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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 1997-2</title>
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		<title>Der Kapitalismus und du</title>
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		<pubDate>Thu, 01 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
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		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
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		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 1997-2]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/der-kapitalismus-und-du">Der Kapitalismus und du</a></p>
Fragmente einer Kritik des bürgerlichen Alltags]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/der-kapitalismus-und-du">Der Kapitalismus und du</a></p>
<h3>Fragmente einer Kritik des b&uuml;rgerlichen Alltags</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 2/1997</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-516"></span></p>
<p>Der Alltag hat in den letzten Jahrzehnten zweifellos eine steile Karriere gemacht. Nachdem das Allt&auml;gliche in der Wissenschaft vorher kaum Beachtung gefunden hat, stand das profane Leben pl&ouml;tzlich im Mittelpunkt gelehrter Aufmerksamkeit. Der neue Forschungsgegenstand wurde aber weniger kritisch rezipiert als s&uuml;chtig aufgenommen. Es triumphierte die deskriptive Gier der Anh&auml;ufung. Jeder Furz war w&uuml;rdig der Aufarbeitung. Jede G&#8217;schicht konnte da Geschichte werden. Ganze Sto&szlig;trupps von Historikern und Soziologen fielen &uuml;ber die &quot;Normalsterblichen&quot; her und heuchelten Interesse.</p>
<p>Im Mikrokosmos der Kleinigkeiten erstickte das gesammelte Material die Totalit&auml;t, gingen Erkenntnis oder gar Theorie im Gatsch der Empirie unter. Weniger von Interesse war da schon seine Formbestimmtheit, am allerwenigsten interessierte die Kritik des Alltags. Im folgenden Beitrag geht es darum, von dieser Unart der modischen Stilisierung Abstand zu gewinnen, kurzum den Alltag zum Objekt der Gesellschaftskritik, nicht nur des Allgemeinwissens, zu machen.</p>
<p><strong>1. Allt&auml;gliche Ersch&ouml;pfungen</strong></p>
<p>Der <em>Alltag </em>als der erscheinende Rest der das Wesentliche sinnlich &uuml;berdimensionierenden objektiven Tats&auml;chlichkeiten und subjektiven Vollzugspflichten ist die tr&auml;ge Aufdringlichkeit schlechthin. In seiner penetranten Art des Daseins l&auml;&szlig;t er kein Entfliehen zu. Jedem Entzug folgt die Heimholung. Alltag nennt sich die Pflichterf&uuml;llung der eigenen Existenz. Er zwingt uns zu konstruktivem <em>Verhalten </em>in einem destruktiven Gesamtzusammenhang. Unser Widerstand ist l&auml;cherlich gegen das, was wir durch unser t&auml;gliches Walten und Werken dazu beitragen. So gesehen ist der Begriff des Verhaltens &uuml;berhaupt eine schamlose &Uuml;bertreibung, setzt er doch voraus, da&szlig; dieses aus &Uuml;berlegung und Entscheidung, also in Selbstbestimmung m&ouml;glich ist. Das stimmt nur &auml;u&szlig;erst bedingt, blo&szlig; innerhalb der herrschenden Bez&uuml;glichkeitssysteme, nicht gegen sie.</p>
<p>&quot;Es ist ein Wesenszug der Pragmatik des Alltagsdenkens, da&szlig; die Denkt&auml;tigkeit nichts anderes als die gedankliche Vorbereitung dringlicher allt&auml;glicher Handlungen bzw. die Reflexion bereits erfolgter Handlungen ist&quot;, 1) schreibt Agnes Heller in ihrem Buch &quot;Das Alltagsleben&quot; (1970). Die Frage nach dem <em>Warum </em>bleibt zumeist ungestellt. Wichtig ist nicht das &quot;Wissen, was warum ist&quot;, sondern das &quot;Wissen, wie etwas geht&quot;. Es ist nicht leicht, einen wirklich reflektierten Bezug zu seinem Alltag zu entwickeln. Im t&auml;glichen <em>M&uuml;ssen, </em>der Praktizierung des Daseins ist das &uuml;berhaupt unm&ouml;glich. Im Alltag verh&auml;lt man sich opportunistisch, seine Vernunft ist jene der Gelegenheit. Es geht immer um die unmittelbare Ad&auml;quanz. Das Verh&auml;ltnis ist affirmativ, nicht kritisch. Das Gedachte verl&auml;&szlig;t selten das Niveau der Erfahrung. Die individuelle Erhaltung zeitigt die individuelle Haltung.</p>
<p>Der Alltag ist stets eine unmittelbare Aufforderung, keine mittelbare Herausforderung. Er duldet keinen Widerstand. Mit ihm ist kein Hinauskommen m&ouml;glich, sein Ziel ist nichts anderes als die Reproduktion. Der allt&auml;gliche Gebrauch f&uuml;hrt zu den <em>Gebr&auml;uchen </em>des Alltags. Das Praktizierte erscheint nicht als historisch bestimmt, sondern als krude Daseinsweise. Das ihr <em>Spezifische </em>geht in dieser Allgemeinheit v&ouml;llig unter, kann in seiner Besonderheit gar nicht mehr wahrgenommen werden. Die t&auml;gliche Ersch&ouml;pfung ist wahrlich der Zustand, der uns um den Verstand bringt. Der Mensch, das ist ein Alltagsautomat, der seinen Geschicken als Diener folgt. Nicht umgekehrt!</p>
<p>An nichts ist man so gew&ouml;hnt wie an das Gew&ouml;hnliche. &quot;Das Morgige, dessen das allt&auml;gliche Besorgen gew&auml;rtig bleibt, ist das &#8216;ewig Gestrige&#8217;&quot;, 2) sagt Heidegger. So wie es ist, ist es gewesen, so wird es werden und vor allem: so soll es ja auch bleiben! Alltag meint die Ziellosigkeit des Gew&ouml;hnlichen. Die notwendige, immer wiederkehrende Einl&ouml;sung ein- und derselben Abl&auml;ufe. F&uuml;r das einzelne Individuum ist er die zweite Natur in ihrer puren Form.</p>
<p><strong>2. In den Niederungen der Erfahrung</strong></p>
<p>Die Welt des Alltags ist eine der Erfahrung. Detto dessen Denken. Dieses Denken, das in den Erfahrungen des Alltags h&auml;ngen bleibt, sich in seinen Maschen verf&auml;ngt, nennt man positivistisch. Es zeichnet sich dadurch aus, da&szlig; es sich naiv und unmittelbar zu den kapitalistisch konstituierten Vorgaben und Begriffen verh&auml;lt, sie unkritisch als gegeben hinnimmt. &quot;Dieser Alltagsverstand bewegt sich auf der Oberfl&auml;che der Alltagserfahrung, auf der Ebene des &quot;Tatsachen&quot;scheins, der das Wesen und das Wesentliche verschleiert, f&uuml;r den Alltagsmenschen unkenntlich und unverst&auml;ndlich macht. Sowohl f&uuml;r diese Alltagshaltung wie f&uuml;r deren theoretische Reflexion trifft der &#8212; auf eine nicht zu leugnende, oft subtile Weise &#8212; von den theoretischen Akteuren selbst gew&auml;hlte Begriff des &quot;Positivismus&quot; zu. Der Alltagsmensch, erst recht der in das empiristische R&auml;derwerk eingespannte Arbeiter, ist notwendiger- und gezwungenerma&szlig;en Positivist. Das Durchschauen des Alltagsscheins ist ihm fremd, es w&uuml;rde das Bestehende transzendieren und dem Menschen die F&auml;higkeit rauben, sich anzupassen, mitzumachen, zu funktionieren, wie es ihm die ihm angetane Funktion in einem System der Selbstreproduktion der repressiven Ordnung abverlangt. Ein auf Totalit&auml;tsdenken beruhendes Durchschauen der Verh&auml;ltnisse w&uuml;rde die f&uuml;r das Funktionieren unerl&auml;&szlig;liche Bedingung der Identifikation mit wesentlichen Einrichtungen der bestehenden Ordnung unm&ouml;glich machen. Identifikation in irgendeiner Form ist in jeder Gesellschaft unvermeidlich und notwendig (&#8230;. ). &quot;3)</p>
<p>Erfahrung ist blo&szlig; ein passives Hinnehmen, ein <em>In-Sich-Aufnehmen </em>des Geschehens, ja noch mehr: ein <em>Darin-Aufgehen. </em>Es ist &uuml;brigens kein Zufall, da&szlig; die abgek&uuml;rzte Form des <em>Darin-Aufgehen </em>nur das <em>Draufgehen </em>sein kann. Erfahrung verl&auml;&szlig;t die Form des Passivs niemals als Negation, sondern blo&szlig; als sich st&auml;ndig wiederholende Positionierung des Vorgefundenen. &quot;Die T&auml;tigkeitsformen des Alltagslebens haben die gr&ouml;&szlig;te Affinit&auml;t zur Passivit&auml;t&quot;, 4) schreibt Agnes Heller. Robert Musil fa&szlig;te genau das unter der Formel des &quot;aktiven Passivismus, dessen man unter Umst&auml;nden f&auml;hig sein mu&szlig;! &quot;5)</p>
<p>Es ist ein Kennzeichen der Erfahrung, da&szlig; sie &uuml;ber das Herk&ouml;mmliche nicht hinauskann und hinauswill. Das gilt paradoxerweise sogar dann, wenn die Handlungen schon selbst einen anderen Charakter angenommen haben. Erfahrung ist Beschr&auml;nkung des menschlichen Geistes auf das, was sich ihm t&auml;glich aufzwingt. Ihr Denken ist ein <em>Registrieren </em>und <em>Speichern. </em>Ihr Verarbeiten dient der Pflichterf&uuml;llung. Erfahrung stellt ab auf Realit&auml;t. Doch <em>Realit&auml;t </em>ist immer blo&szlig; der metaphysische Entwurf der Wirklichkeit. Etwas Abgeschnittenes, Losgel&ouml;sten, Getrenntes. Jene soll akzeptiert werden in ihrem kruden Dasein, nicht als bestimmte oder bestimmbare M&ouml;glichkeit, sondern will als eherne Notwendigkeit aufgefa&szlig;t sein.</p>
<p>Erfahrung zeitigt konservatives, weil konservierendes Wissen und Bewu&szlig;tsein. Dieser Konservativismus hat meist einen einfachen Grund: Die Menschen wissen, was ist, sie wissen aber nicht, was kommt. Solange es ert&auml;glich und unausweichlich erscheint, wird Bekanntes Unbekanntem vorgezogen. &quot;Das Bestehende, mag es sein, wie es will, wird bis zu einem gewissen Grad als nat&uuml;rlich empfunden und nicht gern angetastet&quot;, 6) schreibt der gro&szlig;e &ouml;sterreichische Romancier Robert Musil. Oder Friedrich Engels: &quot;Die Tradition ist die gro&szlig;e hemmende Kraft, sie ist die Tr&auml;gheitskraft der Geschichte. &quot;7) Neues kann jedenfalls kaum aus der Erfahrung heraus gedacht werden, die scheinbare Leichtigkeit ihres Zurechtfindens im Alltag schl&auml;gt um in Ignorantentum und Dummheit, begibt sie sich auf fremdes Terrain. Der Alltag ist konterrevolution&auml;r. Er schneidet die M&ouml;glichkeiten der Menschen ab, indem sie in einer neurotischen Wiederholungseifer das Verwirklichte stets zu verwirklichen sucht. Alltag, das ist der Trott, der die menschliche Regression als Potenz birgt.</p>
<p>Die Aufhebung der Erfahrung ist daher eine Bedingung der Emanzipation. Denken ist mehr als Registrieren. Es ist mehr als ein Aufnehmen, es ist ein <em>Erkennen, </em>somit Denken &uuml;ber das Denken, kurzum: <em>Reflektiertes Reflektiertes. </em>Ein Deuten, und das &quot;hei&szlig;t prim&auml;r: an Z&uuml;gen sozialer Gegebenheit der Totalit&auml;t gewahr werden. &quot;8) Man kann mehr erkennen als man erfahren kann. Erkennen ist ohne die aktive Zubereitung, ohne ein Losgehen auf das Objekt unm&ouml;glich. Der Gegenstand wird im Proze&szlig; der Erkenntnis bearbeitet. Das Aufgenommene wird nicht blo&szlig; hingenommen, begreifen meint immer auch hingreifen und eingreifen. Der Mensch ist im Erkennen Handelnder, nicht blo&szlig; Betroffener.</p>
<p><strong>3. Die Erkrankungen des gesunden Menschenverstands</strong></p>
<p>&quot;Dich auf Beistimmung der allgemeinen Menschenvernunft zu berufen, kann dir nicht gestattet werden; denn das ist ein Zeuge, dessen Ansehen nur auf dem &ouml;ffentlichen Ger&uuml;chte beruht&quot;, 9) schrieb Immanuel Kant in seinen &quot;Prolegomena&quot;. Dies sollte auch uns als Leitlinie dienen.</p>
<p>Der <em>gesunde Menschenverstand </em>kann durchaus als eine einzelfallgebundene Gelegenheitsvernunft beschrieben werden, als eine prinzipielle Ausnutzung der Besonderheit einer Situation oder eines Falles. Was n&uuml;tzt&#8217;s? , ist seine Frage. Aber diese wird nicht allgemein gestellt, sondern nur spezifisch, kennt nur einen Ort und eine Zeit: hic et nunc! Wenn also jemand daherkommt und meint, das sage doch der gesunde Menschenverstand, sollten eigentlich die Alarmglocken l&auml;uten.</p>
<p>Dem gesunden Menschenverstand liegt die unzul&auml;ssige Verallgemeinerung der Erfahrung zugrunde. Er baut auf Wahr-Scheinlichkeit und Nachahmung auf, er ist nicht kreativ, sondern reaktiv. Wie die Logik des Kapitals ist auch der gesunde Menschenverstand als ideologischer Modus des Alltags blind. Wenn auch zielsicher blind. Diese Blindheit versteckt sich n&auml;mlich hinter der tats&auml;chlichen und meist beeindruckenden Bew&auml;ltigung des Alltags, woraus dann ja auch gleich voreilig auf seine Gesundheit geschlossen wird. In ihrer anma&szlig;enden wie verr&uuml;ckten Dogmatik unterstellt die Formel, da&szlig; alles von ihm abweichende Denken krankhaft sei. Denken als reflektiertes Reflektiertes wird somit &uuml;berhaupt als ideologisch diskreditiert.</p>
<p>Umgekehrt! Es war die Leistung der abendl&auml;ndischen Aufkl&auml;rung, ihrer positiven Dialektik, die Kritik des gesunden Menschenverstands ins Zentrum ger&uuml;ckt zu haben. Gottfried Wilhelm Leibniz notierte in These 28 seiner &quot;Monadologie&quot;: &quot;Die Menschen handeln wie die unvern&uuml;nftigen Tiere, insoweit die Verkettungen ihrer Rezeptionen lediglich nach dem Prinzip des Ged&auml;chtnisses erfolgen. So &auml;hnlich ist es bei den empirischen &Auml;rzten, die einfach Praxis haben, aber keine Theorie; wir alle sind bei drei Vierteln unserer T&auml;tigkeiten nur Empiriker. &quot;10)</p>
<p>Johann Gottlieb Fichte setzte den gesunden Menschenverstand &uuml;berhaupt mit dem Nichtdenken gleich, ja denunzierte ihn seinerseits als &quot;unheilbare Krankheit&quot;. In seinem Werk &quot;Der geschlo&szlig;ne Handelsstaat&quot; schreibt er: &quot;Der Nichtdenker, der doch gesunde Sinne und Ged&auml;chtnis hat, fa&szlig;t den vor seinen Augen liegenden wirklichen Zustand der Dinge auf, und merkt sich ihn. Er bedarf nichts weiter, da er ja nur in der wirklichen Welt zu leben, und seine Gesch&auml;fte zu treiben hat, und zu einem Nachdenken gleichsam auf Vorrat, und dessen er nicht unmittelbar zur Stelle bed&uuml;rfte, sich gar nicht gereizt f&uuml;hlt. Er geht mit seinen Gedanken &uuml;ber diesen wirklichen Zustand nie hinaus, und erdenkt nie einen andern: aber durch diese Gewohnheit nur diesen zu denken, entsteht ihm allm&auml;hlich, und ohne da&szlig; er sich dessen eigentlich bewu&szlig;t wird, die Voraussetzung, da&szlig; nur dieser sei, und nur dieser sein k&ouml;nne. Die Begriffe und Sitten seines Volkes und seines Zeitalters scheinen ihm die einzig m&ouml;glichen Begriffe und Sitten aller V&ouml;lker und aller Zeitalter. Dieser verwundert sich gewi&szlig; nicht, da&szlig; alles nun gerade so sei, wie es ist, weil es nach ihm gar nicht anders sein kann; er erhebt gewi&szlig; nicht die Frage, wie es so geworden, da es nach ihm ja von Anbeginn so gewesen. N&ouml;tigt sich ihm ja eine Beschreibung anderer V&ouml;lker, und anderer Zeitalter auf, oder wohl gar ein philosophischer Entwurf, wie es nirgends gewesen, aber allenthalben h&auml;tte sein sollen, so tr&auml;gt er immer die Bilder seiner Welt, von denen er sich nicht losrei&szlig;en kann, hinein, sieht alles durch sie hindurch, und fa&szlig;t nie den ganzen Sinn dessen, was ihm vorgetragen wird. Seine unheilbare Krankheit ist die, das Zuf&auml;llige f&uuml;r notwendig zu halten. &quot;11)</p>
<p>F&uuml;r Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist der gesunde Menschenverstand schlichtweg das &quot;bewu&szlig;tlose Urteilen&quot;, 12) &quot;etwas End- und Bodenloses, das nie dazu kommen kann zu sagen, was es meint, weil es nur meint und sein Inhalt nur Gemeintes ist. &quot;13) Die Sicherheit der &quot;sinnlichen Gewi&szlig;heit&quot; ist nicht zuletzt Folge ihrer geistigen Beschr&auml;nktheit. : &quot;Die Kraft ihrer Wahrheit liegt also nun im <em>Ich, </em>in der Unmittelbarkeit meines <em>Sehens, H&ouml;rens </em>usf. , das Verschwinden des einzelnen Jetzt und Hier, das wir meinen, wird dadurch aufgehalten, da&szlig; <em>Ich </em>sie festhalte. &quot;14) Mit Hegel sollte uns weiters klar sein &quot;da&szlig; in der Wissenschaft ganz andere Bestimmungen vorkommen als im gew&ouml;hnlichen Bewu&szlig;tsein und im sogenannten gemeinen Menschenverstand, der nicht gerade der gesunde&quot;15) ist. Auch Adorno konstatierte einen &quot;durch seine Gesundheit erkrankte(n) Menschenverstand&quot;. 16)</p>
<p><strong>4. Die Welt der Ware</strong></p>
<p>Der Kapitalismus, das ist kein &Auml;u&szlig;eres, das sind wir durch unsere gesellschaftlichen Kommunikation. Seine Gesetzlichkeiten sind uns <em>eingeherrscht, </em>nicht von au&szlig;en <em>aufgeherrscht. </em>Unsere Selbstbeherrschung ist nur die subjektive Seite dieser objektiven Verh&auml;ltnisse.</p>
<p>Uns interessieren hier vor allem drei Zwangsbereiche des b&uuml;rgerlichen Alltags, die da sind: <em>Besch&auml;ftigung, Markt, Reproduktion. </em>Es geht um:</p>
<p>Erstens: <em>Geld verdienen, </em>um leben zu k&ouml;nnen, d. h. Wertaneignung durch eigene oder fremde produktive Arbeit;</p>
<p>Zweitens: <em>Austauschen </em>&#8212; Kauf und Verkauf als fetischierte Formen des Wechsels von Gebrauchswerten;</p>
<p>Drittens: Unmittelbare und mittelbare <em>Reproduktion </em>(Essen, Schlafen, Kochen, Rasten, Pflegen, Putzen).</p>
<p>Um diese Anforderungen gibt es kein Herumkommen, au&szlig;er der dritten sind sie nicht blo&szlig; historisch &uuml;berformt, sondern eins und zwei sind geradezu g&auml;nzlich historisch bedingt, Ausdruck bestimmter Produktionsverh&auml;ltnisse, die eben nicht generalisierbar sind, auch wenn das laufend geschieht, so getan wird, als seien Geld und Tausch anthropologische Konstanten der Menschheit, so als w&auml;re das Dasein ohne sie gar nicht mehr vorstellbar, geschweige denn herstellbar. Wenn schon nicht f&uuml;r alle Vergangenheit g&uuml;ltig, so zumindest f&uuml;r alle Zukunft.</p>
<p>Wir leben in einer Welt der Waren. Der Autor dieses Textes sitzt in seiner Warenwelt. Die F&uuml;llfeder, die B&uuml;cher, der Computer, die Regale, der Tisch, das Bett, der Fernseher, der Kuchen. Sie alle sind durch mehrerer Tauschvorg&auml;nge (=Geldgesch&auml;fte) hierhergekommen. Das Gemeinsame dieser Dinge ist ihr Warencharakter, was meint, diese Produkte haben Gebrauchswert und Tauschwert. (Analog gilt das auch f&uuml;r Dienstleistungen). Alles transportiert sich &uuml;ber Wert und Geld. Das Charakteristische ist, da&szlig; uns unsere Lebens&auml;u&szlig;erungen als Waren, eben als kauf- und verkaufbare Gegenst&auml;nde und Leistungen gegen&uuml;bertreten. Alles soll seinen Preis haben. Unser System produziert Waren, zirkuliert Waren, konsumiert Waren.</p>
<p>Der unmittelbare Produzent stellt sie nicht f&uuml;r sich her, ja nicht einmal prim&auml;r f&uuml;r andere, sondern in erster Linie, um an Geld zu kommen. Daher verkauft er seine Arbeitskraft gegen dieses, um sodann den erhaltenen Lohn auf dem Markt, der Zirkulationsebene zu ent&auml;u&szlig;ern, die f&uuml;r ihn notwendigen Lebensmittel zu kaufen, um als Konsument durch deren Verzehr und Vernutzung seine Arbeitskraft zu erhalten, um in der anschlie&szlig;enden Produktion wiederum seine Arbeitskraft verkaufen und verausgaben zu k&ouml;nnen. &quot;Der Lohnarbeiter lebt nur vom Verkauf der Arbeitskraft. Ihre Erhaltung &#8212; seine Selbsterhaltung erfordert t&auml;gliche Konsumtion. Seine Zahlung mu&szlig; also best&auml;ndig in k&uuml;rzeren Terminen wiederholt werden, damit er die zu seiner Selbsterhaltung n&ouml;tigen Eink&auml;ufe &#8212; den Akt A-G-W (Arbeit-Geld-Ware, F. S. ) oder W-G-W (Ware-Geld-Ware, F. S. ) wiederholen kann. &quot;17) Das Ganze nennt sich kapitalistischer Waren- und Geldkreislauf und ist im ersten Abschnitt des Zweiten Bandes des Marxschen &quot;Kapitals&quot; ausf&uuml;hrlich dargelegt. 18)</p>
<p>Im Kapitalismus wird also nicht unmittelbar produziert um zu konsumieren &#8212; wie Adam Smith noch behauptete &#8212; , sondern produziert, um Geld zu erhalten, um kaufen zu k&ouml;nnen, um konsumieren zu k&ouml;nnen, um sich reproduzieren zu k&ouml;nnen, und um wieder von vorne beginnen zu k&ouml;nnen. Usw. , usf. Die Bed&uuml;rfnisse sind nicht unmittelbar ausgerichtet, sondern mittelbar, indirekt. Unmittelbar und direkt ist nur das Interesse an der Inwertsetzung, an der Verwertung. Die materiellen (und immer mehr auch die ideellen) Verwirklichungen m&uuml;ssen durch die Geldmaschine. Der Mensch selbst ist nur Durchlaufreaktor des Geldes. Was er erh&auml;lt, gibt er aus, sei es im Konsumieren, Sparen, Anlegen etc.</p>
<p>Die stofflichen Prozesse werden in der kapitalistischen Warengesellschaft durch das Geld immateriell transzendiert und verdoppelt. Geld ist die allgemeine Ware, in der sich alle besonderen Waren ausdr&uuml;cken. Im Geld erlischt der Unterschied aller Gebrauchswerte. Der Wert ist der Fetisch des Stoffes. Im Gegensatz etwa zu Gott, den man heute als &uuml;berholte Fetischform erkennen kann oder auch nicht, ist dies beim Geld defacto nicht der Fall. Gl&auml;ubige wie Ungl&auml;ubige m&uuml;ssen nach seinem Gesetz handeln, ihm somit gehorchen, weil sie Unterworfene sind.</p>
<p>Fetischismus meint, da&szlig; die Menschen sich nicht direkt anerkennen, sondern eines Konstrukts bed&uuml;rfen, um sinnvoll miteinander in Beziehung treten zu k&ouml;nnen. Die Akzeptanz der Menschen untereinander erfolgt so durch die ihnen objektiv aufoktroyierten und subjektiv realisierten Formen wie eben Geld, Vertrag, Politik, Staat, Recht etc. Das <em>Du </em>ist somit kein direktes Du, sondern eine gesellschaftliche Position: K&auml;ufer, Verk&auml;ufer, Vertragspartner, Arbeiter, Unternehmer etc. Dem Mantelverk&auml;ufer trete ich nicht als Mantelbed&uuml;rfer gegen&uuml;ber, sondern ausschlie&szlig;lich als Mantelk&auml;ufer. Ob ich einen ben&ouml;tige oder nicht, ist in diesem Tauschakt v&ouml;llig egal, ebenso ob ich keinen oder schon zweiundzwanzig besitze. Ausschlaggebend ist, ob ich ihn bezahlen kann.</p>
<p>Idealtypisch ist der Tausch stets sachbezogen und unpers&ouml;nlich. Aber nicht nur Verk&auml;ufer und K&auml;ufer interessieren nicht, auch der Gebrauchswert fungiert lediglich als Tr&auml;ger des Tauschwerts. Objektive Funktion und subjektive Intention sind im Tauschgesch&auml;ft nicht eins. Vornehmlich geht es um die Realisierung des Werts. Die Menschen treten sich als Charaktermasken ihrer Produkte und Leistungen, ihrer Dinge und Geschicklichkeiten gegen&uuml;ber, auch direktere Bez&uuml;glichkeiten (etwa Liebes- und Freundschaftsverh&auml;ltnisse, die zwar laufend gegen den Markt repellieren, ohne wirklich autonom sein zu k&ouml;nnen)19) bleiben von der Warenlogik nicht unber&uuml;hrt.</p>
<p><strong>5. Vom Geld haben m&uuml;ssen</strong></p>
<p>Was brauche ich? oder Was will ich? kann nicht Grundlage sein, sondern: Was kann ich mir leisten? Eine Grundfrage des b&uuml;rgerlichen Individuums lautet: <em>Wie komme ich zu Geld? </em>Jeder von uns stellt sich zwangsweise die Frage, wo es denn etwas zu holen gibt. Andauernd geht es darum, Geld aufzustellen. Da mag einer grob, ein anderer vorsichtig, der dritte gemein, der vierte fahrl&auml;ssig, der f&uuml;nfte absolut gesetzestreu sein. Das Ziel ist vorgegeben und es ist f&uuml;r alle gleich.</p>
<p>Eines kann sich das Mitglied des kapitalistischen Systems nicht aussuchen: ob es Geld haben will oder nicht. Es will es haben m&uuml;ssen. F&uuml;r eine Entscheidung ist hier kein Platz. Geld ist quasi-nat&uuml;rlich geworden, es ist eine unhinterfragte Existenzbedingung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft. In diesem Punkt k&ouml;nnen daher die Menschen &#8212; unabh&auml;ngig von allen demokratischen Freiheiten &#8212; nicht frei sein. Es gibt keine Freiheit vom Geld, vom Tauschwert, vom Wert, von abstrakter Arbeit. An dieser Kette h&auml;ngt das b&uuml;rgerliche Individuum, ohne sie eigentlich wahrzunehmen. Sie ist ihm Fleisch und Blut geworden, Bestandteil seiner Identit&auml;t.</p>
<p>Der Mensch ist im Kapitalismus der personifizierte Tr&auml;ger der Waren, egal ob er sie verkauft oder ob er sich selbst verkauft. Aus diesem &uuml;berm&auml;chtigen gesellschaftlichen Gesetz gibt es kein Entfliehen. &quot;Die Abstraktheit des Tauschwertes ist a priori mit der Herrschaft des Allgemeinen &uuml;ber das Besondere, der Gesellschaft &uuml;ber ihre Zwangsmitglieder verb&uuml;ndet. (&#8230;. ) Durch die Reduktion der Menschen auf Agenten und Tr&auml;ger des Warentauschs hindurch realisiert sich die Herrschaft von Menschen &uuml;ber Menschen. Der totale Zusammenhang hat die konkrete Gestalt, da&szlig; alle dem abstrakten Tauschgesetz sich unterwerfen m&uuml;ssen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen, gleichg&uuml;ltig, ob sie subjektiv von einem &quot;Profitmotiv&quot; geleitet werden oder nicht. &quot;20)</p>
<p>Cuius regio, eius religio. Der Glaube an das Geld hat totalen Charakter. Zumindest dort, wo es sich nachdr&uuml;cklich festsetzen konnte. Der Kapitalismus desavouiert schon das einfachste &quot;Menschenrecht&quot;, indem er die menschenw&uuml;rdige Existenz in materieller Hinsicht an Geld koppelt. Man denke etwa an die &ouml;ffentliche Drangsalierung jener, die aus dem Verwertungsproze&szlig; rausgefallen sind. Geld ist das soziale Apriori. Dort, wo das Fortkommen auf das Einkommen angewiesen ist, sollte man von Menschenw&uuml;rde nur bedingt zu sprechen. Sie verbleibt, wie schon das Wort sagt, im Konjunktiv. Menschenw&uuml;rde ist nur eine fragile b&uuml;rgerliche M&ouml;glichkeit, nicht mehr. Notwendig ist also gerade die Aufhebung von Menschenrecht und Menschenw&uuml;rde durch das Menschsein.</p>
<p><strong>6. Auf dem Markt</strong></p>
<p>Eines der hartn&auml;ckigsten Ger&uuml;chte ist dieses: Der Tausch ist eine eherne Konstante aller menschlichen Gesellschaften. Bereits Aristoteles bezeichnete &quot;Verkauf und Kauf, Zinsdarlehen und B&uuml;rgschaft, Leihe, Hinterlegung und Miete&quot; als freiwillige vertragliche Beziehungen, &quot;weil der Ursprung dieser wechselseitigen Beziehungen in unserer freien Entscheidung liegt. &quot;21) Die Ontologisierung des Tauschs ist f&uuml;r Aristoteles eine Selbstverst&auml;ndlichkeit: &quot;Daher mu&szlig; f&uuml;r alle Tauschg&uuml;ter ein bestimmter Preis festgesetzt sein. Denn so wird es immer Austausch geben und durch ihn Gemeinschaft. Geld ist also jenes Ding, das als Wertmesser Me&szlig;barkeit durch ein gemeinsames Ma&szlig; und somit Gleichheit schafft. Denn ohne Austausch g&auml;be es keine Gemeinschaft, ohne Gleichheit keinen Austausch und ohne Me&szlig;barkeit keine Gleichheit. &quot;22)</p>
<p>Bei schlichteren Geistern wie Milton Friedman liest sich das Einmaleins der Marktwirtschaft allen Ernstes wie folgt: &quot;So ist der Verbraucher vor einem Druck durch den Verk&auml;ufer dadurch gesichert, da&szlig; es andere Verk&auml;ufer gibt, bei denen er kaufen kann. Ebenso ist der Verk&auml;ufer dadurch vor einem Zwang durch den Konsumenten gesch&uuml;tzt, da&szlig; er mit anderen Konsumenten abschlie&szlig;en kann. Der Angestellte ist vor N&ouml;tigung seitens seines Arbeitgebers dadurch gesch&uuml;tzt, da&szlig; er f&uuml;r andere Arbeitgeber arbeiten kann, und so weiter. All das wird auf dem Markt ohne eine zentrale Instanz erreicht. &quot;23) Jeder oberfl&auml;chliche Blick auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt m&uuml;&szlig;te diese euphorische Sichtweise eigentlich entlarven. Gerade heute.</p>
<p>Von der stofflichen oder materiellen Seite her betrachtet, verdeutlicht die Marktwirtschaft nichts anderes als die Trennung der Menschen von ihren Produktions- und Konsumtionsmitteln. Gesellschaftliche Erzeugnisse, ob H&auml;user oder Paradeiser, Stemmeisen oder Gummistiefel, werden nicht gesellschaftlich verf&uuml;gt und direkt angeeignet, sondern durchlaufen die Metamorphosen des Kapitals bis sie konsumiert werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Tausch meint, da&szlig; Produkte und Leistungen sich in der gesllschaftlichen Kommunikation nur als ein sich wechselseitig Bedingendes erf&uuml;llen k&ouml;nnen. Nehmen bedingt Geben bedingt Nehmen etc.. Unter dem Dogma des Tauschwerts k&ouml;nnen sie nur als zwei &auml;quivalente Seiten derselben Medaille bestehen. Produktenabgabe wie Produktenentnahme sind keine einfachen Akte, sondern gestalten sich im Zwangsverh&auml;ltnis des Gesch&auml;fts. Das gilt auch analog f&uuml;r Dienstleistungen. Nur das Konkretum kann freiwillig sein, nicht die Form in der es sich vollzieht, nicht die Positionierung, von der aus es get&auml;tigt wird. Das Gesch&auml;ft ist das Sakrament b&uuml;rgerlichen Kommunikation. Seine Rechtsform ist der Vertrag. Dieser verdeutlicht wiederum nichts anderes als das konstitutive Mi&szlig;trauen der Menschen gegeneinander. Das objektive Defizit an allgemeiner Verl&auml;&szlig;lichkeit manifestiert sich darin. Dies alles und mehr zu hinterfragen, wird in der normierten &Ouml;ffentlichkeit freilich als v&ouml;lliges Hirngespinst wahrgenommen. Solch Denken ist Halluzination.</p>
<p>Der <em>Tausch </em>als Imperativ des Kaufens und Verkaufens zwingt nat&uuml;rlich auch zur Konkurrenz, zum Kampf &quot;Jeder gegen jeden&quot;, sei es am Obst- oder am Arbeitsmarkt. Es geht darum, (sich) teuer zu verkaufen und billig einzukaufen. Unter dem Druck dieser objektiven Vorgabe, die auf ihrer subjektiven Seite die Aussch&ouml;pfung aktueller Lebensstandards bedeutet, entsteht ein Klima der allgemeinen K&auml;lte, ein Klima, das permanent Vertrauen und Solidarit&auml;t untergr&auml;bt, diese zu Sonntagsbekenntnissen degradiert. (Bald werden sie auch f&uuml;r den Sonntag nicht mehr gelten. ) Permanent denkt das b&uuml;rgerliche Individuum an das &Uuml;bervorteilen, auch ohne das eigentlich zu wollen. Das Konkurrenzprinzip ist auf Ausschlie&szlig;ung, Zur&uuml;ckdr&auml;ngung und Vernichtung des Gegen&uuml;ber programmiert. &quot;Die Tatsache, da&szlig; &quot;der Kampf f&uuml;r sich selbst&quot; zugleich &quot;ein Kampf gegen andere&quot; ist, durchdringt den gesamten Alltag. &quot;24) <em>Homo homini lupus. </em></p>
<p>&quot;Im Kampf ums Leben gibt es keine denkerischen Sentimentalit&auml;ten, sondern nur den Wunsch, den Gegner auf dem k&uuml;rzesten und tats&auml;chlichsten Wege umzubringen, da ist jedermann Positivist; und ebenso wenig w&auml;re es im Gesch&auml;ft eine Tugend, sich etwas vormachen zu lassen, statt aufs Feste zu gehen, wobei der Gewinn letzten Endes eine psychologische und den Umst&auml;nden entspringende &Uuml;berw&auml;ltigung des anderen bedeutet. &quot; 25) Im Gesch&auml;ft liegt die konzentrierte Gewalt der Verh&auml;ltnisse. Der hellsichtige Musil l&auml;&szlig;t zurecht fragen: &quot;Aber ist das Geld nicht eine ebenso sichere Methode der Behandlung menschlicher Beziehungen wie die Gewalt und erlaubt uns, auf ihre naive Anwendung zu verzichten? Es ist vergeistigte Gewalt, eine geschmeidige, hochentwickelte und sch&ouml;pferische Spezialform der Gewalt. Beruht nicht das Gesch&auml;ft auf List und Zwang, auf &Uuml;bervorteilung und Ausn&uuml;tzung, nur sind diese zivilisiert, ganz in das Innere des Menschen verlegt, ja geradezu in das Aussehen seiner Freiheit gekleidet? &quot;26) Wir haben Freiheiten uns in der Form des Gesch&auml;ftes zu bewegen, wir haben aber auf der Ebene des gesellschaftlichen Stoffwechsels wenig Freiheit gegen die Form des Gesch&auml;fts.</p>
<p>Lohnkampf und Preiskampf sind obligat, immer pr&auml;sent, machen die Menschen zu Klassenfeinden und Tauschgegnern. Das b&uuml;rgerliche Selbstbewu&szlig;tsein (inklusive des einst beschworenen proletarischen Klassenbewu&szlig;tseins! ) kann vor diesem Hintergrund nichts anderes sein als die immanente Selbstbehauptung in Zwangsverh&auml;ltnissen. Stets geht es ums <em>Durchsetzen. </em>Das b&uuml;rgerliche Individuum steht unter dem Zwang, sich in Wert zu setzen, (sich) zu verkaufen, um kaufen zu k&ouml;nnen. Das bedingt nat&uuml;rlich auch unz&auml;hlige und aufdringliche Abarten der charakterlichen Maskierung, sei es Bluff oder Fassade, Mode oder Werbung. <em>Anbieten, Anpreisen, Anmachen </em>sind b&uuml;rgerliche Formen der Selbstverstellung. Stets geht es um T&auml;uschung im Sinne des Tauschs.</p>
<p>Die Manipulation durch die Massenmedien darf daher gerade vor diesem Hintergrund nicht &uuml;bersch&auml;tzt werden, das sind Realisierungsmaschinen, nicht Schaffungsinstanzen der verkehrten Welt im Kopf. Die Kulturindustrie ist Folge, nicht Ursache. F&uuml;r diese Art von Beeinflussung m&uuml;ssen die Menschen schon konstituiert und dimensioniert sein. Die Durchschnittsmenschen bewegen sich in diesem Kontinuum, sie brauchen nicht verleitet zu werden. Sie stehen auf der Leitung. Und nicht nur <em>auf dieser, </em>sondern auch <em>auf diese. </em>Und zur Zeit verkabeln sie sich immer mehr.</p>
<p><strong>7. Freizeit oder befreite Zeit</strong></p>
<p><em>Freizeit </em>hat sich als Begriff analog zu dem der (geregelten) Arbeitszeit entwickelt. Ohne diese ist jene gar nicht zu denken. Freizeit ist demnach die <em>Nichtarbeitszeit. </em>Sie steht aber nicht au&szlig;erhalb der b&uuml;rgerlichen Kommunikationsformen, sondern ist ihr immanent: jede Freizeit soll produziert, zirkuliert und konsumiert werden als ein Konglomerat von Waren und Dienstleistungen; jene ist das Gebiet der Unterhaltungsindustrie, auch wenn die Kolonisierten aufmucken und sich gelegentlich wehren, ja gerade Momente au&szlig;erhalb der Verdinglichung besonders genie&szlig;en. Doch das gelingt selten. Da die Bed&uuml;rfnisse gesellschaftlich konstituiert sind und transformiert werden, sind Begriffe wie <em>Freizeit </em>oder <em>Freiraum </em>&uuml;berhaupt prek&auml;r, nicht mehr als zaghafte Ann&auml;herungen an etwas, das es nur in Spurenelementen gibt. Freizeit ist somit blo&szlig; ein Vorgeschmack von befreiter Zeit. Unter <em>befreiter Zeit </em>kann nur eine wirklich konsequenzlos disponible Zeit verstanden werden, in der die M&ouml;glichkeiten sich zu entscheiden, wirksam gegeben sind.</p>
<p>Einkaufen ist keine freie Zeit, Putzen ebensowenig. Essen ist dort, wo es prim&auml;r dem stofflichen Fortkommen dient, keine freie Zeit, dort, wo es sich genie&szlig;erisch veranstaltet, sehr wohl. Was freilich nicht immer s&auml;uberlich zu trennen ist. Der eingeworfenen Hamburger, das aufgew&auml;rmte Gulasch erscheint als notwendige Bel&auml;stigung, das Aufkochen, am Sonntag f&uuml;r Freunde und Bekannte hingegen als eine hohe Form gemeinsamer Lust. Aber selbst die gleiche Speise kann unter ge&auml;nderten Umst&auml;nden ganz anders auf uns zukommen. Die Frage der gesellschaftlichen Bestimmung des Essens ist nicht durch die Beschaffenheit desselben gel&ouml;st, auch wenn die Qualit&auml;t der Mahlzeit oft ausschlaggebend f&uuml;r unser Wohlbefinden sein kann.</p>
<p>Prinzipiell ist es nat&uuml;rlich sinnvoll, Traktoren und Schuhe, Kopierer und Mischmaschinen in k&uuml;rzerer T&auml;tigkeitsdauer, mit weniger Verschlei&szlig; an Muskel, Nerv und Hirn herzustellen. Schonung der menschlichen und nat&uuml;rlichen Ressourcen ist eine Leitlinie der Emanzipation. Blo&szlig; das kann &uuml;berhaupt befreite Zeiten und R&auml;ume f&uuml;r alle Menschen, nicht nur f&uuml;r bestimmte Privilegierte, hervorbringen. Es gilt zu Gegebenheiten vorzudringen, die eben nicht von Reproduktion und Produktion, Markt und B&uuml;ro, kurzum vom Alltag diktiert werden.</p>
<p>Ein Ziel ist die Abnahme der gesellschaftlich gebundenen Zeit. Doch bisher erwuchsen aus der &Uuml;berwindung nat&uuml;rlicher Beschr&auml;nkungen nur kulturelle hintennach. Diese Gesetzlichkeit zu brechen ist eine zentrale Aufgabe. Emanzipation hei&szlig;t Kampf gegen den existentiellen Kampf und schlie&szlig;lich dessen &Uuml;berwindung, zumindest was die materielle Seite anbetrifft. Es geht um den Schritt vom <em>&Uuml;berleben zum Leben. </em>Um nichts weniger als um den Austritt aus der menschlichen Vorgeschichte: &quot;Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und &auml;u&szlig;ere Zweckm&auml;&szlig;igkeit bestimmt ist, aufh&ouml;rt; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sph&auml;re der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen mu&szlig;, um seine Bed&uuml;rfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so mu&szlig; es der Zivilisierte, und er mu&szlig; es in allen Gesellschaftsformen und unter allen m&ouml;glichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich das Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bed&uuml;rfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkr&auml;fte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, da&szlig; der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur w&uuml;rdigsten und ad&auml;quatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufbl&uuml;hn kann. &quot;27)</p>
<p><strong>8. Aus dem Alltag ausbrechen</strong></p>
<p>Man geh&ouml;rt zu dieser Welt, ob man will oder nicht. Gerade die Anerkennung dieser <em>Geh&ouml;rigkeit </em>ist freilich Voraussetzung ihr <em>nicht h&ouml;rig </em>zu sein. Der Ansatz der Befreiung liegt, so paradox es scheint, darin, das b&uuml;rgerliche Gerede vom freien selbstbestimmten Subjekt zu boykottieren und zu destruieren, nicht es als ideologisches Apriori vor sich herzutragen, egal ob sich das jetzt &quot;freier Mensch&quot; oder &quot;m&uuml;ndiger B&uuml;rger&quot; benennt. Erst wenn man keine falschen Illusionen mehr hegt, ist es m&ouml;glich, von dieser gesellschaftlichen Bestimmung ideell zu abstrahieren. Die Voraussetzung h&ouml;herer Erkenntnis ist die <em>Bewu&szlig;twerdung </em>der <em>Bewu&szlig;tlosigkeit, </em>was mitnichten deren sofortige Negation oder gar Aufhebung bedeutet. Notwendig ist vielmehr die bewu&szlig;te Anwendung der Bewu&szlig;tlosigkeit, was den Widerspruch schon in der Aussage miteinschlie&szlig;t. Doch genau darum geht es, um dessen Schaffung.</p>
<p>&quot;Aus dem Alltag ausbrechen&quot; ist zu einem gefl&uuml;gelten Wort geworden. Jawohl, der Alltag ist ein Gef&auml;ngnis. Nicht blo&szlig; <em>eines, </em>sondern <em>das. </em>Leben wird &#8212; und das ist nicht von der Hand zu weisen &#8212; als dem Alltag gegens&auml;tzlich empfunden. Dem ist so. Alltag, das ist die graue Existenz der Monaden, der Leibnizschen fensterlosen Wesen, die gleich Ameisen ihren Stoffwechsel erledigen, auch wenn dieser weitgehend sozial bestimmt und nicht nat&uuml;rlich beschaffen ist. &quot;Ich habe kein Leben, ich habe ein Programm&quot;, sagte unl&auml;ngst erst das medizinisch-technische Notfallprogramm der &quot;Voyager&quot;.</p>
<p>Eine wirkliche Revolution, d. h. eine, wo nicht nachher die alte Schei&szlig;e in dieser oder jener Form wieder hochkommt, ist nur m&ouml;glich, wenn sie sich als eine Umw&auml;lzung gestalten l&auml;&szlig;t, die den Alltag auch wirklich aushebelt. Denn genau das steht an: Nicht ein anderer Alltag, sondern die <em>Aufhebung des Alltags. </em>
<ul> <em></p>
<p>1)&#9;Agnes Heller, Das Alltagsleben. Versuch einer Erkl&auml;rung der individuellen Reproduktion (1970), Frankfurt am Main 1978, S. 259</p>
<p>2)&#9;Martin Heidegger, Sein und Zeit (1927), T&uuml;bingen, 16. Aufl. 1986, S. 371</p>
<p>3)&#9;Leo Kofler, Zur Kritik der &quot;Alternativen&quot;, Hamburg 1983, S. 41</p>
<p>4)&#9;Agnes Heller, Das Alltagsleben, S. 89</p>
<p>5)&#9;Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften I. (1930), Reinbek bei Hamburg 1987, S. 368</p>
<p>6)&#9;Ebenda, S. 305</p>
<p>7)&#9;Friedrich Engels, Einleitung zur englischen Ausgabe &quot;Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&quot; (1892), MEW, Bd. 19, S. 543</p>
<p>8)&#9;Theodor W. Adorno, Einleitung in: ders. u. a. , Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt und Neuwied, 9. Aufl. 1979, S. 42</p>
<p>9) &#9;mmanuel Kant, Prolegomena zu einer jeden k&uuml;nftigen Metaphysik die als Wissenschaft wird auftreten k&ouml;nnen (1783), Werkausgabe Band V, Frankfurt am Main 1988, S. 137</p>
<p>10)&#9;Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie (1714), Stuttgart 1979, S. 19</p>
<p>11)&#9;Johann Gottlieb Fichte, Der geschlo&szlig;ne Handelsstaat, Ein philosophischer Entwurf als Anhang zur Rechtslehre, und Probe einer k&uuml;nftig zu liefernden Politik mit einem bisher unbekannten Manuskript Fichtes &quot;Ueber StaatsWirthschaft&quot; (1800), Hamburg 1979, S. 62-63</p>
<p>12)&#9;Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ph&auml;nomenologie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 19)86, S. 241</p>
<p>13)&#9;Ebenda, S. 242</p>
<p>14)&#9;Ebenda, S. 86</p>
<p>15)&#9;Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik I. (1812/1831), Werke 5, Frankfurt am Main 1986, S. 85</p>
<p>16)&#9;Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Frankfurt am Main, 7. Aufl. 1992, S. 295.</p>
<p>17)&#9;Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen &Ouml;konomie. Zweiter Band: Der Zirkulationsproze&szlig; des Kapitals (1885), MEW, Bd. 24, S. 40-41</p>
<p>18)&#9;Ebenda, S. 31-153</p>
<p>19)&#9;Vgl. dazu ansatzweise: Franz Schandl, Versuchungen. Skizzen &uuml;ber die Liebe und das V&ouml;geln, Weg und Ziel Nr. 2/96, S. 20-27</p>
<p>20)&#9;Theodor W. Adorno, Einleitung in: ders u. a. , Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt und Neuwied, 9. Aufl. 1979, S. 21</p>
<p>21)&#9;Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch V, Stuttgart 1969, S. 126 [1131a 1-21]</p>
<p>22)&#9;Ebenda, S. 135. [1133b 14 -1134a 2]</p>
<p>23)&#9;Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit (1962), M&uuml;nchen 1976, S. 36</p>
<p>24)&#9;Agnes Heller, Das Alltagsleben, S. 35</p>
<p>25)&#9;Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, S. 303</p>
<p>26)&#9;Ebenda, S. 508</p>
<p>27)&#9;Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen &Ouml;konomie. Dritter Band (1894), MEW, Bd. 25, S. 828</p>
<p></em></ul>
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		<title>Populistische Televisionen</title>
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		<pubDate>Thu, 01 May 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
		<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Populismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 1997-2]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/populistische-televisonen">Populistische Televisionen</a></p>
Notizen zur kulturindustriellen Auflösung der Politik]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/1997/populistische-televisonen">Populistische Televisionen</a></p>
<h3>Notizen zur kulturindustriellen Aufl&ouml;sung der Politik</h3>
<p>Streifzüge 2/1997</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-517"></span></p>
<p><em>Politik reduziert sich immer mehr auf die Inszenierung medialer Auftritte: Diskussionsrunden, Konfrontationen, Talk-Shows sind in. Besonders vor den Wahlen. Besonders im Fernsehen. Grund genug also, zwischen den Wahlg&auml;ngen nachzufragen, was da abl&auml;uft. </em></p>
<p>Die aufgef&uuml;hrten Debatten selbst bringen meist wenig Interessantes oder gar Neues. Aufgeschrieben w&uuml;rden sie leicht als ein schwadronierendes Aufsagen von wechselnden Beliebigkeiten und obligaten Beliebtheiten zu erkennen sein. W&uuml;rde man Namen oder Texte vertauschen, es d&uuml;rfte kaum auffallen. Dort, wo das Ausgesagte so &auml;hnlich geworden ist, da&szlig; man schon fast einen kollektiven Einsager vermuten k&ouml;nnte, m&uuml;ssen gef&auml;llige &Auml;u&szlig;erlichkeiten in ihrer Dimensionierung wachsen.</p>
<p>An politischen Duellen interessiert prim&auml;r das Duell, nicht die Politik. Politik wird zum Spektakel, zum television&auml;ren Realkabarett. Es ist, im wahrsten sinne des Wortes, ein Schauspiel. Auseinandersetzung wird in hohem Ausma&szlig; irrationalisiert. <em>Begeisterung</em> ist identisch mit <em>Entgeistigung</em>. <em>Wer gibt&#8217;s wem? Welcher Schlag ist ein Treffer? </em> Kein Tiefschlag ist verboten, vorausgesetzt, er sitzt. Es ist ein Spiel ohne Spielregeln. Alles ist erlaubt: &#8220;Fair is foul, and foul is fair.&#8221; (Shakespeare) Der Gegner mu&szlig; abmontiert, nein: richtiggehend demontiert werden. Die Brutalit&auml;t der Worte ers&auml;uft die &Auml;hnlichkeit der Vorhaben und Anliegen. Sie simuliert Differenz durch Grobheit.</p>
<p>Inhaltliche Unterschiede sind nicht substantiell, Ideologie erscheint blo&szlig; als aufgesetztes Surrogat zur Befriedigung der eigenen Klientel. Man denke nur an das j&uuml;ngste Beispiel, wo italienischer Links- und Rechtsblock sich gegenseitig vorwarfen, das Wahlprogramm des Kontrahenten gestohlen zu haben. Derweil, sie br&auml;uchten sich das Gleiche nicht zu stehlen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis (nach den Wahlkonzepten) auch die Wahlprogramme bei Werbefirmen bestellt und gekauft werden k&ouml;nnen. Es geht da nicht (mehr) um Verst&auml;ndigung und Selbstverst&auml;ndigung, sondern nur noch um eine unmittelbar zu erreichende gesellschaftliche Verst&auml;ndlichkeit.</p>
<p>Politik folgt in ihren Aussagen den subjektiven W&uuml;nschen in Form von <em>Versprechungen</em>, in ihren Handlungen hingegen den objektiven Zw&auml;ngen in Form von <em>Entsprechungen</em>. Diese Diskrepanz wird aber nicht ihrem inhaltlichen Gehalt nach wahrgenommen und zum Gegenstand der Debatte gemacht, sondern die Objektivit&auml;t des Bruchs wird in der Tagespolitik als subjektiver Verrat &uuml;bersetzt. Das Problem der Differenz zwischen <em>politischem Rezept</em> und <em>gesellschaftlicher Rezeption</em> ist, da&szlig; jenes gesellschaftlichen Notwendigkeiten entspringt und entspricht, als deren Entwicklungsgehilfe es sich der Unbill der gesellschaftlichen Rezipienten unweigerlich aussetzt, die eben diese Differenz sich blo&szlig; oberfl&auml;chlich als Widerspruch innerhalb der Politik versinnlichen, nicht aber als einen zwischen Gesellschaft und Rezeption begreifen. Nicht die Analyse des Gesellschaftlichen besch&auml;ftigt daher die Politik, sondern die Analyse der gesellschaftlichen Rezeption. Nicht <em>Was ist? </em> oder <em>Was tun? </em>, sondern <em>Wie kommt was r&uuml;ber? </em></p>
<p>Die Ringk&auml;mpfe begeistern: J&ouml;&ouml;, so a Theater. Selbst ein kritischer Kopf wie Werner Vogt hatte an Madeleine Petrovic am meisten auszusetzen, da&szlig; sie ihn um das Vergn&uuml;gen der medialen Konfrontation Haider gegen Pilz gebracht hat. Das Duell Rechts- gegen Linkspopulist ist es, das hier eingefordert wird. Nicht, was Haider ist, wird hier mehr gefragt, sondern wie er auf der Schaub&uuml;hne am besten hinzurichten ist. Solche Betrachtung hat Haider mehr internalisiert als ihr recht ist. Solche Begegnung mit ihm ist in keiner Weise eine augekl&auml;rte oder gar emanzipatorische, sondern erg&ouml;tzt sich daran, da&szlig; da noch einer ist, der das schnelle Wort so leer daherzureden versteht, n&auml;mlich ein <em>unserer. </em> Im Saloon rauchen die Colts. Gib&#8217;s ihm, schreien die Fans.</p>
<p>Die Duelle werden nicht angeschaut, um zu sehen, was die Politiker zu sagen haben, sondern, ob sie zu reden verstehen, wie sie gestikulieren und sich artikulieren, Taferl aufstellen und Spr&uuml;che klopfen, Schl&auml;ge austeilen und &Uuml;bergriffe parieren, Mascherl tragen oder Lederjacke. Zwischen <em>Seitenblicken</em> und <em>Politikererblicken</em> ist der Unterschied nicht substantiell. Ja, er verliert sich sogar zusehends in seinen existentiellen Erscheinungen.</p>
<p>Existentielles und television&auml;res Erscheinen sind synchronisiert. Daher ist es auch verst&auml;ndlich, da&szlig; sie in den Parteisekretariaten die Stoppuhren z&uuml;cken, um ja peinlich genau die Kontingente an Sekunden zu &uuml;berwachen. Deren Job besteht darin, das jeweilige Quantum einzufordern und gegebenenfalls zu steigern. Das politische Gesch&auml;ft analogisiert sich der Warenwirtschaft. Es ist ohne deren Kriterien nicht mehr erkl&auml;rbar. Was dar&uuml;ber hinausgeht, ist gr&ouml;&szlig;tenteils Simulationstheater. Und doch, was in den Sekretariaten geschieht, ist nicht kleinlich, es ist notwendig, weil ad&auml;quat. Banale Kritiken, die idealistisch alte Zust&auml;nde einfordern, greifen zu kurz.</p>
<p>Gefragt werden mu&szlig; freilich auch nach der psychischen Dimension, die dieses Schlachten und Befetzen &uuml;berhaupt erst ankommen l&auml;&szlig;t. Berufliche wie reproduktive Anstrengungen erfordern meist soviel Zeit und Aufwand, da&szlig; au&szlig;ertourlich keine Anstrengungen mehr unternommen werden k&ouml;nnen. Konsum fri&szlig;t Geist. Die Kulturindustrie hat sich der Politik bem&auml;chtigt.</p>
<p>Die Leichtigkeit der Konsumtion ist die Kehrseite der Schwierigkeit des Alltags. Nach dieser Leichtigkeit gieren die so dimensionierten medialen Konsumenten. Es ist daher &uuml;bertrieben und irref&uuml;hrend, wenn Peter Rabl schreibt: &#8220;Die live &uuml;bertragene direkte und wenig gesteuerte (sic! , F. S. ) Politiker-Diskussion bietet dem W&auml;hler ungefilterte (sic! , F. S. ) Information und Entscheidungshilfe, die wir in den Printmedien nicht liefern k&ouml;nnen.&#8221; (Kurier, 26. November 1995) Es ist vielmehr eine Show, der Filter und Steuerung durch objektive Standardisierung geradezu immanent sind.</p>
<p>Bei Strafe des Untergangs hat man sich dem anzupassen. Aufpassen mu&szlig; man freilich nur, da&szlig; man nicht zuviel des Guten tut, blo&szlig; noch als Abziehbild erscheint. So geschehen der gr&uuml;nen Spitzenkandidatin: &#8220;Madeleine Petrovic entbl&ouml;&szlig;te sich bei allem glaubhaften Ernst im Anliegen als unflexibles, leicht aus dem Kurs zu bringendes Produkt von zu viel Medientraining&#8221;, schreibt Peter Rabl in einem der noch freundlicheren Kommentare. (Ebenda) Dem ist nicht zu widersprechen. Die zur Schau gestellte &Uuml;beraffirmation kann sich bitter r&auml;chen. &#8220;Putz dich auf, eher red&#8217; ich nicht mit dir&#8221;, sagte der reich gewordene Schlucker zu seiner Sepherl in Nestroys &#8220;Zu ebener Erde und im ersten Stock&#8221;. Der gesamtmediale Schlucker forderte von Madeleine&#038;Co nichts anderes ein. Putzen wir sie auf, damit wir uns an ihr abputzen k&ouml;nnen, scheint das journalistische Motto gewesen zu sein. <em></p>
<p>Wie komme ich an? </em> ist zur zentralen Frage des politischen Akteurs aufgestiegen. <em>Was denke ich? Was will ich? Was mache ich? </em>ist von untergeordneter Bedeutung. Genau deswegen leiden so viele Politiker unter der chronischen Krankheit des <em>Reflexionsverlustes</em>. Tiefsch&uuml;rfende Reflexionen sind im unmittelbaren Tagesgesch&auml;ft irrelevant bis hinderlich. Obzwar es ausgerechnet die <em>Abgehobenheit </em>ist, die kritisiert wird, ist paradoxerweise ein Mangel an dieser feststellbar.</p>
<p>In der Politik geht es um &Uuml;berzeugtheit (nicht &Uuml;berzeugung) und um Selbstbehauptung (nicht Selbstbewu&szlig;tsein). Hochentwickeltes Ignorantentum, welches an der wahrgenommenen Oberfl&auml;che als <em>Gsp&uuml;r</em> erscheint, ist schlechterdings Bedingung des Erfolgs. Die hemds&auml;rmelige <em>Gradlinigkeit</em> mancher Politiker ist nicht selten umgekehrt proportional zum tats&auml;chlich Gemachten, vom Gemochten erst gar nicht zu reden. Sie ist durchaus nicht als Markenzeichen pers&ouml;nlicher Sensibilit&auml;t und Integrit&auml;t zu entschl&uuml;sseln. Das &#8220;Moch ma&#8221;-Ph&auml;nomen, das den Stammtisch beeindruckt, ist nicht selten realit&auml;tsblind, aber es gef&auml;llt. Es redet nach dem Mund, nicht nach dem Hirn. Es suggeriert Klartext, ohne sich um den Kontext auch nur zu k&uuml;mmern. (Politikwissenschafter der Zukunft werden das &uuml;brigens als Zilk-Syndrom beschreiben. )</p>
<p>Politik ist in ihrer seichten Pragmatik mehr denn je konkretionss&uuml;chtig, fernab von Abstraktion, Theorie und Plan. Realistisch ist f&uuml;r sie immer nur die jeweilige Praxis und deren aktuelle Anschlu&szlig;f&auml;higkeit. Und diese gestaltet sich st&auml;rker denn je als ein krudes Gesch&auml;ft, als Verkaufen personifizierter Exponate.</p>
<p>Politik und Programmatik sind sich fremd geworden. Letztere regrediert auf das Niveau ideologischer Versatzst&uuml;cke, erstere auf die Ebene des Sachzwangs. Wenn alles der unmittelbaren Verwertung unterworfen ist, kann es also gar keine ideologische Festigkeit irgendwelcher Grundprinzipien mehr geben. Politik wird zur reinen Taktik, sie ist <em>sachorientiert</em> und somit <em>lose</em> geworden: <em>inhaltslos</em>, <em>konzeptlos</em>, <em>strategielos</em>.</p>
<p>Das mediale Spektakel &uuml;bert&ouml;nt nur die grenzenlose Langeweile und zunehmende Inkompetenz des Politischen. Pr&auml;senz und Pr&auml;sentation sind daher zum politischen Imperativ geworden. Die Daseinsberechtigung der Politik resultiert vornehmlich aus ihrer inszenierten, notwendigen wie unertr&auml;glichen Allgegenwart. Wobei aber gerade der Zwang zur Omnipr&auml;senz es den Politikern verunm&ouml;glicht, ihre Auftritte auch wirklich vorzubereiten. Da er aber erscheinen mu&szlig;, mu&szlig; er sich prim&auml;r um sein Erscheinungsbild k&uuml;mmern. Von diesem h&auml;ngen seine in Hitparaden-Form publizierten &Ouml;ffentlichkeitswerte ab. Es ist so des Politikers Aufgabe, obwohl unvorbereitet, vorbereitet zu erscheinen; obwohl inkompetent, kompetent; obwohl uninformiert, informiert.</p>
<p>Wer &uuml;berall und &uuml;ber alles etwas zu reden wei&szlig;, hat selten etwas zu sagen. Das <em>Dar&uuml;ber-Reden-K&ouml;nnen</em> f&uuml;hrt durch seinen &uuml;bersteigerten, weil universellen Pflichtanspruch unweigerlich zum blo&szlig;en <em>Dr&uuml;ber-Reden</em>. H&uuml;ten sollte man sich vor denen, die immer alles auf den Punkt bringen. Des Politikers Metier ist der Small-talk, mag er den Mund auch noch so voll nehmen.</p>
<p>Der vollgenommene Mund kommt &uuml;brigens besonders gut an. Der <em>Sager </em>hat Konjunktur, und mit ihm, die <em>Sager</em>. Die begehrtesten Politiker gleichen immer mehr Conferenciers. Das treibt J&ouml;rg Haider in die Bierzelte oder Peter Pilz als Quasikabarettisten ins Wiener Szenelokal <em>Spektakel</em>. Was kann da also noch lustiger sein, als die von Werner Vogt eingeforderte direkt &uuml;bertragene Doppelconference im Fernsehen?</p>
<p>Demagogie steht hoch im Kurs. Der sekund&auml;re Populismus ist eben jetzt gro&szlig;geworden, da Politik in Geiselhaft der &Ouml;konomie immer weniger leisten kann. Populismus meint &Uuml;berwindung der Vernunft zugunsten eines dumpfen Gef&uuml;hls. Es herrscht das Ressentiment, es verlangt nach einpr&auml;gsamen Formeln. Der Stammtisch ist nichts anderes als der Hort des R&auml;sonierens, der &#8220;Freiheit von dem Inhalt und die Eitelkeit &uuml;ber ihn&#8221;, wie Hegel es treffend verspottete. Es will <em>nicht denken</em>, es will <em>sp&uuml;ren</em>. <em>F&uuml;hrung</em> und <em>Verf&uuml;hrung</em> sind daher entscheidende Momente populistischen Agierens. Zwangscharaktere schreien nach Zwang und Bezwingern. Opfer verlangen nach Opfern. Deswegen ist auch die Skandalisierung einer der wichtigsten Transmissionsriemen des Populismus.</p>
<p>Der Aufstieg des Populismus ist gekoppelt mit einer Abkehr von der Schrift als vorherrschendem Kommunikationsmittel. Der Demagoge ist in der Schrift jedenfalls leichter zu entlarven als am Wort oder im Bild. Letztere sind seine &Auml;u&szlig;erungsmittel, erstere objektiviert hingegen den sonst &uuml;berm&auml;chtigen Eindruck, macht jenen hinterfragbar. Was Rede bezaubert, entzaubert Schrift. Ruhe ist der Feind des Demagogen. Wer in aller Stille, zwei- oder dreimal den gleichen Satz oder Absatz lesen kann, wird die Banalit&auml;t des Gedankens leichter erkennen als jener, der in der Masse steht oder vor der Mattscheibe sitzt, den Worten lauscht und den Bildern folgt, Tonfall und Abbild im Moment des Geschehens hinzunehmen hat. In der Schrift werden die Demagogen platt. Sie k&ouml;nnen weder begeistern, noch beeindrucken. Ihre verbale Monstr&ouml;sit&auml;t schl&auml;gt oft geradezu in L&auml;cherlichkeit um.</p>
<p>Etwas vergr&ouml;bert, aber doch: Die <em>Diskretion</em> der Schrift steht gegen die <em>Indiskretion</em> vom Tonbild. Dieses ist aufdringlich, es macht einen an, es sitzt im Kopf, es wird registriert &#8211; ob man will oder nicht. Anders die Schrift, ihre Zeichen m&uuml;ssen individuell erobert werden. Die Aufnahme von Schriftst&uuml;cken erfordert mehr Rezeptionsverm&ouml;gen und Rezeptionsleistung als jene des Tonbildes. Die Schrift wirkt nicht selbstl&auml;ufig, sie mu&szlig; ge-, ja erlesen werden. Da reicht kein Blick zum Einblick, geschweige denn zum Durchblick. Der Ausdruck der Schrift ist durch den ersten Eindruck nicht her- und vorstellbar. Bild und Ton sind <em>assoziativ</em>, Schrift <em>rezeptiv</em>.</p>
<p>Die Schrift springt nicht ins Auge, sie ist gem&auml;chlich und z&auml;h, was aber auch hei&szlig;t, da&szlig; sie unter dem vorgegebenen Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung ins Hintertreffen ger&auml;t. Papier ist geduldig, Television ist ungeduldig. Das Tonbild ist den geistigen und gesellschaftlichen Regressionen kompatibler als die Schrift.</p>
<p>Der Druck bringt den Geist auf dessen Niveau. Die Demagogen sind nun umgekehrt den Lesern ausgeliefert, wie Zuh&ouml;rer und Zuseher ihnen ausgeliefert waren. Deren Pointen werden schal, deren Witz derb, deren Argumentation br&uuml;chig. Was sie schrieben, hat sie beschrieben, was sie sagten, hingegen wenig gesagt. Eigentlich m&uuml;&szlig;ten sie Videoclips verschenken. Was sie, wie mir unl&auml;ngst versichert wurde, auch schon tun.</p>
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