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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2005-34</title>
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		<title>Fassadenschau (1.Teil)</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:58:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/fassadenschau-1teil">Fassadenschau (1.Teil)</a></p>
Inspektionsreisen durch Geschichte und Gegenwart eines doch seltsamen Landes]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/fassadenschau-1teil">Fassadenschau (1.Teil)</a></p>
<h3>Inspektionsreisen durch Geschichte und Gegenwart eines doch seltsamen Landes</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>von Franz Schandl <span id="more-382"></span></p>
<p>&#8220;Die Renovierung der Vergangenheits-Fassade mittels Provokation ist ein periodisch wiederkehrendes, reinigendes Ereignis in der nationalen Geistesgeschichte, nur mit Nutzen verkn&uuml;pft und g&auml;nzlich ohne Gefahr.&#8221;<br />
(G&uuml;nther Nenning, 1963)<a href="#a1" name="1"><sup>1</sup></a></p>
<p>&#8220;Die wahre Ordnung auf Erden muss im Herzen von ihrer Nichtsw&uuml;rdigkeit &uuml;berzeugt, ihre Fassaden m&uuml;ssen sauber sein wie fabrikneuer Battist.&#8221;<br />
(Gerhard Fritsch, 1967)<a href="#a2" name="2"><sup>2</sup></a></em></p>
<p>Die Fassade, die darf wahrlich nicht runterfallen. Dir nicht, mir nicht, aber auch dem Staat nichtAuf unsere Fassade verl&auml;sst sich der Blick, der zur Sicht wird, ja zur Sichtweise. Egal, was in uns steckt, es versteckt sich hinter der Fassade. Zu bestimmten Anl&auml;ssen muss die Fassade gereinigt, verputzt und bemalt werden. Das ist gerade wieder einmal der Fall. Auch am Staatsgeb&auml;ude der Zweiten Republik finden sich neue Ornamente, werden Inschriften ver&auml;ndert.</p>
<h4>1. </h4>
<p>Kein Staat, der sich nicht bejubelt. Ein Staatsjubil&auml;um ist eine s&auml;kularisierte Messe, die alle heiligen Zeiten aufgef&uuml;hrt wird. Sein Zweck erf&uuml;llt sich, wenn sich die Selbstbest&auml;tigung best&auml;tigt. Es geht um &Uuml;berpr&uuml;fung und Vergewisserung des Staates. Um die Ausbildung einer Einbildung. Um die Politur der Identit&auml;t. Gelegentlich muss nachjustiert werden. Insgesamt ist aber nicht Kritik angesagt, sondern Beipflichtung. &#8220;Der Staat, den alle wollen&#8221;, hei&szlig;t es dieser Tage, oder &#8220;Ganz &Ouml;sterreich feiert&#8221;. Wer vermag sich schon dieser Pflichterf&uuml;llung zu entziehen? Sie wird als Selbstverst&auml;ndlichkeit vorausgesetzt. Es ist ein totales Szenario. Staatsb&uuml;rgerschaft definiert nicht nur Zugeh&ouml;rigkeit, sondern auch gleich H&ouml;rigkeit mit.</p>
<p>Bevor wir denken, haben wir zu gedenken. Das Gedenken freilich ist religi&ouml;s besetzt, es meint eine <em>and&auml;chtige Form</em>, in der spezifische Akzente zelebriert werden und eine positive Ausstrahlung entwickeln. &#8220;Wir hoffen, dass Sie unserer Meinung sind, dass wir die Pflicht haben, im Jahr 2005 besonders stolz auf &Ouml;sterreich zu sein&#8221;, schreiben Hannes Androsch, Herbert Krejci und Peter Weiser in einem offenen Brief. <a href="#a3" name="3"><sup>3</sup></a> Hoffen. Pflicht. Stolz. &Ouml;sterreich meint nicht Kenntnis von, sondern Bekenntnis zu. Der freie Wille ist der Wille zum Staat, dem man geh&ouml;rt. So wei&szlig; der Staat, wovon nicht einmal ich wei&szlig;, n&auml;mlich dass ich ihn will. Wahrscheinlich wei&szlig; der Staat sowieso mehr als ich, und auch wenn es nicht stimmt, er bestimmt. Wollten die Nazis ihre Feinde vernichten, so wollen die real existierenden Staatsdemokraten ihre Gegner nicht einmal mehr erw&auml;hnen, sie sind a priori schon genichtet. Es hat sie schlicht und einfach nicht zu geben. Wir sind niemand, wo doch alle&#8230;</p>
<p>Immer wenn von &#8220;niemand&#8221; oder &#8220;alle&#8221; die Rede ist, beginnt es mich zu f&uuml;rchten. Der ultimative Einschluss und der ultimative Ausschluss sind identisch. Beide Male bleibt nichts &uuml;brig. Der Jargon der Eingemeindung l&ouml;scht das Ich in einem Wir aus, in dem er dieses ganz einfach als eherne Kraft voraussetzt. Es erscheint als unhintergehbare Gr&ouml;&szlig;e. Es nicht anzuerkennen, stellt eine Verr&uuml;cktheit dar, und zweifellos es ist auch eine gro&szlig;e Verr&uuml;ckung. Doch erst dieser Perspektivenwechsel l&auml;sst das Allm&auml;chtige als das auftreten was es ist: Durchgesetztes, das einem historischem Ablauf folgt, keinem biologischen Kreislauf. Kein Staat redet von seinem Ablaufdatum.</p>
<p>Das kumpelhafte &#8220;Wir sind doch alle &Ouml;sterreicher! &#8221; impliziert Gefolgschaft, nimmt einen in Geiselhaft, und wenn man nicht spurt, ger&auml;t man gleich allen so gescholtenen &#8220;Nestbeschmutzern&#8221; in ideelle Schubhaft. Dieses aggressive Wir umschlie&szlig;t nicht nur die Sprecher, sondern auch die Angesprochenen, macht sie zu patriotischen Komplizen. Anstatt mit Rollen und ihren Klischees zu brechen, werden sie dekliniert: Wir-unser-uns-uns.</p>
<p>Wie kommt dieses Wir in die Menschen, was ist sein Inhalt? Es geht doch nicht an, dass die Menschen nur als eine den Staaten zugeordnete Spezies von Staatsb&uuml;rgern fungieren d&uuml;rfen. Man kann auch nicht zu irgendeiner Geschichte stehen, gleich einem Bekenntnis zur Herkunft, der Heideggersche K&auml;fig<a href="#a4" name="4"><sup>4</sup></a> ist zu sprengen. Seine St&auml;rke liegt in der kollektiven Einbildung. Geschichte muss aufh&ouml;ren, identit&auml;tsstiftende Instanz zu sein. Das Sich-aus-der-Herkunft-Definieren l&auml;sst einen nicht frei, sondern legt einen fest. Der Zufall der Geworfenheit ist kein Kriterium einer vorgegebenen Verbindlichkeit. Herkunft und Zukunft sind keine normativen Zusammengeh&ouml;rigkeiten! Die Zwangsvergemeinschaftungen haben aufzuh&ouml;ren und freiwilligen Assoziationen zu weichen. Nicht woher jemand kommt ist von entscheidender Bedeutung, sondern wohin jemand geht, was jemand will und tut.</p>
<h4>2. </h4>
<p>Gegenwart folgt der Vergangenheit, aber Geschichte folgt der Gegenwart. Geschichte ist nicht das, was gewesen ist, sondern stets das, was man aus der Vergangenheit macht. Was sich uns als Geschichte darstellt, ist also keine Ablagerung der Vergangenheit, sondern ein <em>Abbau</em>. Da wird selektiv zugegriffen. Geschichte ist kein Heraustreten, das sich gleich einer objektiven Wirklichkeit aufdr&auml;ngt und erkannt werden kann, nein sie entsteht vielmehr mittels einer <em>absichtsvoll</em> angelegten Schablone. Durch unabl&auml;ssiges Verwenden wird sie zu einem festen Ma&szlig;stab, ja es erscheint so, als g&auml;be es keinen anderen. Am pr&auml;gendsten ist zweifellos das beharrliche Wiederholen von Essentials. Nichts ist so hartn&auml;ckig wie das Ger&uuml;cht, das sich verdichtet hat, auch bedichtet wird, auf jeden Fall aber abgedichtet werden muss. So wird dicht gemacht, was nicht dicht ist. Geschichte demonstriert, was Gegenwart von der Vergangenheit will.</p>
<p>Gegenwart als Vollzug des Geschehenen verf&uuml;gt eben nicht &uuml;ber das Geschehene (wie sollte sie auch), aber sie verf&uuml;gt &uuml;ber die <em>Erinnerung</em>. Da werden die Dispositive gesetzt wie gedacht, was gesagt, und vor allem auch wie gef&uuml;hlt werden soll. Bereits in Kindheitstagen empfangen wir die ersten Wegweiser, wof&uuml;r und wogegen eins zu sein hat. Erinnerung ist nicht nur nichts Objektives, sie ist auch nichts Subjektives. Der einzelne Wille ist das Produkt der unmittelbaren Wirkm&auml;chtigkeit der Gegenwart und ihrer <em>Beeindruckungen</em> (die in ihrer Akzentuierung ein anderes Schwergewicht haben als Eindr&uuml;cke). Am besten erinnert man sich nicht an das, woran man sich erinnert, sondern woran man erinnert wird. Aktiv und Passiv werden des &ouml;fteren verwechselt. Das mag Erinnerungstr&auml;gern oft gar nicht mehr auffallen, wenn sie etwa ganz selbstverst&auml;ndlich selbstbewusst sagen: &#8220;Mein Eindruck ist&#8230; &#8221;</p>
<p>Erinnerungen werden nicht gehabt, Erinnerungen werden produziert. Vor allem in Jubeljahren ist man der Erinnerungsindustrie regelrecht ausgeliefert. Erinnerung funktioniert als Wertung und Entwertung von Vergangenem. Sie ist nicht gleich einem Schatz, der sich anh&auml;uft, sondern etwas, das sich den Gelegenheiten entsprechend verwandelt, ja partiell austauscht. Das einmal Erinnerte kann morgen schon anderes erinnert werden, sofern es &uuml;berhaupt noch erinnert wird. Jede Erinnerung kann nur wachgehalten werden, wenn sie regelm&auml;&szlig;ig angerufen wird. Nicht bediente Erinnerungen vergehen.</p>
<p>Hegel schreibt: &#8220;Die eigentliche so genannte Erinnerung ist die Beziehung des Bildes auf eine Anschauung, und zwar als <em>Subsumtion</em> der unmittelbaren einzelnen Anschauung unter das der Form nach Allgemeine, unter die <em>Vorstellung</em>, die derselbe Inhalt ist. (&#8230; ) Zu unserem wirklichen Besitztum werden die in der dunklen Tiefe unseres Inneren verborgenen liegenden Bilder der Vergangenheit dadurch, dass sie in der lichtvollen plastischen Gestalt einer daseienden Anschauung gleichen Inhalts vor die Intelligenz treten und dass wir sie, mithilfe dieser gegenw&auml;rtigen Anschauung, als bereits von uns gehabte Anschauungen erkennen. &#8220;<a href="#a5" name="5"><sup>5</sup></a> Wahrlich, da hat uns das Gehabte gehabt und das Gewollte gewollt. Mehr als aus der Vergangenheit sch&ouml;pft die Erinnerung ihre einleuchtende, also &#8220;lichtvolle plastische Gestalt&#8221; aus der Gegenwart, nicht nur in affirmativer, sondern auch in kritischer Absicht. Vor allem die Instrumente der Belichtung wie der Bergung sind jetzige, nicht vergangene. Geschichte wird vom Resultat aus gedacht, sie ist eine <em>r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Option</em>.</p>
<h4>3. </h4>
<p>Als falsche Geborgenheit wird der Mythos sich so lange behaupten, so lange die kalte Realit&auml;t des Gesch&auml;fts die Geschicke der Menschen leitet, diese nicht sie selbst sind, sondern Charaktermasken gesellschaftlicher Rollen. Nur so kommt die Sucht nach Identit&auml;t wie auch nach Differenz (als deren Kehrseite) in die Welt. Es ist heute unm&ouml;glich, jenseits dieser Mythen zu bestehen. Auch der Kampf gegen diesen oder jenen Mythos endet in einem alternativen Mythos, nicht jenseits davon. Staaten brauchen nicht nur Verfassungen und Gesetze, sondern auch Haltungen und F&uuml;gungen, die sie st&uuml;tzen. Der zentrale Antrieb einer Nation als Nation liegt nicht in ihrer &ouml;konomischen Potenz oder ihrer milit&auml;rischen Macht, sie liegt in der unbedingten und fraglosen Anh&auml;nglichkeit der Angeschlossenen. Sich ohne sie nicht denken zu k&ouml;nnen, darin besteht wahre St&auml;rke.</p>
<p>G&uuml;nther Nenning hat das schon 1963 in bemerkenswerter Offenheit angesprochen: &#8220;Geschichtsl&uuml;gen und Geschichtsl&uuml;cken sind ein probates, ja notwendiges Mittel der nationalen Biologie. Sie sichern das Weiterleben nach erworbener Schande. Jeder Deutsche, jeder &Ouml;sterreicher &#8211; die Opfer ausgenommen, deren Gro&szlig;teil ohnehin ermordet wurde &#8211; h&auml;tte, als das ganze Ausma&szlig; der Hitlerschen Barbarei offenkundig wurde, an sich selbst, an seiner Nation, an der Menschheit verzweifeln sollen. Aber Nationen m&uuml;ssen weiterleben, ohne so absurde Schlussfolgerungen zu ziehen. &#8220;<a href="#a6" name="6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Nenning wirft hier jedoch eherne Gr&ouml;&szlig;en wie Mensch und Menschheit in einen Topf mit einem weltgeschichtlich jungen Formprinzip, der Nation. An Mensch und Menschheit ist nicht zu verzweifeln, wohl aber an der Nation. Da ist kategorisch die Frage zu stellen, ob es nicht ein Jenseits von ihr gibt, ja geben muss. Das blutige 20. Jahrhundert mit seiner nationalsozialistischen Pointe legt das nahe. Die Abschaffung der Nation schafft nicht sogleich Mensch und Menschheit mit ab. Das Gegenteil m&ouml;chte ich annehmen: Jene &#8220;absurde Schlussfolgerung&#8221; erm&ouml;glicht erst umfassende Menschlichkeit. Nenning betreibt, man sehe sich nur die Wortwahl genau an, die Biologisierung des Nationalen. Die Nation ist aber kein sch&uuml;tzenswertes Biotop, sondern eine gemeingef&auml;hrliche Drohung. Es gibt kein gesundes Nationalgef&uuml;hl. &#8220;Muss man f&uuml;r die Nation sein? &#8220;, wird als Entscheidungsfrage gar nicht erst zugelassen. Es hat nur die schlichte Erg&auml;nzungsfrage: &#8220;Wem geh&ouml;rst du? &#8220;, zu geben. Bevor man sich entscheiden kann, ist man schon entschieden: Nation kann nicht nicht gedacht werden.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen hat auch &Ouml;sterreich eine Nation werden m&uuml;ssen. So richtig gelungen ist das aber erst in den Siebzigerjahren, in Sapporo und Cordoba. Karl Schranz und Hans Krankl haben da gro&szlig;en Anteil daran. Von der Welt gedem&uuml;tigt, aber &uuml;ber Deutschland gesiegt, das ist &Ouml;sterreich. H&auml;tte Karl Schranz 1974 zur Bundespr&auml;sidentschaft kandidiert, h&auml;tte dies das &Ouml;sterreich-Bewusstsein sicher mehr gest&auml;rkt als dieser typisch Kreiskysche R&uuml;ckgriff auf den Wehrmachtshauptmann Kirchschl&auml;ger. Die positive Best&auml;tigung nationaler Existenz erfolgt(e) jedenfalls nicht auf Schlachtfeldern, sondern auf Schipisten, wo uniformierte Mannschaften Erfolge um Erfolge heimfahren, und daher auch von einer sonstwo unbegreiflichen Wichtigkeit. Dieser alpine Gr&ouml;&szlig;enwahn ist das stabilste Fundament des Glaubens an &Ouml;sterreich. So betrachtet hat diese nachholende &#8220;nation building&#8221; durchaus l&auml;cherliche und somit schon fast wieder sympathische Z&uuml;ge. Das wahre Staatsoberhaupt hei&szlig;t ja auch Peter Schr&ouml;cksnadl, seit Jahren Reichsschneeverweser der Alpenrepublik.</p>
<h4>4. </h4>
<p>Die Vergangenheit ist nicht der Schl&uuml;ssel zur Zukunft. Geschichte lehrt nicht, was kommen wird, sondern h&ouml;chstens von dem, was einmal gewesen ist. Das Kundigmachen &uuml;ber das Wesen einer Gesellschaft ist nicht durch eine Wesensschau des Gewesenen zu leisten. Die Menschen sind nicht die Lehrlinge der Geschichte, sondern die Gesellen der Gesellschaft. Ob sie jemals Meister ihrer Geschicke werden, ist offen. Den damaligen Menschen ist nicht anzukreiden, dass sie zu wenig belehrt gewesen sind und somit zu wenig gelernt haben, es ist ihnen der Vorwurf zu machen, dass sie schlicht etwas absolut Falsches wollten und es auch taten. Sie setzten auf die Karte des Faschismus, verbanden ihr Schicksal mit ihm.</p>
<p>&#8220;Nichts sch&uuml;tzt vor den Mitb&uuml;rgern au&szlig;er die Liebe&#8221;, <a href="#a7" name="7"><sup>7</sup></a> schreibt Gerhard Fritsch. Wie sich Leute in verschiedenen, vor allem auch extremen Situationen verhalten, ist eine Frage von Menschenliebe, Menschenachtung und Selbstbewusstsein. Der Mangel an alledem ist betr&auml;chtlich. Oft dr&auml;ngt sich gerade dadurch das Faktische auf: &#8220;Die anderen sind auch nicht so&#8221;, oder &#8220;Wenn ich&#8217;s nicht t&auml;t, t&auml;t&#8217;s ein anderer&#8221;. Die kontrafaktische Setzung von <em>Anst&auml;ndigkeit</em> ist keine leichte Aufgabe f&uuml;r das Individuum. Keine Selbstverst&auml;ndlichkeit (wie man meinen sollte), sondern eine enorme Anstrengung. Es hintergeht dabei nichts weniger als seine Charaktermaske, verzichtet also auf die Fassade. In den meisten F&auml;llen wird das sanktioniert, nicht honoriert. Das Subjekt ist zu anderem abgerichtet. &#8220;Die K&auml;lte der gesellschaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indifferenz gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung daf&uuml;r, dass nur ganz wenige sich regten. &#8220;<a href="#a8" name="8"><sup>8</sup></a></p>
<p>Kein Gewissen folgt dem Wissen. Das Verhalten ist keine Frage von Angelerntem oder gar Auswendig-Gelerntem, sondern eine Frage von Bewusstheit, nicht nur individueller, sondern kollektiver. Das Ziel kann doch nicht sein, dass alle korrekte Stehs&auml;tze &uuml;ber Hitler und Konsorten aufsagen. Erinnerung und Erfahrung, Aufkl&auml;rung und Belehrung sind keine ausreichenden Faktoren zur Bestimmung von Absicht, Wille und Handlung. Um zu wissen, dass man Menschen in kein Lager stecken darf, sie nicht foltern und t&ouml;ten darf, nicht erpressen und drangsalieren, nicht unterdr&uuml;cken und ausbeuten, braucht man nur in Gesellschaften eine besondere Moral und entsprechende Gesetze (z. B. Menschenrechte), wo dies nicht Gewissheit ist, sondern eine offensichtliche Gefahr besteht.</p>
<p>Die Besserwisserei der Nachgeborenen sollte sich z&uuml;geln. Sie sind heute nicht gescheiter, sie leben unter anderen Bedingungen. Sie werden an dem beurteilt werden, was sie zu ihrer Zeit getan, unterlassen oder vorbereitet haben, nicht ob sie die Vorfahren ad&auml;quat beurteilten oder nicht. Nachher sieht man stets klarer. Gegen die Befangenheit in einer historischen Konstellation ist nicht einfach eine andere Befangenheit zu setzen. Es gilt vielmehr alle Befangenheiten selbst zum Gegenstand der Kritik zu machen. Zu fragen: Warum denke und handle ich wie ich denke und handle?</p>
<p>Die Bedingungen sind zwar andere, aber das System ist dasselbe, weiterhin regieren</p>
<p>Markt und Tausch, Wert und Geld, kurzum das Kapital diese Gesellschaft. Die Menschen haben sich zu rechnen, zu verkaufen und zu kaufen, sie sind dem Konkurrenzprinzip ausgeliefert. Darin liegt die heimliche wie unheimliche Identit&auml;t von Demokratie und Faschismus. Bei aller Differenz funktionieren sie auf denselben Betriebsgrundlagen und ebenso die verdinglichten Tr&auml;ger dieser Verh&auml;ltnisse, die zu Charaktermasken degradierten Menschen.</p>
<h4>5. </h4>
<p>Der jetzige Staat hat beschlossen zuzulassen, was fr&uuml;her verp&ouml;nt gewesen ist. Es soll nur nicht so recht auffallen, muss aber doch Spuren hinterlassen. Der Umbau des Staatsmythos ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sich die Befreiung von 1955 Richtung 1945 verschiebt. Irgendwann einmal wird sich als Erinnerung durchgesetzt haben, dass es nie anders gewesen sei. Ansteht ein neues Arrangement der Geschichte, ein neuer Mix von Mythen. Daf&uuml;r engagiert man sich.</p>
<p>Im Jubil&auml;um feiert sich die Gegenwart durch einen Verweis auf die ihr genehme Sicht der Vergangenheit. Was gestern noch stimmig gewesen ist, muss heute aber nicht mehr stimmen. Man geht mit der Zeit. Die alten Mythen haben ausgedient, vor allem deswegen, weil sie in der neuen internationalen Konstellation weder n&ouml;tig noch brauchbar, ja ab und zu sogar ausgesprochen sch&auml;dlich sind. Mit dem Ende des Kalten Kriegs wurde der Antikommunismus zu einer sekund&auml;ren Gr&ouml;&szlig;e. Das Stillhalteabkommen der Westalliierten, insbesondere der USA mit den Faschisten und ihrer Nachkommenschaft wurde implizit beendet, wenn auch nicht aus antifaschistischen Gr&uuml;nden. Das ist erstmals bei der Bundespr&auml;sidentschaftswahl 1986 aufgefallen. Ein Unterschied bez&uuml;glich der Kriegsgeneration zu Zeiten Waldheims ist allerdings gravierend: Damals waren die Wehrmachtsangeh&ouml;rigen durchschnittlich zwischen 60 und 70 Jahre alt, nicht wenige befanden sich noch in entscheidenden gesellschaftlichen Positionen. Man musste sie ber&uuml;cksichtigen. Heute sind dieselben zwischen 80 und 90 Jahre alt, und t&auml;glich werden es weniger.</p>
<p>Fassadieren geht in etwa so: Der so genannten &#8220;Befreiung&#8221; werden die Anf&uuml;hrungszeichen entfernt und schon ist man bei einer wirklichen angelangt. Das, was ja auch Realit&auml;t gewesen ist, im offiziellen &Ouml;sterreich lange aber nicht ausgesprochen werden durfte, wird nun langsam zum Konsens. Man geht vorsichtig auf Distanz zu den alten Legenden. &#8220;Vor 60 Jahren gab es gewisserma&szlig;en den Triumph der rot-wei&szlig;-roten Fahne &uuml;ber das Hakenkreuz&#8221;, <a href="#a9" name="9"><sup>9</sup></a> sagt Bundespr&auml;sident Heinz Fischer. Dies d&uuml;rfte tats&auml;chlich, auch wenn gerade das kleine, aber nicht unbedeutende W&ouml;rtchen &#8220;gewisserma&szlig;en&#8221; sich in den Zeitungsspalten verfl&uuml;chtigt hat, <a href="#a10" name="10"><sup>10</sup></a> ein Schl&uuml;sselsatz des neuen Mythos sein. Ein normativer Wunsch, der gestern noch eine Unm&ouml;glichkeit dargestellt hat, wird zu einer deskriptiven Aussage, ja zum zentralen Selbstbildnis aufsteigen. Das ist ein dekorativer Einschnitt mit Folgen.</p>
<p>Eine L&uuml;ge ist nur gut, wenn sie gut ist. Wer sollte sie sonst glauben? Die alten M&auml;rchen ziehen nicht mehr so richtig, und sie zahlen sich auch nicht mehr aus. Letzteres ist in seiner ganzen &ouml;konomischen Bedeutung gemeint. Nach der fr&uuml;heren Versorgung der Nazis steht nun die Entsorgung an. Die einst Protegierten sind im Verschwinden begriffen, sodass man sich jenen zuwenden kann, die immer schon eine verschwindende Menge gewesen sind. Die offizi&ouml;se Zuneigung zum Opfer wird umso gr&ouml;&szlig;er, je weniger von ihnen mehr unter den Lebenden weilen. Umgekehrt nimmt die Treue zu den T&auml;tern ab, je mehr von ihnen verstorben sind. Noch einmal: Die Opfer werden beliebter, je mehr von ihnen tot sind, und die T&auml;ter werden unbeliebter, je mehr von ihnen ebenfalls tot sind.</p>
<p>Man muss sich diese S&auml;tze auf der Zunge zergehen lassen, um ihre Schwere zu erfassen. Es dr&auml;ngt sich der Verdacht auf, dass die Gemeinsamkeit letztendlich darin besteht, dass die Jetzigen froh sind, sowohl einstige T&auml;ter als auch Opfer los zu sein. Dass einmal eine Ruhe sein muss, bezog sich so nicht nur auf die &uuml;brig gebliebenen &#8220;Volksfeinde&#8221;, sondern ebenfalls auf die eigene Sippschaft. Gut ist, wenn alle tot sind. Mit den Leuten erledigen sich auch die Probleme, die sie uns machten. Zumindest glaubt man das.</p>
<p>Was da stattfindet, ist eine Art <em>Gro&szlig;vaterweglegung</em>. Wenn heute einige versprengte Jungnazis mit Tafeln wie &#8220;Gro&szlig;vater, wir danken dir&#8221;, aufmarschieren, dann demonstriert das nur noch Hilflosigkeit, es deklariert sich da kein geheimer Konsens mehr. Was man den Gro&szlig;v&auml;tern jetzt heimzahlt, ist Folge davon, dass man sich nach 1945 nicht wirklich mit ihnen auseinandersetzte oder gar (auch wenn der Terminus fragw&uuml;rdig ist) abrechnete. Allerdings stellt sich die Frage, wie man das h&auml;tte bewerkstelligen k&ouml;nnen. Da h&auml;tte es auch Bereitschaft dieser Unseligen geben m&uuml;ssen. Die jedoch gab es nicht, absolut nicht. Der Nationalsozialismus hatte in der Gesellschaft, der er sich bem&auml;chtigte, jeden Widerstand nicht nur gebrochen, sondern de facto <em>ausgel&ouml;scht</em>. Auch weit &uuml;ber das Kriegsende hinaus. Darin liegt die Tragik von mindestens zwei Generationen.</p>
<p>Und was sagt die dritte? Die stiehlt sich anderweitig davon. Bez&uuml;glich der nach 1945 so selbstverst&auml;ndlich eingemeindeten und hofierten Nazis wird es &uuml;bermorgen hei&szlig;en: Wir werden nichts mit euch zu tun gehabt haben. Und in gewisser Hinsicht wird das von Tag zu Tag wahrer. Wir treten ein in das Stadium der <em>Verdr&auml;ngung der Verdr&auml;ngung</em>. Es suggeriert: Wir haben nie verdr&auml;ngt. Wir doch nicht! Im Gegenteil, wir r&auml;umen auf. Sogar eine Historikerkommission haben wir eingesetzt.</p>
<p>In &Ouml;sterreich wird sich das Bed&uuml;rfnis durchsetzen, nicht nur Opfer des Nationalsozialismus, sondern gar ein Land des antifaschistischen Widerstands gewesen zu sein. Man kann hier durchaus an alten Str&auml;ngen ankn&uuml;pfen. Schon am 5. September 1945 war in der demokratischen Dreiparteienzeitung &#8220;Neues &Ouml;sterreich&#8221; zu lesen: &#8220;Mag der eine oder andere &Ouml;sterreicher sich auch von den Phrasen Hitlers bet&ouml;ren lassen, in ihrer Mehrheit hatten die &Ouml;sterreicher nie etwas mit all den Welteroberungspl&auml;nen der Nazi gemein, und der Eigend&uuml;nkel vom , Herrenvolk&#8217; war ihnen so fremd wie der ganze Hitlerismus. &#8220;<a href="#a11" name="11"><sup>11</sup></a> Und am 12. Dezember 1948 schreibt das Blatt gar: &#8220;In Wahrheit war Wien w&auml;hrend der ganzen Nazizeit ein brodelnder Kessel der Auflehnung und Emp&ouml;rung. &#8220;<a href="#a12" name="12"><sup>12</sup></a> Au&szlig;er den Nazis haben das wohl auch alle gemerkt. Da wird kaltschn&auml;uzig eine innere Distanz behauptet, die jetzt in Zeiten, wo man sich wieder &auml;u&szlig;ern darf, zu einer &auml;u&szlig;eren geworden ist. SS und Gestapo dienen dann als die gro&szlig;e M&uuml;llhalde. Denen, die zu jeder Missetat f&auml;hig gewesen sind, will und wird man fortan auch alle Verbrechen, anh&auml;ngen. &#8220;Ja, das war ja die SS&#8230; &#8220;, wer kennt nicht diesen Satz?</p>
<h4>6. </h4>
<p><em>Verdr&auml;ngung</em> bedeutet, etwas zu wissen, von dem man nichts mehr wissen will, etwas zu sp&uuml;ren, dass man nicht mehr sp&uuml;ren will, aber auch zu ahnen, was man nicht ahnen will, so dass</p>
<p>laut Sigmund Freud &#8220;<em>ihr Wesen nur in der Abweisung und Fernhaltung vom Bewusssten besteht</em>&#8220;. <a href="#a13" name="13"><sup>13</sup></a> Verdr&auml;ngung kann gelten als Flucht, die nicht gelingen kann, somit also &uuml;ber eine <em>Ausflucht</em> nicht hinauskommt. Ihre Leistung besteht aber darin, f&uuml;r ihre Tr&auml;ger erfolgreich wie folgenreich Momente des Nichtseins zu schaffen. Je gr&ouml;&szlig;er die Gruppen sind, die sich ihrer bedienen, desto st&auml;rker ihre Wirkung. Mit der Verdr&auml;ngung einher geht dann eine kollektive Abwehr.</p>
<p>Der postfaschistische Konsens in &Ouml;sterreich war keine Erfindung der Nazis, sondern der Antifaschisten. Die Legende vom sauberen &Ouml;sterreich ist keine faschistische, sondern eine demokratische, dazu da, ein Volk reinzuwaschen. Dass dem befreiten &Ouml;sterreich die Alliierten aus taktischem Kalk&uuml;l eine Hintert&uuml;r offen lie&szlig;en, wurde hierzulande zum Freispruch umgedeutet. Ja nicht nur umgedeutet, man versetzte sich direkt in den Stand des (ach du vieldeutiges Wort) ersten Opfers. <a href="#a14" name="14"><sup>14</sup></a> Mir wurde des &ouml;fteren die Anekdote erz&auml;hlt, dass die Engl&auml;nder nach dem Krieg die Deutschen hassten, ja sogar vor ihnen ausspuckten. Bei den &Ouml;sterreichern hingegen blieb ihnen die Spucke weg, sie waren regelrecht entz&uuml;ckt von dem &#8220;nice country&#8221;. Wahrscheinlich glaubten die Alliierten, die von ihnen in die Welt gesetzte Losung selbst. Dieser Freispruch &Ouml;sterreichs hat ja schon in Chaplins ansonsten grandioser Hitler-Parodie ihre Vorwegnahme gefunden.</p>
<p>Aus der formal richtigen Feststellung, dass ein nichtexistenter Staat, die Republik &Ouml;sterreich, nicht verantwortlich sein k&ouml;nne f&uuml;r die Gr&auml;uel des Dritten Reichs, zimmerte man hier den falschen Schluss, dass dessen Staatsb&uuml;rger ebenfalls mit<em>un</em>schuldig sind. In der m&uuml;hsamen Konstruktion der &ouml;sterreichischen Nation fand das seinen H&ouml;hepunkt. Doch darauf konnte man sich einigen. Dieser Antifaschismus war nationalistisch, pro&ouml;sterreichisch, aber antideutsch.</p>
<p>Es war die Demokratie, die den Faschismus in eine finstere Ecke steckte und von verworrenen Zeiten und &Auml;hnlichem zu sprechen begann. Nicht die Nazis verdr&auml;ngten, sondern die Demokraten. Die Nazis wollten gar nichts verdr&auml;ngen, geschweige denn verdr&auml;ngt werden. Die Nazis sagten entweder stahlhart die Wahrheit oder sie verbreiteten knallharte L&uuml;gen. Aber sie verdr&auml;ngten nicht. Wer sie auf den Stammtischen oder sonst wo reden h&ouml;rte, konnte nur bemerken, dass ihnen Verdr&auml;ngung als demokratische Untugend erschien, ja dass sie eigentlich weiter bekennen wollten, aber keineswegs aus Reue, sondern aus Treue.</p>
<p>&#8220;Unsere Ehre hei&szlig;t Treue&#8221;. In dieser Formel offenbart sich die absolute Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber dem Inhalt durch das unbedingte Bekenntnis zur Form. Untreu wird in dieser Logik der, der sagt: &#8220;Ich war ein M&ouml;rder, es tut mir schrecklich leid, k&ouml;nnt ihr mir vergeben? &#8221; Treu ist, wer zu seinen Taten steht, auch wenn es Untaten gewesen sind: Der Nationalsozialist zeichnet sich dadurch aus, dass das Individuum in ihm nicht nur durchgestrichen wird, sondern gel&ouml;scht ist. Unter dieser Voraussetzung ist der Nazi zu allem f&auml;hig, au&szlig;er zu Selbstkritik und Reflexion.</p>
<p>Die Leute wussten, was mit ihnen und durch sie geschah. So manche haben das sogar weiterhin als Leistung betrachtet. &Uuml;ber einen mir bekannten und bis zu seinem Lebensende bekennenden SS-Mann wurde glaubhaft Folgendes erz&auml;hlt: Wenn er betrunken und gut gelaunt war, holte er des &ouml;fteren zwei Fotos aus der Lade. Das eine zeigte 16 Menschen (angeblich Partisanen) vor ihrer Erschie&szlig;ung, das zweite nach ihrer Liquidierung. Er hatte sich die Bilder zum Andenken geschossen und als Andenken aufbewahrt. Wohl auch als Beweis daf&uuml;r, dass er kein Maulheld ist. Es erf&uuml;llte ihn mit Genugtuung. Da war er dabei. Das hat er getan. Da war keine Spur von Vertuschung. Genervt hat ihn, dass er im Klima der Verdr&auml;ngung das Hinterzimmer eines Wirtshauses nutzen musste.</p>
<p>Oder man denke nur an die im letzten Winter in diversen Tageszeitungen erschienene Traueranzeige f&uuml;r einen Wiener Busunternehmer, die in den Tagen der offiziellen Feierlichkeiten den leidigen Kontrapunkt eines oberirdischen &Ouml;sterreichs setzte. Da wurden pingelig alle Orden, Kreuze und Medaillen des ehemaligen Wehrmachtssoldaten aufgez&auml;hlt. Kein Ort war da besser als der genutzte. Denn da verbietet es die Piet&auml;t, dagegen zu polemisieren. Klar sollte allerdings sein: Nur Nazis oder Vollidioten k&ouml;nnen sich heute noch positiv auf Auszeichnungen der Deutschen Wehrmacht beziehen.</p>
<h4>7. </h4>
<p>Eine Verdr&auml;ngung anderer Art ist diese: &Uuml;ber den Faschismus reden, bedeutet &uuml;ber den Kapitalismus zu schweigen. Man soll zwar wissen, was jener angestellt hat, aber nicht, was jener ist, vor allem nicht, was er im Zusammenhang darstellt. Die empirische Altlast wird daher vor der Analyse gesch&uuml;tzt, wahrscheinlich weil diese etwas treffen k&ouml;nnte, das partout nicht getroffen werden darf. Im Fassadenritual spielt dieser Antifaschismus den Part der Braven im Kampf gegen die B&ouml;sen: Gutwillig, gutm&uuml;tig, gutmeinend. Indem er die heiligen Ideale gegen die b&ouml;se Realit&auml;t beschw&ouml;rt, verbreitet er einmal mehr die staatsb&uuml;rgerliche Illusionen &uuml;ber Wesen und Funktion des Staates. Dass der Faschismus etwas mit der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft zu tun haben k&ouml;nnte, ist eines der best geh&uuml;tetsten Geheimnisse.</p>
<p>Das eine wie das andere &Ouml;sterreich verbindet eines: <em>&Ouml;sterreich</em>. Etwas anderes als &Ouml;sterreich kommt auch dem anderen &Ouml;sterreich nicht in den Sinn. Dem Fetisch h&auml;ngt es an, nur m&ouml;chte es das Heim auch innen ornamentieren, auf dass die Behaglichkeit nicht nur &auml;u&szlig;erer Trug, sondern auch innerer Schein ist. So ketten sich beide an das Staatsgeb&auml;ude. Die einen bet&auml;tigen die Apparate und die anderen best&auml;tigen die Werte. Der interne Streit im Hause &Ouml;sterreich sollte von dieser Gemeinsamkeit nicht ablenken.</p>
<p>Besonders der Aufstieg des unseligen Schlagworts vom &#8220;Rechtsextremismus&#8221; verdeutlicht die Schranken einer Theorie, die eine Legitimationsideologie der sogenannten westlichen Zivilisation darstellt. &#8220;Rechtsextremismus&#8221; ist keine Kategorie, sondern eine Positionierung im Koordinatensystem einer sich verewigenden Demokratie. Der Raster macht nat&uuml;rlich nur Sinn, wenn er auch seine Linksextremen kennt, daf&uuml;r ausgerechnet in der goldenen Mitte keinen Extremismus ausnehmen kann. Statt inhaltlicher Bestimmung sind wir nun im Fantasygeb&auml;ude der Totalitarismustheorie gelandet. Da wehrt sich das sich ganz unspektakul&auml;r Freiheit nennende System gegen die b&ouml;sen Extremismen. Und wem dann gar &Ouml;sterreich als &#8220;Leuchtturm der Freiheit&#8221; (Paul Lendvai) nicht einleuchtet, der f&auml;llt raus, aus der FDGO.</p>
<h4>8. </h4>
<p>Dem Kampf gegen den Extremismus hat sich auch die junge Republik verschrieben. Und da der eine schon vor&uuml;bergegangen war, hat man sich intensiv um den anderen k&uuml;mmern k&ouml;nnen. Der Antifaschismus m&uuml;ndete bald in den Antitotalitarismus und entpuppte sich als Antikommunismus, der die Zweite Republik zumindest bis 1990 beherrschte. Die eigentliche Bedrohung, das war der Bolschewismus. Sp&auml;testens 1947, zu Beginn des Kalten Krieges, war man wieder auf der richtigen Seite. Nicht der Antifaschismus bildete den Staatskonsens, sondern der <em>Antikommunismus</em>. H&auml;tte es die Totalitarismus-Formel nicht gegeben, man h&auml;tte sie f&uuml;r die Nachfolgestaaten des Drittes Reiches erfinden m&uuml;ssen. Mit der Niederschlagung der Oktoberstreiks 1950 hatte man via Putschlegende einen antikommunistischen Gr&uuml;ndungsmythos und in der Figur des Franz Olah einen entsprechenden Helden gefunden. Ein Hauch von Peron lag &uuml;ber diesem Typus des rechten Arbeiterf&uuml;hrers. &#8220;Olah griff eisern durch&#8221;, res&uuml;mierte unl&auml;ngst G&uuml;nther Nenning in der Wochenendausgabe der Kronen Zeitung. Olah war der erste antikommunistische Politstar der Zweiten Republik.</p>
<p>Der Nationalfeiertag ist nicht zuf&auml;llig auf den 26. Oktober gefallen. Dieser Tag galt als der Anti-Russentag. Die Erz&auml;hlung besagte, dass dies das Datum sei, wo die Landsleute sich des Abzugs des letzten russischen Besatzungssoldaten erfreuten. &#8220;&Ouml;sterreich ist frei&#8221; meint: &#8220;&Ouml;sterreich ist russenfrei&#8221;. So kam das r&uuml;ber, nicht nur damals in den seligen Volksschultagen, als ich zum ersten Mal davon h&ouml;rte. In z&auml;hen Verhandlungen haben unsere politischen Heroen den Sowjets den Staatsvertrag abgeluchst und die fremden M&auml;chte aus dem Land geworfen, auf dass wir wieder Herren seien in einem freien Staat. Das pr&auml;gte. Die Fiktion muss geglaubt werden und wird so zu einer realen Sequenz der Kommunikation. Und je mehr die Sequenz um sich greift, desto mehr wird sie zur ultimativen Konsequenz: &#8220;Alle sagen das&#8230; &#8221;</p>
<p>Dass die Russen &uuml;ber uns gekommen sind, das war f&uuml;r die meisten das schlimmste Ungl&uuml;ck, das &#8220;wir je mitgemacht haben&#8221;. Wer kennt sie nicht diese Spr&uuml;che der Entwehrm&auml;chtigen und der ihnen nachfolgenden sich wieder erm&auml;chtigenden Generation des Wiederaufbaus. Kein einziges Mal vermag ich mich daran zu erinnern, dass die Pr&auml;senz der Roten Armee nach 1945 in Zusammenhang mit dem &Uuml;berfall auf die Sowjetunion gebracht wurde. Dass die Alliierten nicht freiwillig oder mutwillig ins Deutsche Reich und seine Ostmark eingefallen sind, sondern durch die Nazis regelrecht dazu gezwungen worden sind, geht auch heute noch nicht in so manche &ouml;sterreichische Birne hinein. Da glaubt man eher noch dem Ger&uuml;cht, dass Hitler Stalin zuvorgekommen ist.</p>
<p>&#8220;Russ&#8221; (in Abwandlung auch &#8220;Russenkind&#8221; oder &#8220;russisch&#8221;) wurde f&uuml;r viele Jahre zum gefl&uuml;gelten Schimpfwort, ganz inflation&auml;r habe ich es in meiner Bundesheerzeit erfahren, wo es als Steigerungsform von &#8220;fickrige Affenschei&szlig;e&#8221; (auch so pflegte man uns zu nennen) den ersten Platz in der Skala der Abwertungen eingenommen hat. Wann und wo? Truppen&uuml;bungsplatz Allentsteig. 1979. Neues Lager. Panzer Artillerie Bataillon Drei. Notizen des Gefreiten Schandl. Ungedruckt.</p>
<p>Vor allem beim heimischen Berufsmilit&auml;r, dieser Negativauslese gewaltbereiter M&auml;nner, konnte jedem auffallen, wie tief diese Staatsdiener noch in der braunen Schei&szlig;e steckten. Da mussten sie gar nicht besoffen sein. Da sang man auch ungeniert das Polenm&auml;dchen beim Exerzieren, auch wenn man die vierte Strophe, wie man uns sagte, auslassen musste: &#8220;In einem Polenteiche/da fand man ihre Leiche/Sie war eiskalt, sie war eiskalt/Sie hielt den Zettel in der Hand/Worauf geschrieben stand/ich hab&#8217; einmal gek&uuml;sst/Und schwer geb&uuml;&szlig;t.&#8221; &#8220;Unwertes Leben&#8221;, nannte einer unserer Offiziere da schon mal das Menschenmaterial, f&uuml;r das er verantwortlich gewesen ist. Belobigungen und Beleidigungen der jungen Soldaten standen des &ouml;fteren in Zusammenhang damit, ob sich der ausbildende Unteroffizier mit uns einen Russlandfeldzug vorstellen konnte oder nicht. Bei nicht wenigen dieser M&auml;nner hatte man das Gef&uuml;hl, sie w&auml;ren sofort wieder losgezogen, h&auml;tte sich eine Gelegenheit ergeben. Doch die hat sich, zu unser aller Vorteil, nicht geboten: &#8220;Die Menschen hatten jetzt Schonzeit. &#8220;<a href="#a15" name="15"><sup>15</sup></a> (Hans Lebert)<br />
<hr />
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#1" name="a1"><sup>1</sup></a> G&uuml;nther Nenning, Anschlu&szlig; an die Zukunft. &Ouml;sterreichs unbew&auml;ltigte Gegenwart und Vergangenheit, Wien-K&ouml;ln-Stuttgart-Z&uuml;rich 1963, S. 14.</p>
<p><a href="#2" name="a2"><sup>2</sup></a> Gerhard Fritsch, Fasching. Roman (1967), Frankfurt am Main 1995, S. 66.</p>
<p><a href="#3" name="a3"><sup>3</sup></a> Hannes Androsch/Herbert Krecji/Peter Weiser, Die Patrioten sind &uuml;berall, Der Standard, 12. Februar 2005, S. 39.</p>
<p><a href="#4" name="a4"><sup>4</sup></a> Vgl. Franz Schandl, Der postmoderne Kreuzzug, krisis 24, Bad Honnef 2001, S. 45f.</p>
<p><a href="#5" name="a5"><sup>5</sup></a> Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklop&auml;die der philosophischen Wissenschaften III (1830), Werke 10, Frankfurt am Main 1986, S. 261.</p>
<p><a href="#6" name="a6"><sup>6</sup></a> G&uuml;nther Nenning, Anschlu&szlig; an die Zukunft, S. 14.</p>
<p><a href="#7" name="a7"><sup>7</sup></a> Gerhard Fritsch, Fasching, S. 26.</p>
<p><a href="#8" name="a8"><sup>8</sup></a> Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz (1966), Gesammelte Schriften 10.2, Frankfurt am Main 1997, S. 687.</p>
<p><a href="#9" name="a9"><sup>9</sup></a> Protokoll der Sitzung der National- und Bundesrat umfassenden Bundesversammlung am 14. J&auml;nner 2005, S. 19.</p>
<p><a href="#10" name="a10"><sup>10</sup></a> Vgl. etwa Die Presse bzw. Wiener Zeitung vom 15. Januar, jeweils S. 9. Zweifellos wurde hier medial vorvollzogen, was ansteht. Auch in meinem Kommentar &#8220;Staatsmythos im Umbau&#8221; (Der Standard, 2. Februar 2005, S. 27), findet sich das Zitat ohne besagtes Wort.</p>
<p><a href="#11" name="a11"><sup>11</sup></a> Zit. nach Alexander Pollak, Die Wehrmachtslegende in &Ouml;sterreich. Das Bild der Wehrmacht im Spiegel der &ouml;sterreichischen Presse nach 1945, Wien-K&ouml;ln-Weimar 2002, S. 46.</p>
<p><a href="#12" name="a12"><sup>12</sup></a> Ebenda, S. 52.</p>
<p><a href="#13" name="a13"><sup>13</sup></a> Sigmund Freud, Die Verdr&auml;ngung (1913), Studienausgabe, Band III, Frankfurt am Main 2000, S. 108.</p>
<p><a href="#14" name="a14"><sup>14</sup></a> Zur weiteren Problematik des Begriffs vom Opfer siehe: Franz Schandl, Fan und F&uuml;hrer, krisis 28, M&uuml;nster 2005, S. 58ff.</p>
<p><a href="#15" name="a15"><sup>15</sup></a> Hans Lebert, Die Wolfshaut. Roman (1960), Frankfurt am Main 1993, S. 107.</p>
<p><a href="#*" name="a*"><sup>*</sup></a> Vorabdruck aus: &#8220;Physiognomie der Zweiten Republik&#8221; hg. von Gerbert Frodl, Paul Kruntorad, Manfried Rauchensteiner, Czernin-Verlag, Wien, Herbst 2005</p>
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		<title>Die Dritten Zähne des Antikapitalismus</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:56:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie / Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Lohoff; Ernst]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/die-dritten-zaehne-des-antikapitalismus">Die Dritten Zähne des Antikapitalismus</a></p>
Teil 1: Grundsätzliches zum Konzept eines garantierten Grundeinkommens]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/die-dritten-zaehne-des-antikapitalismus">Die Dritten Zähne des Antikapitalismus</a></p>
<h3>Teil 1: Grunds&auml;tzliches zum Konzept eines garantierten Grundeinkommens </h3>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>von Ernst Lohoff</em> <span id="more-376"></span></p>
<p>Eine vergessen geglaubte Idee ist in den letzten Jahren aus der Versenkung aufgetaucht. Wie schon Anfang der 80er Jahre so erfreut sich auch heute wieder die Forderung nach einem &#8220;garantierten Mindesteinkommen&#8221; gro&szlig;er Beliebtheit. Damals priesen die Bef&uuml;rworter die diversen Grundeinkommensmodelle als einen Weg aus einer auf Wachstumszwang angelegten &#8220;Industriegesellschaft&#8221; in eine neue Ordnung. Ein Vierteljahrhundert sp&auml;ter wird die Grundeinkommensidee als Antwort auf den versch&auml;rften Arbeitszwang und auf die laufenden Verarmungssch&uuml;be propagiert. Diese Renaissance wirft zwei Fragen auf. Zum einen: Wie ist das Konzept Grundeinkommen zu bewerten? Was taugt es? Zum anderen die eigentlich interessantere: Wie ist das Aufkommen der Idee eines garantierten Grundeinkommens &uuml;berhaupt historisch zu erkl&auml;ren und einzuordnen? Warum kam sie vor 25 Jahren hoch und wieso st&ouml;&szlig;t sie gerade heute wieder auf Resonanz?</p>
<p>Der in dieser <em>Streifz&uuml;ge</em>-Nummer erscheinende 1. Teil dieses Beitrags widmet sich dem anspruchsloseren der beiden Probleme, der <em>Bewertung</em> der Grundeinkommensforderung. Wie ist es um die Tragf&auml;higkeit und Schl&uuml;ssigkeit des Konzepts bestellt? Wie erstrebenswert ist ein garantiertes Grundeinkommen eigentlich?</p>
<h4>Bescheidenheit ist (k)eine Zier</h4>
<p>Es ist v&ouml;llig egal, wie hoch das garantierte Grundeinkommen ausfallen soll, ob 500, 1.000 oder 1.000.000 Euro pro Nase im Monat, es handelt sich um ein extrem bescheidenes Ziel. Nat&uuml;rlich wurden und werden im Kampf f&uuml;r bessere Lebensbedingungen stets immer auch <em>Tagesforderungen</em> mit &auml;u&szlig;erst beschr&auml;nkter Reichweite gestellt; Arbeiter haben schon f&uuml;r ein paar Minuten mehr Pause oder f&uuml;r eine minimale Lohnerh&ouml;hung gestreikt; Umweltsch&uuml;tzer wurden schon f&uuml;r den Erhalt von zehn Stra&szlig;enb&auml;umen aktiv. Noch nie in 250 Jahren Kampf gegen kapitalistische Zumutungen hat sich Opposition aber <em>konzeptionell</em> derart gen&uuml;gsam gegen&uuml;ber der herrschenden Ordnung gezeigt wie heute die Freunde des garantierten Mindesteinkommens.</p>
<p>In allen fr&uuml;heren Phasen kapitalistischer Entwicklung hatten Protest und Widerstand Konzepte zum Ideenhintergrund, die auf eine grunds&auml;tzliche Ver&auml;nderung der Art der Reichtumsproduktion abhoben. Wie verk&uuml;rzt und problematisch die Neuordnungsvorstellungen auch waren, sie erhoben stets den Anspruch, mit einem Zustand der Entm&uuml;ndigung Schluss zu machen und die Menschen zu bef&auml;higen, das gesellschaftliche Leben in die eigenen H&auml;nde zu nehmen. Die Grundeinkommensforderung l&ouml;scht diesen Problemhorizont dagegen systematisch aus. Der emanzipatorische Sichtkreis schrumpft auf die Verteidigung des Rechts auf Warenkonsum. Eine Art staatlich garantierter ansehnlicher monatlicher Lottogewinn soll f&uuml;r alle sichergestellt werden.</p>
<p>Nat&uuml;rlich verbinden viele seiner Bef&uuml;rworter mit dem Grundeinkommen weiterreichende Erwartungen. Zumindest in Restbest&auml;nden spukt wieder die 80er-Jahre-Idee durch die K&ouml;pfe, dass seine Einf&uuml;hrung tiefergehende Ver&auml;nderungen einleiten w&uuml;rde. Auf das Grundeinkommen gest&uuml;tzt, so die Hoffnung, k&ouml;nnten Menschen ein soziales Leben jenseits von Konsum und Arbeit entwickeln. Endlich k&ouml;nnten auch anderen T&auml;tigkeiten als der Erwerbsarbeit die ihnen geb&uuml;hrende Anerkennung zuteil werden. Dass die Grundeinkommensbef&uuml;rworter gesellschaftlichen Reichtum mit gr&ouml;&szlig;ter Selbstverst&auml;ndlichkeit als <em>Geldreichtum</em> einklagen und offenbar unterstellen, bis zum Ende aller Tage w&uuml;rde sich Reichtum in Geldreichtum verwandeln, macht aus diesem Anspruch indes blo&szlig;es Wunschdenken und reine Absichtserkl&auml;rung. Die Zentralit&auml;t von Erwerb und kapitalistischer Produktion, von der das Grundeinkommen die Einzelnen frei machen soll, ist gesamtgesellschaftlich als unhintergehbar unterstellt. Ad ultimo muss sich Reichtum erfolgreich auf Warenreichtum reduzieren, ansonsten h&auml;uft sich die monet&auml;re Verf&uuml;gungsmasse, aus der das Grundeinkommen bestritten werden soll, gar nicht an. Das mittlerweile von den Grundeinkommensbef&uuml;rwortern bezeichnenderweise nur mehr gelegentlich beschworene Reich jenseits von Konsum und Erwerbsarbeit wird nie den strukturellen Hobbykeller-Status los.</p>
<h4>Im schlechten Sinne utopisch</h4>
<p>Es w&auml;re abstrus der Grundeinkommensdiskussion vorzuwerfen, dass sie monet&auml;re Umverteilung einklagt. Solange die Warengesellschaft nicht &uuml;berwunden ist, solange die Instanz des Staates noch existiert, kommen emanzipatorische Bewegungen im Kampf um den stofflichen Reichtum gar nicht umhin, Forderungen zu stellen, die auch eine monet&auml;re Komponente enthalten. Bei der Grundeinkommensdiskussion ger&auml;t aber der gesellschaftliche Boden, den soziale Auseinandersetzungen nun einmal nicht einfach wegw&uuml;nschen k&ouml;nnen, fatalerweise zum oppositionellen Bewusstseinshorizont. Das ist ihre Crux.</p>
<p>Der emanzipative Anspruch der Grundeinkommensdebatte ist nicht sehr weitreichend. Die meisten Vertreter r&auml;umen das auch bereitwillig ein. Bedeutet das aber, dass sie sich mit einem reichlich bemessen Grundeinkommen f&uuml;r alle wenigstens ein umsetzbares Ziel setzt? Nicht unbedingt. Weil die Grundeinkommensdiskussion radikalere Konsequenzen scheut, sieht sie in der Warengesellschaft Chancen und M&ouml;glichkeiten, die sie in dieser Form gar nicht bereit h&auml;lt. Die Grundeinkommensdebatte hat &uuml;ber weite Strecken einen schlecht utopischen Charakter. Schuld daran sind nicht blo&szlig; die ber&uuml;hmten &#8220;gesellschaftlichen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse&#8221;. Auch scheitert das Modell eines &uuml;ppigen Grundeinkommens nicht erst daran, dass es auf einen Nationalstaat angewiesen w&auml;re, der sich h&ouml;chster Gestaltungsf&auml;higkeit erfreut, einer Voraussetzung, die von der Globalisierung eben beseitigt wird. Die Grundeinkommensdebatte hat schlecht-utopische Z&uuml;ge, weil sie die Basisillusionen des warengesellschaftlich konditionierten Wald- und Wiesenverstands teil. Sie entwirft auf deren Grundlage das Bild einer Zukunftsgesellschaft, die es logisch gar nicht geben kann.</p>
<h4>Money Makes the World Go Round</h4>
<p>Die Warengesellschaft versteht sich als Inbegriff einer reichen Gesellschaft und beansprucht den menschlichen Wohlstand zu maximieren. Auf zwei Wegen t&auml;uscht sich das herrschende Bewusstsein &uuml;ber das Restriktive des warengesellschaftlichen Reichtums hinweg. Zum einen halluziniert es die strukturellen Beschr&auml;nkungen einfach weg; zum anderen akzeptiert es die Armseligkeit des warengesellschaftlichen Reichtums als allgemeines Merkmal von Reichtum &uuml;berhaupt. Die Grundeinkommensdiskussion hebt sich vom Mainstream durch eine Ver&auml;nderung des Mischungsverh&auml;ltnisses beider Momente ab. Sie konzentriert sich mehr auf das Halluzinieren. Die h&auml;ssliche kapitalistische Wirklichkeit k&ouml;nnte so viel sch&ouml;ner sein, w&uuml;rden die warengesellschaftlichen Instrumentarien nicht von blinden Politikern und kurzsichtigen Wirtschaftsf&uuml;hrern falsch angewandt.</p>
<p>Es obliegt dem Medium des Geldes, die Reduktion des gesellschaftlichen Reichtums auf Warenreichtum und damit auf eine Darstellungsform von abstraktem Reichtum als Reichtum an Wert zu vermitteln. Das herrschende Bewusstsein kaschiert den repressiven Charakter des Warenreichtums, indem es sicherheitshalber die Rolle des Geldes gr&uuml;ndlich missversteht. An diesem zentralen Punkt unterscheidet sich die den Grundeinkommenskonzepten zugrundeliegende Vorstellungswelt keinen Deut vom &uuml;blichen apologetischen Verst&auml;ndnis. Volksmund und Volkswirtschaftslehre preisen das Geld als den unentbehrlichen, universellen Schmierstoff, der im Gro&szlig;en wie im Kleinen den gesellschaftlichen Betrieb erst m&ouml;glich macht und in Gang h&auml;lt. Und auch der Grundeinkommensdiskussion ist es ganz selbstverst&auml;ndlich: &#8220;Money makes the world go round&#8221;. Bei diesem Loblied f&auml;llt unter den Tisch, dass das &#8220;Geld-Machen&#8221; zugleich und vor allem den eigentlichen <em>Inhalt </em>dieser Gesellschaft bildet. Seine Gleitmittelfunktion erf&uuml;llt das Geld letztlich nur, soweit es bei der Erf&uuml;llung dieser Aufgabe seine eigene Selbstvermehrung vermitteln kann. Mit dem Geld h&auml;lt dessen Besitzer keineswegs ein &#8220;neutrales&#8221; Instrument in H&auml;nden, bei dem es nur darauf ank&auml;me, ob es f&uuml;r die &#8220;richtigen&#8221; oder f&uuml;r die &#8220;falschen&#8221; Zwecke eingesetzt wird. Das Geld ist im kapitalistischen Gesamtbetrieb vielmehr Produkt aller Produkte, Rohstoff, Maschine und Schmierstoff, alles in einem. Genau auf die beliebige Verwendbarkeit des Geldes jenseits des Zwangs zur Selbstvermehrung aber setzt die Grundeinkommensdiskussion.</p>
<p>Damit aber nicht genug. Indem sie automatisch Reichtum als Geldreichtum denkt, abstrahiert die Grundeinkommensdebatte davon, dass es sich bei der Unerl&auml;sslichkeit des Geldes um eine historisch relative Unerl&auml;sslichkeit handelt. Damit abstrahiert sie jedoch zugleich von der f&uuml;r die Omnipr&auml;senz des Geldes verantwortlichen gesellschaftlichen Konstellation. Allein die Aufl&ouml;sung der Gesellschaft in voneinander getrennte und isolierte Warenbesitzer, nicht der hohe Vergesellschaftungsgrad als solcher, macht den modernen Menschen vom Geld abh&auml;ngiger als den Junkie von der Nadel. Der Schrei nach &#8220;genug Geld&#8221; lenkt vom asozial-ungesellschaftlichen Grundcharakter der Warengesellschaft ab bzw. verharmlost ihn zu einer Frage blo&szlig;en politischen Managements.</p>
<h4>Lasst dem Kapital, was des Kapitals ist! </h4>
<p>Die Verwandlung in Warenreichtum macht aus der Beziehung zum gesellschaftlichen Reichtum eine extrem restriktive Beziehung. Das betrifft zun&auml;chst einmal das Verh&auml;ltnis zur gesellschaftlichen Reichtumsproduktion. Gleich zwei Zugangsbarrieren schieben sich vor die Teilhabe an ihr. Zum einen muss der Mitproduzent in spe aus seinem &#8220;produktiven Verm&ouml;gen&#8221; selber eine Ware machen. Statt der freien Bet&auml;tigung der eigenen kreativen M&ouml;glichkeiten zum Nutzen der Gesellschaft ist die Selbstzurichtung zum Humankapital angesagt. Und auch diese (selbst)verst&uuml;mmelten produktiven Potenzen kann er zweitens nur dann tats&auml;chlich bet&auml;tigen, wenn er seine Ware anschlie&szlig;end auch erfolgreich an den Mann gebracht hat und sie in eine einzelbetriebswirtschaftliche Vernutzungsbewegung eingeht.</p>
<p>Den Vertretern der Grundeinkommensforderung ist diese Restriktion nicht ganz unbekannt. Es kommt ihnen aber nicht in den Sinn, in der Subsumtion der Reichtumsproduktion unter die einzelbetriebliche Verwertung ein grunds&auml;tzliches Problem zu erkennen. Gleichzeitig verkehrt sich der Zwang zur Selbstzurichtung zumindest implizit zum Argument f&uuml;r die Vorz&uuml;ge einer Hobbykeller-Existenz. Frei nach dem Motto &#8220;Lasst die kapitalistische Produktion kapitalistische Produktion sein! &#8220;, wird der Verwertungsbetrieb nicht in Frage gestellt. Vielmehr soll sich durch die Rei&szlig;brettkonstruktion einer neuen sozialen Umgebung, die den Verwertungsimperativ voraussetzt und gleichzeitig ignoriert, alles automatisch zum Guten wenden. Bei einem durch und durch imperialen System wie dem herrschenden ein recht blau&auml;ugiges Unterfangen.</p>
<h4>Der Konsum als die wahre Quelle des Werts</h4>
<p>In der Warengesellschaft unterliegt auch der Gebrauch des gesellschaftlichen Reichtums einschneidenden Beschr&auml;nkungen. So etwas wie Bed&uuml;rfniserf&uuml;llung sieht die kapitalistische Logik allein dann vor, wenn sie Gelegenheit zur <em>Realisation</em> von Profiten bietet. Mit Bed&uuml;rfnissen, die sich nicht durch Warenkonsum befriedigen lassen, wei&szlig; sie von vornherein nichts anzufangen. Zu dieser qualitativen Einschr&auml;nkung kommt eine quantitative hinzu: Zahlungsf&auml;higkeit bzw. Kreditw&uuml;rdigkeit limitieren den Zugang zu dem auf Waren zusammengek&uuml;rzten Reichtum. Weder die vorhandenen Bed&uuml;rfnisse noch die Menge der verf&uuml;gbaren G&uuml;ter bestimmen den Umfang der Konsumtion, sondern ausschlie&szlig;lich die H&ouml;he der Geldsumme, die Menschen zur Verf&uuml;gung steht.</p>
<p>Dieser zweite Teil der Verteilungsrestriktion bildet f&uuml;r die Grundeinkommensforderung offenbar den Dreh- und Angelpunkt. Er ist das Zentral&uuml;bel des Kapitalismus, dem alle anderen &Uuml;bel untergeordnet sind. Der Kapitalismus w&auml;re gar keine so schlechte Gesellschaft, wenn alle nur genug Geld zur Verf&uuml;gung h&auml;tten. Ein simples Missverst&auml;ndnis erlaubt es, die Vermehrung der Einkommen qua staatlicher Geldzuteilung als K&ouml;nigsweg hin zu diesem deutlich verbesserten Kapitalismus zu verkaufen: die Verwechslung einzelkapitalistischer Profitrealisation mit gesamtgesellschaftlicher Wertrealisation. Weil es f&uuml;r den einzelnen Warenproduzenten v&ouml;llig egal ist, ob der potentielle K&auml;ufer sein Geld hart erarbeitet, geschenkt bekommen oder auf der Stra&szlig;e gefunden hat, soll das gesamtgesellschaftlich genauso gleichg&uuml;ltig sein. Die Realisation von Profiten verkehrt sich zur eigentlichen Profitproduktion, der Konsument zur wahren Quelle aller Profite.</p>
<p>In der Regel kolportiert die Grundeinkommensdiskussion lediglich die verdrehten und apologetischen Vorstellungen, die sich Volksmund und Volkswirtschaftslehre von der Warengesellschaft machen. Was das Verh&auml;ltnis von Konsum und Produktion angeht, hat sie dagegen eine avantgardistische Rolle inne. So konsequent wird dieser Zusammenhang ansonsten selten auf den Kopf gestellt.</p>
<p>Die Realisation von Wert ist grunds&auml;tzlich dessen Produktion logisch wie funktional nachgeordnet. Die Degradierung zum Konsumautomaten erg&auml;nzt das Prim&auml;re, die Degradierung zur Arbeitsmaschine. Nat&uuml;rlich gibt es in allen kapitalistischen Gesellschaften soziale Gruppen, die an der Konsumtion, aber nicht an der Schaffung des Warenreichtums teilhaben. Rentner, Arbeitslosengeldempf&auml;nger und andere Bezieher von Transferleistungen kaufen, ohne gleichzeitig erfolgreich ihre Haut auf den Arbeitsmarkt zu tragen. Das kann gesamtgesellschaftlich aber immer nur die Ausnahme sein und nie die Regel. Die <em>Produktion </em>von Warenreichtum bleibt gegen&uuml;ber dem Konsum von Warenreichtum das &Uuml;bergeordnete und &Uuml;bergreifende. Das betrifft wohlgemerkt nicht nur die stoffliche Seite der Waren (wie in allen Gesellschaften k&ouml;nnen auch in der kapitalistischen nur Karotten gegessen werden, die vorher gepflanzt, gepflegt und abgeerntet wurden), das gilt ebenso f&uuml;r die Wertseite, die den spezifischen Charakter des kapitalistischen Reichtums ausmacht. Gesamtgesellschaftlich betrachtet geht der Entwertung von Waren im Konsum allemal Wertsch&ouml;pfung in der Produktion voraus.</p>
<h4>Wertreichtum und stofflicher Reichtum, </h4>
<p>Volksmund und Volkswirtschaft schwanken, ob sie Konsum und Produktion als gleichberechtigte Momente behandeln oder einer Seite den Primat zugestehen sollen. Die Grundeinkommensdiskussion macht offen oder unter der Hand die Konsumtion zum &uuml;bergreifenden Gesichtspunkt. Eine ernsthafte Kapitalismusanalyse muss am umgekehrten Zusammenhang festhalten. Auf den ersten Blick scheint sie damit nur auf einer Banalit&auml;t herumzureiten, diese Banalit&auml;t hat aber durchaus weitreichende Implikationen.</p>
<p>In zweierlei Hinsicht hat sich die Warengesellschaft bereits als Feindin von entpuppt. Sie kennt au&szlig;er Warenreichtum &uuml;berhaupt keinen Reichtum und sie macht den Zugang zum Warenreichtum von der Zahlungsf&auml;higkeit abh&auml;ngig statt von den Bed&uuml;rfnissen der Menschen. Dem Primat der Produktion &uuml;ber die Konsumtion entspringt aber noch eine dritte harsche Restriktion: Die Warengesellschaft setzt trotz ihres produktivistischen Drangs auch ihrem genuinen Reichtum eine innere Schranke. Die Wertkonsumtion hat an sich selber keine Obergrenze, die gesamtgesellschaftliche Wertproduktion dagegen sehr wohl.</p>
<p>Der warenfetischistische Schein mag das Gegenteil suggerieren und die Volkswirtschaftsmythologie stur das Gegenteil behaupten, die F&auml;higkeit zur Wertsch&ouml;pfung ist jedoch keine dem Kapital als <em>technischem </em>Apparat innewohnende Eigenschaft. Weil sich in der Erzeugung von Wert spezifische gesellschaftliche Beziehungen paradoxerweise als Dingeigenschaften niederschlagen, bleibt diese Erzeugung an die f&uuml;r die Warengesellschaft basale Praxisform der Arbeit gebunden und findet in der zeitlich bestimmten produktiven Verausgabung von Muskel, Nerv und Hirn ihr quantitatives Ma&szlig;. Der gesamtgesellschaftlich verf&uuml;gbare abstrakte Reichtum bleibt von der Masse der auf dem jeweils g&uuml;ltigen gesellschaftlichen Produktivit&auml;tsniveau vernutzbaren lebendigen Arbeit abh&auml;ngig; er w&auml;chst also keineswegs parallel zur Produktivkraftentwicklung, sondern vermindert sich auf einer bestimmten Entwicklungsstufe sogar rapide gerade aufgrund neuer Produktivit&auml;tssch&uuml;be.</p>
<p>In der Vergangenheit blieb die Ausdehnung der Wertproduktion beharrlich hinter dem Wachstum der stofflichen G&uuml;terberge zur&uuml;ck. Im Zeitalter der mikroelektronischen Revolution &ouml;ffnet sich die Schere zwischen stofflicher Produktion und Wertproduktion immer weiter. Immer mehr stoffliche Produkte k&ouml;nnen ausgesto&szlig;en werden, die immer weniger Wert darstellen.</p>
<h4>Eingepr&auml;gtes Verfallsdatum</h4>
<p>Die Illusionen der Grundeinkommensbef&uuml;rworter setzen stur die tief im warengesellschaftlichen Bewusstsein verwurzelte Verwechslung von stofflichem Reichtum und Geldreichtum fort und treiben sie auf die Spitze. V&ouml;llig zu Recht stellen die Vertreter des Grundeinkommens heraus, dass diese Gesellschaft G&uuml;ter im &Uuml;berfluss produzieren kann und produziert. Und schon meinen sie, den unumst&ouml;&szlig;lichen Beweis in H&auml;nden zu halten: Die Warengesellschaft kann ohne weiteres den in ihr obligaten, idiotischen Umweg zu dieser G&uuml;terf&uuml;lle, den Umweg &uuml;ber das Geld, all ihren Mitgliedern garantieren. Aus zwei unterschiedlichen Paar Stiefeln ist ein Paar Stiefel geworden.</p>
<p>Seine Scheinevidenz verdankt dieses Quidproquo einem historisch neuartigen, die weltwirtschaftliche Entwicklung seit den 80er Jahren pr&auml;genden Ph&auml;nomen: dem jobless growth. In den letzten 25 Jahren schwollen weltweit die Geldverm&ouml;gen an, ohne dass dies auf ein Wachsen der Masse produktiv vernutzter Arbeit zur&uuml;ckgegangen w&auml;re. Das bereits erreichte groteske Ausma&szlig; der Diskrepanz zwischen stofflicher Produktion und Wertproduktion blieb unsichtbar. F&uuml;r dieses Mirakel ist allein die explosionsartige Zunahme fiktiver Kapitalverwertung verantwortlich. Sie hat an die Stelle realer Arbeitsvernutzung den spekulativen Vorgriff auf k&uuml;nftige Arbeitsvernutzung gesetzt. Das Kapital hat sich von der immer schm&auml;ler werdenden gegenw&auml;rtigen Arbeitsbasis emanzipiert, um sich in heillose Abh&auml;ngigkeit von ungedeckten Vernutzungserwartungen zu begeben. Der kasinokapitalistische Boom setzt die Identit&auml;t von Wertproduktion und produktiver Arbeitsvernutzung nicht au&szlig;er Kraft, er streckt sie aber zeitlich.</p>
<p>Die Natureigenschaft von Computern und Aktien, auf die gleiche Weise Wert und Profit abzuwerfen wie Birnb&auml;ume Birnen tragen (Marx), bleibt falscher Schein. Das gesellschaftliche Verh&auml;ltnis, das diesen Schein erzeugt, hat nur eine Schleife mehr bekommen. Ihre vermeintliche Wunderkraft beruht auf viel prek&auml;reren Grundlagen als die F&auml;higkeiten von Dampfmaschine und Flie&szlig;band in dieser Disziplin.</p>
<p>Ebenso unber&uuml;hrt bleibt die Abh&auml;ngigkeit der gesellschaftlichen Gesamtkonsumtion. Solange das spekulative Vorgriffspiel tr&auml;gt, ist die Abh&auml;ngigkeit von der realen Wertverwertung lediglich durch die von der fiktiven Wertproduktion ersetzt. Sie muss gesamtgesellschaftlich auf das durch die reale Wertproduktion vorgegebene Niveau abst&uuml;rzen, sobald sich die nur &uuml;berspielte, aber nicht au&szlig;er Kraft gesetzte Grenze realer Verwertung gewaltsam Geltung verschaffen. Der Idee von Wohlstand f&uuml;r alle auf dem Boden der Warengesellschaft durch ein reichlich bemessenes garantiertes Grundeinkommen ist daher ihr Verfallsdatum schon eingepr&auml;gt.</p>
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		<title>Fußfesseln für Nicht-Subjekte</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:54:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>
		<category><![CDATA[Wölflingseder; Maria]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/fussfesseln-fuer-nicht-subjekte">Fußfesseln für Nicht-Subjekte</a></p>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>KOLUMNE Dead Men Working</em></p>
<p><em>von Maria W&ouml;lflingseder</em> <span id="more-384"></span></p>
<p>Als Ende April der hessische Justizminister Christean Wagner (CDU) die Idee verbreitete, auch therapierten Suchtkranken und Langzeitarbeitslosen als wohlwollende &#8220;Hilfe zur Selbsthilfe&#8221; (O-Ton) Fu&szlig;fesseln anzulegen, haben sicher auch die 550.000 Arbeitslosen<a href="#a1" name="1"><sup>1</sup></a> in &Ouml;sterreich einen verst&auml;rkten Druck des W&uuml;rgegriffs versp&uuml;rt. Noch reagierte die mediale &Ouml;ffentlichkeit mit Vorbehalten. Aber das ist auch eine bew&auml;hrte Taktik: Einer macht einen Vorsto&szlig;, die anderen pfeifen ihn zur&uuml;ck, um das Ganze dann gemeinsam auf erprobte Art scheibchenweise (vulgo: in Salami-Taktik) in Angriff zu nehmen.</p>
<p>Was hat es mit der Mobilit&auml;t und der Mobilit&auml;tseinschr&auml;nkung auf sich? Die Untrennbarkeit von Macht und Mobilit&auml;t klingt noch im milit&auml;rischen Begriff der Mobilisierung an. &#8220;M&auml;chtig war, wer &uuml;ber kleine Truppen, gro&szlig;e Armeen, einzelne Bauernsippen oder ganze V&ouml;lkerschaften so verf&uuml;gen konnte, dass er sie unter Missachtung all der Hemmnisse, die ihm die Natur, das Klima, die Traditionen entgegenstellen mochten, dorthin befehlen konnte, wo er sie brauchte: als Soldaten, Siedler, Kanonenfutter, Huren, was immer. &#8220;<a href="#a2" name="2"><sup>2</sup></a></p>
<p>Das Gebot, das f&uuml;r Menschen mit Job gilt, ist dem Gebot f&uuml;r solche ohne Job diametral entgegengesetzt. Bei der Wahrnehmung von Arbeitsm&ouml;glichkeiten ist totale Mobilit&auml;t das Ideal; sie wird von den Arbeits&auml;mtern zunehmend auch erzwungen. Hingegen ist den Arbeitslosen untersagt, den Wohnort zu verlassen bzw. werden sie von Staats wegen gen&ouml;tigt, in &#8220;Ma&szlig;nahmen&#8221; an einem bestimmten Ort eine bestimmte Zeit abzusitzen. In &Ouml;sterreich gibt es &#8211; im Gegensatz zu Deutschland &#8211; auch nicht die M&ouml;glichkeit des j&auml;hrlichen dreiw&ouml;chigen Verreisens, w&auml;hrend dessen das Arbeitslosengeld oder die Notstandshilfe weiterbezogen wird. Aber auch nur den Wohnort zu verlassen, um innerhalb &Ouml;sterreichs einen anderen Ort aufzusuchen, wird immer riskanter. Es k&ouml;nnte jederzeit mit der Post eine Vorladung ins Haus flattern. Wer diesen Termin vers&auml;umt, dessen Arbeitslosengeld wird f&uuml;r sechs Wochen eingestellt.</p>
<p>Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dieses Szenario in abgeschw&auml;chter Form schon im 19. Jahrhundert zu beobachten war. Damals gab es auch gro&szlig;e Migrationsbewegungen. Auf der Suche nach Arbeit str&ouml;mte die Landbev&ouml;lkerung in die entstehenden industriellen Zentren. Wenn diese Menschen bei Konjunktureinbr&uuml;chen der Armenf&uuml;rsorge zur Last fielen, mussten sie aber wieder in ihre Geburtsorte zur&uuml;ckkehren. Nur dort hatten sie Anspruch auf Unterst&uuml;tzung. Aber nicht nur diese historische Parallele springt ins Auge, sondern auch eine zeitgen&ouml;ssische. Die Einschr&auml;nkung der Freiz&uuml;gigkeit des Arbeitslosen, die teilweise schon Praxis ist, teilweise sich erst abzeichnet, hat ihr Vorbild an der Behandlung des Staatsb&uuml;rgerrechtslosen, des Asylsuchenden. AsylbewerberInnen d&uuml;rfen in Deutschland den Landkreis nicht verlassen, in dem ihre Unterkunft steht. <em>Diese anvisierte Gleichbehandlung von Arbeitslosen und Asylbewerbern hat eine gewisse Logik, wenn man den Status des Arbeitssubjekts und den des Rechtssubjekts als die beiden Seiten der warenf&ouml;rmigen Subjektform nimmt. </em> Da wie dort wird das Nicht-Subjekt stillgestellt, w&auml;hrend das Subjekt im Funktionsraum hin und her zu sausen hat. Auch das Asylgesetz in &Ouml;sterreich, das eben erst drastisch versch&auml;rft wurde, sieht weitere Einschr&auml;nkungen der Mobilit&auml;t von Asylbewerbern vor. Vor allem werden Menschen immer &ouml;fter in Schubhaft genommen &#8211; rein ihres ungesicherten Aufenthaltsstatus wegen. Diese haben keine Straftat begangen; die Schubhaft hat &#8220;definitionsgem&auml;&szlig; weder rehabilitierenden noch sanktionierenden Charakter, sondern soll lediglich der , Sicherung&#8217; eines laufenden Verfahrens zur Verh&auml;ngung eines Aufenthaltsverbots oder einer Ausweisung dienen bzw. die Au&szlig;erlandesschaffung eines oder einer nach &ouml;sterreichischer Rechtslage , Fremden&#8217; sicherstellen.&#8221; &#8230; &#8220;Obwohl der Inhaftierung keine richterliche Verurteilung, sondern lediglich die Anordnung durch eine Verwaltungsbeh&ouml;rde vorangeht, sind die Haftbedingungen &#8230; schlechter als bei anderen Formen des Freiheitsentzugs. &#8220;<a href="#a3" name="3"><sup>3</sup></a> Auch auf freiem Fu&szlig; m&uuml;ssen AsylwerberInnen immer verf&uuml;gbar sein. Jede Adress&auml;nderung ist binnen drei Tagen bekannt zu geben. Die Sanktionen bei einem Vers&auml;umnis dieser Frist sind gravierend.</p>
<p>Das Nicht-Subjekt Asylwerber steht also unter strenger staatlicher Aufsicht oder ist zur G&auml;nze der Freiheit beraubt. Solange Arbeitslosigkeit noch kein Massenph&auml;nomen war, wurde Arbeitslosen der Subjektstatus noch honoris causa, also ehrenhalber, zuerkannt. Seit einigen Jahren wird aber dieser Status immer br&uuml;chiger. Insbesondere Langzeitarbeitslosen wird die Berechtigung als vollwertiges Subjekt zunehmend abgesprochen. W&auml;hrend sich alle Menschen, au&szlig;er Strafgefangenen und Kindern, die der Schulpflicht unterliegen, frei bewegen d&uuml;rfen, werden Arbeitslose in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschr&auml;nkt. (Der Zwang zur Mobilit&auml;t im Arbeitsleben hingegen beruht auf privatrechtlichen Vertr&auml;gen bzw. legen sich die Menschen, wenn sie &#8220;selbstst&auml;ndig&#8221; sind, diesen Zwang selbst auf. )</p>
<p>Arbeitslosen ist es untersagt ins Ausland zu reisen, sie m&uuml;ssen jederzeit erreichbar sein, jederzeit &#8220;zur Verf&uuml;gung stehen&#8221;. In der Logik kapitalistischer Verwaltung von Nicht-Subjekten machen die Fu&szlig;fesseln also durchaus auch f&uuml;r Langzeitarbeitslose Sinn.</p>
<p>Die zunehmende &#8220;P&auml;dagogisierung&#8221; der Behandlung von Arbeitslosen ist ebenfalls Ausdruck ihres nicht vollwertigen Status. Die zwangsweise Teilnahme an sinnlosen &#8220;Ma&szlig;nahmen&#8221; (Coachings und Kursen) &#8211; allzu oft auch f&uuml;r jene, die bereits eine Zusage f&uuml;r einen neuen Job haben &#8211; stellt eine weitere staatlich verordnete Einschr&auml;nkung der Orts- und Zeitsouver&auml;nit&auml;t dar.</p>
<p>In Deutschland gehen die Vorbereitungen zur Unter-Kuratel-Stellung von Arbeitslosen munter weiter. Der neueste Clou: Die Arbeits&auml;mter sollen k&uuml;nftig Langzeitarbeitslose nach ihrem sozialen Umfeld und ihren gesundheitlichen Verh&auml;ltnissen befragen. Das Ziel ist die &Uuml;berreichung und Verwahrung der medizinischen Befunde an den &#8220;arbeitsamtlichen Vormund&#8221;. Nach einem &ouml;ffentlichen Aufschrei kam die &uuml;bliche Salami-Nummer: Es ginge ja &#8220;nur&#8221; um drogenabh&auml;ngige und psychisch kranke Langzeitarbeitslose.<br />
<hr />
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#1" name="a1"><sup>1</sup></a> Diese ann&auml;hernd reelle Zahl von Arbeitslosen (mehr als doppelt so hoch wie die offizielle) wurde am 1. Mai 2005 zum ersten Mal in einem gro&szlig;en Medium genannt, auf der Titelseite der &#8220;Die Presse&#8221;, Wien.</p>
<p><a href="#2" name="a2"><sup>2</sup></a> Karl-Markus Gauss: Das Europ&auml;ische Alphabet, M&uuml;nchen 2000, S. 116, (Wien 1997).</p>
<p><a href="#3" name="a3"><sup>3</sup></a> Petra Limberger: In Haft wegen Fremdsein, in: asyl aktuell 1/2005, Wien.</p>
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		<title>Ersatzdroge für Arbeitssüchtige &#8211; Zwangstherapie für Arbeitsunwillige</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:52:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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Ein-Euro-Jobs: Die neue amtliche Zwangsarbeit]]></description>
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<h3>Ein-Euro-Jobs: Die neue amtliche Zwangsarbeit</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>von Peter Samol</em> <span id="more-380"></span></p>
<p>In Deutschland ist die Parole &#8220;Jede Arbeit ist besser als keine&#8221; unter Peter Hartz und Gerhard Schr&ouml;der zur unmittelbaren materiellen Gewalt geworden. Seit am ersten Januar dieses Jahres die ber&uuml;chtigte Hartz IV-Reform in Kraft getreten ist, k&ouml;nnen Langzeitarbeitslose, d. h. Menschen, die &uuml;ber ein Jahr arbeitslos sind und deren Versorgung in Folge dessen auf das neu eingef&uuml;hrte Arbeitslosengeld II umgestellt wurde, f&uuml;r ein bis zwei Euro pro Stunde zu gemeinn&uuml;tziger Arbeit gezwungen werden. Schon fr&uuml;her konnten Sozialhilfeempf&auml;nger zu solchen Arbeiten verpflichtet werden. Das hing von der jeweiligen Gemeinde ab. Jetzt aber sind die Ein-Euro-Jobs fl&auml;chendeckend eingef&uuml;hrt worden. Offiziell hei&szlig;en solche Arbeitsangebote &#8220;Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentsch&auml;digung&#8221;. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich aber die Bezeichnung &#8220;Ein-Euro-Job&#8221; durchgesetzt. Jeder f&uuml;nfte Langzeitarbeitslose soll einen bekommen und damit bei Kommunen, Kirchen oder gemeinn&uuml;tzigen Organisationen besch&auml;ftigt werden.</p>
<p>Eine solche &#8220;Arbeitsgelegenheit&#8221; dauert ein halbes bis ein dreiviertel Jahr. Die Betreffenden erhalten zus&auml;tzlich zum Arbeitslosengeld II (345 Euro in West- und 331 Euro in Ostdeutschland plus Wohnungs- und Heizkostenzuschuss), das ihnen sowieso zusteht, eine so genannte &#8220;Mehraufwandsentsch&auml;digung&#8221; von ein bis zwei Euro pro Stunde Arbeit. Damit sollen Fahrtkosten und anderer mit dem Job verbundener Aufwand bestritten werden. Es handelt sich hier also keineswegs um ein Arbeitsentgelt, wie sehr h&auml;ufig behauptet wird. <a href="#a1" name="1"><sup>1</sup></a> Die Arbeitszeit variiert zwischen 20 und 30 Wochenstunden. Es gibt keinen Arbeitsvertrag, keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Urlaub oder im Krankheitsfall, kein Streikrecht und keinen K&uuml;ndigungsschutz.</p>
<p>Fehlverhalten bei der Arbeit wird der zust&auml;ndigen Beh&ouml;rde gemeldet, damit von dort aus Sanktionen &uuml;ber die Zwangsverpflichteten verh&auml;ngt werden k&ouml;nnen. Die jeweilige zust&auml;ndige Beh&ouml;rde ist entweder das Arbeitsamt<a href="#a2" name="2"><sup>2</sup></a>, die Kommune oder eine Arbeitsgemeinschaft (kurz: ARGE), die sich zu gleichen Anteilen aus Besch&auml;ftigten des lokalen Arbeitsamtes und der betreffenden Kommune zusammensetzt. Zugewiesen werden die Ein-Euro-Kr&auml;fte durch den jeweiligen &#8220;Fallmanager&#8221;, wie die zust&auml;ndigen Sachbearbeiter im orwellschen Neusprech hei&szlig;en. Wer das &#8220;Angebot&#8221; f&uuml;r einen Ein-Euro-Job ablehnt, gilt als vermittlungsunwillig, was zur Folge hat, dass die mageren Sozialtransfers mit sofortiger Wirkung f&uuml;r drei Monate um 30 Prozent gek&uuml;rzt werden. Weitere Ablehnungen f&uuml;hren zu weiteren K&uuml;rzungen. Beim dritten Mal kommt es zur v&ouml;lligen Streichung der Bez&uuml;ge. Menschen unter 25 Jahren verlieren schon bei der ersten Ablehnung ihre kompletten Bez&uuml;ge f&uuml;r drei Monate, gezahlt wird in dieser Zeit nur ihre Wohnungsmiete. Junge Leute sind ohnehin besonders stark ins Visier der Menschenverwalter geraten. Das &#8220;Versprechen&#8221;, jedem jungen Menschen im Alter bis zu 25 Jahren ein Besch&auml;ftigungs-, Ausbildungs- oder Qualifizierungsangebot zu unterbreiten, ist sogar gesetzlich verankert worden. Angesichts einer schrumpfenden Zahl von Ausbildungs- und Arbeitspl&auml;tzen bedeutet das automatisch, dass gerade Jugendliche massenweise in Ein-Euro-Jobs gepresst werden. <a href="#a3" name="3"><sup>3</sup></a> Die gelten n&auml;mlich auch als qualifizierende Ma&szlig;nahmen, nicht zuletzt deshalb, weil bisherige vom Arbeitsamt finanzierte Bildungsangebote zunehmend eingestellt oder in Ein-Euro-Jobs umgemodelt werden.</p>
<h4>Abrissbirne f&uuml;r regul&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse</h4>
<p>Laut Gesetz darf es sich bei den T&auml;tigkeiten der Ein-Euro-Jobber nur um &#8220;gemeinn&uuml;tzige und zus&auml;tzliche Aufgaben im &ouml;ffentlichen Interesse&#8221; handeln. &#8220;Gemeinn&uuml;tzig&#8221; bedeutet, dass sich die Einsatzm&ouml;glichkeiten auf nichtkommerzielle Einrichtungen beschr&auml;nken m&uuml;ssen. Es sind allerdings auch schon einige F&auml;lle bekannt geworden, in denen private Unternehmen Ein-Euro-Jobber genutzt haben. So mietete etwa ein kommerzielles Krankentransportunternehmen Ein-Euro-Kr&auml;fte aus Krankenh&auml;usern als Fahrer f&uuml;r seine Krankenwagen unter dem Vorwand der Gemeinn&uuml;tzigkeit. Das eigentliche Einfallstor f&uuml;r die Flut der Ein-Euro-Jobs bietet aber das Kriterium der &#8220;zus&auml;tzlichen Aufgaben&#8221;. Das wird praktischerweise so gedeutet, dass die von den Zwangsverpflichteten verrichteten Aufgaben normalerweise brachliegen w&uuml;rden, weil sie als nicht finanzierbar gelten. Damit bestimmt faktisch die Kassenlage, was als &#8220;zus&auml;tzliche Arbeit&#8221; gilt. Bekanntlich ist die Finanzierung der &ouml;ffentlichen Infrastruktur-, Bildungs- und Betreuungseinrichtungen schon lange prek&auml;r und wurde bisher &uuml;ber eine wachsende Staatsverschuldung sowie zunehmend wegbrechende Sozialtransfers bestritten. In Zeiten der Krise und der leeren Kassen ist folglich eine um sich greifende Umstellung von immer mehr &ouml;ffentlichen Aufgaben auf zwangsverpflichtete Billigjobber zu erwarten. In der Tat lassen immer mehr &ouml;ffentliche Einrichtungen eine wachsende Zahl von Aufgaben von den g&uuml;nstigen Ein-Euro-Jobbern erledigen. Sie finden sich mittlerweile bei st&auml;dtischen Bauh&ouml;fen, wo sie zur Beseitigung von Abfall, Hundekot oder Unkraut auf Gehwegen und in Gr&uuml;nanlagen eingesetzt werden. Sie ersetzen zunehmend Raumpflegepersonal und Schreibkr&auml;fte in den Rath&auml;usern, renovieren Schulen oder werden gleich komplett in den Aufgabenbereich des Hausmeisters eingewiesen, der daraufhin entlassen wird. In den Berliner Schulen bringen arbeitslose Lehrer Immigranten-Kindern Deutsch bei, betreuen Sch&uuml;ler bei der Gruppenarbeit und bei den Hausaufgaben und begleiten sie bei Ausfl&uuml;gen. Immer h&auml;ufiger werden die immer sp&auml;rlicher vorhandenen &ouml;ffentlichen Mittel schwerpunktm&auml;&szlig;ig f&uuml;r Billig-Jobs genutzt und normalbezahlte Arbeitsverh&auml;ltnisse abgebaut.</p>
<p>Es gibt auch in vielen Gemeinden besondere Einrichtungen, die Ein-Euro-Kr&auml;fte f&uuml;r den Bedarfsfall weiterverleihen. Diese tragen Phantasienamen wie &#8220;Job-Aktiv-Gruppe&#8221; oder noch schlichter &#8220;Gemeinn&uuml;tzige GmbH&#8221;. Auch hier gilt, dass nur &ouml;ffentliche und soziale Einrichtungen als Auftraggeber in Frage kommen, um keine Arbeitspl&auml;tze in der freien Wirtschaft zu gef&auml;hrden. Solche &#8220;Ein-Euro-Zentralen&#8221; stellen den Arbeitslosen am Ende der Ma&szlig;nahme ein Zertifikat &uuml;ber die erworbenen &#8220;Basisqualifikationen&#8221; aus. Dass ein solches Papier in der Praxis nichts wert ist, d&uuml;rfte klar sein. Faktisch stellt es vor allem ein weiteres Mittel dar, um auf die Zwangsverpflichteten Druck auszu&uuml;ben.</p>
<p>F&uuml;r nichtstaatliche gemeinn&uuml;tzige Einrichtungen gibt es einen zus&auml;tzlichen Anreiz. Sie erhalten eine Fallkostenpauschale von 400 Euro pro Ein-Euro-Besch&auml;ftigten. Davon werden nur ca. 100 Euro an den Ein-Euro-Jobber weitergereicht, den Rest kann der &#8220;Arbeitgeber&#8221; behalten. Die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz, der Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband und die Arbeiterwohlfahrt (AWO) nutzen die Billigarbeitskr&auml;fte; selbst linke Kulturzentren bem&uuml;hen sich um Ein-Euro-Kr&auml;fte. Bei all diesen Stellen d&uuml;rften k&uuml;nftig normal bezahlte Mitarbeiter gek&uuml;ndigt und deren Stellen mit Ein-Euro-Jobbern neu besetzt werden. Auf diese Weise werden in absehbarer Zeit ganze Berufsgruppen wie Erzieher oder Altenpfleger nach und nach au&szlig;er Wert gesetzt.</p>
<p>Auch die private Wirtschaft ist l&auml;ngst von der Ein-Euro-Konkurrenz betroffen. &Ouml;ffentliche Auftr&auml;ge werden immer h&auml;ufiger von Ein-Euro-Jobbern verrichtet. Schlie&szlig;lich befinden sich unter den Langzeitarbeitslosen auch Legionen von Malern, Elektrikern, Maurern, Fliesenlegern etc. Noch nie sind die Arbeitslosen so qualifiziert gewesen wie heute. Und die zu erwartende Pleitewelle bei den Handwerkerbetrieben d&uuml;rfte das qualifizierte Ein-Euro-Personal noch einmal sprunghaft ansteigen lassen. Was f&uuml;r die Zwangsverpflichteten laut offizieller Propaganda &#8220;eine Br&uuml;cke in den ersten Arbeitsmarkt&#8221; sein soll, ist faktisch eine gewaltige Abrissbirne f&uuml;r regul&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse. Auf diese Weise tragen die Ein-Euro-Jobs dazu bei, die Arbeitsgesellschaft noch weiter ins Straucheln zu bringen.</p>
<h4>Ein-Euro-Jobs als Zwangstherapie &#8230; </h4>
<p>Im Allgemeinen gelten erwachsene Menschen ohne Arbeit als defizit&auml;r. Ihre Arbeitslosigkeit, so unterstellt man, resultiere daraus, dass sie es nicht schaffen, sich selbst auf die Anforderungen der Arbeitsgesellschaft zuzurichten. Bevor sich die Betreffenden in diesem Zustand einrichten, sehen sich die offiziellen Stellen dazu gezwungen, Ma&szlig;nahmen zu ergreifen. Wer unter dem Verdacht steht, den Zwang sich jederzeit und unter allen Umst&auml;nden zu verkaufen, nicht verinnerlicht zu haben, dem muss er eben notfalls in speziellen Anstalten eingetrichtert werden.</p>
<p>Auf diese Aufgabe haben sich die Sammel- und Verleihzentralen f&uuml;r Ein-Euro-Jobber, eben jene Einrichtungen mit den inhaltsleeren Phantasienamen wie &#8220;Projekt Aktiv&#8221; oder &#8220;Gemeinn&uuml;tzige GmbH&#8221;, spezialisiert. Deren Personal besteht zu einem gro&szlig;en Teil aus P&auml;dagogen, Sozialarbeitern und verwandten Berufsgruppen. Unter ihrer &Auml;gide kommt die &uuml;bergriffige Fremdbestimmung vorzugsweise im therapeutischen Gewand daher. Die zur Arbeit Gezwungenen sollen dort &#8220;lernen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen&#8221;, morgens aufzustehen, eine Arbeit zu beenden sowie p&uuml;nktlich und &#8220;teamf&auml;hig&#8221; zu sein. All das bezeichnet man als &#8220;Schl&uuml;sselqualifikationen&#8221;. Die Sozialp&auml;dagogensprache wird hier problemlos mit dem Idioten-Vokabular der neoliberalen Wirtschaftsgurus vermengt. Mit den Floskeln, die aus dieser Begriffspanscherei erwachsen, schwingt sich das Betreuungspersonal &uuml;ber die ihm zugewiesenen Menschen auf und behauptet zu wissen, was gut f&uuml;r sie sei. Was nichts anderes als eine Dressurma&szlig;nahme f&uuml;r ein Leben ist, das ganz auf abstrakte Arbeit und universelle Konkurrenz ausgerichtet zu sein hat, wird dabei mit der unersch&uuml;tterlichen Gewissheit vermittelt, den Menschen etwas Gutes zu tun: &#8220;Das ist wie eine Rekonvaleszenz nach langer Krankheit&#8221; und &#8220;wichtig f&uuml;r das Selbstwertgef&uuml;hl&#8221;, beteuern die sich f&uuml;rsorglich gebenden Menschenw&auml;rter gern. Diese pseudotherapeutische Grundhaltung dient vor allem dazu, den Zwangscharakter der ganzen Veranstaltung zu verschleiern. Das alles ereignet sich wohlgemerkt vor der st&auml;ndigen Drohkulisse einer Streichung der letzten Existenzgrundlage. Es ist ein verlogener p&auml;dagogischer Idealismus der sozialen Kontrolle, bei dem die Betroffenen freiwillig wollen sollen, was ihnen aufgezwungen wird. Wehe ihnen, wenn nicht! Ob sich die vorgesetzten Zwangsbetreuer, die heute die &#8220;Gew&ouml;hnung an einen normalen Tagesablauf&#8221; propagieren, wohl noch daran erinnern, dass noch vor wenigen Jahren die Pseudokritik am unflexiblen Normalarbeitsverh&auml;ltnis als hip galt? Dass die Formen dauernd wechseln, in die das Verhalten gezwungen werden soll, bereitet den l&auml;chelnden Sozialarbeitern offenbar keine Probleme, es f&auml;llt ihnen ja noch nicht einmal auf. Nicht in Frage gestellt wird allerdings die Ideologie der totalen Selbstverantwortung der Individuen f&uuml;r ihre eigene Situation.</p>
<h4>&#8230; oder als Ersatzdroge</h4>
<p>In einer Gesellschaft, in der die Verausgabung abstrakter Arbeit buchst&auml;blich alles ist, gilt der Arbeitslose als moralisch dazu verpflichtet, sich &uuml;berfl&uuml;ssig vorzukommen. Ganz in diesem Sinne zeichnen die Medien h&auml;ufig das Bild der gl&uuml;cklichen Ein-Euro-Kr&auml;fte. Mit besonderem Stolz werden diejenigen Klienten vorgef&uuml;hrt, die nach Ablauf der Ma&szlig;nahme gern l&auml;nger arbeiten w&uuml;rden: &#8220;Durch den Job bleibe ich wenigstens im Trott&#8221;, sagt einer von ihnen ins Mikrofon. Offensichtlich gibt es auch etliche Arbeitslose, die unter ihrer Nicht-Verwertbarkeit leiden und sich danach sehnen, mit ihrer Arbeitskraft wieder gebraucht zu werden. F&uuml;r sie stellt der Ein-Euro-Job eine paradox wirkende Ersatzdroge dar: Sie hat nicht die Entw&ouml;hnung, sondern die Aufrechterhaltung des Verlangens nach der echten Droge zum Ziel. Die erb&auml;rmliche Hoffnung, die Beteiligten k&ouml;nnten ihre Chancen am Arbeitsmarkt verbessern, wird eifrig gesch&uuml;rt, auch wenn sie jeder Grundlage entbehrt. Krampfhaft wird an der haltlosen Propaganda festgehalten, dass die Integration in den ersten Arbeitsmarkt nur eine Frage der Haltung ist. Dabei wei&szlig; man mittlerweile selbst in den Arbeits&auml;mtern, dass feste Stellen f&uuml;r die Zwangsverpflichteten nicht drin sind. Wenn sie weggehen, wird einfach der n&auml;chste Ein-Euro-Jobber angefordert.</p>
<h4>Fetisch Statistik</h4>
<p>In einer Hinsicht stellen die Ein-Euro-Jobs ein ganz besonderes Erfolgsmodell dar. N&auml;mlich als probates Mittel zur Sch&ouml;nung der Arbeitslosenstatistik. Bekanntlich wird am Anfang eines jeden Monats mit gro&szlig;em Brimborium die aktuelle Zahl der Arbeitslosen vorgestellt und hei&szlig; diskutiert. F&uuml;r die Befindlichkeit einer Arbeitsgesellschaft, die immer mehr zur Arbeitslosengesellschaft wird, hat dieses Ritual die gleiche irrationale Bedeutung wie der morgendliche Gang zur Waage f&uuml;r eine Magers&uuml;chtige. Und hier wie dort f&auml;llt das Ergebnis meist sehr entt&auml;uschend aus.</p>
<p>Die Ein-Euro-Jobs gelten als neue Wunderwaffe gegen die schlechten Zahlen. Erwerbslose, die in den so genannten &#8220;Besch&auml;ftigungsgelegenheiten&#8221; stecken, gelten n&auml;mlich als besch&auml;ftigt und fallen somit aus der Statistik heraus. Wie praktisch. Damit reihen sich die Ein-Euro-Jobs unter die zahllosen kosmetischen Ma&szlig;nahmen ein, mit denen die Arbeitslosenquote gesch&ouml;nt wird. Selbst den hohen Anteil derjenigen, die sich einer solchen Ma&szlig;nahme verweigern, kann man als Erfolg verbuchen. Denn wenn diesen Menschen &uuml;ber kurz oder lang s&auml;mtliche Leistungen gestrichen werden, dann verschwinden sie eben auf diesem Wege aus der Statistik. Mit einer derart fragw&uuml;rdigen Datenbasis l&auml;sst sich die Zahl der Arbeitslosen leicht herunterrechnen. Schon der wendige franz&ouml;sische Staatsmann Talleyrand wusste, dass Statistik haupts&auml;chlich in der richtigen Berechnung falscher Zahlen besteht.</p>
<h4>Fazit</h4>
<p>Dem allgemeinen Arbeitszwang hat in dieser Gesellschaft jeder nachzukommen. Wenn es nicht anders geht, dann eben ohne jede Verg&uuml;tung. Das glaubt man schon allein den braven Normalarbeitenden schuldig zu sein. F&uuml;r allzu viele unter ihnen gibt es n&auml;mlich kaum eine schlimmere Zumutung als das Vorhandensein von Leuten, die ihr Leben fristen ohne zu arbeiten. Damit wohnt der Zwangsveranstaltung der Ein-Euro-Jobs auch ein pr&auml;ventiver Charakter inne. Sie soll m&ouml;glichst verhindern, dass die Arbeitsideologie in einer Zeit, in der man immer weniger Menschen in Arbeit bringen kann, ausgeh&ouml;hlt wird. Daher muss die Konditionierung auf Erwerbsarbeit bei den Arbeitslosen auch demonstrativ erneuert und vertieft werden. Selbst wenn die Gelegenheiten, dem allgemeinen Arbeitszwang Folge zu leisten, faktisch immer weniger werden. Die Ein-Euro-Jobs mit ihrer uns&auml;glichen G&auml;ngelung der ihnen unterworfenen Menschen sind ein Kardinalsymptom im langsamen Prozess des qu&auml;lenden Niederganges der Arbeitsgesellschaft. Die gleicht immer mehr einem gebrochenen kranken Sadisten, der verzweifelt um sich schl&auml;gt und sich dabei immer h&auml;ufiger auch selber trifft.<br />
<hr />
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#1" name="a1"><sup>1</sup></a> Das hindert unbedarfte Schreiberlinge nat&uuml;rlich nicht daran, ihre Jubel-Artikel zur neuen Arbeitszwangsverpflichtung mit &Uuml;berschriften zu versehen wie etwa &#8220;80 Euro im Monat sind nicht nix&#8221; (so ein Titel des sozialdemokratisch verorteten ostwestf&auml;lischen Lokalblattes &#8220;Neue Westf&auml;lische&#8221; im Herbst 2004).</p>
<p><a href="#2" name="a2"><sup>2</sup></a> Die offizielle Bezeichnung f&uuml;r das Arbeitsamt lautet in Deutschland seit dem 1. Januar 2004 &#8220;Bundesagentur f&uuml;r Arbeit&#8221;. &Auml;hnlich wie im Fall der Ein-Euro-Jobs hat sich auch hier der offizielle Sprachgebrauch bisher nicht fl&auml;chendeckend durchgesetzt. Auch der Autor dieser Zeilen bel&auml;sst es beim alten Ausdruck.</p>
<p><a href="#3" name="a3"><sup>3</sup></a> Am 28.04.2005 hat der Bundesminister f&uuml;r Wirtschaft und Arbeit, Wolfgang Clement (SPD) allerdings eingestehen m&uuml;ssen, dass dieses Ziel zu hoch gesteckt sei. Jetzt lautet die Losung, wenigstens 50 Prozent aller unter 25-J&auml;hrigen zu &#8220;versorgen&#8221;.</p>
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		<title>Willkommen in der Zukunft</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Lauk; Christian]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>2000 Zeichen abw&auml;rts</p>
<p>von Christian Lauk</em> <span id="more-983"></span></p>
<p>Der Einfall des hessischen Justizministers Christean Wagner (CDU), Langzeitarbeitslosen Fu&szlig;fesseln anzulegen, klingt wie ein schlechter Scherz, doch die allerorten zunehmende Beliebtheit dieses Werkzeugs zeigt, dass wir zumindest auf dem &#8220;richtigen&#8221; Weg dorthin sind: Schon jetzt werden im deutschen Bundesland des besagten Ministers unter Bew&auml;hrung stehende Verurteilte mit der Fu&szlig;fessel elektronisch &uuml;berwacht und so eine &#8220;regelm&auml;&szlig;ige, sinnvolle und straffreie Lebensf&uuml;hrung trainiert&#8221;, wie es im Neusprech des hessischen Justizministeriums hei&szlig;t. Der brandenburgische Innenminister J&ouml;rg Sch&ouml;nbohm kam k&uuml;rzlich ernsthaft auf die Idee, damit irgendwann zuvor einmal straff&auml;llig gewordene, nun durch h&auml;ufiges Schule-Schw&auml;nzen in den Augen des Innenministers eine potentielle Gefahr darstellende Jugendliche zu &uuml;berwachenUnd in den USA wurde dieses Jahr vom &#8220;Department of Homeland Security&#8221; ein Pilotprojekt gestartet, bei dem mehr als 1700 Immigranten eine Fu&szlig;fessel angelegt wurde, sodass bei abgewiesenem Aufenthaltsantrag keine Chance mehr besteht, der Abschiebung zu entgehen.</p>
<p>Dabei macht der technologische Fortschritt vor &Uuml;berwachungstechnologien nicht halt, vor allem die Miniaturisierung bringt gute Aussichten f&uuml;r die &Uuml;berwacher: Winzige, in den K&ouml;rper implantierte und somit nur noch operativ entfernbare Funkchips w&uuml;rden, in Verbindung mit der satellitengest&uuml;tzten Positionsbestimmung (GPS), eine l&uuml;ckenlose &Uuml;berwachung erm&ouml;glichen. Der Prototyp eines derartigen Funkchips wurde bereits von der Firma &#8220;Applied Digital Solutions&#8221; getestet und das Patent &#8211; unter dem Namen &#8220;Digital Angel&#8221; &#8211; angemeldet. Die &Uuml;berwachung der Leute, die aus der &#8220;planetaren Arbeitsmaschine&#8221; (P. M. ) herausfallen oder gar nicht erst hinein d&uuml;rfen (z. B. abgewiesene Immigranten), k&ouml;nnte so zu einem lukrativen Gesch&auml;ft einer sich mit immer weiter reichenden Mitteln abschottenden Minderheit werden.</p>
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		<title>Otium und negotium</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:48:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Lago; Paolo]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>von Paolo Lago</em> <span id="more-374"></span><br />
<em>aus dem Italienischen &uuml;bersetzt von Lorenz Glatz</em><br />
<a href="http://www.streifzuege.org/2005/otium-e-negotium">testo italiano</a></p>
<p><em>Soli omnium otiosi sunt qui sapientiae vacant, soli vivunt.<br />
(Allein von allen sind die der Mu&szlig;e hingegeben, die f&uuml;r Philosophie Zeit haben; sie allein leben. )<br />
Seneca, <em>De brevitate vitae</em>, XIV, 1</em></p>
<p>F&uuml;r das lateinische Wort <em>otium (Mu&szlig;e)</em> sind verschiedene interessante Etymologien vorgeschlagen worden: Auf einen Ursprung im Hirtenleben hebt die von Eduard Schwyzer in einem Artikel von 1927 vorgelegte ab: <em>Otium</em> komme von <em>*oui-tium</em> (von ovis &#8220;Schaf&#8221;), werde dann zu <em>*ou-(i)-tium</em> und <em>*ou-tium</em> (das Sternchen bedeutet, dass ein Wort eine Rekonstruktion der Sprachwissenschaftler ist und nirgendwo bezeugt ist). Der Autor des Artikels mischt phonetische Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten mit soziologischen &Uuml;berlegungen: Die Hirtenkultur stelle ein Leben in dauernder Ruhe dar. <a href="#a1" name="1"><sup>1</sup></a> Schwyzer legt sp&auml;ter eine weitere, etwas merkw&uuml;rdige Etymologie vor, in der er das Element <em>oui</em> mit <em>omentum</em> (Darmhaut) verbindet: Aufgrund einer Untersuchung des Vokabulars der baltischen Dialekte bez&uuml;glich Schuhwerk definiert er <em>otium</em> als die Zeit des &#8220;beschuhten Mannes&#8221;, des <em>homo *otus, </em> bekleidet und geschm&uuml;ckt um Festtage zu begehen. Er w&uuml;rde so das Gegenteil des homo nudus darstellen, des Arbeiters, der sich f&uuml;r die Arbeit entbl&ouml;&szlig;t hat. <a href="#a2" name="2"><sup>2</sup></a></p>
<p>Eine weitere Etymologie, die vorgeschlagen wurde<a href="#a3" name="3"><sup>3</sup></a>, geht auf einen milit&auml;rischen Ursprung zur&uuml;ck, indem sie sich mit dem Begriff der indutiae, des Waffenstillstands, verbindet. Die Ableitung l&auml;sst das Wort <em>otium</em> auf das altindische <em>&aacute;tati</em> zur&uuml;ckgehen: &#8220;kommen und gehen&#8221; (wie <em>annus</em> (Jahr), zu altindisch <em>at-no</em>, das sich auf den Sonnenlauf nach dem antiken Weltbild bezieht). <em>Otium</em> w&uuml;rde so die Freiheit, sich frei im Nicht-Krieg, in der Nicht-Belagerung zu bewegen, ausdr&uuml;cken: Das Gegensatzpaar <em>domi</em> (im Frieden) &#8211; <em>militiae</em> (im Krieg) w&auml;re demnach gleichbedeutend mit dem von <em>otium</em> &#8211; <em>negotium</em> (eine Gegen&uuml;berstellung, die in der Epoche der Punischen Kriege wirklich existierte).</p>
<p>Betrachten wir also diese Opposition <em>otium &#8211; negotium</em>. Das erste Wort ist &auml;lter als das zweite. Am Anfang gab es <em>otium</em>, das ruhige und jeglicher Verpflichtung ledige Leben, die gl&uuml;cklichen Tage (Tage des goldenen Zeitalters, goldenen Tage), die otia dia, die Vergil in den Georgica (Verse 490-528) beschreibt. Nach Saturn jedoch, dem K&ouml;nig der Bauern, nicht nur der Hirten, lernt Latium derselben mythischen Erz&auml;hlung Vergils zufolge tyrannisch erzwungene Arbeit kennen, die <em>negotium</em> hei&szlig;t, also gebunden ist an die Entwicklung der Erfordernisse und T&auml;tigkeiten des Bauernlebens, das die Hirtenkultur abl&ouml;st). Dieses Wort <em>negotium</em> ist eine Lehn&uuml;bersetzung des griechischen <em>ascholia</em> (wobei dem alpha privativum das lateinische Pr&auml;fix <em>neg</em>- entspricht), des Gegenteils von <em>schol&eacute;</em> (freie Zeit, Mu&szlig;e), dem &Auml;quivalent des lateinischen <em>otium</em>. W&auml;hrend aber die <em>negotia</em> wenigstens bis zur Zeit Ciceros (1. Jh. v. Chr. ) unbestritten hoch gesch&auml;tzt wurden, den moralischen Sinn von Pflicht hatten, sind im Gegensatz dazu in der griechischen Literatur, bei Platon wie in den Texten der Epikureer, die <em>aschol&iacute;ai</em> ungelegen, fallen l&auml;stig, w&auml;hrend <em>schol&eacute;</em> einen absoluten Wert f&uuml;r die Menschheit darstellt. Erst sp&auml;ter wird sich das lateinische Paar <em>otium &#8211; negotium</em> schrittweise an das griechische <em>schol&eacute; &#8211; aschol&iacute;a</em> ann&auml;hern, bis sie sich schlie&szlig;lich bei Seneca in seinen Briefen an Lucilius v&ouml;llig entsprechen (wir sind nunmehr im 1. Jh. n. Chr).</p>
<h4>Otium und Negotium in der Kom&ouml;die&#8230; </h4>
<p>Sehen wir nun, wie <em>otium</em> und <em>negotium</em> sich bei den lateinischen Autoren ausnehmen, die sie am meisten verwendet haben. Beginnen wir mit der Kom&ouml;die. Die <em>Palliata</em> (die Kom&ouml;die in griechischem Gewand, dem <em>pallium</em>, dem typisch griechischen Kleid, das die Schauspieler trugen) bringt Personen auf die B&uuml;hne, die sich der &#8220;vita otiosa&#8221; (dem m&uuml;&szlig;igen Leben) widmeten, in den Augen des Philosophen Antisthenes<a href="#a4" name="4"><sup>4</sup></a> die Vorbedingung des Lebens jedes Edelmannes. Die Helden der <em>Palliata</em> (Schmarotzer, verliebte junge Leute, gerissene Sklaven, alte Kaufleute und Soldaten) geraten daher in Konflikt mit der altr&ouml;mischen Moral, dem <em>mos maiorum</em>: Sie fordern die Werte des <em>civis romanus</em> und das auf der Familie basierende Ideal der Ehe heraus. In den Kom&ouml;dien des Plautus (gestorben 184 v. Chr. ) befindet sich das <em>otium</em> stets in einer Gegensatzbeziehung zu seinen wichtigsten Koordinaten, dem Krieg und dem Beruf. Diese T&auml;tigkeiten werden in der plautinischen Kom&ouml;die &uuml;blicherweise mit den Worten <em>officium</em> und <em>negotium</em> bezeichnet, wobei <em>otium</em> dem <em>negotium</em> unter einem rein konkreten Gesichtspunkt ohne irgendeine philosophische Implikation gegen&uuml;bersteht. Ob in der <em>Palliata</em> oder in der <em>Togata</em> (der Kom&ouml;die in r&ouml;mischem Gewand, von der nur Fragmente erhalten sind; benannt nach der Toga, dem r&ouml;mischen Kleid par excellence) &#8211; soziale Ausgewogenheit ist weit weniger wichtig als ein ausgewogenes Verh&auml;ltnis zwischen <em>otium</em> und <em>negotium</em>.</p>
<p>Im <em>Phormio</em> von Terenz (gestorben 159 v. Chr. ) begegnet uns eine feine Parodie des <em>otium</em> <em>honestum</em> (Mu&szlig;e in Ehren), das in jedem Fall einige Formen von Aktivit&auml;t vorsieht und nicht eigentlich ein &#8220;Nichtstun&#8221;. Der <em>Parasit</em> Phormio will schnellstens seine Auftr&auml;ge erledigen, um sich endlich seinem geliebten <em>otium</em> zu widmen. &#8230; <em> una mihi res etiam restat quae est conficiunda, otium ab senibus ad potandum ut habeam </em>(V. 831-32) (&#8220;Nun bleibt mir nur noch eines zu erreichen: dass die Alten mir zum Saufen Mu&szlig;e lassen. &#8220;) Mit Terenz wird zugleich der Bereich des Milit&auml;rischen definitiv von dem des <em>&#8220;negotium&#8221;</em> getrennt. Das <em>bellum</em>, der Krieg, wird nicht mehr als <em>negotium</em> angesehen (man erinnere sich an das weiter oben Gesagte). Tats&auml;chlich schreibt der Kom&ouml;diendichter im Prolog der <em>Adelphoi</em>: <em>&#8230; quorum / opera in bello, in otio, in negotio / suo quisque tempore usust sine superbia </em>(V. 15-17) (&#8220;Von deren Dienst im Krieg, in <em>otium</em>, in <em>negotium</em> ein jeder seinen Vorteil zog ohne Stolz&#8221;) und trennt dabei <em>otium </em>und <em>negotium</em> von <em>bellum. </em> Die Bedeutung von <em>otium</em> und <em>negotium</em> zur Zeit des Terenz wird von C. Dziatzko so erkl&auml;rt: &#8220;Dem Begriff bellum stehen otium und negotium gegen&uuml;ber, beide setzen friedliche Zust&auml;nde voraus, und zwar negotium in Bezug auf die &ouml;ffentliche (z. B. richterliche oder verwaltende), otium hinsichtlich der privaten T&auml;tigkeit und Hilfeleistung der gedachten M&auml;nner. &#8220;<a href="#a5" name="5"><sup>5</sup></a></p>
<h4>&#8230; bei Cicero</h4>
<p>Cicero (ermordet 43 v. Chr. ) stellt in De officiis (III, 1) das edle und frei gew&auml;hlte <em>otium</em> dem erzwungenen R&uuml;ckzug des entt&auml;uschten Mannes gegen&uuml;ber. Bez&uuml;glich der Begriffe otium und negotium greift Cicero in vielen Werken auf die Ideale des so genannten Sipionenkreises (um Scipio Aemilianus in der zweiten H&auml;lfte des 2. Jh. v. Chr. ) zur&uuml;ck und stellt darin seine eigenen Ideale des b&uuml;rgerlichen und kulturellen Lebens dar. Es sind eben diese &#8220;Scipionen&#8221; (zu denen man auch den Dichter Lucilius z&auml;hlen kann, den ersten Angeh&ouml;rigen der Aristokratie der Landst&auml;dte, der die negotia und &uuml;berhaupt &ouml;ffentliche T&auml;tigkeit ablehnt), die bewusst eine Art neues Leben gegen die althergebrachte Tradition und gegen die landl&auml;ufige Voreingenommenheit einf&uuml;hren wollen. Im Kontakt mit der griechischen Kultur wandelt sich die urspr&uuml;ngliche Beziehung zwischen <em>otium </em>und <em>negotium</em> grundlegend, wobei sich auch der Inhalt von <em>otium</em> &auml;ndert. Dieses ist nicht einfach <em>otiosum</em>, eher eine inspirierte, auf Wirksamkeit bedachte Meditation. Zum Sprecher eines solchen Konzepts macht sich Tubero in Ciceros <em>De re publica</em>. In <em>De Oratore</em> bekr&auml;ftigt Cicero, dass der Idealzustand eines Individuums auf einem heiteren Wechsel von <em>otium</em> und <em>negotium</em> beruht. Dabei hat das Verlangen nach <em>otium</em> auch kulturelle Bedeutung; nach Jean Marie Andr&eacute; &#8220;verlangt das r&ouml;mische Bewusstsein in <em>De Oratore</em>, dass <em>otium</em> die Kultur bestimmt und nicht die Kultur das <em>otium</em>&#8220;. <a href="#a6" name="6"><sup>6</sup></a></p>
<h4>&#8230; bei den augusteischen Dichtern</h4>
<p>Bei Horaz (65 v. &#8211; 8 v. Chr. ) hingegen preist der Sprecher in Epoden 2 sein Ideal von Befreiung, indem er empfiehlt auf politische <em>officia</em> und jeglichen Ehrgeiz zu verzichten: &#8230; <em>beatus ille, qui procul negotiis</em>&#8230; (V. 1) (&#8220;&#8230; gl&uuml;cklich jener, der fern von Gesch&auml;ften&#8230; &#8220;). Derselbe Dichter lobpreist das <em>otium</em> in den Schlussversen der autobiographischen Satire I, 6: <em>pransus non avide, quantum interpellet inani / ventre diem durare, domesticus otior. haec est / vita solutorum misera ambitione gravique; / his me consolor victurum suavius ac si / quaestor avus pater atque meus patruusque fuisset</em> (V. 127-131) (&#8220;Nachdem ich ohne Gier gefr&uuml;hst&uuml;ckt habe, gerade so viel um den Tag &uuml;ber den Bauch nicht leer zu haben, treib ich zu Hause M&uuml;&szlig;iggang. Das ist das Leben derer, die sich vom Kummer und Beschwernis bringenden Ehrgeiz gel&ouml;st haben. Ich finde Ruhe beim Gedanken, dass ich so angenehmer lebe, als wenn mein Gro&szlig;vater, Vater und Onkel Qu&auml;storen gewesen w&auml;ren. &#8220;). Auch in den <em>Oden</em> singt Horaz das Lob des <em>otium</em>: In Ode I, 1 haben wir einen Hymnus auf das ruhige Leben vor uns, in Ode IV, 15 hinwiederum eine Anrufung der <em>Pax-otium</em> gegen den Zorn, &#8220;der Schwerter schmiedet und die ungl&uuml;cklichen St&auml;dte verfeindet.&#8221;</p>
<p>Auch f&uuml;r Vergil (70 v. &#8211; 19 v. Chr. ) steht otium in Verbindung mit einem Friedensideal, das eine Form heiterer und gl&uuml;cklicher Aktivit&auml;t voraussetzt. In Bucolica I, 6 wendet sich der Hirt Tityrus an Meliboeus mit den Worten: <em>O Meliboee, Deus nobis haec otia fecit </em>(&#8220;Meliboeus, ein Gott hat uns diesen Frieden geschenkt&#8221;) &#8211; in diesem Fall kann man <em>otium</em> ganz treffend mit &#8220;Friede&#8221; &uuml;bersetzen, was den Frieden des Landlebens, aber auch die Abwesenheit von Krieg meint). &#8220;Die <em>otia</em>&#8220;, bemerkt Andr&eacute; noch, &#8220;meinen die freudvolle T&auml;tigkeit auf dem befriedeten Land, das vom <em>miles impius</em> [ruchlosen Soldaten] durch die Pax befreit und der verr&uuml;ckten Hektik der St&auml;dte entzogen ist&#8221;. <a href="#a7" name="7"><sup>7</sup></a></p>
<p>Aber der Dichter, der mehr als alle anderen bis in Innerste einem Ideal von <em>otium</em> anh&auml;ngt, ist Ovid (43 v. &#8211; 17/18 n. Chr. ). Im Exil in Tomi am Schwarzen Meer (wohin er von Augustus 8 n. Chr. verbannt wurde) schafft er in den <em>Tristia</em> bewegte Elegien voller Melancholie. Wenn er im ersten Buch dieses Werks aus der Verbannung an seine Reise ans Schwarze Meer zur&uuml;ckdenkt, setzt er <em>otium</em> und literarische T&auml;tigkeit in eins &#8211; ein Schreiber, ein Intellektueller braucht zum Schreiben <em>otium</em>: <em>carmina proveniunt animo deducta sereno; / nubila sunt subitis pectora nostra malis. / carmina secessum scribentis et otia quaerunt; / me mare, me venti, me fera iactat hiems</em> (I, 39-42) (Dichtung entspringt einem heiteren Gem&uuml;t; / mein Herz ist umw&ouml;lkt von unerwartetem Ungl&uuml;ck. / Gedichte brauchen Abgeschiedenheit und Mu&szlig;e beim Schreiben, / mich treiben umher Meer, Winde und harter Winter). An einer anderen Stelle der <em>Tristia</em> stellt sich Ovid als der Dichter dar, der schlechthin dem <em>otium</em> geweiht ist: <em>quique fugax rerum securaque in otia natus, / mollis et impatiens ante laboris eram, / ultima nunc patior&#8230; </em>(III, 2, 9-11) (und ich, der ich ein gesch&auml;ftiges Leben vermied und zur Mu&szlig;e geboren, fr&uuml;her verw&ouml;hnt war und keine Anstrengung aushalten mochte, erlebe jetzt Schlimmstes). In dieser Passage steht <em>otium </em>als Gegensatz zu <em>labor</em>, dem lateinischen Wort, von dem italienisch &#8220;lavoro&#8221;, englisch &#8220;labour&#8221; kommt (sodass man sagen kann, dass in gewissem Sinn hier <em>labor</em> mit <em>negotium</em> zusammenf&auml;llt). Im Weiteren erinnert sich Ovid an seine Vergangenheit am Hof des Augustus, als er mit Entschiedenheit <em>negotium</em> und politischer Anstrengung (<em>labor</em>) aus dem Weg ging: <em>maius erat nostris viribus illud onus. </em>/ <em>nec patiens corpus, nec mens fuit apta labori, / sollicitaeque fugax ambitionis eram, / et petere Aoniae suadebant tuta sorores / otia, iudicio semper amata meo</em> (IV, 10, 36-40) (&#8220;Zu gro&szlig; war f&uuml;r meine Kr&auml;fte jene Last [der Senat]. / Weder hielt aus sie der K&ouml;rper noch war mein Charakter f&uuml;r diese Anstrengung/Arbeit geeignet, / und ich mied Aufregung und Ehrgeiz. Die aonischen Schwestern [die Musen] rieten mir sichere Mu&szlig;e zu suchen, die ich aus eigenem Urteil immer schon liebte&#8221;).</p>
<p>Bei Ovid verlangen auch die Freuden der Liebe nach <em>otium</em> als ihrem Lebenselement. So schrieb der Dichter in den <em>Remedia amoris</em> (&#8220;Heilmittel gegen die Liebe&#8221;) (V. 141-144): <em>quam platanus vino gaudet, quam populus unda / et quam limosa canna palustris humo, / tam Venus otia amat; qui finem quaeris amoris, / cedit amor rebus; res age: tutus eris</em> (&#8220;Wie sich die Platane der Weinranke erfreut, wie die Pappel des Wassers, / und wie das Schilf im Sumpf sich des schlammigen Bodens, / so liebt Venus die Mu&szlig;e; du suchst eine Liebe zu beenden &#8211; Liebe weicht dem Gesch&auml;ft; sei gesch&auml;ftig und du wirst es sicher erreichen&#8221;).</p>
<h4>&#8230; und bei Seneca</h4>
<p>Von einem Poeten zu einem Philosophen. Es war Seneca (4 v. &#8211; 65 n. ), der das <em>otium</em> als Lebensweise voll rehabilitiert hat. Genauer gesagt ist es seine Schrift <em>De brevitate vitae</em> (&#8220;Von der K&uuml;rze des Lebens&#8221;), in der er sich darum bem&uuml;ht, einen positiven Sinn der Ausdr&uuml;cke <em>otiosus</em> und <em>otiosa vita</em> herauszuarbeiten. Die Abschnitte XII, 2, XIII, 1 und XIV, 1 sind eine methodische Anstrengung, die Mu&szlig;e zu rehabilitieren, die Kapitel XII und XIII stellen eine Anklage gegen die landl&auml;ufigen Definitionen der <em>vita otiosa</em> dar, w&auml;hrend der Beginn des XIV. eine engagierte Verteidigung des philosophischen <em>otium</em> ins Werk setzt: <em>soli omnium otiosi sunt qui sapientiae vacant, soli vivunt</em> (&#8220;Allein von allen sind diejenigen der Mu&szlig;e hingegeben, die f&uuml;r Philosophie Zeit haben; sie allein leben&#8221;). Was aber gemeinhin als <em>otium</em> &#8211; Mu&szlig;e &#8211; angesehen wird, ist das f&uuml;r Seneca nicht. Es war es damals nicht und ist es heutigen Tags nicht. Wir versuchen eine Gegen&uuml;berstellung dessen, was Seneca dazu in <em>De brevitate vitae</em> bez&uuml;glich der Menschen des 1. Jh. n. Chr. sagt, mit dem, was wir im <em>Manifest gegen die Arbeit </em>der Gruppe Krisis aus dem Jahre 1999 lesen.</p>
<p>So schreibt Seneca: <em>Persequi singulos longum est, quorum aut latrunculi aut pila aut excoquendi in sole corporis cura consumpsere vitam. Non sunt otiosi, quorum voluptates multum negotii habent</em> (XIII, 1) (&#8220;Es w&uuml;rde zu weit f&uuml;hren, alle aufzuz&auml;hlen, die ihr Leben bei Brett- oder Ballspiel oder in der Sorge vertan haben, ihren K&ouml;rper in der Sonne ausbraten zu lassen. Nicht in Mu&szlig;e leben die, deren Vergn&uuml;gungen viel M&uuml;he kosten&#8221;).</p>
<h4>Seneca und das &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221;</h4>
<p>Und so lesen wir im <em>Manifest gegen die Arbeit</em>: &#8220;Sobald es [das moderne Individuum] sich aus dem Fernsehsessel erhebt und aktiv wird, verwandelt sich jedes Tun sofort in ein arbeits&auml;hnliches. Der Jogger ersetzt die Stechuhr durch die Stoppuhr, im chromblanken Fitnessstudio erlebt die Tretm&uuml;hle ihre postmoderne Wiedergeburt und die Urlauber schrubben in ihrem Auto Kilometer herunter, als m&uuml;ssten sie die Jahresleistung eines Fernfahrers erbringen. &#8220;<a href="#a8" name="8"><sup>8</sup></a></p>
<p>Im Rom Senecas wie in der heutigen Zeit ist &#8220;Freizeit&#8221;, die in Folge der <em>negotia</em>, der Anstrengung, der Arbeit, existiert, selber wiederum Anstrengung, Arbeit, weil sie immer an die restriktive Logik des <em>negotium</em> gebunden bleibt. Deswegen muss f&uuml;r Seneca die wirkliche &#8220;Freizeit&#8221;, die Mu&szlig;e, der Sorge und Pflege f&uuml;r sich selbst gewidmet sein. Wie Michel Foucault beobachtet hat, erreicht die Anwendung auf sich selbst bei Seneca eine bemerkenswerte Breite und wird mit einer Palette von Ausdr&uuml;cken bezeichnet: secum morari (bei sich weilen), suum fieri (seines werden), in se recedere (zu sich kommen) etc. , alles dies um eine <em>vacatio</em> (Freisein) zu erreichen, eine Freiheit f&uuml;r sich selbst. Diesbez&uuml;glich kann man auch an <em>De brevitate vitae</em> VII, 5 erinnern: <em>Magni, mihi crede, et supra humanos errores eminentis viri est nihil ex suo tempore delibari sinere, et ideo eius vita longissima est, quia, quantumcumque patuit, totum ipsi vacavit</em> (&#8220;Glaube mir, es braucht einen gro&szlig;en und &uuml;ber die menschlichen Irrt&uuml;mer sich erhebenden Mann, sich von seiner Zeit nichts nehmen zu lassen, und sein Leben ist deswegen ein langes, weil er, wie lange auch immer es dauerte, ganz f&uuml;r sich da war&#8221;). Dieses best&auml;ndige Achten auf die R&uuml;ckkehr zu sich selbst nimmt zweifellos die k&uuml;nftigen Ideale vorweg, die in <em>De otio</em> (datierbar auf 62 n. Chr. , in den Zeiten seines R&uuml;ckzugs aus dem politischen Leben) zum Ausdruck kommen, das sich sozusagen als &#8220;esoterisches&#8221; Werk darstellt (im Sinne, dass es wenigen Auserw&auml;hlten vorbehalten blieb) und der Bildung des vollkommenen stoischen Weisen in &Uuml;bereinstimmung mit der Moral eines B&uuml;rgers und dem Weltgesetz gewidmet ist, f&uuml;r den sich das <em>otium</em> in kontemplative Einsamkeit transformiert.</p>
<p>Schlie&szlig;lich, um diesen schnellen Durchgang durch die lateinischen Autoren abzuschlie&szlig;en, kann man beobachten, wie der haupts&auml;chliche Gehalt des <em>otium</em>, seine positive Energie, vielleicht gerade in diesem F&uuml;r-sich-selbst-Sein liegt, in dieser Sorge, die auf das Innere und auf die Realit&auml;t, in einer bestimmten Weise existieren zu m&uuml;ssen, auf das &#8220;Innehalten und Reflektieren&#8221; verwendet wird, was heute umso mehr zu sch&auml;tzen w&auml;re, in einer Gesellschaft, die vollkommen auf Geschwindigkeit und Irrealit&auml;t setzt. Das F&uuml;r-sich-selbst-Sein k&ouml;nnte sich auf eine ganze k&uuml;nftige Weltgemeinschaft erstrecken, in der Weise eines Projekts eines realen <em>otium</em> gegen ein irreales <em>negotium</em>, gegen die alte, kranke Gesellschaft des <em>negotium</em>, die sich auf eine Demokratie der Bomben und auf massenhafte Vernichtung gr&uuml;ndet.<br />
<hr />
<h4>Verwendete Literatur</h4>
<p>Andr&eacute;, J. M. , <em>Recherches sur l&#8217;otium romain, </em>Les Belles Lettres, Paris 1962.</p>
<p>Id. , <em>L&#8217;otium dans la vie morale et intellectuelle romaine (des origines &agrave; l&#8217;&eacute;poque august&eacute;enne)</em>, Presses Universitaires de France, Paris 1966.</p>
<p>Dziatzco, C. , <em>Ausgew&auml;hlte Kom&ouml;dien des P. Terentius Afer, erkl&auml;rt von C. Dziatzko, </em>Leipzig 1881.</p>
<p>Fick, A. , <em>Vergleichendes W&ouml;rterbuch der Indogermanischen Sprachen, </em>Vandenhoeck &#038; Ruprecht, G&ouml;ttingen 1870-71, vol. I, 1870.</p>
<p>Foucault, M. , <em>Le souci de soi, </em>Gallimard, Paris 1984.</p>
<p>Gruppe Krisis, <em>Manifest gegen die Arbeit, </em> Eigenverlag, Juni 1999.</p>
<p>Schwyzer, A. , <em>Etymologisch-Kulturgeschichtliches, </em>Indogermanische Forschungen, 45, 1927, S. 252-266.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#1" name="a1"><sup>1</sup></a> E. Schwyzer, <em>Etymologisch-Kulturgeschichtliches, </em> Indogermanische Forschungen, 45, 1927, S. 252-266, S. 261ff.</p>
<p><a href="#2" name="a2"><sup>2</sup></a> Ebenda.</p>
<p><a href="#3" name="a3"><sup>3</sup></a> Aus: A. Fick, <em>Vergleichendes W&ouml;rterbuch der indogermanischen Sprachen, </em>Vandenhoeck &#038; Ruprecht, G&ouml;ttingen 1870-71, Bd. I, 1870, S. 338.</p>
<p><a href="#4" name="a4"><sup>4</sup></a> Diogenes Laertios, <em>Leben und Meinungen der gro&szlig;en Philosophen</em> VI, 51.</p>
<p><a href="#5" name="a5"><sup>5</sup></a> <em>Ausgew&auml;hlte K&ouml;modien des P. Terentius Afer, erkl&auml;rt von C. Dziatzko, </em>Leipzig 1881, S. 21.</p>
<p><a href="#6" name="a6"><sup>6</sup></a> J. M. Andr&eacute;, <em>L&#8217;</em>otium <em>dans la vie morale et intellectuelle Romaine (des origines a l&#8217;&eacute;poque august&eacute;enne), </em>Presses Universitaires de France, Paris 1966, S. 309: &#8220;La conscience romaine, dans le <em>De Oratore</em>, exige que l&#8217;<em>otium</em> appelle la culture, et non la culture l&#8217;<em>otium</em>&#8221; (&Uuml;bersetzung im Text von L. G. ).</p>
<p><a href="#7" name="a7"><sup>7</sup></a> Ebenda S. 505: &#8220;Les <em>otia</em> repr&eacute;sentent l&#8217;effort joyeux dans les campagnes pacifie&eacute;s, liber&eacute;es du <em>miles impius</em> par la <em>Pax </em>et soustraites &agrave; la tr&eacute;pidation fr&eacute;n&eacute;tique des villes&#8221; (&Uuml;bersetzung im Text von L. G. ).</p>
<p><a href="#8" name="a8"><sup>8</sup></a> Gruppe Krisis, <em>Manifest gegen die Arbeit, </em>Juni 1999 im Eigenverlag, S. 35.</p>
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		<title>Otium  e  negotium</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:47:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Lago; Paolo]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>Paolo Lago</em> <span id="more-375"></span></p>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/2005/otium-und-negotium">deutscher Text</a></p>
<p><em>Soli omnium otiosi sunt qui sapientiae vacant, soli vivunt.<br />
(Soli fra tutti, sono gli &#8216;oziosi&#8217; quelli che dedicano il tempo alla saggezza, solo essi vivono.)<br />
Seneca, De brevitate vitae, XIV, 1</em></p>
<p>Sono state proposte diverse ed interessanti etimologie della parola latina <em>otium</em>. Ad un&#8217;origine pastorale si ricollega l&#8217;etimologia proposta da Eduard Schwyzer in un articolo del 1927: <em>otium </em>deriverebbe da *<em>oui-tium</em> (da <em>ovis, </em>&#8220;pecora&#8221;) per divenire poi *<em>ou (i)-tium </em>e *<em>ou-tium</em> (l&#8217;asterisco indica che le parole sono ricostruzioni operate dai grammatici e non si trovano attestate da nessuna parte). L&#8217;autore dell&#8217;articolo mescola meccanismi fonetici e considerazioni di sociologia primitiva: la civilt&agrave; pastorale si presenterebbe come un riposo ininterrotto<a href="#a1" name="1">(1)</a> . Ricollegando l&#8217;elemento <em>oui- </em>a <em>omentum </em>(lett. &#8220;membrana degli intestini&#8221;), successivamente lo stesso Schwyzer propone un&#8217;altra etimologia a dir poco curiosa: studiando il vocabolario inerente alle calzature nei dialetti baltici, definisce l&#8217;<em>otium </em>come l&#8217;et&agrave; &#8220;dell&#8217;uomo calzato&#8221;, un <em>homo *otus</em>, rivestito dei suoi ornamenti pi&ugrave; belli per celebrare i giorni di festa. Egli rappresenterebbe allora il contrario dell&#8217;<em>homo nudus</em>, il lavoratore completamente denudato dal lavoro <a href="#a2" name="2">(2)</a>.</p>
<p>Un&#8217;altra etimologia proposta <a href="#a3" name="3">(3)</a> si ricollega ad un&#8217;origine militare, legandosi al concetto di <em>indutiae, </em>&#8220;tregua&#8221;. Tale etimologia fa risalire la parola <em>otium </em>all&#8217;antico indiano <em>&aacute;tati</em>: &#8220;andare e venire&#8221; (come l&#8217;<em>annus</em> &#8211; da <em>at-no</em> &#8211; che corrisponde al cammino del sole nella cosmografia antica). L&#8217;<em>otium </em>esprimerebbe allora la libert&agrave; di muoversi liberamente in una situazione non di guerra, senza assedio: l&#8217;opposizione <em>domi </em>(in pace) &#8211; <em>militiae </em>(in guerra) equivarrebbe quindi a quella <em>otium</em>-<em>negotium</em> (opposizione effettivamente esistente all&#8217;epoca delle Guerre Puniche).</p>
<p>Prendiamo ora in considerazione l&#8217;opposizione <em>otium</em>-<em>negotium</em>. La prima parola &egrave; pi&ugrave; antica della seconda. All&#8217;inizio c&#8217;era l&#8217;<em>otium</em>, la vita tranquilla ed esente da ogni tipo di impegno, i giorni beati, gli <em>otia dia </em>che Virgilio descrive nelle <em>Georgiche </em>(vv. 490-528); per&ograve; &#8211; sempre secondo il racconto mitico virgiliano &#8211; dopo Saturno, re agricoltore e non solamente pastore, il Lazio conosce un lavoro forzato e tirannico, che si chiama <em>negotium </em>(legato perci&ograve; allo sviluppo dei bisogni e dei mestieri agricoli, successivi alla civilt&agrave; pastorale). Quest&#8217;ultima parola &egrave; nata, per calco, dal greco <em>aschol&iacute;a</em> (occupazione) con alfa privativo (alla quale, in latino, corrisponde il prefisso <em>neg-</em>), che si oppone a <em>schol&eacute;</em> (tempo libero, ozio), equivalente al latino <em>otium</em>. Ma, mentre i <em>negotia, </em>almeno fino all&#8217;epoca di Cicerone (I sec. a. C. ), hanno un valore incontestabile, rivestiti di un senso morale di &#8220;dovere&#8221;, al contrario, nella letteratura greca, in Platone come nei testi degli epicurei, le <em>aschol&iacute;ai </em>sono delle situazioni importune, fastidiose, e la <em>schol&eacute; </em>rappresenta invece un valore assoluto per l&#8217;umanit&agrave;. Del resto, la coppia latina <em>otium-negotium</em> si avviciner&agrave; gradatamente a quella greca <em>schol&eacute;-aschol&iacute;a, </em> fino a corrispondervi perfettamente con Seneca e con le sue <em>Lettere a Lucilio </em>(siamo nel I secolo d. C. ).</p>
<p>Vediamo adesso come <em>otium </em>e <em>negotium</em> si configurano presso gli autori latini che maggiormente ne hanno fatto uso.</p>
<p>Cominciamo dalla commedia. La <em>palliata</em> (la commedia di ambientazione greca, da <em>pallium, </em>l&#8217;abito tipicamente greco che indossavano gli attori) introduce dei personaggi votati alla &#8220;vita oziosa&#8221;, condizione primaria della galanteria agli occhi del filosofo Antistene <a href="#a4" name="4">(4)</a>. Gli eroi della <em>palliata</em> (scrocconi, giovani innamorati, schiavi furbi, vecchi commercianti e soldati) si scontrano perci&ograve; con l&#8217;antica morale romana, il <em>mos maiorum</em>: sfidano i valori del <em>civis romanus </em>e l&#8217;ideale matrimoniale (basato sulla famiglia). Nelle commedie di Plauto, l&#8217;<em>otium </em>si situa sempre in un rapporto di opposizione con le sue coordinate principali: la guerra e l&#8217;attivit&agrave; professionale. Le attivit&agrave;, nella commedia plautina, vengono di solito indicate con le parole <em>officium e negotium</em>, mentre l&#8217;<em>otium </em>si oppone al <em>negotium </em>da un punto di vista puramente concreto, senza alcuna implicazione filosofica. Sia nella <em>palliata </em>che nella <em>togata </em>(la commedia di ambientazione romana &#8211; della quale ci restano soltanto frammenti &#8211; da <em>toga</em>, l&#8217;abito romano per eccellenza) l&#8217;equilibrio sociale &egrave; prima di tutto subordinato all&#8217;equilibrio tra <em>otium </em>e <em>negotium</em>.</p>
<p>Nel <em>Phormio </em>di Terenzio incontriamo una sottile parodia dell&#8217;<em>otium </em>&#8220;onesto&#8221;, il quale prevedeva comunque una qualche forma di attivit&agrave; e non proprio il &#8220;far niente&#8221;: il <em>parasitus </em>(lo scroccone) Formione vuole finire in fretta i suoi compiti per dedicarsi finalmente al suo <em>otium</em> preferito: &#8230; <em>una mihi res etiam restat quae est conficiunda, otium ab senibus ad potandum ut habeam </em>(vv. 831-32): &#8220;&#8230; mi resta da fare solo un&#8217;ultima cosa per questi vecchi e poi finalmente avr&ograve; tutto il mio tempo libero per andare a sbronzarmi&#8221;. E con Terenzio la sfera militare &egrave; definitivamente separata da quella del <em>negotium</em>: il <em>bellum, </em>la guerra, non &egrave; pi&ugrave; considerato <em>negotium </em>(si ricordi quanto detto poco sopra). Infatti, il commediografo cos&igrave; scrive nel prologo degli <em>Adelphoi</em>: <em>&#8230; quorum / opera in bello, in otio, in negotio / suo quisque tempore usust sine superbia </em>(vv. 15-17), separando <em>otio </em>e <em>negotio </em>da <em>bello</em>. Il significato di <em>otium </em>e <em>negotium </em>all&#8217;epoca di Terenzio (egli fiorisce intorno al 160 a. C. ) viene spiegato da C. Dziatzko: &#8220;Dem Begriff bellum stehen otium und negotium gegen&uuml;ber, beide setzen friedliche Zust&auml;nde voraus, und zwar negotium in Bezug auf die &ouml;ffentliche (z. B. richterliche oder verwaltende), otium auf die private T&auml;tigkeit und Hilfeleistung der gedachten M&auml;nner&#8221; <a href="#a5" name="5">(5)</a>.</p>
<p>Cicerone, nel <em>De officiis </em>(III, 1), oppone l&#8217;<em>otium </em>nobile e liberamente consentito al ritiro forzato, sorte dell&#8217;uomo di stato deluso. Riguardo ai concetti di <em>otium </em>e <em>negotium, </em> Cicerone, in molte sue opere, si rif&agrave; agli ideali del cosiddetto &#8220;circolo degli Scipioni&#8221; (riunito intorno a Scipione Emiliano; siamo nella seconda met&agrave; del II secolo a. C. ), promuovendoli a interpreti dei propri ideali di vita culturale e civile. Sono proprio gli Scipioni (ai quali si pu&ograve; ricondurre anche il poeta Lucilio, il primo aristocratico municipale che rifiuta i <em>negotia</em> e in genere l&#8217;attivit&agrave; pubblica) che hanno la coscienza di instaurare un genere di vita nuovo contro la tradizione ancestrale e contro il pregiudizio popolare. A contatto con la cultura greca si modifica profondamente il rapporto primitivo tra <em>otium </em>e <em>negotium</em>, modificandosi lo stesso contenuto dell&#8217;<em>otium</em>. Quest&#8217;ultimo non &egrave; <em>otiosum, </em>bens&igrave; ispirato, una meditazione efficace: di tale concetto si fa portavoce Tuberone nel <em>De re publica </em>di Cicerone (di conseguenza, dice Tuberone, l&#8217;animo ha bisogno anche di rilassarsi: idea, questa, che il &#8220;circolo degli Scipioni&#8221; ha forse ripreso dalle teorie aristoteliche sulla finalit&agrave; naturale del riposo). Nel <em>De Oratore, </em>Cicerone afferma che lo stato ideale di un individuo si basa su un&#8217;alternanza serena di <em>otium </em>e <em>negotium</em>. E il richiamo all&#8217;<em>otium </em>&egrave; anche di matrice culturale; come afferma Jean-Marie Andr&eacute;, &#8220;la conscience romaine, dans le <em>De Oratore</em>, exige que l&#8217;<em>otium</em> appelle la culture, et non la culture l&#8217;<em>otium</em>: tel est l&#8217;arrangement que concluent, en cette sorte de pause avant de nouveaux combats, un esprit hell&eacute;nis&eacute; et une &acirc;me romaine&#8221; <a href="#a6" name="6">(6)</a>.</p>
<p>In Orazio, invece, il personaggio dell&#8217;<em>Epodo </em>II esalta un ideale di liberazione, suggerendo di rinunciare agli <em>officia </em>politici e all&#8217;ambizione: &#8230; <em>beatus qui procul negotiis&#8230; </em>(v. 1) (&#8220;&#8230; beato chi &egrave; lontano dalle occupazioni&#8230; &#8220;). Lo stesso poeta d&agrave; un&#8217;esaltazione autobiografica dell&#8217;<em>otium </em>nei versi finali della satira I, 6: <em>pransus non avide, quantum interpellet inani / ventre diem durare, domesticus otior. haec est / vita solutorum misera ambitione gravique; / his me consolor victurum suavius ac si / quaestor avus pater atque meus patruusque fuisset</em> (vv. 127-131) (&#8220;dopo aver mangiato non avidamente, quel tanto che basta per non restare a stomaco vuoto l&#8217;intera giornata, me ne sto a casa a far nulla. E&#8217; questa la vita di chi &egrave; libero dall&#8217;ambizione che rende infelici e che opprime. Io mi consolo a pensare che, cos&igrave;, vivr&ograve; una vita pi&ugrave; piacevole che se avessi avuto un questore per nonno e per padre e per zio&#8221;). Anche nelle<em> Odi </em>Orazio compie un&#8217;esaltazione dell&#8217;<em>otium</em>: nell&#8217;ode I, 1 incontriamo un inno al riposo mentre nell&#8217;ode 15 del quarto libro un&#8217;invocazione alla <em>Pax-otium, </em> contro l&#8217;ira &#8220;che forgia le spade e inimica le misere citt&agrave;&#8221;.</p>
<p>Anche per Virgilio l&#8217;<em>otium </em>si ricollega ad un ideale di pace, la quale presuppone una forma di attivit&agrave; serena e felice. In <em>Bucoliche, </em>I, 6, il pastore Titiro si rivolge a Melibeo dicendo: <em>O Meliboee, Deus nobis haec otia fecit</em> (&#8220;O Melibeo, un dio ci ha donato questa pace&#8221;: <em>otium</em>, in questo caso, si pu&ograve; benissimo tradurre &#8220;pace&#8221;, che &egrave; la pace dei campi, ma anche l&#8217;assenza di guerra). Come osserva ancora Andr&eacute;, &#8220;les <em>otia</em> repr&eacute;sentent l&#8217;effort joyeux dans les campagnes pacifie&eacute;s, liber&eacute;es du <em>miles impius</em> par la <em>Pax </em>et soustraites &agrave; la tr&eacute;pidation fr&eacute;n&eacute;tique des villes&#8221; <a href="#a7" name="7">(7)</a>.</p>
<p>Ma il poeta che pi&ugrave; di tutti si sente fin nel profondo appartenere ad un ideale di <em>otium </em>&egrave; Ovidio che, nell&#8217;esilio a Tomi, sul Mar Nero (dove era stato relegato da Augusto nell&#8217;8 d. C. ), riveste le parole dei <em>Tristia </em>di una commossa e malinconica elegia. Nel primo libro di quest&#8217;opera dell&#8217;esilio, egli ripensa al suo viaggio fino al Mar Nero e fa coincidere l&#8217;<em>otium </em>con l&#8217;attivit&agrave; letteraria; uno scrittore, un intellettuale, per scrivere ha bisogno di <em>otium</em>: <em>carmina proveniunt animo deducta sereno; / nubila sunt subitis pectora nostra malis. / carmina secessum scribentis et otia quaerunt; / me mare, me venti, me fera iactat hiems</em> (I, 39-42) (&#8220;la poesia nasce da un animo sereno, e sul mio cuore gravano le nubi di un&#8217;improvvisa sciagura. La poesia richiede una vita appartata e quieta e io sono sballottato dal mare, dai venti e dalla furia dell&#8217;inverno&#8221;). In un altro punto dei <em>Tristia, </em>Ovidio si presenta come il poeta votato all&#8217;<em>otium </em>per eccellenza: <em>quique fugax rerum securaque in otia natus, / mollis et impatiens ante laboris eram, / ultima nunc patior&#8230; </em>(II, 2, 9-11) (&#8220;Io che sfuggivo la vita indaffarata ed ero nato per un&#8217;esistenza tranquilla e senza impegni, io che prima ero delicato e incapace di sopportare la fatica, ora affronto situazioni estreme&#8230; &#8220;). L&#8217;<em>otium, </em>in questo passo ovidiano, si oppone al <em>labor</em>, la parola latina che dar&agrave; origine all&#8217;italiano &#8220;lavoro&#8221; (quindi, si pu&ograve; affermare che, in un certo senso, qui <em>labor </em>va a coincidere con <em>negotium</em>). E, successivamente, rievoca il suo passato alla corte augustea, quando rifiutava con decisione il <em>negotium </em>e il lavoro politico: <em>maius erat nostris viribus illud onus. </em>/ <em>nec patiens corpus, nec mens fuit apta labori, / sollicitaeque fugax ambitionis eram, / et petere Aoniae suadebant tuta sorores / otia, iudicio semper amata meo</em> (IV, 10, 36-40) (&#8220;quell&#8217;occupazione [il senato] aveva un peso superiore alle mie forze. Non avevo un fisico resistente, n&eacute; un animo adatto a tale fatica, e rifuggivo dalle tensioni della carriera politica. Le sorelle Aonie [le Muse] mi spingevano a cercare la tranquillit&agrave; della vita privata, da me sempre preferita&#8221;).</p>
<p>E, in Ovidio, anche le gioie dell&#8217;amore richiedono l&#8217;<em>otium</em> come un elemento vitale; cos&igrave; il poeta ha scritto nei <em>Remedia amoris </em>(vv. 141-144): <em>quam platanus vino gaudet, quam populus unda / et quam limosa canna palustris humo, / tam Venus otia amat; qui finem quaeris amoris, / cedit amor rebus; res age: tutus eris</em> (&#8220;Come il platano ama la vite, il pioppo l&#8217;acqua, le canne di palude la terra limacciosa, cos&igrave; Venere ama il tempo libero: tu che vuoi la fine di un amore datti al lavoro e sarai al sicuro: l&#8217;amore si ritira di fronte all&#8217;attivit&agrave;&#8221;).</p>
<p>Da un poeta ad un filosofo: &egrave; Seneca, infatti, a riabilitare pienamente l&#8217;<em>otium </em>come stile di vita. Pi&ugrave; specificatamente, &egrave; la sua opera <em>De brevitate vitae </em>(&#8220;Sulla brevit&agrave; della vita&#8221;), che si preoccupa costantemente di conferire un senso positivo alle parole <em>otiosi </em>e <em>otiosa vita. </em> Qui, i capitoli XII, 2, XIII, 1 e XIV, 1 rappresentano uno sforzo metodico per riabilitare il tempo libero, i capitoli XII e XIII costituiscono un&#8217;accusa contro le definizioni volgari della <em>vita otiosa</em>, mentre l&#8217;<em>incipit </em>del XIV realizza una strenua difesa dell&#8217;<em>otium </em>filosofico: <em>soli omnium otiosi sunt qui sapientiae vacant, soli vivunt</em> (&#8220;soli fra tutti, sono gli &#8216;oziosi&#8217; quelli che dedicano il tempo alla saggezza, solo essi vivono&#8221;). Ma, per Seneca, quello che comunemente viene considerato <em>otium </em>e tempo libero, non lo &egrave;. Non lo era allora e non lo &egrave; al giorno d&#8217;oggi. Proviamo a confrontare quanto dice Seneca in proposito nel <em>De brevitate vitae</em>, riguardo agli uomini del I secolo dopo Cristo, con quanto leggiamo nel <em>Manifesto contro il lavoro</em>, scritto dal Gruppo Krisis nel 1999.</p>
<p>Cos&igrave; scrive Seneca: <em>Persequi singulos longum est, quorum aut latrunculi aut pila aut excoquendi in sole corporis cura consumpsere vitam. Non sunt otiosi, quorum voluptates multum negotii habent</em> (XIII, 1) (&#8220;Enumerarli uno per uno sarebbe troppo lungo, passano la vita a giocare a scacchi o a palla, oppure a dedicarsi alla cura del sole. Non sono oziosi, i loro piaceri costano tanta fatica&#8221;).</p>
<p>Cos&igrave; leggiamo nel <em>Manifesto contro il lavoro</em>: &#8220;Sobald es sich aus dem Fernsehsessel erhebt und aktiv wird, verwandelt sich jedes Tun sofort in ein arbeits&auml;hnliches. Der Jogger ersetzt die Stechuhr durch die Stoppuhr, im chromblanken Fitne&szlig;studio erlebt die Tretm&uuml;hle ihre postmoderne Wiedergeburt und die Urlauber schrubben in ihrem Auto Kilometer herunter, als m&uuml;&szlig;ten sie die Jahresleitung eines Fernfahrers erbringen&#8221; <a href="#a8" name="8">(8)</a>.</p>
<p>Nella Roma di Seneca come nell&#8217;et&agrave; contemporanea, il &#8220;tempo libero&#8221;, che esiste in virt&ugrave; dei <em>negotia</em>, del lavoro, &egrave; lavoro esso stesso, poich&eacute; sempre legato alla logica costrittiva del <em>negotium. </em> Perci&ograve;, per Seneca, il vero &#8220;tempo libero&#8221; deve essere dedicato alla cura di se stessi. Come ha osservato Michel Foucault, l&#8217;applicazione a se stessi, in Seneca, raggiunge un&#8217;ampiezza notevole e viene denominata secondo svariate formule: <em>secum morari, suum fieri, in se recedere</em> ecc. , tutto per raggiungere una <em>vacatio, </em>una libert&agrave; per se stessi. A tale proposito si pu&ograve; ricordare ancora il <em>De brevitate vitae </em>a VII, 5: <em>Magni, mihi crede, et supra humanos errores eminentis viri est nihil ex suo tempore delibari sinere, et ideo eius vita longissima est, quia, quantumcumque patuit, totum ipsi vacavit</em> (&#8220;Credimi, &egrave; proprio del grand&#8217;uomo che eleva se stesso sopra tutti gli errori umani non permettere che gli venga sottratto niente del suo tempo, e perci&ograve; la sua vita &egrave; lunghissima, qualunque sia stata la sua durata, poich&eacute; &egrave; stato sempre libero per se stesso&#8221;). Questa costante attenzione al ritorno a se stesso anticipa indubbiamente i futuri ideali espressi nel <em>De Otio</em> (databile al 62 d. C. , ai tempi del ritiro dalla vita politica), che si configura quasi come un&#8217;opera &#8220;esoterica&#8221; (nel senso di essere riservata a pochi eletti), dedicata alla formazione del perfetto saggio stoico, in pace con la morale civica e con la legge universale, per il quale l&#8217;<em>otium </em>si trasforma in una solitudine contemplativa.</p>
<p>Infine, per concludere questo rapido <em>excursus</em> attraverso gli autori latini<em>, </em>si pu&ograve; osservare come il succo principale dell&#8217;<em>otium</em>, la sua energia positiva sia riposta, forse, proprio in questo essere per se stessi, in questa cura rivolta all&#8217;interiorit&agrave; e alla realt&agrave; dell&#8217;esistere in un determinato modo, al &#8220;fermarsi e riflettere&#8221;, tanto pi&ugrave; da valorizzare oggi, in una societ&agrave; che gioca completamente sulla velocit&agrave; e sull&#8217;irrealt&agrave;. L&#8217;essere per se stessi andrebbe esteso a tutta una comunit&agrave; globale a venire, in modo da poter costruire un <em>otium </em>reale contro un <em>negotium </em>irreale, contro la vecchia e malata societ&agrave; del <em>negotium </em>che si basa sulla democrazia delle bombe e sulle distruzioni di massa.</p>
<p>Bibliografia</p>
<p>Andr&eacute;, J. M. , <em>Recherches sur l&#8217;otium romain, </em>Les Belles Lettres, Paris 1962.</p>
<p>Id. , <em>L&#8217;otium dans la vie moral et intellectuelle romaine (des origines &agrave; l&#8217;&eacute;poque august&eacute;enne)</em>, Presses Universitaires de France, Paris 1966.</p>
<p>Dziatzco, C. , <em>Ausgew&auml;hlte Kom&ouml;dien des P. Terentius Afer, erk&auml;rt von C. Dziatzko, </em>Leipzig 1881.</p>
<p>Fick, A. , <em>Vergleichendes W&ouml;rterbuch der Indogermanischen Sprachen, </em>Vandenhoeck &#038; Ruprecht, G&ouml;ttingen 1870-71, vol. I, 1870.</p>
<p>Foucault, M. , <em>Le souci de soi, </em>Gallimard, Paris 1984.</p>
<p>Gruppe Krisis, <em>Manifest gegen die Arbeit, </em> im Eigenverlag, Juni 1999.</p>
<p>Schwyzer, A. , <em>Etymologisch-Kulturgeschichtliches, </em>&#8220;Indogerm. Forschungen&#8221;, 45, 1927, pp. 252-266.</p>
<p><a href="#1" name="a1">(1)</a> E. Schwyzer, Etymologisch-Kulturgeschichtliches, &#8220;Indogerm. Forschungen&#8221;, 45, 1927, pp. 252-266, p. 261 e seguenti.</p>
<p><a href="#2" name="a2">(2)</a> Ibid.</p>
<p><a href="#3" name="a3">(3)</a> Da A. Fick, Vergleichendes W&ouml;rterbuch der indogermanischen Sprachen, Vandenhoeck &#038; Ruprecht, G&ouml;ttingen 1870-71, vol. I, 1870, p. 338.</p>
<p><a href="#4" name="a4">(4)</a> Come sappiamo da Diogene Laerzio, nelle sue Vite e opinioni dei filosofi pi&ugrave; famosi, VI, 51.</p>
<p><a href="#5" name="a5">(5)</a> Ausgew&auml;hlte K&ouml;modien des P. Terentius Afer, erk&auml;rt von C. Dziatzko, Leipzig 1881, p. 21.</p>
<p><a href="#6" name="a6">(6)</a> J. M. Andr&eacute;, L&#8217;otium dans la vie morale et intellectuelle Romaine (des origines a l&#8217;&eacute;poque august&eacute;enne), Presses Universitaires de France, Paris 1966, p. 309.</p>
<p><a href="#7" name="a7">(7)</a> Ibid. , p. 505</p>
<p><a href="#8" name="a8">(8)</a> Gruppe Krisis, Manifest gegen die Arbeit, Juni 1999 im Eigenverlag, S. 35.</p>
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		<title>Alter Wein in neue Schläuche?</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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New Work, Wertkritik und Oekonux - Ein Gespräch mit Franz Nahrada]]></description>
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<h3>New Work, Wertkritik und Oekonux &#8211; Ein Gespr&auml;ch mit Franz Nahrada</h3>
<p> <span id="more-379"></span></p>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em> &#8220;New Work&#8221; hei&szlig;t das Konzept, mit dem Frithjof Bergmann der Krise der Arbeitsgesellschaft beikommen will. Weltweit sto&szlig;en Bergmanns Ideen auf gro&szlig;e Resonanz, die ihren Niederschlag auch in praktischen Projekten gefunden hat. Franz Nahrada hat dieser Tage in Wien eine Veranstaltung mit dem Philosophen des New Work organisiert. Anlass genug, um uns mit ihm &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von New Work zur Wert- und Arbeitskritik zu unterhalten und &uuml;ber die Chancen, damit Wege aus dem Kapitalismus zu er&ouml;ffnen. </em></p>
<p><em>Andreas Exner</em>: <em>Wie w&uuml;rdest du die Eckpfeiler der New-Work-Idee beschreiben? </em></p>
<p>Franz Nahrada: Im Grunde f&uuml;hrt Frithjof Bergmann Gedanken weiter, die in &auml;hnlicher Form von Alvin Toffler und Marshall McLuhan ge&auml;u&szlig;ert wurden: dass n&auml;mlich die Epoche der industriellen Produktion durch die Ausbreitung der Mikroelektronik und der Informationstechnologie nicht nur von der Produktionsseite ihre Grundlagen untergr&auml;bt, sondern auch von der Produktseite. Die Produkte industrieller Produktion werden durch die Implementation von Chips und Kybernetik selbst zu Produktionsmitteln. Die Ver&auml;nderung der Produktion und der Produkte geschieht simultan.</p>
<p>Toffler nannte das die &#8220;Dritte Welle&#8221; oder das &#8220;Prosumenten-Zeitalter&#8221;, McLuhan spricht vom radikalen Gegensatz zwischen dem zentralisierenden Industriekonzept und dem dezentralisierenden Automationskonzept. In zahllosen Beispielen beschreiben sie, wie Arbeit auch auf der Produktseite an den Konsumenten &#8220;ausgelagert&#8221; wird: eigener Schwangerschaftstest, eigene Textmaschine, eigene Druckerei&#8230; Unser Alltag ist eigentlich voller Dinge, die uns in die Lage versetzen, selber zu tun, wof&uuml;r fr&uuml;her eine spezialisierte Funktion notwendig war.</p>
<p>Frithjof Bergmanns origin&auml;re Leistung ist es, diese simultane Ver&auml;nderung &#8211; Arbeitspl&auml;tze werden wegrationalisiert und die Produkte werden immer intelligenter &#8211; zusammengeschlossen zu haben. Die Lohnarbeit geht zur&uuml;ck und die Technologie der Eigenproduktion wird immer m&auml;chtiger: Man muss nur eins und eins zusammenz&auml;hlen k&ouml;nnen, um zu sehen, welche Konsequenzen das haben k&ouml;nnte: Produzenten, die zunehmend weniger &#8220;Arbeitgeber&#8221; brauchen, weil sie eben direkteren Zugriff auf produktive Potenzen haben, k&ouml;nnen ihren Eigenarbeitsraum schaffen.</p>
<p>Im Gegensatz zu Toffler, der sich eine nicht marktf&ouml;rmige L&ouml;sung &uuml;berhaupt nicht vorstellen konnte und kann, spricht Frithjof von der Notwendigkeit der zumindest parziellen Demonetarisierung &#8211; das versteht er unter &#8220;gemeinschaftlicher Eigenarbeit&#8221;. Aber das ist nur die Spitze eines Eisbergs: Mit der massenhaften Zunahme kopierender und realisierender Technologie wird die Qualifikationsstruktur der gesamten Arbeitswelt epochal umgew&auml;lzt. Auch innerhalb der Wirtschaft kommt es nicht mehr auf das Vollziehen von vorgegebenen Kommandos an, sondern auf die st&auml;ndig steigende Eigent&auml;tigkeit. Diese steht nat&uuml;rlich unter dem Diktat von absurden betriebswirtschaftlichen Vorgaben.</p>
<p>Spannend ist nun, dass diese beiden Spielarten der &#8220;Eigenmacht&#8221; &#8211; jene im System und jene au&szlig;erhalb davon &#8211; beginnen miteinander Kontakt aufzunehmen. Das ist in gro&szlig;em Stil erstmals in der Open-Source-Bewegung geschehen. F&uuml;r mich ist das New-Work-Konzept, wenn du so willst, der &#8220;ideologische Ausdruck&#8221; dieses Prozesses, wobei richtiges und falsches Bewusstsein munter durcheinandergehen. Auf jeden Fall entsteht durch diese &#8220;Koalition&#8221; etwas v&ouml;llig Neues. Hardt/Negri beschreiben das ph&auml;nomenologisch, ohne es auf den Begriff zu bringen.</p>
<p>Ich habe es die drei Eckpfeiler &#8220;Selbstversorgung&#8221;, &#8220;Selbstentfaltung&#8221; und &#8220;Selbst&auml;ndigkeit&#8221; genannt. Die stecken das New-Work-Konzept relativ gut ab, ohne dass wir die Resultate dieses Prozesses im Einzelnen schon kennen w&uuml;rden. Dennoch k&ouml;nnen wir diesen Prozess so besser verstehen und vor allem: mitgestalten!</p>
<p><em>Andreas Exner</em>: Was brachte dich dazu, dich f&uuml;r dieses Konzept einzusetzen? Wo siehst du seine Chancen, wo liegen deiner Meinung nach die Defizite?</p>
<p>Franz Nahrada: Ich traf Frithjof Bergmann an der TU Wien und h&ouml;rte mir an, was er &uuml;ber &#8220;Self Providing Villages&#8221; in S&uuml;dafrika sprach. Er war in Begleitung eines ANC-Abgeordneten, und ich sah staunend, dass da mein Konzept eines &#8220;Globalen Dorfes&#8221; besprochen wurde. Wir sind dann bis Mitternacht im Caf&eacute; gesessen und haben beschlossen uns zusammenzutun.</p>
<p>Also in S&uuml;dafrika hat in der ANC-Regierung oder zumindest bei einigen Ministern der Zweifel an der Globalisierung zu historisch vielleicht bedeutsamen Ideen gef&uuml;hrt. Der Nettoeffekt der Zurichtung von Land und Leuten als Produktionsstandort globaler Konzerne ist katastrophal. Die Idee, auf Eigenproduktion zu setzen, ist &auml;hnlich revolution&auml;r wie die Vertreibung der Bauern von der Scholle am Beginn der kapitalistischen Dynamik.</p>
<p>Gegen&uuml;ber Frithjof hab ich nur eine Akzentsetzung vorgenommen, aber gemerkt, dass ihm die ganz recht war. Ich wies darauf hin, dass sich die Eigenarbeit in unbeschr&auml;nkt gro&szlig;en Netzwerken des Informationsaustausches zu vernetzen imstande ist. Keine New-Work-Bewegung ohne Open Source. Das hei&szlig;t aber: Je mehr eigenproduzierende D&ouml;rfer es auf der Welt gibt, umso st&auml;rker ist ihre Produktivkraft, Bandbreite, Ingenuit&auml;t und letztlich &#8211; ihre politische Macht.</p>
<p>Zweitens betone ich immer auch den &ouml;kologischen Gesichtspunkt. Das gesamte Techniksystem ist auf der Basis einer enormen Blindheit gegen die allgemeinen Produktionsvoraussetzungen aufgebaut. Ich meine, dass ein selbstbestimmtes menschliches Produktionssystem zum Beispiel dem Automobil nicht denselben Stellenwert einr&auml;umen kann wie ein von Kapital- und Absatzschlachten dominiertes. Umgekehrt sind wir heute in der Lage, stoffliche Kreislaufsysteme zu komponieren, die wie nat&uuml;rliche Biotope sich quasi automatisch selbst regenerieren. Diese Akzentsetzungen reichen weit &uuml;ber das New-Work-Konzept hinaus, k&ouml;nnen es aber nicht unber&uuml;hrt lassen.</p>
<p><em>Andreas Exner</em>: Was ist das Neue an New Work? Bergmann pl&auml;diert zwar f&uuml;r eine radikale Selbstverwirklichung in Gemeinschaft, doch scheint es mir im Unklaren zu bleiben, inwieweit sein Konzept &uuml;ber eine blo&szlig;e Utopie mit moralisierendem Unterton hinausgeht.</p>
<p>Franz Nahrada: Mir scheint das Neue an New Work gerade das Insistieren darauf zu sein, dass &#8220;Selbstverwirklichung in Gemeinschaft&#8221; nicht die einsame Entscheidung einiger Individuen ist, die sich dann noch dazu mit dem Schicksal abfinden m&uuml;ssen, vom Mainstream der gesellschaftlichen Produktivkraft abgeschnitten zu sein. Robert Kurz hat in &#8220;Anti&ouml;konomie und Antipolitik&#8221;1 ganz &auml;hnliche Gedanken wie Frithjof Bergmann anklingen lassen: dass die von dieser Gesellschaft nicht mehr gebrauchte und nicht mehr organisierte Kompetenz eigenst&auml;ndig von Individuen organisierbar ist. Wo aber bei Robert Kurz eine gro&szlig;e Leerstelle hinsichtlich des Funktionierens einer derart abgekoppelten Reproduktion jenseits der Lohnarbeit g&auml;hnt, die durch beliebig radikales Vokabular aufzuf&uuml;llen ist, sieht Frithjof einen konkreten historischen Prozess, der inmitten der noch funktionierenden Segmente der Waren&ouml;konomie beginnt, mit ihr in einem Spannungs- und Erg&auml;nzungsverh&auml;ltnis zugleich steht. Hier hat er sich mit tausend verschiedenen Fragen der konkreten Ausgestaltung des Entstehens von auch stofflich &uuml;berlebensf&auml;higen Communities besch&auml;ftigt, wo hingegen bei Theoretikern wie Kurz nur die immergleiche Versicherung steht, dass selbstverst&auml;ndlich ein Kampf und eine Auseinandersetzung um Ressourcen mit der offiziellen kapitalistischen Welt angesagt sei. Wie bitte soll man sich das konkret vorstellen? Wie sollen das &Uuml;berleben in einer bis an die Z&auml;hne hochger&uuml;steten b&uuml;rgerlichen Welt und zugleich eine &uuml;berlegene Reproduktionsform gleicherma&szlig;en m&ouml;glich sein? Kein Wunder, dass Robert Kurz sich vom Konkretismus der <em>krisis</em> 19 wieder distanziert und auf das Level eines allgemeinen revolution&auml;ren Bewusstseinsakts zur&uuml;ckgezogen hat, mit dem sich trefflich auf die &#8220;Handwerkelei&#8221; der praktischen Bewegung heruntersehen l&auml;sst.</p>
<p>Dabei wissen wir sp&auml;testens seit Eric Hobsbawm, dass die Epoche der b&uuml;rgerlichen Revolution Ergebnis eines jahrhundertelangen Wachsens der Keimform b&uuml;rgerlichen Lebens innerhalb der alten feudalen Gesellschaft war, dass diese Keimform nicht zuletzt deswegen wachsen konnte, weil sie dem Interesse der Feudalherren an Reichtum f&uuml;r die Alimentation ihrer milit&auml;rischen Gewalt entgegenkam. Die Wertkritik hat in dieser Hinsicht wertvolle Aufkl&auml;rungsarbeit geleistet. Der logische Schluss, dass es auch hinsichtlich der &Uuml;berwindung b&uuml;rgerlicher Verh&auml;ltnisse einer &auml;hnlichen Keimform bedarf, die systemkonform und systemsprengend zugleich wirkt, wurde nur von einigen Leuten im Umfeld von Oekonux &uuml;berhaupt durchdacht.</p>
<p>Frithjof ist meiner Ansicht nach ein Keimformtheoretiker, der der offiziellen Gesellschaft nicht nur ihre wachsenden Defizite in der Aufrechterhaltung ihrer eigenen zivilisatorischen Standards entgegenh&auml;lt, sondern eben auch die M&ouml;glichkeit aufzeigt, durch die Transzendierung des engen Horizonts der Lohn- und Erwerbsarbeit eine Perspektive der Ausbalancierung ansonsten immer weniger haltbarer gesellschaftlicher Verh&auml;ltnisse zu erreichen. Ebenso wenig wie Marx macht er Voraussagen, wie sich eine solche gesellschaftliche Subjektivit&auml;t weiterzuentwickeln vermag. Es geht um das Hier und Heute und um die M&ouml;glichkeit, ja Notwendigkeit der Etablierung von Segmenten selbstbestimmten Lebens.</p>
<p>Dabei ist Frithjof nicht moralisierend, er zeigt sogar, wie die jahrhundertelange Gew&ouml;hnung an Lohnarbeit und Geld eine s&auml;kulare &#8220;Armut der Begierde&#8221; erzeugt hat, also eine Unf&auml;higkeit zu einer Selbstbestimmung, die sich nicht in vom Markt vorgekauten Alternativen bewegt. Aber diese &#8220;Armut der Begierde&#8221; ist kein Schicksal, und genauso wie die verschiedenen Phasen der Subsumtion unter die Sachzw&auml;nge des Geldes und der ihm dienlichen Gewaltverh&auml;ltnisse ein schrittweiser Gew&ouml;hnungsprozess waren, genauso verh&auml;lt es sich eben mit der Aufhebung dieser gesellschaftlichen Verkehrsformen. Nur derjenige moralisiert nicht, der dem Willen einen gangbaren Weg zeigt, aus seiner Ohnmacht herauszufinden.</p>
<p><em>Andreas Exner</em>: Wie sehen die Erfahrungen in den New-Work-Projekten aus? Volker Hildebrandt meint in seinem Beitrag zu New Work f&uuml;r das Buch &#8220;Feierabend&#8221;2, dass die meisten Projekte weit unter den Anspr&uuml;chen des Konzepts bleiben.</p>
<p>Franz Nahrada: Ja. Das ist wohl auch Frithjof bekannt. Und dennoch: Wof&uuml;r soll das ein Argument sein? Doch nur daf&uuml;r, es besser zu machen. Jeder, der sich mit New Work einl&auml;sst, tut gut daran, sich selbst ein Bild vom Stand der Projekte zu machen, die es rund um die Welt gibt. Insgesamt handelt es sich um tastende Versuche, um Aufbr&uuml;che ins Neue, Unbekannte, die auch immer wieder eingeholt werden von ihren eigenen Unzul&auml;nglichkeiten. Ein Projekt wie die Sozialistische Selbsthilfe M&uuml;lheim zum Beispiel wirkt f&uuml;r viele abschreckend, weil da auf relativ niedrigem Level der Produktivkraft gearbeitet wird und sehr viel nur dadurch gelingt, dass bewusst Abstriche im Lebensstandard gemacht werden, sehr viel manuelle und m&uuml;hsame T&auml;tigkeit in Kauf genommen wird etc. Und dennoch sind genau diese Projekte, die ihre eigenen M&ouml;glichkeiten nicht &uuml;bersch&auml;tzt haben, die z&auml;hesten und lebensf&auml;higsten.</p>
<p>Die Entwicklung zu &uuml;berlegenen Formen der Produktivkraft dezentral vernetzter Produktionseinheiten ist einerseits m&uuml;hsam, auf der anderen Seite l&auml;sst ein gelegentlicher Blick in die Technologiespalten der Zeitungen erahnen, wie rasch deren Bedingungen heranreifen. Was bleibt uns anderes &uuml;ber, als diese Entwicklung nach Kr&auml;ften zu bef&ouml;rdern und eine Allianz all jener herbeizuf&uuml;hren, die an der Verf&uuml;gbarmachung solcher Fortschritte f&uuml;r die verschiedensten Ans&auml;tze der &#8220;Selbstverwirklichung in Gemeinschaft&#8221; interessiert sind? Das Potenzial f&uuml;r eine solche Allianz ist ungeheuer gro&szlig;, und das Selbstbewusstsein der &#8220;Globalen D&ouml;rfer&#8221; w&auml;chst in dem Ma&szlig;, in dem sie nicht nur ihre produktiven F&auml;higkeiten, sondern vor allem die F&auml;higkeit, sie an andere zu kommunizieren, vergr&ouml;&szlig;ern.</p>
<p><em>Andreas Exner</em>: Liest man Bergmann, so findet man wenig Gesellschaftskritik oder Theorie, dagegen viele Appelle. New Work gleicht in diesem Sinne eher einer Spielart &#8220;Positiven Denkens&#8221; denn emanzipativer Theorie oder Praxis-Reflexion.</p>
<p>Franz Nahrada: Lassen wir mal die Frage beiseite, ob diese Feststellung wirklich stimmt, so scheint mir doch die Verbindung zwischen Theorie und Praxis keineswegs so einfach zu sein, wie sie hier unterstellt ist. Obwohl das weit &uuml;ber die Bergmann-Thematik hinausgeht, kann ich mir doch den Hinweis nicht ersparen, dass gerade in Theoretikerzirkeln nicht automatisch &#8220;emanzipative Praxis&#8221; zu Hause ist. Die <em>krisis</em>-<em>Exit! -</em>Kontroverse k&ouml;nnte, richtig betrachtet, ein wenig Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber stiften, wie schwer der Weg von einer Kritik b&uuml;rgerlicher Verkehrsformen zu emanzipativer Praxis ist. Ich bin selbst lange der Vorstellung vom Automatismus nachgehangen, derzufolge die Erkenntnis dessen, was ist, auch den Weg der Aufhebung miteinschlie&szlig;t. Aber in Wirklichkeit ist Denken nicht nur Werkzeug der Erkenntnis, sondern auch ein Weg, unsere Energien und unsere Aufmerksamkeit zu lenken. Denken kann ein h&ouml;chst sch&ouml;pferischer Vorgang sein, in dessen Vollzug sich neue M&ouml;glichkeiten abzeichnen, ein gestaltendes Bewusstsein von der Welt.</p>
<p>Frithjof Bergmann beabsichtigt gar nicht, eine Theorie des zeitgen&ouml;ssischen Kapitalismus zu liefern, doch sind seine Befunde so eindeutig und auch mit der Wertkritik kompatibel, dass ich mich schon wundern muss, dass ihm &#8220;Positives Denken&#8221; vorgeworfen wird. Nein, er sagt zum Beispiel ganz klipp und klar, dass es aus ist mit der Vollbesch&auml;ftigung, auch aus ist mit der Zweidrittelgesellschaft, dass wir l&auml;ngst in eine s&auml;kulare Krise der (Lohn-)Arbeit geraten sind. Nur ist das nicht Anlass, &uuml;ber die Krise zu kontemplieren. Krise hei&szlig;t auch immer M&ouml;glichkeit des Neuen, und warum sollte denn das nicht interessieren? Gerade jemand, der an vorderster politischer Front steht, sollte es verstehen, dieses Neue auch so zu erfassen und zu vermitteln, dass es massenhaft verst&auml;ndlich und handhabbar wird. Dieses Neue ist keine neue Gesellschaftsformation, es ist zun&auml;chst noch neue Praxis im alten Rahmen. Das Buch &#8220;Neue Arbeit, neue Kultur&#8221;3 ist eine Spurensuche, wie sich dieses Neue zu organisieren vermag; wie es das massenhafte negierende Urteil L&uuml;gen straft, das durch die Entlassung, die sozialstaatliche Entm&uuml;ndigung und Passivierung, das Nicht-in-Dienst-Nehmen oder die Prekarisierung &uuml;ber die Menschen gesprochen wird; wie es sich dabei allerdings auch mit einer Gesellschaft zu arrangieren vermag, deren Tage wohl gez&auml;hlt sind.</p>
<p>Frithjof weist nach, wie massiv die Kompetenz und Professionalit&auml;t, das ungeheure Potenzial der nicht mehr kapitalistisch organisierbaren Kreativit&auml;t und Produktivit&auml;t angewachsen sind. Ein Potenzial, das alles andere will als ein weiteres Wachstum des Schrottplatzes, der ungeheuren Warensammlung, die sinn- und ziellos unser Leben &uuml;berflutet. Eine Bewegung, der es um intelligente Produktion, um Wiedergewinnung von Kontrolle &uuml;ber das eigene Leben, um Gestaltung von Qualit&auml;ten und Beziehungen geht, w&auml;chst aus der vernachl&auml;ssigten Menge von Wissen und K&ouml;nnen. Ja, an dieses Potenzial richtet sich Frithjofs Appell, sich zusammenzutun und sich nicht mehr den Imperativen des Lohns und der Fremdbestimmung zu unterwerfen. Die technologische Kraft der assoziierten Arbeit ist so stark geworden, dass sie das Kapital &uuml;ber weite Strecken nicht mehr braucht. Das klingt unglaublich, weil uns st&auml;ndig das Gegenteil eingetrichtert wird: dass das Kapital die Arbeit nicht mehr braucht. New Work ist nichts anderes als der offizielle und einvernehmliche Vollzug der Ehescheidung mit einem akzeptablen Scheidungspreis!</p>
<p>Nat&uuml;rlich muss man daf&uuml;r sorgen, dass der geschiedene Ehepartner nicht rabiat wird. New Work ist auch der Versuch, der Wirtschaft die Vorteile eines Arrangements mit der assoziierten Arbeit bewusst zu machen. Und zwar so nachhaltig, dass ein positives Interesse an diesem neuen Arrangement ein Wiederaufflammen des alten Beziehungskrieges verhindert. Deswegen geht es auch um Produkte und neue M&auml;rkte. Auf absehbare Zeit entstehen eben keine &#8220;Fabricators&#8221; in Eigenproduktion!</p>
<p><em>Andreas Exner</em>: Die Betonung &#8220;unternehmerischen Geistes&#8221; im Verein mit einer grunds&auml;tzlichen Marktgl&auml;ubigkeit weckt bei mir die Bef&uuml;rchtung, dass Bergmanns New Work letztlich blo&szlig; der Ausweitung der Ich-AGs Vorschub leistet. Wie siehst du die Abgrenzung zwischen New Work und neoliberalem Selbstunternehmertum? Kommt es hier nicht zu problematischen &Uuml;berschneidungen?</p>
<p>Franz Nahrada: Frithjof pflegt an dieser Stelle zu sagen, dass es keine gr&ouml;&szlig;ere Sklaverei gibt als die der so genannten Selbst&auml;ndigen, die zu Sklaven des Markts geworden sind. Er setzt eine sehr deutliche Abgrenzung zur rein formellen Freiheit der Selbstausbeutung. Diese Abgrenzung kann mehrfach praktisch werden:</p>
<p>1. Durch den Primat des &#8220;Calling&#8221;. Es geht prim&auml;r darum, die eigenen Bed&uuml;rfnisse zu sp&uuml;ren und die Art, wie jeder sein Leben in Gesellschaft vollzieht, was es ihn zu geben dr&auml;ngt. Leben ist ein Prozess von Geben und Nehmen, und Selbstentfaltung ein Prozess, in dem wir unsere t&auml;tige Seite leidenschaftlich entfalten. Ob sich der Austausch marktf&ouml;rmig vollzieht oder in einer anderen Vermittlungsform, das ist keineswegs unwichtig &#8211; aber die Definition dessen, wodurch wir mit anderen Menschen das sind, was wir sind, nimmt uns kein h&ouml;heres Wesen ab.</p>
<p>2. Durch die Assoziation. Keiner kann seine Arbeit alleine und gegen die anderen tun. Dies ist eine Illusion, die uns eingetrichtert wird. New Work besteht auch darin, die richtigen Gemeinschaften und Soziotope auszuw&auml;hlen und zu finden, in denen lohnende und befriedigende Formen der Selbstorganisation von Arbeit m&ouml;glich sind.</p>
<p>3. Durch die radikale Senkung der Lebenshaltungskosten bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Lebensqualit&auml;t. M&ouml;glich wird dies durch Kreislaufschl&uuml;sse assoziierter Arbeit, Gemeinschaftsbildung, Ressourcenpooling etc.</p>
<p>Freilich: Die Netzwerkbildung ist auch f&uuml;r diejenigen interessant, die innerhalb des alten Systems keine Chancen mehr gegen Monopole und geballte Kapitalmacht haben. Das ist eine unvermeidliche &Uuml;berschneidung. Durch die flexible Automation und die offenen Wissensquellen kommt es auch zu einer Renaissance des Handwerks und der kleinen Betriebe. Doch deren Unternehmer sind nicht mehr dieselben &#8220;Kleinb&uuml;rger&#8221;, die wir aus der Vergangenheit kennen. Unter der Hand haben sie sich ebenfalls in kooperative Produzenten verwandelt, die von partizipativen Ressourcen gest&auml;rkt werden und sie selbstbewusst ausbauen. Eine nicht uninteressante Perspektive!</p>
<p><em>Andreas Exner</em>: Bergmann scheint mir einen recht fragw&uuml;rdigen, wenn nicht gar g&auml;nzlich unreflektierten und unpr&auml;zisen Arbeitsbegriff zu vertreten. In einem Interview betont er, dass New Work dazu f&uuml;hren w&uuml;rde, selbst intime Beziehungen zu vernachl&auml;ssigen, weil &#8220;sinnvolle Arbeit&#8221; das Interesse eines Menschen so sehr fesseln k&ouml;nne. Ist das nicht ausgesprochen problematisch?</p>
<p>Franz Nahrada: Auch bei Marx gibt es die emphatische Formulierung, die Arbeit werde zum &#8220;ersten Lebensbed&uuml;rfnis&#8221;, wenn sie nicht unter entfremdeten Bedingungen stattfinde. Die Frage ist freilich, was sinnvolle und nicht entfremdete Arbeit ist. Wir kennen das Ph&auml;nomen des m&auml;nnlichen &#8220;Hobbys&#8221;, das als kanalisierter Ausdruck von Individualit&auml;t und Emotion dient. Dass das wohl auch mit der traurigen Rolle der Intimit&auml;t und der Sinnlichkeit zu tun hat, die in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft hinter all dem promiskuitiven Spektakel &uuml;briggeblieben ist, dass eine durch Kalkulation und Besitzdenken zerst&ouml;rte Liebe das logische Resultat der Einrichtung der Familie als Reproduktionsgemeinschaft ist &#8211; das sind alles Faktoren, die hier mitspielen. Es kann schon sein, dass die Flucht in die Arbeit die Flucht in eine scheinbare Kontrolle der Welt ist, die sich der bewussten Gestaltung durch das Kollektiv entzieht. Genauso ist es aber gerade die Werkstatt, in der der Mensch sich als Gestalter und Ver&auml;nderer von Dingen erf&auml;hrt. Ich habe in meinem Leben ganz unterschiedliche Schwerpunktsetzungen an mir selbst erfahren und finde es am besten, wenn man sich von einem s&uuml;&szlig;en Wahn in den anderen begeben kann. So wird man im Leben am wenigsten irre und hat den meisten Genuss daran&#8230;</p>
<p>Im &Uuml;brigen halte ich es, streng wissenschaftlich gesehen, mit dem Arbeitsbegriff von Ulrich Sigor, der einen sehr n&uuml;chternen und befreienden Blick erm&ouml;glicht. Arbeit, so sagt er, ist jene menschliche T&auml;tigkeit, die ihre eigene Verringerung zum Ziel hat. Ohne jetzt ein weiteres Fass aufmachen zu wollen: Hier liegt vielleicht ein ganz h&uuml;bsches Fluchtt&uuml;rchen aus dem Gef&auml;ngnis einer &#8220;Arbeitsontologie&#8221; und ein Weg zu einem historischen Arbeitsbegriff, der die Rolle der kapitalistischen Akkumulation und der Arbeit als &#8220;Substanz des Kapitals&#8221; angemessen begreifen kann, ohne die immanente Rationalit&auml;t des Arbeitsbegriffs komplett verabschieden zu m&uuml;ssen. Das werden wir wohl zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt kl&auml;ren m&uuml;ssen&#8230;</p>
<p><em>Andreas Exner</em>: Wir danken f&uuml;r das Gespr&auml;ch.</p>
<hr />
<h4>Literatur</h4>
<p>Robert Kurz (1997): Anti&ouml;konomie und Antipolitik. Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des &#8220;Marxismus&#8221;, <em>krisis</em> 19/1997.</p>
<p>Volker Hildebrandt (1999): Ein Schritt vorw&auml;rts, zwei Schritte r&uuml;ckw&auml;rts. Von der &#8220;Neuen Arbeit&#8221; zur&uuml;ck zur &#8220;Alten Arbeit&#8221;. In: Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg. ): Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit, Hamburg, vergriffen. Online: www.streifzuege.org/feierabend_hildebrandt.html</p>
<p>3 Frithjof Bergmann (2004): Neue Arbeit, neue Kultur, Freiburg.</p>
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		<title>Der Rock ist ein Gebrauchswert</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:44:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Behrens; Roger]]></category>
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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2005/der-rock-ist-ein-gebrauchswert">Der Rock ist ein Gebrauchswert</a></p>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>KOLUMNE Rückkopplungen</em></p>
<p><em>von Roger Behrens</em> <span id="more-371"></span></p>
<p>&#8220;Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bed&uuml;rfnis befriedigt. Um ihn hervorzubringen, bedarf es einer bestimmten Art produktiver T&auml;tigkeit. Sie ist bestimmt durch ihren Zweck, Operationsweise, Gegenstand, Mittel und Resultat.&#8221; Diese, freilich das Kleidungsst&uuml;ck bezeichnende Formulierung aus dem , Kapital&#8217; (MEW 23, S. 56) hat Helmut Salzinger gleich mehrmals in seinem Buch , Rock Power&#8217; zitiert. Der vor wenigen Jahren zu fr&uuml;h gestorbene Salzinger war der erste Poptheoretiker &#8211; nicht nur als Kritiker der Popkultur, sondern als Kritiker, der es ohne modische All&uuml;ren verstand, Theorie selbst als Pop fortzusetzen; , Rock Power oder Wie musikalisch ist die Revolution? &#8216; ist ein Essay, eine Fragmentsammlung nach der Benjaminschen Kunst, ohne Anf&uuml;hrungszeichen zu zitieren. Salzinger hat so etwas wie das , Passagen-Werk&#8217; f&uuml;r die Rockmusik geschrieben und f&uuml;r die Popkultur fortgef&uuml;hrt, was Benjamin f&uuml;r die Massenkultur des 19. Jahrhunderts unternommen hatte: &#8220;Marx stellt den Kausalzusammenhang zwischen Wirtschaft und Kultur dar. Hier kommt es auf den Ausdruckszusammenhang an. Nicht die wirtschaftliche Entstehung der Kultur, sondern der Ausdruck der Wirtschaft in ihrer Kultur ist darzustellen.&#8221; (, Das Passagen-Werk&#8217;, S. 573f. ) So verf&auml;hrt Salzinger mit dem Wesen der Rockmusik der Sechziger und fr&uuml;hen Siebziger. Auch hier gilt, nach Hegel, dass das Wesen erscheint: der musikalische Ausdruck des Rock ist der Gestus der Authentizit&auml;t. Im selben Jahrzehnt der Restauration, in dem die postfaschistische b&uuml;rgerliche Kultur in die Innerlichkeit und gef&uuml;hlige Echtheit flieht &#8211; Adorno kritisierte diese deutsche Ideologie im , Jargon der Eigentlichkeit&#8217; (1964) -, konstituiert sich die Massenkultur ebenfalls auf dem ideologischen Boden des echten Gef&uuml;hls, der seelischen Expression, des Authentischen und Unmittelbaren: Rockkultur ist ehrlich, die Musik handgemacht und moderner Ausdruck eines affektiven Antimodernismus. Rock wollte sich gegen den Pop behaupten, gegen die Musik aus der Konserve, gegen das Synthetische, gegen Plastik, gegen die Maschine. Und daf&uuml;r verwendete Rockmusik die Maschine, die Effektger&auml;te, die Synthesizer, den Kunststoff und nat&uuml;rlich die Logik des Kapitals. Aus dieser Dialektik hat sich die progressive Rockmusik entwickelt, in dieser Dialektik hat die Rockmusik ihre Ideologie des Authentischen gesprengt und aufgehoben, aber mit dieser Dialektik ist die Rockmusik schlie&szlig;lich auch gescheitert und zugrunde gegangen.</p>
<p>Salzinger war kein Wertkritiker, hat aber mit seinem assoziativ gewendeten Marxzitat herausgestellt, inwiefern auch der Gebrauchswert eben Wert ist, auch die Rockmusik der Selbstverwertung des Werts, der Wertvergesellschaftung unterliegt. Das Marxzitat ist eine Spur zwischen Notizen zu Jimi Hendrix: 1969 widmet Hendrix sein St&uuml;ck , Machine Gun&#8217; den militanten Oppositionellen. &#8220;Ein Rock-Star, der ein Revolution&auml;r ist, spielt f&uuml;r Rock-Fans, die Revolution&auml;re sind.&#8221; Und ein Jahr sp&auml;ter k&uuml;ndigt er dasselbe St&uuml;ck mit denselben Worten beim Festival auf der Isle of Wight an, einstudiert und nur scheinbar spontan. Salzinger: &#8220;Das revolution&auml;re Engagement ist Teil der B&uuml;hnenshow.&#8221; Hendrix Tod drei Wochen sp&auml;ter l&ouml;ste &#8220;einen neuen Hendrix-Boom aus&#8221;.</p>
<p>Ber&uuml;hmt wurde Hendrix, weil er als Linksh&auml;nder eine normale Rechtsh&auml;ndergitarre spielte, weil er mit der Zunge spielte oder hinter seinem R&uuml;cken, weil er seine Gitarre anz&uuml;ndete, zerst&ouml;rte, die Verzerrung des Klangs bis zum &Auml;u&szlig;ersten trieb. Er hat einen Stil entwickelt: als Grenz&uuml;berschreitung, jenseits von Blues, Rock &#8216;n&#8217; Roll, Soul, Funk, Jazz, Rock. Hendrix war ein Pop-Star, ein Anti-Star. Kompositorisch sind die St&uuml;cke von Hendrix fast trivial, einfach. Die Virtuosit&auml;t besteht im Umgang mit dem Klangmaterial; Ausdruck ist die Weise, wie der Klang geformt ist. Hendrix hat als einer der ersten mit dem Sound der E-Gitarre gearbeitet, hat die T&ouml;ne mit Wah-Wah-Pedal und Fuzz-Box verfremdet, und so mit musikalischen Mitteln jene Entfremdung zum Ausdruck gebracht, die zur Signatur der damaligen Generation wurde. Er hat die Entfremdung gegen das Authentische ausgespielt. Die Dialektik der Rockmusik besteht n&auml;mlich genau darin: Einerseits die Entfremdung als Teil der Ideologie des Authentischen zu begreifen, andererseits das Authentische eben als Ideologie der entfremdeten Verh&auml;ltnisse zu entlarven.</p>
<p>Die Rockmusik nach Hendrix&#8217; Tod setzte diese Dialektik fort. Der Materialfortschritt in der Regression, die musikalische Regression als politischer Fortschritt kennzeichnen die merkw&uuml;rdige Rock-Avantgarde der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sofern gerade die Rockkultur von einem ambivalenten Geist der Romantik gepr&auml;gt war, gilt hier, was Hegel einhundertf&uuml;nfzig Jahre zuvor f&uuml;r die romantische Kunst konstatierte: ihr Ende. Dar&uuml;ber hinaus verstand er in seiner &Auml;sthetik die Musik als romantische Kunst schlechthin, sofern sie die pr&auml;destinierte Kunst ist, die Zugang zur subjektiven Innerlichkeit bietet. In der sp&auml;tkapitalistischen Phase wird die Diagnose Hegels politisch best&auml;tigt. Das Authentische der Rockmusik verfl&uuml;chtigt sich nach Hendrix im Gestus des K&ouml;nner- und Kennertums: Bluesrock, Hardrock, Heavyrock, Jazzrock, Artrock, Bombastrock, Klassikrock, Synthierock, Discorock, Countryrock, Boogierock, Folkrock, Prog-Rock sind blo&szlig; &auml;sthetische Varianten desselben &ouml;konomischen Prinzips. Die Virtuosit&auml;t im Umgang mit dem Material verwandelt sich in die Virtuosit&auml;t reiner Beherrschung des Instruments, so dass der Rock schlie&szlig;lich keinen Gebrauchswert mehr hat, der ein besonderes Bed&uuml;rfnis befriedigt, sondern nur seine eigene &auml;sthetische Ideologie ist, sich selbt verwertenden Wert.</p>
<h4>Nachsatz</h4>
<p>In der Rowohlt-Ausgabe von Salzingers , Rock Power&#8217; findet sich, wie damals &uuml;blich, eine Werbeseite der &#8220;Pfandbrief und Kommunalobligationen&#8221;, bem&uuml;ht, zum Thema des Buchs zu passen: &#8220;, Die Musik macht reich&#8217; &#8230; Ein Satz von Franz Schubert. Sollte nicht hei&szlig;en: Noten schaffen Banknoten her. Galt eher f&uuml;r jenen Reichtum, der im Reiche der Musen z&auml;hlt. Und trotzdem: Zu den Noten, die unser Leben bereichern, z&auml;hlen nun mal auch die Banknoten.&#8221; (Zwischen S. 142 und 143).</p>
<p><em>Helmut Salzinger, , Rock Power oder Wie musikalisch ist die Revolution? &#8216;, Reinbek bei Hamburg 1982.</p>
<p></em></p>
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		<title>Das Elend der Gerechtigkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:42:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Recht / Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Creydt; Meinhard]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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Gerechtigkeit als normatives Pendant sozialen Elends]]></description>
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<h3>Gerechtigkeit als normatives Pendant sozialen Elends </h3>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>von Meinhard Creydt </em> <span id="more-373"></span></p>
<p><em>&#8220;,Die allgemeine Rohheit ist heute unertr&auml;glich. Aber weil sie es ist, muss auch die G&uuml;te falsch sein! Die beiden h&auml;ngen ja nicht wie auf einer Waage zusammen, wo ein Zuviel auf der einen Seite einem Zuwenig auf der andern gleich ist, sondern h&auml;ngen zusammen wie zwei Teile eines K&ouml;rpers, die miteinander krank und gesund sind. Nichts ist also irriger&#8217;, fuhr er fort, , als sich einzubilden, wie es allgemein geschieht, dass an dem &Uuml;berhandnehmen b&ouml;ser Gesinnung ein Mangel an guter schuld sei: im Gegenteil, das B&ouml;se w&auml;chst offenbar durch das Wachsen einer falschen G&uuml;te&#8217;.&#8221; (Musil 1981/1406)</em></p>
<p>Das Thema , Gerechtigkeit&#8217; ist ein linker Evergreen. Seit kurzem f&uuml;hrt eine neue &#8220;Wahlalternative&#8221; die Gerechtigkeit im Parteinamen. Dabei geht eine linke Beanspruchung von , Gerechtigkeit&#8217; gleich mit einer ganzen Serie von Eigentoren einher.</p>
<p>Wer es auf Gerechtigkeit absieht, sieht zumeist davon ab, welche Abstraktionen und Trennungen sich in (und zwischen) den Leistungen und den Belohnungen ergeben &#8211; f&uuml;r das soziale Leben und sein Gef&uuml;ge des Nehmens und Gebens. &Auml;u&szlig;erlich werden die Opfer und Belohnungen zueinander in ein quantitatives Verh&auml;ltnis gesetzt. Kein Thema ist der innere Zusammenhang zwischen dem, was getan wird, und dem, was es f&uuml;r die Verbraucher oder Betroffenen i. w. S. ist. Wo Arbeitende sich nicht daf&uuml;r interessieren, welche Sinne und F&auml;higkeiten an ihren Produkten und Diensten sich entfalten k&ouml;nnen, wo es um die blo&szlig;e Verkaufbarkeit als Kriterium geht, dort schl&auml;gt dies auf die Qualit&auml;t der Produkte und Dienstleistungen zur&uuml;ck. Damit sind nicht Fragen gemeint, f&uuml;r die die , Stiftung Warentest&#8217; zust&auml;ndig ist. Das Thema sind nicht zuf&auml;llige M&auml;ngel, Pech und Pleiten. Zum Problem wird vielmehr ein gesellschaftlicher Stoffwechsel, in dem die Gegenst&auml;nde, die produziert werden, systematisch Anlass sind zur Erwirtschaftung von Mehrwert und (davon abh&auml;ngig) Erwerbseinkommen. Was bspw. die Bewerkstelligung von , Mobilit&auml;t&#8217; per Auto &ouml;konomisch, &ouml;kologisch und ideell an Schaden anrichtet, ist dann unerheblich. Das Interesse der Konsumenten an einem von ihnen konsumierbaren Gut beinhaltet meist das Desinteresse f&uuml;r die Art und Weise, wie das Leben der Produzenten in der Erarbeitung des Gutes auf eine Art verunstaltet wird, die auch die f&uuml;r den Konsum zentralen Sinne und F&auml;higkeiten ramponiert.</p>
<p>Mit , Gerechtigkeit&#8217; ist diese Indifferenz zwischen Produzenten und Konsumenten sowie zwischen beiden und den von Produktion und Konsumtion mittelbar Betroffenen nicht mehr Thema. Der gerechtigkeitsbeflissene Vergleich von Leistungen und Einkommen &#8211; diese Perspektive passt zum Horizont der abstrakten Vergesellschaftung und des abstrakten Reichtums. &#8220;Wird das Wesen als Gleichheit gefasst, so bleiben alle Einzelnen f&uuml;r sich, egoistisch, gleichg&uuml;ltig au&szlig;er einander, unverbundene Einzelne; die Gleichheit hebt sie nicht auf, affiziert sie nicht, sie verlieren nicht ihr gleichg&uuml;ltiges Au&szlig;ereinander&#8221; (Feuerbach 1976/137). Mit , Gerechtigkeit&#8217; werden Relationen innerhalb der Konkurrenz kritisiert, nicht aber das Sozialverh&auml;ltnis Konkurrenz oder die dem Markt eigene Indifferenz selbst. Nicht die Ursachen von Zumutungen sind mit , Gerechtigkeit&#8217; Thema, sondern die Unausgewogenheit der Opfer. Die mit , Gerechtigkeit&#8217; verbundene Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber der Qualit&auml;t der gesellschaftlichen Lebensweise vermag Opfer und Zumutungen nicht in Frage zu stellen und &ouml;ffnet den sie rechtfertigenden oder sie f&uuml;r un&uuml;berwindbar erkl&auml;renden Ideologien T&uuml;r und Tor. Diese Ideologien lassen die quantitativen Relationen anders erscheinen, als dies linke Gerechtigkeitsfreunde wahrhaben wollen.</p>
<h4>Die Gerechtigkeit der Ungleichheit</h4>
<p>Die in Kapitalismustheorien und in Theorien &uuml;ber die , moderne Gesellschaft&#8217; f&uuml;r notwendig oder gar wohlstandsmehrend erachteten Hierarchien und die mit ihnen implizierten Ungleichheiten zwischen <em>den</em> vorfindlichen Menschen verletzen die Gleichbehandlung <em>des</em> Menschen in seinem qua W&uuml;rde gefassten und durch die Menschen- und Grundrechte formulierten Wesensbestand nicht. Die f&uuml;r das gegenw&auml;rtige Selbstverst&auml;ndnis von Demokraten typische und &auml;u&szlig;erst verbreitete Gerechtigkeitstheorie von John Rawls formuliert den Zusammenhang von zugrunde liegender Gleichheit und sich unter ihren Bedingungen ergebenden Ungleichheiten:</p>
<p><em>&#8220;1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System f&uuml;r alle anderen vertr&auml;glich ist.</p>
<p></em>2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass</p>
<p>(a) vern&uuml;nftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und &Auml;mtern verbunden sind, die jedem offen stehen.&#8221; (Rawls 1975/81).</p>
<p>Mit dem , Unterschiedsprinzip&#8217; erl&auml;utert Rawls die Regel 2a. Nach diesem Prinzip erscheinen soziale und &ouml;konomische Ungleichheiten insoweit als gerecht, wie jeder von diesen Ungleichheiten mehr profitiert als durch eine Gleichverteilung der Grundg&uuml;ter (s. Rawls § 13, S. 76 und 83). Ungleichheiten gelten dann als Vorteil eines jeden, wenn auch die Schlechtestgestellten von Ungleichheiten profitieren (s. Rawls § 16). Die dem Kapitalismus eigene politische Utopie setzt der politischen Umverteilung zugunsten der Armen die Expansion entgegen und den dadurch vermittelten Fahrstuhleffekt (Beck): absolute Verbesserung der materiellen Lage aller Menschen bei im Wesentlichen unver&auml;nderter (und zudem motivationsf&ouml;rdernder) Ungleichheit zwischen ihnen.</p>
<p>Wenn demgegen&uuml;ber mit dem Kriterium der , Praxis&#8217;<a href="#a1" name="1"><sup>1</sup></a> die Entwicklung der Menschen im Arbeiten, durch die Arbeitsresultate, durch die gesellschaftliche Gegenstandswelt (z. B. Stadtbauwelt), durch die sozialen Verh&auml;ltnisse zwischen ihnen Thema sind, so wird deutlich, wie arm und selektiv die Perspektive der Gerechtigkeit ist. Das Moment, das die Praxisperspektive vom B&uuml;rger unterscheidet, ist: die Aufmerksamkeit f&uuml;r die Konstitution der Individuen durch den gesellschaftlichen Stoffwechsel. Dieser gilt dann nicht einfach nur als Bedingung von arbeitsfreier Zeit und Kaufkraft, sondern als Konstituens menschlichen Seins &#8211; im Arbeiten, im Verh&auml;ltnis zwischen Konsum und Arbeit, in der Entwicklung der Sinne und F&auml;higkeiten an und in der gesellschaftlichen Gegenstandswelt, den sozialen Verh&auml;ltnissen usw. Sind sie von Konkurrenz, Hierarchie, Besitzindividualismus usw. gepr&auml;gt oder von einem dies &uuml;berwindenden Bezug von Menschen auf Menschen? Wer demgegen&uuml;ber sich in und an Verteilungsfragen orientiert, bleibt in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft befangen und in der ihr eigenen Perspektive auf das Leben und Arbeiten, die gesellschaftliche Lebensweise, die sozialen Verh&auml;ltnisse. Die Agitation gegen die unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Einkommens- und Verm&ouml;gensunterschiede mag ein Einstieg sein, sich &uuml;ber die Verh&auml;ltnisse zu wundern. Zugleich lauert hier aber auch immer der Einstieg in den Ausstieg aus der Kritik.</p>
<p>Wer in den erscheinenden Ungerechtigkeiten den Dreh- und Angelpunkt einer sozialreformerischen oder antikapitalistischen Mobilisierung ausmacht, wird erfahren m&uuml;ssen, dass die Asymmetrie zwischen Kapital und Arbeit nur Teilmenge umfassenderer Abstraktionen, Trennungen, Indifferenzen usw. ist. &#8220;, Trennung&#8217;&#8221; ist der &#8220;eigentliche &#8230; Bildungsprozess des Kapitals&#8221; (MEW 26.3, 414).</p>
<h4>Die spalterischen Effekte der Gerechtigkeitsorientierung</h4>
<p>Das Gerechtigkeitsthema imponiert als Motiv, mit dem sich die Menschen auseinander dividieren. Die zersetzenden Wirkungen des Gerechtigkeitsthemas auf alternative Gemeinschaften sind notorisch. &#8220;Denn, wenn es jedem Einzelnen nur darum zu tun ist, die absolut gleichen Vorteile des Lebens mit den anderen zu genie&szlig;en, so wird jeder kleinste Unterschied und jeder geringste Umstand von ihm schon als eine Ungerechtigkeit und als eine Verletzung der allgemeinen Idee empfunden werden. Gerade dann werden die M&ouml;glichkeiten der Differenz endlos&#8221; (Landshut 1969/202f. ).</p>
<p>Die Affinit&auml;t von Gerechtigkeit und Spaltung ist in modernen kapitalistischen Gesellschaften auff&auml;llig: Da wird &uuml;ber die Ungerechtigkeit der Kinderlosen gegen die Menschen geschimpft, die Kinder aufziehen, &uuml;ber die Ungerechtigkeit derjenigen, die mit Risikoverhalten Gesundheitsleistungen beanspruchen gegen&uuml;ber denjenigen, die auf ihre Gesundheit achten. Und der <em>Spiegel</em> (37/1999) fragt: &#8220;Ist es gerecht, den Preis der Arbeit so hoch zu treiben, dass zwar den Arbeitsplatzbesitzern gedient ist, den Arbeitssuchenden aber die R&uuml;ckkehr in einen Job erschwert wird, weil es sich f&uuml;r Unternehmen nun einmal nicht rechnet, neue Leute einzustellen? Muss man nicht mehr Ungleichheit bei den Einkommen hinnehmen, um im Gegenzug f&uuml;r mehr Gleichheit beim Zugang zur Arbeit zu sorgen? &#8221; Seit der deutschen Wiedervereinigung schimpfen viele , Wessis&#8217; bzw. , Ossis&#8217; &uuml;ber die vermeintlichen Ungerechtigkeiten, die ihnen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung widerfuhren. Und in puncto Sozialstaat hei&szlig;e es doch gerecht, wenn , unseren Kindern&#8217; nicht noch mehr Staatsausgaben, noch mehr Schulden usw. aufgeb&uuml;rdet w&uuml;rden. &#8220;Blo&szlig;e Umverteilung wirtschaftlicher G&uuml;ter und Gelder ist nicht per se , gerecht&#8217;. Gerechtigkeit muss auch zwischen den Generationen geschaffen werden &#8211; weshalb zum Beispiel eine Politik der ausufernden Staatsverschuldung eine grobe Ungerechtigkeit gegen unsere Kinder und Enkel ist&#8221; (Gerhard Schr&ouml;der 2003, 26).</p>
<p>Ethisch umstritten, da , ungerecht&#8217;, erscheint die Erzielung leistungslosen Einkommens. Sie gilt dem herrschenden Bewusstsein zufolge als keine exklusive Angelegenheit der Unternehmer, sondern als blo&szlig;er Sonderfall einer allgemeineren Neigung und eines umfassenderen Ph&auml;nomens. Demzufolge dehnt sich im vorfindlichen Bewusstsein das Gerechtigkeitsthema absurdifizierend aus &#8211; eine Ausweitung, die ihm nicht &auml;u&szlig;erlich, sondern immanent ist: Faule beuten Flei&szlig;ige aus, Unehrliche Ehrliche, Sozialhilfeempf&auml;nger beuten den Leistungskern der Gesellschaft aus, M&auml;nner Frauen (oder umgekehrt), Inl&auml;nder Ausl&auml;nder (oder umgekehrt), Mieter Vermieter (und umgekehrt) usw. usf. &#8220;Die Versuchung, andere f&uuml;r sich arbeiten zu lassen, &#8230; wird zur Massengefahr&#8230; : Ausbeutung nicht von oben, sondern von nebenan. Nicht mehr Reiche beuten Arme aus, ist die alles dominierende Verteilungsfrage in der Wohlstandsgesellschaft, sondern m&ouml;glicherweise: Die Faulen beuten die Flei&szlig;igen aus&#8221; (Norbert Bl&uuml;m, zit. nach Bischoff, Detje 1989, 114). <a href="#a2" name="2"><sup>2</sup></a></p>
<p>Diese Beispiele sensibilisieren f&uuml;r den formellen Charakter des Gerechtigkeitsbegriffs. Die herrschende Litanei bedient sich nicht einfach &auml;u&szlig;erlich des Gerechtigkeitsthemas. Vielmehr eignet es sich selbst dazu. Die &#8220;Gerechtigkeitsrhetorik&#8221; zehrt &#8220;von der semantischen Unsch&auml;rfe des Gerechtigkeitsbegriffs. &#8230; Er ist moralisch geschmeidig, kann jedem Maximierungsinteresse den Anschein moralischer Berechtigung geben&#8221; (Kersting 2003, 107). &#8220;Der Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist wenigstens gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungssucht gekehrt&#8221; (MEW-Erg. bd. 1, 534).</p>
<p>Linke, die das Gerechtigkeitsthema inhaltlich &#8220;umbesetzen&#8221; wollen, geben eine traurig-komische Figur ab. Sie h&auml;ngen sich an den letzten Wagen der herrschenden Gerechtigkeitsrede an und beabsichtigen, Lokf&uuml;hrer zu spielen. Donquichotesk wollen sie etwas umdrehen, ohne zu bemerken, wie sie selbst jenen Verkehrungen unterliegen, die im Gerechtigkeitsbegriff angelegt sind. Unerfindlich bleibt, warum man mit dem Ungerechtigkeitsthema emanzipatorisch etwas bewegen will, wenn landauf landab das US-amerikanische Modell propagiert wird: Mehr Ungerechtigkeit, mehr Unterschiede (&#8220;Spreizung&#8221;) zwischen den L&ouml;hnen und Geh&auml;ltern schaffe mehr Leistungsanreiz und dadurch mehr Wachstum. Und erst wenn wieder mehr Wachstum da sei, dann k&ouml;nnten , wir&#8217; auch wieder mehr verteilen. Der Sozialstaat hat immer die kapitalistische &Ouml;konomie und deren Florieren zur Voraussetzung. Wenn es hier hapert, muss der Sozialstaat sich an seiner Voraussetzung relativieren. Und die B&uuml;rger sollen schon begreifen, dass dann der Staat selbst als das gr&ouml;&szlig;te Sorgenkind im Lande gilt. Rentner, Bezieher von Arbeitslosenunterst&uuml;tzung u. a. sollen einsehen, dass f&uuml;r die Bedienung ihrer Interessen auf lange Sicht ein &#8220;finanziell konsolidierter&#8221;, also nicht &#8220;&uuml;berforderter&#8221; Sozialstaat die Voraussetzung und die Bedingung ist. &#8220;Nur wirklich Reiche k&ouml;nnen sich einen armen, einen handlungsunf&auml;higen Staat leisten, die meisten der Menschen in Deutschland k&ouml;nnen das nicht&#8221; (Gerhard Schr&ouml;der, <em>Spiegel</em> 37/1999).</p>
<h4>Gerechtigkeit und b&uuml;rgerliche Gesellschaft</h4>
<p>Gerechtigkeit beinhaltet rechtliche Gleichheit (Privatrecht) und Gleichheit der staatsb&uuml;rgerlichen Freiheiten (Nichtausschluss von Gruppen oder Individuen von der politischen Willensbildung). Soziale Chancengleichheit hei&szlig;t: Jeder soll gleichberechtigten Zugang und entsprechende , Startchancen&#8217; haben. Die unterschiedlichen Positionen in den sozialen Hierarchien sollen seitens der Individuen nach M&ouml;glichkeit aus Ursachen erkl&auml;rt werden, die in der jeweiligen Individualit&auml;t, in ihren Kr&auml;ften, F&auml;higkeiten, Vorlieben usw. liegen. Mit Gerechtigkeit sind die Hierarchien selbst nicht in Frage gestellt. Auch wirtschaftliche Verteilungsgerechtigkeit meint ja keine materiale Gleichheit der Verteilungsresultate. Vielmehr ist nur gefordert, &#8220;dass eine Ungleichverteilung gemeinschaftlicher G&uuml;ter und Lasten einer Rechtfertigung durch allgemein annehmbare G&uuml;ter bedarf. Als solche Gr&uuml;nde werden im Allgemeinen die folgenden angesehen: die Ber&uuml;cksichtigung ungleicher Beitr&auml;ge, Leistungen oder Verdienste der Beteiligten, die Befriedigung ihrer relevanten Bed&uuml;rfnisse und die Achtung bestehender Rechte&#8221; (Koller 1994, 135).</p>
<p>Was die Leistungen angeht, so sei es (vgl. Rawls) v&ouml;llig gerecht, dass Manager das X-fache bekommen im Vergleich zu Facharbeitern. Es gebe hier schlie&szlig;lich eine internationale Konkurrenz und es gehe darum, , uns&#8217; die Eliten nicht von anderen wegschnappen zu lassen. Der Preis bilde sich in Marktwirtschaften durch die Nachfrage am Markt. Und die Ausgaben f&uuml;r dynamische, kreative, durchsetzungsstarke Spitzenkr&auml;fte seien allemal berechtigt angesichts der Innovationen, die sie den Betrieben zu verpassen verst&uuml;nden (in Bezug auf neue Produkte und neue Arbeitsorganisation), womit dann wieder mehr Wachstum und vielleicht sogar auch mehr Arbeitspl&auml;tze einhergingen. In der <em>Tagesschau</em> vom 27.1.05 wird die Steigerung des Aktienkurses als Leistung des scheidenden Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Heinrich von Pierer, gew&uuml;rdigt. Insofern war es auch im Sommer 2004 bei Sabine Christiansen kritisch gemeint und schon als noch schwierig zu erf&uuml;llende Forderung (! ) verstanden, wenn der ehemalige SPD-Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel zitiert wurde mit der mahnenden Ma&szlig;gabe, die Managergeh&auml;lter sollten doch nicht das 100-fache eines Facharbeiterlohns &uuml;bersteigen. Dies zeigt, als wie v&ouml;llig gerecht innerhalb des herrschenden Gef&uuml;ges von Verdiensten und Leistungen die f&uuml;rstliche Bezahlung f&uuml;r Manager gilt. &#8220;Die Privilegierung von Personen, die sich durch gr&ouml;&szlig;ere Beitr&auml;ge, bessere Leistungen oder besondere Verdienste auszeichnen, zielt darauf ab, Beteiligte zur Erbringung von Leistungen zu motivieren, an denen ein allgemeines Interesse besteht&#8221; (Koller 1994, 136). Wer hier nur mit dem Ungerechtigkeitstadel herumfuchtelt und nicht auf die viel weiteren Kontexte sich einl&auml;sst, die bereits selbst f&uuml;r die Kritik an zu hohen Managergeh&auml;ltern zum Thema zu machen w&auml;ren, um hier angemessen argumentieren und kritisieren zu k&ouml;nnen, gibt nur zu Protokoll, dass er sich in einer k&uuml;nstlich abgeschotteten Parallelwelt bewegt, in der Gutmenschen mit dem Mantra Gerechtigkeit schon Eindruck zu schinden verm&ouml;gen, ohne dass sie und ihr Publikum sich Rechenschaft dar&uuml;ber ablegen, wie Kapitalismus funktioniert und wie dies Funktionieren auch immanent f&uuml;r unumg&auml;nglich befunden wird.</p>
<p>Dem herrschenden Bewusstsein zufolge gelten Einkommensunterschiede als v&ouml;llig in Ordnung, sei die Gesellschaft doch als meritokratisch zu charakterisieren. Hoch bezahlte , Leistungstr&auml;ger&#8217; entfalteten eine Zugkraft wie Lokomotiven. Auch weniger leistende Passagiere profitierten von ihrer Geschwindigkeit. &#8220;Die Mehrheit verdankt ihren Wohlstand dem Einsatz und Ideenreichtum einer immer kleineren Minderheit&#8221; (Miegel 1991/28). &#8220;Und das verschweigen die Gewerkschaften. Unser Wohlstand, unsere Produktivit&auml;t, unsere Neuerungen in Wirtschaft, Organisation und Technik h&auml;ngen entscheidend von jener Schicht ab, die man gemeinhin nicht zu den , arbeitenden Massen&#8217; rechnet, und von jenem Mittelstand, um dessen Wohl und Wehe sich die Gewerkschaften noch nie gek&uuml;mmert haben. &#8230; Der Trend in unserer Gesellschaft zielt auf Nivellierung. Verantwortung, Leistung und Produktivit&auml;t werden geradezu bestraft, problemlose und einfachste Verrichtungen aber hoch belohnt&#8221; (Klaus Besser, in: <em>Bild am Sonntag</em>, 1.10.1978 &#8211; siehe auch die entsprechenden Statements anl&auml;sslich des Prozessbeginns gegen Deutsche Bank-Chef Ackermann im Januar 2004).</p>
<p>Wer den praktischen Ausschluss der Massen von der Gestaltung des Arbeitens, der Arbeiten, der Organisationen, der sozialen Synthesis usw. und ihre dadurch verursachte tendenzielle Subalternit&auml;t unterschreibt, wer die Hierarchien in diesen Sph&auml;ren nicht kritisiert, sondern sich auf Verteilungsungerechtigkeiten konzentriert, bekommt mit den Managergeh&auml;ltern die Quittung daf&uuml;r. Deren H&ouml;he ist eben nicht mehr im Kontext von Gerechtigkeit angreifbar, sondern nur, wenn die Teilung der Menschen in Disponierende und Objekte der Disposition und die Unterwerfung <em>beider</em> Fraktionen unter die Eigendynamik von Wert und Verwertung angreifbar wird. Und wer den Markt und die Ideologie von Angebot und Nachfrage als Ursache der Preise nicht angreifen kann, kann selbst die hohen Managergeh&auml;lter nicht kritisieren. Wer nur an &#8220;zu hohen&#8221; Managergeh&auml;ltern und Unternehmergewinnen Ansto&szlig; nimmt und zugleich den Profit als wirtschaftliches Leitkriterium und die Konkurrenz nicht in Frage stellt, dem wird die Gegenrechnung aufgemacht. Ihr zufolge muss manches, das den Kritikern als &#8220;Auswuchs&#8221; erscheint, vielmehr als legitimer Ausdruck der auch von ihnen unbestrittenen &#8220;Notwendigkeiten&#8221; gelten. &#8220;Wenn Unternehmergewinne nicht legitim sind, wie missg&uuml;nstige Menschen meinen, dann kann man sie ruhig nach Belieben umverteilen. Sind hohe Unternehmergewinne umgekehrt die gerechte Belohnung f&uuml;r gesellschaftlich dringend notwendige Innovation, ohne die wir alle &auml;rmer w&uuml;rden, ist jede Umverteilungsdiskussion von vornherein fragw&uuml;rdig&#8221; (Ziesemer 1999, 133). Die Bef&uuml;rworter einer Umverteilung von oben nach unten st&ouml;ren sich an Relationen zwischen wachsenden Gewinnen und steigender Armut, m&uuml;ssen sich aber vorhalten lassen, sie stifteten Zusammenh&auml;nge zwischen zwei Gr&ouml;&szlig;en, ohne die kausale Notwendigkeit dieses Zusammenhangs darzulegen. Insofern sei die Relation ungef&auml;hr genauso stichhaltig wie die Behauptung eines &#8220;Zusammenhangs zwischen der rapide gestiegenen Benutzerzahl im Internet und der wachsenden Arbeitslosenzahl in Deutschland&#8221; (Ziesemer 1999, 49). Falsch sei die zugrunde liegende Vorstellung von &ouml;konomischen Zusammenh&auml;ngen als Nullsummenspiel, als ob man nur reich werden k&ouml;nne, wenn man andere arm mache. &#8220;Selbst Karl Marx &#8230; h&auml;tte wohl seinen Kopf gesch&uuml;ttelt &uuml;ber solche vulg&auml;r&ouml;konomische Theorien&#8221; (ebd. ).</p>
<p>Die Willensbekundungen erster Ordnung, die , naiv&#8217; Gleichheit gegen&uuml;ber Ungleichheit vorziehen, relativieren sich an den Pr&auml;ferenzen zweiter (&uuml;bergeordneter) Ordnung. Deren Ideologie zufolge ist mit der Ungleichheit den in ihr Unterlegenen besser gedient als mit der Gleichheit (s. a. Rawls). Und im Alltagsbewusstsein auch der gebildeten St&auml;nde gehen die verschiedenen Quellen hohen Einkommens munter durcheinander. So schreibt bspw. der Gesellschafter der Beratungsgesellschaft Kienbaum, Heinz Evers: &#8220;Grunds&auml;tzlich hat in Deutschland kaum jemand etwas gegen hohe Bezahlung. Ob Autorennfahrer, Show-Star oder Fu&szlig;ball-Kicker, solange die Leistungen stimmen, g&ouml;nnt man ihnen sogar deutlich h&ouml;here Bez&uuml;ge als den Wirtschaftsf&uuml;hrern &#8211; von Neidgesellschaft kaum eine Spur. Dies gilt auch f&uuml;r die Spitzenmanager, deren Unternehmen augenscheinlich erfolgreich arbeiten, wie etwa f&uuml;r den Porsche-Chef Wendelin Wiedeking&#8221; (Evers 2004, 110). Kritik wird erst dann laut, wenn die Leistungen der sog. Spitzenkr&auml;fte nicht , spitze&#8217; sind. Als ungerecht gelten hohe Managergeh&auml;lter erst dann, wenn deren Bezieher sich als &#8220;Nieten in Nadelstreifen&#8221; herausstellen.</p>
<p>Gewiss ist die Vermeidung krasser Einkommensungleichheiten ein Attribut einer Gesellschaftsform, die den Kapitalismus abl&ouml;st. Die Systemalternative l&auml;sst sich aber nicht im Horizont von Gleichheit und Gerechtigkeit treffend charakterisieren. Dies ignorieren viele Linke, die meinen mit Gerechtigkeit ein treffliches Radikalisierungsmoment in den H&auml;nden zu halten. Sie konzentrieren sich auf das Sichtbare und meinen mit dieser punktuellen Evidenz (Einkommens- und Verm&ouml;gensunterschiede) einen schlechterdings unenteigenbaren Standpunkt und eine ihrer Verkehrung gegen&uuml;ber immune Position einnehmen zu k&ouml;nnen. Sie tun so, als sei die Ungleichheit das Wesen des Kapitalismus und die Gleichheit das der nachkapitalistischen Gesellschaft. Demgegen&uuml;ber geht es um die &Uuml;berwindung der Verselbst&auml;ndigung des (deshalb: ) abstrakten Reichtums gegen <em>alle</em> Akteure im Kapitalismus. Kapitalismuskritik ist keine Kapitalistenkritik. Den Metropolen-Kapitalismus zeichnet die Dominanz der Re-Investition von Gewinnen &uuml;ber deren private Konsumtion aus. Und die eigentlich relevante Verschwendung betrifft nicht in erster Linie den privat konsumierten Reichtum, sondern die Richtung, die die Entwicklung von Produktivkr&auml;ften, verkaufbaren Objekten und Ressourcenverbrauch unter den Leitkriterien von Profitabilit&auml;t und Besitzindividualismus nimmt (vgl. Creydt 2003). An den ruin&ouml;sen Folgen der herrschenden Gesch&auml;ftsregeln und an der mit der Verallgemeinerung der Ware zur Form des Reichtums verbundenen Weltlosigkeit<a href="#a3" name="3"><sup>3</sup></a> &auml;nderte sich auch selbst dann nicht viel, wenn die Einkommens- und Verm&ouml;gens-Unterschiede verringert w&uuml;rden.</p>
<h4>Kritik an &#8220;Ungerechtigkeiten&#8221; als Resultat entt&auml;uschter (aber nicht: ent-t&auml;uschter) Anh&auml;nglichkeit</h4>
<p>Wer es sich mit den im Arbeiten, in der Arbeitsorganisation und Technik, in der ganzen Richtung der Investitionen und Akkumulationen usw. innewohnenden sozialen Hierarchien (Marx: Kapitalfetisch) leicht macht und allein die Verteilungsungerechtigkeit skandalisiert, muss sich nicht wundern, dass diese leichtf&uuml;&szlig;igen und leichtfertigen Agitationsversuche auflaufen. Das Blickfeld der Freunde einer Umverteilung von oben nach unten blendet zentrale Kontexte aus und kennt dann nur das , Mehr desselben&#8217;. <a href="#a4" name="4"><sup>4</sup></a> Es ehrt die Freunde von Umverteilung im Interesse der Armen, dass sie gegen die von ihnen wahrgenommene Misere nicht aufgeben wollen. Aber dass sie keine Alternative zu ihrem Vorgehen sehen, liegt an dessen Zirkularit&auml;t selbst. Und die ihm eigenen Ausblendungen schaden noch dem Anliegen einer Umverteilung von oben nach unten selbst. Geht es doch einher mit dem Unverm&ouml;gen, die landl&auml;ufigen Legitimationen f&uuml;r Unternehmensgewinne und Managergeh&auml;lter &uuml;berhaupt erst einmal ernst zu nehmen &#8211; eine f&uuml;r jedwede Kritik unerl&auml;ssliche Voraussetzung. Kapitalprofite und Managergeh&auml;lter gelten u. a. als Risikopr&auml;mie und als Belohnung f&uuml;r die Findigkeit und Wachheit, den Wagemut und Einsatz dabei, neue Chancen und Marktnischen wahrzunehmen und entsprechende Produkten zu entwickeln. &#8220;Warum soll ein gut bezahlter Angestellter seinen sicheren Job k&uuml;ndigen und einen eigenen Betreib aufmachen, also ein gro&szlig;es pers&ouml;nliches Risiko f&uuml;r sich selbst und seine Familie eingehen, wenn er als Unternehmer kaum mehr verdienen kann als vorher? &#8230; Nur ein stetiger Strom von Existenzgr&uuml;ndern, der permanente Wechsel von erfahrenen Managern in die Selbst&auml;ndigkeit, kann f&uuml;r den notwendigen Innovationsdruck in einer Volkswirtschaft sorgen. Wird diese Pipeline unterbrochen, weil innovative Ideen nicht gen&uuml;gend zus&auml;tzliche Gewinne versprechen, sinkt die Wettbewerbsf&auml;higkeit eines Landes immer weiter&#8221; (Ziesemer 1999, 136).</p>
<p>Die reformistischen Umverteilungsbef&uuml;rworter ignorieren, dass die <em>f&uuml;r sie</em> schlagende Annahme vom kausalen Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung alles andere als einleuchtend ist. Die reformistische Verk&uuml;rzung der Kapitalismuskritik auf Kapitalistenkritik geht einher mit einer Ignoranz gegen&uuml;ber dem dem Kapitalismus eigenen mystifizierten Bewusstsein. Auf die Frage, &#8220;wie wird man in Deutschland am ehesten reich&#8221; (Forsa-Umfrage 1999) antworten 32 Prozent mit &#8220;Steuerhinterziehung&#8221;, 31 Prozent mit &#8220;Erbschaft&#8221; (Ziesemer 1999, 158). F&uuml;r die Bef&uuml;rworter einer Umverteilung von oben nach unten ist bezeichnend, dass sie die geringe Teilnahme an den Protesten gegen Hartz IV im Sommer 2004 in den westlichen Bundesl&auml;ndern sich nicht recht erkl&auml;ren k&ouml;nnen.</p>
<p>Die Gerechtigkeitsfreunde kritisieren Unterschiede in der Verteilung und sind zugleich zahnlos gegen&uuml;ber den Gesellschaftsstrukturen. <a href="#a5" name="5"><sup>5</sup></a> Sie meinen ihre Kritik an diesen Unterschieden f&uuml;hren zu k&ouml;nnen, ohne die f&uuml;r den Kapitalismus ma&szlig;gebliche &Uuml;berordnung des Tauschwerts &uuml;ber den Gebrauchswert, der Verwertung des Kapitals &uuml;ber das Wohlergehen der Arbeitenden, der Notwendigkeit der Existenzsicherung durch abh&auml;ngige Arbeit &uuml;ber die Lebensqualit&auml;t der Arbeit und &ouml;kologische Gesichtspunkte<a href="#a6" name="6"><sup>6</sup></a> und die Relativierung des jeweils zweiten am ersten Moment als &uuml;berwindbar zeigen zu k&ouml;nnen (vgl. Creydt 2001, 2003). Die Gerechtigkeitsfreunde meinen aus der Tatsache, dass der Abbau von krassen Unterschieden in der Verteilung ein Attribut einer w&uuml;nschenswerten Gesellschaft ist, f&uuml;r diesen Abbau isoliert eintreten zu k&ouml;nnen, und finden dann dieses Vorhaben relativiert, unterwandert und verkehrt von den viel schwieriger in Frage zu stellenden Basisstrukturen des Kapitalismus.</p>
<p>Reformistische Bef&uuml;rworter einer Umverteilung von oben nach unten und ihre linksradikalen &Uuml;berbieter (&#8220;Hauptsache Kampf&#8221;) f&uuml;hren gern bessere Zust&auml;nde in fr&uuml;heren Zeiten und in anderen L&auml;ndern als Beleg f&uuml;r deren Erk&auml;mpfbarkeit <em>im</em> Kapitalismus an. Dabei werden die f&uuml;r diese Zust&auml;nde relevanten objektiven Bedingungen gern ausgeblendet. Sie betreffen u. a. Unterschiede in den Verwertungsbedingungen des Kapitals, in der Weltmarktposition, im Verh&auml;ltnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Der Sozialstaatsausbau in Europa war auch eine Verarbeitung der Kriegserfahrung (Leitbild Sicherheit) und in Deutschland ein Ph&auml;nomen jenes von 1945-75 herrschenden &#8220;Traumes immer w&auml;hrender Prosperit&auml;t&#8221; (B. Lutz), verdankte sich jedoch in erster Linie einer einzigartigen Aufschwungphase. Diese objektiven Gegebenheiten sind nicht notwendigerweise Resultat von K&auml;mpfen, sondern konstituieren umgekehrt vielmehr die M&ouml;glichkeits- und Gelegenheitsstruktur, vor deren Hintergrund sich erst die Wucht von sozialen Forderungen und der Ausbau des Sozialstaats verstehen l&auml;sst. Es w&auml;re Thema eines eigenen Artikels zu zeigen, warum bspw. der inzwischen von vielen nostalgisch gesehene &#8220;Sozialstaat im Deutschland der 70er Jahre&#8221; oder das &#8220;schwedische Modell&#8221; <em>weder</em> hauptseitig Resultat von sozialen K&auml;mpfen waren <em>noch</em> als Beleg daf&uuml;r gelten k&ouml;nnen, was damals oder dort m&ouml;glich gewesen sei, sei auch in Zukunft im Kapitalismus wieder m&ouml;glich.</p>
<p>Die Gerechtigkeitsfrage ist noch nicht die Frage nach einer anderen Gesellschaft und nach einem anderen Selbstbewusstsein als dem im Umkreis von Opfern und Ohnmacht. Aus der Kritik an Markt, Kapitalismus und gesellschaftlicher Lebensweise muss demgegen&uuml;ber eine Alternative des Wirtschaftens, Arbeitens und Lebens entwickelt werden. Geschieht dies nicht, koexistieren die Klage &uuml;ber , Ausw&uuml;chse&#8217; und allerhand sch&ouml;ne Forderungen mit der (und sei es nur durch den Mangel an Alternativen und durch die fehlende Kritik der , Sachzw&auml;nge&#8217; begr&uuml;ndeten) Akzeptanz von Markt, Kapitalismus und gegenw&auml;rtiger Lebensweise. So viel Kritik es an einzelnen Aspekten der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft geben mag, insgesamt herrscht doch Ratlosigkeit &uuml;ber eine andere, sie &uuml;berwindende Gesellschaft vor.</p>
<p>Ebenso wie fr&uuml;her in der Friedensbewegung wird auch in puncto Gerechtigkeit so getan, als ob ein f&uuml;r sich genommen scheinbar einfaches Ziel &#8211; wie Gerechtigkeit oder Frieden<a href="#a7" name="7"><sup>7</sup></a> &#8211; isoliert verwirklicht werden k&ouml;nne. Damit wird eine Gesellschaft fingiert, die es Menschen erm&ouml;glicht, ihre menschlichen Ziele zu realisieren. Es wird nicht gesehen, dass das naiv und unmittelbar aufgenommene Ziel Gerechtigkeit (oder Frieden<a href="#a8" name="8"><sup>8</sup></a>) in den bestimmten gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen spezifisch verstanden wird. Die linken Gerechtigkeitsfreunde &uuml;bergehen, wie sich das Thema Gerechtigkeit gegen ihre progressiven Vors&auml;tze verkehrt. Die oben zitierten Auffassungen von Gerechtigkeit illustrieren diese Verkehrung.</p>
<h4>Das Umschlagen von Gleichheit in Ungleichheit</h4>
<p>Die Besitzunterschiede in puncto Geld oder Kapital m&ouml;gen beklagt werden. Geld und Kapital als Basisstrukturen sind damit noch nicht in Frage gestellt. Viele linke Gerechtigkeitsfreunde kaprizieren sich empiristisch auf das sichtbare Faktum der Einkommens- und Verm&ouml;gensunterschiede, halten dies dem b&uuml;rgerlichen Verstand vor, ohne seine immanent gesehen guten Gr&uuml;nde f&uuml;r die Fruchtbarkeit oder Unumg&auml;nglichkeit eines Systems, in dem diese Unterschiede <em>ein</em> Moment darstellen, widerlegen zu k&ouml;nnen. Dass man ohne Geld und Kapital wirtschaften kann, erscheint unvorstellbar. Eine Kritik an der Ungleichheit relativiert sich an der Selbst&auml;ndigkeit des abstrakten Reichtums. Sie beinhaltet die Unterordnung der Individuen, w&auml;re es doch ebenso farcenhaft, sich einzubilden &#8220;man k&ouml;nne alle Arbeiter zu Kapitalisten machen&#8221; wie &#8220;alle Katholiken zu P&auml;psten&#8221; (MEW 23/82). Wer sich auf den abstrakten Reichtum einl&auml;sst, l&auml;sst sich auch auf seine Verselbst&auml;ndigung gegen die Individuen ein. Daran relativiert sich die Kritik an der erscheinenden Ungleichheit in der Gesellschaft. Sie gilt als unsch&ouml;n, aber notwendig.</p>
<p>Bereits die Ware als Form des Arbeitsprodukts beinhaltet die Unabh&auml;ngigkeit der Produzenten voneinander, die Abstraktion der Produktion von den Gr&uuml;nden der Konsumtion f&uuml;r die Nachfrage und umgekehrt die Indifferenz der Konsumenten f&uuml;r das, was in der Arbeit mit den Arbeitenden geschieht. Ein derartig abstrakter Reichtum findet seinen Ma&szlig;stab nicht in der Teilhabe der Individuen an einer gemeinsamen Welt und an deren Gestaltung. Vielmehr haben die Individuen an ihm teil nach Ma&szlig;gabe ihrer zahlungsf&auml;higen Nachfrage und nach dem Grad der Nachfrage nach ihrer Arbeitskraft. Das Charakteristikum der Arbeitskraft, &#8220;Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert, als sie selbst hat&#8221; (MEW 23/208), f&uuml;hrt zum Umschlag von Gleichheit in Ungleichheit, f&uuml;hrt dazu, dass &#8220;aus dem Austausch der Waren nach dem Gesetz des Werts (der in ihnen enthaltenen Arbeitszeit) der ungleiche Austausch zwischen Kapital und lebendiger Arbeit entspringt&#8221; (MEW 26.3/8). <a href="#a9" name="9"><sup>9</sup></a> Ausbeutung ist nicht ungerecht: &#8220;Der Umstand, dass die t&auml;gliche Erhaltung der Arbeitskraft nur einen halben Tag kostet, obgleich die Arbeitskraft einen ganzen Tag wirken, arbeiten kann, dass daher der Wert, den ihr Gebrauch w&auml;hrend eines Tages schafft, doppelt so gro&szlig; ist als ihr eigener Tageswert, ist ein besonderes Gl&uuml;ck f&uuml;r den K&auml;ufer, aber durchaus kein Unrecht gegen den Verk&auml;ufer&#8221; (MEW 23/208).</p>
<p>Eine St&auml;rke der Marxschen Formanalyse liegt darin, an zun&auml;chst ganz sympathisch aussehenden Formen wie Gerechtigkeit und Gleichheit Latenzen und Affinit&auml;ten aufzuzeigen, die auf weit weniger &#8220;sch&ouml;ne&#8221; soziale Realit&auml;ten verweisen. Einer dieser immanenten Gehalte von Gleichheit und Gerechtigkeit (vgl. zur Kritik MEW 18/19, 19/22) stellt die Verkn&uuml;pfung von Gleichheit mit Gleichg&uuml;ltigkeit (vgl. GR 913, GR 153f. ) dar. Es wird &#8220;der Inhalt au&szlig;erhalb dieser Form &#8230; gleichg&uuml;ltig, ist nicht Inhalt des Verh&auml;ltnisses als sozialen Verh&auml;ltnisses&#8221; (GR 178). Die Abstraktion <em>von</em> den Stoffen der Transaktion ist der Gleichheit immanent: Gleichheit kann nicht anders existieren als formal (vgl. auch MEW 19/20f. ), alle sonstigen Unterschiede gehen die Gleichheit nichts an.</p>
<p>Wo &#8220;Vergleichung an der Stelle der wirklichen Gemeinschaftlichkeit und Allgemeinheit&#8221; stattfindet (GR 79), dort enth&auml;lt &#8220;Gleichheit&#8221; nicht nur eine Abstraktion <em>von </em>etwas. Vielmehr ist die Gleichg&uuml;ltigkeit die positive Form der sozialen Verh&auml;ltnisse. Schon in der entfalteten Warenzirkulation gilt, &#8220;dass das Individuum nur noch als Tauschwert produzierendes Existenz hat&#8221; (GR 159). Es wird &#8220;nicht gesehen, dass schon in der einfachen Bestimmung des Tauschwerts und des Geldes der Gegensatz von Arbeitslohn und Kapital etc. latent enthalten ist&#8221; (ebd. ). Gleichheit hei&szlig;t nicht einfach friedliche Koexistenz der verschiedenen Zwecke und Verausgabungen, nicht blo&szlig; unparteiische Urteilsenthaltung ihnen gegen&uuml;ber und Freisetzung von Vielfalt, sondern auch Geltung der verschiedenen Inhalte allein nach Ma&szlig;gabe der in ihnen enthaltenen Menge der gleichen &#8220;Substanz&#8221;.</p>
<p>Im Unterschied zu einer verteilungstheoretischen Fixierung der Kritik auf ungleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum geht es hier um seine Abstraktheit: Aus ihr folgt als Steigerungsma&szlig; die quantitative Ausdehnung und als Mittel dazu die Arbeitskraft. Die Abstraktion wendet sich dann auch gegen das lebendige Mittel (vgl. genauer Creydt 2000, 147ff. ). Aus dem Unterschied zwischen dem Wert der Arbeitskraft und dem von ihr produzierten Produkt ergibt sich der Mehrwert, dessen Erwirtschaftung nun (im Unterschied zur einfachen Warenproduktion) zur Bedingung der Produktion &#8220;wird&#8221;. Es stellen sich die &#8220;Verwirklichung von Gleichheit und Freiheit&#8221; heraus &#8220;als Ungleichheit und Unfreiheit. Es ist ein ebenso frommer wie dummer Wunsch, dass der Tauschwert sich nicht zum Kapital entwickle, oder die den Tauschwert produzierende Arbeit zur Lohnarbeit&#8221; (GR 160).</p>
<h4>Die Weltlosigkeit der Idealbeflissenen</h4>
<p>Die linken Gerechtigkeitseiferer konservieren ihr Ideal der Gerechtigkeit in einer Vagheit, die es ihnen erlaubt, die Verkehrung dieses Zieles gegen ihre progressiven Vorstellungen von ihm aus ihrem Bewusstsein herauszuhalten. Gerechtigkeit avanciert so &#8211; wie Frieden &#8211; zu einer Chiffre f&uuml;r das allgemein Gute an und f&uuml;r sich. Es ist dann den Idealen mit ihrer &#8220;Vollendung nicht ernst, sondern vielmehr mit dem Mittelzustand&#8221; (Hegel Bd. 3, 459) des unendlichen Strebens nach ihnen. Das &#8220;Fortschreiten&#8221; auf die Ideale w&auml;re &#8220;ein Zugehen zum Untergang derselben&#8221; (ebd. 458). Ein h&auml;sslicher Nachteil von Werten und Idealen wie Gerechtigkeit und Frieden ist, dass man oftmals &#8220;in dem Ma&szlig;, wie der Schatten Gestalt annimmt, bemerkt, dass diese Gestalt, weit entfernt ihre ertr&auml;umte Verkl&auml;rung zu sein, just die gegenw&auml;rtige Gestalt der Gesellschaft ist&#8221; (MEW 4/105).</p>
<p>Das Gute wird formell und zu einem Namen, der sich allem M&ouml;glichen anheften l&auml;sst: Gerechtigkeit, Frieden usw. Die Moral zeigt ihre Weltlosigkeit ganz immanent, indem in ihr das Gute in das B&ouml;se umschl&auml;gt (Hegel Bd. 7, § 140). Da gibt es vielerlei &#8220;gute Gr&uuml;nde, f&uuml;r sich selbst eine Berechtigung zum B&ouml;sen (zu) finden, indem er (der B&ouml;se &#8211; Verf. ) durch sie (die Berechtigung &#8211; Verf. ) es (das B&ouml;se &#8211; Verf. ) f&uuml;r sich zum Guten verkehrt. Diese M&ouml;glichkeit liegt in der Subjektivit&auml;t, welche als abstrakte Negativit&auml;t alle Bestimmungen sich unterworfen &#8230; wei&szlig;&#8221; (ebd. , § 140 b)<a href="#a10" name="10"><sup>10</sup></a>. &#8220;In diesem abstrakten Guten ist der Unterschied von gut und b&ouml;se und alle wirklichen Pflichten verschwunden; deswegen blo&szlig; das Gute wollen und bei einer Handlung eine gute Absicht haben, dies ist so vielmehr das B&ouml;se, insofern das Gute nur in dieser Abstraktion gewollt und damit die Bestimmung desselben der Willk&uuml;r des Subjekts vorbehalten wird&#8221; (ebd. § 140 d).</p>
<p>Diese Willk&uuml;r entspricht der Weltlosigkeit des Individuums. Sie wiederum geht einher mit dem abstrakten Reichtum und der ihm eigenen Vergesellschaftung. Die linke Sympathie f&uuml;r das Gerechtigkeitsthema ist Ausdruck der Entfremdung, den abstrakten Reichtum und seine ideellen Komplement&auml;rph&auml;nomene nicht als Momente eines Zusammenhangs wahrhaben zu k&ouml;nnen. Linke spielen gern eine Seite der Gesellschaft gegen die andere aus und verfehlen die systemimmanenten Ursachen und Rechtfertigungsgr&uuml;nde der Einkommens- und Verm&ouml;gensunterschiede. Dass solche Linke dann entweder nach einigen Sturm- und Drangjahren das von ihnen nur &auml;u&szlig;erlich angegriffene, aber seiner formellen Negation gegen&uuml;ber wirklichkeitshaltigere b&uuml;rgerliche Bewusstsein &uuml;bernehmen und , realpolitisch&#8217; , ankommen&#8217; <em>oder</em> sich der Verkehrung ihrer guten Absichten ins Gegenteil durch sektiererische Einmauerung in dogmatische Parallelwelten erwehren, liegt nahe. Dabei liegen Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Kontexterweiterung vor, die diese falsche Alternative unn&ouml;tig macht (vgl. Creydt 1999 ff. ).<br />
<hr />
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#1" name="a1"><sup>1</sup></a> Vgl. zum Praxisbegriff als Integrationsfigur f&uuml;r eine nachkapitalistische und nachmoderne Gesellschaftsordnung und Lebensweise und als not-wendiges Perspektivfundament: Creydt 1999a, b, 2001, 2003.</p>
<p><a href="#2" name="a2"><sup>2</sup></a> Der ehemalige Arbeitsminister unter Kohl war 2004 in K&ouml;ln Redner auf einer gewerkschaftlichen Kundgebung zur Kritik an &#8220;Ungerechtigkeiten&#8221; der Regierungspolitik. Diese Einladung passt zu den inneren Grenzen des Gerechtigkeitsdiskurses.</p>
<p><a href="#3" name="a3"><sup>3</sup></a> &#8220;, Menschen ohne Welt&#8217; waren und sind diejenigen, die gezwungen sind, innerhalb einer Welt zu leben, die nicht die ihrige ist; einer Welt, die, obwohl von ihnen in t&auml;glicher Arbeit erzeugt und in Gang gehalten, , nicht f&uuml;r sie gebaut&#8217; (Morgenstern), nicht f&uuml;r sie da ist; innerhalb einer Welt, f&uuml;r die sie zwar gemeint, verwendet und , da&#8217; sind, deren Standards, Abzweckungen, Sprache und Geschmack aber nicht die ihren, ihnen nicht verg&ouml;nnt sind&#8221; (Anders 1993/XI).</p>
<p><a href="#4" name="a4"><sup>4</sup></a> &#8220;Das religi&ouml;se Gef&uuml;hl, versteht sich, wenn es betrunken, wenn es nicht n&uuml;chtern ist, h&auml;lt sich f&uuml;r das einzige Gut. Wo es &Uuml;bel sieht, schreibt es sie seiner Abwesenheit zu, denn wenn es das einzige Gut ist, so kann es auch einzig das Gute erzeugen&#8221; (MEW 1/394).</p>
<p><a href="#5" name="a5"><sup>5</sup></a> Bei f&uuml;hrenden Vertretern der &#8220;Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit&#8221; geht die Maxime &#8220;Die Leute dort abholen, wo sie sind&#8221; mit der Abgrenzung gegen die zu &#8220;linke&#8221; PDS einher und bringt das Elend der &#8220;Realpolitik&#8221; auf den Begriff. Neu ist daran nichts au&szlig;er der Tatsache, dass die WASG noch nicht einmal verbalradikal (&#8220;Ver&auml;nderung beginnt mit Opposition&#8221;) auftreten mag, w&auml;hrend die PDS sich immer darauf verstand, <em>bevor</em> sie wie in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern Regierungsverantwortung &uuml;bernahm und sich den &#8220;Sachzw&auml;ngen&#8221; unterwarf mit der ebenfalls klassischen Ausrede, <em>ohne</em> sie w&uuml;rde es noch schlimmer kommen. &#8220;Ich bin das kleinere &Uuml;belchen, kotzt alle in mein K&uuml;belchen&#8221; (Matthias Buchholz).</p>
<p>&#8220;Die WASG versteht sich als Alternative <em>im</em> System. Der demokratische Sozialismus, der auf den Fahnen der PDS steht, ist da weitergehender in Richtung einer Systemalternative. Die WASG tritt mit einer Wirtschaftspolitik an, die auf Keynes fu&szlig;t, und ich w&uuml;sste nicht, dass dies die theoretische Grundlage der PDS w&auml;re. &#8230; Theoretisch habe ich als Theologe keine Schwierigkeit damit, auch das System in Frage zu stellen. Ich habe aber den Eindruck, dass eine solche Infragestellung politisch gegenw&auml;rtig nicht vermittelbar ist. Ganz pragmatisch geht es darum, wie ich Politik, mit der ich nicht einverstanden bin, &auml;ndern kann&#8221; (J&uuml;rgen Klute, Spitzenkandidat der WASG in NRW und Leiter des Sozialpfarramts im Kirchenkreis Herne im Interview in der Sozialistischen Zeitung 20. Jg. , 5/2005, S. 5).</p>
<p>&#8220;JW: Und was ist die grunds&auml;tzliche Richtung? Antw. : Dass unser Programm im Kern reformistisch ist. Es ist darauf gerichtet, die Folgen des Kapitalismus zu begrenzen und zu beherrschen. JW: Also nicht, den Kapitalismus als solchen in Frage zu stellen? Antw. : Mit diesem Programm nicht.&#8221; (Sabine L&ouml;sing, Mitglied des Gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Bundesvorstandes der WASG im Junge-Welt-Interview 10.5.2005).</p>
<p><a href="#6" name="a6"><sup>6</sup></a> H&auml;ngen die Reproduktionschancen der Lohnabh&auml;ngigen, sozialstaatliche Transferzahlungen einmal ausgeklammert, von der Verkaufbarkeit ihrer Arbeitskraft ab und verkn&uuml;pft sich Einkommen f&uuml;r sie mit Erwerbs- bzw. Lohnarbeit, so &#8220;werden die Interessen Lohnabh&auml;ngiger strukturell vorgepr&auml;gt und in ein hierarchisches Verh&auml;ltnis zueinander gebracht. Danach rangiert das Arbeitsplatzinteresse vor dem Lohn-, dieses vor dem langfristigen Reproduktionsinteresse (das wiederum vorrangig die Arbeitskraft-, aber nachrangig die Umwelterhaltungsinteressen zum Gegenstand hat). Besch&auml;ftigungsnot, Arbeitslosigkeit k&ouml;nnen alle dem Arbeitsplatzinteresse nachrangigen Interessen verdr&auml;ngen&#8230;&#8221; (M&uuml;ckenberger 1986/104).</p>
<p><a href="#7" name="a7"><sup>7</sup></a> &#8220;Wer nur f&uuml;r den Frieden ist, der kriegt ihn nicht, tut und lebt er doch gerade so, als w&auml;re die Welt (bis auf diesen Sch&ouml;nheitsfleck, die Gefahr ihrer leider absoluten Vernichtung) schon die seine, und als w&auml;ren die Regierungen dazu da, auf seine Forderungen zu h&ouml;ren. F&uuml;r den Frieden brauche es also alles, nur keine Friedensbewegung&#8221; (Creydt 1984, 318).</p>
<p><a href="#8" name="a8"><sup>8</sup></a> Bereits 1930 hie&szlig; es zu Recht: &#8220;Die pazifistische Ideologie dient der Maskierung der imperialistischen Kriegsvorbereitungen. &#8230; Die verschiedenen Antikriegspakte &#8230; sind keine wirksamen Hemmnisse f&uuml;r den Ausbruch des imperialistischen Krieges. Aber sie stellen die propagandistische Kriegsvorbereitung in den Massen auf einen neuen Fu&szlig;. Sie sind die Instrumente, um die Kriegshetze mit den Mitteln des Pazifismus, und das hei&szlig;t, umso wirksamer, zu f&uuml;hren. Der imperialistische Gegner wird durch den Apparat, den diese Abkommen geschaffen haben, als St&ouml;rer des Weltfriedens hingestellt und die Kriegsf&uuml;hrung gegen den Gegner als v&ouml;lkerrechtliche Verpflichtung und als moralische Pflicht hingestellt&#8221; (KPD-Opposition 1931, 16f. ).</p>
<p><a href="#9" name="a9"><sup>9</sup></a> &#8220;Dass diese besondere Ware Arbeitskraft den eigent&uuml;mlichen Gebrauchswert hat, Arbeit zu liefern, also Wert zu schaffen, das kann das allgemeine Gesetz der Warenproduktion nicht ber&uuml;hren. &#8230; Das Gesetz des Austausches bedingt Gleichheit nur f&uuml;r die Tauschwerte der gegeneinander weggegebenen Waren&#8221; (MEW 23/610f. ).</p>
<p><a href="#10" name="a10"><sup>10</sup></a> Es geht mit dem , Guten&#8217; darum, &#8220;einen Inhalt unter ein Allgemeines zu subsumieren&#8221; (Hegel Bd. 7, § 140 d). &#8220;Dieser Inhalt ist an der Handlung als konkreter &uuml;berhaupt eine Seite, deren sie mehrere hat, Seiten welche ihr vielleicht sogar das Pr&auml;dikat einer verbrecherischen und schlechten geben k&ouml;nnen. &#8230; Die Subsumtion aber jeden beliebigen Inhalts unter das Gute ergibt sich f&uuml;r sich unmittelbar daraus, dass dies abstrakte Gute, da es gar keinen Inhalt hat, sich ganz nur darauf reduziert, &uuml;berhaupt etwas Positives zu bedeuten &#8211; etwas, das in irgendeiner R&uuml;cksicht gilt und nach seiner unmittelbaren Bestimmung auch als ein wesentlicher Zweck gelten kann, z. B. Armen Gutes tun, f&uuml;r mich, f&uuml;r mein Leben, f&uuml;r meine Familie sorgen usf. &#8230; Diebstahl, um den Armen Gutes zu tun, Diebstahl, Entlaufen aus der Schlacht um der Pflicht willen f&uuml;r sein Leben, f&uuml;r seine (vielleicht auch dazu arme) Familie zu sorgen. &#8230; Es reicht eine h&ouml;chst geringe Verstandesbildung dazu hin, um wie jene gelehrten Theologen f&uuml;r jede Handlung eine positive Seite und damit einen guten Grund und Absicht herauszufinden&#8221; (ebd. ).</p>
<h4>Literatur</h4>
<p>Anders, G&uuml;nther 1993: Mensch ohne Welt. M&uuml;nchen.</p>
<p>Bischoff, J&uuml;rgen; Detje, Richard 1989: Massengesellschaft und Individualit&auml;t. Hamburg.</p>
<p>Creydt, Meinhard 1984: Die Misere des Katastrophenschutzes &#8211; Frieden schaffen wie die Affen. In: Die Aktion, Jg. 3, Hamburg (Nautilus-Vlg. ).</p>
<p>Creydt, Meinhard 1999a: Arbeit als Perspektive. Argumente f&uuml;r einen kritischen und erweiterten Arbeitsbegriff. In: Weg und Ziel 2/1999, Jg. 57 Wien.</p>
<p>Creydt, Meinhard 1999b: Anhang zu: Probleme nichtsubalterner Basispolitik. In: Gr&uuml;n-Links-Alternatives Netzwerk Ruhrgebiet (Hg. ): , Gr&uuml;n-links-alternative Perspektiven f&uuml;r NRW? ! &#8216; Dortmund 1999.</p>
<p>Creydt, Meinhard 2000: Theorie gesellschaftlicher M&uuml;digkeit. Frankf. M.</p>
<p>Creydt, Meinhard 2001: Partizipatorische Planung und Sozialisierung des Marktes. Aktuelle Modelle in der angels&auml;chsischen Diskussion. In: Widerspruch (Z&uuml;rich), Bd. 40, 2001. Andere Varianten in: Marxistische Bl&auml;tter 3/2001, Volksstimme Nr. 45/2000 , Berliner Debatte Initial Nr. 3/2001.</p>
<p>Creydt, Meinhard 2003: Die institutionellen Strukturen nachkapitalistischer Gesellschaften. In: Olaf Reissig u. a. (Hg. ): Mit Marx ins 21. Jahrhundert. Hamburg.</p>
<p>Creydt, Meinhard 2004: Sparzwang und Verschwendung. In: Sozialistische Zeitung Nr. 1, Jg. 19.</p>
<p>Evers, Heinz 2004: Wie viel ist genug. In: Cicero &#8211; Magazin f&uuml;r politische Kultur. H. 1, Jg. 1.</p>
<p>Feuerbach, Ludwig 1976: Vorlesungen &uuml;ber Logik und Metaphysik. Darmstadt.</p>
<p>Kersting, Wolfgang 2003: Gerechtigkeit: Die Selbstverewigung des egalitaristischen Sozialstaats. In: Lessenich, Stephan (Hg. ): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Frankf. M.</p>
<p>Koller, Peter 1994: Gesellschaftsauffassung und soziale Gerechtigkeit. In: Frankenberg, G&uuml;nter: Auf der Suche nach der gerechten Gesellschaft. Frankf. M.</p>
<p>KPD-Opposition 1931: Plattform der KPD (Opposition). Beschlossen Dez. 1930.</p>
<p>Landshut, Siegfried 1969: Die Gemeinschaftssiedlung in Pal&auml;stina. (Zuerst Tel Aviv 1944).</p>
<p>In: Ders. : Kritik der Soziologie und andere Schriften zur Politik. Neuwied am Rhein.</p>
<p>Miegel, Meinhard 1991: Leistung lohnt sich nicht. In: Die Zeit Nr. 12, S. 28.</p>
<p><em>M&uuml;ckenberger, Ulrich 1986: Entfremdung von innerer und &auml;u&szlig;erer Natur und Wege, sie zu thematisieren. In: Altvater, Elmar (Hg. ): Markt, Mensch, Natur. Hamburg.</p>
<p></em>Musil, Robert 1981: Mann ohne Eigenschaften. Reinbek bei Hamburg.</p>
<p>Rawls, John 1975: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankf. M.</p>
<p>Schr&ouml;der, Gerhard 2003: Das Ziel der sozialen Gerechtigkeit und die Herausforderungen moderner Demokratie. In: Konrad Deufel, Manfred Wolf (Hg. ): Ende der Solidarit&auml;t? Die Zukunft des Sozialstaats. Freiburg.</p>
<p>Ziesemer, Bernd 1999: Die Neidfalle. Wie Missgunst unsere Wirtschaft l&auml;hmt. Frankf. M.</p>
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