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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2004-30</title>
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		<title>Was ist der Wert?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:58:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/was-ist-der-wert">Was ist der Wert?</a></p>
ÜBER DAS WESEN DES KAPITALISMUS - EINE EINFÜHRUNG]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/was-ist-der-wert">Was ist der Wert?</a></p>
<h3>ÜBER DAS WESEN DES KAPITALISMUS &#8211; EINE EINFÜHRUNG</h3>
<p>Streifzüge 30/2004</p>
<p><em>von Christian Höner</em> <span id="more-315"></span></p>
<p>Die ersten Werttheoretiker waren die Klassiker der bürgerlichen Ökonomie: Adam Smith und David Ricardo. Sie gingen davon aus, dass die Arbeit, die benötigt wird, um ein Produkt herzustellen, den Wert einer Ware bildet. Die vergangene, verausgabte Arbeit liegt demnach gewissermaßen in der Ware und verleiht ihr so die Eigenschaft, Wert zu besitzen. Die Frage, warum <em>überhaupt </em>Produkte in den warenproduzierenden Gesellschaften eine Wert- Eigenschaft erhalten, konnten und wollten sie nicht beantworten. Das tat dann ein Kritiker des Waren produzierenden Systems namens Karl Marx. Auch bei ihm führt der Weg zum Wert über die Analyse der Ware. Was ist nun so Entscheidendes an der Ware zu entdecken?</p>
<p>Gegenüber einem Produkt zeichnet sich eine Ware per Definition dadurch aus, dass sie gegen eine andere Ware getauscht werden kann. Die Ware, zum Beispiel ein Hammer, besitzt also nicht nur die Eigenschaft, dass er aus Holz und Eisen besteht und dass man mittels eben jenes Hammers Nägel in die Wand schlagen kann. Als Ware besitzt der Hammer <em>&#8220;die Eigenschaft&#8221; </em>tauschbar zu sein. Was ist damit gemeint?</p>
<p>Um beim Beispiel zu bleiben: Ein Hammer soll gegen eine Flasche Bier getauscht werden. Nun sind Hammer und Bier zwei völlig verschiedene Dinge für völlig unterschiedliche Zwecke. Ihre Unterschiedlichkeit mag zwar für denjenigen, der Bier trinken oder einen Nagel in die Wand schlagen will, von Bedeutung sein. Für den Tausch als logische Operation ist ihre konkrete Nützlichkeit ungeeignet. Denn beim Tauschakt geht es ja bekanntermaßen um den Tausch von Gleichem oder Gleichwertigem. Wenn dem nicht so wäre, würde man bedenkenlos sein Auto gegen ein Stück Butter tauschen. Jedes Kind weiß, dass das Auto wertvoller ist. Offensichtlich ist es nicht die qualitative Eigenschaft der Ware (also ihre konkrete, sinnliche Natur), die den Tausch möglich macht. Bier, Hammer, Auto müssen also irgendetwas besitzen, das sie untereinander gleich und damit vergleichbar macht.</p>
<p>Was ist nun das Gleiche an einem guten Bier und einem robusten Hammer? Beide existieren nur, weil Menschen Energie zu ihrer Herstellung verausgabt haben. Dabei geht es allerdings nicht um die konkreten Tätigkeiten, die die Herstellung von Bier und Hammer erfordern, denn als solche sind sie völlig verschieden. Gleich und vergleichbar werden sie nur, wenn von ihrer konkreten Natur abgesehen (abstrahiert) wird. Es geht dann nicht mehr um den konkreten Vorgang des Bierbrauens bzw. Hammerherstellens, sondern darum, dass überhaupt Energie verausgabt wird. Marx verwendet dafür auch den Begriff der abstrakten Arbeit. Abstrakte Arbeit &#8211; so Marx &#8211; vergegenständlicht sich in der Ware und bildet deren Wert. Um den Wert einer Ware betrachten zu können, muss also von der gesamten konkreten Erscheinung des Hammers abgesehen werden. Was man dann in den Händen hält, ist ein recht seltsames abstraktes Häufchen verausgabter menschlicher Energie.</p>
<p>Die Ware besitzt also einen Doppelcharakter. Sie ist einerseits ein konkretes, sinnliches Ding. Andererseits ist sie ein abstraktes, rein quantitatives Wert-&#8221;Ding&#8221;.</p>
<p>Marx nennt die konkret-sinnliche Gestalt der Ware den Gebrauchswert. Bei Marx ist der Gebrauchswert noch eine überhistorische Kategorie. Tatsächlich ist der Gebrauchswert dem Diktat des Werts gleich mehrfach unterworfen. Zum einen wird nur das hergestellt, was sich auch verwerten bzw. indirekt über die Verwertung realisieren lässt. Zum anderen beherrscht das Verwertungsdiktat den Produktionsprozess selber. Maschinerie wie Produkt sind unter dem Gesichtspunkt der Verwertung organisiert. Es ist der Produktion wie dem Produkt anzusehen, dass sie unter dem Diktat abstrakter betriebswirtschaftlicher Effektivität realisiert werden. Allgemeiner ausgedrückt: Der Gebrauchswert ist nur die Konkretion der Abstraktion des Werts. Der Gebrauchswert gibt nur in einem abstrakten Sinn Nützlichkeit an: <em>Nützlichkeit überhaupt. </em>Zum Beispiel ist auch eine Bombe ein sinnlich-konkretes Ding mit einer gewissen Nützlichkeit. Spätestens mit den Skandalen in der Lebensmittelindustrie dürfte klar sein, dass die Aussage von Marx, dass die Brötchen in der feudalen Gesellschaft genauso schmecken wie im Kapitalismus nicht aufrechtzuerhalten ist. Der Gebrauchswert ist nicht als überhistorische Konstante, sondern als der Ware zugehörig neu zu bestimmen.</p>
<p>Wie aber ergibt sich nun die Größe des Werts? Dass die Zeit hierbei eine Rolle spielt, die zur Verausgabung menschlicher Energie an einer Ware notwendig ist, scheint einleuchtend. Nun gibt es da ein Problem: Der Hersteller eines Autos wird zum Beispiel nicht auf den Gedanken kommen langsamer zu arbeiten, um den Wert seines Fahrzeuges zu erhöhen &#8211; was übrigens auch nicht passieren würde. Er muss sich nämlich mit seiner Konkurrenz und deren wissenschaftlich-technischem Vermögen, Autos herzustellen, messen. Allgemein kann man also sagen, dass sich die Größe des Werts aus der Größe der abstrakten Arbeitszeit in Abhängigkeit von der durchschnittlichen gesellschaftlichen Produktivtät ergibt. Wir wissen dank Marx zwar jetzt, dass die abstrakte Arbeitszeit in Abhängigkeit von dem Standard der Produktivität die Größe des Werts festlegt. Wie kann man jedoch diese Größe genau ermitteln? Ganz einfach: gar nicht. Es gibt zwar Stechuhren und Arbeitsplätze, wo die Einhaltung der Zeitvorgaben überwacht wird. Aber es gibt einfach keine Messinstrumente, die die abstrakte Arbeitszeit oder gar den durchschnittlichen Standard der Produktivtät irgendwie messen könnten. Dass es trotzdem Preise an jeder Ware gibt, wie man sich im Supermarkt überzeugen kann, liegt daran, dass Wert und Preis nicht identisch sind. Der Wert &#8211; so könnte man sagen &#8211; ist die eiserne Richtschnur, um die herum der Preis zirkuliert.</p>
<p>Wer legt fest, welche Ware welchen Wert hat? Die Antwort ist so einfach wie verwirrend: die Waren selber. Das Irrsinnige dieser Feststellung sticht geradezu ins Auge. Dinge haben per se keinen eigenen Willen und erst recht können sie keine Entscheidungen treffen. Und trotzdem verhält es sich gewissermaßen so. Warum aber? Indem die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer tagtäglichen Praxis ihre Produkte gegeneinander tauschen, setzen sie ihre Tätigkeiten einander gleich. Dieses Gleichsetzen verleiht den Produkten die gespenstische Eigenschaft, Wert zu besitzen. Gespenstisch ist diese Eigenschaft, weil es den Produkten von Natur aus nicht zusteht, Wert zu besitzen. Der Wert einer Ware, zum Beispiel eines Diamanten, ist auch durch eine atomare Analyse nicht zu ermitteln. Da sind nur Kohlenstoffatome. Wir haben es also mit einer Paradoxie zu tun: Der Wert ist da und auch wiederum nicht. Die Dinge besitzen nicht von Natur aus Wert, erst durch die Tauschpraxis der Menschen kommt der Wert in die Welt. Das Verhalten der Menschen wird so paradoxerweise zu einer &#8220;Eigenschaft&#8221; eines Dinges; es &#8220;fährt&#8221; in die Dinge hinein und &#8220;beseelt&#8221; die Warenkörper, die sich nun scheinbar zu anderen Waren &#8220;verhalten&#8221; können.</p>
<h4>Warum der Wert ein Gespenst ist</h4>
<p>Das soziale Verhältnis von Menschen verkehrt sich zu einem verdinglichten Verhältnis von Sachen. Dieses Verhältnis von Dingen kann natürlich nur ein <em>Schein</em>bares sein, aber es handelt sich um einen <em>realen </em>Schein, der sich erst verflüchtigt, wenn sich die Menschen nicht mehr in dieser spezifischen Art und Weise gesellschaftlich aufeinander beziehen. Marx nennt das Unvermögen, nicht anders als über die &#8220;Produkte der menschlichen Hand&#8221; gesellschaftlich aufeinander Bezug nehmen zu können, Warenfetischismus. Die mystisch-fetischistische Basis der aufgeklärten Warengesellschaft findet eine Analogie im Reich der Religionen. &#8220;Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand&#8221;, sagt Marx im 1. Band des Kapital. Ob Totem, Naturgötter, Gott oder die Ware: die gesellschaftliche Synthese erfolgt nicht in der Form eines unmittelbaren gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses, sondern indirekt durch unbewusste, gemeinsame Bezugnahme auf etwas scheinbar &#8220;Äußerliches&#8221;, das scheinbar unabhängig vom bewussten Treiben der Menschen den gesellschaftlichen Zusammenhang wie eine Matrix strukturiert. Diese Matrix erscheint nicht als durch die Menschen gemachtes Verhältnis, sondern als ein quasi-natürliches bzw. naturgesetzliches. Aber dieses Naturgesetzliche ist nichts weiter als die eigene gesellschaftliche <em>Form</em>, in welcher sich die Menschen in der Warengesellschaft aufeinander beziehen. Und so reicht es nicht, sich dieser unbewussten Form einfach bewusst zu werden. Vielmehr muss sich die Form der gesellschaftlichen Praxis der Menschen zueinander verändern, so dass die Vermittlungsprozesse zwischen Mensch-Mensch und Mensch-Natur in bewussten Kommunikationsprozessen vollzogen werden.</p>
<h4>Warenproduktion: Von einem Randphänomen &#8230;</h4>
<p>Auch wenn der Mainstream der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften davon ausgeht, dass zu tauschen in der Natur des Menschen liege, ist der Warentausch in den vormodernen Gesellschaften nicht <em>das</em>Vergesellschaftungsprinzip gewesen. Wenn überhaupt getauscht wurde, so handelte es sich um ein randständiges Phänomen. Die vormodernen Gesellschaften funktionierten als Subsistenzwirtschaften, und diese verfügten über verschiedenste Formen der Verteilung von Produkten, zum Beispiel durch persönliche Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse. Es zeichnet erst die kapitalistische Gesellschaft aus, dass das Tauschen zum einzigen Prinzip des &#8220;Stoffwechselprozesses des Menschen mit der Natur&#8221; wird. Historisch betrachtet war der Tausch so lange ein randständiges Phänomen, wie die Menschen über eigene oder gemeinsame Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse verfügten. Erst die gewaltvolle Trennung der Menschen von diesen Mitteln machte Kapitalismus und damit die Verallgemeinerung des Tauschprinzips möglich. Erst im Kapital vollendet sich die Logik des Tauschens. Um das zu verstehen, müssen wir uns nochmals dem Wert zuwenden. Die Wert-Eigenschaft der Dinge entsprang einem spezifischen unbewussten Verhältnis der Menschen. Ein soziales Verhältnis wurde zu einer Eigenschaft einer Sache. Diese Wert-Eigenschaft ist das Ergebnis einer realen Abstraktion als logische Bedingung des Tauschaktes. Um sinnlich verschiedene Dinge gleich und damit vergleichbar zu machen, muss gerade von ihrer Sinnlichkeit abgesehen werden. So verwandeln sich sinnliche Gegenstände in abstrakte Wert-Dinge, die nichts weiter darstellen als <em>Arbeitsprodukte überhaupt, </em>in denen menschliche <em>Energie überhaupt </em>verausgabt wurde. Der Wert ist also der gemeinsame Nenner der Waren -verausgabte, vergegenständlichte oder auch geronnene menschliche Energie -, über den sich die Waren aufeinander beziehen können.</p>
<p>Der Wert &#8211; seinem abstrakten Wesen entsprechend &#8211; kann nun in verschiedenen Formen und Aggregatzuständen auf der sinnlichen Oberfläche der gesellschaftlichen Praxis <em>erscheinen</em>. Er kann u. a. in der Gestalt von Waren oder in der von Geld <em>erscheinen</em>. Im Geld <em>erscheint </em>der Wert als praktischer Vermittler zwischen verschiedenen Waren. Ein Beispiel: Ein Bäcker stellt Brötchen her, um sie gegen Geld zu tauschen. Mittels jenes Geldes tauscht der Bäcker all die Dinge ein, die er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse benötigt. Hier <em>erscheint </em>das Geld als relativ harmloses und sinnvolles Instrument: Hergestellte <em>Waren </em>werden gegen <em>Geld </em>und dann wieder gegen <em>Waren </em>getauscht, die dann konsumiert werden sollen; Ware-Geld-Ware. Der Wert schlüpft gewissermaßen zuerst in das Kostüm einer Ware, dann in das des Geldes, um sich schließlich wieder in eine Ware zu verwandeln. Dieses vermeintlich idyllische Bild einfacher Warenproduzenten hat allerdings nichts mit Kapitalismus zu tun.</p>
<h4>&#8230; zum Kapital</h4>
<p>Was ist nun Kapital? Damit Kapital entsteht, ist es notwendig, die Bewegung Ware- Geld-Ware in ihre einzelnen Segmente zu zergliedern und neu zusammenzusetzen: Geld-Ware-mehr Geld. Diese Bewegung ist Kapital. Im Unterschied zu Ware-Geld- Ware, wo zumindest noch am Anfangs- und am Endpunkt die Ware steht und das Geld nur vermittelnd zwischen beide Waren tritt, hat sich der Wert in seiner Ausdrucksform Geld selber zum Ausgangs- und Endpunkt der Bewegung des Kapitals gemacht, wobei die Bewegung Geld-Geld nur &#8220;Sinn&#8221; macht, wenn sich das Geld vermehrt. Der Wert ist zu seinem eigenen Ziel geworden, seine eigene sinnstiftende Instanz, er heckt sich selber als Selbstzweck. Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse sinkt zu einem bloßen Mittel herab, zu einem notwendigen Übel. Die &#8220;Maschine&#8221; Kapital ist also ein selbstbezüglicher Automatismus oder wie Marx es nennt: das automatische Subjekt. Alle menschlichen Bedürfnisse und die damit verbundenen Interessen können sich nur noch verwirklichen, wenn sie innerhalb der Kapitalbewegung gewissermaßen als Kollateralschaden abfallen. Die Produktion der Waren ist zum notwendigen Übel geworden, um aus Geld mehr Geld zu machen. Da der Gesellschafts- und Naturbezug der Menschen in der Warengesellschaft nur im Rahmen der selbstzweckhaften Bewegung des Werts (Kapital) erfolgt, der Wert aber eben von diesem Bezug absieht, weil er nur sich selbst und seine Selbstvermehrung kennt, sinken die Menschen zu bloßen Exekutoren der Bewegung des Kapitals herab. Die Menschen werden zu Funktionsträgern bzw. zu Charaktermasken eines sie beherrschenden Automatismus, der nichts weiter ist als ihre eigene verrückte, unbewusste, gesellschaftliche Vermittlungsform.</p>
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		<title>Mehrwert und Verwertung</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:56:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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AUSFÜHRUNGEN ZUM OKKULTISMUS DERWARE ARBEITSKRAFT]]></description>
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<h3>AUSFÜHRUNGEN ZUM OKKULTISMUS DERWARE ARBEITSKRAFT</h3>
<p>Streifzüge 30/2004</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-320"></span></p>
<p>Er spukt also wieder in den Hirnen, und er war auch nie ganz draußen. Gemeint ist der Mehrwert, jene Größe, um die es eigentlich gehen soll. Unsere Aufgabe besteht nun darin, die Mehrwertkritik in ihre Schranken zu weisen, sie bloß als das gelten zu lassen, was sie ist, ein integrierter Bestandteil der Wertkritik, nicht ihre Gegensetzung. Wird sie als diese verstanden und gar zum Zentrum der Gesellschaftskritik aufgeblasen, dann ist sie als eine Form verkürzter Kapitalismuskritik zu interpretieren, deren Implikationen alles andere als unproblematisch sind.</p>
<p>Mit Alfred Sohn-Rethel betrachten wir den Zusammenhang von Wert und Mehrwert wie folgt: &#8220;Denn damit die Produktion Mehrwert erzeuge, wird offenbar vorausgesetzt, dass die Produkte die Wertform haben, und das eigentliche Problem des Mehrwerts liegt daher nicht in der Produktion, sondern in dieser Wertform der Produkte. Nur weil der Produktion im Kapitalismus das Wertgesetz auferlegt ist, macht die Seinswirklichkeit der Produktion sich gerade gegen die Wertform durch den Widerspruch des Mehrwerts geltend. Was wir daher allein überhaupt analysieren können, ist immer nur die Wertform und ihr Ursprung.&#8221; (Soziologische Theorie der Erkenntnis (1936), Frankfurt am Main 1985, S. 110) Analytisch ist es nur so zu fassen: Nicht der Wert hat im Mehrwert ein äußeres Problem, sondern der Mehrwert ist zweifellos eine durch den Wert gesetzte Kategorie. Mehrwert ist bloß Mehr<em>Wert; </em>ein Komparativ ohne selbständigen Charakter und unabhängige Qualität. Ein Schlüssel zum Kapital mag im Mehrwert liegen, aber der Schlüssel zum Mehrwert liegt im Wert.</p>
<h4>1.</h4>
<p>Mehrwert kann ohne Wert nicht gedacht werden. Jener ist eine abgeleitete Größe, ein Aspekt desselben, nichts Eigenständiges, schon gar nicht das, was die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse definiert. Der Mehrwert ist auch nichts, was den Wert verzerrt, sondern etwas, das diesen hinsichtlich der Vernutzung menschlicher Arbeitskraft zum Ausdruck bringt. Nicht der Wert der menschlichen Arbeit ist einzufordern &#8211; denn der Wert der menschlichen Arbeitskraft wird sowieso bezahlt -, sondern Verwertung als auch In-Wert-Setzung menschlicher Tätigkeiten sind kategorisch zu verwerfen.</p>
<p>Akkumulation meint &#8220;Kapitalisierung von Mehrwert&#8221; (MEW 24: 326). Die Verwertung ist jener Prozess, in dem das konstante Kapital sich Mehrwert einsaugt, aus GG&#8217; wird. Verwertung ist aber mehr und weniger als Mehrwert. Mehr meint jene, weil der gesamte Prozess der Akkumulation damit gekennzeichnet wird, weniger meint sie, weil nicht der gesamte Mehrwert verwertet wird, sondern nur der abzüglich des Konsums der Kapitaleigner. &#8220;Ein Teil des Mehrwerts wird vom Kapitalisten als Revenue verzehrt, ein anderer Teil als Kapital angewandt oder akkumuliert.&#8221; (MEW 23: 617-618)</p>
<p>Die Kategorien <em>Mehrwert </em>und <em>Verwertung </em>dürfen nicht verwechselt werden, sie bedeuten jeweils Unterschiedliches. Letztere meint den Prozess der Kapitalbildung, ersterer den Zusatz, der diese ermöglicht. Zurecht schreibt Moishe Postone: &#8220;Marx analysiert den Verwertungsprozess &#8211; den Prozess der Schaffung von Mehrwert &#8211; als Prozess der Schaffung von Wert.&#8221; (Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003, S. 464)</p>
<p>Karl Marx bezeichnet daher den Wert als &#8220;automatisches Subjekt&#8221; (MEW 23: 169): &#8220;In der Tat aber wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin der Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung. Es hat die okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist.&#8221; (Ebenda) Mehrwert ist nichts anderes als das Repellieren und Attrahieren des Werts selbst. Von sich, zu sich, aber immer aus sich. &#8220;Das Produkt der kapitalistischen Produktion ist nicht nur Mehrwert, es ist Kapital. Kapital ist, wie wir sahen, G-W-G&#8217;, sich selbst verwertender Wert, Wert, der Wert gebiert.&#8221; (Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Archiv sozialistischer Literatur 17, Frankfurt am Main 1969, S. 84)</p>
<p>Ziel des Kapitals ist also die &#8220;Verwertung des Werts&#8221; (MEW 23: 167), dass aus Wert <em>mehr Wert </em>(nicht: Mehrwert! ) wird, G-W-G&#8217;. Der Mehrwert ist aber das Inkrement, das diese Verwertung ermöglicht, das garantiert, dass hinten mehr rauskommt als vorne reingesteckt wurde, dass der Kostpreis der Ware (c+v) geringer ist als der Wert der Ware (c+v+m). Der Mehrwert ist das Inkrement der Verwertung, aber m ist nicht G&#8217;, sondern lediglich Dv, das dafür sorgt, dass am Ende nicht bloß wieder G erscheint. Würde der Wert der Ware dem Kostpreis entsprechen, wäre überhaupt keine Akkumulation von Kapital möglich. &#8220;Die Formel G&#8230; G&#8217;ist also charakteristisch, einerseits, dass der Kapitalwert den Ausgangspunkt und der verwertete Kapitalwert den Rückkehrpunkt bildet, so dass der Vorschuss des Kapitalwerts als Mittel, der verwertete Kapitalwert als Zweck der ganzen Operation erscheint; andrerseits, dass dies Verhältnis in Geldform ausgedrückt ist, der selbständigen Wertform, daher das Geldkapital als Geld heckendes Geld.&#8221; (MEW 24: 63)</p>
<h4>2.</h4>
<p>Der Schlüssel zum Mehrwert liegt darin, dass es eine &#8220;Differenz zwischen dem Wert und der Verwertung des Arbeitsvermögens&#8221; (MEW 26.1: 13-14) gibt. Der Lohn des Arbeiters deckt den Wert seiner Arbeitskraft, die jedoch als lebendige Arbeit mehr Wert bildet, als ihre Arbeitskraft gekostet hat. Der Wert der Arbeitskraft ist kleiner als das von ihr erzeugte Wertprodukt. &#8220;Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozess sind also zwei verschiedne Größen. Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte.&#8221; (MEW 23: 208) &#8220;Vergleichen wir nun den Wertbildungsprozess und Verwertungsprozess, so ist der Verwertungsprozess nichts als über einen gewissen Punkt hinaus verlängerter Wertbildungsprozess. Dauert der letztre nur bis zu dem Punkt, wo der vom Kapital gezahlte Wert der Arbeitskraft durch ein neues Äquivalent ersetzt ist, so ist er einfacher Wertbildungsprozess. Dauert der Wertbildungsprozess über diesen Punkt hinaus, so wird er Verwertungsprozess.&#8221; (MEW 23: 209)</p>
<p>Marx noch deutlicher: &#8220;Die in den Produktionsmitteln bereits enthaltene Arbeit ist dieselbe wie die neu zugesetzte. Sie unterscheiden sich nur dadurch, dass die eine <em>vergegenständlicht </em>ist in Gebrauchswerten und die andre im Prozess dieser <em>Vergegenständlichung </em>begriffen, die eine vergangen, die andre gegenwärtig, die eine tot, die andre lebendig, die eine <em>vergegenständlicht </em>im Perfektum, die andre sich <em>vergegenständlichend </em>im Präsens ist. Im Umfang, worin die vergegenständlichte Arbeit lebendige ersetzt, wird sie selbst ein Prozess, <em>verwertet sie sich</em>, wird sie ein Fluens, das eine Fluxion schafft. Dieses ihr Einsaugen zusätzlicher lebendiger Arbeit ist ihr <em>Selbstverwertungsprozess</em>, ihre wirkliche <em>Verwandlung in Kapital</em>, in sich selbst verwertenden Wert, ihre Verwandlung aus einer <em>konstanten Wertgröße </em>in eine variable und <em>prozessierende</em>Wertgröße. Allerdings kann diese zusätzliche Arbeit nur in der Gestalt konkreter Arbeit und daher den Produktionsmitteln nur in ihrer spezifischen Gestalt als besonderen Gebrauchswerten zugesetzt werden und wird auch der in diesen Produktionsmitteln enthaltene Wert nur durch ihren Konsum als Arbeitsmittel durch die konkrete Arbeit <em>erhalten</em>.&#8221; (Karl Marx, Resultate, S. 21-22. )</p>
<p>Der spezifische Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft liegt darin, dass sie als Arbeit im Produktionsprozess mehr Wert erzeugt als sie in der Zirkulation kostete. Das Geheimnis lässt sich so ausdrücken: Die Konsumtion des Gebrauchswerts der Arbeit durch das konstante Kapital erzeugt mehr Tauschwert als diese zuvor hatte. Gekauft wird diese Ware ob ihres eigentümlichen Gebrauchwerts mehr Tauschwert abzuwerfen als sie gekostet hat. &#8220;Wie den Warenbesitzer der Gebrauchswert der Ware nur als Träger ihres Tauschwerts interessiert, so den Kapitalisten der Arbeitsprozess nur als Träger und Mittel des Verwertungsprozesses.&#8221; (Marx, Resultate, S. 38)</p>
<p>Mit jeder Ware wird etwas gekauft, das produziert wurde und via Markt für die Konsumtion freigegeben wird. Im Prinzip trifft das auch auf die Ware Arbeitskraft zu. Nur: In der Ware Arbeitskraft wird etwas getauscht, das zwar produziert wurde, aber in futurum noch produzierend tätig wird. Die Ware Arbeitskraft ist die einzige, bei deren Konsum Tauschwert und Gebrauchswert nicht untergehen, sondern neu erschaffen werden und nicht bloß als Reproduktion, sondern als Zusatz, durch produktive Arbeit. Im Gegensatz zu jedem anderen Produkt toter Arbeit ist die Arbeitskraft tote Arbeit, die lebendige Arbeit emaniert, somit etwas <em>Produziertes Produzierendes</em>. Sie ist das Fertige, das weiter fertigt. Das ihr Vorausgesetzte setzt mit dem Tausch nicht aus, sondern es setzt nochmals ein. Das natürlich ist Okkultismus pur.</p>
<h4>3.</h4>
<p>Interessenslagen sind komplizierter, nicht so eindeutig, wie man allgemein annimmt. Den einzelnen Arbeiter interessiert am Wert seiner Ware Arbeitskraft in erster Linie einmal die Höhe des Lohnes; je mehr er erhält, desto mehr kann er sich leisten, desto gesellschaftsfähiger ist er. Gleichzeitig interessiert ihn aber an der Höhe der zu bezahlenden Preise das andere Extrem, sie sollen niedrig sein. Da die Preise aber nichts anderes sind als transformierte Löhne, ist er indirekt für niedrige Löhne. Was meint: Er darf jenen nicht gönnen, was er selbst haben will. Darin liegt der Grundfunke der Konkurrenzsubjektivität, wir könnten durchaus von einem mentalen (wenn auch gesellschaftlichen) Apriori unserer Seele sprechen, dem wir uns praktisch kaum entziehen können. Solche fundamentale Widersprüche hausen also im einzelnen Produzenten wie im einzelnen Marktteilnehmer selbst. Bürgerliche Gesellschaftlichkeit bedeutet den Bestand anderer zu gefährden um selbst bestehen zu können.</p>
<p>Den Kapitalisten hingegen interessieren am Preis seiner Waren primär Rate und Masse des Mehrwerts, die er sich anzueignen versteht, er will den Mehrwert steigern, nicht den Wert, im Gegenteil, Tauschwert und Preis als dessen letzte Formen möchte er im Normalfall senken. Er will den Arbeitslohn niedrig halten, andererseits muss er aber auch dafür Sorge tragen, dass die Beschäftigten die hergestellten Produkte bezahlen können. Puncto Arbeitskraft will er billig einkaufen (aber auch nicht zu billig); Produkte und Leistungen wiederum möchte er ebenfalls so teuer als möglich und so billig als möglich verkaufen. Auf dieser Ebene blühen Kalkulation und Spekulation, ebenso immanentes Rüstzeug und nicht unfreundliche oder gar externe Beigabe.</p>
<p>Und man kann die Sache noch weiterspinnen: Einerseits ist der Besitzer der Ware Arbeitskraft interessiert, dass sein <em>v </em>groß ist, andererseits muss er aber auch mittelbares Interesse haben, dass Profite (= realisierte Mehrwerte) gemacht werden, denn ohne <em>m </em>gibt es keine funktionierende Akkumulation, somit auch keinen Investitionsspielraum, somit auch keine Möglichkeiten den Kostpreis zu senken und in der Konkurrenz bestehen zu können, somit auch keine Arbeitsplätze, also kein <em>v</em>. Man kann es drehen und wenden wie man will: Konstantes wie variables Kapital, <em>c </em>wie <em>v </em>sind elementar an die Akkumulation gebunden. Sie backen den gleichen Kuchen, Ware genannt, aber sie streiten um die Stücke, Klassenkampf geheißen. In <em>C </em>konzentriert sich ihr gemeinsames Interesse, in <em>c: v: m </em>das jeweilige spezielle Interesse. Aber letztlich ist es ein Ritual, ein Tanz um das goldene Kalb des Werts, dem alles geopfert wird, das selbst aber ein Tabu darstellt.</p>
<p>Würden die Arbeiter 20 Prozent mehr Lohn erhalten, wäre ihre soziale Lage nicht verbessert, und nicht nur weil die Preise dann um 20 Prozent ansteigen würden. Sonst bräuchte man ja wirklich bloß Geld zu drucken und zu verteilen. Aber gesetzt den irregulären Fall, die Preise würden nicht steigen, die irreale Umverteilung wäre real möglich, dann würde die Investitionstätigkeit des Kapitals rapide absinken, da ja die nötige Profitmasse, um ökonomisch als Unternehmen bestehen zu können, nicht mehr vorhanden wäre. Fazit: Die immanenten Schranken des Klassenkampfs sind nicht zu durchbrechen. Werden sie aber durchbrochen, wäre es kein Klassenkampf mehr.</p>
<h4>4.</h4>
<p><em>Ausbeutung </em>ist eine moralisch aufgeladene Kategorie, die jedoch wenig begreift. Das gesellschaftliche Grundverhältnis, die Produktion von Waren und der Zwang zum Tausch, wird darin überhaupt nicht tangiert. Implizit wird nichts anderes als Gerechtigkeit eingeklagt. Ausbeutung beschreibt aber nur einen Aspekt des kapitalistischen Universums, nimmt Produktionsverhältnis, Zirkulationsweise und Konsumtion nicht als Totalität wahr.</p>
<p>Unterstellt wird, dass jemanden etwas genommen wird, was ihm eigentlich zustünde, worüber sodann andere verfügen. Es hat was von Diebstahl und gegen Diebstahl hat eins als braver Bürger zu sein. Karl Marx schreibt in seinen &#8220;Randglossen zu Wagner&#8221; (1879/80): &#8220;Dunkelmann schiebt mir unter, dass , der von den Arbeitern <em>allein </em>produzierte <em>Mehrwert </em>dem kapitalistischen Unternehmern <em>ungebührlicher </em>Weise verbliebe&#8217;. Nun sage ich das direkte Gegenteil; nämlich, dass die Warenproduktion notwendig auf einem gewissen Punkt zur , kapitalistischen&#8217; Warenproduktion wird. Und dass nach dem sie beherrschenden <em>Wertgesetz </em>der , Mehrwert&#8217; dem Kapitalisten gebührt und nicht dem Arbeiter.&#8221; (MEW 19: 382) &#8220;Ich stelle umgekehrt den Kapitalisten als notwendigen Funktionär der kapitalistischen Produktion dar und zeige sehr weitläufig dar, dass er nicht nur , abzieht&#8217; oder , <em>raubt&#8217;</em>, sondern die <em>Produktion des Mehrwerts </em>erzwingt, also das Abzuziehende erst schaffen hilft; ich zeige ferner ausführlich nach, dass, selbst wenn im Warenaustausch <em>nur Äquivalente </em>sich austauschen, der Kapitalist &#8211; sobald er dem Arbeiter den wirklichen Wert seiner Arbeitskraft zahlt &#8211; mit vollem Recht, d. h. dem dieser Produktionsweise entsprechenden Recht, den <em>Mehrwert </em>gewänne.&#8221; (MEW 19: 359)</p>
<p>Mehrwert meint nicht Unrecht, sondern Recht. Der Kapitalismus ist &#8220;unmoralisch&#8221;, aber nicht weil er gegen die bürgerliche Moral verstößt, sondern weil er sie erfüllt. Dunkelmanns Interpretation wurde zur allgemeinen Sichtweise in der Arbeiterbewegung. Als zentrales Kennzeichen des Kapitalismus wird von den Traditionsmarxisten aller Coleur so nicht die Verallgemeinerung der Warenproduktion gesehen resp. der Wert als das totalisierende Prinzip, sondern die Enteignung der Arbeiterklasse von den Produktionsmitteln. Die Forderung nach der Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln (die entsprechend eingebettet keine falsche ist) wurde zur zentralen Losung aller Reformisten und Revolutionäre. In trauter Eintracht glaubte man an die Verfügungsgewalt der Kapitalisten über die Produktionsmittel. Indes stellt diese lediglich eine <em>Fügungspflicht </em>dar. Nicht das Kapital ist abhängig von den Kapitalisten, sondern die Kapitalisten vom Kapital.</p>
<h4>5.</h4>
<p>Mehrwertkritik macht aus der kapitalistischen Nötigung, sich verkaufen zu <em>müssen </em>eine klassenkämpferische Tugend sich teuer verkaufen zu <em>sollen</em>. Das nennt sich dann konsequente Interessenspolitik. Schlimm ist allerdings nicht, dass irgendein Lohn zu niedrig ist (das ist wohl jeder und keiner), schlimm ist, dass es überhaupt einen Lohn (oder eine andere Form der Geldgewinnung) geben muss, um sich die gesellschaftlichen Produkte und Dienstleistungen aneignen zu können.</p>
<p>Mehrwertkritik ist verkürzte Kapitalismuskritik, sie richtet sich gegen Ausbeutung und Plusmacherei, stellt aber Beute und Macherei nicht in Frage. Größtenteils ist sie blind. Sie sagt nichts zur Zwangsform des Tausches, nichts zu den kapitalistischen Konsumverpflichtungen, nichts zum Charakter der Gebrauchwerte und den aus ihm folgenden ökologischen Katastrophen. Sie hat kein analytisches Instrumentarium dafür, allenfalls werden diese Zustände beklagt.</p>
<p>Wer die Klassen nicht als unterschiedliche Pole eines Ganzen begreift, sondern als antagonistisches Grundverhältnis inszeniert, muss geradezu den Mehrwert als dem Kapital von außen Zugeschossenes betrachten, also eben nicht als etwas, was aus dem Kapitalverhältnis originär hervorgeht. Allzu oft hat man das Gefühl, dass alles seine Ordnung hätte, wäre der Mehrwert ein bloßer Wert und kein zu verwertender Wert. Und genau das ist der Standpunkt der &#8220;ehrlichen Arbeit&#8221;: Sie will Wert haben ohne Mehrwert zu geben. Mit der bornierten Kritik des Mehrwerts wird der Wert geradezu affirmiert, während mit einer fundamentalen Kritik des Werts der Mehrwert gleich miterledigt werden würde.</p>
<p>Die aktuellen, auf einer wie immer verschwommenen Mehrwertkritik aufbauenden Einwände gegen bestimmte kapitalistische Machenschaften bewegen sich allesamt auf dem Niveau oberflächlicher Volksvorurteile. Der marktwirtschaftliche Grundmechanismus wird einfach eskamotiert, dafür wird umso frenetischer geschrieen: &#8221; Geld ist genug da! &#8221; Kapitalismus wird so auf die Ebene von Vorenthaltung und Betrug, von Schuldigen und Unschuldigen herunterphantasiert. Einmal mehr wird die &#8220;ehrliche Arbeit&#8221; betrogen. Womit aber nicht gesagt werden soll, dass Mehrwertkritik a priori zum Antisemitismus tendiere, wohl aber, dass diese Art der Empörung in diese Richtung anschlussfähig ist. Der Antisemitismus spürt das und knüpft an diesen Vorurteilen an; in seinem Sinn zurecht. Er pervertiert das Anliegen nicht, er spitzt es bis zur kenntlichen Ungeheuerlichkeit zu.</p>
<p>Kritik des Mehrwerts ist der generell falsche Fokus der Gesellschaftskritik. Er drückt Arbeiterinteressen aus, aber nicht Interessen <em>wider die Arbeit</em>. Die Arbeit wird als eherne Instanz gar aus der bösen Welt des Kapitals herausgenommen, so als sei jene nicht immanenter Bestandteil, sondern ein drangsaliertes Außen, das es zu befreien gilt. Wir sind ganz <em>v </em>und wollen mehr vom <em>m</em>. Nichts anderes sagt übrigens auch <em>c</em>. Darin besteht ja unter anderem die eherne Interessenskonformität von Arbeit und Kapital. In der Zwischenzeit ist man übrigens schon dazu übergegangen, sich ganz auf <em>v </em>zu kaprizieren, &#8220;Hauptsache Arbeit&#8221;, schreit das durch ebendiese geschundene Subjekt. Und es stimmt ja auch: Ohne <em>v </em>zu sein, gibt es auch gar keinen Kampf mehr um <em>m</em>.</p>
<p>Eins hat jedenfalls auf der richtigen Seite zu stehen. Sich mit den Unterdrückten solidarisieren bedeutet so oft auch mehr <em>für die Unterdrückten </em>als <em>gegen die Unterdrückung </em>zu sein, meint weiters, dass deren Positionierung als positiver Status anerkannt wird. Vom Arbeitertümeln bis zum &#8220;kleinen Mann&#8221; reicht da eine breite Palette. Das Erniedrigte wird erhöht anstatt abgeschafft. Der antikapitalistische Kampf ist somit auch kein Kampf gegen Unternehmer oder Bosse, sondern gegen die Zwangscharaktermasken von Arbeitern und Unternehmern, von Proletariat und Bourgeoisie, wobei da heute sowieso die Unterschiede verschwimmen, vor allem kein sozialer Status damit mehr vorprogrammiert ist.</p>
<h4>6.</h4>
<p>Zins ist nichts anderes als &#8220;eine besondere Rubrik für einen Teil des Profits, den das fungierende Kapital, statt in die eigene Tasche zu stecken, an den Eigner des Kapitals wegzuzahlen hat&#8221;. (MEW 25: 351) Ganz primitiv: Zinsen erhält man nicht, weil das Geld auf der Bank liegt, sondern weil es zwischenzeitlich im produktiven Sektor angewendet wird; zumindest solange wir uns im realen und nicht im fiktiven Bereich der Ökonomie befinden.</p>
<p>&#8220;Im zinstragenden Kapital erreicht das Kapitalverhältnis seine äußerlichste und fetischartigste Form. Wir haben hier G-G&#8217;, Geld, das mehr Geld erzeugt, sich selbst verwertender Wert, ohne den Prozess, der die beiden Extreme vermittelt.&#8221; (MEW 25: 404) Daher kann das &#8220;zinstragende Kapital überhaupt als Mutter aller verrückten Formen&#8221; (MEW 25: 483) gelten. Womit wohl auch die <em>Denkformen </em>gemeint sind, die es reproduziert. Das bürgerliche Subjekt dokumentiert unaufhörlich, dass es mit den Abstraktionen von Geld und Wert nicht zurechtkommt und es daher entweder schweigt (&#8220;Über Geld spricht man nicht, man hat es&#8221; &#8211; so eine Standardformel des liberalen Unsinns) oder sich irgendetwas zusammenhalluziniert. Es ist das Unvermögen die gesellschaftlichen Verhältnisse zu durchschauen.</p>
<p><em>Zinskritik </em>ist nichts anderes als verwandelte Mehrwertkritik. Sie blendet noch zusätzlich die gesamte Produktionsweise als unproblematisch aus und fixiert sich ganz auf den finanziellen &#8220;Überbau&#8221;. Dass gearbeitet werden muss, ist kein Problem. Wie gearbeitet werden muss, ist kein Problem. Was produziert wird, ebenfalls keines. Eine Aussage wie &#8220;Die Banken zocken uns ab&#8221; ist richtig und wiederum nicht. Richtig ist sie, wenn sie das Finanzkapital als besondere Abteilung aber integrierte Funktion des Kapitals und den Zins als verwandelten Mehrwert beschreibt; falsch ist sie, wo sie den Zins als das eigentliche Problem der Enteignung der Menschen dingfest machen will und sich dann noch dunkle Machenschaften von Konzernen, Spekulanten oder gar Juden zusammenreimt.</p>
<p>Dass Sparer und Aktionäre genau das wollen, was sie als Kreditnehmer und Kunde so verachten, sei der Vollständigkeit halber angeführt. Indes reproduziert sich da nur das eherne Grundprinzip der Tauschgegner auf einer bestimmten Ebene: <em>Billig kaufen, teuer verkaufen</em>. Und glaubt eins (was es ja andauernd glaubt), dass es einem umgekehrt passiert, ist es stinksauer: &#8220;Solche Gauner! &#8221; Und das ist wiederum auch nicht ganz falsch: Wenn die Leute von den anderen als eine &#8220;Ausgeburt von Lumpen&#8221; reden, haben sie schon recht, nur sind sie selbst nichts anderes als diese. Sollen nur jene sie sein, sind sie gegen diese in Schutz zu nehmen. Ebenso umgekehrt. Aber insgesamt: Angriff!</p>
<p>Natürlich gibt es dunkle Machenschaften, die ganze Rationalität des Kapitalismus ist eine dunkle Machenschaft, aber eben als Verhältnis und nicht als Kreation irgendwelcher Geheimorden oder Kapitaleigner, die die Fäden im Hintergrund ziehen. Vielmehr ziehen die Fäden die Macher, selbst dann, wenn die sich einbilden, es sei ihr ureigenstes Tun, das diese oder jene Folgen tätigt. Diese &#8220;okkulte Qualität&#8221; (Marx) einigen Personen zuzuschieben ist das elendigliche Gesellschaftsspiel falscher Selbstbehauptung wie falschen Aufbegehrens. Indes darf aber puncto Letzterem nur dessen Falschheit, nicht aber das Aufbegehren gegen das Leiden durchgestrichen werden. Die Empörung über die Verhältnisse kennt viele gute Gründe. Emanzipatorische Kritik kann nicht darauf verzichten, das Finanz- und Kaufmannskapital zum Gegenstand zu machen, es darf ob des Gefahrenpotenzials nicht aus der Gesellschaftskritik herausgenommen werden. Es ist nicht eine Frage des &#8220;ob&#8221;, sondern eine des &#8220;wie&#8221;.</p>
<h4>7.</h4>
<p>Für alle Marxisten war der Mehrwert die entscheidende Größe zur Analyse der kapitalistischen Produktion. Er galt nicht bloß als Inkrement zur Verwertung des Werts, sondern war überhaupt das Synonym für jene. Klassisch sind etwa die Ausführungen von Friedrich Engels im Vorwort zum Zweiten Band des Kapitals von 1884 (MEW 24: 17ff. ); aber selbst der späte Adorno meinte noch, das &#8220;Kernstück der Marxischen Theorie&#8221; sei die &#8220;Lehre vom Mehrwert&#8221;. (GS 8: 359)</p>
<p>Daran hat sich auch heute noch wenig geändert. Man werfe einen Blick in die einschlägigen Dokumente von Attac oder diversen Sozialforen, Gewerkschaften, Reformkommunisten oder Trotzkisten. Bei aller Differenz wird die &#8220;soziale Frage&#8221; dort immer noch und immer wieder unter den Prämissen der Mehrwertkritik entwickelt. Der zentrale Knackpunkt heutiger Sozialkritik ist aber der: <em>Gelingt es von der Mehrwertkritik zur Wertkritik aufzusteigen? </em>Nichts weniger als dieser qualitative Sprung ist erforderlich. Das wäre wirklich <em>der </em>Schritt vom Klassenbewusstsein (ein Terminus, den es bei Marx nicht gibt) hin zum &#8220;enormen Bewusstsein&#8221; (Marx).</p>
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		<title>Welchen Reichtum?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:54:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Copyleft / Freie Software]]></category>
		<category><![CDATA[Nahrada; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/welchen-reichtum">Welchen Reichtum?</a></p>
Reichtum jenseits der Warenform]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/welchen-reichtum">Welchen Reichtum?</a></p>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Franz Nahrada</em> <span id="more-318"></span></p>
<p>Die Dritte Oekonux-Konferenz tr&auml;gt das Motto: &#8220;Reichtum durch Copyleft&#8221;. Mit der Wahl dieses Mottos sind zwei Annahmen oder Hypothesen verbunden, die Gegenstand der Konferenz sein werden: Erstens wird dem wirtschaftlichen System, das mit geistigem Eigentum verbunden ist, zumindest von einigen Teilnehmern des Diskurses die Legitimation bestritten, dass es ein System ist, das Reichtum per se produziert. Die reichtumshemmenden Potenzen, so die These, entfalten sich progressiv mit der Informatisierung und dem Vergesellschaftungsgrad der Arbeit. Und zweitens geht es um die Frage, ob der Zweck Reichtum nicht in einer anderen Form des Wirtschaftens besser aufgehoben w&auml;re, das sich ganz generell durch die Abwesenheit von geistigem Eigentum (Lizenzen, Patente, Nutzungsausschluss im Urheberrecht etc. ) auszeichnet. Kann man an freier Software also nicht nur eine andere Produktionsweise studieren, sondern eine, die grosso modo genau die Resultate hervorbringt, die die herrschende Wirtschaftsform nur mehr in der Form des Dementis kennt &#8211; Reichtum und Wohlstand f&uuml;r alle?</p>
<p>Eine solche Argumentationsstrategie tut gut daran, sich ihrer eigenen Voraussetzungen zu versichern. Denn die Arbeiterbewegung als organisierte &#8220;Besetzung der Kommandoh&ouml;hen der Volkswirtschaft&#8221; ist ja mit denselben beiden Annahmen angetreten. Gen&uuml;sslich wird ihr vom Gewinner des Systemvergleichs das historische Scheitern der alternativen Produktionsweise, die so alternativ nicht war, unter die Nase gehalten. Der rastlose Drang des als Privateigentum organisierten Reichtums sich zu vermehren gilt so als die einzig sichere Methode der Reichtumsproduktion, um deren Ertr&auml;ge man sich einzig streiten d&uuml;rfe. Dass dieser Drang Mensch, Natur und Reichtum kaputt macht, dieser Beweis ist also ebenso wenig &uuml;berfl&uuml;ssig wie der komplement&auml;re, dass eine andere Art der Reichtumsproduktion existiert, die tats&auml;chlich so universell und nachhaltig ist wie der Kreislauf von Geld, Kapital und Ware.</p>
<p>Die kapitalistische Gesellschaft legitimiert sich durch ihre F&auml;higkeit, Reichtum zu produzieren. Sie sagt aber nie dazu, welchen.</p>
<p>Kein Zweifel, wir sind in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften von einer F&uuml;lle von Gebrauchswerten umgeben. Dass diese nicht einfach zum Gebrauchen da sind, ist aber jedermann und jederfrau gel&auml;ufig: sie werden produziert, um sie zu verkaufen. Um sich gegen bares oder kreditiertes Geld tauschen zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie zun&auml;chst einmal gegen bed&uuml;rftige Menschen aller Art gesch&uuml;tzt werden. Ein betr&auml;chtlicher Teil des Reichtums existiert als Lagerhallen, Z&auml;une, Schl&ouml;sser, Alarmanlagen und alimentiert ein Heer von Bewachern.</p>
<p>Kein Zweifel, wir sind in einer kapitalistischen Gesellschaft von einer F&uuml;lle von Gebrauchswerten umgeben. Dass diese nicht f&uuml;r jedermann bek&ouml;mmlich sind, hat sich mittlerweile auch herumgesprochen: Hormone im Rindfleisch, der N&auml;hrwert von Junk Food, die Kleinwohnung an der Durchzugsstra&szlig;e. Einerseits gibt es also eine F&uuml;lle von Produkten f&uuml;r den schmalen Geldbeutel, die auf das System der menschlichen Bed&uuml;rfnisse wenig R&uuml;cksicht nehmen. Andererseits ist diese Gegens&auml;tzlichkeit von Bed&uuml;rfnissen prinzipiell kein Problem: Zigarettenpackungen verraten noch, dass Rauchen t&ouml;dlich sein kann, Autos verschlingen menschlichen Siedlungs- und Freiraum, eine riesige Industrie lebt von Produkten, deren Gebrauchswert einzig im T&ouml;ten von Menschen besteht.</p>
<p>Kein Zweifel, wir sind in einer kapitalistischen Gesellschaft von einer F&uuml;lle von Gebrauchswerten umgeben. Eine weitere &auml;rgerliche Tatsache ist auch weithin bekannt: dass diese Gebrauchswerte n&auml;mlich immanent beschr&auml;nkt sind. Damit ist weniger gemeint, dass ein Produkt nicht viele &#8220;Features&#8221; aufweisen kann, eine digitale Videokamera auch Standphotos machen kann etc. , sondern viel eher der Umstand, dass sich in diesen Features der Gebrauchswert auch schon ersch&ouml;pft. Bei genauerer Betrachtung der Myriaden von Produkten l&auml;sst sich n&auml;mlich unschwer feststellen, dass diese nicht als Elemente eines Systems der Arbeiten und Bed&uuml;rfnisse auf die Welt kommen, sondern als vereinzelte Dinge, die, kaum sind sie erworben, auch schon jede Menge Arbeit machen. Das beginnt damit, dass sie nicht zusammenpassen. Und es endet damit, dass sie einem technischen und moralischen Verschlei&szlig; unterliegen, der sie in absehbarer Zeit zu Schrott verwandelt.</p>
<p>Der &#8220;Reichtum der Gesellschaften&#8221;, welcher als &#8220;ungeheure Warensammlung&#8221; existiert, weist schon in seiner Elementarform &#8220;Gebrauchswert&#8221; eine eigent&uuml;mliche Armut auf: n&auml;mlich die Armut an Beziehungen, die die Dinge in ihrem Verh&auml;ltnis zueinander n&uuml;tzlicher machen. (Vgl. den Artikel von Christian H&ouml;ner in dieser Nummer der <em>Streifz&uuml;ge</em>)</p>
<p>Vieles, was n&ouml;tig ist, wird nicht erzeugt und erbracht, weil es nicht bezahlt werden kann. Vieles, was erzeugt wird, wird erzeugt, weil es bezahlt wird, nicht weil es n&ouml;tig ist. Wieviel bezahlt wird, das bestimmt die Qualit&auml;t. Wobei sich viele in ihrem Begriff von Qualit&auml;t danach richten, wieviel sie bezahlen m&uuml;ssen. Ab dem Moment, wo bezahlt wurde, ist die Qualit&auml;t egal.</p>
<p>Bezahlt werden muss. Reichtum ist das, was sich in Geld umzusetzen vermag und nichts anderes. Geld hat den Charakter von N&ouml;tigung: Es muss auf der einen Seite verdient werden, um auf der anderen bezahlt werden zu k&ouml;nnen. Im Kreditwesen gewinnt die N&ouml;tigung handfeste Gestalt. Und die, die selber durch die Natur ihres kreditierten Kapitals gen&ouml;tigt sind, es durch Produktion von Wert zu tilgen, n&ouml;tigen anderen eben ihre Produkte auf &#8211; vom billigen Ramsch bis zum unerschwinglichen Luxus. Da ist es gut und nicht schlecht, wenn Dinge nicht allzulange halten. Da ist es gut und nicht schlecht, wenn sie durch ihr &#8220;Image&#8221; im Kaufakt wirken und nicht durch den realen Nutzen, den sie stiften. Da ist es gut und nicht schlecht, wenn sie st&auml;ndig neue Bed&uuml;rfnisse generieren, also auch nicht durchdacht sind.</p>
<p>Denn Produktion und Vermarktung ist eine Schlacht. Die Konkurrenz schl&auml;ft nicht und vermehrungswilliges Geld lauert &uuml;berall. Sie zu schlagen hei&szlig;t, den Markt ohne R&uuml;cksicht auf seine Aufnahmef&auml;higkeit zu &uuml;berschwemmen. Das hei&szlig;t zun&auml;chst, anderen (Produzenten, sprich konkurrierenden Anbietern) den Anspruch auf Reichtum zu bestreiten. Das hei&szlig;t zweitens, den unmittelbaren Produzenten den Lohn zu k&uuml;rzen, als eine Methode, den Kampf um Zahlungsf&auml;higkeit zu gewinnen. Das hei&szlig;t weiter, aus Reichtum sein Gegenteil zu machen, eine &Uuml;berproduktion unn&uuml;tzer Dinge auf Halde. Das hei&szlig;t viertens, durch diese &Uuml;berproduktion Reichtum zu vernichten, denn was auf der einen Seite an Ressourcen verschwendet wird, fehlt woanders. F&uuml;nftens muss das, was zuviel ist, auch noch wegger&auml;umt werden, weil es die Lager f&uuml;llt. Sechstens m&uuml;ssen jede Menge Leute nichts anderes tun als marktschreierisch oder raffiniert andere Menschen dazu zu bringen, ihre beschr&auml;nkte Kaufkraft f&uuml;r dieses und nicht jenes zu verwenden. Der Kostenaufwand f&uuml;r die Hochglanzbrosch&uuml;ren, die in einem Jahr in einem normalen Haushalt niedergehen und entsorgt werden m&uuml;ssen, w&uuml;rde alleine schon einen erklecklicher Anteil von deren Versorgung bewerkstelligen. Doch all dies ist unsichtbar. Auch die immanente Sch&auml;digung, das Wegr&auml;umen des Schrotts, das Reparieren, Verdecken und Sch&ouml;nreden, tauscht sich ja gegen Geld aus. In den offiziellen Ma&szlig;zahlen dieser Wirtschaftsweise sind all dies Beitr&auml;ge zum Bruttosozialprodukt. Eine genaue und umfassende Untersuchung dieser im negativen Wortsinn verschwenderischen Natur der kapitalistischen Produktionsweise steht noch aus. (Gaston Valdivia hat in <em>Krisis </em>19 in Ans&auml;tzen zur gewaltigen &#8220;Zeitvernichtungsmaschine&#8221; Stellung bezogen. http://www.krisis.org/g-valdivia_zeit-istgeld_ krisis19.html)</p>
<p>Die Tendenz zu Verschwendung, Schaden und Unordnung, die dieser Produktionsweise zu Eigen ist, hat sich durch die Informatisierung nur zur Lichtgeschwindigkeit hin beschleunigt. Die Entmaterialisierung von Produktion entfernt den Tr&auml;gheitsfaktor, der der Hochskalierung von Produktion, dem &#8220;&Uuml;berschwemmen&#8221; des Marktes mit den jeweils eigenen G&uuml;tern im Wege gestanden ist. Die schrankenlose Kopierbarkeit und Duplizierbarkeit erfordert eine neue Qualit&auml;t von aggressiver Vermarktung, der eine brutale R&uuml;cksichtslosigkeit gegen alle lebensweltlichen Kontexte zu Eigen ist: &#8220;One fits all&#8221; ist die Devise &#8211; inklusive seltsamer k&uuml;nstlicher Differenzierungen innerhalb jeder Produktfamilie.</p>
<p>Die Erkl&auml;rung f&uuml;r die zunehmend surrealen Qualit&auml;ten der Dinge, die in unsern Alltag treten: Es ist mit dieser Aufbl&auml;hung und mit dem unvermeidlich eintretenden Wertverlust der Produkte die Absatzkrise vom tempor&auml;ren Notstand zur Dauerbedingung des Wirtschaftslebens geworden. Und wie die Krise die Moral verdirbt, so verdirbt die Dauerkrise das, was einstmals Gebrauchswert hie&szlig;, fundamental. Denn nun ist es geradezu eine Existenzbedingung der erfolgreichen Positionierung eines Produktes am Markt, die Absatzm&ouml;glichkeiten des eigenen Produktes dauerhaft gegen die Absatzm&ouml;glichkeiten anderer Kapitale zu sichern. &#8220;Wir konkurrieren um die Lebenszeit der Menschen&#8221;, sagte ein k&uuml;rzlich gefeuerter Manager von Bertelsmann in G&uuml;tersloh und brachte damit die Wahrheit zeitgen&ouml;ssischen Marketings auf den Begriff: Nicht mehr um die Ersparnis von Lebenszeit geht es in der Wirtschaft, sondern um die &#8220;Kundenbindung&#8221;, die Bindung der Zeit des Verbrauchers an ein Produkt, damit er eben dieses Produkt und nicht Produkte von anderen gebraucht. Die Methoden daf&uuml;r sind mannigfaltig: Es beginnt bei Kleinigkeiten, dass selbstverst&auml;ndlich ein Netzteil von Nokia einen anderen Stecker haben muss als das von Sony. Es endet bei der Inszenierung des Produkts als Dauerspektakel, als &#8220;Lebenswelt&#8221; und &#8220;Community&#8221; f&uuml;r die, die es sich leisten k&ouml;nnen.</p>
<p>Wirtschaft betreibt just in dem Moment, in dem sie es zuwege gebracht hat, mittels eklatanter und nachhaltiger Steigerung in der Produktivkraft der Arbeit, bei der Mikroelektronik und Automation die wesentliche Rolle spielen, tats&auml;chlich die M&ouml;glichkeit ausreichender Versorgung und angenehmer Lebensverh&auml;ltnisse f&uuml;r alle Menschen zur handgreiflichen Realit&auml;t zu machen, just in diesem Moment also betreibt sie ihre Verwandlung in ein Lotteriespiel, bei dem es keinen allgemeinen Reichtumszuwachs mehr, sondern nur mehr &#8220;Gewinner und Verlierer&#8221; gibt. Daf&uuml;r ist dann aber kein Aufwand zu teuer.</p>
<p>Gest&auml;ndig wird die Absurdid&auml;t dieser Veranstaltung sp&auml;testens dann, wenn folgende zwei unabh&auml;ngig voneinander getroffene Aussagen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Erstens, so hei&szlig;t es, w&uuml;rde sich unser Wirtschaftssystem dadurch auszeichnen, dass zunehmend geistige Leistungen die Grundlage des Reichtums bildeten. Daran mag schon etwas Wahres sein: Die Produktivkraft gesellschaftlicher Arbeit hat tats&auml;chlich enorm zugenommen. Zweitens aber, so hei&szlig;t es, sei es immer wichtiger, diese geistigen Leistungen irgendjemandem auch zurechnen zu k&ouml;nnen. Sonst w&uuml;rden sie ja nicht erbracht.</p>
<p>Zurechnen hei&szlig;t aber nicht einfach Feststellung von Urheberschaft, sondern die M&ouml;glichkeit, andere am Gebrauch der jeweiligen &#8220;geistigen Leistung&#8221; hindern beziehungsweise mittels Lizenzen und Patenten daran partizipieren zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Kann es einen klareren Beweis f&uuml;r den reichtumshemmenden Charakter dieser Produktionsweise geben, als dass sie das, was sie selbst als die Hauptquelle des Reichtums entwickelt und benannt hat, nicht zur allgemein verf&uuml;gbaren Ressource macht, sondern zum Gegenstand von profitablen und k&auml;uflichen Handlungsverboten, ob sie sich nun Lizenz, Patent oder Nutzungsausschluss durch Urheberrecht nennen?</p>
<h4>Reichtum jenseits der Warenform</h4>
<p>Es mag ja sein, dass die Frage der Eigenarbeit in der Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft lange Zeit keine Rolle gespielt hat; es mag sein, dass erst durch die Verwohlfeilerung der Produktion, durch die Miniaturisierung der Produkte, durch die Implementation automatischer Vorg&auml;nge, die Wissen verk&ouml;rpern, so etwas wie die Wiederaneignung von Elementen der Produktion durch die Konsumenten passiert ist. Tatsache ist, dass dies in zunehmendem Ma&szlig;e passiert: Vom Schwangerschaftstest bis zum Personal Computer ist unser Leben voll mit Produkten, die uns Eigent&auml;tigkeit erlauben, die zuvor nicht m&ouml;glich war. Alvin Toffler hat gezeigt, dass die Strategie, Arbeit aus dem Produktions- bzw. Distributionsprozess auszugliedern und in mehr oder weniger automatisierter Form dem Konsumenten umzuh&auml;ngen, ein ganz wesentliches Element f&uuml;r die Entscheidung der Frage war, wer in dieser Wirtschaftsweise die &#8220;Gewinner&#8221; sind. Und dazu geh&ouml;ren Supermarktketten, Selbstbedienungstankstellen und Baum&auml;rkte. Eigenarbeit hat sich aber nicht nur als notwendige Existenzbedingung und mittlerweile unabdingbare und bisweilen l&auml;stige Folklore entwickelten kapitalistischen Wirtschaftens einen fixen Platz geschaffen. Sie hat vor allem ihre eigenen Formen der Vergesellschaftung gefunden. Das Netz erlaubt es unabh&auml;ngigen Prosumenten, sich jederzeit und beliebig zur gemeinsamen Bew&auml;ltigung geistiger Leistungen zusammenzuschlie&szlig;en. Damit aber bestreiten sie der Wirtschaft ihre letzte &uuml;brig gebliebene Existenzbasis; einstweilen nur der M&ouml;glichkeit nach.</p>
<p>Kann ein Auto im Internet konzipiert werden? Ist es sinnvoll ausgerechnet ein Auto zu konzipieren? Was aber, wenn keine Autos? Unterscheiden sich Produkte und Produktsysteme, die im Internet erdacht wurden, von den propriet&auml;ren Zeitdestilliermaschinen, die wir zu erwerben gezwungen sind? Und wer wird sie realisieren?</p>
<p>Wird die folgende Prognose in Erf&uuml;llung gehen? &#8211; &#8220;Realkapitaleinsatz verdr&auml;ngt nicht durch steigende Produktivit&auml;t lebendige Arbeit, sondern tritt zu ihr in (latente) Konkurrenz. Er kann nur mit starren Produkten den Realnutzen simulieren, den lebendige Arbeit kombinatorisch erreicht. Es ist in hohem Ma&szlig;e spezifisch f&uuml;r den Weg in die Informationsgesellschaft, dass Arbeit und Kapital nicht mehr Parteien im Anspruch auf die Verteilung des Mehrwerts sind, sie sind zu klassenweisen Konkurrenten auf dem Markt selbst geworden, so wie zwei Typen von Unternehmen. Die Konkurrenz ist eine ausschlie&szlig;ende. Kapital sucht effizient eine Basis desorientierter zerr&uuml;tteter Zielsysteme zu verbreitern und mit toter Arbeit Segmente entm&uuml;ndigten Handelns prothetisch zu versorgen. Lebendige Arbeit k&ouml;nnte sich verfeinernde Bed&uuml;rfnisse immer effektiver befriedigen.&#8221; (Ulrich Sigor) Um all das k&ouml;nnte es auf der Oekonux-Konferenz gehen.</p>
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		<title>What&#8217;s Copyleft?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:52:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Copyleft / Freie Software]]></category>
		<category><![CDATA[Meretz; Stefan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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EINE KURZE POLITÖKONOMISCHE BETRACHTUNG]]></description>
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<h3>EINE KURZE POLIT&Ouml;KONOMISCHE BETRACHTUNG</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Stefan Meretz</em> <span id="more-316"></span></p>
<p>Ein juristischer &#8220;Hack&#8221; &#8211; genannt &#8220;Copyleft&#8221; &#8211; bringt den Widerspruch auf den Punkt: Reichtum muss nicht Wertform annehmen. Was steckt dahinter?</p>
<p><em>Copyleft</em>, der Name deutet es schon an, ist eine rechtsf&ouml;rmige Subversion der urspr&uuml;nglichen Intention des Copyrights bzw. des Urheberrechts &#8211; mehr dazu unten. Zun&auml;chst sei erkl&auml;rt, wie Copyright und Urheberrecht &#8220;funktionieren&#8221;.</p>
<p>Copyright und Urheberrecht dienen dazu, dem Urheber einer &#8220;geistigen Sch&ouml;pfung&#8221; die ausschlie&szlig;lichen Verf&uuml;gungsrechte &uuml;ber das Werk zu sichern. W&auml;hrend das angloamerikanische Copyright personal vollst&auml;ndig &uuml;bertragen und also auch gehandelt werden kann, ist das kontinentaleurop&auml;ische Urheberrecht &#8220;naturalrechtlich&#8221; bestimmt: Es kommt dem Urheber eines Werkes qua Natur des Sch&ouml;pfungsaktes zu, ohne dass es besonders reklamiert werden muss. Es &#8220;klebt&#8221; gewisserma&szlig;en an der Person.</p>
<p>Auf dem Verf&uuml;gungsrecht des Urhebers baut die M&ouml;glichkeit auf, die Art der Nutzung des Produkts zu bestimmen: Es kann als <em>Public Domain </em>- nicht zu verwechseln mit Copyleft! &#8211; der Allgemeinheit zur Verf&uuml;gung gestellt oder einer kommerziellen Verwertung zugef&uuml;hrt werden. Kurz: Copyright und Urheberrecht sorgen daf&uuml;r, dass Immaterialg&uuml;ter knapp bleiben, um ihre Warenform aufrechterhalten zu k&ouml;nnen. Diese Art der Knappheit ist nicht &#8220;stofflich&#8221; bestimmt, sondern einzig rechtsf&ouml;rmig erzeugt. Der Warenfetisch l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en.</p>
<p>Nun fiel diese besondere Rechtswirkung, etwas knapp zu machen, das reichlich vorhanden ist, &uuml;ber einige Jahrhunderte nicht sonderlich auf. Der Grund daf&uuml;r ist die untrennbare stoffliche Verbindung von unknappem Immaterial- und knappem Materialgut, von geistiger Sch&ouml;pfung und seinem Tr&auml;ger. Der Roman ist verl&auml;sslich mit seinem physischen Tr&auml;ger, dem Buch, verbunden. Zwar wurden (und werden) auch immer wieder Raubdrucke hergestellt, doch ist diese Produktion an die Verf&uuml;gung &uuml;ber teure Produktionsmittel gebunden und erfordert den Einsatz stets neuen (Roh-)Stoffs.</p>
<p>Heute hingegen steht das Universal-Produktionsmittel sui generis, der Computer, auf den meisten Schreibtischen. Die &#8220;Produktion&#8221;, die Kopie, geschieht auf Mausklick zu marginalen Transaktionskosten. &Uuml;berhaupt ist, bei Lichte betrachtet, der Computer und sein Universalnetz eine einzigartige riesige Kopiermaschine. Ein einziger Klick auf einen Link zu einer Webseite l&ouml;st eine Kaskade von Kopieraktionen aus: von der Festplatte des Webservers in den Arbeitsspeicher, zum Router, zum n&auml;chsten Router usw. , in den Arbeitsspeicher des eigenen PC, in die Gra- fikkarte, auf den Monitor &#8211; mit noch einigen staatlichen Datensammelpuffern mittendrin. Jede dieser Kopien bedroht die Warenform! Alle Anstrengungen von DRM (&#8220;digital rights management&#8221;) bis TCPA (&#8220;trusted computing platform alliance&#8221;) versuchen die Schwachstelle in der Kopierkette &#8211; den individuellen PC &#8211; unter Kontrolle zu bekommen. Es wird nicht gelingen.</p>
<p>Copyleft nutzt die exklusiven Verf&uuml;gungsm&ouml;glichkeiten und verf&uuml;gt: Alle sollen &uuml;ber das Gut verf&uuml;gen und niemand soll ausgeschlossen werden: Die Exklusion wird exklusiv exkludiert (siehe K&auml;sten). Es wahrhaft genialer Hack! Dieser l&auml;sst sich immanent nicht aushebeln ohne das Fundament der exklusiven Verf&uuml;gung in Frage zu stellen. So bleibt der Versuch, das Copyleft &uuml;ber andere Ebenen anzugreifen (&#8220;Copyleft ist unamerikanisch&#8221;). Es schien einfach undenkbar, dass das wohlformierte Warensubjekt jemals auf die Idee k&auml;me, einfach seine Leistung zu &#8220;verschenken&#8221;.</p>
<p>Copyleft bedeutet Reichtum zu produzieren, der keine Wertform annehmen muss. Damit wurde ein T&uuml;rchen zu einer neuen Welt aufgesto&szlig;en. In dieser neuen Welt gelten die Regeln der Warengesellschaft nicht mehr. V&ouml;llig neue menschliche Beziehungen und neue Formen der gesellschaftlichen Vermittlung l&ouml;sen die &uuml;berholten und nur mehr destruktiven Formen ab, was wir heute jedoch erst in Umrissen erahnen k&ouml;nnen. Doch die Ahnungen und Keimformen einer Produktionsweise jenseits der Warenform sind da und das Copyleft bildet den Schutzraum im Alten, vergleichbar den von Mauern umgebenen St&auml;dten im dominanten Feudalismus des sp&auml;ten Mittelalters.</p>
<p>Drei Widerspr&uuml;che treiben die Entwicklung voran:</p>
<ul>
<li> <em>Allgemeines Wissen vs. Warenform</em>: JedeExklusivierung von Wissen behindert die Generierung von neuem Wissen, doch nur wer schneller neues Wissen generiert, &uuml;berlebt im Konkurrenzkampf. Jede Freigabe von Wissen generiert neues Wissen, das aber nicht mehr knapp ist und sich damit der Warenform entzieht. </li>
<li> <em>Selbstentfaltung vs. Selbstverwertung</em>: Selbstentfaltung unter wertfreien Bedingungen und Selbstverwertung unter warenf&ouml;rmigen Bedingungen sind antagonistische Paradigmen. Produktivkraftentwicklung braucht heute die Selbstentfaltung der Menschen. Mehr Selbstentfaltung geht aber nur bei weniger Selbstverwertung. </li>
<li> <em>Reichtum vs. Wertform</em>: Je erfolgreicher Arbeit zur Abschaffung von Arbeit eingesetzt wird, desto schneller schwindet die Wertsubstanz &#8211; und umso gr&ouml;&szlig;er wird der geschaffene stoffliche Reichtum. Immer weniger kann stofflicher Reichtum Wertform annehmen. </li>
</ul>
<p>Copyleft wirkt objektiv f&uuml;r die Verallgemeinerung des Wissens, f&uuml;r die Ausweitung, Selbstentfaltung und f&uuml;r die Schaffung stofflichen Reichtums jenseits der Wertform. Dennoch gibt es keine Garantie, dass sich die freien Tendenzen gegen das Empire durchsetzen. Es geschieht nicht, es ist zu tun.<br />
<hr />
<table>
<tr>
<td width="50%" valign="top">
<h4>So funktioniert Copyleft</h4>
<p>Ein Copyleft-Produkt darf jeder Mensch frei nutzen. Will ich es weitergeben, dann muss ich die Regeln der Lizenz, der das Gut untersteht, akzeptieren. In der Lizenz ist verf&uuml;gt, dass das Gut nicht wieder exklusiviert und die Lizenz bei (auch ver&auml;nderter) Weitergabe nicht ge&auml;ndert werden darf: Die Eigenschaft der Freiheit vererbt sich damit auf Kopien und abgeleitete Versionen. Mit dem Copyleft habe ich alle Freiheiten &#8211; au&szlig;er der Freiheit, anderen diese Freiheit zu nehmen. Inzwischen gibt es Copyleft- Lizenzen f&uuml;r viele Immaterialg&uuml;ter. </td>
<td valign="top">
<h4>Freie Software und Copyleft</h4>
<p><em>Freie Software </em>(bzw. Open Source Software) ist nicht notwendigerweise Copyleft-Software. Freie Software zeichnet sich durch vier Freiheiten aus: l die Freiheit der unbegrenzten Nutzung zu jedem Zweck l die Freiheit des Studiums der Quelltexte l die Freiheit der Modifikation l die Freiheit der Weitergabe Copyleft-Software enth&auml;lt zus&auml;tzlich die Vorgabe, bei Weitergabe die Lizenz unver&auml;ndert zu lassen. Freie Software, die diese Verpflichtung nicht enth&auml;lt, ist auch nicht Copyleft-Software. Die bekannteste Copyleft- Lizenz f&uuml;r Software ist die GNU General Public License (GPL). Mehr Informationen: <a href="http://freiesoftware.verdi.de">http://freiesoftware.verdi.de</a> </td>
</tr>
</table>
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		<title>Der Ernst des Lebens</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/der-ernst-des-lebens">Der Ernst des Lebens</a></p>
ARBEIT IM SINKFLUG]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/der-ernst-des-lebens">Der Ernst des Lebens</a></p>
<h3>ARBEIT IM SINKFLUG</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-310"></span></p>
<p>Wir leben in einer Zeit des Untergangs. Was sich durchaus ohne schwarzmalende &Uuml;bertreibung sagen l&auml;sst. Untergang kosiger Selbstverst&auml;ndlichkeiten, die wir schon zu ewigen Einrichtungsgegenst&auml;nden unseres netten kleinen Wohnzimmeruniversums gez&auml;hlt hatten. Voreilig, wie sich zeigt. Was gestern noch mit uns verwachsen schien wie die eigene Nase, erweist sich heute bereits als sehr verg&auml;nglich. Was wir schon zu uns selber rechnen wollten, entpuppt sich letzlich doch als blo&szlig;es Accessoir. </em></p>
<h4>Vorher bemerkt</h4>
<p>Kaum etwas charakterisiert das Leben in der Gesellschaft der Ware besser als die alles durchdringende Unsicherheit seiner Existenz. Dass die Verwertung und ihre Zw&auml;nge in jedem Fall das letzte Wort haben, soviel ist allerdings sicher. Revolution in Permanenz, so lautet die Losung des Kapitals. Kein Stein bleibt auf dem anderen, aber Steine bleiben es allemal.</p>
<p>Zu diesem Leben geh&ouml;ren Br&uuml;che wie die Einbr&uuml;che zur Konjunktur. Wer nicht im Bankrott enden will, hat sich die Zumutungen ganz einfach zuzumuten. Mag im Umgang mit dem Unumg&auml;nglichen sich auch Kreativit&auml;t beweisen und sich Lebenslust entfalten, die Krise bleibt permanente Gefahr des Waren-Ich. &#8220;Das &Uuml;berspringen des Warenwerts aus dem Warenleib in den Goldleib ist (&#8230; ) der Salto mortale der Ware&#8221;, schreibt Marx. &#8220;Misslingt er, so ist zwar nicht die Ware geprellt, wohl aber der Warenbesitzer.&#8221; Der Warenmensch, in vollem Besitze seiner selbst, ein H&auml;uflein Arbeitskraft, das auf zwei Beinen l&auml;uft, leidet an der Angst vor seiner eigenen Unverk&auml;uflichkeit. Sich selber hat er ganz, im &Uuml;brigen ist er nichts. Was der Firma billig ist, das &Uuml;berspringen seines Warenmenschenwerts in die Gestalt des Geldes, kann ihm daher nur recht sein. Seine eigenen Ma&szlig;st&auml;be von gut und schlecht gelten ihm nur wenig, das Ma&szlig; des Marktes, Kauf und Verkauf, hingegen alles.</p>
<p>Der Salto mortale der Ware ist im Fall der Ware Arbeitskraft der Todessprung des Selbst. Das Gef&uuml;hl des Selbstwerts ist nichts anderes als die Einsch&auml;tzung des eigenen Warenwerts, Bonitierung der eigenen Person. Sofern ihr bestimmte Regungen von Gef&uuml;hl und Interesse den Gang zum Markt verweigern, macht die innerpsychische Marketing-Abteilung daraus die Sinnkrise. Der Unternehmensbestand wird als gef&auml;hrdet wahrgenommen, die Konkurrenzf&auml;higkeit der Ich-AG rutscht in den roten Bereich.</p>
<p>Was an uns widerspenstig ist, seinen eigenen Lauf verfolgen m&ouml;chte, die Last, die der Besitz unserer selbst uns selber auferlegt, endlich einmal loswerden will, hat sich in letzter Instanz doch immer wieder der Zwangsform des Verkaufs zu f&uuml;gen; sich jedenfalls um seine Finanzierung zu bek&uuml;mmern. Die kalte Isolation, in der wir uns als Ware auf zwei Beinen gestellt sehen, macht uns die Suche nach Verbindung und Kontakt zum st&auml;ndigen Problem des Lebens. Die Nichtigkeit, der wir uns als blo&szlig;e Warenatome ausgeliefert sp&uuml;ren, zwingt uns, den Schwerpunkt unseres Lebens in der Gleichsetzung mit anderen, die Best&auml;tigung unserer Existenz im Vergleich mit unserer Konkurrenz zu suchen. Das gilt nicht nur materiell, sondern auch emotionell. Wovon wir alle was zu singen haben. Ich selbst nicht ausgenommen.</p>
<h4>Aufwuchs</h4>
<p>Der anheimelnde Widerschein des &ouml;sterreichischen Wohlstandswunders hatte noch die letzten Winkel meiner Kindheit ausgeleuchtet, in Ternitz, Nieder&ouml;sterreich. Eltern, die trotz aller Schwierigkeiten miteinander und mit ihrem Leben in eine fest gef&uuml;gte Ordnung eingebettet schienen. Lehrer, die meinem Leben Richtung gaben, uns eine schon vorab ausgemachte Zukunft suggerierten. Ein Pfarrer, der in seinen Predigten, nichts ahnend von der immateriellen Gespenstigkeit des Werts, vermeintlichen Materialismus gei&szlig;elte.</p>
<p>Erste Zweifel kamen im gymnasialen Alter. Das Lebensmittelgesch&auml;ft meines Vaters ging Bankrott, als die ersten Superm&auml;rkte ihre Feldz&uuml;ge begannen. Meine Eltern hatten eine Menge Schulden und endlose Streitereien. Das Ternitzer Stahlwerk stie&szlig; gro&szlig;e Teile der Belegschaft ab. Mein Opa ging in Fr&uuml;hrente, die Gewerkschaft prellte ihn um seine Betriebspension.</p>
<p>Es spielte gerade die achtziger Jahre. W&auml;hrend wir in Geografie noch Keynesianismus lernten und die Krise der Verstaatlichten bestaunten, dr&auml;ngte sich uns die &auml;ngstlich stimmende Notwendigkeit auf, f&uuml;r unsere Arbeit vorzusorgen. Nur undeutlich und begriffslos erahnten wir, dass etwas im Begriff war, zu Ende zu gehen: Sozialpartnerschaft, Kreisky-SP&Ouml;, Vollbesch&auml;ftigung.</p>
<p>Von nun ab sei es Flexibilit&auml;t, dessen wir bed&uuml;rften, mehr als alles anderen, kam uns zu Ohren. Die Zukunft werde unsicher. Die Kenntnis von Latein bringe uns gro&szlig;en Nutzen in der Wirtschaft. Studien besagten dies. Das flexible Denken werde dadurch gef&ouml;rdert, ungeahnt. Und erst die Kreativit&auml;t! Das vernetzte Denken wiederum sah unser Biologielehrer gef&ouml;rdert durch seinen Unterricht. Es war die Zeit der &Ouml;kosysteme und der Nahrungspyramiden, der Gifte im Essen und der vielen kleinen Dinge, die wir alle dagegen tun konnten.</p>
<p>Wichtiger war es meiner Freundesrunde allerdings, uns gegen die uns&auml;gliche Popkultur der Zeit zu sch&uuml;tzen: mit Jimi Hendrix und Jim Morrison, Janis Joplin und Jack Kerouac. Aldous Huxley und Erich Fromm lieferten uns die Best&auml;tigung, dass etwas falsch lief; und das wahre Leben derweil woanders auf uns wartete. Am liebsten h&auml;tten wir uns in das Jahr 1969 zur&uuml;ckversetzen lassen, am besten nach Woodstock.</p>
<h4>Eintritt</h4>
<p>Ich erinnere noch das beklemmende Gef&uuml;hl, das mich beschlich, als wir in der Maturaklasse der Reihe nach einem Berufsberater vorstellig wurden. Eine meiner gr&ouml;&szlig;ten &Auml;ngste damals drehte sich darum, einmal unter der Br&uuml;cke schlafen zu m&uuml;ssen. Auf die Frage, was ich in meinem Leben denn so machen wollte, beruflich selbstverst&auml;ndlich, wollte mir nichts Rechtes einfallen. Hatte mich nicht die Biologie interessiert, als Kind? Vielleicht w&auml;re damit etwas anzufangen? Schlie&szlig;lich war die Gesellschaft augenf&auml;llig schlecht, die &Ouml;kologie hingegen augenscheinlich gut. Zur Not konnte man damit Lehrer werden. Meine Mutter war das auch.</p>
<p>Froh, den gef&uuml;rchteten Eintritt in den Arbeitsmarkt vorerst bis auf Gelegenheitsjobs hintanhalten zu k&ouml;nnen, ergriff ich die Chance, die mir die Universit&auml;t bot: Schutz vor dem Ernst des Lebens.</p>
<p>Das Biologiestudium war eine einzige Sinnkrise. Immerhin beh&uuml;tete es mich vor dem Arbeitsleben, das ich mir wie einen ungeheuren Moloch vorstellte, eine sinnlose Anstrengung, der ich unm&ouml;glich gewachsen sein konnte und der meine Zeit opfern zu wollen mir nicht einfiel. Das Studium hielt mir den R&uuml;cken frei, um Boden unter meinen F&uuml;&szlig;en zu gewinnen. Und den gewann ich, indem ich nach Abschluss meiner Diplomarbeit am Finanztropf eines Forschungsprojekts zu h&auml;ngen kam.</p>
<h4>Akademische Versenkung</h4>
<p>Mein Leben als Vegetations&ouml;kologe folgte ein wenig dem Wechsel der Jahreszeiten: Im Sommer gab es Exkursionen und &ouml;kologische Gelegenheitsgutachten. Das &uuml;brige Jahr war von der Anstrengung gekennzeichnet, auf einem Nebenschauplatz der westlichen Naturwissenschaft ein Qu&auml;ntchen Ruhm und Ehre zu ergattern. Der Drang, mich in die Datenlage zu vertiefen, hielt mich in Atem. N&auml;chtelang bef&uuml;llte ich meine Datenbank. Tagelang wanderte mein Blick &uuml;ber Tabellen. Ich sammelte alle verf&uuml;gbare Literatur, die ich, wenn im Inland nicht erh&auml;ltlich, im Ausland bestellte. Stapelweise kopierte ich Artikel, f&uuml;llte Ordner um Ordner, Regal um Regal. Weit &uuml;ber das vertraglich vereinbarte Ausma&szlig; hinaus durchk&auml;mmte ich die Datenlandschaft, unerm&uuml;dlich auf der Suche nach Mustern und Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten, durchstreifte Mitteleuropa und den Balkan, die Pyren&auml;en und Skandinavien auf den Pfaden wissenschaftlicher Berichte, ordnete, was ungeordnet schien, benannte, beschrieb, erkl&auml;rte.</p>
<p>Mit den Ergebnissen kam deren Publikation, kamen Vortr&auml;ge und Konferenzen. Durch die Vorstellung befl&uuml;gelt, dieses Leben mit freier Einteilung der Arbeitszeit, mit der in weiten Grenzen selbstbestimmten T&auml;tigkeit, an einem Ort mit anregendem sozialen Leben und jovialem Umgangston k&ouml;nnte immer so weitergehen &#8211; wenn nicht genau so, so doch in etwa &auml;hnlich &#8211; bekam mein erster Besuch einer Gro&szlig;konferenz die Bedeutung einer Initiation in eine fremdartige Gilde. In diesem sozialen Mikrokosmos zeigte sich das wirkliche Leben wie Risse in einem Spiegel. Posterpr&auml;sentationen aus &auml;rmeren Weltgegenden waren meist von weitem an ihrer schlechten Materialqualit&auml;t zu erkennen. In der Pause lernte ich eine russische Forscherin kennen, die allen ungefragt ihre Publikationen unter die Nase hielt. Sie war eine der Wenigen aus Russland, die &uuml;berhaupt ausreisen konnten, und k&auml;mpfte um ihr &Uuml;berleben; mit dem, was eine gute Lecture im Ausland einbrachte, konnten sie und ihr Mann ein Jahr lang auskommen. Das ungeschriebene Gesetz des Marktes zwingt sie zum Verkauf, so dachte ich damals; einige fr&uuml;her, andere sp&auml;ter, so sehe ich heute.</p>
<p>Das magere Gehalt des Fonds, aus dem wir bezahlt wurden, glich seit vielen Jahren nicht mehr die Inflation aus. Durch einen Zeitungsbericht erfuhr ich von einer Interessensgemeinschaft der prek&auml;r Besch&auml;ftigten im akademischen Bereich. Sch&auml;tzungsweise 60 Prozent von Lehre und Forschung werden von Menschen mit befristeter Anstellung, niedrigem Gehalt, ohne Karrierechancen und Prestige geleistet, stand da zu lesen. Auch bei uns bestand die Belegschaft aus einem kleinen Kern von Professoren, Assistenten und Dozenten und einem breiten Rand von Drittmittelangestellten und Gelegenheitsforscherinnen. Doch jeder Schritt in Richtung einer Organisierung mit anderen aus der universit&auml;ren Peripherie schien mir sehr weit weg. Die M&ouml;glichkeit einer Einflussnahme war kaum gegeben, der eigene Verbleib im Uniland doch immer nur eine Frage der Zeit, f&uuml;r den eine solidarische Anstrengung aufzubringen sich kaum lohnte.</p>
<p>Nach Projektende brach der Zivildienst &uuml;ber mich herein. Es kostete mich einiges an Geld, mir nicht das Milit&auml;r leisten zu m&uuml;ssen. Gleich zu Beginn aberkannte mir der Staat durch eine Gesetzes&auml;nderung die Berechtigung, nach Ablauf des Zivildienstes Arbeitslosengeld zu beziehen. Immerhin war die Sache selbst, die Betreuung geistig behinderter Menschen, &auml;u&szlig;erst fruchtbringend. Ich sp&uuml;rte den starken Wunsch, etwas von mir zu geben, den Betreuten wie den Betreuungsteams. Selten hatte ich mich so motiviert gef&uuml;hlt, mich einzusetzen.</p>
<p>Danach gab es wieder ein Forschungsprojekt. Die Zeiten wurden schlechter, sie trieben uns der &Ouml;sterreichischen Akademie der Wissenschaften in die Arme. Nur mit Tricks konnte mich mein Mitarbeiter &#8211; zugleich wissenschaftlicher Leiter, informeller Projektmanager und Sekret&auml;r &#8211; vor der Schrumpfung meines fr&uuml;heren, schon eher d&uuml;rftigen Gehalts retten. Im Verein, wo ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte, machte ich weiter Nachtdienste; bis zu sechs Mal im Monat.</p>
<p>Die Akademie zahlte ihre Projekte nicht nur schlei&szlig;ig, sie war auch alles andere als interessiert an ihnen. Insgesamt auf drei Jahre angelegt musste jedes Projektjahr einzeln bewilligt werden, wohl um den Geldhahn bei Bedarf rasch zudrehen zu k&ouml;nnen. Die Projektangestellten erhielten nach jeder Vertragsverl&auml;ngerung monatelang kein Gehalt, es musste durch Vorsch&uuml;sse von anderen Projekten der Abteilung gedeckt werden. Zur Weihnachtszeit gab es kein Geld mehr f&uuml;r Druckerpatronen und Papier. Ein Assistent streckte die n&ouml;tigen Mittel vor. Ich dachte an ukrainische Universit&auml;ten, in denen die wenigen Verbliebenen, entweder verr&uuml;ckt oder aus beg&uuml;tertem Hause, im Winter froren.</p>
<h4>Der Gang auf den Markt</h4>
<p>Die Uni ist im Sinkflug. Als institutioneller Wurmfortsatz des Humanismus hat sie keine Zukunft. Derweil nimmt unser Institut alle H&uuml;rden neoliberaler Modernisierung, wie ein Mustersch&uuml;ler seine Hausaufgaben macht: Es l&auml;sst sich von internationalen Experten evaluieren, dr&auml;ngt auf eine rege Publikationst&auml;tigkeit, wof&uuml;r bis dato ja der Belegschaftsrand exisierte, l&auml;sst Diplomarbeitspr&auml;sentationen pl&ouml;tzlich auf Englisch abhalten und organisiert langweilige &#8220;Wissenschaftstage&#8221; f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit. Es wird nichts n&uuml;tzen. Alles, was nicht der Sicherung der Profitproduktion dient, wenn nicht schon f&uuml;r diese selbst in Beschlag zu nehmen ist, wird nun ohne mit der Wimper zu zucken kaltgemacht werden. &Uuml;ber Forschungsgelder, die bis vor kurzem noch der &ouml;kologischen Wissenschaft zugute kamen, entscheiden seit neuestem Gremien, in denen Akademiker sitzen, die es in der Wirtschaft zu etwas gebracht haben. Die Kollegen auf meiner Abteilung stellen Antrag um Antrag, aber die F&ouml;rdert&ouml;pfe sind leer. Viele Lehrveranstaltungen k&ouml;nnen mangels Finanzierung nicht mehr gehalten werden. Ganze Finanzfl&uuml;sse verlagern ihr Bett.</p>
<p>Ich spreche mit Leuten, die von der Uni losgekommen sind. Eine alte Studienfreundin hat nach ein paar Jahren schon wieder genug davon. Sie arbeitet als outgesourcte Billighacklerin f&uuml;r NGOs der Marke WWF bis hin zu staatlichen Einrichtungen und der Stadtverwaltung, erstellt Bildungsmaterial, h&auml;lt Seminare, koordiniert Projekte. Sie tut viel und bekommt wenig. Sie macht sich Sorgen um ihre Pension, die Selbstversicherung kann sie sich kaum leisten. Um Kosten zu sparen, hatte sie ihren Internet Account auf der Wirtschaftsuni, bis vor Einf&uuml;hrung der Studiengeb&uuml;hren. Jetzt sucht sie einen Job, aber das ist schwierig, auch f&uuml;r eine hervorragende Publizistin mit &#8220;Selbst- verantwortung&#8221; und &#8220;Flexibilit&auml;t&#8221;. Eine Bekannte erz&auml;hlt mir von ihrer Arbeit als &ouml;kologische Gutachterin f&uuml;r &ouml;ffentliche Stellen. Ihre kleine Tochter schleppt sie auf Gesch&auml;ftsmeetings mit. Sie verdient wenig. Sie schildert den h&uuml;ndischen Aufwand, den sie treiben muss, um in der Szene zu bleiben. Die Angst vor der Konkurrenz schl&auml;gt sich in ihrer Kalkulation nieder, ihr Arbeitstag hat keine Grenze. Was f&uuml;r ein Gl&uuml;ck es doch ist, Unternehmerin zu sein! Eine meiner Verwandten arbeitet an der Uni. In ihrem Forschungsbereich werden gerade Abteilungen zusammengelegt, um Personal zu sparen. Sie zittert um ihren Job, denn das Ablaufdatum ihrer Verwertbarkeit ist bereits &uuml;berschritten. Ein r&uuml;hriger Assistent aus meinem Institut will die mikrobiologische Erforschung mitteleurop&auml;ischer Waldb&ouml;den damit gerechtfertigt wissen, dass die &ouml;sterreichische Wissenschaft doch entscheidend sei f&uuml;r &#8220;unseren Erfolg im Standortwettbewerb&#8221;&#8230;</p>
<p>Auf meiner Abteilung setzt nun ein guter Teil der randlichen Belegschaft alles auf die Karte der &#8220;Selbstverantwortung&#8221;. Nachdem die F&ouml;rdergelder ausbleiben, hat man ein Unternehmenskonzept entwickelt: weiterforschen wie bisher, als private Firma allerdings. Die neoliberale Ideologie der Selbstunternehmung erscheint wie eine Fata Morgana in der W&uuml;ste. V&ouml;llig ausgeschlossen ist es ja nicht, eine enge Nische zu besetzen, eine kleine monet&auml;re Oase zu entdecken. Sind doch ganze Forschungsabteilungen von Einsparung und Personalabbau betroffen, die nun vermehrt auf outgesourcte und prekarisierte Diskont-Scientists zur&uuml;ckgreifen k&ouml;nnten. Zudem zeigen die potentesten F&ouml;rderstellen, die Forschungsprogramme der EU, eine gewisse institutionelle Tr&auml;gheit. Wo in &Ouml;sterreich schon l&auml;ngst nichts mehr geht, geht dort noch ein bisschen was; solange man es auf sich nimmt, seine Lebensenergie ohne finanziellen R&uuml;ckhalt der Projektkeilerei, jener schattigen Seite moderner Wissenschaft, zu widmen.</p>
<h4>Ausblick</h4>
<p>F&uuml;r mich hat der Arbeitsmarkt nur wenig zu bieten. Was allerdings auf Gegenseitigkeit beruht. Ich denke an Paul Feyerabends Diktum, wonach ein Mensch immer das M&ouml;glichste tun sollte, den Schwerpunkt seines Lebens au&szlig;erhalb der Arbeit zu finden; vorausgesetzt, dass er noch eine Arbeit hat.</p>
<p>Das NGO-Business w&auml;re einigerma&szlig;en interessant, trotz eher schlechter Bezahlung und einer Menge Stress, liegt aber gerade deshalb am besten ausgewiesen Realit&auml;tsblinden oder Korrumpierten, die es fertig bringen, noch ihrer banalsten Kampagne einen emanzipatorischen &Uuml;berschuss, zumindest aber einen Aufstieg in der sozialen Hierarchie herauszupressen. So &uuml;berhaupt ein Job vakant wird. Faktum bleibt, mir mein Geld verdienen, mich also daf&uuml;r verdingen zu m&uuml;ssen. Ein Bruch ist angesagt &#8211; was allerdings von vornherein nicht gegen ihn sprechen muss.</p>
<p>Diese Gesellschaft ist in Aufl&ouml;sung begriffen. Die fiebrige Unruhe und Verwirrung, mit der sie uns konfrontiert, schl&auml;gt sich bei mir negativ zu Buche. Jenseits meines pers&ouml;nlichen Geschicks oder Ungeschicks bei der Bew&auml;ltigung dieser Unbill aber muss ich daran denken, dass unser Zusammenleben doch etwas entschieden anderes sein k&ouml;nnte als das, was es ist: f&uuml;r die meisten eine allt&auml;gliche Naturkatastrophe, eine Naturgewalt, vor der es kein Entkommen gibt.</p>
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		<title>Die Simulation der Simulation</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:48:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bellgart; Achim]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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EIN AUGENZEUGENBERICHT VON DER PRIVATISIERUNG DER ARBEITSLOSENVERWALTUNG]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/die-simulation-der-simulation">Die Simulation der Simulation</a></p>
<h3>EIN AUGENZEUGENBERICHT VON DER PRIVATISIERUNG DER ARBEITSLOSENVERWALTUNG</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Achim Bellgart</em> <span id="more-309"></span></p>
<p>(Dieser Text ist ein Vorabdruck aus &#8220;Dead Men Working &#8211; Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs&#8221;, hg. von Ernst Lohoff u. a. )</em></p>
<p>Die Hartz-&#8221;Reformen&#8221; zielen bekanntlich darauf ab, die Kosten zu senken, die das allm&auml;hliche Verschwinden der Arbeit verursacht. Dazu geh&ouml;rt der Rausschmiss der Langzeitarbeitslosen aus der Arbeitslosenhilfe. Aber es kann auch noch zus&auml;tzlich gespart werden, denkt sich das Arbeitsamt. Und weil dessen B&uuml;rokraten sich inzwischen als Manager f&uuml;hlen, haben sie schon was von kostensenkendem Outsourcing geh&ouml;rt. Gedacht, getan. Diejenigen, die gar nicht mehr zu vermitteln sind, sollen nicht mehr mit ihrer massenhaften Anwesenheit in den neuen Kundencentern der Bundesanstalt st&ouml;ren.</p>
<p>In Bremen muss seit Anfang 2003 ein Teil der Langzeitarbeitslosen die regelm&auml;&szlig;ige Meldung (fr&uuml;her hie&szlig; das Stempeln gehen) bei einem Unternehmen absolvieren. Die Simulationsmaschine Arbeitsamt wird von outgesourcten Dienstleistern nochmals simuliert. Die Vorladung der Firma verhei&szlig;t neben der obligatorischen Drohung des Geldentzugs im Falle des Nicht-Erscheinens eine Informationsveranstaltung zum Thema Jobrecherche. Der Seminarraum des Mini-Unternehmens, das Coaching (wohl eher Ich-AG-Beratung) und Jobvermittlung betreibt, f&uuml;llt sich nur z&ouml;gerlich. Schlie&szlig;lich ist ungef&auml;hr die H&auml;lfte der Vorgeladenen da, alle mit den Anfangsbuchstaben A und B. Alle mit den Buchstaben W bis Z fehlen. Das ist kein Wunder, bemerkt eine Frau, die ihrer zweiten Vorladung gefolgt ist, die erste kam zwei Tage nach der Veranstaltung an. Das betretene Schweigen des &#8220;Coachs&#8221;, Herrn P. , nutzt ein kostenbewusster Arbeitsloser zu der Frage, ob dieses Procedere nicht viel teurer k&auml;me als das alte. Falsch, ist die Antwort, schon bei einer wegen Nichterscheinen verh&auml;ngten Sperrfrist seien die Kosten der Veranstaltung drin, erfahrungsgem&auml;&szlig; seien es mehr als eine.</p>
<p>Obwohl darauf hingewiesen wird, dass der nun folgende Informationsteil freiwillig ist, geht niemand. Das sollte sich f&uuml;r viele der Anwesenden als Entt&auml;uschung herausstellen, f&uuml;r die anderen nicht, die haben sich gl&auml;nzend am&uuml;siert.</p>
<p>Zun&auml;chst dominiert Langeweile, zu oft haben die Teilnehmer die abgestandenen Tipps, wo Arbeitspl&auml;tze angeboten werden, geh&ouml;rt, zu sicher wissen sie, dass f&uuml;r sie nichts dabei ist. Auch das eingestreute Angebot, wer Herrn P. anmaile, bekomme eine Link- Liste mit 200 (in Worten: zweihundert) Arbeitsplatz- B&ouml;rsen im Internet zugeschickt, vermag niemanden vom Hocker zu rei&szlig;en. Komischerweise wollten bisher erst drei Leute die Liste haben, mault der &#8220;Coach&#8221;.</p>
<p>&#8220;Ausgetretene Pfade verlassen! &#8221; &#8211; Die Ank&uuml;ndigung des neuen Kapitels mit Hilfe einer vermeintlich professionellen Power- Point-Pr&auml;sentation rei&szlig;t einige aus dem D&ouml;sen. Hier hat sich Herr P. einen besonderen Leckerbissen ausgedacht: Aus zuverl&auml;ssigen Quellen wei&szlig; er, dass Arbeitspl&auml;tze, die wegen lang andauernder Krankheit oder gar wegen eines Todesfalles verwaist sind, aus Piet&auml;t nicht gleich &ouml;ffentlich ausgeschrieben werden. W&auml;hrend im Falle der Krankheit nur die besonders Pfiffigen den zum Erfolg n&ouml;tigen Riecher entwickeln, werden im anderen Falle, dank der Todesanzeigen von Belegschaften, die Informationen frei Haus geliefert. Wieder keine Begeisterung, nur die Nachfrage, ob das Arbeitsamt im Falle des Auffliegens einer sich aufdr&auml;ngenden nicht v&ouml;llig gewaltfreien Arbeitsbeschaffungsma&szlig;nahme Rechtsbeistand gew&auml;hre.</p>
<p>Da der Elan der Anwesenden nicht zu weiteren Fragen reicht, ist die Pr&auml;sentation viel schneller vorbei als die veranschlagten eineinhalb Stunden. Da Herr P. flexibel ist, folgen Informationen &uuml;ber Neuerungen im Sozialrecht, z. B. die Versch&auml;rfungen der Zumutbarkeits- Regelungen. Die sind manchmal unzumutbar, ereifert sich der Impresario und erz&auml;hlt die wahre Geschichte einer Frau aus Ostfriesland, die einen Arbeitsplatz an der Unterweser angeboten bekam. Da die Nahverkehrsverh&auml;ltnisse dort sehr schlecht sind, h&auml;tte sie zwar die 70 Kilometer nach Hause am Feierabend schon bis 21 Uhr geschafft, h&auml;tte aber schon um 19 Uhr f&uuml;r den Arbeitsbeginn am n&auml;chsten Morgen aufbrechen m&uuml;ssen. Da h&auml;tte er wie ein L&ouml;we f&uuml;r diese Frau gek&auml;mpft (&#8220;Das habe ich gelernt, als ich noch bei der Gewerkschaft gearbeitet habe. &#8220;), mit dem Ergebnis, dass das Arbeitsamt der Frau einen F&uuml;hrerschein finanziert h&auml;tte. F&uuml;r das Auto gingen dann zwar ihre Ersparnisse drauf, aber sie h&auml;tte einen Arbeitsplatz gehabt und &#8211; Kunstpause &#8211; h&auml;tte an eben demselben ihren Lebenspartner kennen gelernt. Erst hatte sie nichts, danach F&uuml;hrerschein, Arbeitplatz und Mann, alles dem Arbeitsamt und der famosen Vermittlungs-Firma zu verdanken.</p>
<p>Ob dieser Verarschung wird die Stimmung im Raum gereizter. Anlass f&uuml;r Herrn P. , Mitleid zu erheischen. So h&auml;tten die Neuregelungen zur Umschulung zwar zu schmerzhaften Einschnitten in die Fortbildungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Arbeitslose gef&uuml;hrt. Dar&uuml;ber solle aber keinesfalls vergessen werden, dass diese K&uuml;rzungen allein in Bremen 300 Lehrkr&auml;fte im Weiterbildungsbereich arbeitslos gemacht h&auml;tte; bei rund 40.000 Arbeitslosen im Lande Bremen mache das immerhin fast ein Prozent Zuwachs aus. Jetzt ist die Geduld und die Humorf&auml;higkeit der Anwesenden doch arg strapaziert, das F&uuml;&szlig;escharren wird intensiver. Der Unmut der Arbeitslosen bricht sich Bahn, die Bemerkungen bewegen sich zwischen &#8220;Alles K&auml;se&#8221; und &#8220;Die da oben machen sowieso, was sie wollen&#8221;. Schlie&szlig;lich wird die naheliegende Erkenntnis ausgesprochen, dass das alles keinen einzigen Arbeitsplatz bringe. Ein Blick zur Uhr l&auml;sst Herrn P. k&uuml;hn werden: &#8220;Doch, meinen! &#8220;. Die Veranstaltung ist beendet.</p>
<p>Die Wirkung eines solchen absurden Theaters auf die Betroffenen in Hinblick auf eine m&ouml;gliche Gegenwehr d&uuml;rfte eher gering ausfallen. Beim Rausgehen wurde sich ausgiebig emp&ouml;rt &uuml;ber die Veranstaltung und wie mit einem &uuml;berhaupt umgegangen werde. Dass sich in dieser Absurdit&auml;t die Krise der Arbeitsgesellschaft ausdr&uuml;ckt und weniger die Krise der Arbeitsverwaltung, schien wenig zu interessieren. Schlie&szlig;lich m&uuml;sse man ja von was leben. Also weiter nach einem Platz in der Maschinerie suchen, wenn schon nicht oben, wie von vielen mal erhofft, dann wenigstens irgendwo. Und wie dieses Suchen aussieht, machte einer vor dem Auseinandergehen ganz reformkonform deutlich: &#8220;Alles muss man selber machen. &#8221;</p>
<p>Beim Casting f&uuml;r die Billig-Jobs beim neuesten Bremer Pleite-Projekt Space Park, einer Event-Schmiere zum Thema Raumfahrt, dr&auml;ngelten sich Tausende.</p>
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		<title>Der Nächste bitte &#8230;¦</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Galow-Bergemann; Lothar]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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BEMERKUNGEN ZUR AKTUELLEN DURCHKAPITALISIERUNG DES LEBENS AM BEISPIEL DER KRANKENHÄUSER]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/der-naechste-bitte">Der Nächste bitte &#8230;¦</a></p>
<h3>BEMERKUNGEN ZUR AKTUELLEN DURCHKAPITALISIERUNG DES LEBENS AM BEISPIEL DER KRANKENH&Auml;USER</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Lothar Galow-Bergemann</em> <span id="more-312"></span></p>
<p>(Vorabdruck aus &#8220;Dead Men Working &#8211; Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs&#8221;, hg. von Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria W&ouml;lflingseder, das im Juni 2004 im Unrast Verlag erscheint. )</p>
<p>Der nachfolgende Text ist aus der Praxis des Autors als Gewerkschafter und Personalrat in einem Gro&szlig;klinikum entstanden. Er hat einen Beitrag zur innergewerkschaftlichen Debatte um die Positionierung zu den gegenw&auml;rtigen tief greifenden Ver&auml;nderungen in der Krankenhauslandschaft der BRD zur Grundlage. </em><a href="#a1" name="1">1</a></p>
<p>Was f&auml;llt jemandem ein, der zwar die Folgen seines Tuns kommen sieht (oder doch wenigstens einige davon), aber trotzdem felsenfest davon &uuml;berzeugt ist, dass er &#8220;eigentlich&#8221; das Richtige tut? Er kennt nur eine einzige Herausforderung: das Richtige muss auch richtig &#8220;gemacht&#8221; werden. Alles erscheint nur noch als eine Frage des &#8220;Handlings&#8221;. Schon immer hatten die Sachwalter des entfesselten Marktes ein vermeintliches Zaubermittel parat, wenn sie mit den Problemen, die ihnen ihr Libidoobjekt beschert hatte, nicht mehr weiter wussten. Sein Name: Management.</p>
<p>Verr&auml;terisch die Herkunft des Wortes, bedeutet doch lateinisch manus agere nichts anderes als &#8220;H&auml;nde f&uuml;hren&#8221;. Die Leute m&uuml;ssen nur an der Hand genommen und richtig gef&uuml;hrt werden, damit alles im Griff und unter Kontrolle bleibt. Eigentlich, so das zugrunde liegende Credo, w&uuml;rde alles zum Besten laufen, w&uuml;rde sich menschliches Verhalten nur m&ouml;glichst naht- und bruchlos den als naturgesetzlich vorausgesetzten Erfordernissen der Kapitalverwertung anpassen.</p>
<p>Allein &#8211; die st&ouml;rende Realit&auml;t war doch stets irgendwie peinlich und schmerzhaft. Die fortschreitende Minimierung menschlicher Inkompatibilit&auml;ten mit den Notwendigkeiten des Marktes blieb folglich st&auml;ndige Aufgabe im Prozess der Durchkapitalisierung des Lebens. In Zeiten der Ich- AGs haben sich die Marktsubjekte zunehmend selber zu managen. Wie f&uuml;hren sich die Leute selber an der Hand oder besser &#8211; an der Nase herum? Diese geniale Fragestellung markiert die Geburtsstunde einer h&ouml;heren Form des manus agere: Das Qualit&auml;tsmanagement erblickte das Licht der Welt.</p>
<h4>Der Ozean der Ellenbogenkonkurrenz vertr&auml;gt keine Inseln der Menschlichkeit</h4>
<p>Aufgrund neu geschaffener gesetzlicher Regelungen h&auml;lt diese Missgeburt nun auch in den Krankenh&auml;usern der BRD fl&auml;chendeckend Einzug. Krankenh&auml;user sind verpflichtet, &#8220;einrichtungsintern ein Qualit&auml;tsmanagement einzuf&uuml;hren und weiterzuentwickeln.&#8221; <a href="#a2" name="2">2</a> H&auml;usern, die sich dem verweigern, drohen Abschl&auml;ge bei den mit den Krankenkassen auszuhandelnden Budgetfestsetzungen.</p>
<p>Was verbirgt sich nun hinter diesem Begriff, der doch f&uuml;r nicht wenige Ohren erst einmal &#8220;gar nicht so schlecht&#8221; klingt? Zun&auml;chst tritt Qualit&auml;tsmanagement den Besch&auml;ftigten n&auml;mlich recht demokratisch gegen&uuml;ber, und das weckt noch allemal Sympathien. &#8220;Bittesch&ouml;n, arbeiten wir gemeinsam an der Verbesserung unserer Leistungen &#8211; zum Wohle der Patienten und zur Steigerung unserer Arbeitszufriedenheit. Und das alles v&ouml;llig hierarchiefrei und offen, von der Putzfrau bis zum Chefarzt, alle d&uuml;rfen mitreden.&#8221; Dass es in den Kliniken so manches zu verbessern g&auml;be, wei&szlig; aus eigener Erfahrung nicht nur die eine oder andere Patientin, besonders die dort Besch&auml;ftigten zweifeln daran keineswegs. An sachlich fundierten Verbesserungsvorschl&auml;gen aus Mitarbeiterkreisen mangelt es denn auch in keinem Krankenhaus. Die Crux ist nur, dass eine Verbesserung der Qualit&auml;t von Patientenbetreuung in der Hauptsache auch eine bessere personelle Ausstattung erfordern w&uuml;rde. Dies aber w&uuml;rde die Ausgaben erheblich steigern, denn noch immer entfallen, sehr zum Leidwesen aller Rationalisierer, zirka 70 Prozent eines Klinikbudgets auf Personalkosten. Erkl&auml;rterma&szlig;en sind aber gerade Kostensenkungen der Sinn der ganzen Veranstaltung. Illusionen sind folglich fehl am Platz.</p>
<p>Es ist kein Zufall, dass Qualit&auml;tsmanagement im Krankenhaus gerade heute forciert wird. Dabei handelt es sich in gewisser Weise um die propagandistische Begleitmusik zum Programm der Durchkapitalisierung, das in den Kliniken aktuell vor allem mit Hilfe der Einf&uuml;hrung so genannter Fallpauschalen durchgesetzt wird. N&auml;heres dazu unten. Diese Durchkapitalisierung st&ouml;&szlig;t in den Spit&auml;lern allerdings auf nicht geringe Widerst&auml;nde. Denn dort hat sich bis heute &#8211; sowohl historisch als auch im fordistischen Sozialstaatskompromiss der Nachkriegsjahrzehnte begr&uuml;ndet &#8211; so etwas wie &#8220;verwertungsfreie Zonen&#8221; am Leben erhalten. Alles andere als marktkonform ist beispielsweise der Grundsatz, dass ein schwer verletzter Neuzugang vorrangig zu behandeln sei und sich jede Frage danach kategorisch verbiete, ob es sich hierbei um ein mehr oder weniger &#8220;n&uuml;tzliches&#8221; Mitglied der Arbeitsgesellschaft handelt. Es wird vermutlich noch ein wenig dauern, bis in den Zentren kapitalistischer Verwertung ein solcher Grad der Barbarisierung erreicht ist, dass auch dieser Grundsatz auf dem M&uuml;llhaufen so genannter &#8220;Standort gef&auml;hrdender Sozialromantik&#8221; landet. Auf anderen Gebieten sind wir da schon weiter. Wie nicht nur das Beispiel des Herren Mi&szlig;felder von der Jungen Union zeigt, der &#8220;85- J&auml;hrigen keine teuren H&uuml;ftgelenke mehr einbauen&#8221; will, rechnen sich hoffnungsfrohe Nachwuchskrisenverwalter mit mutigen Tabubr&uuml;chen dieser Art mittlerweile bereits Karrierechancen aus &#8211; und zwar ganz und gar nicht unberechtigt.</p>
<p>Die &ouml;konomisch-politischen Rahmenbedingungen in der Krankenhauslandschaft wandeln sich seit geraumer Zeit. Wir haben es mit der Orientierung auf die fast vollst&auml;ndige Unterwerfung auch dieses Bereiches der Gesellschaft unter die Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten des freien Marktes zu tun. Die Studie einer Managementberatungsfirma aus dem Jahre 1999 beschreibt (wohl leider nicht unrealistisch) in einem fingierten R&uuml;ckblick aus dem Jahr 2015 die Entwicklung der vor uns liegenden n&auml;chsten Jahre wie folgt:</p>
<p>&#8220;Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machten bereits Anfang des neuen Jahrhunderts die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems in den beste- henden Strukturen unm&ouml;glich. Es kam zu einer Liberalisierung des Gesundheitswesens. Der Staat zog sich mehr und mehr zur&uuml;ck und sorgte f&uuml;r eine steuerfinanzierte Grundversorgung. Die Bev&ouml;lkerungsschichten, die nicht in der Lage waren, f&uuml;r ihre eigene Krankenversicherung zu sorgen, wurden mit dieser Grundversorgung abgesichert.</p>
<p>Die Krankenversicherungen managen effizient den Einkaufsbereich, die Kosten und Leistungen der station&auml;ren Einrichtungen sind transparent, die gesetzlichen Krankenversicherungen wie es sie noch am Ende des letzten Jahrhunderts gegeben hat, bestehen in dieser Form nicht mehr.</p>
<p>Der Versicherungsnehmer entscheidet (&uuml;ber den Beitrag), welche Gesundheitsrisiken abgedeckt werden. Die Krankenversicherungen treten gegeneinander im Wettbewerb an.</p>
<p>Ausgel&ouml;st durch den zunehmend freien Wettbewerb und das Einkaufsmanagement der Krankenversicherungen ist der Kampf um den , Kunden&#8217; Patient entbrannt. Investitionen in Geb&auml;ude, Infrastruktur und Ausstattung wurden f&uuml;r wesentliche Teile der &ouml;ffentlich-rechtlichen station&auml;ren Einrichtungen notwendig, um mit den freigemeinn&uuml;tzigen und privaten Mitbewerbern konkurrieren zu k&ouml;nnen. Dort, wo das nicht m&ouml;glich war, sind die H&auml;user inzwischen vom Markt verschwunden oder von anderen privaten oder freigemeinn&uuml;tzigen Gruppen &uuml;bernommen worden. &#8220;<a href="#a3" name="3">3</a></p>
<p>Nach Einsch&auml;tzung des &#8220;Gesundheitsexperten&#8221; von Rot-Gr&uuml;n, K. W. Lauterbach, wird als Folge der gegenw&auml;rtigen Weichenstellungen in der Gesundheitspolitik ein gro&szlig;es Krankenhaussterben einsetzen. Von 2.242 Krankenh&auml;usern seien 1.410 &#8220;&uuml;ber- fl&uuml;ssig&#8221; und von den gegenw&auml;rtig 559.651 Klinikbetten in der BRD sollen 231.651 von der &#8220;unsichtbaren Hand des Marktes&#8221; hinweggezaubert werden. <a href="#a4" name="4">4</a> Dies alles bei steigenden Patientenzahlen. Des R&auml;tsels L&ouml;sung liegt in der anvisierten radikalen Verk&uuml;rzung der Verweildauer, also der Anzahl Tage, die ein Patient in der Klinik verbringt. Derzeit arbeiten noch ca. eine Million Menschen in diesem Bereich, es ist absehbar, was diese Entwicklung f&uuml;r die Arbeitspl&auml;tze bedeuten wird. &#8220;Die Pr&auml;sidentin des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise M&uuml;ller, bef&uuml;rchtet, dass in den n&auml;chsten Jahren rund 100.000 Pflegekr&auml;fte arbeitslos werden k&ouml;nnten, wenn die Verweildauer in den Krankenh&auml;usern um 50 Prozent sinken sollte&#8230; F&uuml;r die Pflege besteht das Problem darin, dass sie in diesem System nur als Kostenfaktor bei der Berechnung von Kostengewichten auftaucht. &#8220;<a href="#a5" name="5">5</a> Es w&uuml;rde im &Uuml;brigen nicht &uuml;berraschen, sollte eben jener Lauterbauch f&uuml;r seine unsterblichen Verdienste um die &Ouml;konomisierung des Gesundheitswesens demn&auml;chst mit einer Stelle in dem auf Bundesebene neu entstehenden &#8220;Institut f&uuml;r Qualit&auml;t und Wirtschaftlichkeit&#8221; in der Medizin belohnt werden. Durchkapitalisierung und Qualit&auml;tsmanagement sind nun einmal siamesische Zwillinge.</p>
<h4>Dammbruch, dein Name sei Fallpauschale</h4>
<p>Einen starken Schub erh&auml;lt die ganze Entwicklung derzeit mit der v&ouml;lligen Umstellung der Krankenhausfinanzierung. Weg vom Bedarfsdeckungsprinzip hin zum fallpauschalierten Verg&uuml;tungssystem nach DRG (&#8220;Diagnosis Related Groups&#8221;, von Klinikbesch&auml;ftigten auch mit &#8220;Durchschleusen, Rausschmei&szlig;en, Gewinnmachen&#8221; &uuml;bersetzt). Erhielten die Kliniken bisher f&uuml;r jeden Behandlungstag eines Patienten einen bestimmten Betrag, so gibt es k&uuml;nftig nur noch eine festgelegte Pauschale pro Fall. Das System befindet sich derzeit in der Einf&uuml;hrungsphase, mit Jahresbeginn 2007 soll es vollst&auml;ndig durchgesetzt und wirksam sein.</p>
<p>Damit ist der Durchkapitalisierung eines weiteren gro&szlig;en Lebensbereiches, der Krankenversorgung, T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet. Denn von nun an herrscht auch dort gnadenloser Wettbewerb: Sieger im Konkurrenzkampf der Kliniken um Marktpositionen wird sein, wer m&ouml;glichst viele Patienten m&ouml;glichst schnell durchschleust, wer den Krankenkassen zwar m&ouml;glichst viele Diagnosen seiner Patienten pr&auml;sentiert, es nichtsdestotrotz aber am besten versteht, die meisten &#8220;attraktiven F&auml;lle&#8221; in m&ouml;glichst geringer Zeit mit m&ouml;glichst wenig Personalkosten durchzuziehen und sich um &#8220;unattraktive&#8221; Patienten zu dr&uuml;cken. Attraktiv ist dabei der junge, gesunde, privat versicherte Kurzlieger, der eben mal schnell und bei Unterschreitung der durchschnittlich &uuml;blichen Zeit seinen Blinddarm sanieren l&auml;sst, unattraktiv der &auml;ltere, multimorbide, lang liegende Kassenpatient, wom&ouml;glich mit Diabetes, Herzproblemen und mangelnder h&auml;uslicher Versorgung.</p>
<p>Die zu erwartende radikale Senkung der durchschnittlichen Verweildauer in den n&auml;chsten Jahren wird nur zu einem geringen Teil wirklichen medizinischen Fortschritten wie etwa der minimal invasiven Chirurgie zu verdanken sein. In der Hauptsache wird es sich um die Folgen des entfesselten Marktes handeln. Was Patienten teils heute schon erleben und worauf sie sich in Zukunft noch mehr einstellen sollten, macht der unter Chirurgen beliebte Sarkasmus von der so genannten &#8220;englischen Verlegung&#8221; deutlich: Da geht&#8217;s hopplahopp und der Patient ist beim Verlassen des Hauses halt noch &#8220;ein bisschen blutig&#8221;, so wie das englische Steak eben&#8230; Der N&auml;chste bitte!</p>
<p>Absehbar sind dramatische Einbr&uuml;che in der Finanzierung ganzer Bereiche, so der Kinderversorgung und der Aidsbehandlung. <a href="#a6" name="6">6</a> Anhand besonders krasser Beispiele l&auml;sst sich erahnen, zu welch ungeheuren Konsequenzen die Durchkapitalisierung der Operationss&auml;le f&uuml;hren wird. Ben&ouml;tigt ein Patient drei Herzklappen, so kann man ihm die meistens mit einer Operation einbauen. Das Problem ist nur, dass die Klinik k&uuml;nftig genauso viel verdient, wenn sie ihm nur eine Herzklappe einsetzt. Das Vorgehen nach der Methode: &#8220;Herr Maier, jetzt versuchen wir&#8217;s erstmal mit einer Klappe&#8230; Herr Maier, jetzt sollten wir doch noch eine zweite einsetzen&#8230; usw.&#8221; k&ouml;nnte Herrn Maier also drei Operationen bescheren und der Klinik den dreifachen Ertrag. <a href="#a7" name="7">7</a> Vergisst der Chirurg k&uuml;nftig bei der Entfernung einer Gallenblase einen Clip im Bauch und verletzt den Gallengang, so erh&auml;lt die Klinik das Doppelte dessen, was sie bekommen h&auml;tte, wenn ihm diese Fehler nicht unterlaufen w&auml;ren. Muss er gar den Gallengang n&auml;hen, darf die Klinik mit dem vierfachen Betrag rechnen. <a href="#a8" name="8">8</a> Bem&uuml;ht sich ein Arzt k&uuml;nftig darum, einem Patienten den aufgrund von Durchblutungsst&ouml;rungen gef&auml;hrdeten Vorfu&szlig; mit konservativer Behandlung zu retten, so prellt er seine Klinik um ein stattliches S&uuml;mmchen, denn w&auml;re er gleich zur Amputation geschritten, h&auml;tte das Haus den viereinhalbfachen Betrag einstecken k&ouml;nnen. <a href="#a9" name="9">9</a> Es ist absehbar, dass unter solchen Bedingungen in einem Umfeld st&auml;ndig wachsenden &ouml;konomischen Druckes fr&uuml;her oder sp&auml;ter auch die letzten D&auml;mme brechen werden.</p>
<p>&#8220;Ein weiteres Problem kommt hinzu: Da ein Krankenhaus mehr Geld einnehmen kann, wenn es schwerere F&auml;lle abrechnet, ist es nahe liegend, jede M&ouml;glichkeit auszun&uuml;tzen, um die Patienten zumindest auf dem Papier kr&auml;nker zu machen als sie sind&#8230; Aber selbst wenn hierbei nicht betrogen wird, erfordert es doch eine ganz andere Sicht der &Auml;rzte auf den Patienten. Die Vizepr&auml;sidentin der Nordw&uuml;rttembergischen &Auml;rztekammer hat dieses Problem treffend zusammengefasst: &#8220;&Auml;rzte werden ausgebildet, um im Interesse des kranken Menschen zu beobachten, zu untersuchen und weiterzudenken. Im Zentrum steht f&uuml;r sie der Patient, und wahrlich nicht die Sammlung von Hauptund Nebendiagnosen zur Gewinnoptimierung. (&#8230; ) Wenn derzeit ein Klinikarzt 5 Minuten f&uuml;r den Patienten aufwenden kann und dann 20 Minuten Dokumentationsb&ouml;gen ausf&uuml;llen muss, ist das im Sinne einer menschlichen Medizin eine absolute Fehlentwicklung. &#8220;<a href="#a10" name="10">10</a> In den USA, wo bereits seit den 80er Jahren nach Fallpauschalen abgerechnet wird, wenn auch nicht in dieser Radikalit&auml;t, wie es jetzt in der BRD Wirklichkeit werden soll, &#8220;hat dies dazu gef&uuml;hrt, dass 60.000 Stellen von &Auml;rzten und Schwestern abgebaut wurden. Stattdessen wurden 6.000 Verwaltungsstellen neu geschaffen sowie Computerprogramme und Hardware im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar angeschafft.&#8221; <a href="#a11" name="11">11</a></p>
<h4>Mit &#8220;Kundenorientierung&#8221; Fassadensanierung betreiben</h4>
<p>Sein oder Nichtsein f&uuml;r die Kliniken und f&uuml;r diejenigen, die ihren Lebensunterhalt dort verdienen. Die Krankenschwester, die sich Zeit nimmt f&uuml;r ein einf&uuml;hlendes Gespr&auml;ch mit der Oma von Zimmer 19, der Arzt, der eine schonendere, aber langwierigere und finanziell weniger attraktive Therapie in Erw&auml;gung zieht, der Pfleger, der einen Sterbenden begleitet &#8211; sie alle werden mit ihrem menschlichen Verhalten letztendlich ihren eigenen Arbeitsplatz gef&auml;hrden. Dementsprechend werden solche sympathischen Erscheinungen tendenziell immer weniger anzutreffen sein.</p>
<p>Geld als Ma&szlig; aller Dinge &#8211; auch in den letzten Refugien der Humanit&auml;t. Alle menschlichen Beziehungen werden zur Ware und s&auml;mtliche Menschen zu Kunden, auch Patienten. Wohin die Entwicklung f&uuml;hrt, ist vorgezeichnet: Weg vom bed&uuml;rftigen Menschen hin zum m&ouml;glichst rentablen Fall.</p>
<p>Ein wesentliches Ziel von Qualit&auml;tsmanagement ist es deshalb auch, die Umdefinition von PatientInnen und deren Angeh&ouml;rigen zu Kunden in den K&ouml;pfen der Klinikbesch&auml;ftigten zu verankern. Dabei wird geschickt an dem in diesen Kreisen durchaus verbreiteten Unbehagen an dem Begriff &#8220;Patient&#8221; angesetzt. <a href="#a12" name="12">12</a> Der leidende, unm&uuml;ndige Patient ist nicht das, was man sich eigentlich w&uuml;nscht. Zu Recht wird die im Bild des Patienten enthaltene reduktionistische Sicht des Menschen kritisiert. Als scheinbare Alternative wird nun der Begriff &#8220;Kunde&#8221; ins Spiel gebracht. Aber diese Neubestimmung l&auml;uft nur auf eine noch radikalere Reduktion von Menschen hinaus. &#8220;Kundenbeziehungen&#8221; sind Geldbeziehungen. Der Kunde ist nur solange K&ouml;nig, wie er zahlungskr&auml;ftig ist. Und ist das in der Kundenvorstellung enthaltene Bild vom &#8220;kritischen Konsumenten&#8221; in Bezug auf das Gesundheitswesen nicht noch viel abstruser und realit&auml;tsfremder als beim Auto- und &Auml;pfelkauf? Was kann der &#8220;Kunde&#8221; Patient beurteilen? Ist er in der Lage, die Zusammenh&auml;nge im Krankenhaus zu verstehen, eine kritische Sicht auf die Umst&auml;nde und die Art und Weise seiner Behandlung zu entwickeln, gen&uuml;gend qualifiziertes Personal einzufordern, das &uuml;ber gen&uuml;gend Zeit und Spielr&auml;ume verf&uuml;gt, um sich ihm in angemessener Weise zuwenden zu k&ouml;nnen? Nat&uuml;rlich nicht. Das w&auml;re ja ein anderer, ein m&uuml;ndiger Patient. Aber genau darum geht es Qualit&auml;tsmanagement nicht. Der &#8220;Kunde&#8221; Patient kann beurteilen, ob die Br&ouml;tchen frisch oder hart sind und ob die R&auml;ume hell und freundlich sind. Das soll er dann geboten bekommen &#8211; in der Hoffnung, damit im Kampf um Marktanteile bestehen zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Nichts gegen frische Br&ouml;tchen und helle R&auml;ume. Aber der &#8220;Kunde&#8221; Patient wird sich in aller Regel nicht auf gleicher Augenh&ouml;he mit dem ihn umgebenden Fachpersonal und der Klinikmaschinerie befinden. Er wird in den seltensten F&auml;llen Medizin studiert haben und schon gar nicht &uuml;ber klinische Erfahrung auf verschiedensten Spezialgebieten verf&uuml;gen. Auch bekommt er es schlicht und ergreifend &uuml;berhaupt nicht mit, wenn beispielsweise im OP und auf der Intensivstation ein nicht zu verantwortender Personalmangel herrscht, er kann h&ouml;chstens im Nachhinein und in Betrachtung eventueller Symptome dergleichen mutma&szlig;en&#8230; Was wei&szlig; er beispielsweise von jener Studie in einer schottischen Intensivstation, die einen unzweifelhaften Zusammenhang zwischen personeller Besetzung der Station und der Anzahl der Todesf&auml;lle unter den PatientInnen nachgewiesen hat? Die Einzeluntersuchung der schwerkranken F&auml;lle zeigte, dass die Zahl der Todesf&auml;lle umso mehr &uuml;ber der m&ouml;glichen Voraussage lag, je schlechter das aktuelle Verh&auml;ltnis zwischen Belegung und Personalstand war. Bei guter Personalausstattung starben 17 Prozent der PatientInnen, im schlechtesten Fall 47 Prozent. <a href="#a13" name="13">13</a> Und selbst wenn er von der Studie w&uuml;sste, was w&uuml;sste er &uuml;ber die Zust&auml;nde in der Klinik, in der er behandelt wird? Und wenn er auch die kennen w&uuml;rde, wie k&ouml;nnte er sie &auml;ndern? Auf keinen Fall w&auml;re ihm beispielsweise zu raten, diejenigen, die unter Verweis auf Budgetdeckelungen eine gute personelle Ausstattung von Intensivstationen verweigern, als potentielle M&ouml;rder zu bezeichnen. Das h&auml;tte vermutlich strafrechtliche Konsequenzen.</p>
<p>Selten wird auf den ersten Blick augenf&auml;lliger, wie wenig es mit selbstbestimmter Lebensweise, mit Lebensqualit&auml;t zu tun hat, wenn Menschen in das Korsett eines Marktteilnehmers gepresst werden. Weil es auf der Hand liegt, dass &#8220;Kunden&#8221; im Krankenhaus per se nur sehr unzureichend beurteilen k&ouml;nnen, was f&uuml;r sie von eminenter, mitunter von Lebensbedeutung ist, wird deutlich, was die ber&uuml;hmte &#8220;Kundenorientierung&#8221; eigentlich nach sich zieht: Ablenkung von der Hauptsache, den Blick auf die Fassade richten, um nicht &uuml;ber die eigentlichen Probleme reden zu m&uuml;ssen. Demgegen&uuml;ber m&uuml;sste es gerade Ziel einer menschlichen Gesundheitsversorgung sein, sich der Unterordnung zwischenmenschlicher Beziehungen unter den Aspekt der Geldvermittlung zu widersetzen.</p>
<p>In L&auml;ndern, in denen die Durchkapitalisierung des Gesundheitswesens schon weiter vorangeschritten ist, etwa in den USA oder in Gro&szlig;britannien, sind die Ergebnisse dieser Entwicklung bereits zu besichtigen: Eine menschenverachtende Zwei- und Dreiklassen-Medizin mit heruntergekommenen Billigangeboten f&uuml;r die Armen und Luxusmedizin f&uuml;r diejenigen, die es sich leisten k&ouml;nnen. Aber die Aufholund &Uuml;berholjagd des &#8220;alten Europa&#8221; findet auch auf diesem Gebiet statt. W&auml;hrend KassenpatientInnen auf lebenswichtige Herzoperationen immer l&auml;nger warten m&uuml;ssen, w&auml;hrend viele Kliniken ganz bewusst den Anteil von wenig qualifizierten Pflegekr&auml;ften zwecks Kostensenkung erh&ouml;hen, w&auml;hrend es zusehends vorkommt, dass &auml;ltere Menschen, die zu Hause keine Betreuung haben, aus den Kliniken &#8220;ins Nichts&#8221; entlassen werden, w&auml;hrend Zeitungsmeldungen auftauchen, wonach Rettungshubschrauber von einer &uuml;berbelegten Klinik nach der anderen abgewiesen wurden &#8211; w&auml;hrend alledem k&ouml;nnen wir uns durch einen Klick auf www.medizin plus. com davon &uuml;berzeugen, dass es auch anders geht.</p>
<p>Hier wird dem verw&ouml;hnten Kunden nur vom Feinsten geboten: &#8220;medizinplus befindet sich im Zentrum des Klinikums N&uuml;rnberg, ist aber trotzdem nicht f&uuml;r , jedermann&#8217; zug&auml;nglich. Von dort haben Sie einen wundervollen Blick auf die romantische N&uuml;rnberger Altstadt und die ber&uuml;hmte Kaiserburg. Die geringe Anzahl der Patientenzimmer verschafft die ruhige Atmosph&auml;re, die weniger an ein Krankenhaus als an ein Hotel erinnert&#8230;&#8221; Auf der Sonderstation, f&uuml;r die &#8220;keine Versorgungsvertr&auml;ge mit den gesetzlichen Krankenkassen&#8221; bestehen, wird dem betuchten Patienten f&uuml;r saftige Preise alles geboten, wonach er sich sehnt: ein &#8220;gepflegtes Ambiente&#8221; mit &#8220;hochwertiger Ausstattung der R&auml;ume, angenehmen Teppichb&ouml;den, Hotel-Atmosph&auml;re und Lounge, Einzelzimmer mit Bad, TV und DVD&#8221;. Und w&auml;hrend der finanziell unattraktive Opa Schulze zwei Stockwerke darunter gerade viel zu fr&uuml;h ins Pflegeheim entsorgt wird, darf sich der verw&ouml;hnte Gast beim Anblick historischer Gem&auml;uer an ged&uuml;nsteter Heilbuttschnitte in Kr&auml;utersauce, Blattspinat und Butterkartoffeln &#8220;gem&auml;&szlig; den Preisen der Speisekarte&#8221; laben oder sich f&uuml;r den geringen Aufpreis von 120 Euro pro Tag eine &#8220;Begleitperson&#8221; in seiner Suite halten. Keine Frage, dass auch eine stationseigene Sauna, &#8220;verschiedene Massagen&#8221;, ein Sekretariatsservice (&#8220;Preis pro Tag, nach Aufwand&#8221;) und ein Fitness- und Entspannungsraum zur Verf&uuml;gung stehen. Ach ja, nicht zu vergessen &#8220;die Chefarztbehandlung in einer besonderen Umgebung&#8230; eine optimale medizinische Versorgung&#8230; das Beste, was wir Ihnen geben k&ouml;nnen&#8221;. Ein &#8220;pers&ouml;nlicher Safe&#8221; versteht sich bei alledem von selbst.</p>
<h4>Rahmenbedingungen sollen kritiklos akzeptiert werden</h4>
<p>Lassen wir noch einmal die eingangs zitierte Studie &uuml;ber die Krankenhauslandschaft der BRD im Jahre 2015 zu Wort kommen: &#8220;Es fehlen in den staatlichen Krankenh&auml;usern seit Jahren Finanzmittel, um ausreichend Ersatzinvestitionen vorzunehmen. Neue, zukunftsweisende Investitionen werden seit Jahren nicht mehr durchgef&uuml;hrt. Die Schere zwischen staatlichen H&auml;usern auf der einen Seite sowie freigemeinn&uuml;tzigen und privaten H&auml;usern auf der andern Seite hat sich weiter ge&ouml;ffnet.&#8221; Und: &#8220;Art und Umfang der Grundversorgung liegen deutlich unter dem Leistungsniveau Ende der 90er Jahre&#8230; Es gibt nicht mehr die einst im Sozialgesetzbuch V definierten Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung, sondern es besteht freie Vertragsgestaltungsm&ouml;glichkeit&#8221;<a href="#a14" name="14">14</a> &#8211; je nach Geldbeutel, versteht sich &#8230;</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird der innere Zusammenhang zwischen der Auslieferung der Krankenh&auml;user an die Marktgesetze und der Einf&uuml;hrung von &#8220;Qualit&auml;tsmanagement&#8221; und &#8220;Kundenorientierung&#8221; verst&auml;ndlich. Diese Begriffe dienen nicht selbstkritischer Reflexion, in dem Sinne, dass hinterfragt werden k&ouml;nnte, ob Fallpauschalierungen und von den Krankenkassen verordnete Budgetdeckelungen f&uuml;r Kliniken<a href="#a15" name="15">15</a> der richtige Weg sind, ob der R&uuml;ckzug des Staates und der Kommunen aus einer gewissen Verantwortlichkeit gegen&uuml;ber allen Einwohnern &#8211; auf den Punkt gebracht in dem b&uuml;rokratisch-paternalistischen Begriff der &#8220;Daseinsf&uuml;rsorge&#8221; &#8211; &uuml;berhaupt verantwortbar ist oder nicht.</p>
<p>Qualit&auml;tsmanagement behandelt im Gegenteil gerade diese Fragen als &#8220;unzul&auml;ssige Fragen&#8221;. Es fordert die kritiklose Akzeptanz der wirtschaftlich und politisch gesetzten Bedingungen als quasi unver&auml;nderliche Naturkonstanten. &#8220;Wir haben gar keine andere Chance, als uns alle so zu verhalten, wie der Markt es von uns verlangt.&#8221; Dieser Satz soll zum Glaubensbekenntnis aller werden. Der Gedanke an eine m&ouml;gliche Alternative zur Subsummierung der Krankenversorgung unter die Gesetze des Marktes darf erst gar nicht aufkommen.</p>
<p>Qualit&auml;tsmanagement tritt mit dem Anspruch auf, als k&ouml;nnten all die voraussehbaren negativen Auswirkungen eines liberalisierten Krankenhausmarktes durch &#8220;richtiges&#8221; Handeln in den Kliniken selbst aufgefangen und quasi ungeschehen gemacht werden. Wie illusion&auml;r das ist, liegt auf der Hand. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass die Ideologen des freien Marktes mit ihrer Erfindung des &#8220;Qualit&auml;tsmanagements&#8221; gleichzeitig ein ganz unfreiwilliges Eingest&auml;ndnis machen: Irgendwie scheinen sie n&auml;mlich selbst nur ein begrenztes Vertrauen in ihr Allerheiligstes zu haben. Denn w&uuml;rde die von ihnen sonst bei jeder Gelegenheit ger&uuml;hmte &#8220;invisible hand&#8221; des Marktes wirklich alles wie von selbst zum Besten regeln, br&auml;uchte man sich kaum ein extra Handwerkszeug zulegen, welches ausgerechnet dazu dienen soll, Qualit&auml;t herzustellen.</p>
<h4>Managementkonzept: Gold raus aus den K&ouml;pfen &#8211; Angst rein</h4>
<p>Mittels Qualit&auml;tsmanagement und Kundenorientierung sollen die Besch&auml;ftigten der Kliniken f&uuml;r den Verdr&auml;ngungswettbewerb &#8220;fit gemacht&#8221; werden. Aus dem Munde des Managements h&ouml;rt sich das so an: &#8220;Wir m&uuml;ssen das Gold in den K&ouml;pfen unserer Mitarbeiter heben.&#8221; Jetzt wird deutlicher, was es mit dem eingangs beschriebenen demokratischen Habitus des Qualit&auml;tsmanagements auf sich hat: Will Durchkapitalisierung heute voranschreiten, braucht sie wahrhaftig die Mitarbeit eines jeden im Kampf um die Standortsicherung, m&ouml;glichst die Selbstidentifizierung aller mit &#8220;ihrem&#8221; Betrieb, mit &#8220;ihrer&#8221; Klinik. Fr&uuml;her einmal hat es nach dem Befehlsprinzip funktioniert. Heute funktioniert es nur noch demokratisch. Besser wird es dadurch allerdings nicht. <a href="#a16" name="16">16</a></p>
<p>Die Goldgrube in den K&ouml;pfen gilt es also zu heben. Womit sie anschlie&szlig;end aufzuf&uuml;llen ist, ist auch kein Geheimnis: Mit Angst. Um die Arbeitspl&auml;tze. Wer nicht immer mehr &#8220;Leistung&#8221; aus sich herauspresst, verliert seine Existenzgrundlage. Intel-Chef Andrew Grove beschreibt das so: &#8220;Die wichtigste Aufgabe der F&uuml;hrungskr&auml;fte ist, eine Umgebung zu schaffen, in der die Mitarbeiter leidenschaftlich entschlossen sind, auf dem Markt erfolgreich zu sein. Furcht spielt eine gro&szlig;e Rolle, diese Leidenschaft zu entwickeln und zu bewahren. Angst vor dem Wettbewerb, Angst vor einem Bankrott, Angst, einen Fehler zu machen, und Angst zu verlieren, k&ouml;nnen starke Motivationskr&auml;fte sein. &#8220;<a href="#a17" name="17">17</a></p>
<p>Die Zeiten, in denen die PatientInnen und Besch&auml;ftigten im Gesundheitswesen zumindest von der bedingungslosen Durchsetzung solcher unbesch&ouml;nigten Wahrheiten des Kapitalismus halbwegs verschont blieben, sind unwiderruflich vorbei. <a href="#a18" name="18">18</a> Von einem Vertreter der Sana<a href="#a19" name="19">19</a> bekamen die Mitarbeiter eines Stuttgarter Krankenhauses zu h&ouml;ren: &#8220;Das Wesentliche ist, auf dem Markt bestehen zu bleiben. Der Friedhof ist voll von Leuten, die geglaubt haben, dass sie unersetzlich sind. Glauben Sie mir, der pers&ouml;nliche Arbeitsplatz ist eine gro&szlig;e Motivation.&#8221; Und so soll denn auch die oben beschriebene Luxusstation f&uuml;r Superreiche auf einmal mit anderen Augen gesehen werden. Denn ist es nicht so, dass dadurch mehr Geld in die Klinik kommt? Geld, das wom&ouml;glich noch &#8211; und sei es vor&uuml;bergehend &#8211; den einen oder anderen Arbeitsplatz sichert? Muss man angesichts dieses Totschlagarguments nicht auch noch vor der himmelschreiendsten Zumutung die Augen verschlie&szlig;en?</p>
<h4>Unentrinnbares Schicksal? </h4>
<p>Gleich, ob sich Menschen als PatientInnen oder als Besch&auml;ftigte in den Kliniken befinden: Fallpauschalen, Qualit&auml;tsmanagement und Kundenorientierung sind Instrumente ihrer Zurichtung f&uuml;r die Notwendigkeiten der Kapitalverwertung. Sind wir dieser Entwicklung ausgeliefert?</p>
<p>Eine Frage, die mit Ja zu beantworten sich verbietet. Deren Beantwortung mit Nein jedoch zugegebenerma&szlig;en eine geh&ouml;rige Portion Optimismus, um nicht zu sagen Voluntarismus voraussetzt. Hier soll nicht dar&uuml;ber spekuliert werden, ob es gelingen kann, eine menschliche, emanzipatorische Alternative gegen die weltweit um sich greifende Durchkapitalisierung des Lebens zu verwirklichen. Nur, so viel sollte klar sein: Eine isolierte L&ouml;sung wird es auch f&uuml;r das Gesundheitswesen nicht geben. Aus der Brandung der Barbarei werden keine Inseln der Gl&uuml;ckseligkeit auftauchen.</p>
<p>Trotzdem gelten die Grunds&auml;tze &#8220;Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt&#8221; und &#8220;Nur wer nichts macht, macht auch keine Fehler&#8221;. Die Besch&auml;ftigten in den Kliniken, die dortigen GewerkschafterInnen und Personalr&auml;tInnen werden sich zun&auml;chst auf Schadensbegrenzung konzentrieren m&uuml;ssen. Es wird darum gehen, zuallererst einmal ein Bewusstsein f&uuml;r die Gefahren zu schaffen, und schon das ist eine Riesenaufgabe. Der Kampf um die K&ouml;pfe darf dem Management nicht &uuml;berlassen werden. Es gilt, sich mit Fragen wie diesen auseinander zu setzen: Ist der entfesselte Markt wirklich der Gl&uuml;cksbringer f&uuml;r Besch&auml;ftigte und PatientInnen, als der er hingestellt wird, oder macht er nicht eher eine solidarische, qualitativ hoch stehende Gesundheitsversorgung f&uuml;r alle Menschen unm&ouml;glich? Was ist wirkliche Qualit&auml;t im Krankenhaus und was ist Augenwischerei oder oberfl&auml;chliches Marketing? Lohnt es sich, um Alternativen zu k&auml;mpfen?</p>
<p>Sodann gilt es, alles zu tun, um den Gedanken von Solidarit&auml;t und Solidargemeinschaft gegen die hereinbrechende Ideologie des &#8220;jeder gegen jeden&#8221; zu verteidigen. Wo immer m&ouml;glich, gilt es, den Spie&szlig; umzudrehen: &#8220;Wo Qualit&auml;t drauf steht, da muss auch Qualit&auml;t drin sein.&#8221; Damit sind die Entscheidungstr&auml;ger innerhalb der H&auml;user, aber auch die politisch Verantwortlichen zu konfrontieren. F&uuml;r Fassadensanierung &agrave; la &#8220;hier noch ein Fr&uuml;hst&uuml;cksbuffet und da noch ein Schnickschnack&#8221;, w&auml;hrend gleichzeitig an allen Ecken das Personal fehlt, sollten sich die Besch&auml;ftigten nicht hergeben. Das beste Qualit&auml;tsmanagement wird es sein, die politischen Entscheidungstr&auml;ger und die &Ouml;ffentlichkeit mit den wirklichen Verh&auml;ltnissen in den Kliniken zu konfrontieren und f&uuml;r Besserung einzutreten. Die Zeit ist reif f&uuml;r die Bildung m&ouml;glichst breiter soziale Netzwerke von Betroffenen. Ob Gewerkschaften, Kirchengemeinden, Arbeitslosen-, Anwohner- oder Patienteninitiativen &#8211; folgende Anspr&uuml;che d&uuml;rfen nicht aufgegeben, m&uuml;ssen im Gegenteil un&uuml;berh&ouml;rbar formuliert werden: Alle PatientInnen in allen Kliniken m&uuml;ssen gut versorgt werden. Alle Besch&auml;ftigten in allen Kliniken m&uuml;ssen unter ordentlichen Bedingungen arbeiten k&ouml;nnen, ohne &Uuml;berlastungsstress und &Uuml;berstundenschieberei und ohne schlechtes Gewissen gegen&uuml;ber den PatientInnen.</p>
<p>Soweit, so immanent. So notwendig, so unzureichend. Denn auf Dauer wird selbst das beste &#8220;Kr&auml;fteverh&auml;ltnis&#8221; die Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten der &Ouml;konomie nicht aushebeln k&ouml;nnen. Angesagt ist eine Doppelstrategie, deren zweiter Teil allerdings erst noch zu entwickeln w&auml;re. Einerseits die noch vorhandenen Spielr&auml;ume der Politik ausloten und ausnutzen. Denn noch gibt es, um in der BRD zu bleiben, nicht unerhebliche Unterschiede zwischen relativ reichen Regionen &#8211; wie beispielsweise Stuttgart und M&uuml;nchen &#8211; und bereits weitgehend ausgelaugten wie Berlin und Mecklenburg. Andrerseits wird auch bei den gewerkschaftlichen Akteuren ein schmerzlicher Prozess der Losl&ouml;sung von Illusionen &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten der Politik einsetzen m&uuml;ssen, die doch immer nur am tendenziell versagenden Tropf der &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; h&auml;ngt. M&ouml;glicherweise hilft auch ein Blick nach Argentinien dabei, dass sich Zweifel an der allzu einfachen Losung &#8220;Geld ist genug da&#8221; verbreiten. Geld ist eben keine Naturkonstante. Es kann mit einem Crash von heute auf morgen verschwinden. Auf Dauer sollten wir deswegen aus wohlverstandenem Eigeninteresse lieber nicht auf eine derart windige Luftnummer wie die &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; unseres Lebens setzen.</p>
<p>Dies nat&uuml;rlich ist das schwierigste Kapitel von allen. Und trotzdem wird die Notwendigkeit einer &#8220;zweiten Linie&#8221; auch auf dem Feld der Gesundheitsversorgung immer dr&auml;ngender. Sie w&auml;re aufzubauen hinter der &#8220;ersten Linie&#8221;, der Forderung nach hinreichender monet&auml;rer Absicherung unserer Lebenszusammenh&auml;nge. Was k&ouml;nnte das konkret hei&szlig;en, sich Gesundheits- und Krankenversorgung &#8220;anzueignen&#8221;, ohne sich auf das Funktionieren von Wert-, Ware- und Geldbeziehungen zu verlassen? Es m&uuml;sste eine Bewegung sein, die sich gleicherma&szlig;en aus dem Angewidertsein davon speist, dass Menschen zu Waren gemacht werden, als auch aus der &Uuml;berzeugung, dass dieses System keine Zukunft mehr hat. Eine Bewegung, die sich dessen bewusst ist, dass die Degradierung der Menschen zu passiven Arbeitsgegenst&auml;nden, m&ouml;gen sie nun &#8220;Patienten&#8221; oder &#8220;Kunden&#8221; hei&szlig;en, schon weit vor der Einf&uuml;hrung von Fallpauschalen und Qualit&auml;tsmanagement begonnen hat, dass diese Zumutung ihre letztendliche Ursache in der waren- und wertf&ouml;rmigen Konstituiertheit der Gesellschaft hat.</p>
<p>Sicherlich gilt auch f&uuml;r eine solche, dringend notwendige &#8220;Aufhebungsbewegung&#8221;, dass das Beginnen, und sei es nach der Methode &#8220;trial and error&#8221;, allemal lohnender ist als das Achselzucken.<br />
<hr />
<h4><em>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#1" name="a1">1</a> Lothar Galow-Bergemann, &#8220;, Qualit&auml;tsmanagement&#8217; &#8211; Der entfesselte Markt wirft seine Schatten voraus. Der Mensch oder das Geld im Mittelpunkt? Grunds&auml;tzliche Bemerkungen zur Einf&uuml;hrung von Qualit&auml;tsmanagement in Krankenh&auml;usern&#8221;, ver.di infodienst krankenh&auml;user April 2001/Nr. 11.</p>
<p><a href="#2" name="a2">2</a> Sozialgesetzbuch V, §§135ff.</p>
<p><a href="#3" name="a3">3</a> Arthur Anderson, Das Krankenhaus 2015 &#8211; Wege aus dem Paragraphendschungel, 1999.</p>
<p><a href="#4" name="a4">4</a> &Auml;rzte Zeitung 2.10.02.</p>
<p><a href="#5" name="a5">5</a> FAZ, 26. Januar 2001.</p>
<p><a href="#6" name="a6">6</a> Das Krankenhaus 12/02, Dt. &Auml;rzteblatt 10/03.</p>
<p><a href="#7" name="a7">7</a> Das Krankenhaus 9/02, S. 703.</p>
<p><a href="#8" name="a8">8</a> Deutsches &Auml;rzteblatt 21/2002, S. 1105.</p>
<p><a href="#9" name="a9">9</a> Dohmen/Baitsch, Hochrheinklinik Bad S&auml;ckingen, Die Kehrseite der Medaille 24/ 5/03.</p>
<p><a href="#10" name="a10">10</a> Thomas B&ouml;hm, Warum Privatisierung und Profitlogik die Gesundheitsversorgung verschlechtern und verteuern. &#8211; Referat auf dem Fachkongress &#8220;Gesundheit f&uuml;r alle &#8211; nicht nur f&uuml;r Reiche&#8221;, ver.di, IGM und DGB Stuttgart, 02.02.2002.</p>
<p><a href="#11" name="a11">11</a> a. a. O.</p>
<p><a href="#12" name="a12">12</a> patiens (lat. ) = ertragend, erduldend.</p>
<p><a href="#13" name="a13">13</a> Quelle: Deutsches &Auml;rzteblatt, 17.11.2000.</p>
<p><a href="#14" name="a14">14</a> &#8220;Das Krankenhaus 2015 &#8211; Wege aus dem Paragraphendschungel&#8221;, Arthur Anderson, 1999.</p>
<p><a href="#15" name="a15">15</a> Dass die Krankenkassen, die als Finanziers der Kliniken fungieren, ihrerseits ebenfalls dem m&ouml;rderischen Konkurrenzdruck des Marktes ausgeliefert sind, sei hier nur am Rande erw&auml;hnt. &#8220;Zu welchen perfiden Methoden diese Entfaltung der Konkurrenz f&uuml;hrt, geht aus einem Rundschreiben eines McDonalds Franchise- Nehmers an die , lieben Mitarbeiter&#8217; mit der &Uuml;berschrift: , M&ouml;glicher Wechsel der Krankenkasse&#8217; hervor. Er schreibt: , Als gesunder junger Mensch haben Sie bei der BKK (also Betriebskrankenkasse) keine Nachteile. Sie erhalten ebenso wie bei der AOK im Normalfall die Leistung bei ihrem Arzt. Sollte Sie jedoch chronisch krank sein (Asthma, R&uuml;ckenleiden, Krebs etc. ) wechseln Sie bitte auf keinen Fall die Krankenkasse. Die AOK hat dann wesentlich bessere Leistungen. Wechseln Sie auf keinen Fall, wenn kranke Familienmitglieder bei Ihnen mitversichert sind. Sollten Sie bereits &uuml;ber 45 Jahre alt sein, w&uuml;rde ich an Ihrer Stelle auch nicht mehr von der AOK wechseln. &#8216; Das Schreiben endet mit den Worten: , Wenn Sie kein Interesse am Wechseln der Krankenkasse haben, vernichten Sie diese Unterlagen und den Briefumschlag. Werfen Sie alles weg. &#8216;&#8221; Thomas B&ouml;hm, &#8220;Warum Privatisierung und Profitlogik die Gesundheitsversorgung verschlechtern und verteuern.&#8221; Referat auf dem Fachkongress &#8220;Gesundheit f&uuml;r alle &#8211; nicht nur f&uuml;r Reiche&#8221;, verdi, IGM und DGB Stuttgart, 02.02.2002.</p>
<p><a href="#16" name="a16">16</a> Ein Vorgang, der, nebenbei bemerkt, zum Nachdenken dar&uuml;ber anregen sollte, was Demokratie heute noch mit der Befreiung aus allen Verh&auml;ltnissen zu tun haben kann, &#8220;in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver&auml;chtliches Wesen ist&#8221; (Karl Marx).</p>
<p><a href="#17" name="a17">17</a> Zitiert nach: Klaus Pickshaus, Motivationsfaktor Angst? , Mitbestimmung 7/2002, S. 46f.</p>
<p><a href="#18" name="a18">18</a> Dabei zeigt der Umstand, dass dies erst jetzt geschieht und auch, zumindest hierzulande, in gewisser Hinsicht noch in den Anf&auml;ngen steckt, dass wir es mitnichten mit einer bereits voll und ganz durchkapitalisierten Welt zu tun haben. Wenn denn der unscharfe Begriff der &#8220;Globalisierung&#8221; einen wirklichen Sachverhalt benennt, so wohl den, dass wir gegenw&auml;rtig in einer Phase der versuchten Durchsetzung der Kapitalverwertung in m&ouml;glichst alle Lebensbereiche hinein, auch in die buchst&auml;blich unm&ouml;glichen, leben. Ein Unterfangen, das freilich ebenso katastrophale Folgen nach sich ziehen wird, wie es letztendlich doch erfolglos bleiben muss.</p>
<p><a href="#19" name="a19">19</a> Sana Kliniken GmbH, 1976 von den privaten Krankenkassen gegr&uuml;ndete Gesellschaft mit dem Ziel der Umgestaltung und Privatisierung der Krankenhauslandschaft in der BRD, mittlerweile zum gr&ouml;&szlig;ten privaten Krankenhausbetreiber in der BRD aufgestiegen; www.sana.de</em></p>
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		<title>&#8220;Je mehr Magenschmerzen, desto süßer lächeln sie&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:44:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Religion / Esoterik / Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>
		<category><![CDATA[Wölflingseder; Maria]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/je-mehr-magenschmerzen-desto-suesser-laecheln-sie">&#8220;Je mehr Magenschmerzen, desto süßer lächeln sie&#8221;</a></p>
POSITIVES DENKEN - VOM ESOTERIK-IDEOLOGEM ZUM KLASSISCHEN GLEITMITTEL]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/je-mehr-magenschmerzen-desto-suesser-laecheln-sie">&#8220;Je mehr Magenschmerzen, desto süßer lächeln sie&#8221;</a></p>
<h3>POSITIVES DENKEN &#8211; VOM ESOTERIK-IDEOLOGEM ZUM KLASSISCHEN GLEITMITTEL</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Maria W&ouml;lflingseder</em> <span id="more-322"></span></p>
<p>(Vorabdruck aus &#8220;Dead Men Working &#8211; Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs&#8221;, hg. von Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria W&ouml;lflingseder, das im Juni 2004 im Unrast Verlag erscheint. )</em></p>
<p>In seinem Roman &#8220;Herrn Kukas Empfehlungen&#8221; schildert Radek Knapp h&ouml;chst treffend die anstandslose Unterordnung unter den Guru Verwertbarkeit. Sein junger polnischer Held, zum ersten Mal nach Wien gereist, ist bass erstaunt &uuml;ber die Sitten im goldenen Westen. Die Menschen &#8220;sitzen vierzehn Stunden am Tag &uuml;ber ihren Computern. Ihre ganze Abwechslung liegt darin, dreimal am Tag auf die Toilette zu gehen, und das Essen holen sie aus einem Automaten, der auf dem Flur steht. Sie verzehren es &uuml;ber ihren Computertastaturen. Die H&auml;lfte davon landet zwischen den Tasten, und sie merken nicht mal was davon. In ihren Armani-Sakkos tragen sie eine ganze Apotheke gegen Kopfschmerzen und Gastritis. Nach B&uuml;roschluss sehen sie wie Zombies aus. Aber glauben Sie, dass sich jemals einer deswegen beschwert h&auml;tte? Im Gegenteil. Je mehr Magenschmerzen, desto s&uuml;&szlig;er l&auml;cheln sie. &#8221;</p>
<p>War Positives Denken, einst Esoterik- Ideologem, ist es nunmehr zum selbstverordneten Gleitmittel f&uuml;r die bedingungslose Anpassung an die herrschenden sinnlosen, wahnsinnigen Verh&auml;ltnisse geworden.</p>
<h4>Volkshochschulen &#8211; gespenstische St&auml;tten der St&auml;hlung der &#8220;automatischen Subjekte&#8221;</h4>
<p>Volkshochschulen (VHS), einst gesellschaftskritischer Hort, sind im Laufe der vergangenen beiden Jahrzehnte immer mehr zu einer wahrlich gespenstischen St&auml;tte der St&auml;hlung der &#8220;automatischen Subjekte&#8221; mutiert.</p>
<p>Aus dem Kursprogramm zweier Wiener Volkshochschulen vor ein paar Jahren:</p>
<p>l &#8220;Kraft und Wirkung von Gedanken: Unsere Gewohnheiten kreieren unsere eigene Welt. Es gibt kaum eine gr&ouml;&szlig;ere Kraft als die Kraft unserer Gedanken, und k&ouml;rperliche sowie seelische Gesundheit h&auml;ngen davon ab. Erst wenn wir anfangen, die Verkn&uuml;pfung von Gedanken, Gef&uuml;hlen und Handlungen zu verstehen, k&ouml;nnen wir Eigenverantwortung &uuml;bernehmen und die Qualit&auml;t unseres Lebens bestimmen. Unser Schicksal liegt in unserer Hand. &#8221;</p>
<p>Die Esoterik predigt seit Jahrzehnten: Das Bewusstsein schafft die Realit&auml;t, durch dein Bewusstsein schaffst du dir deine eigene Realit&auml;t. Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied. Alles, was dir passiert, ist notwendig und gut, weil es dein Karma ist.</p>
<p>Im VHS-Programm klingt&#8217;s fast genauso, aber nicht etwa in Ank&uuml;ndigungen esoteriknaher Kurse, sondern in jenen der unz&auml;hligen Selbstmanagement-Kurse.</p>
<p>l &#8220;Stressbew&auml;ltigung: Der Stresspegel ist rapide angewachsen. Das Leben befindet sich auf der &Uuml;berholspur, um den beiden Verfolgern, n&auml;mlich dem chronischen Ersch&ouml;pfungssyndrom und dem Erleben eigener Unf&auml;higkeit, zu entkommen. Bauen Sie sich wieder auf und werden Sie belastbarer! &#8221;</p>
<p>l &#8220;, Krieg&#8217; am Arbeitsplatz &#8211; Den Kampf gewinnen: Die Luft am Arbeitsmarkt ist d&uuml;nn, das Raumklima dementsprechend: Ungerechtes Gehalt, aufreibende Arbeitszeiten, schlechte Stimmung unter den Kollegen, Arbeitsdruck, Konkurrenz, Neid, Mobbing, despotische Chefs und schlechte Aufstiegschancen machen vielen Menschen den Berufsalltag zur H&ouml;lle. Harmonie ist nicht immer erreichbar, einen Kampf zu gewinnen aber allemal besser als ihn verlieren. &#8221;</p>
<p>l &#8220;Ohne Wollen geht nichts! Key Mind &#8211; der neue Weg zur Selbstmotivation: K&ouml;nnen Sie nur das tun, was Sie wollen? Sch&ouml;n w&auml;r&#8217;s! Wir haben tagt&auml;glich auch jede Menge Aufgaben zu erledigen, die wir uns nicht ausgesucht haben und die uns keinen Spa&szlig; machen. Damit verdeckte Widerst&auml;nde nicht zu heimlichen &#8220;Energiefressern&#8221; werden und wie Sie mit inneren Widerst&auml;nden konstruktiv umgehen. &#8221;</p>
<p>Neben all den unz&auml;hligen &#8220;Durchhalte&#8221;- Kursen gibt es keinen einzigen, der den menschenverachtenden Alptraum kritisch hinterfragt, keinen einzigen, der die Mechanismen durchleuchtet, warum alle, ohne mit der Wimper zu zucken, blindlings ihr eigenes Grab buddeln und sich dabei einreden, ein Haus zu bauen.</p>
<p>Das Gegenteil von Positivem Denken ist keineswegs Negatives Denken, sondern schlicht Kritik und Ver&auml;nderung in Richtung Emanzipation. Legionen von ArbeitslosentrainerInnen, Legionen von Arbeitslosen, Legionen von Arbeitslosenverwaltern, Legionen von Angestellten in Sozialinstitutionen &#8211; darunter zahlreiche fr&uuml;here lautstarke GesellschaftskritikerInnen &#8211; beten heute jedoch inbr&uuml;nstig die makabren Litaneien des Marktes. Nirgendwo ist die Rede von all den Arbeitslosen, die sich das Leben nehmen, weil ihre &#8220;Wert&#8221;losigkeit unertr&auml;glich ist &#8211; sie werden h&ouml;chstens als Kranke abgehakt. Kein Aufschrei ob der sozialen und gesundheitlichen Folgen des t&auml;glichen Kampfes: von der Ausd&uuml;nnung der zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu Herzinfarkt und Gehirnschlag bei 30- und 40-J&auml;hrigen.</p>
<p>Dazu hat die Esoterik unerm&uuml;dlich ihr Scherflein beigetragen, indem sie seit zwei Jahrzehnten die Flucht in Scheinwelten &uuml;bt und damit dem Zugang zu grunds&auml;tzlicher Kritik im Wege steht.</p>
<h4>Jeder ist sein eigener Sklaventreiber</h4>
<p>In der gesamten Arbeitswelt und noch st&auml;rker in der Arbeitslosenwelt ist jede/r vom (inneren) Zwang zum Positiven Denken beherrscht. Wer seinen Arbeitsplatz erhalten und noch mehr, wer wieder einen ergattern will, hat nur so vor Optimismus und Charme zu strahlen. Frappant: Business- Adepten ist dasselbe entr&uuml;ckte L&auml;cheln, besser gesagt Grinsen, ins Gesicht gemei&szlig;elt, wie es einst nur esoterisch Entr&uuml;ckten und Sektengurus eigen war.</p>
<p>Von Arbeitslosen wird behauptet, sie h&auml;tten den Dreh noch nicht raus. Sie werden vom Arbeitsamt mit Kursen zwangsbegl&uuml;ckt, in denen sie in die Geheimnisse des Positiven Denkens eingeweiht werden: Ihnen wird eingebl&auml;ut, sie m&uuml;ssten alle &Auml;ngste, Zweifel und schlechten Erfahrun- gen einfach beiseite schieben, stattdessen br&auml;uchten sie nur vor Optimismus und &Uuml;berzeugung zu strahlen wie ein Sieger, sie br&auml;uchten nur vollkommen &uuml;berzeugt zu sein, einen Job zu finden, dann bek&auml;men sie auch einen.</p>
<p>In einer Welt, die immer mehr an ihren Widerspr&uuml;chen zugrunde geht, in der der Schein l&auml;ngst mehr z&auml;hlt als alles andere, ist Positives Denken das wirksamste Mittel zur Anpassung. Fr&uuml;her wurden Sklaven brachial zur Arbeit gezwungen, heute ist jeder sein eigener Sklaventreiber &#8211; ganz positiv eingepeitscht.</p>
<p>Fr&uuml;her, als es noch etwas n&uuml;tzte, machten Arbeitslose eine Ausbildung oder eine Umschulung. Heute geht es nicht mehr darum, dass die Arbeitskraft reale Vernutzungsf&auml;higkeiten anzubieten hat, sondern um Selbstvermarktungstechniken und Autosuggestion. Heute gibt&#8217;s von den Arbeitslosenverwaltern statt Jobs Durchhalteparolen. Durchhalteparolen wie in einem Krieg, der l&auml;ngst verloren ist. Wer glaubt denn wirklich, dass die Arbeitslosen wegzuphantasieren seien? Wer glaubt denn wirklich, dass die Arbeit noch zu retten ist?</p>
<h4>Rationale Irrationalit&auml;t und irrationale Rationalit&auml;t &#8211; eine m&ouml;rderische Co-Produktion</h4>
<p>Positives Denken, Visualisierung &#8211; oder wie immer es genannt werden will &#8211; mag durchaus seine Berechtigung haben; zum Beispiel, um seine Gesundheit zu verbessern oder sie wiederzuerlangen. Wer denkt schon immerzu negativ? Wer beschw&ouml;rt schon permanent eine Self-fulfilling Prophecy herauf? In der Arbeitswelt und im Umgang mit Arbeitslosigkeit haben solche Psychotechniken aber nur die Funktion, selbst die offensichtlichsten gesellschaftlichen Verr&uuml;cktheiten zum Privatproblem umzufunktionieren und f&uuml;r deren Bew&auml;ltigung jeden Einzelnen verantwortlich zu machen. Im Lichte des Positiven Denkens erscheint nie der Zwang, das Leben vollst&auml;ndig auf die Kriterien betriebswirtschaftlicher Rationalit&auml;t auszurichten, als aberwitzig. Als irrational werden immer nur die psychischen und biologischen Barrieren gegen diese Zumutungen bezeichnet. Das Positive Denken spart nicht an Tipps zum Wegretuschieren nachteiliger lebensgeschichtlicher Details. Diese Techniken des Selbstmarketings helfen jedoch selten, schlie&szlig;lich ist jeder Personalchef mit den standardisierten Tricks l&auml;ngst vertraut. Wer nicht das richtige Alter, die n&ouml;tige Erfahrung oder gar Kinder hat, bleibt trotzdem ohne Chance. Wer durch die Schule des Positiven Denkens gegangen ist, lernt h&ouml;chstens, dass alles Unverwertbare an der eigenen Biographie den Status einer Behinderung hat und dass die Kriterien der Arbeitskraftk&auml;ufer die einzig verbindlichen sind.</p>
<p>Die esoterisch unterlegte R&uuml;ckbesinnung auf die &#8220;inneren Kr&auml;fte&#8221; und den &#8220;eigenen Weg&#8221; versprach einmal einen gewissen Abstand zu den &auml;u&szlig;eren Zw&auml;ngen des Daseins und Erl&ouml;sung von falschen Schuldgef&uuml;hlen. Heute erf&uuml;llt sie genau die umgekehrte Funktion. Das Positive Denken hilft nicht nur bei der Durchsetzung totaler Anpassungsbereitschaft, es macht Menschen permanent f&uuml;r Umst&auml;nde verantwortlich, f&uuml;r die sie nicht das Geringste k&ouml;nnen. Dass auf dem Arbeitsmarkt die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse nichts seien und der reine Wille alles, wird offiziell als Ermutigung verkauft; diese Botschaft hat aber eine Vorverurteilung zum eigentlichen Kern: Misserfolg beweist, der Erfolglose war des Erfolgs nicht wert. So spiegelt sich im Positiven Denken eine ins Diesseits verlegte Wiederkehr der calvinistischen Pr&auml;destinationslehre.</p>
<p>Die aus der Rationalit&auml;t der Gesellschaft erwachsene Irrationalit&auml;t der Esoterik geht immer wieder in der Rationalit&auml;t der Gesellschaft auf.</p>
<h4>Infantile Omnipotenzphantasien</h4>
<p>Traditionell verbindet man mit dem Prozess des Erwachsenwerdens so etwas wie zunehmende Einsicht in die eigenen M&ouml;glichkeiten. Als erwachsen gilt, wer eine realistische Vorstellung jener Schranken entwickelt hat, die seiner eigenen Person durch Biographie, Charakter und soziale Umst&auml;nde gesetzt sind. Infantiles Verhalten ist demgegen&uuml;ber von Omnipotenzphantasien gepr&auml;gt und schwebt (noch) traumt&auml;nzerisch &uuml;ber solche Grenzen hinweg. Das Positive Denken stellt diese Ordnung auf den Kopf, aber nicht in einem emanzipativen, sondern in einem durch und durch repressiven Sinn. Positives Denken steht nicht f&uuml;r den Traum, die eigenen Grenzen &uuml;berschreiten zu k&ouml;nnen, sondern f&uuml;r den Zwang, permanent den Eindruck erwecken zu m&uuml;ssen, dazu jederzeit in der Lage zu sein. Allmachtstr&auml;ume sind nichts mehr, was Menschen besser verstecken, wenn sie von ihrer Umgebung als zurechungsf&auml;hig anerkannt werden wollen. Sie sind als Vermarktungsargument zu pr&auml;sentieren. Psychologisch betrachtet ist Positives Denken somit als kontrollierte Ein&uuml;bung in Regression und infantilen Gr&ouml;&szlig;enwahn zu charakterisieren. Es f&uuml;hrt Menschen zur&uuml;ck in die Entwicklungsstufe des magischen Denkens. Ein klinisches Symptom ist zum Sozialisationsziel aufgestiegen.</p>
<h4>Die Arbeits&#8221;kirche&#8221; nimmt immer sektenhaftere Z&uuml;ge an</h4>
<p>Heute ist nicht mehr allein die Arbeitskraft gefragt, sondern der &#8220;ganze Mensch&#8221; hat sich einzubringen &#8211; nach dem Vorbild des K&uuml;nstlers oder des Sportlers. Ein pseudomenschliches Management, das anstatt auf Soft Skills und Selbstverantwortung auf klassische Hierarchien setzt, verhilft zur Vollauspressung bis an die physischen und psychischen Grenzen. Seine klassische Auspr&auml;gung hat diese Tendenz in der New Eco- nomy gefunden. In diesem Sinne werden heute alle trainiert &#8211; vom Arbeitslosen bis zum Manager -, um f&uuml;r den Konkurrenzkampf gest&auml;hlt zu sein: von Autosuggestion bis zum ber&uuml;chtigten Survival-Kurs wird so manches mit ihnen angestellt. Solch Inszenierungen und Methoden sind jenen von Sekten nicht un&auml;hnlich. Etwa der in Wien lange Zeit f&uuml;r alle Arbeitslosen gleich zu Beginn ihrer Arbeitslosigkeit zwingende &#8220;Bewerbungs-Impulstag&#8221; &auml;hnelte frappant einer &#8220;Gehirnw&auml;sche&#8221;. Wie ein Fernsehprediger besprengte der Trainer die versammelten 500 Arbeitslosen mit Wortgeklingel: &#8221; Der Arbeitsmarkt ist zwar schwierig, aber man braucht nur von der Schattenseite in die Lichtseite treten. &#8221;</p>
<p>Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Sekten und der Zurichtung von Humankapital f&uuml;r den Arbeitsmarkt ist eine Regression bis zur Infantilisierung: immerzu l&auml;cheln, immer super-gut drauf sein, das Leben ist ein Hit! Selbstindoktrination jenseits jeglicher Realit&auml;t. Fr&uuml;her wurde Realit&auml;tsverlust als psychische Krankheit betrachtet, heute wird er kollektiv verordnet.</p>
<p>Schlie&szlig;lich sorgt sowohl bei Sekten als auch in der Arbeitswelt oftmals eine Uniformierung der Kleidung &#8211; Stichwort Corporate Identity &#8211; einerseits f&uuml;r eine Beschr&auml;nkung der Individualit&auml;t und bietet andererseits eine Identifikationsm&ouml;glichkeit.</p>
<p>Das kommt hier wie dort einer negativen Aufhebung der Trennung von Arbeit und Privatheit gleich. Sowohl Sektenmitglieder als auch immer mehr jede Arbeits&#8221; monade&#8221;, und jeder Arbeitslose erst recht, stehen rund um die Uhr im Einsatz.</p>
<h4>Job und Weiterbildung als Pyramidenspiel</h4>
<p>Die negative Aufhebung der Trennung von Arbeit und Privatheit betrifft nicht nur das rund um die Uhr Arbeiten der Ich-AGs oder Angestellten, sondern in variierter Form das Jobben im so genannten Strukturvertrieb, im Schneeballsystem. Arbeitslose sto&szlig;en bei der Arbeitssuche unweigerlich immer wieder auf Organisationen, die solcherlei anbieten. Was sich einst als klassische Tupperware-Party pr&auml;sentierte, ist heute zum finanziellen &Uuml;berlebenskampf f&uuml;r viele geworden. Bei dieser Verkaufsmethode, geht es nur bedingt darum, viel zu verkaufen, sondern darum, neue Verk&auml;uferInnen zu finden, an deren Umsatz man mitverdient. Das Ganze ist hierarchisch, wie ein Pyramidenspiel, aufgebaut. Die ganz oben sind, k&ouml;nnen wom&ouml;glich tats&auml;chlich gut verdienen, aber je weiter unten man steht, desto aussichtsloser ist das Unterfangen. Wer rechnen kann, wird merken, dass bald die halbe Erdbev&ouml;lkerung zu Mitverk&auml;uferInnen werden m&uuml;sste, damit es sich auszahlt. Die meisten, die sich auf solche Machenschaften einlassen, kommen nicht ohne riesigen Schuldenberg davon. &Uuml;ber einen exemplarischen Fall berichtete der WDR am 29. M&auml;rz 2001. Ein junger Mann nahm einen Kredit von 70.000 DM auf, um den Vertrag, die Waren und das n&ouml;tige Outfit zu finanzieren. Er schaffte es nicht, seinen Irrtum den Angeh&ouml;rigen gegen&uuml;ber einzugestehen und nahm sich das Leben.</p>
<p>In Deutschland gibt es zwar ein Gesetz, das Strukturvertrieb (&#8220;progressive Kundenwerbung&#8221;) verbietet; weil dieser aber oft schwer nachweisbar und das Strafausma&szlig; gering ist, kommt es selten zu Verurteilungen.</p>
<p>Mit kult&auml;hnlich inszenierten (Werbe-) Abenden werden sowohl potentielle K&auml;uferInnen als auch (potentielle) Verk&auml;uferInnen bei der Stange gehalten. Geworben wird immerzu mit Selbst&auml;ndigkeit, Unabh&auml;ngigkeit, Gl&uuml;ck und Reichtum, und bei der legend&auml;ren Firma Herbalife nat&uuml;rlich auch mit Gesundheit. &Uuml;berdies k&ouml;nnen bei dieser Verkaufsform private Kontakte leicht getr&uuml;bt oder zerst&ouml;rt werden, wenn man Freunden etwas andreht, das sie von einem Fremden nicht kaufen w&uuml;rden.</p>
<p>Zur Zeit grassiert ein wahrer Weiterbildungs- und Coachingwahn. Wenn sonst schon nichts mehr verkauft werden kann, versucht man eben, den Arbeitslosen, die vor Arbeitslosigkeit rettende Idee anzudrehen. Bewerbungsratgeber, in Buchform als auch in Person, gibt es wie Sand am Meer. So verwundert es nicht, dass es bereits auch Pers&ouml;nlichkeitsbildungsseminare im Strukturvertrieb gibt &#8211; &auml;u&szlig;erst kostspielige, mit nur vage angedeuteten Inhalten, aber garantiert mit sektenartiger Indoktrination.</p>
<h4>Seri&ouml;se oder dubiose Weiterbildungen? </h4>
<p>Verbraucherschutz-Organisationen und Sektenberatungsstellen der evangelischen und katholischen Kirche warnen immer &ouml;fter vor Aus- und Weiterbildungen, f&uuml;r die Unsummen hinzubl&auml;ttern sind und deren Brauchbarkeit meist gering ist. Neuerdings suchen immer mehr Menschen Sektenberatungsstellen auf, die sich Sorgen um Angeh&ouml;rige machen, die durch berufliche Weiterbildungen oder Seminare zur Pers&ouml;nlichkeitsentwicklung ein v&ouml;llig ver&auml;ndertes Verhalten und Bewusstsein an den Tag legen. Es z&auml;hlt nur mehr der berufliche Erfolg; alles andere &#8211; ihre Familie, ihr Privatleben &#8211; nehmen sie kaum mehr wahr, sie haben weder Zeit noch Energie daf&uuml;r. Die Zahl der Menschen, die sich in Unkosten st&uuml;rzen, die ihre ganze Freizeit opfern, weil sie den Erfolgsversprechungen erliegen, nimmt immer epidemischere Ausma&szlig;e an. Der Trend geht zur Zeit in Richtung lang dauernde und teuere Seminare, die die TeilnehmerInnen meist selbst finanzieren. Zur Zeit der absolute Renner in Deutschland: &#8220;Fasten, Schweigen, Meditieren&#8221;. Dieses Seminar dauert neun Tage, in denen den Leuten das Essen, das Reden und jeder Kontakt zum anderen verboten wird. <em>(Der Standard</em>, 20. /21. Dezember 2003, Von der Wiege bis zur Bahre gibt es nicht nur Seminare)</p>
<p>Die Sektenberater versuchen, eine Unterscheidung zwischen seri&ouml;sen und dubiosen Weiterbildungen aufzuzeigen. Sie meinen, wenn dabei der Mensch, der Partner, Familie und Freunde auf der Strecke bleiben, wenn das Selbstbestimmungsrecht beschnitten wird, sei &auml;u&szlig;erste Vorsicht geboten. (<em>S&uuml;ddeutsche Zeitung</em>, 7. Juni 2003, Interview von Otto Fritscher mit Axel Seegers und Rudi Forstmeier, zwei M&uuml;nchner Beratern in Sachen Sekten und Weltanschauungsfragen)</p>
<p>Es scheint jedoch mehr als fragw&uuml;rdig, ob eine Trennung in gute und schlechte Seminare m&ouml;glich ist. Was ist mit all den zwangsweise verordneten, oft unn&uuml;tzen Weiterbildungen f&uuml;r Arbeitslose? Was ist mit all den Aus- und Fortbildungen, die den TeilnehmerInnen weder Job noch berufliches Weiterkommen bringen?</p>
<p>Noch abstruser wird es, wenn bez&uuml;glich Weiterbildungen gefragt werden soll, ob der Mensch, der Partner, Familie und Freunde auf der Strecke bleiben oder ob das Selbstbestimmungsrecht beschnitten wird. Diese Frage sollte allen voran hinsichtlich der Arbeit selbst gestellt werden! Als ob es heute noch Jobs g&auml;be, die das Selbstbestimmungsrecht nicht beschneiden w&uuml;rden, Jobs, bei denen der Mensch, der Partner, Familie und Freunde nicht auf der Strecke blieben, ganz zu schweigen vom Raubbau an der Gesundheit! Ist all das f&uuml;r die Herrn und Damen Sektenberater seri&ouml;s? Die simple dualistische Einteilung in Seri&ouml;s und Dubios, in Gut und B&ouml;se greift nicht und lenkt davon ab, dass &#8220;Ausw&uuml;chse&#8221; nur eine Fortsetzung der Normalit&auml;t sind. Das Dubiose ist lediglich eine logische Weiterentwicklung des Seri&ouml;sen. Niemand will wahrhaben, dass die Grenze zwischen Seri&ouml;s und Dubios immer mehr verschwimmt. In Zukunft werden sich die Grenzen zwischen Arbeit, Weiterbildung, Gl&uuml;cksspiel und Sekte wohl noch viel mehr aufl&ouml;sen.</p>
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		<title>Zwischen den Zähnen</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:42:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Recht / Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>
		<category><![CDATA[Wedel; Karl-Heinz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2004/zwischen-den-zaehnen">Zwischen den Zähnen</a></p>
KANT UND DER KANNIBALE: "KRITIK DER PRAKTISCHEN VERNUNFT" ALS PRAXIS]]></description>
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<h3>KANT UND DER KANNIBALE: &#8220;KRITIK DER PRAKTISCHENVERNUNFT&#8221; ALS PRAXIS</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Karl-Heinz Wedel</em> <span id="more-323"></span></p>
<p>In der Rechtstheorie ist das Muster seit langem gel&auml;ufig, nach dem sich von der Ausnahme Grundlegendes f&uuml;r den Normfall ablesen l&auml;sst. Die Taten des Armin Meiwes, bekannt als &#8220;Kannibale von Rotenburg&#8221;, sind eine solche Ausnahme. Am 30. Januar wurde er wegen Totschlags zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Stein des Ansto&szlig;es, sein Kannibalismus, war nicht justitiabel. Wer &uuml;ber den Hinweis auf die Gesetzesl&uuml;cke hinausgeht, begibt sich auf ein grundlegendes Feld der Rechtstheorie, das entscheidend von Immanuel Kant gepr&auml;gt wurde. Kants Schriften gelten gemeinhin als Formulierung einer modernen Moral. Gleichzeitig analysieren sie aber die moderne Konstitution des Rechts. Sie lassen sich als Beschreibung eines Ausnahmezustandes charakterisieren &#8211; der &#8220;Selbstbestimmung des freien Willens&#8221; -, der notwendig ein, gelinde gesagt, widerspr&uuml;chliches Verh&auml;ltnis zur K&ouml;rperlichkeit hat. Womit sich der Kreis zu Meiwes und seinem &#8220;Opfer&#8221; &#8211; einem Ingenieur aus Berlin &#8211; schlie&szlig;t. In der Beziehung der beiden manifestierte sich der Widerspruch von &#8220;freier&#8221; Willensentscheidung und (grenzenloser) Verf&uuml;gbarkeit &uuml;ber den menschlichen K&ouml;rper. Der b&uuml;rgerliche Alltagsverstand weist in der Regel jeden Einwand gegen die Freiheit seiner Willens&auml;u&szlig;erung als unzul&auml;ssigen Eingriff in seine Selbstbestimmung zur&uuml;ck. Dass jeder &uuml;ber sein Leben selbst entscheiden k&ouml;nne, ohne Einmischung eines anderen oder des Staates, ist schlie&szlig;lich Inbegriff moderner Selbstverwirklichung. Jeder muss seinen Weg gehen. Warum nicht &#8211; als Ausdruck h&ouml;chster Individualit&auml;t sozusagen &#8211; auch &#8220;zwischen den Z&auml;hnen (eines anderen) hindurch&#8221;, wie es der Verspeiste gegen&uuml;ber Meiwes ausdr&uuml;ckte? Die freie Selbstbestimmung f&uuml;hrt zwar u. a. dazu, dass sich moderne Menschen mit oder ohne Gummiseil von T&uuml;rmen st&uuml;rzen; wenn aber einer von ihnen beschlie&szlig;t, seinen Leib schlachten und ausnehmen zu lassen, so bef&auml;llt die b&uuml;rgerliche &Ouml;ffentlichkeit eine gewisse Unsicherheit. Wie bestimmt nun die philosophische Koryph&auml;e und unumstrittene Instanz westlicher Aufkl&auml;rung das Verh&auml;ltnis des &#8220;freien&#8221; Willens zur leiblichen und sinnlichen Existenz? Gesellschaftliche Geltung, dies macht Kant in der &#8220;Kritik der praktischen Vernunft&#8221; unmissverst&auml;ndlich deutlich, kann eine Person allein als Tr&auml;ger des &#8220;freien&#8221; Willens beanspruchen. Die Quintessenz der (praktischen) Vernunft, der so genannte &#8220;gute Wille&#8221; oder die &#8220;W&uuml;rde eines vern&uuml;nftigen Wesens&#8221;, besteht in der abstrakten Selbstbestimmung, unabh&auml;ngig vom konkreten Inhalt sinnlicher Gegebenheiten oder Erfahrungen. Sofern sich menschliche Handlungen von sinnlichen Motiven &#8211; Leidenschaften, Neigungen etc. &#8211; bestimmen lassen, handelt es sich dem K&ouml;nigsberger Philosophen zufolge um &#8220;pathologische Triebfedern&#8221; f&uuml;r den menschlichen Willen. Einzig die Orientierung an der Gesetzesform, die ohne konkreten Inhalt bleiben muss, f&uuml;hrt zu einem unumschr&auml;nkt &#8220;guten Willen&#8221;. Dieser Sachverhalt wird in den meisten Lobreden geflissentlich &uuml;bersehen, obwohl oder weil er auf ein zentrales, gewaltf&ouml;rmiges Merkmal der Moderne verweist. &#8220;Das Wesentliche aller Bestimmung des Willens durchs sittliche Gesetz ist: dass er als freier Wille, mithin nicht blo&szlig; ohne Mitwirkung sinnlicher Antriebe, sondern selbst mit Abweisung aller derselben, und mit Abbruch aller Neigungen, sofern sie jenem Gesetz zuwider sein k&ouml;nnten, blo&szlig; durchs Gesetz bestimmt werde.&#8221; Kant formuliert also explizit das Ideal des &#8220;freien Willens&#8221; unter Zur&uuml;ckweisung bzw. &#8220;Abbruch aller sinnlichen Neigungen&#8221;. Die praktische Vernunft, das hei&szlig;t der &#8220;gute Wille&#8221;, soll nur durch &#8220;sinnenfreies Interesse&#8221; bestimmt sein. Auf welchen konkreten Wunsch sich dieser Wille beziehe, sei in rechtlicher Hinsicht v&ouml;llig zweitrangig. F&uuml;r den gefeierten Jubilar dr&uuml;ckt sich ein &#8220;unumschr&auml;nkt guter Wille&#8221; gerade in einer &#8220;Achtung f&uuml;r etwas ganz anderes als das Leben&#8221; aus. Kants zweifelhaftes Verdienst war es im Gegensatz zum theoretischen Gehalt des derzeitigen Jubeldiskurses, ungeniert die inhaltslose und gewaltf&ouml;rmige Form (des Rechts) zu fordern, in der die sinnliche Wirklichkeit allenfalls als Material f&uuml;r den freien Willen vorkommt. Je weniger es der b&uuml;rgerlichen Reflexion m&ouml;glich ist, Kants Philosophie theoretisch ad&auml;quat in Beziehung zur b&uuml;rgerlichen Vergesellschaftung zu setzen, desto mehr scheinen die Individuen praktisch &uuml;ber sie Bescheid zu wissen. Meiwes jedenfalls formulierte sehr pr&auml;zise, worauf es bei zwischenmenschlichen Beziehungen in der modernen Rechtsform ankommt, n&auml;mlich einzig auf die Qualit&auml;t, (m&auml;nnlicher) Tr&auml;ger eines freien Willens zu sein: &#8220;Jeder kann zu seinen Lebzeiten frei &uuml;ber die Verwendung seines K&ouml;rpers entscheiden, und so k&ouml;nne er sich auch aufessen lassen&#8221;, lautete sein Argument beziehungsweise das der Verteidigung. &#8220;, Er wollte sterben und er wollte gegessen werden&#8217;. Er habe sich ausschlie&szlig;lich nach dem Willen und den W&uuml;nschen B. s gerichtet. , Ich habe auch immer seine W&uuml;rde(! ) und seine Ehre(! ) als Mensch geachtet&#8217;&#8221;.</p>
<p>Wenn der Kern menschlicher W&uuml;rde nach der &#8220;praktischen Vernunft&#8221; ausschlie&szlig;lich die Geltung eines &#8220;sinnenfreien&#8221; Interesses voraussetzt, so h&auml;tte auch Kant nur f&uuml;r einen Freispruch des Kannibalen pl&auml;dieren k&ouml;nnen. Denn schlie&szlig;lich hat der Kannibale jederzeit die &#8220;W&uuml;rde des vern&uuml;nftigen Wesens&#8221;, den &#8220;freien Willen&#8221; des Gegen&uuml;bers anerkannt, auch wenn er es abgemetzgert, zerlegt und aufgegessen hat. &#8220;Meiwes und B. hatten&#8221;, argumentierte die Verteidigung konsequent &#8220;kantisch&#8221;, &#8220;einen Vertrag geschlossen, den beide erf&uuml;llen wollten. &#8220;</p>
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		<title>Das Kampfhundsyndrom</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2004 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der Linken: Klassenkampf etc.]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie / Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2004-30]]></category>

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KURZER VERSUCH ÜBER EINE VERHEERENDE ALLTÄGLICHE UNAUFFÄLLIGKEIT IM KRITISCHEN BETRIEB]]></description>
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<h3>Kurzer Versuch über eine verheerende alltägliche Unauffälligkeit im kritischen Betrieb</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 30/2004</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-314"></span></p>
<h4>Schatten an der Wand</h4>
<p>In Wirklichkeit ist es nicht ganz leicht so mitten in der Gesellschaft dar&uuml;ber zu reden und zu schreiben, obwohl es viele tun und auf die Schwierigkeit nicht wirklich achten. Wer sich n&auml;mlich theoretisch zu Vorg&auml;ngen und Zust&auml;nden in der Gesellschaft &auml;u&szlig;ert, erst recht wer nicht wie meinereins in diesen K&uuml;nsten eher dilettiert, sondern daraus wirklich Wissen schaffen will, der pflegt meist von sich abzusehen, er (weil Theorie entgegen der Grammatik vor allem m&auml;nnlich ist) nimmt seinen Platz im Jenseits ein &#8211; und analysiert die Gesellschaft gern so, als w&auml;r er nicht dabei. Das ist jedoch fiktiv und f&uuml;hrt zu Fiktionen, denn das Jenseits des Denkens ist blo&szlig; ein logischer Ort. Wer sich an diesem Ort, als w&auml;re er real, sein Leben einzurichten w&auml;hnt, geht in seinem Denken fehl, ist para-noid. Denn von seiner Fiktion aus bleibt sein Ich unentdeckt und alles das im Schatten, was ihm zu nahe steht.</p>
<p>Unser Zugang zur Erkenntnis der Gesellschaft ist nicht zu trennen von unserer Sym-pathie, vom Mitbetroffensein vom Gegenstand der Erforschung. Und jedes Ergebnis, alles, was wir im sozialen Leben allgemein erkennen, analysieren, als widerspr&uuml;chlich und als Quelle von Leid benennen, kritisieren und als zu &Auml;nderndes markieren, ist auch auf uns selber zu beziehen. Dass dieser R&uuml;ckbezug (die Reflexion) oft ausbleibt, tr&auml;gt wohl dazu bei, dass der pers&ouml;nliche Umgang auch linker Kritiker der Gesellschaft miteinander und mit anderen nur allzu oft in kaum geringerem Ma&szlig; als das Verhalten aller anderen auch von allem dem bestimmt ist, was sie an der Gesellschaft kritisieren.</p>
<p>Je n&auml;her n&auml;mlich auch kritische Denker in ihrem Bem&uuml;hen dem eigenen Ich und seinem Handeln kommen, desto leichter scheinen sie den hei&szlig;en Widerschein der eigenen wunden Seele, in deren maltr&auml;tierte Tiefen das Warensubjekt zwecks Wahrung seiner Contenance nicht schaut, mit der Sonne der Erkenntnis zu verwechseln. Im Flackern jener Flammen ger&auml;t die Sicht leicht zum Schattenspiel wie in Platons ber&uuml;hmtem H&ouml;hlengleichnis. Dort erkennen die Bewohner, mit starren Blicken auf die H&ouml;hlenwand, im Feuerschein nur ruhelose Schatten, diejenigen von Dingen, die hinter ihnen vorbeigetragen werden, sowie den eigenen und die ihrer Mitbewohner. Sie haben keine Ahnung von der R&auml;umlichkeit, den Gr&ouml;&szlig;enordnungen, den Farben und auch von der Zuordnung der Stimmen nicht, die zu ihnen dringen, sowie von allen darin liegenden Beziehungen und Trennungen &#8211; und demgem&auml;&szlig; sind ihre Vorstellungen von dem, was sie umgibt.</p>
<h4>Pathogen und Pathologisch</h4>
<p>Die abstrakte Wertverwertung, der Imperativ, dass eingesetztes Kapital sich ohne R&uuml;cksicht auf Mensch und Natur vermehren oder aber verloren gehen muss, kann sich als Prinzip der Warengesellschaft nur verallgemeinern, wenn sie die Psyche der Menschen zu gleicher r&uuml;cksichtsloser &#8211; und leerer &#8211; Dynamik transformiert. Alles, was im Lauf der Geschichte Warenform annimmt, tendiert dazu, statt Stillung eines Bed&uuml;rfnisses ein Surrogat von Befriedigung eines diesem Surrogat angepassten Bedarfs zu werden, damit der Kreislauf von Kauf und Verkauf auf gr&ouml;&szlig;erer Stufenleiter immer rascher weitergeht. F&uuml;r den Waren- Menschen darf es keine Ruhe geben, er muss permanent ausrasten, wenn er dem ad&auml;quat sein soll. Erf&uuml;llung und Genuss werden unerreichbar, Erfolg wird zur l&auml;chelnden Verzweiflung dessen, der immer noch im Rennen ist. F&uuml;r ein solches Dasein konstituiert sich das Ich am angepasstesten als Konkurrenzsubjekt mit Kampfhundqualit&auml;t. Lebensmut hei&szlig;t da die Bereitschaft andre rauszubei&szlig;en. Ich oder du ist die Parole, ein Wir meint keine Freunde, es definiert sich blo&szlig; gegen Feinde, was beiden Seiten ganz gel&auml;ufig ist. Das Opfer ist nur allzuoft ein unterlegener T&auml;ter und schlie&szlig;t sich diesem an, um selber wieder auszuteilen. Wer nicht an irgendjemand Rache &uuml;ben kann, ist aus dem Spiel.</p>
<p>Dass eine solche Welt pathogen sein muss, ist als allgemeines Faktum so schwer nicht zu verstehen, damit aber, dass Pathologie von Leiden handelt, an denen eins selber krankt, l&auml;sst sich viel schwerer umgehen, denn &#8220;pathologisch&#8221; zu sein, blamiert, schlimmer noch: es ist eine b&ouml;se Schw&auml;che, ein schlimmer Vorwurf, und was uns da einzig noch zu tr&ouml;sten pflegt, wenn uns Selbsterkenntnis &uuml;berw&auml;ltigt haben sollte, ist die Hoffnung, dass es Besch&auml;mtere und Schw&auml;chere gibt (und seien es nur diejenigen, denen eins beweisen k&ouml;nnte, dass ihnen ihr eigener Zustand noch nicht klar ist). Denn wir erleben uns nicht einfach als angesehen, geliebt, missachtet und gehasst, sondern ganz wesentlich als mehr oder weniger als andere davon betroffen, im Korsett eines best&auml;ndigen Komparativs, der unsere Eigenart nach anderen bemisst. Diese Gesellschaft ist n&auml;mlich so konstruiert, dass dein Unverm&ouml;gen mich erst erfolgreich macht und dein Ungl&uuml;ck nur durch mein gr&ouml;&szlig;eres Leid noch lebbar ist.</p>
<p>Das mag in dieser Allgemeinheit einleuchten, doch wie eins mit dieser Lebensfeindschaft im eignen Leben umgeht, ist damit noch lange nicht gel&ouml;st. Der Analytiker mag Zustand und Zusammenh&auml;nge sehen und treffend dr&uuml;ber sprechen &#8211; und doch das Muster in sich selbst im Dunkeln lassen. Aus der Sicht des Schreibers und Publizisten ist dieses Nicht-Beleuchten auch leicht verst&auml;ndlich &#8211; der R&uuml;ckbezug ist kein Licht f&uuml;rs Publikum, er dr&auml;ngt ins eigne Leben, was oft recht schmerzlich ist. Und es ist keineswegs gesagt, dass so ein denkender und schreibender Mensch sich auch hier darum bem&uuml;ht, eine Leuchte zu sein. Hier ist eins gern einmal privat, wenn der Vortrag gehalten oder der Computer heruntergefahren ist &#8211; und er wieder auf sich selber und die anderen losgelassen ist &#8211; und die anderen auf ihn.</p>
<h4>Sch&auml;men und Besch&auml;men</h4>
<p>So bleibt der Kritiker trotz all seiner jenseitigen Erkenntnis &uuml;berw&auml;ltigt von seiner diesseitigen Unterworfenheit (Subjektivit&auml;t) unter das, was er nur im Allgemeinen kennt. Wenn er wieder &#8220;hinaus ins feindliche Leben&#8221; muss, wird ihm, was er an Erkenntnis hat, unter der Hand zu einer scharfen Waffe, sobald Gelegenheit sich bietet. So viel anderes hat ein Theoretiker ja wirklich nicht zur Hand, um sich f&uuml;r die Kampfarena tauglich zu machen, wenn er sich im modernen &#8220;bellum omnium contra omnes&#8221; behaupten will, als Formulierungskunst, Auftreten und &#8211; nicht selten ein Kick nach oben in der Bewertung &#8211; Bereitschaft zum Verletzen. Erkenntnis, Wissenschaft formuliert sich im banalen Alltag nicht ungern als Sieg im Kampf gegen Ignoranten und Beschr&auml;nkte, die der verdienten L&auml;cherlichkeit preiszugeben sind. Wenn eins sich damit auf M&auml;rkten gut verkauft (ob die nun so hei&szlig;en oder blo&szlig; so funktionieren), ist die Versuchung, sich in Visier und R&uuml;stung die Selbsterkenntnis zu verbauen umso gr&ouml;&szlig;er. Umgekehrt beschr&auml;nkt auch die Furcht vor der H&auml;me der &#8220;Gegenseite&#8221; Horizont und Fortgang der (Selbst)Erkenntnis. Zugleich wird auch die &#8220;eigene Seite&#8221; von der Konkurrenz verheert. Sich l&auml;cherlich machen kann eins im intimsten Kreis. Kampfhunde bei&szlig;en auch im eigenen Rudel.</p>
<p>Auch wer all das blo&szlig; im Einzelfall beklatscht oder nur leidet, wegschaut, bagatellisiert, ein wenig doch versteht, Appeasement &uuml;bt oder auf eine der tausend andern Arten die Augen zumacht (bis eins selber vielleicht auch noch Gelegenheit erh&auml;lt zum Biss), tut bei dem Treiben mit, und dieses Treiben sch&auml;digt mit dem Zerrei&szlig;en des Zusammenhangs von Ich und Gesellschaft durch das Verweigern der Analyse des Ichs die Erkenntnis der Gesellschaft und die Aussichten sich und sie zu &auml;ndern.</p>
<h4>Heilung, Rebellion und gutes Leben</h4>
<p>Auf der Ebene des Individuums ist wohl die unverstandene, uneingestandene, notwendig unbefriedigte, hoffnungs- und schrankenlose Gier des Warenmenschen nach Zuneigung und Angesehen-Werden der Treibsatz solcher sozialen Destruktivit&auml;t und der damit verbundenen Kastration von Erkenntnis. Doch gibt es auf dieser Ebene &uuml;berhaupt Hoffnung auf Besserung? &#8211; Ein allgemeiner Ansatzpunkt aus der Malaise herauszukommen ist wohl, dass das Individuum in seiner Warensubjektivit&auml;t so wenig aufgeht wie die Gesellschaft im Wertverh&auml;ltnis. Neuland zu gewinnen ist also denkbar und die Energie dazu als potentielle durchaus vorhanden. Als solche ist sie doppelk&ouml;pfig &#8211; es ist dieselbe wie die der Destruktivit&auml;t, sie liegt im Leid an den Verh&auml;ltnissen in mir selbst. Kommt sie f&uuml;r Seelenheilung in Bewegung, kann sie zum Licht werden, das die eigene Krankheit sichtbar macht, die unerlaubte, m&uuml;hsam oder routiniert versteckte Auszehrung und Schw&auml;che. Als landl&auml;ufige Psychotherapie gilt Seelenheilung als ein immanentes Verfahren der Nachjustierung, der Nachr&uuml;stung f&uuml;r das &#8220;Survival of the Fittest&#8221;. In kritischer Absicht m&uuml;sste sie die Erkl&auml;rung des Leidens, das Individuen sich und anderen ganz allt&auml;glich antun, aus der Destruktivit&auml;t unserer Anpassungsleistung (ob noch einigerma&szlig;en funktional oder schon ganz defekt) an Verh&auml;ltnisse, die menschenfeindlich sind, leisten und Wegmarken der Rebellion gegen die Kr&auml;nkung setzen, die aus jenen stammt. Die unerkannte Krankheit unserer Psyche behindert auch den Prozess der Erkenntnis, was denn ein gutes Leben f&uuml;r uns sei, verlegt die Suche nach dem Wohlbefinden, leitet uns um auf den &#8220;Weg zum Sieg&#8221;.</p>
<p>Schon die ersten Schritte eines Heilungsprozesses k&ouml;nnen wir jedoch nicht in Vereinzelung tun, sondern nur im Rahmen und Schutz von Vertrauen und Gemeinschaft schafft es eins sich auf diese Ebene der theoretischen und praktischen Kritik einzulassen, sie zu beziehen und auszubauen. Wird dies ignoriert, bricht fr&uuml;her oder sp&auml;ter die Destruktivit&auml;t durch gegen alle &#8220;instrumentelle Vernunft&#8221; und &#8220;Sachlichkeit&#8221;, ja sie h&auml;mmert aus ihnen noch die Messer. Wann auch immer Menschen kritische Gedanken fassen, wo und wie auch immer eine soziale Befreiungsbewegung sich formiert &#8211; wir werden nicht weit kommen, unseren Zusammenhang untereinander nicht gewinnen und nicht wahren k&ouml;nnen ohne kritischen Blick in und ohne den Prozess der Heilung von uns selbst. Ich denke nicht zuletzt so, weil ich mich ein wenig kenne und in alledem, was ich hier schreibe, auch selbst als T&auml;ter-Opfer befangen bin und nach Befreiung suche.</p>
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