<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2000-3</title>
	<atom:link href="http://www.streifzuege.org/navi/streifzuege-3-2000/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.streifzuege.org</link>
	<description>Magazinierte Transformationslust</description>
	<lastBuildDate>Tue, 07 Feb 2012 23:04:39 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.1</generator>
		<item>
		<title>Un-heimliche Verwandtschaft</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2000/un-heimliche-verwandtschaft</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2000/un-heimliche-verwandtschaft#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2000 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Pirker; Peter]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-3]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=226</guid>
		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/un-heimliche-verwandtschaft">Un-heimliche Verwandtschaft</a></p>
Zum Naheverhältnis von Zivil- und Bürgergesellschaft]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/un-heimliche-verwandtschaft">Un-heimliche Verwandtschaft</a></p>
<h3>Zum Naheverh&auml;ltnis von Zivil- und B&uuml;rgergesellschaft</h3>
<p></head></p>
<p>Streifz&uuml;ge 3/2000</p>
<p><em>von Peter Pirker</em> <span id="more-226"></span></p>
<p>Bei einer Diskussion im Depot sah Oliver Marchat einen Erfolg des Protestes gegen die blau-schwarze Regierung in der Durchsetzung des Begriffes der Zivilgesellschaft gegen den der B&uuml;rgergesellschaft. Indiz daf&uuml;r sei, da&szlig; auch Kanzler Sch&uuml;ssel den Begriff aufgenommen und positiv konnotiert habe. Ob diesem semantischen Durchbruch der gro&szlig;e demokratische folgt? Oder hat der Kanzler erkannt, was linke Intellektuelle hierzulande noch bestreiten? Da&szlig; die Zivilgesellschaft nicht das ganz andere der B&uuml;rgergesellschaft ist und mitnichten jenes Modell, gegen das ideologische Str&auml;u&szlig;e ausgefochten werden m&uuml;&szlig;ten. Vertreter des &#8220;demokratischen Widerstandes&#8221; werden allerdings nicht m&uuml;de zu betonen, das Ideal der Zivilgesellschaft konkurriere mit dem von der &Ouml;VP favorisierten politischen Konzept der B&uuml;rgergesellschaft.</p>
<p>Die Vorstellung von der M&ouml;glichkeit einer &#8220;rein&#8221; demokratisch begr&uuml;ndeten Zivilgesellschaft gab den demokratischen Referenzpunkt f&uuml;r die popul&auml;re Kritik des Neoliberalismus in den 90er Jahren ab. Wenig &uuml;berraschend verlief die Neoliberalismuskritik in &auml;hnlichen Figuren wie der Zivilgesellschaftsdiskurs. Das Dilemma der Neoliberalismuskritik<a style='mso-footnote-id: ftn1' href="#_ftn1" name="_ftnref1" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[1] hat sich ja gerade mit der Erf&uuml;llung ihres politischen Vorhabens eingestellt: Die Kritik am &#8220;Raubtierkapitalismus&#8221; ist zwar hegemonial geworden, aber das was als Neoliberalismus bezeichnet wurde, die Vermarktwirtschaftlichung der Gesellschaft, l&auml;uft ungebrochen weiter. Der Linken mag es zwar gelungen sein, einen Teil jener nach &#8217;89 so ersehnten &Ouml;ffentlichkeit zur&uuml;ckerobert zu haben, indem sie das schlechte Gewissen der Gesellschaft mobilisierte und in ihrem Namen auf die &#8220;gesellschaftliche Einbettung&#8221; der neuen Akkumulationsstrategien dr&auml;ngte. Die auf Polanyi zur&uuml;ckgehende Entbettungsthese vom Bedeutungsverlust des Staates und dem Terror der &Ouml;konomie stand Pate f&uuml;r die vehemente Forderung nach einer R&uuml;ckkehr des Politischen. In der in den 90er Jahren heraufziehenden B&uuml;rgergesellschaft offenbarte sich aber das vielbeschworene und angeblich unter neoliberaler Mi&szlig;achtung leidende &#8220;Allgemeinwohl&#8221; noch deutlicher als das, was es in einer kapitalistischen Gesellschaft immer war: Die Aufgabe, die Verwertungsbedingungen des Kapitals innerhalb eines bestimmten Territoriums als gemeinsames Interesse all der Nation Zugeh&ouml;renden durchzusetzen und m&ouml;glichst zu optimieren. Hier w&uuml;rden die Denker der Zivilgesellschaft Einspruch erheben: Allgemeinwohl ist Ideologie! Konflikt statt Konsens! Interessen statt Nation! Die Vehemenz der Abgrenzung t&auml;uscht aber &uuml;ber gewisse Gleichf&ouml;rmigkeiten von Zivil- und B&uuml;rgergesellschaft hinweg.</p>
<p>An vier Aspekten kann der reale Durchbruch des Zivilgesellschaftskonzeptes in der B&uuml;rgergesellschaft besonders deutlich gezeigt werden: An der Bezeichnung der spezifischen Allgemeinheit der Zivilgesellschaft als handlungsf&auml;hige und konfliktintensive Pluralit&auml;t am zivilgesellschaftlichen Aspekt der Legitimation und Repr&auml;sentation gesellschaftlicher Macht im Staat an der Vers&ouml;hnung von bourgeois und citoyen, sowie an der Formulierung einer spezifischen politischen Moral.  </p>
<p>An diesen neuralgischen Punkten zeichnen sich aber auch Tendenzen zu einer perfekten Symbiose aus Individuum und Staat ab. Nach der bisher eher formaldemokratischen Verstaatlichung des Einzelnen beginnt sich so etwas wie eine t&auml;tige und daher totale Subordination durchzusetzen. Da&szlig; dieser Proze&szlig; auch als Verschwinden des Staates oder als Ende der Politik mi&szlig;verstanden wird, liegt an den weiter vorherrschenden monolithisch-marxistischen Blicken auf den Staat oder eben an der zivilgesellschaftlich-liberalen Weigerung, die ideologische Trennung von Staat und Gesellschaft zu ignorieren. Die Ansicht, da&szlig; der Staat parallel zur Ausweitung des Marktes sich im R&uuml;ckzug befinde, ist tr&uuml;gerisch. Staatlichkeit wird vielmehr mit der &Ouml;konomisierung allgegenw&auml;rtig.</p>
<h4>Zivilgesellschaft</h4>
<p>Im traditionellen Marxismus herrscht(e) der Glaube vor, das Proletariat verk&ouml;rpere gegen die Partikularinteressen der Bourgeoisie den Allgemeinwillen des Volkes. <a style='mso-footnote-id: ftn2' href="#_ftn2" name="_ftnref2" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[2] Perspektivisch w&auml;re die Verwirklichung des Gemeinwillens durch die proletarische Macht&uuml;bernahme im Staat zu erreichen. Mit der Entdeckung der Zivilgesellschaft sollte &#8211; unter Aufbietung des antitotalit&auml;ren Argumentes &#8211; dieses Privileg der Arbeiterklasse verabschiedet werden. Als bessere &#8211; n&auml;mlich demokratischere &#8211; L&ouml;sung zur Herstellung eines eben nicht homogenen, sondern pluralen Allgemeinwillens brachten Ende der 80er Jahre deutsche Politikwissenschafter mit Distinktionsbedarf die Zivilgesellschaft als &#8220;eine handlungsf&auml;hige und konfliktintensive Pluralit&auml;t&#8221; ins Spiel. Ein &#8220;offenes&#8221; gesellschaftliches Gespr&auml;ch im &ouml;ffentlichen Raum sollte doch eine diskursive Formierung des Allgemeinwillens erm&ouml;glichen, hofften R&ouml;del, Dubiel und Frankenberg in ihrem mittlerweile zum Zivilgesellschaftsklassiker gewordenen Buch &#8220;Die demokratische Frage&#8221;. <a style='mso-footnote-id: ftn3' href="#_ftn3" name="_ftnref3" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[3] Ein Motiv, das bestimmend f&uuml;r die Formulierung des Zivilgesellschaftskonzeptes war, lag in der Annahme, da&szlig; die Autonomie des Individuums sowohl von Seiten des Staates als auch von Seiten der &Ouml;konomie (des Marktes) bedroht w&auml;re. Die Zivilgesellschaft wurde daher als eine Sph&auml;re eingef&uuml;hrt, in der sich die demokratische Selbstregierung der Individuen tunlichst frei von den Aspirationen des Staates und des Marktes entfalten k&ouml;nne. Dieser der analytischen Konzeption Gramscis widersprechende Begriff einer normativen Zivilgesellschaft w&auml;re eine erst herzustellende bzw. gerade entstehende eigensinnige Sph&auml;re politischen Handelns m&uuml;ndiger und souver&auml;ner B&uuml;rgerInnen, die bewu&szlig;t als citoyens in einem vorstaatlichen Raum agieren. Damit sei der Versuch verbunden, das demokratische Projekt, die Selbstregierung des Volkes, erneut in Angriff zu nehmen.</p>
<p>Entschieden wehrten sich Dubiel et. al. daher gegen eine substantialistische  Bestimmung des Allgemeinwohls. Vielmehr &#8220;wird die Zivilgesellschaft (&#8230; ) durch die Anerkennung der Regeln, in deren Rahmen die Konkurrenz der Meinungen ausgetragen wird&#8221;<a style='mso-footnote-id: ftn4' href="#_ftn4" name="_ftnref4" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[4] integriert. Eine substantialistische Auffassung von Allgemeinwohl drohe hingegen immer in totalit&auml;ren Zwang umzuschlagen. Es ist also die gemeinsame Form, auf der die zivilgesellschaftliche Demokratie beruht und nicht ihr Inhalt. <a style='mso-footnote-id: ftn5' href="#_ftn5" name="_ftnref5" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[5] Dieses  zivilgesellschaftliche &#8220;Projekt der gemeinsamen Selbstregierung auf der Basis wechselseitiger Anerkennung als gleiche und freie Individuen &#8211; einer Anerkennung, die sich im Zusammenhandeln der Mitglieder der Zivilgesellschaft immer von neuem bew&auml;hren mu&szlig;&#8221;<a style='mso-footnote-id: ftn6' href="#_ftn6" name="_ftnref6" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[6] wird ausdr&uuml;cklich als formale Bestimmung definiert, die bar jedes metaphysischen Gehaltes auf der reinen Selbstbestimmung des freien Willens beruht.</p>
<p>Genau an dieser Stelle zeigt sich aber auch die Grenze einer idealistisch formalen Herangehensweise. Da&szlig; &#8220;der freie Wille&#8221; und die &#8220;wechselseitige Anerkennung als gleiche und freie Individuen&#8221; sehr wohl einen bestimmten Inhalt hat, m&uuml;&szlig;te eigentlich seit Marx&#8217; Analyse des freien Willens als Ausdruck der b&uuml;rgerlichen Subjektform &#8220;Warenbesitzer&#8221; bekannt sein: &#8220;Um diese Dinge als Waren aufeinander zu beziehn, m&uuml;ssen die Warenh&uuml;ter sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so da&szlig; der eine nur mit dem Willen des andren, also jeder nur vermittelst eines, beiden gemeinsamen Willensakts sich die fremde Ware aneignet, indem er die eigne ver&auml;u&szlig;ert. Sie m&uuml;ssen sich daher wechselseitig als Privateigent&uuml;mer anerkennen. Dies Rechtsverh&auml;ltnis, dessen Form der Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist ein Willensverh&auml;ltnis, worin sich das &ouml;konomische Verh&auml;ltnis widerspiegelt. Der Inhalt dieses Rechts- oder Willensverh&auml;ltnisses ist durch das &ouml;konomische Verh&auml;ltnis selbst gegeben&#8221;. <a style='mso-footnote-id: ftn7' href="#_ftn7" name="_ftnref7" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[7] Die normative Idee vom freien Willen in der wechselseitigen Anerkennung als Gleiche will von ihrer Grundlage in der Warengesellschaft nichts mehr wissen. Sie affirmiert in ihrem &#8220;Sollen&#8221; und &#8220;Wollen&#8221; &#8211; unbewu&szlig;t oder nicht &#8211; etwas, das durch den Modus der Vergesellschaftung generiert ist: die Rechtsform der Subjekte. Die Rechtsform wird in der Zivilgesellschaftstheorie wie ein Artefakt behandelt, als das sie im Moment der Proklamation etwa der Menschenrechte ja auch erscheint. Nichtsdestoweniger ist sie kein Ergebnis bewu&szlig;t-intentionalen Handelns, sondern geh&ouml;rt integral zur historisch-spezifischen Warenform menschlicher Beziehungen, kann daher wohl schlecht als autonom bezeichnet werden. Mit der Autonomie der Zivilgesellschaft und ihrer &Ouml;ffentlichkeit sowie dem eigenm&auml;chtigen Rechtssubjekt als ihrer Grundfigur ist es dann aber nicht mehr weit her. Die Inthronisierung des gesellschaftlichen Zwanges, sich als WarenbesitzerIn verhalten zu m&uuml;ssen, zur Ausgeburt des freien Willens verstellt die Bedingungen der Zivilgesellschaft genauso wie ihre Genese. Besonders viel Wert gelegt wurde in der Abgrenzung zum Marxismus ja auf die Pluralit&auml;t des Allgemeinwillens. Und es wird betont, da&szlig; gerade durch die &#8220;wechselseitige Anerkennung als gleiche und freie Individuen&#8221; die Pluralit&auml;t des Allgemeinwillens st&auml;ndig garantiert ist -  die Einheit der Gesellschaft nur formspezifisch ist. Die beiden Eigenschaften zivilgesellschaftlicher Praxis sind von der Rechtsform eigentlich nicht zu unterscheiden. Die Momente der pluralen Allgemeinheit und Einheit in der Rechtsform reflektieren ja gerade das stumme Gespr&auml;ch der WarenbesitzerInnen. Dadurch k&ouml;nnen die Waren, die sie tauschen, so verschieden sein wie ihre Geschm&auml;cker, so verschieden wie ihr Gel&auml;chter, ihre Nasen, ihre Meinungen und ihr Sex. Diese Momente der Rechtsform sind die Zivilgesellschaft par excellence. Sie reflektiert sozusagen die universelle und abstrakte Seite der Warenwelt in politischen Begriffen. Hier ist die Pluralit&auml;t, das grenzenlose Disputieren auf einem freien Markt der Meinungen und Lebensstile zu Hause. Nun werden die Gleich-G&uuml;ltigkeit und die gleichzeitige Anerkennung am  Konsumentenmarkt bisweilen als Strukturmerkmale f&uuml;r eine neue B&uuml;rgerlichkeit gehandelt. &Uuml;ber sie, schreibt Natan Snaider etwa, w&uuml;rde uns &#8220;die kapitalistische b&uuml;rgerliche Gesellschaft vom Zwang zur Zugeh&ouml;rigkeit und von der st&auml;ndigen Sehnsucht nach Selbsttranszendierung&#8221;<a style='mso-footnote-id: ftn8' href="#_ftn8" name="_ftnref8" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[8] befreien. Konsum in einer kapitalistischen Gesellschaft bedeutet aber auch anderes. Er beinhaltet einmal den Widerspruch zwischen der Begrenztheit individuellen Konsumierens aufgrund seiner Geldvermitteltheit und dem Versprechen des grenzenlosen Konsums durch die Repr&auml;sentation der Ware. Das unbeschr&auml;nkte Konsumversprechen der Warenwelt ist dann durch die eingeschr&auml;nkte Konsumrealit&auml;t qua Zugang &uuml;ber die Lohnarbeit gebrochen. Eine wie auch immer gewollte Politisierung der abstrakten Gleich-G&uuml;ltigkeit der Zirkulationssph&auml;re f&uuml;hrt daher nicht zur lockeren und gelassenen Gesellschaft, sondern wird nur best&auml;tigen, was b&uuml;rgerliche Gleichheit immer auch bedeutet: das Fortdauern einer in vielerlei Hinsicht gespaltenen und hierarchisierten Gesellschaft.</p>
<p>Bei all der ins Treffen gef&uuml;hrten Autonomie: Es w&auml;re zweifellos eine &Uuml;berinterpretation w&uuml;rde man behaupten, die zivilgesellschaftlichen citoyens w&uuml;rden diese n&uuml;tzen, um sie gegen den Modus der Vergesellschaftung zu richten. Worum es geht, wird im neuen Arbeitsprogramm des Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung erkl&auml;rt. Es ist sicherzustellen, &#8220;da&szlig; die Macht, die eine Gesellschaft im Namen des Staates auf sich aus&uuml;bt, immer nur repr&auml;sentiert, aber nie monopolhaft angeeignet werden soll&#8221;. <a style='mso-footnote-id: ftn9' href="#_ftn9" name="_ftnref9" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[9] Damit sind wir beim Aspekt der Legitimation und Repr&auml;sentation gesellschaftlicher Macht im Staat. Die Zivilgesellschaft ist hier die spezifische Vermittlungsform zwischen Staat und Gesellschaft. Die Gr&uuml;nde, warum es einen Staat braucht, durch den die Gesellschaft Macht auf sich selbst aus&uuml;bt, sind beiseite gestellt. Der wesentliche Punkt ist die Betonung, da&szlig; der Staat nicht sui generis existiert &#8211; in seinem Namen bringt er nur die gesellschaftliche Macht zur Anschauung und Wirkung. Er h&auml;lt das gesellschaftliche Potential sozusagen nur in Bewegung (oder in Form), indem er es in seiner Materiatur zusammenzieht, verdichtet und qua dieser anderen Potenz die Gesellschaft durchdringt. In dieser Hinsicht ist der Staat nichts anderes als der Modus der Verfestigung einer spezifischen Form gesellschaftlicher Macht durch ihre Verselbstst&auml;ndigung, und das ist ja nicht falsch. Nur bleibt wiederum die Frage nach der gesellschaftlichen Macht ausgeblendet, bzw. wird sie blo&szlig; in einer die Rechtsform als Zirkulationsfigur best&auml;tigenden Kommunikationsregel gesehen. Die Zivilgesellschaft, als permanenter Generator gesellschaftlicher Macht, verleiht in diesem Bild dem Staat Legitimit&auml;t, wenn er die Spielregeln der Zivilgesellschaft, ihr Machtkonstiuens achtet. Sie fungierte sozusagen als H&uuml;terin des Staates, der ihre Struktur zu reflektieren habe. Der Staat tut dies auch &#8211; aber in einem anderen Sinne. Und dieser andere Sinn verkehrt die programmatische Unterordnung des Staates unter die Zivilgesellschaft in die Subsumtion der Zivilgesellschaft unter den Staat: in die politisch-&ouml;konomisch durchdrungene Zivilgesellschaft, die B&uuml;rgergesellschaft.</p>
<p>Der gesellschaftliche Gebrauchswert eines solchen abstrakten Begriffes der Zivilgesellschaft ist allerdings abseits akademischer und linker Selbstvergewisserungen, auf dem Boden der freiheitlich-liberalen Demokratie zu stehen, noch gering. Er entfaltet sich (besonders f&uuml;r die Intellektuellen, die ihn vertreten) erst mit der Aufnahme einer bestimmten moralischen Vernunft, die schon in der liberalen Konzeption ein &#8220;ideelles Komplement zur b&uuml;rgerlichen Funktionalit&auml;t&#8221;<a style='mso-footnote-id: ftn10' href="#_ftn10" name="_ftnref10" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[10] von Freiheit und Gleichheit abgegeben hatte. Mithilfe einer moralischen Schlagseite l&auml;&szlig;t sich realpolitisch einiges &#8220;weiterentwickeln&#8221;. Wo die Zivilgesellschaft noch so seltsam abstrakt aussieht, zwischen bourgeois und citoyen unterscheidet, vom Verh&auml;ltnis zwischen Staat und Gesellschaft spricht, bietet die Propagierung einer B&uuml;rgergesellschaft ein weitaus anschaulicheres und n&uuml;tzlicheres Feld intellektueller Arbeit. Der Widerspruch zwischen citoyen und bourgeois erlischt dabei in der Figur des B&uuml;rgers. Und dort wo der Zivilgesellschaftsdiskurs 1989 euphorisch begonnen wurde, wird heute gewu&szlig;t, da&szlig; es &#8220;eine real existierende Zivilgesellschaft niemals geben kann. &#8220;<a style='mso-footnote-id: ftn11' href="#_ftn11" name="_ftnref11" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[11]</p>
<p>Denn wenn die Individuen dem ihnen zugemuteten Statusverhalten des citoyen nicht entsprechen, exzessiv dem Partikularismus fr&ouml;nen oder glauben, die Selbstrepr&auml;sentation der Gesellschaft mit ihrem Partikularinteresse identifizieren zu k&ouml;nnen, geb&auml;rdet sich selbst der pluralistisch auftretende Zivilgesellschaftsdiskurs anders: n&auml;mlich autorit&auml;r. &#8220;Die Demokratietheorie der Zivilgesellschaft (mu&szlig; sich) zu einer autoritativen, wenn nicht autorit&auml;ren Rededisposition (erm&auml;chtigen), da sie in Anspruch nimmt, den Gesellschaftsmitgliedern ein falsches Bewu&szlig;tsein zu unterstellen, w&auml;hrend sie die eigentlichen modernen Handlungsbedingungen kennt und intellektuell repr&auml;sentiert&#8221;. <a style='mso-footnote-id: ftn12' href="#_ftn12" name="_ftnref12" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[12] Als Problem erscheint nicht der Staat an sich  &#8211; das Problem ist vielmehr die Verhinderung seiner demokratischen Vollendung durch ein Volk, das sich nicht entsprechend verh&auml;lt. <a style='mso-footnote-id: ftn13' href="#_ftn13" name="_ftnref13" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[13] Die Einstimmigkeit der neoliberalen Kritik der &#8220;Anspruchsmentalit&auml;t&#8221; gegen&uuml;ber dem Staat mit der antineoliberalen Affirmation des/der gemeinwohlorientierten B&uuml;rgerIn und des Staates verdankt sich zwar nicht dem selben Ansatz der Kritik, stellt sich aber hinter beider R&uuml;cken &uuml;ber eine gemeinsame Perspektive her: Ohne da&szlig; sie voneinander wissen wollen, wissen beide wie der Staat zu sein habe: letztlich ein Abziehbild eines identit&auml;ren politischen Subjektes. Das politische Subjekt mu&szlig; daher lernen, da&szlig; der empirische Einzelwille nichts gilt, wenn er nicht dem wahren Allgemeinwillen entspricht und da&szlig; die Definition des Allgemeinwillens nicht von jedem beliebigen Standpunkt aus formuliert werden kann. <a style='mso-footnote-id: ftn14' href="#_ftn14" name="_ftnref14" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[14]</p>
<p>Wo im Konzept der Zivilgesellschaft noch die Frei-willigkeit thront und die Gewalt sich versteckt, platzt in der B&uuml;rgergesellschaft die moralische und die staatliche Zwangsgewalt ganz unverhohlen herein. Die autorit&auml;re B&uuml;rgergesellschaft holt die Zivilgesellschaft aus ihren liberalen Tagtr&auml;umen, ohne aber ihre Formspezifika zu verletzen.</p>
<h4>B&uuml;rgergesellschaft: Die Demokratisierung des Gemeinwohls</h4>
<p>Die &#8220;handlungsf&auml;hige und konfliktintensive Pluralit&auml;t&#8221; f&auml;llt nicht vom demokratietheoretischen Himmel, sondern konstituiert sich auf kapitalem und nationalem Boden. Da&szlig; der normative Zivilgesellschaftsbegriff seit den 80er Jahren so attraktiv geworden ist, h&auml;ngt wohl eng mit der Krise der fordistischen Gesellschaftsformation zusammen. Nach einer langen Phase zentralstaatlicher und korporatistischer Einengung schien die Universalisierung liberaler Prinzipien mit der Entdeckung des souver&auml;nen Konsumenten wie weiland im 19. Jahrhundert wieder auf der Tagesordnung zu stehen. Der Aufbruch der Zivilgesellschaft geht dabei nicht zuf&auml;llig mit der &#8220;Befreiung des Marktes aus dem W&uuml;rgegriff von Staat und Verb&auml;nden&#8221; einher und der klassische Nationalstaat erweist sich in diesem Proze&szlig; nicht als eine schlechthin dem Kapitalverh&auml;ltnis eigene Form, sondern selbst noch als historische, die im Kontext des Kapitalverh&auml;ltnisses prinzipiell &uuml;berwindbar ist. <a style='mso-footnote-id: ftn15' href="#_ftn15" name="_ftnref15" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[15]</p>
<h4>Vervielf&auml;ltigung des Staates</h4>
<p>Unisono wurde der m&uuml;ndige B&uuml;rger zur Ikone der &Uuml;berwindung einer verschlissenen Gesellschaftsformation geadelt. Als kritischer Konsument, B&uuml;rgerinitiativler oder Wechselw&auml;hler tauchte er in verschiedenen Auspr&auml;gungen und Alltagssph&auml;ren als Avantgarde der B&uuml;rgergesellschaft auf. Der Ruf nach mehr Eigenverantwortung kritisierte das Anspruchsdenken der Staatsb&uuml;rgerInnen und forderte eine Verschlankung und Zur&uuml;ckdr&auml;ngung staatlicher Institutionen bzw. ihre Demokratisierung durch Dezentralisierung, &Ouml;ffnung und Enthierarchisierung. Bis in die 80er Jahre hinein dominierte ja noch eine vorwiegend nachfrage- und binnenmarktorientierte Wirtschaftspolitik. Sie hatte vor allem die Stabilit&auml;t des &ouml;ffentlichen und privaten Konsums zu gew&auml;hrleisten. Entsprechend waren die B&uuml;rgerInnen vor allem als KonsumentInnen und disziplinierte LohnarbeiterInnen gefordert. Unter dem Pardigma der Angebotspolitik begann sich das Verh&auml;ltnis von Individuum und Staat aber einigerma&szlig;en zu ver&auml;ndern. Die Nationalstaaten begannen verst&auml;rkt darum zu konkurrieren, einen Teil des global produzierten Mehrwerts auf ihr Gel&auml;nde zu ziehen. Ehedem  paternalistischen Verteilungsgemeinschaften transformieren sich darin zu Wettbewerbsgemeinschaften. Entgegen den tr&uuml;ben Prognosen, die angesichts dessen von einem Ende des Staates oder einem Ende der Politik schwadronieren, kommt der Staat unter den ver&auml;nderten &ouml;konomischen Bedingungen seinen beiden grundlegenden allgemeinen Aufgaben, die Verwertung des Kapitals und die Reproduktion der Arbeitskraft zu sichern auch weiterhin &#8211; wenn auch in ver&auml;nderter Form, die wesentlich in der Demokratisierung dieser Funktionen liegt &#8211; nach. Ein klassisches Spezifikum der Politik, n&auml;mlich ideologische Gemeinschaften durch harte Grenzziehungen und Selektionsmechanismen herzustellen, bleibt aber nicht mehr an die Institutionen des Nationalstaates im engeren Sinne gebunden, dessen Aufgabe es noch war, regionale Unterschiede und Produktivit&auml;tsgef&auml;lle auszugleichen, sondern es wird auch dezentralisiert. Neben dem nationalen formiert sich der regionale und der supranationale Wettbewerbsstaat. Staatlichkeit organisiert dabei den Anpassungsproze&szlig; an die neuen &ouml;konomischen Bedingungen als selektive Gemeinschaftsaufgabe. In der Organisierung der Selbstorganisation der sozialen Kr&auml;fte entsteht dabei so etwas wie eine omnipr&auml;sente Staatlichkeit. Politische Macht verpufft also nicht einfach, sondern ihre Form ver&auml;ndert sich, indem sie dezentralisiert und privatisiert wird. Dabei &#8220;nimmt ihre Wucht noch zu: unter dem notorischen Motto To Empower People wird H&auml;rte demokratisiert&#8221;. <a style='mso-footnote-id: ftn16' href="#_ftn16" name="_ftnref16" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[16] Das Empowerment-Konzept der Neuen Sozialen Bewegung wird staatlich effektiv und zwar zun&auml;chst in jenen Gr&auml;ben, die in den 70er und 80er Jahren von den Sozialen Bewegungen gegen den Obrigkeitsstaat geschaufelt worden sind. Empowerment, soziales Engagement, Sorge um das Gemeinwohl, die Zukunft der Kinder: die Prozesse der Vervielf&auml;ltigung des Staates haben begonnen, als die Pioniere der Zivilgesellschaft an die Tore des paternalistischen Staates pochten und Einla&szlig; begehrten. Zugleich gewinnt, wie Wolfgang Fach schreibt, &#8220;das Politik-Gesch&auml;ft, weit davon entfernt in schiere Publicity abzugleiten, etwas von seiner existentiellen Bestimmung zur&uuml;ck: n&auml;mlich ein Gut bereitzustellen, dessen Produktion private M&ouml;glichkeiten &uuml;bersteigt. &#8220;<a style='mso-footnote-id: ftn17' href="#_ftn17" name="_ftnref17" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[17] Der &#8220;politische Unternehmer&#8221; (Fach) macht sein Terrain unter Aufbietung spezifisch politischer Charakteristika (F&uuml;hrungskraft, H&auml;rte, Charisma, Zust&auml;ndigkeits- und Machbarkeitswahn) fit f&uuml;r den Wettbewerbskampf.</p>
<h4>Privatisierung von Politik</h4>
<p>Politik dezentralisiert sich aber nicht nur auf verschiedene Ebenen sondern vergegenw&auml;rtigt sich in vielf&auml;ltiger Weise im Privaten: etwa in der (Selbst-)Formierung der Einzelnen zu Mitgliedern nationaler, regionaler und supranationaler Wettbewerbsgemeinschaften. Dabei handelt es sich nicht um eine aufsteigende Hierarchisierung von Zugeh&ouml;rigkeit, die als Integrationsstufen f&uuml;r die n&auml;chst h&ouml;here Ebene gewertet werden k&ouml;nnen, sondern um nebeneinander und miteinander konkurrierende Identifikations- und Konfliktebenen. Die durch die b&uuml;rgerlichen Werte von Freiheit und Gleichheit gekennzeichnete Zivilgesellschaft ist unter diesen Bedingungen gewi&szlig; nichts Eigenst&auml;ndiges, sondern sie erweist sich letztlich als ad&auml;quates ideologisches Terrain f&uuml;r die Effizienzsteigerung g&auml;nzlich wettbewerbsorientierter  gesellschaftlicher Beziehungen.</p>
<p>Der fordistische Konsens wurde haupts&auml;chlich &uuml;ber die vermittelnden Instanzen der Parteien und Interessensverb&auml;nde hergestellt, die den staatstragenden Teil des Individuums kollektiv repr&auml;sentiert und diszipliniert hatten. Mit der aktiven B&uuml;rgergesellschaft zeichnen sich nunmehr unmittelbarere Beteiligungen der und konkrete Anforderungen an die Individuen ab, auf sehr unterschiedlichen Ebenen &#8220;Gemeinwohl&#8221; herzustellen. Dabei ist nicht mehr nur eine lupenreine &#8220;staatsb&uuml;rgerliche Gesinnung&#8221; gefordert. Das Staatsb&uuml;rgertum offenbart sich als handfeste, produktive Aufgabe des Einzelnen. Aufgrund der unterschiedlichen und miteinander konkurrierenden Repr&auml;sentationsebenen des &#8220;Allgemeinen&#8221; wird die vormals national-fixierte Identit&auml;tsbildung in den Individuen aber auch zersplittert. Die Ausgrenzungs- und Identifizierungsleistungen der Einzelnen etwa vervielf&auml;ltigen sich: Auf wen im konkreten Fall die klassischen Ausgrenzungsmechanismen der Unwertig- oder &Uuml;berwertigkeit (Rassismus und Antisemitismus) bzw. die Disziplinierung auf die zugeschriebene Leistungserwartung (Sexismus) Anwendung findet, wird zunehmend flexibel. Die im Raum stehende &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit und Unsicherheit verst&auml;rkt aber umgekehrt einen vorausschauenden Konformismus, der sich st&auml;ndig der Zugeh&ouml;rigkeit zu einem &#8220;sch&uuml;tzenden&#8221; und die Verwertung garantierenden, personal verstandenen Zusammenhang vergewissern will. Recht unverhohlen wird in Wahlkampagnen mit Freundschaftsangeboten geworben. Politiker firmieren darin als treusorgende und zugleich schlagkr&auml;ftige Freunde. Die Darstellung politischer F&uuml;hrungskr&auml;fte, die umringt sind von &#8220;einfachen&#8221; Leuten, oder sich zu einer Clique oder Bande gruppieren, appelliert direkt an dieses Bed&uuml;rfnis nach Zugeh&ouml;rigkeit zu einem personalen Verband. Die rein sachliche Vergesellschaftung &uuml;ber die Geld- und Rechtsform erzeugt offensichtlich ein sekund&auml;res Bed&uuml;rfnis nach personaler Versicherung, die den Zugang zu ersterer garantieren soll. Dessen Befriedigung erscheint dann aber als das Prim&auml;re gegl&uuml;ckter Selbsterhaltung. Der Bezug auf die Nation als emotionale Garantie nimmt dabei zwar nach wie vor einen wesentlichen Stellenwert ein. Er wird aber aufgrund der Ver&auml;nderungen von Arbeits- und Verwertungsstrukturen nicht mehr gen&uuml;gen. Einerseits erg&auml;nzt die Fetischisierung neuer, sei es regionaler oder lokaler, sei es betrieblicher &#8220;Einheiten&#8221; den nationalen Fetisch, andererseits sind Prozesse der Selbstfetischisierung zu beobachten, die mit dem in der Zivilgesellschaft so hervorgehobenen &#8220;freien Willen&#8221; der Einzelnen korrespondieren. Indem der Staat von einer Nachfrage- zu einer  Angebotsagentur der Ware Arbeitskraft wird, wandeln sich die Anforderungen an die Individuen: von konformistischen KonsumentInnen und braven, untert&auml;nigen ArbeiterInnen, denen ihre geleistete und vom Nachfragestaat als wertvoll gesicherte Arbeit als Beweis und Argument ihrer Zugeh&ouml;rigkeit zum Verteilungspakt hinreichte, zu Veredelungsakteuren ihrer eigenen Ware Arbeitskraft. Die Selbsterhaltung wird darin zu einem besonderen Auftrag, und je vortrefflicher sie gelingt zur Adelung des wahren und aktiven Staatsb&uuml;rgertums. Das Denken und Handeln der Individuen tendiert dazu, vollst&auml;ndig zum Organ ihrer Selbstverwertung zu werden, die zugleich, wie noch gezeigt werden soll, wesentliche Aspekte der Staatsb&uuml;rgerlichkeit integriert. Das Pers&ouml;nliche entfaltet sich darin als au&szlig;erordentlich politisch.</p>
<p>Die im Konkurrenzkampf notwendige Diversifizierung von Selbstveredelungsstrategien wird mithin als Beweis f&uuml;r die Selbsterm&auml;chtigung der Individuen gegen den gleichmacherischen Sozialstaat aufgefa&szlig;t: als Befreiung der B&uuml;rgerInnen und Durchbruch zu einer kreativen Selbst&auml;ndigkeit. Die neuen Sozialdemokraten Schr&ouml;der und Blair zeigen sich in ihrem ber&uuml;chtigten Strategiepapier als gelehrige Sch&uuml;ler der Zivilgesellschaft, wenn sie sich vom paternalistischen Sozialstaat distanzieren: &#8220;Letztlich wurde die Bedeutung von eigener Anstrengung und Verantwortung ignoriert und nicht belohnt und die soziale Demokratie mit Konformit&auml;t und Mittelm&auml;&szlig;igkeit verbunden statt mit Kreativit&auml;t, Diversit&auml;t und herausragender Leistung.&#8221; Die zentralen zuk&uuml;nftigen Werte w&auml;ren: pers&ouml;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn. <a style='mso-footnote-id: ftn18' href="#_ftn18" name="_ftnref18" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[18] Schr&ouml;der hat k&uuml;rzlich den idealen Begriff daf&uuml;r gefunden: &#8220;zivile B&uuml;rgergesellschaft&#8221;. Sie bietet die ideologische Vermittlung zwischen einer Verwertung, die &uuml;ber die fortschreitende Verwandlung von Arbeit- zu Unternehmern der Arbeitskraft eine an sich schrankenlose Selbstausbeutung absch&ouml;pft und ihrer m&auml;chtigen Fixierung durch einen Staat, der durch seine Vervielf&auml;ltigung  und Privatisierung zwar gestaltloser, aber ungleich fl&uuml;ssiger und aktiver geworden ist. Es ist gerade die Konfliktf&auml;higkeit der propagierten Zivilgesellschaft, die den erweiterten Konsens dieser aus willensstarken, rhetorisch-geschulten, energetisch-dynamischen, st&auml;ndig einsatzbereiten und handlungsf&auml;higen Charaktermasken bestehende Zumutung herzustellen vermag. Und sie ist auch der Modus, in dem sich die Distinktionsgewinne rekapitalisieren lassen.</p>
<p>Gegen die Verkl&auml;rung des individuellen Bastelns an der eigenen Karriere mu&szlig; mit Horkheimer und Adorno aber auf den zutiefst konformistischen Charakter dieser Pluralisierung und Individualsierung von Lebensperspektiven in der B&uuml;rgergesellschaft insistiert werden: Zur Individuation ist es &#8220;gar nicht wirklich gekommen. (&#8230; ) Jeder b&uuml;rgerliche Charakter dr&uuml;ckte trotz seiner Abweichung und gerade in ihr da&szlig;elbe aus: die H&auml;rte der Konkurrenzgesellschaft. &#8220;<a style='mso-footnote-id: ftn19' href="#_ftn19" name="_ftnref19" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[19] Die Entfaltung des Ichs, Produkt und Bedingung der materiellen Existenz, wird zur vollen Funktion wirtschaftlicher Selbst&auml;ndigkeit. In der narzi&szlig;tischen &Uuml;berh&ouml;hung der eigenen Originalit&auml;t, der kreativen Kraft &#8220;etwas aus sich zu machen&#8221; und darin ganz besonders aus der Masse der Mittelm&auml;&szlig;igkeit hervorzustechen, findet die Selbstfetischisierung des Ichs zum Demiurg der eigenen Wertigkeit in einer Weise statt, die die &Auml;chtung des Unwertigen auch von einer offen rassistischen Zuschreibung absehen l&auml;&szlig;t. Die multikulturelle Gesellschaft etwa honoriert und anerkennt spezifische kulturalistisch zugeschriebene Leistungen. In diesem Rahmen gibt es auch die f&uuml;r die republikanische Politikauffassung so grundlegende Bereitschaft, &#8220;den anderen anzuerkennen&#8221;.</p>
<p>Die schizoide Konstellation des &#8220;freien Arbeiters&#8221;, sich zu sich selbst als Arbeitskraft zu verhalten, ist an sich ein Merkmal des Individuums in kapitalistischen Gesellschaften. Die Aufspaltung des Ichs in Subjekt und Objekt versch&auml;rft sich unter der Bedingung der Verstaatsb&uuml;rgerlichung der Arbeitskraft zwar noch einmal, verliert aber zugleich an Distanz und damit an Reflexionspotential. Als &#8220;Looser&#8221; erscheinen jedenfalls diejenigen, die sich der Herausforderung der Wettbewerbsgemeinschaften nicht stellen wollen oder k&ouml;nnen, und dar&uuml;ber ihre Strahlkraft mindern, also zu potentiellen &#8220;Sch&auml;dlingen&#8221; oder &#8220;Feinden&#8221; der Wettbewerbsgemeinschaft stilisiert werden k&ouml;nnen; die sich nicht erst im Falle des kommerziellen Mi&szlig;erfolges als Personifizierung der Krise anbieten. Die Realisierung einer in vielerlei Hinsicht  &#8220;handlungsf&auml;higen und konfliktintensiven Pluralit&auml;t&#8221; scheint sich, von der demokratischen Kopfgeburt auf ihre gesellschaftlichen F&uuml;&szlig;e gestellt, in der B&uuml;rgergesellschaft aktuell abzuzeichnen.</p>
<h4>Aufhebung des Widerspruches von bourgeois und citoyen</h4>
<p>In ihr wird der jeweilige Standort zum Gemeinwesen, und den BewohnerInnen f&auml;llt die Verantwortlichkeit f&uuml;r das Gemeinwohl, die Kapitalisierung seiner Potentiale, unmittelbar zu. Hier soll nur auf zwei Aspekte aufmerksam gemacht werden, an denen die Privatisierung von Staatsfunktionen ins Auge sticht. Sie stehen in Zusammenhang mit zwei Kriterien, die f&uuml;r die Feststellung der Konkurrenzf&auml;higkeit eines &#8220;Gemeinwesens&#8221; von entscheidender Bedeutung sind: die Produktivit&auml;t eines Standortes und die Qualit&auml;t der Lebensbedingungen (&ouml;ffentliche Sicherheit, Infrastruktur u. a. ). Die Arbeitskraft geh&ouml;rt dabei in doppelter Hinsicht nicht einfach den Einzelnen, wie es die Vorstellung vom &#8220;freien Lohnarbeiter&#8221; suggerierte. <a style='mso-footnote-id: ftn20' href="#_ftn20" name="_ftnref20" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[20] Zum einen wird die Arbeitskraft zum Bestandteil eines nationalen Humankapitalpools, dessen Qualit&auml;t die Wertigkeit der gesamten &#8220;Humanressourcen&#8221; einer Standortgemeinschaft als Ma&szlig;stab f&uuml;r seine Produktivit&auml;t und Wettbewerbsf&auml;higkeit anzeigt. Sie durch eine spezifische arbeitsmarktorientierte Ausbildung bzw. durch die Aneignung von sogenannten &#8220;Zusatzqualifikationen&#8221; aufzuwerten, zeigt eine Seite der neuen &#8220;staatsb&uuml;rgerlichen&#8221; Pflicht an. W&auml;hrend sich dieser Aspekt der Staatsb&uuml;rgerlichkeit bereits in Umsetzung befindet, wird an der Realisierung des zweiten Aspektes der staatsb&uuml;rgerlichen Seite der Arbeitskraft, dem Anspruch der Produktivit&auml;tsgemeinschaft auf ihre Verf&uuml;gbarkeit f&uuml;r klassisch &#8220;gemeinwohlorientierte&#8221; Leistungen, noch eifrig gearbeitet. Die Aufrechterhaltung &ouml;ffentlicher Einrichtungen und Leistungen machen keinen unwesentlichen Teil &ouml;ffentlicher Haushalte aus. Sowohl der lebensqualitative Aspekt ist hier als Standortfaktor zu werten, als auch ihr kosteng&uuml;nstiger und effizienter Betrieb, also der monet&auml;re Aspekt hinsichtlich der Eingrenzung von Haushaltsdefiziten und Sozialausgaben mit geringem oder keinem Multiplikatoreffekt. Die Mobilisierung von &#8220;brachliegender&#8221; Arbeitskapazit&auml;t in der &#8220;Liegestuhlgesellschaft&#8221; (Andreas Khol) will die kosteng&uuml;nstige und dennoch qualitativ hochstehende Aufrechterhaltung von Infrastruktur, sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie die Gew&auml;hrleistung kommunaler Sicherheit. B&uuml;rgerInnen beobachten dabei nicht mehr die Polizei, sondern B&uuml;rgerInnen beobachten B&uuml;rgerInnen und rufen (noch) die Polizei. Da&szlig;  die B&uuml;rger-Polizei effizient und bisweilen t&ouml;dlich ist, d&uuml;rfte bekannt sein. Zugleich soll durch diese T&auml;tigkeiten begr&uuml;ndet und gerechtfertigt mit rigiden moralischen Argumenten, deren gemeinsamer Fluchtpunkt die Herstellung von Gemeinschaftlichkeit ist, b&uuml;rgerschaftliche Identit&auml;t und Gemeinsinn einge&uuml;bt werden.</p>
<p>Das animal laborans wird zum politischen Subjekt der B&uuml;rgergesellschaft. Zusammenfassend kann von einer dreifachen Verinnerlichung staatsb&uuml;rgerlicher Funktionen gesprochen werden. Erstens werden die Staatsb&uuml;rgerInnen zunehmend selbstt&auml;tig hinsichtlich der ideologischen und praktischen Abgrenzung gegen&uuml;ber anderen f&uuml;r die Formierung ihrer Zugeh&ouml;rigkeit zu einem spezifischen Verwertungszusammenhang. Zweitens werden sie zu unmittelbaren Treuh&auml;nderInnen der Produktivit&auml;t ihres Standortes und drittens ist ihnen unmittelbare Verantwortlichkeit f&uuml;r die Attraktivit&auml;t ihres &#8220;Gemeinwesens&#8221; zugedacht. In einem unmittelbareren Sinne als im fordistischen Staat werden die Staatsb&uuml;rgerInnen zu Gliedern ihres Staates. Der Gegensatz von bourgeois und citoyen wird aufgehoben und das eingangs beschriebene Konzept einer Zivilgesellschaft findet in der Affirmation des real existierenden &#8220;B&uuml;rgers&#8221;, der dann eben &#8220;Bourgeois und Citoyen zugleich&#8221; ist, praktisch zu sich. Konsequenterweise ist dann auch auf der sozialwissenschaftlichen Ebene nicht mehr von Zivilgesellschaft, sondern vermehrt von B&uuml;rgergesellschaft die Rede. Dabei handle es sich &#8220;um all die B&uuml;rger-B&uuml;rger-Beziehungen, in denen sich B&uuml;rger zugleich als Urheber und Adressaten der Regelung ihrer Verh&auml;ltnisse verstehen&#8221;. <a style='mso-footnote-id: ftn21' href="#_ftn21" name="_ftnref21" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[21] Analytisch solle daher nicht mehr die vertikale B&uuml;rger-Staat-Beziehung in den Blickpunkt genommen werden, sondern die horizontalen Beziehungen zwischen B&uuml;rgern, f&uuml;r die Autonomie charakteristisch w&auml;re. Die Frage nach gesellschaftlichen Zwangsverh&auml;ltnissen war aber auch schon im Zivilgesellschaftsbegriff in der Affirmation der existierenden Formen von Freiheit und Gleichheit exkludiert worden.</p>
<h4>Individuum und Staat: Demokratisierung des Politischen</h4>
<p>Politik ist also nicht mehr l&auml;nger die Dom&auml;ne eines &uuml;ber der Gesellschaft thronenden Staates. Die staatlichen Funktionen der Disziplinierung auf das Gemeinwohl, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft, die Definition der Zugeh&ouml;rigkeit zu einer Verwertungsgemeinschaft demokratisieren sich, indem sie zur b&uuml;rgerschaftlichen T&auml;tigkeit der Individuen werden.</p>
<p>Je st&auml;rker die Arbeitskraft aber zum Eigentum des Staates wird, desto st&auml;rker wird die unmittelbare Identifizierung der B&uuml;rgerInnen mit ihrem Staat. Dies dr&uuml;ckt sich gerade in einem Bedeutungsverlust intermedi&auml;rer Institutionen zwischen Staat und Individuum aus. Darin hat die Rede von einer Verengung des Raumes &ouml;ffentlicher politischer Artikulation auch ihre Berechtigung. Die Diagnosen der Entpolitisierung &uuml;bersehen allerdings, da&szlig; dem kein Verschwinden, sondern geradezu eine Forcierung des Politischen als Form der Vermittlung zwischen Staat und Individuum folgt. Dabei nimmt, und hier trifft sich die neoliberale Euphorie des freien Wirtschaftssubjektes wieder mit der zivilgesellschaftlichen Verkl&auml;rung der Warensubjekte zu Staatsb&uuml;rgerInnen, die Staatsb&uuml;rgerschaft eine ver&auml;nderte Bedeutung ein: sie wird gewisserma&szlig;en erst politisch aktiv.</p>
<p>Vom Staat werden heute dieselben spezifischen Leistungen eingefordert, die der Staat von den Staatsb&uuml;rgerInnen erbracht haben will: Effektivit&auml;t in der Verwendung seiner Mittel, Effizienz im Einsatz seiner Instrumente, Kompromi&szlig;losigkeit in der Verfolgung seiner Ziele, Anbieten von qualitativ hochstehenden Leistungen. Nicht nur die &#8220;Liegestuhlb&uuml;rgerInnen&#8221; werden als Ausgeburt der Verantwortungslosigkeit identifiziert, sondern auch der beh&auml;bige Verwaltungsstaat, der den Staatsb&uuml;rgerInnen als Vormund anstatt als Partner und Serviceagentur gegen&uuml;bertritt. Das hei&szlig;t, da&szlig; die exekutive Politik des Staates gegen&uuml;ber der fordistischen Periode st&auml;rkeren und unmittelbareren Legitimationszw&auml;ngen unterliegt. Die wechselseitige Verpflichtung von Staat und Individuum gruppiert sich dabei um die zentralen Kriterien von Ordnung, Sicherheit, Gemeinsinn und Arbeit, die etwas leistet.</p>
<p>Sie haben sich durch den Zyklus von Neoliberalismus und Neoliberalismuskritik herauskristallisiert und werden zu unhintergehbaren &#8220;S&auml;ulen&#8221; jeder politischen &Auml;u&szlig;erung, selbst wenn sie sich oppositionell gegen die &#8220;herrschende&#8221; Politik wendet. <a style='mso-footnote-id: ftn22' href="#_ftn22" name="_ftnref22" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[22] Die postfordistische &#8220;demokratische Legitimation ist die perfekte Synthese von Konsens und Autorit&auml;t. Tauchen abweichende oder antagonistische soziale Praktiken auf, werden sie der , Kriminalit&auml;t&#8217; zugeordnet. Au&szlig;erhalb des Gesetzes der befriedeten Gesellschaft existieren nur mehr Pathologie und Terror. &#8220;<a style='mso-footnote-id: ftn23' href="#_ftn23" name="_ftnref23" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[23]</p>
<p>Offensichtlich &auml;ndert sich mit dem innigeren Verh&auml;ltnis von Individuum und Staat auch die Form der politischen Kommunikation. Eine direktere politische Kommunikation via Medien zwingt die PolitikerInnen dazu, zu wissen, &#8220;was das Volk will&#8221;. Umgekehrt simuliert die erh&ouml;hte Geschwindigkeit des medialen Vermittlungsprozesses aber auch die Subjekthaftigkeit und Leibhaftigkeit von Politik. Der viel gescholtene Populismus scheint eher die ad&auml;quate &Auml;u&szlig;erungsform der angesprochenen Verlagerung des Politischen zu sein, als die Erscheinungsform eines Niederganges der Politik, die ohne Inhalt, ohne Konzept, ohne Strategie ihrem nahen Ende entgegen humptidumple. Die H&auml;rte der Auseinandersetzungen zwischen PolitikerInnen verdeckt dabei nicht nur die weitgehende Unterschiedslosigkeit der Inhalte, sondern reflektiert auch einen Typ von Politik, der zunehmend vom Staat erwartet wird. Wer am eindrucksvollsten den Willen zur Macht repr&auml;sentiert, repr&auml;sentiert am eindrucksvollsten den Willen zum Erfolg: Und Erfolg ist dort, wo sich andere ohnm&auml;chtig von Sachzw&auml;ngen g&auml;ngeln lassen. Politisch erfolgreich ist aber, wer es versteht Sachzw&auml;nge eisern zu vollstrecken, als ihr Verb&uuml;ndeter an ihrer nat&uuml;rlichen Macht teilzuhaben.   </p>
<p>Die H&auml;rte und Kaltschn&auml;uzigkeit, die die Individuen gegen&uuml;ber sich selbst und gegen&uuml;ber ihren KonkurrentInnen an den Tag legen m&uuml;ssen, wird auch vom Staat und damit von PolitikerInnen im engeren Sinne im Binnenverh&auml;ltnis zu sich und gegen alles, das als Bedrohung der Konkurrenzf&auml;higkeit erscheint. Einerseits geht es dabei auf einer staatlich-verallgemeinerten Ebene um die Bek&auml;mpfung von Feinden der Produktivit&auml;t und Wettbewerbsf&auml;higkeit, also gegen jene personalisierten Stereotypen, die Produkte der falschen, unreflektierte Projektion von eigenen allerdings als unproduktiv vom Ich abgespaltenen und unterdr&uuml;ckten Neigungen wie Faulheit, Genu&szlig;, Freiz&uuml;gigkeit, Verschwendung, Autonomie, arbeitsloses Auskommen sind. Dabei handelt es sich allerdings um &#8220;Versprechungen&#8221;, die durch die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Reichtums zwar permanent produziert aber &uuml;ber die Form des Zugangs ebenso permanent dementiert werden. Der Staat selbst ger&auml;t in den Verdacht, &uuml;ber die Alimentierung der projizierten Charakterz&uuml;ge zum Verr&auml;ter an der nationalen Wettbewerbsgemeinschaft zu werden. In der diesbez&uuml;glichen Kritik am Staat wird ihm eine Entfremdung von der Nation als der &#8220;eigentlichen&#8221; Substanz des Staates vorgeworfen. Seine Souver&auml;nit&auml;t beweist er erst, wenn er diesen &#8220;Staatsnotstand&#8221; l&ouml;st: Als Inhaber des Gewaltmonopols in der Gesellschaft erh&auml;lt der Nationalstaat hier seine gegen&uuml;ber all den anderen lokalen, regionalen oder betrieblichen &#8220;Wettbewerbsgemeinschaften&#8221; herausragende Bedeutung. Die Gewaltmittel des Nationalstaates repr&auml;sentieren die aus der Subjektformierung der Einzelnen entstehenden Gewaltpotentiale auf kollektiver Ebene, ihr unnachgiebiger Einsatz gegen projektive &auml;u&szlig;ere und innere Feinde ist der in Politik gegossene Wahn der Gesellschaft. Bei den Staatsb&uuml;rgerInnen verkehrt sich die Ahnung von der eigenen Ohnmacht in die Hoffnung auf die Macht des Staates. Denn die Identifikation der Staatsb&uuml;rgerInnen mit ihrem Staat beruht vor allem darin, da&szlig; er die Allgemeinheit sowohl der staatsb&uuml;rgerlichen Seite der Individuen als auch die Verfemung der unterdr&uuml;ckten Anteile materialisiert und zur Anschauung bringt: etwa in einer restriktiven und kompromi&szlig;losen Asylpolitik, in der Kriminalisierung des Drogengebrauchs und dessen Verkn&uuml;pfung mit schwarzafrikanischen Dealern, der &#8220;Verschlankung&#8221; seiner Institutionen, in einer effizienten und sparsamen Gebarung der Steuergelder, in einer K&uuml;rzung bzw. Abschaffung von Einkommen ohne Arbeit, in einer selbstbewu&szlig;ten Haltung gegen&uuml;ber dem &#8220;Ausland&#8221;, in einer restriktiven Arbeitsmarktpolitik, die den Zugang f&uuml;r die Nation garantiert, in einer Honorierung von zivilgesellschaftlicher &#8220;Normalit&auml;t&#8221;.</p>
<p>Im Unterschied zu einer gewissen Stabilit&auml;t, die eine st&auml;rker institutionalsierte Vermittlung noch geboten hat, steht die politische Kommunikation nunmehr aber st&auml;ndig unter Spannung: der Beweis des gegenseitigen Nutzens und des Erf&uuml;llens der aufgetragenen Verantwortung mu&szlig; st&auml;ndig erbracht werden, der Verdacht des Verrats und Hintergehens &#8211; die Angst davor, da&szlig; alle Anstrengung umsonst gewesen ist, steht unmittelbar im Raum. <a style='mso-footnote-id: ftn24' href="#_ftn24" name="_ftnref24" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[24] Es liegt daher eben nicht in einem unmittelbaren Sinn an einer &ouml;konomischen und sozialen Krise, in der die Arbeitslosen und Verarmten ihren Protest kundtun w&uuml;rden, sondern eher an der spezifischen Konstellation des Politischen der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, die gerade dann, wenn sie &#8220;aktiviert&#8221; werden soll, eine &#8220;Politik der gesellschaftlichen Panik&#8221; (Negri) gebiert. Das gegenw&auml;rtig (v. a. in &Ouml;sterreich) von politischen KommentatorInnen st&auml;ndig entdeckte  Paradoxon, da&szlig; der Ausma&szlig; des Wunsches nach politischer Ver&auml;nderung in keiner Relation zur Stabilit&auml;t und zum Wohlstand des Landes st&uuml;nde, st&uuml;tzt sich implizit einerseits auf die &Uuml;berzeugung der &#8220;Eigentlichkeit&#8221; eines vollkommen &#8220;rationalen&#8221; Verh&auml;ltnisses zwischen Staat und Individuen und andererseits auf einem unausgesprochenen &Ouml;konomismus, der eine direkte Korrelation zwischen &ouml;konomischer und politischer Krise herstellt. Beide Annahmen gehen am Kern der Sache vorbei.</p>
<p>Die unter der erw&auml;hnten Spannung stehende politische Vermittlung produziert zwei Muster politischer Artikulation, die die Spannung nicht ruhig stellen, sondern diese &Auml;u&szlig;erungsform des Politischen gerade best&auml;tigen: Einerseits geht es dabei um die Herstellung von gesellschaftlichen Konsens. Der Staat produziert st&auml;ndig Bilder der Bedrohung durch Kriminalit&auml;t oder Migration, um sie postwendend sicherheitspolitisch verantwortungsvoll und polizeilich aktiv zu dementieren; zugleich wird von Seiten der Staatsb&uuml;rgerInnen gegen&uuml;ber den regierenden PolitikerInnen ein &auml;hnliches Muster der Ent- und Versicherung in Bezug auf ihr Wahlverhalten verfolgt: das Abbr&ouml;ckeln von Stammw&auml;hlerInnen und die lange Unentschlossenheit vor den Wahlen kann als ebensolches Spiel mit der Loyalit&auml;t gedeutet werden, das seinen Teil zur Formulierung eines gesellschaftlichen Konsenses beitr&auml;gt. Nach diesem Muster kann zwar eine Zeit lang &#8220;gespielt&#8221; werden, letztlich &#8211; und das wissen alle Beteiligten &#8211; mu&szlig; aber entschieden werden und der Beweis der Souver&auml;nit&auml;t, sowohl von Seiten des Staates als auch von Seiten der Staatsb&uuml;rgerInnen erbracht werden. Was w&auml;hrend dieser Form der politischen Artikulation zwischen Staat und Individuen &uuml;ber die mediale Vermittlung passiert, ist letztlich eine konsensuale Feinddefinition, eine Politisierung auf unterschiedlichsten gesellschaftlichen Feldern, durch die zugleich die Schwelle f&uuml;r die Akzeptanz eines &#8220;Ausnahmezustandes&#8221; herabgesetzt wird. <a style='mso-footnote-id: ftn25' href="#_ftn25" name="_ftnref25" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[25] Gew&auml;hlt werden vom Souver&auml;n schlie&szlig;lich diejenigen, von denen die Umsetzung der Souver&auml;nit&auml;t, und das hei&szlig;t die Beherrschung des Ausnahmezustandes, am ehesten erwartet wird.</p>
<p>Andererseits bringt die Spannung des Politischen geradezu eine Fetischisierung von Kontrolle. Mit sogenannten pr&auml;ventiven und auch &#8220;verdachtsunabh&auml;ngigen Kontrollen&#8221; l&auml;&szlig;t der Staat die &#8220;Definition und Verteidigung seiner Grenzen zunehmend diffundieren&#8221; und verlagert sie ins Innere. <a style='mso-footnote-id: ftn26' href="#_ftn26" name="_ftnref26" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[26] Umgekehrt betreibt ein sich kritisch w&auml;hnender Aufdeckungsjournalismus eine permanente Skandalisierung der Politik, von der die Privatsph&auml;re von PolitikerInnen nicht verschont bleibt. Die pr&auml;ventive und exhibitionistische Ver&ouml;ffentlichung des Privaten befriedigt zudem den Voyeurismus der Staatsb&uuml;rgerInnen. Schlie&szlig;lich wollen sie ja wissen, wen sie w&auml;hlen. Die st&auml;ndige Spannung, unter der das Verh&auml;ltnis von Individuum und Staatlichkeit steht, kann als die spezifische Bewegungsform des Politischen der B&uuml;rgergesellschaft bezeichnet werden. Auch hier verwirklicht sich in gewisser Hinsicht der theoretische Aspekt des Zivilgesellschaftskonzeptes, da&szlig; die gesellschaftliche Macht immer nur repr&auml;sentiert, aber niemals fix durch den Staat angeeignet werden soll.</p>
<p>In einigen Aspekten scheint J&ouml;rg Haider die treffende Polit-Gestalt f&uuml;r die b&uuml;rgergesellschaftliche politische Form darzustellen. Er versteht es, in der &Ouml;ffentlichkeit nicht nur all jene Eigenschaften vortrefflich zu verk&ouml;rpern, die die staatsb&uuml;rgerliche Seite der Individuen in der B&uuml;rgergesellschaft ausmachen: H&auml;rte zu sich und den anderen, den Willen zur Grenzziehung, narzi&szlig;tisches Auftreten, Effizienz im Einsatz der Mittel, Produktivit&auml;t und Lernwilligkeit, Gemeinsinn und Konkurrenzbewu&szlig;tsein. Zum anderen versinnbildlicht Haider allerdings auch, und das d&uuml;rfte keinen geringen Anteil an seinem Zuspruch haben, die abgespalteten, verdr&auml;ngten und unterdr&uuml;ckten Begierden der Staatsb&uuml;rgerInnen: Genu&szlig;, Einkommen ohne Arbeit, Autonomie, Freiz&uuml;gigkeit. Indem Haider anscheinend beide Seiten positiv zusammenf&uuml;gt, repr&auml;sentiert er die f&uuml;r die B&uuml;rgergesellschaft typische Fetischisierung der Pers&ouml;nlichkeit auf der Ebene des Staates. Zudem steht er wie kein anderer f&uuml;r die &#8220;Befreiung&#8221; von der Last der nationalsozialistischen Vergangenheit durch das offene Bekenntnis zu ihr &#8211; ohne dem in weiten Teilen der Bev&ouml;lkerung als &uuml;berfl&uuml;ssig oder von au&szlig;en aufgezwungen erachteten Schuldeinbekenntnis. Er bietet damit sehr vielen etwas, was ihnen die 2. Republik aufgrund der Bedingungen ihrer Gr&uuml;ndung nicht erm&ouml;glichte: eine ungebrochene Identifizierung mit dem Staat.</p>
<p>Die Verst&auml;rkung plebiszit&auml;rer Elemente scheint in mehrerlei Hinsicht der politischen Form des zivilgesellschaftlichen Totalitarismus der B&uuml;rgergesellschaft gerecht zu werden. Einmal entspricht sie der spannungsgeladenen politischen Kommunikation zwischen Staat und Individuen besser als die &#8220;umst&auml;ndliche&#8221; repr&auml;sentative Demokratie. Zweitens verspricht sie eine Aufwertung von Politik, eine Aktualisierung der Schlagkr&auml;ftigkeit und damit M&auml;chtigkeit von Politik. Drittens k&ouml;nnte sie eine Erneuerung von ideologischer Gemeinschaftlichkeit zustande bringen, die im wesentlichen &uuml;ber die Fetischisierung der F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit hergestellt wird. Und viertens w&uuml;rde sie ein rasches und flexibles Vorgehen gegen Feindprojektionen versprechen; somit das zentrale Charakteristikum von Politik, &uuml;ber Grenzziehungen identit&auml;re Gemeinschaften und dar&uuml;ber die Krisenhaftigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung zu &#8220;bew&auml;ltigen&#8221;, in einem starken Staat vergegenw&auml;rtigen. Die Fetischisierung des Staates drohte sich neuerlich zu verdichten. Zwar ist die Grundlage jedes autorit&auml;ren Staates die Unterordnung im Tausch f&uuml;r den vermeintlichen Schutz vor den Unbillen einer naturgewaltigen Krisenhaftigkeit. In der Fetischisierung der F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit als der Vollstreckerin der Sachzw&auml;nge entst&uuml;nde aber bei Strafe des eigenen Unterganges ein spezifischer Sachzwang, der die B&uuml;rgergesellschaft &uuml;ber sich hinaustreiben k&ouml;nnte: Den Erwartungen gerecht zu werden und im gro&szlig;en Stile &#8220;auszumisten&#8221;. Der Widerspruch n&auml;mlich, da&szlig; der Staat einerseits die Zw&auml;nge kapitalistischer Vergesellschaftung repr&auml;sentiert und durchsetzt, und andererseits der Schutz vor den unvorhersehbaren Auswirkungen dieser Vergesellschaftung verlangt wird, also f&uuml;r die viel beschworenen &#8220;kleinen Leute von der Stra&szlig;e&#8221; in allen Einzelnen einzutreten, existiert in der Erwartung der F&uuml;hrerpers&ouml;nlichkeit noch nicht. Im Wartestand repr&auml;sentiert sie f&uuml;r viele die ersehnte souver&auml;ne Einheit und Neutralit&auml;t des Staates gegen&uuml;ber der nach vielf&auml;ltigen Konfliktlinien gespaltenen Gesellschaft. Wird sie einmal praktisch, droht Politik neuerlich ihre h&ouml;chste Intensit&auml;t zu erreichen: als unnachgiebige Feindschaft gegen die zu Ausl&auml;ndern sortierten und den von rassistischen und antisemitischen Projektionen betroffenen Menschen. Die B&uuml;rgergesellschaft mit ihrem schlank-starken Staat scheint sich indes als jene Form auszubreiten, in der der Widerspruch zwischen Flexibilit&auml;t und straffer Ordnung f&uuml;r das Re&uuml;ssieren in der global gewordenen Verwertungskonkurrenz zwar &ouml;konomisch gewinnbringend aufgehoben, aber politisch keineswegs ruhig gestellt ist.  </p>
<hr /><a style='mso-footnote-id: ftn1' href="#_ftnref1" name="_ftn1" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[1]     Vgl. Pirker, Peter 1999: Zu einem analytischen Begriff des Politischen. Neoliberalismuskritik, Hannah Arendt und der Triumph der B&uuml;rgergesellschaft, Wien, Dipl. Arb.</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn2' href="#_ftnref2" name="_ftn2" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[2]     vgl. Demirovic, Alex 1997: Demokratie und Herrschaft, M&uuml;nster, S. 156</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn3' href="#_ftnref3" name="_ftn3" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[3]     R&ouml;del, Ulrich; Frankenberg, G&uuml;nther; Dubiel, Helmut 1989: Die demokratische Frage, Frankfurt/Main</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn4' href="#_ftnref4" name="_ftn4" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[4]     ebd. : 137</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn5' href="#_ftnref5" name="_ftn5" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[5]     vgl. Klein, Peter 1994: Pars pro toto, in: Krisis, Nr. 14, 126</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn6' href="#_ftnref6" name="_ftn6" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[6]     ebd.</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn7' href="#_ftnref7" name="_ftn7" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[7]     MEW 23, 99</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn8' href="#_ftnref8" name="_ftn8" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[8]     Snaider, Natan 1999: Der Konsum der Demokratie oder der demokratische Konsum: f&uuml;r eine neue B&uuml;rgerlichkeit, in: IPG, 4/99, 400. In den Cultural Studies war auch mal vom subversiven Konsum die Rede.  </p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn9' href="#_ftnref9" name="_ftn9" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[9]     Arbeitsprogramm des Instituts f&uuml;r Sozialforschung 1997, in: ZfkT, 5/97, 15</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn10' href="#_ftnref10" name="_ftn10" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[10] vgl. Behrens, Diethard 1997: Elemente einer Demokratietheorie, in: ders. (Hg. ): Politik und soziale Praxis, Freiburg, 35</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn11' href="#_ftnref11" name="_ftn11" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[11]     Arbeitsprogramm, 15</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn12' href="#_ftnref12" name="_ftn12" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[12]     Demirovic, a. a. O. , 158</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn13' href="#_ftnref13" name="_ftn13" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[13]     Solche disziplinierende Kritik gab es von franz&ouml;sischen Republikanern und Neoliberalismuskritiken oder von deutschen Liberalen und Linken, die sich vor der &#8220;Raffgesellschaft&#8221; ekeln. Vgl. Pirker, a. a. O. 86.</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn14' href="#_ftnref14" name="_ftn14" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[14]     Breuer, Stefan 1985: Aspekte totaler Vergesellschaftung, Freiburg, 261</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn15' href="#_ftnref15" name="_ftn15" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[15]     Darauf hat bereits Claudia von Braunm&uuml;hl 1973  hingewiesen. Braunm&uuml;hl, Claudia u. a. : Probleme einer materialistischen Staatstheorie, Frankfurt/Main, 52</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn16' href="#_ftnref16" name="_ftn16" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[16]     Fach, Wolfgang 1997: Die letzte Reform. &Uuml;ber den neuen &#8220;&ouml;ffentlichen Dienst&#8221;, in: Grande/Pr&auml;torius: Modernisierung des Staates? Baden-Baden, 173</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn17' href="#_ftnref17" name="_ftn17" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[17]     ebd. 172</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn18' href="#_ftnref18" name="_ftn18" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[18]     zit. nach Der Standard, 17. /18.7.1999</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn19' href="#_ftnref19" name="_ftn19" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[19]     Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1994: Dialektik der Aufkl&auml;rung, Frankfurt/ Main, 164</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn20' href="#_ftnref20" name="_ftn20" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[20]     vgl. Nele, Karl 1998: Arbeit, Ehre, Dienst und Zwang, in: Bahamas, Nr. 27, 39.</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn21' href="#_ftnref21" name="_ftn21" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[21]     Wingert, zit. nach Hirsch, Joachim 1998: Vom Sicherheitsstaat zum nationalen Wettbewerbsstaat, Berlin, 131</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn22' href="#_ftnref22" name="_ftn22" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[22]     Es ist auffallend, da&szlig; etwa die Emp&ouml;rung gegen Polizeigewalt f&uuml;r ihre Legitimation immer die &#8220;Redlichkeit&#8221; und &#8220;Unschuld&#8221; des Betroffenen braucht. Die Unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit von Polizeigewalt bemi&szlig;t sich scheinbar danach, ob die Betroffenen ein ganz &#8220;normales&#8221; Leben f&uuml;hren. Mit &#8220;Drogendealern&#8221;, die gepr&uuml;gelt werden, mag sich kaum jemand solidarisieren.</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn23' href="#_ftnref23" name="_ftn23" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[23]     Negri, Antonio 1997: Die Arbeit des Dionysos, Berlin, 133</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn24' href="#_ftnref24" name="_ftn24" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[24]     Auch in diesem Zusammenhang mu&szlig; daran erinnert werden, da&szlig; sich der Verdacht nicht nur auf den Staat bezieht, sondern auch und gerade die horizontalen &#8220;B&uuml;rger-B&uuml;rger-Beziehungen&#8221;.</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn25' href="#_ftnref25" name="_ftn25" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[25]     Die Geltung eines Ausnahmezustands im Bereich der Asyl- und Abschiebepraxis, in der &#8220;Abwehr&#8221; von MigrantInnen, in der Bek&auml;mpfung der &#8220;Organisierten Kriminalit&auml;t&#8221; sowie der Bek&auml;mpfung von &#8220;Triebt&auml;tern&#8221; ist weithin gesellschaftlich akzeptiert und durchgesetzt.</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn26' href="#_ftnref26" name="_ftn26" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[26]     Nachtmann, Clemens 1999: Autorit&auml;rer Staat und Verfall des Gebrauchswerts, in: Bahamas, Nr. 28, 56</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.streifzuege.org/2000/un-heimliche-verwandtschaft/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Was zu beweisen ist</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2000/was-zu-beweisen-ist</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2000/was-zu-beweisen-ist#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2000 01:45:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Scheit; Gerhard]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-3]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=228</guid>
		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/was-zu-beweisen-ist">Was zu beweisen ist</a></p>
Zum Verhältnis von Logischem und Historischem bei Marx.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/was-zu-beweisen-ist">Was zu beweisen ist</a></p>
<h3>Zum Verh&auml;ltnis von Logischem und Historischem bei Marx. </h3>
<p>Streifz&uuml;ge 3/2000</p>
<p><em>von Gerhard Scheit</em> <span id="more-228"></span></p>
<p>Das Resultat ohne sein Werden ist offenbar die Form, in der das Subjekt automatisch denkt. Das zu wissen, hei&szlig;t noch nicht, au&szlig;erhalb dieser Form denken zu k&ouml;nnen. Der reinste Ausdruck dieser Form ist die Zahl bzw. die Gleichung.</p>
<p>Die Formulierung stammt von Hegel: &#8220;Denn die Sache ist nicht in ihrem Zwecke ersch&ouml;pft, sondern in ihrer Ausf&uuml;hrung noch ist das Resultat das wirkliche Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden; der Zweck f&uuml;r sich ist das unlebendige Allgemeine (&#8230; ) und das nackte Resultat ist der Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen. &#8220;<a href="#1" name="z1">1</a> Es handelt sich hier um ein methodologisches Postulat, dessen Anforderungen im Grunde nicht erf&uuml;llt werden k&ouml;nnen. Hegel gab vor, es doch zu k&ouml;nnen &#8211; darin liegt der ganze Idealismus seiner Dialektik (der schlie&szlig;lich von der Leninschen Widerspiegelungstheorie noch einmal wiederholt wurde). Das &#8220;absolute Verh&auml;ltnis des Inhalts und der Form&#8221; als &#8220;das Umschlagen derselben ineinander&#8221; wird zum positiven Begriff von Wissenschaft, &#8220;so da&szlig; der Inhalt nichts ist als das Umschlagen der Form in Inhalt, und die Form nichts als Umschlagen des Inhalts in Form&#8221;. <a href="#2" name="z2">2</a> (Kein Wunder, da&szlig; &#8220;Umschlagen&#8221; zur Lieblingsvokabel von Engels Dialektik der Natur avancierte. ) Das Resultat mit seinem Werden als Einheit von Inhalt und Form vollkommen darstellen zu k&ouml;nnen &#8211; weil doch &#8220;die Form das einheimische Werden des konkreten Inhalts selbst ist&#8221;<a href="#3" name="z3">3</a> -, hei&szlig;t geradezu beweisen, da&szlig; was wirklich ist, auch vern&uuml;nftig ist und das Ganze das Wahre; hei&szlig;t geradezu leugnen, da&szlig; das unlebendige Allgemeine, der Leichnam, der Zweck ist, in dem sich die Gesellschaft ersch&ouml;pft. &#8220;Einheit der Form und des Inhalts&#8221; gilt dem Hegelschen Wissenschaftsbegriff ganz buchst&auml;blich als &#8220;Vers&ouml;hnung mit der Wirklichkeit&#8221;. <a href="#4" name="z4">4</a> </p>
<p>Kant &#8211; von dieser Vollendung des Idealismus noch weit entfernt -  stellt hingegen lediglich fest, da&szlig; das Resultat, zu dem das Subjekt kommt, immer schon in seinem transzendentalen Kopf vorgeformt sei, weshalb das Subjekt immer nur in dieser Form denken k&ouml;nne. F&uuml;r ihn gibt es &uuml;berhaupt kein Problem des Werdens, denn die Formen, in denen Erkenntnis m&ouml;glich ist, gelten ihm nicht als ein historisch Gewordenes und Ver&auml;nderbares, sondern eben als Transzendentes. Sein Begriff von Logik beruht &#8211; wie Hegel kritisiert &#8211; auf der ein f&uuml;r allemal vorausgesetzten Trennung des Inhalts der Erkenntnis von der Form derselben. <a href="#5" name="z5">5</a></p>
<p>Wenn nun Marx den Wert-Begriff der klassischen National&ouml;konomie aufnimmt und seine Kritik der politischen &Ouml;konomie er&ouml;ffnet, versucht er durchaus dem methodologischen Postulat Hegels gerecht zu werden, eben auf materialistische Weise. Er m&ouml;chte, wie Engels sich ausdr&uuml;ckt, die dialektische Methode vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e stellen &#8211; aber sie zerspringt dabei in zwei Teile, in Form und Inhalt, Logik und Geschichte. Marx versucht sie zwar immer wieder zusammenzuf&uuml;gen, es gelingt jedoch nicht. Dieses Scheitern ist gewisserma&szlig;en von der Sache her gefordert.</p>
<p>Schon in der fr&uuml;hen Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie hat Marx im &#8220;Umschlagen&#8221; der Form in den Inhalt, z. B. der Souver&auml;nit&auml;t des Staats in den geborenen K&ouml;rper des Monarchen etc. , <a href="#6" name="z6">6</a> den Ansatzpunkt der Hegelschen Mystifikation kritisiert. Sp&auml;ter, als Kritiker der politischen &Ouml;konomie, entdeckt er darin die reale Mystifikation des Werts: das Kapital schl&auml;gt wirklich um, <a href="#7" name="z7">7</a> und wie der leibhaftige Hegelsche Weltgeist mystifiziert es damit alles. Indem aber Marx es zu entmystifizieren sucht, zerf&auml;llt ihm die Einheit von Inhalt und Form, durch die Vermittlung hindurch tritt sie als Differenz hervor. Die Dialektik, die Marx in seiner Geschichtsmetaphysik der Arbeit und des Fortschritts, im Umschlagen von Produktivkr&auml;ften (Inhalt) in Produktionsverh&auml;ltnisse (Form) als positive Dialektik beschw&ouml;ren und der negativen des Kapitals entgegensetzen m&ouml;chte, steht in der Wertformanalyse still.</p>
<p>Diesen Stillstand hat der Marxismus kaum je zur Kenntnis genommen, obwohl Erkenntniskritik nach Marx genau hier einzusetzen h&auml;tte: Wenn das , Erkenntnisinteresse&#8217;, das Kapitalverh&auml;ltnis real abzuschaffen, die Bedingung daf&uuml;r ist, dessen Fetischcharakter zu durchschauen, hat die Erkenntnis auch das ideelle Interesse an der Darstellung positiver Totalit&auml;t &#8211; als Einheit von Logik und Geschichte &#8211; aufzugeben und deren Differenz festzuhalten.</p>
<h4>Die Wertform als Logisches</h4>
<p>Die Studien von Hans-Georg Backhaus k&ouml;nnen zeigen, da&szlig; Marx die Wertformanalyse, wie sie im ersten Band des Kapital vorliegt, eigentlich nicht &#8211; wie vielfach von Marxisten behauptet &#8211; als Einheit von Historischem und Logischem entwickelt hat, sondern gewisserma&szlig;en rein logisch, dann aber in den verschiedenen Versionen der Darstellung historische Hinweise und Illustrationen eingef&uuml;gt hat, um den Eindruck einer logisch-historischen Entwicklung zu erzeugen, wodurch es f&uuml;r Engels zuletzt relativ leicht wurde, sie als Darstellung des historischen Stadiums der &#8220;einfachen Warenproduktion&#8221; mi&szlig;zuverstehen. <a href="#8" name="z8">8</a> Es stellt sich die Frage, warum die Einheit von Historischem und Logischem nicht m&ouml;glich ist &#8211; und warum Marx (und das schon in den Grundrissen) dennoch das Bed&uuml;rfnis hat, sie herzustellen.</p>
<p>&#8220;Nimmt man die historische Entwicklung des Geldes ernst, dann verschwindet die , eigent&uuml;mliche Logik&#8217; seiner begrifflichen , Entwicklung&#8217; &#8211; so, wenn letztere als , korrigiertes Spiegelbild&#8217; der historischen deklariert wird. Nimmt man aber die logische , Entwicklung&#8217; des Geldes ernst, den Versuch n&auml;mlich, eine Wesensdefinition des Geldes zu gewinnen, dann verschwindet die theoretische Relevanz der historischen , Entwicklung&#8217; &#8211; so, wenn letztere blo&szlig; noch der , Illustration&#8217; oder der , Probe&#8217; dienen soll. &#8220;<a href="#9" name="z9">9</a> Tats&auml;chlich geht es der Wertformanalyse um eine Definition oder um einen Beweis. Das hei&szlig;t: sie geht von Annahmen aus und setzt Bestimmungen voraus, die sie selbst nicht definiert oder beweist. Marx selbst sagt, das &#8220;entscheidend Wichtige&#8221; dabei sei, &#8220;den inneren nothwendigen Zusammenhang zwischen Werthform, Werthsubstanz und Werthgr&ouml;&szlig;e zu entdecken, d. h. ideell ausgedr&uuml;ckt, zu beweisen, da&szlig; die Werthform aus dem Werthbegriff entspringt. &#8220;<a href="#10" name="z10">10</a> Hier wird &#8211; bei n&auml;herem Hinsehen &#8211; unterschieden zwischen dem, was sich entdecken, und dem, was sich beweisen l&auml;&szlig;t. Der &#8220;innere nothwendige Zusammenhang&#8221; zwischen der &#8220;Form&#8221; und der &#8220;Substanz&#8221; des Werts kann entdeckt und herausgearbeitet werden mit Hilfe von Beweisen &#8211; er selber aber ist im strengen Sinn nicht beweisbar. Beweisen l&auml;&szlig;t sich nur, da&szlig; etwas aus einem Begriff entspringt, der Begriff keineswegs.</p>
<p>Beweisen kann Marx, da&szlig; wenn 20 Ellen Leinwand = 1 Rock, nicht nur gilt: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder = 10 Pfd. Tee oder = 40 Pfd. Kaffee usw. , sondern auch 10 Pfd. Tee= 40 Pfd. Kaffee = 1 Qrtr. Weizen = 20 Ellen Leinwand = 2 Unzen Gold = 1/2 Tonne Eisen =</p>
<p>Damit kann Marx &#8211; den Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert, Naturalform und Wertform vorausgesetzt &#8211; beweisen, da&szlig; die allgemeine &Auml;quivalentform &#8220;immer nur einer Waare&#8221; zukommt &#8220;im Gegensatz zu allen anderen Waaren; aber sie kommt jeder Waare im Gegensatz zu allen anderen zu. Stellt aber jede Waare ihre eigne Naturalform allen anderen Waaren gegen&uuml;ber als allgemeine &Auml;quivalentform, so schlie&szlig;en alle Waaren alle von der allgemeinen Aequivalentform aus und daher sich selbst von der gesellschaftlich g&uuml;ltigen Darstellung ihrer Wertgr&ouml;&szlig;en. &#8220;<a href="#11" name="z11">11</a> Marx f&uuml;hrt also den Nachweis, da&szlig; in dem Begriff der Ware &#8211; immer vorausgesetzt: soweit er den Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert einschlie&szlig;t &#8211; &#8220;bereits das Geld als an sich existierend dargestellt wird&#8221;, <a href="#12" name="z12">12</a> wie Engels sich v&ouml;llig korrekt in seinen Arbeiten zur Erstausgabe des Kapital ausdr&uuml;ckt: eine bestimmte Ware mu&szlig; die Rolle des allgemeinen &Auml;quivalents &uuml;bernehmen &#8220;und erst dadurch wird die Ware vollst&auml;ndig Ware. Diese besondre Ware (&#8230; ) ist Geld. <a href="#13" name="z13">13</a></p>
<p>Backhaus hat in dieser Hinsicht &uuml;berzeugend dargelegt, da&szlig; &#8220;der im Anschlu&szlig; an eine solche blo&szlig; an sich seiende Ware konstruierte , Austauschproze&szlig;&#8217; ebensowenig etwas Wirkliches vorstellt: er sollte daher keineswegs mit dem wirklichen Austauschproze&szlig; verwechselt werden. &#8220;<a href="#14" name="z14">14</a> Er ist gewisserma&szlig;en so wirklich wie eine Zahl: ein Beweis, der auf Bestimmungen beruht, die im strengen Sinn unbeweisbar sind.</p>
<p>Was Marx bewiesen hat, ist also, es gibt keine pr&auml;monet&auml;ren Waren, Ware hei&szlig;t immer auch Geld, eine Warenproduktion ohne Geld ist keine. Das richtet sich nat&uuml;rlich direkt oder indirekt gegen alle sozialistischen Utopien einer Abschaffung des Geldes unter Beibehaltung von Warenproduktion (z. B. Proudhon oder sp&auml;ter Gesell): Ware ist nicht ohne Geld (des weiteren: Geld nicht ohne Zins) zu haben. Marx kann also beweisen, da&szlig; &#8211; vorausgesetzt die Ware ist als &#8220;zwieschl&auml;chtig Ding&#8221; gesetzt, d. h. bestehend aus Gebrauchswert und Tauschwert &#8211; die Waren als Werte sich aufeinander nur beziehen k&ouml;nnen, indem sie sich auf ein Drittes beziehen.</p>
<p>Was aber die Substanz des Werts sein soll, ist damit nicht gesagt. Sie k&ouml;nnte z. B. &#8211; angenommen, Marx w&auml;re ein religi&ouml;ser Denker &#8211; g&ouml;ttlichen Ursprungs sein (was etwas abstrus erscheint, aber in Hinblick auf seine Geschichtsmetaphysik der Arbeit vielleicht nicht gar so weit hergeholt ist), die Wertformanalyse w&uuml;rde genauso gut funktionieren.</p>
<p>Marx deckt mithilfe der Wertformanalyse den inneren notwendigen Zusammenhang zwischen Wertform und Wertsubstanz (und damit auch Wertgr&ouml;&szlig;e) auf, aber er kann mit der Wertformanalyse nat&uuml;rlich nicht beweisen, da&szlig; die Substanz des Werts die Arbeit ist. Diese Bestimmung ist ihr vorausgesetzt, sie ist bereits in der Setzung der Ware als zwieschl&auml;chtig Ding aus Gebrauchswert und Tauschwert vorhanden: &#8220;Die gemeinsame gesellschaftliche Substanz, die sich in verschiednen Gebrauchswerthen nur verschieden darstellt, ist &#8211; die Arbeit. &#8220;<a href="#15" name="z15">15</a></p>
<h4>Die Wertsubstanz als Historisches</h4>
<p>Die Wertformanalyse, die das allgemeine &Auml;quivalent aus der Struktur der Ware ableitet, erf&uuml;llt die Hegelsche Forderung gewisserma&szlig;en nur zur H&auml;lfte: sie ist das Resultat mit seinem Werden; sie ist es aber in der Form des Resultats ohne sein Werden, in der logischen Form, jener Form, die sich der Tauschabstraktion selber verdankt.</p>
<p>Denn die logische Form sieht von dem ab, was sie voraussetzt; ist Abstraktion von den Bedingungen der Abstraktion. So setzt Marx bereits in den ersten Kapiteln die Existenz der abstrakten Arbeit voraus &#8211; als Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, die er an anderen Stellen (zum Beispiel im Kapitel &uuml;ber die sogenannte urspr&uuml;ngliche Akkumulation) historisch behandelt. Er mu&szlig; allerdings von ihrem Werden absehen, soweit er die Gleichungen der 1. bis 4. Form des Werts aufstellt (1 Rock = 20 Ellen Leinwand etc. ) &#8211; und mu&szlig; zugleich auf sie als einem Resultat rekurrieren und hinzuf&uuml;gen, da&szlig; der Wert etwa der Leinwand der blo&szlig; gegenst&auml;ndliche Reflex der als abstrakter verausgabten Arbeit ist, der sich aber nicht im K&ouml;rper der Leinwand reflektiert, sondern durch ihr Wertverh&auml;ltnis zum Rock &#8220;offenbart&#8221;. <a href="#16" name="z16">16</a> Der Begriff der abstrakten Arbeit ist im logischen Zusammenhang der Wertformanalyse der eigentliche Bezug zur Geschichte, und nicht jene Illustrationen und &#8220;Fabeleien&#8221; aus der Fr&uuml;hzeit des (pr&auml;monent&auml;ren) Tauschhandels, die Marx nachgeschoben hat. In ihrem Begriff ist gleichsam der geschichtliche Wandel aufgespeichert, den Marx an anderen Stellen des Kapitals entfaltet.</p>
<p>Aber Marx changiert bekanntlich zwischen dem historischen Begriff  abstrakter Arbeit &#8211; als Substanz des Werts, und dem &uuml;berhistorischen Begriff von Arbeit an sich &#8211; als der wahren, lebendigen Allgemeinheit der Gattung und Transzendentalsubjekt. Und vielleicht wurde Marx, weil dieser ontologisierende Begriff das Geschichtliche ausschlo&szlig;, dazu verf&uuml;hrt, die Geschichte an den falschen Stellen einzubauen und die Wertform mit archaischen Formen des Tauschens zu illustrieren; vielleicht hat ihn dieser Begriff, sofern er das historische Werden der abstrakten Arbeit &#8211; statt aufzuspeichern &#8211; ausl&ouml;scht, dazu verleitet, die logische Form selbst als historisches Werden mi&szlig;zuverstehen. Insofern liegt dem Fortgang von der ersten zur vierten Wertform kein historischer Proze&szlig;, aber die abstrakte Arbeit als Historisches zugrunde: nur auf ihrer Basis kann die Warenproduktion als totalisierende Entwicklung gedacht werden und eben diese Totalisierung rekonstruiert Marx in der logischen Form.</p>
<p>Da also einer genauen Lekt&uuml;re des Kapitals (einschlie&szlig;lich seiner Vorstufen und verschiedenen Fassungen) die Einheit von Logischem und Historischem notwendig zerf&auml;llt, wird es auch problematisch, aus der Kritik der politischen &Ouml;konomie des Kapitals eine allgemeine Methode (der Geschichtsforschung oder gar der Wissenschaft &uuml;berhaupt) zu extrapolieren. Umgekehrt k&ouml;nnen aber auch die Fragestellungen, die diese Kritik f&uuml;r die Formationen aufwirft, die dem Kapital voraufgingen, nicht einfach abgetan werden. &#8220;Anatomie des Menschen ist ein Schl&uuml;ssel zur Anatomie des Affen, &#8221; hei&szlig;t es in der Einleitung zur Kritik der politischen &Ouml;konomie. Und Schl&uuml;ssel hei&szlig;t nat&uuml;rlich, da&szlig; die Anatomie des Menschen mit der des Affen nicht identisch ist, im Gegenteil: &#8220;Die b&uuml;rgerliche &Ouml;konomie liefert so den Schl&uuml;ssel zur antiken etc. Keineswegs aber in der Art der &Ouml;konomen, die alle historischen Unterschiede verwischen und in allen Gesellschaftsformen die b&uuml;rgerlichen sehen. Man kann Tribut, Zehnten etc. verstehn, wenn man die Grundrente kennt. Man mu&szlig; sie aber nicht identifizieren. &#8220;<a href="#17" name="z17">17</a></p>
<p>Ist die Wertformanalyse auch nur an der ausgebildeten Form der Warenproduktion m&ouml;glich, wie sie die seit der urspr&uuml;nglichen Akkumulation totalisierte abstrakte Arbeit hervorgebracht hat, so hei&szlig;t das nicht, da&szlig; die Probleme, die diese Analyse aufwirft, f&uuml;r die Formen von Ware und Geld vor der urspr&uuml;nglichen Akkumulation ohne Bedeutung w&auml;ren. Stellt Marx also die Vorgeschichte des Kapitals dar, das was der kapitalisierten Gesellschaft voraufging, etwa vorkapitalistische Formationen oder urspr&uuml;ngliche Akkumulation, dann kann das vorangestellte Resultat so etwas wie ein Negativ bilden, an dem sich das mit ihm Nichtidentische als historisches Werden abzeichnet, eine Art Scheidewasser gesellschaftlicher Reproduktionsformen. (Und diese Negativit&auml;t ist wiederum nicht mit dem immer wieder erkennbaren Bem&uuml;hen von Marx zu verwechseln, die ontologisierte Arbeit selbst als das wahre Allgemeine des Gattungssubjekts durch die Geschichte hindurch zu verfolgen. )</p>
<p>F&uuml;r bestimmte Entwicklungen seit der griechischen und r&ouml;mischen Antike verliert dieses Negativ jedoch einiges an Trennsch&auml;rfe. Im Vorwort zur Erstausgabe des Kapital datiert Marx nicht zuf&auml;llig das Problem, das er mit der Wertformanalyse zu ergr&uuml;nden beansprucht, mit der griechischen Polis und Aristoteles. &#8220;Die Werthform, deren fertige Gestalt die Geldform, ist sehr inhaltslos und einfach. Dennoch hat der Menschengeist sie seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergr&uuml;nden gesucht, w&auml;hrend andrerseits die Analyse viel inhaltsvollerer und komplicirterer Formen wenigstens ann&auml;hernd gelang. Warum? Weil der ausgebildete K&ouml;rper leichter zu studieren ist als die K&ouml;rperzelle. &#8220;<a href="#18" name="z18">18</a> Es ist aber gerade hier, als ob der lange Schatten des Kapitals ganze Perioden von dessen Vorgeschichte verdunkeln w&uuml;rde, als m&uuml;&szlig;te f&uuml;r diese Perioden, in denen Marx das Ursprungsproblem der Warenform verortet, die Analyse mit Notwendigkeit ein &Auml;u&szlig;erstes an Spekulation aufbieten, um die historischen Fakten zu interpretieren und Fragen wie diese zu beantworten: In welchem Sinn kann f&uuml;r die sp&auml;te Zeit der griechischen Polis bereits von abstrakter Arbeit gesprochen werden (wie es etwa die gro&szlig;e Studie von Ulrich Enderwitz tut<a href="#19" name="z19">19</a>)? In welchem Ma&szlig; war es bereits von Bedeutung, da&szlig; die Waren zu ihrem Wert verkauft wurden?</p>
<p>Das Kapitalverh&auml;ltnis ist jedenfalls ein Resultat, das die Formen vorgibt, in denen es (und seine Vorgeschichte) Gegenstand der Erkenntnis werden kann. Das Dilemma, dem Marx gegen&uuml;berstand, soweit Logisches und Historisches sich nicht zusammenf&uuml;gen wollten, die Form nicht im geschichtlichen Inhalt aufging und der Inhalt nicht in der logischen Form, ist in der Tat der methodologische Ausdruck des &#8220;zwieschl&auml;chtig Ding&#8221;, der von ihm selbst inhaltlich benannten, doppelseitigen Struktur der Ware. So wie der Gegenstand der Kritik der politischen &Ouml;konomie auseinanderf&auml;llt in Tausch- und Gebrauchswert, so ihre Methode in Logik und Geschichte, ahistorische Analyse der Wertform und historische Darstellung der Akkumulation des Kaptals. <a href="#20" name="z20">20</a></p>
<p>Dieses Inkommensurable sich klarzumachen, geh&ouml;rt zu einer kritischen Theorie, die ihre eigenen Voraussetzungen reflektiert. Das Bewu&szlig;tsein des Erkennenden, in den Gegenstand der Erkenntnis involviert zu sein &#8211; durch deren eigenste Antinomien hindurch -, kl&auml;rt Kritik &uuml;ber sich selbst auf; verhindert, da&szlig; sie als Positives und Ewig-G&uuml;ltiges sich mi&szlig;versteht, Anthropologie oder Ontologie lehrt, konstruktiv wird und Utopien predigt. Es ist das eine Selbstreflexion, die Marx und dem Marxismus immer nur soweit verstellt blieb, als sie in Arbeit und Arbeiterbewegung eine Art Transzendentalsubjekt oder Weltgeist zu haben glaubten, worin alle Aporien aufgehoben werden konnten. (So erkl&auml;rt sich, da&szlig; Marx die Trennung des Logischen und Historischen, die er als Kritiker der politischen &Ouml;konomie betrieb, als Theoretiker der Arbeiterbewegung nicht akzeptieren, ja nicht einmal verstehen konnte &#8211; ehe sie dann vom Marxismus f&uuml;r lange Zeit vollst&auml;ndig verdeckt wurde. )</p>
<p>Wer sich aber nun einfach auf eine der beiden Seiten schl&auml;gt: an der reinen Wertformanalyse (gereinigt nicht nur von den falschen historisierenden Zutaten, sondern auch von der richtigen Frage nach der Wertsubstanz) sein Gen&uuml;gen findet und die Wertform selber also nicht mehr als Historisches und darum zu historisierendes, d. h. abzuschaffendes, begreifen kann; oder wer umgekehrt das Kapitalverh&auml;ltnis restlos in Geschichte aufl&ouml;st (als w&auml;re die Identit&auml;t nur ein Element des Nichtidentischen) und nichts davon wissen will, da&szlig; die Erz&auml;hlung des Werdens stets durch dessen Resultat zu brechen ist (und darum immer nur Vorgeschichte sein kann) &#8211; der wird sich immer au&szlig;erhalb davon w&auml;hnen, was er untersucht und zu kritisieren glaubt (im einen Fall ein g&ouml;ttlicher Logiker, im anderen ein allwissender Erz&auml;hler); der wird eben jene Subjektposition im Denken immer nur best&auml;tigen, die der Geldbesitzer auf dem Markt behauptet &#8211; so er wirklich Geld in der Tasche hat: die ihm also das angenehme Gef&uuml;hl verschafft, Herr im eigenen Haus zu sein &#8211; und sei dieses Haus auch nur das eigene Hirnkastl.</p>
<h4>Auschwitz</h4>
<p>Beweisen l&auml;&szlig;t sich nur etwas in der Form des Resultats ohne sein Werden. Beweisen l&auml;&szlig;t sich streng genommen nur, da&szlig; 1 + 1 = 2. Wer daraus aber &#8211; dem &#8220;Zwangsfolgern&#8221; (Hannah Arendt) gehorchend &#8211; den Schlu&szlig; zieht, da&szlig; sich dann etwa auch die Shoa nicht beweisen lasse und darum diese Tatsache in Frage gestellt w&auml;re, der verkennt, um welche Frage es hier geht.</p>
<p>Der Beweis sieht von den Bedingungen ab und setzt sie doch voraus. Beweisen hei&szlig;t, &uuml;ber die Voraussetzungen des zu Beweisenden schweigen: weil sie entweder ganz klar oder gar nicht bedacht sind. Klar oder unbedacht ist, da&szlig; Dinge oder Menschen sich &uuml;berhaupt zusammenz&auml;hlen lassen, als w&auml;ren sie identisch. Die gesamte Mathematik ist auf dieser Voraussetzung oder Annahme aufgebaut, die sich selbst nat&uuml;rlich nicht beweisen l&auml;&szlig;t. Sie beruht auf der Abstraktion von allem Nichtidentischen &#8211; und als ideelle Abstraktion ist sie Teil jener &#8220;Abstraktion, die in dem gesellschaftlichen Produktionsproze&szlig; t&auml;glich vollzogen wird. &#8220;<a href="#21" name="z21">21</a></p>
<p>Der Beweis ist, wie gesagt, eine Operation in der Form des Resultats ohne dessen Werden. Er beruht auf festgelegten, vereinbarten Ma&szlig;st&auml;ben; auf geistigen Versuchsanordnungen. Die Zahl ist deren Inbegriff. 1 + 1 = 2 kann zwar selbst als Vorgang des Werdens begriffen werden (das Addieren als Proze&szlig;), aber die Form dieses Vorgangs ist das Resultat ohne dessen Werden, die Identit&auml;t ohne das Nichtidentische: 1 = 1.</p>
<p>Der &#8220;kategorischen Imperativ&#8221; von Marx lautet, &#8220;alle Verh&auml;ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver&auml;chtliches Wesen ist&#8221;. <a href="#22" name="z22">22</a> Aber diese Verh&auml;ltnisse sind, wie niemand anderer als Marx erkannt hat, real abstrakt geworden, &uuml;ber reale Abstraktionen vermittelt. Sich einzubilden, sie seien allesamt konkret geblieben; so zu tun, als g&auml;be es darin keine Logik, als m&uuml;&szlig;te nur die Abstraktion widerlegt und weggedacht werden und das Konkrete w&auml;re befreit, bedeutet, zum absoluten Irrationalismus &uuml;berzulaufen (wie er sich heute am zeitgem&auml;&szlig;esten in der Esoterik verk&ouml;rpert).   Als falsche Alternative bietet sich dagegen der Rationalismus an, der die abstrakt gewordenen Verh&auml;ltnisse anerkennt und daf&uuml;r den kategorischen Imperativ preisgibt.</p>
<p>Der nationalsozialistische Massenmord wird in der Form des Resultats ausgedr&uuml;ckt: in Zahlen. Das Unbehagen daran, das unertr&auml;glich wird, wenn &uuml;ber die Zahlen gestritten werden mu&szlig;, verweist auf das Unverm&ouml;gen, die reale Tat zu fassen. &Uuml;ber die Voraussetzungen dieses Resultats herrscht entweder Klarheit oder Unwissen. Wenn als bewiesen gilt, da&szlig; 6 Millionen J&uuml;dinnen und Juden ermordet wurden, wird stillschweigend vorausgesetzt, wer sie ermordet hat. Jeder, der als politisch korrekt gelten will, h&uuml;tet sich, den Massenmord in Frage zu stellen. Sobald jedoch die Frage aufgeworfen wird, wer denn nun eigentlich den Mord begangen hat, zerf&auml;llt die political correctness und die Auseinandersetzungen beginnen: die Deutschen, die Nazis, das Monopolkapital, die SS, die KZ-Kommandanten, Hitler, das Abendland, &#8220;der Mensch&#8221;? Darum auch sind Untersuchungen wie die von Goldhagen so wichtig: sie machen deutlich, da&szlig; jeder Beweis eine ganze Kette von Fragen nach sich zieht, die wiederum Beweise erfordern, deren Voraussetzungen neue Fragestellungen aufwerfen. Die Fragen nach den Voraussetzungen des Beweisbaren zielen ebenso auf die Schuld jedes einzelnen T&auml;ters, seinen individuellen Handlungsradius, wie auf die Totalit&auml;t, auf das Ganze als das Unwahre.</p>
<p>Allein der Beweis, da&szlig; es sich bei einer bestimmten Anzahl von Ermordeten um Juden handelt, und nicht um Russen, Polen etc. oder Deutsche, setzt zun&auml;chst voraus, die Kriterien, nach denen die Nazis und die Deutschen selektierten, die Kriterien also von Antisemitismus und Nationalsozialismus als formale &uuml;bernehmen zu m&uuml;ssen: also da&szlig; ein Deutscher nicht als Jude gelte und ein Jude nicht als Deutscher; da&szlig; ein Jude deshalb, weil er , j&uuml;dische&#8217; Eltern hat, als Jude definiert werde usw. Diese formalen Kriterien einerseits zur Kenntnis zu nehmen, um die Tatsache des Massenmords und die Identit&auml;t der T&auml;ter nachzuweisen, hei&szlig;t andererseits nicht, ihre inhaltlichen Voraussetzungen auch nur im Ansatz zu akzeptieren &#8211; ein Ansatz, der etwa in der Behauptung bestehen k&ouml;nnte, es gebe, wie auch immer bewertet, eine j&uuml;dische Rasse; der Begriff Rasse bezeichne, jenseits der Projektion und des Vernichtungswahns, sinnvoll eine existierende &#8220;lebendige&#8221; Allgemeinheit etc.</p>
<p>Die Selektion, die der Nationalsozialismus betrieben hat, ist der extremste Fall von Identit&auml;t: totale Einheit von Inhalt und Form, Irrationalem und Rationalem in der Vernichtung. Materialistische Kritik der Identit&auml;t, die den irrationalen Inhalt jederzeit negieren mu&szlig;, kann die formalen Gesetze nicht im selben Atemzug f&uuml;r inexistent erkl&auml;ren, da sie doch jene von Menschen geschaffenen Verh&auml;ltnisse kennzeichnen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver&auml;chtliches Wesen ist. Sie h&auml;lt jedoch das Logische nur fest, um an ihm die Ausbeutung und Unterdr&uuml;ckung, Verfolgung und Vernichtung der Individuen sichtbar zu machen und dem unwahren Ganzen, das davon und darin existiert, zu widersprechen.</p>
<hr /><a href="#z1" name="1">1</a>          Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Ph&auml;nomenologie des Geistes. Werke (Redaktion Eva Moldenhauer u. Karl Markus Michel). Frankfurt am Main 1970. Bd. 3. S. 13</p>
<p><a href="#z2" name="2">2</a> 1         G. W. F. Hegel: Enzyklop&auml;die der philosophischen Wissenschaften. 1. Teil. Werke Bd. 8, S. 265. Im &Auml;sthetischen m&uuml;ndet dieser Idealismus in eine klassizistische Norm: &#8220;Wahrhafte Kunstwerke sind eben nur solche, deren Inhalt und Form sich als durchaus identisch erweisen.&#8221; (Ebd. S. 266) Adornos &Auml;sthetische Theorie hat dem erwidert: &#8220;Die Artikulation, durch die das Kunstwerk seine Form erlangt, konzediert in gewissem Sinn stets auch deren Niederlage. W&auml;re bruchlose und gewaltlose Einheit der Form und des Geformten gelungen, wie sie in der Idee der Form liegt, so w&auml;re jene Identit&auml;t des Identischen und Nichtidentischen verwirklicht, vor deren Unrealisiertheit doch das Kunstwerk ins Imagin&auml;re der blo&szlig; f&uuml;rsichseienden Identit&auml;t sich vermauert. (&#8230; ) Gegen die banausische Teilung der Kunst in Form und Inhalt ist auf deren Einheit zu bestehen, gegen die sentimentale Ansicht von ihrer Indifferenz im Kunstwerk darauf, da&szlig; ihre Differenz in der Vermittlung zugleich &uuml;berdauert. Ist die vollkommene Identit&auml;t von beidem schim&auml;risch, so geriete sie wiederum auch den Werken nicht zum Segen; sie w&uuml;rden, nach Analogie zum Kantischen Wort, leer oder blind (&#8230; ).&#8221; (Theodor W. Adorno: &Auml;sthetische Theorie. Frankfurt am Main 1977. S. 219 u. 221f. ) Solcherart Reflexion auf Inhalt und Form hat in der politischen &Ouml;konomie im Hinblick auf die eigene Methode und speziell in der Rezeption des Marxschen Werks kaum je stattgefunden.</p>
<p><a href="#z3" name="3">3</a>          Hegel, Ph&auml;nomenologie, S. 55</p>
<p><a href="#z4" name="4">4</a>          G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Werke Bd. 7,   S. 27</p>
<p><a href="#z5" name="5">5</a>          Vgl. G. W. F. Hegel: Wissenschaft der Logik. Werke Bd. 5, S. 36</p>
<p><a href="#z6" name="6">6</a>          Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Marx/Engels Werke. Berlin/DDR 1956ff. (MEW) Bd. 1, S. 235</p>
<p><a href="#z7" name="7">7</a>          Z. B. : &#8220;Endlich die F&auml;higkeit von Gold und Silber, aus der Form der M&uuml;nze in die Barrenform, aus der Barrenform in die Form von Luxusartikeln und umgekehrt verwandelt zu werden, ihr Vorzug als vor andern Waren, nicht in einmal gegebene, bestimmte Gebrauchsformen gebannt zu sein, macht sie zum nat&uuml;rlichen Material des Geldes, das best&auml;ndig aus einer Formbestimmtheit in die andre umschlagen mu&szlig;.&#8221; (Karl Marx: Zur Kritik der politischen &Ouml;konomie. MEW Bd. 13, S. 130) &#8220;Das &Auml;quivalent ihres Werts, das die Arbeitskraft w&auml;hrend ihrer Funktion dem Produkt zusetzt und das mit der Zirkulation des Produkts in Geld verwandelt wird, mu&szlig; aus Geld best&auml;ndig in Arbeitskraft r&uuml;ckverwandelt werden oder best&auml;ndig den vollst&auml;ndigen Kreislauf seiner Formen beschreiben, d. h. umschlagen (&#8230; ).&#8221; (Karl Marx: Das Kapital. Bd. 2. MEW Bd. 24, S. 165)</p>
<p><a href="#z8" name="8">8</a>          Vgl. Hans-Georg Backhaus: Dialektik der Wertform. Freiburg 1997. S. 67-298</p>
<p><a href="#z9" name="9">9</a>          Ebd. S. 260</p>
<p><a href="#z10" name="10">10</a>        Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. [1. Auflage 1867] Marx/Engels Gesamtausgabe Berlin/DDR 1975ff. (MEGA2) II. Abt. Bd. 5, S. 43</p>
<p><a href="#z11" name="11">11</a>        Ebd. S. 43</p>
<p><a href="#z12" name="12">12</a>        Friedrich Engels: [Rezension des Ersten Bandes , Das Kapital' f&uuml;r die , Zukunft'. ] MEW Bd. 16, S. 208</p>
<p><a href="#z13" name="13">13</a>        Friedrich Engels: [Konspekt &uuml;ber] , Das Kapital&#8217; von Karl Marx. Erster Band. MEW Bd. 16, S. 246</p>
<p><a href="#z14" name="14">14</a>        Backhaus, Dialektik der Wertform, S. 291</p>
<p><a href="#z15" name="15">15</a>        Marx, Das Kapital Bd. 1 [1867], S. 19</p>
<p><a href="#z16" name="16">16</a>        Ebd. S. 30</p>
<p><a href="#z17" name="17">17</a>        Karl Marx: Einleitung [zur Kritik der politischen &Ouml;konomie]. MEW Bd. 13. Berlin/DDR 1981. S. 636</p>
<p><a href="#z18" name="18">18</a>        Marx, Das Kapital Bd. 1 [1867] S. 12</p>
<p><a href="#z19" name="19">19</a>        Enderwitz spricht sogar von der antiken Polis als einem &#8220;vexierbildlich aufschlu&szlig;reichen Vorgriff auf die kapitalistischen Gesellschaften der Gegenwart.&#8221; Ulrich Enderwitz: Reichtum und Religion. 3. Buch. Die Herrschaft des Wesens. Bd. 2. Die Polis. Freiburg 1998. S. 185-292</p>
<p><a href="#z20" name="20">20</a>        Dieser methodische Zwiespalt betrifft schlie&szlig;lich auch den Begriff einer Sache, die so kompakt und schl&uuml;ssig erscheint wie der Gebrauchswert. Wer den Verfall oder das Verschwinden des Gebauchswerts in der Moderne als historische Tendenz konstatiert, kommt andererseits nicht darum herum, soweit er von Wertform spricht (und nicht mit Wolfgang Pohrt die &#8220;Abl&ouml;sung des Wertgesetzes durch das Gesetz des St&auml;rkeren&#8221; behauptet; Theorie des Gebrauchswerts, Berlin 1995, S. 251) auch weiterhin logisch von Gebrauchswert zu sprechen, denn ohne Gebauchswert, keine Ware und kein Wert. So w&auml;re denn auch hier zu unterscheiden: zwischen einem historischen und einem logischen Gebrauchswertbegriff.</p>
<p><a href="#z21" name="21">21</a>        Marx, Einleitung zur Kritik der politischen &Ouml;konomie, S. 18</p>
<p><a href="#z22" name="22">22</a>        Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. MEW Bd. 1, S. 385</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.streifzuege.org/2000/was-zu-beweisen-ist/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Positive Postpolitik</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2000/positive-postpolitik</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2000/positive-postpolitik#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2000 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Grigat; Stephan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-3]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=224</guid>
		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/positive-postpolitik">Positive Postpolitik</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/positive-postpolitik">Positive Postpolitik</a></p>
<p></head></p>
<h3>Kurze Replik zu Schandls &#8220;Bewegungsversuche auf Glatteis&#8221; (Streifz&uuml;ge 3/00)</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 3/2000</p>
<p><em>von Stephan Grigat</em> <span id="more-224"></span></p>
<p><strong>I</strong>.</p>
<p>Franz Schandl meint, das Kritierium der Praxis habe die Wirkung zu sein, nicht die Wahrheit. Theorie soll sagen, &#8220;was warum ist&#8221;. Praxis hingegen solle versuchen, &#8220;was geht&#8221;. Nun, ohne den Anspruch auf Wahrheit geht gar nichts. Weder in der Theorie, noch &#8211; so man die von Schandl vorgenommene Trennung mitmachen will &#8211; in der Praxis. Wenn man bei dem, was Schandl Praxis nennt, nicht mehr sagt, was warum ist, kann man sie bleiben lassen. Man ist dann beim taktierenden Praktizismus angelangt, mithin beim Politikmachen.</p>
<p>Als wichtigster Begriff f&uuml;r auf allgemeine Emanzipation gerichtetes Handeln w&auml;re ohnehin weder Theorie noch Praxis, sondern Kritik zu benennen. Und die kann sowohl als geschriebenes Wort als auch &#8211; um es deutlich zu machen &#8211; bewaffnet auftreten. In jedem Fall geht es ihr nicht darum, wie Schandl es sich f&uuml;r die Praxis w&uuml;nscht, Fronten &#8220;aufzubrechen und aufzul&ouml;sen&#8221;,   sondern &#8211; um bei Schandls Begriff zu bleiben &#8211; Fronten sichtbar zu machen und gegebenenfalls auch klarer zu ziehen. Sollte dann jemand von der anderen Seite desertieren, von der Seite des Nationalismus, von der Seite Deutschlands oder &Ouml;sterreichs hin zur r&uuml;cksichtslosen Kritik alles Bestehenden, so wurde das Ziel erreicht. Das wird aber gerade nicht durch ein Aufweichen der Trennungslinie zwischen den Gesellschaftskritikern einerseits und den wert- und staatsfetischistischen, nationalistischen, mehr oder weniger rassistischen, sexistischen und antisemitischen Warenmonaden andererseits erreicht werden, sondern, wenn &uuml;berhaupt, nur durch Kritik, die in ihrer Unvers&ouml;hnlichkeit gegen&uuml;ber den gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen gar nicht konsequent und radikal genug sein kann. In der Regel schlie&szlig;t die Unvers&ouml;hnlichkeit gegen&uuml;ber den Zust&auml;nden die Unvers&ouml;hnlichkeit mit den diese Zust&auml;nde &#8211; wie bewu&szlig;tlos auch immer &#8211; konstituierenden Subjekten mit ein. Als Kritiker des Geldes k&ouml;nnen wir niemanden vorwerfen, da&szlig; er oder sie mit Geld hantiert. Als Kritiker Deutschlands oder &Ouml;sterreichs k&ouml;nnen wir allen sich deutsch oder &ouml;sterreichisch F&uuml;hlenden aber jede Menge vorwerfen. Da k&ouml;nnen die Fronten gar nicht klar genug sein.</p>
<p><strong>II. </strong></p>
<p>Schandls Aversion gegen das &#8220;Sektierertum&#8221;, also gegen kleine linksradikale Zirkel, die heute die ad&auml;quate Daseinsform organisierter Kritik sind, zeugt von einer Unzufriedenheit mit der eigenen Position. Dazu pa&szlig;t auch seine Forderung, die &#8220;kaum nachvollziehbare Geschichte der Spaltungen&#8221; in der Linken endlich hinter sich zu lassen. Dabei hat es sich bei diesen Spaltungen nicht selten um sehr folgerichtige Entscheidungen gehandelt, die eher zu sp&auml;t als zu fr&uuml;h gef&auml;llt wurden. Spaltungen in der Linken sind nicht zuletzt das Ergebnis ernsthafter theoretischer Anstrengungen, die Unvereinbarkeiten von Positionen zu Tage f&ouml;rdern. Konsequenterweise arbeitet man dann nicht mehr direkt zusammen, was nicht hei&szlig;t, da&szlig; man sich nicht mehr miteinander auseinandersetzen sollte. Ausnahmen, wie eben der &#8220;Kritische Kreis&#8221;, best&auml;tigen hier tats&auml;chlich nur die Regel.</p>
<p><strong>III. </strong></p>
<p>Die Rede von einer &#8220;postpolitischen&#8221; Praxis, zu der auch die v&ouml;llige Ausblendung des Staates in Schandls Text pa&szlig;t, weist auf einen der umstrittenen Punkte im &#8220;Kritischen Kreis&#8221; hin. W&auml;hrend es bei der Rede von &#8220;postpolitischer&#8221; Praxis stets so klingt, als w&auml;re der einzige Grund, warum linksradikale Gesellschaftskritik nicht politisch werden soll, darin zu suchen, da&szlig; die Politik heute ausgebrannt sei, oder wie es bei Robert Kurz hei&szlig;t, das &#8220;Ende der Politik&#8221; gekommen sei. Politik w&auml;re demnach zu kritisieren, weil sie nichts mehr kann. Antipolitik oder Kritik der Politik hingegen richtet sich gegen sie, weil das, was sie sehr wohl noch kann, hundsmiserabel ist (und auch immer schon war).</p>
<p><strong>IV. </strong></p>
<p>Wenn Schandl anf&auml;ngt, konkrete Vorschl&auml;ge zu neuen Formen von Praxis zu machen, da ihm Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen zu altbacken sind, wird es merkw&uuml;rdig harmlos. Man soll Meinungsforschern die Angaben verweigern oder doch wenigstens Geld f&uuml;r seine Auskunftswilligkeit verlangen. Dann doch lieber eine fade Demo, bei der man mit seiner Kritik versucht, sowohl PassantInnen als auch DemonstrantInnen zu provozieren.</p>
<p><strong>V. </strong></p>
<p>Am Ende seines Textes wird Schandl positiv, was ihm bei einer seinen Vorstellungen entsprechenden Praxis sicherlich entgegenkommt, aber hinter zentrale Einsichten Kritischer Theorie &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Utopie und Kritik zur&uuml;ckf&auml;llt. Zwei Dinge gehen hier in Schandls Text durcheinander: &#8220;Die Welt ohne Geld sich vorzustellen (&#8230; ) sollte doch geboten sein, nicht verboten.&#8221; Bitte sch&ouml;n. Ein Geld- und Wertkritiker, der sich das noch nie vorgestellt hat, w&auml;re eine merkw&uuml;rdige Figur. Was man sich vorstellen kann ist die eine Sache, die andere ist jedoch, was man anderen anbietet. Schandls Schlu&szlig;aufruf, mit dem wohl nun zur Praxis geschritten werden soll, handelt nicht davon, sich etwas vorzustellen, sondern davon, mit alternativen Gesellschaftsentw&uuml;rfen bei Leuten hausieren zu gehen, die sich entweder &uuml;berhaupt nicht f&uuml;r Gesellschaftskritik interessieren oder eben nur dann, wenn man ihnen eine konkrete Utopie vorsetzt: &#8220;Ohne Telos keine Mobilisierung! &#8221; Auf derartige Mobilisierung kann man getrost verzichten.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.streifzuege.org/2000/positive-postpolitik/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Replik auf Ernst Lohoff: &#8220;Deutschland ist überall&#8221;</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2000/replik-auf-ernst-lohoff-deutschland-ist-ueberall</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2000/replik-auf-ernst-lohoff-deutschland-ist-ueberall#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2000 01:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[isf Freiburg]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-3]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=225</guid>
		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/replik-auf-ernst-lohoff-deutschland-ist-ueberall">Replik auf Ernst Lohoff: &#8220;Deutschland ist überall&#8221;</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus! Auch hier sollen, wie schon bei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/replik-auf-ernst-lohoff-deutschland-ist-ueberall">Replik auf Ernst Lohoff: &#8220;Deutschland ist überall&#8221;</a></p>
<p></head></p>
<h3>Historisierung der Wertkritik: Normalisierung der Geschichte</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 3/2000</p>
<p><em>von der initiative sozialistisches forum Freiburg</em>  <span id="more-225"></span></p>
<p>Jahrelang wurde der Krisis-Gruppe vorgeworfen, sie w&uuml;rde von der deutschen Geschichte, insbesondere vom Nationalsozialismus, abstrahieren. Wer vom Faschismus nicht reden will, der soll auch vom Kapitalismus schweigen. Neuerdings geht es den Zusammenbruchstheoretikern um eine Historisierung der Wertkritik, d. h. um die Beantwortung der &#8220;Frage, in welchem Verh&auml;ltnis radikale Kapitalismuskritik als Wertkritik zur spezifisch deutschen Geschichte (Nationalsozialismus, Holocaust) steht&#8221; (Editoral Krisis 23). Bereits im schwarzbuch kapitalismus hat Robert Kurz darauf eine Antwort gegeben: Er hat eine Geschichte der Moderne geschrieben, die den NS auf eine Etappe der Durchsetzungsgeschichte des Werts reduziert. Nicht nur Ideologiekritiker sehen darin eine Relativierung von Auschwitz. Als dieser Vorwurf u. a. von G&uuml;nther Jacob in konkret (4/2000) erhoben wurde, sahen sich die Autoren der Krisis-Gruppe gen&ouml;tigt, in die Offensive zu gehen. Die Vehemenz, mit der Robert Kurz auf den Vergleich seiner linken Historisierung von Auschwitz mit der reaktion&auml;ren von Ernst Nolte reagiert, zeigt, da&szlig; ein wunder Punkt getroffen wurde. Obwohl er selbst im Schwarzbuch den Bezug zu Nolte herstellt &#8211; man m&uuml;sse &#8220;genau andersherum wie Nolte&#8221; vorgehen und die &#8220;sch&ouml;ngef&auml;rbte Welt&#8221; des Liberalismus als &#8220;monstr&ouml;se , sch&ouml;ne Maschine&#8217; der , Verwertung des Werts&#8217;&#8221; darstellen -, weist Kurz die Kritik als grobe F&auml;lschung und bewu&szlig;te Denunziation zur&uuml;ck. So wichtig es ist, gegen den in der deutschen Linken etablierten Kulturalismus und gegen die konkretistische Geschichtsauffassung am Zusammenhang von Kapital und NS festzuhalten, so borniert ist es, die Kritik nur deshalb zur&uuml;ckzuweisen, weil sie von dieser kulturalistischen Seite formuliert wird.</p>
<p>So reproduziert Kurz in seiner Replik auf Jacob (konkret 6/2000) durch blo&szlig;es Wiederholen seiner Argumente lediglich das Problem. Auf den Vorwurf, er h&auml;tte seine Historisierung weitgehend von G&ouml;tz Aly &uuml;bernommen, antwortet Kurz, Auschwitz k&ouml;nne nicht mit &ouml;konomischen Nutzenkalk&uuml;len erkl&auml;rt werden, sondern w&uuml;rde &#8220;in einer tiefen Irrationalit&auml;t und in Ressentiments&#8221; wurzeln, &#8220;deren Elemente einerseits die Wertvergesellschaftung als solche (! ) von Anfang an gekennzeichnet haben, andererseits aber in Deutschland seit Herder und Fichte mit spezifischem Inhalt ausgebildet wurden: n&auml;mlich der kulturalistisch-rassistischen, blutsideologischen Legitimation der deutschen Nationbildung.&#8221; (konkret 6/2000, S. 30) Auf der einen Seite haben wir die &#8220;Wertvergesellschaftung als solche&#8221;, die reine Form also, auf der anderen Seite den kulturalistischen und rassistischen Inhalt. Der Theoretiker mu&szlig; nun nur noch Form und Inhalt in &Uuml;bereinstimmung bringen, und schon l&auml;&szlig;t sich die Geschichte erkl&auml;ren: &#8220;Nur im Sinne einer radikalen Wertkritik, die den Wert nicht wirtschaftstheoretisch verdinglicht, sondern als allgemeine Subjektform begreift, kann das Verh&auml;ltnis von Kapitalismus, antisemitischer Ideologie und Holocaust &uuml;berhaupt historisch bestimmt werden.&#8221; (konkret 6/2000, 31)</p>
<p>Selbstverst&auml;ndlich sind Kapitalismus, Antisemitismus und die Shoah nicht von einander zu trennen. Auch ist es richtig, Wert im Unterschied zur marxistischen Tradition nicht auf eine &ouml;konomische Kategorie zu reduzieren. Doch ist es etwas v&ouml;llig anderes, ausgehend von der realen gesellschaftlichen Synthesis (der gesellschaftlichen Totalit&auml;t) das Verh&auml;ltnis von Kapital und Antisemitismus zu reflektieren, als &#8220;historisch&#8221; das Verh&auml;ltnis von Kapital und Auschwitz bestimmen zu wollen. Letzteres f&uuml;hrt mit Notwendigkeit auf die akademische Gretchenfrage, die Ernst Lohoff in seinem k&uuml;rzlich an dieser Stelle ver&ouml;ffentlichten &#8220;Zwischenruf zu den Freiheitlichen Sirenen&#8221;, in dem er die Kontroverse zwischen&#8221; Gerhard Scheit und Franz Schandl um Haider auf &#8220;ganz zentrale Punkte eines hochbrisanten Themas&#8221; fokussiert, n&auml;mlich auf die Frage: &#8220;In welcher Beziehung stehen der kapitalistische , Normalbetrieb&#8217; und das volksgemeinschaftliche Eroberungs- und Vernichtungsprogramm? Steht letzteres im Kontrast zu ersterem oder l&auml;&szlig;t es sich zugleich als dessen Fortsetzung und &Uuml;bergipfelung fassen? &#8221;</p>
<p>In der Tat: Die Frage nach dem Verh&auml;ltnis von allgemeinem Kapitalverh&auml;ltnis und den historischen Besonderheiten steht im Zentrum jeder Debatte um die deutsche Geschichte. So auch im Zusammenhang mit der Goldhagendebatte, als der ISF und der Bahamas abermals die Ableitung von Auschwitz aus dem Kapital vorgeworfen wurde. Im Dossier &#8220;Auschwitz und die Krise der Theorie&#8221; (Jungle World 28 / 8. Juli 1998) versuchen die Autoren des Buchs &#8220;Goldhagen und die deutsche Linke&#8221; die Untauglichkeit sowohl der Diskurs- als auch der Wertanalyse als Erkl&auml;rungsans&auml;tze f&uuml;r die Massenvernichtung nachzuweisen: &#8220;Anstelle der diskursiven Beliebigkeit werden von der Freiburger Initiative Sozialistisches Forum und der Bahamas alles Denken und Handeln der Subjekte allein aus der Struktur der kapitalistischen &Ouml;konomie abgeleitet.&#8221; Bereits damals hatte die ISF in einer von der Jungle World nicht gedruckten Replik &#8211; die Redaktion hatte die Debatte vorzeitig abgebrochen &#8211; diesen Vorwurf als Mi&szlig;verst&auml;ndnis zur&uuml;ckgewiesen. Ideologiekritik steht jeglichem Ableitungsdenken diametral entgegen. (Die damals nicht ver&ouml;ffentlichte Replik &#8220;Schwadroneure und Empiristen. Zwei verfehlte Versuche, die Wahrheit Goldhagens sich anzueignen&#8221; ist mittlerweile im Internet zug&auml;nglich: www.isf-freiburg.org).</p>
<p>Nun wird der ISF und der Bahamas von Seiten der Krisis-Gruppe vorgeworfen, sie w&uuml;rde durch das Betonen der Singularit&auml;t von Auschwitz ein Analyseverbot f&uuml;r die Shoah aussprechen. Richtig an dem eigentlich abstrusen Vorwurf (wer k&ouml;nnte schon irgendeinem Theoretiker verbieten, sich analytisch auf seinen Gegenstand zu beziehen; Kritik ist kein Verbot) ist, da&szlig; Ideologiekritik sich strikt weigert, Auschwitz als ein erkl&auml;rungsbed&uuml;rftiges Ph&auml;nomen unter anderen historischen Ereignissen zu rationalisieren und die Frage, ob Auschwitz die innere Logik des Kapitals offenbart oder einen Betriebsunfall des Kapitals darstellt, am liebsten nur dort verhandelt wissen will, wo sie f&uuml;r die akademische Laufbahn als Historiker von Nutzen ist. <a style='mso-footnote-id: ftn1' href="#_ftn1" name="_ftnref1" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[1] Doch das Bed&uuml;rfnis nach Theorie macht bekannterma&szlig;en nicht an den Pforten der Hochschulen halt. Einsichten wie sie etwa Agnes Heller in ihrer Lebensgeschichte (Der Affe auf dem Fahrrad) formuliert &#8211; &#8220;Der Holocaust ist nicht zu verstehen, denn er geh&ouml;rt nicht zu den rationalen historischen Ereignissen. Man kann das rationale Umfeld dieses Irrationalen abtasten, nicht aber aus einer Kausalkette herleiten oder wie auch immer analysieren.&#8221; &#8211; schlagen Theoretiker wie Ernst Lohoff in den Wind und suchen verzweifelt nach einer Antwort darauf, wie sich Allgemeines (Kapital) und Besonderes (Geschichte) in Beziehung setzen lassen. Das Besondere, so Lohoff, k&ouml;nne sich prinzipiell auf zwei Achsen beziehen: auf Raum und Zeit. Wenn aber das Besondere so bestimmt wird, folgt daraus notwendig, da&szlig; das Allgemeine als au&szlig;erhalb von Raum und Zeit existierend, als reine Abstraktion gedacht wird. Weil, so Lohoff weiter, keine Epoche der kapitalistischen Entwicklung im allgemeinen Begriff des Kapitals aufgehe (= das Verh&auml;ltnis von A-B auf der Zeitachse), und weil keine &#8220;der Weltwarengesellschaft angeh&ouml;rige geographische Region ein blo&szlig;es Exemplum der allgemeinen Norm&#8221; verk&ouml;rpere (= Raumachse), m&uuml;sse man eben ein anderes, wertkritisches Verh&auml;ltnis von (abstraktem) Allgemeinem und (konkretem) Besonderem formulieren. Anders ausgedr&uuml;ckt: was die Kategorien Raum und Zeit nicht leisten k&ouml;nnen, soll der Wert ausrichten: Vermittlung. Die Historisierung der Wertkritik meint demnach nichts anderes, als &#8220;den Nationalsozialismus aus einer wertkritischen Perspektive analytisch konsequent in Beziehung mit der Durchsetzung der b&uuml;rgerlichen Formprinzipien zu setzen&#8230;&#8221;</p>
<p>Auch hier sollen, wie schon bei Kurz, Form (die allgemeinen Formprinzipien der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, sprich: die Wertlogik) und Inhalt (die besondere Geschichte) in Einklang gebracht werden. Nachdem die Krisis-Gruppe den Wert zun&auml;chst zur Grundkategorie der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft ontologisiert hat (Theorie der Wertvergesellschaftung), wird er nun historisiert. Ontologisierung und Historisierung des Werts sind aber nur deshalb notwendig, weil die Krisis-Gruppe den Zusammenhang von Form und Inhalt so fa&szlig;t, wie Marx in seinen vorkritischen Schriften (teilweise auch noch im Kapital): als geschichtsmetaphysisches Verh&auml;ltnis von Produktivkr&auml;ften (Inhalt) und Produktionsverh&auml;ltnissen (Form). Den kritischen Gehalt der Marxschen Wertformanalyse (die Frage, &#8220;warum dieser Inhalt jene Form annimmt&#8221;) verfehlend, der zufolge das Kapital ein soziales Verh&auml;ltnis darstellt, eine Form, die sich jeden Inhalt anverwandelt und insofern immer schon vermittelt ist, der zufolge ferner die Wertform dem Denken ontologisch als &#8220;zweite Natur&#8221; erscheint, leitet Lohoff das rational nicht begr&uuml;ndbare Massenverbrechen aus dem irrationalen Subtext der Warengesellschaft ab: &#8220;In dem, was f&uuml;r gew&ouml;hnlich als Einbruch des Irrationalen firmiert, hat nur der Subtext des warengesellschaftlich Rationalen einen ihm durchaus ad&auml;quaten Ausdruck gefunden. Auschwitz steht nicht f&uuml;r einen Amoklauf der Vernunft, sondern war eine besondere Form des Amoklaufs der Vernunft.&#8221;</p>
<p>Es ist einerlei, ob man Auschwitz aus der &ouml;konomischen Zweckrationalit&auml;t ableitet oder aus dem &#8220;Subtext&#8221; der Wertvergesellschaftung, der Irrationalit&auml;t; das prinzipielle Problem, durch theoretische Erkl&auml;rung Auschwitz zu rationalisieren und damit zu relativieren, l&auml;&szlig;t sich durch eine Verschiebung der Bezugsgr&ouml;&szlig;e von der Rationalit&auml;t zur Irrationalit&auml;t nicht aus der Welt schaffen. Das Selbstmi&szlig;verst&auml;ndnis der Krisis-Gruppe, ihre Theorie deshalb als &#8220;radikale Kritik&#8221; formulieren zu wollen, weil sie glaubt, in der Irrationalit&auml;t der Wertvergesellschaftung (&#8220;verr&uuml;ckte Form&#8221;), den Stein der Weisen gefunden zu haben, resultiert daraus, da&szlig; sie die Moderne mit dem Kapitalismus und die Vernunft mit dem Wert in eins setzt. Ginge jedoch Vernunft tats&auml;chlich im Wert auf, dann lie&szlig;e sich die wertf&ouml;rmige Rationalit&auml;t nicht einmal im Denken transzendieren und das Kapital w&auml;re tats&auml;chlich zu dem geworden, als das es dem Denken erscheint: zu einem naturgegebenen Produktionsverh&auml;ltnis. Das automatischen Subjekt k&ouml;nnte sich nur noch selbst beobachten und beschreiben (im Sinne von Luhmanns Systemtheorie), Kritik w&auml;re unm&ouml;glich. Weil die Autoren der Krisis-Gruppe die Konsequenz ihrer eigenen Logik ahnen, m&uuml;ssen sie den Wert historisieren. Nur so l&auml;&szlig;t sich ihr Projekt, die Geschichte und damit das politische Handeln zu rehabilitieren, theoretisch legitimieren. Zwar ist nach wie vor richtig, was Marx in der deutschen Ideologie gegen die geschichtsvergessenen Bewu&szlig;tseinsphilosophen schreibt, da&szlig; n&auml;mlich &#8220;wirkliches Wissen&#8221; an die Stelle der &#8220;Phrasen vom Bewu&szlig;tsein&#8221; (bzw. der von Konstruktionen, Diskursen) treten m&uuml;sse, da&szlig; die Abstraktionen getrennt von der &#8220;wirklichen Geschichte&#8221; keinen Wert haben. (MEW 3, 27) Doch nicht um , wirkliches Wissen&#8217;, das jenseits einer materialistischen Kritik, die notwendig Einheit von Erkenntnis- und &Ouml;konomiekritik zu sein hat, nicht zu haben ist, scheint es der Krisis-Gruppe zu gehen, sondern um eine Neuauflage der in die Krise gekommenen Revolutionstheorie. Um eine Alternative zum vermeintlich geschichtslos gewordenen Kapitalismus wieder denken zu k&ouml;nnen, so Robert Kurz im Schwarzbuch, m&uuml;ssen die Geschichte und mit ihr eine &#8220;emanzipatorische Antimoderne&#8221; rehabilitiert werden. Nachdem Vernunft mit wertf&ouml;rmiger Rationalit&auml;t identifiziert, der Wert zum automatischen Subjekt ontologisiert wurde, wird nun die Geschichte als das wirkliche Subjekt halluziniert. Anstatt das Verh&auml;ltnis von Logik und Geschichte kritisch zu reflektieren, wird die aus dem kritischen Denken verbannte Vernunft durch Geschichte ersetzt. Erkenntnistheoretische Probleme, die in der Natur des Denkens selbst liegen (so etwa die nicht hintergehbare negative Dialektik von Vernunft und Vernunftkritik) schaffen sich die Krisentheoretiker elegant vom Hals. Sie werfen den &#8220;Kritikern von heute&#8221; (gemeint sind die antideutschen Ideologiekritiker) vor, sie h&auml;tten die in der klassischen kritischen Theorie noch pr&auml;sente innere Spannung von Vernunft- und Aufkl&auml;rungskritik einerseits, dem Festklammern an Grundlagen des Aufkl&auml;rungsdenkens andererseits, zugunsten &#8220;eines ungebrochenen emphatischen Rationalit&auml;tsbegriffs&#8221; aufgel&ouml;st. Letzterer stehe am Ende eines geraden Weges, der &#8220;von den Einmaligkeits-Mantras &uuml;ber eine Art von Analyseverbot f&uuml;r die Shoa heim ins Reich der seligen Aufkl&auml;rung&#8221; f&uuml;hre.</p>
<p>Der Kreis scheint sich zu schlie&szlig;en. W&auml;hrend Empiriker wie K&uuml;ntzel und Jacob den Wertkritikern vorwerfen, sie w&uuml;rden sich f&uuml;r den realen Verlauf der Geschichte nicht interessieren, sie w&uuml;rden die Erforschung der konkreten Geschichte dadurch verhindern, da&szlig; sie immer nur von Kapital und Staat, nicht von den &#8220;konkreten T&auml;tern&#8221; und deren &#8220;konkreten Motiven&#8221; reden w&uuml;rden (Jacob), karten nun die Theoretiker aus N&uuml;rnberg nach: &#8220;Das best&auml;ndige Beharren auf dem singul&auml;ren Charakter der nationalsozialistischen Judenvernichtung lenke im Endeffekt nur vom eigentlichen Konflikt ab.&#8221; Von dem Zynismus einmal abgesehen, angesichts der nationalsozialistischen Massenverbrechen einen theoretischen Konflikt (radikale Vernunftkritik versus Rettung eines emphatischen Vernunfbegriffs) zum eigentlichen Problem zu erheben, von dem diejenigen, die die Singularit&auml;t von Auschwitz betonen, ablenken w&uuml;rden, verr&auml;t die Diffamierung der Kritik als ewiggestrige Aufkl&auml;rung viel &uuml;ber den theoretischen Zustand der sich selbst als radikal bezeichnenden &#8220;Kritik&#8221;. Wer den &#8220;Kritikern von heute&#8221; vorwirft, sie h&auml;tten die Dialektik der Aufkl&auml;rung zugunsten eines &#8220;ungebrochenen emphatischen Rationalit&auml;tsbegriff&#8221; aufgel&ouml;st, mu&szlig; sich zumindest der Frage stellen, weshalb er selbst die &#8220;Grenzen der Aufkl&auml;rung&#8221; (Detlev Claussen) ignoriert und so tut, als l&auml;ge es im Belieben des Kritikers, umstandslos an die &#8220;klassische kritische Theorie&#8221; anzukn&uuml;pfen, gerade so, als h&auml;tte Auschwitz gar nicht stattgefunden. <a style='mso-footnote-id: ftn2' href="#_ftn2" name="_ftnref2" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[2]</p>
<p>Anders als das theoretische Bewu&szlig;tsein, das die metaphysische Frage nach der Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem (Subjekt und Objekt, Geist und Natur) immer wieder neu zu beantworten versucht, weigert sich materialistische Kritik, Vernunft im Wert (oder in kommunikativem Handeln) aufgehen zu lassen und kritisiert s&auml;mtliche Versuche, die reale Vermittlung theoretisch zu verdoppeln als notwendig falsches Bewu&szlig;tsein &#8211; als Ideologie. Da&szlig; sich die Krisis-Gruppe gegen die ihre theoretischen Voraussetzungen radikal in Frage stellende Kritik zur Wehr setzt, ist das eine und durchaus nachvollziehbar. Da&szlig; sie dabei aber so wenig Gesp&uuml;r f&uuml;r die Brisanz der derzeitigen Debatten um die Neubewertung der deutschen Geschichte zeigt und sich zu regelrechten Ausf&auml;llen gegen die Ideologiekritik (&#8220;Einmaligkeits-Mantras&#8221;, &#8220;Analyseverbot f&uuml;r die Shoa&#8221;, &#8220;heim ins Reich der seligen Aufkl&auml;rung&#8221;) hinrei&szlig;en l&auml;&szlig;t, ist Grund zum &Auml;rger. Denn mit ihren Vorw&uuml;rfen liegt sie voll im Trend des mainstream, der auf breiter Front die Normalisierung der deutschen Geschichte vorantreibt: Fischer und Scharping legitimieren deutsche Kriegspolitik mit Auschwitz, Walser bekommt Applaus f&uuml;r sein Gerede von der &#8220;Auschwitz-Keule&#8221;, das Feuilleton der FAZ und SZ greifen wohlwollend die Argumente &#8220;j&uuml;disch-amerikanischer&#8221; Publizisten wie Finkelstein gegen die &#8220;Holocaust-Industrie&#8221; auf, um daraus Nutzen f&uuml;r die deutsche Erinnerungspolitik zu ziehen, und die Krisis-Gruppe begleitet das Ganze (werttheoretisch) durch ihren Vorwurf, antideutsche Kritik w&uuml;rde durch das Festhalten am Vernunftbegriff und durch die Betonung der Singularit&auml;t von Auschwitz den Kapitalismus auf &#8220;Gro&szlig;deutschland&#8221; reduzieren, sie w&uuml;rde m. a. W. davon ablenken, die kapitalistischen Verh&auml;ltnisse weltweit zu analysieren und damit zu einer &#8220;Verharmlosung der Lage&#8221; f&uuml;hren.</p>
<p>Denn mit der Krisenentwicklung, so Lohoff, gewinne das eliminatorische Moment der Warengesellschaft an Bedeutung: &#8220;Deutschland ist &uuml;berall&#8221;. Diese krisentheoretische Variante der zur Zeit allerorten betriebenen Normalisierung der deutschen Vergangenheit l&auml;&szlig;t die eliminatorisch-volksgesmeinschaftliche Form der Krisenbew&auml;ltigung im allgemeinen Begriff der Warengesellschaft aufgehen und verliert damit die Differenz zwischen der deutschen Besonderheit (kein geographischer, auch kein politischer, sondern ein polit-&ouml;konomisch Begriff: spezifische Form der Krisenbew&auml;ltigung) und dem Kapital im allgemeinen aus dem Blick.</p>
<hr /><! [if ! supportEmptyParas]> <! [endif]></p>
<p><! [if ! supportFootnotes]><br clear=all></p>
<p><! [endif]><a style='mso-footnote-id: ftn1' href="#_ftnref1" name="_ftn1" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[1]    Auf die Bedeutung der Shoah als &#8220;Jobmaschine&#8221; f&uuml;r den akademischen Nachwuchs hat laut FR v. 6.9.00 k&uuml;rzlich auch Raul Hilberg hingewiesen)</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn2' href="#_ftnref2" name="_ftn2" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[2]     Dies zeigt einmal mehr die N&auml;he der Krisis-Gruppe zur kommunikationstheoretisch gewendeten kritischen Theorie von J&uuml;rgen Habermas; beide treffen sich in der Weigerung, Adornos Negative Dialektik und den dort formulierten kategorischen Imperativ zum Ausgangspunkt ihres Denkens zu machen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.streifzuege.org/2000/replik-auf-ernst-lohoff-deutschland-ist-ueberall/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Führer, die Show, das Publikum</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2000/der-fuehrer-die-show-das-publikum</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2000/der-fuehrer-die-show-das-publikum#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2000 01:30:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa]]></category>
		<category><![CDATA[Populismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-3]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=227</guid>
		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/der-fuehrer-die-show-das-publikum">Der Führer, die Show, das Publikum</a></p>
Über Jörg Haider und die ihn umschwirrenden Elemente]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/der-fuehrer-die-show-das-publikum">Der Führer, die Show, das Publikum</a></p>
<h3>&Uuml;ber J&ouml;rg Haider und die ihn umschwirrenden Elemente</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 3/2000</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-227"></span></p>
<p>Bekannt wurde Klaus Ottomeyer vor allem durch seine 1977 bei Rowohlt publizierte Studie &#8220;&Ouml;konomische Zw&auml;nge und menschliche Beziehungen&#8221;, die &#8211; f&uuml;r damals keineswegs untypisch &#8211; eine hohe Taschenbuchauflage erreichte. Seit 1983 ist der 1949 in Frankfurt am Main geborene Ottomeyer Professor f&uuml;r Sozialpsychologie in Klagenfurt. Den Aufstieg Haiders hat er also hautnah miterlebt. Vor allem in den letzten Jahren probierte der Wissenschafter sich in der Ausleuchtung der sozialpsychologischen Aspekte des Haider-Ph&auml;nomens. Zwei B&auml;nde, &#8220;Die Haider-Show&#8221;<a style='mso-footnote-id: ftn1' href="#_ftn1" name="_ftnref1" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[1]</a> und die gemeinsam mit Harald Goldmann und Hannes Krall verfa&szlig;te Brosch&uuml;re &#8220;J&ouml;rg Haider und seine Publikum&#8221;<a style='mso-footnote-id: ftn2' href="#_ftn2" name="_ftnref2" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[2]</a> sind Gegenstand der folgenden &Uuml;berlegungen.  </p>
<p>Ottomeyer mu&szlig; zugutegehalten werden, da&szlig; er sich auf sein Forschungsobjekt durchaus einl&auml;&szlig;t, die Mechanismen der Haiderei beschreibt und sie als bestimmbare gesellschaftliche Konstellation denken will. Das ist nicht selbstverst&auml;ndlich, besteht doch ein Gro&szlig;teil der obligaten Haider-Kritik darin, ihn aufgrund diverser Zitate des Rechtsextremismus zu &uuml;berf&uuml;hren. Das ist zwar nicht unbedingt falsch, nur hilft es wenig weiter, erkl&auml;rt vor allem seinen Erfolg nicht. Von der inzwischen un&uuml;bersehbaren Anti-Haider-Literatur geh&ouml;ren die Ver&ouml;ffentlichungen Ottomeyers jedenfalls zu den interessantesten.</p>
<p>Es gilt dem Faszinosum auf die Schliche zu kommen. Ottomeyer versucht Haiders Aufstieg an verschiedenen Teilfiguren, die er repr&auml;sentiert, festzumachen. Explizit benennt er dabei erstens Robin Hood als den R&auml;cher der Enterbten, zweitens den erfolgreichen und erotischen m&auml;nnlichen Sportler und drittens den Bierzeltsozialisten, der symbolisch die Klassengesellschaft &uuml;berwindet. &#8220;Haider fasziniert sein Publikum durch die rastlose Auff&uuml;hrung eines mehrschichtigen Wunsch-Erf&uuml;llungs- und Angstabwehr-Theaters, das auf wechselnden B&uuml;hnen und in verschiedenen Kost&uuml;men aufgef&uuml;hrt wird. Er betreibt eine Art von ebenso massenwirksamer wie letztlich irref&uuml;hrender Gro&szlig;gruppenpsychotherapie.&#8221; (II: 10) Haider spiele auf den verschiedenen Angstklavieren des Ich, des &Uuml;ber-Ich und des Es, schreibt der Autor in Anlehnung an Freud. (I: 85f. ) Die Konkurrenz sei evident, die Angst vor dem sozialen Absturz oftmals berechtigt. Am Ausl&auml;nder mache sich diese Angst dingfest, konsequent wird ein Feind personalisiert. Haider befriedige sowohl orale Komplexe &#8211; die anderen bekommen zu viel, sie nehmen uns etwas weg; als auch anale &#8211; die anderen sind schmutzig und verdrecken hier alles. Geschlu&szlig;folgert werden Ausgrenzung und S&auml;uberung.</p>
<p>Wobei nat&uuml;rlich das Publikum nicht wirklich getrennt werden kann. Es ist zwar durchaus plausibel, da&szlig; ein nicht unbetr&auml;chtlicher Teil f&uuml;r Haider nicht prim&auml;r aus rassistischen (oder auch sozialdarwinistischen) Motiven votiert, unzweifelhaft ist aber auch, da&szlig; dessen Xenophobie, die ja ungeniert zutage tritt, diese Spektren seiner Sympathisantenschaft &uuml;berhaupt nicht abst&ouml;&szlig;t. Im &#8220;besten&#8221; Falle ist ihnen das egal. Was nichts anderes hei&szlig;en kann, als da&szlig; selbst dort, wo die Fremdenfeindlichkeit nicht akklamiert, sie auf breitester Ebene akzeptiert wird. Der Rassismus wird billigend in Kauf genommen.</p>
<p>Zurecht wird Haiders Anhang als &#8220;Fan-Club&#8221; (I: 74) vorgestellt, allerdings zuwenig dargestellt, worin dessen spezifische Eigenschaften bestehen. &#8220;Warum lassen sich die Menschen &uuml;berhaupt verhetzen? &#8221; (I: 85), fragt Klaus Ottomeyer. Aber ist die Frage so ganz richtig? Unterstellt sie nicht, da&szlig; die Massen manipuliert und verf&uuml;hrt werden, anstatt da&szlig; sie in ihren Stimmungen durch Arbeit und Alltag f&uuml;r einen wie Haider pr&auml;formiert, ja pr&auml;desteniert sind. Er verhetzt nicht, er hetzt auf.</p>
<p>Ihre Gef&uuml;hle sind seine St&auml;rke: &#8220;Das &ouml;sterreichische Publikum liebt Haider wegen seines aggressiven Humors, so als w&uuml;rde es st&auml;ndig einen Heiler gegen seine schleichende Depression ben&ouml;tigen.&#8221; (I: 89) Zweifellos, aber wozu braucht der Nebensatz einen Konjunktiv? Haider ist das Surrogat, das reale Defizite in irreale Projektionen &uuml;bersetzt, sowohl was &Auml;ngste als auch was W&uuml;nsche betrifft. Sie sp&uuml;ren sich in ihm, ehrf&uuml;rchtig lauschen sie seinen Tiraden, sei es im Bierzelt oder im Wohnzimmer. J&ouml;rg Haider ist der Show-master der Nation. &#8220;Unter den M&auml;chten, die uns heute formen und entformen, gibt es keine mehr, deren Pr&auml;gekraft mit der der Unterhaltung in Wettbewerb treten k&ouml;nnte&#8221;, schrieb G&uuml;nther Anders. (Die Antiquiertheit des Menschen, Band II, S. 137. ) Und Haider ist der beste Entertainer hierzulande, man sehe sich seine Quoten an. Niemand von den selbsternannten &#8220;positiven Populisten&#8221; (Ex-Kanzler Klima) kann da mithalten.</p>
<p>Seinen Fans ist Haider unheimlich nahe. &#8220;Es handelt sich wohl eher um ein intuitives Ersp&uuml;ren und Erraten dessen, was das Publikum h&ouml;ren will, verbunden mit der F&auml;higkeit, es &#8220;ohne Hemmungen, b&uuml;ndig und bildhaft auszudr&uuml;cken.&#8221; (II: 39) Das ist sogar untertrieben. Er mu&szlig; sie nicht ersp&uuml;ren, er sp&uuml;rt sie. Er mu&szlig; nicht raten, er wei&szlig;. Er mu&szlig; nicht einmal sagen, was geh&ouml;rt werden will. Man versteht ihn auch, ohne da&szlig; er sich klar und deutlich &auml;u&szlig;ert. Eine Handbewegung, ein sp&ouml;ttisches Grinsen, ein nicht zu Ende gesprochener Satz &#8211; das reicht v&ouml;llig.</p>
<p>J&ouml;rg Haider ist der ad&auml;quate Adapter des aktuellen Zeitgeists. Jener l&auml;uft so wie dieser. Seine Besonderheit besteht in der Reibungslosigkeit, mit der er der Allgemeinheit entspricht. Kein Vorurteil, das in ihm nicht Sprachrohr und Verst&auml;rker findet, kein Kurzschlu&szlig;, der durch ihn nicht Propaganda werden kann. &#8220;Er ist mit dem unbeschwerten Hedonismus unserer Konsum- und Unterhaltungskultur (&#8230; ) auf beinahe beneidenswerte Weise im Einklang&#8221; (I: 89).   Und umgekehrt funktioniert die Kulturindustrie wie eine freiheitliche Belangsendung, sie arbeitet Haider zu, ob sie das im Einzelfall will oder nicht. Haider braucht sich ihrer nicht einmal zu bedienen, sie dient ihm sowieso. Parallelveranstaltungen liefern pausenlos synergetische Effekte.</p>
<p>1992 hatten Ottomeyer und seine Mitautoren noch geschrieben, &#8220;da&szlig; Haider nur die Speerspitze einer marktwirtschaftlichen Logik verk&ouml;rpert, die bereits tief in uns allen steckt&#8221;. (II: 7) Sie sprachen zurecht von einem &#8220;neuen Sozialdarwinismus&#8221;. (II: 194) Etwas genauer h&auml;tte man es schon dazumals gerne gewu&szlig;t. Im aktuellen Band finden sich explizite &Uuml;berlegungen in diese Richtung gar nicht mehr.</p>
<p>Menschenverachtung ist die Grundhaltung Haiderscher Politik. Sie geht auf Jagd und verspricht Beute. Wichtig ist auch das &#8220;Duell unter M&auml;nnern&#8221; (I: 44), wie Ottomeyer richtig behauptet. Im Saloon rauchen die Colts. Wer zieht schneller? Wer trifft besser? Wer killt den anderen? Abgeschossen werden mu&szlig;. Da kommt Rambo. Kriegs-Metaphern durchziehen Haiders Auftritte, und die Medien multiplizieren diesen Jargon der Gewalt. Er inszeniert &#8220;personenbezogene Gewaltphantasien (T&ouml;tungsphantasien) der Menschen auf der politischen B&uuml;hne&#8221;. (II: 54) &#8220;Wir deportieren jeden Bonzen&#8221; (II: 83) sagt er. Man mu&szlig; sich diese totale Allmachtsphantasie der abschiebenden Gemeinschaft gegen&uuml;ber einer inkriminierten Gruppe richtig auf der Zunge zergehen lassen. Langsam lesen. Wort f&uuml;r Wort. Kein Pardon, lautet die Botschaft.</p>
<p>Sein Ha&szlig; auf die Linken, namentlich auf die sogenannten Achtundsechziger, ist notorisch. Wahrscheinlich auch gerade deshalb, weil diese zumindest in Ans&auml;tzen die notwendige Elternkritik, d. h. Kritik an der Kriegs- und Aufbaugeneration &uuml;bten, w&auml;hrend Haiders &#8220;Auftrag (in) der Elternrehabilitation&#8221; (I: 71) besteht. Das den Linken unterstellte Anliegen allein ist ihm Hochverrat an Familie, Nation und Staat. Sein Bezug ist ein biologischer, weil &#8220;ein Volk, das seine Vorfahren nicht ehrt, sowieso zum Untergang verurteilt&#8221; (I: 71) ist, wie er sich im Oktober 1995 auf einer (von der ARD mitgeschnittenen) geschlossenen Veranstaltung vor ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS in Krumpendorf, ausdr&uuml;ckte.</p>
<p>Gegner werden verh&ouml;hnt und verbal erledigt: &#8220;Der aufgebahrte Lenin ist fescher als der Gusenbauer. Wenn der einmal auf die Briefmarke kommt, geht die Post wirklich pleite.&#8221; (I: 8) Haider steht f&uuml;r die Brutalisierung der &ouml;ffentlichen Kommunikation. Politik versinkt in die tiefsten Regionen der Ged&auml;rme. Dort suhlt sie sich. Wenn Haider niemanden niedermachen kann, wirkt er angeschlagen oder beleidigt. Da ist er nicht in seinem Element. Und dieses Element ist das Leid, das er durch systematische Beleidigung den inkriminierten Gruppen und ihren Exponenten zuf&uuml;gt. Seine Leidenschaft besteht darin, da&szlig; er andere leiden l&auml;&szlig;t. Daran erbauen sich seine Fans. Das Publikum beginnt zu johlen und zu stampfen, demonstriert damit, wie es beisammen ist. Die Inszenierung Haiders verweist auf die Pathologie der Gesellschaft. Diese mag in anderen L&auml;ndern nicht viel anders sein, so fortgeschritten wie in &Ouml;sterreich ist sie aber dank Haider nirgendwo.</p>
<p>Meute will Beute. Haider bei&szlig;t sich aber nicht an einer bestimmten Gruppe fest, sondern schie&szlig;t auf alle, die ihm vor die Flinte kommen. Diesbez&uuml;glich m&uuml;ssen wir von einer Flexibilisierung der Feindbilder sprechen. Waren vor einigen Jahren (in Anlehnung an Huntingtons Modell) die Moslems die bevorzugte Gruppe der Aversion &#8211; im FP&Ouml;-Parteiprogramm von 1998 ist diese kulturalistische Sichtweise nachzulesen -, so sind diese seit dem aktuellen Zweckb&uuml;ndnis Haider-Gaddafi (schlie&szlig;lich lieferte letzterer seinem neuen Freund gar billigeres Benzin nach K&auml;rnten! ) und einigen Besuchen im Irak in der Hitparade der zu Verfolgenden nicht mehr obenauf. Diesen &#8220;Spitzenplatz&#8221; erleiden derzeit die Schwarzafrikaner, die &#8220;Buschneger&#8221; (I: 82), wie Haider sie auf einer Kundgebung in Klagenfurt im Herbst 1998 nannte. Die Hierarchie der Opfer folgt taktischem Kalk&uuml;l. Ob f&uuml;r eine Gruppe gerade Schu&szlig;zeit oder Schonzeit ist, h&auml;ngt von den konkreten Umst&auml;nden ab. Die Verfolgten scheinen dabei unwichtiger als das Verfolgen an sich. Ja, es kann sogar vorkommen, da&szlig; ehemals Drangsalierte kaltschn&auml;uzig zu Gespr&auml;chspartnern, ja Freunden umfunktioniert werden. Die zur Zeit hei&szlig; umworbene Minderheit der K&auml;rntner Slowenen wei&szlig; davon ein Lied zu singen.</p>
<p>Haider ist der Popstar, der die anderen scheinbar m&uuml;helos &uuml;bertrumpft. Da ist einer schneller, besser, z&auml;her, wagemutiger, lauter, aufregender, sch&ouml;ner, st&auml;rker. Da sonnt sich einer an den konkurrenzbesessenen Komparativen. Als die US-Politik Kritik an Haider &uuml;bte, &auml;tzte er nicht unschlau: &#8220;Sogar US-Pr&auml;sident Clinton f&uuml;rchtet sich vor mir. Er m&uuml;&szlig;te aber Angst haben, wenn wir gemeinsam beim New-York-Marathon antreten, denn ich bin schneller als er.&#8221; (I: 21) Folgerichtig hat sich der J&auml;ger im Amt des K&auml;rntner Landeshauptmanns auch die Haider-Cover von Newsweek und Time gleich Troph&auml;en in seinem B&uuml;ro aufgeh&auml;ngt. Welch anderem &Ouml;sterreicher ist sowas schon gegl&uuml;ckt? Ich bin der bekannteste, ich bin der ber&uuml;hmteste, ich ich, ich&#8230;.. &#8211; Verwunderlich ist nur, da&szlig; Ottomeyer Haiders letztes Buch &#8220;Befreite Zukunft jenseits von links und rechts&#8221; (1998) nicht in seine Analyse miteinbezogen hat, findet doch darin die narzi&szlig;tische Egomanie &#8220;Ich werde&#8230; &#8220;, &#8220;Ich habe&#8230;&#8221; einen gut nachlesbaren H&ouml;hepunkt.</p>
<p>H&ouml;hepunkte beschert er auch seinen Fans. F&uuml;r sie ist ihr &#8220;J&ouml;rgl&#8221; ein sexueller Fetisch. Der angehimmelte Idealtypus des erotisierenden Sportlers mu&szlig; auf das allm&auml;chtige Credo der Marktwirtschaft bezogen werden, auf die Konkurrenz. Haider steht aber prim&auml;r f&uuml;r den Verlust der Lust und f&uuml;r deren Ersetzung durch &#8220;Angstlust&#8221;: no risk, no fun! Risikosportarten sind dementsprechend in. Ein Leben, das nichts bietet, braucht Events, um die Trostlosigkeit des Daseins wegzusimulieren. Es geht um &#8220;action&#8221;, um permanente Aufmerksamkeit. Wie sie hergestellt wird, ob Haiders Vorschl&auml;ge verwirklichbar sind oder auch blo&szlig; zueinander passen, ob gestrige Ansichten den heutigen oder morgigen widersprechen, ist da ziemlich egal. Auch das Publikum st&ouml;rt dieses Changieren nicht, ja es versetzt es geradezu in die Trance ewiger Bewegung.</p>
<p>Klaus Ottomeyer hingegen wirft Haider des &ouml;fteren vor, seine Versprechen nicht zu halten. Dieser Vorwurf setzt freilich voraus, da&szlig; der Wissenschafter davon ausgeht, da&szlig; Versprechen in der Politik zu halten w&auml;ren, nicht flexible Waren des politischen Marktes geworden sind. Wer heute in der Politik gebrochene Versprechen beklagt, hat von deren Funktion wenig verstanden. Versprechen sind vorerst einmal dazu da, versprochen zu werden. Punktum. Nicht mehr. Anstatt also Ehrlichkeit als populistischen Popanz &ouml;ffentlicher Kommunikation zu kritisieren, wird jene nun erst recht geadelt. &#8220;Die , Flat tax&#8217; war nur ein sch&ouml;ner Gedanke&#8221;, (I: 52) schreibt Ottomeyer. Abgesehen davon, da&szlig; sie ein b&ouml;ser Gedanke ist, fordert solche Kritik dann nicht sogar die Umsetzung Haiderscher Anliegen ein? Gibt sie ihm dadurch nicht irgendwie doch recht?</p>
<p>Auch die Kritik an Verfilzung und Proporz (I: 10f. ) ist relativ obligat gestrickt. Auff&auml;llig m&uuml;&szlig;te doch sein, da&szlig; die Aversion gegen diese erst richtig griff, nachdem sie in die Krise gekommen waren, was meint, das jeweilige Klientel nicht mehr in der Weise versorgt und bedient werden konnte wie dies noch vor etwa zwanzig Jahren der Fall gewesen ist. Gegen den in &Ouml;sterreich einst hochentwickelten politischen Protektionismus sind jetzt viele aus dem banalen Grund, weil sie und die ihren mangels an Posten- und Vergabemasse nicht mehr ber&uuml;cksichtigt werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Korruption ist jedoch nichts anderes als die selektive und unausgewogene Menschlichkeit der Apparate. Sie ist eine immanente Funktion, nur scheinbar eine Zuwiderhandlung. Der reale Mi&szlig;stand ist eine Form des obligaten Zustands. Indem Ottomeyer gleich Haider diese normativ gegeneinander setzt, mu&szlig; er dem Gro&szlig;meister der Demagogie unweigerlich Respekt zollen: &#8220;Man muss zugeben, da&szlig; die Haider-FP&Ouml; eine ganze Reihe realer Mi&szlig;st&auml;nde aufgedeckt und zum Korruptionsabbau in den staatlichen und halbstaatlichen Organisationen beigetragen hat.&#8221; (I: 12-13)</p>
<p>Mu&szlig; man das? Verwechselt man hier nicht selbstt&auml;tiges Wollen  mit gesellschaftlichen M&uuml;ssen, m&ouml;chten die Funktion&auml;re und B&uuml;rokraten das bleiben, was sie sind? Herrscht hier Willk&uuml;r oder doch Sollpflicht? Gilt es nicht umgekehrt zu behaupten, da&szlig; damit jede Abneigung gegen gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse umgepolt wird in einen (auch von Ottomeyer zurecht beklagten) Ha&szlig; gegen bestimmte S&uuml;ndenb&ouml;cke.   Als politische Methode ist der Antikorruptionismus konterrevolution&auml;r. Durch die Kriminalisierung gesellschaftlicher Abl&auml;ufe wird die gesellschaftliche Formation, der demokratische Kapitalismus, geradezu immunisiert.</p>
<p>Ideell st&uuml;tzt die Skandalisierung gerade jene Zust&auml;nde, die die Mi&szlig;st&auml;nde reell immer wieder hervorbringen. Das Dagegensein wird jedenfalls nicht zur Kritik, sondern verungl&uuml;ckt im Ressentiment, in der bewu&szlig;tlosen Aversion, auf der wiederum die Populismen gedeihen. Was die Freiheitlichen hundertprozentig garantieren, ist ein Korruptionsumbau, aber kein Korruptionsabbau. Sieht man sich die diversen Vergehen im Dunstkreis der FP&Ouml; an, so dr&auml;ngt sich unweigerlich ein Bild auf, wo die ideologische Hauptbet&auml;tigung der schweren Burschen darin besteht, sich &uuml;ber die kleinen Gauner zu mokieren.</p>
<p>Vor einer vorsichtigen Entwarnung, wie Ottomeyer sie schlu&szlig;endlich vornimmt, sei gewarnt: &#8220;Es mehren sich die Zeichen, dass der Haider-Fan-Club langsam abbr&ouml;ckelt und dass auch einige der bisherigen Haider-Dulder die Dinge langsam klarer sehen. Das Scheinwerfer-Licht, das von allen Seiten auf unsere Alpenrepublik gerichtet ist, f&uuml;hrt dazu, dass man sich die Augen reibt.&#8221; (I: 114) Der Sozialpsychologe pl&auml;diert deshalb daf&uuml;r, den von Haider Entt&auml;uschten Zeit zu geben, um ihre Fehler einzusehen. In ganz wenigen F&auml;llen mag das auch greifen, mehrheitlich freilich wird man sich ihm nach Momenten der Distanz eher fr&uuml;her als sp&auml;ter wieder an den Hals werfen. Die kurze Kr&auml;nkung wird schnell vergessen sein, steht die n&auml;chste Treibjagd bevor. Denn an der Grundkonstitution dieser Individuen hat sich ja nichts ge&auml;ndert. F&uuml;hrerlos zu sein, halten sie nicht aus, das w&uuml;rde sie zwingen, sich ihrer eigenen Verfa&szlig;theit kritisch zu stellen. Denen geholfen werden mu&szlig;, ist wahrlich schwer zu helfen. Darin liegt auch das Dilemma linker Politik. Es ist daher ein tr&uuml;gerisches Wunschdenken, Haider bereits auf dem absteigenden Ast zu sehen, das verwechselt aktuelle Umfragen und &Auml;u&szlig;erungen mit der Substanz des Zuspruchs. Der ist nicht nur ungebrochen, er hat seinen Plafond noch nicht erreicht.</p>
<p>P. S. : Eigentlich m&uuml;&szlig;te man &uuml;ber Haider ja lachen. Doch das L&auml;cherlichmachen vergeht einem wie das Lachen, beobachtet man seine Ausstrahlung, merkt man wie ernst es seinen Parteig&auml;ngern ist. Ob hier also eine austriakische Posse stattfindet oder das Vorspiel einer europ&auml;ische Trag&ouml;die, dar&uuml;ber entscheiden die Auseinandersetzungen der n&auml;chsten Jahre.</p>
<hr /><a style='mso-footnote-id: ftn1' href="#_ftnref1" name="_ftn1" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[1]    Klaus Ottomeyer, Die Haider-Show. Zur Psychopolitik der FP&Ouml;, Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2000, 128 Seiten, ATS 197, DM 27</p>
<p><a style='mso-footnote-id: ftn2' href="#_ftnref2" name="_ftn2" title=""><! [if ! supportFootnotes]>[2]    Harald Goldmann/Hannes Krall/Klaus Ottomeyer, J&ouml;rg Haider und sein Publikum. Eine sozialpsychologische Untersuchung, Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 1992, 202 Seiten, ATS 197, DM 27</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.streifzuege.org/2000/der-fuehrer-die-show-das-publikum/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Im bürgerlichen Himmel der Zirkulation</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2000/im-buergerlichen-himmel-der-zirkulation</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2000/im-buergerlichen-himmel-der-zirkulation#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2000 01:25:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-3]]></category>
		<category><![CDATA[Trenkle; Norbert]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=229</guid>
		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/im-buergerlichen-himmel-der-zirkulation">Im bürgerlichen Himmel der Zirkulation</a></p>
Ein paar Anmerkungen zu Michael Heinrichs Wert- und Arbeitsbegriff]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/im-buergerlichen-himmel-der-zirkulation">Im bürgerlichen Himmel der Zirkulation</a></p>
<h3>Ein paar Anmerkungen zu Michael Heinrichs Wert- und Arbeitsbegriff</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 3/2000</p>
<p><em>von Norbert Trenkle</em> <span id="more-229"></span></p>
<p>Die Auseinandersetzung Heinrich-Trenkle in den Streifz&uuml;gen hat nun schon vier Runden durchlaufen und ger&auml;t langsam in die Gefahr, zu einem langweiligen Fortsetzungsroman zu werden. Deshalb m&ouml;chte ich meine bereits angek&uuml;ndigte Kritik am ersten Teil von Heinrichs neuaufgelegtem Buch so kurz wie m&ouml;glich halten und mich auf einige Bemerkungen zu der dort entwickelten Fassung des Wert- und Arbeitsbegriffs beschr&auml;nken, mit der die Wissenschaft vom Wert steht und f&auml;llt. Auch werde ich auf eine explizite Antwort auf Heinrichs Antikritik in Streifz&uuml;ge 2/2000 verzichten, zumal ich dabei ohnehin gezwungen w&auml;re, meine haupts&auml;chlichen Einw&auml;nde gegen seine Krisentheorie (Streifz&uuml;ge 1/2000) zu wiederholen, auf die er entweder gar nicht oder in nicht gerade &uuml;berzeugender Weise eingegangen ist; andererseits ist jedoch klar, da&szlig; die Antwort auf die Frage, worin die Substanz des Werts besteht, f&uuml;r die Krisentheorie von entscheidender Bedeutung ist.</p>
<p><strong>1. </strong></p>
<p>Heinrich h&auml;lt sich zugute, herausgefunden zu haben, da&szlig; Marx in wesentlichen Teilen seiner Argumentation dem &#8220;theoretischen Feld&#8221; der klassischen politischen &Ouml;konomie verhaftet geblieben sei und dieses erst im Laufe seiner Arbeit am Kapital konsequent verlassen bzw. mit ihm gebrochen habe. F&uuml;r sich genommen ist dieser Gedanke durchaus richtig, denn selbstverst&auml;ndlich steckte Marx, wie jeder andere Theoretiker auch, in seiner Zeit, selbst wenn er zugleich in vieler Hinsicht weit &uuml;ber sie hinaus dachte. Reformulierung radikaler Kapitalismuskritik mu&szlig; deshalb heute auch hei&szlig;en, die innere Widerspr&uuml;chlichkeit der Marxschen Theorie sichtbar zu machen, also, kurz gesagt, die Momente einer b&uuml;rgerlichen Modernisierungstheorie von denen einer transzendierenden Kritik der modernen Warenproduktion zu unterscheiden, die heute erst ihre volle Aktualit&auml;t erh&auml;lt. Heinrich kann dazu allerdings kaum etwas beitragen. Seiner Grundthese, der Marxsche Arbeitsbegriff trage zumindest teilweise noch die Spuren einer naturalistischen Auffassung, wie sie f&uuml;r die politische &Ouml;konomie typisch ist (vgl. vor allem Heinrich 1999, S. 206 &#8211; 220), w&auml;re zwar prinzipiell zuzustimmen; aber ein genaueres Hinsehen zeigt, da&szlig; Heinrich weit davon entfernt ist, den Kern des Problems aufzudecken.</p>
<p>Er kritisiert nicht etwa, da&szlig; Marx h&auml;ufig, und &uuml;brigens gerade im Kapital, die Kategorie der &#8220;Arbeit als solche&#8221; nicht weiter problematisiert, sondern zur &#8220;ewige(n) Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben, zu vermitteln&#8221; (MEW 23, S. 57) erkl&auml;rt. <a href="#1" name="z1">1</a> Als &#8220;Naturalisierung&#8221; erscheint Heinrich vielmehr etwas ganz anderes: &#8220;Wird abstrakte Arbeit als eine rein gesellschaftliche Bestimmung der Waren produzierenden Arbeit begriffen, so kann die Rede von abstrakter Arbeit als Wertsubstanz nur bedeuten, da&szlig; der spezifisch gesellschaftliche Charakter der Arbeit im Wertcharakter der Arbeitsprodukte gegenst&auml;ndlich reflektiert wird: das gesellschaftliche Verh&auml;ltnis wird als gegenst&auml;ndliche Eigenschaft der Sachen zur&uuml;ckgespiegelt. Die beiden ersten Unterabschnitte des ersten Kapitels des Kapital erlauben aber auch eine naturalistische Auffassung von abstrakter Arbeit (der Begriff des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit taucht dort &uuml;berhaupt nicht auf). Damit wird es m&ouml;glich, Wertsubstanz nicht als gegenst&auml;ndliche Reflexion eines spezifischen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisses zu begreifen, sondern als Substrat, das in der einzelnen Ware vorhanden ist. Wertgegenst&auml;ndlichkeit w&auml;re dann eine Eigenschaft der einzelnen Ware, die ihr durch Verausgabung abstrakter Arbeit (als , pysiologischer&#8217; Eigenschaft jeder Arbeit) &uuml;bertragen worden w&auml;re und zwar noch vor und unabh&auml;ngig vom Tausch. In dieser Weise wird das , gemeinsame Dritte&#8217;, von dem Marx zu Beginn des Warenkapitels spricht, h&auml;ufig verstanden: als eine Eigenschaft, die jede Ware f&uuml;r sich, schon vor dem Tausch besitzt und die dann die Gleichsetzung im Tausch erst erm&ouml;glicht&#8221; (Heinrich 1999, S. 214 f. ).</p>
<p>Diese Aussage vermengt Richtiges und Falsches. Richtig ist selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; der Wert kein irgendwie geartetes nat&uuml;rliches Substrat ist, das in den Waren &#8220;sitzt&#8221;, sondern die &#8220;gegenst&auml;ndliche Reflexion eines spezifischen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisses&#8221;. Doch diese gesellschaftliche Beziehung wird keinesfalls erst im Tausch hergestellt. Indem Heinrich dies postuliert geht er nicht &uuml;ber Marx hinaus, sondern f&auml;llt im Gegenteil hinter ihn zur&uuml;ck und landet selbst auf dem Boden der b&uuml;rgerlichen Volkswirtschaftlehre. Backhaus und Reichelt ist voll und ganz zuzustimmen, wenn sie schreiben: &#8220;Im Einklang mit der Gesamt&ouml;konomie des , ersten Feldes&#8217;, also aller Paradigmen der atomistischen Theorie (gemeint sind die klassische politische &Ouml;konomie und die subjektive Wertlehre bzw. Neoklassik; N. T. ), gibt es f&uuml;r Heinrich eine absolute Zweiteilung der &Ouml;konomie in naturale Realsph&auml;re, in der keine Waren, sondern Produkte hergestellt werden, und der Sph&auml;re des Austausches. (Obwohl er sich gegen eine solche Vorstellung ausdr&uuml;cklich zur Wehr setzt. )&#8221; (Backhaus/Reichelt 1995, S. 68). <a href="#2" name="z2">2</a></p>
<p>Wer die Sph&auml;re der Produktion zu einer vorgesellschaftlichen Separat-Welt naturalen Charakters erkl&auml;rt, <a href="#3" name="z3">3</a> dem mu&szlig; in der Tat die Feststellung, da&szlig; im Kapitalismus die Produkte als Waren hergestellt werden und selbstverst&auml;ndlich schon vor dem Tausch Wertgegenst&auml;ndlichkeit besitzen, als &#8220;Naturalismus&#8221; reinsten Wassers erscheinen. Doch damit projiziert Heinrich nur seine eigene Sichtweise auf Marx; dessen scheinbarer &#8220;Naturalismus&#8221; ist hingegen nichts anderes, als die ad&auml;quate Analyse der &#8220;zweiten Natur&#8221; der Warengesellschaft, die Heinrich nur in der Zirkulationssph&auml;re verortet. Zu dieser zirkulationstheoretischen Interpretation geh&ouml;rt konsequenterweise auch, da&szlig; er die widerspr&uuml;chliche Einheit von abstrakter Privatheit und abstrakter Gesellschaftlichkeit dichotomisch auseinanderrei&szlig;t; so etwa an folgender Stelle, an der er wie so oft ein aus dem Zusammenhang gerissenes Marxzitat als scheinbaren Beleg heranzieht: &#8220;Nun ist die Warenproduktion nicht einfach eine unter vielen Formen der Produktion. Vielmehr besteht ein entscheidender struktureller Unterschied zwischen der Warenproduktion und den verschiedenen Formen gemeinschaftlicher Produktion. W&auml;hrend bei der Warenproduktion die Arbeit privat verausgabt wird und ihren gesellschaftlichen Charakter, ihre Anerkennung als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erst nachtr&auml;glich, im Austausch erh&auml;lt, ist bei einer gemeinschaftlichen Produktion , der gesellschaftliche Charakter der Production vorausgesetzt&#8217; (MEGA II. 1.1/103; Gr 89, Herv. von mir)&#8221; (Heinrich 1999, S. 204).</p>
<p>Der &#8220;gesellschaftliche Charakter&#8221; der warenproduzierenden Arbeit und ihre &#8220;Anerkennung als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit&#8221; sind jedoch zwei verschiedene Dinge, die Heinrich hier f&auml;lschlicherweise identisch setzt. Selbstverst&auml;ndlich ist auch bei der Verausgabung warenproduzierender Arbeit ihr gesellschaftlicher Charakter immer schon vorausgesetzt. Nur eben anders, als in den diversen Formen gemeinschaftlicher Produktion. Gesellschaftlich ist sie in der f&uuml;r die Warengesellschaft konstitutiven widerspr&uuml;chlichen Form der &#8220;ungesellschaftlichen Gesellschaftlichkeit&#8221;: Die Warenproduzenten produzieren als abstrakt Private, nur ihren Partikularinteressen folgend, aber sie produzieren nicht unmittelbar f&uuml;r sich, sondern f&uuml;r den abstrakten gesellschaftlichen Zusammenhang, der zwar ihr eigener ist, ihnen aber als fremde und unbeherrschbare Macht gegen&uuml;bertritt. Ihre Privatheit ist also keine irgendwie vor- oder ungesellschaftliche, sondern selbst gesellschaftlich konstituiert, ebenso wie die Sph&auml;re der abstrakten Allgemeinheit. &#8220;Die Pointe liegt &#8230; darin, da&szlig; das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht werden kann; also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse der Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen unabh&auml;ngige gesellschaftliche Bedingungen gegeben. Die wechselseitige und allseitige Abh&auml;ngigkeit der gegeneinander gleichg&uuml;ltigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedr&uuml;ckt im Tauschwert, worin f&uuml;r jedes Individuum seine eigne T&auml;tigkeit oder sein Produkt erst eine T&auml;tigkeit und ein Produkt und ein Produkt f&uuml;r es wird; es mu&szlig; ein allgemeines Produkt produzieren &#8211; den Tauschwert&#8221; (MEW 42, S. 90).</p>
<p><strong>2. </strong></p>
<p>Die kapitalistischen Privatproduzenten produzieren also niemals unschuldige &#8220;Produkte&#8221;, sondern immer schon Waren und das hei&szlig;t: Repr&auml;sentanten von Wert. <a href="#4" name="z4">4</a> Ob diese Waren sp&auml;ter tats&auml;chlich abgesetzt werden k&ouml;nnen und damit auch der Wert realisiert wird, den sie repr&auml;sentieren, die verausgabte abstrakte Arbeit also als &#8220;Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit&#8221; anerkannt wird, ist eine nachgelagerte Frage. Was Heinrich hier verwechselt bzw. identisch setzt sind zwei unterschiedliche Abstraktionsebenen im Fortgang der begrifflichen Analyse des warenproduzierenden Systems: Die basale Ebene der gesellschaftlichen Form und die abgeleitete Ebene der Vermittlung von Produktions- und Zirkulationssph&auml;re innerhalb dieser Form. Da&szlig; die Realisation des Werts mi&szlig;lingen kann, liegt in der Sache selbst; diese M&ouml;glichkeit ist logisch durch das Auseinanderfallen des &ouml;konomischen Zusammenhangs in die beiden getrennten und doch zusammengeh&ouml;rigen Sph&auml;ren gesetzt. <a href="#5" name="z5">5</a> Der Kreislaufproze&szlig; des Kapitals kann dann nicht erfolgreich abgeschlossen werden und der in der Ware dargestellte Wert wird entwertet. Vereinzelt geschieht dies andauernd, wo es massenhaft vorkommt, haben wir es mit einer mehr oder weniger heftigen Krise zu tun.</p>
<p>Doch das ber&uuml;hrt die Ebene der Formbestimmung in keiner Weise, sondern setzt diese vielmehr bereits voraus. Heinrichs Argumentation legt die absurde Vorstellung nahe, es w&uuml;rde mit jedem einzelnen Tauschakt die Warenf&ouml;rmigkeit eines Dings &uuml;berhaupt erst konstituiert. Das ist aber genauso verkehrt, wie zu behaupten, dies geschehe in jedem einzelnen Produktionsakt. Vielmehr ist die gesellschaftliche Beziehungsform beiden immer schon als stummes Apriori vorausgesetzt. <a href="#6" name="z6">6</a> Die grunds&auml;tzliche Frage nach der Bestimmung des Werts mu&szlig; deshalb auch auf dieser fundamentalen Ebene der Form gekl&auml;rt werden ohne sie mit Problemen zu vermengen, die sich erst auf abgeleiteten Abstraktionsebenen stellen.</p>
<p>Nun sind auf der Formebene des gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisses Arbeit und Ware insofern logisch gleichurspr&uuml;nglich, als sie sich wechselseitig voraussetzen. Da&szlig; abstrakte Arbeit verausgabt wird, setzt die Warenform, also die Form der Austauschbarkeit der Arbeitsprodukte voraus. Und umgekehrt: da&szlig; die gesellschaftlichen Beziehungen die Form von Warenbeziehungen annehmen bedeutet immer schon, da&szlig; die Arbeit den gesellschaftlichen Zusammenhang herstellt, wie Moishe Postone sehr zu Recht immer wieder betont: &#8220;Zwar konstituiert und determiniert laut Marx die Arbeit tats&auml;chlich die Gesellschaft &#8211; aber nur im Kapitalismus. Sie wirkt aufgrund ihres spezifischen historischen Charakters bestimmend und nicht einfach als eine T&auml;tigkeit, die den Stoffwechselproze&szlig; von Mensch und Natur vermittelt&#8221; (Postone 1993, S. 62; eigene &Uuml;bersetzung). So gesehen stellt also die Ware eine bestimmte gesellschaftliche Form dar, deren Inhalt oder Substanz die Arbeit ist, geradeso wie, davon abgeleitet, die abstrakte Arbeit die Substanz des Werts darstellt.</p>
<p>Wenn Marx den ersten Abschnitt des Kapital nicht unmittelbar mit der Arbeit beginnt, sondern zun&auml;chst mit dem Doppelcharakter der Ware, um dann erst zum Doppelcharakter der Arbeit &uuml;berzugehen, dann liegt das einfach daran, da&szlig; der Wert in der Beziehung zweier Waren erscheint, keinesfalls aber, da&szlig; er dort erst entsteht. In diesem Sinne schreibt er in der ersten Auflage des Kapital: &#8220;Als Werthe sind die Waren Ausdr&uuml;cke derselben Einheit, der abstrakten menschlichen Arbeit. In der Form des Tauschwerts erscheinen sie einander als Werthe und beziehn sich auf einander als Werthe. Sie beziehn sich damit zugleich auf die abstrakte menschliche Arbeit als ihre gemeinsame gesellschaftliche Substanz. Ihr gesellschaftliches Verh&auml;ltnis besteht ausschlie&szlig;lich darin einander als nur quantitativ verschiedene, aber qualitativ gleiche und daher auch durch einander ersetzbare und miteinander vertauschbare Ausdr&uuml;cke dieser ihrer gesellschaftlichen Substanz zu gelten. [... ] Die Form worin sie sich als Werthe, als menschliche Arbeitsgallerte gelten, ist daher ihre gesellschaftliche Form. Gesellschaftliche Form der Waare und Werthform oder Form der Austauschbarkeit sind also eins und dasselbe&#8221; (MEGA II. 5, S. 38).</p>
<p>Die gesellschaftliche Form der Warenproduktion vorausgesetzt besitzt also tats&auml;chlich jedes einzelne als Ware hergestellte Produkt immer schon Wertgegenst&auml;ndlichkeit die sie durch die Verausgabung abstrakter Arbeit erh&auml;lt; damit wird die abstrakte Arbeit keinesfalls als eine &#8220;, physiologische&#8217; Eigenschaft jeder Arbeit&#8221; (Heinrich 1999, S. 215) aufgefa&szlig;t, wie Heinrich polemisch anmerkt, sondern als konstitutives Moment der &#8220;zweiten Natur&#8221;. Da&szlig; man der einzelnen Ware ihre Wertgegenst&auml;ndlichkeit nicht ansieht, da&szlig; bisher &#8220;noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt hat&#8221;, wie Marx ironisch feststellt (MEW 23, S. 98) versteht sich deshalb auch von selbst. Es verweist auf den Unterschied zwischen nat&uuml;rlicher Substanz und gesellschaftlicher Substanz einerseits und den zwischen Wesen und Erscheinung andererseits (der Wert erscheint als Tauschwert im Tauschakt). Dieser Unterschied ist Heinrich offenbar nicht bewu&szlig;t, sonst k&ouml;nnte er die Marxsche Wertkritik nicht ganz im Jargon der Postmoderne als &#8220;substantialistisch&#8221; (gleichgesetzt mit &#8220;naturalistisch&#8221;) abqualifizieren.</p>
<p><strong>3. </strong></p>
<p>Die Frage nach der Wertgegenst&auml;ndlichkeit wirft notwendig auch die nach der Bestimmung der Wertgr&ouml;&szlig;e auf. Heinrich sucht die Antwort auch hier konsequenterweise in der Zirkulationssph&auml;re und wird so, trotz aller Kritik an der subjektiven Wertlehre, letztlich eben doch mit dieser kompatibel. Schauen wir uns das Problem also noch einmal etwas genauer an. Als Wertding befindet sich die Ware in einer Form, die ihre allgemeine Vergleichbarkeit erlaubt, denn der Wert ist seinem Wesen nach qualit&auml;tslos, Darstellung abstrakter Quantit&auml;t. Diese abstrakte Quantit&auml;t kann aber gar nichts anderes sein, als die abstrakte Arbeitszeit, denn das ist die einzige gemeinsame Dimension, auf die sich die qualitativ und stofflich-sinnlich vollkommen unterschiedlichen Arbeiten reduzieren lassen: sie gelten als &#8220;Arbeit &uuml;berhaupt&#8221; verausgabt im Ma&szlig;stab der abstrakten Zeit.</p>
<p>Da&szlig; die Wertgr&ouml;&szlig;e nicht von der Arbeitszeit bestimmt wird, die individuell f&uuml;r die Produktion einer einzelnen Ware ben&ouml;tigt wird, ist eine Binsenwahrheit. Entscheidend ist &#8220;die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit&#8221;, also die &#8220;Arbeitszeit erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensit&auml;t der Arbeit darzustellen&#8221; (MEW 23,</p>
<p>S. 53). Dieser gesellschaftliche Durchschnitt verschiebt sich bekanntlich im historischen Proze&szlig; der Produktivkraftentwicklung: Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit f&uuml;r die Herstellung der Warendinge verk&uuml;rzt sich best&auml;ndig, was bedeutet, da&szlig; das in jeder einzelnen Ware dargestellte Wertquantum ebenso best&auml;ndig sinkt. Verl&auml;uft dieser Proze&szlig; von Branche zu Branche zwar unterschiedlich und ungleichzeitig, so setzt er sich als solcher dennoch allgemein durch und zwar vermittelt &uuml;ber die Konkurrenz, die die einzelnen Produzenten zwingt, sich den Durchschnittsbedingungen immer wieder anzupassen. Tun sie das nicht, stellt ihre individuell verausgabte Arbeitszeit immer weniger Wert dar und sie werden letztlich vom Markt gedr&auml;ngt. &#8220;Nach der Einf&uuml;hrung des Dampfwebstuhls in England z. B. gen&uuml;gte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor diesselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die H&auml;lfte seines fr&uuml;hern Werts&#8221; (MEW 23, S. 53).</p>
<p>Heinrich verwirft diese grundlegende Marxsche Einsicht mit einer ziemlich erstaunlichen Begr&uuml;ndung: &#8220;Wenn , gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit&#8217; rein technologisch bestimmt wird, so handelt es sich um eine Bestimmung konkreter Arbeit. Wird also die , wertbildende Substanz&#8217;, abstrakte Arbeit, durch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gemessen, so wird abstrakte Arbeit letztlich an konkreter Arbeit gemessen. Eine solche Auffassung ist zwar mit der Vorstellung von abstrakter Arbeit als physiologischer Eigenschaft von Arbeit vertr&auml;glich, sofern dabei abstrakte Arbeit mit einfacher unqualifizierter Arbeit identifiziert wird. Wird abstrakte Arbeit aber als ein bestimmtes gesellschaftliches Verh&auml;ltnis der Privatarbeiten zueinander aufgefa&szlig;t, so ist es unm&ouml;glich die Dauer der Verausgabung der Arbeitskraft umstandslos zum Ma&szlig; der Menge abstrakter Arbeit zu erkl&auml;ren. Abstrakte Arbeit als gesellschaftliches Verh&auml;ltnis kann &uuml;berhaupt nicht , verausgabt&#8217; werden. Indem Marx ohne weiteres abstrakte Arbeit durch die Dauer konkreter Arbeit mi&szlig;t, ger&auml;t er auf den Boden der klassischen politischen &Ouml;konomie&#8221; (Heinrich 1999, S. 218).</p>
<p>Was Heinrich hier heillos durcheinanderwirft sind schlicht und einfach die beiden Seiten der warenproduzierenden Arbeit: die konkrete und die abstrakte Seite. Konkret ist die Arbeit insofern, als jede Ware eine spezifische Gebrauchswertgestalt besitzen mu&szlig;, um &uuml;berhaupt als Ware zu gelten; und daf&uuml;r m&uuml;ssen nun einmal ganz spezifische T&auml;tigkeiten verrichtet werden. Die Herstellung eines Wollpullovers erfordert nun einmal andere Arbeitsg&auml;nge und eine andere Technologie als die Herstellung eines Mikrochips. &#8220;Konkret&#8221; sind diese unterschiedlichen T&auml;tigkeiten und Funktionsabl&auml;ufe aber nur im paradoxen Sinne, die konkrete Seite einer Abstraktion zu sein, denn sie setzen immer schon ihre andere Seite, die abstrakte Arbeit, voraus und beide zusammen wiederum die abstrakte gesellschaftliche Form der Arbeit &uuml;berhaupt (vgl. dazu auch meinen Aufsatz in Streifz&uuml;ge 3/1998). Um diese konkrete Seite der Arbeit geht es bei der Bestimmung der Wertgr&ouml;&szlig;e jedoch ganz offensichtlich nicht, sondern um die Frage nach der notwendigen Arbeitszeit. Die Arbeitszeit kann aber nicht der konkreten Seite der Arbeit zugerechnet werden, sondern ist die vorausgesetzte, abstrakte gesellschaftliche Dimension in der sich jeder einzelne Arbeitsvorgang im System der modernen Warenproduktion vollzieht, wie unterschiedlich die stofflich-sinnlichen Verrichtungen auch sein m&ouml;gen. Deshalb und nur deshalb lassen sich alle qualitativ unterschiedlichen Arbeiten darauf reduzieren blo&szlig; noch quantitativ verschiedene Ausdr&uuml;cke desselben zu sein, wenn von ihren besonderen, &#8220;konkreten&#8221; Merkmalen abgesehen wird. <a href="#7" name="z7">7</a></p>
<p>Die Reduktion auf den Wert ist insofern identisch mit der Reduktion auf die abstrakte (Arbeits-)Zeit, die keinesfalls der ersten Natur zugerechnet werden darf und alles andere ist als eine &#8220;physiologische Eigenschaft von Arbeit&#8221;, wie Heinrich behauptet. Vielmehr handelt es sich um eine der zentralen Form-Kategorien der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, die historisch zusammen mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise entsteht (vgl. ausf&uuml;hrlich Postone 1993). Nicht zuf&auml;llig rechnet Kant die Zeit zum Apriori der menschlichen Erkenntnis &uuml;berhaupt, womit er zwar den b&uuml;rgerlichen Gesellschaftszusammenhang ontologisiert aber dennoch auf das mit ihm gesetzte Verh&auml;ltnis von Form und Inhalt verweist (vgl. M&uuml;ller 1977).</p>
<p>Richtig ist freilich, da&szlig; die klassische politische &Ouml;konomie die Arbeitszeit als ein &#8220;nat&uuml;rliches Ma&szlig;&#8221; ansah, wie ja &uuml;berhaupt das b&uuml;rgerliche Denken alle Kategorien der Warengesellschaft zu Kategorien der ersten Natur verkl&auml;rt. Die Sch&auml;rfe der Marxschen Theorie besteht darin, dies dechiffriert zu haben, indem sie nicht etwa die b&uuml;rgerlichen Kategorien abstrakt negiert, sondern sie als ideologische Reflexe eine falschen Wirklichkeit ernst nimmt und damit in Kategorien der Kritik verwandelt: Was als erste Natur erscheint ist in Wirklichkeit die zweite Natur der Warengesellschaft und nur deshalb &uuml;berhaupt kritikabel. Heinrich versteht genau das offenbar nicht und verwirft deshalb zusammen mit dem nicht begriffenen Naturalismus der Klassik auch den Marxschen Wertbegriff nur um sich in die Sph&auml;re der Zirkulation zu fl&uuml;chten, zieht also genau jene Konsequenz, die auch die neoklassische subjektive Wertlehre aus ihrer immanent-verk&uuml;rzten Kritik an der Klassik gezogen hat. Wenn er Marx vorwirft, dieser gerate hier auf &#8220;den Boden der klassischen politischen &Ouml;konomie&#8221; (s. o. ), dann &uuml;bersieht er, da&szlig; Marx den Wert und die abstrakte Arbeitszeit eben gerade nicht zu anthropologischen Grundtatsachen verkl&auml;rt, sondern als warengesellschaftliche Realabstraktionen kritisiert.</p>
<p><strong>4. </strong></p>
<p>Theoretisch einigerma&szlig;en konsequent w&auml;re nun der Schlu&szlig; gewesen, die Arbeitszeit sei vollkommen irrelevant f&uuml;r die Bestimmung der Wertgr&ouml;&szlig;e. Freilich h&auml;tte Heinrich dann seine Wissenschaft vom Wert wohl kaum mehr als kritische Reinterpretation der Marxschen Theorie verkaufen k&ouml;nnen. Innertheoretisch bleibt es allerdings unerkl&auml;rlich, weshalb die Arbeitszeit als Ma&szlig;stab des Werts pl&ouml;tzlich und unverhofft in der Sph&auml;re der Zirkulation wieder auftaucht, wenn auch wohl nicht zuf&auml;llig gleich zweimal relativiert als &#8220;eine sozusagen , abstrakte Arbeitszeit&#8217;&#8221; (ebd. ), die &#8220;derjenige Anteil der vom individuellen Produzenten privat verausgabten konkreten Arbeitszeit&#8221; sein soll, &#8220;der im Tausch als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird&#8221; (ebd. ). Hier wird es nun geradezu metaphysisch &#8211; allerdings nicht im Sinne eines kritischen Durchleuchtens der warengesellschaftlichen Real-Metaphysik. Heinrich kann nicht angeben, wie die beiden dichotomisch auseinanderfallenden Ebenen von Produktion und Zirkulation miteinander vermittelt sind. Zwischen ihnen tut sich &#8220;ein tiefer Abgrund (auf), der logisch nicht zu &uuml;berbr&uuml;cken ist&#8221; (Backhaus/Reichelt 1995, S. 68). Es bleibt vollkommen nebelhaft, wie sich die sogenannte &#8220;konkrete Arbeitszeit&#8221; in die sie &#8220;sozusagen , abstrakte Arbeitszeit&#8217;&#8221; verwandelt. Diese kommt anscheinend aus dem b&uuml;rgerlichen Himmel des Marktes auf die Waren herab wie der Heilige Geist auf die Seelen der gl&auml;ubigen Christen.</p>
<p>Oberfl&auml;chlich scheinplausibel wird Heinrichs Argumentation nur dadurch, da&szlig; er auch hier, wie schon gewohnt, das prim&auml;re Problem der Wertbildung mit dem abgeleiteten Problem der Wertrealisation identisch setzt. Bei Marx ist das Verh&auml;ltnis der beiden Ebenen ziemlich unmi&szlig;verst&auml;ndlich gekl&auml;rt: Die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit (im oben erl&auml;uterten Sinne) bestimmt die Wertgr&ouml;&szlig;e einer Ware. Doch so wie der Wert keine empirische Kategorie ist, ist es auch die Wertgr&ouml;&szlig;e einer Ware nicht. Diese l&auml;&szlig;t sich deshalb nicht messen, weder mit der Uhr noch mit irgendeinem anderen Instrument, und erscheint nur durch viele verschiedenen Vermittlungschritte hindurch im Preis. Die Marxsche Kritik der politischen &Ouml;konomie besteht zu einem Gutteil darin, diese Vermittlungen nachzuvollziehen, um schlie&szlig;lich auch die Bewegungen an der empirischen Oberfl&auml;che, der &ouml;konomischen Erscheinungsebene, erkl&auml;ren zu k&ouml;nnen. Eine der Fragen, die sich dabei stellt, ist die, nach der Wirkung der Marktbewegung, also des Wechselspiels von Angebot und Nachfrage. Um sie zu beantworten f&uuml;hrt Marx im dritten Band des Kapital die analytische Kategorie des &#8220;Marktwerts&#8221; ein, die wohlgemerkt nicht empirisch zu verstehen ist, etwa als identisch mit dem Marktpreis einer Ware.</p>
<p>Der Marktwert wird bei einem Nachfrage&uuml;berschu&szlig; von den Waren bestimmt, deren Produktionsbedingungen unter dem Produktivit&auml;tsdurchschnitt liegen und umgekehrt bei einem Angebots&uuml;berschu&szlig; von den Waren, deren Produktionsbedingungen dar&uuml;ber liegen. Die vom jeweils herrschenden Produktivit&auml;tsstandard bestimmte durchschnittlich notwendige Arbeitszeit ist also als Ma&szlig;stab des Werts vorausgesetzt, der Marktwert ist nur die Vermittlungsinstanz zwischen Produktion und Zirkulation. Findet beispielsweise ein Teil der produzierten Waren keinen Absatz, so wirkt da so als ob insgesamt zuviel Arbeit verausgabt wurde: &#8220;ein Teil der gesellschaftlichen Arbeit (ist) vergeudet, und die Warenmasse repr&auml;sentiert dann auf dem Markt ein viel kleineres Quantum gesellschaftlicher Arbeit, als wirklich in ihr enthalten ist&#8221; (MEW 25, S. 197). Mit anderen Worten, es findet dann eine Entwertung von bereits verausgabter, in unverk&auml;uflichen Waren dargestellter abstrakter Arbeitssubstanz statt.</p>
<p>Heinrich macht aus diesem abgeleiteten Vermittlungsverh&auml;ltnis zweier Abstraktionsebenen ein gleichberechtigtes Verh&auml;ltnis zweier &#8220;Faktoren&#8221;. Die &#8220;, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit&#8217;&#8221; sei &#8220;damit nicht nur technologisch bestimmt, sondern auch durch die gesellschaftliche Nachfrage, die aber erst im Austauschproze&szlig; durch die Beziehung der Waren auf das Geld, wirksam wird&#8221; (Heinrich 1999, S. 241; Hervorheb. N. T. ). Damit hat er erneut die Br&uuml;cke zu einer reinen Zirkulationstheorie des Werts geschlagen. Zwar behauptet er ein &#8220;Determinationsverh&auml;ltnis&#8221; zwischen Wert und Preis, doch zu Recht bemerken Backhaus und Reichelt dazu: &#8220;Heinrich gibt uns keinen Hinweis, wie dieses , Determinationsverh&auml;ltnis&#8217; zu denken ist. Angesichts der oben erw&auml;hnten Doppelbestimmung der Arbeitszeit als technologische und zugleich das gesamtgesellschaftliche Bed&uuml;rfnis einbeziehend kann offenbar nur dieses Wort wiederholt werden. Es w&auml;re w&uuml;nschenswert gewesen, wenn uns Heinrich angedeutet h&auml;tte, wie er beispielsweise das Problem der &Uuml;berproduktion diskutiert. Denn diese k&ouml;nnte es ja gar nicht mehr geben, wenn die Oszillationsbewegung der Preise immer unmittelbar beides impliziert&#8221; (Backhaus/Reichelt 1995, S. 69).</p>
<p>W&uuml;rde der Wert n&auml;mlich erst auf dem Markt &#8220;entstehen&#8221;, k&ouml;nnte es eine Entwertung von in Waren dargestellten aber nicht realisierbaren Wertquanten gar nicht geben, weil ja ganz tautologisch als Wert nur gilt, was auf dem Markt anerkannt wird und nur diejenigen &#8220;Produkte&#8221; auch Waren sind, die sich wirklich verkaufen. Krisen k&ouml;nnen vom Standpunkt einer solchen Zirkulationstheorie des Werts strengenommen nicht mehr aus den immanenten Widerspr&uuml;chen der Warenproduktion heraus, sondern nur durch &#8220;externe Faktoren&#8221; erkl&auml;rt werden, ganz wie in der b&uuml;rgerlichen Volkswirtschaftlehre; eine Konsequenz, die Heinrich freilich nicht ziehen mag, obwohl sie der Logik seines theoretischen Ansatzes entspr&auml;che. Diese Inkonsequenz ist typisch f&uuml;r die gesamte Wissenschaft vom Wert. Heinrich versucht das Unm&ouml;gliche, n&auml;mlich an der Marxschen Werttheorie (die eigentlich eine Wertkritik ist) festzuhalten und sie gleichzeitig zu entsorgen, also kompatibel mit dem theoretischen Universum der b&uuml;rgerlichen Volkswirtschaftslehre zu machen. Mag sein, da&szlig; er damit einem verbreiteten Bed&uuml;rfnis insbesondere im akademischen Betrieb entgegenkommt; zur Neuformulierung einer fundamentalen Kapitalismuskritik tr&auml;gt es kaum etwas bei.</p>
<hr /><strong>Literatur: </strong></p>
<p>Hans-Georg Backhaus/Helmut Reichelt: Wie ist der Wertbegriff in der &Ouml;konomie zu konzipieren, in Beitr&auml;ge zur Marx-Engels-Forschung: N. F. , Engels&#8217; Druckfassung versus Marx&#8217; Manuskripte zum III. Buch des &#8220;Kapital&#8221;, Hamburg 1995</p>
<p>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert (2. Auflage), M&uuml;nster 1999</p>
<p>Karl Marx: Das Kapital, Band I, MEW 23 (vierte Auflage von 1890)</p>
<p>ders. : Das Kapital, Band I, MEGA, 2. Abt. , Bd. 5 (erste Auflage von 1867)</p>
<p>ders. : Das Kapital, Band III, MEW 25</p>
<p>ders. : Grundrisse der Kritik der politischen &Ouml;konomie, MEW 42</p>
<p>Rudolf Wolfgang M&uuml;ller: Geld und Geist, Frankfurt/New York 1977</p>
<p>Moishe Postone: Time, labor and social domination, Cambridge 1993 (der im Text zitierte ins Deutsche &uuml;bersetzte Ausschnitt erschien in Jungle World 12.7.2000).</p>
<p><strong>Anmerkungen: </strong></p>
<p><a href="#z1" name="1">1</a>          Kritischere Bemerkungen zur Kategorie der Arbeit finden sich gerade in den fr&uuml;heren Schriften, so etwa in den &Ouml;konomisch-Philosophischen Manuskripten oder in der ber&uuml;hmten Einleitung zu den Grundrissen der Kritik der politischen &Ouml;konomie (MEW 42, S. 38f. ). Heinrich zitiert zum Teil entsprechende Passagen, aber anscheinend f&auml;llt ihm der Widerspruch zu seiner These gar nicht auf, erst der sp&auml;te &#8220;Marx des Kapitals&#8221; habe sich vom Naturalismus der Klassik befreit; was &uuml;brigens wohl damit zusammenh&auml;ngt, da&szlig; er Marx Naturalismus unterstellt, wo gar keiner vorkommt, sondern von der &#8220;zweiten Natur&#8221; die Rede ist, Heinrich andererseits aber der Kategorie der &#8220;Arbeit&#8221; gegen&uuml;ber unkritisch ist.</p>
<p><a href="#z2" name="2">2</a>          Diese Kritik weist Heinrich zwar in der Neuauflage seines Buches verbal zur&uuml;ck, doch setzt er ihr argumentativ rein gar nichts entgegen, sondern wiederholt einfach nur die kritisierte Auffassung. Das Auseinanderfallen in eine &#8220;, naturale Realsph&auml;re&#8217;, in der es keine Waren, sondern nur Produkte gebe&#8221; und eine &#8220;Welt des Austauschs&#8221; dr&uuml;cke, &#8220;so allgemein gefa&szlig;t&#8221;, &#8220;nur die spezifische Gesellschaftlichkeit der Arbeit in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft aus&#8221; (Heinrich 1999, S. 216). Den Unterschied zwischen seiner Auffassung und derjenigen der klassischen und neoklassischen &Ouml;konomie sieht Heinrich darin, da&szlig; diese von einer &#8220;Dichotomie zwischen , realen&#8217; und , monet&auml;ren&#8217; Gr&ouml;&szlig;en&#8221; ausgehe und deshalb &#8220;Probleme mit der Wertgegenst&auml;ndlichkeit&#8221; habe (ebd. , S. 217). Es fragt sich allerdings, ob die Volkswirtschaftlehre in dieser Hinsicht nicht logisch konsequenter als Heinrich ist. Wenn man behauptet, die Wertgegenst&auml;ndlichkeit existiere &#8220;nur in der gesellschaftlichen Beziehung des Tauschs&#8221; (ebd. ) und: &#8220;Isoliert f&uuml;r sich betrachtet, au&szlig;erhalb des Austauschs ist der Warenk&ouml;rper nicht Ware, sondern blo&szlig;es Produkt&#8221; (ebd. , S. 216), dann kann man im Grunde auf die aufwendige marxologische Terminologie verzichten und gleich zur subjektiven Wertlehre &uuml;berlaufen.</p>
<p><a href="#z3" name="3">3</a>          In &Uuml;bereinstimmung damit f&uuml;hrt Heinrich &uuml;brigens auch eine h&ouml;chst eigent&uuml;mliche Bestimmung des Doppelcharakters der Arbeit ein: &#8220;abstrakte Arbeit&#8221; existiert demnach nur in der Zirkulation, wogegen &#8220;konkrete Arbeit&#8221; als Synonym f&uuml;r die &#8220;unmittelbare Arbeit&#8221; des Privatproduzenten am einzelnen Produkt verstanden wird (vgl. S. 219). Damit trifft er sich auch hier wieder mit dem traditionellen Marxismus und seiner Apologie der &#8220;konkreten Arbeit&#8221;.</p>
<p><a href="#z4" name="4">4</a>          Etwas anderes ist es, wenn ein kapitalistisches Individuum im privaten Rahmen, abseits der Marktvermittlung, Produkte f&uuml;r den eigenen Bedarf herstellt (etwa Gem&uuml;seanbau im eigenen Garten). Dabei handelt es sich selbstverst&auml;ndlich nicht um Waren. Aber darum geht es hier nicht.</p>
<p><a href="#z5" name="5">5</a>          &#8220;Die Produktions- und Distributionsverh&auml;ltnisse h&auml;ngen miteinander zusammen, sind aber nicht identisch. Marx weist darauf hin, da&szlig; die Distributionsverh&auml;ltnisse sich als Kategorien der unmittelbaren Alltagserfahrung darstellen, da&szlig; sie manifeste Formen der Produktionsverh&auml;ltnisse sind, die diese Verh&auml;ltnisse sowohl ausdr&uuml;cken als auch verschleiern; und zwar auf eine Weise verschleiern, die dazu f&uuml;hren kann, da&szlig; erstere f&uuml;r letzteren gehalten werden. Wenn der Marxsche Begriff der Produktionsverh&auml;ltnisse, wie im traditionellen Marxismus, nur in Bezug auf die Distributionsweise interpretiert wird, werden die manifesten Formen f&uuml;r das Ganze gehalten. Diese Art systematischer Fehldeutung, die in den bestimmten Erscheinungsformen der kapitalistischen Vergesellschaftung angelegt ist, hat Marx in seinen Ausf&uuml;hrungen zum , Fetisch&#8217; auf den Begriff zu bringen versucht&#8221; (Postone 1993, S. 70; eigene &Uuml;bersetzung).</p>
<p><a href="#z6" name="6">6</a>          Wie verst&auml;ndnislos Heinrich der Ebene der gesellschaftlichen Form gegen&uuml;bersteht, wird auch aus folgender Antwort auf die gegen ihn vorgebrachten Einw&auml;nde nicht n&auml;her benannter Kritiker deutlich: &#8220;Das Argument, da&szlig; gerade bei kapitalistischer Produktion nicht ins Blaue hinein, sondern stets im Hinblick auf den Markt produziert werde, man daher auch schon vor dem Tausch von Ware und Wert sprechen k&ouml;nne, verfehlt allerdings den Sachverhalt, um den es hier geht: die blo&szlig;e Absicht des Produzenten, sein Produkt als Ware auf den Markt zu bringen, verleiht diesem noch keine Wertgegenst&auml;ndlichkeit. Ob seine individuell verausgabte Privatarbeit tats&auml;chlich als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird, stellt sich erst im nachhinein heraus&#8221; (Heinrich 1999, S. 216). Heinrich versucht hier das Formproblem empiristisch aufzul&ouml;sen und kennt deshalb nur zwei Alternativen: Entweder der Wert ensteht aufgrund subjektiven Willens der vereinzelten Privatproduzenten (was er als L&ouml;sung ablehnt) oder aus dem Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf dem Markt. Beides geht aber an der Sache vorbei, denn sowohl der Wille und die Absichten der Privatproduzenten als auch die Marktbewegung sind immer schon wertf&ouml;rmig konstituiert. Insofern verweisen sie zwar auf die Form, stellen sie aber nicht her.</p>
<p><a href="#z7" name="7">7</a>          Heinrich versucht sich, vielleicht weil er ahnt, da&szlig; er begrifflich ins Schleudern gekommen ist, durch folgende Aussage aus der Aff&auml;re zu ziehen: &#8220;Dies &auml;ndert allerdings nichts daran, da&szlig; der Wert der Ware auch eine quantitative Bestimmung hat &#8230;&#8221; (Heinrich 1999, S. 218; Hervorheb. N. T. ). Es w&auml;re interessant, zu erfahren, welches denn die &#8220;qualitative Bestimmung&#8221; sein soll, die der Wert dann ja &#8220;auch&#8221; haben m&uuml;&szlig;te.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.streifzuege.org/2000/im-buergerlichen-himmel-der-zirkulation/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kritik statt Habermas, Marx statt Marxismus</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2000/kritik-statt-habermas-marx-statt-marxismus</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2000/kritik-statt-habermas-marx-statt-marxismus#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2000 01:20:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einführung]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der Linken: Klassenkampf etc.]]></category>
		<category><![CDATA[Grigat; Stephan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-3]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=223</guid>
		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/kritik-statt-habermas-marx-statt-marxismus">Kritik statt Habermas, Marx statt Marxismus</a></p>
Bericht von einem Seminar in Frankfurt am Main]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/kritik-statt-habermas-marx-statt-marxismus">Kritik statt Habermas, Marx statt Marxismus</a></p>
<h3>Bericht von einem Seminar in Frankfurt am Main</h3>
<p></head></p>
<p>Streifz&uuml;ge 3/2000</p>
<p><em>von Stephan Grigat</em> <span id="more-223"></span></p>
<p>Am 10. Mai dieses Jahres fand in Frankfurt am Main im Rahmen einer Studienreise der Rosa Luxemburg Stiftung ein halbt&auml;giges Seminar mit Mitgliedern der Marx Gesellschaft statt. Die Marx-Gesellschaft mit Sitz in Hamburg ist aus dem 1992/93 in Frankfurt am Main von Hans-Georg Backhaus, Diethard Behrens und Hans-Joachim Blank initiierten Marx-Kolloquium hervorgegengen und geh&ouml;rt zu den interessantesten, wenn auch stark akademisch orientierten Projekten einer undogmatischen Auseinandersetzung mit der Theorie von Marx und mit an Marx anschlie&szlig;ender Gesellschaftskritik.</p>
<p>Einleitend informierte Rolf Hecker &uuml;ber die Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe, berichtete &uuml;ber MEGA-Arbeitsgruppen in Japan, den USA, Frankreich und D&auml;nemark und wies darauf hin, da&szlig; auf Grund der Aktivit&auml;ten einiger notorischer MEGA-Gegner eine Unterst&uuml;tzung der Herausgabe der Schriften von Marx und Engels nach wie vor notwendig sei.</p>
<p>Hans-Joachim Blank besch&auml;ftigte sich mit dem Verh&auml;ltnis der Kritischen Theorie und des heutigen Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung zu Marx. Er wies darauf hin, da&szlig; der Begriff &#8220;Frankfurter Schule&#8221; problematisch ist, da die zu Adornos und Horkheimers Zeiten am Institut f&uuml;r Sozialforschung Arbeitenden keine einheitlichen Positionen vertrteten haben, was insbesondere bei den Bez&uuml;gen auf die Marxsche Theorie deutlich werde. F&uuml;r Horkheimer habe es zwei zentrale Bezugspunkte gegeben: Schopenhauer und Marx. Die Interpretation der Marxschen Theorie sei stark vom Mitleidsbegriff Schopenhauers gepr&auml;gt gewesen. Nach au&szlig;en hin habe Horkheimer gro&szlig;e Vorsicht walten lassen, sich nicht zu offensichtlich auf Marx zu beziehen. Vor allem in seinen letzten Lebensjahren sei der &ouml;ffentliche Bezug auf Schopenhauer st&auml;rker geworden, was auch mit einer intensiveren Besch&auml;ftigung mit religi&ouml;sen Motiven einherging. In den Horkheimerschen Notizen werde allerdings deutlich, da&szlig; der Bezug auf Marx keineswegs aufgeh&ouml;rt habe.</p>
<p>Bei Adorno waren die Bez&uuml;ge auf Marx in den ver&ouml;ffentlichten Schriften deutlicher als bei Horkheimer. Blank wies aber darauf hin, da&szlig; sich die &#8220;Kapital&#8221;-Rezeption Adornos vor allem auf die ersten 100 Seiten des ersten Bandes beschr&auml;nkte. Tats&auml;chlich ist bei Adorno in der Regel von der Warengesellschaft und vom Warenfetisch die Rede, wohingegen der entwickelte Kapitalbegriff kaum zur Sprache kommt. Mit Bezug auf Hans-Georg Backhaus betonte Blank jedoch, da&szlig; sich in Adornos Werk wichtige Fragestellungen f&uuml;r die Interpretation der Marxschen Kritik finden.</p>
<p>Am heutigen Institut f&uuml;r Sozialforschung gelten Marx und Engles als tote Hunde. Die Kritik der politischen &Ouml;konomie ist dort kein Thema mehr. Einzelne Forscher, die nach wie vor an der Marxschen Kritik interessiert sind und sich auch mit der Marx-Rezeption der Kritischen Theorie auseinandersetzen, vertreten keineswegs den Mainstream am Institut, sondern repr&auml;sentieren eine Minderheitenposition. In diesem Zusammenhang wies Blank nachdr&uuml;cklich darauf hin, da&szlig; es sich schlicht um einen Irrtum handelt, jemanden wie J&uuml;rgen Habermas zur Kritischen Theorie zu rechnen. Und in der Tat hat die unkritische Theorie des Positivisten Habermas mit den Intentionen Horkheimers und Adornos nichts mehr gemein.</p>
<p>Diethard Behrens skizzierte die Marx-Rezeption in der BRD seit den sechziger Jahren und formulierte vor diesem Hintergrund einige &Uuml;berlegungen zur Methode und zum Gegenstand der Kritik der politischen &Ouml;konomie. Er verdeutlichte, da&szlig; es Marx stets um die Kritik der Totalit&auml;t kapitalistischer Gesellschaften gegangen ist. Wie ist solch eine Totalit&auml;t jedoch zu fassen? Die Antwort darauf m&uuml;sse sich in der Methode finden lassen. Anhand der Einleitung zu den &#8220;Grundrissen&#8221; skizzierte Behrens das Verh&auml;ltnis von Abstraktem und Konkretem, von Einzelnem und Allgemeinem in der Marxschen Methode. Bei Marx geht es in der Regel um ein wechselseitiges Hervorbringen, um die vermittelnde Bewegung zwischen zwei Polen. Besonders deutlich wird dies wiederum in der Einleitung zu den &#8220;Grundrissen&#8221;, wo Marx unter anderem zeigt, da&szlig; Produktion und Konsumtion keineswegs unvermittelt nebeneinander existierende Sph&auml;ren sind, sondern Elemente einer Einheit: &#8220;Das Resultat, wozu wir gelangen, ist nicht, da&szlig; Produktion, Distribution, Austausch, Konsumtion identisch sind, sondern da&szlig; sie alle Glieder einer Totalit&auml;t bilden, Unterschiede innerhalb einer Einheit. (&#8230; ) Es findet Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Momenten statt. Dies der Fall bei jedem organischen Ganzen.&#8221; (MEW, Bd. 42, S. 34) Vor diesem Hintergrund wies Behrens darauf hin, da&szlig; bei Marx die Kritik Eingang in die Darstellung gefunden hat und diese Darstellung &#8211; wenn auch anders als bei Hegel &#8211; dialektisch wird.</p>
<p>In der Diskussion hob Behrens hervor, da&szlig; es Marx darum geht, an der &Ouml;konomiekritik deutlich zu machen, was Gesellschaft ist. Blank betonte, da&szlig; es Marx im &#8220;Kapital&#8221; nicht um eine andere &Ouml;konomie gegangen ist, sondern um die Kritik der &ouml;konomischen Kategorien, die als Ausdruck gesellschaftlicher Verh&auml;ltnisse dechiffriert werden sollen. Daraus ergibt sich, da&szlig; die von Marx behandelten Kategorien auch keine Allgemeing&uuml;ltigkeit f&uuml;r alle Gesellschaften haben. Allgemeing&uuml;ltigkeit besitzten sie nur in der b&uuml;rgerlichen Denkungsart. Jede andere Vorstellung w&uuml;rde automatisch auf eine Ontologisierung hinauslaufen. Hecker und Behrens verwiesen in diesem Zusammenhang darauf, da&szlig; der Marxismus-Leninismus genau diese Ontologisierung betrieben hat, indem die von Marx kritisierten Kategorien zu &uuml;berhistorischen Bestimmungen erkl&auml;rt wurden, w&auml;hrend f&uuml;r Marx nur die Tatsache, da&szlig; in irgendeiner Form Naturaneignung stattfindet, epochen&uuml;bergreifend war. Dem ML sei dadurch der Unterschied zwischen klassischer politischer &Ouml;konomie und der Kritik an eben dieser abhanden gekommen.</p>
<p>Nadja Rakowitz referierte Ausz&uuml;ge aus ihrer Dissertation &uuml;ber &#8220;Einfache Warenproduktion&#8221;, die gerade im Freiburger ça ira-Verlag erschienen ist. Einleitend kritisierte sie die Vorstellung, die Marxsche Kritik der politischen &Ouml;konomie sei einfach die Fortsetzung und Erweiterung der Arbeitswerttheorie Ricardos gewesen. Sie verdeutlichte, da&szlig; Ricardo anders als Marx nie nach der Bedingung gefragt hat, wie es &uuml;berhaupt sein kann, da&szlig; Waren einander gleichgesetzt werden. W&auml;hrend sich die klassische politische &Ouml;konomie vor allem mit der Frage nach der Wertgr&ouml;&szlig;e besch&auml;ftigt hat, wird bei Marx die Frage nach der Wertform zentral, also die Frage, wie es &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist, da&szlig; x Ware a = y Ware b sein kann. Marx sei es nicht einfach um eine bessere Werttheorie gegangen, sondern um Wertkritik, die sich zun&auml;chst einen Begriff davon machen mu&szlig;, was dieses merkw&uuml;rdige Ding &#8220;Wert&#8221; denn eigentlich ist. Rakowitz rekapitulierte die Marxschen Bestimmungen von Gebrauchs- und Tauschwert, von konkreter und abstrakter Arbeit und verdeutlichte, da&szlig; es sich bei letzterer um ein denknotwendiges Substrat handelt, um Waren vergleichen zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Rakowitz erl&auml;uterte, da&szlig; die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit, die die Wertgr&ouml;&szlig;e bestimmen soll, bei Marx eine nicht-empirische Kategorie ist und daher auch nicht real feststellbar. Das Paradoxe, das die Marxsche Kritik zu fassen versucht, besteht darin, da&szlig; Arbeit die Substanz des Werts bildet, Arbeit als diese Substanz nicht fixierbar ist, und dennoch eine Quantifizierung stattfindet. Genau dieses Paradox ist das Ausgangsproblem der Marxschen Wertformanalyse.</p>
<p>Rakowitz kontrastierte die Marxsche Wertformanalyse mit den Vorstellungen Proudons. Wie Marx wollte Proudon die &Ouml;konomie des Kapitalismus kritisieren und auch abschaffen. Anders als Marx, dem es um die Kritik des Kapitalverh&auml;ltnisses und damit um die Kritik der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft in ihrer Totalit&auml;t ging, zielte Proudons Kritik jedoch nur auf einzelne Aspekte dieser Totalit&auml;t. Er richtete sich gegen den Zins, verteidigte aber den Markt, das Geld und die Warenform. Davon ausgehend charakterisierte Rakowitz den Realsozialismus als eine Art Proudonismus, der unter anderem die Ideale der Franz&ouml;sischen Revolution verwirklichen wollte, die in Wirklichkeit nur vor dem Hintergrund des Kapitalverh&auml;ltnisses zu verstehen seien und daher, so man dieses abschaffen will, mit diesem aufgehoben werden m&uuml;&szlig;ten. Marx erscheint so mit seiner Kritik am Proudonismus als ein weitsichtiger Kritiker des realsozialistischen Gesellschaftsverst&auml;ndnisses.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.streifzuege.org/2000/kritik-statt-habermas-marx-statt-marxismus/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

