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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 1998-3</title>
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		<title>To Give And To Take</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Oct 1998 21:58:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 1998-3]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1998/to-give-and-to-take">To Give And To Take</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1998/to-give-and-to-take">To Give And To Take</a></p>
<h3 align="LEFT">Thesen zur Metakritik des Tauschs</h3>
<p>Streifzüge 3/1998</p>
<p><em>von Franz Schandl</em>  <span id="more-10744"></span></p>
<p>1. Gemeinhin erscheint der Tausch als eine eherne Konstante des Daseins. Er wird nicht gesellschaftlich eingeordnet, sondern leitet sich von einer dunklen &#8220;menschlichen Neigung&#8221; ab, die als gegeben angenommen wird.</p>
<p>2. Tausch ist zu verstehen als kultureller Zwang der bisherigen Menschheitsgeschichte, er setzt sowohl ein Mehrprodukt voraus, gleichzeitig aber auch dessen Begrenzung. Den Tausch hat es historisch schon sehr zeitig gegeben, aber erst in der bürgerlichen Gesellschaft konnte er sich als herrschende Form stofflicher Kommunikation durchsetzen.</p>
<p>3. Ein einfaches Hin und Her ohne verbindliche Form ist noch kein Tausch. Die wechselseitige Hingabe von Gütern wird erst dann zu einem solchen, wenn diese als äquivalente Arbeitsprodukte auftreten. Tausch meint nämlich nicht den beliebigen Wechsel der Produkte, sondern ausschliesslich den durch den Wert bestimmten. Dort, wo Geben und Nehmen als aufeinandergezwungene fetischierte Form des Stoffwechsels auftritt, sprechen wir vom Tausch. Tausch resp. Geschäft bedeutet also, dass jemanden für etwas, das er weggibt, etwas gegeben wird, das er nicht hat.</p>
<p>4. Tausch meint, dass sich das eine im anderen auszudrücken hat. Im Tausch erfolgt also eine Gleichsetzung von Verschiedenem. Die Abstraktion von Arbeit realisiert sich im Tausch. Tauschen heisst, dass menschliche Kommunikation ihre Produkte und Leistungen nur als ein sich wechselseitig Bedingendes in Geben und Nehmen im Besonderen erfüllen kann. Das konkrete Nehmen bedingt ein konkretes Geben.</p>
<p>5. Der Tausch (W-W) ist die Grundform der Warenzirkulation. Durch Hinzutreten des Geldes wird dieser differenziert in ein Kaufen (G-W) und in ein Verkaufen (W-G), wobei es kein Kaufen ohne Verkaufen gibt und umgekehrt. Das Bekommen ist an ein Vorher-schon-Haben gebunden.</p>
<p>6. Im Kapitalismus hat alles permutabel zu werden. Austauschbar zu sein, ist die erste Erwerbsregel. Der kapitalistische Kreislauf ist ein ständiges Permutieren des Waren- und Geldflusses. Freilich staut es sich heute schon. In der Ware sucht der Gegenstand jedenfalls nicht den Konsumenten, sondern den Käufer. Das Bedürfnis des Verbrauchers ist ihm nur relevant, wenn dieser sich auch praktisch in die Rolle des Käufers versetzen kann, d.h. wenn er zahlungsfähig ist.</p>
<p>7. Damit die Menschen zu ihren Lebensmitteln kommen, müssen diese produziert, distribuiert und konsumiert werden. Man könnte das eherne Notwendigkeiten des menschlichen Daseins nennen. Jene müssen aber nicht getauscht werden. Der Tausch ist vielmehr gesellschaftlich aufgeherrscht, ein Zusatz, der später aber Ferment bestimmter Epochen werden sollte. Heute erscheint er wie die vorher genannten Kriterien als natürlich.</p>
<p>8. Die Menschen tauschen sich nicht freiwillig, sondern zwangsweise aus. Der Andere auf dem Markt, das ist immer ein potentieller Widersacher, ein &#8220;Tauschgegner&#8221; (Max Weber). Die Existenz zwingt sie Geldbesitzer zu werden, um gesellschaftlich bestehen zu können. Ihr Denken muss danach ausgerichtet sein, Geld zu machen. Denn dieses ist erster Mentor in der Gesellschaft, es verteilt Chancen wie kein anderes Ding. Wer es hat, hat. Wer es nicht hat, hat nichts.</p>
<p>9. Die Marktteilnehmer werden dazu angehalten, genaue Marktbeobachter zu sein. Es geht also überhaupt nicht um den profanen Akt einer Aneignung bestimmter Güter, sondern um das Abwägen, Bewerten, Einschätzen, Vergleichen von Waren. Quasi instinktiv werden ständig Bezüge hergestellt. Das Benötigen kann sich nur realisieren über das Bezahlen.</p>
<p>10. Die Haltbarkeit der Produkte (oder bestimmter Details) muss tendeziell abnehmen, will die Verwertung sich nicht ad absurdum führen. Haltbarkeit ist eine Gegnerin der Wertrealisierung. Sie gestaltet sich nicht anhand technischer Kriterien, sondern entlang der Verwertungsschiene. Was meint: die Produkte sind keineswegs auf der Höhe der Zeit, sondern bloss auf der Höhe ihrer Verwertbarkeit. Die heutigen Erzeugnisse werden zusehends auf ihr Ablaufdatum hin produziert.</p>
<p>11. Das bürgerliche Individuum steht unter dem Zwang, sich in Wert zu setzen, (sich) zu verkaufen, um kaufen zu können. Das bedingt unzählige und aufdringliche Spielarten der charakterlichen Maskierung, sei es Bluff oder Fassade, Mode oder Werbung. Anbieten, Anpreisen, Anmachen sind bürgerliche Formen der Selbstverstellung. Es geht um Täuschung im Sinne des Tauschs.</p>
<p>12. Werbung bedeutet stets so etwas wie eine zugelassene Unwahrheit. Sie kann von ihrer inneren Struktur her gar nicht seriös sein, sie gefällt sich in der maßlosen Propaganda ihrer Ware. Werbung reduziert einen Gegenstand oder ein Verhältnis auf ihre marktschreierische Sequenz. Sie kennt nur ein undifferenziertes und aufdringliches Pro. Werbung ist das Gegenteil von Kritik. Sie ist Täuschung vor dem Tausch.</p>
<p>13. Dass gegeben und genommen werden muss, ist selbstverständlich, es ist eine platte und profane Bestimmung menschlichen Lebens. Was ansteht, das ist der Schritt von der negativen Vergesellschaftung, der abstrakten allgemeinen Arbeit, hin zu einer positiven Vergesellschaftung durch konkrete allgemeine Tätigkeiten, die danach fragen, was gewünscht wird, und dementsprechend handeln. Das Bedürfnis gestaltete sich demnach jenseits einer heute allgegenwärtigen In-Wert-Setzung, es ist eine einfach bestimmte Anforderung, nicht eine doppelt kodifizierte Angelegenheit. Der Wert hätte selbstredend als Prinzip ausgedient.</p>
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		<title>Jagt die Spekulanten! Schlagt sie tot!</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Sep 1998 01:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der Linken: Klassenkampf etc.]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 1998-3]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1998/jagt-die-spekulanten-schlagt-sie-tot">Jagt die Spekulanten! Schlagt sie tot!</a></p>
Redundantes über die aktuellen Entgleisungen einer Sorte Antikapitalismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1998/jagt-die-spekulanten-schlagt-sie-tot">Jagt die Spekulanten! Schlagt sie tot!</a></p>
<h3>Redundantes &uuml;ber die aktuellen Entgleisungen einer Sorte Antikapitalismus</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 3/1998</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-520"></span></p>
<p>Helmut Schmidt war es, der diesen Beitrag veranla&szlig;te. Der Leitartikel des ehemaligen deutschen Kanzlers in der <em>Zeit</em> vom 3. September mit dem Titel &#8220;Der globale Irrsinn&#8221;<a href="#a(1)" name="(1)">(1)</a> erscheint uns n&auml;mlich als &auml;u&szlig;erst symptomatisch f&uuml;r die sich abzeichnende Pseudokritik eines sich in der Mitte etablierenden Antikapitalismus.</p>
<p>Die globale Finanzkrise wird dort zu einem nationalen Problem degradiert. Weder die USA, noch China, noch Japan, noch Deutschland brauchen Hilfe von au&szlig;en, es kommt &#8220;in allererste Linie auf die Weichenstellung im eigenen Haus&#8221; an. Schlie&szlig;lich verlange das alles nach einer &#8220;gro&szlig;en nationalen Willensanstrengung und deshalb nach F&uuml;hrung&#8221;. Was ansteht, ist die Etablierung eines nationalen Willens, der durch die Anstrengung von Volk und F&uuml;hrung den &#8220;globalen Irrsinn&#8221; der &#8220;hei&szlig;en Spekulanten&#8221;, kurzum den &#8220;Raubtierkapitalismus&#8221; &uuml;berwindet. Ja, was soll man wirklich denken, wenn es da gegen die &#8220;exzessive Freiheit einiger zehntausend habgieriger Dealer und Manager, die auf den kurzfristigen Finanzm&auml;rkten herumtoben&#8221; geht. In solchen F&auml;llen kocht doch die Volksseele und schreit nach den Gro&szlig;wildj&auml;gern. Obwohl Schmidt das nun nicht geschrieben und wohl auch nicht gemeint hat, kann es so gelesen werden: Jagt die Spekulanten! Schlagt sie tot!</p>
<h4>Spekulation als Kalkulation</h4>
<p>Spekulation ist. Sie geh&ouml;rt zu den tagt&auml;glichen Erledigungen aller Mitglieder der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft. Ausnahmslos jedes Gesch&auml;ft kennt ein spekulatives Moment. Jeder Preisvergleich, jede Werteinsch&auml;tzung eines Produkts oder einer Leistung ist Spekulation. Jeder Kauf und jeder Verkauf mu&szlig; und will kalkuliert sein. Die Spekulation hat sich also der guten (aber scheinbar hilflosen) Marktwirtschaft nicht von au&szlig;en bem&auml;chtigt, sondern geh&ouml;rt zu ihr, ist von ihr untrennbar.</p>
<p>Der junge Engels schreibt: &#8220;In diesem fortw&auml;hrenden Auf und Ab <em>mu&szlig;</em> jeder suchen, den g&uuml;nstigsten Augenblick zum Kauf und Verkauf zu treffen, jeder mu&szlig; Spekulant werden, d. h. ernten, wo er nicht ges&auml;et hat, durch den Verlust andrer sich bereichern, auf das Ungl&uuml;ck andrer kalkulieren oder den Zufall f&uuml;r sich gewinnen zu lassen. (&#8230; ) Und m&ouml;ge sich der ehrliche, &#8220;solide&#8221; Kaufmann nicht pharis&auml;isch &uuml;ber das B&ouml;rsenspiel erheben. (&#8230; ) Er ist so schlimm wie die Fondsspekulanten, er spekuliert ebensosehr wie sie, er mu&szlig; es, die Konkurrenz zwingt ihn dazu, und sein Handel impliziert also dieselbe Unsittlichkeit wie der ihrige. &#8220;<a href="#a(2)" name="(2)">(2)</a> Die gleiche Unsittlichkeit ist freilich nichts anderes als die gemeine Sittlichkeit des Kapitals. Alle sind ihr unterworfen, schon der weise Adam Smith erkannte zurecht, da&szlig; jeder &#8220;in einem gewissen Sinn ein Kaufmann&#8221;<a href="#a(3)" name="(3)">(3)</a> geworden ist.</p>
<p>Freilich ist die jeweilige Position des Marktteilnehmers zu ber&uuml;cksichtigen. W&auml;hrend die einen sich die permanente Spekulation leisten k&ouml;nnen und sich mit ihr identifizieren, m&uuml;ssen die anderen sich ihr t&auml;glich ausliefern, worauf deren Aversion aufbaut. Es ist f&uuml;r die jeweils Betroffenen ein gro&szlig;er Unterschied, ob auf dem Finanzmarkt, auf dem Immobilienemarkt, auf dem Gem&uuml;semarkt oder auf dem Arbeitsmarkt spekuliert wird. Diese Differenz ist nicht auszublenden, sie ist aber auch nicht zu einer essentiellen Differenz aufzubauschen, die meint, das eine h&auml;tte mit dem anderen aber auch schon gar nichts zu tun.</p>
<p>Obgleich bei Hegel bezogen auf das Denken, stimmt seine Aussage auch f&uuml;r unseren Fall des Handelns: &#8220;Die Spekulation versteht deswegen den gesunden Menschenverstand wohl, aber der gesunde Menschenverstand nicht das Tun der Spekulation. &#8220;<a href="#a(4)" name="(4)">(4)</a> Das Verk&uuml;rzte erkennt sich nicht im Verl&auml;ngerten, w&auml;hrend das Verl&auml;ngerte sehr genau wei&szlig;, woher es kommt.</p>
<p>Je weiter sich das Kapital von seinem Ursprung, der Produktion, also der Wertschaffungsebene wegbewegt, desto suspekter wird es dem Alltagsverstand. Bleibt das Warenkapital weitgehend unbehelligt, so gilt das kaufm&auml;nnische Kapital als zumindest verd&auml;chtig, w&auml;hrend dem Geldkapital bereits Ha&szlig; entgegengebracht wird. Die Verh&auml;ltnisse bleiben in solcher Darstellung unbegriffen, ja werden geradezu gegen mi&szlig;liebige Exponenten derselben verteidigt. N&auml;he oder Ferne zur Produktion aber, spricht weder f&uuml;r jemanden, noch gegen jemanden.</p>
<p>Die Tragik der heutigen Zeit ist, da&szlig; die berechtigten Emp&ouml;rungen gegen das Kapital, so derartig von dessen eigenen Ressentiments gepr&auml;gt und gesch&auml;digt sind, da&szlig; dieses Aufbegehren eher Beitr&auml;ge zur gesellschaftlichen Barbarisierung liefert denn einen emanzipatorischen Schritt darstellt. Insofern steht vor allem der soziale Kampf, der nat&uuml;rlich nicht aufgegeben werden darf, vor einem immensen Dilemma. Immer l&auml;uft er Gefahr, die falschen Ans&auml;tze zu bedienen. Jenseits von Mitmachen oder blo&szlig;em Dagegensein scheint es heute keine Alternativen zu geben. Gerade die w&auml;ren aber n&ouml;tig.</p>
<h4>Schaffende gegen Raffende</h4>
<p>Die fundamentale Unterscheidung in B&ouml;rsenkapital und Kapital wird immer gel&auml;ufiger. Aber sie tr&auml;gt nicht. Sie ist ein populistischer Selbstl&auml;ufer. Sie dividiert Unteilbares, vertraut letztlich auf das produktive gegen das spekulative Kapital, setzt einmal mehr auf das <em>Schaffende</em> gegen das <em>Raffende</em>.</p>
<p>Die abf&auml;llige Einsch&auml;tzung des Spekulanten f&uuml;hrt also in die Irre. Sie ist nicht Aufbruch einer neuen Kapitalismuskritik, sie ist deren Verungl&uuml;ckung. Vor allem auch, wenn man noch zus&auml;tzlich bedenkt, da&szlig; man auf unterer Ebene alle zu kleinen Kuponschneidern (Pensionsfonds, Aktienbesitz&#8230; ) umr&uuml;sten will. &#8220;Andererseits darf man nicht vergessen, da&szlig; in Aktiengesellschaften nicht die Individuen vereinigt sind, sondern die Kapitalien. Durch diese Manipulation sind Eigent&uuml;mer in Aktion&auml;re, d. h. in Spekulanten verwandelt worden. &#8220;<a href="#a(5)" name="(5)">(5)</a></p>
<p>Spekulant ist kein Schimpfwort. Tritt es als solches auf, dann schleppt es &#8211; ob es will oder nicht &#8211; einen antisemitischen Subtext mit sich herum. Es ist also mit aller Vorsicht und Deutlichkeit zu ben&uuml;tzen, immer mit bedenkend, was da mitgeh&ouml;rt, mitgelesen und mitvollzogen werden kann, unabh&auml;ngig von der urspr&uuml;nglichen Absicht. Wo diese Klarheit nicht erzielt werden kann, ist ob der Gefahr auf den Gebrauch dieses Terminus zu verzichten. Wir pl&auml;dieren daher f&uuml;r eine partielle Quarant&auml;ne. Was aber nicht umgekehrt meint, da&szlig; Begriff und Rolle nun positiv affirmiert werden. Es geht aber auch schon gar nicht darum, nun die Partei des Finanzkapitals und der B&ouml;rse zu ergreifen.</p>
<p>Spekulation und Spekulantentum soll aus der Kritik nicht ausgenommen werden, sondern vielmehr einbezogen werden in einer gesamtgesellschaftliche Sozialkritik, deren Antikapitalismus sich nicht an blo&szlig;en Aspekten abarbeitet, und dadurch unrichtig wird. Bei der Kritik der Spekulation ist immer wieder die inhaltliche R&uuml;ckbez&uuml;glichkeit zur kapitalistischen Totalit&auml;t herzustellen. Wird die Spekulation sachlich isoliert und aus diesem Kontext entlassen, wird sie unweigerlich unerw&uuml;nschte Resultate t&auml;tigen. Gerade nach der nationalsozialistischen Barbarei ist jener Forderung in dieser Frage besondere Aufmerksamkeit zu widmen.</p>
<p>Wer die Spekulation zerst&ouml;ren will, ohne den Kapitalismus abschaffen zu wollen, handelt zumindest fahrl&auml;ssig. Spekulation ist nie schlimmer als der Markt, dem sie dient. Sie ist nicht seine Ursache, sondern eine seiner Folgen. Die Spekulation ist keine Erfindung der Spekulanten, sie bedient sich ihrer lediglich.</p>
<p>In einer strategischen Orientierung ist das gro&szlig;e Kapital nicht gegen das kleine, wie das kleine Kapital nicht gegen das gro&szlig;e, das Geldkapital nicht gegen Warenkapital und das Warenkapital nicht gegen das Geldkapital zu verteidigen. Auch wenn es auf taktischer Ebene aktuelle Nuancierungen geben mu&szlig;: Das Kapital ist anzugreifen, wo immer es ist. Dort, wo die Kritik des hei&szlig;en Geldes zu keiner des Geldes &uuml;berhaupt wird, dort, wo die Kritik von Zins und Dividende zu keiner Kritik des Profits aufsteigt und letztlich zu einer des Werts f&uuml;hren kann, wird sie allerdings regressiv. Das Gemeine wird im wahrsten Sinne des Wortes gemeingef&auml;hrlich.</p>
<p>Jede linke Freude, da&szlig; es jetzt &#8211; nach den vielen Jahren ungeschminkter Vorherrschaft neoliberaler Ideologie &#8211; doch endlich zumindest gegen die Spekulanten geht, ist v&ouml;llig fehl am Platze. Letzlich verwerflich, weil sie der billigsten, borniertesten und falschesten Sorte des Antikapitalismus aufsitzt.</p>
<p>Hier steht man noch immer in unseliger Tradition. Schon die SPD beschlo&szlig; auf ihrem Parteitag 1893 folgende &#8220;grandiose&#8221; Resolution: &#8220;Die Sozialdemokratie bek&auml;mpft den Antisemitismus als <em>eine gegen die nat&uuml;rliche Entwicklung der Gesellschaft</em> (sic! , F. S. ) <em>gerichtete Bewegung</em>, die jedoch trotz ihres reaktion&auml;ren Charakters und <em>wider</em> ihren Willen schlie&szlig;lich <em>revolution&auml;r</em> wirkt, weil die von dem Antisemitismus gegen die j&uuml;dischen Kapitalisten aufgehetzten kleinb&uuml;rgerlichen und kleinb&auml;uerlichen Schichten zu der Erkenntni&szlig; kommen m&uuml;ssen, <em>da&szlig; nicht blos der j&uuml;dische Kapitalist, sondern die Kapitalistenklasse &uuml;berhaupt ihr Feind ist und da&szlig; nur die Verwirklichung des Sozialismus sie aus ihrem Elende befreien kann</em>. &#8220;<a href="#a(6)" name="(6)">(6)</a></p>
<p>Der Antismetismus wurde von der Sozialdemokratie als obligate Kraft unter vielen gesehen, die auch ihre positiven Seiten h&auml;tte. In Bebels Worten: &#8220;Die widerspruchsvolle Natur des Antisemitismus kommt in den widerspruchsvollen, theils ultrareaktion&auml;ren und konservativen, theils demokratischen und manchen mit unserem Programm &uuml;bereinstimmenden Forderungen ihres Programms zum Ausdruck. &#8220;<a href="#a(7)" name="(7)">(7)</a> Der Standpunkt: La&szlig;t die dummen Kerle nur machen, sie werden schon noch draufkommen, ist &#8211; vor allem nach den eindeutigen und eliminatorischen Konsequenzen durch den Nazifaschismus &#8211; v&ouml;llig inakzeptabel.</p>
<h4>Rationalisten der Irrationalit&auml;t</h4>
<p>Jede Marktkalkulation ist eine Spekulation. Bei der B&ouml;rsenspekulation ist das nur am meisten einsichtig, weil dort die Verwertung in ihrer abstraktesten Form (G-G&#8217;) auftritt, scheinbar jeder stofflichen Verunreinigung enthoben. Geld hat den Ballast des Warenkapitals abgeworfen, arbeitet hier angeblich selbstt&auml;tig. Die Perversion des Kapitals zeigt sich beim reinen Geldgesch&auml;ft am deutlichsten. Im Spekulanten erf&auml;hrt dann dieses seinen professionellen Sonderstatus. Aber das ist es auch schon. Alles Weitere ist Verdunkelung. Der aktuelle Kampf gegen die Spekulation ist ein antikapitalistischer Kampf f&uuml;r das Kapital.</p>
<p>Die B&ouml;rsianer sind nur die &uuml;berhitzten Rationalisten der gro&szlig;en Irrationalit&auml;t des Kapitals. Nicht umgekehrt! Die B&ouml;rse ist nicht die inszenierte B&ouml;swilligkeit, die ein an sich gutes marktwirtschaftliches Dasein &uuml;berwuchert, eine Art Fremdk&ouml;rper oder Geschw&uuml;r, das man einfach abschneiden oder entfernen k&ouml;nnte, und alles w&auml;re wieder im Lot. Gerade das suggeriert aber eine Kritik, wie sie heute vom Linkskeynesianismus bis zum Rechtsextremismus am Neoliberalismus geleistet wird. Das Gef&auml;hrliche der verkehrten Argumentation liegt gerade darin, da&szlig; sie billige Feindbilder bedient und einfache Rezepte verspricht. Der Kapitalismus wird gegen die Kritik immunisiert, indem man bestimmte Kapitalisten zum Abschu&szlig; freigibt.</p>
<p>Verfehlt ist es daher, den B&ouml;rsenspekulanten absichtliches Vernichten ganzer Volkswirtschaften und anderes vorzuwerfen, so als h&auml;tten sie Spa&szlig; am Untergang bestimmter Staaten oder Branchen. Mitnichten. An so etwas denken die nicht einmal, und wenn, dann so wie George Soros, eigentlich das Gegenteil, von dem, was man ihnen unterstellt. Kostprobe: &#8220;F&uuml;r eine funktionierende Gesellschaft ist daher nicht nur der freie Markt wichtig, sondern auch Institutionen, die soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sch&uuml;tzen. Solche Institutionen gibt es in verschiedenen L&auml;ndern, nicht aber in der globalen Gesellschaft. Die Entwicklung einer Weltgesellschaft hinkt hinter der Weltwirtschaft her. Solange dieser R&uuml;ckstand besteht, hat das weltweite kapitalistische System keine &Uuml;berlebenschance. &#8220;<a href="#a(8)" name="(8)">(8)</a> Und: &#8220;Im Laufe der Zeit wird man die M&auml;ngel immer deutlicher sp&uuml;ren, bis der Boom schlie&szlig;lich in den Crash m&uuml;ndet. Wir k&ouml;nnen den Zusammenbruch aber verhindern, indem wir rechtzeitig handeln. &#8220;<a href="#a(9)" name="(9)">(9)</a> W&uuml;&szlig;te man nicht, da&szlig; er das sagt, w&uuml;rde man es partout jemanden anderen zuschreiben. Soros ist eine b&ouml;rsianische Mischung von Popper und Keynes. Er f&uuml;rchtet den Crash und bittet um staatliche Sicherheiten <em>f&uuml;r alle</em>, damit er ohne gr&ouml;bere Belastungen seinen Gesch&auml;ften nachgehen kann. Ob das heute nicht auch schon immanent gedacht daneben ist, w&auml;re die n&auml;chste spannende Frage.</p>
<p>Wohlgemerkt: Der Spekulant ist nur verteidigungsbed&uuml;rftig aufgrund des spezifischen Angriffes, der auf ihn gestartet wird. Ansonsten ist er als Charaktermaske des realen oder fiktiven Geldkapitals nicht aus der antikapitalistischen Kritik zu entlassen. Nur diese darf sich keine Isolierung einzelner Momente erlauben, will sie emanzipatorisch werden. Der sachliche Einwand gegen den Spekulanten ist kein (auch nicht: kein zu kurzer! ) Schritt in die richtige Richtung, sondern einer in die falsche. &#8220;Der Zusammenhang, &uuml;berw&auml;ltigend geworden, wird unsichtbar&#8221;, <a href="#a(10)" name="(10)">(10)</a> schreibt Adorno zurecht. Und doch ist es Aufgabe der Gesellschaftskritik, diesen unentwegt herzustellen.</p>
<h4>Schuldkomplexe</h4>
<p>Der sozial-nationale Mythos der b&ouml;sen B&ouml;rsen-Buben ist hingegen kontraproduktiv. Zweifellos, die entsprechen als Kreaturen des Kapitals oberfl&auml;chlich allen Vorurteilen. Und es steht auch nicht an, die zuckenden Handy-Automaten sympathisch zu finden oder gar prinzipiell in ihrem Tun zu rechtfertigen. Es geht aber sehr wohl darum, sie nicht als S&uuml;ndenb&ouml;cke zuzulassen, denen man die kapitalistischen Verw&uuml;stungen anzulasten h&auml;tte. Jede Kritik, die sich auf <em>eine </em>blo&szlig;e &Auml;u&szlig;erungsform des Kapitalismus ablenken und verk&uuml;rzen l&auml;&szlig;t, droht letztlich selbst in reaktion&auml;res Fahrwasser zu kommen. Antikapitalismus ist &#8211; will er nicht nach hinten losgehen &#8211; ein ganzer Inhalt, und keine halbe Sache.</p>
<p>Der Wahn des &#8220;selbstbestimmten&#8221; b&uuml;rgerlichen Subjekts dr&uuml;ckt sich aus in der Bestimmung der jeweils Schuldigen. &#8220;Wer ist schuld? &#8220;, wird gefragt, nicht &#8220;Warum ist es so? &#8221; Da&szlig; etwas sein k&ouml;nnte, ohne da&szlig; jemand daran schuld sei, wo k&auml;men wir denn da hin. Auch Helmut Schmidt findet seine Schuldigen. Mitschuldig an den Einbr&uuml;chen der B&ouml;rsen seien die amerikanischen, europ&auml;ischen und japanischen B&ouml;rsianer und auch der IWF. Doch woran sind sie schuldig? Da&szlig; sie sich als Geldkapitalisten wie Geldkapitalisten auff&uuml;hren? Das sollte doch als selbstverst&auml;ndlich angenommen werden. Schmidt und andere m&ouml;chten schon einmal sagen, wie sich jene eigentlich h&auml;tten verhalten sollen, und auch beantworten, warum sie meinen, da&szlig; sie sich anders h&auml;tten verhalten k&ouml;nnen.</p>
<p>Die Begriffe <em>Schuld</em>, <em>Schulden</em> und <em>Schuldige</em> sind letztlich christlichen Ursprungs. In den b&uuml;rgerlichen Gesch&auml;ften und Gesetzen treiben sie nun schon Jahrhunderte ihr Verwesen. Das B&ouml;se wird immer personifiziert, es hat zu opfern oder geopfert zu werden. Das abendl&auml;ndische Ritual, irgendwelche Opfer suchen zu m&uuml;ssen und ausfindig zu machen, vereinigt rechts und links in einem seltsamen Taumel. Je mehr Schuldige man habhaft wurde, je mehr verurteilt werden konnten, desto schlimmer ist es &uuml;brigens zugegangen.</p>
<p>Emanzipatorische Praxis h&auml;tte hingegen den Inhalt zu radikalisiereren, nicht die Verh&auml;ltnisse zu rabiatisieren und Personengruppen zu stigmatisieren. Aus dem Elend der Charaktermasken ist nicht auf die Elendiglichkeit ihrer individuellen Tr&auml;ger zu schlie&szlig;en. Egal gegen wen sie sich richtet, wir brauchen alles andere als eine Pogromstimmung.</p>
<hr />Fu&szlig;noten</p>
<p><a href="#(1)" name="a(1)">1. </a> Helmut Schmidt, Der globale Irrsinn, Die Zeit, 3. September 1998, S. 1. Zwei Wochen sp&auml;ter titelte das Blatt, so als h&auml;tte das eine absolut nichts mit dem anderen zu tun: &#8220;Rechts wird chic&#8221;.</p>
<p><a href="#(2)" name="a(2)">2. </a> Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der National&ouml;konomie (1844), MEW, Bd. 1, S. 515-516.</p>
<p><a href="#(3)" name="a(3)">3. </a> Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und Ursachen (1775/76), M&uuml;nchen 1978, S. 23.</p>
<p><a href="#(4)" name="a(4)">4. </a> Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen System der Philosophie (1801), Werke 2, Frankfurt am Main 1986, S. 31.</p>
<p><a href="#(5)" name="a(5)">5. </a> Karl Marx, Der franz&ouml;sische Credit mobilier (1856), MEW, Bd. 12, S. 33.</p>
<p><a href="#(6)" name="a(6)">6. </a> Protokoll &uuml;ber die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu K&ouml;ln a. Rh. v. 22. bis 28. Oktober 1893; hier zit. nach: Iring Fetscher (Hg. ), Marxisten gegen Antismemitismus, Hamburg 1974, S. 58-59.</p>
<p><a href="#(7)" name="a(7)">7. </a> Ebenda, S. 73.</p>
<p><a href="#(8)" name="a(8)">8. </a> George Soros, &#8220;Selbstregulierung des Marktes&#8221; ist ein gef&auml;hrlicher Mythos, Der Standard, 24. Dezember 1997, S. 31.</p>
<p><a href="#(9)" name="a(9)">9. </a> George Soros, Prinzip der permanenten Ver&auml;nderung, Der Standard, 27. Dezember 1998, S. 29.</p>
<p><a href="#(10)" name="a(10)">10. </a> Theodor W. Adorno, Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, Frankfurt am Main 1975, S. 151</p>
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