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	<title>Streifzüge &#187; Glatz; Lorenz</title>
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		<title>Außerirdischer</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 11:00:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit / Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-53]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/ausserirdischer">Außerirdischer</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/ausserirdischer">Außerirdischer</a></p>
<p>Streifzüge 53 / Herbst 2011<br />
Homestory</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-10342"></span></p>
<p>Faul war ich nicht. Ich bin gern für meine Mutter einkaufen gegangen, auch Holz holen war kein Problem. Und die Bauernbuben, die zu Hause in der Wirtschaft geholfen haben, habe ich beneidet       statt bedauert. Mit meinem Freund, der ein Hüterbub war, bin ich auf die Weide mitgelaufen, mit dem Großvater Heu auf- und abladen hab ich gemocht, die Kornmandl auf den Wagen bugsieren und im Stadl abwerfen, hat mich stolz gemacht. Wirklich „drangekommen“ bin ich ja nicht – wir selber hatten keine Landwirtschaft –, bloß einmal hab ich mich übernommen, beim Burgunder-Graben. Aber auch das hatte mir niemand angeschafft, so zu arbeiten wie die Großen. In der Art  weitermachen, das konnte ich mir gut vorstellen, dass ich so lebe. Für alles war gesorgt, die Leute waren meistens nett zu mir, ich hatte viel zu tun den ganzen Tag mit Freunden und Spielgefährten, und manchmal habe ich mich eben auch zusammen mit den Erwachsenen nützlich gemacht.</p>
<p>Ich war in der dritten oder vierten Klasse Volksschule, als mir der Gedanke gekommen ist. Der war unangenehm und machte mir Angst: Ich würde einmal mit Arbeit Geld verdienen müssen. Was ich mir vorstellte, war, ich musste fremden Leuten einreden, bei mir und nicht beim anderen im Nachbarort was zu bestellen, und dann musste ich ums Geld streiten, das sie mir schuldeten. Das hatte ich von meinem Vater. Der wollte Opernsänger werden, musste aber von meinem Opa und vom Onkel ein Baugeschäft übernehmen. (Geschäftsmann war er wirklich keiner und hat seine Firma gleich wieder verkauft, als die alten Männer nicht mehr dreinreden konnten. Glücklich war er als Angestellter aber auch nicht.)</p>
<p>Konkurrenz schafft mir Unbehagen, ist irgendwie zum Frösteln. Natürlich bin ich ihr nicht entgangen, gesucht hab ich sie aber nicht. Ich mag es, wenn man mich lobt, ich möchte es rechtfertigen, aber dem Lob nachlaufen, gar es wem abjagen macht mich schnell müde. Der Ehrgeiz reicht nicht. Ich war ein guter Schüler und Student. Karriere nachgetragen hat mir niemand. Gottseidank, vielleicht wär ich ja drauf reingefallen. Also blieb ich in der Schule. So wie die Lage war, war es als Lehrer auszuhalten. Mit den jungen Leuten bin ich meist gut ausgekommen und bei manchen von ihnen und manchmal überhaupt habe ich vergessen können, wozu ich in der Schule angestellt bin. Aber: So oder so, „es ist eine Anstalt“, sagte mein letzter Direktor treffend, „und ist daher der Mühe nicht wert“, sagte ich und griff zu, als meinereinem ein „Vorruhestand“ auf dem Blechtablett angeboten wurde. </p>
<p>Auf einem Lehrerseminar vor so zwanzig Jahren hat uns einmal ein Manager, so richtig mit beiden Beinen auf dem „festen Grund der Wirklichkeit“ und persönlich 60 Stunden auf der Matte jede Woche, erklärt, wie er die Weltprobleme mit immer mehr vom selben löst. Das nenne ich Arbeit, und was ich will, ist „nicht von dieser Welt“, ich bin ein Außerirdischer sozusagen, das ist mir so eingeschossen. Der Sache nach war es nicht neu. Auf der Suche nach einer ganz andern, bessern Welt bin ich schon lang, oft mit mehr Irrtümern als Erkenntnissen, gelobt, geschmäht, mit Mühen und manchmal auch mit Freude an den Weggefährten. So lang ich Knochen, Hirn und Mundwerk halt noch rühren kann. </p>
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		<title>Unsere Gedanken sind nicht ohne Grund</title>
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		<pubDate>Sun, 30 Oct 2011 09:55:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-53]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/unsere-gedanken-sind-nicht-ohne-grund">Unsere Gedanken sind nicht ohne Grund</a></p>
<p>Streifzüge 53 / Herbst 2011</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em><br />
(Streifzüge 53 erscheinen am 14.November) <span id="more-10268"></span></p>
<p>Die Zwangsgemeinschaft transnationalen Kapitals und des Welthandels, in der ungeheure Massen von Waren und Geld von nichts als Profiterwartungen dirigiert frei um den Globus strömen, aber Menschen in Grenzzäunen und Polizeiwachen hängen bleiben, ist uns vertraut. Jetzt aber grassiert tiefe Unruhe bei den Reichen und bei den Armen, sowohl im Trikont als auch in den Metropolen. </p>
<p>Die Aufstände in Arabien werden hierzuland auch von den Wächtern des Status quo grade noch als Streben nach Demokratie angesichts korrupter Diktatoren wohlwollend betrachtet. Peinlich ist bloß, dass es sich dabei meist um geschätzte, zuverlässige Partner und oft persönliche Freunde hochgestellter Persönlichkeiten der „freien Welt“ handelte. Es brauchte daher einige Umstellungen im Sprech der veröffentlichten Meinung und politischen Verlautbarungen, bis die befreundeten Herren Präsidenten und Stützen der Weltordnung zu verabscheuungswürdigen Monstern zurechtberichtet waren. Der nunmehr gelynchte Gaddafi war sogar erst unlängst zu einem „Mann tiefer Weisheit“ (Berlusconi, der ihm sogar die Hand küsste) und einem Revolutionsführer, „dessen Geheimdienste mit westlichen Diensten zusammenarbeiten“ (Sarkozy) geadelt geworden. </p>
<p>Noch keimen die Hoffnungen und Versprechungen, dass Demokratisierung die prekären Lebensbedingungen von zig Millionen Menschen zwischen Atlantik und Indischem Ozean verbessern, ja sie an den geltenden Weltstandard des Westens heranführen wird, noch bombardierte die NATO in Libyen die Demokratie herbei – da kommt der (allen Prognosen der Wirtschaftsweisen schon wieder Hohn sprechende) nächste Schub der totgesagten Weltwirtschaftskrise. Im Hort der Demokratie, in EU und USA. Damit auch hier eine Welle von Demos, Streiks, Unruhen und Straßenkämpfen im Paradies der Freiheit und des Wohlstands. Auch die Parolen haben viel Ähnlichkeit mit denen in Arabien: für Demokratie und mehr Geld, gegen die Korruption und Gier der Herrschenden. </p>
<p>Es zeigt sich: Die Unruhe ist das Kind der Ordnung, nach der sie kommt. Wenn die bislang wohlintegrierten Mittelschichten sich empören und das Wort ergreifen, spricht aus ihnen spontan die alte Ordnung, die sich über das empört, was aus ihr geworden ist. Es soll weitergehen mit Staat, Recht, Geld und Arbeit, bloß anders, mit ehrlichen Bankern, Unternehmern und Politikern statt Heuschrecken und korrupten Bonzen, gerecht verteilen soll man das Geld des Staats, statt es „den Märkten“ in den Rachen zu werfen, und vor allem: wirklich demokratisch soll es zugehen und alle sollen „gutes Geld für gute Arbeit“ haben.</p>
<p>Nur die Leute, die vom System schon als überflüssig abgestempelt sind, glauben derlei nicht mehr. Sie wissen, dass sie abgeschrieben, ein Fall fürs Sozialamt und die Polizei sind. Es ist ihr Frust, der sie an die herrschende Ordnung bindet. Wenn sie dem Luft machen, schlagen sie die Scheiben ein und nehmen sich, was man aus der Werbung kennt, schlagen nieder, fackeln ab. Bis Polizei, Nationalgarde und was sonst für die Ordnung prügelt, schießt, verhaftet, sie wieder zur Räson bringen. No future. Das ist, was sie verkörpern, das schlechte Beispiel, das, was passiert, wenn eins es nicht schafft. In den letzten Jahren erspart sich die Politik auch schon die früher üblichen Versprechungen, man werde die Leute wieder in die schöne alte Welt von Arbeit und Konsum reintegrieren: Sarkozy hat für die Banlieue den „Kärcher“ übrig, Cameron droht: „fightback is under way“.</p>
<p>Es ist nicht zu entscheiden, ob uns die Illusionen oder die blanke Desillusionierung mehr dran hindern, uns ein besseres Leben zu machen. Beide stecken fest im Leben, das wir gelernt haben. Doch: So sieht spontane Unruhe aus, wenn eins aufwacht aus dem Alptraum eines Lebens in allgegenwärtiger Konkurrenz miteinander, in der unsere Kooperation nur als ein Teil von jener existiert, im grundsätzlichen Misstrauen gegeneinander und in der Fragilität und Fragwürdigkeit jeder Freundschaft und persönlichen Bindung, in Abhängigkeit von unpersönlichen Strukturen wie Staat, Nation und Recht, Arbeit und Kapital, die allein dem chaotischen Gewusel der Individuen Gestalt und Sicherheit oder wenigstens ein gemeinsames Feindbild geben. Das alles sind doch Dinge, die sich jeden Tag dutzendmal bestätigen und längst das Aussehen von „Natur“ erhalten haben. </p>
<p>Es stiftet Angst und Wut, wenn man entdeckt: Dieser „Natur“ gemäß zu handeln führt immer weiter in die Bredouille. Und: Wer auch immer ihn verwaltet, ob Diktatoren oder Demokraten, ehrliche Makler oder gerissene Banker und Manager, Linke oder Rechte, der Kapitalismus schleift sie zu und mit, kränkt und tötet täglich Menschenmassen und verwandelt das, wovon wir leben, in großem Stil in Abfall und Gift. Nicht aus bösem Willen oder „menschlichem Versagen“, sondern schlicht aus der Logik der Verhältnisse. Das muss erst einmal in einen Kopf hinein. Da wird es Fragen geben, da kann unsereins sich erst nützlich machen.</p>
<p>Das Leben in den überkommenen Strukturen beschädigt Leib und Seele mehr denn je. Das lässt sich nur durch Bruch mit der destruktiven Ordnung heilen. Vom Haarriss bis zum Abbruch. Fähigkeit zu und Lust an Zusammenwirken und Gemeinschaft, Bedürfnis nach Zuneigung und Anerkennung aktiv und passiv – darauf beruht das Menschsein. Ohne dies könnte der Kapitalismus so wenig bestehen wie jede Herrschaft bisher auch, und nur so haben Menschen die schlimmsten Katastrophen überlebt. </p>
<p>Das Schöne in allen Krisen von Herrschaft ist daher: Am Horizont taucht auf: Es geht auch ohne. Freiheit irrlichtert aus den Rissen der Festung. In einer Fundamentalkrise, wie sie sich anbahnt, bebt die Ordnung von Jahrtausenden. Patriarchat, Rassismus und das Kapital. In den Strukturen und vor allem in uns selber. Freilich, alles kann schiefgehen. Aber zugleich wird wieder in Farben vorstellbar: Das bis tief hinein in jeden einzelnen gestaffelte System der Herrschaft samt „thought control“ ist überwindlich. Ersetzbar durch Solidarität und Freundschaft. Unsere Wünsche sind nicht albern, unsere Gedanken nicht ohne Grund: Freiheit und Lust sind zu haben. Weitermachen!</p>
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		<title>Schönheit</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jul 2011 11:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-52]]></category>

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<h3>Fiction live III</h3>
<p>Streifzüge 52/2011</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-9773"></span></p>
<p>Er „war keineswegs unempfindlich für Schönheit; er empfand sie im Gegenteil so tief, dass der Gegensatz dieser Welt der Schönheit zu jener, in der er lebte, und zu der Arbeit, die er selbst zu leisten hatte, ihn schmerzlich traf, sooft er sich seiner bewusst wurde.“ (G. Ellert, Das blaue Pferd, S.33) Ich war ganze vierzehn Jahre alt, als ich das las. Es gibt in meinem Leben immer wieder einmal ein „Das kommt mir nicht aus dem Sinn“. Es mag jahrelang verschütt gehen, aber es kommt wieder. Weil es mich eben trifft. </p>
<p>Die Erkenntnis, dass ich jenes Gefühl teile, dass mein Leben weit hinter dem zurückbleibt, ja dem widerspricht, was ich als Schönheit erahne, hat sich in mein Gedächtnis eingefurcht. Was ich so durchlebe, übersteigt von Zeit zu Zeit sowieso das, was ich eigentlich aushalte, aber das ist vermutlich recht weit verbreitet, auch wenn eins das oft nicht wahrhaben will und sich das Unerträgliche schönredet. Mag sein, dass ich wehleidig bin, aber zu wenig bescheiden für die herrschenden Verhältnisse bin ich immer geblieben.</p>
<p>Gottseidank kommt und bleibt da immer auch Schönes, sonst würd ich ja schlapp machen. Aber von dem Ganzen, Umgreifenden, „Schönheit“, von dem ich irgendwie weiß, ist das, bin ich, sind wir schmerzlich weit weg. Von dieser Schönheit Worte zu machen, bleibt weit hinter dem zurück, was es in mir ist, ein Traum, eine Art verrückte Erinnerung an eine Zukunft, die ich suche. In der unser freies, chaotisches Leben nicht an den Messlatten der Herrschaft gestutzt, gestreckt, verstümmelt und bewertet wird, sondern in freier Entfaltung schöne Gestalt annimmt. (Eine miese Übersetzung!)</p>
<p>Ich hasse mich nicht, aber ich glaube andererseits nicht, dass ich bei allem Unsinn, den ich schon verzapft habe, von mir je wie ein Fan von seinem Star gedacht und gesprochen habe. (Heute wird das angeblich für jedes Bewerbungsgespräch trainiert.) Und an mein gutes Leben zu glauben, so nach der Masche, dass ich noch immer viel besser drauf und dran bin als die Loser rundum, auch das habe ich nie allzu lang durchgehalten. Solchen doch recht erbärmlichen Illusionen ist immer meine „Fiktion“ von Schönheit in die Quere gekommen. </p>
<p>Die sinnlichste Bedeutung von lateinisch fictio ist die „künstliche Gestaltung durch streichelnde Berührung“. Davon ist nur die Vorstellung im heutigen Wort geblieben, aber im Falle der Schönheit auch das Begehren nach ihr, von der ich, von der wir nicht auf ewig getrennt sein sollen. </p>
<p>Da schlägt sie durch, die judäochristliche Ketzersehnsucht nach dem Millennium der Befreiung, das den ewigen Kreislauf des Elends der Weltgeschichte brechen und der Utopie Platz schaffen soll. Die antreibt zu den rabenschwarzen Gedanken der Kritik und ihr zugleich den bunten Horizont ihrer Bewegung setzt – und dem Leben die Aussicht öffnet auf Schönheit. Die ihm zusteht. </p>
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		<title>Liberating Art</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Apr 2011 09:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur, Sprache, Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-51]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/liberating-art">Liberating Art</a></p>
<p>Streifzüge 51 / Frühling 2011<br />
2000 Zeichen abwärts</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-9276"></span></p>
<p>Im Museum of Modern Arts in New York gibt es Yoko Onos Voice Piece for Soprano / Scream. / 1. against the wind / 2. against the wall / 3. against the sky / 1961 autumn. Laut der Erläuterung an der Wand geht es um Befreiung, um die Frage, wer das Sagen hat. Als „Installation“. </p>
<p>Wer will, schreit per Mikrophon, Verstärker und Lautsprecher, allerdings zuerst against herself, denn die Wand steht ihr im Rücken. Und um endlich ein wenig das Sagen zu haben, folgen die Besucher brav den „orders“ der Installation. Wir stehen geduldig und ein wenig geniert und scheu in einem perfekten Halbkreis, schreiten oder huschen zum leer gewordenen Platz am Mikro und erleichtern uns. Um die Wette, denn wer durch Stimmumfang oder Schrille hervorsticht, bekommt mehr Applaus. Der Aufpasser in seiner dezenten Uniform ist bloß kurz vorbeigekommen und entfernt sich, weil überflüssig. Das Schreien ist hier voll in Ordnung. Ein Stückchen Befreiung, installiert.</p>
<p>Auf dem Video der Museumshomepage macht es Yoko Ono vor. Ein Fan rutscht auf den Knien mit seiner Kamera ins Bild. Sie traut sich entschieden mehr als wir gewöhnlichen Besucher. Am Ende jubelt das Publikum – über einen Akt von Befreiung? </p>
<p>Ein Posting eines Nutzers findet sich auch: &#8230; And then it was over. Yoko and I had done it! Together we’d created a work of exhilarating, defiant, liberating art that turned heads, startled passersby, and covered me in a fine sheen of flop sweat. </p>
<p>Freund Pichl Peter hat recht gehabt: „Kunst verhält sich zum Museum wie Liebe zum Bordell“. „Liberating Art“ sollte auch als „Kunst befreien“ gelesen werden.</p>
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		<title>bob Service Roboter</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Apr 2011 09:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-51]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/bob-service-roboter">bob Service Roboter</a></p>
<p>Streifzüge 51 / Frühling 2011<br />
2000 Zeichen abwärts</p>
<p><em>von Andreas Wally</em> <span id="more-9268"></span></p>
<p>Eins unserer erwachsenen Kinder ist recht schlecht drauf. Sie hat eine schön klingende griechisch-lateinische Diagnose und einen recht hässlichen Alltag. Wir oft auch. Zu den kleineren Malheurs  gehört, dass ihr zuweilen Dinge abhanden kommen. Manchmal recht knapp hintereinander. Im Vorjahr z.B. zweimal ein Handy. Der Providervertrag läuft auf meinen Namen – Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfänger bekommen keinen – wer weiß, ob sie zahlen können? („Gratiskonto“ bei der easybank natürlich auch nicht – bei dem bissl Geld hat die Bank ja nichts davon.) Ich habe also zweimal die Simcard sperren lassen und die missverständliche Auskunft bekommen, dass damit die Sache erledigt sei. War sie nicht, ich hätte außerdem noch postalisch kündigen müssen.</p>
<p>Ein Missgeschick kommt selten allein, sagt ein blödes Sprichwort. Viel blöder ist, es trifft auf uns zu. Wir sind damit eingedeckt, und dafür, das Bankkonto zu überwachen, solange noch was drauf liegt, reicht unsere Aufmerksamkeit nicht. So hat also der Billigprovider bob 16mal sein Pauschale von 8,80 abgebucht für zwei tote Leitungen.</p>
<p>Ich habe es schließlich bemerkt, gefragt und den Brief geschrieben, den Vorgang kurz geschildert und damit geschlossen: „Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie uns durch eine Gutschrift entgegenkommen würden.“ (Dem bob bleiben eh noch drei weiterlaufende Verträge von uns erhalten.)</p>
<p>Der Konjunktiv war richtig. Gekommen ist der Standardbrief „Schade, dass Sie sich von uns trennen wollen“ und „es tut uns leid“ – um den Vertrag zur Rufnummer xyz. Nicht einmal, dass es zwei Verträge waren, ist ihnen aufgefallen. Meist besteht der Spott zum Schaden ja in kalter Ignoranz.</p>
<p>Ich habe so zynisch wie mir möglich zurückgeschrieben und gehofft, dass ich dem anonymen Tastaturbenutzer des unterschriebenen „bob Service Team“ den Tag ein wenig doch versaue. Die Antwort war die wortgleiche Schablone mit der zweiten Nummer. Was anderes, sagt mir ein Insider, lässt das Programm, das die Leute dort als Roboter zu bedienen haben, gar nicht zu.</p>
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		<title>Das verlorene Meer der Lust</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Apr 2011 09:00:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Gutes Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-51]]></category>

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<p>Streifzüge 51 / 2011<br />
<em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-9098"></span></p>
<p><em>Wenn du ein Schiff bauen willst, fange nicht damit an, Holz zu beschaffen, Planken auszuschneiden und Arbeit zu verteilen, sondern wecke im Herzen der Menschen die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.<br />
(Angeblich von Antoine de Saint Exupery)</em></p>
<p>Wer gut lebt oder zu leben meint, macht daraus kein Problem. Nur wenn sich das Leben wie heutzutage für viele immer schwerer anfühlt, wird das gute Leben sogar zum öffentlichen Thema. Gefragt sind dann meist Rezepte, en gros und en detail: im täglichen Gespräch, in den Kirchen und Eso-Seminaren, in den Sprechstunden der Therapeuten, in den Apotheken, bei den Glücksforschern, in den Medien und in der Politik. Es entsteht ein Diskurs des guten Lebens. Und wie immer, wenn Verhalten und Beziehungen der Menschen zum Thema werden, wird über viel geredet, und geschwiegen über noch viel mehr, weil vergessen und verdrängt. Die rettenden Gedanken, die zur Verwirklichung drängen, sind rar, aber die Wirklichkeit selbst so krass, dass sie kaum mehr zu verdrängen ist, sondern quasi selbst zum Denken drängt. </p>
<h3>Die Zivilisation ist unausweichlich</h3>
<p>Kultur (die, in der nach Freud „das Unbehagen“ herrscht) hat heute schon keine wirkliche Mehrzahl mehr. Sie ist drauf und dran, buchstäblich global zu werden. Wahrscheinlich werden eben die letzten Menschen im amazonischen Urwald, die noch nicht wussten, dass sie in ihr eingeschlossen sind, von Holzfällern, einer Experten-Kommission oder Todesschwadronen erreicht (Welt Online 8.2.11). Wirklich entgehen kann dieser Kultur aber schon des Längeren niemand, ja die ganze Ökosphäre mit Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt ist von ihr bis ins Mark getroffen.<br />
Am Fortschritt, der uns in Jahrtausenden auf die gegenwärtige „Höhe der Zivilisation“ geführt hat, wie in den „entwickelten“ Ländern schon jedes Schulkind weiß, ist wirklich nachhaltig, dass er uns irritiert. Wir sitzen vor Bergen von HiTech-, Billig-, Qualitäts-, Bio- und Sonstwas-Ware, mit der sich zu trösten versucht, wer zahlen kann, und nach der sich oft verzehrt, wer nicht. Immer mehr Leute, die nur noch für die Arbeit leben, in der sie sich täglich ein Stück mehr auflösen oder der sie verzweifelt nachlaufen (zu müssen glauben). Alles entschieden ungesund.<br />
Die Arbeitsgesellschaft desintegriert sich, der Raubbau an fossiler Energie, Mineralien und Metallen scheitert an der Endlichkeit der Erde, die Fruchtbarkeit des Bodens wird zerstört, das Klima für die Menschen und viele andere Lebewesen katastrophal verdorben, und mit Nuklear- und Gentechnologie ist die Büchse der Pandora aufgemacht. Die Folgen sind erwartbar und bald schon unvermeidlich. Und doch wird all das bis zur Erschöpfung verdrängt – eine „Apokalypseblindheit“, wie Günter Anders es schon vor Jahrzehnten konstatiert hat.<br />
Kultur ist ein Selbstschädigungsprogramm der Menschheit geworden. Nicht regional (das wäre das erste Mal nicht, siehe z.B. die Entwaldung der Mittelmeerländer im Altertum oder noch tausende Jahre davor den Flop der ersten Sesshaftwerdung im Nahen Osten), sondern einfach global. Und diese Sintflut droht uns, nicht erst nach uns. Die Diagnose ist freilich wesentlich leichter zu stellen und zu begründen als Wege aus der Malaise raus zu finden. Schlimmer noch: Es scheint aussichtslos.<br />
Daher: Weitermachen. Schlafen gehen. Morgen muss eins schließlich wieder raus. Tunnelblick auf die Arbeit und dann sich was gönnen, was tun für die Gedankenfreiheit (die „Freiheit von“), kaufen, anziehen, starten, schlucken oder sich sonstwie reinziehen, weil man schon vom Hinschauen auf sich selbst ins Grübeln kommt und vom Wegschauen noch trübsinnig wird. Und ängstlich den Aberglauben pflegen, dass die Lösung immer mehr vom Selben ist: dass wir, als Menschheit sozusagen, eben „nachhaltiger“ wirtschaftswachsen und unsere Technologien bloß weiter noch verfeinern und besser nutzen müssen. Aber wer alt genug ist, wird sich erinnern: Das wird doch schon längst gemacht – die heutige Bredouille ist das Ergebnis von Jahrzehnten Politik und Wissenschaft im Dienst der Arbeitsplätze, der Modernisierung und des Umweltschutzes. An all das zu glauben ist eine Gratwanderung. Eine zwischen Überschnappen und In-Depression-Versinken.</p>
<h3>Zivilisiert sein ist Resignation</h3>
<p>Das Dilemma, wie die gekränkten Einzelnen mit den kränkenden Forderungen und Zwängen der Gesellschaft zurechtkommen können, haben schon Freuds PatientInnen vor 120 Jahren formuliert: „Sie sagen ja selbst, dass mein Leiden wahrscheinlich mit meinen Verhältnissen und Schicksalen zusammenhängt; daran können Sie ja nichts ändern; auf welche Weise wollen Sie mir denn helfen?“ Die Perspektive, die Freud zu bieten hatte, war: „Ich zweifle ja nicht, dass es dem Schicksal leichter fallen müsste als mir, Ihr Leiden zu beheben; aber Sie werden sich überzeugen, dass viel damit gewonnen ist, wenn es uns gelingt, Ihr hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln. Gegen das letztere werden Sie sich mit einem wieder genesenen Nervensystem besser zur Wehre setzen können.“ (de.wikisource.org/wiki/Studien_über_Hysterie/Zur_Psychotherapie_der_Hysterie#Seite_222)<br />
Wenn heute das soziale Biotop, in dem eins steckt, nicht mehr auszuhalten ist und eins schlappzumachen droht, steht ein seit Freud enorm angewachsenes Heer von Hilfen und Helferinnen bereit: Beratungsstellen, Sozialarbeiter, Coaches, Psychiater, Psychotherapeutinnen. Begleitend, vorbeugend, intervenierend, reparierend. Zwar geben sich des Professors Nachfolger und die anderen Schulen der Seelenheilkunde und erst recht die diversesten Heilungs- und Heilsverfahren (deren Markt seit Jahren boomt und vermutlich noch eine große Zukunft hätte, wenn dem wachsenden Unglück auch wachsende Kaufkraft entspräche) allein schon konkurrenzbedingt meist viel optimistischer. Es scheint aber eine stets zunehmende Zahl von Therapeuten usw. mit ausgefeilten Methoden und Verfahren zu brauchen, um die immer größere Zahl von Patienten und Klientinnen zu kurieren, welche die bunten „Herausforderungen“, die auch ein europäisches Durchschnittsleben in „Frieden und Wohlstand“ bietet, nicht mehr mit der nötigen Kreativität und Phantasie, dem gehörigen Mut und Selbstvertrauen stemmen. Emotionale und soziale Verhaltensstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Ängste und Depressionen nehmen schon im Kindesalter alarmierend zu. (sciencev1.orf.at/science/news/62005)<br />
Die „Verhältnisse und Schicksale“, von denen Freuds Patientenschaft sprach, scheinen die Frustrationstoleranz gewöhnlicher Menschen in steigendem Maß zu überfordern und um sich in jene zu fügen und sie alltäglich durchzustehen immer mehr therapeutische Aufrüstung der „Wehre“ notwendig zu machen. Die von den Verhältnissen auferlegten Schicksale zu ändern ist dabei freilich weniger denn je das Thema der Therapie noch das des Patienten. „Wir zwei werd’n das net ändern“, erkannte man in Wien vermutlich schon zu Freuds Zeiten. Also: „In diesem Sinne ist die Therapie ein Kurs in Resignation“ und: „Theoretisch liegt der Unterschied zwischen geistiger Gesundheit und Neurose nur im Grad und in der Wirksamkeit der Resignation: geistige Gesundheit ist erfolgreiche, wirksame Resignation – normalerweise so wirksam, dass sie wie eine ziemlich glückliche Befriedigung aussehen kann. &#8230;. Auf die Dauer erhebt sich nur die Frage, wie viel Resignation der Einzelne ertragen kann, ohne zu zerbrechen.“ (Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp 1987, 242) Die Dauer dieses Satzes währt nun auch schon bald sechzig Jahre, das gefragte Maß ist für täglich eher mehr Menschen überschritten und die „normale Wirksamkeit“ für eine eher sinkende Zahl erreichbar. </p>
<h3>Die „Schicksale“ der Lust</h3>
<p>Grundsätzlich widerstrebt uns aber Resignation. Menschen streben nach Lust als dem Inbegriff des Guten und meiden Unlust/Schmerz als das höchste Übel, sie beurteilen dementsprechend auch spontan das Zusammenleben mit den anderen Menschen danach, wie „lustig“ bzw. „unlustig“ es ist. So sind Menschen konstituiert. Für diese angeblich unmoralische Ansicht wurden die Epikureer von ihrem Anbeginn vor siebzehnhundert Jahren an gescholten, verspottet und diffamiert. Epikur selbst hat zudem – meines Erachtens zu Recht – darauf hingewiesen, dass die Wahrheit dieser Aussage nicht erst mit Vernunftgründen zu beweisen sei, sondern man an sie nur so „erinnern“ müsse wie „dass Feuer heiß, Schnee weiß und Honig süß sei“ (Cicero, De finibus bonorum et malorum I39f.).<br />
Es ist Sinnenlust, natürlich gegeben, gesellschaftlich gestaltet, gesteigert und verfeinert: An-sehen, Zu-hören, Riechen und Schmecken-Können, Berühren und Festhalten, sich und andere Menschen, und die Natur. Lust ist Verlangen und Genuss, aktiv und passiv, Frage und Antwort, Kommunikation mit unsresgleichen und der Welt, Lust ist im engsten wie im weitesten Sinn erotisch, ihr Gebiet ist der Leib, die Früchte der Erde, das All. Und Lust ist unverzichtbar, ein „unveräußerliches, substantielles Interesse, das nicht, wie es der bürgerliche Markt- und Herrschaftsmechanismus suggeriert, bald fahrengelassen und verraten, bald festgehalten und realisiert, sondern nur, und sei es in den depraviertesten, entfremdetsten Formen, festgehalten werden kann“, wie Freud es gegen die herrschende Vernunft seiner Zeitgenossen verteidigt hat und auch gegen den Großteil seiner Nachfolger verteidigen würde. (Ilse Bindseil auf: ilsebindseil.de/txt/txt11.html)<br />
Schon Epikur spricht von verdrehten/verunstalteten („depravierten“) Lebewesen, die mit dem Streben nach Lust nicht zurechtkämen. Solch „beschädigtes Leben“ (Adorno) ist allerdings nicht die Ausnahme, es ist vielmehr unser kulturell-zivilisatorisches „Schicksal“. Das menschliche Ich entstand als seelische Instanz, die dem Menschen in der Realität zu dem verhelfen soll, was er braucht – zu seiner Lust mit sich, den anderen Menschen und der Welt. Eine Instanz der Berührung, des Austausches und der Teilhabe. Die Herrschaft setzt dem aber eine Realität entgegen, in der sich die Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit der Natur in mörderischen Konflikten aufzulösen droht. Lust gerät weithin zu blanker Notdurft des Lebens, es entsteht eine Realität der Schädigung und Zerstörung von Mensch und Natur hinter einer Fassade stets verlockender, aber nie wirklich erreichbarer Ersatzbefriedigung.<br />
Dieses gesellschaftliche Realitätsprinzip der Einschränkung, Kontrolle und Reglementierung schlägt auf den Menschen wohl schon ab seiner Empfängnis im Mutterleib ein und marginalisiert, ja merzt alle aus, die sich nicht anpassen wollen oder können. Die tief gestaffelten Institutionen und festen Strukturen der Gesellschaft samt den Ventilen der Lust, welche die so verunstalteten Lebewesen in vorgezeichneten Bahnen halten sollen, werden von der gesellschaftlichen Praxis der Herrschaft und Unterwürfigkeit, der unterdrückenden und auch der rebellischen Gewalt geformt. Die Theorie und die Lehre des allergrößten Teils der europäischen philosophischen Ethik und theologischen Moral haben die Prinzipien in göttliche Gebote und Verbote bzw. vernünftige Imperative und Verdikte gegossen.<br />
Vernunft und Denken wird zum Gegenteil und Gegensatz von Sinnlichkeit und Lust. Aus dem Körper wird ein weitgehend desexualisiertes Instrument der Arbeit, alles Lebendige und die Welt  überhaupt wird Mittel für die Zwecke der Herrschaft. Der Zusammenhang von allem mit allem (die sympátheia tôn hólōn der Stoiker) muss der sich entwickelnden Technokratie der Machbarkeit bis zur Katastrophe entgehen.<br />
Die Logik der Herrschaft beginnt mit der institutionellen Verdinglichung von Menschen durch Menschen. Sie steigert sich durch die Geschichte hindurch bis zur Selbstverdinglichung aller Menschen im Namen freier, gleicher, qualitätsloser Prinzipien des Rechts, des Gelds und seiner Vermehrung durch sinnlose Arbeit. Dank derer haben wir es so weit gebracht, wie wir sind. – „Der Fortschritt macht Portemonnaies aus Menschenhaut“, sagt Karl Kraus. Drastischer noch soll es Herbert Marcuse gesagt haben: „Wir hätten nicht die Scheiße, die wir haben, wären wir nicht die Scheiße, die wir sind.“ Und just in diesem anrüchigen Zustand ist das Ich als Träger der Prinzipien frei und autonom geworden. </p>
<h3>Das gute Leben ist unvergesslich</h3>
<p>Der antiautoritäre Anlauf der 60er und frühen 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hat viele überkommene Hierarchien nachhaltig geschwächt. Die „sexuelle Revolution“ hat eine Reihe althergebrachter Tabus und Verbote gefällt und damit nicht wenig Lust und Liebe befreit. Überhaupt haben gar nicht so wenige junge KritikerInnen dieser Gesellschaft immer wieder versucht zusammen mit anderen eine neue, freie, „lustige“ Lebensweise, eine richtige inmitten der falschen, zu finden.<br />
Freilich ist der Antiautoritarismus als „lean management“ und mit „Selbstverantwortung“ und „Kreativität“ als „Schlüsselqualifikationen“ vom postfordistischen kapitalistischen System abgefedert, ja gutteils absorbiert worden. Die Schwächung der alten Sexualmoral wurde sogleich in sexy advertising ungeheuren Ausmaßes umgemünzt, um den Surrogatkonsum der verschiedensten Art anzustacheln, während dank der intensivierten Arbeits- und Konsumpflichten heute „wahrscheinlich weniger koitiert wird als zu irgendeiner anderen Zeit der Menschheitsgeschichte“ (Ernest Bornemann, Der Spiegel 46/1993). Und der größte Teil der jungen Alternativen richtet sich schließlich sowieso bescheidener ein (und verwechselt vielleicht am Ende jene besser erträgliche Resignation, die „wie eine ziemlich glückliche Befriedigung aussehen kann“, mit einem guten Leben).<br />
Es ist aber so interessant nicht, warum „nicht alle Knabenmorgen-Blütenträume reiften“. Denn es stimmt: „Die Macht der Gewohnheit von Millionen und Abermillionen ist die fürchterlichste Macht.“ Und doch unterschätzt der Satz diese noch bei weitem – sie sitzt und wirkt auch in denen drinnen, die sie überwinden wollen. Das Leben, gegen das wir uns auflehnen, ist das einzige, das wir gelernt haben.<br />
Wichtiger ist jedoch: Es ist nicht das einzige, an das wir uns erinnern und das wir uns vorstellen können. Leib und Seele haben ein besseres im „Gedächtnis“. Das verlorene, selbst das großteils vorenthaltene Glück der Kindheit und die wenn auch wenigen Momente der Erfüllung, der unverkürzten, ungebeugten, freien Lust im Leben bleiben als Phantasie und Wunsch gegen alle Macht der herrschenden Realität und Vernünftigkeit, sie sind vielleicht an den Rand gedrängt, aber wirksam.<br />
Das gute Leben ist nicht jenes der wehrhaften Monade des autonomen Ichs, das vom gesicherten Territorium diverser Rechtstitel aus mit Konkurrenten sachlich verkehrt. Wie sehr das die heute geltende Grundlage auch der Freundschafts- und Liebesbeziehungen ist, zeigt sich jedes Mal, wenn solche in die Brüche gehen. Geld und Recht sind der sichtbare Ausdruck davon, dass wir uns als Fremde gegenüberstehen. Aber: „Geld ist kein Kinderwunsch gewesen“, und „darum macht Reichtum so wenig glücklich“ (Freud im Brief an Wilhelm Fließ vom 16.1.1898). Nicht weil Kinder so klug sind, sondern weil ihnen noch nicht so nachhaltig abgewöhnt werden konnte, was Menschen zu einem guten Leben brauchen. Zu den klugen Sätzen in der Bibel gehört denn auch: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr gewiss nicht in das Reich der Himmel eingehen“ (das dort auch nicht überall so unirdisch gemeint ist, wie man es vielleicht in der Schule gelernt hat).<br />
Profan gesagt: Ohne der Lust zu frönen lässt sich die Realität nicht überwinden, die uns der Lust nicht frönen lässt. Wir werden uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen müssen. Das widerspricht zweifellos der Realität, genau derjenigen jedoch, die durch eine neue zu ersetzen ist. Durch jene, an der wir verzweifeln mögen, die uns aber nicht aus dem Sinn gehen will und die in uns die Lust erregt, sie real zu machen: Freundschaft und Liebe, Fürsorge für unsresgleichen und die Welt, die wir bewohnen, in Fülle zu haben und zu geben, wonach der Sinn uns steht. Und „die große Weigerung“, das hinzunehmen, was uns einander und der Welt verfremdet.</p>
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		<title>Einlauf</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Mar 2011 08:47:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-51]]></category>

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<p>Streifzüge 51 / 2011</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-9081"></span></p>
<p>„Das gute Leben“ hat Konjunktur. Die Rede davon natürlich und die Bücher, Aufsätze und Videos. Wie meistens, wenn etwas Thema wird: Es schaut damit nicht gut aus in der Praxis bei den allermeisten. Aber bei vielen Darlegungen zum Thema beschleicht mich das Gefühl, da soll sich alles ändern, damit eins so weiter leben kann wie eben noch.<br />
Bloß: So wird es nicht sein. Nur das ist sicher. Für ein gutes Leben geht es ans Eingemachte des Systems, ans Wachstum, ans Geld, an die Arbeit, die Nation, den Staat, das Recht. Was „gutes Leben“ heißen könnte, was sicher nicht, was es davon vielleicht schon gibt und vor allem: wie wir ihm näher kämen – davon ist diesmal im Schwerpunkt des Hefts die Rede, fragmentarisch natürlich, lang und kurz, allgemein und in Streiflichtern, in verschiedenen Textsorten, von verschiedenen Seiten und durchaus widersprüchlich, aber anregend zum Weiterdenken, auch zum Widersprechen, wie wir meinen.<br />
Natürlich hat das Thema auch einen Selbstbezug auf uns und Euch, liebe LeserInnen. Zu uns: Was macht es mit unseren Leben, dass wir die Streifzüge machen? Wenn wir da auf Einigkeit aus wären, dann ginge es uns ausgesprochen schlecht. Für mich, denke ich, gilt: Mein „beschädigtes Leben“ hätte ohne diese Zeitschrift eine Delle mehr. Und es schafft mir ein wenig Wohlbehagen, ein Heft Artikel um Artikel im Entstehen zu begleiten, mitzudenken, zu lektorieren und zuletzt ein neues Heft frisch in der Hand zu halten.<br />
Von uns zu Euch: Vor allem aber freue ich mich über Reaktionen und Kommentare, die zeigen, zu wem wir sprechen, was Ihr zu dem denkt, was wir da schreiben. Lobt uns, kritisiert! Und natürlich: Unterstützt uns, damit wir weitermachen können: Gebt Hefte weiter, macht uns bekannt und wenn Ihr es noch nicht getan habt: Abonniert!<br />
Und für die von Euch mit einem Plus auf dem Konto noch am Ultimo: Ich meine auch Euer Geld. – Spendet, werdet „Trafos“, erhöht Euren Beitrag! Das wäre auch eine kleine Delle weniger für Euch. Versprochen.</p>
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		<title>One World One Pain</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Mar 2011 13:12:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2011-51]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
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<h3><span style="font-size: large;"><strong></strong></span><strong>Notizen zu den Rebellionen in Arabien und anderswo</strong></h3>
<p><span style="color: #000000;">Streifzüge 51/2011 </span><br />
</strong></p>
<p><em>von Lorenz Glatz <span id="more-8990"></span></em></p>
<p>„We want Jobs &amp; Peace life. We love Yemen.“ – <span style="color: #000000;">So lautete jüngst ein Spruchband junger Demonstranten in Sanaa, die gegen ihren Patriarchen im Präsidentenamt aufbegehren. Tatsächlich dürfte sich heute ein großer Teil der Menschheit in Nord und Süd so ähnlich ein halbwegs gutes Leben vorstellen: Arbeit haben, damit man Geld hat zum Leben und zum nötigsten Prestigekonsum; kein Krieg und Bürgerkrieg; einigermaßen sicher sein vor Kriminellen und unbehelligt von Ordnungshütern; ein Staat, der einen nicht schon fürs Reden abstraft und über die Steuern hinaus in Ruhe lässt. Vermutlich umschreibt das auch so ziemlich das meiste von dem, was heutzutage in der historischen Selbstbescheidung der Menschheit gemeinhin als Freiheit durchgeht. Aber auch dieser Schatten eines guten Lebens ist nicht so leicht zu haben. </span></p>
<h3><span style="color: #000000;"><strong>1.</strong></span></h3>
<p><span style="color: #000000;">Ein endemisch hoher Teil der Menschheit, vor allem der Jugend, ist in die Arbeitsgesellschaft nicht zu integrieren. Und wenn: „Working poor“ ist kein Begriff aus einem Drittweltland, sondern aus den USA und meint einen wachsenden Teil der Arbeiterinnen dort. </span></p>
<p><span style="color: #000000;">Die jüngsten Unruhen, die sich von Tunesien aus in den arabischen Ländern ausbreiten und weltweit ein Echo finden, sind nicht zuletzt von einem historischen Höchststand der Lebensmittelpreise angeheizt worden. (Das war übrigens auch 1789 in Frankreich so.) Die Teuerung wird weitergehen. Dafür sorgen Umweltzerstörung und Land Grabbing beim Essen, Peak Oil und vielleicht bald schon Peak Everything bei allem anderen. Was alles das soziale Gefüge weltweit erschüttern wird. Selbst Senior Economists erwarten Aufruhr auch in „entwickelten Ländern“. </span></p>
<p><span style="color: #000000;">Auf dem Trikont, wo diverse Potentaten nicht nur für ihre Macht und ihren Luxus, sondern vor allem für die Einhaltung der Weltwirtschaftsordnung sorgen, mögen Menschen ihre Empörung noch vorrangig mit dem Wunsch nach Wahlen und Zubehör a la Okzident verbinden. Aber auf halbem Weg kommen ihnen die Desillusionierten der „freien Welt“ entgegen. – Eine Episode mit Symbolwert: Demonstranten in Wisconsin, USA, besetzen wegen radikaler Lohnsenkungen und der Streichung gewerkschaftlicher Rechte</span> das Capitol in Madison und nennen ihren demokratisch frei und geheim gewählten Gouverneur „Gov Mubarak“. Leute in Kairo, die ihrer neuen Regierung, die sie in die Demokratie zu führen hat, auf dem Tahrir-Platz lautstark misstrauen, erfahren davon. Sie bestellen per Internet Pizza für die Kollegen in Amerika und halten für sie die Losung vor die Kamera: „Egypt supports Wisconsin. One World One Pain.“</p>
<h3><strong>2.</strong></h3>
<p>Es kann ansteckend sein, sich gegen die herrschende Ordnung und ihre Hüter an der Macht zu wenden, derzeit breitet es sich aus und hört hoffentlich so schnell nicht wieder auf. Denn selten wird mehr miteinander gesprochen, debattiert und gelernt als in solchen Zeiten. Freie Rede, Selbstermächtigung der Frauen, der Verachteten, Kooperation, Freundschaft, Freude aneinander, wo eben noch kalte Gleichgültigkeit oder tiefes Misstrauen herrschte, herausfordernde Zuversicht, wo gerade noch die Furcht sich krümmte, alles wird vorstellbar, wovon eins nicht zu träumen wagte, kurz: der unvergessliche Geruch von Freiheit.</p>
<p>Gewähr dafür, dass dieser sich auch bei einem Sieg der Revolten nicht bald verzieht, ist das jedoch leider keineswegs. Die meisten spontanen Vorstellungen, wie die Zustände zu bessern sind, knüpfen am Gewohnten an, am längst schon Etablierten: Wir vertreiben den Diktator und seine Clique, schaffen illegale Bereicherung, Brutalität und Willkür ab – und gehen dann wieder in den Alltag und die Arbeit, hoffentlich mehr Arbeit und für mehr Leute. Also trägt eins seine Haut zu Markte, um Geld fürs Leben draus zu machen und verdünnt mit jeder Stunde „Hauptsache ein Job“ oder „wie krieg ich Arbeit“ oder „Erholung von der Arbeit“ und dem ganzen Rattenschwanz der öden, frustenden Sachlich- und Streitigkeiten von Arbeit, Geld und Ware jenen Geruch von Freiheit mit der Traurigkeit, wie wenig sich im Grunde doch geändert hat.</p>
<p>Es ist ein Zwangszusammenhang der Menschen, der zu einem Weltsystem der durchdringenden, alltäglichen Geldbeziehungen und Warenströme angewachsen ist. Er ist so allumfassend normal geworden, dass diese Verhältnisse von den meisten Menschen als so natürlich und unverzichtbar wie Essen und Trinken empfunden werden. Und schreibt man oben statt „Diktator“ schlicht „Politiker“, schrumpft auch die Differenz des Unmuts in „Dritter Welt“ und „Freiem Westen“ sehr zusammen.</p>
<p>Die Ideale von Demokratie und Gesetzestreue sind illusionär. Die Katastrophe der Geldbeziehungen ist schon deren Normalbetrieb, der durch Korruption und Beugung der Gesetze so viel gemildert wie verschlimmert wird. Und die gegenüber Mensch und Welt rücksichtslose Gier nach Geldvermehrung ist der Zweck des Geldes selber, sie ist das Herz des industriellen und technologischen Fortschritts, verträgt sich mit Diktatoren wie mit Demokraten. One World One Pain.</p>
<h3><strong>3.</strong></h3>
<p>Auch Arabischer Nationalismus, Islamismus (der entgegen aller demokratischen Propaganda eine islamische Anpassungsbewegung an den Kapitalismus war und ist!) und erst recht diejenigen, die von der Eingliederung in die westliche demokratische Welt träumen, werden auf dieser Grundlage nach dem Sturz der Tyrannen Vorstellungen formulieren, die sich im Grunde wenig voneinander unterscheiden. (So wie wir das in unserer Weltgegend von den etablierten demokratischen Parteien ja auch gewohnt sind.) Die diversen Strömungen haben offenbar schon zuvor so wenig Attraktivität und Formulierungsfähigkeit entwickelt, dass sie die von der Jugend ausgelösten, bemerkenswert „unpolitischen“ Revolten bisher in keiner Phase anzuführen oder zu lenken imstande waren.</p>
<p>Die tunesische und die ägyptische Regierung des Übergangs zur Demokratie haben versprochen, dafür zu sorgen, dass alle internationalen Abkommen weiterhin eingehalten werden. Zu begrüßen ist das gewiss beim einen oder andern Friedensschluss. Vor allem aber ist dieses Versprechen jenseits von Demokratie und Diktatur eine Fortschreibung der Verhältnisse, die Land und Leute in der globalen Ordnung der Wertverwertung und Geldvermehrung zementieren. Mit ihrer Pakttreue versprechen die neudemokratischen Übergangsregime bloß dasselbe wie die alteingesessenen Demokraten im ziemlich bankrotten Griechenland oder Portugal oder Irland und all die anderen Sanierer im Rest der Welt natürlich auch: demokratisch mitzuwirken bei der Sanierung für den nächsten Kollaps, den Klimawandel, die Zerstörung und Vergeudung der Natur, von der wir leben. Und bei der Durchsetzung dieser Zumutungen ist auch der demokratische Staat in der Wahl der Mittel nicht sehr wählerisch.</p>
<p>Welche politische Richtung mit welchen Wendehälsen oder neuer Personage und in welcher Koalition auch immer schließlich in Ägypten oder Tunesien und vielleicht noch in ein paar Ländern an die Regierung kommen wird – keine von ihnen hat anderes vor, als auf jenen Schienen weiterzufahren. Denn Staat, Recht und Politik sind die siamesischen Zwillinge von Kapital, Geld und Markt. Sie definieren Freiheit und Wohlstand als die Chance, in der gnadenlosen Konkurrenz der Standort-Staaten, Konzerne und isolierten Individuen in der verrückten Hoffnung auf  unendliches Wachstum zu reüssieren. Sie werden genau dem Knäuel an Problemen gegenüberstehen, der zu den Revolten geführt hat, aber mit den Mitteln politisch-staatlicher Macht nicht lösbar ist. Diese Gesellschaftsordnung und Lebensweise lässt sich nicht mehr verbessern, sie kann mehr über kurz als über lang nur aufgegeben oder in globale soziale und ökologische Katastrophen weitergeführt werden. One World One Pain. Da braucht es Tieferes als einen „Change“ a la Obama.</p>
<h3><strong>4.</strong></h3>
<p>Die korrupten Politiker (ob Demokraten oder Diktatoren), die Spekulanten, die Heuschrecken oder gleich wieder: die Juden sind unser Unglück. Ausländer raus, ohne sie reicht&#8217;s für uns schon noch. Sagt der Hausverstand, der ignoriert, worauf und woraus das Haus gebaut ist und wie mit der ehrlichsten Arbeit die destruktivsten Dinge gebaut werden, wenn damit nur Geld zu verdienen ist und rentable Investitionen möglich sind. Und wenn nicht, dann siehe oben. Derlei Strategie zur Reinwaschung und Rettung unserer „Leitkultur“ und „sozialen Marktwirtschaft“ hat in Europa und besonders dort, wo man deutsch spricht, seit langem Heimatrecht.</p>
<p>Aber auch Revolten machen mit solchem Denken und Fühlen nicht von alleine Schluss. So werden z.B. die Gastarbeiter in Ölstaat Libyen auch von Gaddafi-Gegnern malträtiert, beraubt, vertrieben. Und in die Proteste auf dem Tahrir-Platz mischten sich auch Töne gegen die „Judenknechte“ des Mubarak-Regimes. Im Nahen Osten nimmt solcher Hausverstand leicht die Form eines ethnisch-nationalen, fundamentalistisch-religiösen und staatlichen Konflikts zwischen Israel und den arabischen Ländern an, der verheerende, ja atomare Sprengkraft birgt.</p>
<h3>5.</h3>
<p>In den Chefetagen der Politik und Wirtschaft hat man sich schon leichter getan. Planungshorizonte von fünf Jahren sind meist nur noch ein frommer Wunsch. Der Einbruch des globalen Finanzsystems vor drei Jahren war in den Prognosen der diversen Institute so wenig vorausgesehen wie die jetzigen Revolten in Maghreb und Levante und der Sturz „verhasster Diktatoren“, wie sie jetzt heißen. Eben noch wurden sie ja als verlässliche Pfeiler der westlichen Welt der Demokratie wie Mubarak und Ben Ali hofiert oder als neu gewonnene Freunde wie Gaddafi mit Handkuss begrüßt.</p>
<p>Zweifellos wären dem Westen und natürlich auch vielen einheimischen Firmen ein demokratischer Umschwung in so heiklen Gebieten wie dem Nahen Osten durchaus angenehm – wenn nur sonst alles so bliebe, wie es ist. Demokratie hieße doch, dass die Leute selbst von Zeit zu Zeit ihren Sanktus geben würden zum Status quo des freien Zugangs zum Erdöl und allem, was dort sonst noch brauchbar ist für florierende Wirtschaft und lohnendes Investment. Dass sie vielleicht raunzen, schimpfen, die Regierungsparteien regelmäßig abstrafen, aber im Ganzen doch per Wahlen „realistisch“ mitbestimmen würden.</p>
<p>Freilich setzt das voraus, dass die Bevölkerung den Eindruck hat, dass sie von den Zuständen doch auch profitiert, das heißt: dass es genügend andern schlechter geht als einem selbst. Das funktioniert in den reichen Ländern noch einigermaßen. An der Peripherie ist das ein Problem. Da können die Wünsche der Leute direkt „maßlos“ werden, wenn sie einmal zu Wort kommen. Im Zweifelsfall geht dann der Status quo natürlich vor. Allerdings ist es zweifelhaft, ob die Menschen wirklich noch lang zu bremsen sind. Es geht um Länder, wo die jungen Leute in der großen Mehrheit sind. Und es ist schon mehr als zweifelhaft, ob sich USA und NATO zu Irak und Afghanistan eine weitere Schlamastik leisten können.</p>
<p>Damit aber steht noch etwas auf dem Spiel: die Hegemonie der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in einer Schlüsselstellung des kapitalistischen Weltsystems. Die Verwertungsschwierigkeiten des von den USA ausgegangenen „Akkumulationsregimes“ des Fordismus mit Fließbandproduktion und Automobilisierung ziehen sich schon über Jahrzehnte. Und ein neuer Goldrausch unter einem neuen Hegemon scheitert wahrscheinlich schon im Ansatz am nüchternen „Peak Everything“. Wenn die Vormacht jetzt die wichtigste Erdölregion nicht unter ihrer politischen und militärischen Kontrolle halten kann, würde das in dieser Lage wahrscheinlich in den Zusammenbruch der herrschenden Hackordnung in der globalen Hierarchie münden und das Weltsystem des Kapitalismus ins Wanken, wenn nicht zum Einsturz bringen.</p>
<h3>6.</h3>
<p>Heißt es also nach fünfhundert Jahren „Rien ne va plus“ im Weltkasino? Auf jeden Fall ist es höchste Zeit, hier rauszukommen. Es kommt drauf an, den Umgang mit den Ressourcen der Natur, vom Ackerboden über den Häuserbau bis zur Produktion der Güter eines guten Lebens von der Zwangsneurose Rentabilität und Finanzierbarkeit zu heilen, die Konkurrenz um Profit in die Kooperation für die Herstellung nützlicher und schöner Dinge und die Ausbeutung der Natur in einen Austausch mit ihr umzuwandeln. Da ist ein recht langer Weg zu gehen, mental, im Umgang miteinander und in praktischen Versuchen. Am besten der Nase nach, nach dem Geruch der Freiheit. In Madison, in Kairo, in One World. To stop the Pain.</p>
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		<title>Die „Konsumismusglocke“</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Aug 2010 11:00:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2010-49]]></category>

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<p>Streifzüge 49 / 2010</p>
<p><em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-7270"></span></p>
<p>„Die Konsumismusglocke hängt über dem ganzen Land“, sagt die Dramatikerin Milena Markovic, um die mentale Misere ihres krisengeschüttelten Herkunftslandes zu charakterisieren (<em>Der Standard</em>, 26.5.10). Vielleicht ist der Konsumismus in Serbien deshalb so deutlich erkennbar, weil es den meisten Leuten schon beträchtlich schwerer fällt als hierzulande, mit seinen Ansprüchen, die zu ihren eigenen geworden sind, zurechtzukommen. Für das Phänomen freilich ist Serbien ein Standort wie jeder andere.</p>
<p>Konsum besteht in einer kapitalistischen Gesellschaft (bekanntlich?) nicht einfach darin, dass Menschen Güter und Dienstleistungen für ihre Zwecke und Notwendigkeiten verbrauchen. Zum Konsum gelangt eins über den Kauf von Ware und Dienstleistung, und es ist dieser Kauf, nicht die Befriedigung qua Konsum, der die Verwertung von investiertem Kapital krönt und die Warenwelt am Laufen hält. In einer entwickelten Arbeitsgesellschaft mit dem Lebensrhythmus von Geldverdienen und Geldausgeben muss daher im Schlepptau der Kapitalvermehrung auch der Konsum stets weiter wachsen. </p>
<p>Beim Menschen setzt sich das um als Sucht. Und daher gibt es so wie den Morphinismus auch den Konsumismus. Anders als jener wird dieser aber meist nur dann als krank oder kriminell bezeichnet, wenn der Stoff zwar immer weiter bezogen wird, aber mangels Kaufkraft nicht bezahlt werden kann. Allerdings hat sich dafür seit den Siebzigerjahren im Übergang zu einer globalen Schulden- und Defizitwirtschaft eine temporäre, gesetzeskonforme Lösung für Dealer und Kunden gefunden. In letzter Zeit aber „krachen“ auch in den Metropolen nicht nur Banken und Börsen, sondern auch süchtige Kunden. </p>
<p>Die Sucht des Konsumismus ist ein tief gestaffeltes gesellschaftliches Konstrukt, das als Krankheit auch deshalb nur schwer erkennbar ist, weil es kaum Gesunde gibt. (Und wenn, dann gelten die ziemlich sicher als arm, faul, Loser, zumindest als schrullig.) „Wenn ich schlecht drauf bin, geh’ ich mir was kaufen“ (steht in keiner Zeitung), sagt eine Freundin. Aber anders als bei Alkohol, Heroin und dergleichen ist der Stoff sehr unspezifisch, den eins sich da reinzieht. Irgendwas eignet sich irgendwie bei irgendwem fast immer dazu, dass es flasht und eins für den Moment besser dasteht, vor allem besser als die Nachbarin, der Kollege, die Freundin oder sonst ein Konkurrent. </p>
<p>Idealerweise (und spiegelgleich mit dem Gelingen von Verwertung) ist der Kauf selber schon der Rausch – und vergeht im Handumdrehen nach dem „Schuss“. Denn eine Gesellschaft des Massenkonsums muss sich drauf verlassen können, dass eins bald wieder „schlecht drauf“ ist. Weil das Investieren, Arbeiten, Kaufen und Verbrauchen sonst schwerlich weitergehen kann, ist die in unseren Seelen endemische Unbefriedigtheit, Hektik und Gier so systemkonform wie unverzichtbar.</p>
<p>Freilich nur, solange wir dabei fit im Jobben und Shoppen bleiben. Genau hier aber entwickelt sich die Störung seit Jahren schwunghaft, wie Gesundheitsexperten und Soziologen untersucht, in ihren Studien und Statistiken in Millionenkosten umgerechnet und damit das Phänomen in den Rang einer Wahrheit erhoben haben: Bei langem Gebrauch und permanent wachsender Dosis kippt die produktive Haltung zunehmend in Depression auf dem einen, in Amok auf dem andern Ende um. (Man sehe sich im Netz bloß unter den properen Begriffen um!) </p>
<p>Soweit, wenn die Geschäfte einigermaßen und geregelt gehen, sowie die Staatsgewalt intakt ist. Wo diese Bedingungen schwinden, tut dies die „Glocke“ keineswegs. Entschlossenheit und Verzweiflung nehmen neue Formen an, und erst recht die Gewalt. Und alle drei werden durchaus produktiv. Selbst für den Zugang zu einem gehetzten Sklavendasein in den Metropolen zahlen Menschen auf dem Trikont ein Vermögen, oft in der Aussicht im Meer abzusaufen, aber immer in der Hoffnung auf einen Zipfel glitzernden Prestige-Konsums für sich und die Ihren. Und die blanke Gewalt einer Bande mit Kalaschnikows taugt vielerorts als Besitzurkunde, als verflüssigtes Arbeitsrecht, als Zugang zu Quellen barer Zahlung und vor allem: zum Potenz-Konsum der Metropolen. Wer in diesem Ambiente rausfällt und nicht mitkann, hat oft nicht einmal die Zeit, mit seiner Depression zu leben.</p>
<p>Der Konsumismus wird jedoch nicht bloß von Krise und Erschöpfung der Verwertung und der menschlichen Unzulänglichkeit für diese metaphysische Herausforderung bedroht. Er hat nämlich schlicht nicht Platz auf unserer Welt. Auf dem Niveau der reichen Staaten brauchte er derzeit – auf alle Länder wunschgemäß verallgemeinert, wie es das „Glücksversprechen“ des Marktes als „Entwicklung“ stets verheißt – vier bis sechs Planeten Erde, um zu bestehen, ganz zu schweigen davon, dass er, um sich zu erhalten, immer weiter wachsen muss. Trotz allem Hunger und Mangel auf der Welt reicht der Stern schon heute nicht, wird von Tag zu Tag stückweis erschöpft, verdreckt und auch klimatisch aus einem Gleichgewicht gebracht, das menschliches Leben erst ermöglicht. Großteils absehbar unwiederbringlich. </p>
<p>Und doch: Bei allem Wissen um die drohende Gefahr spürt es sich selbst für kritische Menschen noch immer wie Reichtum und Wohlstand an, wenn man einigermaßen erfolgreich teilhat bei diesem destruktiven und zunehmend schärferen Treiben. Und wie Unfähigkeit und Niederlage, wenn man dabei abgehängt, an den Rand gestoßen, ausgeschlossen wird. Schließlich war es nicht nur im Kapitalismus, sondern vermutlich seit Anbeginn von Herrschaft überhaupt stets die stillschweigende Voraussetzung, dass die Perlen echt sind, um die es geht im sozialen Kampf. Was tun, wenn sie sich als Fälschung, ja Gift zu entpuppen scheinen und doch das Einzige sind, was zählt, was eins sich wirklich vorstellen kann und was immer schwerer zu bekommen ist. – „In der Gesellschaft herrschen Frustration und Konfusion“, wie Frau Markovic feststellt (a.a.O.). Auch das gilt so ziemlich überall und morgen mehr als heute.</p>
<p>Die Gefahr ist groß, dass „Für uns reicht’s schon noch!“ die Losung des Gemetzels in der Katastrophe wird. Für eine menschenfreundliche Lösung braucht es einen tiefen Bruch. Weg mit der Illusion dass sich dazu auf den tief eingegrabenen Fundamenten der Herrschaft noch was bauen lässt. Und vor allem (Ver-)Suche eines angemesseneren Umgangs der Menschheit mit sich selbst und ihrer Mitwelt. Jetzt!</p>
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		<title>Die Angst Italiens vor den Fremden</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Jul 2010 11:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus / Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Lago; Paolo]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2010-49]]></category>

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<p>Streifzüge 49 /Juli 2010</p>
<p><em>von Paolo Lago</em></p>
<p><em>(bearbeitet und aus dem Italienischen übersetzt von Lorenz Glatz)</em></p>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/2010/stati-impauriti">testo italiano</a> <span id="more-7256"></span></p>
<p>Ein fundamentales Charakteristikum der postmodernen Staaten scheint die Angst zu sein. Um dieser abzuhelfen, hat jeder Staat eine eigene Abwehr errichtet. Vielleicht ist schon die Schaffung der EU eine Art Abwehr der reicheren und „fortgeschritteneren“ Länder gegen die armen im Süden und Osten der Welt gewesen. Paradoxerweise hat jedenfalls die Abschaffung der Grenzen zwischen etlichen Unionsstaaten die Barrieren zwischen diesen und den ärmeren Ländern verstärkt und eine noch höhere Mauer gegenüber den „nicht-europäischen“ Staaten entstehen lassen, vor allem gegenüber den so genannten „unterentwickelten“.</p>
<p>Eine solche Angst entlädt sich leicht in kriegerischen und gewalttätigen Formen: Denken wir z.B. an den „Krieg gegen den Terror“, den die USA (und die mit ihnen alliierte Europäische Union) gegen bestimmte arabische Länder entfesselt haben, und an die Verteidigungsmaßnahmen, die im Inneren gegen die Migranten aus diesen Regionen getroffen wurden. Möglicherweise hat auf ökonomischem Gebiet dieselbe Angst dazu beigetragen, die „fortgeschrittenen“ Länder zu der zügellosen Verschuldung anzutreiben, die in die gegenwärtige Krisensituation geführt hat, in der, wie Tomasz Konicz analysiert hat, Griechenland sozusagen überall ist (siehe „Griechenland ist überall“ auf <em>streifzuege.org</em>).</p>
<p>Auch der italienische Staat wird von dieser Angst vor den Fremden geschüttelt, die angeblich unsere Identität und Lebensweise bedrohen. Man kann das allein schon von den jüngsten politischen Entscheidungen zur Immigration ablesen, die dem bestimmenden Einfluss zu verdanken sind, den die rassistische und xenophobe Lega Nord derzeit in der Regierung des Landes hat. Denken wir z.B. an den Erlass des Unterrichtsministeriums, demgemäß vom kommenden Schuljahr an höchstens 30 Prozent der Schüler einer Klasse aus Migrantenfamilien stammen dürfen, oder daran, dass nunmehr diejenigen Einwanderer, die ihre Arbeit verloren haben, von der Erlangung der Staatsbürgerschaft und jeglichen anderen Rechten ausgeschlossen sind, auch dann, wenn sie schon zehn oder mehr Jahre in Italien sind. All dies sind Gewaltmaßnahmen. Der Staat ist für die Migranten zu einer Art fremdem, ganz und gar gewalttätigen Wesen geworden (genau so übrigens, wie er es 1861 nach der Einigung Italiens für die Bevölkerung des Südens der Halbinsel war, welche die gegenüber ihren einfachsten Bedürfnissen ignoranten Zentralbehörden in Rom als gewalttätige und tyrannische Despoten erlebte).</p>
<p>Um mit der eigenen Angst vor der ungewissen und krisenhaften Zukunft fertig zu werden, zögert der Staat nicht, gegen die wehrlosesten sozialen Schichten mit offener Gewalt vorzugehen. Eine Form von Gewalt, die sich im Aufrichten von Grenzen verwirklicht, manifesten, physischen Grenzen zwischen Staat und Staat, aber auch Grenzen zwischen Menschen. Schranken, die ganz alltäglich den Italiener vom Ausländer trennen, eine Form von Ausschluss, die sich nicht mehr viel von den Diskriminierungen unterscheidet, die Nationalsozialismus und Faschismus ausgeübt haben.</p>
<p>Es handelt sich beim Status Grenze um genau jene Form von Gewalt, von der Walter Benjamin spricht: „Macht (ist) das Prinzip aller mythischen Rechtsetzung. Dieses &#8230; (Prinzip) erfährt eine ungeheuer folgenschwere Anwendung im Staatsrecht. In seinem Bereich nämlich ist die Grenzsetzung, wie sie der ,Friede‘ aller Kriege des mythischen (bis heute andauernden, Anm.d.V.) Zeitalters vornimmt, das Urphänomen rechtsetzender Gewalt überhaupt. Auf das Deutlichste zeigt sich in ihr, dass Macht mehr als der überschwenglichste Gewinn an Besitz von aller rechtsetzenden Gewalt gewährleistet werden soll. Wo Grenzen festgesetzt werden, da wird der Gegner nicht schlechterdings vernichtet, ja es werden ihm, auch wo beim Sieger die überlegenste Gewalt steht, Rechte zuerkannt. Und zwar in dämonisch-zweideutiger Weise ,gleiche‘ Rechte: Für beide Vertragschließenden ist es die gleiche Linie, die nicht überschritten werden darf.“ (Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, edition Suhrkamp 103, 1965, S. 57)</p>
<p>Die „rechtsetzende Gewalt“ errichtet auch in der Gegenwart, genau so wie Benjamin darlegt, Grenzen, in denen in „dämonisch-zweideutiger Weise“ dem Sieger und dem Besiegten scheinbar gleiche Rechte zuerkannt werden; in der zeitgenössischen sozialen Realität Italiens den Italienern als „Siegern“ und den Migranten als Verlierern, wobei der Staat seine zweideutige und vielgestaltige Gewalt, mit der er pure rassistische, der faschistischen Ära würdige Diskriminierung ausübt, als demokratische Maßregeln ausgibt. Der Unterschied zum Faschismus scheint bloß noch zu sein, dass heute statt der Rasse die Arbeit verteidigt und mit Barrieren geschützt werden muss.</p>
<p>Es ist die Angst vor dem „Ausländer, der dem Italiener die Arbeit stiehlt“, die den Staat Italien, der unter der Regierung Silvio Berlusconis zum Ebenbild eines neoliberalen Unternehmens gemodelt wurde, dazu treibt, soziale Schranken zu errichten, die sich unweigerlich auch als ökonomische Barrieren entpuppen. Einen Unternehmens-Staat, der überall den Mechanismus von Verbot und „generalisierter Bestrafung“ (um einen Ausdruck aus Foucaults „Überwachen und Strafen“ zu verwenden) mobilisiert, um obsolete kapitalistische Mechanismen zu schützen; einen Unternehmens-Staat, der mit der Errichtung von Grenzen jeder Art und mit der Schaffung von immer neuer Angst doch nur dahin kommt, auch sich selbst ökonomisch wie sozial in die Knie zu zwingen. Denn Gewalt ist nutzlos, wenn „Griechenland überall ist“.</p>
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