrix, und allen, die es bel&auml;cheln, sollte das Lachen gefrieren ob diesem Konzentrat an Ehrlichkeit. Es verzerrt nichts, es zerrt blo&szlig; an die Oberfl&auml;che. So gesehen ist das television&auml;re Irrenhaus das &#8220;Wahrheitsministerium&#8221; (George Orwell).</p>
<h4>Bewerbungen</h4>
<p>&#8220;Werbung ist die k&auml;ufliche Dienstleistung der Attraktion von Aufmerksamkeit&#8221; (S. 52), schreibt Franck. Sie spannt sich inzwischen &uuml;ber alle gesellschaftlichen Felder. Sie ist von einer Beigabe der &Ouml;konomie zur Hauptaufgabe der Gesellschaft geworden. Reklame ist &uuml;berall. Die Simulationsindustrie pr&auml;sentiert zwar Fiktionales, bestimmt aber aufgrund ihrer Wirkm&auml;chtigkeit Wirklichkeit. Massenmedien und Werbung sind eins geworden, in vielen Gratismagazinen (aber nicht nur dort) kann man den redaktionellen Teil von den Anzeigen gar nicht mehr unterscheiden. Auch die Politik wird zusehends zu einem blo&szlig;en Bestandteil dieses Komplexes, wobei Bestand und Teil zu starke Worte sind. Politik wird vielmehr in diese Unterschiedslosigkeit einger&uuml;hrt. Es ist ein Brei.</p>
<p>Kulturindustrie produziert durch ihre Penetranz Auff&auml;lligkeit, eine ganz bestimmte Form von Beachtung. Die Macht der Werbung liegt in ihrer Allgegenwart. Wie geht man mit etwas um, das nicht zu umgehen ist? &#8211; Man richtet sich darin ein und danach aus. Ob eins will oder nicht. Wenn &#8220;die Nachfrage nach Information (&#8230; ) eine Nachfrage (ist), die zwar bereit ist zu zahlen, die aber nicht wissen kann, was sie will&#8221; (S. 151), ist sie eine, die nimmt, was sie kriegt. Freiheit besteht ganz hegelisch dann darin, das Vorgestellte zu akzeptieren, sich ihm zu f&uuml;gen.</p>
<p>Vor allem den neuen M&auml;rkten ist es gelungen, &#8220;die frei verf&uuml;gbare Aufmerksamkeit der Leute weitgehend zu absorbieren&#8221; (S. 57). Das freie Individuum ist nicht frei beim Ausw&auml;hlen, worauf seine Aufmerksamkeit f&auml;llt. Nicht Menschen suchen ihre Waren aus, nein Waren suchen sich die Menschen. Das ist der Zweck der Werbung, der verraten werden nicht darf, obwohl er so offensichtlich ist. Werbung ist also nicht Entscheidungshilfe, sondern Beschlagnahme. Aufmerksamkeit ist keine eigenst&auml;ndige Verf&uuml;gung, sondern eine best&auml;ndige F&uuml;gung. Sie ist kein Raum, der einem geh&ouml;rt, sondern weitgehend okkupiertes Gebiet.</p>
<p>Werbung funktioniert nicht (prim&auml;r) als Manipulation, sondern als gef&auml;lliger und adaptierter Modus, wo Bewerber wie Beworbene sich permanent Selbstt&auml;uschungen hingeben. In jedem Bewerbungsgespr&auml;ch wird das Vorstellen zu einem Verstellen, ja das wird sogar gef&ouml;rdert und geschult. Die entsprechenden Erwartungshaltungen m&ouml;gen Halluzinationen sein, aber sie konstituieren die Subjekte in der vorgegebenen Kommunikationsstruktur. Daher n&uuml;tzt auch Aufkl&auml;rung &uuml;ber Werbung kaum, denn was man den Leuten sagen kann, das wissen sie ohnehin. Aber sie wollen das Wahrgenommene nicht wahrhaben, verdr&auml;ngen es. Was soll diese traurige Wahrheit auch ausrichten gegen die bunte Warenwelt der Realfiktionen? Widerwissen bleibt konsequenz-, ja ger&auml;uschlos, weil es im Treiben regelrecht untergeht. Es erscheint als widerspruchsloses und fatalistisches Einsehen.</p>
<p>Die Leute betreiben ihre Gesch&auml;fte nicht als aktive Bewusstseinstr&auml;ger, sondern als narkotisierte Reakteure. Nur nicht aufwecken! Werbung ist ein kompliziertes und aktives Get&auml;uscht-werden-Wollen, nicht ein profanes und passives Get&auml;uscht-Werden. Also hergestellte Selbstt&auml;uschung, nicht blo&szlig; hingenommene T&auml;uschung. Wir sprechen darauf an, weil wir angesprochen werden wollen. Werbung ist das Hochamt aller Waren. Sie ist Ansprache, Predigt, Gottesdienst. Sie vermittelt Fetischisten fetischistisches Bewusstsein. Eine Unmenge Zeit unseres Daseins verbringen wir an diesem Fetischdienst: <em>Berechnen, Bezahlen, Bewerten, Bewerben, Bepreisen, Besteuern, Kalkulieren oder Spekulieren</em> &#8211; das sind alles f&uuml;r uns selbstverst&auml;ndliche Sachen, obwohl diese ja nur aufgrund ihrer gesellschaftlichen Konstitution als nat&uuml;rlich erscheinen. Diese Vergeudung von Leben nennt sich Business und dieses lobt fortw&auml;hrend seine ungemeine Sparsamkeit. Was bei den Kosten stimmt, ist in den Folgen freilich verheerend.</p>
<p>Das Verdr&auml;ngte ist allerdings nicht ausgel&ouml;scht. Es schlummert und d&auml;mmert, ist ein Herd der Unruhe. Der Sieg der Werbung ist stets prek&auml;r, die Anstrengung, ihn zu erzielen, gro&szlig;. Nicht zuf&auml;llig verschlingt mittlerweile das Marketing mehr Geld als die Produktion. Auch wenn es retrospektiv anders erscheint, es l&auml;uft nichts von selbst, es muss mit immensem Aufwand am Laufen gehalten werden. Die Formatierung der gesellschaftlichen Subjekte ist nie abgeschlossen. Irgendwie hat man das Gef&uuml;hl, als m&uuml;sste die Kulturindustrie die Dosis stetig erh&ouml;hen, um den Vollzug zu garantieren.</p>
<p>Werbung als stabilisierender Faktor ger&auml;t selbst in destabilisierende Hektik. Wenn der Markt ins Rasen ger&auml;t, tut sich jede langfristige Planung schwer, da ja der kurzfristige Erfolg ma&szlig;geblich ist. Nicht langer Atem ist gefragt, sondern die Beschleunigung des Kurzstreckenl&auml;ufers. Taktik hat Strategie ersetzt. Werbung wird zum Exzess einer Form, die <em>Indiskretion</em> ist ihr Imperativ geworden. Indiskretion ist in der Reklame zwar angelegt, aber erst unter Bedingungen versch&auml;rfter Konkurrenz wird sie in ihren Auftritten hemmungslos, r&uuml;cksichtslos, schamlos. Je radikaler der Markt, desto rabiater das Marketing.</p>
<h4>Zitieren als Lizitieren</h4>
<p>Laut Franck folgt Wissenschaft einem &#8220;Rechnungswesen f&uuml;r Zitate&#8221; (S. 65). Am Zitat interessiert, interpretieren wir es richtig, weniger der inhaltliche Grund als das taktische Kalk&uuml;l. &#8220;Die Sammlung der Zitate wird entscheiden, ob der Fund eine Entdeckung war oder ein Flop.&#8221; (S. 65) Wissenschaftliche Karriere meint Hochlizitieren durch Zitieren. Ziel ist wohl die Schaffung und Regulierung von Scientific communities, wo sich Lizitanten ihrer selbst Projekte zuschieben und an Symposien inszenieren. Wissenschaftlicher Erfolg misst sich dann darin, inwiefern es gelingt, durch die Erregung von Aufmerksamkeit Forschungsgelder zu lukrieren. Je besser diese dotiert sind, desto gr&ouml;&szlig;er ihre Bedeutung, desto mehr steigt das &#8220;professorale Selbstwertgef&uuml;hl&#8221;. (S. 106)</p>
<p>&#8220;Wissenschaft ist die Produktion von Wissen mittels vorproduzierten Wissens und frischer Aufmerksamkeit.&#8221; (S. 105) Da nimmt es kein Wunder, dass wissenschaftliche Forschung tats&auml;chlich einer Wiederaufbereitungsanlage gleicht, deren Lieferungen durch Marketing Aufmerksamkeit zuteil werden soll. Wissenschaft wird zur Coverversion. Unser Autor beschreibt das alles mit gro&szlig;em Respekt. Da ist kein Argwohn, von Abscheu ganz zu schweigen. Einige Passagen (vgl. S. 110ff. ) lesen sich gar wie eine Brosch&uuml;re mit dem Titel &#8220;Wie werde ich wissenschaftlicher Unternehmer? &#8220;. Der betriebswirtschaftlichen Rationalisierung geistigen Verm&ouml;gens wird hier ungeschminkt das Wort geredet. Da geht es wirklich um die Aufbereitung von <em>Know how</em> und nicht um die Entwicklung von <em>Know why</em>. So als w&auml;ren kreatives Potenzial und instrumentelle Vernunft nicht zu scheiden.</p>
<p>Der Selbstreferenz wird auch andernorts gehuldigt: &#8220;Ob sich jemand auf einem anspruchsvollen Gebiet auskennt oder nicht, k&ouml;nnen nur die beurteilen, die sich selber auskennen.&#8221; (S. 100) Abgesehen davon, dass es keine anspruchslosen Gebiete gibt, ist doch diese vorausgesetzte Kompetenz allzu oft die Anma&szlig;ung der Kompetenzler, der Experten in diesem oder jenem Fach, dazu da, es hermetisch (vor allem auch durch Sprache) abzuriegeln, es nur zug&auml;nglich zu machen einem kleinen Kreis der Erlauchten, die sich selbst kooptieren. Hier wird Exklusivit&auml;t einer Elite vorgegeben, nicht Inklusion der Leute angestrebt. Aufgabe jeder emanzipatorischen Theorie m&uuml;sste doch ihre Zug&auml;nglichkeit sein. Das Expertentum steht zur Disposition. Nicht der Zirkel der Kenner, sondern die Kommune der K&ouml;nner ist gefragt. Das ist freilich nur machbar, wenn die Arbeitsteilung selbst Gegenstand der Kritik wird.</p>
<p>Wissen ist kapitalisierbar, aber Wissen ist nicht gleich Kapital, d. h. selbstverwertender Wert. Wissen und noch deutlicher Erkenntnis sind gegen&uuml;ber der Wertform sogar &auml;u&szlig;erst sperrig, entpuppen sich immer wieder als multiplizierbares Gut, verlassen anders als die obligate Ware auch nicht ihren Tr&auml;ger, wenn sie hergegeben werden. Eine Kategorie wie Wissenskapital ist daher aufgrund ihrer Implikationen fragw&uuml;rdig. Wir sehen hier eine falsche F&auml;hrte, weil sie alles &uuml;ber einen Kamm schert und bestimmte substanzielle Differenzen nicht wahrnehmen will. (Vgl. Ernst Lohoff, Die Ware im Zeitalter ihrer arbeitslosen Reproduzierbarkeit, <em>Streifz&uuml;ge</em> 3/2002, vor allem S. 32ff. )</p>
<p>Reelle Subsumtion unter das Kapital ist nicht immer als formelle zu setzen. Man denke neben dem Wissen etwa an Haushaltst&auml;tigkeiten, Freundschaften, Erziehung, Familie, Vereinst&auml;tigkeiten u. v. m. Das alles ist f&uuml;r die Abwicklung der Kapitalverwertung notwendige Voraussetzung, aber es funktioniert doch nach anderen Eigenlogiken. Nehmen wir ein Beispiel: Die F&auml;higkeit, eine Partitur zu lesen, ist doch kein kulturelles Kapital, sondern eine (An-)Eignung, die zwar unter bestimmten Voraussetzungen zur sozialen Aufmerksamkeit, ja auch zu kommerziellen Eink&uuml;nften f&uuml;hren kann, im Prinzip aber eine Kulturtechnik ist, die ihren Tr&auml;gern zum Verst&auml;ndnis und zur Freude dient, somit Selbstzweck ist und nicht Zwecksetzung. Kurzum, der Kapitalbegriff sollte nicht zum symbolischen Code verkommen, er macht auf der kategorialen Ebene nur Sinn, wenn auch formelle Kriterien einer Verwertung unmittelbar erf&uuml;llt sind.</p>
<p>Die Inflationierung des Kapitalbegriffs (z. B. symbolisches Kapital oder gar Humankapital) verdeutlicht ein ideologisches Bed&uuml;rfnis des Kapitals, jede Pore der Gesellschaft f&uuml;r sich zu beanspruchen, zu beschlagnahmen und letztlich zu benennen, indem man es auch symbolisch punziert. Ob man dem in kritischer Absicht nachkommen soll, ist allerdings zweifelhaft. Das ist &uuml;brigens auch ein ganz grunds&auml;tzlicher Einwand gegen die diesbez&uuml;glichen Kategoriebildungen bei Pierre Bourdieu, der des &ouml;fteren von Franck als Kronzeuge angerufen wird.</p>
<h4>Schillernde Homologie</h4>
<p>Franck zieht trotz alledem sein Programm von der Analogie bis zur Homologie durch. Auf Biegen und Brechen wird alles in ein scheinbar geschmeidiges Konzept gebracht: &#8220;Die Publikationsmedien sind im mentalen Kapitalismus, was die Banken im Kapitalismus des Geldes sind&#8221; (S. 134), hei&szlig;t es da etwa an einer Stelle. Aber sind z. B. die Verzinsung der Einlagen resp. der Schulden mit der Ver&ouml;ffentlichung und Verbreitung von Schriftst&uuml;cken zu vergleichen? Wo w&auml;re das Korrelat zum Kredit oder &Uuml;berziehungsrahmen? Wo wird der Zinssatz bestimmt und was sind die Kontogeb&uuml;hren? Die k&uuml;hne Behauptung h&auml;tte doch einige Belege ganz gut vertragen. Man darf schon etwas mehr Sorgfalt bei der Aufbereitung verlangen, und auch Details.</p>
<p>Da wird wirklich hurtig aufgetischt. Das schillert mehr, als es tr&auml;gt. M&ouml;gliche Einw&auml;nde gegen sein Universum braucht Franck nicht einmal zur&uuml;ckweisen, er diskutiert sie erst gar nicht. Eine Copyleft-Debatte wird nicht einmal zur Kenntnis genommen. Dass seine Analyse vielleicht Grenzen hat, mag ihr Urheber wohl nicht einsehen. Indessen h&auml;tte eine Anerkennung derselben dem Werk besser getan.</p>
<p>&Auml;u&szlig;erst schludrig gedacht ist auch folgendes: &#8220;Populistisch sind die Medien, die niedermachen, was sie hochgejubelt haben, damit die Quote steigt.&#8221; (S. 235) Warum diese Unterscheidung? Sieht man nicht gerade daran, wie eng Achtung und Verachtung verkn&uuml;pft sind. Gem&auml;&szlig; den Franckschen Kriterien handeln diese Medien doch doppelt richtig. Hochjubeln und Niedermachen sind nichts anderes als die Kriterien von Campaigning und Negative Campaigning. Also das Vademecum des &ouml;ffentlichen Aufsehens.</p>
<p>Oder: &#8220;Der Kapitalismus ist diejenige Organisation der Produktion, die die Produktivit&auml;t direkt an die Verteilung des Sozialprodukts koppelt.&#8221; (S. 64) Au&szlig;er einigen durchgeknallten Marktradikalen w&uuml;nscht niemand eine direkt an die Verwertung gekoppelte Verteilung des Sozialprodukts. Das w&auml;re zweifellos Markt pur, doch diesen gibt es nicht und kann es auch bei Strafe des Untergangs der kapitalistischen Gesellschaft gar nicht spielen. Auch da verwechselt Franck das Produktions- und Zirkulationsverh&auml;ltnis einerseits mit der &uuml;bergeordneten kapitalistischen Gesellschaftsformation andererseits, die nur funktionieren kann, wenn der Staat den Markt austariert. Was ja immer schwieriger wird. Aber den Staat suchen wir vergebens. Indes ist er nicht abgestorben, sondern verf&uuml;gt (noch) &uuml;ber einiges Potenzial, vor allem in den &ouml;ffentlichen Institutionen der Achtung.</p>
<h4>Fortschritt als Wachstum</h4>
<p>Problematisch ist auch der oftmals vorgetragene Bescheid, der Quantit&auml;t als Kriterium des Fortschritts ausweist. &#8220;Mit kapitalistischen Verh&auml;ltnissen entstehen Reicht&uuml;mer in neuen Gr&ouml;&szlig;enordnungen, wird die Mehrung des Reichtums zum universellen Ma&szlig;stab der Produktivit&auml;t.&#8221; (S. 16) Wieder einer, der Wert und Reichtum nicht auseinander h&auml;lt. Kapitalistische Produktion ist jedoch Produktion f&uuml;r die Verwertung. Reichtum meint also Warenreichtum, wie Marx mehrfach feststellt. Und vor ihm auch schon David Ricardo. (Vgl. Franz Schandl, Was zu haben ist, ist zu haben. Reichtum jenseits der Ware, <em>Streifz&uuml;ge</em> 31, Juli 2004, S. 17-18)</p>
<p>&Uuml;ber stoffliche Qualit&auml;t und effektive Verf&uuml;gungen sagt diese spezifische Art von Anh&auml;ufung wenig aus. Auch nichts &uuml;ber den Zeitverlust durch Zeitarmut. Ebenso wenig &uuml;ber die Gefahrenpotenziale, die ja ins Unermessliche gestiegen sind. Der universelle Ma&szlig;stab von heute ist die gesellschaftliche Destruktivit&auml;t. Der Gedanke des Fortschritts, wie wir ihn kennen, ist kapitalistisch konstituiert. Er nimmt einige Aspekte (Warenf&uuml;lle, Lebenserwartung, Wachstum), um diese dann zu verabsolutieren. Was verloren geht, ist ihm keine &Uuml;berlegung wert. Da wird ausgeblendet. Geschichte des Wachstums ist allerdings auch eine Geschichte des Verlustes.</p>
<p>Franck macht in ganz traditionalistischer Manier den Apologeten von Fortschritt und Wachstum, Leibniz und Hegel lassen sch&ouml;n gr&uuml;&szlig;en: &#8220;Das Ziel der Wissenschaft ist die Maximierung des kollektiven Fortschritts der Erkenntnis.&#8221; (S. 59) Das ist doch &auml;u&szlig;erst blau&auml;ugig. Welche Wissenschaft? Welche Erkenntnis? Welcher Fortschritt? Welche Maximierung? Qualit&auml;t l&ouml;st sich im Quantum auf, der Komparativ wird als g&auml;ngige Richtung unterstellt, ohne nach der Substanz des Ma&szlig;es zu fragen. Wird hier mehr abgebildet und umgelegt als das allseits propagierte &ouml;konomische Ziel des Wirtschaftswachstums? &#8211; Mitnichten. &#8220;Der Fortschritt der Erkenntnis muss erstens gemessen werden und zweitens Ma&szlig; geben&#8221; (S. 59), hei&szlig;t es ganz apodiktisch. Aber ist er messbar, und wer misst die Sch&auml;den, Ausf&auml;lle und Minderungen, die dabei abfallen? Prim&auml;r, so w&uuml;rden wir unterstellen, wird berechnet, was kommerzialisierbar ist. Aber wessen ist dieses Kriterium und warum sollen wir es anwenden?</p>
<p>Machen wir einen Ausflug in die Empirie der Biere. Ist es ein Fortschritt, wenn wir in den Regalen der Superm&auml;rkte zwischen 48 Bieren ausw&auml;hlen k&ouml;nnen? Oder ist es eine Zumutung, &uuml;ber das riesige Sortiment nachzudenken zu m&uuml;ssen? Und ist es nicht geradezu ein R&uuml;ckschritt, wenn die meisten davon ziemlich gleich schmecken, weil die Differenz der Marken kaum eine der G&uuml;te ist. Wenn in vielen &ouml;sterreichischen D&ouml;rfern statt zwei Gastst&auml;tten keine offen hat, weil sich einfach kein Wirtshaus mehr rechnet, was ist das? Wir w&uuml;rden meinen, ein Verlust. Wenn wir Ma&szlig; anlegen an den Fortschritt, dann ist da keine Skala, die von 0 ausgehend nur Pluspunkte kennt. Fortschritt hat eine inverse Seite. Es ist &uuml;berhaupt vermessen, mit betriebswirtschaftlichen Kriterien vermessen zu wollen und daraus positive Urteile zu folgern.</p>
<p>Die &#8220;Vorteile aus dem gr&ouml;&szlig;eren Ma&szlig;stab des Betriebs&#8221; (S. 55) d&uuml;rfen nicht vergessen machen, dass gerade deswegen ein tendenzieller Fall der G&uuml;te in vielen Bereichen zu vermerken ist, bzw. dass kalkulierte Knappheit Vortrefflichkeit meist an exorbitante Preise kn&uuml;pft. Gro&szlig; macht billiger, sagt nur etwas aus &uuml;ber kommerzielle Erfolgskomponenten, es sagt noch nichts &uuml;ber die Produkte, &uuml;ber die Produktionsbedingungen oder die Umweltzerst&ouml;rung aus. Viele (nicht: alle! ) Quantit&auml;tsgewinne sind durch Qualit&auml;tsverluste erkauft worden. Darauf haben (nicht erst, aber) vor allem &ouml;kologische Bewegungen aufmerksam gemacht.</p>
<p>Es mag also Fortschritte gegeben haben, aber dass es <em>einen Fortschritt</em> gegeben hat und dass dieser fr&ouml;hlich als eherner Prozess der zweiten Natur weiterl&auml;uft, diese zweifellos bestechende Idee von Aufkl&auml;rung und Arbeiterbewegung ist allersp&auml;testens seit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht mehr argumentierbar. Dass es irgendwie kriselt, bemerkt auch unser Autor, jedoch wischt er es salopp vom Tisch. Bezogen auf die Entwicklungen der letzten Jahre notiert Franck: &#8220;Da ging eine Epoche zu Ende. Allerdings gab es keinen Zusammenbruch der Produktion. Der Betrieb ging weiter.&#8221; (S. 13)</p>
<p>Diese Sicht ist selbst Folge eines Denkens im Bann, fixiert an lauten Events und desinteressiert an leisen Abl&auml;ufen. Warum muss Zusammenbruch als Knall oder zumindest als Ereignis gedacht werden und nicht als schleichender Prozess? &#8211; Ganz einfach, es ist die beste Methode, den Gedanken eines Zusammenbruchs zu erledigen. Denn eigentlich erleben wir es doch permanent, wie Produktion und Reproduktion kollabieren und wie die Menschen sich mehr schlecht als recht darauf einrichten. Gleicht nicht gerade die soziale Degradierung dem z&auml;hen Fluss einer Aufl&ouml;sung ehedem garantierter Sicherheiten? Ist das nicht ein Zusammenbruch sondergleichen? Vielleicht ist das Aufbl&auml;hen des Finanzmarkts und seiner Blasen durchaus ein Parallelprogramm zu dem stetigen Anstieg des Fiktionalen. Man soll sich ja nicht einbilden, nicht f&uuml;r bestimmte Zeit in der Einbildung leben zu k&ouml;nnen. Das Problem von heute ist nicht der falsche Alarmismus, den es zweifellos in unz&auml;hligen Varianten gibt und der selbstverst&auml;ndlich zu bek&auml;mpfen ist, sondern die &#8220;Apokalypseblindheit&#8221; (G&uuml;nther Anders).</p>
<h4>Unpr&auml;zise Begriffe</h4>
<p>Besonders verdrie&szlig;lich ist die unpr&auml;zise Begrifflichkeit, die Sch&auml;rfe durch Eloquenz ersetzt. Franck verwechselt die Wertgr&ouml;&szlig;e mit der Verwertungsgr&ouml;&szlig;e, Kapital mit Profit, die Politische &Ouml;konomie mit der Kritik der Politischen &Ouml;konomie, Ricardo mit Marx. Es ist oft assoziatives Flanieren, das sich da als glitzernde Theorie verkauft. Geltung geht vor Tiefe. Der ganze Band hat, wenn auch geschickt getarnt, eine schwer affirmative Schlagseite. K&ouml;nnen viele Wissenschafter vor lauter Abw&auml;gen und Verweisen, Lavieren und Zitieren zu keinem klaren Gedanken finden, so hat Georg Franck ein anderes Problem: Bei ihm herrscht ein fixes Kalk&uuml;l, dem er alles Widrige unterordnet oder es einfach der Ignoranz preisgibt. Ganz wie in der realen Marktwirtschaft. Solch forsche Arroganz hat ihre T&uuml;cken, sie bewegt sich allzu oft auf der Kippe zwischen gl&auml;nzendem und lackiertem Denken. Oberfl&auml;chlich betrachtet gibt es zwischen den beiden ja keinen Unterschied. Beides leuchtet. Insofern ist Franck durchaus ein von ihm selbst beschriebenes Markenprodukt, ein prestigetr&auml;chtiger Schriftsteller. Und wahrscheinlich will er das auch sein. Unser Autor ist kein radikaler Kritiker der Gesellschaft, sondern ein aufgekl&auml;rter Referent des Daseins.</p>
<p>Der en passant hofierte Karl Marx erscheint bei Franck als kost&uuml;mierter Schuhplattler der Arbeiterbewegung, dessen Tracht ist ganz die traditionelle. Er wird reduziert auf Klassenkampf und Mehrwert, auf Fortschritt und das selige Basis-&Uuml;berbau-Modell. Keine Rede, obwohl vom Thema her naheliegend, von Fetisch, Charaktermaske oder automatischem Subjekt. Daf&uuml;r feiert das von Marx erledigte Theorem vom &#8220;ungleichen Tausch&#8221; Wiederauferstehung: Mehrwert entsteht aber nicht durch &#8220;asymmetrischen Tausch&#8221; (S. 69), sondern dadurch, dass die angewandte Arbeit mehr Wert schafft, als der Ankauf der Arbeitskraft kostet. Eben weil gleich getauscht wird, entsteht Ungleiches. (Vgl. dazu ausf&uuml;hrlicher: Franz Schandl, Mehrwert und Verwertung, <em>Streifz&uuml;ge</em> 30, April 2004, S. 5ff. ) Kennzeichen des Mehrwerts (<em>m</em>) ist es, an das konstante Kapital (gemeinverst&auml;ndlich verk&uuml;rzt: die Kapitalisten) zu gehen. Dort scheidet er sich in Revenue, die verzehrt wird, und in Investition, die wiederum in konstantes (<em>c</em>) und variables <em>(v)</em> Kapital flie&szlig;t. &Uuml;ber die H&ouml;he des letzteren <em>v</em> entscheiden Markt und Klassenkampf. Je gr&ouml;&szlig;er <em>v</em>, desto kleiner <em>m</em>. Charakteristisch f&uuml;r den Mehrwert ist, dass er dem Kapital verbleibt. Was die Lohnarbeit <em>v</em> dem Kapital <em>c</em> abzuringen versteht, ist in keinem Fall <em>m</em>. Das Gerede vom &#8220;Mehrwert in voller H&ouml;he&#8221; (S. 92) ist daher begrifflicher Unsinn.</p>
<p>Asymmetrie auf der Ebene der Aufmerksamkeit liest sich bei Franck so: &#8220;Die Habenichtse hingegen bekommen f&uuml;r die Acht, die sie auf die Besitzenden geben, nichts zur&uuml;ck. Sie werfen den Reichen Beachtung nach, ohne eines Blicks gew&uuml;rdigt zu werden.&#8221; (S. 82) Oder: &#8220;Die Ausgebeuteten im mentalen Kapitalismus sind die, die immer Acht geben, aber kaum Beachtung finden. Die Ausgebeuteten sind die Verlierer im Verteilungskampf um die Beachtung (&#8230; ). Das Volk zahlt mit Beachtung, f&uuml;r die es nichts zur&uuml;ckbekommt.&#8221; (S. 225)</p>
<p>Das ist nun dezidiert falsch. Nat&uuml;rlich kann man sagen, dass hier oft Schei&szlig;e als Gold verkauft wird, doch gerade auf der mentalen Ebene wird tats&auml;chlich etwas befriedigt, und zwar die Projektionen der Leute. Sie m&ouml;gen Dreck bekommen, aber sie bekommen nicht nichts. Dem Publikum wird dabei der Emotionalhaushalt abgedeckt. Das Dosenfutter ist durchaus beachtlich, das da auf- und feilgeboten wird. Die Kulturindustrie will die Leute nicht aushungern, sie f&uuml;ttert sie in ihrem kapitalen Trieb vielmehr zu Tode, erstickt sie in all den Eindr&uuml;cken, Angeboten und Events. Bl&ouml;d wird es nur, wenn jenen auf Gier Abgerichteten massenweise das Geld ausgeht, um den Angeboten Folge leisten zu k&ouml;nnen. Denn trotz aller immateriellen Erscheinungen ist die letzte metaphysische Instanz des Kapitals der Akt der Bezahlung.</p>
<p>Asymmetrisch ist etwas anderes in diesem Verh&auml;ltnis, n&auml;mlich die gegenseitige Kenntnisnahme. Was meint: Alle Fans kennen ihren Star, aber der Star kennt nicht alle Fans. W&uuml;rde er sie kennen, w&auml;re er seine prominente Stellung bereits los. Diese Disproportion ist unhintergehbar. Stars m&uuml;ssen die Leute nicht als Personen achten, wohl aber deren Projektionen beachten. Selbst wenn den so genannten Depperten m&ouml;glicherweise alles zu verkaufen ist, m&uuml;ssen die es erst abkaufen, sonst verblasst der Star (wie jede Marke oder &uuml;berhaupt Ware) zur Sternschnuppe.</p>
<p>Es ist doch so, dass die Beachteten auf die Beachter dahingehend achten m&uuml;ssen, dass sie f&uuml;r ihre Beachtlichkeit hart arbeiten. Sie zu schaffen und aufrecht zu erhalten ist nicht ohne. Die Angewiesenheit ist trotz der unterschiedlichen gesellschaftlichen Position von oben und unten eine gegenseitige, keine einseitige. Nicht nur der Fan braucht den Star, kein Star existiert ohne Fans. Franck h&auml;tte nur in irgendeinem Zeitgeistmagazin nachschlagen m&uuml;ssen: &#8220;Was Stars haben. Was sie daf&uuml;r geben&#8221;, hei&szlig;t es etwa ganz treuherzig auf einem Werbeplakat der Februar-Ausgabe der <em>Seitenblicke</em>.</p>
<p>Der Star gibt sich als Objekt der Beachtung her. Ohne ihn ginge es nicht. F&uuml;r dieses Hergeben will er Verehrung und Bezahlung. Schlie&szlig;lich leistet er dem Publikum einen Dienst. Er versorgt es mit einem inneren Erleben von Seligkeit. Franck h&auml;tte das mit seinen eigenen Instrumentarien leicht erfassen k&ouml;nnen. Zweifellos, in dem Moment, wo ein Hermann Maier siegt, ist der &ouml;sterreichische Patriot vor dem Bildschirm gl&uuml;cklicher. Es mag absurd sein, aber es ist nicht anders, und niemand soll sich einbilden frei von derlei Regungen zu sein. Im Gegenteil, wir sind voll damit. Falsche Vers&ouml;hnung durch diese Identifikation ist ein mentales Grundbed&uuml;rfnis in Zeiten des Kapitals.</p>
<p>Franck widerlegt sich da in aller Geschwindigkeit einige Zeilen weiter auch gleich selbst: &#8220;Die Leute bekommen zu sehen, zu h&ouml;ren, zu lesen, was sie wollen.&#8221; (S. 226) Das wiederum ist dezidiert richtig. Die entscheidende Frage allerdings bleibt: Wie kommen die Leute dazu, dieses Wollen zu wollen? Dazu f&auml;llt dem Autor wenig ein. Er beschreibt (und oft sehr treffend) wie Mechanismen funktionieren, aber nicht, woher sie r&uuml;hren und was sie sind.</p>
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		<title>Ist Pop noch Musik?</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:38:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em>KOLUMNE R&uuml;ckkopplungen</em></p>
<p><em>von Roger Behrens</em> <span id="more-403"></span></p>
<p>&#8220;Ist was Pop? &#8220;, fragte Diedrich Diederichsen am Ende der neunziger Jahre in Anspielung auf Peter Bogdanovichs Kom&ouml;die , Is was, Doc? &#8216; (, What&#8217;s Up, Doc? &#8216;). In dem Film, der 1972 in die Kinos kam, geht es um den etwas zerstreuten und eigensinnigen Musikwissenschaftler Dr. Howard Bannister (Ryan O&#8217;Neal), der sich um die Finanzierung seiner Forschung &uuml;ber Klangsteine bem&uuml;ht, die er in einem Koffer bei sich tr&auml;gt. Der wiederum ist identisch mit einem anderen Koffer mit wertvollerem Inhalt. Bedr&auml;ngt von der &uuml;berdrehten Studentin Judy Maxwell (Barbara Streisand), wird Bannister in einen Juwelenraub verwickelt&#8230; Witz und gute Unterhaltung sind das Muster, an das Diederichsen hier mit seiner Reminiszenz gedacht haben mag; gemeint war seine Frage eher grunds&auml;tzlich und mit dem Ernst eines Musiktheoretikers gestellt, der selber drei&szlig;ig Jahre Popgeschichte mitgeschrieben hat: Was ist Pop? Also: Was ist vom Pop geblieben, was ist aus dem Pop geworden? Was Diederichsen mit seiner Antwort skizziert, ist &#8211; wenn man bei dem Bild bleiben will &#8211; eher eine Verwechslungs<em>trag&ouml;die</em>, jedenfalls wenig komisch: Die hier eingef&uuml;hrte begriffliche Unterscheidung von Pop I und Pop II geh&ouml;rt zu den klugen theoretischen Interventionen des Gr&uuml;nders des K&ouml;lner Popmagazins <em>Spex</em> und jetzigen Professors an der Merz-Akademie in Stuttgart. Pop I &#8211; das waren die sechziger bis achtziger Jahre, der spezifische Pop, im Sinne eines Gegenbegriffs zur etablierten Massenkultur, als subversive Nischenpraxis und kultureller Widerstand. Und Pop II &#8211; das ist der allgemeine Pop, der sich in den neunziger Jahren durchsetzt: eine in die Beliebigkeit &uuml;berh&ouml;hte Pluralisierung der Symbole, die gleicherma&szlig;en Affirmation und Dissidenz versprechen; eine im Gew&ouml;hnlichen aufgel&ouml;ste Haltung des Non-Konformismus, die das Geschmacksurteil zur radikalen Politik erkl&auml;rt und Politik zur Angelegenheit des Privaten. Pop I schien die Opposition gegen das System zu sein; Pop II ist das System &#8211; hier wird nichts mehr &uuml;berschritten.</p>
<p>Aufgenommen hatte Diederichsen das als Schlussbefund in seinem 1999 erschienenen, eine Trilogie von Popkritiksammlungen abschlie&szlig;enden Band , Der lange Weg nach Mitte&#8217;: Mit dem Pop II wurde das Zentrum selbst zur Nische erkl&auml;rt, die Subkultur als Mode endg&uuml;ltig allgemein. Ein Projekt wie die <em>Spex</em>, nunmehr vor &uuml;ber zwanzig Jahren mit dem Ziel begonnen, die unterirdische Geschichte der Popkultur aufzuzeichnen, ist l&auml;ngst obsolet, wenn mittlerweile selbst die CD-Kritiken in den Reklamebl&auml;ttern und Werbezeitschriften im Gestus und Geist der Subversion formuliert sind. Musikmagazine zeigen hier eine &auml;hnliche Entwicklung wie das ebenfalls vor knapp einem Vierteljahrhundert etablierte Musikfernsehen: Das Thema Musik wird l&auml;ngst von anderen Medienformaten bedient; hier geht es jetzt um die imagin&auml;re Einheit aus Sex, Mode oder Autos; Musik ist kaum mehr ein Nebenthema, eher ein blo&szlig;es Accessoire, und die Musiker versuchen als Schauspieler, Moderatoren oder Models zu re&uuml;ssieren. Wer dagegen etwas &uuml;ber Musik erfahren m&ouml;chte, wird heute eher in den Feuilletons der gro&szlig;en Tageszeitungen f&uuml;ndig.</p>
<p>&#8220;Der Sound und die Stadt&#8221; &#8211; so hie&szlig; sein damaliges Buch , Der lange Weg nach Mitte&#8217; im Untertitel: Es ging um Berlin, Frankfurt etc. , also um Pop in der Gro&szlig;stadt. Aber es ging auch um das spezifische Verh&auml;ltnis von Architektur und Klang, um das allgemeine Verh&auml;ltnis von Musik und Kunst. Und sp&auml;testens wenn ein Artikel &uuml;ber Bernard Edwards &#8211; den 1996 gestorbenen Bass-Spieler, der mit seinem Basslauf in Le Chics , Good Times&#8217; ber&uuml;hmt wurde &#8211; mit &#8220;Ein Disco-Bauhaus&#8221; &uuml;berschrieben ist, wei&szlig; man, worauf sich Diedrichsen mit seiner Idee von Kultur bezieht: auf Musik <em>als Kunst</em>. So erkl&auml;rt sich auch der Untertitel, den Diederichsen f&uuml;r sein neues Buch benutzt: &#8220;Avantgarde und Alltag&#8221;. Die Avantgarde ist der Pop I, der ja kunstgeschichtlich nicht einfach nur <em>ebenso </em>gescheitert ist wie die klassischen Avantgarde-Bewegungen der Moderne, sondern: Das, was einmal den Pop I ausmachte, war ja der Versuch, die gescheiterte Avantgarde mit neuen Mitteln wieder zu beleben: Pop als Aktualisierung des Versprechens der Avantgarde, Kunst und Leben ineinander aufzuheben und in der Praxis zu verwirklichen. Die Avantgarde scheiterte, weil die Kunst falsch aufgel&ouml;st, n&auml;mlich in die bestehende Ordnung integriert wurde, ohne damit die Strukturen von Kunst und Leben selbst zu ver&auml;ndern; und Pop I scheiterte, weil sein Versprechen falsch im Pop II eingel&ouml;st wurde: als reiner Alltag.</p>
<p>Diederichsen nennt sein neues Buch b&uuml;ndig , Musikzimmer&#8217; und bezeichnet damit einen R&uuml;ckzugsort, eine private Nische des Pop I inmitten des Systems Pop II. Ein gro&szlig;b&uuml;rgerlicher Raum, der eigentlich im Angestelltenmilieu des Pop II gar nicht mehr vorgesehen ist. &#8220;Zimmer beschreibt die Kontinuit&auml;t der Tradition b&uuml;rgerlicher Innenausstattung und der Rolle, die Musik dabei spielte: von der Hausmusik zur Stereoanlage mit Plattensammlung.&#8221; (S. 25) F&uuml;r Diederichsen ist dieses Zimmer jedenfalls nicht die Musikredaktion; und als Metapher ist das Zimmer nicht einmal mehr der Musikjournalismus, und ebenso wenig die Konzerthalle, das Museum der Musik. Das Musikzimmer scheint vielmehr die Passage zu sein, wo sich f&uuml;r Diederichsen Avantgarde und Alltag heute begegnen: &#8220;&Uuml;ber Avantgarde kann man jedenfalls nicht mehr in <em>Pop</em>-Zeitschriften schreiben. Das ist n&auml;mlich Kunst, und Kunst geht alle an.&#8221; (S. 21)</p>
<p>Das ist die Perspektive, mit der auch die Frage &#8220;Ist was Pop? &#8221; neu gestellt werden muss: Sie zielt n&auml;mlich darauf, was an der Kunst Musik ist, oder besser: was das Musikalische in der Kunst ist. Das hei&szlig;t f&uuml;r Diederichsen nicht nur, dass er unabh&auml;ngig vom g&auml;ngigen Kanon und jenseits von E und U nach Spuren der musikalischen Avantgarde sucht (und bei Charles Ives, Anton Webern, Larry Levan, Archie Shepp bis Courtney Love und Miss Kittin findet), sondern &#8211; und das ist entscheidend &#8211; die Rolle der Musik f&uuml;r die Avantgarde diskutiert. In der Moderne ist die Musik die Leitkunst geworden; sp&auml;testens mit dem Pop scheint die Musik ohnehin allgegenw&auml;rtig zu sein. Doch zugleich ist der Pop II auch bemerkenswert unmusikalisch, weshalb eben zur Disposition steht, ob denn tats&auml;chlich die Musik noch die Leitkunst innerhalb der K&uuml;nste ist, wie es Anfang der Vierziger der marxistische Kunsttheoretiker Clement Greenberg diagnostizierte. Es kann also die Eingangsfrage merkw&uuml;rdig zugespitzt werden: Ist Pop noch Musik?</p>
<p><em>Diedrich Diederichsen, Musikzimmer. Avantgarde und Alltag, Kiepenheuer &#038; Witsch, K&ouml;ln 2005, 240 Seiten, 9,90 Euro. </em></p>
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		<title>Detroit Summer</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:36:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>
		<category><![CDATA[Vellay; Irina]]></category>

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Soziale Anomie und emanzipatorische Gegenbewegungen in einer dekapitalisierten US-Metropole - Teil 1]]></description>
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<h3>Soziale Anomie und emanzipatorische Gegenbewegungen in einer dekapitalisierten US-Metropole &#8211; Teil 1</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em>von Andreas Exner &#038; Irina Vellay</em> <span id="more-407"></span></p>
<p><em>Dieser Beitrag ist ein leicht ver&auml;nderter Vorabdruck aus dem Buch &#8220;Zwischen Konkurrenz und Kooperation. Analysen und Alternativen zum Standortwettbewerb&#8221;, hg. von Attac, ( Mandelbaum-Verlag, Wien, erscheint voraussichtlich im Juni 2006. N&auml;here Infos unter www.mandelbaum.at</em></p>
<p>&#8220;The first domino to fall&#8221;, so charakterisierte 1990 die ABC-Reporterin Diane Sawyer Detroit in Hinblick auf die Zukunft der US-St&auml;dte. Detroit, das ist Mythos und Spiegel der US-Nation zugleich: Geburtsst&auml;tte der Automobilindustrie und heute immer noch im Bannkreis der &#8220;<em>Big Three</em>&#8221; &#8211; <em>Ford </em>(Dearborn, nahe Detroit), <em>Daimler-Chrysler</em> (Auburn Hills/Michigan &#038; Stuttgart) und <em>General Motors</em> (Detroit) -, in den 1930er Jahren das Terrain von au&szlig;ergew&ouml;hnlich heftigen Arbeitsk&auml;mpfen, ein Kulminationspunkt des <em>Black Power-Movement</em> in den 1960ern, ein Zentrum der Soulmusik in den 1970er und Ursprung des Techno in den 1980er Jahren.</p>
<p>Am Zenit der US-amerikanischen Autoindustrie im ersten Nachkriegsjahrzehnt z&auml;hlte Detroit knapp zwei Millionen Menschen. Im Jahr 2000 waren es weniger als 900.000. Die Bev&ouml;lkerung sank in den 1970er Jahren um mehr als 20%, in den 1980er Jahren um 15%, und nach dem <em>U. S. Census</em> 2000 in den 1990er Jahren um 7,5%. In der gegenw&auml;rtigen Dekade verliert Detroit j&auml;hrlich gut 10.000 Menschen, was bedeuten w&uuml;rde, dass sich der Bev&ouml;lkerungsschwund mit der &ouml;konomischen Krise seit der Jahrtausendwende wieder beschleunigt hat. Nach dem <em>U. S. Census</em> 2000 sind die EinwohnerInnen von Detroit zu 81,6% <em>African American</em>, nur 12,3% sind Wei&szlig;e.</p>
<p>Mit dem Niedergang der Autoindustrie im Verlauf der 1970er Jahre setzte ein Exodus der &uuml;berfl&uuml;ssigen Arbeitskr&auml;fte ein, die einstige Vorzeigestadt des <em>American Way of Life </em>verwandelte sich in den Vorposten eines Krisenprozesses von ungeahnter Dimension. Heute gleicht Detroit in vielem einer Geisterstadt. Der &#8220;amerikanische Traum&#8221; scheint ausgetr&auml;umt. Ganze Stadtviertel verbrachen, tausende H&auml;user stehen leer und verfallen. Seit den 1950er Jahren hat Detroit etwa 100.000 Wohngeb&auml;ude verloren (vgl. S. Rhea, Detroit Renaissance, 2003, www.yesmagazine.org), in den vergangenen 5 Jahren verschwanden etwa 2.600 pro Jahr gegen&uuml;ber dem Neubau von ca. 870 j&auml;hrlich (vgl. www.semcog.org). 90.000 Grundst&uuml;cke in der Stadt liegen brach oder wurden wegen nicht gezahlter Grundsteuern von der Stadtverwaltung enteignet. Die &#8220;<em>Shrinking City</em>&#8221; steht im Banne eines sozialen Zerfalls, der selbst in den USA nach seinesgleichen sucht. So nimmt es wenig Wunder, dass Detroit im Ranking der unsichersten US-St&auml;dte den zweiten Platz belegt (www. morganquitno. com), und im nationalen Vergleich der Mordraten an dritter Stelle liegt. 2004 kamen rund 42 Morde auf 100.000 Menschen (a. a. O. ). Unter der Armutsgrenze leben 33,6% der Bev&ouml;lkerung (American Community Survey 2004, http://factfinder.census.gov). Damit ist Detroit die US-Stadt mit dem h&ouml;chsten Anteil von in Armut lebenden Menschen. Die Armut hat 2005 nicht nur endemische Ausma&szlig;e angenommen, sondern vielfach die Grenzen sozialer Existenzweisen &uuml;berschritten. Die <em>Michigan State Housing Development Authority </em>(MSHDA) bezifferte im November 2005 die Zahl der Obdachlosen in der Stadt auf 11.000 jede Nacht, 6.000 davon lebten auf der Stra&szlig;e. Im <em>Hunger and Homelessness Survey</em> der <em>Conference of Mayors</em> wird 2005 in Detroit ein Anstieg der Nachfrage f&uuml;r Notunterk&uuml;nfte von insgesamt 21,7% ermittelt, bei den Familien sind es 15%. Unter den Obdachlosen sind 9,75% Familien, 45,30% M&auml;nner, 20,45% Frauen und 24,47% Kinder und Jugendliche. Zeitgleich ist die Nachfrage f&uuml;r die Notversorgung mit Lebensmitteln mit 30% gegen&uuml;ber 2004 drastisch angestiegen. Die andere Seite des Dramas der Marginalisierung spiegelt sich in der h&ouml;chsten Erwerbslosigkeit (Stadt Detroit) in den USA. Sie betrug 2004 18,9% f&uuml;r alle &uuml;ber 16-J&auml;hrigen (vgl. U. S. Census Bureau 2004, http://factfinder.census.gov).</p>
<h4>Der Absturz</h4>
<p>Die Verschr&auml;nkung &ouml;konomischer und sozialer Krisenprozesse im Raum Detroit ist beispielhaft f&uuml;r viele Weltregionen. Ausgel&ouml;st durch weltwirtschaftliche Krisentendenzen und eine intensivierte internationale Konkurrenz wanderte das Kapital seit den 1970er Jahren in Billiglohnregionen ab. Im selben Ma&szlig;e, wie die Dynamik der kapitalistischen Akkumulation nachlie&szlig;, schwand auch die Grundlage systemimmanenter K&auml;mpfe. Denn nur wenn das Kapital Menschen zum Zwecke der Profitproduktion in Lohnarbeit setzt, existiert auch eine Arbeitendenklasse. Erst dann sind systemimmanente K&auml;mpfe f&uuml;hrbar, in denen dem Kapital unter bestimmten Voraussetzungen Zugest&auml;ndnisse abgerungen werden k&ouml;nnen, solange sie den profitablen Zweck der &ouml;konomischen Veranstaltung nicht gef&auml;hrden. Doch nicht allein die Formierung und Durchschlagskraft von Klassenk&auml;mpfen, auch die Gestaltungsm&ouml;glichkeiten von nationalen und kommunalen Regierungen stehen und fallen mit der Akkumulation des produktiven Kapitals. Denn das politische Handeln h&auml;ngt ab sowohl von Steuereinnahmen als auch von einer gewissen F&auml;higkeit des Kapitals, Menschen in den Produktionsprozess zu integrieren und seine Herrschaft auf diese Weise zu legitimieren. Beides ist auf Dauer nur durch eine funktionierende Realakkumulation zu leisten, wo Profite durch Ausbeutung von Arbeitskraft in der Warenproduktion erzielt werden. Diese aber ist seit den 1970er Jahren nicht allein in Detroit, sondern weltweit in eine tiefe Krise geraten; in der Hauptsache nicht aufgrund von &#8220;wirtschaftspolitischen Fehlern&#8221;, sondern aus polit&ouml;konomisch-strukturellen Gr&uuml;nden (vgl. R. Brenner, Boom &#038; Bubble, Hamburg 2002 u. v. a. ).</p>
<p>Die Geschichte Detroits zeigt also <em>in extremis </em>und deshalb anschaulich, auf welche systemischen Beschr&auml;nkungen immanente K&auml;mpfe sto&szlig;en. Zugleich ist Detroit als Sinnbild f&uuml;r den Zerfall eines ganzen Produktionsmodus zu verstehen, der wesentlich auf dem Automobil, der entsprechenden infrastrukturellen Zurichtung der Lebenswelt und einem &ouml;kologisch destruktiven Energieverbrauch beruht; eines Produktionsmodus zugleich, der eine zerst&ouml;rerische Vereinzelung und Konkurrenz hervorbringt, deren negative soziopsychische Folgewirkungen der Warenkonsum blo&szlig; unzureichend und f&uuml;r verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig kurze Zeit kompensieren konnte. Mit seinem Niedergang ger&auml;t nicht nur eine ganze Lebensweise, wie sie f&uuml;r die kapitalistischen Metropolen typisch war, in die Krise, sondern auch Form und Ziel der daran gebundenen sozialen Auseinandersetzungen. Die USA zeigen der EU in dieser Hinsicht blo&szlig; das Bild ihrer eigenen Zukunft. Und Detroit ist daf&uuml;r eines der bemerkenswertesten Menetekel.</p>
<p>Doch dies ist nur die eine Seite. Dem Abschwung der traditionellen sozialen K&auml;mpfe in der einstigen Arbeiter- und <em>Black Power</em>-Hochburg Detroit ist in den letzten Jahren eine vielf&auml;ltige emanzipatorische Gegenbewegung gefolgt, die in den sozialen und physischen &#8220;Leerstellen&#8221; die kreativen Orte einer post-kapitalistischen Gesellschaft erkennt und zu Ausgangspunkten innovativer sozialer Praxen macht. Menschen, die Krise und Zerst&ouml;rung nicht als Naturschicksal akzeptieren, definieren die Aufl&ouml;sung der alten Ordnung als einen Gewinn an Raum f&uuml;r neue M&ouml;glichkeiten.</p>
<h4>Widerstand, Integration und Kapitalflucht</h4>
<p>Die Produktionsmethoden, die Henry Ford in seinen Werken in Detroit in gro&szlig;em Stil ab den 1920er Jahren etablierte, setzten die Standards einer ganzen Epoche. Jenseits von schierem Zwang wollte Ford die Kooperation im Prozess der Profitproduktion durch warenf&ouml;rmige materielle Gratifikationen sicher stellen. Diese Leitideen nahmen nicht nur wesentliche Elemente von Faschismus und Stalinismus, sondern auch die dominierenden Politikmuster der Nachkriegsjahrzehnte vorweg. In der kritischen Sozialwissenschaft wurde Henry Ford deshalb namengebend f&uuml;r eine historische Form des Kapitalismus, die, vereinfacht gesagt, auf Massenarbeit, Massenproduktion und Massenkonsum ruhte, den <em>Fordismus</em>. Diesen Produktionsmodus charakterisierten enorme Produktivit&auml;tszuw&auml;chse, die entsprechende Reallohnsteigerungen m&ouml;glich machten, ohne den Profit zu gef&auml;hrden. Je mehr die Integration der Produktion mit dem fordistisch-tayloristischen System der Flie&szlig;bandfertigung voranschritt, wuchs allerdings auch deren Anf&auml;lligkeit f&uuml;r St&ouml;rungen (B. J. Silver, Forces of Labour, Berlin/Hamburg 2005). Lokale Arbeitsniederlegungen an strategischen Punkten konnten so die Produktion empfindlich treffen. Inmitten einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und der Repression gewerkschaftlicher Organisierungsversuche zum Trotz gelang es einer kleinen Gruppe militanter Arbeiter im <em>General Motors</em>-Werk in Flint (Gro&szlig;raum Detroit), ihre <em>Produktionsmacht</em> auszuspielen und in den 1930er Jahren eine der historisch bedeutsamsten Wellen von Arbeiterunruhe auszul&ouml;sen, die in weit reichende Vertr&auml;ge zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft m&uuml;ndete (vgl. z. B. das fr&uuml;he Renteneintrittsalter der AutomobilarbeiterInnen).</p>
<p>Das Kapital reagierte umgehend. Investitionen wurden aus den Gewerkschaftshochburgen abgezogen und vermehrt f&uuml;r arbeitssparende Prozessinnovationen verwendet. Zugleich begannen die Arbeitgeber eine &#8220;verantwortungsvolle Gewerkschaftspolitik&#8221; zu f&ouml;rdern (Silver, a. a. O. : 70f. ). Basisk&auml;mpfe am Ende der 1960er Jahre dr&auml;ngten die Autoindustrie schlie&szlig;lich zu einer weitgehenden Produktionsverlagerung, zuerst in den S&uuml;den der USA, sp&auml;ter, als auch dort Tarifvertr&auml;ge erk&auml;mpft worden waren, in Regionen au&szlig;erhalb der USA. &#8220;In den achtziger Jahren brach die durch jahrzehntelange Umstrukturierungen bereits geschw&auml;chte Macht der US-amerikanischen Automobilarbeiterschaft vollends zusammen&#8221; (Silver, a. a. O. : 71).</p>
<h4>Aufstieg und Niedergang des Fordismus</h4>
<p>Der Fordismus der Zwischenkriegszeit, wie er paradigmatisch im Gro&szlig;raum Detroit entstand, trug zwar schon die materiellen Voraussetzungen und die negative gesellschaftliche Utopie f&uuml;r einen neuen Produktionsmodus in sich, doch konnte er als solcher nicht auch die politischen Rahmenbedingungen daf&uuml;r schaffen, dass die kapitale Rechnung von vermehrter ArbeiterInnenkontrolle einerseits und vermehrtem Warenabsatz andererseits auch aufging. Vorderhand geriet deshalb die wachsende Produktivit&auml;t in Widerspruch zu den beschr&auml;nkten M&auml;rkten und katapultierte den Kapitalismus in die Gro&szlig;e Depression. Erst der darauf folgende Zweite Weltkrieg schuf die institutionellen wie die &ouml;konomischen Grundlagen des kurzen &#8220;Goldenen Zeitalters&#8221; von &#8220;Sozialstaatlichkeit&#8221; und hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten, die eine keynesianische Wirtschaftspolitik an der Oberfl&auml;che moderierte und ideologisch st&uuml;tzte.</p>
<p>Ab dem Ende der 1960er Jahre zeigte das fordistische System der kapitalistischen Metropolen erste Krisenerscheinungen aufgrund sich verteuernder Produktivit&auml;tszuw&auml;chse, der S&auml;ttigung zentraler M&auml;rkte und der Aussch&ouml;pfung von Wachstumspotenzialen. Mit den wachsenden Profitabilit&auml;tsproblemen gerieten die sozialstaatlichen Regulierungen zunehmend zu einem Klotz am Bein der Akkumulation. Die Krise versch&auml;rfte sich noch durch die neuen sozialen Bewegungen, die wesentliche Momente der fordistischen Regulationsweise heftig kritisierten. Im Verlauf der 1970er Jahre reifte ein neues technologisches Paradigma heran, das sowohl die soziale Kontrolle als auch die Profitabilit&auml;t wiederherstellen sollte. Diesen <em>postfordistischen</em> Produktionsmodus kennzeichnen <em>Just-in-Time</em>- und <em>Lean-Production</em>. Er breitete sich seit den 1980er Jahren weltweit aus. Die riesenhaften fordistischen Produktionsst&auml;tten wurden radikal verschlankt und durch Subunternehmersysteme mit flexiblen, vielfach prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen ersetzt. Detroit steht wie ein Sinnbild f&uuml;r diese Entwicklungen (M. Revelli, Die gesellschaftliche Linke, M&uuml;nster 1999: 55, 57f. ). So war etwa das in den 1920er Jahren er&ouml;ffnete <em>Ford</em>-Werk <em>River Rouge</em> mit 1.115 Hektar Oberfl&auml;che und bis zu 105.000 Besch&auml;ftigten die gr&ouml;&szlig;te Fabrik ihrer Zeit. Ende der 1990er Jahre besch&auml;ftigten die &#8211; im Kontext einer allgemeinen, systemischen Rationalisierung &#8211; geschrumpften Niederlassungen nur mehr jeweils rund 10.000 Menschen. Sie sind mittlerweile in ein &#8220;Spinnennetz&#8221; von mehreren tausend kleinen und kleinsten Zulieferfirmen eingebunden, an die <em>Ford</em> &uuml;ber die H&auml;lfte der Produktion von Einzelteilen ausgelagert hat. Mit der Aufl&ouml;sung des Fordismus ist die soziale Basis der (traditionellen) Gewerkschaften, eine vom Kapital zentralisierte und vermasste Arbeitskraft, ebenso erodiert, wie sich ihre polit&ouml;konomischen und &ouml;kologischen Halterungen &#8211; eine rasch steigende Produktivit&auml;t, hohe Profite in der Warenproduktion und scheinbar unbegrenzte Akkumulationsm&ouml;glichkeiten auf Basis von (billigem) Roh&ouml;l und einem vermeintlich bodenlosen &#8220;globalen Abfalleimer&#8221; &#8211; gelockert haben.</p>
<h4>Detroit &#8211; <em>Re</em>form oder <em>Trans</em>formation? </h4>
<p>Detroit hat alle Phasen der Ausdehnung von Warenbeziehungen bis in die letzten Winkel der Gesellschaft und ihren anschlie&szlig;enden Verfall durchlebt &#8211; die endlose Aneinanderreihung von Arbeiter-Einfamilienh&auml;usern ebenso wie deren R&uuml;ckzug &#8211; und hat nun mit der Hinterlassenschaft der &#8220;verbrannten Erde&#8221; zu k&auml;mpfen. Bereits in den 1950er Jahren hatte die Trendumkehr eingesetzt. Die systemische Rationalisierung f&uuml;hrte zunehmend zur Entkoppelung von Besch&auml;ftigung und Produktivit&auml;tszuwachs. Mit der Globalisierung seit den fr&uuml;hen 1970er Jahren hat die Entwertung der lebendigen Arbeit, die vor dem Hintergrund rassistischer Diskriminierungen in besonderer Weise die &#8220;<em>People of Color</em>&#8221; traf, den dramatischen Niedergang der Stadt bis zur Agonie getrieben.</p>
<p>Als in den 1980er Jahren Coleman Young, der schwarze B&uuml;rgermeister der Stadt, in einem finalen &#8220;Rettungsversuch&#8221; der Wirtschaft durch die Ansiedlung einer Casino-Industrie neues Leben einzuhauchen versuchte, wandte sich eine Koalition kritischer B&uuml;rgerInnen aus allen Schichten gegen die Gl&uuml;cksspiel&ouml;konomie. Jimmy (James) Boggs, einer der profiliertesten Linken in der Stadt, antwortete auf die Herausforderung des B&uuml;rgermeisters, Alternativen zu benennen, mit der Rede &#8220;Rebuilding Detroit&#8221; (1988): &#8220;&#8230; to rebuild Detroit, we have to think of a new mode of production based upon serving human needs and the needs of the community and not upon any quick get-rich schemes. (&#8230; ) We have to get rid of the myth that there is something sacred about large scale production for the national and international market. (&#8230; ) We have to begin thinking of creating small enterprises which produce food, goods and services for the local market, that is, for our communities and our city&#8221; (vgl. G. L. Boggs, Living for Change, Minnesota 1998: 220f. ).</p>
<p>In den 1990er Jahren entwickelten sich aus diesen Ideen unterschiedliche Ans&auml;tze, gemeinsam mit den BewohnerInnen Zeichen gegen die fortschreitende Zerst&ouml;rung ihrer Lebenswelt zu setzen. Die brachliegenden Fl&auml;chen und Strukturen wurden als Herausforderung f&uuml;r die Gestaltung des Neuen angenommen. Inmitten der endzeitlichen Zerst&ouml;rung entfalten sich seither Visionen einer im weiteren Sinne post-kapitalistischen Gesellschaft; m&uuml;hsam zwar, doch gewinnen sie an Kraft. Ausgehend vom Impuls des <em>Peoples Festival of Community Organizations</em> 1991 wurde ein Jahr darauf <em>Detroit Summer</em> &#8211; &#8220;a Multicultural, Intergenerational Youth Movement to rebuild, redefine and respirit Detroit from the ground up&#8221; &#8211; gegr&uuml;ndet. Dieses Projekt ist ein dynamisches Zentrum im Feld der Versuche einer Wiederaneignung der Stadt. <em>Detroit Summer</em> hat mit jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 25 aus Detroit und anderen Gegenden der USA in <em>Community Gardens</em> gearbeitet, Wohnh&auml;user saniert, Kinderspielpl&auml;tze hergerichtet und Wandbilder in den Quartieren gemalt. Mit Workshops und generations&uuml;bergreifenden Dialogen zum Wiederaufbau der Stadt wurde die Kreativit&auml;t der Jugendlichen herausgefordert. Mittlerweile gibt es <em>Detroit Summer</em> als ganzj&auml;hriges Angebot und die jungen Menschen haben selber neue Projekte wie den <em>Poetry for Social Change Workshop</em> und <em>Back Alley Bikes</em> begonnen. Heute k&ouml;nnen mit der kollektiv betriebenen <em>Back Alley Bikes</em>-Fahrradwerkstatt Detroiter Jugendliche durch die Reparatur von gespendeten Gebrauchtr&auml;dern ein eigenes Rad bekommen. Sie erhalten auf diese Weise Zugang zu selbstbestimmter Mobilit&auml;t.</p>
<p><em>Detroit Summer</em> antwortet mit einem &#8220;<em>Freedom Schooling</em>&#8220;-Konzept, das an die &#8220;<em>Freedom Schools</em>&#8221; der B&uuml;rgerrechtsbewegung der 1960er Jahre im S&uuml;den der USA ankn&uuml;pft, auf die verheerenden Folgen der neoliberalen Globalisierung. Denn die Jugendlichen der innerst&auml;dtischen Unterklasse reagierten Mitte der 1980er Jahre auf die brutale Vernichtung jeglicher Perspektive der Teilhabe an der Reichtumsentwicklung der Gesellschaft mit der Hinwendung zur &#8220;Drogen&ouml;konomie&#8221; und einer Eruption der Gewalt. Nicht von ungef&auml;hr kam zeitgleich <em>Crack</em> als Droge mit besonders hohem Suchtpotenzial auf. 1986 wurden 365 Jugendliche und Kinder in der Stadt angeschossen und 43 get&ouml;tet. Die Quartiere verwandelten sich immer mehr zu &#8220;Kriegszonen&#8221; rivalisierender Gangs (Boggs, a. a. O. : 210).</p>
<p>Mit der Vertiefung der &ouml;konomischen Krise wuchs im Laufe der 1990er Jahre die Quote der SchulabbrecherInnen in Detroits &ouml;ffentlichen Schulen dramatisch. Heute ist die Quote jener, die ohne <em>High School</em>-Abschluss die Schule verlassen, auf &uuml;ber 50% gestiegen (G. L. Boggs, Opt-Outs, not Dropouts. <em>Michigan Citizen</em>, 11.12.2005). Die Jugendlichen haben begriffen, dass das Bildungs- und Erziehungssystem, das sie f&uuml;r ein Erwerbsleben mit fremdbestimmter Lohnarbeit vorbereiten sollte, in einer Realit&auml;t, die kaum noch Lohnarbeit anzubieten hatte, dysfunktional geworden war. So gibt der <em>American Community Survey</em> 2004 f&uuml;r Detroit die Jugendarbeitslosigkeit der 16- bis 19-J&auml;hrigen mit 38,3% und der 20- bis 24-J&auml;hrigen mit 39,6% an. Die Erwerbst&auml;tigkeit liegt nur bei 21,5% bzw. 43,8%. Die Verweigerung gegen&uuml;ber der &#8220;sch&ouml;nen neuen Welt&#8221; des Neoliberalismus ist ein Reflex auf den Ausschluss von den Lebenschancen der Mehrheitsgesellschaft. Dieser Ausschluss erreicht ein finales Stadium, wenn ein Gro&szlig;teil vor allem der m&auml;nnlichen Jugendlichen aufgrund von Straftaten oder der Kriminalisierung von Bagatellvergehen im Gef&auml;ngnis landet.</p>
<h4>Projekte und Vernetzungen</h4>
<p>In den 1990er Jahren haben sich aus den kleinen Interventionen in den Quartieren Kontakte zu anderen Aktiven ergeben, die sich in der direkten Aneignung der Stadt engagieren. Die <em>Gardening Angels</em> &#8211; &auml;ltere, noch aus den S&uuml;dstaaten stammende Frauen, zumeist <em>African-Americans -</em> bewirtschafteten ihre G&auml;rten und brachliegende Grundst&uuml;cke zur eigenen Selbstversorgung wie der ihrer Nachbarn und arbeiteten mit der Pfadfinder-Organisation <em>4H</em> in den G&auml;rten, um Jugendlichen traditionelles Wissen zu vermitteln. Die <em>Catherine Ferguson Academy</em> wiederum ist ein Angebot f&uuml;r minderj&auml;hrige Schwangere und M&uuml;tter, trotz der Doppelbelastung durch das Kind den <em>High School</em>-Abschluss zu erwerben. Daf&uuml;r wurde ein besonderes Curriculum entwickelt, das u. a. den Anbau von Obst und Gem&uuml;se, die Haltung von Farmtieren und den Bau einer Scheune umfasste. Im Ergebnis erreichen ca. 80% der Sch&uuml;lerinnen trotz der Mutterschaft den Schulabschluss. Die <em>Kwanza Garden Cooperative</em> -bestehend aus LehrerInnen, Eltern und Sch&uuml;lerInnen &#8211; arbeitet mit der angrenzenden <em>Howe Elementary School </em>zusammen, um den Kindern ganzheitliche Zusammenh&auml;nge und Alltagspraktiken zu vermitteln und eine gesunde Ern&auml;hrung anzubieten. Aber auch das Kapuziner Kloster und die <em>Capuchin Soup Kitchen</em> &#8211; ein Notangebot f&uuml;r die Armen &#8211; haben mit dem <em>Earthworks Garden</em> eine &#8220;Selbstversorgung&#8221; aufgebaut und dar&uuml;ber hinaus 2004 ca. 4 Tonnen biologisches Gem&uuml;se in den umliegenden Kirchengemeinden verkauft. Aus einer losen Unterst&uuml;tzungsgruppe f&uuml;r die im Stadtgebiet verstreuten Initiativen der AktivistInnen und f&uuml;r Organisationen wie die <em>Hunger Action Coalition</em> entwickelte sich in den 1990er Jahren das <em>Detroit Agricultural Network</em> (DAN). DAN versucht &#8220;<em>Urban Agriculture</em>&#8221; als Teil einer Revitalisierungsstrategie in der Stadt zu etablieren. Mehr als 1.000 Freiwillige und Sch&uuml;lerInnen bzw. StudentInnen arbeiten heute stadtweit aktiv in &#8220;<em>Urban Agriculture</em>&#8220;. Das Engagement bleibt jedoch bei den gr&ouml;&szlig;eren Projekten bislang auf Spenden angewiesen, um die Kosten zu decken.</p>
<p>Ging es zun&auml;chst darum, Zeichen gegen die materielle Zerst&ouml;rung zu setzen, die jungen Menschen als AkteurInnen des sozialen Wandels in der Stadt zu gewinnen und dies in der &Ouml;ffentlichkeit sichtbar zu machen, stellten sich seit der Jahrtausendwende neue Aufgaben. Sehr fr&uuml;h hatten sich pers&ouml;nliche Kontakte zu MitarbeiterInnen und ProfessorInnen der lokalen Universit&auml;ten entwickelt, die sich vor allem auf Ern&auml;hrungssicherheit, die Wiederaneignung des &ouml;ffentlichen Raumes und das politische Geschehen in der Stadt bezogen. Umgekehrt wurden Aktivit&auml;ten von <em>Detroit Summer</em> in die Lehrinhalte integriert. Im Jahr 2000 ging aus einer Kooperation von <em>Detroit Summer</em> mit ArchitekturstudentInnen der <em>University of Detroit Mercy</em> der Entwurf f&uuml;r ein Modellgebiet als alternative Vision zur Zukunft der Stadt von 2,5 Quadratmeilen in Detroits <em>East Side</em> und das Netzwerk <em>Adamah </em>(&#8220;von der Erde&#8221;, hebr&auml;isch) hervor. Dieses Milieu aus Praxisprojekten, Aktivisten, politischem Engagement, Wissenschaften und Kunst einerseits und der projektweisen Zusammenarbeit mit dem Non-Profit-Sektor andererseits hat mit dem <em>Sustainable Detroit</em>-Netzwerk (2004) ein neues Niveau der Kooperation erreicht. Als soziale Bewegung mit einer kulturell alternativen Vision geht es nun zunehmend darum, die &#8220;Leerstellen&#8221; der von der kapitalistischen Warenproduktion aufgegebenen Bereiche der Stadt als Herausforderung anzunehmen. Beispiele gebrauchsorientierter Sicherung der Existenzbedingungen der BewohnerInnen und unmittelbarer Kooperation sind Prozesse des Lernens und der Selbstvergewisserung ebenso wie sichtbare Gegenwart post-kapitalistischer Kristallisationspunkte.</p>
<p>Detroit war als Experimentierfeld sozialer Bewegungen f&uuml;r junge Menschen und WissenschaftlerInnen, national wie international, schon fr&uuml;her interessant. Ein Beispiel ist die 1990 von Nina Simons und Kenny Ausubel ins Leben gerufene <em>Bioneers Conference</em> (www. bioneers. org ), ein Forum f&uuml;r wissenschaftliche und soziale Erneuerer, die an vision&auml;ren oder praktischen Beispielen der Wiederherstellung von &#8220;<em>Earth</em>&#8221; und &#8220;<em>Communities</em>&#8221; arbeiten. Mit einer pragmatischen Strategie, eingebettet in soziale Gerechtigkeit, soll eine Kultur der L&ouml;sungen f&uuml;r die menschengemachte, globale &ouml;kologische und soziale Krise entfaltet werden. 2005 hat eine erste regionale <em>Bioneers Conference</em> in Detroit stattgefunden. Die lokale soziale Bewegung ist auf diese Weise vielf&auml;ltig mit den Bewegungen andernorts im Land vernetzt. Der Kern all dieser Versuche ist die Ausrichtung auf die BewohnerInnen. Denn die Vision einer Gegenkultur zum selektiven Ausschluss aus der Warengesellschaft muss sich auf die Inklusion aller Menschen in der Stadt beziehen.</p>
<h4>Eine neue Sozialit&auml;t</h4>
<p>Das Machtgef&auml;lle zwischen dem globalisierten Kapital und den &#8220;zur&uuml;ckgelassenen&#8221; BewohnerInnen k&ouml;nnte gr&ouml;&szlig;er nicht sein. Die Eingriffe &#8220;von unten&#8221; sind daher eher minimalistisch. Die kleinen, allt&auml;glichen gesellschaftlichen Interventionen, die sich ausdr&uuml;cklich nicht auf Warenbeziehungenst&uuml;tzen, sondern sich am Konzept des &#8220;gemeinsamen Haushaltens&#8221; mit den Prinzipien Reziprozit&auml;t und Redistribution orientieren, zielen darauf, die Kooperationsf&auml;higkeit der Menschen &#8211; das wichtigste gesellschaftliche Potenzial &#8211; unter neuen Regeln zu entwickeln.</p>
<p>Die gebrauchsorientierte Kooperation in der sozialen Bewegung erlaubt es, die vorhandenen M&ouml;glichkeiten und Ressourcen nutzbar zu machen, um gemeinsam bessere Lebensbedingungen zu erreichen. Raum und Menschen gibt es hierf&uuml;r in Detroit trotz der dramatischen EinwohnerInnenverluste genug. Die Kooperation f&uuml;r den Gebrauch gewinnt, je mehr Menschen sich daran beteiligen und einbringen. Sie lebt mit und von der lebendigen Arbeit: alle Menschen, die handlungsf&auml;hig sind, k&ouml;nnen nach ihren M&ouml;glichkeiten mitmachen. Die Ergebnisse werden kollektiv verteilt. Dabei geht es weniger um Leistung als um Teilhabe. Damit ist allerdings das st&auml;ndig wachsende Problem der sozial und gesundheitlich v&ouml;llig deprivierten Menschen nicht gel&ouml;st, die gar nicht mehr f&uuml;r sich, geschweige denn f&uuml;r andere sorgen k&ouml;nnen. Hier muss man teilen. Das geschieht z. B. &uuml;ber die Zusammenarbeit mit &#8220;<em>Emergency Food Providern</em>&#8220;, die regelm&auml;&szlig;ig einen Teil der Ernte aus den G&auml;rten, u. a. der <em>Gardening Angels</em>, erhalten.</p>
<p>Frauen bestimmen als Aktivistinnen das Bild. Sie sind meistens erwerbst&auml;tig. Doch als Hauptverantwortliche f&uuml;r die soziale Reproduktion engagieren sie sich auch als erste f&uuml;r die Rehabilitation ihrer Alltagswelt. Sie k&ouml;nnen dabei aus ihren Erfahrungen mit gebrauchsf&ouml;rmiger Kooperation in der Familie und mit FreundInnen sch&ouml;pfen. Die kollektiven Anstrengungen, wieder die Kontrolle &uuml;ber die eigenen Lebensbedingungen zu erlangen und nicht jeden Tag durch die unterschiedlichen Formen von Ausgrenzung (Erwerbslosigkeit, Armut, Vertreibung aus dem angestammten Wohnquartier, politische Repression etc. ) gef&auml;hrdet zu sein, zielen darauf, ein m&ouml;glichst dichtes soziales Netz in gegenseitiger Verantwortung f&uuml;r die unterschiedlichsten Anforderungen und Bed&uuml;rfnisse zu &#8220;weben&#8221;. Eine wichtige Aufgabe ist dabei die Achtsamkeit gegen&uuml;ber &#8220;anderen&#8221; und den Lebensgrundlagen. Dieses Selbstverst&auml;ndnis richtet sich gegen die unbegrenzten, und in diesem Sinne &#8220;krebsartigen&#8221;, Wachstumsvorstellungen kapitalistischen Wirtschaftens (G. L. Boggs, Think globally, act locally, Minneapolis 2004).</p>
<p>Die Frauen sind durch ihre zahlenm&auml;&szlig;ige Dominanz und ihren reichen Erfahrungsschatz in gebrauchsorientierter Kooperation die Katalysatoren der sozialen Erneuerung. M&auml;nner sind dagegen in den <em>Community Based Organizations</em> (CBO&#8217;s) weithin unterrepr&auml;sentiert. Seit den 1970er Jahren bezeichnen CBO&#8217;sauf lokale Territorien wie Quartiere oder Stadtteile bezogene B&uuml;rgerInneninitiativen, die zumeist den Status der Gemeinn&uuml;tzigkeit haben und h&auml;ufig &ouml;ffentliche Zuwendungen bzw. private Spenden erhalten. In diesen vor allem auf den Zusammenhalt der Alltagswelt gerichteten Organisationen finden sich M&auml;nner nur vereinzelt in &#8220;F&uuml;hrungspositionen&#8221;. Der Zerfall des fordistischen Reproduktionszusammenhangs, der M&auml;nner auf die Rolle des &#8220;<em>Bread Winners</em>&#8221; festlegte und sie vor allen Dingen f&uuml;r den Verkauf ihrer Arbeitskraft und den Warentausch sozialisierte, hat ihre Position im Geschlechterverh&auml;ltnis und ihre soziale Funktion in der Familie untergraben. Eine L&ouml;sung k&ouml;nnte sein, von den Frauen zu lernen, wie man zur Bew&auml;ltigung der Alltagsanforderungen in gebrauchsf&ouml;rmigen Kontexten kooperiert und diese sozialen Netze aufrechterh&auml;lt. Aber das w&uuml;rde auch bedeuten, sich als Gleiche mit Frauen zu erkennen. Dies anzunehmen f&auml;llt vielen M&auml;nnern schwer, bedeutet es in ihren Augen doch eine weitere &#8220;Abwertung&#8221;. Es ist eine tiefenkulturelle Pr&auml;gung, den eigenen &#8220;Wert&#8221; daran zu messen, inwieweit man auf andere herabschauen kann. Nicht zuletzt werden auf diese Weise jene Kr&auml;nkungen kompensiert, die hierarchische Arbeitsverh&auml;ltnisse, das permanente Gegeneinander in den Marktbeziehungen sowie die strukturelle Kluft zwischen dem Reichtumsversprechen und der entt&auml;uschenden Realit&auml;t des &#8220;Warenuniversums&#8221; mit sich bringen. M&auml;nner werden so durch ihre Geld- und Lohnarbeitsidentit&auml;t oft daran gehindert, geradezu lebensrettende &#8220;Anpassungen&#8221; der Strategien zur Lebensbew&auml;ltigung zu vollziehen. Sie fallen viel h&auml;ufiger als Frauen aus allen st&uuml;tzenden sozialen Zusammenh&auml;ngen heraus und enden als Obdachlose auf der Stra&szlig;e.</p>
<p><em>Der zweite Teil dieses Artikels erscheint in den </em>Streifz&uuml;gen<em> Nr. 37/2006</em></p>
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		<title>Wikipedia in der Krise</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:34:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Copyleft / Freie Software]]></category>
		<category><![CDATA[Immaterial World]]></category>
		<category><![CDATA[Meretz; Stefan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-36]]></category>

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Freie Produktionsweise in einer unfreien Welt]]></description>
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<p>Streifzüge 36/2006</p>
<p><em>KOLUMNE <a href="http://www.streifzuege.org/navi/immaterial-world">Immaterial World</a></em></p>
<p><em>von Stefan Meretz</em> <span id="more-411"></span></p>
<p>Mittlerweile ist die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia interessierten Menschen ein Begriff. Mit dazu beigetragen hat eine Kette von &#8220;Rückschlägen&#8221;, über die genüsslich bis hämisch in der Presse berichtet wurde. Auch un/kritische KritikerInnen fühlen sich bestätigt, kann doch in ihrem Weltbild unter der Sonne des Kapitals nichts über das Kapital Hinausweisendes gedeihen. Was ist geschehen?</p>
<p><em>Fall 1</em>: Im November 2005 wurde entdeckt, dass seit fast zwei Jahren anonym Artikel aus DDR-Lexika bei Wikipedia eingestellt wurden. Während außerhalb des Projekts der Schaden in einer ML-Unterwanderung vermutet &#8211; wenn auch nicht belegt &#8211; wurde, sah das Projekt die Kopien als Problem der Urheberrechtsverletzung (Abkürzung: URV). Normalerweise werden URV-Fälle schnell entdeckt, weil zum Wikipedia-Software-Universum auch spezialisierte Tools gehören, die das Web regelmäßig nach potenziellen URV durch Wikipedia-Artikel absuchen. Im Falle der DDR-Lexika gab es jedoch keine Referenzen im Web, da mit dem Staat auch die Lexika verschwanden oder bestenfalls im Antiquariat landeten.</p>
<p><em>Fall 2</em>: Ende November 2005 berichtete der bekannte US-Journalist John Seigenthaler in einer Kolumne für die Zeitung <em>USA Today</em> über den Wikipedia-Artikel zu seiner eigenen Person, in dem ihm eine Verwicklung in den Mord an US-Präsident Kennedy unterstellt wurde. Wie sich später herausstellte, wurde der Fake von einem Angestellten in Nashville fabriziert, um einen Kollegen zu beeindrucken &#8211; als &#8220;Scherz&#8221;. In der deutschsprachigen Ausgabe gab es einen ähnlichen Fall, bei dem fälschlicherweise der Tod des bekannten Informatikers Bertrand Meyer gemeldet wurde.</p>
<p><em>Fall 3</em>: Ende Januar 2006 flog auf, dass Mitarbeiter des US-Kongresses ca. 1000 Einträge über Senatoren und Abgeordnete geschönt hatten. Im Falle des demokratischen Abgeordneten Matty Meehan wurden nicht eingehaltene Wahlversprechen gelöscht, was zur Sperrung des Rechners des Praktikanten führte, der eingestandenermaßen von seinem Chef zur &#8220;Korrektur&#8221; beauftragt wurde. &#8220;Vandalismus&#8221; nennt das die Wikipedia-Community.</p>
<p>Hinzu kommt die kontinuierliche Auseinandersetzung um die Kernfrage des Projektes: Welcher Artikel kommt in welcher Form und mit welchen Informationen in die Enzyklopädie und welcher nicht? Ein Beispiel dafür ist die juristische Auseinandersetzung um die volle Namensnennung des Hackers &#8220;Tron&#8221;, die zeitweise zur Abschaltung von wikipedia. de führte (www. spiegel. de/netzwelt/politik/0,1518,399943,00.html). Formaler Rahmen sind dafür die &#8220;Richtlinien und Konventionen&#8221; des Projektes, in denen der &#8220;neutrale Standpunkt&#8221; und die &#8220;Einhaltung des Urheberrechts&#8221; eine zentrale Rolle spielen. Zitat: &#8220;Ziel des Enzyklopädieprojektes ist die Zusammenstellung <em>bekannten</em> Wissens.&#8221; Was aber ist das? So gehört ein Artikel zum Stichwort &#8220;Wertkritik&#8221; zum bekannten Wissen, während das Stichwort &#8220;Wertabspaltungsansatz&#8221; nur als Link, nicht aber als eigenständiger Artikel akzeptiert wurde.</p>
<p>Die Produktionsweise von Wikipedia ist neu, sie ist vergleichbar mit der Freier Software. In ihrem Kern ist sie nicht wertförmig und nicht demokratisch. Die &#8220;Fälle&#8221; zeigen die Konfrontation mit der Wert- und Rechtsform der ordinären Warengesellschaft, in der Wikipedia überleben muss &#8211; zur Zeit auf Spendenbasis und unter strikter Akzeptanz des Urheberrechts. Sie zeigen auch die vielfältigen Versuche zur Instrumentalisierung von Wikipedia für proprietäre Interessen. So weit, so auch aus der Freien Software bekannt.</p>
<p>Die Fälle zeigen aber auch die Chancen alternativer Regulationsformen gesellschaftlicher Konflikte. Die linke Bewegung klebt an den Fetischformen von Staat und Demokratie. Und auch die Wertkritik hat, wenn sie denn einmal den Blick über den Tellerrand der Kritik schafft, nicht mehr zu bieten als &#8220;Räte&#8221;, irgendwie. Die Freie Software und Wikipedia hingegen probieren transdemokratische Formen der gesellschaftlichen Regulation praktisch aus. Hier werden Erfahrungen gemacht, die für eine Freie Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind.</p>
<p>Die Herausforderung, vor der emanzipatorische Bewegungen stehen, ist die Frage nach der nicht-wertförmigen Vergesellschaftung. Schon diese Formulierung &#8220;nicht-wertförmig&#8221; zeigt, dass wir es noch nicht schaffen, aus der einfachen Negation in eine doppelte Negation überzugehen. Dieser Übergang wird sich auch nicht denkend und theorieförmig vollziehen, sondern kann nur das Ergebnis bewusster Reflexion der &#8220;wirklichen Bewegung&#8221; (Marx über den Kommunismus) sein. Zur bewussten Reflexion, zur begrifflichen Widerspiegelung wirklicher Bewegung, die eine Kritik der praktischen Bewegung einschließt, ist jedoch eine offene, lernbereite und nicht-moralische Haltung Voraussetzung.</p>
<p>Wer (zu Recht) beklagt, dass Wikipedia auch hochproblematische Artikel enthält (Kritik an Rassismus und Sexismus in Wikipedia: www.no-racism.net/article/1336/) und danach das Projekt als Ganzes bewertet, hat nicht verstanden, dass Wikipedia nur den durchschnittlichen Stand gesellschaftlicher Gedankenformen widerspiegeln kann &#8211; und nicht ein Wunschgebilde an emanzipatorischer Theorie. Wer Wikipedia derart beurteilt, der übersieht die wesentlichen und eigentlich interessanten Punkte: nämlich die Art und Weise, wie sich Wikipedia organisiert angesichts der Anforderung, ein globales Projekt in über 100 Sprachen zu betreiben. Diese Organisationsformen sind die Anfänge der Vergesellschaftungsformen jenseits von Markt und Staat. Sie wissen es nicht, aber sie tun es &#8211; einfach, weil die Fetischformen nicht mehr zur Regulation taugen. Dass dies kein &#8220;reiner&#8221; Prozess sein kann, liegt auf der Hand.</p>
<p>Die Linke hingegen ist im &#8220;Widerstandsmodus&#8221; befangen und versteht nicht, dass sich Widerstand an die Formen des Alten kettet und nicht von diesen abhebt: Zu widerstehen bedeutet &#8220;nur&#8221;, unter Bedingungen der zunehmenden Barbarisierung die eigenen Lebensbedürfnisse immanent zur Geltung zu bringen. Eine Widerstandsbewegung kann die Barbarisierung als Ausdruck der objektiven Krisenentfaltung der Warengesellschaft nur bremsen und partiell aufhalten, sie kann ihr aber noch nicht einmal denkend etwas Neues entgegensetzen. Denn das scheint mir klar: Das Neue ist nicht nur einfach das Nicht-Alte. Ein Neues wird sich nur durchsetzen, wenn es die Lebensbedürfnisse der Menschen besser als das Alte erfüllen kann. Danach ist zu suchen.</p>
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		<title>Nebelschwaden und Gewitterwolken</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Apr 2006 01:32:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Nation und Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
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Sechs Notizen anlässlich des Nahostkonflikts]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2006/nebelschwaden-und-gewitterwolken">Nebelschwaden und Gewitterwolken</a></p>
<h3>Sechs Notizen anl&auml;sslich des Nahostkonflikts</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 36/2006</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-408"></span></p>
<h4>1. Lechts und Rinks </h4>
<p>Mangelnde Bildung mag durchaus die mentale Stabilit&auml;t f&ouml;rdern, wenn man ein Antisemit ist. Voraussetzung ist das jedoch keineswegs. Und besch&ouml;nigen oder verharmlosen l&auml;sst sich damit auch kaum etwas. Die beschwichtigenden Hinweise auf eine gewisse intellektuelle Unbedarftheit des iranischen Pr&auml;sidenten beispielsweise gehen fehl. Sie erkl&auml;ren h&ouml;chstens, warum er so leicht verstanden wird, besser als mancher hochdekorierte Akademiker, dessen Analysen mit ein paar Hin und Her dasselbe Ergebnis zeitigen.</p>
<p>Antisemitische Haltungen sind heutzutage gut eingebettet. Antiimperialismus, Nationalismen, eine ganze Palette von Verschw&ouml;rungstheorien, diversen religi&ouml;sen, theologischen und esoterischen Gedankeng&auml;ngen und expliziter Antisemitismus liegen in den Hirnen einer gro&szlig;en Masse von Menschen in allen Kontinenten bunt nebeneinander. Sie bilden keine theoretisch und praktisch einigerma&szlig;en klar abgegrenzten Positionen, sondern eher ein Kontinuum mit unscharfen &Uuml;berg&auml;ngen, Schwerpunkten und Querverbindungen. Und so werben dann metropolitane Linksradikale um Verst&auml;ndnis f&uuml;r Antisemiten im &#8220;antiimperialistischen Kampf&#8221;.</p>
<p>Der Grund f&uuml;r diese Grenzverwischung liegt im eng gewordenen Feld der Politik, auf dem sich Links und Rechts von jeher tummeln. Je mehr sich das Wirtschaftsgeschehen schon auf der untersten Ebene der Produktion und Verwaltung wie auch des Marketings globalisiert, desto weniger kann demokratische Selbstbeherrschung die kapitalistische Sachlogik mit staatlichen Ma&szlig;nahmen noch irgendwie lebbar machen. Es geht schon weniger um die Gestaltung des Prozesses als darum, &uuml;berhaupt noch im Prozess zu bleiben. Je weniger die grundlegenden Gegebenheiten der Warengesellschaft, Arbeit, Markt und Geld, Staat, Nation und Politik, noch eine halbwegs ertr&auml;gliche Welt erm&ouml;glichen, je wichtiger es w&auml;re, mit ihnen Schluss zu machen und ein Leben jenseits dieser Institutionen zu suchen und zu erk&auml;mpfen, desto mehr n&auml;hern sich alle Vorstellungen einander an, die die Verteidigung oder Wiedererringung der &#8220;nationalen Unabh&auml;ngigkeit&#8221; vom &#8220;Imperialismus&#8221; f&uuml;r einen gangbaren Weg halten.</p>
<p>Die Nation ist nicht nur rechts, sondern auch f&uuml;r viele Marxisten ein positiver Bezugspunkt. Bebels Wort vom Antisemitismus als dem &#8220;Sozialismus der dummen Kerls&#8221; wird nach der Schoah von Linken wohl nicht mehr wiederholt, das hei&szlig;t aber keineswegs, dass auch die Vorstellung &uuml;berwunden w&auml;re, dass der Kapitalismus das Unternehmen eines geldgierigen Menschenschlags sei, der mit &#8220;Juden&#8221; zwar schr&auml;g, unvollst&auml;ndig und einseitig, aber doch auch nicht v&ouml;llig falsch definiert sei. Das liegt umso n&auml;her, wenn eins die t&ouml;dliche Gefahr vor allem darin sieht, dass das Geld, das man selber nicht hat, &uuml;ber alle Staatsgrenzen hinweg abgezockt wird und so die Welt destabilisiert, statt dass es &#8211; m&ouml;glichst als inl&auml;ndisches Kapital &#8211; unsereinen ehrlich arbeiten und konsumieren macht. Ohne die &#8220;Spekulanten&#8221;, &#8220;Heuschrecken&#8221; und ihre &#8220;Knechte&#8221; in den Regierungen, die mit ihren finsteren Pl&auml;nen Not und Krieg &uuml;ber uns bringen, w&auml;re die Welt, so f&uuml;hlen es viele, entschieden besser dran, und die V&ouml;lker k&ouml;nnten wieder friedlich &#8220;arbeiten&#8221;, &#8220;Handel treiben&#8221; und &#8220;in Anstand und W&uuml;rde&#8221; &#8220;sich entwickeln&#8221;. Dass dann jemand der &#8220;Erkenntnis&#8221;, dass die F&auml;denzieher hinter den Kulissen vorzugsweise in Amerika anzutreffen sind, noch die Meinung hinzuf&uuml;gt, diese w&uuml;rden vor allem Namen wie Greenspan und Bronfman tragen, ist sozusagen ein historischer Sog, eine illusion&auml;re, aber eing&auml;ngige Personalisierung der sachlichen kapitalistischen Struktur. Einen wirklichen &#8220;Fort-Schritt&#8221; aus dieser kategorialen Sackgasse gibt es nur noch mit dem Sprengstoffg&uuml;rtel. Und bei allen Bedenken, die ein linker Antiimperialist noch haben mag, l&auml;sst sich dann zumindest klammheimliche Freude nicht unterdr&uuml;cken, wenn &#8220;in the belly of the beast&#8221; Selbstm&ouml;rder eine Diskothek in Tel Aviv oder Wolkenkratzer in NY samt ein paar tausend Menschen mitnehmen.</p>
<p>Eine linke &#8220;antideutsche&#8221; Elite allerdings hat sich vor diesem Grauen auf &#8220;die letzten Inseln der Vernunft &#8211; namentlich Israel und die USA&#8221; gerettet. Der Kommunismus ist nicht zu haben, dann lieber Boston als Bagdad, eine neue antifaschistische Allianz gegen die islamistischen Barbaren. Statt der Querfront mit Ahmadinejad eine Querfront mit George W. Bush. Blo&szlig; ist es gerade diese vielgelobte b&uuml;rgerliche Aufkl&auml;rungsvernunft, deren Traum die Ungeheuer gebiert, die heute allenthalben Fleisch und vor allem Blut werden. Und man wird diese nicht los, wenn man nicht mit jener bricht. Gegen irre Rucksackbomber auf rationale Fl&auml;chenbombardements zu setzen generiert keine neue Logik, es ist blo&szlig; eine Entscheidung f&uuml;r die h&ouml;here Sprengkraft. F&uuml;r die Perspektive eines Auswegs gibt &#8220;links-rechts&#8221; dort nicht mehr viel her, wo sich beide auf ein Terrain beziehen, das wir nicht mehr wirklich gestalten k&ouml;nnen, sondern vielmehr verlassen sollten.</p>
<h4>2. Um Gottes willen</h4>
<p>Der Krise aller Grundlagen der Warengesellschaft seltsam angemessen ist der grassierende Fundamentalismus, insbesondere in seinen islamischen, christlichen und j&uuml;dischen Auspr&auml;gungen. Diese haben seit dem Verfall des fordistischen Aufschwungs in den Siebzigerjahren schubweise an Bedeutung gewonnen und geben eine eigent&uuml;mliche Antwort auf die Ausweglosigkeiten der kapitalistischen Entwicklung und auf die Welt- und Lebensfeindlichkeit dieses Systems, indem sie dessen Destruktivit&auml;t religi&ouml;s deuten und in ihrer Praxis noch &uuml;bergipfeln.</p>
<p>Sp&auml;testens seit dem Schock vom 11. September 2001 glauben in den USA sechs von zehn Erwachsenen daran, dass sich die Prophezeiungen der Geheimen Offenbarung des Johannes &uuml;ber das Ende der Welt eben jetzt erf&uuml;llen, und jede/r Vierte meint, dass die Attentate in der Bibel vorausgesagt sind. Viel weniger diffus als vielmehr eine durchschlagkr&auml;ftige Lobby ist das einflussreiche Netzwerk von Kirchengemeinden, Fernseh- und Radiostationen und pers&ouml;nlichen Verbindungen in h&ouml;chste Politik- und Wirtschaftskreise, das die protestantisch-fundamentalistische &#8220;Christian Right&#8221; gebildet hat. Unter deren Einfluss stehen zwei von f&uuml;nf Kongressabgeordneten und auch der &#8220;wiedergeborene Christ&#8221; im Oval Office des Wei&szlig;en Hauses. F&uuml;r die Prediger und ihre auf bis zu 50 Millionen gesch&auml;tzte Schar von Gl&auml;ubigen sind Umweltkatastrophen und Kriege weniger ein &Uuml;bel, dem eins abhelfen sollte und k&ouml;nnte, als vielmehr Zeichen des Wirkens des Antichrists und damit zugleich ein Zeichen f&uuml;r die erhoffte Wiederkehr Christi. Schon Pr&auml;sident Reagan mit seiner Rede vom &#8220;Evil Empire&#8221; und &#8220;Armageddon&#8221; dachte und formulierte in diesem mythischen Nebelfeld, seit 9/11 hat die Erkl&auml;rungsmacht dieser Mythologie aber noch stark zugenommen.</p>
<p>Trotz der verfassungsm&auml;&szlig;igen Trennung von Kirche und Staat fu&szlig;t die Nahostpolitik der Vereinigten Staaten nicht blo&szlig; auf den &ouml;konomischen und politischen Analysen der Think Tanks, sondern ganz wesentlich auch auf den &Uuml;berzeugungen des &#8220;Christian Zionism&#8221;, der in der fundamentalistischen Rechten weit verbreitet ist. Die Gr&uuml;ndung des Staates Israel ist f&uuml;r jene Leute ein deutliches Zeichen f&uuml;r die &#8220;F&uuml;lle der Zeiten&#8221;, und die Unterst&uuml;tzung des wieder errichteten Reiches Davids ist Pflicht jedes gl&auml;ubigen Christen. In der politischen Praxis wird daraus eine islamophobe Lobby, die sich um die Folgen ihres Tuns keine allzugro&szlig;en Sorgen macht: &#8220;Christ&#8217;s coming is near. &#8221;</p>
<p>Noch viel virulenter ist derlei Theorie und Praxis in Israel/Pal&auml;stina selbst. Das s&auml;kular-zionistische Projekt eines Judenstaats begeisterte orthodoxe Juden erst, als im Sechstagekrieg von 1967 alle wichtigen biblischen St&auml;tten unter israelische Kontrolle kamen. Der Take off einer national-religi&ouml;sen Siedlerbewegung zur &#8220;Rejudaisierung&#8221; des &#8220;zur&uuml;ckeroberten Jud&auml;a und Samaria&#8221; datiert aber erst von der Krise des Yom-Kippur-Kriegs von 1973 und dem von den arabischen F&ouml;rderl&auml;ndern daraufhin ausgel&ouml;sten &Ouml;lpreisschock. Israel war zum ersten Mal milit&auml;risch in Bedr&auml;ngnis geraten, die Wirtschaft steckte in Schwierigkeiten und die Einwanderung stockte. Nur f&uuml;r die zum Gush Emunim (Block der Getreuen) vereinten radikalen Siedler und die in Schulen, Universit&auml;ten und Gemeinden in ganz Israel verstreut wirkenden Fundamentalisten gab es keine Unsicherheit und kein Bedenken. Die Gr&uuml;ndung Israels 1948 und die Verdr&auml;ngung der arabischen Bev&ouml;lkerung in den 1967 besetzten Gebieten bzw. ihre Unterwerfung unter j&uuml;dische Herrschaft hat dem Kommen des Messias den Weg zu bereiten und ist daher religi&ouml;se Pflicht. Sich dieses von Gott seinem Volk geschenkte Land auch illegal und gewaltsam anzueignen, ist g&ouml;ttlicher Auftrag. Es um des Friedens willen zur&uuml;ckzugeben bedeutet Verrat an den &#8220;Pl&auml;nen des Heiligen&#8221; und muss mit allen Mitteln verhindert werden. Wie weit das gehen kann, zeigt der spektakul&auml;re Mord an dem als Verr&auml;ter angesehenen Premierminister Rabin 1995. Denn &#8220;dort, wo religi&ouml;se Pflicht ist, ist jede Moral bedeutungslos&#8230; Es gibt hier keine Fragen zu stellen. Die Religion ist absoluter Imperativ&#8221;, sagte sein M&ouml;rder.</p>
<p>In den USA und in Israel ist der religi&ouml;se Fundamentalismus eine Form, wie eins in der herrschenden Ordnung weitermachen kann, indem man jede Ahnung von deren Perspektivlosigkeit und Destruktivit&auml;t aus dem Bewusstsein l&ouml;scht und erkl&auml;rt, dass die Wand, auf die man zurast, der Eingang ins Himmelreich ist. Der Aufstieg des islamischen Fundamentalismus jedoch entspringt bereits dem Bankrott der Modernisierungsversuche in den muslimischen L&auml;ndern.</p>
<p>In den USA sto&szlig;en fundamentalistische Lobbies auf betr&auml;chtlichen Widerstand, gro&szlig;teils deswegen, weil die zentrale Stellung der Supermacht vielen noch die Illusion von &#8220;Business as usual&#8221; suggeriert, was heute allerdings ebenfalls schon einen recht starken Glauben abverlangt. Die israelische Bev&ouml;lkerung ist in den &Uuml;berlebensfragen ihrer Gesellschaft seit Jahren tief gespalten. Islamistische Str&ouml;mungen jedoch haben unter den von der kapitalistischen Entwicklung entwurzelten, in ihrem Stolz gedem&uuml;tigten und desillusionierten Massen in vielen L&auml;ndern einen enormen geistigen und moralischen Einfluss erlangt. Sie stellen gewisserma&szlig;en das passende Gegenbild zu den apokalyptisch-messianischen Fundamentalismen in den USA und Israel dar.</p>
<p>Karitativ-soziale T&auml;tigkeit, islamische Schulung und Kritik an der Verkommenheit des Westens und der heimischen verwestlichten Eliten ist ihr Alltagsgesch&auml;ft. Ihre Perspektive ist jedoch keine andere Gesellschaftsordnung, sondern die Bestrafung und Ausmerzung der Gottlosen, die durch ihre Amoral den Gl&auml;ubigen das Leben zur H&ouml;lle machen. Amerika ist der Gro&szlig;e und Israel der Kleine Satan, die &#8220;Weisen von Zion&#8221; sind weltweit die pers&ouml;nlich-berechnende Triebkraft hinter den Dem&uuml;tigungen, die der sachlich-blinde Lauf der globalisierten Verwertung den Gl&auml;ubigen tagt&auml;glich antut.</p>
<p>In seiner klarsten Form, im Angriff von 9/11 zum Beispiel, hat der islamistische Terror nichts Politisches mehr, er kennt keine Forderung, er ist nicht Mittel zum Zweck, sondern reine Konstruktion und Identifikation von Gut und B&ouml;se, blo&szlig;e Rache, reine Moral und Destruktion. Mit dem Selbstmordterroristen haben die Islamisten ein Waffensystem entwickelt, mit dem sie die Gewalt-Konfrontation mit der westlichen technischen &Uuml;bermacht einigerma&szlig;en offenhalten k&ouml;nnen. Die gegl&uuml;ckte Selbsthingabe des K&auml;mpfers auf seinem ihm bestimmten Abschlachtfeld ist gewisserma&szlig;en ein negativ gewendetes Heldentum der Arbeit und die Verehrung der (Selbst-)M&ouml;rder eine schwarze Form des Starkults, an den sich alle Fantasien kn&uuml;pfen, wie eins sich und uns immer gern ger&auml;cht h&auml;tte, aber nie die Gelegenheit oder den Mut gehabt hat.</p>
<p>Die lokalen und globalen Machthaber m&uuml;ssen versuchen, irgendwie eine warengesellschaftliche Normalit&auml;t aufrechtzuerhalten und einen Platz auf dem Weltmarkt zu behaupten. (Auch die iranischen Ayatollas k&ouml;nnen sich dem nicht entziehen. ) Doch die Voraussetzungen daf&uuml;r werden seit Jahren von der kapitalistischen Entwicklung selber abgefackelt, Milliarden sp&uuml;ren, dass sie ohne Perspektiven, einfach &uuml;berfl&uuml;ssig sind. Wo dann die &#8220;R&auml;cher der Enterbten&#8221; gegen die Weltgendarmerie antreten, liegen Gotteskrieger und Weltuntergang im Trend.</p>
<h4>3. Ein Staat zum &Uuml;berleben? </h4>
<p>Die zionistische Bewegung hat nach der Katastrophe der Shoah Israel als einen auf Abstammung basierenden Nationalstaat von Kolonisten als Zufluchtst&auml;tte aller Juden errichtet. Von da an begannen sich nationaler Befreiungskampf, Antikolonialismus, Antiimperialismus, arabischer Nationalismus, islamische Anspr&uuml;che und vor allem der Antisemitismus an die Existenz des j&uuml;dischen Staates wie miteinander verwachsene Kristalle anzulegen. Israel kann sich bis heute gegen die nie &uuml;berwundene Ablehnung durch seine Nachbarn nur als westliches Bollwerk im Nahen Osten behaupten. Es muss seine Souver&auml;nit&auml;t gewisserma&szlig;en auf deren Gegenteil, n&auml;mlich die Abh&auml;ngigkeit von massiver Hilfe der USA, bauen.</p>
<p>Grundlegender noch ist der Widerspruch, dass hier ein Hort f&uuml;r die vom Antisemitismus in aller Welt gef&auml;hrdeten Juden im System und in der Logik von Weltmarkt und Nationalstaat errichtet werden musste. Genau die dieser Logik entsprechende Lebensweise treibt jedoch permanent Ideologien wie den Antisemitismus hervor, die die Zumutungen der herrschenden Ordnung angeblich erkl&auml;ren und notfalls durch Pogrom und rassistischen Massenmord stabilisieren.</p>
<p>Milit&auml;rische Gewalt, Vertreibungen, Diskriminierung der arabischen Staatsb&uuml;rger, forcierte Einwanderungspolitik und Besatzungsregime sind nicht einfach das Ergebnis schlechter Politik. Sie liegen vielmehr in einer Wenn-schon-denn-schon-Logik, die der Konstitution und den Bedingungen dieses Projekts entspringt, die Handlungsm&ouml;glichkeiten limitiert und damit zugleich den Zweck der Unternehmung permanent gef&auml;hrdet und in Frage stellt. So war in den letzten Jahren Israel paradoxerweise jener Ort, wo die Gefahr ermordet zu werden, weil man Jude oder J&uuml;din ist, gr&ouml;&szlig;er als in den meisten anderen Gegenden der Welt war. Und es folgt durchaus der Logik der Zust&auml;nde, dass auch in Israel selbst Antisemitismus der Zu-kurz-Gekommenen aufkommt (vor allem unter Immigranten aus der Ex-Sowjetunion, die mit dem Judentum nur gering oder &uuml;berhaupt nur per F&auml;lschung verbunden sind).</p>
<p>Der Nationalstaat beruht in Entstehung und Funktion auf Gewalt. In stabiler Lage bleibt diese jedoch meist als allgemeine Drohung im Hintergrund und wird nur gegen Einzelne manifest. Israel hingegen befindet sich seit seiner Gr&uuml;ndung und blo&szlig;, weil alle Seiten systemkonform handeln, in einer Lage, in der nur t&auml;gliche milit&auml;rische Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung sein eher prek&auml;rer werdendes Weiterbestehen gew&auml;hrleisten k&ouml;nnen. Bald sechzig Jahre nach der Gr&uuml;ndung des Staats gilt jetzt einer Mehrheit der israelischen Bev&ouml;lkerung der Abbruch der Beziehungen zu den pal&auml;stinensischen Nachbarn mittels Annexionen, &#8220;Sicherheitszaun&#8221; und weitergehenden Milit&auml;raktionen als bestm&ouml;gliche Friedensma&szlig;nahme, w&auml;hrend die Pal&auml;stinenserInnen in freien Wahlen mit der Hamas eine Partei ans Ruder gebracht haben, die mit antisemitischen Parolen und ihrer Verwirklichung in Selbstmordattentaten auf M&auml;rkten, Festen und in Bussen f&uuml;r die Zerst&ouml;rung Israels k&auml;mpft.</p>
<h4>4. No Future&#8230; </h4>
<p>Der Abstand zur (wankenden) Wirtschaftskraft und zum (br&ouml;ckelnden) Konsumniveau des Westens w&auml;chst in der ganzen Region, breite Schichten verarmen rapid. Der Irak liegt trotz seines &Ouml;lreichtums wirtschaftlich am Boden und steht nach drei Jahren Befreiung und Besatzung am Rande eines offenen B&uuml;rgerkriegs. Sogar im &Ouml;lland Nummer Eins Saudiarabien sank das Pro-Kopf-Einkommen seit 1980 um 70 Prozent.</p>
<p>In Israel herrscht hohe Arbeitslosigkeit, und die &#8220;Gefahr, dass unsere Gesellschaft auseinanderf&auml;llt, ist gr&ouml;&szlig;er als die Drohung durch arabische Armeen, Raketen oder biologische Waffen&#8221; (E. Barak). Die Wirtschaftskraft der Pal&auml;stinenser hat sich seit der Intifada pro Kopf auf unter ein Zwanzigstel derjenigen Israels halbiert. Die Abh&auml;ngigkeit der Westbank und des Gazastreifens von ausl&auml;ndischer Hilfe, vor allem von Seiten der EU, der USA und des UNO-Hilfswerks, betrifft fast alle Bereiche des Lebens. Womit ein pal&auml;stinensischer Staat als &#8220;Standort&#8221; in der Weltwirtschaft noch re&uuml;ssieren und damit eine unabh&auml;ngige Existenz finanzieren k&ouml;nnte, ist eine Frage f&uuml;r Astrologen.</p>
<p>&Ouml;kologisch, vor allem im zerst&ouml;rerischen Umgang mit den raren Wasserressourcen, ist die Kombination von Warenwirtschaft und Machtpolitik dabei, weite Gebiet unbewohnbar zu machen. Der Glaube an &#8220;Entwicklung&#8221; ist l&auml;ngst zusammengebrochen, &#8220;Freedom and Democracy&#8221; verwirklichen sich als Besatzungsregime und Terrorkampf. Einen Boom gibt es allenfalls im Drogen-Business (solange die Metropolen dieses illegalisieren). Jedenfalls hat Afghanistan seine f&uuml;hrende Stellung bei Opium und Heroin (&uuml;ber drei Viertel der Weltproduktion) seit der US-Intervention deutlich ausgebaut. Auch Pakistan, Iran und Libanon sind im Gesch&auml;ft. Wohl st&auml;rker noch w&auml;chst in diesen L&auml;ndern allerdings der Konsum. So sollen im Iran schon elf der 68 Millionen Bewohner drogenabh&auml;ngig sein. Und ein n&uuml;chternerer Blick auf ihr Leben l&auml;sst die H&auml;lfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den arabischen L&auml;ndern den Wunsch hegen auszuwandern.</p>
<h4>5. &#8230; und Bombenstimmung in Nahost</h4>
<p>Dieser tr&uuml;ben Stimmung entspricht die Reizbarkeit. Es braucht nicht viel, dass sich Menschenmassen zum Kollektivsubjekt Religion-Kultur-Nation scharen, wann immer diese Identit&auml;ten eine neue Dem&uuml;tigung erfahren. Es braucht nur Karikaturen in einer europ&auml;ischen Provinz-Zeitung, um (eine ziemlich ohnm&auml;chtige) Wut in gro&szlig;en Aufm&auml;rschen und heftigen Ausschreitungen gegen alles losbrechen zu lassen, was auf gleicher Ebene daf&uuml;r haftbar gemacht werden kann. Und diese Ebene ist einfach der Westen; und die zionistischen Drahtzieher, versteht sich.</p>
<p>Ungleich dramatischer allerdings ist die anlaufende Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm. Dass dieses zun&auml;chst einmal zur weltweit anrollenden Welle der wahnwitzigen Expansion der so genannten friedlichen Nutzung der Atomenergie geh&ouml;rt, wird schon fast nicht mehr wahrgenommen. So sehr pr&auml;gen die weltpolitischen Querfrontstellungen das Wahrnehmungsmuster auch kritischer Leute. Das Einzige, was noch interessiert, ist der Umstand, dass nach den f&uuml;nf lizenzierten und etlichen &#8220;wilden&#8221; Atomm&auml;chten nun h&ouml;chstwahrscheinlich auch der Iran die Bombe bauen will. Die Chancen des Regimes, auch wirklich so weit zu kommen, sind gering. Der Westen, vermutlich die USA und Israel, wird das mit Politik (Krieg ist ein Teil davon) verhindern &#8211; ob nun auch Linke daf&uuml;r Verst&auml;ndnis haben oder nicht. Der eherne Rahmen, der diese Vorg&auml;nge formatiert, ist einerseits die Staatenwelt mit ihrem internationalen Recht (das in diesem Fall &uuml;brigens mehr f&uuml;r den Iran als f&uuml;r den Westen spricht) und ihrer realen Machtverteilung und andererseits das &ouml;konomische System der Verwertung. In diesem Rahmen ist die &Uuml;bermacht des Westens l&auml;ngst eingeschrieben und Staaten wie der Iran zu Verlierern gestempelt. Die Logik dieses Korsetts wird daher der islamischen Welt das Erlebnis einer weiteren krassen Blamage bescheren, die &#8220;nach Rache schreit&#8221;. Und auf Dauer wird daf&uuml;r keine Mauer zu hoch und kein Zaun dicht genug sein.</p>
<p>Gewinner wie Verlierer agieren auch noch in der Abendd&auml;mmerung der Moderne nach dem Spruch des fr&uuml;hmodernen Kaisers Ferdinand I. : Fiat iustitia, et pereat mundus (Es geschehe Gerechtigkeit, und gehe die Welt zugrunde). Und da ihre Gerechtigkeit nicht mehr in die Welt passt, sind sie bereit, diese auch zu vernichten. Die heutigen Fundamentalisten k&ouml;nnten da nur die Vorhut sein.</p>
<h4>6. Ein Schimmer von Perspektive? </h4>
<p>Nat&uuml;rlich und wem auch immer sei Dank sind Menschen auch ganz anders. Fast alle zumindest ab und zu. Es ist nicht leicht, gegen den Common sense zu handeln &#8211; schlie&szlig;lich wirkt der im eigenen Hirn und Herzen auch. Aber wann, wenn nicht jetzt, solange wir leben? Und es gibt sie, die Dissidenten. Aller Marginalisierung durch die &#8220;Weltklugen&#8221; zum Trotz. Wer ihre St&auml;rken und Schw&auml;chen, Sinn und Unsinn dessen, was sie denken und tun (und wer kann das wirklich so klar unterscheiden? Ich nicht! ) kennen lernen will, kann sie auch im www aufsuchen. Was Israel/Pal&auml;stina angeht, ist Robert Eisenbergs &#8220;Site for Peace and Pleasure&#8221;, www.ariga.com, ein guter Einstieg. Und &#8220;ariga&#8221; ist auch eine Methode, es hei&szlig;t &#8220;weben&#8221; und &#8220;Gewebe&#8221;. Unter der Liste von &#8220;Human Rights and Peace Groups&#8221; findet sich dort ein herrenloses Motto:</p>
<p>&#8220;The army that will defeat terrorism doesn&#8217;t wear uniforms, or drive Humvees, or calls in air-strikes. It doesn&#8217;t have a high command, or high security, or a high budget. The army that can defeat terrorism does battle quietly, clearing minefields and vaccinating children. It undermines military dictatorships and military lobbyists. It subverts sweatshops and special interests. Where people feel powerless, it helps them organize for change, and where people are powerful, it reminds them of their responsibility.&#8221; Author Unknown</p>
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