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	<title>Streifzüge &#187; Streifzüge 2003-1</title>
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		<title>Warum l&#228;uft Herr B.Amok?</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>

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		<description><![CDATA[Der moderne Staat - entstanden aus R&#252;stung und Krieg<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/warum-laeuft-herr-bamok">Warum l&#228;uft Herr B.Amok?</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>GEDANKEN &Uuml;BER DIE LOGIK VON KRIEG UND TERROR UND &Uuml;BER DEN BRUCH MIT IHR</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-891"></span></p>
<p>Werner Fassbinder hat 1969 den Film &#8220;Warum l&auml;uft Herr R. Amok? &#8221; gedreht. Darin erw&auml;chst der abschlie&szlig;ende Amoklauf aus dem normalen Alltag, aus einem Leben, in dem Herr R. gerade deswegen entgleist, weil er es so ernst und w&ouml;rtlich nimmt. Mittlerweile wei&szlig; auch der fassungslose Normalverbraucher aus Fernsehen, Radio und Zeitung, dass der Amokl&auml;ufer meist gestern noch ein &#8220;Mensch wie du und ich&#8221; war. Im Selbstmordattentat ist der Amoklauf seit Fassbinder sogar von einem individuellen Kurzschluss zur logistisch aufwendigen postpolitischen Kampfform avanciert. Mit dem &#8220;war on terror&#8221; aber drohen nun der ganz und gar durchschnittliche Herr B. und seine Gang, die allerdings am Dr&uuml;cker der gr&ouml;&szlig;ten Vernichtungsmaschinerie der Weltgeschichte sitzen, mit einem Amoklauf als apokalyptische Reiter.</p>
<p>Was aber ist die Normalit&auml;t, aus der heraus die USA um sich zu schie&szlig;en beginnen? &#8211; Es ist die Normalit&auml;t der modernen Gesellschaft und ihres Staates, die hier in verheerende Schie&szlig;wut auszurasten sich anschickt. Diese Auffassung soll hier kurz erl&auml;utert und zur Diskussion gestellt werden.</p>
<h4>Der moderne Staat &#8211; entstanden aus R&uuml;stung und Krieg </h4>
<p>Maximale Expansion der Macht geh&ouml;rte zu den Charakteristika des neuzeitlichen Staats von Anbeginn. Als Feuerwaffenstaat &uuml;ber die Welt gekommen, hatte er despotische Zentralisierung von Produktion und Verwaltung sowie die Forcierung der Geldwirtschaft als unabdingbare Voraussetzung; denn f&uuml;r Kanonenr&uuml;stung und Festungsbau brauchte es die Konzentration und Versorgung einer hohen Zahl von Arbeitern, gro&szlig;e Werkst&auml;tten, die Umstellung auf S&ouml;ldnerheere sowie Geldsteuern samt Steuereintreibung und Kredit zur Finanzierung. Die Zw&auml;nge der Schuldenr&uuml;ckzahlung waren der Beginn eines modernen gesellschaftlichen Automatismus &#8211; der Ausdehnung der Staatsmacht durch Eroberungen nach au&szlig;en und durch b&uuml;rokratischen und fiskalischen Zugriff auf die Menschen nach innen. Die Bedienung der Kredite war die Peitsche staatlicher Durchdringung der Gesellschaft und territorialer Expansion, noch bevor sie zum Motor der kapitalistischen Wirtschaftsweise wurde, einer Wirtschaftsweise, die ihrerseits vom Geldbedarf der sich formierenden Milit&auml;r- und Nationalstaaten f&ouml;rmlich erzwungen wurde. <a href="#a1" name="1">1</a></p>
<h4>Anfang und Ende des modernen V&ouml;lkerrechts </h4>
<p>Die Raubkriege des 15. bis 17. Jahrhunderts, die aus dieser Entwicklung eines Wettlaufs um Macht und Geld entsprangen, brachten auch neue Regeln des Umgangs der Staaten miteinander hervor. Diese Kriege waren der Boden, aus dem das moderne V&ouml;lkerrecht wuchs &#8211; ein profanes, keiner allgemein anerkannten g&ouml;ttlichen Autorit&auml;t mehr unterworfenes Recht, das den Verkehr von R&auml;ubern regelte, die notgedrungen miteinander auskommen mussten, weil sie einander nicht vernichten konnten, und sich so zu den Prinzipien der staatlichen Souver&auml;nit&auml;t und des Einmischungsverbots in die inneren Angelegenheiten des anderen bequemen mussten. Schw&auml;chere konnten jedoch &#8211; dieser Herkunft des Rechts entsprechend &#8211; in der historischen Realit&auml;t nur dann Rechtspers&ouml;nlichkeit sein, wenn und solange die Starken nicht einig waren, wessen Beute sie werden sollten. Nichtwei&szlig;e L&auml;nder blieben sowieso zumindest de facto Freiwild. Nur f&uuml;r die historisch sehr kurze Zeit der Entkolonisierung im Schatten des Ost-West- Konflikts konnte sich zumindest der Anschein eines die Vereinten Nationen umfassenden allgemeinen V&ouml;lkerrechtsstatus halten.</p>
<p>Mit dem Scheitern des Versuchs einer nachholenden Modernisierung im Osten und S&uuml;den des Globus ergab sich durch den Zerfall der Sowjetunion und ihres Machtblocks allerdings eine neue Situation: Dass die USA auf diese Weise als alleinige Weltmacht &uuml;brigblieben, hat dem V&ouml;lkerrecht die materielle Grundlage entzogen, denn kein Land kann sich mehr der &#8220;&Uuml;ber- Macht&#8221; auf Grund eigener Kraft stellen oder durch Lavieren entziehen. Ein V&ouml;lkerrecht, das nicht auf einem grunds&auml;tzlichen, materiellen Gleichgewicht seiner Subjekte, d. h. auf ihrem gegenseitigen Unverm&ouml;gen zur straflosen Vernichtung des anderen beruht, wird haltlos. Seine so genannte &#8220;Weiterentwicklung&#8221; f&uuml;hrt in die Aufl&ouml;sung seiner Prinzipien.</p>
<p>Nunmehr wird auch in Europa weithin der &#8220;Unilateralismus&#8221; der amerikanischen Hypermacht als Aush&ouml;hlung des V&ouml;lkerrechts beklagt. Ganz so neu ist diese Aush&ouml;hlung jedoch nicht. Sie hat die EU-Staaten bis jetzt blo&szlig; nicht allzu sehr gest&ouml;rt, konnten sie sich doch selbst als Teil des &#8220;Unilateralismus&#8221; betrachten. F&uuml;r Russland und die so genannte Dritte Welt war er durch die &Uuml;bermacht des &#8220;Westens&#8221; schon seit Ende der 80er Jahre eine gegebene Tatsache. Diese Teile der angeblichen &#8220;V&ouml;lkergemeinschaft&#8221; konnten die Entwicklung bestenfalls mit Hilfe der UNO dadurch ein wenig kaschieren, dass sie dem westlichen Vorgehen erst nach einigem Hin und Her aber schlie&szlig;lich doch immer zustimmten. Hierzulande sprach man allerdings bis vor kurzem noch im Brustton der falschen &Uuml;berzeugung von &#8220;V&ouml;lkerfamilie&#8221; und &#8220;Weiterentwicklung des V&ouml;lkerrechts&#8221;, wenn der Westen hinter seiner F&uuml;hrungsmacht auf- und einmarschierte und ganze L&auml;nder niederbombte.</p>
<p>Als es z. B. um die Zerschlagung Jugoslawiens ging, war es der ver&ouml;ffentlichten Meinung in &Ouml;sterreich und Deutschland noch ganz recht, dass das v&ouml;lkerrechtliche Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten &#8220;den Bach hinunter&#8221; geschickt wurde (so damals voll Genugtuung der Sozialdemokrat und Nationalbankdirektor Heinz Kienzl), im Kosovo-Krieg bombardierte auch die europ&auml;ische NATO ohne UNO-Mandat und gegen jedes V&ouml;lkerrecht &#8220;f&uuml;r die Menschenrechte&#8221;.</p>
<p>Bei der eigenm&auml;chtigen US-Intervention in Afghanistan war die EU aber schon leicht irritiert, als die NATO, die doch gleich nach dem 11. September erstmals den B&uuml;ndnisfall ausgerufen hatte, &#8220;au&szlig;en vor&#8221; gelassen wurde. Mit dem durch alle UNO-Sicherheitsratdebatten hindurch kaltschn&auml;uzig angedrohten angels&auml;chsischen Alleingang gegen den Irak wird jetzt aber den M&ouml;chtegernen der verblichenen Gro&szlig;m&auml;chte in Good Old Europe deutlich gemacht, wie sehr das klassische V&ouml;lkerrecht zum kraftlosen Gespenst geworden ist. Mit nationalistischen T&ouml;nen (&agrave; la &#8220;&Uuml;ber deutsche Angelegenheiten wird in Berlin entschieden&#8221;) mag man da noch Wahlen gewinnen, danach aber kommt fr&uuml;her oder sp&auml;ter wieder die Realpolitik eines Juniorpartners der Hypermacht.</p>
<p>Die Forderung nach Einschaltung des UNO-Sicherheitsrats verkommt immer mehr zu einer Ermahnung, doch wenigstens die Etikette zu wahren. Sie wird zu einem versagenden Mittel der Zweit- und Drittrangigen, sich zwar den Anspr&uuml;chen der Supemacht zu f&uuml;gen, aber nicht vor aller Augen als dienstbeflissene, zumindest aber ohnm&auml;chtige Vasallen zu erscheinen. Die USA haben den Angriff auf den Irak als Ziel vorgegeben, ohne sich viel darum zu k&uuml;mmern, dass auch ihre Begr&uuml;ndungen dem V&ouml;lkerrecht Hohn sprechen. F&uuml;r die anderen Regierungen der Welt geht es jedoch im Grunde nur noch darum, aus ihrer Teilnahme oder Hinnahme das noch irgendwie Beste zu machen. Keine der Afterm&auml;chte kann und will mehr dem Imperator in den Arm fallen, es geht bei aller Rhetorik nur um die Modalit&auml;ten der Einbindung des &#8220;Rests der Welt&#8221; in die Absichten der Vormacht, in Absichten, deren Berechtigung auch gegen jedes V&ouml;lkerrecht von den Kritikern grunds&auml;tzlich gar nicht mehr in Frage gestellt wird. <a href="#a2" name="2">2</a> Dass ausgerechnet der 1991 mit Bombenteppichen und Marschflugk&ouml;rpern zerst&ouml;rte, seitdem mit Embargo belegte, faktisch zerst&uuml;ckelte und von Inspektoren jahrelang durchsuchte Irak pl&ouml;tzlich eine Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden sei und daher hic et nunc endg&uuml;ltig &#8220;entwaffnet&#8221; werden m&uuml;sse, betet denn auch die ganze &#8220;V&ouml;lkergemeinschaft&#8221; ihrem Hohepriester nach. F&uuml;r deklarierte Gegner der USA ist in der Staatenwelt kein Platz mehr &#8211; das ist das neue Prinzip, dem derzeit Geltung verschafft wird, ein Vorgang, der vielen Kommentatoren in Zeitungen und Magazinen das r&ouml;mische Reich als historische Analogie f&uuml;r die einzigartige Machtstellung der USA in den Sinn kommen l&auml;sst.</p>
<h4>Die USA als Hypermacht: Sackgasse statt Aufbruch </h4>
<p>Allerdings steht diese neue Art Imperium nicht am Anfang einer neuen, sondern blo&szlig; am Ende einer abgelebten Entwicklung, nicht an einem Ausgangspunkt, sondern in einer Sackgasse. Zum besseren Verst&auml;ndnis noch einmal ein kurzer Blick in die Geschichte: Anders als in vormodernen Lebensweisen spielt in der Neuzeit die Wirtschaft eine zunehmend dominierende Rolle in der Gesellschaft. Die vom Feuerwaffenstaat erzwungene Ausdehnung der Waren- und Geldwirtschaft hat sich als neue vorherrschende Wirtschaftsweise etabliert. Sie hat sich als Selbstl&auml;ufer entpuppt, als Automatismus, der erstmals in der Geschichte menschliche T&auml;tigkeit nicht f&uuml;r menschliche Zwecke (auch die Arbeit Unterworfener f&uuml;r das Wohlleben der Herrschenden ist ein solcher) einsetzt, sondern f&uuml;r den grunds&auml;tzlich abstrakten und lebensfremden Zweck der Vermehrung investierten Geldes durch Arbeit. Sein Kapital vermehren oder es verlieren, &#8220;Wachsen oder Weichen&#8221; hei&szlig;t die Devise. Richter und Henker zugleich ist die Konkurrenz des Marktes, das (Sich) Verkaufen-k&ouml;nnen oder Liegen-bleiben. Daran h&auml;ngen nunmehr Wohl und Wehe immer gr&ouml;&szlig;erer Teile der Gesellschaft, die aus der Not schlie&szlig;lich eine (Arbeits)Tugend gemacht hat. Leben wird zum Nebenprodukt der Geldvermehrung, Lebenst&auml;tigkeit zur Arbeit, gleichg&uuml;ltig welcher &#8211; Hauptsache, sie wird bezahlt. Der Sturz des &#8220;parasit&auml;ren&#8221; Adels, der Reichtum nicht blo&szlig; als Investitionsgut verwerten, sondern immer auch genie&szlig;en und verprassen wollte, brachte unter der Fahne von &#8220;Freiheit, Gleichheit, Br&uuml;derlichkeit&#8221; den endg&uuml;ltigen Durchbruch b&uuml;rgerlichen Profit- und Verwertungsdenkens als gesellschaftliche Maxime. Ihr hat sich auch der Staat zu unterwerfen, der zum Rahmen und Garanten der Verwertung des von ihm repr&auml;sentierten Kapitals mutierte. Der Wachstumszwang der kapitalistischen Wirtschaft &#8211; urspr&uuml;nglich eine Folge des Kanonen- und Festungsbaus und der damit verbundenen Raubkriege &#8211; wurde nunmehr die st&auml;rkste Antriebskraft zur Formierung und Ausdehnung staatlicher Macht. Auf internationaler Ebene setzte dieser Zwang sich um in Eroberungspolitik, in Kampf mit anderen staatlichen Kapitalrepr&auml;sentanten um den besten &#8220;Platz an der Sonne&#8221;. Mit der Unterwerfung der ganzen Welt unter das Diktat der Verwertung lief sich die Eroberung von L&auml;ndern im vorigen Jahrhundert in zwei Weltgemetzeln tot. &Uuml;brig blieb das Wachstum des Kapitals &#8211; &uuml;ber die Grenzen seiner nationalen Zugeh&ouml;rigkeit hinaus zu multinationalen, schlie&szlig;lich transnationalen &#8220;global players&#8221;.</p>
<p>Vor deren Geldmacht, nicht vor den Raketen der NATO musste der Osten kapitulieren. Angeblich angetreten, um eine ganz andere, neue Gesellschaft zu schaffen, bauten die kommunistischen Parteien entgegen der weit verbreiteten Auffassung in Ost und West doch nur eine andere Variante des Gleichen, n&auml;mlich der Welt der Waren und des Geldes. Sie starteten eine historische Aufholjagd, um in der Konkurrenz mit den alten M&auml;chten auf dem alten Boden der Verwertung als eigenst&auml;ndige Staaten und &Ouml;konomien zu bestehen. Als schlie&szlig;lich jedoch eine neuerliche technische Revolu- tion im Westen, die Computerisierung, auch durch die niedrigsten Lohnkosten im Osten nicht mehr aufgewogen werden konnte, war dieser am Ende &#8211; gescheitert an den M&auml;rkten, nicht geschlagen auf dem Schlachtfeld.</p>
<p>Das, was den sozialistischen Staatskapitalismus ruiniert hat, stellt sich wider Erwarten und gegen alle Versprechungen als eine Krankheit zum Tode des Gesamtsystems heraus. Denn seit &uuml;ber zwanzig Jahren steigt auch im Westen dank der sich ausbreitenden Mikroelektronik in immer mehr Branchen die Produktivit&auml;t schneller als die M&ouml;glichkeiten, die &uuml;berfl&uuml;ssig gewordene Arbeit durch forciertes Wachstum wieder profitabel einzusetzen und weitere noch zu schaffen &#8211; was aber eine unabdingbare Voraussetzung f&uuml;r die Verzinsung investierten Kapitals ist. Aus dem Zusammenbruch der &ouml;stlichen Konkurrenz lie&szlig; sich eine kurze Atempause, aber kein anhaltender Aufschwung der Verwertung schmieden. Was in den exsozialistischen L&auml;ndern noch profitabel ist, reicht bei weitem nicht aus, um der grassierenden Spekulations- und Schuldenwirtschaft eine realwirtschaftliche Grundlage zu verschaffen, auf der die Spekulation aufgehen und die Kredite bezahlt werden k&ouml;nnten.</p>
<p>Schon in der 90er Jahren hat sich daher herausgestellt: Der Westen hat nicht gesiegt, er hat den Osten blo&szlig; noch &uuml;berlebt. Seit dem ist ein Gro&szlig;teil Afrikas vom Weltmarkt fast verschwunden, Schwellenl&auml;nder wie die &#8220;kleinen Tiger&#8221; S&uuml;dostasiens oder j&uuml;ngst Argentinien und Brasilien sind blo&szlig; an die Schwelle des Bankrotts gekommen, ja mit Japan findet auch eine Wirtschaftsgro&szlig;macht, von der noch vor wenigen Jahren erwartet wurde, sie k&ouml;nnte &agrave; la longue selbst die USA aufkaufen, nicht und nicht aus Rezession und Krise, seit bald drei Jahren zerbr&ouml;seln auch die B&ouml;rsen, die Schrumpfung der produktiven Wirtschaftssektoren, der Verfall des Lohnniveaus breiter Teile der &#8220;Besch&auml;ftigten&#8221; und die anwachsende Arbeitslosigkeit auch in den noch einigerma&szlig;en stabilen &Ouml;konomien lassen sich selbst mit den kreativsten Tricks und Besch&ouml;nigungen nicht mehr bagatellisieren.</p>
<p>Die Staatsapparate verlieren vor dem globalisierten Kapital ihre Gestaltungsmacht und Regulationsf&auml;higkeit, ihr noch engerer Zugriff auf die Menschen organisiert blo&szlig; noch den sozialen Abstieg der gro&szlig;en Masse der Bev&ouml;lkerung, sie gehen &#8211; hier noch weniger dort schon mehr &#8211; in mafi&ouml;se Strukturen &uuml;ber. <a href="#a3" name="3">3</a></p>
<p>Die USA sind zur letzten Weltmacht also in einer Situation geworden, wo sie ihre historisch unvergleichliche Machtf&uuml;lle nur noch sehr bedingt f&uuml;r die Interessen ihrer Nationalwirtschaft gegen andere einsetzen k&ouml;nnen, weil die &#8220;global players&#8221; diese Fronten immer mehr aufl&ouml;sen. Aber auch die weitere Verwertung des transnationalen Kapitals zu sichern ist Washington immer weniger imstande, weil die Welt f&uuml;r diesen Heuschreckenschwarm zu klein geworden ist. Was bleibt, ist die &auml;u&szlig;erste Machtentfaltung in einer Welt des Niedergangs, mit dem illusion&auml;ren Zweck, Sicherheit und Funktion des globalen Verwertungssystems gegen dessen Zerfallserscheinungen so lange wie m&ouml;glich aufrechtzuerhalten. Wenn sich in Afghanistan der Terror nicht besiegen lie&szlig;, dann soll wenigstens ein Sieg auf den Erd&ouml;lfeldern des Irak die Autorit&auml;t unter Beweis stellen. &#8220;Wir oder das Chaos&#8221; ist die Parole, mit der die letzte Weltmacht die restliche Staatenwelt als &#8220;Ordnungs&#8221;- Kr&auml;fte hinter sich zum &#8220;Kampf gegen den Terror&#8221; sammelt, genauer betrachtet: zum Krieg der Perspektivlosen gegen die Aussichtslosen.</p>
<h4>Am Ende steht die Lust auf Amok und Gewalt </h4>
<p>Im Alltagsleben der Menschen f&uuml;hrt der skizzierte Zustand der Weltgesellschaft bis dato jedoch weniger zur Suche nach einem Ausbruch aus der herrschenden Logik als vielmehr zu einer Intensivierung alles Bisherigen im Zeichen immer sch&auml;rferer Konkurrenz: &#8220;Retten, was noch zu retten ist&#8221; hei&szlig;t denn auch das kurzsichtige individuelle Lebensmotto. Die vorherrschenden Gedanken &uuml;ber die Zusammenh&auml;nge der heutigen Lage hat ein englischer Satiriker treffend so zusammengefasst: &#8220;Hang the sense of it and just keep yourself occupied! &#8221; <a href="#a4" name="4">4</a> Es soll einfach irgendwie weitergehen, solange eins mit Hingabe an die Arbeit( ssuche) und mit Betriebsamkeit, mit Selbstverleugnung und mit Demut gegen&uuml;ber den Zumutungen, mit Wegschauen und Simulieren noch Normalit&auml;t produzieren und Anstrengung, Versagen und Unbefriedigtsein im Kauf und Konsum der angebotenen Placebos, Tranquillizer und Ersatzbefriedigungen ers&auml;ufen kann. Kollegen und Gesch&auml;ftspartner statt Freunde, Kontaktschw&auml;che und Vereinsamung, Suff und andere Drogen (von Arbeit bis Opium), Aggressivit&auml;t und Depression als Volkskrankheit Nummer eins &#8211; das alles sind Ph&auml;nomene, die zunehmend die Lebenswirklichkeit pr&auml;gen.</p>
<p>In einem solchen Klima des schrittweisen Realit&auml;tsverlusts paart sich die Paranoia einer Selbstzweck&ouml;konomie, die das Leben der Menschen nicht mehr vom Umgang mit der Natur, sondern von gelungener Kapitalverwertung abh&auml;ngig macht, mit der schwindenden Hoffnung darauf, dass eins daraus noch ein Leben machen kann. Die Zahl derer nimmt zu, die auf die eine oder andere Weise individuell &#8220;ausrasten&#8221; und &#8220;&uuml;berschnappen&#8221;, nicht mehr &#8220;auf dem Posten bleiben&#8221;, sondern &#8220;verr&uuml;ckt&#8221; werden. Kollektiv grassiert zugleich die wahnhafte Umdeutung der alles durchdringenden Konkurrenz in altv&auml;terischen nationalistischen, rassistischen, antisemitischen oder religi&ouml;s verbr&auml;mten Fundamentalismus verschiedenster Schattierungen, wo dann nicht mehr Marktteilnehmer gegen Marktteilnehmer oder Gang gegen Bande k&auml;mpfen, sondern wo halluziniert wird, dass die Flei&szlig;igen und Anst&auml;ndigen gegen die Faulen und Intriganten, die Zivilisation gegen die Barbarei, die Ordnung gegen das Chaos, das Gute gegen das B&ouml;se steht. In diesem Treibhaus der Frustration wuchert die Lust auf Gewalt, das Bed&uuml;rfnis nach dem Befreiungsschlag in der einen oder anderen Form von Amok, der von den T&auml;tern freilich nicht als Wahnsinn wahrgenommen wird, sondern als Bestrafung und Moral.</p>
<p>Bald schon wird kein Tag mehr vergehen ohne die Meldung von durchgedrehten Leuten, die scheinbar aus dem Nichts heraus um sich zu schie&szlig;en beginnen, von eifers&uuml;chtigen M&auml;nnern, die ihre (Ex-)Familien ausrotten, von entlassenen Angestellten, die Chef und Kollegen mit in den Tod nehmen, frustrierten B&uuml;rgern, die Politiker massakrieren, Halbw&uuml;chsigen, die in Schulen Blutb&auml;der anrichten. Doch nicht nur im blinden Affekt wird da gehandelt, sondern durchaus auch mit kaltem Blut und &Uuml;berlegung. Das T&ouml;ten bringt den &#8220;Wettbewerb&#8221;, in dem der M&ouml;rder sich im Leben meist scheitern f&uuml;hlt, in dem er nicht mehr weiter kann, auf den eigentlichen, pervers befriedigenden Punkt: Tod und Vernichtung der anderen, wer und wo sie auch sind, letztlich ohne anderen Grund als den der blo&szlig;en Konkurrenz, paranoid und selbstzweckhaft, w&uuml;rdig seines Ursprungs aus der Gesellschaft des Marktes und des Geldes. &#8211; &#8220;Ich bin Gott&#8221;, schrieb der Amoksch&uuml;tze von Washington auf der Todeskarte des Tarot.</p>
<p>Die Gemetzel des 11. September in New York und Washington und voriges Jahr auf Bali, die Selbstmordkommandos und -attent&auml;ter in Nahost und Russland und die Massaker des damit korrespondierenden &#8220;war on terror&#8221; in Afghanistan, in Russland und demn&auml;chst wahrscheinlich auch im Irak zerst&ouml;ren die Weltmacht des Kapitals so wenig wie sie den Terror ausrotten, sie bringen blo&szlig; den Amok, das T&ouml;ten als Abreak- tion ohne Aussicht auf die Erreichung eines Zwecks, auf das Niveau einer historischen Untergangs-Str&ouml;mung.</p>
<p>Es ist ein kollektiver, technisierter Amok mit viel Logistik, hartem Training und vor allem Selbstbetrug. Als gesellschaftliche Erscheinung beruht er auf einer Formierung des Denkens und Empfindens eines Gro&szlig;teils der Menschen und auf der Kontrolle, Einsch&uuml;chterung, Entmutigung und Unterdr&uuml;ckung all derer, denen anderes als Mitmachen zugetraut wird. Die Logik dieses Amoks wird daher in der Gesellschaft weithin nicht mehr als Wahnsinn wahrgenommen, sondern als staatliche Sicherheitspolitik, als religi&ouml;se Notwendigkeit, als Strafgericht. Diese Form von Amok ist schon jenseits des Selbstlaufs von Gesch&auml;ft und Macht, sie folgt einem automatisierten Kreislauf von Schuld und S&uuml;hne, von &#8220;Gerechtigkeit&#8221;.</p>
<p>Ein Krieg der USA gegen den Irak wird und muss sich daher auch nicht rechnen, weder kann es noch eine Kriegskonjunktur geben mangels Masse des Gegners noch rentiert sich die milit&auml;rische Eroberung eines Landes, das sich dem Kapital nicht verschlossen hat, sondern mit dessen Entzug bestraft wurde. Allerdings erhoffen etliche US-&#8221;Wirtschaftsexperten&#8221; sowie einige realit&auml;tsresistente Antiimperialisten in Europa von einem &#8220;Sieg&#8221; der USA zumindest einen neuen Spekulationsboom wegen billigen Erd&ouml;ls. Nicht bedacht werden dabei jedoch die Kriegs- und vor allem die dann notwendigen gigantischen Besatzungs- und Sicherungskosten in einer v&ouml;llig verelendeten und destabilisierten &#8220;Nach-Opec&#8221;-Nahostregion, die solche Tr&auml;ume wie Seifenblasen platzen lassen werden. Au&szlig;erhalb dieser doch eher engen Zirkel erwartet denn auch bald niemand mehr von der Entwicklung der Weltwirtschaft anderes als Stagnation und Einbruch &#8211; ob mit oder ohne Irak-Krieg. <a href="#a5" name="5">5</a></p>
<p>Herr B. halluziniert, er werde mit einem neuen Golfkrieg die &#8220;zivilisierte Welt&#8221; vor dem Terror sch&uuml;tzen, doch das k&ouml;nnte im Sinne einer Stabilisierung des &#8220;Imperiums&#8221; nur gelingen, wenn die Ordnungsmacht den Unterworfenen au&szlig;er Bombenruinen und Dem&uuml;tigungen noch irgendeine Aussicht auf einen Anschluss an die br&ouml;ckelnde Glitzerwelt von Arbeit-Geld-Konsum zu bieten h&auml;tte. Da diese Aussicht nicht besteht, wird jede neue Stufe im &#8220;war on terror&#8221; vor allem neuen Terror, neuen Krieg, Terror, Krieg und den Tag n&auml;her bringen, an dem auch die Hypermacht das selbst forcierte Chaos nicht mehr b&auml;ndigt. Der betr&auml;chtliche Widerwille, auf den die USKriegsvorbereitungen seit Monaten selbst bei einigen engen Verb&uuml;ndeten sto&szlig;en, geh&ouml;rt bereits zu diesem unvermeidlichen Kontrollverlusts. Allerdings weist das Schr&ouml;der, Chirac &#038; Co. nicht als besonnene Menschen aus, sondern als Leute, die zwar keinen anderen Weg zur Stabilisierung ihrer Welt wissen, aber mangels ausreichender eigener Bewaffnung vor dem Amoklauf des Gangleaders noch zur&uuml;ckschrecken.</p>
<p>Der &#8220;nationale Befreiungskampf&#8221; und der &#8220;sozialistische Aufbau&#8221; sind gescheitert, der Kapitalprozess ger&auml;t auch in den marktwirtschaftlichen Kernl&auml;ndern ins Stocken. Keine Gewalt der Welt kann daran etwas &auml;ndern. Nur mit Gewalt, ohne Aussicht auf Arbeit und Profit lassen sich Staaten, die diesen Namen noch verdienen, nicht befreien oder gr&uuml;nden, es gibt auch nichts mehr zu erobern in der einen Welt des Kapitals. Kampf und Konkurrenz gehen zwar auch am Weltende der Profitvermehrung weiter, doch es ist die Zeit von Ragnar&ouml;k, der G&ouml;tterd&auml;mmerung, der gegenseitigen Vernichtung der G&ouml;tter und D&auml;monen, der grausamen Entscheidungsschlacht, die nur Verlierer kennt. Sie wird heutzutage ausgestragen zwischen denen, die bereit sind, den Niedergang ihrer Welt mit dem Feuerschein brennender L&auml;nder auszuleuchten, und den &#8220;R&auml;chern der Enterbten&#8221;, die ihre Aussichtslosigkeit noch mit Mord und Selbstmord kr&ouml;nen.</p>
<h4>Kurswechsel des sinkenden Schiffs? </h4>
<p>Der Widerstand gegen diese d&uuml;stere Entwicklung ist seit den Anschl&auml;gen in den USA nicht recht vorangekommen. Auch Millionen besorgter und emp&ouml;rter Menschen auf den Stra&szlig;en haben wenig Macht, wenn sie die L&ouml;sung der Probleme in der Vergangenheit suchen. Unserer Meinung nach krankt der Widerstand am blinden Glauben allzu vieler Menschen, dass es doch noch m&ouml;glich sei, auf der Grundlage der herrschenden Ordnung Neues, Besseres zu schaffen. Viele agitieren f&uuml;r einen politischen Kurswechsel zu &#8220;mehr sozialer Gerechtigkeit&#8221;, &#8220;mehr &Ouml;kologie&#8221;. Sie drohen mit der Ersetzung des Kapit&auml;ns und seiner Offiziere, doch sie merken nicht, dass sie auf der Titanic sind und das Schiff eben abs&auml;uft. Es ist sinnlos und vertane Zeit, sich f&uuml;r politische Aus- und Abhilfen einzusetzen, ohne die Unhaltbarkeit der gesellschaftlichen Konstruktion zu beachten, in deren Rahmen wir uns bewegen. Alle &#8220;politische Arbeit&#8221; gegen den Lauf der Dinge hat keine Aussicht auf nachhaltigen Erfolg, wenn eins &#8211; ob &#8220;reformistisch&#8221;, ob &#8220;revolution&auml;r&#8221; &#8211; &#8220;den Kampf f&uuml;hrt&#8221; f&uuml;r eine &#8220;andere Politik&#8221; und damit den Boden von Staat, Nation und Klasse nicht verl&auml;sst, also genau den Boden, der sich gerade in sozialen Niedergang und Amok aufl&ouml;st.</p>
<p>Wirtschaftskrisen mit allen ihren Folgeerscheinungen von Armut, Verzweiflung, Hunger, Krankheit und fr&uuml;hem Tod bis zu Bandenwesen und (B&uuml;rger-)Krieg lassen sich auf der Grundlage der &uuml;berreif gewordenen Waren- und Profitgesellschaft durch einen Kurs- und Herrschaftswechsel nicht (mehr) beheben, die gesellschaftlichen Katastrophen sind vielmehr das notwendige und irreparable Ergebnis der etablierten Lebensweise, die &#8220;Kollateralsch&auml;den&#8221; der Geldvermehrung. Die Vorstellung von einer prosperierenden &#8220;internationalen Gemeinschaft&#8221; friedlich wirtschaftender, auf dem Weltmarkt Handel treibender National&ouml;konomien war wohl immer schon und ist heute mehr denn je eine Fata Morgana, der man nie n&auml;herkommt und die blo&szlig; von der realen, aussichtslos gewordenen W&uuml;stenwelt des Kapitals ablenkt.</p>
<p>Der Unmut, der sich gegen die Zumutungen, die Katastrophen und die brutale Gewalt einer Weltordnung, in der Menschen f&uuml;r und von Geld leben m&uuml;ssen, ansammelt und der bei den gewaltigen Demonstrationen in den Polit- und Wirtschaftsgipfelst&auml;dten der letzten Jahre bis zu den j&uuml;ngsten Aufm&auml;rschen von Zig-Millionen gegen den drohenden Irak-Krieg trotz oft massiver Repression sichtbar geworden ist, droht wieder in Resignation oder gar in Chauvinismus und Antisemitismus umzuschlagen, wenn er sich f&uuml;r einen unm&ouml;glich gewordenen Kurswechsel der todgeweihten Titanic verbraucht. Es geht nicht um Geld, weder um Investitionen, die sich nicht mehr verwerten lassen, noch um Staatsschulden, die nie mehr zu bezahlen sind, sondern es geht um Land, Geb&auml;ude, Ger&auml;te und Maschinen, um Kenntnisse und Wissen und um Verf&uuml;gung &uuml;ber unsere Lebenszeit, nicht um Arbeitspl&auml;tze (die keiner ann&auml;hme, wenn er anders leben k&ouml;nnte), nicht um Konsum und Wachstum, sondern darum, was ein gutes Leben ist und was wir daf&uuml;r brauchen, nicht um die Chim&auml;re staatlicher und wirtschaftlicher Unabh&auml;ngigkeit, sondern um die Selbstorganisation der Menschen und um den Kampf f&uuml;r die dazu n&ouml;tigen Ressourcen, nicht um &#8220;Solidarit&auml;t mit dem Kampf der unterdr&uuml;ckten V&ouml;lker&#8221;, sondern um die weltweite Kooperation aller derer, die sich von der Unterdr&uuml;ckung durch Staat und Markt frei machen wollen. Nur im Zusammenhang einer solchen Haltung hat auch Politik als staatsbezogenes Handeln noch ihren begrenzten Sinn, als gewisserma&szlig;en fremdes Mittel, das sich selber &uuml;ber- fl&uuml;ssig machen, den Weg frei machen soll f&uuml;r Neues.</p>
<p>Was hei&szlig;t arbeiten, was Karriere machen heute denn anderes als seine Lebensenergie hinzugeben f&uuml;r den Mensch und Natur sch&auml;digenden Kreislauf von Arbeit und Konsum, als sich nach jedem &#8220;Fortschritt&#8221;, nach jeder &#8220;Umstrukturierung&#8221; und &#8220;Reform&#8221; mit noch weniger Leben bescheiden zu m&uuml;ssen, als ohne es recht zu merken mitzutun bei den allt&auml;glichen Grausamkeiten dieser Existenz, zumindest wegzuschauen und flach zu denken bei den Greueln und Gemetzeln, ohne die es diese Gesellschaft nicht mehr geben wird. &#8220;Ich habe keine Zeit, ich muss arbeiten&#8221; ist die allgemein akzeptierte Parole f&uuml;r die Lebensangst, f&uuml;r den (Selbst)Mord auf Raten, auf den unsere &#8220;Lebens&#8221;weise hinausl&auml;uft. Und wer keine Arbeit hat, muss tagaus tagein laufen, um wieder eine zu bekommen oder versinkt nicht selten in l&auml;hmende Depression. &#8211; &#8220;No future&#8221; ist die globale Realit&auml;t, die es zu verdr&auml;ngen gilt im hektischen Getriebe, im Konsum, in der angestrengten Freizeit- und Familienidylle.</p>
<p>Sich Zeit nehmen f&uuml;rs Hinschauen, Nachdenken, f&uuml;r Gespr&auml;che und Kennenlernen, f&uuml;r das Kl&auml;ren der wichtigen Fragen, f&uuml;r gemeinsame Aktion, f&uuml;r dauerhafte Kooperation &#8211; das kann der Beginn einer Besserung sein, ein Einstieg in die Verweigerung des Mittuns, in den Protest, in Widerstand, in den Neubau unseres Lebens.</p>
<h4>Anmerkungen </h4>
<p><a href="#1" name="a1">1</a> Vgl. Robert Kurz, Die Dikatur der abstrakten Zeit, in: Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg. ): &#8220;Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit&#8221;, Hamburg 1999. In diesem Aufsatz referiert und zitiert Kurz u. a. wissenschaftliche Literatur zum Thema der Entstehung des modernen Staats; der Aufsatz ist &uuml;ber www.krisis.org im Internet aufzufinden, wir schicken einen Ausdruck auch gern gegen Kostenersatz zu.</p>
<p><a href="#2" name="a2">2</a> Sehr treffend und offen sagt Albert Rohan, pensionierter Generalsekret&auml;r des &ouml;sterreichischen Au&szlig;enministeriums und in dieser Funktion hoher beamteter H&uuml;ter der &ouml;sterreichischen Neutralit&auml;t, das, was vermutlich die meisten europ&auml;ischen Politiker denken: &#8220;Die US-Vorgangsweise ist mit unseren v&ouml;lkerrechtlichen Werten schwer vereinbar&#8230; Man muss den USA aber zubilligen, dass sie das, was getan werden muss, auch tun, ohne R&uuml;cksicht auf UNO oder V&ouml;lkerrecht. F&uuml;r uns Europ&auml;er ist da eine gewisse Hemmschwelle gegeben&#8221;. (Der Standard, 14. Okt. 2002)</p>
<p><a href="#3" name="a3">3</a> Das ist keineswegs blo&szlig; eine Folge neoliberaler Dogmatik, auch die (von vielen Globalisierungskritikern geforderte und mittlerweile z. B. in den USA, Japan, Deutschland, Frankreich und Italien betriebene) Wiederbelebung keynesianistischer Staatsintervention und Staatsschuldenpolitik versagt als Heilmittel.</p>
<p><a href="#4" name="a4">4</a> Etwa: &#8220;Pfeif drauf, was das alles bedeutet, und mach einfach nur weiter! &#8221; aus dem satirischen Sci-fi-Roman &#8220;The Hitchhiker&#8217;s Guide to the Galaxy&#8221; von Douglas Adams.</p>
<p><a href="#5" name="a5">5</a> Siehe dazu das Kapitel &#8220;Die Krise der Finanzm&auml;rkte und der Traum vom , &Ouml;ldorado&#8217;&#8221; in Robert Kurz, Weltordnungskrieg (2003) S. 419-425. Weniger Illusionen als bei manchen Experten herrschen auf den Weltb&ouml;rsen, die auf jedes Steigen der Kriegswahrscheinlichkeit mit Kurseinbr&uuml;chen reagieren. Auch die Finanzminister der G7 sind, was die Konjunkturaussichten betrifft, weiter pessimistisch und f&uuml;rchten einen weiteren Einbruch im Falle eines Irak-Kriegs. (Der Standard, 24. Feb. 2003)</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/warum-laeuft-herr-bamok">Warum l&#228;uft Herr B.Amok?</a></p>
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		<title>Nachgedachtes und Vorausgesetztes</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:48:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[ohne Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>
		<category><![CDATA[Wallner; Gerold]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 1/2003 von Gerold Wallner Robert Kurz hat ein neues Buch vorgelegt. Darin beschreibt er den Zustand des abendl&#228;ndischen Denkens, wie er sich angesichts der Krise, in der sich der globale b&#252;rgerliche Zusammenhang befindet, darstellt. Das Buch entfaltet das journalistische und polemische Talent seines Autors, wo es darum geht, die Aporien und Widerspr&#252;che der wirtschaftlichen [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/nachgedachtes-und-vorausgesetztes">Nachgedachtes und Vorausgesetztes</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em> von Gerold Wallner </em> <span id="more-899"></span></p>
<p>Robert Kurz hat ein neues Buch vorgelegt. Darin beschreibt er den Zustand des abendl&auml;ndischen Denkens, wie er sich angesichts der Krise, in der sich der globale b&uuml;rgerliche Zusammenhang befindet, darstellt. Das Buch entfaltet das journalistische und polemische Talent seines Autors, wo es darum geht, die Aporien und Widerspr&uuml;che der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung zu gei&szlig;eln, zugespitzte Stumpfsinnigkeiten und apologetische Geisterbeschw&ouml;rungen an Hand der bekannten Schulen zu denunzieren und einen Ausblick auf den Totentanz der Selbstvernichtung zu werfen, der als wahrscheinlichste Alternative gemalt wird, sofern dem Selbstl&auml;ufer Kapitalismus nicht in den Arm gefallen wird. Kurz verfasst seine Philippika gegen eine b&uuml;rgerliche Geselligkeit, die sich nicht mehr im Bann h&auml;lt und ihre zerst&ouml;rerischen Potenzen entfesselt; am Vorabend eines Kriegs ist dieses Buch entstanden, gerade rechtzeitig, um den Verfall der staatlichen Garantien der b&uuml;rgerlichen Existenz zu kommentieren. Legalit&auml;t und Verfassung &#8211; auf nationaler wie diplomatischer Ebene &#8211; spielen keine Rolle mehr. Gesatztes Recht wird durch die Proklamation ersetzt. Die Menschenrechte setzen die Gesetze au&szlig;er Kraft und nehmen ihre Stelle ein. Sie garantieren die Versammlungsfreiheiten der Armeen an jedem Ort &#8211; fiat justitia pereat mundus.</p>
<p>Nicht zuf&auml;llig hei&szlig;t das neue Buch von Robert Kurz &#8220;Weltordnungskrieg. Das Ende der Souver&auml;nit&auml;t und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung&#8221;.</p>
<p>Dennoch ist vor allem der Untertitel etwas irref&uuml;hrend, denn die Polemik, die Kurz entfaltet, richtet sich nicht nur gegen den Imperialismus, sondern auch gegen das, was sich &#8220;Linke&#8221; nennt, und &#8220;das Ende der Souver&auml;nit&auml;t&#8221; k&ouml;nnte getrost auch dieser Linken zugeschrieben werden &#8211; was Kurz ja auch tut. Und so ersteht diese &#8220;Linke&#8221; denn auch als dem b&uuml;rgerlichen Universum zugeh&ouml;rig, als Fleisch von diesem Fleisch, nicht nur in demokratischen Modernisierungen, nicht nur in republikanischen Versprechungen, sondern auch im imperialen Todestrieb.</p>
<p>Was Kurz in seinem Buch vor allem anspricht, ist das einheitliche Vorgehen von Imperialismus und verdemokratisierter Linken, erscheine sie nun im M&ouml;nchsgewand der inquisitorischen Verteidigung oder in der Narrenkappe der Klassenk&auml;mpfer, die sich r&uuml;hmen, noch jede weitere Ausdehnung der imperialistischen Macht und neue Anwendung und Strukturierung ihrer Mittel sei einem zuvor errungenen Erfolg im Klassenkampf &#8211; nein, nicht einmal dies -, einem gerade so hinl&auml;nglichen Widerstand zu verdanken.</p>
<p>Es wird diese Buchbesprechung eine sein, die sich mit dem befasst, was Kurz ausgelassen hat, aus journalistischer Verk&uuml;rzung wie auch aus verl&auml;ngerter Polemik. Befassen werden wir uns mit dem Vorausgesetzten und Mitgedachten. Da ist zun&auml;chst ein terminus, der immer wieder auftaucht: &#8220;die Krise der dritten industriellen Revolution&#8221;, &#8220;der unbew&auml;ltigbar gewordene globale Krisenkomplex&#8221;. Dies wird bei Kurz nicht weiter erkl&auml;rt, sondern als in der Debatte bekannt vorausgesetzt. Nun ist der Begriff der Krise zwar bei der Beschreibung der b&uuml;rgerlichen Reproduktion kein unbekanntes Ph&auml;nomen, er taucht aber in der Regel als zyklischer Durchgang auf, als Reinigung, als Krisis im medizinischen Sinn, als Chance der Weiterentwicklung. Dies ist umso sonderbarer, als das b&uuml;rgerliche Weltbild kein zyklisches ist; der eigenen Bewegung wird nur die eine Richtung zu mehr Fortschritt, zu Reproduktion auf h&ouml;herer Stufenleiter, zu immer mehr Reichtum und Durchsetzung der b&uuml;rgerlichen Vergesellschaftung erlaubt und zugesprochen. Sollte es doch zu einem Stillstand kommen, dann ist dieser immer auch in der Folge dahingehend mystisch verkl&auml;rt, dass mit der linearen Bewegung zum Besseren und schlie&szlig;lich Besten auch die zyklische Bewegung zur Korrektur verschwindet, im erl&ouml;sten Zustand also beide Bewegungen der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft aufgehoben erscheinen.</p>
<p>Diese best&auml;tigende Sicht der Dinge hat sich auch das, was sich Linke nennt, zu eigen gemacht: Sie sieht in der Krise konjunkturelle Durchg&auml;nge in der Organisation der kapitalistischen Reproduktion. Weil sie gelernt hat, dass der Kapitalismus seine Krisen hat, sucht und sieht sie die Krise als Beweis der Lebendigkeit dieses Systems von gesellschaftlicher Organisation und Reproduktion. Und weil es weiter besteht (trotz und gerade wegen seiner Krisen), besteht auch die Linke weiter als regulierende Antwort, als ausgleichendes Element, als Verdopplung einer zyklischen Stabilisierung.</p>
<p>Als umso ketzerischer muss also aufgenommen werden, dass in der marxistischen Tradition es immer eine Tendenz gab, die die lineare Fortschrittsbewegung nicht als eine zum Besseren der Menschheit sah, nicht zu einer Erf&uuml;llung der Menschheitsgeschichte, sondern diese Erf&uuml;llung von der &Uuml;berwindung eben dieser Gesellschaftsformation abh&auml;ngig machte. Noch h&auml;retischer war es, auch die Krisen nicht als notwendige Durchgangsstadien, Entwicklungkorrekturen und Marktbereinigungen zu sehen, sondern in ihr immer schon die Bruchlinien zu sehen, an denen die Reproduktion zum Erliegen kam. Und immer schon war diese Vorstellung einer Bruchlinie, einer inneren Schranke mit der Vorstellung eines Kapitalismus verbunden, der nicht Herr seiner selbst war, sondern ein selbstreferenzielles System, das auf die eine oder andere Weise sein Absterben hinausz&ouml;gert.</p>
<p>Es sind diese Begriffe von finaler Krise, die nun auch Kurz verwendet und argumentiert. Auch er behauptet einen Kapitalismus, der sich seiner Grundlagen begeben hat: bei Kurz ist es der Verlust der Ausbeutungsf&auml;higkeit.</p>
<p>Nun ist allerdings ein Problem, dass f&uuml;r einen Gro&szlig;teil der so genannten Linken die Krise noch immer als ein Datum aufgefasst wird. Das bedeutet, dass Krise einfach wie ein Schwarzer Freitag daherkommt, wie ein B&ouml;rsenkrach, der sich an Hand der Selbstmordf&auml;lle und der verlorenenen Verm&ouml;gen empirisch festmachen l&auml;sst. So ist aber Krise in der Tradition einer von Marx hergeleiteten Krisentheorie (Marx in seiner dunklen prophetischen Sicht, Luxemburg mit ihrem Festmachen am momentanen barbarischen Ausbruch und ihrer Forderung nach sofortigem Sozialismus nebst Gutem Leben, Adorno, der angesichts einer von ihm be- schriebenen Gesellschaft die Alternative Sozialismus oder Barbarei nicht mehr sieht und die &uuml;brig gebliebene Barbarei beklagt, Kurz in einer aktuellen Sicht, die das Publikum auffordert, angesichts seiner Zeugenschaft das Erleben der ersten Anzeichen eines finalen Untergangs in Engagement zu &uuml;bersetzen und Stellung zu beziehen) &#8211; dieser Krisenbegriff also immer nur so abzuleiten, dass aus dem gegebenen &#8211; und zwar immer schon gegebenen &#8211; Prozessieren der Wertverwertung sich seine barbarische Seite enth&uuml;llt. Dies hei&szlig;t eben nicht, dass ein Umkippen ab einem gewissen, empirisch festzustellenden Datum dingfest gemacht wird; vielmehr hei&szlig;t es: zu jedem Zeitpunkt des verwertenden Prozessierens sind wir damit konfrontiert, dass sich die Unm&ouml;glichkeit, sich in dieser Welt g&uuml;tlich einzurichten, enth&uuml;llt. Genaueres, historisch Verfolgbares steht in Kurz&#8217;&#8221;Schwarzbuch des Kapitalismus&#8221;. <a href="#a1" name="1">1</a></p>
<p>Jedenfalls ist die Crux die, dass in diesem Zusammenhang Krise nicht verstanden werden kann als ein Hereinbrechendes, ein Menetekel, das zum Sturz des einen Tyrannen f&uuml;hrt und Platz f&uuml;r seinen dynastischen Nachfolger schafft. Krise wird hier immer gefasst als die dunkle Seite des Kapitalismus, als das stets einl&ouml;sbare Versprechen seiner barbarischen Zerst&ouml;rungspotenz und deren Gewalt, sich der zivilen Fesseln zu entledigen. <a href="#a2" name="2">2</a> So also wird Krise im Zusammenhang mit der polemischen Diskussion, die Kurz im Buch vom Weltordnungskrieg entfaltet, zu einem prozessierenden Verh&auml;ltnis, das nur noch nach sinnlichem Erleben, nicht aber nach wissenschaftlicher Empirie verlangt. &Uuml;berhaupt entzieht sich ein so gefasster Krisenbegriff dem empirischen Nachweis. Wenn etwa Kurz (in seinen Artikeln und im &#8220;Schwarzbuch&#8221;) behauptet, die Krise der dritten industriellen <a href="#a3" name="3">3</a> Revolution sei als finale gekennzeichnet dadurch, dass die ausgesto&szlig;ene, wegrationalisierte Masse an vorrevolution&auml;rer Arbeitskraft nicht mehr durch die neue Organisation von toter Arbeit auf h&ouml;herer Stufenleiter eingesogen, wettgemacht und &uuml;berkompensiert werden k&ouml;nne, um einen neuen Produktivit&auml;tszyklus in Kraft zu setzen, dann ist dies empirisch nicht nachvollziehbar und nicht beweisbar (genauso wenig wie eine andre Beschreibung krisenhafter Ph&auml;nomene, zum Beispiel der tendezielle Fall der Profitrate. Immer handelt es sich bei diesen Beschreibungen um theoretische Extrapolationen erfahrener Unzul&auml;nglichkeiten &#8211; der Arbeitslosigkeit, des Konkurses, der Armut).</p>
<p>Andrerseits ist die herk&ouml;mmliche Beschreibung des Fordismus &#8211; bezogen auf seine Produktivit&auml;t, sein Wirtschaftswunder und auf den nicht eingetretenen Fall seiner Finalit&auml;t<a href="#a4" name="4">4</a> &#8211; auch erst als Prophezeiung aus dem schon bekannten Geschehen her m&ouml;glich. Schlichtweg angenommen, der Kalte Krieg h&auml;tte seinen Verlauf nur ein bisschen anders genommen; etwa dass Glenn Ford nicht so gut gelandet w&auml;re wie Juri Gagarin, h&auml;tte unsere heutige Gegenwart in eine andre Richtung f&uuml;hren k&ouml;nnen mit dem ganzen gelobten Fordismus, und die vaticinatio ex eventu w&uuml;rde heute anders aussehen.</p>
<p>Pl&ouml;tzlich w&auml;ren Marshall-Plan und Wirtschaftswunder faux-frais gewesen, um Vietnam w&auml;re nie gek&auml;mpft worden etcetera etcetera. Nat&uuml;rlich ist dieses Argument ein dummes, und ich will mich in Konjunktive nicht weiter vertiefen. Mir geht es hier nur darum, angesichts sogetaner Kontingenzen nicht unbedingt aus einem Geschehenen eine einzige unabdingbare Notwendigkeit als einzig M&ouml;gliches (noch dazu ex eventu) her zu leiten. Dieses damals Geschehene war nicht determiniert in dem Sinn, dass heute daraus Destilliertes schon damals nur das nun bekannte Ergebnis und sonst keins h&auml;tte zeitigen k&ouml;nnen.</p>
<p>Anders gesagt: wer die Welt in der Epoche des Fordismus betrachtet und daraus eine finale Krise erschlossen h&auml;tte, h&auml;tte nicht weniger Zustimmung oder Ablehnung als Kurz heute zu erfahren gehabt. Dies etwas polemisch zur Kritik der Finalit&auml;t der Krise und in dieser polemischen Haltung zugegebener Ma&szlig;en verk&uuml;rzt; aber aus dem gesamten Kontext der Diskussion l&auml;sst sich zweierlei Krisenbegriff heraussch&auml;len: einerseits Krise als zyklische Wiederkehr innerhalb der linearen Fortschrittsbewegung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, nur dazu angetan, innerhalb dieser linearen Bewegung Reinigungs- und Umbruchsdaten zu liefern, Marken der Entwicklung eben. <a href="#a5" name="5">5</a>Andrerseits gibt es den elaborierten Begriff einer Krise, der sich nicht von datierten Konjunktureinbr&uuml;chen herleitet, sondern von den Zumutungen, die, aus und mit der fetischistischen Vergesellschaftung entstanden und als Struktur in wandelbarer Erscheinung immer vorhanden, Gutes Leben und eine ma&szlig;volle Reproduktion der Leute zugunsten ma&szlig;loser Reproduktion der Werte verunm&ouml;glichen. Was als Krise in diesem Zusammenhang beleuchtet wird, hat daher auch den Charakter des Legitimationsverlusts &#8211; in die Krise ger&auml;t nicht nur das System, sondern auch der Konsens.</p>
<p>Was Kurz also in seiner Polemik als krisenhafte Entwicklung der dritten industriellen Revolution bezeichnet, ist der prozessierende Charakter des gesamten Kapitalismus in seiner Totalit&auml;t. Was dabei als finaler Charakter bezeichnet wird, ist die Einsicht in Widerspr&uuml;che und Aporien, die ein Funktionieren dieser Produktions- und Vergesellschaftungsweise, gemessen an gelungener Reproduktion und Gutem Leben, als unm&ouml;glich erscheinen lassen. Was als empirische Beschreibung Kurz dabei anbietet, gemessen an der Entwicklung von B&ouml;rsenkursen, Arbeitslosenstatistiken und fallierenden National&ouml;konomien, ist nicht das Material, das eine Prophetie &uuml;ber den Untergang des Systems untermauert. Vielmehr ist es der Hinweis darauf, dass Gutes Leben und gesicherte Reproduktion ohne Wachstum<a href="#a6" name="6">6</a> denkbar und m&ouml;glich sind, und wir uns um unsrer selbst willen mit dieser Vorstellung vertraut machen m&uuml;ssen. So enth&auml;lt der Begriff der finalen Krise auch ein Moment des Programmatischen, aus Zeiten, als das W&uuml;nschen noch geholfen hat.</p>
<p>Keinesfalls aber m&uuml;ssen wir uns finale Krise so denken, dass wir jetzt dem Zusammenbruch der b&uuml;rgerlichen Geselligkeit zusehen k&ouml;nnen, als w&auml;re es ein Lehrst&uuml;ck. Wobei wir zusehen, ist ein Prozess, den die Leute schon immer beobachten konnten. Und wir wollen nicht vergessen: der Untergang der modernen christlichen Antike hat sich &uuml;ber wenigstens zwei Jahrhunderte gezogen und wurde im Bewusstsein der Damaligen h&ouml;chst unterschiedlich interpretiert, wenn auch die Zeitzeugenschaft an der langen Katastrophe, am schleichenden Verfall unbestritten war. Rom ist auch nicht an einem Tag zerst&ouml;rt worden. Ein anderer Bezug, der in Kurz&#8217; Philippika fehlt &#8211; wie eine Darstellung, was unter finaler Krise zu verstehen ist -, ist der auf die Leute selbst. Die Menschen tauchen in seiner Polemik nur auf als Erscheinungsformen ihrer b&uuml;rgerlichen Vergesellschaf- tung, ihrer Geselligkeit: sie treten nur auf und werden wahrnehmbar im Konsens (oder als Opfer dieses Konsenses). Diesen Konsens zu demaskieren und zu destruieren, unternimmt Kurz. Insofern richtet sich sein Buch haupts&auml;chlich an &#8220;Linke&#8221;, durchaus auch in diesem abgelutschten Sinn, auch um zu zeigen, wo die traditionelle Linke seit ihrer sozialdemokratischen Geburt gelandet ist (oder schon immer war). Die Hauptsto&szlig;richtung dieser Argumentation geht aber nicht dahin, ein neues Subjekt revolution&auml;rer Affenliebe zu suchen, zu finden und zu pr&auml;sentieren. Hier geht es nur um die Absto&szlig;ung von der b&uuml;rgerlichen Subjektform selbst (so weit dies in einer Polemik gelingen kann, die selbst im Rahmen dieser Subjektformgebundenheit daherkommt) und um die Absto&szlig;ung von einem Teil des b&uuml;rgerlichen Subjekts in Gestalt der &#8220;Linken&#8221;.</p>
<p>Es verweist nun auf den Zustand dieser &#8220;Linken&#8221;, dass auch sie empirisch nicht gefasst werden kann. Sie ist amorph als Begriff und als Gebilde, und das erlaubt dann eben nur einen Text, der eine &Auml;u&szlig;erung einer Str&ouml;mung oder Schule nach der anderen herausnimmt und auf ihren argumentativen Gehalt hin untersucht. Wenn Kurz dann zur Klarstellung kommt, einig ist die &#8220;Linke&#8221; nur in der Demokratie, wie immer auch die jeweiligen Positionen in der b&uuml;rgerlichen Konkurrenz besetzt werden, dann demaskiert er diese &#8220;Linke&#8221; als dieser demokratischen Veranstaltung der b&uuml;rgerlichen Verfasstheit und Geselligkeit zuordbar.</p>
<p>Es erkl&auml;rt sich auch der spezifisch argumentative, polemische Charakter dieses Rundumschlags dadurch, dass es keine vermittelnde und vermittelbare Stellung zu einem einmal erkannten &Uuml;bel geben kann. Insofern erhebt sich nat&uuml;rlich die Frage nach der eigenen Stellung verkn&uuml;pft mit der Frage nach der Stellung der aus dem Reproduktions- und Organisationszusammenhang Geworfenen. Die Frage bleibt im Buch unbeantwortet, oder nur negativ aufgel&ouml;st. Manchmal taucht an den R&auml;ndern der Argumentation wie ein Blitz ein kurzer Ausblick auf ein Jenseits auf: &#8220;Weltkibbuz&#8221; steht irgendwo &#8211; als Ahnung hingeworfen, nicht argumentiert und nicht durchdacht. Aber die Frage nach unsrer Position wird vielleicht gerade dadurch angesprochen, dass die Antwort nebelhaft ist. Da schwingt etwas vom Guten Leben und von der Gemeinschaft mit.</p>
<p>Da schwingt etwas mit von einem Paradigmenwechsel: wenn alle Erscheinungen der Subjekte &#8211; seien sie auch klassen- und standesm&auml;&szlig;ig konstituiert &#8211; als konsenstragende und -bildende Form gelesen werden m&uuml;ssen, die in ihrer Konsensf&auml;higkeit schon so weit gehen, die widerspr&uuml;chlichsten Parameter, was Stand, Geschlecht, Geschichte, Tradition, Interessen, Anspr&uuml;che, Gesundheit, Ern&auml;hrung betrifft, in ihrer mehrheitsf&auml;higen, Mehrheiten erheischenden Gestalt in sich zu vereinen; wenn das so ist, dann kann die &Uuml;berwindung dieser Gesellschaftsformation nicht durch ein einziges, besonders ausgezeichnetes Segment dieser Gesellschaft gedacht werden.</p>
<p>Der Ansatzpunkt wird also nicht mehr die Frage nach dem Subjekt der Umw&auml;lzung sein (alle oder niemand, im Prinzip), sondern nach dessen Objekt; nicht wer, sondern was. Hier wird die lebensweltliche Dimension so eines in den Text eingestreuten &#8220;Weltkibbuz&#8221; deutlich. Es wird gefragt werden m&uuml;ssen nach dem Inhalt von Gutem Leben. Es wird gefragt werden m&uuml;ssen nach Geschwindigkeit und Entwicklung in Form von Gem&auml;chlichkeit, nach Kommunikation in Form von R&uuml;ckkopplung und Redundanz, nach Reichtum in Form von Verschwendung und Luxus. Es wird gefragt werden m&uuml;ssen, ob und wie Probleme einer L&ouml;sung zugef&uuml;hrt werden sollen. Ist &#8211; beispielsweise &#8211; der demokratische Terror des Mehrheitsentscheids samt Minderheitenschutz erst einmal gebrochen, wird ein entstehendes Problem gar nicht mehr danach verlangen, durch demokratischen Bescheid, b&uuml;rgerliche Exekution und Verantwortung und anschlie&szlig;ende Evaluierung bew&auml;ltigt zu werden unter Garantie der Einspruchsrechte der Anrainer und unter Ber&uuml;cksichtigung der volkswirtschaftlichen Interessen. Ganz allgemein traue ich mich zu sagen: die Dichitomie von Problemstellung und -l&ouml;sung wird aufgehoben werden k&ouml;nnen zugunsten eines work in progress, in dem die Hierarchie der Problemstellung ebenso verschwindet wie die beschlie&szlig;ende Mehrheit zugunsten einer prozessierenden Einhelligkeit das Feld r&auml;umen wird. Dass eine sogetane Gesellschaftsformation sich nicht nur mehr Zeit nehmen, sondern auch mehr Zeit haben wird, versteht sich dann von selbst.</p>
<p>Ich bin &uuml;ber die Besprechung des Buches &#8220;Weltordnungskrieg&#8221; von Robert Kurz hinaus gegangen, als Rezensent habe ich das Thema verfehlt. Das liegt am Buch. Interessant ist der Hintergrund, auf dem es verfasst wurde.</p>
<p><em><br />
<h4>Anmerkungen </h4>
<p><a href="#1" name="a1">1</a> Lekt&uuml;re empfohlen, keine Absicht der Werbung damit verkn&uuml;pft, eher das Angebot auch eines Vergn&uuml;gens der Lekt&uuml;re, Stil und Inhalt besser und interessanter als im &#8220;Weltordnungskrieg&#8221;, sinnliche Freude nicht nur an Polemik sondern auch an pers&ouml;nlicher gemeinsamer Teilhabe von Autor und Publikum; inhaltliche Einschr&auml;nkung, Warnung und gef&auml;llige Ermahnung: das Buch verkn&uuml;pft &uuml;ber das oben im Text von mir Gesagte hinaus den Begriff der Krise auch noch mit der Verunm&ouml;glichung des Guten Lebens durch die kapitalistische Vergesellschaftung. Und flugs erh&auml;lt der Krisenbegriff noch die Dimension der sinnlichen Erfahrbarkeit; nicht die kapitalistische (&ouml;konomische) Reproduktion ist in Frage gesellt, sondern im Gegenteil &#8211; um diese zu gew&auml;hrleisten &#8211; deine eigene. Und das trifft auf jede Epoche zu, das Kapitel von der urspr&uuml;nglichen Akkumulation gilt in saecula saeculorum.</p>
<p><a href="#2" name="a2">2</a> Wenn es je einen Sinn gehabt hat &#8211; das Gerede vom Faschisten, den es in uns zu entdecken gibt -, dann genau in diesem Zusammenhang.</p>
<p><a href="#3" name="a3">3</a> Rsp. der informationstechnologischen, mikroprozessierenden, bioreproduzierenden; wir sehen, der Begriff ist gar nicht mehr so sehr an ein alleiniges wissenschaftliches und gesellschaftliches Substrat gebunden.</p>
<p><a href="#4" name="a4">4</a> An den Fordismus war immer eine doppelte Erscheinung des Proletariats gebunden: zum einen das Proletariat, das endlich versorgt im Wohlstand lebt, zum anderen das Proletariat, das endlich wie ein Mann aufsteht und die massierten Produktionsmittel &uuml;bernimmt (vor dem Weltkrieg) oder sie durch die Bestreikung der Massenfabrik ad absurdum f&uuml;hrt (nach dem Weltkrieg).</p>
<p><a href="#5" name="a5">5</a> In dieser Sicht ist auch mit einem Ende der b&uuml;rgerlichen Bewegung zum Fortschritt als einem Erreichen des Ziels der Geschichte verbunden, dass Krisen nicht mehr existieren k&ouml;nnen und verschwinden m&uuml;ssen &#8211; das Ende der Geschichte also sich nicht als &Uuml;berwindung, &Uuml;berschreitung, Transzendenz darstellt, sondern als Erf&uuml;llung, Vollendung.</p>
<p><a href="#6" name="a6">6</a> In diesem Zusammenhang m&ouml;chte ich auf eine von mir des &Ouml;fteren ge&auml;u&szlig;erte Mutma&szlig;ung verweisen, dass die Entwicklung der sinnlichen F&auml;higkeiten schon l&auml;ngst abgeschlossen ist (sp&auml;testens seit dem Ende des 17. Jahrhunderts). Es besteht also keinerlei reproduktive Notwendigkeit mehr, den Lebensgenuss an die erweiterte Reproduktion einer sich selbst verwertenden Wirtschaft zu binden und Bed&uuml;rfnisse zu wecken, die weder zu befriedigen sind noch eine Notwendigkeit an der Lebenswelt darstellen. Ebenso ist heute die Entwicklung des Wissens &uuml;ber Natur und Kunst gar nicht mehr an die Freude am Wissen und Gestalten gebunden, sondern dieser Verbindung von Sinnessucht und &Ouml;konomie untergeordnet &#8211; auch hier also die Reproduktion von den Leuten auf die Maschine umgekuppelt.</p>
<p></em></p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/nachgedachtes-und-vorausgesetztes">Nachgedachtes und Vorausgesetztes</a></p>
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		<title>Denn f&#252;r dieses Leben ist der Mensch nicht schlau, nicht schlecht, nicht anspruchslos, nicht gut genug</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>

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		<description><![CDATA[&#220;ber die Schwierigkeit, gegen das eigene Dasein zu denken und zu handeln<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/denn-fuer-dieses-leben-ist-der-mensch-nicht-schlau-nicht-schlecht-nicht-anspruchslos-nicht-gut-genug">Denn f&#252;r dieses Leben ist der Mensch nicht schlau, nicht schlecht, nicht anspruchslos, nicht gut genug</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-889"></span></p>
<p></em>F&uuml;r ein Leben in dieser Gesellschaft ist die Spezies Mensch sehr schlecht ger&uuml;stet. Aus der Evolution sind wir &uuml;ber blo&szlig; biologische Ma&szlig;st&auml;be zu gesellschaftlichen Lebenwesen hinausgewachsen, die sich in vielerlei Art bewusst aufeinander beziehen und kooperieren m&uuml;ssen, um lebensf&auml;hig zu sein. Das moderne gesellschaftliche Leben jedoch bringt uns in Widerspruch dazu: es setzt isolierte Individuen voraus, die grunds&auml;tzlich miteinander konkurrieren und auch ihre Kooperation diesem &#8220;Krieg aller gegen alle&#8221; unterordnen. Um uns in einer so wenig lebensfreundlichen Umgebung &uuml;berhaupt lebensf&auml;hig zu erhalten, braucht es &#8211; wie im Krieg &uuml;blich &#8211; eine Etappe, ein Hinterland mit Lazaretten, wo wir unsere Wunden versorgen und uns wieder fit machen sollen f&uuml;r den mannhaften &#8220;Kampf ums Dasein&#8221;, einen eigenen, von der offiziellen Gesellschaft abgespaltenen, ins Famili&auml;re und &#8220;Private&#8221; abgedr&auml;ngten, &#8220;weiblichen&#8221; Bereich, ohne den der gesellschaftliche Burnout binnen k&uuml;rzestem unabwendbar w&auml;re.</p>
<p>Es ist nur logisch, dass diese &#8220;Lebens&#8221; weise nur in der Form jahrhundertelanger kriegerischer und polizeilicher Gewalt &uuml;ber die widerstrebende Menschheit kommen konnte, bis es gelang, diese Zust&auml;nde nicht nur gewaltsam aufzuzwingen, sondern sie auch zu stabilisieren. Von da an pr&auml;sentierten und pr&auml;sentieren die Sch&ouml;nredner des Systems dieses den Nachgeborenen als naturgegeben wie die Schwerkraft. Heutzutage beginnt sich diese Stabilit&auml;t jedoch wieder in das aufzul&ouml;sen, aus dem sie gekommen ist &#8211; in blanke Gewalt. Sie sickert &uuml;berall auf der Welt auf jeder Ebene der Gesellschaft hervor oder bricht offen aus, zwischen Individuen, zwischen verschiedenartigsten Banden und zwischen Staaten. <a href="#a1" name="1">1</a></p>
<p>Das urspr&uuml;nglich in den fr&uuml;hneuzeitlichen Milit&auml;rdespotien f&uuml;r den Bau und die Finanzierung von Kanonen und Festungen umfassend forcierte Kapitalverh&auml;ltnis brauchte zu seiner Entwicklung bekanntlich die Abpressung und den Raub gro&szlig;er Geldmengen sowie die massenhafte Verwandlung von ihrem Land vertriebener Bauern in &#8220;Arbeiter&#8221;. Damit verbunden war eine soziale und psychische Verst&uuml;mmelung der Menschen: Ihre &uuml;berkommenen sozialen Beziehungen, Anrechte, Sicherheiten und Gestaltungsm&ouml;glichkeiten wurden von den sich formierenden modernen Staaten mit B&uuml;rokratie, Polizei und Milit&auml;r kassiert bzw. wurden sie auf den sich entwickelnden M&auml;rkten Zug um Zug gegenstandslos. Die Arbeitsh&auml;user, in denen die zu Landstreichern gemachten Bauern zur &#8220;Arbeit&#8221; &#8211; zur fremdbestimmten T&auml;tigkeit ohne Bezug aufs eigene Leben &#8211; gezwungen wurden, die Landsknechtarmeen der fr&uuml;hmodernen F&uuml;rsten, die seit dem 15. Jhdt. f&uuml;r Sold Europa verheerten, und der Opfergang &uuml;berhaupt aller der Kriegsmaschine Unterworfenen &#8211; das waren die Schulen, in denen der moderne Mensch in blutigen Lektionen gebildet wurde, in denen sein Eigenwille gebrochen und ihm neue Imperative eingepflanzt wurden und in denen er schlie&szlig;lich lernte, Arbeit als Tugend, Morden als patriotische Pflicht und der Staatsgewalt weitestgehend schutzlos ausgesetzt zu sein als eine Naturgegebenheit des Lebens zu begreifen.</p>
<p>Die Auslieferung der Gesellschaft an die Zw&auml;nge der Geldvermehrung auf der einen Seite und der neuen souver&auml;nen Staatsmacht, die sich Zugriff auf alles und jeden verschaffte, auf der anderen Seite sind der Geburtsprozess der modernen &Ouml;konomie und Politik. Diese historische Herkunft pr&auml;gt ihren Charakter als den Menschen absolut beherrschende, sein Leben durchdringende Zwillingsm&auml;chte. F&uuml;r jene Auslieferung war eine Art Entgesellschaftung des Menschen unabdingbar, sie setzte die gewaltsame Reduktion des animal sociale voraus, eine Reduktion des Einzelnen auf isoliertes, aller weiteren Bestimmungen entkleidetes, unterworfenes, nacktes Leben. Ein Leben, das nicht mehr einfach durch sein Dasein in der Gesellschaft als Gottesgabe schon unbestreitbar war, sondern nunmehr erst einen Wert und eine Be- Rechtigung erhielt durch seine Brauchbarkeit (und Bew&auml;hrung) f&uuml;r Dinge, die mit ihm nichts zu tun haben, also abstrakt sind, n&auml;mlich f&uuml;r den Dienst an der Kapitalverwertung und am souver&auml;nen Staat.</p>
<p>Erzwingen lie&szlig; sich das nur mit der Fuchtel des S&ouml;ldlings eines F&uuml;rsten und mit dem Stock des Arbeitshaus-Aufsehers. Mit der Niederlage und Resignation des Widerstands verfestigte sich die &#8220;fl&uuml;ssige&#8221; Gewalt zu Gesetz und Ordnung, der disziplinierte Arbeitsh&auml;usler wurde zum Untertan des Rechts und des Gewaltmonopols des Staates sowie zum Verk&auml;ufer seiner selbst am Markt. Doch auch mitten in dieser &#8220;Befriedung&#8221; stehen die St&auml;tten f&uuml;r die Ein&uuml;bung in den &#8220;Ernst des Lebens&#8221; im Arbeitslager der Verwertung, ins Ausgeliefertsein der auf sich selbst Gestellten: die Schule, die Armee, das Arbeitsamt und das Gef&auml;ngnis f&uuml;r die Renitenten.</p>
<p>Nach f&uuml;nfhundert Jahren Durchsetzungsgeschichte dieser Preisgabe von Menschenleben an abstrakte, nichts desto weniger ungemein wirksame Prinzipien beziehen auch Machthaber in Politik und Wirtschaft ihr Selbstbewusstsein und Wohlgef&uuml;hl nicht mehr von ihrem Lebensgenuss, sondern vom (Geld-)Wert ihrer &#8220;Arbeit&#8221;. Sechzig und mehr Stunden Einsatz in der Woche gelten als Qualit&auml;tsmerkmal, und die Frage nach Sinn oder Unsinn, nach Nutzen oder Schaden dieser T&auml;tigkeit f&uuml;r die Gesellschaft, f&uuml;r ein &#8220;Gutes Leben&#8221; der Menschen l&ouml;st leicht Unverst&auml;ndnis oder Aggression aus. <a href="#a2" name="2">2</a> Eine eingehende Besch&auml;ftigung damit w&auml;re der (Arbeits)Moral des Nachdenkenden auch sicherlich abtr&auml;glich. Seit zwei Jahrhunderten wird der Kampf um soziale Fragen fast nur noch in den nicht mehr hinterfragten siegreichen Formen von &Ouml;konomie und Staat, von Lohnarbeit und Kapital auf dem Boden der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und ihrer Begriffe gef&uuml;hrt. Die durchschlagskr&auml;ftigste B&uuml;rgerbewegung war dabei die der Arbeiter. In ihrem Kampf um soziale und politische Anerkennung setzten sie die Gleichheit vor dem Gesetz und die Freiheit auf dem Markt durch. Sie &uuml;berwanden nicht die b&uuml;rgerliche Gesellschaft, sondern vollendeten sie, indem sie die Institution ihrer Unterwerfung unter Wert und Geld, die Arbeit, zum h&ouml;chsten Gut machten und eine Welt von &#8220;Mitarbeitern&#8221; schufen. Zum Souver&auml;n und W&auml;chter dieses Zustands der Entm&uuml;ndigung wurden schlie&szlig;lich die Betroffenen selbst, die sich als Volk nunmehr in Selbstbeherrschung &uuml;ben. F&uuml;r die heutigen eingefleischten Demokraten ist daher schon jeder Gedanke an Befreiung aus diesem Zustand fast eine Zumutung, ja sie f&uuml;rchten sich davor wie die zeitlebens in der Legebatterie sitzenden Hennen vor dem offenen Land. Dass Depression in den L&auml;ndern mit Statistik unter den verbreitetsten Krankheiten ausgewiesen wird und hunderte Millionen ohne Drogen den Alltag nicht mehr schaffen, ist da wohl nur konsequent.</p>
<p>Dabei w&auml;ren Gedanken &uuml;ber eine grundlegende &Auml;nderung unseres Lebens h&ouml;chst an der Zeit. Die &#8220;sch&ouml;ne Maschine&#8221; des Kapitalismus hat den Takt verloren. Staat, Nation, Klasse, Markt, Arbeit, Geld und Kapital sind nicht mehr abgestimmt, sie funktionieren nicht mehr recht, die Widerspr&uuml;che sind nicht mehr lebbar, die festen Regeln schmelzen zu dem, woraus sie entstanden sind &#8211; zur offenen Gewalt. Das siamesische Zwillingspaar mit dem einen Herzen steht vor dem Infarkt. Die erlahmende Verwertung kr&auml;nkt das Kapital und l&auml;sst den Staat (ver)hungern. Die &Ouml;konomie, das ohnehin stets krisenhafte Fundament des Staats, bricht unter diesem weg und w&auml;chst zugleich &uuml;ber ihn hinaus. Die einen Staaten gehen bankrott, weil ihre Wirtschaft in der Konkurrenz erliegt, andere geraten finanziell ins Trudeln, weil ihre weltmarktg&auml;ngigen Konzerne die nationalen Schranken gesprengt haben und Steuergeld kassieren statt zu zahlen<a href="#a3" name="3">3</a>, Bedingungen stellen und keine mehr sich stellen lassen. Dass der Staat damit als Regulator ohnm&auml;chtig wird, ist ebenso ein Schlag gegen seine Souver&auml;nit&auml;t wie die Sinnentleerung seiner Aufgabe, Herstellung, Kauf, Verkauf und gute F&uuml;hrung der Ware Arbeitskraft zu kontrollieren in einer Zeit, wo diese Warensorte auf Dauer Brauchbarkeit und Wert verliert. Wozu auch sollte Expansion qua Eroberung noch gut sein, wenn doch, was irgendwo verwertbar ist, schon offen steht und Herrschaft &uuml;ber Mensch und Land wie diese selbst nicht lohnt.</p>
<p>Dass als Mensch immer nur gedacht war, wer zum Gesellschaftszweck der Geld- und Kapitalvermehrung was beizutragen hatte, wird nunmehr grell deutlich, wo Milliardenmassen unverwertbar werden. Wertlos hei&szlig;t auch rechtlos: Asylanten werden Sch&uuml;blinge, Freiwild, abgefackelt, gegen Wirtschaftsfl&uuml;chtlinge steht das Heer jetzt an der Grenze, Arbeitslose sind Sozialschmarotzer, und sind kranke Rentner noch jede &auml;rztliche Behandlung wert? Krieg und Besetzung werden auch zum Mittel der Ausgrenzung in der Konkurrenz: die mit Arbeit noch irgendwie Versorgten versuchen sich die &Uuml;berfl&uuml;ssigen vom Leib zu halten, &auml;u&szlig;erer Krieg als Fortsetzung der Verdr&auml;ngungskonkurrenz daheim.</p>
<p>Die Milit&auml;rmaschinen, mit denen die Herrschaft von Souver&auml;nit&auml;t und Arbeit &uuml;ber die Gesellschaft errichtet wurde, bestehen auch im Verfall der Prinzipien noch weiter, wenn auch weithin nur noch als Marodeure. Wenn Unterwerfung nicht mehr rentabel oder jenseits aller M&ouml;glichkeiten ist, bleibt vom Gesch&auml;ft noch mindestens Mord, Pl&uuml;nderung und Zerst&ouml;rung. Die Unn&uuml;tzen werden zum Neutrum: Unn&uuml;tzes muss nicht geschont werden, ist zur Vernichtung freigegeben. Welche Ausma&szlig;e das anzunehmen droht, ist im Bewusstsein der meisten Menschen (noch) nicht pr&auml;sent. Ohne dass es Massenproteste ausgel&ouml;st h&auml;tte, ist die Drohung der atomaren Selbstvernichtung der Menschheit aktueller da denn je. Die angels&auml;chsische Weltpolizei bedroht heute &#8220;Schurkenstaaten&#8221; unverbl&uuml;mt und offen mit atomarer Vernichtung, und auch beim Gegenbild des Kriegs, beim Terror, steht der nuklearen Eskalation seit dem 11. September nicht mehr viel im Wege. <a href="#a4" name="4">4</a> Es ist kein Gleichgewicht des Schreckens mehr, dem Verh&auml;ltnis fehlt die Symmetrie, das jeweilige Gegen&uuml;ber ist ziemlich wehrlos, die Ebenen sind verschieden, sie treffen erst in der Gewalt und ihren Folgen zusammen. Daher schreckt der Plan des einen Angriffs den anderen nicht l&auml;nger ab, auch ist es m&uuml;&szlig;ig, Selbstm&ouml;rdern mit dem Tod zu drohen. <a href="#a5" name="5">5</a> Dass sie solche sind, scheinen allerdings nur die des Terrors schon zu wissen. Das Ende dieses Weg w&auml;re das Ende unserer Schwierigkeiten mit &#8220;diesem Leben&#8221; in der globalen Selbstvernichtung. Zu ihrer Vermeidung und zur Suche nach einem Ausweg soll die Einsicht in die Gefahr beitragen, und ein ganz klein wenig vielleicht auch noch eine &Uuml;berlegung am Schluss dieser Zeilen.</p>
<h4>&Uuml;ber die Schwierigkeit, gegen das eigene Dasein zu denken und zu handeln </h4>
<p>Wer sich mit der Gesellschaft theoretisch besch&auml;ftigt, tut das &uuml;berlicherweise im Sold einer Universit&auml;t oder eines vergleichbaren Instituts, im finanziell nat&uuml;rlich weit ung&uuml;nstigeren Fall nur als Redakteurin oder Beitr&auml;ger einer Zeitschrift wie der vorliegenden. Was er/sie denkt, vortr&auml;gt und schreibt, ist f&uuml;r zahlende oder subventionierte Zuh&ouml;rer und Leserinnen bestimmt.</p>
<p>Dabei ist keineswegs blo&szlig; Begr&uuml;ndung und Verteidigung des Vorherrschenden nachgefragt, auch Gesellschaftskritik, selbst radikale, ist unverzichtbar und hat ihren Markt und Gebrauchswert &#8211; als Grundlage von &Auml;nderung, als Korrektiv des Status quo oder als Selbstvergewisserung der Affirmation. Die Verh&auml;ltnisse sind einigerma&szlig;en klar: Die Denkerinnen, Vortragenden und Schreiber m&uuml;ssen dem Institutserhalter, der H&ouml;rerin und den K&auml;ufern Geld wert sein, und diese erwarten vom Produkt jener einen Beitrag f&uuml;r ihre Zwecke &#8211; ob sie sich nun orientieren wollen, um besser voranzukommen &#8220;in dieser Welt&#8221;, ob es um die Ausgestaltung, Reparatur und Reform, um die Umw&auml;lzung oder Stabilisierung der Gesellschaft geht. Der Vorgang ist eingespielt, es gibt Lehrbetrieb, Vortrags-, Veranstaltungs-, Verlags-, Redaktions- und Abonnenmentwesen, Einbindung in weltanschauliche Richtungen und/oder gesellschaftliche Machtstrukturen.</p>
<p>F&uuml;r eventuelle praktische Konsequenzen allf&auml;lliger Erkenntnisse ist nach herrschendem Verst&auml;ndnis die Politik zust&auml;ndig mit allen ihren oft gegens&auml;tzlichen Verfahren, Spielarten, Richtungen und Organisationsformen, den legalen wie den illegalen, den Verteidigern der Macht im Staat und denen, die an sie wollen, den Reaktion&auml;ren, den Reformisten und den Revolution&auml;ren. Doch was immer sie anstellen, sie entkommen der grundlegenden Verfassung der Dinge nicht: Wer sich als homo politicus versteht, hat sich als homo oeconomicus schon mit verstanden, als die beiden unzertrennlichen Auspr&auml;gungen des K&auml;mpfers im mehr oder weniger regulierten bellum omnium contra omnes (Krieg aller gegen alle) in der Gesellschaft der Neuzeit. Und dies noch dazu in einer Phase, wo all dies aus dem Ruder l&auml;uft und in der Politik das kleinere &Uuml;bel dem gro&szlig;en, mit dem es sich pr&uuml;gelt, schon sehr &auml;hnlich sieht.</p>
<p>Der notwendige Bruch mit diesen Verh&auml;ltnissen kann vermutlich selbst im Denken nicht &uuml;ber die ersten Anf&auml;nge hinauskommen, wenn die Denkenden nicht auch das eigene Waren- und Konkurrenzsubjekt ins Auge fassen und zum Gegenstand der Diskussion und zu einem praktischen Problem machen. Nicht nur ganz allgemein in der Lebenspraxis, sondern auch schon im theoretischen Bem&uuml;hen geh&ouml;rt es zu den Bedingungen unseres Erfolgs, dass mit der Kampfhundmentalit&auml;t dieser Gesellschaft im Denken und Handeln bewusst gebrochen wird, wenn wir hinauskommen wollen &uuml;ber den Terror der &Ouml;konomie und das Fiasko der Politik.</p>
<h4>Anmerkungen </h4>
<p><a href="#1" name="a1">1</a> F&uuml;r nat&uuml;rlich weitaus eingehendere &Uuml;berlegungen nicht nur zu diesem Detailthema verweise ich auf das neu erschienene Buch von Robert Kurz: &#8220;Weltordnungskrieg. Das Ende der Souver&auml;nit&auml;t und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung&#8221;. Die Schrift ist so unruhig, beunruhigend und uneinheitlich wie die behandelte Thematik. Es enth&auml;lt neben theoretischen &#8211; im einzelnen durchaus diskussionsbed&uuml;rftigen &#8211; Teilen auch stark deskriptive, es geht umfangreich auf die zeitgen&ouml;ssische Debatte ein und scheut auch vor scharfer Polemik nicht zur&uuml;ck.</p>
<p><a href="#2" name="a2">2</a> Ein &#8220;beruflich erfolgreicher&#8221; junger Mann, der durchaus f&uuml;r kritisch gelten will, formulierte mir gegen&uuml;ber die im Grunde schon autoaggressive Anspruchslosigkeit des Arbeitsmenschen so: &#8220;Meine Arbeit ern&auml;hrt ihren Mann und bringt niemanden um, zumindest nicht direkt.&#8221; Und ich nehme an, dass das ein weitaus h&ouml;herer Anspruch ist, als viele ihn stellen (d&uuml;rfen).</p>
<p><a href="#3" name="a3">3</a> Das ist auch im Mainstream l&auml;ngst nicht mehr unbekannt. So sagte US-Wirtschaftswissenschafter Lester C. Thurow, einer der Star-&Ouml;konomen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Interview in Der Standard, 28.1.2000: &#8220;Da keine politische Macht f&auml;hig ist, die Menschheit ideologisch zu f&uuml;hren, regieren k&uuml;nftig globale Konzerne und ungez&uuml;gelter technologischer Fortschritt die Welt. Heute erteilen Firmen den L&auml;ndern Befehle. (&#8230; ) Diese Firmen entrichten nicht Steuern an Staaten, sondern die Einwohner dieser Staaten zahlen Steuern an die Unternehmen. Die m&auml;chtigen Konzerne sind zu Steuerkollektoren geworden. Wenn man eine globale Wirtschaft ohne eine globale Regierung hat, erh&ouml;ht sich die Verhandlungsmacht der Unternehmen. Firmen sind mobil, L&auml;nder nicht. Der politische Prozess &#8211; bis hin zur Gesetzgebung &#8211; wird heute von Firmen beherrscht. &#8221;</p>
<p><a href="#4" name="a4">4</a> So der britische Verteidigungsminister Hoon vor dem Verteidigungsausschuss des Londoner Unterhauses (Der Standard, 22.3.2002). Zu den Pl&auml;nen der USA siehe den Bericht von Markus Bernath in Der Standard, 12.12.2002. Das Archiv der Zeitung ist zur&uuml;ck bis 1996 nach Anmeldung unentgeltlich im www zug&auml;nglich: http://derstandard.at</p>
<p><a href="#5" name="a5">5</a> F&uuml;r diesen postmodernen Krieg gilt jedenfalls, was Martin von Crefeld allgemein vom Krieg behauptet: &#8220;In gewisser Weise ergibt der Krieg (&#8230; ) nur dann einen Sinn, wenn er nicht als ein Mittel, sondern als ein Zweck empfunden wird (&#8230; ) der wahre Kern des Krieges besteht nicht darin, dass die eine Gruppe einfach eine andere t&ouml;tet, sondern in der Bereitschaft der Mitglieder, wenn n&ouml;tig selbst get&ouml;tet zu werden.&#8221; (Die Zukunft des Krieges, New York 1991, dt. M&uuml;nchen 1998, S. 322)</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/denn-fuer-dieses-leben-ist-der-mensch-nicht-schlau-nicht-schlecht-nicht-anspruchslos-nicht-gut-genug">Denn f&#252;r dieses Leben ist der Mensch nicht schlau, nicht schlecht, nicht anspruchslos, nicht gut genug</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Transnational statt internationalistisch!</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2003/transnational-statt-internationalistisch</link>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:44:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Nation und Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>

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		<description><![CDATA[UNGESCHLIFFENE THESEN. VORABFASSUNG Streifz&#252;ge 1/2003 von Franz Schandl Wir werden mehr umdenken m&#252;ssen als wir vor einigen Jahren noch glaubten. Aus dem Reformationsprojekt des Sozialismus ist inzwischen ein Abbruchunternehmen geworden und immer weniger eignet sich zur Weiterverwendung. Kein Begriff, der heute noch ungeniert verwedet werden k&#246;nnte. Die Aufgabe ist gr&#246;&#223;er als angenommen und &#252;bersteigt bei [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/transnational-statt-internationalistisch">Transnational statt internationalistisch!</a></p>
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>UNGESCHLIFFENE THESEN. VORABFASSUNG</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-896"></span></p>
<p>Wir werden mehr umdenken m&uuml;ssen als wir vor einigen Jahren noch glaubten. Aus dem Reformationsprojekt des Sozialismus ist inzwischen ein Abbruchunternehmen geworden und immer weniger eignet sich zur Weiterverwendung. Kein Begriff, der heute noch ungeniert verwedet werden k&ouml;nnte. Die Aufgabe ist gr&ouml;&szlig;er als angenommen und &uuml;bersteigt bei weitem unsere bisherigen Kr&auml;fte. Wer h&auml;tte vor zwanzig, ja vor zehn Jahre noch gedacht, dass es irgendwann Zeit wird, den allseits gut beleumundeten Terminus des &#8220;Internationalismus&#8221; als trojanisches Pferd zu bezeichnen und folgerichtig zu kippen. Doch genau das steht an und wird in Folge auch unternommen. </em></p>
<h4>1. </h4>
<p>Der Internationalismus setzt V&ouml;lker und Nationen als getrennte, abgespaltene und eherne Einheiten voraus. Er m&ouml;chte Nationen als vern&uuml;nftige Nachbarn etablieren, V&ouml;lker verbinden, daher auch das institutionalisierte Gef&uuml;ge der &#8220;United Nations&#8221;. Im Internationalismus wird die Nation eben nicht in Frage gestellt, sondern positiv codiert. Sie wird nicht aufgegeben, ihr wird gerade inbr&uuml;nstig angehangen. Nation wird anerkannt, dass &#8220;inter&#8221; vorne k&uuml;ndet nur davon, dass es auch friedvoller ginge, lie&szlig;e man die V&ouml;lker nur machen. V&ouml;lkerfreundschaft nennt sich das dann. Internationalismus bedeutet lediglich Koexistenz.</p>
<h4>2. </h4>
<p>Der Internationalismus dehnt das Nationale nur international aus, anstatt es hier wie dort konsequent zu negieren. Er will Begrenzungen und Schranken schmackhaft machen, d. h. ontologisieren, eben nicht als verg&auml;nglich und &uuml;berwindenswert auffassen. Das unentwegte Gerede der V&ouml;lker vergisst die in ihnen eingesperrten Menschen bzw. degradiert sie geradewegs zu unterworfenen Subjekten.</p>
<h4>3. </h4>
<p>Die &Uuml;berwindung der Nation ist nicht die Internation. Weder Internationale noch Internationalismus. Dass jede Nation sowieso Internation ist, weil jene ohne diese gar nicht zu denken ist, scheint den Internationalisten sogar weniger zu kommen als den Nationalisten. Selbstredend ist die nationale Konkurrenz nichts anderes als ein internationaler Wettbewerb. Der Grundvorwurf an den Internationalismus ist der gleiche wie an den Nationalismus: Sie wollen beide die Nation erhalten, sie ist Fixpunkt ihrer &Uuml;berlegungen. Diese Fixierung zeugt von einer v&ouml;lligen Befangenheit in den Kategorien Staat und Politik. Gerade &#8220;politisch sein&#8221; oder &#8220;Politik machen&#8221; hei&szlig;t im Sinne der staatlichen Ordnung t&auml;tig zu werden, hei&szlig;t den nationalen Rahmen und die internationale Konstellation als Grundvoraussetzungen zu akzeptieren, so abweichend die Vorstellungen auch sein m&ouml;gen. Diese Befangenheit wird im Internationalismus &uuml;berhaupt nicht problematisiert. Wer Politik machen will, will mit Nationen auf internationaler Ebene handeln.</p>
<h4>4. </h4>
<p>Wer f&uuml;r das Internationale ist, gibt zu verstehen, dass er f&uuml;r das Nationale ist, was meint, die V&ouml;lker sollen weiterbestehen statt abgeschafft werden. Der Internationalismus ist eine besondere Formel des Nationalismus, und zwar die Sch&ouml;nwetterformel f&uuml;r die Linken aller ihrer Herren L&auml;nder. Wobei stets die Nation andere Nationen anerkennen muss, denn sie ist durch das sich staatlich Auszugrenzende definiert. Ich bin, weil es andere gibt. Internationalismus ist Multiplizierung durch gegenseitige Best&auml;tigung und Zulassung. Internationalismus sagt aus, dass jede Nation bei sich bleiben sollte oder (was dann schon schlimmer ist) zu sich kommen d&uuml;rfte. Er genehmigt die durchgesetzten Nationen als seine Grundlage, schlie&szlig;t aber andere Durchsetzungen nicht aus. Aus diesem Verst&auml;ndnis heraus ist es nur logisch gewesen, die richtig so benannten &#8220;nationalen Befreiungsbewegungen&#8221; frenetisch zu unterst&uuml;tzen.</p>
<h4>5. </h4>
<p>Die Nation ist der heilige (aber handfeste) Geist des Staates, der Internationalismus dementsprechend die Anerkennung, dass es neben meinem Geist auch andere gibt. Anstatt der Geisterei ein Ende zu machen, hebt er sie nur auf demokratische Basis. Die internationalistische Gesinnung ist nicht das Gegenteil der nationalistischen, sondern deren Fortsetzung. Nicht nur zum eigenen Staat wird sich bekannt, sondern gleich zu den vielen anderen auch. Internationalismus ist pluralistische Prostaatlichkeit.</p>
<h4>6. </h4>
<p>Die Frontstellung &#8220;Internationalisten gegen Nationalisten&#8221; mag in einer gewissen Epoche progressiven Sinn gehabt haben, heute ist sie nur noch reaktion&auml;rer Unsinn. Die Internationalisten der Gegenwart sitzen in der EU, der USA, der NATO. Peter Handke hatte schon recht als er anl&auml;sslich der Zerschlagung des alten Jugoslawiens gegen die &#8220;Internationalen&#8221; wetterte.</p>
<h4>7. </h4>
<p>Die &#8220;Internationale&#8221;, jenes ber&uuml;hmte Kampflied der Arbeiterbewegung, ist ein regressiver Schlager. Der ganzen Sermon findet sich hier; explizit: V&ouml;lker, Gefecht, Menschenrecht; implizit: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Und nat&uuml;rlich dezidiert der M&uuml;&szlig;igg&auml;nger, der beiseite geschafft werden soll. Was soll man da noch sagen? &#8211; Auf den Misthaufen der Geschichte mit alledem! Es geht auch nicht mehr um den Aufbau irgendeiner revolution&auml;ren Internationale.</p>
<h4>8. </h4>
<p>Mit einem Standpunkt, der die Nation als &#8220;eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen&#8221; (Josef Stalin) oder noch deutlicher als &#8220;eine durch Schicksalsgemeinschaft erwachsene Charaktergemeinschaft&#8221; (Otto Bauer) ausweist, ist unsere Position unvereinbar.</p>
<h4>9. </h4>
<p>Volk bezeichnet keine unbestimmte Menge, sondern das Fu&szlig;volk eines Staates. Und zwar nicht nur die zusammengefasste Masse f&uuml;r einen Staat, sondern auch die sich selbst zusammenfassende. Eine Herde, die sich f&uuml;r sich selbst h&auml;lt und h&uuml;tet. Volk bedeutet eine gemeinschaftliche Identit&auml;tsfixierung, die aber anders als Fangemeinden niederen Typs durch ihre unersch&uuml;tterliche Beharrlichkeit besticht. Man w&auml;hnt, dass man ist, wozu man sich verpflichtet f&uuml;hlt. Volk ist das Versetzen von in einem Staat (oder in einen Staat wollenden) zusammengepferchter Exemplare in einen kollektiven Wahn der <em>Geh&ouml;rigkeit</em>: Angeh&ouml;rigkeit, Zugeh&ouml;rigkeit, Zusammengeh&ouml;rigkeit, auf jeden Fall <em>H&ouml;rigkeit</em>.</p>
<h4>10. </h4>
<p>Um als Nation oder Volk anerkannt worden zu sein, mussten sich diese erst gewaltt&auml;tig ins Recht gesetzt haben. Die urspr&uuml;ngliche Akkumulation des Volkes ist ohne Krieg nicht zu haben. Daher geistern die Sagen und begeistern die Mythen. Sie sind emotionaler Grundstock jedes nationalen Gef&uuml;hlshaushalts.</p>
<h4>11. </h4>
<p>Wir glauben nicht an das friedliche Zusammenleben der V&ouml;lker. V&ouml;lker als wehrhafte Haufen staatlich organisierte Banden werden nie friedlich zusammenleben k&ouml;nnen. V&ouml;lker sind das jeweils konfrontative und wehrhafte Gegen&uuml;ber. Dienstbereites Personal ihrer Staaten. Die Dichotomie Volk und Herrschaft ist eine irref&uuml;hrende. V&ouml;lker schlie&szlig;en Ordnung und Herrschaft ein, vor allem aber Zucht in doppeltem Wortsinn. Volk meint Abgrenzung vom anderen Volk. Vice versa. Diese Abgrenzung, deren praktische Formen bis zum Krieg, ja zur Ausl&ouml;schung und Vernichtung reichen, ist dem Volk inh&auml;rent.</p>
<h4>12. </h4>
<p>Wenn Volk und Nation als allgemeine Besonderheit und eherne Einheit begriffen werden, dann kann das nur hei&szlig;en, dass alles, was ihrer &#8220;Substanz&#8221; fremd oder bedrohlich erscheint, abgewehrt, bek&auml;mpft, assimiliert oder eliminiert werden muss. Dass hat der Nationalist besser begriffen als der Internationalist, der immer noch vom friedlichen Nebeneinander (Staatengemeinschaft) oder Miteinander (multiethische Gesellschaft) tr&auml;umt.</p>
<h4>13. </h4>
<p>Der nationale Ausweis beherbergt keinen selektiven Anspruch, nirgendwo, er verweist lediglich auf die Befangenheit seiner Protagonisten. Wer erst im Volk zu sich findet, verr&auml;t sich nur als nationale Charaktermaske seines Standorts, und vor allem, dass eins sich selbst nicht hat, sondern verloren hat.</p>
<h4>14. </h4>
<p>Man soll Landschaften m&ouml;gen, Weinsorten bevorzugen &#8211; vor allem Menschen lieben! Aber es ist ausgezeichneter Unsinn, eine vorbestimmte Gruppe und einen vorbestimmten Staat via Geworfenheit als das zu Akklamierende anzuerkennen. Die Geworfenheit ist Zufall, sich ihr als Schicksal zu f&uuml;gen, ja sich positiv zu verf&uuml;gen ist ein Grund&uuml;bel unserer Zeit, das sich Patriidiotismus nennt. Patrioten sind wahrlich die Idioten ihres Staates, Anbeter einer spezifischen Abstraktion, die sie f&uuml;r Natur halten, ihnen zugeh&ouml;rige Natur, leibhaftiges Wesen, nicht konstruiertes, aber gesellschaftlich durchgesetztes Unwesen.</p>
<h4>15. </h4>
<p>Wer meint ein &Ouml;sterreicher zu sein, ist zu fragen was das denn sei au&szlig;er die vorgeschriebene Unterwerfung unter das Gewalt-, Steuer- und Rechtsmonopol des Staates? Was verbindet einen mit J&ouml;rg Haider oder Wolfgang Sch&uuml;ssel, das &uuml;ber den gemeinsamen Pass, also die Staatsb&uuml;rgerschaft hinausgeht? Irgendeine Nationalmannschaft? Irgendetwas Charakterliches? Irgendetwas Blutiges? Wir wollen doch nicht annehmen, dass einem hier wirklich etwas einf&auml;llt. Sollte dies doch der Fall sein, ist der Tr&auml;ger solcher &#8220;Mein&#8221;ung, die nichts anderes als eine &ouml;ffentlich-private Kundgebung ist, als Patriot und Nationalist ausgewiesen.</p>
<h4>16. </h4>
<p>Den Schicksalsgemeinschaften gilt es zu fliehen, aber nicht zu ihnen, sondern von ihnen. Der Bezug auf den &#8220;eigenen Staat&#8221; (gemeint ist der, dem man via Staatszugeh&ouml;rigkeit H&ouml;rigkeit zu zollen hat) hat ein rein pragmatischer zu sein. Wie nutze ich ihn? Wie erleide ich den geringsten Schaden? Auch die Staatsb&uuml;rgerschaft ist nicht zur Weltb&uuml;rgerschaft zu steigern, sondern abzuschaffen. Welchen Sinn sollte sie auch ohne Staat und B&uuml;rger machen?</p>
<h4>17. </h4>
<p>Die Gattung ist kein Zoo der V&ouml;lker. Gegen die Ethnie irgendwelcher Mehrheiten set- zen wir nicht die Identit&auml;t der Minderheiten, mag man sie auch als Notwehrgemeinschaft tolerieren und unterst&uuml;tzen. Gegen die ethnische Reinheit setzen wir nicht die multiethische Vielheit. Wir pl&auml;dieren schlicht die Aufhebung nationaler Identit&auml;ten. Die Ethnie ist zu kippen wie der Staat. Damit Menschen Individuen werden k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie sich von ihren Zwangsvergemeinschaftungen l&ouml;sen. Diese Entledigung ist freilich ohne Erledigung nicht zu haben. Welche Assoziationen die Individuen sodann etablieren, bleibt ihnen selbst &uuml;berlassen.</p>
<h4>18. </h4>
<p>Es gilt sich jenseits des Binnenkonflikts von Globalisierung und Antiglobalisierung zu positionieren. Wer den Unbegriff &#8220;Anti- Globalisierungs-Bewegung&#8221; erfunden hat, mag ziemlich gerissen gewesen sein, wer ihn allerdings bereitwillig &uuml;bernimmt, muss schon ziemlich dumm sein. Weder Abschottung oder gar Heimatschutz ist unsere Aufgabe, ebenso wenig sind wir aber der ideologische Flankenschutz der rasenden Liberalisierung.</p>
<h4>19. </h4>
<p>Globalisierung ist nicht etwas von oben, das nun von unten in Angriff genommen werden muss, sondern kommt von innen heraus, ist eine generelle Tendenz, die in allen Poren dieses Systems der Wertvergesellschaftung steckt. Diesseits der Globalisierung gibt es keine Alternativen. Den nationalen Reformern aller L&auml;nder sei ins Stammbuch geschrieben: Abh&auml;ngen kann man nur den Weltmarkt, nicht sich vom Weltmarkt. Unabh&auml;ngigkeit ist Trug, Nation ihr Fetisch. Fremdherrschaft abzulehnen, bedeutet nicht schon Herrschaft abzulehnen. Herrschaft wird hier am deutlichsten als &auml;u&szlig;erer Faktor wahrgenommen, nicht als inneres Wesen b&uuml;rgerlicher Verfasstheit. Wer sich auf Unabh&auml;ngigkeit kapriziert und diese als nationale versteht, streicht sich selbst durch. Die Nationen haben ebenso wenig unabh&auml;ngig zu sein wie die Staaten frei zu sein haben. Umgekehrt: Menschen haben sich von Staaten zu befreien und von Nationen zu emanzipieren.</p>
<h4>20. </h4>
<p>Ohne historische K&auml;mpfe pauschal beurteilen zu wollen, beschlie&szlig;t das auch, dass wir heute, also: jetzt und fortan Befreiungsk&auml;mpfe unter nationalem Vorzeichen ablehnen. Selbstbestimmung der Menschen darf nicht auf das Niveau oder die Scholle von Volk und Nation, aber auch nicht ihrer falschen Individualisierungen wie B&uuml;rger, freier Wille oder die verlogene M&uuml;ndigkeit heruntergeholt werden.</p>
<h4>21. </h4>
<p>Was ein <em>transnationaler Befreiungskampf </em>ist und was der (vor allem auch in der so genannten Dritten Welt) bedeuten k&ouml;nnte, ist allerdings noch offen. Wer glaubt im abzeichnenden Nord-S&uuml;dkonflikt ob der notwendigen Ablehnung der diversen Vorhaben nordischer Heerf&uuml;hrer samt Horden gleich Partei f&uuml;r den S&uuml;den ergreifen zu m&uuml;ssen, hat die pr&auml;sentierte und oktroyierte Frontstellung als akzeptable und somit auch als seine akzeptiert anstatt sie zur&uuml;ckgewiesen. Die Orte der Befreiung jedoch sind &uuml;berall, es geht um ein subversives Einnisten, nicht ein rigides Partei beziehen. Nicht revolution&auml;re Subjekte sind zu suchen (am aller wenigsten solche, die sich aus irgendwelchen b&uuml;rgerlichen Charaktermasken herleiten), sondern die Bewusstsein und Erkenntnis wider die Unmenschlichkeit und die Zumutungen ist &uuml;berall m&ouml;glich wie unm&ouml;glich. Irgends wie nirgends. Gefordert sind Transnationale oder besser noch: Transvolution&auml;re, d. h. sich in Kenntnis und Bewusstsein setzende Individuen, die etwas anderes denken und wollen.</p>
<h4>22. </h4>
<p>Transnational ist nicht gleich antinational. Der uns bekannte Antinationalismus, insbesondere das Antideutschtum, stellt lediglich den Nationalismus auf den Kopf und propagiert dessen negative Variante. Inzwischen hat er vielfach begonnen, Nationen nicht nur konjunkturell, sondern systematisch und kategorial in schlechtere und weniger schlechte (also bessere! ) einzuteilen. Schlussendlich landet solcher Antinationalismus selbst wieder im Scho&szlig; bestimmter Staaten und Nationen, deren Hilfskompanie er folgerichtig und folgsam abgibt.</p>
<h4>23. </h4>
<p>Die V&ouml;lker sollen also nicht ihren eigenen Weg gehen, sie sollen schlicht und einfach weg. <em>Entvolkung </em>statt Zusammenvolkung ist angesagt. Wir sind f&uuml;r das definitive Ende aller V&ouml;lker und Nationen, das hei&szlig;t ihre transvolution&auml;re Transformation. In letzter Konsequenz geh&ouml;ren V&ouml;lker nicht vermittelt, sondern zersetzt. Die Migration tut das ihre. Wir sollten das unsere tun. Die Alternative zur ethnischen Abgrenzung ist nicht deren Anerkennung, sondern deren Aufl&ouml;sung im Kommunismus. Wobei es im Regelfall die Aufgabe jedes und jeder Transnationalen ist die &#8220;eigene&#8221; Nation, das &#8220;eigene&#8221; Gewaltmonopol, dem er oder sie unterstellt ist zur vorrangigen Aufgabe der Destruktion zu machen.</p>
<h4>24. </h4>
<p>Vaterlandslose Gesellen nannten die national gesinnten B&uuml;rger einst die Proletarier. Sie waren es nicht, wir sind es schon. In der Stunde der Entscheidung lassen wir unser Vaterland nicht im Stich, sagten die Klassenk&auml;mpfer. In der Stunde der Entscheidung versetzen wir ihm den Todesstich, sagen wir. Hoch die nationale Leidenschaft? Lasset uns kotzen! Hoch die internationale Solidarit&auml;t? Auch da sollte einem spei&uuml;bel werden. &#8211; Solidarit&auml;t reicht! Nicht Z&auml;rtlichkeit der V&ouml;lker fordern wir ein, sondern Z&auml;rtlichkeit der Menschen<em>. Homo homini homo</em>.</p>
<h4>25. </h4>
<p>Nicht Internationalisten sind wir, sondern <em>Transnationale</em>. Die Zukunft liegt in der transnationalen Befreiungsbewegung. Diese muss freilich mit den Fetischen der b&uuml;rgerlichen Tradition fundamental brechen. Ihr Denken ist <em>gegen </em>diese Welt, weil diese Welt zwar eine menschengemachte, aber eine menschenfeindliche ist. Ihr Re- flektieren ist zwar <em>aus </em>dieser Welt, aber nicht mehr <em>von </em>dieser Welt. Hegelisch gesprochen <em>Repulsion ohne Attraktion</em>. So k&ouml;nnte kurz gesagt der Grundbegriff der Transvolution gefasst werden.</p>
<h4>26. </h4>
<p>Transvolution&auml;re wird man daran erkennen, dass sie aufh&ouml;ren, den Kanon der Herrschaft zu singen, die Hits von Kommerz und Kapital: Vom wertschaffenden Arbeiter, von den zu befreienden V&ouml;lkern, von der zivilen Gesellschaft, von Sachlichkeit und Konstruktivit&auml;t, vom freien Willen der m&uuml;ndigen B&uuml;rger, von Menschenrechten, Wohlfahrtsstaat und Demokratie. That&#8217;s over.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/transnational-statt-internationalistisch">Transnational statt internationalistisch!</a></p>
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		<title>Schiefe Ebenen</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:42:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>

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		<description><![CDATA[GEDANKEN ZUR GLOBALISIERUNGSKRITIK<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/schiefe-ebenen">Schiefe Ebenen</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>GEDANKEN ZUR GLOBALISIERUNGSKRITIK</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-890"></span></p>
<p>Jede kritische Bewegung hat ihre Abgleitfl&auml;chen. Die Globalisierungskritik in Form von ATTAC scheint sich allerdings auf einer ganz besonders schiefen Ebene zu befinden. Wo andere erst nach Jahren schrittweiser Anpassung und Korruption kl&auml;glich enden, dort will ATTAC erst einmal hoffnungsfroh beginnen. <a href="#a1" name="1">1</a></p>
<p>Angetreten, eine Neuauflage der soeben gescheiterten &#8220;nachholenden Modernisierung&#8221; zu propagieren und den sozialstaatlichen Besitzstand vor der Globalisierung des Kapitalverh&auml;ltnisses zu sch&uuml;tzen, vereint das &#8220;Netzwerk f&uuml;r eine demokratische Kontrolle der Finanzm&auml;rkte&#8221; eine bunte Mischung von Unzufriedenen. Der Chefredakteur von Le Monde diplomatique, Ignacio Ramonet, hatte nach der Asienkrise 1997 die Parole &#8220;Zur&uuml;ck zum Staat&#8221; ausgegeben. Und viele folgten dem neokonservativen Wunsch nach einer &#8220;Re-Regulation&#8221; der abhebenden Finanzm&auml;rkte und einem Revival des verflossenen Wirtschaftswunderkapitalismus.</p>
<p>Das Bem&uuml;hen, lieb Gewonnenes vor dem Sog der Globalisierung zu retten, birgt ob seiner Beschr&auml;nktheit grunds&auml;tzlich die Gefahr, zur blo&szlig;en Legitimation des immer mieseren Status quo zu degradieren. Insofern die Zielvorstellungen von ATTAC auf die Reanimation fordistischer Verh&auml;ltnisse hinauslaufen, ist dieser Versuch nicht einmal mehr konservativ, sondern bereits reaktion&auml;r, wenn auch auf illusion&auml;rer Grundlage; was ihn allerdings kaum weniger gef&auml;hrlich macht.</p>
<p>Damit ist nicht gesagt, dass ein Teil der AktivistInnen, insbesondere derjenige, der (noch) keine typischen NGO- und Parteisozialisationen durchgemacht hat, nicht auch &#8220;&uuml;berschie&szlig;endes Bewusstsein&#8221; von der Unhaltbarkeit kapitalistischer Zust&auml;nde h&auml;tte oder im Begriff w&auml;re, ein solches zu entwickeln. Die Kritik des Sachzwangdenkens, die Zur&uuml;ckweisung des totalit&auml;ren Anspruchs von Warenform und Wertbewegung wie auch das Beharren auf einem emphatischen Begriff von &#8220;Nachhaltigkeit&#8221; verweisen trotz aller Unzul&auml;nglichkeiten des aktuellen Diskurses auf diese Dimension. Wenigstens der M&ouml;glichkeit nach.</p>
<h4>Pro-Tobin und Anti-GATS</h4>
<p>Der Mainstream von ATTAC l&auml;sst gegenw&auml;rtig allerdings keinen Zweifel an seinem treuen Glauben, eine &#8220;andere Welt&#8221; w&auml;re m&ouml;glich, ohne auch nur einen Schritt &uuml;ber die gegebenen Verh&auml;ltnissen hinausdenken und tun zu wollen. Die Forderung nach der so genannten &#8220;Tobin-Tax&#8221; ist ein Schwerpunkt dieser Bem&uuml;hungen. Sie soll nach Ansicht von ATTAC spekulative Attacken auf W&auml;hrungen erschweren, Finanzmittel f&uuml;r die Dritte Welt bereitstellen und ein erster Etappenerfolg in der Wiederherstellung &#8220;politischer Gestaltungsspielr&auml;ume&#8221; sein. Am Beispiel der Tobin-Tax wird exemplarisch deutlich, wie ATTAC im Sinne &#8220;entstaatlichter Politik&#8221;, gleichsam als outgesourcter Teilapparat des Staates operiert. Sie kanalisiert die blanke Unzufriedenheit mit den Zust&auml;nden in &#8220;vern&uuml;nftige&#8221; Forderungen, stellt Konsens her, verarbeitet Informationen, erarbeitet Positionen, bearbeitet Medien. Sie betreibt agenda setting und organisiert die Kommunikation zwischen Interessensgruppen. Und die AktivistInnen tun dies alles sogar (gro&szlig;teils) unbezahlt.</p>
<p>Schlussendlich finden die Formulierungen von ATTAC ihren Weg in Positionspapiere der SP&Ouml; und Pressemeldungen von Benita Ferrero-Waldner. Im Gegensatz zu den Freizeit-LobbyistInnen scheren sich ihre bezahlten KollegInnen allerdings wenig um eine &#8220;andere Welt&#8221;, wenn&#8217;s einmal zur Sache geht. So erkl&auml;rte SP-Budgetsprecher Rudolf Edlinger: &#8220;&Ouml;sterreichs Bundesregierung sollte sich auf EU-Ebene zur Verfechterin der Tobin-Steuer machen. Wir m&uuml;ssen Kapital mit aller Vorsicht st&auml;rker besteuern, um den Faktor Arbeit entlasten zu k&ouml;nnen. Ich will nicht mehr Steuern erreichen, sondern andere Steuern. &#8220;<a href="#a2" name="2">2</a> In der allgemeinen Begeisterung f&uuml;r die Tobin-Tax werden Ideologien weich wie Butter: &#8220;Auch die Volkspartei ist nun auf den Tobin-Steuer-Zug aufgesprungen.&#8221; Jedoch: &#8220;&#8230; nicht zur Entlastung des Faktors Arbeit, sondern zur teilweisen Entlastung des EU-Budgets. &#8220;<a href="#a3" name="3">3</a> In Anbetracht der M&ouml;glichkeit, dass gerade ATTAC die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit der EU qua Sanierung ihrer Staatshaushalte vorantreiben k&ouml;nnte, ist Beruhigung vielleicht nicht fehl am Platze. Glaubt man dem ATTACnahen Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister, &#8221; wird es zur Verteilung irgendwelcher Gelder nicht so bald kommen. Die Tobin-Steuer k&ouml;nne nur auf globaler Ebene funktionieren, was Attac auch seit jeher fordert.&#8221; <a href="#a4" name="4">4</a>Was freilich der erkl&auml;rten ATTACPosition widerspricht, die Einf&uuml;hrung mache auch in einem EU-Alleingang Sinn. <a href="#a5" name="5">5</a></p>
<p>Wie eine dezidiert neoliberalismuskritische NGO paradoxerweise gerade die Stabilisierung neoliberaler Hegemonie betreibt, ist anhand der aktuellen ATTACMedienkampagne gegen das GATS, das Dienstleistungsabkommen der WTO, zu studieren. <a href="#a6" name="6">6</a> So war die Begeisterung der AktivistInnen gro&szlig;, als sich im letztj&auml;hrigen Wahlprogramm der SP&Ouml; pl&ouml;tzlich Formulierungen fanden wie, &#8220;Ziel muss es sein, die Globalisierung zu z&auml;hmen, sie m&ouml;glichst sozial, &ouml;kologisch und fair zu gestalten&#8221; und &#8220;Wir wollen einen Verhandlungsstopp bei den GATS-Verhandlungen erreichen, um zun&auml;chst die bisherigen Liberalisierungen zu evaluieren.&#8221; Dass der rote Generaltenor ein &#8220;Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz&#8221; im Zeichen chancengleicher Krisenkonkurrenz war, fand man nicht einmal der Erw&auml;hnung wert. Auch der eigentlich nahe liegende Verdacht, es k&ouml;nnte sich bei den globalisierungskritischen Ausritten der SP&Ouml; um ein wahltaktisches Man&ouml;ver handeln, vermochte die zivilgesellschaftliche Freude &uuml;ber den &#8220;Lobbying-Erfolg&#8221; nicht zu tr&uuml;ben.</p>
<h4>&#8230; mit herzlichem Gru&szlig;, Agnoli</h4>
<p>Der wirklichen Demokratie ihren ideellen Widerschein entgegenzuhalten, geh&ouml;rt zum Standardrepertoire des globalisierungskritischen Mainstreams. Greifen die demokratischen Maskentr&auml;gerInnen selbst zu diesem Mittel, nimmt das allerdings bereits unfreiwillig komische Z&uuml;ge an. So kann es dieser Tage schon einmal passieren, dass vorsichtig emp&ouml;rte Nationalratsabgeordnete sich in Presseaussendungen dar&uuml;- ber beschweren, das Faktum ihrer pers&ouml;nlichen Bedeutungslosigkeit ungeschminkt vor Augen gef&uuml;hrt zu bekommen und uns ganz einfach ihre Meinung mitteilen: &#8220;Die EU-Kommission wird ihre Ausverkaufsliste laut Angaben von ATTAC und anderen Quellen mit der Anweisung verbinden, diese Liste geheim zu halten und die Informationen, wor&uuml;ber eigentlich verhandelt wird, nicht einmal an das &ouml;sterreichische Parlament weiterzugeben.&#8221; Und weiter: &#8220;Wir als Abgeordnete des &ouml;sterreichischen Nationalrats und VertreterInnen der B&uuml;rgerInnen dieses Landes wollen es nicht l&auml;nger hinnehmen, dass hinter unserem R&uuml;cken Entscheidungen getroffen werden, die unser aller Zukunft bestimmen. Wir meinen, dass wir als ParlamentarierInnen ein Recht auf Information haben. &#8220;<a href="#a7" name="7">7</a></p>
<p>Vermutlich aufgrund okkulter F&auml;higkeiten sah Johannes Agnoli das moralische Debakel unserer von der Demokratie gezeichneten Nationalratsabgeordneten bereits im Jahre 1967 in groben Z&uuml;gen voraus und schrieb: &#8220;Auch im Parlament bilden sich oligarchische Zentren, die den gr&ouml;&szlig;ten Teil der Abgeordneten aus dem engeren Informationskreis ausschlie&szlig;en und so den Eintritt in die eigentlichen Entscheidungsmechanismen verwehren. Wichtig an der Parlamentsoligarchie, die sich jenseits der &uuml;blichen Trennung von Regierungsmehrheit und Oppositionsminderheit etabliert, ist indessen nicht die blo&szlig;e (abstrakte, institutionell noch fassbare) Anh&auml;ufung von Information, Kompetenz und Befugnis in den H&auml;nden weniger innerhalb des Parlaments. M&auml;chtig gegen&uuml;ber den anderen Abgeordneten und mit konkreter Macht ausgestattet wird die Parlamentsoligarchie viel mehr durch ihre Verbindung mit den au&szlig;erhalb des Parlaments etablierten Tr&auml;gern von Herrschaft &#8211; sei es im engeren staatlichen, sei es im gesellschaftlichen Bereich. &#8220;<a href="#a8" name="8">8</a></p>
<p>Das Urteil &uuml;ber die meldebereite Nationalratsabordnung sollte dennoch milde ausfallen, neigen doch &#8220;insbesondere Neulinge (&#8230; ) dazu, im Stil einer schulm&auml;&szlig;ig erlernten oder idealistisch vorgestellten Gewaltenteilung sich gegen die Symbiose von legislativer und exekutiver Macht und damit gegen den Einbau des Parlaments in den Staatsapparat zu wenden, da sie in der Symbiose &#8211; &uuml;brigens zu Unrecht &#8211; eine Dem&uuml;tigung ihrer Funktion vermuten. &#8220;<a href="#a9" name="9">9</a> Mag dies auch nicht zum Trost gereichen, vielleicht gereicht es doch zur Einsicht: &#8220;Gewi&szlig; wird dadurch die Ohnmacht des Instituts als solchem noch sp&uuml;rbarer, und es wird die Einflusslosigkeit der gr&ouml;&szlig;ten Zahl der Abgeordneten best&auml;tigt, die &#8211; so betrachtet &#8211; tats&auml;chlich das Volk vertreten, n&auml;mlich die Machtlosigkeit der Massen widerspiegeln. &#8220;<a href="#a10" name="10">10</a></p>
<h4>Ein Antiglobalisierungs- Dachverband</h4>
<p>Die Verschr&auml;nkung von Staatsapparat und ATTAC ist nicht nur in &Ouml;sterreich und Deutschland augenf&auml;llig. In Frankreich etwa pflegen f&uuml;hrende Aktivisten der zentralistisch gepr&auml;gten Landesorganisation intime Kontakte zum sozialdemokratischen Politpersonal. <a href="#a11" name="11">11</a> J&uuml;ngste Pressemeldungen von Frankreichs rechtsliberalem Premierminister Jean-Pierre Raffarin erg&auml;nzen dieses Bild um neue Facetten. Raffarin erkl&auml;rt sich darin zu einer Debatte mit den GlobalisierungskritikerInnen bereit und betont, dass sich diese anl&auml;sslich des n&auml;chsten G7-Treffens im kommenden Juni in Evian &#8220;auf demokratische Weise&#8221; und &#8220;ohne polizeiliche &Uuml;berwachung&#8221; &auml;u&szlig;ern k&ouml;nnten. &#8220;Wir glauben, dass die Debatte &uuml;ber die Globalisierung eine offene Debatte sein muss. Wir wollen nicht, dass die Dinge so ablaufen wie in Genua. &#8220;<a href="#a12" name="12">12</a></p>
<p>Raffarin h&auml;lt fest: &#8220;Man darf nicht den Eindruck erwecken, dass ein Teil der Welt unter sich &uuml;ber seine Schwierigkeiten diskutiert, w&auml;hrend der andere Teil der Welt gemeinsam mit den NGOs ausgeschlossen wird&#8221; und betont: &#8220;Also m&uuml;ssen wir dieser Situation vorbeugen. &#8220;<a href="#a13" name="13">13</a> Man muss nur zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, was darunter zu verstehen ist: Es geht darum, nicht den Eindruck zu erwecken, der sich einstellen will. Was sich nicht beugt, dem ist eben vorzubeugen.</p>
<p>Sollte ATTAC die Gespr&auml;chsangebote annehmen, so wird es dem Staatsapparat umso leichter fallen, den aus guten Gr&uuml;nden nicht gespr&auml;chsbereiten Teil der Bewegung an die Kandare zu nehmen. &#8220;Teile und herrsche&#8221; ist vielleicht eine antike Idee, aber deshalb noch keine antiquierte. Die Bezeichnung von ATTAC als einen &#8220;Antiglobalisierungs-Dachverband&#8221; (OTon APA) ist sichtlich der Versuch, eine Repr&auml;sentanz f&uuml;r die nicht Repr&auml;sentierbaren zu konstruieren und passt als solcher ganz ins Bild.</p>
<h4>Der Pragmatismus des Geldes</h4>
<p>Wie Raffarin weiter mitteilte, sei die franz&ouml;sische Regierung &uuml;berdies bereit, einen Antrag des &#8220;Antiglobalisierungs-Dachverbandes ATTAC&#8221; auf finanzielle Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Organisation eines europ&auml;ischen Sozialforums, das im kommenden November in Paris geplant ist, zu &uuml;berpr&uuml;fen.</p>
<p>Zum einen wird damit schlagartig klar, wie es um das Weichsp&uuml;lerkonzept der Zivilgesellschaft als eines angeblich &#8220;autonomen Handlungsfreiraums jenseits von Markt und Staat&#8221; bestellt ist: Mehr als ideologisch verkleidete Wassertr&auml;gerInnen des Staates treiben sich dort anscheinend nicht herum. Und was f&uuml;r ein sch&ouml;ner Kontrast zum erkl&auml;rten Willen der ZivilgesellschafterInnen, den Staat in seine Schranken weisen zu wollen, ihn gegen sein Bestreben auf die Einhaltung von Recht und Verfassungsnorm zu verpflichten! F&uuml;r dieses edle Ansinnen soll er also gef&auml;lligst zahlen.</p>
<p>Zum anderen ist abzusehen: Sobald Geld aus staatlichen Futtertr&ouml;gen flie&szlig;t, ist die Schere im Kopf nicht mehr weit, allem guten Willen zum Trotz. Vor allem dann, wenn bei ATTAC ein derart kritikloser &#8220;Pragmatismus&#8221; den Ton angibt, wie das im Moment der Fall ist.</p>
<p>In Wahrheit werden sinnvoller Pragmatismus und subversive Aneignung staatlicher Mittel erst auf Grundlage radikaler Systemkritik denkbar. Alles andere tendiert zwangsl&auml;ufig zu n&uuml;tzlicher Idiotie. Ein Beispiel: Wenn die gro&szlig;en ATTAC-Veranstaltungen erst einmal von Subventionen abh&auml;ngig sind, best&uuml;nde auf Seiten der WettbewerbskritikerInnen ein materielles Interesse, f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit der EU einzutreten. Denn diese macht einen sol- chen Subventionsluxus ja &uuml;berhaupt erst m&ouml;glich.</p>
<p>Ganz zu schweigen von den Angeboten, in Gremien und Kommissi&ouml;nchen mitzuarbeiten, die sich den staatlich gest&uuml;tzten Wochenend-KritikerInnen mit der Zeit bieten werden. So l&auml;sst sich herrlich Zeit vertun, und die GlobalisierungskritikerInnen lernen ein bisschen Verantwortung. Vielleicht schauen sogar ein paar nette Jobs dabei heraus. <a href="#a14" name="14">14</a></p>
<h4>Der Weg alles Widerst&auml;ndigen? </h4>
<p>Das wachsende Polit- und Medienprestige von ATTAC wird von den meisten AktivistInnen zwar als &#8220;St&auml;rkung der Bewegung&#8221; interpretiert, hat aber freilich eher mit dem Gegenteil zu tun. Von der Geschichte der 68er &uuml;ber &Ouml;ko-, Frauen- und die Dritte Welt-Bewegung, von den Gr&uuml;nen bis zu den B&uuml;rgerinitiativen der 80er und 90er lie&szlig;en sich viele Beispiele f&uuml;r jene integrative Sogwirkung anf&uuml;hren, in deren Strudel schon weitaus kritischere Bewegungen als ATTAC ersoffen sind. <a href="#a15" name="15">15</a> Das demokratische System h&auml;lt sich im Kern bekanntlich nicht durch Brutalit&auml;t und offenen Ausschluss, sondern durch den marktwirtschaftlichen Zwang zur Selbstdisziplinierung, subtile Kontrollmechanismen, selektive Integration von Opposition und das gezielte Aufgreifen von Kritik am Leben, getreu dem taoistischen Motto, dass wahre St&auml;rke in vermeintlicher Schw&auml;che liege. Nur f&uuml;r die weder integrier- noch ignorierbaren Randgruppen sind zu schlechter Letzt Mittel offenen Zwangs, Gef&auml;ngnis, Polizei, Justiz, Repression und Denunziation vorgesehen.</p>
<p>Geradezu paradigmatisch f&uuml;r das Umschlagen einer blo&szlig; partiellen Kritik an den Verh&auml;ltnissen in ihre umstandslose Totalaffirmation ist das Gebaren der Gewerkschaften. Ihr Selbstverst&auml;ndnis als Generalvertretung der Ware Arbeitskraft verpflichtet sie unter allen Umst&auml;nden, deren Verkaufsf&auml;higkeit zu erhalten. Werden die H&uuml;ter der Ware Arbeitskraft nun massenhaft zu Ladenh&uuml;tern, entpuppen sich ihre Oberhirten daher keineswegs zuf&auml;llig als Generalapostel von Wettbewerb und Standortsicherung. &#8220;Gerade Gewerkschaften versuchen permanent, zwischen Propaganda der Unternehmer und Unternehmerinnen einerseits und tats&auml;chlichen Sachzw&auml;ngen andererseits zu differenzieren. Zum einen werden also Sachzw&auml;nge geleugnet, und den abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten wird Handlungsfreiheit suggeriert, wobei das Abstreiten der Sachzw&auml;nge nur das Spiegelbild des Respekts vor ihnen ist. Zum anderen werden f&uuml;r real befundene Sachzw&auml;nge akzeptiert, was dazu f&uuml;hrt, sich diesen tats&auml;chlichen Sachzw&auml;ngen umso hingebungsvoller zu unterwerfen, anstatt diese eben als Sachzw&auml;nge, die nur aus der Umsetzung des Interesses zur profitablen Kapitalinvestition entstehen, zu kritisieren. &#8220;<a href="#a16" name="16">16</a></p>
<p>So wartet der &Ouml;GB auf seiner Internetseite denn auch mit Huldigungen der &ouml;sterreichischen Wettbewerbsf&auml;higkeit und dem erkl&auml;rten Willen auf, uns diese m&ouml;glichst zu erhalten. Bei Strafe des Untergangs der eigenen Finanzierungsmittel und relikt&auml;ren Einflussm&ouml;glichkeiten, versteht sich. Ein Text der Steuerinitiative des &Ouml;GB frohlockt: &#8221; &Ouml;sterreich ist wettbewerbsf&auml;hig wie noch nie! (&#8230; ) Die Fakten zeigen, die f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit relevanten Lohnst&uuml;ckkosten in der Industrie sind niedrig wie noch nie! Niedriglohnkonkurrenz, d. h. wettbewerbsf&auml;higer durch niedrigere Lohnkosten zu werden, w&uuml;rde auch auf Dauer nicht funktionieren. Die Unternehmer vernachl&auml;ssigen dann alles, was f&uuml;r die Erhaltung und Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit notwendig ist: die Weiterentwicklung der Produkte, die Verbesserung der Qualit&auml;t, usw. (&#8230; ) Dazu sind hoch motivierte, leistungsbereite und entsprechend entlohnte Mitarbeiter wichtig. &#8220;<a href="#a17" name="17">17</a> Hoch, die Arbeit! Hoch, der internationale Standortwettbewerb! Anstelle eines rabiaten Sozialkahlschlags wird hier &#8220;ein intelligentes Fitmachen des nationalen Standorts&#8221; <a href="#a18" name="18">18</a> f&uuml;r den Krieg am Weltmarkt empfohlen. Nat&uuml;rlich bleibt das Ziel solcher nur oberfl&auml;chlich verschiedenen Strategien mitsamt ihren sozialdarwinistischen Implikationen ein und dasselbe.</p>
<p>ATTAC k&ouml;nnte derlei jedenfalls vor Augen f&uuml;hren: Den einen Sachzwang (z. B. Weltmarkt) anzugreifen, nur um den anderen (z. B. Wirtschaftswachstum) umso bornierter zu bejahen, das ist in etwa so sinnvoll, als w&uuml;rde man einem Gefangenen die eine Fessel lockern und die andere fester zuziehen. Eine so verstandene &#8220;Globalisierungskritik&#8221; kann sich eigentlich gleich selber einpacken.</p>
<hr />Anmerkungen</p>
<p><a href="#1" name="a1">1</a> http://attac-austria.org</p>
<p><a href="#2" name="a2">2</a> &#8220;SP, VP und Gr&uuml;ne f&uuml;r Tobinsteuer&#8221;, Der Standard, 27. Okt. 2002</p>
<p><a href="#3" name="a3">3</a> A. a. O.</p>
<p><a href="#4" name="a4">4</a> A. a. O.</p>
<p><a href="#5" name="a5">5</a> Siehe das Positionspapier von ATTAC-&Ouml;sterreich unter http://www.attacaustria. org/download/flyer_tobin.pdf</p>
<p><a href="#6" name="a6">6</a> Das GATS hat eine Liberalisierung des Handels mit bis dato &ouml;ffentlichen Dienstleistungen im Visier. Vgl. http://www.stoppgats.at/</p>
<p><a href="#7" name="a7">7</a> APA, Februar 2003. Die Pressemeldung bestand in einem von den ober&ouml;sterreichischen Nationalratsabgeordneten Kurt Ga&szlig;ner, Marianne Hagenhofer, Georg Oberhaidinger und Rosemarie Sch&ouml;npass unterzeichneten offenen rief an die Bundesregierung und den ober&ouml;sterreichischen Landeshauptmann.</p>
<p><a href="#8" name="a8">8</a> Agnoli, Johannes: Die Transformation der Demokratie (1967/1968), in: ders. : Die Transformation der Demokratie und andere Schriften zur Kritik der Politik, ça ira-Verlag, 1990, S. 70.</p>
<p><a href="#9" name="a9">9</a> Ebd. , S. 76.</p>
<p><a href="#10" name="a10">10</a> Ebd. , S. 71</p>
<p><a href="#11" name="a11">11</a> Schmid, Bernhard: A l&#8217;attaque! Die franz&ouml;sische Bewegung zur Kontrolle der Finanzm&auml;rkte am Scheideweg, Sonderheft der iz3w, Sept. 2001.</p>
<p><a href="#12" name="a12">12</a> APA, Februar 2003.</p>
<p><a href="#13" name="a13">13</a> Ebd.</p>
<p><a href="#14" name="a14">14</a> Vgl. Lohoff, Ernst: Antikapitalistisches Fr&uuml;hlingserwachen? Die Globalisierungskritik zwischen Krisenverwaltung und Emanzipation, Krisis 25, 2002, und Heinrich, Michael: Entfesselter Kapitalismus? Zur Kritik der Globalisierungskritik, Malmoe 4, 2002 (http: //www. malmoe. org/artikel/top/262).</p>
<p><a href="#15" name="a15">15</a> F&uuml;r eine differenzierte Darstellung anhand der Biodiversit&auml;tsdebatte vgl. Brand, Ulrich: Nichtregierungsorganisationen, Staat und &ouml;kologische Krise. Konturen kritischer NRO-Forschung. Das Beispiel der biologischen Vielfalt, Westf&auml;lisches Dampfboot, 2000. Zu Problematik und Entwicklung der B&uuml;rgerinitiativen vgl. Michael Wilk: Technik des sozialen Friedens. &#8220;Beteiligung als Akzeptanzmanagement&#8221;, in: Bruhn, Joachim, Dahlmann, Manfred &#038; Nachtmann, Clemens: Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag, ça ira-Verlag, 2000.</p>
<p><a href="#16" name="a16">16</a> Grigat, Stephan: Markt und Staat in der Globalisierung. Zur Kritik eines falschen Gegensatzes, Weg und Ziel 1/1999.</p>
<p><a href="#17" name="a17">17</a> Gall, Franz: Fakten zur Besteuerung. &Ouml;sterreich ist wettbewerbsf&auml;hig wie noch nie! (http: //www. steuerini. at/). Weitere Beispiele unter http://www.oegb.at/: &#8220;Bildung und Qualifikation sind in Zukunft nicht nur f&uuml;r die Chancen des Einzelnen, sondern auch f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit unseres Wirtschaftsstandortes von Bedeutung.&#8221; (Gewerkschaft Bau-Holz, in: Soziale Sicherheit f&uuml;r die Bauund HolzarbeiterInnen! , &Ouml;GB-News 8. Nov. 2002), oder: &#8220;Ma&szlig;nahmen gegen internationalen Konkurrenzdruck sind neue Produkte und nicht Lohnsenkungen.&#8221; (Wirtschaft statt Herrschaft, in: 14. &Ouml;GB-Bundeskongress, Kongress-Inhalte).</p>
<p><a href="#18" name="a18">18</a> Heinrich, Michael: Globalisierter Konkurrenzkapitalismus, ContextXXI 2/2000.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/schiefe-ebenen">Schiefe Ebenen</a></p>
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		<title>Der Triumph des Irrealis</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie / Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Lohoff; Ernst]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>

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		<description><![CDATA[ARBEITSWAHN UND LINKE IDENTIT&#196;T Streifz&#252;ge 1/2003 Ernst Lohoff In den sp&#228;ten 70er und fr&#252;hen 80er Jahren galt es nicht nur im links-alternativen Spektrum, sondern auch auf Soziologentagen als ausgemacht: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus. Die mikroelektronische Revolution verwandelt nicht allein mechanische Schreibmaschinen, sondern auch die Ware Arbeitskraft auf breiter Front in einen unverk&#228;uflichen Anachronismus. [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/der-triumph-des-irrealis">Der Triumph des Irrealis</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>ARBEITSWAHN UND LINKE IDENTIT&Auml;T</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em> <span id="more-893"></span></p>
<p></em>In den sp&auml;ten 70er und fr&uuml;hen 80er Jahren galt es nicht nur im links-alternativen Spektrum, sondern auch auf Soziologentagen als ausgemacht: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus. Die mikroelektronische Revolution verwandelt nicht allein mechanische Schreibmaschinen, sondern auch die Ware Arbeitskraft auf breiter Front in einen unverk&auml;uflichen Anachronismus. Die zunehmende Entkoppelung der Reichtumsproduktion von der Arbeit muss zu einem grundlegenden gesellschaftlichen &#8220;Wertewandel&#8221; f&uuml;hren. Allenthalben wollte man bereits eine neue, &#8220;postmaterielle Orientierung&#8221; (Ingelhard) erkennen. Am historischen Horizont schien sich eine &#8220;T&auml;tigkeitsgesellschaft&#8221; (Dahrendorf) abzuzeichnen, die bewusst mit dem Primat der Erwerbsarbeit bricht.</p>
<p>Ein Vierteljahrhundert sp&auml;ter erscheint diese Erwartung in einem seltsamen Zwielicht. Der erste Teil der Prognose hat sich zwar best&auml;tigt, aber nur um die damit verkn&uuml;pfte Hoffnung gr&uuml;ndlich zu blamieren. Zyklus &uuml;bergreifend betrachtet, w&auml;chst die Masse des f&uuml;r das globalisierte Kapital unverwertbaren, und damit vom arbeitsgesellschaftlichen Standpunkt &uuml;berfl&uuml;ssigen Menschenmaterials. Statt mit einer Relativierung des arbeitsgesellschaftlichen Diktats ging diese Entwicklung aber mit dessen Versch&auml;rfung einher. Noch nie war die Arbeitsgesellschaft so sehr Arbeitsgesellschaft wie heute. Je prek&auml;rer langfristig die Gesamtperspektive f&uuml;r die Anbieter auf dem Arbeitsmarkt, desto brutaler der Zwang, die eigene Arbeitskraft doch noch loszuschlagen, desto entschiedener f&uuml;hlt sich jeder verpflichtet, das gr&ouml;&szlig;te Gl&uuml;ck auf Erden im erfolgreichen Managen seines &#8220;Humankapitals&#8221; zu sehen. Die Krise der Arbeitsgesellschaft ist Wirklichkeit geworden, um aus der &ouml;ffentlichen Debatte zu verschwinden. Das herrschende Bewusstsein macht &uuml;berall Unflexibilit&auml;t und Sozialschmarotzertum aus; es schwadroniert von &#8220;Nieten in Nadelstreifen&#8221;, die Unternehmen in Sackgassen gef&uuml;hrt haben sollen und von verkrusteten sozialstaatlichen Strukturen, die unbedingt aufgebrochen werden m&uuml;ssen; der eigentlich naheliegende Gedanke, der arbeitsgesellschaftliche Imperativ k&ouml;nne das eigentliche Problem sein und nicht die mangelnde Bereitschaft ihm Gen&uuml;ge zu tun, darf aber nicht mehr ausgesprochen werden.</p>
<p>Dass die politische Klasse mit Leerformeln und L&uuml;gen hantiert, ist man seit jeher gewohnt. Heute ist sie aber einen Schritt weiter und bezieht sich nur noch halluzinierend auf die soziale Realit&auml;t. Regierung und Opposition und die assistierenden Experten- Idioten kennen nur noch einen Modus operandi, den Irrealis. Die Dekonstruktivisten hatten die Krisen-Welt nur weginterpretiert, unter Schr&ouml;der und Hartz wird die Entsorgung von Wirklichkeit zur unmittelbaren materiellen Gewalt.</p>
<p>Das gesamte weltwirtschaftliche Gef&uuml;ge kracht, in Deutschland aber hat man davon offenbar noch nichts geh&ouml;rt und f&uuml;hrt unverdrossen eine denkbar provinzielle &#8220;Standortdebatte&#8221;. Die Folgen des New- Economy-Crashs bringt es ans Licht, der Arbeitsgesellschaft bricht der Boden unter den F&uuml;&szlig;en weg. Ausgerechnet mitten in der Rezession aber meinen die wildgewordenen &#8220;Reformer&#8221;, der 1. Arbeitsmarkt m&uuml;sste jetzt die Menschen aufnehmen, die schon w&auml;hrend der kasinokapitalistischen Boomphase bestenfalls auf dem 2. unterzubringen waren. Die F&ouml;rderung prek&auml;rer Selbst&auml;ndigkeit und Lohnsubventionen sollen staatliche Arbeitsbeschaffungs- und Qualifizierungsma&szlig;nahmen ersetzen.</p>
<p>Die Regierung erkl&auml;rt der Arbeitslosigkeit den Krieg, ein Krieg freilich, der soweit er nicht auf einen Kampf gegen die Arbeitslosen hinausl&auml;uft, sich auf seltsame Umbenennungen reduziert. Der Kanzler l&auml;sst die Arbeits&auml;mter schlie&szlig;en, um sie als &#8220;Job-Centers&#8221; neu zu er&ouml;ffnen. Er kennt keine Arbeitslosen, sondern nur noch Ich- AGs und Angestellte der den k&uuml;nftigen &#8220;Job Centers&#8221; angegliederten Personal- Agenturen. Dass deren Wochenarbeitszeit in der Regel bei Null Stunden liegen d&uuml;rfte, verschwindet im Kleingedruckten.</p>
<h4>Halluzinationen und ihre materielle Basis </h4>
<p>Aber nicht nur die politische Klasse fl&uuml;chtet sich in Realit&auml;tsverleugnung. Insgesamt gilt: gestern noch abgedrehte Theorie, heute vulg&auml;re gesellschaftliche Praxis. Nicht dass der auf den Verk&auml;ufer-Verstand zusammengeschrumpfte durchschnittliche Waren-Verstand die von Baudrillard ausgegebene Parole von der &#8220;Substituierung des Realen durch das Zeichen des Realen&#8221; schon mal geh&ouml;rt h&auml;tte, in Fleisch und Blut &uuml;bergegangen ist sie ihm dennoch. Dementsprechend wei&szlig; er alle Wirklichkeit in Diskurswirklichkeit aufzul&ouml;sen. Wirtschaft beruht zur H&auml;lfte auf Psychologie, schallt es aus jedem Kindergarten; also hei&szlig;t es positiv denken, auf dass sich die andere H&auml;lfte von alleine findet.</p>
<p>Schlechte Zeiten f&uuml;r Berufs-Satiriker; ein Volk von Realsatirikern macht sie &uuml;berfl&uuml;ssig. Schlechte Zeiten f&uuml;r Ideologiekritiker, solange Ideologie (notwendig) falsches Bewusstsein bezeichnet. Denn der Zeitgeist hat viel von einer Gespensterparade, aber wenig mit Bewusstsein zu tun.</p>
<p>Dieser amnestisch-halluzinatorische Zustand l&auml;sst sich nicht auf eine einzige Ursache zur&uuml;ckf&uuml;hren, sondern nur als Mischung verschiedener Bet&auml;ubungsmittel und als das Ergebnis eines ganzen Motivcocktails beschreiben. Zu den Hauptingredienzien geh&ouml;rt sicherlich das Erbe der kasinokapitalistischen Phase. In den 80er und 90er Jahren gelang es der Arbeitsgesellschaft ihre fundamentale Krise, zumindest f&uuml;r ihr Kernsegment, zu &uuml;berspielen. In diesem Zeitabschnitt brachte sie das Kunstst&uuml;ck fertig, den Vorgriff auf k&uuml;nftige Arbeit, Arbeit die realiter nie verausgabt werden wird, zur Grundlage gegenw&auml;rtiger Arbeit zu machen. Die IT-Luftschl&ouml;sser sorgten nicht nur in den vermeintlichen Zukunftssektoren selber f&uuml;r einen beispiellosen Boom und f&uuml;r eine ganze Menge lukrativer Jobs; die von diesen Sektoren getragene Dynamik fiktiver Kapitalverwertung, also die Kapitalisierung ungedeckter Erwartungen, generierte &uuml;berhaupt ein erkleckliches wirtschaftliches Wachstum und damit k&uuml;nstliche Besch&auml;ftigung. Mit diesem eigentlichen Wirtschaftswunder des 20. Jahrhunderts ist es mittlerweile vorbei; das materielle Substrat der Simulation, der als sich best&auml;ndig aufbl&auml;hende private Kreditsch&ouml;pfung sich monetarisierende Glau- ben an die arbeitsgesellschaftliche Zukunft, ist in Aufl&ouml;sung begriffen. Damit l&ouml;sen sich die entsprechenden Bewusstseinsformen aber noch lange nicht in Wohlgefallen auf. In der Wendung zum Halluzinieren erhebt sich das simulative Denken &uuml;ber seinen realen Bedingungszusammenhang und findet gleichzeitig einen Ersatz und eine Fortsetzung. Nachdem sich der Traum des neuen Kapitalismus, die Entfesselung der totalen individualisierten Konkurrenz w&uuml;rde einen ewigen kapitalistischen Fr&uuml;hling garantieren, in den Avantgarde-Sektoren blamiert hat, soll das Phantasma durch Verallgemeinerung erneuert werden. Wenn unterschiedslos alle &#8211; vor allem die vergessenen Verlierer &#8211; sich auf die vollst&auml;ndige Selbstzurichtung als Marktsubjekte verpflichten, bisher das besondere Privileg der so genannten Gewinner, dann wird alles doch noch gut!</p>
<h4>Krisenm&ouml;blierung </h4>
<p>In der gro&szlig;en postkasinokapitalistischen Geistertanzbewegung schwingt ein sadistisches Moment mit. Was der &#8220;Leistungstr&auml;ger&#8221; sich angetan hat und weiter antut, soll sich gef&auml;lligst jeder antun m&uuml;ssen, und zwar &#8211; wie die Ex-Gewinner zunehmend auch &#8211; ohne Gratifikationen. Rache f&uuml;r die geplatzten, von Alptr&auml;umen kaum unterscheidbaren Hoffnungen, Rache, egal an wen. Das allein erkl&auml;rt freilich f&uuml;r sich genommen noch nicht die aberwitzige Bereitschaft, Schnitte ins soziale Netz zu akzeptieren und zu fordern. Wichtiger ist der Gesichtspunkt der Autosuggestion. In einer Gesellschaft, deren Mitglieder die Pose des autistischen Siegers und der Zwang sich zu verkaufen zur zweiten Natur geworden, verkehrt sich selbst noch die Niederlage zu einem Sieg der etwas anderen Art. Gerade die &#8220;neuen Selbst&auml;ndigen&#8221; der Avantgarde-Sektoren lehren uns heute, nicht nur im Beruf, auch beim Konsum, machen H&ouml;chstleistungen in Sachen Flexibilit&auml;t den wahren Erfolgsmenschen aus. Bl&ouml;de klassische Arbeitnehmer m&ouml;gen bei Einkommensverlusten von ein paar l&auml;ppischen Prozent gleich auf die Barrikaden steigen. Der neue IT-Selbst&auml;ndige bleibt cool und sitzt eine Halbierung seines Einkommens locker aus.</p>
<p>Werbung und Zeitgeistliteratur haben die Zeichen der Zeit l&auml;ngst erkannt. Die Figur des &#8220;neuen Loser&#8221; (FAZ vom 24.11.2002), unter allen Umst&auml;nden f&auml;hig sich in eine &#8220;Win-Win-Situation&#8221; hineinzuphantasieren, macht Karriere. Ikea pr&auml;sentiert derzeit stolz, wie Krisen angepasstes Wohnen es erlaubt auf der Grundfl&auml;che einer Gef&auml;ngniszelle problemlos und nett einen ganzen Singlehaushalt unterzubringen, Platzangst-Resistenz vorausgesetzt. Der Elektronik-H&auml;ndler Saturn gibt neuerdings die Parole aus: &#8220;Geiz ist geil&#8221;. Noch viel gruseliger als diese &auml;sthetisierenden neo-asketischen Darbietungen ist aber, dass sich diese neue Sorte von Autosuggestions- Kunst im Alltag tats&auml;chlich &uuml;berall eins zu eins breit macht.</p>
<h4>Krise welche Krise? </h4>
<p>Die Verwandlung der Arbeits-Kirche in die gr&ouml;&szlig;te Esoterik-Sekte aller Zeiten, die Chuzpe mit der die aberwitzigsten Zumutungen als &#8220;unkonventionelle L&ouml;sungsans&auml;tze&#8221; verkauft und in Szene gesetzt werden, schreit geradezu nach einer entschiedenen Gegenpositionierung. Bis jetzt wird aber keine Stimme h&ouml;rbar, die ausspricht, wie splitternackt die glorreiche Arbeitsgesellschaft dasteht. Nennenswerter Widerstand regt sich nicht und Kristallisationspunkte, an denen er sich formieren k&ouml;nnte, lassen sich bislang ebenso wenig ausmachen. Die Linke jedenfalls zeigt sich v&ouml;llig gel&auml;hmt. Auf ihrer Weise hat sie selber Teil an der neuen Form des Irreseins. Das gilt zun&auml;chst einmal f&uuml;r die Wirklichkeitswahrnehmung. Ob postmodern- kulturalistisch oder klassenk&auml;mpferisch orientiert, in der Disziplin Weghalluzinieren der fundamentalen arbeitsgesellschaftlichen Misere rangiert die Linke auf einem der absoluten Spitzenpl&auml;tze. Bei manchen von den einschl&auml;gigen Diskursen nachhaltig Verbl&ouml;deten hat man den Eindruck, sie werden auch dann noch unersch&uuml;ttert &#8220;Krise welche Krise&#8221; vor sich hinbrabbeln, wenn sie gen&ouml;tigt sind, auf der Suche nach Essbarem M&uuml;lltonnen zu durchst&ouml;bern.</p>
<p>Argumentativ steht die Annahme, die warengesellschaftliche Normalit&auml;t w&uuml;rde munter weiterfunktionieren, auf recht schwachen F&uuml;&szlig;en. Die Begr&uuml;ndung dieser Sicht, falls man von so etwas wie einer Begr&uuml;ndung &uuml;berhaupt sprechen kann, folgt eigentlich immer dem gleichen Grundmuster: Der Verlust der Alternativen zum totalen Markt und das ungest&ouml;rte Funktionieren des Systems der Wertverwertung werden in eins gesetzt. Soweit sich das linke Geschw&auml;tz vom Fortbestehen der kapitalistischen Normalit&auml;t &uuml;berhaupt auf die Ebene von Arbeit und &Ouml;konomie einl&auml;sst, kommt diese Kurzschlusslogik pseudoempirisch daher und z&auml;hlt eifrig &Auml;pfel und Birnen zusammen. Es nimmt die Besch&auml;ftigung in den wertproduktiven kapitalistischen Kernsektoren und die verzweifelten Versuche von Abermillionen Menschen am Rande und in den Nischen der Arbeitsgesellschaft irgendwie &uuml;ber die Runden zu kommen als das Gleiche. Die &Uuml;berarbeit von Dienstm&auml;dchen, Papiersammler und Kleinsth&auml;ndler in der Dritten Welt, und hunderttausenden, meist klandestinen K&uuml;chenhilfen in Westeuropa und den USA, die auf sekund&auml;ren und terti&auml;ren von der Wertakkumulation in den Kernsektoren abh&auml;ngigen Arbeitsm&auml;rkten ihr Dasein fristen, wird zur Grundlage der Wertproduktion mystifiziert. Die Tatsache, dass Menschen auch und gerade in der Krise um jeden Preis ihre Haut zu Markte tragen und loswerden m&uuml;ssen, wird mit gelingender Wertverwertung gleichgesetzt und damit dass die vom kapitalistischen Standpunkt &Uuml;berfl&uuml;ssigen gar nicht &uuml;berfl&uuml;ssig w&auml;ren. Der Arbeitsmarkt unterscheidet sich in einer Hinsicht grundlegend von allen anderen M&auml;rkten. W&auml;hrend schwindende Nachfrage nach einer Ware und sinkende Preise f&uuml;r sie ansonsten letztlich zu weniger Produktion und weniger Angebot f&uuml;hren, m&uuml;ssen die Besitzer der Ware Arbeitskraft angesichts schrumpfender Absatzm&ouml;glichkeiten ihr Angebot vermehren. Im Gefolge der Krise der Arbeitsgesellschaft kommt diese Anomalie zum Tragen. In den wirren K&ouml;pfen der linken Krisenleugner verkehrt sich aber dieses Symptom der arbeitsgesellschaftlichen Misere zum Beweis ihrer Nicht-Existenz!</p>
<h4>Die Spa&szlig;gesellschaft und ihre Freunde </h4>
<p>Es ist grotesk, vom Fortbestehen des Formzwangs auf den ungest&ouml;rten Fortgang der Akkumulationsbewegung zu schlie&szlig;en. Es f&auml;llt nicht sonderlich schwer, klarzulegen warum. Nicht ganz so einfach lassen sich die altlinken Essentials ausmachen und kritisieren, auf denen der gegen die simpelsten wirtschaftlichen Oberfl&auml;chenzusammenh&auml;nge und Grundlagen der Kritik der politischen &Ouml;konomie gleicherma&szlig;en resistente Glaube an die ewige &Uuml;berlebensf&auml;higkeit des Kapitals fu&szlig;t. In erster Linie d&uuml;rfte hier die tief in linke K&ouml;pfe eingespurte Subjekt-Illusion zu nennen sein. Von irgendwelchen Selbstwiderspr&uuml;chen der kapitalistischen Logik will man partout nichts wissen und kann sich der Tradition entsprechend grunds&auml;tzlich nur ein prinzipielles Problem vorstellen, mit dem es der Kapitalismus zu tun haben kann, den bewussten Angriff irgendeines revolution&auml;ren Subjekts auf die kapitalistische Ordnung. Davon kann nicht die Rede sein, ergo der Kapitalismus muss sich im gr&uuml;nen Bereich bewegen.</p>
<p>Fast wichtiger als die Frage nach dem Wie linker Realit&auml;tsverweigerung ist freilich das Warum. Welche identit&auml;ren Barrieren haben sich in den letzten beiden Dekaden aufgebaut, die gerade dem linken Soziotop den Blick versperren?</p>
<p>Die 80er und 90er Jahre werden bekanntlich kaum als Hochzeit oppositioneller Bestrebungen in die Geschichte eingehen. In einer Phase kapitalistischer Entwicklung, die keine Gesellschaft mehr kennen wollte, sondern nur noch Individuen, und den Selbst-Verk&auml;ufer-Standpunkt als Inbegriff von Freiheit und Menschsein abfeierte, schienen sie zum Anachronismus zu mutieren &#8211; dummerweise aber nicht nur in den Augen ihrer Gegner. Statt selbstkritisch die eigenen inhaltlichen Beschr&auml;nkungen zum Thema zu machen, die das linke Denken an die Konstellationen einer untergegangenen Epoche kapitalistischer Entwicklung fesseln &#8211; Voraussetzung gesellschaftskritischer Neuformierung &#8211; verzweifelte die Linke nur an sich selber und am emanzipativen Anspruch &uuml;berhaupt. Sie begann das Dasein eines &Uuml;berwinterungsund Erbverwaltervereins f&uuml;r abgewickelte Hoffnungen zu f&uuml;hren.</p>
<p>Gerade durch diese Selbstverbunkerung gab sich das linke Milieu aber dem Einfluss des neoliberalen Zeitgeistes und dem neuen Ausgrenzungskapitalismus preis. Nicht dass sich die Linke nicht auch weiterhin gegen den Ausschluss von Menschen gewandt h&auml;tte, wie sie es seit jeher getan hat; diese Frontstellung richtete sich aber einseitig gegen den Versuch die Desintegrationstendenzen der Warengesellschaft in ein sexistisch, rassistisch orientiertes Apartheidsystem zu transformieren. Ausgeklammert blieb dagegen die mit dem neurasthenischen kasinokapitalistischen Boom einhergehende soziale Ausgrenzung. Sieht man von dem zusammenschmelzenden H&auml;uflein von Gewerkschaftslinken und ein paar verstreuten Einzelk&auml;mpfern ab, behandelte die 90er-Jahre-Linke die &#8220;soziale Frage&#8221; kaum weniger als Anathema als die Leitideologie der kasinokapitalistischen &Auml;ra, der Neoliberalismus. Damit verzichtete die Linke aber nicht nur freiwillig auf jede Chance so etwas wie eine weiterreichende gesellschaftliche Wirksamkeit wiederzugewinnen; einer an Sozialkritik v&ouml;llig desinteressierten Linken droht sp&auml;testens angesichts der realen, die Hegemonie des Neoliberalismus &uuml;ber den Haufen werfenden Krisensch&uuml;be die Degeneration zu einer Facette des mehrheitsdemokratischen Irrsinns.</p>
<h4>Identit&auml;tspolitische Skurrilit&auml;ten </h4>
<p>Mittlerweile ist diese Gefahr Wirklichkeit geworden. Insbesondere in dem Segment der Linken, das sich selber gerne als &#8220;Radikale Linke&#8221; bezeichnet und die etwas gehobeneren intellektuellen Anspr&uuml;che bedient, haben sich gleich zwei Varianten der Umwidmung von Pseudogesellschaftskritik in offene Apologie des Amok laufenden Kapitalismus herausgemendelt. Sowohl die tonabgebenden Teile der deutschen Pop- Linken als auch der einseitig auf Ideologiekritik orientierten hiesigen Linken sind sich einig: das Gebot der Stunde hei&szlig;t Verteidigung der Spa&szlig;gesellschaft und der heilen schrillen West-Werbung-Welt.</p>
<p>Was die kulturalistische Linke angeht, entbehrt der Absturz ins Bodenlose nicht einer gewissen Folgerichtigkeit. Auf ihre Weise geht schon die kulturalistische Wendung w&auml;hrend der 80er Jahre auf einen grunds&auml;tzlichen Baufehler der Neuen Linken zur&uuml;ck. Auch in den Zeiten, als diese dem inhaltlichen Anspruch nach um eine allgemeine soziale Ver&auml;nderung bem&uuml;ht war, handelte es sich bei ihr selber &#8211; zumindest in Deutschland und &Ouml;sterreich &#8211; um ein kulturelles Ph&auml;nomen. Der Bezug der Gegenkultur auf die soziale Frage hatte wenig mit einer Kritik der eigenen sozialen Existenzweise zu tun, aber viel mit Sozialromantik. Nachdem sich diese Form arbeiter- bzw. randgruppen-seliger Stellvertreterpolitik blamiert hatte und sich auch der idealistische Elan in Sachen &#8220;Menschheitsthemen&#8221; &Ouml;kologie und Frieden verbraucht hatte, stellte die kulturalistische Wendung so etwas wie Kongruenz von Inhalt und Form her. Dieses Segment der linken Szene &uuml;berlebte und etablierte sich, indem es das zu seinem eigentlichen Inhalt machte, was schon vorher das wesentliche Bindemittel linker Identit&auml;t gewesen war, ein bestimmter Konsum- und Freizeitstil eine gemeinsame subkulturelle Orientierung. Von Krisensch&uuml;ben, die diesen selbstgen&uuml;gsamen, in die allenthalben entstandene Beliebigkeitskultur gut eingebetteten Lebensstil &uuml;ber den Haufen werfen k&ouml;nnten, will diese Spie&szlig;erfraktion verst&auml;ndlicherweise genauso wenig wissen wie alle anderen H&auml;uslebauer-Fraktionen.</p>
<p>Der &uuml;ber ideologiekritischen Reduktionismus f&uuml;hrende Weg zur Apologie des westlichen Kapitalismus hat einen etwas anders gearteten identit&auml;tspolitischen Untergrund. Diese Sekund&auml;rpathologie erw&auml;chst unmittelbar aus der Selbstisolierung der hiesigen Linken und ist &uuml;berhaupt nur als Frucht extremer Selbstbez&uuml;glichkeit verst&auml;ndlich. Schon seit geraumer Zeit hat sich eine innerlinke Minderheit von Ex-Szene- Angeh&ouml;rigen zu Verwaltern der Altbest&auml;nde gesellschaftskritischer Theorie aufgeschwungen, die diese Rolle dadurch aufzuwerten versucht, dass sie jede Realanalyse des heutigen Kapitalismus f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig erkl&auml;rt und das Nachdenken &uuml;ber eine emanzipative Perspektive f&uuml;r reaktion&auml;r. Sie sch&ouml;pft ihren identit&auml;ren Mehrwert daraus als Schriftenausleger gewohnheitsm&auml;&szlig;ig ihren ehemaligen Artgenossen die Leviten zu lesen und daf&uuml;r mit Abwehrreaktionen belohnt zu werden. Negativ auf die linke Szene und ihre Kapriolen fixiert, verschafft den Ideologiekritikern der Verfall der Szene-Politik und die tats&auml;chlich vorhandenen Ber&uuml;hrungspunkte des traditionellen linken Denkens mit antisemitischen und rechten Vorstellungen allerlei Gelegenheit sich szene-intern in Szene zu setzen. Aus diesem unfruchtbaren Spiel wird offener Irrsinn, wo die Polemik gegen die Wald- und Wiesendummheiten der Linken in Legitimation ihrer Gegner umschl&auml;gt. Die Grenze zum Abfeiern der Amok laufenden westlichen Demokratie im Zusammenhang mit dem 11. September ist &uuml;berschritten. Allzeit abrufbereit steht aber ein anderes irres Verdikt im Raum: Wer sie stellt, ist im besten Fall Reformist, im schlimmsten Fall begibt er sich in die N&auml;he des Antisemitismus.</p>
<h4>Linke Schizophrenie </h4>
<p>In der Linken d&uuml;rften Menschen, die sich unter prek&auml;ren Bedingungen &uuml;ber die Runden retten oder einer ungewissen Zukunft entgegengehen, deutlich &uuml;berrepr&auml;sentiert sein. Dass der arbeitsgesellschaftliche Zwang heute eine neue, terroristische Qualit&auml;t gewinnt, trifft diese Menschen unmittelbarer und h&auml;rter als den Bev&ouml;lkerungsdurchschnitt. Zur Szene-Identit&auml;t aber geh&ouml;rt es, die eigene Reproduktion als Privatproblem zu handhaben und ein Doppelleben zu f&uuml;hren. Das f&uuml;r die Warengesellschaft charakteristische Spaltungsirresein wird hier reproduziert, ja auf die Spitze getrieben. Die Linke hat Teil an der allgemeinen Leugnung der arbeitsgesellschaftlichen Misere, und droht doch gerade deshalb ihr zum Opfer zu fallen. Die eingeb&uuml;rgerte Art von oppositionellem Dasein wird immer mehr zum biographischen Luxus. Unabh&auml;ngig von allen ideologischen Fragen und Konjunkturen stellt sich die Frage wer es sich psychisch und finanziell auf Dauer leisten kann, gleichzeitig in einer Welt zu leben, in der Arbeit und sich verk&auml;uflich machen alles ist und in einer, in der all das nicht vorkommt.</p>
<p>Auf den ersten Blick k&ouml;nnte der Kontrast zwischen der heutigen und der 70er Jahre Linken kaum sch&auml;rfer ausfallen. Damals war die &#8220;soziale Frage&#8221; noch ein, wenn nicht das zentrale Thema gewesen. Die Besch&auml;ftigung mit der Realit&auml;t der Arbeitswelt fand nicht nur in einer eigenen Literaturgattung ihren Niederschlag, trotz (vielleicht auch wegen) ihren sozialromantischen Tendenzen, strahlte die linke Diskussion auf gesamtgesellschaftliche aus. Die Linken &uuml;bernahm so etwas wie eine Katalysator- und Avantgarderolle f&uuml;r den letzten gro&szlig;en arbeitsgesellschaftlichen Integrationsschub, die sozialdemokratische Reform&auml;ra. Die marginalisierte Linke unserer Tage dagegen kennt die soziale Frage nicht mehr.</p>
<p>Nichtsdestotrotz hat sich in diesem Umschwung etwas Wesentliches erhalten: ein grundlegend schizophrener Umgang mit dem arbeitsgesellschaftlichen Zwang. Schon zu den Hochzeiten der Neuen Linken lie&szlig; sich eine linke Biographie kaum ohne Distanz zur arbeitsgesellschaftlichen Normalit&auml;t vorstellen. Ob affirmativer Bezug auf die Arbeit oder Ignoranz gegen&uuml;ber der sozialen Problematik, linke Biographien fanden immer in den von der Arbeitsgesellschaft gelassenen Poren statt. Die Versch&auml;rfung des arbeitsgesellschaftlichen Terrors l&auml;sst nur zwei Optionen. Entweder verschwindet dieser lebensweltliche Hintergrund zusehends oder die Absetzbewegung vom Arbeitsterror wird selber zum zentralen Inhalt oppositioneller Bestrebungen erhoben. Das Ende des individuellen Durchlavierens durch die arbeitsgesellschaftlichen Zumutungen l&auml;hmt jede oppositionelle Regung oder sie wird Ausgangspunkt f&uuml;r kollektiven Widerstand, der weit &uuml;ber die heutige Restlinke ausstrahlt.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/der-triumph-des-irrealis">Der Triumph des Irrealis</a></p>
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		<title>Einfach umwerfend!</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:38:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>
		<category><![CDATA[Wölflingseder; Maria]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn eine arbeitslos ist, kann sie was erz&#228;hlen<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/einfach-umwerfend">Einfach umwerfend!</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>WENN EINE ARBEITSLOS IST, KANN SIE WAS ERZ&Auml;HLEN</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em>von Maria W&ouml;lflingseder</em> <span id="more-900"></span></p>
<p></em>Aus dem Spiegel blickt mir ein Zombie entgegen. Ein v&ouml;llig verquollenes rotes Gesicht, das sich wie ein Reibeisen anf&uuml;hlt. Meine legend&auml;ren gro&szlig;en blauen Augen, meine Stupsnase sind buchst&auml;blich im Lymph-Stausee ertrunken. Was, wenn dieses Aussehen nicht mehr verschwindet? Als ob ich nicht schon genug Horrorvisionen h&auml;tte!</p>
<p>Ich habe begonnen, meine Neurodermitis Immunsystem stimulierend behandeln zu lassen. Meine Erlebnisse als Arbeitslose, die ich mir nicht in den k&uuml;hnsten (Alp)Tr&auml;umen h&auml;tte zusammenphantasieren k&ouml;nnen, bescherten mir diese Hautkrankheit. W&auml;hrend des Winters sind Arme, Beine und die rechte Hand mitunter stark in juckende und ger&ouml;tete Mitleidenschaft gezogen. So ergeht&#8217;s mir, die ich mit Hautproblemen ungef&auml;hr so viel Erfahrung hatte wie im Fassadenklettern &#8211; nun aber k&ouml;nnte ich problemlos W&auml;nde hochgehen. Von keinem Vorgesetzten, von keiner Lehrperson, auch von keinem Arbeitsmarktservice( AMS)-Betreuer Ende der 80er Jahren wurde ich jemals so feindselig behandelt, als Schuldige, als Renitente, die zur R&auml;son gebracht werden muss, die geg&auml;ngelt werden darf. Meine jetzigen AMSBetreuerInnen und KursleiterInnen brachten diese Premiere bravour&ouml;s &uuml;ber die B&uuml;hne, ich k&ouml;nnte mir keine &uuml;berzeugteren Akteure vorstellen. Umwerfend! Es zog dem zeitlebens gewieften wie umtriebigen Wesen zum ersten Mal buchst&auml;blich den Boden unter F&uuml;&szlig;en weg: &uuml;ber Wochen hinweg immer wieder nie gekannte Schwindelzust&auml;nde.</p>
<p>Der Schock &uuml;ber den Schock: Warum habe ich dar&uuml;ber noch nirgends geh&ouml;rt oder gelesen? Ich kann doch nicht die erste sein, der solche Behandlung zuteil wird. &Uuml;ben sich alle in Blinde Kuh?</p>
<h4>Wie in einer &#8220;totalen Institution&#8221; </h4>
<p>Habe ich im AMS-Roulette besonderes Pech mit meiner Betreuung oder hat die Willk&uuml;r System? Andere bekommen &uuml;ber 1.090 Euro Arbeitslosengeld und werden angemessen behandelt. Ich 450 und als Draufgabe eine Behandlung, die frappant an jene in &#8220;totalen Institutionen&#8221; erinnert. Beim ersten Termin am AMS wurde nichts mit mir geredet, nur eine Drohung ausgesprochen: &#8220;Sie haben noch keinen neuen Job, dann gibt es nur zwei M&ouml;glichkeiten: eine Umschulung Richtung Computer (damals wurden alle AkademikerInnen &#8211; ob dazu geeignet oder nicht &#8211; in Web-Design-Kurse gesteckt) oder Richtung Wirtschaft, sonst geht&#8217;s nur bergab! &#8221; Was einen beim n&auml;chsten AMS-Termin erwartet, wei&szlig; man nie. Eine Arbeitslose &#8220;hat dem Arbeitsmarkt zur Verf&uuml;gung zu stehen&#8221; (deshalb darf sie auch nicht ins Ausland fahren), sie hat fulltime Job zu suchen oder Kurse zu besuchen. &#8220;Eigentlich sind wir Leibeigene des Staates&#8221;. <a href="#a1" name="1">1</a></p>
<p>Oftmalige Vorladungen, Listen mit Bewerbungen vorlegen, vorstellen gehen zu v&ouml;llig unpassenden Stellen, dar&uuml;ber Best&auml;tigungen vorlegen. Bewerbungen als Selbstzweck, der endlos und rund um die Uhr betrieben werden kann &#8211; wie Lotterie Spielen, verbunden mit denselben Hoffnungsphantasien, die trotz oder gerade nach der 250. Bewerbung zur Halluzination ausarten k&ouml;nnen.</p>
<p>Willk&uuml;r scheint Programm zu sein. Zwei Arbeitslose in derselben Situation werden v&ouml;llig kontr&auml;r behandelt: Eine &Auml;rztin und ein Arzt wollen nach dem Turnus eine Ausbildung zum Amtsarzt machen. Sie dauert einige Monate lang, einige Stunden pro Tag. Ihm wird dies erlaubt, ohne dass das Arbeitslosengeld gestrichen wird, ihr untersagt. Oder eine Frau, die nach Deutschland auswanderte: Sie war vor ihrer &Uuml;bersiedlung einen Monat arbeitslos, in dem sie mit Kursen eingedeckt wurde. Die Hoffnung, dass da noch Zeit f&uuml;r all ihre unz&auml;hligen mit einer Auswanderung verbundenen Beh&ouml;rden- Rennereien bliebe, konnte sie sich abschminken. Die Liste solcher Beispiele ist lange. Ein Muster f&auml;llt jedoch auf: Oft bekommen Arbeitslose nicht die Kurse, die sie wollen, w&auml;hrend andere, die sie nicht brauchen oder wollen, dazu gezwungen werden. Ich wurde gemeinsam mit hundert anderen AkademikerInnen zum Wirtschaftsf&ouml;rderungsinstitut vorgeladen, um einen Eignungstest f&uuml;r einen dreimonatigen Wirtschaftskurs zu machen &#8211; darunter viele AkademikerInnen, die ein abgeschlossenes Universit&auml;ts-Wirtschaftsstudium hatten!</p>
<p>Der ganze Kurs-Zirkus &#8211; ein potemkinsches Dorf: die einen &#8211; sonst Arbeitslosen &#8211; schulen die anderen Arbeitslosen. Bis vor kurzem wurde von PolitikerInnen und seitens des AMS stets behauptet, Arbeitslose seien minderqualifiziert oder h&auml;tten die falsche Ausbildung. Ich wurde aber meist mit der Begr&uuml;ndung <em>&uuml;berqualifiziert </em>abgelehnt. Aus- und Weiterbildung, Umschulung ein Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit &#8211; oder doch eher eine M&ouml;glichkeit Geld zu machen f&uuml;r die einen und ein Auf-Trab-Halten der anderen. Das Wirtschaftsf&ouml;rderungsinstitut wirbt mit dem Slogan &#8220;Du wirst, was Du lernst.&#8221; Vor allem Ausbildungen im Gesundheits- und Wellness-Bereich stehen hoch im Kurs. Jeder kann irgendwelche Phantasie-Zertifikate ausstellen, mit denen die &#8211; nicht zu knapp &#8211; Zahlenden meist nicht viel anfangen k&ouml;nnen. Konsumentenschutzeinrichtungen warnen davor.</p>
<h4>500 Arbeitslose und ein (Fernseh)Prediger </h4>
<p>Gleich zu Beginn der Arbeitslosigkeit wurde ich schriftlich zu einem &#8220;Bewerbungs- Impulstag&#8221; ins Messe-Kongresszentrum im Wiener Prater vorgeladen. Im Brief steht zuoberst in riesigen Lettern &#8220;Vorschreibung eines Kontrolltermins gem. § 49 ALVG&#8221; und unten die Rechtsmittelbelehrung: Bei Vers&auml;umnis des Kontrolltermins, also bei nicht Erscheinen zum Bewerbungs-Impulstag, kann es zur Streichung des Arbeitslosengeldes bis zu 62 Tagen kommen. Im beiliegenden Prospekt klingt der Zwang zur Teilnahme so: &#8220;Wir lassen Sie nicht allein bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. (&#8230; ) Weitere unterst&uuml;tzende Seminare sind vorgesehen. Sie k&ouml;nnen effizient und erfolgreich starten! Die Themen des Tages: Sie entdecken die eigenen St&auml;rken als Kapital auf dem Arbeitsmarkt. Marktanalyse leicht gemacht &#8211; verdeckte Jobs suchen und finden. Formulieren und erreichen Sie Ihr Ziel &#8211; Selbstmotivation kann jede/r lernen. K&ouml;rpersprache und Pers&ouml;nlichkeitsstil optimal einsetzen. Selbstvertrauen und &Uuml;berzeugungskraft gewinnen &#8211; Erfolg beginnt im Kopf. Tipps und wertvolle Hinweise, damit Bewerben Freude macht. Unterlagen gestalten, Gehalt sicher verhandeln, Alter argumentieren. &#8221;</p>
<p>F&uuml;nfhundert Arbeitslose &#8211; vom Hilfsarbeiter bis zur Akademikerin &#8211; sitzen zwei Coaches gegen&uuml;ber. Wir werden belehrt, dass es keine Verlierer gibt, nur welche, die aufgeben. Dass es um nichts weniger als um unseren Traumjob geht, um den Traum unseres Lebens. Arbeit soll ja Spa&szlig; machen. Jeder kann seinen Traumjob bekommen, man braucht nur von der Schattenseite in die Lichtseite treten. Und &#8220;l&auml;chle mehr als andere&#8221;, das hat schon G&ouml;tz von Berlichingen gesagt. Dass Frauen nichts Rotes zum Vorstellungsgespr&auml;ch anziehen sollen, weil dies eine Kampffarbe sei; und auch nichts Handgestricktes, keine Tracht (au&szlig;er man stellt sich in einem Trachtengesch&auml;ft vor) und nichts mit R&uuml;schen, dies signalisiere Bequemlichkeit und Tr&auml;gheit. Dass es f&uuml;r die Rockl&auml;nge ganz einfache Vorschriften g&auml;be &#8211; zwischen eine Handbreit &uuml;berm Knie und eine Handbreit unterm Knie. Dass f&uuml;r M&auml;nner ab einer Gehaltsvorstellung &uuml;ber 25.000 Schilling (1.800 Euro) brutto Krawattenzwang bestehe und dass wei&szlig;e Socken noch immer die Tods&uuml;nde Nummer eins seien. Zu guter Letzt, dass du nirgends als Bittsteller aufzutreten brauchst, du hast ja etwas zu bieten, du <em>verkaufst </em>ja deine St&auml;rken und F&auml;higkeiten. Dann brauchst du nur noch deine einzelnen konkreten Planungsschritte festlegen und verwirklichen. So ist der Traumjob sicher &#8211; schlie&szlig;lich gibt es ja eine Million offene Stellen pro Jahr.</p>
<p>Die Trainerin, eine knackige, gestandene Frau, der Trainer, ein gro&szlig;er, dicker, sanfter Selfmademan, vom Automechaniker &uuml;bern evangelischen Theologen zum Unternehmensberater mit Managementausbildung, hat seine Anleihen zweifelsohne bei amerikanischen Fernsehpredigern genommen.</p>
<p>Eine Einlage bot der Auftritt eines Bundesheer-Vertreters. Er umwarb Frauen, aber nur jene bis 34, die h&auml;tten beim Heer keine &uuml;blen Berufsaussichten. Unter den unz&auml;hligen Infotischen &#8211; von mehreren Leiharbeits-Firmen bis zum esoterischen Management-B&uuml;chersortiment &#8211; dominierte bei weitem jener des Bundesheeres.</p>
<p>Folgende B&uuml;cher wurden uns w&auml;rmstens empfohlen: Von Joseph Murphy, dem Urgro&szlig;vater des positiven Denkens, &#8220;Werde reich und gl&uuml;cklich. Entdecke Deine unendlichen Kr&auml;fte&#8221;. Von Chris Lohner, ehemalige Fernsehsprecherin und &Ouml;sterreichische-Bundesbahn-Bahnhofs- Stimme, &#8220;Keiner liebt mich so wie ich. Oder die Kunst in Harmonie zu leben&#8221; und &#8220;Keine Lust auf Frust, keine Zeit f&uuml;r Neid&#8221;. Von Ute Ehrhardt &#8220;Gute M&auml;dchen kommen in den Himmel, b&ouml;se &uuml;berall hin&#8221;. Und dann war da noch etwas &uuml;ber spirituelle Intelligenz.</p>
<p>Gary Lux, abgehalfterter Schlagers&auml;nger, hat einen Song f&uuml;r diesen Tag komponiert. Ganglien verklebend schallte es in den Pausen &uuml;ber die Lautsprecher: &#8220;Geboren in diese Welt von Leidenschaft und Geld, scheint manches Ziel oft unerreichbar fern. Du fragst dich nach dem Sinn von Ehrgeiz und Gewinn und zweifelst an dir selbst nur allzu gern. Doch irgendwo in jedem von uns lebt ein kleiner Traum, der unaufh&ouml;rlich nach Erf&uuml;llung brennt, und irgendwo in jedem von uns gibt es diese Kraft, die unsichtbar das Schicksal f&uuml;r uns lenkt. Mach was draus, geh hinaus, steh einfach zu dir selbst, &uuml;be dich in Zuversicht, bis du den Weg erkennst. Es kann so einfach und so wunderbar sein auf dieser Welt, drum mach was draus und denk nicht ans Geld. Das Leben ist ein Spiel mit unbekanntem Ziel, die W&uuml;rfel h&auml;ltst du selbst in Deiner Hand. Oft kommt ein schlechter Zug, man denkt, es ist genug, doch nur wer durchh&auml;lt, wird am Schluss erkannt. (&#8230; )&#8221;</p>
<p>Einer der f&uuml;nfhundert Mitzumotivierenden ist ein guter Bekannter aus engagierten linken Kreisen. W&auml;hrend andere von Gehirnw&auml;sche munkelten, war sein einziger Kommentar: &#8220;Nach meiner Mediator- Ausbildung mache ich auch Arbeitslosen- Kurse.&#8221; Da er&uuml;brigt sich zu fragen, warum nichts an die &Ouml;ffentlichkeit dringt &uuml;ber diesen staatlich zwangsverordneten und finanzierten Aberwitz. Alles, was Arbeit/Arbeitslose/Arbeitslosigkeit betrifft, scheint besonders anf&auml;llig f&uuml;r kollektive Verdr&auml;ngung.</p>
<h4>Ich und lebensunt&uuml;chtig? H&ouml;r ich da die H&uuml;hner lachen? </h4>
<p>Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was mich da als 42j&auml;hrige Geisteswissenschaftlerin anno 2000 am Arbeitsmarkt und beim AMS erwartet. Ich war allen Ernstes &uuml;berzeugt, wieder irgendeinen Brotjob zu finden, nachdem die Zeitschrift &#8220;Weg und Ziel&#8221; eingestellt worden war. <a href="#a2" name="2">2</a> Und all meine Freunde, Bekannten und Verwandten waren offenbar derselben Meinung. Als ich dennoch keinen Job fand, lernte ich alle meine Lieben v&ouml;llig neu kennen. &#8220;Aber Du mit Deinen vielen Erfahrungen und Beziehungen, wenn Du nichts findest! &#8220;, konterten sie meine (bis dato &uuml;ber 250) erfolglosen Bewerbungen. Obwohl jeder wei&szlig;, wie hoch sie ist und dass sie nie wieder verschwinden wird, wird Arbeitslosigkeit dem Einzelnen gegen&uuml;ber geleugnet, versucht, sie exemplarisch abzuwehren: Der je konkrete, einzelne Arbeitslose &#8220;muss&#8221; wieder einen Job finden. Freunde und Bekannte untermauern das Unbedingte mit (meist v&ouml;llig illusorischen) Ratschl&auml;gen und Tipps. Etwas anderes k&ouml;nnen sie auch nicht tun; das Konkurrenzverh&auml;ltnis schl&auml;ft nie, es ist immer und &uuml;berall. Wie das Karnickel vor der Schlange sitzen sie vor mir, ihrer eigenen personifizierten Angst vor Arbeitslo- sigkeit. Ich bin in erster Linie Arbeitslose, alles, was ich zuvor noch alles machte, ist kein Thema mehr &#8211; zuerst brauchst du einen Job, dann kannst du anderes machen. Das w&auml;re ja noch sch&ouml;ner, wenn Arbeitslose sich nun in Ruhe der Literatur, dem Gedichte Schreiben oder was wei&szlig; ich widmen k&ouml;nnten.</p>
<p>Ein Freund, noch dazu ein ganz besonderer &#8211; seines Zeichens Psychologe und Psychotherapeut, &auml;u&szlig;erte ganz nonchalant, ob es nicht doch eine Frage der Lebenst&uuml;chtigkeit sei, einen Job zu haben oder sich selbst einen zu schaffen. Ich h&ouml;re die H&uuml;hner lachen, und trotzdem sitzt diese Ohrfeige! Reflektiertheit sch&uuml;tzt nicht vor Schmach. Umso schmerzvoller, wenn sie von Freunden kommt. Der Arbeitslose ist niemand. Deshalb kannst du auch nicht Recht haben. Deshalb bist du schuld, unzufrieden und krank, kurz eine unbeliebte Zeitgenossin! Recht haben die, die dem allherrschenden Wahnsinn kein kritisches W&ouml;rtchen entgegenstellen. Ach du plattgewalzter Krisengipfel, da musste ich erst arbeitslos werden, damit ich sehe, wohin es die meisten Freunde und ehemaligen MitstreiterInnen getrieben hat (auch wenn sie sich noch immer als &#8220;links&#8221; bezeichnen).</p>
<p>Der einzige &#8220;Fortschritt&#8221; heute nach drei Jahren: Nun wo bereits die 30j&auml;hrigen gut ausgebildeten Erfolgreichen en masse arbeitslos sind, ist die Haltung mir gegen&uuml;ber etwas gn&auml;diger geworden. Nur wenige brachten es von Anfang an auf den Punkt: &#8220;Tja, mit Losern will heute niemand etwas zu tun haben. &#8221;</p>
<h4>No money &#8211; only woman and cry </h4>
<p>Was meine Situation versch&auml;rft: die H&ouml;he meines Arbeitslosengeldes, 15 Euro pro Tag. Ich hatte nur 20 Wochenstunden angestellt gearbeitet und als freiberufliche Wissenschaftlerin. Diese 450 Euro sind gerade mal die Miete f&uuml;r meine 60m2-Wohnung. Eine Freundin aus Sozialakademie-Zeiten &#8211; sie arbeitet als Sozialarbeiterin &#8211; im vollsten Brustton der &Uuml;berzeugung: wenn mein Arbeitslosengeld so niedrig sei, bekomme ich sicher vom Sozialreferat Unterst&uuml;tzung. Wer sich dort mal hineingetraut hat, wei&szlig;, warum viele die Br&uuml;cke bevorzugen, nur Sozialarbeiter wissen es offenbar nicht. Die beh&ouml;rdliche Vorgabe lautet offenbar: loswerden, wer loszuwerden ist. Eigentlich ist jede Unterst&uuml;tzung ohnehin nur eine Ermessenssache. Die Methoden, AntragstellerInnen erst gar nicht vor zu lassen, sind vielf&auml;ltig. Ich schaffte es erst beim dritten Mal. Zuerst schickten sie mich auf ein anderes &#8211; nicht zust&auml;ndiges &#8211; Amt. Welche Unterlagen ich brauchte, wurde mir erst nach und nach mitgeteilt. Schlie&szlig;lich war ich mit der Begr&uuml;ndung, ich h&auml;tte ja 20.000 Schilling (1.450 Euro) Abfertigung bekommen, schnell wieder vor der T&uuml;r. Im Gegensatz zu jenen am AMS sprechen die Menschen am Sozialreferat miteinander. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Von den Beamten werden sie wie Un-Menschen behandelt. W&auml;hrend der stundenlangen Wartezeit kamen mir zahlreiche Berichte &uuml;ber Schikanen zu Ohren, &#8211; fassungslos, mit geballter Wut im Bauch, h&auml;tte ich am liebsten das B&uuml;ro des Chefs der Wiener Sozialreferate gest&uuml;rmt. Ich kenne ihn aus den Tagen des gemeinsamen Engagements Ende der 70er Jahre, als der gute Mann ach so revolution&auml;r war! Er ist immer so empathisch und nett, dass einem die Spucke wegbleibt. Unter seiner F&uuml;hrung wurde mittlerweile tats&auml;chlich begonnen, die Sozialreferate zu reformieren. Und der Erfolg? Es ist nicht besser geworden. Man bekommt z. B. nur mehr ganz selten &uuml;berhaupt einen Termin. Unglaublich: nun ist &#8220;SOS-Mitmensch&#8221; damit besch&auml;ftigt, die Menschen vor dieser Einrichtung in Schutz zu nehmen und nach dem Rechten zu sehen.</p>
<p>Ich hatte zuvor noch nie finanzielle Probleme gehabt. Ich war auch nie von den Eltern oder von einem Mann finanziell abh&auml;ngig &#8211; was f&uuml;r mich in den 70er Jahren gro&szlig; Gewordene selbstverst&auml;ndlich war. Pl&ouml;tzlich tauchte regelm&auml;&szlig;ig der reiche Mann auf &#8211; nein, nicht pers&ouml;nlich, sondern seitens meiner Freunde als (scherzhaft? ) phantasierte Probleml&ouml;sung.</p>
<p>Von heute auf morgen nicht mehr f&uuml;r mich, f&uuml;r mein finanzielles Auskommen sorgen zu k&ouml;nnen, stellt alles in Frage. Mich samt und sonders. Unfa&szlig;bar, ja ein Ph&auml;nomen wie jemand, deren Selbstvertrauen und Selbstbewu&szlig;tsein stets bl&uuml;hte und gedeihte, wie jemand, die keinen Job braucht, weil sie sonst nicht w&uuml;sste, was tun, die keinen Job der Anerkennung wegen braucht, trotzdem pl&ouml;tzlich zum Nichts mutiert und sich selbst verw&uuml;nscht!</p>
<p>Auch jeder Handgriff, den ich mache oder nicht, ist in Frage gestellt. <em>L&auml;hmung </em>in jeder Hinsicht. Zu wissen, dass es das Geld f&uuml;r dringende Reparaturen, f&uuml;r das Heizungsservice, f&uuml;r die Dinge des t&auml;glichen Gebrauchs, geschweige denn f&uuml;r B&uuml;cher, f&uuml;r CDs, f&uuml;r Kultur, das Geld um Freunde einzuladen oder f&uuml;r Bahnfahrten einfach nicht gibt, l&auml;sst dich am besten im Bett bleiben. Jeder Schritt aus dem Haus ist mit Geld ausgeben verbunden. Nicht zuf&auml;llig habe ich Neurodermitis, eine Stoffwechselkrankheit. Wo kein Geld flie&szlig;t, flie&szlig;t nichts mehr.</p>
<p>Die Mu&szlig;e f&uuml;r all das, was ich immerzu &#8211; ohne Sal&auml;r &#8211; gemacht habe &#8211; Wissenschaft, Gedichte und Buchbesprechungen schreiben, Kroatisch lernen etc. &#8211; wird ausgehungert.</p>
<p>Kein Wunder, dass heute allzu viele Frauen wieder vom Geld ihres Mannes leben, Kinder kriegen, um ihre Arbeitslosigkeit zu kaschieren oder auch um vor unertr&auml;glichen Jobs zu fl&uuml;chten. Kein Wunder, dass in Deutschland die Scheidungsrate pl&ouml;tzlich um 30 Prozent zur&uuml;ckgegangen ist. Frauen w&uuml;rden keinen Job finden und M&auml;nner sich die Alimente nicht leisten k&ouml;nnen. Dass solches auch von betroffenen sich als feministisch bezeichnenden Frauen v&ouml;llig unreflektiert bleibt, verwundert allerdings.</p>
<p>Nicht nur die Situation von Arbeitslosen wird &#8211; auch von diesen selbst &#8211; weitgehend geleugnet und verdr&auml;ngt, sondern vor allem die Ausweglosigkeit der Arbeitsgesellschaft generell. Was f&uuml;r gespenstische Anpassung!</p>
<p><em><br />
<h4>Anmerkungen </h4>
<p><a href="#1" name="a1">1</a> Karl Reitter: &#8220;Eigentlich sind wir Leibeigene des Staates&#8221;, in: Volksstimme, 29. 6. 2000, Wien. Damals einer der wenigen kritischen Artikel zu diesem Thema. Vgl. auch: Gustav Valentin: Trainingsma&szlig;nahmen sind Abschreckungsma&szlig;nahmen, in: Menschen machen Medien, hg. v. IG-Medien, Nr. 5/6, 2000, Stuttgart. Film- und Theaterschaffende haben immer wieder arbeitslose Zeiten zwischen ihren Engagements. Das M&uuml;nchner Arbeitsamt drangsaliert diese Berufsgruppe mit dem&uuml;tigenden und beleidigenden Psychospielchen auf Bewerbungsseminaren bzw. versucht sie auf kaufm&auml;nnische Berufe umzuschulen. Arbeitslosen aus anderen Berufen wird dies erst nach ein bis zwei Jahren Arbeitslosigkeit zuteil, Film- und Theaterschaffenden gleich zu Beginn &#8211; egal ob &uuml;berhaupt Arbeitslosengeld bezogen wird. Manche m&uuml;ssen solche Seminare immer wieder besuchen. Wer nicht erscheint, bekommt eine Sperrfrist des Arbeitslosengeldes. Viele, die sich diesen Schikanen nicht aussetzen wollen, melden sich ab. So wird die Arbeitslosenstatistik gesch&ouml;nt und Geld gespart.</p>
<p><a href="#2" name="a2">2</a> Vgl. Maria W&ouml;lflingseder, Meine Jahre bei &#8220;Weg und Ziel&#8221;, in Weg und Ziel, 1/2000. http://contextxxi.mediaweb.at/texte/archiv/ wuz0001XVIII.html Oder einfach im Google &#8220;Meine Jahre bei&#8221; eingeben. </em></p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/einfach-umwerfend">Einfach umwerfend!</a></p>
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		<title>Jenseits der Gerechtigkeit</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2003/jenseits-der-gerechtigkeit-2008-erweiterte-fassung-des-artikel-in-streifzuege-1-2003</link>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:36:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Recht / Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.streifzuege.org/?p=939</guid>
		<description><![CDATA[Attacke gegen den b&#252;rgerlichen Wertekanon und seine linken Wurmforts&#228;tze: Keine Weihnachtsgeschichte<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/jenseits-der-gerechtigkeit-2008-erweiterte-fassung-des-artikel-in-streifzuege-1-2003">Jenseits der Gerechtigkeit</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Attacke gegen den b&uuml;rgerlichen Wertekanon und seine linken Wurmforts&auml;tze: Keine Weihnachtsgeschichte</h3>
<p>erweiterte Fassung des Artikels in Streifz&uuml;ge 1/2003 von 18.12.2008</p>
<p><em>von Franz Schandl</em> <span id="more-939"></span></p>
<p><em>Peter Kampits hat im Standard vom 13. Dezember 2008 einige Positionen zum Thema zusammengefasst. Dass man Gerechtigkeit auch schlichtweg ablehnen kann, zeigt der folgende Beitrag. </em></p>
<p>&#8220;Das Gerechte ist also etwas Proportionales&#8221;, wusste schon Aristoteles. &#8220;So ist das Gerechte als ein Regulierendes nichts anderes als die Mitte zwischen Verlust und Gewinn.&#8221; Was dann hei&szlig;t: &#8220;Das Gerechte ist folglich die Achtung vor Gesetz und b&uuml;rgerlicher Gleichheit, das Ungerechte die Missachtung von Gesetz und b&uuml;rgerlicher Gleichheit. &#8221;</p>
<p>Gerechtigkeit ist nichts anderes als eine begriffliche Abstraktion &auml;quivalenten Tauschens. Sie meint die gesellschaftlich kodifizierte proportionale Zuteilung von Anspr&uuml;chen, d. h. von Geld, Waren oder Leistungen an verschiedene Individuen oder Gruppen. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist immer eine nach dem Recht. Kommt es zu Streitigkeiten, dann entscheidet die b&uuml;rgerliche Justiz: Gerecht ist das Gericht. Alles andere ist ein Ger&uuml;cht. Ansonsten ist Gerechtigkeit eine Leerformel, mit der sich dieses und jenes einbilden, behaupten und verlangen l&auml;sst. Etwas &uuml;berspitzt k&ouml;nnte man sagen: Gerechtigkeit ist die subjektive Gewalt, die man nicht hat.</p>
<p>Doch gerade darin besteht ihre Bedeutung, in der Ideologieproduktion. Es d&uuml;nkt, dass es da noch anderes gibt als die Weltlichkeit von Gesetz und Recht, n&auml;mlich eine b&uuml;rgerliche Geistlichkeit, die die Herzen w&auml;rmt. An die Gerechtigkeit zu glauben, unterscheidet sich nicht wesentlich davon, an Gott zu glauben. Auch wenn das heute nicht mehr der Fall ist, eine S&auml;kularisierung stattgefunden hat, ist der G&ouml;tzendienst am Vokabular eigentlich un&uuml;bersehbar. In Immanuel Kants &#8220;Metaphysik der Sitten&#8221; war die Gerechtigkeit ja noch eindeutig an Gott gebunden. Unaufh&ouml;rlich spricht er in religi&ouml;ser Terminologie von &#8220;Schuld&#8221; &#8220;Ehrfurcht&#8221;, &#8220;belohnender Gerechtigkeit&#8221; und &#8220;Strafgerechtigkeit&#8221; spricht. Das ist kein Zufall.</p>
<h4>Unser aller Schatzi? </h4>
<p>Gerechtigkeit ist eine demokratische G&ouml;ttin, an der sich alle anhalten wollen, wenngleich die Vorstellungen pluralistisch divergieren m&ouml;gen. Gerechtigkeit ist die Anrufung der b&uuml;rgerlichen Seele durch das b&uuml;rgerliche Subjekt gegen die b&uuml;rgerliche Realit&auml;t. Die Pflicht, das Recht zu m&ouml;gen, ist da schwieriger, aber die selige Gerechtigkeit, die ist unser aller Schatzi.</p>
<p>Hans Kelsen hat das ganz trocken so gefasst: &#8220;Insofern Gerechtigkeit eine Forderung der Moral ist, ist in dem Verh&auml;ltnis von Moral und Recht das Verh&auml;ltnis von Gerechtigkeit und Recht inbegriffen.&#8221; Gerechtigkeit ist keine &uuml;ber das Recht hinausweisende Gr&ouml;&szlig;e, wie es sich der gesunde Menschenverstand oder die gro&szlig;e Philosophie es sich stets einbildet, sondern ein vom Recht abgeleiteter Aspekt. Gerechtigkeit meint reelle Anerkennung des Rechts bei gleichzeitiger Toleranz ideeller Abweichungen. Kurzum, Gerechtigkeit ist ein herrschende Form des Rechtsbekenntnisses.</p>
<p>Wahrlich, Gerechtigkeit titelt sich eines dieser gro&szlig;en fairy tales of commerce. Alle sind daf&uuml;r, die Linken, die Liberalen, die Rechten. Dritte-Welt-Gruppen fordern Fair-trade, Gr&uuml;ne sprechen von Fairteilen, der austrokanadische Multimillion&auml;r Frank Stronach setzt sich gar f&uuml;r eine &#8220;faire Marktwirtschaft&#8221; ein. J&ouml;rg Haider propagierte diese ebenso wie Sozialdemokraten das wohl noch immer tun. Aber auch der oberste Weltpolizist George Bush kommt ohne Gerechtigkeit nicht aus. &#8220;Infinite justice&#8221; benannte der gro&szlig;e Freiheitsk&auml;mpfer unmittelbar nach dem 11. September den nun folgenden Kreuzzug gegen das B&ouml;se in der Welt.</p>
<p>Und die Herrschaftsintellektuellen von Huntington und Fukuyama bis hin zu Etzioni und Walzer assistieren. In dem ber&uuml;chtigten Dokument &#8220;What we&#8217;re fighting for: A letter from America&#8221; (Fr&uuml;hjahr 2002) hei&szlig;t es ganz hingebungsvoll, dass &#8220;das Beste von dem, was wir allzu leichtfertig , amerikanische Werte&#8217; nennen, nicht nur Amerika geh&ouml;rt, sondern vielmehr das gemeinsame Erbe der Menschheit und somit eine m&ouml;gliche Grundlage der Hoffnung f&uuml;r eine auf Frieden und Gerechtigkeit aufgebaute Weltgemeinschaft ist.&#8221; &#8220;Wir hoffen, dass dieser Krieg, indem er einem gnadenlosen globalen &Uuml;bel ein Ende setzt, die M&ouml;glichkeit einer auf Gerechtigkeit gegr&uuml;ndeten Weltgemeinschaft zu st&auml;rken vermag.&#8221; Dass m&ouml;glicherweise die Gerechtigkeit eines der gnadenlosesten &Uuml;bel ist, dies zu denken ist reine Blasphemie.</p>
<h4>B&uuml;rgerliche Kampfbegriffe</h4>
<p>Indes Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit sind die klassischen Kampfbegriffe b&uuml;rgerlicher Formierung. Kr&uuml;cken der Menschlichkeit, nicht diese guthin. Sie sind nicht nur kapitalistisch kodifiziert, sie sind kapitalistisch konstituiert. Geld und Freiheit sind im Kapitalismus Synonyme, Gerechtigkeit und Gleichheit Modi der Ordnung bzw. Zuordnung. Alles andere ist h&ouml;here Einbildung oder einfach Gebot hei&szlig;endes Gebet.</p>
<p>Karl Marx schrieb dazu in seinen &#8220;Grundrissen&#8221; ganz eindeutig: &#8220;Da das Geld erst die Realisierung des Tauschwerts ist und erst bei entwickeltem Geldsystem das System der Tauschwerte realisiert hat, oder umgekehrt, so kann das Geldsystem in der Tat nur die Realisation dieses Systems der Freiheit und Gleichheit sein.&#8221; &#8220;Wenn also die &ouml;konomische Form, der Austausch, nach allen Seiten hin die Gleichheit der Subjekte setzt, so der Inhalt, der Stoff, individueller sowohl wie sachlicher, der zum Ausdruck treibt, die Freiheit. Gleichheit und Freiheit sind also nicht nur respektiert im Austausch, der auf Tauschwerten beruht, sondern der Austausch von Tauschwerten ist die produktive, reale Basis aller Gleichheit und Freiheit. Als reine Ideen sind sie blo&szlig; idealisierte Ausdr&uuml;cke derselben; als entwickelt in juristischen, politischen, sozialen Beziehungen sind sie nur die Basis in einer anderen Potenz. &#8221;</p>
<p>Gerechtigkeit zwischen Lohn und Profit bzw. auf jeden Preis bezogen herrscht, wenn sie ihrem Wert entsprechend sich gestalten. Das tun sie. Diese Gerechtigkeit verhindert freilich weder soziale Degradierungen noch &ouml;kologische Verw&uuml;stungen, jene bringt diese regelgerecht hervor. Wenn jemand sagt, es sei ungerecht, dass Millionen verhungern und verelenden, w&auml;hrend andere in &Uuml;berfluss leben, hat diese Person weder den Charakter menschlichen Leids begriffen, noch den der Gerechtigkeit. Es ist wertgerecht, dass die Menschen, die nicht in- Wert-gesetzt werden k&ouml;nnen, an ihm verrecken. Der Markt ist so, und man muss froh sein, dass diese liberale, also sozialdarwinistische Instanz nicht die einzige ist und sein kann, die &uuml;ber die Schicksale entscheidet.</p>
<p>Wir leben in einer weitgehend gerechten Welt. Gerade das ist unser Problem. Noch einmal Marx: &#8220;Die Gerechtigkeit der Transaktionen, die zwischen den Produktionsagenten vorgehn, beruht darauf, dass diese Transaktionen aus den Produktionsverh&auml;ltnissen als nat&uuml;rlicher Konsequenz entspringen. Die juristischen Formen, worin diese &ouml;konomischen Transaktionen als Willenshandlungen der Beteiligten, als &Auml;u&szlig;erungen ihres gemeinsamen Willens und als der Einzelpartei gegen&uuml;ber von Staats wegen erzwingbare Kontrakte erscheinen, k&ouml;nnen als blo&szlig;e Formen diesen Inhalt selbst nicht bestimmen. Sie dr&uuml;cken ihn nur aus. Dieser Inhalt ist gerecht, sobald er der Produktionsweise entspricht, ihr ad&auml;quat ist. Er ist ungerecht, sobald er ihr widerspricht. Sklaverei, auf Basis der kapitalistischen Produktionsweise, ist ungerecht; ebenso der Betrug auf die Qualit&auml;t der Ware. &#8221;</p>
<p>Um es mit aller Deutlichkeit zu sagen: Der Kapitalismus ist die Verwirklichung der Gerechtigkeit. Gerecht ist die Weltwirtschaftsordnung, gerecht ist die Ausbeutung, gerecht sind L&ouml;hne, Preise und Mieten. So viel Gerechtigkeit hat es noch nie gegeben. Der Tausch ist die entsprechende und somit gerechte Form der Realisierung des Wertgesetzes. Die Welt ist gerecht. Gerecht ist, was der Markt hergibt, alle anderen Ger&uuml;chte sind lediglich Beruhigungspillen f&uuml;r Unentwegte. Wer etwas anderes haben will, eine wirkliche Alternative, muss sich gegen den Markt, aber nicht an die Gerechtigkeit wenden.</p>
<p>Den Umverteilern sei daher ins Stammbuch geschrieben, dass die Forderung &#8220;Ein gerechter Tagelohn f&uuml;r ein gerechtes Tagewerk&#8221; von Karl Marx immer zur&uuml;ckgewiesen wurde. Er nannte diese Losung ein &#8220;konservatives Motto.&#8221; Er wandte sich auch dezidiert gegen die im Gothaer Programm (1875) der deutschen Sozialdemokratie formulierte Phrase von der &#8220;gerechten Verteilung des Arbeitsertrags&#8221;.</p>
<p>Hinter der Losung der Gerechtigkeit verbirgt sich letztendlich doch nur die Formel von gerechten Preisen, gerechten Pensionen oder gerechten L&ouml;hnen. Was aber w&auml;re nun Gerechtigkeit? Sind 4 Euro Stundenlohn f&uuml;r eine Textilarbeiterin ungerecht, 8 Euro aber gerecht? Sind 11 Euro f&uuml;r einen Erd&ouml;larbeiter ungerecht, 22 aber gerecht? Warum nicht 10 Euro f&uuml;r beide? Oder 32? Und warum soll ein Bundeskanzler oder noch irrer: ein Manager eigentlich mehr verdienen als ich? Das ist doch nicht nur ungerecht, das ist doch schon unversch&auml;mt, oder? W&auml;ren nicht Ober- und Untergrenzen gerecht, ja vielleicht &uuml;berhaupt ein Einheitslohn? Welche Differenzierungen w&auml;ren gerecht? Und ist es nicht megaungerecht, wenn meine allseits gesch&auml;tzte Mutter 3600 Jahre als Textilarbeiterin h&auml;tte arbeiten m&uuml;ssen oder jetzt als Pensionistin noch 4800 Jahre leben m&uuml;sste, um das zu lukrieren, was irgendein gr&ouml;beres B&ouml;rsenburli in einigen Minuten verzockt?</p>
<p>Uff! Kein Fragesatz, der nicht vor Dummheit strotzt. Man sieht, die ganze Debatte &uuml;ber Einkommensh&ouml;hen ist absurdes b&uuml;rgerliches Umverteilungstheater. Neid- und Leidpfuscherei. Es geht nie um das, worum es geht, es geht stets um die Proportion. Indes, man kann ja viel wollen im Leben, ja man soll. Nahrung, Wohnung, Erholung, Liebe, Gesundheit, Spa&szlig;, Bet&auml;tigung, das braucht man, von mir aus auch Champagner und Schweinebraten, Ruderboote und Gummistiefel &#8211; wer aber braucht Gerechtigkeit?</p>
<h4>Werte des Werts</h4>
<p>Anstatt also Bed&uuml;rfnis und Begehrlichkeit, ihre M&ouml;glichkeiten und Schranken zu &uuml;berpr&uuml;fen, beruft man sich lieber auf die Fetische b&uuml;rgerlichen Daseins, auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, die man partout nicht eingel&ouml;st sehen will und daher unabl&auml;ssig auf ihre Erf&uuml;llung pocht. Das ist Affirmation pur, billiges Denken ohne Perspektive.</p>
<p>Auf der Tagesordnung st&uuml;nde aber die Losl&ouml;sung von alledem, kurzum: Es soll das Wollen sich direkt artikulieren und sich nicht als Gerechtigkeit kost&uuml;mieren. Gerechtigkeit verf&uuml;hrt die Menschen dazu, blo&szlig; nach ihrer Teilhabe zu fragen. Sie fragen nicht mehr was ist, sondern was sie vom Giftkuchen haben m&ouml;chten. Wohlgemerkt, nicht nur die sozial schlechter Positionierten tun dies, alle meinen ja im Konsens, dass sie zu wenig abkriegen. Doch genau dieses vorausgesetzte Ganze ist unser Problem, die Proportion hingegen ist nur ein von der Totalit&auml;t abgeleitetes Ph&auml;nomen, das &uuml;ber ordin&auml;rer Interessenskonflikte nicht hinausreicht.</p>
<p>Die b&uuml;rgerlichen Leitwerte, die <em>Werte des Werts</em>, hatten bestimmende Kraft in der Epoche seit der Aufkl&auml;rung bis weit in die zweite H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts. Heute ist diese Kraft aber weitgehend ersch&ouml;pft und aufgebraucht , ihre Beschw&ouml;rung wirkt zusehends abgestanden und abgeschmackt. Doch das Absingen des b&uuml;rgerlichen Kanons, der &#8220;alten weltbekannten demokratischen Litanei&#8221; (Marx) will und will nicht aufh&ouml;ren.</p>
<p>Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit sind allerh&ouml;chstens die vorletzten Wahrheiten der Menschheit. Wahrscheinlich nicht einmal das. So paradox es dem modernen Subjekt erscheint, gerade darum geht es: Nicht mehr Gerechtigkeit zu fordern, sondern sich ihrer zu entledigen! Sie tr&auml;gt nirgendwo hin, wo wir nicht schon gewesen. Im Zeichen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ist heute keine emanzipatorische Praxis mehr zu entwickeln. Diese sind nichts anderes als Grundprinzipien von Kapital, Konkurrenz und Markt. Der Kommunismus, also das gute Leben, ist jenseits davon.</p>
<p>Zuviel des Guten? &#8211; Das will ich doch hoffen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/jenseits-der-gerechtigkeit-2008-erweiterte-fassung-des-artikel-in-streifzuege-1-2003">Jenseits der Gerechtigkeit</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>L&#8217;État c&#8217;est quoi &#8230;</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2003/letat-cest-quoi</link>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:34:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Recht / Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>
		<category><![CDATA[Wallner; Gerold]]></category>

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		<description><![CDATA[NACHTR&#196;GLICHE BETRACHTUNGEN ZU EINER DISKUSSIONSVERANSTALTUNG Streifz&#252;ge 1/2003 von Gerold Wallner Gehen wir einmal davon aus, dass verschiedene Menschen mit linker Tradition, linken Neigungen, linker Vergangenheit und linken Perspektiven einander zu einem Seminar &#252;ber den Begriff des Staats treffen. Gehen wir davon aus, dass ich einer davon war. Gehen wir davon aus, dass zur Erhellung des [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/letat-cest-quoi">L&#8217;État c&#8217;est quoi &#8230;</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>NACHTR&Auml;GLICHE BETRACHTUNGEN ZU EINER DISKUSSIONSVERANSTALTUNG</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2003</p>
<p><em>von Gerold Wallner</em> <span id="more-898"></span></p>
<p><em> Gehen wir einmal davon aus, dass verschiedene Menschen mit linker Tradition, linken Neigungen, linker Vergangenheit und linken Perspektiven einander zu einem Seminar &uuml;ber den Begriff des Staats treffen. Gehen wir davon aus, dass ich einer davon war. Gehen wir davon aus, dass zur Erhellung des Begriffs Staat nichts beigetragen wurde, was nun danach verlangt, einige wesentliche Argumente und Fragen Revue passieren zu lassen. </em></p>
<p>Eine der Fragen, die ungekl&auml;rt bis zum Ausklang des Seminars blieb, wurde gleich anfangs gestellt: Ist es m&ouml;glich, den Begriff des Staats auf seine wesentlichen Inhalte zu reduzieren, also eine real-abstrakte Form zu finden, aus der das Wesen des Staats und die Form der Staatlichkeit ableitbar w&auml;re? Die Antworten waren divergierend insofern, als im ersten Referat behauptet wurde, die Menschenrechte h&auml;tten einen Einfluss auf den Staat, indem sie ihn zu gesellschaftlicher Emanzipation aufriefen &#8211; also zu einer Verpflichtung, der er nicht nachkommen k&ouml;nne, und sich so als im Widerspruch zur Gesellschaft stehend entlarve. Der Staat sei quasi das Gegenteil seiner Verfassung, respektive noch nicht einmal auf der Verfassung gegr&uuml;ndet. Jeder Rekurs auf Menschenrechte desavouiere den Staat also als den Gewaltapparat, als der er sich realiter darstelle. Zwischen Gesellschaft und Staat tue sich eine Kluft auf, deren Inhalt die versprochenen und noch nicht eingel&ouml;sten Forderungen von Demokratie und Menschenrechten seien. Doch seien diese Forderungen geschichtsm&auml;chtig genug, die vormoderne Gesellschaft an diesem Wunsch nach einem Staat, der eben jene Menschenrechte in seine Verfassung aufnehmen m&ouml;ge, zu blamieren, zu st&uuml;rzen und eine neue Gesellschaft zu gr&uuml;nden, in deren Staatlichkeit der Kampf um die Durchsetzung dieser Forderungen vollends zum Durchbruch (und bei gutem Wind) zum Sieg gelangen m&ouml;chte.</p>
<p>Gleichzeitig damit wurde die Frage aufgeworfen, ob nicht genau dieses Verh&auml;ltnis zwischen Staat und Gesellschaft mitsamt dem uneingel&ouml;sten Versprechen von Menschenrechten und Demokratie noch heute weiter wirke, Demokratie und Menschenrechte sich also im Konflikt mit dem Staat bef&auml;nden, was dann f&uuml;r die K&auml;mpfe um eine emanzipierte Gesellschaft seine Auswirkungen und Grundlagen h&auml;tte.</p>
<p>Die beiden folgenden Referate befassten sich mit der ewig sich wandelnden Form des Staats, auch unter den Auspizien der letzten f&uuml;nfzig Jahre und ihrer Entwicklung. So wurde festgestellt, dass vor allem das Verh&auml;ltnis von Arbeit und Kapital, wie es sich durch Fordismus, fabbrica diffusa und Postfordismus hindurch darstellte, eine enge Verzahnung von gesellschaftlicher und staatlicher Entwicklung zum Ausdruck bringe; wo also in der vorigen Argumentationslinie noch eine Widerspr&uuml;chlichkeit zwischen Staat und Gesellschaft aufgemacht wurde &#8211; exemplifiziert an der Emanzipation der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung der europ&auml;ischen Metropolen in der ersten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts -, beschr&auml;nkte sich der zweite Strang der Vortr&auml;ge darauf, empirische Argumente anzubieten (oder zu suchen), die sich mit den Staatsaufgaben und dem R&uuml;ckzug des Staats aus ihnen befassen sollten, die &#8211; mit Hinweis auf den famosen ideellen Gesamtkapitalisten &#8211; das Bild von Klassenkampf und Machtfrage in den Vordergrund r&uuml;cken. Dies wurde zu Recht kritisiert, bietet doch dieses Bild Abgleitfl&auml;chen in den Reformismus oder Linksradikalismus an, die sich beide nur um die Macht im Staat (beziehungsweise um deren &Uuml;bernahme) k&uuml;mmern.</p>
<p>In der Diskussion der drei Referate sch&auml;lte sich in nuce eine dritte Position heraus, die hier in aller gebotenen K&uuml;rze und daher nur thesenhaft vorgestellt werden soll.</p>
<p>Es gibt eine Formbestimmung des b&uuml;rgerlichen Staats &#8211; so vage sie auch sein mag: Der b&uuml;rgerliche Staat ist durch die Menschenrechte wesentlich formbestimmt. Es gibt also keinen b&uuml;rgerlichen Staat &#8211; und in Folge werde ich das Wort &#8220;b&uuml;rgerlich&#8221; weglassen, da es keine vorb&uuml;rgerlichen Staaten gegeben hat -, der nicht auf den Menschenrechten beruht. Der Staat entsteht erst auf b&uuml;rgerlichem Territorium und zwar in nationaler Form. Dieses Territorium ist nicht durch einander &uuml;berschneidende Souver&auml;nit&auml;ten (also die Geltungsbereiche kaskadierter vormoderner Privilegien und Verbindlichkeiten) gekennzeichnet, sondern durch den Geltungsbereich der auf Menschenrechten aufgebauten Verfassung. Souver&auml;nit&auml;ten, die wir aus dynastischen Beziehungen kennen, haben das Moment der Staatsb&uuml;rgerlichkeit noch nicht begriffen, verinnerlicht und ver&auml;u&szlig;ert. Prinz Eugen von Savoyen stellte sich zwar dem Haus Habsburg untertan, blieb aber Angeh&ouml;riger des Hauses Savoyen, auch wenn das Haus Capet nicht davon angetan war, die h&ouml;fische Karriere des Savoyers im eigenen Bereich zu f&ouml;rdern, auch wenn das Haus Capet versuchte, die Karriere des Savoyers am Wiener Hof zu verhindern. Prinz Eugen von Savoyen blieb &#8211; egal wo &#8211; Savoyer, eine Situation, die mit Staatsb&uuml;rgerschaft oder Doppelstaatsb&uuml;rgerschaft nicht ann&auml;hernd umschrieben werden kann.</p>
<p>Die Menschenrechte, die diese Formbestimmtheit des b&uuml;rgerlichen Staats ausmachen, nehmen zwar in Anspruch, f&uuml;r die gesamte Menschheit zu sprechen, sind aber jeweils nur durchsetzbar auf nationaler Grundlage. Diese Grundlage muss nicht unbedingt territorial fixiert sein, es gen&uuml;gt, dass die Menschenrechte von einem Territorium, das sie schon kennt, gewaltsam auf ein andres &uuml;bertragen werden, das sie noch nicht kennt oder &#8211; in Kenntnis der Menschenrechte &#8211; sich ihnen mit gutem Grund widersetzt.</p>
<p>Wenn ich sage, es handle sich bei den Menschenrechten um eine Formbestimmtheit, nicht um eine inhaltliche Bestimmtheit, muss ich diesen &#8211; nur scheinbaren &#8211; Affront gegen die linke Tradition und gegen alles, was ihr lieb und wert ist, betonen und erkl&auml;ren. Die Menschenrechte stellen meines Erachtens eben nicht einen inhaltlichen Bezugspunkt auf den Staat dar, sondern blo&szlig; einen formalen: wie weit ein aktueller gegebener Staat Menschenrechte in welcher juridischen Festschreibung verwirklicht hat, was kontrafaktisch gegen ihn noch einzuklagen w&auml;re, welche emanzipatorischen Potenzen die nicht zur G&auml;nze verwirklichten Menschenrechte bereithielten im Kampf um eine neue Gesellschaft, spielt f&uuml;r diesen gegebenen Staat keine Rolle. Es gen&uuml;gt ihm, dass er sich &#8211; im wahrsten Sinne des Worts &#8211; auf die Menschenrechte gr&uuml;ndet, sie in seinem Wappen f&uuml;hrt und daraus seine Legitimation ableitet &#8211; was auch immer sein gesellschaftlicher Inhalt sein m&ouml;ge.</p>
<p>Menschenrechte stellen also diesen formalen &#8211; nicht inhaltlichen &#8211; Rahmen, diese Grundlage des Staats her, indem sie eben blo&szlig; staatlich begrenzt, also durch den nationalen Charakter des Staats, also einfach auf definierten R&auml;umen wirken. Was z&auml;hlt, ist also blo&szlig; der Geltungsrahmen in den Teilen der Welt, die sich die Menschenrechte geben. Gleichzeitig erm&ouml;glichen und erheischen die Menschenrechte, dass sie &uuml;ber die spezifische nationale eigenstaatliche Anwendung und Exemplifizierung hinaus universal g&uuml;ltig werden m&uuml;ssen &#8211; als movens der Konkurrenz; welcher Staat setzt sie am besten, am reinsten, am humansten (im eigenen Interesse wie im Interesse der Menschheit) durch? Ihr Formales wird deutlich dadurch, dass ihre Geltung sich ohnedies nur auf Abstraktes bezieht, also auf die Freiheit, zusammenzukommen und Meinungen zu &auml;u&szlig;eren, was keinerlei inhaltliche F&uuml;llung verlangt. Dies ist auch der Unterschied zwischen der b&uuml;rgerlichen Rechtsform und der vorb&uuml;rgerlichen Form des Privilegs, das f&uuml;r Personen, Zeiten und Orte festlegt, was wo f&uuml;r wen wie lange zu gelten hat. Wollte nun eins &auml;hnliche Konkretionen an Hand der Menschenrechte vornehmen, zeigt sich sofort, wie inhaltlich unm&ouml;glich dies wird: Blo&szlig; auf Grundlage der Menschenrechte k&ouml;nnen inhaltliche Ausformungen entstehen; dieses Zustandekommen zu garantieren, ist Inhalt der Menschenrechte und Aufgabe des darauf gegr&uuml;ndeten Staats. Jedes Gesetz, jeder Vertrag, jede Vereinbarung ist legal, solange in einer Verfassung geborgen, die auf den Menschenrechten ruht. Meinungsfreiheit bedeutet eben nicht ein Einspruchsrecht, sondern nur die garantierte M&ouml;glichkeit, jeden Unsinn ungestraft absondern zu k&ouml;nnen und in der Gemeinsamkeit abgesonderten Unsinns sich geborgen f&uuml;hlen zu k&ouml;nnen (oder recte m&uuml;ssen).</p>
<p>Menschenrechte sind durch ihre staatliche Begr&uuml;ndung schon als selektiv definiert. Sie gelten territorial und national. Der Staat muss, um den Menschrechten diese selektive G&uuml;ltigkeit nach innen und au&szlig;en zu garantieren, jede Definitionsgewalt von Freiheit und Gleichheit an sich ziehen. War also in vorb&uuml;rgerlichen Zeiten der Freie und Gleiche der bewaffnete Mann, so erscheint nun der Freie und Gleiche als entwaffnet. In Verbindung damit wird das gesamte Arsenal an gesellschaftlicher Konfliktl&ouml;sungskompetenz &#8211; das milit&auml;rische wie das konsensuale, politische &#8211; an den Staat abgegeben. Wer eine Waffe tr&auml;gt, tut dies nur noch im Auftrag des Staats; keineswegs erlaubt das Tragen der Waffe, einen Konflikt zu l&ouml;sen, h&ouml;chstens die L&ouml;sung dieses Konflikts an den Staat weiterzuleiten und dessen Kompetenz zu bewahren. So gilt dann eben nur noch eine Rechtsform, und deren Beschreibung als Rechtsstaat k&ouml;nnen wir hier aufsparen. Nur so viel sei angemerkt. Der Rechtsstaat garantiert nichts anderes als das legale Zustandekommen der Gesetze. Hier wird seine Inhaltslosigkeit deutlich. Der Inhalt des Gesetzes wird von der Rechtsstaatlichkeit nicht ber&uuml;hrt, aber nicht f&uuml;rstliche Willk&uuml;r bestimmt das etwa Emp&ouml;rende an einem gesetzlichen Inhalt. Vielmehr sind es die Menschenrechte, die ihre eigene Leere reproduzieren, so wie das Geschw&auml;tz der Meinungsfreiheit sich ausbreitet. Die Menschenrechte erlauben jedes Zusammenkommen; ja mehr noch, sie verpflichten die Staatsb&uuml;rgerinnen und Staatsb&uuml;rger geradezu darauf, zusammenzukommen, einander in ihren Zusammenk&uuml;nften immer wieder aufs Neue zu versichern, den Konsens b&uuml;rgerlicher Geselligkeit immer und immer wieder herzustellen. So bedeutet eben Meinungsfreiheit gerade nicht, dass &Uuml;berzeugungen, Erfahrungen oder Einsichten ausgetauscht werden mit dem Ziel, irgendetwas zu &auml;ndern oder zu korrigieren. Vielmehr dienen die Zusammenk&uuml;nfte (vor dem Fernsehger&auml;t, am Stammtisch, bei der Meinungsforschung) nur dazu, ein Hintergrundger&auml;usch zu produzieren, das blo&szlig; Einverst&auml;ndnis produziert. Dass eins seine Meinung von sich gibt im Brustton der &Uuml;berzeugung, dies sei seine Meinung und in einer Demokratie k&ouml;nne ein jedes eine jede Meinung &auml;u&szlig;ern, ist genau, was Meinungsfreiheit garantiert und von den &Auml;u&szlig;ernden verlangt. Nicht der Inhalt z&auml;hlt, sondern die Tatsache, dass mit dem &Auml;u&szlig;ern der Meinung Zustimmung produziert wird. Ein Staat, der auf dieser Art von Konsens beruht, kann seine Form, was immer dann ihr Inhalt sein mag, nur von den Menschenrechten beziehen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/letat-cest-quoi">L&#8217;État c&#8217;est quoi &#8230;</a></p>
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		<title>Zur Theorie des Informationskapitalismus</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2003/zur-theorie-des-informationskapitalismus-1</link>
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		<pubDate>Sat, 01 Mar 2003 01:32:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Copyleft / Freie Software]]></category>
		<category><![CDATA[Meretz; Stefan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2003-1]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Transformation denken: Zur Rolle des Keimform-Begriffes<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/zur-theorie-des-informationskapitalismus-1">Zur Theorie des Informationskapitalismus</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Teil 1: Von der negatorischen Haltung zur Theorie der Aufhebung</h3>
<p>Streifz&#252;ge 1/2003</p>
<p><em>von Stefan Meretz</em> <span id="more-894"></span></p>
<p>In der Reihenfolge der von Ernst Lohoff in seinem Artikel (Streifz&#252;ge 3/2002) angesprochenen Themenbereiche m&#246;chte ich folgende drei Aspekte in zwei Teilen diskutieren:</p>
<ol>
<li>Die Transformation denken: Zur Rolle des Keimform-Begriffes (Teil 1)</li>
<li>Den Informationskapitalismus analysieren: Zur un/produktiven Arbeit (Teil 2)</li>
<li>Die unsichtbare Front wahrnehmen: Zu aktuellen Angriffen (Teil 2)</li>
</ol>
<h4>Teil 1:</h4>
<h4>Die Transformation denken: Zur Rolle des Keimform-Begriffes</h4>
<p>In Streifz&#252;ge 1/2003 erscheint der folgende 1. Teil, der <a href="zur-theorie-des-informationskapitalismus-2">2. Teil</a> wird in 2/2003 folgen.</p>
<p>In kritischer Absicht res&#252;miert Ernst Lohoff meine Bem&#252;hungen: &#8220;In Stefan Meretz&#8217; &#8220;Meta-Replik&#8221; vermischt sich die &#220;berlegung, woran der Ausbruch aus der Warenform in einem spezifischen gesellschaftlichen Bereich praktisch ankn&#252;pfen kann, mit einem affirmativen Bezug auf die eigenen Produktions- und Lebensgewohnheiten.&#8221; <a name="t1" href="#f1">[1]</a> &#8211; Ja, so ist es, denn ich halte einen bejahenden Bezug auf die eigenen Produktions- und Lebensgewohnheiten, die Ernst Lohoff im &#252;brigen gar nicht kennt, f&#252;r einen ad&#228;quaten Ansatz.</p>
<p>Um den vermeintlich kritischen Impetus verstehen zu k&#246;nnen, muss man wissen, dass Ernst Lohoff das InformatikerIn-Sein f&#252;r elit&#228;r h&#228;lt. Mal abgesehen davon, dass hier offensichtlich kaum Vorstellungen &#252;ber die T&#228;tigkeiten von InformationsarbeiterInnen vorliegen: Kann von der Tatsache, dass InformationsarbeiterInnen beim Verkauf ihrer Arbeitskraft einen relativ hohen (aber derzeit sinkenden) Preis erzielen, auf ein Elite-Sein oder gar Elite-Bewusstsein geschlossen werden? Und ist dieses Elite-Bewusstsein dann das in der Bewegung der Freien Software bestimmende? Ich empfehle, sich &#252;ber die Lage der InformationsarbeiterInnen im Allgemeinen und die der in der Freien Softwarebewegung T&#228;tigen im Besonderen zu informieren. <a name="t2" href="#f2">[2]</a></p>
<p>Doch auch wenn alle Unterstellungen zutr&#228;fen &#8211; was sagte das aus &#252;ber die Beurteilungsm&#246;glichkeiten von Ansatzpunkten zur &#220;berwindung der warenf&#246;rmigen Vergesellschaftung? Nichts. Der idealistische Grundzug in Ernst Lohoffs Argumentation &#8211; Erkl&#228;rung von historischen Prozessen &#252;ber den Primat des Bewusstseins &#8211; zeigt sich an vielen Stellen, etwa in der Mystifizierung des &#8220;bewussten und kollektiv organisierten Bruch(s) mit der warengesellschaftlichen Form&#8221;. Das wollte auch der Traditionsmarxismus, nur dass dieser meinte, den Bruch durch L&#246;sung der &#8220;Eigentumsfrage&#8221; zu erledigen. &#220;ber die (negative) Wiederkehr traditionsmarxistischer Argumentationsfiguren wird weiter zu reden sein.</p>
<h4>Verdinglichter Begriff der Produktivkraftentwicklung</h4>
<p>Zu den Imaginationen des Traditionsmarxismus geh&#246;rt ein verdinglichter Begriff der Produktivkr&#228;fte. <a name="t3" href="#f3">[3]</a> Ernst Lohoff perpetuiert diesen in negativer Form: Weil er Produktivkraftentwicklung in verdinglichter Form nur als &#8220;bewusstlosen Prozess&#8221; denken kann, erscheint ihm eine &#8220;bewusste Vergesellschaftung&#8221; als Widerspruch &#8211; die mir unterschobene Aporie liegt mithin ganz bei ihm. Das wird deutlich, in dem er mir unterstellt, nur ein bisschen zu &#8220;menscheln&#8221;, ansonsten aber den traditionellen Begriff &#8211; in elit&#228;rer Fassung &#8211; weiterzutragen.</p>
<p>Welche Verkehrung! Ich hebe nicht nur einfach &#8220;die menschliche Seite hervor&#8221;, sondern fasse Produktivkraftentwicklung als &#8220;historischen Aspekt des Mittel schaffenden und nutzenden, mit der &#228;u&#223;eren Natur stoffwechselnden Menschen&#8221; (Meretz 2001a) oder mit anderen Worten: die je historisch qualitativ unterschiedliche Art und Weise der Produktion des gesellschaftlichen Lebens. Die dabei geschaffene Form der gesellschaftlichen Infrastrukturen bezeichne ich als <em>Vergesellschaftungsform</em>. <a name="t4" href="#f4">[4]</a> Ich behaupte ferner, zwischen erstem und zweitem besteht ein dialektisches Verh&#228;ltnis, und schreibe darin erstem, der Art und Weise der Produktion des gesellschaftlichen Lebens, den Primat zu, w&#228;hrend folgerichtig die geschaffene Form dem gegen&#252;ber sekund&#228;r ist.</p>
<p>Aus der Produktivkraftentwicklung einen bewusstlosen Prozess abzuleiten, macht ungef&#228;hr soviel Sinn wie die Aussage, dass es zu Fu&#223; k&#252;rzer als &#252;ber den Berg sei. Ob sich die Produktivkraftentwicklung als bewusstloser oder bewusster Prozess vollzieht, hat mit selbiger zun&#228;chst gar nichts zu tun. Dies kann man erst beurteilen, wenn man die gesellschaftliche Form, in der sich diese Produktion des gesellschaftlichen Lebens abspielt, also eben das Verh&#228;ltnis von Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftungsform, in den Blick nimmt.</p>
<p>Schlie&#223;t man nun aufgrund der bewusstlosen Vergesellschaftung &#252;ber den Wert in der Warengesellschaft, dass die Vergesellschaftung <em>schon immer</em> bewusstlos gewesen sein m&#252;sse, dann liegt ein ontologisierender Kurzschluss vor. Und argumentiert man weiter, dass nun endlich die Zeit der Bewusstheit anbrechen m&#252;sse, was mangels Fundierung nur voluntaristisch gedacht werden kann, dann ist der idealistische Kreisschluss perfekt.</p>
<h4>Negative, aber nicht aufhebende Abarbeitung am Traditionsmarxismus</h4>
<p>Gleich dem Traditionsmarxismus kann auch Ernst Lohoff die Aufhebung nur als &#8220;&#220;bernahme&#8221; der vergegenst&#228;ndlichten Produkte der Wertvergesellschaftung denken: &#8220;Antipolitik Betreiben hie&#223;e keineswegs, mit irgendwelchen Brotkrumen, die vom Tisch der Wertverwertung herunterfallen, eine Elends- oder Hobby&#246;konomie aufzuziehen. Es geht um den Tisch selber sowie um die sukzessive &#220;bernahme und den Umbau der K&#252;che.&#8221; Mal abgesehen von der contradictio in adjecto einer &#8220;Hobby-&#214;konomie&#8221; ist selbstredend die Kritik alternativer Elendsszenarien angebracht. Dennoch kann es mitnichten um eine &#8220;&#220;bernahme der ganzen K&#252;che&#8221; gehen. Denn wie w&#228;re das auch vorstellbar?</p>
<p>Nehmen wir an, uns Menschen, die wir ja Tisch und K&#252;che herstellen, f&#228;llt &#8211; mangels weiterer Funktionsf&#228;higkeit innerhalb der Wertform &#8211; der Tisch und schlie&#223;lich die ganze K&#252;che in die H&#228;nde. Und nun? Nun geht&#8217;s wohl an das Umbauen. Gleichzeitig m&#252;ssen wir aber &#8211; selbst bei asketischer Aufopferung doch irgendwie &#8211; ein paar Basisbedingungen des profanen &#220;berlebens im Wortsinne &#8220;herstellen&#8221;. Dies nat&#252;rlich alles &#8220;ganz bewusst&#8221; frei von Wert, Markt, Staat und sonstigem Overhead, den wir uns schon mal ersparen k&#246;nnen.</p>
<p>K&#246;nnen wir? Die Werkzeuge, die wir in der K&#252;che vorfinden, sind doch genau jene, in denen sich die Wertform zeigt: Die Wertform wird ja nicht nur den Subjekten aufgeherrscht, sondern erst recht, weil ohne Gegenwehr, den stofflichen und infrastrukturellen Produkten dieser Form der Vergesellschaftung. Da k&#246;nnen wir nicht raus, da ist im Wortsinne keine Zeit zum Umbau. Die eben immer noch traditionsmarxistische Vorstellung einfacher Stufen gesellschaftlichen (Fort-) Schreitens, die erklommen werden, ist eine voluntaristische Fiktion. Da hilft kein Beschw&#246;ren eines noch so kritischen Bewu&#223;tseins. Verdinglichung ist hier w&#246;rtlich zu nehmen: Die verdinglichten Produkte unseres warengesellschaftlichen Seins pfeifen uns h&#228;misch weiter unsere Melodie vor, wenn wir dasselbe schon aus dem letzten Loch tun.</p>
<p>Deswegen, genau deswegen, waren die &#220;berlegungen von Robert Kurz in &#8220;Anti&#246;konomie und Antipolitik&#8221; so wichtig: Sie brechen nicht nur mit den staatsfixierten &#8220;politischen&#8221; Ideen der Machteroberung, sondern auch mit der linksradikalen Koketterie der &#220;bernahme der ganzen K&#252;che als Akt des klinisch reinen Bewusstseins. Aufhebung ist nur als dialektischer Prozess denkbar, eben nicht blo&#223; als Negation im Kopfe, sondern als Negation der Negation, als bestimmte Negation in der Praxis.</p>
<h4>Die negatorische Striktheit als Haltungsfrage</h4>
<p>Ein weiteres Beispiel f&#252;r die idealistische Neigung in der Argumentation ist der obligate Vorwurf, die &#8220;Keimform-Metapher&#8221; &#246;ffne &#8220;dem Bed&#252;rfnis eine T&#252;r, endlich einmal hier und heute auch ein wenig positiv werden zu d&#252;rfen&#8221; &#8211; als ob es das komplement&#228;re Bed&#252;rfnis, endlich einmal so richtig negativ sein zu d&#252;rfen, nicht g&#228;be. Dies wird verbunden mit der rhetorischen Frage, ob eine solche &#8220;Positiv-Orientierung&#8221; dazu tauge, &#8220;theoretisch und praktisch aus der Defensive zu kommen&#8221;.</p>
<p>Positiv-Orientierung? Kann es heute noch einen positiven Bezug zur warenf&#246;rmigen Vergesellschaftung emanzipativer Bestrebungen geben? Ernst Lohoff will doch diese Frage nicht ernsthaft erw&#228;gen, und &#8211; ich unterstelle &#8211; mir auch nicht ernsthaft stellen. Ich vermute, sie dient nur als Spiegelbild zur eigenen Formel von der &#8220;strikt negatorischen Sto&#223;richtung emanzipativer Bewegungen&#8221;. Was ist mit einer so formulierten &#8220;Negativ-Orientierung&#8221; gegen&#252;ber dem Spiegelbild der &#8220;Positiv-Orientierung&#8221; gewonnen? &#8211; Nichts. Es dient einzig der Selbstversicherung, f&#252;r das &#8220;Positive&#8221; nicht sein zu wollen, aber es sagt nichts &#252;ber das Nicht-Negative aus, sondern verharrt in der einfachen Negation. <a name="t5" href="#f5">[5]</a></p>
<p>Der positive wie der negative Bezug auf die warenf&#246;rmige Vergesellschaftung hat eben jene als Gemeinsames &#8211; sie unterscheiden sich nicht grunds&#228;tzlich, sondern nur der Haltung nach. Es kommt noch &#228;rger: Der negative Haltungsbezug ist nur die sprachliche Reproduktion der <em>praktischen Negation</em>, die die Warengesellschaft tagt&#228;glich vor unseren Augen vollzieht. Sie versprachlicht das Irresein dieser Gesellschaft &#8211; immerhin, darin ist sie den Staatsfetischisten meilenweit voraus -, sie geht aber denkend nicht &#252;ber sie hinaus. Will Wertkritik nicht zur blo&#223;en <em>Haltung</em> werden, muss sie diese dualistische Denkform &#252;berschreiten: Es geht nicht darum, &#8220;positiv&#8221; oder &#8220;negierend&#8221; bzw. &#8220;negatorisch&#8221; sein zu wollen, sondern darum, die allt&#228;gliche Negation eines menschlichen Gemeinwesens zu negieren. Nichts anderes kann &#8220;Aufheben&#8221; bedeuten: Negation der Negation. <a name="t6" href="#f6">[6]</a></p>
<h4>Revolutionarismus vs. Neukonstitution</h4>
<p>Es ist eine Zuspitzung von mir, Ernst Lohoff die im dialektischen Sinne blo&#223; einfache oder unbestimmte Negation unterzuschieben &#8211; obwohl sein Text derart schwankend ist, dass sich eine solche Auslegung anbietet. Es gibt aber auch die Momente des dar&#252;ber Hinausgehens. Das dr&#252;ckt in formelhaften S&#228;tzen aus, etwa: &#8220;Beim Aufbau einer gesellschaftlichen Gegenstruktur und Demontage der Megamaschine handelt es sich nicht um Parallelprozesse, sondern um ein und denselben. So etwas wie Gegenstruktur und Ans&#228;tze nicht warenf&#246;rmiger Reproduktion sind dem Angriff auf das Diktat der Wertform nicht vorausgesetzt, sie m&#252;ssen mit ihm und in ihm entstehen.&#8221; Prima &#8211; das trifft ziemlich genau das, was die Bewegung Freier Software macht: Sie hat eine eigene gesellschaftliche Gegenstruktur entwickelt, sie ist erfolgreich dabei, die Megamaschine propriet&#228;rer Software zu demontieren &#8211; und das nicht nur als praktischen Angriff auf das Diktat der Wertform, sondern auch noch im Zentrum der gesellschaftlichen Re/Produktion. Genau das ist aber nicht &#8220;strikt negatorisch&#8221;, sondern bedeutet &#8220;Negation der Negation&#8221;, Ans&#228;tze von Aufhebung, durch keimf&#246;rmige Herausbildung einer neuen Form der Vergesellschaftung.</p>
<p>Um es deutlich herauszuheben: Es geht hier um zwei Denkweisen der gesellschaftlichen Transformation: um die blanquistische Revolutionsromantik der &#8220;&#220;bernahme der ganzen K&#252;che&#8221; (staatsf&#246;rmig oder nicht) oder die Aufhebung als Negation der Negation der warenf&#246;rmigen Vergesellschaftung durch <em>Konstitution</em> einer neuen Form der Vergesellschaftung. Vielleicht kommt der Unwillen, die zwei Varianten zu denken, auch vom scheinbar friedlichen &#220;bergang: &#8220;&#8230; falsche Assoziation einer mehr oder minder friedlichen Koexistenz von der Warenlogik unterworfener und von ihr befreiter Sektoren&#8221;. Da steckt zu wenig Widerstands- und Kampfesmetaphorik drin, das kann nichts sein. &#8211; Auf diese Idee kann jedoch nur kommen, wer die aktuellen Angriffe und K&#228;mpfe nicht kennt, weil er sie nicht wahrnimmt &#8211; im zweiten Teil will ich darauf zur&#252;ckkommen.</p>
<h4>Keimform &#8211; muss denn das sein?</h4>
<p>Bis hierhin sollte klar geworden sein, dass das Kategorienpaar der Produktivkraftentwicklung und der Vergesellschaftungsform die Inhalts- und Formseite der historischen Re/Produktion des gesellschaftlichen Lebens fasst, und dass dies weiterhin noch nichts dar&#252;ber aussagt, ob dies bewusst oder bewusstlos geschieht, weil das erst die konkrete Analyse zeigen kann. Ferner ist behauptet, dass sich die Logik der historischen Entwicklung begreifen und also begrifflich rekonstruieren l&#228;sst. Schlie&#223;lich gipfelt dies in der umstrittenen These, dass ein Begreifen dieser Entwicklungslogik hilft, die aktuellen Widerspr&#252;che zu untersuchen und auf Wege aus dem Kapitalismus hin abzuklopfen.</p>
<p>Ja, aber &#8220;Entwicklungslogik&#8221; meint doch gerade einen &#8220;unbewussten Prozess&#8221;, den es endlich loszuwerden und durch einen &#8220;bewussten&#8221; zu ersetzen gelte, oder? &#8211; Dieser kurzschl&#252;ssige Einwand geht von einem Begriff der &#8220;Entwicklungslogik&#8221; aus, dergem&#228;&#223; nur die gleichsam informatische &#8220;wenn-dann-Abfolge&#8221; zutrifft, als ob es sich um einen maschinellen Formalismus handelt. Er kennt nichts von einer Bewegung in Widerspr&#252;chen, die je historisch spezifisch Handlungsm&#246;glichkeiten hervorbringt, die ergriffen werden oder nicht und die genau dadurch neue M&#246;glichkeiten schaffen und andere verschlie&#223;en. Was im Nachhinein wie eine notwendige Abfolge von historischen Prozessen <em>erscheint</em>, bedeutet je aktuell ein Feld von M&#246;glichkeiten &#8211; womit &#252;ber die Weite des Feldes noch nichts gesagt ist. Worum es also bei der Bewertung unser heutigen Situation geht, ist die Frage, wo das richtige Feld liegt und wie gro&#223; dort die Handlungsm&#246;glichkeiten sind.</p>
<p>Die Frage nach dem richtigen Feld ist die Frage nach den Keimformen. Es ist die Frage nach den Handlungsm&#246;glichkeiten, die in ein und demselben Prozess den &#8220;Aufbau einer gesellschaftlichen Gegenstruktur und Demontage der Megamaschine&#8221; bedeutet. Es ist die Frage, die die &#8220;strikt negatorische&#8221; Haltung &#252;berwindet und auf die Konstitution einer neuen Form der Vergesellschaftung abzielt. Sie ist so scharf zu stellen, und darum ist zu streiten, denn das ist die erkenntnisleitende Funktion des Keimform-Begriffes: Was konstituiert eine neue Form der Vergesellschaftung? Wo gibt es Ansatzpunkte? Wie kommen wir dahin?</p>
<p>Sind diese Fragen aber &#252;berhaupt beantwortbar? Es gibt Menschen, die das &#8220;der&#8221; Revolution &#252;berlassen und dann in 15 Minuten l&#246;sen m&#246;chten. Ich meine aber, es geht gar nicht anders, als sich heute mit diesen Fragen auseinander zu setzen, auch wenn wir heute nicht entscheiden k&#246;nnen, ob wir mit den Antworten richtig liegen. Wenn wir es jedoch nicht tun, dann st&#252;rzen wir blind in ein Abenteuer, hervorgerufen durch einen blinden Prozess, der in nichts anderem als in blinder Katastrophe enden kann. Jede Verweigerung best&#228;tigt sich damit allerdings in ihrer Prognose der notwendig folgenden Zerfallsprozesse von Wertvergesellschaftung und -abspaltung &#8211; als ob dies jedoch ein Trost w&#228;re.</p>
<h4>Anti-Politik als Verhaltensvorschrift?</h4>
<p>Martin Dornis (2002) hat im gleichen <em>Streifz&#252;ge</em>-Heft hervorgehoben: &#8220;Anti-Politik ist eine M&#246;glichkeit&#8221;. Die von ihm genannten Handlungsm&#246;glichkeiten sind fein, bleiben jedoch alle nur &#8220;einfach negativ&#8221; bezogen auf das, was ist. Sie k&#246;nnen nicht die &#8220;doppelte Negation&#8221; vollziehen, weil sie <em>keine</em> konstitutiven Potenzen benennen. So muss es bei Beschw&#246;rungen bleiben, dass es doch die Anti-Politik &#8220;selbst&#8221; seien m&#246;ge, die die &#8220;befreite Gesellschaft Wirklichkeit werden l&#228;sst&#8221;. Wenn dabei jedoch nur ein Katalog von Verhaltensvorschriften herausspringt, was denn Anti-Politik alles verachtet oder noch darf oder unbedingt tun muss, dann liegt die Gefahr der Sektifizierung nahe: Geh&#246;rst du noch dazu oder nicht?</p>
<p>Wertkritik muss und kann einen Schritt weitergehen. Sie kann &#8211; zun&#228;chst auch einmal blo&#223; &#8220;negativ&#8221; &#8211; sagen, was nicht mehr Vergesellschaftungsprinzip sein kann: der &#8220;Wert&#8221; mit all seinen &#8220;Aggregatzust&#228;nden&#8221; und operativen Formen: Arbeit, Ware, Geld, Markt, Tausch, Staat. Damit ist die Negativbestimmung jedoch ausgereizt. Ist es m&#246;glich, weitere Kriterien oder Aspekte einer doppelten, einer bestimmten Negation, von Aufhebung, zu formulieren ohne mit einem Konzept einer &#8220;besseren Welt&#8221; im Kopf in politischen Gestaltungswahn zu verfallen? Ich meine ja, und im folgenden soll es darum gehen. <a name="t7" href="#f7">[7]</a></p>
<h4>&#220;berlegungen zur Konstitution einer neuen Form der Vergesellschaftung</h4>
<p>Wenn von Gesellschaft die Rede ist, dann damit explizit von <em>menschlichen</em> Gesellschaften. Obgleich zwar die Vorstellung nichtmenschlicher, etwa tierischer &#8220;Gesellschaften&#8221; sinnlos ist, bringt hier der b&#252;rgerliche Wissenschaftsbetrieb die absurdesten Stilbl&#252;ten hervor. Weiterhin ist mit Gesellschaft nicht ein wie auch immer konstruierter identit&#228;rer Verbund von Menschen gemeint &#8211; etwa als Nationalstaat, Blutsbande, regionaler Haufen etc. -, sondern <em>Gesellschaft</em> meint den allgemeinen Vermittlungszusammenhang, den Menschen miteinander eingehen. Wenn in der Mehrzahl von Gesellschaft<em>en</em> die Rede ist, dann bezieht sich das mithin nicht auf unterschiedliche identit&#228;re Konstruktionen, sondern auf die historisch gewesenen, derzeit aktuellen und zuk&#252;nftig m&#246;glichen <em>unterschiedlichen Formen</em> solcher Vermittlungszusammenh&#228;nge. Der Begriff der Vergesellschaftung fasst also die Art und Weise der <em>Herstellung</em> solcherlei unterschiedlicher Vermittlungszusammenh&#228;nge bei der Produktion des gesellschaftlichen Lebens. <a name="t8" href="#f8">[8]</a></p>
<p>Als <em>Vermittlung</em> bezeichne ich Zusammenh&#228;nge von Menschen, die sie eingehen, um ihr Leben zu erschaffen und zu leben. Als &#8220;Mittler&#8221; fungieren dabei v&#246;llig unterschiedliche &#8220;Medien&#8221;: kooperative T&#228;tigkeit, Genuss von Geschaffenem, Kommunikation im weitesten Sinne, personale Beziehungen etc. Dabei bestimmt die Form des gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhangs, welche Form die je einzelnen &#8220;Vermittlungen&#8221; annehmen k&#246;nnen. So bekommt im Kapitalismus gesellschaftlich-durchschnittlich die kooperative T&#228;tigkeit die Form der lohnvermittelten &#8220;Arbeit&#8221;, der Genuss von Geschaffenem die Form des marktvermittelten &#8220;Konsums&#8221; etc. Dass Vermittlung stattfindet, ist genuin menschlich, welche Form sie annimmt, ist historisch spezifisch.</p>
<p>Der gesellschaftliche Mensch und die menschliche Gesellschaft sind zwei Seiten desselben Zusammenhangs. <a name="t9" href="#f9">[9]</a> So wie es keine nichtmenschliche Gesellschaft gibt, gibt es keinen nichtgesellschaftlichen Menschen. Dennoch geht beides nicht ineinander auf, und es ergibt sich nicht das eine aus dem anderen: Weder &#8220;ist&#8221; die Gesellschaft die Summe der Menschen, noch legt die Gesellschaft das Sein des einzelnen Menschen fest &#8211; doch so &#8220;wie die Gesellschaft selbst den Menschen als Menschen produziert, so ist sie durch ihn produziert&#8221; (Marx 1844, 537): Vermittlungszusammenhang bedeutet <em>nicht</em> Determinationszusammenhang, weder in die eine, noch in die andere Richtung.</p>
<h4>Zwei Perspektiven</h4>
<p>Mit dem Individuum als gesellschaftlichem Menschen und der Gesamtgesellschaft als Totalit&#228;t des menschlichen Vermittlungszusammenhangs sind zwei Perspektiven zu unterscheiden und begrifflich zu fassen &#8211; ohne den Zusammenhang zu vereinseitigen oder gar zu zerrei&#223;en, wie in der disziplin&#228;ren Zerst&#252;ckelung der b&#252;rgerlichen Wissenschaften &#252;blich. Folgende Aspekte des Mensch-Gesellschaft-Zusammenhangs lassen sich skizzieren.</p>
<p>Gesellschaft gibt es, solange es Menschen gibt. Die Gesellschaft besteht &#252;berhistorisch und &#252;berindividuell. Erst mit der (heute denkbaren) v&#246;lligen Ausl&#246;schung jeglicher menschlicher Existenz h&#246;rte Gesellschaft auf. Sie ist in ihrer Existenz und Entwicklung nicht von konkreten Einzelnen festlegbar, eine unmittelbare Determination ist unm&#246;glich. Dennoch <em>entwickeln</em> sich Gesellschaften, der Vermittlungszusammenhang der Menschen &#228;ndert sich best&#228;ndig. Diese historische &#196;nderung des menschlichen Vermittlungszusammenhangs, der Gesellschaft, geschieht &#8220;eigenlogisch&#8221; in der oben genannten Dialektik von Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftungsform. &#220;bersetzt hei&#223;t das: Die Menschen produzieren ihr gesellschaftliches Leben in qualitativ unterscheidbaren Formen der Vermittlung &#8211; bewusst oder unbewusst.</p>
<p>Die Gesellschaft, der gesamte menschliche Vermittlungszusammenhang, ist das Medium, in dem sich alle Menschen bewegen: Die je individuelle Existenz ist gesamtgesellschaftlich vermittelt. Die F&#228;higkeit, sich individuell in die Gesellschaft hineinzuentwickeln, sich zu vergesellschaften, ist Teil der menschlichen Natur: Nicht der ungesellschaftliche Mensch wird &#8220;sozialisiert&#8221;, sondern der gesellschaftliche Mensch schafft das &#8220;Soziale&#8221; &#8211; bewusst oder unbewusst.</p>
<h4>Bewusstheit und Bewusstlosigkeit der Vergesellschaftung</h4>
<p>Bei dem beliebten Dualismus &#8220;Bewusstlosigkeit der Wertvergesellschaftung&#8221; versus &#8220;bewusste Vergesellschaftung als Ziel&#8221; werden die beiden analytischen Ebenen des Mensch-Gesellschaft-Zusammenhangs zusammengeworfen, indem einem gesellschaftlichen Prozess eine individualtheoretische Dimension zugeschrieben wird. Was ist eine <em>bewusste/bewusstlose</em> Vergesellschaftung? Soll das bedeuten, dass alle Menschen sich bewusst/los mit anderen vermitteln, also bewusst/los handeln? Oder soll es hei&#223;en, dass z. B. die Menschen zwar individuell bewusst handeln, sich diese Bewusstheit im Rahmen der Wertform gesellschaftlich als Bewusstlosigkeit herausstellt? Was w&#228;re dann aber das Gegenteil, die gesellschaftliche Bewusstheit? Was w&#228;re ein Ma&#223;stab von Bewusstheit, wie w&#228;re entscheidbar, wann Bewusstheit hergestellt ist, oder gar: von wem? Was gesch&#228;he mit jenen, die sich die individuelle Freiheit der &#8220;Unbewusstheit&#8221; n&#228;hmen, die also die Dinge einfach laufen lie&#223;en in einem wie auch immer gestalteten &#8220;bewussten&#8221; gesellschaftlichen Gesamt? Sind das &#252;berhaupt die richtigen Fragen? Es sind in jedem Falle Fragen, denen in &#8220;strikt negatorischer&#8221; Haltung nicht beizukommen ist. Sie m&#252;ssen aber angegangen, sortiert, gestellt, verworfen, begr&#252;ndet, diskutiert werden, will Wertkritik vom blo&#223;en Haltungsnegator zur Aufhebungstheorie gelangen.</p>
<p>Ich will den Gegensatz Bewusstlosigkeit vs. Bewusstheit der Vergesellschaftung &#252;bersetzen in die Denkform <em>Vergesellschaftung dritter Person vs. erster Person</em>. Was ist damit gemeint? Die fetischistische Vermittlung als real-abstrakte, entfremdete &#8220;Bewegung von Sachen&#8221; (Marx) bezeichne ich als Vergesellschaftung &#252;ber ein Drittes oder in dritter Person. Als diese dritte Person k&#246;nnen wir das &#8220;automatische Subjekt&#8221; der Wertverwertung identifizieren. Die real-abstrakte, bewusst-bewusstlose Form der entfremdeten Vermittlung gilt es aufzuheben durch eine Vermittlung erster Person, also durch die gesellschaftlichen Menschen selbst. Damit w&#252;rde der gesamte Vermittlungszusammenhang auf der gesellschaftlichen Ebene &#252;berhaupt erst &#8220;bewusstseinsf&#228;hig&#8221;. Wie ist dieser Vermittlungszusammenhang jedoch zu konkretisieren?</p>
<p>Zun&#228;chst ist festzuhalten, dass gesellschaftliche Vermittlung die Vorstellung der <em>personal-unmittelbaren</em> Regulation der gesellschaftlichen Angelegenheiten logisch ausschlie&#223;t. Dies deshalb, da personal niemals alle funktionalen gesellschaftlichen Bereiche, also niemals alle anderen Menschen, die diese ausf&#252;llen, &#8220;unmittelbar&#8221; erreichbar sind, sondern immer nur bestimmte Ausschnitte, bestimmte Menschen &#8211; abh&#228;ngig von je meinem Ort und meiner Lebenslage im gesellschaftlichen Gesamt. Gegen eine personal-unmittelbare Regulation spricht auch, dass bestimmte gesellschaftliche <em>Funktionen</em>, die ich wahrnehmen m&#246;chte, nicht personal repr&#228;sentiert werden. So setzt etwa die Nutzung des Internets den Betrieb und die Instandhaltung der technischen Leitungsinfrastruktur voraus &#8211; ohne dass ich das personal jeweils t&#228;glich kl&#228;ren m&#252;sste, wer sich denn gerade darum k&#252;mmert etc.</p>
<p>Begrifflich ist demnach zu unterscheiden zwischen <em>personaler</em> und <em>gesellschaftlicher</em> Vermittlung bzw. Kooperation (vgl. dazu Meretz 2001b). Die personale Kooperation ist individueller Reichweite, die gesellschaftliche Kooperation ist &#252;berindividueller Natur. Das erste meint die personalen Handlungen, das zweite den allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhang der Vermittlung der Menschen. Eine personale Kooperation kann ich verlassen, die gesellschaftliche nicht.</p>
<h4>Totalit&#228;t der gesellschaftlichen Vermittlung</h4>
<p>Verallgemeinernd k&#246;nnen wir festhalten, dass sich die gesellschaftliche Vermittlung nicht aus der Summe der personalen Interaktionen &#8220;ergibt&#8221;. Vermittlung bedeutet, dass sich stets auch personal unabh&#228;ngige Instanzen oder besser: Infrastrukturen herausbilden, die unabh&#228;ngig von konkreten Einzelnen stabil funktionieren. Wie solche Infrastrukturen aussehen, welche gesellschaftliche Funktionen sie stabil bereitstellen, ist vom jeweiligen historischen Entwicklungsstand der Gesellschaft abh&#228;ngig. Neben den &#8220;gegenst&#228;ndlichen&#8221; Infrastrukturen und Kooperationen sind es vor allem die vielf&#228;ltig konstituierten symbolischen Verweisungszusammenh&#228;nge (Sprache, Denkformen, Kunst, Kultur etc. ), die die &#252;berindividuelle Kontinuit&#228;t und Stabilit&#228;t der gesellschaftlichen Vermittlung begr&#252;nden. Gegenst&#228;ndliche Infrastrukturen und symbolische Verweisungszusammenh&#228;nge bilden ein gesamtgesellschaftlich synthetisiertes Bedeutungsnetzwerk, das den Vermittlungszusammenhang ausmacht.</p>
<p>In diesem Vermittlungszusammenhang bewegen sich die einzelnen Menschen, indem sie ihn durch Teilhabe produzieren und reproduzieren: Sich mit anderen Menschen zu vermitteln, ist <em>identisch</em> mit der Re/Produktion des gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhangs selbst. Obgleich nur Ausschnitten des Vermittlungsgesamts zugekehrt, ist der Einzelne stets mit der Totalit&#228;t der Gesamtgesellschaft konfrontiert, die sich in jedem Ausschnitt zeigt: Das individuelle Sein ist <em>immer</em> gesamtgesellschaftlich vermittelt. Das ist der logische Grund daf&#252;r, dass ein &#8220;Ausstieg aus der Gesellschaft&#8221;, auch nur ein partieller, nicht m&#246;glich ist. Und es ist der theoretische Hintergrund des Streits um die m&#246;glichen Wege des Aufhebungsprozesses: Revolutionarismus versus Neukonstitution.</p>
<h4>Konstitutive Dynamik der gesellschaftlichen Vermittlung</h4>
<p>Wie kommt es nun zu der beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Synthese des Vermittlungszusammenhangs, was macht seine konstitutive Dynamik aus? Wie kann eine konstitutive Dynamik jenseits der Wertform aussehen?</p>
<p>Von der warenproduzierenden Gesellschaft wissen wir, dass es dort die &#8220;Verwertung von Wert&#8221; ist, die den Kern der Vergesellschaftungsdynamik bestimmt. Zur Synthese des gesellschaftlichen Gesamts kommt es &#8220;hinter unserem R&#252;cken&#8221; durch die &#8220;unsichtbare Hand&#8221; des Marktes, durch bewusst-bewusstlose Teilhabe an dieser Form der Re/Produktion, die jene ist, in der die Einzelnen ihr individuelles Leben erhalten. Wie kann nun eine gesamtgesellschaftliche Synthese der gegenst&#228;ndlichen und symbolischen Infrastrukturen als &#8220;bewusste&#8221; Form vor &#8220;unser aller Augen&#8221;, als bewusste und gewusste Vergesellschaftung aussehen &#8211; wenn doch gleichzeitig eine personal-unmittelbare Regulation als Konstituens nicht denkbar ist?</p>
<p>Eine bewusst-gewusste Vergesellschaftung ist nur denkbar als <em>Teilhabe</em> an einem gesellschaftlichen Prozess, dessen konstitutive Dynamik nicht bestimmt und zugerichtet ist durch das &#8220;Prinzip dritter Person&#8221; der Wertabstraktion, sondern durch ein &#8220;Prinzip vom Standpunkt erster Person&#8221;, der je individuellen Bed&#252;rfnisse. Dieses gesellschaftliche &#8220;Prinzip vom Standpunkt erster Person&#8221; ist die &#8220;Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung f&#252;r die freie Entwicklung aller ist&#8221; (Marx, Engels 1848, 482). Diese &#8220;freie Entwicklung eines jeden&#8221; oder &#8220;Selbstentfaltung&#8221;, wie sie im Oekonux-Projekt <a name="t10" href="#f10">[10]</a> genannt wird, ist dabei nicht denkbar als Entwicklung des isolierten Einzelnen, auch nicht als Summe unmittelbarer Interaktion und Kooperation jenseits gesellschaftlicher Vermittlung, sondern nur als unbeschr&#228;nkte individuelle Teilhabe am Prozess der Vermittlung der kollektiven Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens.</p>
<h4>Die vierte grammatikalische Person</h4>
<p>Der &#8220;Standpunkt erster Person&#8221;, das Individuum, das Subjekt, ist ein Produkt von Moderne und b&#252;rgerlich-liberaler Ideologie. Ausgangspunkt dieser Ideologeme ist die Annahme eines ungesellschaftlichen Individuums, eines fiktiven Robinson, der b&#252;rgerlichen Waren-Monade. In einem &#8220;System ungesellschaftlicher Gesellschaftlichkeit&#8221; (Lohoff) kann das Subjekt nur als identit&#228;res Individuum Form annehmen.</p>
<p>Das wertf&#246;rmig-identit&#228;re &#8220;ich&#8221; ist durch ein nichtidentit&#228;res &#8220;ich&#8221; aufzuheben. Denn wenn Selbstentfaltung ein Standpunkt erster Person ist, dann nur einer der <em>ersten Person plural</em>. Das ist jedoch kein &#8211; ebenso identit&#228;r &#8211; konstruiertes &#8220;wir&#8221;, sondern es ist das bereits verwendete &#8220;allgemeine ich&#8221;, das &#8220;je ich&#8221; des gesellschaftlichen Menschen als gewisserma&#223;en &#8220;vierte grammatikalische Person&#8221;. <a name="t11" href="#f11">[11]</a></p>
<h4>Teilhabe statt Unmittelbarismus</h4>
<p>Die Unterschiede von &#8220;unmittelbarer Interaktion und Kooperation&#8221; und &#8220;Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess&#8221; sind Perspektive und Reichweite. W&#228;hrend die unmittelbare Kooperation stets begrenzt ist auf das &#8220;operative Tun&#8221; in &#8220;personaler Reichweite&#8221;, bedeutet Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess ein Handeln in &#8220;&#252;berindividueller Reichweite&#8221;, vermittelt in und durch gesellschaftliche Infrastrukturen. Habe je ich mit meinen Handlungen am gesellschaftlich-kooperativen Prozess teil, dann gehe je ich notwendig solche kooperativen Beziehungen zu anderen ein, in denen meine Teilhabe m&#246;glich wird. Diese Beziehungen k&#246;nnen sehr vielf&#228;ltig sein, doch stets nutze und re/produziere je ich gesellschaftliche Infrastrukturen, die ich f&#252;r meine Teilhabe brauche.</p>
<p>Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess und Nutzung, Herstellung und Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Infrastrukturen sind <em>ein</em> Prozess. So ist es nur eine besondere Form der Teilhabe, nichts anderes zu tun, als Infrastrukturen herzustellen, die anderen die Teilhabe erm&#246;glichen. Wenn Teilhabe und Re/Produktion der Teilhabe-Infrastrukturen <em>der gleiche Prozess</em> sind, dann stellt sich damit <em>notwendig</em> das her, was ich vorher &#8220;gesellschaftlicher Vermittlungszusammenhang&#8221; genannt habe.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird auch der Begriff der Entfremdung klarer. Unter den Bedingungen der Vergesellschaftung &#252;ber ein drittes Prinzip fallen Vergesellschaftungsprozess als gesamtgesellschaftlicher Vermittlungsprozess und individuelle Teilhabe daran auseinander: Je ich stelle durch meine Teilhabe gesellschaftliche Infrastrukturen her, die mir oder anderen in der n&#228;chsten Minute ins Genick schlagen &#8211; ob ich das will oder nicht. Oder wie es Stefan Merten (2002) formuliert: &#8220;Entfremdung liegt dann vor, wenn ein Mensch (&#8230; ) nicht verantwortlich handeln kann.&#8221; Umgekehrt kann nur verantwortlich handeln, wer &#252;ber die eigene Teilhabe selbst und unbeschr&#228;nkt verf&#252;gen kann, &#252;ber den also nicht durch ein fetischistisches drittes Prinzip verf&#252;gt wird. Es geht mithin darum, Bedingungen zu schaffen, in denen es &#252;berhaupt erst m&#246;glich wird, verantwortlich zu handeln, also ein Bewusstsein in gesellschaftlicher Reichweite zu erreichen. Damit w&#228;re auch der Verantwortungsbegriff der moraltriefenden Umklammerung durch den vorherrschenden Ethikdiskurs entrissen &#8211; aber das nur am Rande. <a name="t12" href="#f12">[12]</a></p>
<p>Nun wird auch deutlicher, was es mit dem Verh&#228;ltnis von Bewusstheit und Bewusstlosigkeit in der warenproduzierenden Gesellschaft auf sich hat. &#8220;Bewusst&#8221; k&#246;nnen einzig die unmittelbar kooperativen und interaktiven Beziehungen &#8211; etwa in der Lohnarbeit &#8211; gestaltet werden. Alle Verweise darauf, dass es sich dabei immer auch um Formen der Teilhabe und Re/Produktion des Wertverwertungsprozesses als Ganzem handelt, m&#252;ssen verdr&#228;ngt und unbewusst gehalten werden, indem die Erscheinung der &#214;konomie als &#8220;zweite Natur&#8221; f&#252;r das Wesen genommen wird. Je st&#228;rker sich der gesellschaftliche Vermittlungszusammenhang als entfremdeter gegen die Menschen kehrt, desto mehr Energie muss individuell darauf verwandt werden, genau diese Tatsache unbewusst zu halten: Es kann niemand aushalten &#8211; und viele tun es ja auch nicht -, sich bewusst selbst zum Feinde zu werden, indem man genau die Bedingungen herstellt, unter denen man leidet. Gerade sensible Menschen zerbrechen daran, und es erscheint mir kein Zufall, dass viele linke historische Bewegungen sich in H&#228;rte, Aufopferung und Arbeitskult ergingen, um die strukturelle Selbstfeindschaft aushalten zu k&#246;nnen.</p>
<h4>Verh&#228;ltnis von Unmittelbarkeit und Vermitteltheit</h4>
<p>In der warenproduzierenden Gesellschaft geraten unmittelbar-personale und gesellschaftliche Kooperation in einen Widerspruch zueinander. Die Privatproduktion erfordert die unmittelbare Kooperation im Produktionsprozess, w&#228;hrend sie gesellschaftlich die Produzenten voneinander trennt und erst &#252;ber den Austausch a posteriori zusammenf&#252;hrt. Dieser Widerspruch prozessiert in Form der verselbstst&#228;ndigten Bewegung des Werts, die den Menschen eine entfremdete Form gesellschaftlicher Kooperation aufzwingt, &#252;ber die sie nicht verf&#252;gen k&#246;nnen, sondern die f&#252;r sie die &#8220;Form einer Bewegung von Sachen (hat), unter deren Kontrolle sie stehen&#8221; (Marx 1890). Jeder Versuch der &#8220;politischen Gestaltung&#8221; auf gesellschaftlicher Ebene treibt den Widerspruch auf immer neue Spitzen, kann ihn aber niemals aufheben.</p>
<p>Doch auch unmittelbar-personal kann es &#8211; wie dargestellt &#8211; nicht gelingen, &#252;ber den gesellschaftlichen Prozess zu verf&#252;gen. Der Widerspruch zwischen unmittelbar-personaler und gesellschaftlicher Kooperation erscheint so als Aufspaltung in zwei Sph&#228;ren: der wertf&#246;rmig-strukturierten, m&#228;nnlich konnotierten &#8220;&#246;ffentlichen&#8221; und der wertabgespaltenen, weiblich konnotierten &#8220;privaten&#8221; Sph&#228;re (Scholz 2000). Diese Sph&#228;ren sind jedoch nicht als abgrenzbare Orte zu verstehen, sondern als repressive Modi der Lebensbew&#228;ltigung, die inzwischen beide &#8220;Orte&#8221; der &#8220;&#214;ffentlichkeit&#8221; und &#8220;Privatheit&#8221; durchziehen: das &#8220;ideale&#8221; warenf&#246;rmige Subjekt ist dasjenige, das es versteht, die &#8220;weiblichen Momente&#8221; der wertabgespaltenen Sph&#228;re f&#252;r den Verwertungsprozess zu funktionalisieren und die &#8220;m&#228;nnlichen Momente&#8221; der betriebswirtschaftlichen Rationalit&#228;t f&#252;r eine &#8220;Effektivierung&#8221; der privat-individuellen Reproduktion. <a name="t13" href="#f13">[13]</a></p>
<p>Der Widerspruch zwischen unmittelbarer und gesellschaftlicher Kooperation schl&#228;gt sich individuell nieder als Vertrauensverlust und latentes Gef&#252;hl der Bedrohung. Wenn die gesellschaftliche Re/Produktion &#8220;zusammenbricht&#8221;, dann ist trotz eines vollen K&#252;hlschranks ein angstfreies und befriedigendes Kochen und Essen unter Freunden schwer m&#246;glich. Allgemeiner formuliert: Das Vertrauen in die Stabilit&#228;t und Nachhaltigkeit des gesellschaftlichen Prozesses, der sich von meinem unmittelbaren Beitrag unabh&#228;ngig vollzieht, aber durchschnittlich aus den Beitr&#228;gen aller konstituiert, ist Voraussetzung f&#252;r ein individuell angstfreies und befriedigendes Leben.</p>
<p>Die unmittelbaren Interaktionen und Kooperationen der Menschen brauchen stabile gesellschaftliche Infrastrukturen, also das Vertrauen darin, dass die Teilhabeformen auch eine bewusste Teilhabe erlauben. Das &#8220;Perverse&#8221; des Kapitalismus ist nicht nur, dass Teilhabe nur in entfremdeter, &#8220;verantwortungsloser&#8221; Form m&#246;glich ist, sondern dass Millionen selbst noch von dieser entfremdeten Form der Teilhabe ausgeschlossen sind &#8211; und sich in der Regel &#8220;unmittelbar&#8221; w&#252;nschen, wieder in die Form der entfremdeten Teilhabe und &#8220;Verantwortungslosigkeit&#8221; zu gelangen.</p>
<h4>Freie Vergesellschaftung</h4>
<p>Aufgehoben werden kann der Widerspruch zwischen unmittelbarer und gesellschaftlicher Kooperation nur durch eine Aufhebung der Sph&#228;renspaltung selbst, was identisch ist mit der Aufhebung der Vergesellschaftung &#252;ber das Dritte des Werts. Diese Aufhebung kann sich nicht als &#8220;Stichtagsumstellung&#8221; (Revolutionarismus), sondern einzig als Prozess der <em>Neukonstitution</em> einer anderen Form der Vergesellschaftung vollziehen. Denn in Anlehnung an Watzlawiks Kommunikations-Apriori &#8220;Man kann nicht nicht kommunizieren&#8221; gilt auch: &#8220;Man kann nicht nicht kooperieren&#8221;, wenn es jeden Tag darum geht, das individuelle und gesellschaftliche Leben zu erschaffen. Es ist nicht m&#246;glich, die eine Form der Kooperation &#8220;abzuschaffen&#8221;, ohne gleichzeitig eine neue Form jenseits des Werts wenigstens schon ansatzweise entfaltet zu haben.</p>
<p>In der freien Vergesellschaftungsform wird das Vertrauensnetz durch das Handeln der Menschen erzeugt. Das &#8220;Prinzip dritter Person&#8221;, die Entfremdung in der Wertvergesellschaftung, ist ersetzt durch das &#8220;Prinzip erster Person&#8221;, die Selbstentfaltung. Ist dem &#8220;Prinzip dritter Person&#8221; eigen, dass je ich mich nur auf Kosten anderer durchsetzen kann, so erfordert das &#8220;Prinzip erster Person&#8221; je meine Entfaltung als Voraussetzung f&#252;r die Entfaltung aller und vice versa. Die Heraushebung &#8220;des Menschen&#8221; ist also keine idealistische Anrufung eines &#8220;guten Kerns&#8221; oder die Forderung nach einer &#8220;neuen Ethik&#8221;, sondern die (hier notwendig theoretische) Begr&#252;ndung daf&#252;r, dass es keines &#8220;externen Dritten&#8221; bedarf, der es Menschen erm&#246;glicht, ihre Gesellschaftlichkeit auch zu realisieren.</p>
<h4>Keimform oder nicht</h4>
<p>Hier kommt der Debatte um Keimformen eine zentrale Rolle zu. Die Frage nach dem Charakter eines Versuchs zum &#8220;Ausbruch aus der Warenform&#8221; ist identisch mit der Frage nach den Formen einer anderen Vergesellschaftung. Ob einem Projekt Keimform-Charakter zukommt, ist nicht an den Oberfl&#228;chenerscheinungen des Projekts ablesbar &#8211; etwa der besonderen Radikalit&#228;t der Forderungen (&#8220;Gegen Deutschland, f&#252;r den Kommunismus&#8221;), der Heftigkeit der Auseinandersetzung (Steinewerfen, Sabotage etc. ), der Massenhaftigkeit der Aktionen (Millionen gegen den Krieg) oder besonderen der Bewusstheit der Beteiligten (Intellektualismus als Voraussetzung). Solche Erscheinungen k&#246;nnen auftreten oder w&#252;nschenswert sein, aber es bleiben <em>Erscheinungen</em> der <em>jeweils aktuellen K&#228;mpfe</em> mit den H&#252;tern der Warenform. Denn wie das Beispiel der Freien Software zeigt, kann der Kampf auch auf v&#246;llig anderen, eher unsichtbaren Feldern toben (mehr dazu im Teil 2).</p>
<p>Aufgabe des Keimform-Begriffes ist auch nicht, &#8220;objektiv&#8221; entscheidbar zu machen, welches die &#8220;richtige Linie&#8221; ist. Es geht nicht um die Einsicht in den &#8220;objektiven Verlauf der Geschichte&#8221;, zu dessen Exekutoren wir uns nur noch aufschwingen m&#252;ssten. Der Keimform-Begriff taugt auch nicht dazu, Handlungen als &#8220;gut&#8221; oder &#8220;schlecht&#8221; zu qualifizieren. Er dient einzig dazu, ein Projekt danach zu befragen, ob es konstitutive Potenzen einer anderen, freien Form der Vergesellschaftung birgt oder nicht.</p>
<p>Der Keimform-Begriff hat also eine erkenntnisleitende Funktion f&#252;r das jeweilige Projekt <em>selbst</em>. Er zielt auf den Prozess der Bewegung in der widerspr&#252;chlichen warengesellschaftlichen Realit&#228;t &#8211; und nicht auf die verdinglichten Formen, die in der Bewegung hervorgebracht werden. So w&#228;re es absurd, etwa den <em>Streifz&#252;gen</em> vorzuwerfen, sie w&#252;rden &#8220;Geld einnehmen&#8221;, wo es doch darum ginge, dasselbe abzuschaffen. Es kann aber sinnvoll sein, die <em>Streifz&#252;ge</em> nach dem Umgang mit &#8220;Knappheit&#8221; zu befragen: Wird durch das k&#252;nstliche Knapphalten der <em>Streifz&#252;ge</em>-Ausgaben im Internet (nur die jeweils vorletzte Nummer ist verf&#252;gbar) nicht jene Logik der Exklusion reproduziert, die die Konstitution von Neuem, die nur eine Inklusionslogik sein kann, a priori unterminiert, also Formen schafft, in denen wir uns gegenseitig ausschlie&#223;en?</p>
<p>Die Bewegung Freier Software hat diese Frage mehrheitlich deutlich zugunsten einer Inklusionslogik beantwortet. Sie hat intuitiv verstanden, dass zwar die Rechner gekauft werden m&#252;ssen, die Software aber nicht knapp sein darf, um die Dynamik der Wissensproduktion in Gang zu setzen &#8211; jenseits der Wertform. Sie konstituiert darin den Kern einer neuen Form der Vergesellschaftung, die auf Selbstentfaltung des gesellschaftlichen Menschen und kollektiver Selbstorganisation basieren &#8211; nicht, weil die Leute in der Freien Software bessere Menschen w&#228;ren, sondern weil es nur so &#252;berhaupt noch geht.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a name="f1" href="#t1">[1]</a> Alle Zitate ohne Quellenhinweis beziehen sich auf Lohoff 2002.</p>
<p><a name="f2" href="#t2">[2]</a> Eine gute Informationsquelle ist &#8220;Free/Libre and Open Source Software: Survey and Study&#8221;, <a href="http://www.infonomics.nl/FLOSS/report">www.infonomics.nl/FLOSS/report</a>. Zur allgemeinen Lage von der Besch&#228;ftigten des IT-Bereiches vgl. <a href="http://www.labournet.de/tech">www.labournet.de/tech</a>.</p>
<p><a name="f3" href="#t3">[3]</a> Wie bereits in Meretz 2001a ausgef&#252;hrt, bringt es der &#8220;doppelte Marx&#8221; mit sich, dass sich reichlich Ankn&#252;pfungspunkte finden lassen, die sowohl einen verdinglichten Produktivkraftbegriff wie auch eine Kurzschlie&#223;ung der Vergesellschaftungsform mit der Eigentumsfrage nahelegen.</p>
<p><a name="f4" href="#t4">[4]</a> In dem von Ernst Lohoff kritisierten Aufsatz habe ich <em>explizit</em> den traditionellen Begriff der &#8220;Produktionsverh&#228;ltnisse&#8221; verworfen. Es macht nicht wirklich Spa&#223;, ihn einfach wieder untergeschoben zu bekommen, um dann daf&#252;r Dresche einzustecken &#8211; und dies dann noch in einer v&#246;llig irrigen Argumentation: Der traditionsmarxistische &#8220;Widerspruch von Produktivkr&#228;ften und Produktionsverh&#228;ltnissen suggeriert&#8221; <em>mitnichten</em> eine &#8220;von der gesellschaftlichen Form unabh&#228;ngige Entwicklung&#8221;, im Gegenteil: Es ist dies genau die klassische Denkform, wonach in dem genannten Widerspruch die PV die gesellschaftliche Form bestimmen. &#8211; Noch einmal nachlesen: Meretz 2001a.</p>
<p><a name="f5" href="#t5">[5]</a> Ein Versuch des Herausruderns aus der Falle der einfachen Negation ist der Aufsatz &#8220;Anti-Politik ist eine M&#246;glichkeit&#8221; von Martin Dornis in der gleichen Ausgabe der <em>Streifz&#252;ge</em> (3/2002).</p>
<p><a name="f6" href="#t6">[6]</a> Das negierte Negative, das Aufgehobene, darf in einer freien Gesellschaft dann gerne &#8220;positiv&#8221; genannt werden &#8211; aber bitte erst dann.</p>
<p><a name="f7" href="#t7">[7]</a> Ich versuche damit die Ideen aus &#8220;Den Traditionsmarxismus aufheben&#8221; (2002), insbesondere ab Absatz 40, weiterzutreiben. Online: <a href="http://www.opentheory.org/kw48_01-3/text.phtml#40">www.opentheory.org/kw48_01-3/text.phtml#40</a>. Da nicht selbstverst&#228;ndlich ist, was &#8220;Vergesellschaftung&#8221; und &#8220;Gesellschaft&#8221; &#252;berhaupt begrifflich fassen, seien zun&#228;chst meine Bestimmungen dieser Begriffe vorgestellt.</p>
<p><a name="f8" href="#t8">[8]</a> Damit sollte auch klar sein, das &#8220;Vergesellschaftung&#8221; hier nicht die traditionsmarxistische &#8220;Verstaatlichung&#8221; (der Produktionsmittel) meint.</p>
<p><a name="f9" href="#t9">[9]</a> &#8220;Es ist vor allem zu vermeiden, die &#8220;Gesellschaft&#8221; wieder als Abstraktion dem Individuum gegen&#252;ber zu fixieren. Das Individuum ist das gesellschaftliche Wesen. Seine Lebens&#228;u&#223;erung &#8211; erscheine sie auch nicht in der unmittelbaren Form einer gemeinschaftlichen, mit andern zugleich vollbrachten Lebens&#228;u&#223;erung &#8211; ist daher eine &#196;u&#223;erung und Best&#228;tigung des gesellschaftlichen Lebens. Das individuelle und das Gattungsleben des Menschen sind nicht verschieden, so sehr auch &#8211; und dies notwendig &#8211; die Daseinsweise des individuellen Lebens eine mehr besondere oder mehr allgemeine Weise des Gattungslebens ist, oder je mehr das Gattungsleben ein mehr besonderes oder allgemeines individuelles Leben ist.&#8221; (Marx 1844, 538f. )</p>
<p><a name="f10" href="#t10">[10]</a> Das Oekonux-Projekt fragt nach der gesellschaftlichen Verallgemeinerbarkeit der Prinzipien Freier Software: <a href="http://www.oekonux.de">www.oekonux.de</a>.</p>
<p><a name="f11" href="#t11">[11]</a> Dieser Hinweis stammt von Benni B&#228;rmann: <a href="http://www.opentheory.org/vergesellschaftung/v0001.phtml#34.1">www.opentheory.org/vergesellschaftung/v0001.phtml#34.1</a></p>
<p><a name="f12" href="#t12">[12]</a> &#8220;Verantwortung&#8221; ist also nicht das moralische zust&#228;ndig machen des isolierten Einzelnen, der Waren-Monade, f&#252;r die Folgen eines Prozess, der au&#223;erhalb der eigenen Zust&#228;ndigkeit und Verf&#252;gung liegt. Das heute einzig m&#246;gliche &#8220;verantwortliche Handeln&#8221; besteht darin, f&#252;r die Aufhebung der Entfremdung, der strukturellen &#8220;Verantwortungslosigkeit&#8221; der Wertvergesellschaftung zu sorgen.</p>
<p><a name="f13" href="#t13">[13]</a> Vgl. den postmodernen Roman von H&#228;ndler (2002): &#8220;was ist der Mensch? ein haufen fleisch, in geld eingewickelt? &#8221; H&#228;ndler ist Unternehmer und schreibt aus Erfahrung, vgl. dazu <a href="http://www.3sat.de/kulturzeit/lesezeit/39855">www.3sat.de/kulturzeit/lesezeit/39855</a></p>
<h4>Literatur</h4>
<p>Dornis, M. (2002), Anti-Politik ist eine M&#246;glichkeit, in: <em>Streifz&#252;ge</em> 3/2002, 1-4.</p>
<p>H&#228;ndler, E. -W. (2002), Wenn wir sterben, Frankfurt/M. : Frankfurter Verlagsanstalt.</p>
<p>Lohoff, E. (2002), Die Ware im Zeitalter ihrer arbeitslosen Reproduzierbarkeit. Zur politischen &#214;konomie des Informationskapitalismus, in: <em>Streifz&#252;ge</em> 3/2002, 29-36.</p>
<p>Marx, K. (1844), &#214;konomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, in: Marx, K. , Engels, F. (1968), Werke, Erg&#228;nzungsband, 1. Teil, S. 465-588, Berlin (DDR): Dietz.</p>
<p>Marx, K. (1890), Das Kapital. Kritik der politischen &#214;konomie, 4. Aufl. , in: Marx, K. , Engels, F. (1962), Werke, Band 23, Berlin (DDR): Dietz.</p>
<p>Marx, K. , Engels, F. (1848), Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx, K. , Engels, F. (1972), Werke, Band 4, Berlin (DDR): Dietz.</p>
<p>Merten, S. (2002), Eigentum und Produktion am Beispiel der Freien Software, Beitrag zum Rosa-Luxemburg-Preis 2003, online: <a href="http://www.opentheory.org/eigentum/text.phtml">www.opentheory.org/eigentum/text.phtml</a></p>
<p>Meretz, S. (2001a), Produktivkraftentwicklung und Aufhebung. Die &#8220;Keimform-Hypothese&#8221; im Diskurs. Meta-Replik zu C. Fuchs: &#8220;Die IdiotInnen des Kapitals&#8221; in <em>Streifz&#252;ge</em> 1/2001.</p>
<p>Meretz, S. (2001b), Der wilde Dschungel der Kooperation, erscheint 2003 in einem Sammelband mit Texten zur &#8220;Theorie der Freien Kooperation&#8221; von Christoph Spehr, online: <a href="http://www.opentheory.org/dschungel/text.phtml">www.opentheory.org/dschungel/text.phtml</a>.</p>
<p>Meretz, S. (2002), Den Traditionsmarxismus aufheben, in: Materialien der KW 47/2001, Essen: Zirkular im Eigendruck, online: <a href="http://www.opentheory.org/kw48_01-3/text.phtml">www.opentheory.org/kw48_01-3/text.phtml</a></p>
<p>Scholz, R. (2000), Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, Bad Honnef: Horlemann.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2003/zur-theorie-des-informationskapitalismus-1">Zur Theorie des Informationskapitalismus</a></p>
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