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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2000-2</title>
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		<title>Robert Kurz&#8217; &#8220;Schwarzbuch  Kapitalismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 01 May 2000 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Grigat; Stephan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-2]]></category>

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<p>Streifz&uuml;ge 2/2000</p>
<p><em>von Stephan Grigat</em> <span id="more-215"></span></p>
<p>Als bekannt wurde, da&szlig; Robert Kurz an einem &#8220;schwarzbuch kapitalismus&#8221; arbeitet, durfte man bef&uuml;rchten, da&szlig; er damit in jene Falle tappt, die seit dem Erscheinen des uns&auml;glichen &#8220;Schwarzbuch des Kommunismus&#8221; aufgestellt war. F&uuml;r nicht wenige Kapitalismuskritiker und -kritikerinnen d&uuml;rfte die Versuchung gro&szlig; gewesen sein, gleiches mit gleichem zu vergelten und der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft vorzurechnen, da&szlig; sie, vor allem bei Zugrundelegung der atemberaubenden Berechnungsmethoden des &#8220;Schwarzbuch des Kommunismus&#8221;, ungleich mehr Opfer produziert hat als die sozialistische Weltbewegung. Weitgehend ist Kurz dieser Falle jedoch ausgewichen, und er weist explizit darauf hin, da&szlig; das Z&auml;hlen und Vergleichen von Menschenopfern nicht seine Sache ist. Auch an jenen Stellen, wo sich die Darstellung auf die Auflistung der Opfer der kapitalistischen Entwicklung beschr&auml;nkt, bleibt die Intention deutlich, die scheinbare Naturhaftigkeit des Elends zu dechiffrieren und das Leiden als gesellschaftlich produziertes kenntlich zu machen. Und genau in solch einem Zusammenhang macht eine derartige Auflistung auch Sinn.</p>
<p>B&uuml;rgerlich geschulte, also verbl&ouml;dete Leser und Leserinnen werden sich wundern, in einem &#8220;schwarzbuch kapitalismus&#8221; jede Menge Kritisches, ja Vernichtendes &uuml;ber den Realsozialismus zu finden. Auch wenn Kurz nicht unterschl&auml;gt, da&szlig; im traditionellen Marxismus und im Staatssozialismus osteurop&auml;ischer Pr&auml;gung stets ein &#8220;uneingel&ouml;stes Moment&#8221; enthalten war, da&szlig; also, was auch jede b&uuml;rgerliche Totalitarismustheorie von vornherein desavouiert, die Erinnerung an die allgemeine Emanzipation stets gegenw&auml;rtig blieb, reduziert er den Realsozialismus weitgehend auf seine Funktion einer nachholenden kapitalistischen Modernisierung. Schon deshalb eignet sich seine Studie nicht als Gegenst&uuml;ck zum &#8220;Schwarzbuch des Kommunismus&#8221;. Kurz&#8217; Werk, das schon allein auf Grund der durchg&auml;ngigen Kritik an der Staatsfixiertheit der Linken und wegen der Kurzschen Demokratiekritik lesenswert ist, mu&szlig; in erster Linie als eine ideologiekritische Studie zum Liberalismus verstanden werden, und man darf vermuten, da&szlig; der Titel des Buches dem Autor vom Verlag eher aufgen&ouml;tigt wurde, als da&szlig; er ihn selber gew&uuml;nscht h&auml;tte.</p>
<h4>Endkrise und Voluntarismus</h4>
<p>Wer die Folgen der kapitalistischen Vergesellschaftung anprangert, l&auml;uft stets Gefahr, von der kapitalistischen Produktionsweise etwas einzufordern, was ihr schlicht und einfach wesensfremd ist. Aber auch diese Gefahr meistert Kurz &uuml;ber weite Strecken seines &#8220;Schwarzbuchs&#8221;, indem er permanent betont, da&szlig; der Kapitalismus es nicht nur nicht schafft, einen Zustand herzustellen, in dem allen Menschen ein anst&auml;ndiges Leben erm&ouml;glicht wird, sondern da&szlig; genau das gar nicht seine Aufgabe ist. Auffallend ist jedoch, da&szlig; Kurz diese Einsicht genau ab der Stelle zu vergessen scheint, wo er mit seiner Krisentheorie loslegt. Im Hinblick auf weltweite Arbeitslosenraten zwischen 20 und 90 Prozent spricht er von einem &#8220;Systemzusammenbruch&#8221; und einem &#8220;v&ouml;lligen historischen Scheitern der kapitalistischen Produktionsweise&#8221;. Als Scheitern kann der heutige weltgesellschaftliche Zustand jedoch nur bezeichnet werden, wenn es die Aufgabe des Kapitals gewesen w&auml;re, ein materiell abgesichertes, nettes Miteinander der Menschen zu garantieren. Au&szlig;erdem hat Kurz selber auf rund 600 Seiten dargelegt, da&szlig; die kapitalistische Vergesellschaftungsform an diesem von ihren Kritikern und Kritikerinnen an sie herangetragenen Anspruch schon immer &#8220;gescheitert&#8221; ist. Deswegen mutet es auch merkw&uuml;rdig an, wenn er postuliert, heute k&ouml;nne sich die Menschheit nicht mehr im Rahmen des Kapitalismus reproduzieren. Als ob sie das fr&uuml;her gekonnt h&auml;tte. Gerade wenn die kapitalistische Produktionsweise wie bei Kurz als auf sich selbst r&uuml;ckgekoppelte fetischisierte Maschine begriffen wird, liegt es klar auf der Hand, da&szlig; dieser Maschine die Herstellung von Massenwohlstand v&ouml;llig egal ist.</p>
<p>Kurz hat recht, wenn er darauf hinweist, da&szlig; sich das b&uuml;rgerliche Subjekt jegliches Krisenbewu&szlig;tsein versagen mu&szlig;. Nur ist damit noch nichts &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Krise und Endkrise ausgesagt. F&uuml;r Kurz ist die Angelegenheit bekanntlich vollkommen klar. Die heutige Krise sei systemsprengend und durch das Abschmelzen der Arbeit sei die Lage ausweglos. Der kapitalistische Selbstwiderspruch, abstrakte Arbeit als Wertsubstanz zu ben&ouml;tigen, sie aber permanent zu minimieren &#8211; und Kurz tendiert insbesondere im &#8220;Schwarzbuch&#8221; dazu, seine Krisentheorie auf diesen einen Widerspruch zu reduzieren &#8211; sei heute unl&ouml;sbar geworden.</p>
<p>Das kann stimmen &#8211; oder auch nicht. Die Gewi&szlig;heit von Kurz, mit der er auf Grund empirischer Daten &#8211; nicht zuletzt aus den &#8220;N&uuml;rnberger Nachrichten&#8221; &#8211; Prognosen &uuml;ber die Zukunft abgibt, erstaunt ebenso, wie das Selbstbewu&szlig;tsein vieler seiner Kritiker und Kritikerinnen, die dem Propheten des Untergangs mit der eigenen Gewi&szlig;heit glauben, kontern zu k&ouml;nnen, da&szlig; nach der derzeitigen Krise sich &auml;hnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein relativ stabiles Akkumulationsregime wird etablieren k&ouml;nnen. An solchen Vorhersagek&uuml;nsten sollte man sich nicht weiter beteiligen. Auf eine andere Gewi&szlig;heit kann in diesem Zusammenhang jedoch hingewiesen werden. N&auml;mlich auf jene Einsicht, da&szlig; das Kapitalverh&auml;ltnis nicht von selbst verschwinden wird. Der Kapitalismus bricht nicht von sich aus zusammen. Krisen, nicht nur konjunkturelle, sondern auch strukturelle, bedeuten nicht sein Ende, sondern sind ein Teil seiner Existenzweise. Niemand vermag mit Gewi&szlig;heit zu sagen, was nach dem gro&szlig;en Kladderadatsch, nach der Vernichtung gro&szlig;er Teile des industriellen sowie des Bankkapitals und damit auch zahlreicher Arbeitspl&auml;tze, passieren wird. Es ist immer denkbar, da&szlig; solch eine Gro&szlig;krise als ein reinigendes Gewitter wirkt und danach, um bei Marx Formulierung zu bleiben, die &#8220;ganze Schei&szlig;e&#8221; wieder von vorne losgeht. Michael Heinrich hat darauf in den <em>Streifz&uuml;gen</em> (1/99, vgl. auch seinen Beitrag in der vorliegenden Ausgabe) und an anderen Stellen nachdr&uuml;cklich hingewiesen. Eine Endkrise des Kapitalismus gibt es nur, wenn es ein massenhaftes emanzipatives antikapitalistisches Bewu&szlig;tsein gibt, also wenn eine gro&szlig;e Zahl von Menschen den Kapitalismus nicht mehr will und ihn deswegen abschafft.</p>
<p>Anzumerken ist hier jedoch, da&szlig; die Kritik an Kurz und der &#8220;Krisis&#8221;, wie sie etwa seit Anfang der 90er Jahre ge&uuml;bt wurde, offenbar einiges bewirkt hat. Klang es in fr&uuml;heren Texten stets so (ob es auch so gemeint war, l&auml;&szlig;t sich schwer sagen), als ob die prognostizierte Endkrise des Kapitalismus gleichbedeutend sein soll mit dem &Uuml;bergang zum Kommunismus, so wird im &#8220;Schwarzbuch&#8221; und in anderen neueren Texten wie zum Beispiel dem &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221; sehr genau darauf geachtet, die prophezeite Endkrise lediglich als Endkrise der Kapitalverwertung darzustellen. Die M&ouml;glichkeit, da&szlig; aus dieser Krise die allgemeine Barbarei hervorgeht wird nicht nur in Erw&auml;gung gezogen, sondern &#8211; leider zu recht &#8211; f&uuml;r sehr viel wahrscheinlicher gehalten als der Schritt zur allgemeinen Emanzipation.</p>
<p>Zwar spricht Kurz im &#8220;Schwarzbuch&#8221; nicht mehr wie noch in fr&uuml;heren Texten von einer hinter dem R&uuml;cken der Individuen bereits stattfindenden kommunistischen Vergesellschaftung oder von einem &#8220;Kommunismus der Sachen&#8221;, dennoch tendiert er immer wieder dazu, seine Kritik an der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft dadurch zu veredeln, da&szlig; er ihr den objektiven Gang der Weltgeschichte an die Seite stellt. Trotz der nachdr&uuml;cklichen Kritik am Marxismus-Leninismus finden sich in der Kuz&#8217;schen Argumentation immer wieder Versatzst&uuml;cke des leider immer noch keineswegs verschiedenen ML. Wenn auch nicht mehr so ausgepr&auml;gt wie fr&uuml;her und zum Teil abgeschw&auml;cht durch eine Technikkritik, die zeitweise jedoch in Lebensphilosophie abzugleiten droht, geistert auch durch das &#8220;Schwarzbuch&#8221; die Vorstellung von den guten Produktivkr&auml;ften und den schlechten Produktionsverh&auml;ltnissen. Besonders ausgepr&auml;gt sind solche Tendenzen bei der Einsch&auml;tzung der dritten, mikroelektronischen industriellen Revolution, die bei Kurz zum einen die Aufgabe hat, den Kapitalismus an seinen eigenen Widerspr&uuml;chen endg&uuml;ltig zugrunde gehen zu lassen und andererseits nun aber wirklich die Produktivkr&auml;fte derart zu entfalten, da&szlig; eine befreite Gesellschaft m&ouml;glich werde. Gegen solche objektivistischen Revolutions- und Untergangstheorien gilt es daran festzuhalten, da&szlig; die Einf&uuml;hrung der ausbeutungs- und herrschaftsfreien Gesellschaft heute nur das sein kann, was in der Linken immer als schlimmste nur denkbare idealistische Abweichung gehandelt wurde: ein voluntaristischer Akt.</p>
<h4>Abstrakte Arbeit und Popularisierung</h4>
<p>Erschwert wird die Auseinandersetzung mit der Kurzschen Krisentheorie dadurch, da&szlig; der Arbeitsbegriff im &#8220;Schwarzbuch&#8221; im Dunkeln bleibt. Ging Kurz in fr&uuml;heren Texten noch davon aus, da&szlig; die Wertkritik nicht popularisiert werden darf, so hat er nun einen ganzen W&auml;lzer geschrieben, der zur Popularisierung des Begriffs der &#8220;abstrakten Arbeit&#8221; allein schon dadurch beitragen wird, da&szlig; er permanent vorkommt. Erkl&auml;rt oder gar entwickelt wird dieser Begriff jedoch an keiner Stelle. Das w&auml;re in einer popul&auml;ren Fassung auch schwierig, denn wie soll man den Begriff der abstrakten Arbeit ernsthaft erkl&auml;ren, ohne ausf&uuml;hrlich auf die Marxsche Wertformanalyse zu rekurrieren. Kurz&#8217; Begriff der abstrakten Arbeit weicht aber auch von der von Marx am Beginn des &#8220;Kapitals&#8221; entwickelten Kategorie zum Teil ab und steht, wie Michael T. Koltan bereits in einer fr&uuml;heren Kurz-Kritik gezeigt hat (<em>Archiv f&uuml;r die Geschichte des Widerstands und der Arbeit</em>, No. 15, 1998), zum Teil im Widerspruch zum Marxschen Begriff. W&auml;hrend bei Marx die abstrakte Arbeit eine konsequent nicht-empirische Kategorie ist, die nur im Zusammenhang mit der Wertformanalyse Sinn ergibt, droht sie im &#8220;Schwarzbuch&#8221; zu einem Begriff zu werden, der nur noch die Tatsache bezeichnet, da&szlig; die Kapitaleigent&uuml;mer die Produktion f&uuml;r ihren Profit betreiben und nicht f&uuml;r die konkreten Bed&uuml;rfnisse der Individuen. Der ganze Irrsinn, das in sich selbst Unvern&uuml;nftige, das Realabstrakte und sich daher einer konsistenten Theoretisierung Entziehende solch einer Kategorie geht zumindest im &#8220;Schwarzbuch&#8221; verloren, obwohl Kurz im Gegensatz zum Traditionsmarxismus gerade darum bem&uuml;ht ist, die Irrationalit&auml;t kapitalistischer Vergesellschaftung herauszuarbeiten. (Vgl. dazu auch den Aufsatz von Martin Janz in Bahamas Nr. 31, wo versucht wird zu zeigen, da&szlig; die Eliminierung der erkenntnis- und ideologiekritischen Intentionen der Marxschen Wertformanalyse nicht nur der popul&auml;ren Form des Verkaufsschlagers &#8220;Schwarzbuch&#8221; geschuldet ist, sondern auch f&uuml;r theoretische Grundlagentexte von Kurz konsitutiv ist. )</p>
<p>Prinzipiell ist aber die Absicht von Kurz, eine allgemeine Kritik der Arbeit zu leisten, zu unterst&uuml;tzen und gegen die auf recht gewollt anmutenden Mi&szlig;verst&auml;ndnissen beruhenden Angriffe beispielsweise von Thomas Kuczynski (<em>Jungle World</em>, 10/00) zu verteidigen. Kuczynski ontologisiert den Arbeitsbegriff und kann daher jegliche menschliche T&auml;tigkeit, jede Form des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur nur als Arbeit begreifen. Kurz hingegen versucht, genau diese Ontologisierung zu durchbrechen. Das bedeutet aber nicht, da&szlig; er, wie Kuczynski ihm unterstellt, davon ausgehen w&uuml;rde, da&szlig; in der befreiten Gesellschaft kein Mensch mehr etwas tun w&uuml;rde.</p>
<h4>Antisemitismus und Auschwitz</h4>
<p>V&ouml;llig unverst&auml;ndlich ist es hingegen, warum der Systemzusammenhang, wie Kurz schreibt, erst heute &#8220;unhaltbar geworden&#8221; sein soll. F&uuml;r die materialistische Kritik, die den Kommunismus will, war er das schon immer. Wenn man schon einen Einschnitt diesbez&uuml;glich markieren m&ouml;chte, so ist der nicht erst heute anzusetzen, sondern mit dem Nationalsozialismus. Auschwitz war es, was jede auch vorher schon fragw&uuml;rdige Geschichtsphilosopie, die den Kapitalismus erst reifen lassen will, weil in ihm die Potenzen f&uuml;r die befreite Gesellschaft heranwachsen, v&ouml;llig unm&ouml;glich gemacht hat. Bei der Behandlung des Nationalsozialismus schwankt Kurz. Einerseits steht jemand wie Moishe Postone mit seinem wert- und fetischkritischen Erkl&auml;rungsversuch der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik bei der &#8220;Krisis&#8221; mittlerweile hoch im Kurs. Andererseits erscheint auch im &#8220;Schwarzbuch&#8221; Auschwitz als Durchgangsstadium der Durchsetzungsgeschichte des Werts, wodurch es &#8211; Martin Janz hat dagegen v&ouml;llig zu Recht angeschrieben (<em>Jungle World</em> 11/00, <em>Bahamas</em> Nr. 31) &#8211; trotz aller Einschr&auml;nkungen und Relativierungen zu einer Historisierung der Massenvernichtung von links kommt.</p>
<p>Diese Historisierung korrespondiert mit einigen begrifflichen Entgleisungen, die sich bei Kurz finden lassen. Und zwar nicht, wie Michael Heinrich in seiner Besprechung des &#8220;Schwarzbuch&#8221; im <em>Konkret</em> (3/00) meint, nur einmal, wenn er vom &#8220;Kinderholocaust&#8221; im Trikont schreibt, sondern ebenso, wenn er &uuml;ber Altersheime mit &#8220;KZ-&auml;hnlichem Charakter&#8221; schwadroniert oder den qua &ouml;konomischer Konkurrenz zum permanenten Gegeneinander verdammten b&uuml;rgerlichen Subjekten prinzipiell eine Bestialit&auml;t bescheinigt, &#8220;wie sie kein sadistischer KZ-Aufseher sich schlimmer auszudenken verm&ouml;chte.&#8221; Auch der Begriff der &#8220;sozialen Endl&ouml;sung&#8221;, den Kurz bei der Kritik des &#8220;Bev&ouml;lkerungsgesetzes&#8221; von Malthus verwendet, ist nicht unproblematisch. Zwar l&auml;uft die bis heute weit verbreitete Theorie von einer angeblichen &Uuml;berbev&ouml;lkerung tats&auml;chlich auf Massenmord hinaus, dennoch bezeichnet der Begriff der &#8220;Endl&ouml;sung&#8221; bez&uuml;glich des Nationalsozialismus bekanntlich den Massenmord an den Juden und J&uuml;dinnen und beispielsweise nicht den keineswegs auf endg&uuml;ltige Vernichtung abzielenden rassistisch motivierten und mit N&uuml;tzlichkeitserw&auml;gungen durchargumentierten Massenmord an Russen, Serben und anderen, der sehr viel eher mit den Vorstellungen von Malthus oder auch zeitgen&ouml;ssischen &#8220;Bev&ouml;lkerungsexperten&#8221; verglichen werden kann als die Shoah.</p>
<p>Trotzdem ist hervorzuheben, da&szlig; Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus im &#8220;Schwarzbuch&#8221; sehr viel mehr Aufmerksamkeit erfahren und auch ernster genommen werden, als in fr&uuml;heren Texten von Kurz. W&auml;hrend in &auml;lteren Schriften die M&ouml;glichkeit einer faschistischen Mobilisierung in Deutschland noch mit dem ebenso saloppen wie bl&ouml;dsinnigen Argument vom Tisch gewischt wurde, da&szlig; in der BRD f&uuml;nfzig Jahre nach dem NS keine treudeutsch gescheitelten Recken, sondern haupts&auml;chlich &#8220;junge M&auml;nner mit Z&ouml;pfchen und Ohrklips&#8221; herumrennen w&uuml;rden (&#8220;Honeckers Rache&#8221;, 1991), durchzieht der Hinweis auf real auftretende und potentiell vorhandene rassitische und antisemitische, autorit&auml;re und nationalistische Bewegungen &#8211; auch wenn keine explizite begriffliche Bestimmung von Antisemitismus und Rassismus geliefert wird &#8211; die gesamte Darstellung im &#8220;Schwarzbuch&#8221;. Um so erstaunlicher ist es, da&szlig; Kurz gegen Ende seines Werkes auf einen der momentan einflu&szlig;reichsten Antisemiten zu sprechen kommt, ohne dessen Antisemitismus eigens zu thematisieren. In J&ouml;rg Haider sieht Kurz nur einen Verwandten von Reagan und Berlusconi, von Schr&ouml;der und Blair. Damit ist zwar etwas Richtiges erkannt, aber eben nur die halbe Wahrheit ausgesprochen. Denn gerade im Antisemitismus Haiders und der FP&Ouml; manifestiert sich die Besonderheit einer postnationalsozialistischen Gesellschaft. Haiders Perfektionierung einer mit s&auml;mtlichen Motiven des sekund&auml;ren Antisemitismus arbeitenden Argumentation, die in dieser Form nur in &Ouml;sterreich oder Deutschland funktionieren kann, unterscheidet ihn von fast jedem nationalistisch-demokratischen Normalstaatsrassisten in Westeuropa.</p>
<p>Ein anderer &ouml;sterreichischer Politiker, der neue Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei &Ouml;sterreichs Alfred Gusenbauer, soll &uuml;brigens das &#8220;Schwarzbuch&#8221; auf seinem Schreibtisch liegen und die Lekt&uuml;re bereits begonnen haben. Es ist jedoch nicht anzunehmen, da&szlig; das bei diesem ehemaligen Provinzheroen des staatsfetischistischen Arbeiterbewegungsmarxismus, der heute den linken Patriotismus hochh&auml;lt und das Ansehen der Nation gegen die vermeintlichen Nestbeschmutzer von rechts au&szlig;en verteidigt, etwas n&uuml;tzt &#8211; was man Robert Kurz allerdings wahrlich nicht zum Vorwurf machen kann.<br />
<hr /> <em>Robert Kurz: schwarzbuch kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 1999, 816 Seiten, 68, &#8211; DM, 496, &#8211; ATS</em></p>
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		<title>Neues vom Weltuntergang?</title>
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		<pubDate>Mon, 01 May 2000 01:45:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich; Michael]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-2]]></category>

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Über gute Argumente und böse Absichten]]></description>
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<h3>Replik zu Norbert Trenkles &#8220;Weil nicht sein kann, was nicht sein darf&#8230; &Uuml;ber Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unsch&auml;dlich zu machen&#8221; in Streifz&uuml;ge 1/2000</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 2/2000</p>
<p><em>von Michael Heinrich</em> <span id="more-218"></span></p>
<h4>&Uuml;ber gute Argumente und b&ouml;se Absichten</h4>
<p>Als Autor ist man &uuml;ber Besprechungen seiner Arbeiten stets erfreut. Auch wenn sie &auml;u&szlig;erst kritisch sind, l&auml;&szlig;t sich aus der Auseinandersetzung doch meistens etwas lernen. Der Artikel von Norbert Trenkle ist nun gleich in doppelter Hinsicht aufschlu&szlig;reich: er spricht nicht nur inhaltliche Fragen an, die in meinem Buch &#8220;Die Wissenschaft vom Wert&#8221; behandelt werden, er demonstriert auch eine weitere Facette der f&uuml;r die Krisis-Gruppe typischen Denkweise. In einer Besprechung von Robert Kurz &#8220;Schwarzbuch des Kapitalismus&#8221; (<em>Konkret</em> 3/2000) hatte ich darauf hingewiesen, da&szlig; Kurz trotz heftigster Abgrenzung vom &#8220;Arbeiterbewegungsmarxismus&#8221; einige von dessen zentralen Elementen reproduziert: so etwa einen technologisch begr&uuml;ndeten Geschichtsdeterminismus (Einf&uuml;hrung der Mikroelektronik f&uuml;hrt zum Zusammenbruch des Kapitalismus) und eine moralische Kapitalismuskritik (der Kapitalismus wird an Zwecken gemessen, die er &uuml;berhaupt nicht hat, so etwa, wenn das &#8220;Scheitern&#8221; des Kapitalismus konstatiert wird, insofern er Arbeitslosigkeit und Elend produziert). Trenkles Text l&auml;&szlig;t ein weiteres Element aus diesem Spektrum erkennen: auf Positionen, die von der eigenen Auffassung abweichen, wird nicht in erster Linie durch inhaltliche Kritik geantwortet, den Abweichlern werden vielmehr finstere <em>Absichten </em>unterstellt, aufgrund deren sie &uuml;berhaupt ihre abweichenden Positionen vertreten. In der Geschichte der Arbeiterbewegung kennt man dieses Verhalten von autorit&auml;r strukturierten kommunistischen Parteien. Noch weit mehr Erfahrung damit hat die katholische Kirche und zumindest an diesem Punkt teilen beide dasselbe Denkmuster. Da sich die F&uuml;hrung von Partei bzw. Kirche nicht nur im Besitz der einzigen Wahrheit glaubt, sondern diese Wahrheit auch noch als eine ganz offensichtliche betrachtet, die jedermann sofort einleuchten m&uuml;&szlig;te, kann Kritik nur zwei Umst&auml;nden geschuldet sein: entweder der geistigen Unf&auml;higkeit des Kritikers oder seiner b&ouml;sen Absicht, die Verbreitung der Wahrheit zu verhindern.</p>
<p>Die erste Variante des Umgangs mit Kritikern konnte man bereits in dem von der Krisis herausgegebenen &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221; nachlesen. Dort wird im ersten Absatz die zentrale These des Manifests formuliert, dass der &#8220;Leichnam der Arbeit&#8221; die Gesellschaft beherrschen w&uuml;rde und da&szlig; sich &#8220;alle M&auml;chte rund um den Globus&#8221; zur Verteidigung dieser Herrschaft verb&uuml;ndet h&auml;tten. Im zweiten Absatz hei&szlig;t es dann: &#8220;Wer das Denken noch nicht verlernt hat, erkennt unschwer die Bodenlosigkeit dieser Haltung. Denn die von der Arbeit beherrschte Gesellschaft erlebt keine vor&uuml;bergehende Krise, sie st&ouml;&szlig;t an ihre absolute Schranke.&#8221; Wer also die Weltsicht der Krisis nicht teilt, dem wird ganz einfach vorgeworfen, er habe &#8220;das Denken verlernt&#8221;.</p>
<p>Da mir Trenkle das Denken anscheinend noch zutraut (was mich nat&uuml;rlich freut), ich aber trotzdem anderes vertrete als die Krisis, schlie&szlig;t er messerscharf, da&szlig; &uuml;ble Absichten hinter meiner Position stecken m&uuml;ssen. Trenkle entlarvt diese Absichten bereits im Untertitel seines Textes: Motiv meiner Argumentation sei der Versuch, &#8220;die Marxsche Krisentheorie unsch&auml;dlich zu machen&#8221;. Schon auf der ersten Seite erf&auml;hrt man dann noch mehr: &#8220;genau darauf kommt es ihm [als mir, M. H. ] auch an&#8221; &#8211; n&auml;mlich: eine &#8220;Kompatibilit&auml;t zwischen der Marxschen Theorie und der positivistischen b&uuml;rgerlichen Volkswirtschaftslehre&#8221; (S. 16) herzustellen. Nach einigen weiteren Entlarvungen kann Trenkle dann am Ende seines Textes triumphierend erkl&auml;ren: &#8220;Heinrichs Interesse ist bekannt: eine fundamentale Krise darf nicht sein&#8221; (S. 21).</p>
<p>Mit Spekulationen dar&uuml;ber, was eine Kritik jenseits aller inhaltlichen Argumente motiviert hat, kann man zwar Stimmungen sch&uuml;ren, den Gegner beim Publikum anschw&auml;rzen und die eigene Position immunisieren, die angeblich gar nicht kritisiert, sondern nur &#8220;abgewehrt&#8221; werde; f&uuml;r eine inhaltliche Auseinandersetzung sind solche Spekulationen aber g&auml;nzlich irrelevant &#8211; unabh&auml;ngig davon, ob die vermuteten Absichten vorhanden sind oder nicht. Dies l&auml;&szlig;t sich an Trenkle selbst demonstrieren: aus seinem einleitenden Absatz, da&szlig; mein Buch in &#8220;akademischen Kreisen&#8221; als &#8220;fundiert&#8221;, der Ansatz der Krisis-Gruppe dagegen als &#8220;oberfl&auml;chlich&#8221; gilt, k&ouml;nnte man schlie&szlig;en, da&szlig; Trenkle ob solcher Reaktionen doch etwas beleidigt ist (zumal er in Anm. 14 zugeben mu&szlig;, da&szlig; meine Thesen nicht nur in akademischen, sondern auch in &#8220;traditionell-linksradikalen Kreisen&#8221; positiv rezipiert werden). Aber selbst wenn dieses Beleidigtsein das Motiv von Trenkles Kritik sein sollte &#8211; es w&auml;re f&uuml;r die inhaltliche Auseinandersetzung v&ouml;llig irrelevant: denn auch aus einem beleidigten Kopf kann ein kluger Gedanke oder eine zutreffende Kritik entspringen, mit der man sich dann inhaltlich auseinandersetzen mu&szlig;.</p>
<p>Allerdings macht es Trenkle seinen LeserInnen nicht ganz leicht zur inhaltlichen Ebene seines Textes durchzudringen. Neben der Entlarvung b&ouml;ser Absichten findet sich bei ihm noch ein weiteres Verfahren, den Opponenten noch vor der inhaltlichen Auseinandersetzung anzuschw&auml;rzen: man etikettiert die nicht genehme Position mit einem zwar nur vage bestimmten, aber eindeutig negativ besetzten Attribut. Bei Trenkle spielt diese Rolle der Ausdruck &#8220;positivistisch&#8221;. Ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, diesen Begriff n&auml;her zu bestimmen, wird er von Trenkle geradezu inflation&auml;r verwendet: ich w&uuml;rde positivistisch argumentieren, bringe typisch positivistische Einw&auml;nde, w&uuml;rde Marx in einen positivistischen &Ouml;konomen verwandeln etc. Positivismus war urspr&uuml;nglich eine erkenntnistheoretische Richtung, die allein von den unmittelbar &#8220;gegebenen&#8221; Wahrnehmungskomplexen ausgehen wollte. Im Gefolge des sogenannten &#8220;Positivismusstreits in der Soziologie&#8221; in den 60er Jahren wurde Positivismus im linken Mainstream (der von der Krisis ansonsten wortreich kritisiert wird) zum weitgehend inhaltsleeren Schimpfwort, mit dem nicht nur fl&auml;chendeckend die &#8220;b&uuml;rgerliche&#8221; Wissenschaft belegt wurde, sondern gerne auch solche Interpretationen des Marxismus, die von der eigenen abwichen. Diese Tradition setzt auch Trenkle fort.</p>
<h4>&#8220;Zusammenbruchsdiagnose&#8221; bei Marx? </h4>
<p>Im Zentrum von Trenkles inhaltlicher Argumentation steht &#8211; wie von einem Vertreter der Krisis auch nicht anders zu erwarten &#8211; die Zusammenbruchstheorie. <a href="#1">1</a><a name="z1"></a> Die Krisis-Gruppe sieht darin die sch&auml;rfste Spitze der Marxschen Theorie. In der &#8220;Wissenschaft vom Wert&#8221; hatte ich die Auffassung vertreten, da&szlig; Marx zwar in den &#8220;Grundrissen&#8221; von 1857/58 an einer vielzitierten Stelle zusammenbruchstheoretisch argumentiert habe, im danach entstandenen &#8220;Kapital&#8221; aber nicht mehr. Als Beleg daf&uuml;r, da&szlig; Marx auch noch im dritten Band des Kapital eine Zusammenbruchstheorie vertreten habe, f&uuml;hrt Trenkle die bekannte Passage aus dem 15. Kapitel an, wo Marx davon spricht, da&szlig; die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion das Kapital selbst sei, da&szlig; das Mittel (Entwicklung der Produktivkr&auml;fte) in fortw&auml;hrenden Konflikt mit dem beschr&auml;nkten Zweck (Kapitalverwertung) gerate (MEW 25, S. 260). Trenkle wirft mir vor, ich h&auml;tte diese Stelle mit Absicht nur gek&uuml;rzt zitiert, um schlie&szlig;en zu k&ouml;nnen, hier w&uuml;rde es gar nicht um einen Zusammenbruch gehen. Von Zusammenbruch, un&uuml;berwindlicher Schranke oder irgendeiner Art von Ende des Kapitalismus ist aber auch in der l&auml;ngeren Textpassage, die Trenkle seinen LeserInnen pr&auml;sentiert, nicht die Rede. <a href="#2">2</a><a name="z2"></a></p>
<p>Marx spricht nicht vom Ende der kapitalistischen Produktionsweise, sondern vom &#8220;best&auml;ndigen Widerspruch&#8221;, in der sich diese Produktionsweise befindet. Dies scheint auch Trenkle irgendwann bemerkt zu haben und so sieht er sich zu einer bemerkenswerten Hilfskonstruktion gezwungen: &#8220;&#8230; dar&uuml;berhinaus versteht es sich im Kontext der an Hegels Philosophie orientierten Marxschen Begrifflichkeit auch von selbst, da&szlig; ein <em>best&auml;ndiger</em> Widerspruch letztlich zu einer <em>endg&uuml;ltigen</em> Aufhebung und damit in diesem Fall zur Sprengung der herrschenden Produktionsweise dr&auml;ngt&#8221; (S. 18, Hervorhebungen von Trenkle). Was sich hier alles &#8220;auch von selbst&#8221; versteht, ist schon erstaunlich. Die Hegelsche Philosophie &#8211; eine der komplexesten Gestalten abendl&auml;ndischer Geistesgeschichte &#8211; wird auf die simple Aussage heruntergebracht, da&szlig; Widerspr&uuml;che zu ihrer Aufhebung dr&auml;ngen. Das Verh&auml;ltnis Marx-Hegel, ebenfalls kein einfaches Thema, wird darauf reduziert, da&szlig; sich die Marxsche Begrifflichkeit an Hegels Philosophie &#8220;orientiert&#8221; habe, unbestimmter kann man es kaum formulieren. Diese Unbestimmtheit hindert Trenkle aber nicht die weitreichendsten Schlu&szlig;folgerungen zu ziehen: Aufgrund dieser &#8220;Orientierung&#8221; der Begrifflichkeit m&uuml;sse Marx den Zusammenbruch des Kapitalismus im Sinn gehabt haben &#8211; auch wenn er nicht davon spricht! Wer solche Konstruktionen als ernst gemeinte Argumente offeriert, sollte sich eigentlich nicht wundern, wenn sein Ansatz als &#8220;oberfl&auml;chlich&#8221; gilt. <a href="#3">3</a><a name="z3"></a></p>
<h4>Profitratenfall: innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise oder Sprung in die Empirie? </h4>
<p>F&uuml;r die Frage, ob die Durchschnittsprofitrate langfristig f&auml;llt oder steigt, ist das Verh&auml;ltnis der Wachstumsraten von organischer Kapitalzusammensetzung und Mehrwertrate entscheidend. Im dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; versucht Marx nachzuweisen, da&szlig; die Mehrwertrate langfristig nicht so stark steigen kann, als da&szlig; damit das Wachstum der organischen Zusammensetzung kompensiert werden k&ouml;nnte. In meinem Buch versuchte ich in einem ersten Schritt zu zeigen, da&szlig; die Begr&uuml;ndungsversuche, die sich dazu bei Marx und in der marxistischen Literatur finden, unzureichend sind: Mit der im dritten Band entwickelten Argumentation l&auml;&szlig;t sich &uuml;ber eine langfristige Bewegungstendenz der Profitrate nichts aussagen, so meine Folgerung. In einem zweiten Schritt ber&uuml;cksichtigte ich dann ein Argument, das im dritten Band nicht auftaucht: eine neue Produktionsmethode wird nur dann eingef&uuml;hrt, wenn das f&uuml;r sie zus&auml;tzlich ben&ouml;tigte konstante Kapital (pro Wareneinheit) kleiner ist als das (pro Wareneinheit) eingesparte variable Kapital. Mit anderen Worten: es werden keine Produktivkraftsteigerungen eingef&uuml;hrt, die beliebig viel zus&auml;tzliches konstantes Kapital ben&ouml;tigen. Mit einer einfachen Rechnung l&auml;&szlig;t sich zeigen, da&szlig; die Durchschnittsprofitrate <em>nicht</em> sinkt, wenn alle Einzelkapitale bei der Einf&uuml;hrung neuer Produktionsmethoden diesem Kriterium gen&uuml;gen.</p>
<p>Trenkle meint nun, der gerade skizzierte Argumentationsgang sei &#8220;bezeichnend&#8221; f&uuml;r meine &#8220;positivistische und formalistische Vorgehensweise&#8221; (S. 19): ich w&uuml;rde eine zus&auml;tzliche Bedingung einf&uuml;hren, in der das Beweisziel schon enthalten sei und dabei unzul&auml;ssigerweise ein Kalk&uuml;l der einzelwirtschaftlichen Ebene (unter welchen Bedingungen wird eine neue Produktionsmethode eingef&uuml;hrt) auf die makro&ouml;konomische Ebene (Durchschnittsprofitrate) &uuml;bertragen.</p>
<p>In seinem Eifer, mich wieder einmal als Positivist zu entlarven, ist es Trenkle offensichtlich entgangen, da&szlig; gar nicht ich es bin, der willk&uuml;rlich eine zus&auml;tzliche (und noch dazu fragw&uuml;rdige) Bedingung f&uuml;r den Einsatz neuer Produktionsmethoden einf&uuml;hrt. Vielmehr ist es Marx, der diese Bedingung im 13. Kapitel des ersten Kapital-Bandes einf&uuml;hrt und zwar nicht als irgendeine, sondern als die zentrale wertm&auml;&szlig;ige Bedingung, unter der es im Kapitalismus zur Anwendung von Maschinerie kommt. Ich habe lediglich dieses Argument aus dem ersten Band (mit voller Quellenangabe) bei der Diskussion &uuml;ber den dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; ber&uuml;cksichtigt. <a href="#4">4</a><a name="z4"></a> Aber lassen wir die Quellenlage auf sich beruhen und kommen zu Sache selbst.</p>
<p>Trenkle wendet sich prinzipiell gegen jede &#8220;Modellrechnerei&#8221; und erkl&auml;rt, es hie&szlig;e die Marxsche Theorie mi&szlig;zuverstehen, wenn man alle Momente formalisieren und in ein mathematisches Modell packen wolle (S. 20). Nun ist es zwar richtig, da&szlig; man nicht die gesamte Marxsche Theorie in ein mathematisches Modell packen kann, allerdings finden sich bei Marx eine Reihe quantitativer Aussagen (wie etwa zum Profitratenfall) und auch die Krisis benutzt solche Aussagen (&#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221;). Zieht man jedoch quantitative Folgerungen, dann mu&szlig; man es sich auch gefallen lassen, da&szlig; zumindest diese Folgerungen in einem quantitativen Rahmen diskutiert und gepr&uuml;ft werden.</p>
<p>Trenkle zieht sich allerdings nicht hinter diesen Generaleinwand zur&uuml;ck, er versucht auch zu zeigen, da&szlig; das von mir herangezogene Kriterium des ersten Bandes (das eingesparte variable Kapital mu&szlig; gr&ouml;&szlig;er sein als die Zusatzausgabe an konstantem Kapital) nur eines von mehreren kapitalistischen Motiven sei. Trenkle z&auml;hlt eine Reihe weiterer Motive auf, wobei ihm aber offensichtlich nicht immer klar ist, in welchem Zusammenhang sie zu dem von ihm kritisierten Kriterium aus dem ersten Band des &#8220;Kapital&#8221; stehen. So schreibt er beispielsweise, da&szlig; die Einzelkapitale auch unter dem Zwang stehen &#8220;im technologisch-organisatorischen Wettbewerb mitzuhalten&#8221; (S. 19). Das ist ja richtig, aber wie setzt sich dieser Zwang durch? Indem mit den technisch fortgeschritteneren Methoden billiger produziert werden kann. Und warum kann mit den neuen technischen Methoden billiger produziert werden, obwohl doch die neue Maschinerie zus&auml;tzliche Kosten verursacht? Weil die Zusatzkosten f&uuml;r Maschinerie geringer sind als das, was an L&ouml;hnen eingespart wird, womit wir wieder bei dem Kriterium w&auml;ren, das Trenkle gerade loswerden wollte.</p>
<p>Nat&uuml;rlich k&ouml;nnen sich einzelne Kapitalisten bei der Einf&uuml;hrung neuer Technologien auch irren (so ist wohl Trenkles Hinweis zu verstehen, da&szlig; es auch gescheiterte Fusionen gibt, Anm. 15), oder es k&ouml;nnen neue Technologien eingef&uuml;hrt werden, die kurzfristig Verluste bringen (ein weiteres Beispiel von Trenkle) &#8211; aber diese Verluste nehmen die Kapitalisten doch nur deshalb in Kauf, weil sie sich langfristig h&ouml;here Gewinne versprechen und die kommen eben nur zustande, wenn durch die Einf&uuml;hrung der neuen Technologien die Kosten sinken, wobei wir wieder bei dem Kriterium aus dem ersten Band w&auml;ren.</p>
<p>Die Argumentationsweise von Trenkle ist hier aber nicht wegen seiner unbegriffenen Beispiele interessant, sie ist vor allem in methodischer Hinsicht aufschlu&szlig;reich: Trenkle, der mir weiter oben in seinem Text vorgeworfen hatte, ich w&uuml;rde Marx ein &#8220;empiristisch-induktives Erkenntnismodell unterschieben&#8221; und damit dessen &#8220;Einsichten in das Wesen und die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise grunds&auml;tzlich entwerten&#8221; (S. 16) macht hier selbst einen unreflektierten Sprung in die kapitalistische Empirie und l&auml;&szlig;t jede &#8220;innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise&#8221; hinter sich. Nur zur Erinnerung: Marx wollte im &#8220;Kapital&#8221; nicht eine besondere Phase des Kapitalismus analysieren, sondern dessen innere Logik, die allen seinen Entwicklungsphasen unterliegt (soweit wird wohl auch noch Trenkle zustimmen). Das hat aber Konsequenzen f&uuml;r die Argumentationsweise (und hier kommt Trenkle schwer ins Trudeln): Man kann n&auml;mlich nicht <em>besondere</em> Bedingungen als Begr&uuml;ndung f&uuml;r <em>allgemeine</em>, dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise geschuldete Tendenzen anf&uuml;hren. Sowohl im 13. Kapitel des ersten Bandes (Maschinerie), als auch im 13. Kapitel des dritten Bandes (Profitratenfall) will Marx allgemeine Tendenzen aufzeigen, die <em>jeder</em> kapitalistischen Produktion immanent sind, die dementsprechend auch nur aus den allgemeinen Bestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise abgeleitet werden d&uuml;rfen. In diesem Sinne f&uuml;hrt Marx das Kriterium f&uuml;r die Anwendung neuer Produktionsmethoden im ersten Band ein: es folgt allein aus der Bestimmung des Kapitals, da&szlig; sein einziger Zweck die Verwertung ist und nicht aus den besonderen Umst&auml;nden unter denen die Verwertung stattfindet (mit solchen Umst&auml;nden glaubt aber Trenkle, dieses Kriterium relativieren zu k&ouml;nnen). Da&szlig;elbe gilt f&uuml;r das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate im dritten Band: Marx will demonstrieren, da&szlig; es sich um ein allgemeines Gesetz jeder kapitalistischen Produktion handelt, daher verwendet er zu dessen Begr&uuml;ndung auch nur die allgemeinsten Bestimmungen des Kapitals und nicht Eigenschaften, die vielleicht in einer bestimmten Entwicklungsphase auftreten (wie die von Trenkle erw&auml;hnte, gegenw&auml;rtig gro&szlig;e Steuer- und Abgabenlast zur Herstellung der Infrastruktur). Will man das Marxsche &#8220;Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate&#8221; ernsthaft diskutieren, dann mu&szlig; man sich schon auf die Voraussetzungen einlassen, unter denen es von Marx formuliert wird, und das sind allgemeine, sich auf die &#8220;innere Logik der Produktionsweise&#8221; beziehende und keine besonderen, aus der jeweiligen Empirie aufgegriffene wie bei Trenkle.</p>
<h4>Die Untiefen der &#8220;Makro&ouml;konomie&#8221;</h4>
<p>Den Streit um das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate h&auml;lt Trenkle aber sowieso nicht f&uuml;r so wichtig, denn der Kern der &#8220;Zusammenbruchsdiagnose&#8221; w&uuml;rde sich mit ihm gar nicht erfassen lassen. Diesen Kern finde man vielmehr im &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221;. Auch wenn die Profitrate steigt, k&ouml;nne die gesamtgesellschaftliche Wertmasse abnehmen, &#8220;womit die Grundlage der Kapitalverwertung also unterh&ouml;hlt wird&#8221; (S. 19). Das Ganze m&ouml;chte Trenkle als &#8220;kritische Analyse des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs&#8221; verstanden wissen, w&auml;hrend eine Untersuchung der Profitrate auf die &#8220;partikulare einzelkapitalistische Perspektive&#8221; (S. 20) hinauslaufe, die hier nichts zu suchen habe.</p>
<p>Zun&auml;chst einmal f&auml;llt auf, da&szlig; Trenkle den &#8220;Gesamtzusammenhang&#8221; abstrakt der einzelkapitalistischen Perspektive gegen&uuml;berstellt und darin ganz unkritisch der Unterscheidung von Mikro- und Makro&ouml;konomie der etablierten Volkswirtschaftslehre folgt. <a href="#5">5</a><a name="z5"></a> In der Volkswirtschaftslehre wird dabei von den fertigen Ph&auml;nomenen ausgegangen: das Einzelkapital und der gesamtwirtschaftliche Zusammenhang werden so aufgefa&szlig;t wie sie in der Empirie sichtbar sind. Im Unterschied dazu ist sich Marx dar&uuml;ber im Klaren, da&szlig; weder das Einzelkapital noch dieser gesamtwirtschaftliche Zusammenhang einfach &#8220;gegeben&#8221; ist, sondern erst kategorial entwickelt werden mu&szlig;. Dabei bedeutet kategoriale &#8220;Entwicklung&#8221; nicht einfach nur Beschreibung, sondern Aufl&ouml;sung eines realen, in der Empirie vorhandenen Zirkels. Der reale Zirkel besteht darin, da&szlig; sich das Gesamtkapital einerseits aus den Einzelkapitalen konstituiert, es den Einzelkapitalien andrerseits aber den Rahmen ihrer Bewegung vorgibt: Voraussetzung und Resultat schlagen ineinander um. Marx l&ouml;st diesen Zirkel auf, indem er das individuelle Kapital und die Konstitution des Gesamtkapitals auf der Darstellungsebene jedes Kapital-Bandes gesondert betrachtet (also gerade nicht in die Empirie springt) und damit eine ganze Stufenfolge von Vermittlungen erh&auml;lt, anstatt nur abstrakt zwei Ebenen gegeneinander zu stellen (vergl. dazu den letzten Teil des neu eingef&uuml;gten f&uuml;nften Kapitels in der &#8220;Wissenschaft vom Wert&#8221;). F&uuml;r Trenkle reduziert sich dieser komplexe Zusammenhang darauf, da&szlig; es einen Unterschied von einzelkapitalistischer und gesamtkapitalistischer Ebene gibt, da&szlig; auch bei gestiegener Profitrate der Einzelkapitale die gesamtgesellschaftliche Wertmasse sinken k&ouml;nne, wenn sich die Zahl der Kapitale vermindert. Soll es sich dabei aber um eine dauerhafte Tendenz handeln, dann w&auml;re daf&uuml;r auch eine Begr&uuml;ndung und nicht nur die Konstruktion der blo&szlig;en M&ouml;glichkeit erforderlich. Was Trenkle und die Krisis-Gruppe zu begr&uuml;nden versuchen, ist jedoch nur der zweite Teil der Aussage, das &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221;. <a href="#6">6</a><a name="z6"></a></p>
<p>Da&szlig; sich in der unreflektierten Rede von der &#8220;Wertmasse&#8221; ein naiv-substanzialistisches Verst&auml;ndnis von Wert Bahn bricht, welches davon ausgeht, da&szlig; bereits die Verausgabung von Arbeit allein Wert konstituiert, noch ohne jede gesellschaftliche Vermittlung im Tausch, will ich hier nicht weiter ausf&uuml;hren. <a href="#7">7</a><a name="z7"></a> Zumal das von der Krisis behauptete &#8220;Schrumpfen&#8221; noch auf einer weiteren Verballhornung Marxscher Begrifflichkeiten beruht, n&auml;mlich dem Unterschied von im kapitalistischen Sinne &#8220;produktiver&#8221; (mehrwertbildender) und &#8220;unproduktiver&#8221; (nicht mehrwertbildender) Arbeit. Bei Marx hat diese Unterscheidung nichts mit dem stofflichen Inhalt der jeweiligen T&auml;tigkeit zu tun, sondern mit ihrer Formbestimmung: Das Backen einer Pizza ist unproduktive Arbeit, wenn es als pers&ouml;nliche Dienstleistung eines Kochs f&uuml;r den Konsum seines Arbeitgebers erfolgt (die Pizza ist nicht einmal Ware, sie wird nicht getauscht); dagegen ist dieselbe Backt&auml;tigkeit &#8220;produktive&#8221;, mehrwertbildende Arbeit, wenn sie in einem kapitalistisch gef&uuml;hrten Restaurant erfolgt. Die Krisis l&ouml;st den formspezifischen Unterschied von produktiver und unproduktiver Arbeit <em>de facto</em> (eine explizite Kl&auml;rung der Begriffe sucht man in ihren Texten vergeblich) in einen stofflichen Unterschied auf: &#8220;industrielle&#8221; Produktionsprozesse seien produktiv, &#8220;Dienstleistungen&#8221; dagegen im wesentlichen unproduktiv (so auch Trenkle 1999, S. 124ff. ), m&uuml;&szlig;ten also aus den im industriellen Proze&szlig; geschaffenen Werten bezahlt werden. Da nun gleichzeitig behauptet wird, da&szlig; aufgrund der Einf&uuml;hrung der Mikroelektronik die industriellen Arbeitspl&auml;tze in rasendem Tempo verschwinden, ist das &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221; im Handumdrehen abgeleitet, was dann auch noch zum &#8220;Zusammenbruch&#8221; des Kapitalismus f&uuml;hren soll.</p>
<p>Was von der Krisis als &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221; bezeichnet wird, ist nichts anderes als die &Uuml;bersetzung eines in Soziologie und &Ouml;konomie schon lange diskutierten Ph&auml;nomens &#8211; des &#8220;&Uuml;bergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft&#8221; &#8211; in eine verballhornte Marxsche Begrifflichkeit. W&auml;hrend b&uuml;rgerliche Politik und Wissenschaft diesen &Uuml;bergang feiert, Chancen entdeckt und riesige Besch&auml;ftigungspotentiale sieht, betont die Krisis-Gruppe immer wieder, da&szlig; erstens ein solches Besch&auml;ftigungswunder nicht zu erwarten ist (weder von den &#8220;Dienstleistungen&#8221; noch von einem Akkumulationsschub der klassisch-industriellen Sektoren) und da&szlig; zweitens viele der neu entstehenden Jobs am Rande der Armutsgrenze entlohnt werden, so da&szlig; sich die Elendsbereiche der Gesellschaft ausdehnen. Beide Punkte sind richtig (und werden auch keineswegs nur von der Krisis so gesehen) &#8211; nur hat das alles noch l&auml;ngst nichts mit einem &#8220;Zusammenbruch&#8221; des Kapitalismus zu tun. Was verschwindet ist der klassische Industriekapitalismus, der in seiner fordistischen Phase in der Lage war &#8211; allerdings auch nur in einigen L&auml;ndern und nur f&uuml;r einige Jahre &#8211; &#8220;Vollbesch&auml;ftigung&#8221; herzustellen. Das Verschwinden dieser Form des Kapitalismus (und jeder Hoffnung auf eine erneute &#8220;Vollbesch&auml;ftigung&#8221;) ist aber keineswegs mit dem Ende des Kapitalismus identisch, wie die Krisis meint.</p>
<p>Eine Debatte &uuml;ber diesen Punkt wird allerdings auch noch dadurch erschwert, da&szlig; in den Texten der Krisis zwar st&auml;ndig von Zusammenbruch, Zusammenbruchskrise, Fundamentalkrise etc. die Rede ist, aber v&ouml;llig ungekl&auml;rt bleibt, wie dieser Zusammenbruch eigentlich aussehen soll: ist damit eine weitgehende Verelendung, Entzivilisierung und Brutalisierung der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse gemeint (bei Fortexistenz eines kapitalistischen Kernbereichs) oder tats&auml;chlich ein Zusammenbruch von Geldwirtschaft und Warenproduktion. Ich hatte diese Frage in meinem letzten Beitrag in den <em>Streifz&uuml;gen</em> explizit aufgeworfen, eine klare Antwort l&auml;&szlig;t sich bei Trenkle aber auch jetzt nicht entdecken. Lediglich in einer Fu&szlig;note bemerkt er: &#8220;Mit der Sprengung der herrschenden Produktionsverh&auml;ltnisse ist nichts anderes gemeint, als da&szlig; diese an ihre objektive Schranke sto&szlig;en, also unhaltbar werden.&#8221; (Anm. 8) Wie das aber aussieht, wenn sie &#8220;unhaltbar&#8221; werden, das w&uuml;rde man schon gerne etwas genauer erfahren.</p>
<h4>Vom Finanzsystem und mancherlei Fiktionen</h4>
<p>Allerdings scheint auch die Krisis-Gruppe in letzter Zeit etwas ungeduldig geworden zu sein, was den als sicher geglaubten Zusammenbruch des Kapitalismus angeht. F&uuml;r dessen Ausbleiben wird der Finanzsektor verantwortlich gemacht. Hier f&auml;nde das &uuml;bersch&uuml;ssige Kapital &#8220;fiktive Anlagem&ouml;glichkeiten&#8221; (S. 20), die aber nur zu einer riesigen Finanzblase f&uuml;hren w&uuml;rden, deren Platzen nicht zu verhindern sei. Wie schon der Ausdruck &#8220;fiktive Anlagem&ouml;glichkeit&#8221; andeutet, wird die Marxsche Kategorie des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; hier in einem recht eigent&uuml;mlichen Sinne gebraucht, denn eine &#8220;fiktive Anlage&#8221; ist etwas anderes als eine Anlage in fiktivem Kapital. Von Trenkle erfahren wir, &#8220;fiktives Kapital&#8221; sei eine &#8220;Sonderform&#8221; des zinstragenden Kapitals, n&auml;mlich diejenige Form, bei der &#8220;die Anspr&uuml;che auf eine bestimmte Wertsumme und deren Verzinsung nicht (mehr) durch die reale Verwertungsbewegung gedeckt sind&#8221; (S. 20). Folgt man dieser Auffassung, dann w&auml;re &#8220;fiktives Kapital&#8221; diejenige &#8220;Form&#8221; des Kapitals, die sich als ungedeckt erweist und somit wertlos wird. Der Verwertungs<em>erfolg</em> bzw. <em>-mi&szlig;erfolg</em> dient hier zur Grundlage einer kategorialen Unterscheidung: insofern ist jede Anlage in &#8220;fiktivem Kapital&#8221; automatisch &#8220;fiktiv&#8221; im Sinne von wertlos.</p>
<p>Im Gegensatz dazu macht Marx seine Kategorien nicht daran fest, ob eine Spekulation erfolgreich war oder nicht, ihm geht es bei kategorialen Unterscheidungen stets um unterschiedliche <em>Formbestimmungen</em> von Wert und Kapital. Die Kategorie des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; f&uuml;hrt Marx im Unterschied zum industriellen Kapital und zum Handelskapital ein: w&auml;hrend beim industriellen Kapital das vorgeschossene Geldkapital den Kreislauf Geldkapital, produktives Kapital, Warenkapital, Geldkapital vollzieht (beim Handelskapital den Kreislauf Geldkapital, Warenkapital, Geldkapital), spricht Marx von fiktivem Kapital, wenn das vorgeschossene Geldkapital zum Kauf von blo&szlig;en <em>Anspr&uuml;chen</em> (auf Zins- und Tilgungszahlung bei Krediten, auf Dividendenzahlung beim Aktienkauf) verwendet wird. Dieser Unterschied ist deshalb wesentlich, weil industrielles Kapital und fiktives Kapital v&ouml;llig unterschiedliche Bewegungsformen besitzen, von unterschiedlichen Momenten beeinflu&szlig;t werden etc. All das ist Gegenstand der kategorialen Analyse. Ob jedoch die Verwertung, die gleicherma&szlig;en Zweck des industriellen wie des fiktiven Kapitals ist, erfolgreich ist oder nicht (ob sich die Kapitalanlage im nachhinein als &#8220;fiktiv&#8221; erweist oder nicht), konstituiert bei Marx zurecht nirgendwo eine kategoriale Unterscheidung.</p>
<p>Wird nun einerseits davon gesprochen, da&szlig; das fiktive Kapital in den letzten Jahren enorm zugenommen hat (und wenn man den Marxschen Sinn der Kategorie zugrunde legt, ist dies auch v&ouml;llig richtig) und wird andererseits davon ausgegangen, da&szlig; dem fiktiven Kapital der Bankrott immer schon auf der Stirn geschrieben steht, dann ist es nat&uuml;rlich ein Leichtes zu folgern, da&szlig; das ganze Finanzsystem nur in einem gro&szlig;en Crash enden k&ouml;nne. Da&szlig; das Finanzsystem eine Krise zun&auml;chst aufschieben und sie dann verst&auml;rken kann, ist unstrittig. Nur reduziert Trenkle und die Krisis-Gruppe das Finanzsystem allein auf diesen Punkt. Bereits die Ausweitung von Kreditbeziehungen erscheint dann als Krisensymptom, da der Kredit dem fungierenden Kapital als etwas v&ouml;llig anderes gegen&uuml;bergestellt wird. Nicht gesehen wird dabei, da&szlig; das Finanzsystem nicht blo&szlig; eine &auml;u&szlig;erliche Zutat zur &#8220;realen&#8221; kapitalistischen Akkumulation ist, sondern da&szlig; es dieser inh&auml;rent ist. Sowohl die Notwendigkeit wie auch die M&ouml;glichkeit des Kreditsystems erw&auml;chst gleicherma&szlig;en aus dem kapitalistischen Geldsystem (vergl. dazu das dritte Kapitel des ersten &#8220;Kapital&#8221;-Bandes) wie auch aus dem Zirkulationsproze&szlig; des Kapitals (vergl. dazu die Er&ouml;rterungen zur Notwendigkeit des wechselseitigen Vorschusses der Kapitalisten bei der Untersuchung des Gesamtreproduktionsprozesses im zweiten Band des &#8220;Kapital&#8221;). Da&szlig; das Kreditsystem das Steuerungszentrum kapitalistischer Akkumulation ist, wird von Marx schlie&szlig;lich im dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; hervorgehoben, aber nur ansatzweise untersucht (vergl. dazu die &#8220;Wissenschaft vom Wert&#8221;, S. 299ff). Da Trenkle das Kreditsystem aber einzig auf das Moment von &#8220;Krisenaufschub und Krisenversch&auml;rfung&#8221; reduziert, und mit seinem schiefen Begriff des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; ist auch kaum etwas anderes m&ouml;glich, ist es nicht allzu verwunderlich, da&szlig; er mir vorwirft, ich w&uuml;rde die &#8220;Einheit von Finanz&uuml;berbau und Realakkumulation immer schon harmonistisch&#8221; voraussetzen (S. 21). Da&szlig; die &#8211; unbewu&szlig;te &#8211; Steuerung der Akkumulation &uuml;ber das Kreditsystem keineswegs krisenfrei von statten geht, liegt auf der Hand, &#8220;harmonisch&#8221; ist hier gar nichts. Um die tats&auml;chliche Krisenhaftigkeit dieser Steuerung zu verstehen ist allerdings mehr erforderlich als die gebetsm&uuml;hlenartige Wiederholung der Prophezeiung vom gro&szlig;en Crash &#8211; zumindest sollte mit pr&auml;zisen Begriffen gearbeitet werden.</p>
<p>Auch hier kann man, wie schon weiter oben, nur feststellen: wer derart ungenau mit den verwendeten Kategorien umgeht und zwar den f&uuml;r die eigene Argumentation zentralen Kategorien wie produktive Arbeit, fiktives Kapital und Zusammenbruch, der mu&szlig; sich nicht wundern, da&szlig; sein Ansatz als &#8220;oberfl&auml;chlich&#8221; gilt. Am Eingang seines Artikels bezieht sich Trenkle auf Thomas Kuhn, der in seinem Buch &#8220;Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen&#8221; gezeigt hat, da&szlig; Beitr&auml;ge, die sp&auml;ter als wissenschaftliche Revolutionen galten, zun&auml;chst auf Ablehnung stie&szlig;en und als &#8220;theoretisch indiskutabel&#8221; angesehen wurden. Diese Beobachtungen von Kuhn sind vollkommen richtig, nur leider kann man nicht den Umkehrschlu&szlig; ziehen, da&szlig; das, was abgelehnt wird, auch schon ein verkannter Geniestreich sei. Vieles von dem, was als &#8220;oberfl&auml;chlich&#8221; und &#8220;theoretisch indiskutabel&#8221; gilt, ist eben tats&auml;chlich nur &#8220;oberfl&auml;chlich&#8221; und &#8220;theoretisch indiskutabel&#8221;.</p>
<hr />Literatur Grossmann, Henryk: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig 1929.</p>
<p>Heinrich, Michael: Die Wissenschaft vom Wert, 2. &uuml;berarb. u. erw. Auflage, M&uuml;nster 1999.</p>
<p>Ders. : Untergang des Kapitalismus? Die &#8220;Krisis&#8221; und die Krise, in: Streifz&uuml;ge 1/99.</p>
<p>Ders. : Blase im Blindflug, in: Konkret 3/2000</p>
<p>Kuhn, Thomas S. : Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M. 1976.</p>
<p>Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus, Frankfurt/M. 1999.</p>
<p>Krisis: Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999.</p>
<p>Trenkle, Norbert: Es rettet Euch kein Billiglohn! in: Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg. ): Feierabend, Hamburg 1999.</p>
<p>Anmerkungen <a href="#z1">1</a><a name="1"></a> Um den Umfang meiner Replik nicht zu sprengen, werde ich im folgenden nur auf einige der von Trenkle angesprochenen Punkte eingehen, was aber nicht hei&szlig;t, da&szlig; es zu den anderen nichts zu sagen g&auml;be.</p>
<p><a href="#z2">2</a><a name="2"></a> Apropos gek&uuml;rzte Zitate: In Anm. 10 zitiert Trenkle eine Bemerkung von Marx, worin es um die &#8220;&uuml;berfl&uuml;ssige Arbeiterbev&ouml;lkerung&#8221; als &#8220;Schranke&#8221; der kapitalistischer Produktionsweise geht (MEW 25, S. 274), was Trenkle als weiteren Beleg f&uuml;r seine zusammenbruchstheoretische Argumentation ansieht. Von irgendeiner Art von Zusammenbruch ist dort zwar auch nicht die Rede, daf&uuml;r aber von &#8220;periodischen Krisen&#8221;, was gerade im Gegensatz zu Trenkles Zusammenbruchsvorstellung steht &#8211; diesen Teil des Zitats hat Trenkle allerdings ausgelassen.</p>
<p><a href="#z3">3</a><a name="3"></a> Wundern mu&szlig; man sich auch &uuml;ber ein anderes Argument. Ich hatte darauf hingewiesen (Wissenschaft vom Wert, S. 360), da&szlig; Engels an zwei Stellen den Begriff &#8220;Zusammenbruch&#8221; bzw. &#8220;Zusammenbrechen&#8221; in den Marxschen Text aufgenommen hatte (ohne dies als eigene Formulierung kenntlich zu machen, so da&szlig; die Leser annehmen mu&szlig;ten, Marx habe so formuliert) und da&szlig; Engels in einem gekennzeichneten Einschub von der &#8220;altersschwachen&#8221; kapitalistischen Produktionsweise spricht, die sich mehr und mehr selbst &#8220;&uuml;berleben&#8221; w&uuml;rde (MEW 25, S. 273). Daraus hatte ich gefolgert, da&szlig; die Engelssche Edition des dritten Bandes (die auch nach wie vor in MEW 25 vorliegt) zusammenbruchstheoretischen Interpretationen, wie sie dann z. B. von Henryk Grossmann (1929) vertreten wurden, Vorschub geleistet habe. (Dies gilt unabh&auml;ngig von Engels, eigener Auffassung eines &#8220;Zusammenbruchs&#8221;, auf die sich Trenkle in seinem Artikel kapriziert). Trenkle meint nun, mein Verweis auf Engels sei schon deshalb absurd, weil sich der gekennzeichnete Engelssche Einschub 13 Seiten hinter der oben angesprochenen Stelle (MEW 25, S. 260) befindet, auf die er seine eigene zusammenbruchstheoretische Interpretation haupts&auml;chlich st&uuml;tzt: als ob eine Passage, die sich auf S. 273 befindet nicht auch das Verst&auml;ndnis von S. 260 beeinflussen k&ouml;nnte. Wie um Himmels willen werden bei der Krisis eigentlich wissenschaftliche Texte gelesen?</p>
<p><a href="#z4">4</a><a name="4"></a> Dies macht Marx nicht, wobei allerdings zu bedenken ist, da&szlig; das Manuskript des dritten Bandes nicht nur ein Fragment blieb, sondern auch vor dem Manuskript zum ersten Band geschrieben wurde. In manchen Punkten ist der erste Band daher theoretisch weiter fortgeschritten als der dritte Band.</p>
<p><a href="#z5">5</a><a name="5"></a> Auch explizit spricht Trenkle nicht nur in seinem Streifz&uuml;ge-Artikel ohne jede kritische Distanz vom &#8220;makro&ouml;konomischen Zusammenhang&#8221; (S. 19, vergl. auch Trenkle 1999).</p>
<p><a href="#z6">6</a><a name="6"></a> Profit und Profitrate verschwinden in den neueren Ver&ouml;ffentlichungen der Krisis v&ouml;llig aus ihrem Blickfeld. In einem anderen Text hei&szlig;t es bei Trenkle der &#8220;objektivierten Logik der Kapitalverwertung&#8221; komme es nur darauf an &#8220;wieviel &ouml;konomischer &#8216;Wert&#8217;&#8221; produziert werde (Trenkle 1999, S. 115) und im &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221; ist davon die Rede, da&szlig; das Kapital davon lebe &#8220;massenhaft menschliche Energie durch Verausgabung von Arbeitskraft in seine Maschinerie aufzusaugen, je mehr desto besser&#8221; (Manifest, S. 27). Aber weder das Einzelkapital noch das Gesamtkapital saugt Arbeit um der Arbeit willen auf oder produziert Wert um des Wertes willen: Zweck der kapitalistischen Produktion ist immer noch Mehrwert und Profit.</p>
<p><a href="#z7">7</a><a name="7"></a> In seinem Artikel macht mir Trenkle den Vorwurf, den Wert zu einer Kategorie der Zirkulation zu machen (S. 16). Wenn man wie Trenkle meint, der Wert m&uuml;sse doch entweder in der Produktionssph&auml;re oder in der Zirkulationssph&auml;re entstehen und man ihm sagt, der Wert des Br&ouml;tchens entsteht nicht in der gleichen Weise in der Backstube wie das Br&ouml;tchen selbst, dann mu&szlig; sich ihm nat&uuml;rlich die Folgerung aufdr&auml;ngen, hier werde die Entstehung des Werts in die Zirkulation verlagert. Das Problem ist jedoch, da&szlig; bereits die Frage: entsteht der Wert in der Produktionssph&auml;re oder in der Zirkulationssph&auml;re falsch gestellt ist. Vergl. zur Kritik am Substanzialismus von Trenkles Wertauffassung meinen fr&uuml;heren Beitrag in Streifz&uuml;ge 1/99.</p>
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		<title>Bewegungsversuche auf Glatteis</title>
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		<pubDate>Mon, 01 May 2000 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie / Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-2]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/bewegungsversuche-auf-glatteis">Bewegungsversuche auf Glatteis</a></p>
Zum  Verhältnis  von  Theorie und Praxis]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2000/bewegungsversuche-auf-glatteis">Bewegungsversuche auf Glatteis</a></p>
<h3>Zum Verh&auml;ltnis von Theorie und Praxis</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 2/2000</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-220"></span></p>
<p><em>&#8220;Am sch&auml;dlichsten ist es, sich vor Irrt&uuml;mern bewahren zu wollen.&#8221; (G. W. F. Hegel)<a href="#1">1</a><a name="z1"></a></em></p>
<p>Vorweg sei erw&auml;hnt, da&szlig; die folgenden Einw&uuml;rfe nicht von einer prinzipiellen Unzufriedenheit mit dem Projekt getragen sind, wohl aber von der Sorge, da&szlig; bestimmte Behinderungen nicht &uuml;berwunden werden k&ouml;nnen, ja nicht einmal als solche begriffen werden. Wir haben uns zwar inhaltlich, nicht aber der Form nach von der traditionellen Linken gel&ouml;st. Der Grundwiderspruch zwischen einer entwickelten Theorie einerseits und einer konventionellen, sich selbst unterlaufenden Praxis und Nichtpraxis andererseits, ist evident. Diesbez&uuml;glich ist das Reflexionsniveau wenig &uuml;ber das der alten neuen Linken hinausgekommen. Wobei einschr&auml;nkend dazugesagt werden mu&szlig;, da&szlig; es sich beim <em>Kritischen Kreis</em> um eine Theoriegruppe handelt, deren Anspruch (vorerst? ) einer ist, der prim&auml;r den Erkenntnissen Gen&uuml;ge tun will. Der folgende Beitrag will erkunden, was denn eine emanzipatorische gesellschaftskritische Praxis ist, wie sie sich konstituieren k&ouml;nnte und wie sie ausschauen k&ouml;nnte. Der hier beschriebene Abschied ist als ein Proze&szlig; zu verstehen, der das zu Verabschiedende noch nicht f&uuml;r g&auml;nzlich erledigt und ausgestanden h&auml;lt. Er rechnet mit seinen Wirkungen. Auch wenn es nur solche im Abgang sind, sagt das nichts &uuml;ber Schw&auml;che oder Gef&auml;hrlichkeit aus.</p>
<h4>1. Das strategische Manko</h4>
<p>Das bedingte Primat der Theorie &uuml;ber die Praxis war eine notwendige Folge des Abgesangs der Achtundsechziger, K-Gruppen und Gr&uuml;nen in die Bewegungs- und Bauchpolitik gewesen. Jenes ist aber kein dogmatisches Gebot, das Allgemeing&uuml;ltigkeit besitzt, sondern variables Gut. Die Gewichtung ist eine strategische Frage, die durchaus auch das taktische Kalk&uuml;l kennt, ohne sogleich sich vor dem Opportunismus zu f&uuml;rchten.</p>
<p>&#8220;Strategie ist in gewisser Hinsicht die Theorie der organisatorischen Praxis, &#8220;<a href="#2">2</a><a name="z2"></a> schrieb Hans-J&uuml;rgen Krahl. Die Organisationsfrage stellt sich heute unter g&auml;nzlich neuen Aspekten. Alles was starr und fest erschien ist dynamisch und flexibel geworden, ohne da&szlig; die kritische Praxis bisher diesen Anforderungen folgen konnte. Voraussetzung ist eine fundamentale Kritik und langfristig auch eine systematische Umw&auml;lzung der herk&ouml;mmlichen Formen, in denen wir uns intern wie extern bewegen. Es geht also nicht nur darum, zu neuen Inhalten vorzudringen und diese vielf&auml;ltig zu entwickeln, Theorie zu neuern und zu erneuern, notwendig ist ebenso die Auslotung und Erprobung alternativer Formen der Praxis.</p>
<p>Auf den ersten Blick erscheint Praxis als eine ganz einfache Veranstaltung. Als exoterisches Tun mit beabsichtigten Folgen. Kaum, da&szlig; sie jemand als solche hinterfragen will. Gew&ouml;hnlich versteht man unter Praxis die Einheit von Subjekt und Objekt durch das Pr&auml;dikat. Ihr Kriterium ist nicht die Wahrheit, sondern die Wirkung. Nicht jedes beliebige Hantieren ist allerdings Praxis, dazu bedarf es mehr als die Anwendung der Alltagserfahrung im Alltag, d. h. eine h&ouml;here Stufe reflektierter Reflexion ist unabdingbar. Zur Unterscheidung vielleicht Kant: &#8220;Man nennt einen Inbegriff selbst von praktischen Regeln alsdann Theorie, wenn diese Regeln, als Prinzipien, in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden, und dabei von einer Menge Bedingungen abstrahiert wird, die doch auf ihre Aus&uuml;bung notwendigen Einflu&szlig; haben. Umgekehrt, hei&szlig;t nicht jede Hantierung, sondern nur diejenige Bewirkung eines Zwecks Praxis, welche als Befolgung gewisser im allgemeinen vorgestellten Prinzipien des Verfahrens gedacht wird. &#8220;<a href="#3">3</a><a name="z3"></a> Das Anstellen wird erst durch das Vorstellen von einem blo&szlig;en Tun zu einem bewu&szlig;ten Handeln. &#8220;In der Praxis gibt es etwas, das zu tun ist. &#8220;. Es geht, so Cornelius Castoriadis weiter, um ein &#8220;<em>Tunsollen</em>&#8220;. <a href="#4">4</a><a name="z4"></a></p>
<p>Die &#8220;Was tun? &#8220;-Frage ist nicht einfach zu entsorgen, sie darf aber ebensowenig wie ein &#8220;automatisches Einschnappen&#8221;<a href="#5">5</a><a name="z5"></a> (Adorno) funktionieren. &#8220;Ihr wi&szlig;t ja auch nicht, was zu tun ist&#8221;, sagen jene, die dann im Zweifelsfall &#8211; mangels Alternativen, die sie ultimativ fordern &#8211; mittun, wogegen sie vorgeben zu sein. Dem obligaten Diktat der Praxis ist aber kein Verdikt der Theorie gegen&uuml;berzustellen. Kritik, so unsere These, kann sich heute weder von Theorie noch Praxis absentieren (selbst wenn sie sich distanzieren soll und mu&szlig;! ), sie holen sie herausfordernd ein. Keine Reinheit, die nicht der Gemeinheit der Anlassigkeit zum Opfer f&auml;llt. Es gibt letztlich kein gesch&uuml;tztes Reservat.</p>
<h4>2. Erkenntnis und Wirkung</h4>
<p>Aufgabe der Theorie ist es, Erkenntnis zu liefern bzw. ein Begreifen zu erm&ouml;glichen. Wobei Erkennen und Begreifen nicht blo&szlig; als erhellendes Aufkl&auml;ren, sondern auch als verdunkelndes Eintr&uuml;ben verstanden werden m&uuml;ssen. Nicht alles, was wir verstehen wollen, kann verstanden werden. Aber auch: Nicht alles, was wir heute nicht denken k&ouml;nnen, kann nicht nicht gedacht werden.</p>
<p>Theorie kennt keine Taktik, Praxis verlangt nach einer strategischen Anlage. Sie steht unter dem unbedingten Anspruch, zu verbinden, nicht nur sich abzusetzen. Sie hat Attraktion zu sein, nicht blo&szlig; Repulsion, wie es der Theorie durchaus erlaubt ist. Sie hat daher Stimmungen und Emotionen zu ber&uuml;cksichtigen, ja auf sie R&uuml;cksicht zu nehmen, will sie Einflu&szlig; gewinnen. Kritische Praxis kann nie in der reinen Negation sich behaupten, sondern mu&szlig; sich als Synthese versuchen. Ziel der Praxis ist es, umfassend anzusprechen. Es geht &#8211; auch wenn das nur abstrakt, nicht aber konkret durchgehalten werden kann &#8211; um eine bewu&szlig;te Zweiteilung, die den Widerspruch als einen handhabbaren benennt und zu bewerkstelligen versucht. Theorie hat in jeder Hinsicht intransigent, d. h. r&uuml;cksichtslos zu sein und bedingungslos zu agieren; Praxis hat in vielerlei Hinsicht R&uuml;cksicht zu nehmen, will sie erreichen, was sie soll: <em>wirken</em>.</p>
<p>Praxis ist nicht die von der Erkenntnisebene auf die Handlungsebene verschobenen Theorie. Theorie mu&szlig; den (nie erf&uuml;llbaren) Anspruch erheben, zu sagen, was warum ist, was sie also zu erkennen vermeint; Praxis hingegen mu&szlig; versuchen, <em>was geht</em>. Das Kriterium der Praxis ist die Wirkung. Theorie hingegen, die auf Wirkung abstellt, ist nichtig. Kritische Theorie ist frei vom Zwang des unmittelbaren Nutzens. Ist sie das nicht, dann ist sie Legitimationsideologie geworden.</p>
<p>Wirkung bemi&szlig;t sich aber nicht als eine unbestimmte, sondern als eine bestimmte und bestimmbare. Nicht nach <em>Anschlu&szlig;f&auml;higkeit</em> fr&auml;gt Praxis, sondern nach <em>Anzugsf&auml;higkeit</em>, die Bewegung mu&szlig; die richtige Richtung haben. Die Leute abzuholen, wo sie sind, hie&szlig;e ja, sich zu ihnen, auf ihre Ebene zu begeben; nein es geht darum, diese von dort abzuziehen: sie haben zu kommen. Was von ihnen zu lernen ist, ist eindeutig negativ bestimmt. Wir positionieren uns nicht mit ihnen, sondern <em>gegen sie f&uuml;r sie</em>. Der gemeine Menschenverstand wird ernstgenommen, ohne da&szlig; er ein Zugest&auml;ndnis erh&auml;lt, oder um es vielleicht mit dem § 318 der Hegelschen Rechtsphilosophie zu umschreiben: &#8220;Die &ouml;ffentliche Meinung verdient daher ebenso <em>geachtet </em>als <em>verachtet</em> zu werden, dieses nach ihrem konkreten Bewu&szlig;tsein und &Auml;u&szlig;erung, jenes nach ihrer wesentlichen Grundlage, die, mehr oder weniger getr&uuml;bt, in jenes Konkrete nur scheint. Da sie in ihr nicht den Ma&szlig;stab der Unterscheidung noch F&auml;higkeit hat, die substantielle Seite zum bestimmten Wissen in sich heraufzuheben, so ist die Unabh&auml;ngigkeit von ihr die erste formelle Bedingung zu etwas Gro&szlig;em und Vern&uuml;nftigem. &#8220;<a href="#6">6</a><a name="z6"></a></p>
<p>Eine Anforderung an die transvolution&auml;re Praxis ist, da&szlig; sie dem gesunden Menschenverstand zwar nicht <em>anschlu&szlig;f&auml;hig</em> ist, aber doch <em>aufmischungsf&auml;hig</em>. Sie mu&szlig; ihn <em>verstehend unverst&auml;ndlich</em> machen. Das Normale zum Irren k&uuml;ren, ist ihre Aufgabe. Sie will Fronten nicht erh&auml;rten, sondern diese aufbrechen und aufl&ouml;sen. Alles andere ist sektiererische Selbstinszenierung und intellektuelle Kraftmeierei, die sich meist so lange auff&uuml;hrt, bis der Illusionismus in die Desillusion umschl&auml;gt, und selbst in die Normalit&auml;t desertiert.</p>
<p>Unterhalb der Systemschranke ist Praxis, da mag sie nun Reform sein oder sich revolution&auml;r geb&auml;rden, immer blo&szlig; eine partikulare Gr&ouml;&szlig;e. Praxis kann lediglich im Moment der Systemtransformation total und somit auch &uuml;berfl&uuml;ssig werden. Unmittelbar kann sie nicht hinausf&uuml;hren, ohne (hin)auszufallen. Theorie hingegen kann hinausdenken. &#8220;Das nicht Bornierte wird von der Theorie vertreten. Trotz all ihrer Unfreiheiten ist sie im Unfreien Statthalter der Freiheit. &#8220;<a href="#7">7</a><a name="z7"></a> Nur im reflektierten Denken kann der Mensch &uuml;ber seine reproduktiven M&ouml;glichkeiten hinauskommen. &#8220;Durch ihre Differenz von dieser als dem unmittelbaren, situationsgebundenen Handeln, durch Verselbst&auml;ndigung also, wird Theorie zur ver&auml;ndernden, praktischen Produktivkraft. &#8220;<a href="#8">8</a><a name="z8"></a> Die Ver&auml;chtlichkeit mit der man heute &uuml;ber graue oder reine Theorie spricht, zeigt die ganze Geistesfeindschaft des herrschenden common sense. Wer Theorie denunziert, denunziert Alternativen.</p>
<h4>3. Zweiheit von Theorie und Praxis</h4>
<p>Die allseits propagierte Einheit ist kontraproduktiv. Wenn Theorie Praxis folgt, wird sie zur Ideologie. Wenn Praxis Theorie folgt, ist Sektierertum am Werk. Wir pl&auml;dieren f&uuml;r eine konstruktive Distanz. Damit es zu keinem blo&szlig;en Nebeneinander kommt, sind Einmischungen erforderlich, Einmischungen freilich, die das Andere als Anderes und wiederum doch auch nicht akzeptieren. Wobei das Eine nicht das transformierte Andere ist, sondern ihre Beziehung eine der Br&uuml;che und Verwerfungen darstellt. &#8220;An Knotenpunkten, Bruchstellen der Entwicklung m&ouml;gen Reflexion und Handlung z&uuml;nden; selbst dann jedoch sind beide nicht eins. &#8220;<a href="#9">9</a><a name="z9"></a> Kritische Theorie und emanzipatorische Praxis stehen in einem Spannungsverh&auml;ltnis, das nur auszuhalten ist, wenn sie sich gegenseitig Autonomie gew&auml;hren. Wenn es keine eherne einseitige Dominanz gibt. Der Bezug zueinander ist aber kein <em>pragmatischer</em>, sondern gezeichnet durch Dissidenz und Konflikt. Gesellschaftskritik ist doppelb&ouml;dig. Sie bewegt sich auf einem Boden, der nicht ihrer sein soll und auf einem anderen, der inexistent nur in schwindelnden H&ouml;hen sich behauptet.</p>
<p>&#8220;Herzustellen w&auml;re ein Bewu&szlig;tsein von Theorie und Praxis, das beide weder so trennt, da&szlig; Theorie ohnm&auml;chtig w&uuml;rde und Praxis willk&uuml;rlich; noch Theorie durch den von Kant und Fichte proklamierten, urb&uuml;rgerlichen Primat der praktischen Vernunft bricht. Denken ist ein Tun, Theorie eine Gestalt von Praxis; allein die Ideologie der Reinheit des Denkens t&auml;uscht dar&uuml;ber. &#8220;<a href="#10">10</a><a name="z10"></a> Wer sich der M&uuml;he unterzieht, Kants &#8220;Kritik der praktischen Vernunft&#8221; zu lesen, wird unschwer feststellen, wie sehr die praktischen Gesetze der allgemeinen Vernunft auf die b&uuml;rgerliche G&uuml;ltigkeit hin beschlossen wurden. Der absolute Vorrang dieser Praxis scheint hier durch. Vern&uuml;nftig ist was praktisch ist und allgemein anerkannt wird. Demgem&auml;&szlig; hat sich auch der Wille in dieser Form zu gestalten. <a href="#11">11</a><a name="z11"></a></p>
<p>Kritische Theorie ist angesiedelt jenseits des gesunden Menschenverstandes. Seine Gemeinheiten sind ihre nicht. &#8220;Das Alltagsdenken und Alltagsverhalten ist prim&auml;r <em>pragmatisch</em>, &#8220;<a href="#12">12</a><a name="z12"></a> schreibt Agnes Heller, und das sollte hellh&ouml;rig machen: &#8220;Das pragmatische Verh&auml;ltnis ist ein Zeichen <em>unmittelbarer Einheit von Theorie und Praxis</em>. &#8220;<a href="#13">13</a><a name="z13"></a> Eine solche Einheit ist also keineswegs das non plus ultra der Gesellschaftskritik, sondern schuldet sich dem Eindringen des gesunden Menschenverstands in ebenjene. Was vordergr&uuml;ndig richtig erscheint, ist hinterh&auml;ltig abgr&uuml;ndig. Irgendetwas st&uuml;rzt ab. Mit ihrer plumpen Forderung nach der Einheit von Theorie und Praxis, von Wort und Tat, hat vor allem die radikale Linke die notwendige Debatte &uuml;ber das systembedingte Auseinanderklaffen beider geradezu desavouiert. Im Postulat erstickte die Differenz.</p>
<p>Theodor W. Adorno schreibt in der &#8220;Negative(n) Dialektik&#8221;: &#8220;Die Forderung der Einheit von Praxis und Theorie hat unaufhaltsam diese zur Dienerin erniedrigt; das an ihr beseitigt, was sie in jener Einheit h&auml;tte leisten sollen. Der praktische Sichtvermerk, den man aller Theorie abverlangt, wurde zum Zensurstempel. Indem aber in der ber&uuml;hmten Theorie-Praxis, jene unterlag, wurde diese begriffslos, ein St&uuml;ck der Politik, aus der sie hinausf&uuml;hren sollte; ausgeliefert der Macht. Die Liquidation der Theorie durch Dogmatisierung und Denkverbot trug zur schlechten Praxis bei; da&szlig; Theorie ihre Selbst&auml;ndigkeit zur&uuml;ckgewinnt, ist das Interesse von Praxis selber. Das Verh&auml;ltnis beider Momente zueinander ist nicht ein f&uuml;r allemal entscheiden, sondern wechselt geschichtlich. &#8220;<a href="#14">14</a><a name="z14"></a></p>
<p>Andernorts notiert er: &#8220;Sind Theorie und Praxis weder unmittelbar eins noch absolut verschieden, so ist ihr Verh&auml;ltnis eines der Diskontinuit&auml;t. (&#8230; ) Das Dogma von der Einheit von Theorie und Praxis ist entgegen der Lehre, auf die es sich beruft, undialektisch: es erschleicht dort simple Identit&auml;t, wo allein der Widerspruch die Chance hat, fruchtbar zu werden. W&auml;hrend Theorie aus dem gesellschaftlichen Gesamtproze&szlig; nicht herausoperiert werden kann, hat sie in diesem auch Selbst&auml;ndigkeit; sie ist nicht nur Mittel des Ganzen sondern auch Moment; sonst verm&ouml;chte sie nicht dem Bann des Ganzen irgend zu widerstehen. Das Verh&auml;ltnis von Theorie und Praxis ist, nachdem beide einmal voneinander sich entfernten, der qualitative Umschlag, nicht der &Uuml;bergang, erst recht nicht die Subordination. Sie stehen polar zueinander. &#8220;<a href="#15">15</a><a name="z15"></a></p>
<p>&#8220;Das Falsche des heute ge&uuml;bten Primats von der Praxis wird deutlich an dem Vorrang von Taktik &uuml;ber alles andere. &#8220;<a href="#16">16</a><a name="z16"></a> Doch dort sind wir angelangt, und es wird sogar ausgesprochen: &#8220;Die Theorie macht Fortschritte! Sie kommt aus der Praxis&#8221;, <a href="#17">17</a><a name="z17"></a> wei&szlig; Anthony Giddens, den Blairismus auf den Gefrierpunkt bringend. Fast schon in Hegelscher Manier wird hier das Wirkliche zum Vern&uuml;nftigen erkl&auml;rt. Aber genau das ist es, was Politik letztlich leistet; sie ist eben eine <em>vorbestimmte</em> Praxis, n&auml;mlich <em>die</em> b&uuml;rgerliche Ordnungspraxis, stets orientiert am Staat, egal wie sie zu ihm steht. Wer mehr mit ihr anstellen will, irrt.</p>
<p>Von der Praxis ausgehen, hei&szlig;t in der Praxis aufgehen, vom Praktiker zum Praktikanten zu werden, der dann zur eigenen Rechtfertigung dumme Kalauer von sich gibt, Marke: Es gibt nichts Gutes, au&szlig;er man tut es. Nur-Praktiker kommen &uuml;ber das Praktikantenstadium nicht hinaus. Ja, sie idealisieren es gar, springen von Frage zu Frage, von Bewegung zu Bewegung. Sie sind immer da, wo sich etwas r&uuml;hrt. Sie bringen sich <em>&uuml;berall</em> ein, ohne <em>sich</em> einzubringen. In ihrer Beschr&auml;nktheit sind sie r&uuml;hrig, ja fast r&uuml;hrend. Vor lauter Handeln kommen sie nicht zum Denken. &#8220;Aktionismus ist regressiv. Im Banner jener Positivit&auml;t, die l&auml;ngst zur Armatur der Ichschw&auml;che rechnet, weigert er sich, die eigene Ohnmacht zu reflektieren. Die unabl&auml;ssig &#8220;zu abstrakt&#8221; schreien, beflei&szlig;igen sich des Konkretismus, einer Unmittelbarkeit, der die vorhandenen theoretischen Mittel &uuml;berlegen sind. &#8220;<a href="#18">18</a><a name="z18"></a> Indes, es ist &#8220;der Gedanke, der Atem sch&ouml;pft&#8221;. <a href="#19">19</a><a name="z19"></a> Die kritische Reflexion ist das Moment der Befreiung, des stets bedrohten Richtigen im falschen Ganzen. Denken meint Luft holen.</p>
<p>Adorno weiter: &#8220;Keine Theorie darf agitatorischer Schlichtheit zuliebe gegen den objektiv erreichten Erkenntnisstand sich dumm stellen. &#8220;<a href="#20">20</a><a name="z20"></a> Aber sie hat umgekehrt diesen Vorsprung nicht wie ein Geheimnis zu h&uuml;ten, sondern ihn eben &#8211; so weit als m&ouml;glich &#8211; weiterzureichen. Kritische Theorie hat Avantgarde zu sein, nicht Elite. Ihr Habitus ist bei aller n&ouml;tigen Distanz kein akademischer. Theorie verh&auml;lt sich zur Praxis als Stachel und Treibsatz, die einmahnt, was die andere in ihrem profanen Treiben stets preiszugeben gedenkt. Mit der Kritik versucht die Theorie die Praxis sich vom Leib, aber doch auf Trab zu halten.</p>
<p>&#8220;Der Geist aber hat seinen Rang in der Absonderung.&#8221; (Aristoteles)<a href="#21">21</a><a name="z21"></a> Denken ist eine menschliche Absonderlichkeit. Theorie entwickelt sich in Abgehobenheit, als Au&szlig;er-Sich-Setzung. Theorie m&ouml;chte von der beobachteten Wirklichkeit das Ganze begreifen und &uuml;ber sie hinausgehen. Das ist anstrebbar, aber doch nicht erf&uuml;llbar. Theorie kann nie das Ganze benennen, die Wahrheit (das Kriterium der Theorie) nie der Wirklichkeit (dem Kriterium der Praxis) entsprechen. Theorie wird sich vielmehr zur Praxis <em>verhalten</em>, nicht dem Identit&auml;tswahn verfallen. Theorie wird sowohl &uuml;ber Praxis hinausgehen als auch hinter ihr zur&uuml;ckbleiben. Keine Theorie reicht je an ihre Praxis. Und doch geht jede &uuml;ber sie hinaus. Auch wenn sie als das Einfachere erscheint, ist die Praxis immer vielf&auml;ltiger und komplizierter als die Theorie. Allerdings gilt das auch vice versa. Das Niveau einer Theorie l&auml;&szlig;t sich erkennen an der Gr&ouml;&szlig;e des Hinausgehens aber auch des Herankommens.</p>
<p>Theorie &#8211; die zu sein hat, solange die b&uuml;rgerliche Gesellschaft besteht &#8211; ist nicht identisch mit Kritik, wenngleich diese ihre entwickeltste Seite ausdr&uuml;ckt, jene Dialektik beinhaltet, die transvolution&auml;re Qualit&auml;t aufweist. Kritik beinhaltet sowohl die Negation, aber auch das Wollen. Kritik will nicht hinnehmen. Theorie hat ihre Eigenst&auml;ndigkeit zu bewahren, indem sie darum k&auml;mpft. Ihr Ort ist nicht der der Segregation, der blo&szlig;en Attit&uuml;de und Attention, schon gar nicht verbunden mit irgendeiner Aura, sondern jener der best&auml;ndigen Repulsion. Der Elfenbeinturm ist offen, und der &Uuml;berblicker steht nicht nur am Turm, sondern er bewegt sich auch im Gel&auml;nde. Will es nicht entschwinden, darf das Vorauseilende nicht enteilen, lautet eine avantgardistische Grundregel.</p>
<p>Unser Ansatz beharrt auf einer Trennung von Theorie und Praxis, wobei der Theorie ihr Platz einger&auml;umt werden mu&szlig;. Nicht Einheit von Theorie und Praxis wird vertreten, sondern eine <em>Zweiheit</em>, die sich der notwendigen Diskrepanz der beiden in der falschen Gesellschaft bewu&szlig;t sein mu&szlig;.</p>
<h4>4. Im Geh&auml;use</h4>
<p>Sind wir ein antiquierter Kl&uuml;ngel? Bisweilen beschleicht einen der Eindruck. Unsere Treffen und Veranstaltungen demonstrieren Konventionalit&auml;t, sie h&auml;tten so auch 1976, 1983 oder 1990 statttfinden k&ouml;nnen. Dechiffrieren m&uuml;ssen wir nicht blo&szlig; die Gesellschaft, sondern auch uns selbst. Eine wichtige Aufgabe der Kritik ist immer auch die Selbstkritik. Selbst wenn es weh tut, und einen vorerst einmal ratlos macht. Dabei ist es erforderlich, zu beobachten, was die Theoretiker denn sowieso (sic! , F. S. ) so alles tun, ohne dies a priori zu rechtfertigen, aber es ebensowenig als private Angelegenheit abzutun und aus der Betrachtung zu exkludieren. &#8220;Womit beginnen? &#8221; und &#8220;Was tun? &#8220;, diese Fragen sind so aktuell wie vor hundert Jahren. Wahrlich, Lenin l&auml;&szlig;t ungebetenerweise gr&uuml;&szlig;en.</p>
<p>Charakteristisch f&uuml;r die <em>Streifz&uuml;ge</em> ist &#8211; und darin besteht ihre hervorstechende Qualit&auml;t! -, da&szlig; sie &uuml;ber den &#8220;ureigensten&#8221; Kl&uuml;ngel hinausreichen, angenommen und auch rezipiert werden. Das sollte mehr erfreuen als erstaunen. Die Risken der Attraktion d&uuml;rfen zwar nicht untersch&auml;tzt werden, au&szlig;erhalb dieser gibt es jedoch weder theoretischen Einflu&szlig; noch praktische Wirkung. Das Manko des <em>Kritischen Kreises</em>, des Tr&auml;gervereins der <em>Streifz&uuml;ge</em>, hingegen besteht darin, da&szlig; er diese Potenz seiner Zeitschrift f&uuml;r die Gruppe nicht oder kaum zu nutzen versteht. Die Ber&uuml;hrungsangst im Praktischen und Pers&ouml;nlichen ist hier gr&ouml;&szlig;er als die Angriffslust im Theoretischen. Warum eigentlich? Unmittelbar mag das ja nicht tragisch sein, auf Dauer m&ouml;glicherweise aber doch.</p>
<p>Menschen werden stets von bestimmten Aspekten angesprochen, nicht vom Ganzen, welches dargeboten wird. Ihr Anschlu&szlig; ist ein selektiver. Soll dieser nicht abrei&szlig;en, sondern ist deren Aufschlu&szlig; gew&uuml;nscht, dann mu&szlig; die Gruppe auch bereit sein, einiges zuzulassen. Erst Akzeptanz, die keine beliebige ist, erm&ouml;glicht Entwicklung, auch die Wegentwicklung von falschen Positionen, die man sogar &#8211; man halte es zumindest f&uuml;r m&ouml;glich! &#8211; bei sich selbst nicht ausschlie&szlig;en sollte. Kapieren meint nicht kapitulieren, meint es das, haben &#8211; zumindest was die emanzipatorische Seite betrifft &#8211; nicht nur die sich unterwerfenden Kapitulanten verloren.</p>
<p>Ein gesellschaftskritisches Kollektiv darf nicht wie ein familiales Geh&auml;use erscheinen. Eine der schlimmsten Gefahren ist, da&szlig; die Gruppe sich in ihrer Parzelle w&auml;rmt, wie ein hermetischer Zirkel auftritt, der offenbar nichts zul&auml;&szlig;t, was von ihm abweicht. Da&szlig; gerade unz&auml;hlige linksradikale Kritiken einer zw&auml;nglerischen Identit&auml;t huldigen, wo allzuoft Kritik und Verd&auml;chtigung kaum zu unterscheiden sind, ist mit <em>ein</em> Grund (nicht: der), warum es nicht gelingt, die notwendige Repulsion mit einer ebenso m&ouml;glichen Attraktion zu verbinden.</p>
<p>Die Geschichte der Linken in den letzten Dezennien ist eine unendliche und kaum nachvollziehbare Geschichte der Spaltungen. Diese gilt es zu beenden. Man mu&szlig; lernen, mit Differenzen innerhalb einer bestimmten Spannweite umzugehen, ohne sofort in den Abgrenzungswahn zu verfallen. Man mu&szlig; lernen, wieder im <em>Und</em> zu denken, nicht nur im Entweder-oder. <em>Und</em> ist integrierend und differenzierend zugleich; meint Zusammenhang ohne Identit&auml;t, ohne ein blo&szlig;es Nebeneinander zu sein. Solche gilt es zu schaffen.</p>
<h4>5. Au&szlig;er Haus</h4>
<p>Wertkritik mu&szlig; also auch s&auml;mtliche praktische Formen einer fundamentalen Kritik unterziehen, darf sie nicht unangetastet lassen. Sonst k&ouml;nnte es sein, da&szlig; die Kritiker der politischen Simulation &uuml;ber die Rolle des linken Saalschutzes der Demokratie nicht hinauskommen, so elaboriert ihre Ans&auml;tze auch sein m&ouml;gen. Wie k&ouml;nnten Momente einer emanzipatorischen und transformatorischen Praxis beschrieben werden? Woher k&ouml;nnten sie r&uuml;hren? Wo erkennen wir ihre objektiven Grundlagen? Wo sind nun diese Eingriffsm&ouml;glichkeiten jenseits der Medienfalle?</p>
<p>Die zur Verf&uuml;gung stehenden Kommunikationsformen sind ebenso wenig neutral wie die b&uuml;rgerlichen Formprinzipien. Die uns bekannte <em>Sitzung</em> (mit ihren Tages- und Gesch&auml;ftsordnungen) etwa ist ein rationalisiertes Element b&uuml;rgerlicher Demokratie. Der Schritt zur systematischen Kritik spezifischer Kommunikationsformen steht jedenfalls an. Intern wie extern. Fordistische Formen des Widerstands (Demonstration, Streik, Kundgebung&#8230; ) sind allesamt prek&auml;r geworden. Sie regen weder an, noch sind sie zielf&uuml;hrend. Die g&auml;ngige &ouml;ffentliche Praxis war bisher weitgehend mit Politik identisch. Aufgabe ist die bewu&szlig;te Gestaltung dieses Aufl&ouml;sungsproze&szlig;.</p>
<p><em>Small talk</em> meint stete Verwechslung und Austauschbarkeit. Egal, was da gesprochen wird, Hauptsache es wird. Da&szlig; Reden oft von Schnattern nicht mehr zu unterscheiden ist, st&ouml;rt da wenig. Gegenw&auml;rtig erleben wir dessen Verallgemeinerung von television&auml;ren Talk-Shows bis zu alternativen Podiumsdiskussionen. Der Zweck ist stets die marktm&auml;&szlig;ige Besetzung der Segmente im jeweiligen Publikum. Am Podium geht es nicht um Kraft oder Substanz der Argumente, sondern um die kommerzialisierte Konkurrenz der Verkaufbarkeit. Um Machwerk und Mundwerk inklusive Mimik, Gestik, Polemik. Gefragt ist der Promi, wo er (fast ausschlie&szlig;lich m&auml;nnlich) auftritt, ist der Auflauf gelungen. Gefragt ist markentinggerechte Anmache. Das Publikum soll nicht befreit, sondern erobert werden.</p>
<p>Solche Form ist inzwischen gepr&auml;gt von hochgradiger Obskuranz. Ihr &Auml;u&szlig;erungsmodus ist durch und durch kulturindustriell pr&auml;formiert. Alles dreht sich um den Verkauf. In ihr dominiert die Konkurrenz, das <em>Was kommt an? </em> nicht das <em>Was ist? </em> Die Charaktermaske wird damit nicht einmal angekratzt, sondern stets reproduziert. Die Personen treten nicht als sie selber auf, sondern als stereotype Rolle, als standardisiertes Muster, wo ein paar Sager schon als Originalit&auml;t gelten. &#8220;Der Diskussionsgegner wird zur Funktion des jeweiligen Plans: verdinglicht von verdinglichtem Bewu&szlig;tsein malgre lui meme. Entweder man will ihn durch Diskussionstechnik und Solidarit&auml;tszwang zu etwas Verwertbarem bewegen, oder ihn vor den Anh&auml;ngern diskreditieren; oder sie reden einfach zum Fenster hinaus, der Publizit&auml;t zuliebe, deren Gefangene sie sind: Pseudo-Aktivit&auml;t vermag einzig durch unabl&auml;ssige Reklame sich am Leben zu erhalten. &#8220;<a href="#22">22</a><a name="z22"></a></p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist es ziemlich sinnlos, sich in den vorgegebenen Metiers (Podiumsdiskussionen, Runden, Talk-Shows) zu verschlei&szlig;en. Kritik an der Form mu&szlig; vom blo&szlig;en Unbehagen zu einem &ouml;ffentlichen Thema aufsteigen. Damit soll keine Lanze f&uuml;r eine Absenz gebrochen werden, sehr wohl aber ist es notwendig, Kr&auml;fte so einzuteilen, da&szlig; sie auch optimal gen&uuml;tzt werden k&ouml;nnen, sie nicht in unproduktiven Hahnenk&auml;mpfen zu verpuffen. Konjunktureller Applaus sollte nicht mit substantiellem Zuspruch verwechselt werden. Neuer Wein darf nicht haupts&auml;chlich durch alte Schl&auml;uche geleitet werden.</p>
<p>So stellt sich die banale Frage, warum man bei Veranstaltungen auftritt (besser eigentlich: <em>antritt</em>), die einen als Zuschauer kaum locken w&uuml;rde. Zweifellos, manchmal ist es der schn&ouml;de Mammon, aber sonst? Eitelkeit? Betriebsamkeit? Wohlgemerkt, d. h. nicht, da&szlig; man dies prinzipiell nicht soll, immer aber stellt sich die Frage: Was das soll? Wozu? Dar&uuml;ber gilt es sich Apriori und a posteriori Rechenschaft abzulegen. S&auml;mtliche Teilnahmen m&uuml;ssen unter diesen Gesichtspunkten reflektiert werden.</p>
<p>Die Hilflosigkeit im Umgang mit den herrschenden Formen ist Ausdruck auch unserer Verunsicherung mit der Praxis schlechthin, vor allem dahingehend, was denn eine postpolitische sein kann, bzw. was sich heute unweigerlich im politischen Rahmen bewegt. Konkrete Handlungsebenen sind anders beschaffen als das theoretische Terrain, man bewegt sich ausschlie&szlig;lich im Feindesland. Was meint, man mu&szlig; dessen Regeln nicht nur kennen, sondern auch anerkennen. Das zeitigt allerdings unangenehme Resultate.</p>
<h4>6. Intervenieren als Experimentieren</h4>
<p>Proben wir neue Praxen. Bet&auml;tigungsfelder gibt es zur Gen&uuml;ge. Man sollte nicht zimperlich sein und experimentieren. Die Differenz zum Aktionismus liegt darin, da&szlig; das so verstandene Experiment, am besten vielleicht beschrieben als <em>Intervention</em>, nicht als Selbstzweck der Bet&auml;tigung gilt, sondern als Probe beabsichtigter Wirkung. Sie bedingt sich nicht selbst, noch liefert sie eine politische Daseinsberechtigung. Es geht um ein gerichtetes Eingreifen, nicht um die Omnipr&auml;senz einer Position, die in unserem Fall sowieso schwer von einer pathologischen Umtriebigkeit zu scheiden w&auml;re.</p>
<p>Die Frage, was man darf, darf nicht durch apriorische Gebote, was man alles nicht darf, limitiert werden. Man sollte es lockerer angehen. Als sinnvolle Intervention erscheint uns in Zeiten der Aufl&ouml;sung alter Widerstandsformen (Streik, Demonstration, Rededuell etc. ) das reflektierte Experiment, das sich keinen Zugzwang verordnet und keinen Erfolgszwang auferlegt; sondern eben ausprobiert und durch Erfahrungen und Erkenntnisse seine Denk- und Handlungsmuster zu pr&auml;zisieren versteht. Kritik hat zwar wirksam zu werden, diese Wirksamkeit ist aber eine essentielle und keine graduelle, die mit den &uuml;blichen Skalen von Markt und Tausch gemessen werden kann: Veranstaltungsbesuche, Sympathisanten, Mitglieder, Erw&auml;hnungen, Bestellungen, Spenden, Abozahlen sind nachgeordnet, wenngleich auch nicht g&auml;nzlich zu vernachl&auml;ssigende Indikatoren des Zuspruchs. Kurzum, es geht nicht um die Quote, auch wenn diese einen nicht losl&auml;&szlig;t.</p>
<p>Das zentrale Kriterium ist, was wir in den K&ouml;pfen anrichten, dort hinterlassen, an Kritik initialisieren und vielleicht auch potenzieren. Es geht darum, Birnen ihre Formatierung begreifbar zu machen, den Automaten des b&uuml;rgerlichen Subjekts zu entautomatisieren, kurzum den Menschen gegen seine Masken zu mobilisieren. Der gesellschaftliche Trieb, zu treiben, was getrieben werden soll, mu&szlig; der Reflexion zugef&uuml;hrt werden. Wir wollen sein ein Virus im Getriebe der Betriebsamkeit. Den Monaden sollen wahrlich einige Lichter aufgehen. Das ist die aktuell vorrangige Aufgabe. Und wir sind die Z&uuml;ndler.</p>
<p>Das mag jetzt alles etwas abstrakt klingen, aber selbstverst&auml;ndlich gibt es M&ouml;glichkeiten unmittelbarer interventionistischer Subversion. Nehmen wir als Beispiel die Meinungsumfragen. Diese kommentieren nicht blo&szlig; die Politik, sie machen sie zusehends. Sie beeinflu&szlig;en mehr als sie ausdr&uuml;cken. Sie sind ein Politikum erster Klasse. Harmlos ist etwas anderes. Aber mu&szlig; man mitspielen? Ist es selbstverst&auml;ndlich, bereitwillig Auskunft zu geben? Man k&ouml;nnte sich verweigern, falsch aussagen, oder schlie&szlig;lich in &uuml;beraffirmativer Manier Geld f&uuml;r die Antworten verlangen. Denn diese Ausk&uuml;nfte bringen Eink&uuml;nfte. Die einzig florierende Sozialwissenschaft bezieht ihren Rohstoff von den Befragten in hinterh&auml;ltiger Weise umsonst. Das kann man in einer Marktwirtschaft nicht durchgehen lassen. Da wird einfach den Interviewten Zeit gestohlen, und da Zeit Geld kostet, kostet das Interview je nach L&auml;nge mal Breite. Cash and carry! Im Informationszeitalter Information gratis rauszur&uuml;cken, das k&ouml;nnen sich wirklich nur &#8220;kleine Leute&#8221; gefallen lassen.</p>
<p>Ziel ist jedenfalls ein destruktives Unterlaufen kulturindustrieller &Uuml;berwachung und Zurichtung. Progressiv k&ouml;nnte z. B. sein, permanent von Meinungs<em>&uuml;berwachung</em> anstatt von Meinungs<em>forschung</em> zu sprechen. Progressiv w&auml;re es auch, nicht mit all den andern die freie Meinung zu affirmieren, sondern die begrenzte M&ouml;glichkeit ebendieser zu kritisieren, die freie Meinung als ideologische Konstruktion b&uuml;rgerlicher Selbstverherrlichung zu dechiffrieren. H&ouml;rig ist der B&uuml;rger, nicht m&uuml;ndig. Und letztlich w&auml;re auch die Kritik der ganzen Zahlenmetaphysik progressiv. Wie sich das alles genau gestalten kann, ist in jeder Hinsicht eine spannende und vorrangige Frage emanzipatorischer Praxis. Setzen wir unseren Phantasien keine Grenzen, befreien wir sie aus den alten Gen&uuml;gsamkeiten. Was man nicht alles anstellen k&ouml;nnte&#8230; Letztlich geht es auch um eine Relativierung des protestantischen Bilderverbots. Dieses ist zutiefst durchdrungen von der kapitalistischen Rationalit&auml;t. Realistisch ist, was real ist: du sollst dir keine Bilder machen au&szlig;er den vorgemachten. &#8211; Nicht die alte Utopie soll hier rehabilitiert werden, wohl aber gilt es, so etwas wie synthetische Projektionen zu entwickeln, wenngleich diese vorerst weitgehend negativ bestimmt bleiben m&uuml;ssen. Die Welt ohne Geld sich vorzustellen, die G&uuml;terentnahme ohne Warenmarkt, sollte doch geboten sein, nicht verboten.</p>
<p>Die nicht ganz unberechtigte Angst davor, sich an einem kommunistischen Luftschlo&szlig; zu erbauen, darf nicht dazu f&uuml;hren, die richtige Gesellschaft erst gar nicht mehr anzudenken. Da ist heute sogar mehr angebbar als zu Marxens Zeit. Die Furcht vor dem falschen Jenseits gleitet sodann allzuleicht in die Auslieferung an das falsche Diesseits. Es geht ganz profan um die Entzauberung der b&uuml;rgerlichen Welt, um den ideellen Abzug des fetischistischen Schleiers, der auf allen Zusammenh&auml;ngen so schwer und bestimmend lastet. Statt in der Askese zu vertrocknen, sollten wir ruhig zur Prothese greifen. Keine Negation ohne Projektion. Anstellen wird man nur, was man sich vorstellen kann. Ist das Abschaffen nicht an ein Schaffen gekoppelt, f&auml;llt es ins Nichts.</p>
<p>Ohne Telos keine Mobilisierung!</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#z1">1</a><a name="1"></a> Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Aphorismen (1803-1806), Werke 2, Frankfurt am Main 1986, S. 550.</p>
<p><a href="#z2">2</a><a name="2"></a> Hans-J&uuml;rgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf. Schriften und Reden 1966-1970, Frankfurt 1971, S. 166.</p>
<p><a href="#z3">3</a><a name="3"></a> Immanuel Kant, &Uuml;ber den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht f&uuml;r die Praxis (1794), Werkausgabe Band XI, Frankfurt am Main 1991, S. 127; vgl. auch S. 132-133.</p>
<p><a href="#z4">4</a><a name="4"></a> Cornelius Castoriadis, Gesellschaft als imagin&auml;re Institution. Entwurf einer politischen Philosophie (1975), Frankfurt am Main 1990, S. 128.</p>
<p><a href="#z5">5</a><a name="5"></a> Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, Gesammelte Schriften 10.2. , Frankfurt am Main 1997, S. 779.</p>
<p><a href="#z6">6</a><a name="6"></a> Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), Werke 7, Frankfurt am Main 1986, S. 485-486.</p>
<p><a href="#z7">7</a><a name="7"></a> Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, S. 763.</p>
<p><a href="#z8">8</a><a name="8"></a> Ebenda, S. 765.</p>
<p><a href="#z9">9</a><a name="9"></a> Ebenda, S. 766.</p>
<p><a href="#z10">10</a><a name="10"></a> Ebenda, S. 761.</p>
<p><a href="#z11">11</a><a name="11"></a> Vgl. Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), Werkausgabe Band VII, Frankfurt am Main 1991, S. 125.</p>
<p><a href="#z12">12</a><a name="12"></a> Agnes Heller. Das Alltagsleben. Versuch einer Erkl&auml;rung der individuellen Reproduktion (1970), Frankfurt am Main 1978, S. 217.</p>
<p><a href="#z13">13</a><a name="13"></a> Ebenda, S. 218.</p>
<p><a href="#z14">14</a><a name="14"></a> Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Gesammelte Schriften 6, Frankfurt am Main 1997, S. 146-147.</p>
<p><a href="#z15">15</a><a name="15"></a> Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, S. 780.</p>
<p><a href="#z16">16</a><a name="16"></a> Ebenda, S. 770.</p>
<p><a href="#z17">17</a><a name="17"></a> profil 46, 15. November 1999, S. 106.</p>
<p><a href="#z18">18</a><a name="18"></a> Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, S. 776.</p>
<p><a href="#z19">19</a><a name="19"></a> Ebenda, S. 777.</p>
<p><a href="#z20">20</a><a name="20"></a> Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 206.</p>
<p><a href="#z21">21</a><a name="21"></a> Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch X, Stuttgart 1983, S. 291. [1178a 12-31]</p>
<p><a href="#z22">22</a><a name="22"></a> Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis, S. 771.</p>
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		<title>Poststrukturalismus und Kritische Theorie</title>
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		<pubDate>Mon, 01 May 2000 01:30:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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<h3>&Uuml;ber ein Buch der jour-fixe-initiative berlin*</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 2/2000</p>
<p><em>von Gerhard Scheit</em> <span id="more-222"></span></p>
<h4>I</h4>
<p>Dar&uuml;ber, was &#8220;Poststrukturalismus&#8221; oder gar &#8220;Postmoderne&#8221; ist, wird besonders gestritten. Fraglich erscheint, ob mit diesen Begriffen sich &uuml;berhaupt eine bestimmbare Richtung des Denkens oder auch nur des Geschmacks bezeichnen l&auml;&szlig;t &#8211; im Gegensatz zu der Bezeichnung &#8220;Kritische Theorie&#8221;, f&uuml;r die sowohl ein innerer Zusammenhang der Gedanken als auch eine gewisse institutionelle Verbindung bestimmter Intellektueller spricht (so gegens&auml;tzlich Adorno, Horkheimer, Marcuse, L&ouml;wenthal, Benjamin, Sohn-Rethel etc. im einzelnen auch dachten, so lose und ephemer die Bindung ans Institut f&uuml;r Sozialforschung in manchen F&auml;llen war). Aber vielleicht k&ouml;nnte gerade diese Krititische Theorie Licht darauf werfen, was jene als poststrukturalistisch apostrophierten Positionen &uuml;ber alle Differenzen hinweg verbindet &#8211; und eine Publikation wie die vorliegende mit dem Titel &#8220;Kritische Theorie und Poststrukturalismus&#8221;* w&auml;re geeignet, dar&uuml;ber Auskunft zu geben.</p>
<p>Dem Vorwort und einigen Beitr&auml;gen geht es allerdings eher darum, die N&auml;he zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus herauszustreichen, um damit den eigenen Gegensatz zur sogenannten Wertkritik, die absch&auml;tzig als &#8220;Ableitungsmarxismus&#8221; bezeichnet wird, zu artikulieren. Adornos &#8220;Logik des Zerfalls&#8221; sei eine &#8220;Weise der Gesellschaftskritik, die mit postmodernen und poststrukturalistischen Motiven mehr gemein hat als mit dem eindimensionalen Ableitungsmarxismus. Es gibt auch nach Adorno keine philosophisch haltbare Erkenntnis der Totalit&auml;t, es gibt nur deren immanente Kritik.&#8221; Mit dem Totalit&auml;tsbegriff wird wirklich das Schibboleth erfa&szlig;t: ist es doch nach Marx und Adorno der Wert, der das falsche Ganze herstellt, die Unterwerfung des Einzelnen durchs Allgemeine. Im Zusammenhang damit von &#8220;immanenter Kritik&#8221; zu sprechen, ist allerdings tautologisch. Kritik der Totalit&auml;t kann immer nur immanent sein, was w&auml;re sonst Totalit&auml;t. &#8220;Der Poststrukturalismus lehnt die zentrale Kategorie und Perspektive der Kritischen Theorie, die gesellschaftliche Totalit&auml;t, strikt ab. Eine Philosophie, die an der Totalit&auml;t festhalte, sei selbst Teil der gesellschaftlichen Normalisierung, die st&auml;ndig Totalisierung vollziehe.&#8221; Totalit&auml;t kritisieren, ohne sie zu erkennen, den Wert abschaffen, indem man so tut, als existierte er nicht &#8211; liegt darin das Programm des Poststrukturalismus?</p>
<p>Kritische Theorie jedenfalls setzt &#8211; schon dem Namen nach &#8211; Erkenntnis und Kritik in eins, und ist mit der positiven Dialektik des Marxismus, die beim sp&auml;ten Luk&aacute;cs ihre letzte Bl&uuml;te erlebt hat, nicht durcheinanderzuwerfen. W&auml;hrend diese in ungebrochener Hegelscher Tradition aus der Bewegung des Kapitals ihre Geschichtsphilosophie des ewig G&uuml;ltigen und ihren Begriff des unaufhaltsamen Fortschritts ableitet, pr&auml;tendiert kritische Theorie in ihren konsequentesten Auspr&auml;gungen negative Dialektik: Weltgeist und Totalit&auml;t, Wert und Verwertungsproze&szlig; zu erkennen, um sie abzuschaffen und damit &#8211; aber nicht eher &#8211; sich selbst wieder zur&uuml;ckzunehmen. (In diesem Sinn hat auch Habermas&#8217; Kommunikations-Ontologie nat&uuml;rlich nichts mehr mit kritischer Theorie zu tun. )</p>
<p>Poststrukturalismus erscheint demgegen&uuml;ber kategorial fast als Vorgriff auf eine befreite Gesellschaft, eine ohne Totalit&auml;t und Wert (hier bricht sich eine , linke Ethik&#8217; Bahn, und insofern ist der franz&ouml;sische Ursprung gewi&szlig; kein Zufall). Darin vermutlich liegt auch die Faszination dieser Theorien f&uuml;r die Linke, die ihren staatlichen, , real-sozialistischen&#8217; oder befreiungsnationalistischen Bezugspunkt verloren hat, f&uuml;r subkulturelle Milieus und verschiedene Bewegungen au&szlig;erhalb des gesellschaftlichen Mainstreams (Schwule, Lesben, Feminismus etc. ). Kategorien, die einem befreiten Zustand entsprechen wollen (&#8220;Verbindung eines Wiederzusammenf&uuml;gens ohne Verb&uuml;ndeten, ohne Organisation, ohne Partei, ohne Nation, ohne Staat, ohne Eigentum&#8221; fordert Derrida), werden unmittelbar auf den status quo angewandt &#8211; und schon existiert die monotone Totalit&auml;t dieses Zustands, das falsche Ganze (&#8220;das Grau in Grau&#8221;, das die Philosophie malt), nicht mehr, l&ouml;st sich auf in jene zahllosen Diskurse und erfindungsreichen Dispositive, aufgef&auml;cherten Differenzen und vielf&auml;ltigen Codes, wie der poststrukturalistische Denker sie vor staunendem Publikum immer neu aus dem Doktorhut zu zaubern vermag.</p>
<p>Von Lacan, Deleuze und Guattari bis Derrida, Foucault und Butler ist allerdings die Abwesenheit eines Begriffs signifikant, wie ihn Marx f&uuml;r die &#8220;reale Abstraktion&#8221;, f&uuml;r das &#8220;automatische Subjekt&#8221; des Kapitals gepr&auml;gt &#8211; und Kritische Theorie zur Flaschenpost gemacht hat. (Das hei&szlig;t nat&uuml;rlich nicht, es w&uuml;rde kein , poststrukturalistischer&#8217; Gebrauch von dem Wort Kapital gemacht. Geradezu paradox ist die Lage bei Althusser und Balibar, die ein ganzes Buch &uuml;ber das Marxsche Kapital geschrieben haben, in dem dessen Begriff nicht vorkommt &#8211; es sei denn als Hegel-Parodie. ) Aber der Begriff wird keineswegs ersatzlos gestrichen &#8211; darauf verweist die Herkunft (post)strukturalistischer Kategorien aus der Zeichentheorie. In den Strukturen der Sprache wird vielmehr eine Art Ersatzsubjekt f&uuml;r das automatische Subjekt, eine Ersatztotalit&auml;t f&uuml;r die negative Totalit&auml;t des Werts (re)konstruiert &#8211; mit denen sich wom&ouml;glich besser, fr&ouml;hlicher oder , lockerer&#8217; leben l&auml;&szlig;t.</p>
<p>Dieser eigenartigen Auslagerung der Totalit&auml;t ins Sprachtheoretische w&auml;re vermutlich nachzugehen, um den Postrukturalismus auf den Begriff zu bringen &#8211; die M&ouml;glichkeiten der Selbstreflexion, die er provozieren kann, und die Gefahren der Ontologisierung, denen er das Denken aussetzt, zu er&ouml;rtern. Das Vorwort des Sammelbands weicht einer solchen Orientierung jedoch aus und sucht eher den Kompromi&szlig;: es gebe zwar das Kapitalverh&auml;ltnis, aber nicht dessen Totalit&auml;t, denn es sei &#8220;nicht Gott, nicht K&ouml;nig, sondern ein voraussetzungsreiches gesellschaftliches Verh&auml;ltnis (&#8230; ), dessen spezifische Form auf Voraussetzungen beruht, die es nicht selbst sind.&#8221; Der Satz dementiert sich selber: vermag doch auch er, soweit er von &#8220;Voraussetzungen&#8221; spricht, einzig vom Subjekt Kapital aus zu denken, ohne sich dessen allerdings bewu&szlig;t zu werden. Von etwas zu sprechen, das keine Voraussetzung des Kapitals mehr w&auml;re, setzt dessen Abschaffung als M&ouml;glichkeit voraus. Wer das nicht reflektiert und den Begriff der Totalit&auml;t ablehnt, nimmt zwar in der Immanenz der Methode eine Gesellschaft vorweg, die diesen Gesichtspunkt nicht mehr kennt, reduziert aber zugleich im Resultat das Kapital auf irgendeine konkrete Ausbeutungsform, als w&auml;re es eine pers&ouml;nliche Beziehung wie die von Herr und Knecht. Das Problem, das damit angesprochen, aber nicht begriffen ist, betrifft in Wahrheit das Verh&auml;ltnis von Konkretem und Abstraktem. Und genau an dieser unreflektierten Stelle erfolgt immer wieder der Einbruch deutscher Wahnvorstellungen von Macht und Sein in die franz&ouml;sische Philosophie des Poststrukturalismus.</p>
<h4>II</h4>
<p>Der in manchen Teilen der Linken &#8211; nicht den schlechtesten &#8211; ge&uuml;bte Adorno-Kult veranla&szlig;t Michael T. Koltan, Adorno &#8220;gegen seine Liebhaber&#8221; zu verteidigen. In diesem Zusammenhang wird der bereits im Vorwort erhobene Vorwurf, die Dialektik der Aufkl&auml;rung enthalte eine Ontologie, exemplifiziert am Gegenstand von Opfer und Tausch. F&uuml;r den Adornoschen Begriff des Tausches sei nicht die Marxsche Kritik der politischen &Ouml;konomie konstitutiv, sondern der Begriff des Opfers. Da&szlig; dieser Begriff jene Kritik nicht ausschlie&szlig;t, sondern vielmehr bedingen k&ouml;nnte, kommt Koltan gar nicht in den Sinn. Die Dialektik von Opfer und Tausch sei &uuml;berhaupt ein zwar &#8220;interessantes, aber nicht allzuwichtiges Moment einer Theorie des Tausches&#8221;, wobei diese wiederum ohnehin &uuml;bersch&auml;tzt werde, da &#8220;dem Tausch &uuml;berhaupt nicht die universale Bedeutung zukommt, die ihm Horkheimer und Adorno zuschreiben, weder im Guten noch im Schlechten. &#8221;</p>
<p>Auch bei Marx sei der Zusammenhang zwischen der Konstitution des b&uuml;rgerlichen Subjekts und der Entfaltung des Warentausches selbst nur indirekt vorhanden, beide Ph&auml;nomene seien &#8220;sozusagen parallele Entwicklungen.&#8221; Indem die bei Adorno durch Tausch hergestellte Totalit&auml;t in solche parallele Entwicklungen aufgel&ouml;st wird, kann jeder Entwicklungsproze&szlig; f&uuml;r sich und &#8220;gem&auml;&szlig; dessen eigener Logik&#8221; analysiert werden, ohne etwa das Kapitalverh&auml;ltnis zur Sprache zu bringen. In diesem Sinn, so das Fazit Koltans, sei &#8220;vor allem die Kulturindustriekritik der Kritischen Theorie weiterzudenken. &#8221;</p>
<p>Unter der Hand restauriert Koltan das alte Basis-&Uuml;berbau-Schema, das sich offenbar besser als jenes real Abstrakte des Werts mit der Vielfalt &#8220;paralleler Entwicklungen&#8221; vertr&auml;gt. Wenn er Adorno und Horkheimer vorwirft, die Marxsche Kategorie der Produktivkr&auml;fte zu unterschlagen, so geht es ihm selbst um eine Neuformulierung der alten Phrase von der &ouml;konomischen Basis, um wahren &Ouml;konomismus. Es besteht offenbar ein Interesse, die Marxsche Kritik auf die &#8220;&Ouml;konomie&#8221; einzuschr&auml;nken, um in den &uuml;brigen Bereichen der Gesellschaft, in der Kultur und in der Ideologie, nach anderen Logiken als der des Werts zu verfahren. Gerade die Marxsche Kritik der politischen &Ouml;konomie aber kann Begriff und Realit&auml;t der &Ouml;konomie als Fetischisierung sichtbar machen, eine Einschr&auml;nkung ihrer Kategorien auf &#8220;die &Ouml;konomie&#8221; kommt darum der Selbstaufgabe von Kritik gleich.</p>
<p>Jochen Baumann sieht diese Selbstaufgabe jedoch umgekehrt durch die Wertkritik eingeleitet &#8211; und zieht etwa das Beispiel Stefan Breuers heran, der &#8211; &auml;hnlich wie Jochen H&ouml;risch &#8211; von der Kritik des automatischen Subjekts alsbald auf dessen Seite &uuml;bergewechselt ist. Der Identifikation des Theoretikers mit dem Wert wird die Forderung Adornos entgegengehalten, da&szlig; der Totalit&auml;t zu opponieren sei, &#8220;indem sie der Nichtidentit&auml;t mit sich selbst &uuml;berf&uuml;hrt wird, die sie dem eigenen Begriff nach verleugnet. &#8221;</p>
<p>Ist darum aber das gesellschaftlich Reale der Totalit&auml;t und selbst noch das Reale der Verleugnung des Nichtidentischen (aus dem Kulturindustrie zu begreifen w&auml;re) abzustreiten? Das Nichtidentische ist die Krise realer Totalit&auml;t, und das Selbstverst&auml;ndnis kritischer Theorie beruht darauf, diese Krise zur Sprache zu bringen. Wenn Baumann zur&uuml;ckweist, was er als Paradigma der Wertkritik formuliert, &#8220;da&szlig; alles objekt- und subjekthafte Ausdruck des Kapitalverh&auml;ltnisses sei&#8221;, hat er recht und unrecht zugleich: es ist dessen Ausdruck, und kann auch nur in Anbetracht dessen gedacht werden; und es ist nicht dessen Ausdruck, soweit es in der Identit&auml;t nicht aufgeht und als Krise zu begreifen w&auml;re. Das hei&szlig;t nun aber nicht, das Nichtidentische w&auml;re das Positive, mit dem der Theoretiker sich statt mit dem Identischen zu identifizieren h&auml;tte.</p>
<p>Jochen Baumann aber folgert aus Adornos Satz, da&szlig; Identit&auml;t &uuml;berhaupt nur ein Problem des richtigen Denkens sei, nicht eines der gesellschaftlichen Realit&auml;t von Staat, Arbeit und Kapital. Kritik scheint dem Autor offenbar nur m&ouml;glich, wenn das automatische Subjekt als eine unter vielen Identit&auml;tslogiken, oder am besten, wenn es &uuml;berhaupt nur als darstellungstechnisches Problem &#8211; entstanden &#8220;aus der notwendigen Abgrenzung Marx&#8217; zu Hegel und Ricardo&#8221; &#8211; begriffen w&uuml;rde. &#8220;Die Vermittlungen zwischen Ware, Kapital, Staat, Gesellschaft, Subjekt, Individuum m&uuml;ssen im Zentrum der Kritischen Theorie stehen, nicht das , Automatische Subjekt&#8217; als, wenn auch negativ gewendetes identisches Subjekt-Objekt der Geschichte (&#8230; ).&#8221; Baumann empfiehlt der Theorie, ihre kritischen Synthesen ganz unabh&auml;ngig vom automatischen Subjekt zu machen (auf Synthesis soll sie aber im Unterschied zur &#8220;postmodernen Beliebigkeit&#8221; nicht verzichten, um die &#8220;Differenzen&#8221; zutage zu f&ouml;rdern). So wird alles zu einem Problem der Darstellung, zu einer Frage der &#8220;Repr&auml;sentation&#8221; gemacht. Was bei Adorno noch die reale Herrschaft des Allgemeinen &uuml;ber das Besondere ist, wird bei Baumann zur Frage der &#8220;Repr&auml;sentation des Besonderen im Allgemeinen&#8221;; was realer Gegenstand der Kritik ist, wird zum darstellerischen Problem der Theorie: f&uuml;r die Synthesis, die Baumann will, soll gelten, &#8220;da&szlig; die Repr&auml;sentation des Allgemeinen im Besonderen das Fragliche ist, genau das, was nicht apriori vorausgesetzt werden kann&#8221;; w&auml;hrend f&uuml;r die Kritik, wie Baumann sie offenkundig nicht m&ouml;chte, die Herrschaft des Allgemeinen &uuml;ber das Besondere das Abzuschaffende ist, genau das, was a priori vorauszusetzen und darum zu beseitigen ist.</p>
<p>Eine solche unkritische Synthesis erlaubt es, die Kritische Theorie mit poststrukturalistischen Positionen wirklich konfliktlos parallel zu f&uuml;hren. Wenn Jochen Baumann etwa den Tauschbegriff Adornos mit dem von Baudrillard analogisiert &#8211; &#8220;der Tausch ist bei Baudrillard der (Opfer-)Tod. Das b&uuml;rgerliche Subjekt konstituiert sich bei Adorno durch Mimesis ans Tote, an vergegenst&auml;ndlichte Arbeit, an den Wert&#8221; &#8211; dann hat der Gegensatz zwischen beiden, dann hat Auschwitz, in einer Fu&szlig;note Platz: hier wird zugestanden, da&szlig; Adorno &#8220;selbstverst&auml;ndlich vor Baudrillard, dem postmodernen Zyniker, den Vorzug&#8221; habe, &#8220;weitaus kritischer mit Lebensphilosophie und Existenzialismus&#8221; sich auseinanderzusetzten.&#8221; Seine Philosophie ordne sich &#8220;dem Imperativ unter, die Integration des Todes in die Kultur und Philosophie zu widerrufen, zum alleinigen Zweck, da&szlig; sich Auschwitz und &auml;hnliches nicht wiederhole.&#8221; Was in der Fu&szlig;note steht, h&auml;tte das Thema des Bandes zu sein.</p>
<h4>III</h4>
<p>&#8220;Guattari und Deleuze vermeiden Reduktionismen&#8221;, meint Katja Diefenbach, ohne sich die Frage zu stellen, ob die gesellschaftliche Realit&auml;t das ebenso tut. So kehrt auch hier unwillk&uuml;rlich das Basis-&Uuml;berbau-Schema zur&uuml;ck: &#8220;Diese nicht-reduktive Sicht auf die Geschichte ist mit Foucaults Versuch verwandt, historisch von den untersten Ebenen der Analyse auszugehen&#8221; &#8211; wie aber findet man zu den &#8220;untersten Zellen oder Ebenen der Gesellschaft&#8221; (Foucault) und unter welchem Gesichtspunkt sind sie die unteren? Weil sie die oberen tragen? &Auml;hnlich unreflektiert wie mit solchen topischen Metaphern wird mit dem Wahrheitsbegriff verfahren: &#8220;Wahrheit und richtige Aussagen zu produzieren, sind (&#8230; ) eine moderne mythologische Konstruktion, mit der bestimmte Ausschl&uuml;sse im Denken vorgenommen werden.&#8221; W&auml;re mit diesem Satz nun seinerseits eine Wahrheit produziert oder eine Mythologie konstruiert &#8211; die Aussage hebt sich in jedem Fall selber auf.</p>
<p>In den Augen von Elfriede M&uuml;ller f&uuml;hrt Deleuze wiederum die Negative Dialektik Adornos fort. Die These kann sich allerdings auf die Nietzsche-Rezeption der Kritischen Theorie st&uuml;tzen: &#8220;Deleuzes Subjektkonzeption geht auf Nietzsche zur&uuml;ck. Bei Nietzsche wird die Freiheit mit dem Willen zur Freiheit erk&auml;mpft. Er beansprucht, da&szlig; seine Philosophie des Willens die Metaphysik ersetze, sie zerst&ouml;re und &uuml;berhole.&#8221; Ehe er jedoch als Treibstoff der anti-&ouml;dipalen Wunschmaschinen von Deuleuze und Guattari Verwendung findet, w&auml;re doch zu fragen, was diesen Willen, der die alten, metaphysischen Legitimationsideologien der Vergangenheit ersetzen und &uuml;berholen soll, bei Nietzsche konstituiert.</p>
<p>Wer im Unterschied zu Elfriede M&uuml;ller von einer negativen Anthropologie ausginge &#8211; einer Anthropologie, die sich von vornherein weigert, so etwas wie den Trieb zu substantialisieren -, k&ouml;nnte n&auml;mlich bei Deuleuze und Guattari eine seltsame Verwandlung beobachten: Das automatische Subjekt des Kapitals erh&auml;lt einen K&ouml;rper, wird Fleisch; sein unendlicher Akkumulationstrieb wird als unendliches Begehren, als &#8220;Wunschmaschine&#8221; imaginiert. W&auml;hrend Freud die Libido noch im familialen Zusammenhang sah, und darum zwar nichts &uuml;ber die Libido, vieles aber &uuml;ber den familialen Zusammenhang erkennen konnte, wollen Deleuze und Guattari sie von solcher Einbindung freigesetzt wissen &#8211; und machen sie zu diesem Zweck zum Substrat: Im Anti-&Ouml;dipus wird das Unbewu&szlig;te &#8220;elternlos&#8221; gemacht, wie M&uuml;ller richtig schreibt, es erzeugt sich hier &#8220;selbst in der Einheit von Natur und Mensch&#8221;; der &Ouml;dipuskomplex sei &#8220;grunds&auml;tzlich ein Unterdr&uuml;ckungsapparat der Wunschmaschinen&#8221;. Diese gelte es nach Deleuze, Guattari und Elfriede M&uuml;ller zu befreien &#8211; aber sie sind in gewisser Hinsicht nichts als eine vitalistische Wahnvorstellung vom Kapital. Solche positive Identifikation kann auch den Staat nur ontologisieren: Der Staat, so Deuleuze und Guattari, k&ouml;nne weder reformiert noch destruiert werden: die einzige M&ouml;glichkeit sei die &#8220;Flucht&#8221; &#8211; Kapitalflucht eben.</p>
<p>Deleuze und Guattari haben somit die Philosophie Nietzsches f&uuml;r die siebziger Jahre neu aufbereitet: konnte dessen &#8220;fr&ouml;hlichen Wissenschaft&#8221; die deutschen Spie&szlig;er schrecken, soll ihr &#8220;nomadisierendes&#8221; Denken den fordistisch-se&szlig;haften Wohlstandsb&uuml;rgern Angst einjagen; hat einst die &#8220;blonde Bestie&#8221; der Formierung von Gro&szlig;kapital und imperialistischem Staat, die das alte Kleinstaaten-Deutschland hinwegfegte, einen mythischen Ausdruck gegeben, verschafft die anti&ouml;dipale &#8220;Wunschmaschine&#8221; dem kapitalen Zwang zum massenhaften Warenabsatz, der die kleinfamiliale Ordnung umpfl&uuml;gt, ein rebellisches Outfit. Hier liegt aber auch der Unterschied: Deuleuze und Guattari verschweigen nicht anders als Foucault die Pointe von Nietzsches Machtbegriff: die Idealisierung des Staats im &#8220;&Uuml;bermenschen&#8221;. Nur darum kann er subversiv interpretiert werden. Sie argumentieren wie jemand, der f&uuml;r die &#8220;Globalisierung&#8221; des Kapitals optiert, von den NATO-Eingreiftruppen aber nichts wissen will.</p>
<p>F&uuml;r poststrukturalistische Ans&auml;tze ist jedoch symptomatisch, da&szlig; sie ohne Anleihen bei dem, was als deutsche Ontologie begriffen werden k&ouml;nnte, nicht auskommen. Ihre Umgehung des Wertbegriffs l&auml;uft darin stets auf eine Ontologisierung des Kapitalverh&auml;ltnisses hinaus &#8211; und nur die linke &#8220;franz&ouml;sische&#8221; Ethik verhindert dann noch die offene Affirmation. Wird mit Nietzsches &#8220;Wille zur Macht&#8221; das automatische Subjekt zur &#8220;Wunschmaschine&#8221;, tritt der Gegensatz zur Kritischen Theorie, die stets ein offenes Ohr f&uuml;r Nietzsches Kulturkritik hatte, nicht unmittelbar hervor; ist es jedoch Heideggers &#8220;Sein&#8221;, das den sich selbst verwertenden Wert mystifiziert, l&auml;&szlig;t sich sowohl die unmittelbare N&auml;he (Heideggersch&uuml;ler Marcuse! ), als auch der extreme Gegensatz (Adornos Heideggerkritik! ) mit H&auml;nden greifen. Der &#8220;Hitler des Denkens&#8221;, wie Martin Buber Heidegger nannte, ist der neuralgische Punkt im Verh&auml;ltnis von kritischer und poststrukturalistischer Theorie, an dem sich eben nicht zuf&auml;llig immer wieder die Polemik gegen die Postmoderne entz&uuml;ndet. Gerade der poststrukturalistischen Heidegger-Rezeption aber weicht der vorliegende Band aus.</p>
<h4>IV</h4>
<p>In einem bemerkenswerten Beitrag von Andreas Benl &uuml;ber Guy Debord und die Situationistische Internationale wird jedoch vorgef&uuml;hrt, was Kritik, jenseits der puren Polemik, sein kann: ein Bewu&szlig;tsein, da&szlig; sich der eigenen Voraussetzungen bewu&szlig;t wird. So sieht er das Verdienst der S. I. darin, da&szlig; sie sich &#8220;in einer Zeit, in der sich der fordistische Kapitalismus in den westlichen Metropolen auf dem H&ouml;hepunkt seines &ouml;konomischen Erfolgs befand&#8221;, nicht &#8220;mit der traditionslinken Kritik sozialen Elends begn&uuml;gte, sondern ihre Kritik gegen den gesellschaftlichen Gl&uuml;cksbegriff richtete&#8221;. Was die Situationisten dabei der Kritischen Theorie in der Analyse der Funktionsweise der &#8220;spektakul&auml;ren Nachkriegsgesellschaften&#8221; voraus hatten, &#8220;nahmen sie jedoch Schritt f&uuml;r Schritt zur&uuml;ck, um den Fetisch des a priori gesetzten revolution&auml;ren Subjekts, des Proletariats, nicht zu gef&auml;hrden. &#8221;</p>
<p>Auch in Kornelia Hafners Aufsatz wird nachgeholt, was den apologetischen Beitr&auml;gen zu Deleuze und Guattari mangelte. Sie antwortet mehr oder weniger direkt auf Katja Diefenbachs Bejahung des postrukturalistischen Erkenntnisverzichts, wenn sie gerade hier die Kritische Theorie als die weiterreichendere verteidigt: diese halte den Widerspruch fest, &#8220;da&szlig; der Anspruch auf Wissenschaft und Wahrheit nicht aufgegeben werden kann und ebensowenig die Einsicht, da&szlig; alles Wissen gesellschaftlich vermittelt und deshalb Moment verkehrter Verh&auml;ltnisse ist&#8221;. Davon ausgehend entwirft Hafner eine immanente Kritik Kritischer Theorie, die &#8211; wie jede echte Religionskritik &#8211; dem Kult um Adorno die Voraussetzungen zu entziehen sucht, statt sich blo&szlig; in bekennerhaft atheistischer Pose gegen ihn zu wenden. Sie trifft sich in mancher Hinsicht mit Moishe Postones Kritik in Time, labor and social domination, insofern auch sie die &#8220;Fixierung auf die Zirkulationssph&auml;re&#8221; moniert; die Kritik breche &#8220;schon bei der vermeintlichen Einsicht in die Charaktere des Warenfetischs&#8221; ab und nehme &#8220;das Moment, hier die Ware, den Tausch, &#8221; tendenziell f&uuml;rs Ganze. Damit bleibe Adorno bei einem &#8220;unzureichenden Kapitalbegriff&#8221; stehen und biete eine &#8220;verk&uuml;rzte Gesellschaftkritik, wie sie in der Rede von der R&uuml;ckkehr der alten Herrschaft vorliegt. &#8221;</p>
<p>Allerdings erscheint die Theorie Adornos in dieser Darstellung als etwas zu monolithisch; ihre inneren Widerspr&uuml;che werden zu wenig entfaltet, die Differenz zwischen den Phasen, in denen die Dialektik der Aufkl&auml;rung und die Negative Dialektik entstanden, zu wenig ber&uuml;cksichtigt; auch die &auml;sthetischen Schriften, worin unter anderem eine Kritik der Arbeit zu entdecken w&auml;re, bleiben ausgeklammert. Dennoch hat die Autorin recht, wenn sie im unzureichenden Kapitalbegriff auch das Einfallstor f&uuml;r ontologisierende Momente sieht. Obwohl bei Adorno &#8220;Vorstellungen, wie sie mit der Rede von der Tauschgesellschaft einhergehen, systematisch verhindern, die Kritik so weiterzutreiben, da&szlig; &uuml;berhaupt ein Begriff vom Kapitalverh&auml;ltnis gewonnen werden k&ouml;nnte, der nicht Gefahr l&auml;uft, im nietzscheanischen Einerlei machtontologischer Figuren unterzugehen, hatte die Kritische Theorie von dessen Problematik einen elaborierten Begriff.&#8221; Das poststrukturalistische Denken jedoch, so legt die Autorin nahe, findet in jenem Einerlei machtontologischer Figuren zu sich. M&ouml;gen Derrida, Deleuze oder Foucault der &#8220;gro&szlig;en Bejahung&#8221; Nietzsches auch einen messianischen Akzent versetzen &#8211; Derrida m&ouml;chte &#8220;den Zugang zu einem affirmativen Denken des messianischen Versprechens er&ouml;ffnen&#8221; -, ihr Denken widersetzt sich damit nicht der Ontologie.</p>
<p>Monika Noll konzentriert sich in ihrem Beitrag auf Derridas Spectres de Marx. Beeindruckend daran ist vor allem der Versuch, den Dekonstruktivismus bereits zu historisieren und im Zusammenhang mit einer bestimmten Phase der Kapitalisierung der Gesellschaft zu sehen. Dabei &uuml;bt die Autorin nicht einfach , von au&szlig;en&#8217; Kritik an Derrida, sondern durchaus immanent, um die Notwendigkeit, &uuml;ber sie hinauszugehen, sichtbar zu machen. Auf diese Weise wird der Vergleich mit der Marxschen Theorie erst sinnvoll: &#8220;Die Gespensterwelt, das ist f&uuml;r Marx noch das scheinbar unmittelbare Verh&auml;ltnis der Arbeitsprodukte, f&uuml;r Derrida hingegen das scheinbar unmittelbare gesellschaftliche Verh&auml;ltnis der die Produkte konsumierenden Menschen. (&#8230; ) Soll Marx doch fetischistische Natur in die Gesellschaftlichkeit der Arbeit aufl&ouml;sen, Derrida zweifelt keinen Augenblick, da&szlig; seine Gespenster gegen diesen Versuch der Reduktion gefeit sind. Er wei&szlig; schlie&szlig;lich mehr als Marx; er wei&szlig;, da&szlig; es eine Gesellschaftlichkeit gibt, in der seine Gespenster bestens aufgehoben sind. Diese Erfahrung macht er tagt&auml;glich in einer Konsumtionssph&auml;re, die nicht mehr das privatistische Anh&auml;ngsel, sondern gesellschaftlich n&uuml;tzlicher Teil des Verwertungsprozesses geworden ist und eine Schl&uuml;sselrolle bei der L&ouml;sung des Problems der Mehrwertrealisierung erhalten hat.&#8221; Damit r&uuml;ckt Derridas Philosophie &#8220;uns verflixt nahe und wir sind mit ihr pl&ouml;tzlich mitten in den Schwierigkeiten der heutigen Gesellschaftstheorie. Es zeigt sich n&auml;mlich, da&szlig; auch wir uns beim Nachdenken &uuml;ber die Gesellschaft mit einer Festigkeit der Erscheinungswelt herumschlagen m&uuml;sssen, mit der Marx auf dem damaligen Stand der kapitalistischen Entwicklung noch nicht zu tun hatte. &#8221;</p>
<p>Derridas Esoterik und Gespensterkult signalisieren darum etwas, &#8220;das der g&auml;ngige (&#8230; ) n&uuml;chtern mit , sozialen Konstrukten&#8217; befa&szlig;te Dekonstruktivismus nicht mehr zu erkennen gibt: sie signalisieren, mit welchen Vermittlungsproblemen die Gesellschaftstheorie &#8211; angesichts einer verselbst&auml;ndigten Sph&auml;re sozialen Handelns &#8211; konfrontiert ist und welchen Preis sie zahlt, wenn sie es unterl&auml;&szlig;t, den Proze&szlig; der Verselbst&auml;ndigung zu thematisieren (&#8230; ).&#8221; Die Dekonstruktion ist demnach die eigentliche Philosophie des Konsumenten. Aber Derridas Gespenstermetaphorik l&auml;&szlig;t immerhin erkennen, da&szlig; es ein wenig unheimlich wird im gro&szlig;en Kaufhaus, Marx spukt vereinzelt herum. Die Frage ist allerdings, ob dieses Unbehagen sich selbst bereits als Seinsvergessenheit interpretiert und in der Scheinwelt des totalisierten Verwertungszwangs, der alles in Reklame verwandelt, immer schon den Notausgang zum &#8220;Sein&#8221; sucht &#8211; eben &#8220;den Zugang zu einem affirmativen Denken&#8221;.<br />
<hr />
<p>(Zuerst erschienen in &Auml;sthetik und Kommunikation 108/2000)</p>
<p>* jour-fixe-initiative berlin (Hg. ) : Kritische Theorie und Poststrukturalismus. Theoretische Lockerungs&uuml;bungen. Berlin-Hamburg: Argument 1999. 144 S. 24,80 DM</p>
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		<title>Krieg 2000</title>
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		<pubDate>Mon, 01 May 2000 01:25:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-2]]></category>

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Vorläufige  Thesen]]></description>
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<h3>Vorl&auml;ufige Thesen</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 2/2000</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-221"></span></p>
<h4>1. </h4>
<p>Mit der Relativierung staatlicher Gewaltmonopole im Zeitalter der Globalisierung und dem Aufkommen dezentrierter Gewaltpole (Mafiotisierung), verliert die Kriegf&uuml;hrung ihren zwingend nationalstaatlichen und politischen Charakter, auch wenn sie sich nationalistisch aufl&auml;dt und politisch zu gerieren versucht. Sie wird poststaatlich, postnational, postpolitisch. Der <em>postmoderne Krieg</em> zeichnet sich dadurch aus, da&szlig; nicht eine bestimmte Form die andere abl&ouml;st, sondern da&szlig; allen bisherigen Formen neue zugesetzt werden. Nicht eine Bestimmtheit ist sein Charakteristikum, sondern seine <em>Unbestimmtheit</em>. Alles ist m&ouml;glich. Keine Wahrscheinlichkeit, die a priori auszuschlie&szlig;en w&auml;re. Kreuzzug nennen wir ihn deshalb, weil er sich stets ideologisch, freedom and democracy-m&auml;&szlig;ig aufladen mu&szlig;, um als legitim zu erscheinen. Der Krieg wird zur Strafe.</p>
<h4>2. </h4>
<p>Politik an ihrem Ende wird umso &ouml;fter in gewaltt&auml;tige Konfrontationen umkippen, je weniger jene mehr wissen kann, was sie tun soll. Krieg meint immer mehr die Kapitulation der diplomatischen oder &#8220;friedlichen&#8221; Mittel der Politik, nicht deren Fortsetzung. Der postmoderne Krieg ist der Zersetzung der politischen Form geschuldet. Politik war die sympathischere Variante des Krieges gewesen, weil die Subordination der Objekte doch einem berechenbaren Modus folgte, Angst und Schrecken nicht prim&auml;ren Mittel und Kriterien der Durchsetzung gewesen sind.</p>
<h4>3. </h4>
<p>Krieg ist dazu da, den alten Frieden durch einen neuen Frieden zu ersetzen. Ob die Kontrahenten mit dem erreichten Frieden zufrieden sind oder nicht, dar&uuml;ber entscheiden in erster Linie Sieg und Niederlage. Krieg ist nichts anderes als die extremste Form des Friedens. In ihm kommt er zu sich &uuml;ber uns. Im konkreten Krieg pre&szlig;t der jeweilige Frieden sein abstraktes Substrat aus. So unplausibel es auf den ersten Blick erscheinen mag: Nicht die empirische Gegen&uuml;berstellung ist hervorzuheben, sondern die eherne Zusammengeh&ouml;rigkeit. Seit der Kalte Krieg vorbei ist, tritt dieser Konnex auch ungeniert zutage. Es gilt <em>auch und nachdr&uuml;cklich</em> gegen diesen Frieden zu sein.</p>
<h4>4. </h4>
<p>Krieg und Frieden betonen Aspekte der bisherigen Vorgeschichte, die in dieser allgegenw&auml;rtig sind. Das eine ist ohne dem anderen nicht denkbar, was aber auch bedeutet, da&szlig; mit der Aufhebung des Krieges auch der Frieden als eigenst&auml;ndige Gr&ouml;&szlig;e verschwinden wird. Was kommen kann und kommen soll, ist also nicht der Kantsche ewige Frieden, sondern etwas, das jenseits der Achse Friede/Krieg angesiedelt ist. Postkapitalistische Auseinandersetzungen und Konflikte werden ihre Zuspitzungen und Gelassenheiten anders definieren, entwickeln und verwirklichen. Sie sind jenseits von &#8220;Schlagt sie tot! &#8221; oder auch &#8220;Macht sie fertig! &#8221;</p>
<h4>5. </h4>
<p>Krieg als auch Frieden sind Zivilisation, nicht Natur, d. h. auch der Krieg ist nicht dem Frieden vorgelagert, sondern mit ihm gemeinsam in die Welt gekommen. Erst als die Menschheit sich Ordnungen gegeben hat, konnten &uuml;berhaupt Krieg und Frieden als Unterscheidungen in Erscheinung treten. Krieg und Frieden sind fr&uuml;he Ausdifferenzierungen der zweiten Natur. Der Krieg ist ein soziales Ph&auml;nomen, kein nat&uuml;rlicher Rest oder gar ewiges Schicksal. Der Mensch ist nicht so, wie das der gesunde Menschenverstand immer wieder behauptet, um alle Grausamkeiten zu legitimieren, die geschehen, er ist h&ouml;chstens so, wie er gerade sein mu&szlig;, wie ihm seine Koordinaten in Raum und Zeit auferlegen.</p>
<h4>6. </h4>
<p>Menschenrechte gehen heute zweifellos vor Menschen! Daher liebt man es gar nicht von Krieg zu reden, in Orwellscher Manier spricht man von Strafaktion oder gar von Friedensmission. Denn es k&ouml;nnen nur Friedensbomben, Friedensgranaten, Friedensraketen sein, die da als zu Metall gewordene westliche Werte auf die Menschen niederkommen. Gerade die Menschenrechte geh&ouml;ren zu den sch&auml;rfsten Waffen des Nordens und seiner NATO. Entsichert, entfalten sie ihre zivilisatorische Wirkung. In der Anbetung der Menschenrechte &uuml;bertreffen sich Herrschaft und Opposition in ihrer jeweiligen Gl&auml;ubigkeit.</p>
<h4>7. </h4>
<p>Kriegsverbrechen ist ein Terminus, der in perfider Manier den Krieg an sich vom Verbrechen freispricht. Menschen zu vertreiben, sie zu erschlagen, zu vergewaltigen und zu exekutieren, ist folglich ein Kriegsverbrechen; Soldaten in Panzern zu verbrennen, Zivilisten aus dem Schlaf zu bomben, Journalisten in TV-Geb&auml;uden zu zerfetzen, ist hingegen ein legitimer Akt der Durchsetzung westlicher Werte.</p>
<h4>8. </h4>
<p>Die Beschw&ouml;rung der Abstammung, einer gemeinsamen Geschichte, die sich als eherne Schicksals- und Charaktergemeinschaft konstruiert, ist die v&ouml;lkische Grundbedingung des Nationalismus. &#8220;Edel ist, was Herkunft hat&#8221;, sagt Martin Heidegger. Und merkt sogleich an: &#8220;Nicht nur sie hat, sondern in der Herkunft seines Wesens weilt.&#8221; Die Nation als besondere Formation verschwindet hinter der Behauptung dieser oder jener Nation als dem sich selbst erh&ouml;henden Spezifikum. Der Krieg ist eines der Lebenselixiere der Nation, n&ouml;tig zu seiner Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung. Nie sind die Nationen so in ihrem Element wie im Krieg. Da k&ouml;nnen sie sich aneinander reiben, und reiben doch nur die ihnen geh&ouml;rigen Menschen tot. Zu sich kommend, geraten sie au&szlig;er sich.</p>
<h4>9. </h4>
<p>Nationen sind verg&auml;nglich, gleiches gilt f&uuml;r die Abstraktion der Nation. Kritische Theorie und emanzipatorische Praxis haben dieser Verg&auml;nglichkeit nachzuhelfen. Die v&ouml;lkische Zuordnung mu&szlig; &uuml;berwunden werden. Das hei&szlig;t nicht, da&szlig; Menschen in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort nicht bestimmte Eigenheiten haben werden. Aber diese sind dann rational einsichtig, nicht mythisch verkl&auml;rt; sie bauen nicht auf Abgrenzung, Ausschlu&szlig; und Vereinnahmung auf. Sie sind ein Kolorit. Die Teilnahme an Gemeinsamkeiten ist nicht staatlich verordnet und national &uuml;berh&ouml;ht, sie fordert nicht unbedingte Zugeh&ouml;rigkeit ein, ist keine Geh&ouml;rigkeit und keine H&ouml;rigkeit, sondern eine blo&szlig; lose verdichtete Facette in sich &uuml;berschneidenden Zeit-Raum-Achsen. Dabeisein und Nichtdabeisein ist keine bekennenswerte Eigenschaft, sondern eben einer unmittelbaren Situation geschuldet. Authentizit&auml;t bedeutet variable Identit&auml;t.</p>
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		<title>Deutschland ist überall</title>
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		<pubDate>Mon, 01 May 2000 01:20:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Lohoff; Ernst]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2000-2]]></category>

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Zwischenruf zu den freiheitlichen Sirenen]]></description>
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<h3>Zwischenruf zu den freiheitlichen Sirenen</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 2/2000</p>
<p><em>von Ernst Lohoff</em> <span id="more-219"></span></p>
<p>Gerhard Scheit und Franz Schandl ber&uuml;hren in ihrer Kontroverse um die &#8220;freiheitlichen Sirenen&#8221; in den <em>Streifz&uuml;gen</em> nicht nur ganz zentrale Punkte eines hochbrisanten Themas auch seiner dialogischen Form nach hebt sich ihr Versuch theoretischer Kl&auml;rung angenehm von der &uuml;blichen linken Schlagabtauschkultur ab. Dennoch bleibt nach der mittlerweile vierten &#8220;Lieferung&#8221; ein gewisses Gef&uuml;hl der Unbefriedigung. Die Debatte beginnt sich ein wenig im Kreis zu drehen. Es zeichnet sich weder eine Aufl&ouml;sung der Gegens&auml;tze ab noch macht es den Eindruck, da&szlig; sie wirklich schon pr&auml;zise auf den Punkt gebracht w&auml;ren.</p>
<p>Franz Schandl fa&szlig;t die Haiderei als eine extreme und damit bis zur Kenntlichkeit entwickelte Variante des allgemeinen warengesellschaftlichen Irrsinns. Gleichzeitig distanziert er sich aber von jedem subsumierenden Denken und will auf keinen Fall &#8220;die Besonderheit&#8221; in der &#8220;Allgemeinheit&#8221; von Wertkritik &uuml;berhaupt ertr&auml;nkt wissen. Gerhard Scheit wiederum bem&uuml;ht sich, das Spezifische am Ph&auml;nomen Haider zu seinem Recht kommen zu lassen, ohne deswegen die Kritik der &ouml;sterreichisch-deutschen Wirklichkeit zum Ersatz f&uuml;r eine allgemeine Kapitalismuskritik zu machen. Soweit so gut. Dar&uuml;ber, was mit dem Spezifischen in diesem Kontext gemeint ist, herrscht indes keineswegs Einigkeit und die jeweiligen Vorstellungen werden auch nicht unbedingt wirklich klar herausgearbeitet. Franz schweigt sich weitgehend dar&uuml;ber aus, was er da als das Besondere anerkennt. Gerhard seinerseits pr&auml;sentiert eine recht spezifische Interpretation des Spezifischen, streckenweise aber auch eher implizit denn explizit. Das ist wohl mit der Hauptgrund, warum die Auseinandersetzung etwas Diffuses beh&auml;lt, w&auml;hrend gleichzeitig doch deutlich wird, da&szlig; die Diskutanten mehr als eine Frage unterschiedlicher Akzentsetzungen verhandeln.</p>
<p>Wenn dem Allgemeinen des kapitalistischen Prozesses &#8220;das Besondere&#8221; entgegengestellt wird, dann kann sich diese Kategorie prinzipiell auf zwei Achsen beziehen, Zeit und Raum. Keine Epoche kapitalistischer Entwicklung geht im allgemeinen Begriff des Kapitals einfach auf. Je weiter wir in der Geschichte zur&uuml;ckgehen, desto eklatanter tritt die Inkongruenz von allgemeinem Begriff und historischer Wirklichkeit zu Tage. Genausowenig beherbergt irgendeine der Weltwarengesellschaft angeh&ouml;rige geographische Region ein blo&szlig;es Exemplum der allgemeinen Norm. Als Variationen des warengesellschaftlichen Gesamtzustands sind den Verh&auml;ltnissen in jedem Gebiet stets Momente von Kontingenz eigen.</p>
<p>Beim Blick auf Haider-&Ouml;sterreich geht es indes nicht einfach darum, diesen generellen Zusammenhang von Besonderem und Allgemeinen auf die hiesigen Verh&auml;ltnissen und ihre Historie &#8220;anzuwenden&#8221;. Deutschland und &Ouml;sterreich stehen keineswegs f&uuml;r irgendeine Auspr&auml;gung warengesellschaftlicher Abscheulichkeit hier ist vielmehr mit dem Nationalsozialismus und insbesondere mit der Shoa das der modernen Gesellschaft inh&auml;rente Potential an Irrationalit&auml;t und eliminatorischen Wahn geballt zur Entladung gekommen. Die Frage nach dem Verh&auml;ltnis der &#8220;gro&szlig;deutschen&#8221; zur kapitalistischen Gesamtgeschichte &uuml;bersetzt sich dementsprechend sofort in eine andere: In welcher Beziehung stehen der kapitalistische &#8220;Normalbetrieb&#8221; und das volksgemeinschaftliche Eroberungs- und Vernichtungsprogramm? Steht letzteres im Kontrast zu ersterem oder l&auml;&szlig;t es sich zugleich als dessen Fortsetzung und &Uuml;bergipfelung fassen?</p>
<p>Der Versuch, den Nationalsozialismus im Sinne der Wertkritik zu historisieren ist seiner ganzen Ausrichtung nach radikal-kritisch. Indem aufgezeigt wird, da&szlig; selbst noch die Vernichtung &#8220;unwerten Lebens&#8221; und der Verk&ouml;rperung des Abstrakten in Gestalt des Juden im Namen der konkreten Seite der Wertabstraktion als eine m&ouml;gliche Option der warengesellschaftlichen Logik inh&auml;rent war, gewinnt deren Kritik eine zus&auml;tzliche Tiefendimension. Auch das reflektierte Aufkl&auml;rungsdenken blieb bei seiner Kritik der warengesellschaftliche Rationalit&auml;t stets dem Standpunkt einer wahren, universellen Rationalit&auml;t verhaftet und hat die herrschende Vernunft dementsprechend als durch die Dominanz des betriebswirtschaftlichen Partikularismus gebrochene Rationalit&auml;t verstanden. Der Versuch den Nationalsozialismus aus einer wertkritischen Perspektive analytisch konsequent in Beziehung mit der Durchsetzung der b&uuml;rgerlichen Formprinzipien zu setzen, kommt hingegen zu einen anderen Befund: In dem, was f&uuml;r gew&ouml;hnlich als Einbruch des Irrationalen firmiert, hat nur der Subtext des warengesellschaftlich Rationalen einen ihm durchaus ad&auml;quaten Ausdruck gefunden. Auschwitz steht nicht f&uuml;r einen Amoklauf gegen die Vernunft, sondern war eine besondere Form des Amoklaufs der Vernunft.</p>
<p>In Teilen des antideutschen Spektrums liest man die Delegitimierung der warengesellschaftlichen Rationalit&auml;t gewohnheitsm&auml;&szlig;ig als Relativierung, ja sogar als indirekte Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Die radikale Kritik l&auml;&szlig;t sich allerdings nur dann als Apologetik interpretieren, wenn klammheimlich oder offen ein positiver Rationalit&auml;ts- und Modernisierungsbegriff dort unterstellt wird, wo dieser &#8211; nicht zu letzt vor dem Hintergrund der Shoa &#8211; grunds&auml;tzlich in Frage steht. Das best&auml;ndige Beharren auf dem einmaligen Charakter der nationalsozialistischen Judenvernichtung lenkt im Endeffekt nur vom eigentlichen Konflikt ab. Der Vorzeichenwechsel, radikale Vernunftkritik statt Rettung eines emphatischen Vernunftbegriffs, wird nicht akzeptiert. Hier liegt das Problem. Wer sich darum bem&uuml;ht, die Shoa wert- und damit rationalit&auml;tskritisch zu historisieren, leugnet damit nicht nur nicht deren Sonderstellung. Gerade die besondere Stellung dieses Genozids dr&auml;ngt dazu, ihn mit der allgemeinen Logik der Warengesellschaft ins Verh&auml;ltnis zu setzen. So wenig sich die nationalsozialistischen Gr&auml;uel unmittelbar aus dem Wertgesetz deduzieren lassen, so werfen diese umgekehrt ein Schlaglicht auf das Allgemeine der Wertform.</p>
<p>Die klassische kritische Theorie hat zugleich Elemente einer konsequenten Vernunfts- und Aufkl&auml;rungskritik entwickelt und sich an die Grundlagen des Aufkl&auml;rungsdenkens geklammert. Diese innere Spannung l&ouml;st sich bei den heutigen Adepten zusehends zugunsten eines ungebrochen emphatischen Rationalit&auml;tsbegriffs auf. Ein ziemlich gerader Weg f&uuml;hrt sie von den Einmaligkeits-Mantras &uuml;ber eine Art von Analyseverbot f&uuml;r die Shoa heim ins Reich der seligen Aufkl&auml;rung.</p>
<p>Die klassische kritische Theorie ist selber zu einer Historisierung des Nationalsozialismus gelangt, auch wenn diese auf einer h&ouml;chst fragw&uuml;rdigen Interpretation der Kategorien der Kritik der Politischen &Ouml;konomie beruhte. Adorno und Horkheimer haben die gro&szlig;deutsche Entwicklung als Spielart einer auch in der Sowjetunion und den USA zu beobachtenden &#8220;Aufhebung des Wertgesetzes&#8221; gedeutet und damit in einen &uuml;ber die besondere gro&szlig;deutsche Situation hinausgehenden Kontext gestellt. In den Schriften der <em>ISF</em> und der <em>Bahamas</em> verschwindet dieser Horizont. Die Welt des auf &#8220;seiner eigenen Grundlage aufgehobenen Werts&#8221; schrumpft letztlich auf Gro&szlig;deutschland.</p>
<p>Diese Blickfeldverengung macht sich auch in Gerhards Beitr&auml;gen in gewisser Weise bemerkbar. Die mehrfach bem&uuml;hte Kategorie des Besonderen zielt bei ihm, jedenfalls im wesentlichen, auf ein gro&szlig;deutsches Kontinuum. Inwiefern mu&szlig; man davon ausgehen, da&szlig; angesichts der speziellen Vorgeschichte &Ouml;sterreichs und seines nordwestlichen Nachbarn in diesen beiden L&auml;ndern auch in der heutigen Krisensituation die allgemeine warengesellschaftliche Barbarei eine ausgesprochen eliminationsfreudige Variante annimmt? Nat&uuml;rlich ist diese Fragestellung an sich v&ouml;llig legitim. Es gibt sicherlich einige Argumente, die einen solchen Verdacht n&auml;heren k&ouml;nnen. Von einem rationalit&auml;tskritischen Standpunkt ist aber mindestens genauso wichtig, inwieweit das deutsche Erbe nicht auf seine Weise l&auml;ngst zum westlichen Gemeinbesitz geworden ist. Wenn die &#8220;deutsche Ideologie&#8221; auf ihre Weise von Beginn an mit dem Geist der Aufkl&auml;rung verschr&auml;nkt war, dann kann sie unter bestimmten Umst&auml;nden auch au&szlig;erhalb der deutschen Einflu&szlig;sph&auml;re geschichtsm&auml;chtig werden. Die Totenglocken m&uuml;ssen nicht immer dort l&auml;uten, wo sie einst gegossen wurden. So viel Standorttreue sollte man im Zeitalter der Globalisierung nicht unbedingt als selbstverst&auml;ndlich unterstellen.</p>
<p>Der Horror der Nazidiktatur geh&ouml;rt nicht nur f&uuml;r &Ouml;sterreich und Deutschland zur Vorgeschichte des Wirtschaftwunders. Der globale fordistische Boom fu&szlig;t insgesamt mentalit&auml;tsgeschichtlich, von der Organisation der Produktionsabl&auml;ufe und von der makro&ouml;konomischen Steuerung auf den Errungenschaften der Weltkriegsepoche. Gerade unter den Bedingungen der Krise ist f&uuml;r das herrschende Bewu&szlig;tsein aber nicht nur das Gemeinsame an der Vergangenheit virulent Muster, die urspr&uuml;nglich der besonderen &#8220;deutschen Ideologie&#8221; entstammen, werden verst&auml;rkt verallgemeinerungsf&auml;hig. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die laufende Ethnisierung und Kulturalisierung von Konflikten. Wenn Franz Gerhard entgegenh&auml;lt &#8220;die zuk&uuml;nftigen Kriege verlaufen mehr nach dem Modell Huntington als nach dem Modell Hitler&#8221;, dann f&uuml;hrt diese Gegen&uuml;berstellung in die Irre. Der Name Huntington steht gerade f&uuml;r eine erste Adaption wesentlicher Momente der &#8220;deutschen Ideologie&#8221; durch die westliche F&uuml;hrungsmacht.</p>
<p>Franz fa&szlig;t Inklusion und Exklusion als &#8220;Bewegungsmodus kapitalistischer Zivilisation&#8221;. In dieser Nacktheit k&ouml;nnen diese Termini den Unterschied zwischen der volksgemeinschaftlichen Traditionslinie und der staatsb&uuml;rgerlich universalistischen nat&uuml;rlich nicht fassen. Dennoch taugt dieses Begriffpaar durchaus als Ausgangspunkt, wenn die Spielarten von Exklusion und Inklusion n&auml;her eingekreist werden, und die Bestimmung nicht beim allgemeinsten und leersten Begriff stehenbleibt. Im Westen bedeutete Exklusion im wesentlichen <em>Marginalisierung</em>. Die &#8220;deutsche Ideologie&#8221; hat in ihrem Streben nach volksgemeinschaftlicher Einschmelzung die andere Seite, die exkludierende Bewegung, in <em>Eliminierung</em> transformiert. Mit der Krisenentwicklung erlischt die reale Integrationskraft der Warengesellschaft. Gerade deshalb aber d&uuml;rfte beim Versuch auf ihrem wegbrechenden Boden Integration und Identit&auml;t zu hallunzinieren und sicherzustellen das eliminatorische Moment an Bedeutung gewinnen. Zugespitzt formuliert: Der antideutsche Blickwinkel droht bei allem Alarmismus letztlich zu einer Verharmlosung der Lage zu f&uuml;hren: Deutschland ist &uuml;berall.</p>
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