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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 1999-3</title>
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		<title>Weiblichkeit — Dialektik eines negativen Begriffs</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Aug 1999 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Patriarchat / Geschlechterverhältnis / Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 1999-3]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1999/weiblichkeit-dialektik-eines-negativen-begriffs">Weiblichkeit — Dialektik eines negativen Begriffs</a></p>
<p>Streifz&uuml;ge 3/1999</p>
<p><em>von Ilse Bindseil</em> <span id="more-527"></span></p>
<p>Weiblichkeit, ein schwieriges Thema. Ein modernes Thema, das teilhat an der modernen Konstruktion von Themen, denen man ihre Konstruiertheit ansieht, das hei&szlig;t, die sich nicht aus der Systematik des schon Bekannten ergeben, sondern die ihre Rechtfertigung und Existenz in einer gewaltsamen Weise erst durch ihr Resultat beziehungsweise durch ihre Dekonstruktion erhalten: Sie kommen aus dem Unbekannten her und bew&auml;hren sich nicht dadurch, da&szlig; sie bewiesen werden, sondern dadurch, da&szlig; sie Existenzqualit&auml;ten vorweisen. Weiblichkeit ist ein solches Thema, das nur ist, insofern es sich bew&auml;hrt.</p>
<p>Was Weiblichkeit ist, kann ich demnach erst erahnen, wenn ich sie hergestellt habe. Dann kann sie zeigen, ob sie sich bew&auml;hrt. Herstellen wiederum, in der angedeuteten nichtontologischen Weise, kann ich sie nur, indem ich sie von ihrem ontologischen oder naturalistischen Schein befreie und ihre Geschichte aufrolle, wohlgemerkt ihre theoretische Geschichte; denn wenn ich es mit der konstruierten Weiblichkeit zu tun habe, bin ich von ihrer materialen Geschichte nat&uuml;rlich getrennt, kann nur neidisch auf die blicken, die die Dienstm&auml;dchenarbeit untersuchen oder die Kollaboration von Frauen im Dritten Reich unter die Lupe nehmen. Ich bin, ob ich will oder nicht, immer schon auf einer anderen Ebene, die mir nur best&auml;tigen kann, da&szlig; das, womit ich mich besch&auml;ftige, ein theoretischer Gegenstand ist, der mir als einzige Aufgabe die stellt, mich mit ihm als solchem zu befreunden.</p>
<p>Nur am Rande: Auch mit theoretischen, nicht lediglich mit scheinhaft materialen, unmittelbaren Gegenst&auml;nden kann man nur so umgehen, da&szlig; man sie aufhebt. Dekonstruktivismus, so wie ich ihn verstehe &#8212; und ihn, mir sein von allen Modeerscheinungen unabh&auml;ngiges, sein objektives Dasein vergegenw&auml;rtigend, vielleicht ein wenig zurechtgebogen habe -, kann in nichts anderem bestehen als in dieser Platit&uuml;de und in deren Entfaltung zu einer methodischen Orientierung. Begriffe sind, aus dem Blickwinkel dieser Orientierung betrachtet, eben keine Resultate, sondern falsche Unmittelbarkeiten, die aufgehoben werden m&uuml;ssen und erst, wenn ihr Gewordensein in ihrer Dekonstruktion zum Vorschein gekommen ist, ihre Zerlegung und ihr Werden sich als spiegelbildlich identisch herausgestellt hat, ihre Vernichtung also als das &quot;quod-erat-demonstrandum&quot; ihres Gewordenseins anerkannt ist, haben wir so etwas wie ein Resultat.</p>
<p>Sich mit Weiblichkeit besch&auml;ftigen hei&szlig;t daher Theoriegeschichte betreiben, und diese Geschichte geschieht nicht als Erweiterung oder Sublimierung der empirischen Geschichtswissenschaft, sondern als Konsequenz eines fundamentalen Zweifels an der Materialit&auml;t der Weiblichkeit, g&auml;nzlich unfreiwillig also, n&auml;mlich unter dem Druck ihrer materialen Zweifelhaftigkeit: Ich m&ouml;chte &#8212; oder soll &#8212; &uuml;ber Theorie der Weiblichkeit reden und sehe mich durch den Proze&szlig; der Wahrheitsfindung selbst gen&ouml;tigt, &uuml;ber ihre Geschichte zu reden; im Extrem &uuml;brigens auch &uuml;ber meine Geschichte mit ihr. Das hei&szlig;t, ich sehe mich gen&ouml;tigt &#8212; ausgerechnet auf dem Feld der abstraktesten Theorie sehe ich mich gen&ouml;tigt, statt eine Theorie vorzutragen oder einen Befund aufzutischen, eine Geschichte zu erz&auml;hlen. Damit ist das &quot;telling stories&quot;, das Danto als Prinzip der Geschichtswissenschaft ausmachte, in die Theorie hineingewandert, in ihr schlie&szlig;lich angekommen. Es setzt nicht nur ein Bewu&szlig;tsein von der Relativit&auml;t von Theorien voraus, sondern verbindet es mit einer eigenen Darstellungsform: Erz&auml;hlung. Theorie kann nicht nur relativistisch immer anders erz&auml;hlt, sondern sie kann in schl&uuml;ssiger Konsequenz nur erz&auml;hlt werden. Wie jeder theoretische Vorgang ist dieser Sprung in der Darstellung, dieser Darstellungssprung, notwendig und irreversibel. Vielleicht wollte ich ja gar nicht erz&auml;hlen, vielleicht h&auml;tte ich ja lieber deduziert und analysiert. Unter dem Druck eines Relativismus, der sich mir als Erfahrungsdruck darstellt und mir Darstellungsformen aufzwingt, mu&szlig; ich indessen erz&auml;hlen.</p>
<p>Es geht also l&auml;ngst nicht mehr um ein latent optimistisches, auf zunehmende Komplexit&auml;t deutendes, die Wahrheit zunehmend komplexer erfassendes theoretisches Tun &#8212; gewisserma&szlig;en um die Modernisierung von Hegel -, sondern im Gegenteil um die sukzessive Vernichtung der scheinhaften Materialit&auml;t von Gewi&szlig;heiten, die Entfaltung stattdessen der durchaus als fatal begriffenen Theoretizit&auml;t des Gewu&szlig;ten.</p>
<p>Diesen Blick kann man trainieren, und zu diesem Zweck will ich ein St&uuml;ck Theoriegeschichte der Weiblichkeit erz&auml;hlen. Zu diesem Zweck hei&szlig;t, mit der Perspektive der Aufhebung nicht nur der Materialit&auml;t der Weiblichkeit, die auf betrachtendem Wege nun mal nicht herzustellen, nur zu dekonstruieren ist, sondern auch der Erz&auml;hlung selbst. Gelungen ist die Dekonstruktion, wenn sie nicht nur das vermeintlich Feste dekonstruiert, sondern die eigenen Konstruktionspunkte so genau angibt, da&szlig; sie selbst dekonstruiert, durch eine andere Erz&auml;hlung ersetzt werden kann. Relativismus ist davon nicht das Resultat, vielmehr eine exaktere Bestimmung dessen, was Theorie ist und was nicht.</p>
<p><strong>1</strong></p>
<p>Die Frauenbewegung, dies das erste Kapitel meiner Erz&auml;hlung &uuml;ber die Theoriegeschichte der Weiblichkeit, ist uns als ein heute traditionell und konventionell anmutender Kampf um Gleichberechtigung bekannt. Die in der Aufkl&auml;rung geleistete Formalisierung des Menschen zur selbstbewu&szlig;ten Monade, zum autonomen Individuum, zu einem dank dieser Formalisierung Gleichen unter Gleichen sollte praktisch auf die Frauen ausgedehnt und mu&szlig;te zu diesem Zweck vorher als sie theoretisch immer schon einschlie&szlig;end begriffen werden. Die umst&auml;ndliche Formulierung deutet bereits auf die Ambivalenz der aufkl&auml;rerischen Forderung selbst, die das, was sie per Formalisierung als Uneingeschr&auml;nktes statuiert, zugleich wieder einschr&auml;nken mu&szlig;te: Zwar ist das Individuum uneingeschr&auml;nkt frei, aber nicht jeder kann Individuum sein; Tiere k&ouml;nnen keine Individuen sein, Sklaven k&ouml;nnen keine Individuen sein, Frauen k&ouml;nnen keine Individuen sein. &quot;Am&uuml;siert und erbittert&quot;, hei&szlig;t es zum Beispiel in der Erz&auml;hlung &quot;Dschungelresidenz&quot; von Somerset Maugham &uuml;ber einen b&uuml;rgerlichen Menschen &#8212; und diese Bemerkung am Ende des 19. oder Beginn des 20. Jahrhunderts zieht gleichsam einen Strich unter die angeblich noch heute einzul&ouml;sende Aufkl&auml;rung &#8212; &quot;am&uuml;siert und erbittert sah Mr. Warburton, wie dieser Mensch, der sich jedem anderen Menschen gleich d&uuml;nkte, so viele als unter ihm stehend behandelte. &quot;</p>
<p>Die erste Frauenbewegung hat in ihrem Kampf um Gleichberechtigung die mit der Formalisierung des Menschen zum Individuum und Tr&auml;ger von Menschenrechten gesetzte Norm als Realverh&auml;ltnis behandelt und beim Wort genommen. So brauchte sie nur noch ihre Verwirklichung einzuklagen, das hei&szlig;t f&uuml;r die Realisierung dessen zu k&auml;mpfen, was l&auml;ngst war. Logische Undeutlichkeit, die Ebene oder den Status der zur Durchsetzung aufgegebenen Begriffe betreffend, wurde in geschichtsphilosophische Vision umgem&uuml;nzt: Der Mensch soll werden, was er ist, oder die Frauen sollen endlich sein, was sie sind, Menschen.</p>
<p>Dieser Kampf ist der Evidenz der eingeklagten Ziele zum Trotz, dank der als logische erscheinenden Undeutlichkeiten der genannten Strategie, die das Sollen zum Sein und das Sein zu einer blo&szlig; noch akzidentiellen Ausf&uuml;hrungsbestimmung des Sollens erhob, au&szlig;erordentlich m&uuml;hsam gewesen, so da&szlig; es fast den Anschein hatte, als ginge es, da ja die Normen unbarmherzig feststanden, um die Schaffung neuer ontologischer Tatsachen, um die Schaffung einer Welt, die der r&uuml;ckblickend immer schon als autonomes Individuum bestimmten Frau eine Heimat zu sein vermochte, oder um die Schaffung einer Frau, die ihrerseits den aufkl&auml;rerischen Normen eine Heimat zu sein vermochte, anstatt zwischen Eskapismus und Engagement verantwortungslos hin- und herzuschwanken. Noch heute ist selbst in Westeuropa der Kampf, seiner theoretischen Abgestandenheit zum Trotz, nicht ausgek&auml;mpft, er hat sich vielmehr verschoben. Anstatt da&szlig; die Individuierung der Frau mit allen, bereits in der Aufkl&auml;rung festgelegten Konsequenzen, ihre umfassende Gleichwerdung sich mit dem Zwang der Logik von allein vollzogen h&auml;tte, wie eine &uuml;berreife Erkenntnis aus den gef&uuml;gigen Verh&auml;ltnissen herausgepurzelt w&auml;re, hat sich der Begriff des Individuums an dem der Gleichheit, Freiheit, Br&uuml;derlichkeit durchaus entlang, aber vielfach auch vorbeientwickelt. Begriff und Schicksal der Frau haben sich erneut verundeutlicht. Mehr als je zuvor erscheint sie als zu Schaffende, w&auml;hrend die Koordinaten ihrer aufkl&auml;rerischen Definition sich vereindeutigt, ihren transitorischen Charakter offenbart haben. Selbst wenn, sagen wir als Beispiel, in einer Schule 100 % des Lehrpersonals weiblich und nur der Direktor ein Mann ist, so zweifelt heute niemand daran, da&szlig; es sich bei den ersteren um Individuen, wogegen es sich bei letzterem wom&ouml;glich um eine Marionette handelt oder ganz schlicht um ein Opfer seiner M&auml;nnlichkeit, die sich traditionell alle m&ouml;glichen Fremdbestimmungen anheften l&auml;&szlig;t. Um es einmal so zu sagen, der Direktor entmannt nicht die Frauen, nimmt ihnen nicht ihre Individualit&auml;t, vielmehr setzt sich die sei&#8217;s bedauerliche, sei&#8217;s skandal&ouml;se, aber heimlich-unheimlich vertraute, den Bogen zur&uuml;ck in die Voraufkl&auml;rung schlagende, gegen Begriffe versto&szlig;ende, aber an faktische Kontinuit&auml;ten ankn&uuml;pfende Tatsache durch: Es geht auch ohne Gleichheit.</p>
<p>Nat&uuml;rlich ist unstrittig, da&szlig; es sich bei dem genannten Beispiel um einen latenten Skandal, um einen Versto&szlig; n&auml;mlich gegen die durch formale Normen statuierte Gleichheit und damit um einen Versto&szlig; der Politik gegen sich selbst, also im Grunde um eine schreiende Ungerechtigkeit gegen&uuml;ber den Frauen handelt, h&auml;tte die politische Sph&auml;re sich mittlerweile nicht selbst als Marginalie der Gesellschaft herausgestellt und w&auml;re Ungleichheit auf diesem Gebiet heutzutage nicht im Grunde verzeihlicher als fr&uuml;her, wo sie noch die Illusion der Totalit&auml;t beinhaltete. Als nichtspezialisierte, unbestimmte, noch zu schaffende &#8212; dies die neuen Ausdr&uuml;cke f&uuml;r Allgemeines, Totalit&auml;t &#8212; scheint diesmal die Frau auf der Seite eines neuen, mit Sicherheit nicht weniger illusion&auml;ren Ganzen gelandet zu sein, w&auml;hrend der Mann, verhakt noch in allen m&ouml;glichen Bestimmungen, vielfach definiert und realisiert, unendlich vermittelt und engagiert, veraltet.</p>
<p><strong>2</strong></p>
<p>Das zweite Kapitel meiner Erz&auml;hlung &uuml;ber die Theoriegeschichte der Weiblichkeit greift den Differenzbegriff auf, wie er etwa um die italienischen Affidamento-Frauen herum, in Rekurs auf Luce Irigaray formuliert wurde und in jeder erdenklichen theoretischen und praktischen Form in der sogenannten neuen Frauenbewegung eine Rolle gespielt hat und spielt. Es ist noch nicht jener Begriff, der f&uuml;r das dritte &#8212; hiermit in aller K&uuml;rze angerissene &#8212; Kapitel eine Rolle spielt, in dem Weiblichkeit wom&ouml;glich aus einer Bewegung zu einem Beispiel, aus einem politischen Subjekt zu einem Objekt der Theorie, aus einer Substanz zu einer vielhundertfach gebrochenen Form, aus einem Geschlecht zu einer, grammatisch gar nicht mehr korrekt zu formulierenden Unterbestimmung von &quot;Geschlechter&quot; wird, einer sammelnden Unterbestimmung von gender. Ich sage &quot;wom&ouml;glich&quot;, spielt bei der modernen Entsubstantialisierung der Weiblichkeit, wie sie mit den Namen Dekonstruktivismus und Judith Butler kurz und grob bezeichnet ist, das Geschlecht doch gleichzeitig eine beil&auml;ufige und eine zentrale Rolle, der Transvestit, als die &Uuml;bergangsform schlechthin, die praktische Widerlegung der Geschlechteronotologie, zugleich die Rolle eines Beispiels und einer Substanz; es ist die Substanz einer entsubstantialisierten Gesellschaft, in der Erscheinungen wie Geschlecht oder Sprache die Funktion entsubstantialisierter Substanzen &uuml;bernommen haben, die Funktion von wie immer zu dekonstruierenden &#8216;Kernen&#8217; der Kultur, und die nicht beliebig &#8216;wegerkl&auml;rt&#8217; werden k&ouml;nnen, fielen mit ihnen doch die Grenzen zur Substanz, deren Aufhebung w&auml;re vergangen.</p>
<p>Der Differenzbegriff, der sich historisch und systematisch zwischen Aufkl&auml;rung und Dekonstruktivismus schiebt und mein zweites Kapitel konstituiert, h&auml;ngt an seinem Singular und wei&szlig; von seiner pluralistischen Aufl&ouml;sung noch nichts. Zugleich enth&auml;lt er bereits die wesentlichen Momente des dekonstruktivistischen Begriffs, freilich praktizistisch oder substanzlogisch, ursprungsmythisch und nicht theoretisch. Seine unmittelbare Logik, freilich auch seinen holzschnittartigen, theoretisch geradezu reflexhaft primitiv, retourkutschenhaft anmutenden Charakter bezieht er aus dem Antagonismus zum Gleichheitsbegriff. So unmittelbar plausibel, notwendig im zweifelhaften Sinn von unvermeidlich, stellt er sich innerhalb des durch ihn konstituierten Begriffspaars Gleichheit und Differenz dar, da&szlig; man leicht in den Sog der Plausibilit&auml;t ger&auml;t und sich dann hoffnungslos in den nur auf den ersten, geblendeten Blick beseitigten Widerspr&uuml;chen verf&auml;ngt. Diese Widerspr&uuml;che werden von der Differenztheorie, wohlgemerkt, nicht selbst verdeckt, sondern ungeniert riskiert, geradezu ausgestellt. Wer sie akribisch notiert, kann sie als S&uuml;nden brandmarken &#8212; und versteht dann die Welt nicht mehr &#8212; oder aber sie als Momente eines sich neu konstituierenden Zusammenhangs verbuchen.</p>
<p>Die Differenzfrauen haben begriffen, da&szlig; Weiblichkeit durch Gleichheit nur verlieren kann, n&auml;mlich sich selbst. Darum bestehen sie auf Differenz. Von dieser Pointe leben sie; rechts und links davon drohen theoretische Probleme, Denkaufgaben, die von ihnen kurzerhand f&uuml;r konventionell, nicht einschl&auml;gig, im Unterdr&uuml;ckungszusammenhang selbst befangen, in ihm sich ersch&ouml;pfend, erkl&auml;rt werden. Anstatt sie anzupacken, was zu ihrer eigenen unvermeidlichen Aufl&ouml;sung f&uuml;hren w&uuml;rde, suchen sie die richtige Lebensform, in weiblichen Seilschaften, in deren sch&uuml;tzendem und f&ouml;rderndem Kontext das Weibliche sich herstellen und ausbilden soll und deren regulative Idee die lesbische Praxis ist.</p>
<p>Die Aufgabe, der sich der Differenzbegriff mit Aplomb nicht stellt, an deren Stelle er sich selbst vielmehr mit dem Aplomb einer gefundenen L&ouml;sung setzt, betrifft die Geschichte oder Vorgeschichte der Differenz, ihr Schicksal im traditionellen Kontext der Logik, ihren Platz innerhalb der vertikalen Struktur der Gleichheit. Der Trick der Differenztheorie &#8212; Angelpunkt des Paradigmenwechsels &#8212; ist die Verwandlung des konventionellen vertikalen in ein neuartig horizontales Modell: Hebt Gleichheit nach vertikaler Logik Differenzen auf, verweist diese in die Vergangenheit, die Vorgeschichte, ins Unbewu&szlig;te, ins Besondere, in den Unterbegriff, betreut oder &#8212; je nachdem, wie man die Sache sehen will &#8212; vernichtet sie, so setzt Differenz, die aus dem Begriffspaar &#8216;Gleichheit und Differenz&#8217; kommt, sich an die Stelle der Gleichheit. Wir wollen different sein, sagen die Frauen, nicht gleich. Gleich, das sind die andern, die Begriffsfetischisten; different ist konkret.</p>
<p>Nun ist die postmoderne Umerziehung der K&ouml;pfe wahrscheinlich so weit gediehen, da&szlig; es heute niemandem mehr m&ouml;glich ist &#8212; ich sage es absichtlich in doppelter Negation -, in der Differenz nicht statt einer unmittelbar gegebenen Substanz die Formbestimmung zu gewahren, das formelle Andere der Gleichheit, die Begriffsqualit&auml;t, so da&szlig; es also ganz nat&uuml;rlich ist zu sagen: nicht Gleichheit, sondern Differenz. Im ersten Moment, auf den ersten Blick die reinste Mogelpackung, die im Unterschied nicht den blo&szlig;en Vorbegriff zur Gleichheit, den blo&szlig;en Unterbegriff zum gegebenen Oberbegriff, das Besondere eben im untergeordneten Verh&auml;ltnis zum Allgemeinen, sondern ihn selbst &#8212; den Unterbegriff! &#8212; als sprengkr&auml;ftige Alternative pr&auml;sentiert, stellt sie sich auf den zweiten Blick, im zweiten Moment als Ausgangspunkt einer streng begrifflichen Umwertung heraus: Von nun an soll die Welt in Begriffen der Differenz gefa&szlig;t, zugespitzt, von nun an sollen Differenzbegriffe gebildet werden. Nach wie vor soll t&uuml;chtig in Begriffen geredet, aber es soll nicht mehr in vertikalen, sondern in horizontalen Begriffen geredet, es soll nicht mehr subsumiert, sondern abgegrenzt werden. Die Welt soll nicht erobert und in Besitz genommen, sie soll aufgeteilt werden.</p>
<p><strong>3</strong></p>
<p>Scheinbar braucht der aufkl&auml;rerische Begriff der Gleichheit, da er sich auf einen umfassenden Begriff vom Menschen beruft, zu seinem Verst&auml;ndnis, damit man ihn absch&auml;tzen, ihn einordnen, ihn mit Sinn und Vorstellungsinhalten f&uuml;llen kann, keinen substantialistischen Halt an etwas, was ihn definiert, zum Beispiel an der &Ouml;konomie, die ihm seine logischen Undeutlichkeiten als die Interferenzen zwischen &#8216;Gleichsein&#8217; und &#8216;Gleichhaben&#8217; erl&auml;utern und ihn mit Erkl&auml;rungen materieller Ungleichheit schikanieren k&ouml;nnte, solange, bis ihm selbst die ganze Gleichheit keinen Spa&szlig; mehr macht. Der politische Begriff der Gleichheit lehnt die &Ouml;konomie ab, braucht sie scheinbar nicht; Gleichheit gilt als Norm, nicht als &ouml;konomische Tatsache. Eher scheint Ungleichheit, da sie sich mit einem umfassenden Verst&auml;ndnis vom Menschen nicht vertr&auml;gt, also eigentlich eine Begriffsverwirrung wiedergibt, einen Schein produziert, einen Draht zu &ouml;konomischen Tatsachen zu haben. Ungleichheit ist eben materielle Ungleichheit, Faktum im niederen Bereich.</p>
<p>Der Begriff der Differenz setzt die normative &Uuml;berlegung konfliktfreudiger fort: Wenn Gleichheit nicht nur ein Terrorinstrument zur Verdr&auml;ngung, gar Statuierung von Ungleichheit sein soll, dann mu&szlig; sie sich am Ungleichen bew&auml;hren. Nicht darf sie es gleichmachen, mit allen, notfalls letalen Konsequenzen, wie sie aus den imperialistischen Feldz&uuml;gen bekannt sind, sondern sie mu&szlig; das Ungleiche selbst als Gleiches anerkennen, als Unterschied, der das Gleiche, indem er es begrenzt und damit selbst zum Unterschied herabsetzt, zugleich konstituiert, also nicht marginal, sondern konstitutiv f&uuml;r das normative Gleichheitsdenken, das aus der Gleichheit herausgewachsene, &uuml;ber sich selbst hinausgewachsene Differenzdenken ist.</p>
<p>Gleichheit ist als normativer ein b&uuml;rgerlicher Begriff. Insofern ist Aufkl&auml;rung auch immer eine Gegenbewegung zum Marxismus und nicht blo&szlig; seine Vorbereitung und Vorstufe. Letzteres zu behaupten konstituiert vielmehr die allseits bekannte Trivialversion, die politische Gleichheit, die auf &ouml;konomische Formbegriffe zu beziehen w&auml;re, mit sozialistischem Inhalt zusammenr&uuml;hrt, so da&szlig; auf immer unklar bleibt, woran das geschichtsphilosophisch Ausgewiesene gescheitert ist. Innerhalb dieser Gegenbewegung, die ja, wenn sie sich nicht auf Sozialismus als auf das ihr fremd und &auml;u&szlig;erlich gewordene Eigene beziehen darf, die ihre Widerspr&uuml;che als immanente formulieren mu&szlig;, stellt sich der Unterschied der Geschlechter als ein Gegensatz heraus, der dank seiner Anbindung an Substanzen, substanzlogische Geschlechtsunterschiede, wohl imstande ist, die Dialektik der Gleichheit, ihr zugleich utopisches und m&ouml;rderisches Moment zu spiegeln und ganz unabh&auml;ngig von jedem klassenk&auml;mpferischen Bezug ein Modell f&uuml;r Unterdr&uuml;ckung zu liefern, das sich vom Modell der Unterdr&uuml;ckung durch Ungleichheit zum Modell der Unterdr&uuml;ckung durch Gleichheit dann scheinbar selbstt&auml;tig fortentwickelt.</p>
<p>So wie der Kampf um Gleichberechtigung den Marxismus, der die Ungleichheit in einer klassensprengenden Weise ausgelegt hat, durchaus nicht gebrauchen kann, so kann die Differenztheorie die Triebpsychologie nicht gebrauchen. Ihr ist sie nicht zuf&auml;llig, aus im folgenden vielmehr zu erl&auml;uternden Gr&uuml;nden n&auml;her als dem Marxismus, n&auml;her auch als der aufkl&auml;rerischen Ideologie. Zugleich ist sie nur zu verstehen als direkte Abgrenzung von ihr. Das Differente ist da und genau nicht verdr&auml;ngt.</p>
<p>In ihrem Schematismus ein direkter Abk&ouml;mmling der b&uuml;rgerlichen Gleichheitstheorie ist die j&uuml;ngere b&uuml;rgerliche Differenztheorie faktisch zugleich eine Gegenbewegung gegen die psychoanalytische Triebpsychologie, der sie die Tatsache eines durch keine Norm mehr zu beschwichtigenden Unterschieds entnimmt, sie damit bei aller Gegnerschaft faktisch beerbend. So wie die Erfahrung des Klassenantagonismus das konkrete Modell f&uuml;r eine Ungleichheit liefert, die an der Gleichheit das Deklamatorische entlarvt, so liefert die triebpsychologische Erfahrung eines qualitativ, nur in Begriffen des Infantilen, Unbewu&szlig;ten zu fassenden Differenten das Modell eines Unterschieds, den sich &#8212; dies die ganze Pointe Freuds &#8212; Gleichheit nicht zu subsumieren, den sie eben nur zu verdr&auml;ngen, schlimmer abzuspalten vermag. Der nicht zu subsumierende Unterschied, den die b&uuml;rgerliche Triebpsychologie in der Konstitution des B&uuml;rgers selbst entdeckt &#8212; ihm den geschichtlich herausprozessierten Gegner, das Proletariat, noch einmal einpflanzend, als strukturelles Element, Es, unverlierbar Anderes seiner selbst -, liefert die materielle Voraussetzung der Differenztheorie. Selbst ganz unkonstruktiv, erweist sie sich als Meister in der Verwendung dessen, was, so eingemauert in sein zugleich genealogisches und strukturelles System wie der Marxismus in seine sprichw&ouml;rtliche logisch-historische Methode, f&uuml;r andere als die durch es selbst statuierten Therapiezwecke schlechterdings unverwendbar erschien.</p>
<p><strong>4</strong></p>
<p>Nur scheinbar m&uuml;helos reiht sich in der theoretischen Geschichte der Weiblichkeit also Begriff an Begriff: Erst kommt die Gleichheit, dann kommt die Differenz. Je glatter der Bezug, je &uuml;berw&auml;ltigender die Suggestion, da&szlig; der letzte Begriff den folgenden f&ouml;rmlich gebiert, desto unverkennbarer die Tatsache, da&szlig; die wesentlichen Prozesse sich au&szlig;erhalb vollziehen. Erst nach der Formulierung des aufkl&auml;rerisch-b&uuml;rgerlichen, antiaristokratischen Gleichheitsbegriffs f&auml;llt die scheinbar von ihm &uuml;bersehene, in Wahrheit von ihm produzierte Ungleichheit von Kindern, Frauen, Sklaven, Tieren und so weiter ins Gewicht. Der Grund f&uuml;r ihre Erscheinung als Ungleiche &#8212; in einem Zeitalter, das nur noch Gleiche kennt &#8212; kann nicht im politischen Wesen der Gleichheit gesucht werden, wird im politischen Kontext Gleichheit doch bestenfalls &#8216;nachgeholt&#8217;. Produziert wird Ungleichheit zwar offenbar durch Gleichheit, aber nicht auf dem politischen, sondern auf dem &ouml;konomischen Feld, das von der Ungleichheitsrelation lebt, von der paradoxen Identit&auml;t n&auml;mlich von zum Leben notwendiger Arbeit und Mehrwert. Hier sind die Gleichen, die Verk&auml;ufer ihrer Arbeitskraft, per definitionem ihrer Gleichheit zugleich ungleich. Anders als im Subsumtionsmodell, das Gleichheit als Oberbegriff verschiedener Dinge, die untereinander different, im &uuml;bergeordneten Allgemeinen aber identisch sind, pr&auml;sentiert, produzieren die Verk&auml;ufer einer identischen Arbeitskraft durch deren Bet&auml;tigung unter Bedingungen der Entfremdung &#8212; d. h. des Besitzerwechsels der Arbeitskraft &#8212; ihre eigene Ungleichheit; indem der Arbeitskraftk&auml;ufer sie als Ungleiche, ihm Verpflichtete einstellt, nimmt er auf ihre von ihnen erst selbst zu produzierende Ungleichheit &#8216;Vorschu&szlig;&#8217;. Das hei&szlig;t, erst im &ouml;konomischen Modell wird der &Uuml;bergang von einer Gleichheit, die Unterschied b&uuml;ndelt, zu einer solchen, die sie erst produziert, konkret. Wir m&uuml;ssen das im Marxismus Festgehaltene also als den systematischen &Uuml;bergang, die notwendige Voraussetzung vom aufkl&auml;rerischen Gleichheitsbegriff zum feministischen Kampf f&uuml;r Gleichberechtigung begreifen. Der Kampf des B&uuml;rgertums gegen den Adel war ja auch nie einer um Gleichberechtigung; nicht einen theoretischen und politischen Moment blieb unklar, da&szlig; es sich um einen Paradigmenwechsel und nicht um die Einl&ouml;sung, Verwirklichung eines gegebenen Paradigmas ging. Da&szlig; Frauen gleich sind, ist dagegen Ergebnis eines Kampfes um Gleichberechtigung. Gleichheit ist Voraussetzung und Norm, Gleichberechtigung dagegen ist etwas Neues; denn wo man hinschaut, sieht man Ungleiche.</p>
<p>Nicht anders steht es mit dem Differenzbegriff. Ist der Gegensatz von Gleichheit entweder die subsumierte oder die produzierte, in jedem Fall also eine vertikal zu fassende Ungleichheit, so ist Differenz, alles andere als blo&szlig; deren lateinische &Uuml;bersetzung, als horizontales Modell vielmehr die Anerkennung der Tatsache, da&szlig; Aufhebung, anders als von der Aufkl&auml;rung prognostiziert, beileibe nicht das einzige Schicksal von Ungleichheit, das entscheidendere, an die Existenz der Gleichheit selbst, an ihre Dauer gekn&uuml;pfte Schicksal vielmehr die Abspaltung ist. Da&szlig; ein Gegenstand, wiewohl oder gerade weil den Bedingungen der Gleichheit subsumiert &#8212; den Bedingungen der freien Rede beispielsweise oder der freien Entscheidung -, ungleich bleibt, weil er f&uuml;r die Rede nicht zug&auml;nglich, vom vern&uuml;nftigen Handeln geradezu ausgeschlossen ist: das ist die vollst&auml;ndige Tatsache, von der der Differenzbegriff blo&szlig; noch der formale Rest ist. Es ist zugleich die Bilanz der Aufkl&auml;rung, die auf der Seite der b&uuml;rgerlichen Theorie erst die Psychoanalyse zieht und sich damit als b&uuml;rgerlicher Antagonist des B&uuml;rgertums profiliert, als derjenige, der den B&uuml;rger als Herrn gelten l&auml;&szlig;t, &uuml;ber alles, nur nicht &uuml;ber sich selbst.</p>
<p>Ausgangspunkt ist die Annahme, die als arch&auml;ologisches Konstrukt die eigentliche Voraussetzung postmodernen Differenzdenkens wird, da&szlig; im Psychischen nichts verlorengeht, da&szlig; im Psychischen also ein Hegelsches Aufhebungsmodell mit umgekehrten Vorzeichen, umgekehrter Betonung oder eben ein zur Aufhebung doch antagonistisches Modell regiert. Der Oberbegriff &#8212; sagen wir psychoanalytisch: ich &#8212; ist da; aber die Unterbegriffe ordnen sich nicht pflichtschuldigst als Attribute ein, sie werden, latente Gegeninstanzen, die sie sind, verdr&auml;ngt. Dies, da&szlig; sie verdr&auml;ngt werden, ist der Preis daf&uuml;r, da&szlig; sie sich nicht einordnen m&uuml;ssen. F&uuml;r das psychoanalytische Ich ist dies zugleich der Preis daf&uuml;r, da&szlig; es als Oberbegriff, in scheinhafter b&uuml;rgerlicher Subjekttradition regiert: es ist Herr &uuml;ber die Welt, Weltb&uuml;rger, wie Kant sagt, aber nicht Herr im eigenen Haus.</p>
<p>Nur unter der Voraussetzung, da&szlig; nichts verlorengeht, ist Ungleiches als Differentes gedanklich m&ouml;glich. Genauer: Dann erst ist es als Differentes m&ouml;glich; als Ungleiches war es ja Aufzuhebendes, tendenziell Aufgehobenes, Gleiches seiner ihm immanenten Prognose nach oder, finster, Beseitigtes. Differentes ist perennierendes Ungleiches, Ungleiches unter der Bedingung, da&szlig; nichts verlorengehen kann. Im psychoanalytischen Modell wird der Furor des Aufhebens gewisserma&szlig;en in den der Abspaltung hinein fortgesetzt. Das strukturalistische Differenzdenken braucht sich von diesem Furor dann blo&szlig; noch zu verabschieden, einen Begriff wie den der Verdr&auml;ngungsschranke als einen nur noch l&auml;stigen Vorbehalt fallenzulassen und sich der Sachen, wie sie angeblich, in Wirklichkeit aber blo&szlig; als Sachvorstellungen, geronnene Begriffe, sind, zu bem&auml;chtigen.</p>
<p><strong>5</strong></p>
<p>Von der Gleichheit gibt es wie gesagt keinen Weg zur Gleichberechtigung. Der Weg zur Gleichberechtigung f&uuml;hrt &uuml;ber den Klassenkampf. Von der festgestellten materialen Ungleichheit der Klassen erfolgt im b&uuml;rgerlichen Kontext, als Angebot an alle Frauen der &Uuml;bergang zur formalen Gleichberechtigung der Frau. Die erste Frauenbewegung hat also einen Umweg &uuml;ber den Marxismus gemacht. Dieser Umweg hat sie auf ewig gespalten, in eine b&uuml;rgerliche Frauenbewegung und eine, um es einmal so zu sagen, sozialistische Frau.</p>
<p>Ebensowenig gibt es von der Gleichheit einen direkten Weg zur Differenz, nur einen zur Ungleichheit. Die Ersetzung der Ungleichheit durch Differenz wird vorbereitet durch die Psychoanalyse, indem sie am Ungleichen einerseits das Nichtzubeseitigende hervorhebt &#8212; damit unbewu&szlig;t der Verk&uuml;mmerung der marxistischen revolution&auml;ren Perspektive Rechnung tragend: das B&uuml;rgertum verschwindet nicht! -, andererseits die Momente des Verschwindens an ihrerseits abgespaltene Mechanismen des Verdr&auml;ngens und Abspaltens delegiert und damit den Grundstein f&uuml;r eine Ontologie des Differenten legt.</p>
<p>Die &#8216;Widerlegung Freuds&#8217; hat der zweiten Frauenbewegung einen starken Impetus gegeben, l&auml;ngerfristig betrachtet hat sie sie vielleicht ebenfalls entzweit. Manche sind in der von der Psychoanalyse gespannten Falle des Fundamentalismus h&auml;ngengeblieben. Als Abk&ouml;mmling der Gleichmacherei identifiziert, gilt die Psychoanalyse den Frauen als ein letztes Aufb&auml;umen von m&auml;nnlichem Begriffsfetischismus, m&auml;nnlicher Subsumtionswut, die Leerstelle des Weiblichen als zugleich Beweis f&uuml;r die M&auml;nnlichkeit der Begriffe und die in die Begriffe hinein verl&auml;ngerte konkrete Vernichtung des Weiblichen. &quot;Triebe und Triebschicksale&quot; zu verfolgen, das Schicksal des Konkreten festzuhalten, gilt als letzter Versuch, es zu besiegeln, umgekehrt, nach dem Motto &#8216;wo kein Rauch, da kein Feuer&#8217; als Beweis f&uuml;r Konkretes; die Konstruktion eines qualitativen Unbewu&szlig;ten wird gleichgesetzt mit dem Versuch, dem Unterdr&uuml;ckten ein Gef&auml;ngnis zu errichten, in schlichter Umwertung daraus die Perspektive der Befreiung gefolgert; die Konstruktion des dynamisch Verdr&auml;ngten wird als eine auf die Selbstbez&uuml;glichkeit zielende Formulierung der Entfremdung, als Ausdruck der Selbstl&auml;hmung des Subjekts identifiziert, der mit tatkr&auml;ftiger Abgrenzung nach au&szlig;en, unbefangener Selbstbez&uuml;glichkeit begegnet werden mu&szlig;.</p>
<p>Im dekonstruktivistischen Weiblichkeitsmodell schlie&szlig;lich, meinem bereits angerissenen dritten Kapitel in der Erz&auml;hlung der Theorie der Weiblichkeit, ist das theoretische Bewu&szlig;tsein wiederhergestellt, ist Theorie &#8212; in der unversch&auml;mten Differenztheorie einen skandal&ouml;sen, aber wohl notwendigen Augenblick beiseite gestellt &#8212; rehabilitiert. Auf der Strecke geblieben ist freilich die Weiblichkeit selbst. Sie ist dem Genderrelativismus geopfert worden, hat sich in seinem Zusammenhang als Verdinglichung herausgestellt, die eigentlich vernichtet, aufgel&ouml;st und aufgehoben werden m&uuml;&szlig;te, m&uuml;&szlig;te nicht aus Gr&uuml;nden der Systemlogik, die nun einmal Unterschiede verlangt, dieser Vernichtungsproze&szlig; selbst in einen im Gegenteil unendlichen Proze&szlig; der Vervielf&auml;ltigung umgedeutet werden, der allerdings der point de r&eacute;sistance gegen eine Vereinnahmung des Dekonstruktivismus f&uuml;r eine negative Theoriebildung ist. In der Verwandlung sagen wir von Philosophie in Kultur kommt die Negativit&auml;t des Dekonstruktivismus an seine Grenzen. Differenz ist zwar nicht mehr fundamentalistischer Einwand gegen Gleichheit &#8212; dies ist sie nur noch in einer von unz&auml;hligen Facetten praktischer Lebensformen, in denen Weiblichkeit als immer schon differente sich herstellt &#8212;, aber deren kulturalistische Einl&ouml;sung: Von ganz nahem betrachtet, l&ouml;st die scheinbar einheitliche Gleichheit sich nun mal in unz&auml;hlige, selbstverst&auml;ndlich gleichrangige Differenzpunkte auf.</p>
<p>Damit pr&auml;sentiert die dekonstruktivistische Theorie der Differenzen sich als der klassische dritte Schritt in der Entwicklung der Theorie der Weiblichkeit, als Korrektur der fundamentalistischen Differenz, die das psychoanalytische Abspaltungsmodell unversch&auml;mt beerbte, und klassische Aufhebung der Gleichheit, deren wahre Struktur erst nach dem fundamentalistischen Protest der Differenzfrauen erkennbar wird: Gleichheit ist Differentes. Zugleich bietet sich gewisserma&szlig;en als spontanes Resultat der Erz&auml;hlung der Beweis f&uuml;rs eingangs blo&szlig; Suggerierte an: da&szlig; es Weiblichkeit gar nicht gibt, aber nicht im suggerierten dekonstruktivistischen Sinn, demzufolge sie blo&szlig; ein Gegenstand f&uuml;r Vereinbarungen ist, in dem bestimmten Sinn vielmehr, f&uuml;r den Freud den Begriff der Reaktionsbildung gepr&auml;gt hat. Alles andere als autonom, auf ihre eigene substantielle Weiblichkeit bezogen, ist die von der Theorie entdeckte Frau vielmehr reaktiv aus dem Widerspruch des B&uuml;rgers mit sich selbst hervorgegangen, ihn, den Widerspruch, zugleich beerbend und widerlegend, ihn nach allen Regeln der psychoanalytischen Kunst zugleich darstellend und entstellend, kurz als Symptom und Symbol. Mit der &#8216;wirklichen&#8217; Frau hat die Theorie der Weiblichkeit sowenig zu tun wie der K&ouml;rper mit dem Geist oder die Gesellschaft mit der Natur. Das eine ist dem andern verschlossen, durch die blo&szlig;e Existenz seiner selbst sogar paradox, im Unendlichen, wo sich die Parallelen schneiden, schlie&szlig;lich vollkommen verr&auml;tselt. Wo sie ihren Bezug hat, das ist der gesellschaftliche Realproze&szlig;, der, selbst durch und durch geistiger Natur, in tausend Versionen wiedergegeben werden kann. Ihm ordnet sie sich einerseits als ein bestimmtes Reflexionsmodell, das die Theoretizit&auml;t des Realprozesses verarbeitet hat, unter diesem Gesichtspunkt up to date ist, zu. Andererseits nimmt sie als eine Ideologie an ihm teil, indem sie, um den einzigartigen Begriff von Freud, seinen Verschiebungsbegriff zu gebrauchen, dazu beitr&auml;gt, die gesellschaftlichen Widerspr&uuml;che zu verschieben, weg von dem Gebiet, auf dem sie als unertr&auml;gliche, Gesellschaft sprengende nur studiert und analysiert, hin zu jenem, auf dem sie als ertr&auml;gliche, ja Gesellschaft bildende ausagiert und gelebt werden k&ouml;nnen.</p>
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		<title>Freiheitliche Sirenen 2</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Aug 1999 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antifa]]></category>
		<category><![CDATA[Populismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Scheit; Gerhard]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 1999-3]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1999/freiheitliche-sirenen-2">Freiheitliche Sirenen 2</a></p>
<p>Streifz&uuml;ge 3/1999</p>
<p><em>von Gerhard Scheit und Franz Schandl</em> <span id="more-528"></span></p>
<p>&#8220;2. Lieferung&#8221; einer l&auml;ngeren &#8218;dialogischen&#8216; Auseinandersetzung zwischen Gerhard Scheit und Franz Schandl &uuml;ber den Fall Haider und den Rechtsextremismus </p>
<p><strong>Gerhard Scheit: Von &#8220;Inklusion und Exklusion&#8221; zu Volk und Vernichtung</strong></p>
<p>Du rekurrierst in deiner Antwort auf eine urs&auml;chliche &#8220;Basis&#8221;, die allen Abstufungen des Identit&auml;tswahns zugrunde liege, sei&#8217;s nun der Ha&szlig; auf die fremde &#8220;Rasse&#8221; oder der auf die &#8220;Oberen&#8221;; jener sei gewisserma&szlig;en nur der Superlativ, dieser eine darunter liegende Steigerungsform. Um diese Basis zu begreifen, verwendest du das Begriffspaar &#8220;Inklusion&#8221; und &#8220;Exklusion&#8221;. Das ist nun sehr abstrakt, formalisiert &#8211; entspricht aber gerade darum durchaus der realen Abstraktion von Kapital und Staat: die ja darauf hinauslaufen, etwas auszugrenzen und einzugrenzen, zu verwerten und abzusto&szlig;en, zu integrieren und auszumustern. Aber um zu pointieren, w&uuml;rde ich sagen, es entspricht ihr zu sehr.</p>
<p>Auch Identit&auml;tswahn ist eine treffende Bezeichnung f&uuml;r die Bewu&szlig;tseinsformen, die in allen kapitalisierten Gesellschaften herrschen, um Exklusion und Inklusion zu regeln. Der Identit&auml;tswahn jedoch l&auml;&szlig;t sich &#8211; so mein Gegenargument &#8211; &uuml;berhaupt nur von dem her begreifen, was bei dir als Superlativ firmiert: Rassismus und Antisemitismus, Vernichtung. Phrasen wie die vom kleinen Mann werden erst vorm Hintergrund von Volk und Volksgemeinschaft durchsichtig. Auch du schreibst ja, da&szlig; &#8220;im Alltagspositivismus der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, im gesunden Menschenverstand, das eliminatorische Programm der Konkurrenz schon angelegt&#8221; sei, &#8220;egal wie es sich dann historisch auslegt.&#8221; Nicht egal, w&uuml;rde ich wiederum sagen. Was als historische Auslegung erscheint, ist der Proze&szlig;, in dem das &#8220;eliminatorische Programm&#8221; sich konstituiert.</p>
<p>Die Sache, hei&szlig;t es bei Hegel, &#8220;ist nicht in ihrem Zweck ersch&ouml;pft, sondern in ihrer Ausf&uuml;hrung, noch ist das Resultat das wirkliche Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden &#8230; &#8220;. Die reale Abstraktion des Kapitals l&auml;&szlig;t sich nur als Resultat mit seinem Werden begreifen (und, gegen Hegel gewandt: kritisieren), d. h. als permanente Bewegung des Abstrahierens vom Konkreten, als st&auml;ndigesVerschwinden; die Identit&auml;tslogik, der sie folgt, l&auml;&szlig;t sich ebenso nur im Vollzug verstehen (wer es nicht tut, geht ihr schon auf den Leim): A=A ist kein Vollzug, sondern das Resultat, ohne sein Werden; ein Resultat freilich, da&szlig; &uuml;berhaupt nur dann als Wirkliches angenommen werden kann, wenn von seinem Werden vollst&auml;ndig abgesehen wird. Die Begriffe Inklusion und Exklusion taugen ebenfalls zu nichts anderem als zur Darstellung eines Resultats, sie entsprechen der bin&auml;ren Logik: sind blo&szlig; sprachliche Ausdr&uuml;cke f&uuml;r 1 und 0. Und nicht zuf&auml;llig, scheint mir, verwendest du, wenn du von &#8220;Programm&#8221; sprichst, ebenfalls einen Begriff aus der Welt des Computers. (Ist dies nicht dar&uuml;ber hinaus die Grundlage f&uuml;r deinen an sich sympathischen Vermittlungsversuch zwischen Wertkritik und Postmoderne/strukturalismus &#8211; wenn du n&auml;mlich Arbeit/Nichtarbeit, Wert/Unwert als &#8220;Code&#8221; bezeichnest? )</p>
<p>Da&szlig; aber &#8217;Arier&#8217;=&#8217;Arier&#8217; die Ausgrenzung und Vernichtung derer bedeutet, die als &#8217;Jude&#8217;=&#8217;Jude&#8217; identifiziert werden, ist mehr als nur das Resultat. Ohne dieses Werden l&auml;&szlig;t sich die Identit&auml;tslogik nicht begreifen und kritisieren. So ist die Differenz zwischen A=A und &#8217;Arier&#8217;=&#8217;Arier&#8217; bzw. &#8217;Jude&#8217;=&#8217;Jude&#8217; ein Unterschied ums Ganze. Das Begriffspaar Inklusion/Exklusion kann darum nicht im mindesten die Kritik von Nation und Volksgemeinschaft, Rassismus und Antisemitismus ersetzen: es bezeichnet nicht das, was ihnen zugrunde liegt, nicht ihre &#8217;Basis&#8217;, sondern im Gegenteil blo&szlig; das Resultat ohne sein Werden.</p>
<p>Die Wertkritik ist keine wirkliche Kritik, wenn sie immer nur die abstrakte Logik des Werts verdoppelt. Sie mu&szlig; den Proze&szlig; der Abstraktion selber sichtbar machen. Also zur&uuml;ck zum konkreten Fall Haider und seinem aufhaltsamen Aufstieg.</p>
<p><strong>Franz Schandl: Bitte retour &#8211; Inklusion und Exklusion</strong></p>
<p>Ja, die ideologische Grundlage aller scharf codierten Differenzierungen ist f&uuml;r mich im gemeinen Menschenverstand zu suchen. Je mehr ich dar&uuml;ber nachdenke, desto mehr glaube ich, da&szlig; er noch mehr ins Zentrum der Gesellschaftskritik ger&uuml;ckt werden mu&szlig;. Jener ist aber keine urs&auml;chliche Basis &#8211; weder den Begriff Ursache, noch den der Basis habe ich in diesem Zusammenhang verwendet &#8211;, sondern der ideelle Reflex der Verwertung, wie er sich den Marktsubjekten in ihrer Alltagserfahrung darstellt, sich in ihnen lebensl&auml;nglich sedimentiert.</p>
<p>Inklusion und Exklusion w&auml;ren somit ein Bewegungsmodus kapitalistischer Zivilisation, es ist damit nicht nur das Resultat beschrieben, sondern auch des Werden desselben, der ganze Proze&szlig;. Ich will damit nicht die Kritik von Nation und Volksgemeinschaft, Rassismus und Antisemitismus ersetzen, aber doch einordnen. Mit der Exklusion und der Inklusion stellt sich Identit&auml;t und Differenz her, nicht nur dar, wie du nahelegst. Das, glaube ich, kann man zumindest einmal als beachtenswerte Differenz zwischen uns beiden festhalten. Bezogen auf eine kapitalimmanente etwicklungslogische Konstitutionsproblematik ist sehr wohl folgende Frage naheliegend: Zwingt der Rassismus zur Differenzierung, oder zwingt die Differenzierung des Kapitals in Zeit und Raum zur Rasse, zur Volksgemeinschaft, zur Nation, zum Staat? &#8211; Auch wenn das eine ohne das andere nicht zu haben ist, ist aus dieser Interdependenz nicht das Fehlen oder eine Umkehrung der Determinanz zu schlie&szlig;en.</p>
<p>Ich vertrete &uuml;brigens im letzten Beitrag auch keine bin&auml;re Logik, ich versuche diese nur nachzuzeichnen. Das Denken im Code ist nicht meins. Die Luhmannsche Systemtheorie hat mich aber von seiner Wichtigkeit f&uuml;r das b&uuml;rgerliche Denken zur Strukturierung seiner &#8220;Funktionssysteme&#8221; &uuml;berzeugt.</p>
<p>Es ist im Konkreten nie und nimmer egal, wie b&uuml;rgerliche Herrschaft sich auslegt, was mir aber wichtig gewesen ist, das ist die Beschreibung der Gemeinsamkeiten, wie sie sich in den Subjekten des Tauschs gestalten. Zu rassistischen Urteilen wird ja deswegen so eilends gegriffen, weil diese dem Alltagsdenken in seiner Beschaffenheit so naheliegend sind. Die v&ouml;lkische Abneigung erscheint gar als Selbstverst&auml;ndlichkeit. Au&szlig;erordentlich ist es, kein Rassist zu sein, und zweifellos, niemand, aber auch schon gar niemand kann heute behaupten, davon v&ouml;llig frei zu sein.</p>
<p>Nat&uuml;rlich macht es einen Unterschied, ob man entlassen und obdachlos wird oder ob man ins KZ transportiert und vergast wird. Den m&ouml;chte ich nicht kleinreden. Aber ganz wichtig ist mir auch, auf das b&uuml;rgerliche Grundmuster dieser in der Wirkung so eminent unterschiedlichen Tatsachen hinzuweisen. Das (wenn auch von unterschiedlichen Instanzen) ausgestellte Attest lautet in beiden F&auml;llen: Unwertig! Es geht um das Raus, um die Entwertung des Unwerten durch die Verwertung, dessen letzte Steigerung das Aus, das Ausmachen und Ausl&ouml;schen ist. Im Betriebssystem des automatischen Kapitals f&uuml;hrt ein Weg direkt in die Gaskammern. Die Pointe, auf die ich hinauswollte ist, da&szlig; der einfache Tausch und die systematische Vernichtung eine Gemeinsamkeit haben. Was ich konstatiere ist folgender Zusammenhang: Erstens: Die Allgemeinheit hat diese Besonderheit in petto. Zweitens: Die Besonderheit ist nur aus ihrer Allgemeinheit erkl&auml;rbar und entwickelbar. Drittens: Die Besonderheit ist nicht die Allgemeinheit. Unter Allgemeinheit wird die auf den Wert, also auf abstraktifizierter Arbeit, beruhende Gesellschaftsformation verstanden.</p>
<p>Die Zusammengeh&ouml;rigkeit von Kapital und Rassismus, von Demokratie und Volksgemeinschaft ist evident. Bei dir scheint mir eine eigenartige Verkl&auml;rung vorzuliegen, wenn du Rassismus, Antisemitismus und Vernichtung zu apriorischen Bedingungen machst, nicht zu Verlaufsformen von Kapital und Staat. Auch wenn man aufpassen soll, da&szlig; da kein Henne-Ei-Streit draus wird: Pointiert w&uuml;rde ich den Unterschied darin sehen, da&szlig; du den Identit&auml;tswahn von jenen her erkl&auml;ren willst, ich hingegen ihn zu denen hin erkl&auml;ren m&ouml;chte.</p>
<p>Identit&auml;t und Identit&auml;tswahn sind nicht gleichzusetzen. Die Identit&auml;t als Identifizierung ist rationaler kapitalistischer Ausdruck, der Identit&auml;tswahn hingegen Ausdruck der spezifisch prek&auml;ren Situation der b&uuml;rgerlichen Identit&auml;t. Ressentiment, das nicht Kritik werden kann. Der Identit&auml;tswahn ist deswegen so ausgepr&auml;gt, weil das Kapital selbst die Identit&auml;t als Geldbesitzer (und somit als b&uuml;rgerliches Subjekt) stets in Frage stellt, daher auch der linke und rechte Ruf an Staat und Nation, f&uuml;r Sicherheit zu sorgen. Rechte und linke Varianten treffen sich im Staat wieder. Er soll sein nicht nur die Garantie des Marktes, er soll auch sein der Schutz vor ihm.</p>
<p>Was mir in unserem Fall relevant erschiene, ist die Festlegung der von Haider vorgelegten Kriterien der Unterscheidung, sowohl ihrer spezifischen Hierarchisierung bei den Freiheitlichen als auch in der Gesellschaft insgesamt. Die elementare Frage freiheitlicher Menschlichkeit lautet n&auml;mlich: Wer soll wie und weswegen ausgeschieden werden? Und weiters nat&uuml;rlich: Was geschieht mit jenen?</p>
<p>Mich interessiert in unserer Debatte aber mehr, was da in &Ouml;sterreich losgeht, wohin das abgeht, was da anspricht, wie es sich durchsetzt, wo es durchbrochen werden k&ouml;nnte, was an der Haiderei objektive Bedingung ist und was subjektive Realisierung (das trifft auch umgekehrt auf Haiders Gegner zu): Wo liegen ihre objektiven Schranken und ihre subjektiven Schw&auml;chen?</p>
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