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	<title>Streifzüge &#187; Exner; Andreas</title>
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	<description>Magazinierte Transformationslust</description>
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		<title>Bye bye Zinskritik&#8230;</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 11:06:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demonetize]]></category>
		<category><![CDATA[Einführung]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[demonetize.it]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>
		<category><![CDATA[Grohmann; Stephanie]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-33]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/bye-bye-zinskritik">Bye bye Zinskritik&#8230;</a></p>
Über die Grenzen der Tauschkreise und den Unsinn der Freiwirtschaft]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/bye-bye-zinskritik">Bye bye Zinskritik&#8230;</a></p>
<p>AUS AKTUELLEM ANLASS</p>
<h3>Über die Grenzen der Tauschkreise und den Unsinn der Freiwirtschaft</h3>
<p>Streifzüge 33/2005</p>
<p><em>von Andreas Exner &amp; Stephanie Grohmann</em> <span id="more-349"></span></p>
<p>Der von Umweltzerstörung und von sozialen Katastrophen gesäumte Irrweg unserer &#8220;Zivilisation&#8221; ist für viele Menschen Anlass genug, ihre eigene Lebensweise gründlich zu hinterfragen. Viele wollen es nicht bei politischen Appellen belassen. Denn nur allzu deutlich werden die beschränkten Möglichkeiten der Demokratie, wenn etwa die Sicherung der immer weniger werdenden Arbeitsplätze nach immer neuem Wirtschaftswachstum verlangt. Und allzu schmerzhaft ist die Einsicht, dass wir dem Gesetz der Konkurrenz und dem Leiden an der sozialen Kälte nicht wie gewohnt allein entfliehen können. Was also läge näher, als sich zusammenzutun und etwas ganz Neues zu beginnen? Doch was ist konkret nun anders zu machen?</p>
<h4>Die Tauschkreis-Theorie</h4>
<p>Eine bestimmte Antwort auf diese Frage ist mittlerweile populär geworden: das soziale Organisationsmodell des Tauschkreises soll einen Ausweg aus Umweltzerstörung und gesellschaftlichen Problemen zeigen. In jenen Weltregionen, die den großflächigen Zusammenbruch der formellen kapitalistischen Ökonomie erlebt haben, sind Tauschkreise mitunter ein Rettungsanker, aus der blanken Not und ohne Theorie geboren. Der kurze Boom der argentinischen Tauschkreise ist dafür das Paradebeispiel. Im Unterschied dazu sollen Tauschkreise hierzulande, sofern sie nicht als schlichtes Hobby ohne weitergehende Motivation betrieben werden, das Modell für eine andere Wirtschaft abgeben. In ihnen hat die Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell ihren praktischen Niederschlag gefunden. <a name="1" href="#a1"></a> (1)</p>
<p>Gesells grundsätzliche Überlegung war so einfach wie falsch: der Zins sei die Wurzel aller Übel der kapitalistischen Wirtschaftsform. <a name="2" href="#a2"></a> (2) Daraus folgerte er die Notwendigkeit eines &#8220;zinsfreien Geldes&#8221;. Durch regelmäßiges Abstempeln sollte das Gesellsche Freigeld kontinuierlich an Wert verlieren, wenn es nicht ausgegeben würde und so Geldkreislauf und Warenhandel in Schwung halten. Die Ursache des Zinses sah Gesell in der Hortung von Geld durch die Vermögensbesitzer. Alle Waren sind laut Gesell verderblich und seien deshalb von einem fundamentalen Nachteil gegenüber dem unverderblichen Geld gezeichnet. Weil nämlich alle Menschen Geld zum Tausch der Waren benötigten, würden Geldbesitzer ein Machtprivileg genießen, das sie sich im Zins bezahlen ließen. In der Sicht von Gesell bestand darin eine &#8220;Ungerechtigkeit&#8221; des Kapitalismus und zugleich auch die Ursache von Wirtschaftskrisen.</p>
<p>Gesells Zielsetzungen waren alles andere als menschenfreundlich. <a name="3" href="#a3"></a> (3) Das Freigeld sollte die Konkurrenz entfesseln und &#8220;den Tüchtigsten&#8221; wieder zu ihrem &#8220;Recht&#8221; gegen die geldhortenden &#8220;Schmarotzer&#8221; verhelfen. Wie auch einige heutige Freiwirtschafter befürwortete er die Eugenik, also die &#8220;genetische Verbesserung&#8221; des Menschen durch &#8220;natürliche Zuchtwahl&#8221;, wozu das Freigeld seinen Beitrag leisten sollte.</p>
<p>Am Höhepunkt der Großen Depression der 1930er Jahre fielen die Ideen Gesells auf fruchtbaren Boden. <a name="4" href="#a4"></a> (4) Die revolutionären Versuche der westlichen Arbeiterbewegung waren gescheitert und die Krise des Kapitals verschärfte sich. In dieser Situation kam die Ideologie der Zinskritik zum Zug: der Hass auf das Geldkapital, das man für die Misere verantwortlich machte, ermöglichte ein Festhalten an der kapitalistischen Ordnung und öffnete zugleich ein Ventil für die Erfahrung von Ohnmacht und Erniedrigung. <a name="5" href="#a5"></a> (5) Nicht zufällig hatten Silvio Gesells Ansichten maßgeblichen Einfluss auf den NS-Funktionär und Partei-Ideologen Gottfried Feder, dessen zentrales wirtschaftspolitisches Ziel einer &#8220;Brechung der Zinsknechtschaft&#8221; in das Programm der NSDAP aufgenommen wurde. Die wahnhafte und massenwirksame Gleichsetzung von Zins und Juden, der auch Gesell und seine ideologischen Vorläufer erlegen waren, hatte den Boden für jene Katastrophe bereitet, die die völkische &#8220;Zinskritik&#8221; besiegelte.</p>
<p>Nach dem Krieg brach eine Zeit des wirtschaftlichen Wachstums und der Vollbeschäftigung an, in der die Freiwirtschaftslehre in Vergessenheit geriet. Erst als das Wirtschaftswunder in den 1980er Jahren an sein Ende kam, die Arbeitslosigkeit anschwoll und zugleich die ökologische Krise Thema wurde, präsentierte sich die Freiwirtschaft erneut als Alternative.</p>
<p>Die Krise unserer &#8220;Zivilisation&#8221; drängt zu einer grundlegenden sozialen Transformation. Viele sehen diese in Tauschkreisen und in Freigeld, in lokalen Märkten, Komplementärwährungen und Kreditgenossenschaften sich verwirklichen. All jene Ideen haben verschiedene Namen und Ursprünge, doch einen gemeinsamen Nenner: Markt muss sein, aber möglichst klein; Geld muss sein, aber ohne Zins; Tausch muss sein, aber gerecht. Wenn uns diese Dreifaltigkeit zur Lösung angeboten wird, so sollten wir sie auch auf Herz und Nieren prüfen. <a name="6" href="#a6"></a> (6) Denn das vermeintliche Rettungsboot darf nicht schon leck sein, bevor es überhaupt zu Wasser geht. Sehen wir uns an, was die Anhängerinnen des Freigelds mit dieser Idee verbinden. Zusammengefasst sind es drei Punkte: kein Wachstumszwang, Leistungsgerechtigkeit und wirtschaftliche Stabilität.</p>
<h4>Kein Wachstumszwang?</h4>
<p>In ökologisch motivierten Tauschkreisen ist die Vorstellung verbreitet, das Freigeld ermögliche eine angeblich &#8220;natürliche Wirtschaft&#8221; ohne Wachstumszwang. Im Zins scheint sich das Geld ja wie von selbst zu vermehren und man könnte meinen, dass gerade deshalb auch die Unternehmen wachsen müssten. Gleichwohl ist diese Ansicht falsch. Dazu genügt schon ein Blick auf das Tagesgeschäft der Wirtschaftspolitik: Finanzminister und Notenbankchefs in aller Welt greifen zum Instrument der Zinssenkung, wenn das Wachstum der Wirtschaft zu erlahmen droht. Denn niedrige Zinsen bedeuten billige Kredite, in deren Folge die Investitionsbereitschaft ansteigt, sofern die Profiterwartungen entsprechend hoch sind. Hohe Zinsen hingegen würgen das Wachstum in jedem Fall ab, weil sie viele Unternehmen in den Konkurs treiben und zugleich kreditfinanzierte Investitionen unrentabel machen. Aus Sicht der Konsumentinnen wirkt das Freigeld schließlich nicht anders als die Inflation. Durch seine ständige Entwertung bestünde ein großer Druck, das Freigeld möglichst schnell auszugeben. Auch dieser Effekt würde das Wachstum bei guter Wirtschaftslage anheizen. Nicht zuletzt war das ja auch eines der erklärten Ziele, das Silvio Gesell mit dem Freigeld erreichen wollte.</p>
<p>Das einzige Argument, das zur ökologischen Ehrenrettung des Freigeldes übrig bleibt, lautet nach Ansicht der Freiwirtschafterinnen so: mit dem Wegfall des Zinses wäre immerhin die Möglichkeit gegeben, die Wirtschaft nicht wachsen zu lassen, während der Kreditzins im &#8220;jetzigen Geldsystem&#8221; Wachstum in jedem Fall erzwinge. Nun ist das aber nur die halbe Wahrheit: der Kreditzins erzwingt zwar einen Mindestprofit, allerdings nehmen Unternehmen Kredite gerade auf, um ihr Wachstum zu beschleunigen, nicht umgekehrt. Denn mittels verzinstem Fremdkapital können mehr Investitionen als mit dem begrenzten Eigenkapital getätigt werden. Der Kredit verschafft einen entscheidenden Vorteil in der Konkurrenz.</p>
<p>Damit sind wir auch schon bei der eigentlichen Ursache des Wachstums. Es ist nämlich nicht der Zins, sondern die Konkurrenz um möglichst hohe Profite, die das Wachstum der Unternehmen und damit der gesamten Wirtschaft verursacht. Das bestätigen auch die Unternehmen selbst. Im Rahmen einer Studie<a name="7" href="#a7"></a> (7) wurden mehr als 100 große und kleine Unternehmen befragt, welche Faktoren sie aus ihrer Sicht zum Wachstum zwingen. Für die großen Unternehmen waren mit Abstand der internationale Wettbewerb und das Wachstum der Konkurrenten ausschlaggebend. Banken spielten für sie keine nennenswerte Rolle. Der Druck durch Aktionäre war aus ihrer Sicht weniger wichtig als das Wachstum der Konkurrenten. Schlagender kann man die Mär vom Wachstumszwang durch Zins wohl nicht entkräften. Nur die kleinen Unternehmen räumten den Banken und damit den Zwängen der Kreditvergabe eine nennenswerte Bedeutung ein. Auch für sie aber war die Konkurrenz wichtigste Wachstumsursache. Als zweitgereihter folgte der Faktor &#8220;Kunden&#8221;. Auch diesen Wachstumsantrieb dürfen wir wohl auf den Leistungszwang im Wettbewerb zurückführen.</p>
<p>In staatlich-politischer Hinsicht schließlich ist Wachstum notwendig, weil die konkurrenzbedingte Produktivitätssteigerung ständig Arbeitskräfte freisetzt, die nur durch Wachstum der Produktion wieder Beschäftigung finden und Steuern zahlen können. Zudem mildert wirtschaftliches Wachstum den Verteilungskampf und ist ein Erfordernis für das Überleben der nationalen Verwertungsmaschinerie im internationalen Standortwettbewerb, der übrigens nicht erst seit der Globalisierung existiert.</p>
<p>Ökologisch kleinlaut geworden, beschränken sich einige Anhänger der Freiwirtschaft schlussendlich darauf, die positive Wirkung eines niedrigen Zinsniveaus für umweltgerechte Investitionen herauszustellen. Damit aber haben sie sich von ihrer Forderung nach einem Freigeld bereits verabschiedet. Niedrige Zinsen sind schließlich auch aus der Sicht der keynesianischen ökonomischen Theorie wünschenswert, die allerdings wiederum hofft damit das Wachstum anzukurbeln.</p>
<h4>Leistungswahn</h4>
<p>Wie schon der Sozialdarwinist Silvio Gesell vor ihnen werben auch die heutigen Freiwirtschafter mit einer angeblichen &#8220;Leistungsgerechtigkeit&#8221;, die das zinslose Freigeld schaffe. Der Zins ist aus ihrer Sicht als &#8220;arbeitsloses Einkommen&#8221; zu kritisieren, der Unternehmensgewinn hingegen durch &#8220;Arbeit&#8221; gerechtfertigt. Diese Ansichten beruhen auf Phantasievorstellungen vom Leben &#8220;reicher Menschen&#8221;. Selbstverständlich gibt es Millionäre, die sich ein schönes Leben machen. Wer wollte das denn nicht? Der durchschnittliche Vermögensverwalter ist aber kein faulenzender Geldbesitzer, der in der Sonne liegt, während sich die Millionen mehren. Ein Blick in den Terminkalender eines Fondsmanagers oder das Gesicht eines gestressten Börsenbrokers genügt: Vermögensmanagement ist anstrengend und risikoreich wie kaum ein anderer Job. Zudem sind es die großen Industriekonzerne und Unternehmenskonglomerate selbst, die ihr Kapital auf den Finanzmärkten anlegen. Eine Trennung in &#8220;arbeitende&#8221; Unternehmer und &#8220;faulenzende&#8221; Geldbesitzer entspricht nicht der Realität. Vielmehr existiert eine dem entwickelten Kapitalismus entsprechende &#8220;Arbeitsteilung&#8221; von anonymem Industrie- und Geldkapital, die nichts mit den sozialen Phantasiefiguren der Freiwirtschafterinnen zu tun hat.</p>
<h4>Was Zins ist</h4>
<p>Anders als die Freiwirtschaftslehre behauptet, ist der Zins kein von &#8220;Geldbesitzern&#8221; erzwungener Preisaufschlag. Vielmehr handelt es sich dabei &#8211; zusammen mit dem Unternehmensgewinn &#8211; um einen Teil des Profits, der insgesamt auf der Aneignung unbezahlter Arbeit im Produktionsprozess der Waren beruht. Die Ware Arbeitskraft, die sich am Arbeitsmarkt verkauft, hat wie jede andere einen qualitativen Gebrauchs- und einen quantitativen Tauschwert. Der Gebrauchswert jener Ware für das Kapital besteht in der Möglichkeit, durch ihre Vernutzung Tauschwert zu gewinnen. Der Tauschwert der Ware Arbeitskraft, ihr Preis, der sich im Lohn ausdrückt, ergibt sich aus sozialen Gepflogenheiten, dem Erfolg von Verteilungskämpfen und allgemein aus den Kosten ihrer Reproduktion, also den Aufwendungen für Lebensmittel, Ausbildung usw. Wird Arbeitskraft über jene Zeitspanne hinaus eingesetzt, die für die Reproduktion ihres eigenen Tauschwerts vonnöten ist, ergibt sich für das Unternehmen ein Überschuss an Tauschwert. Dieser Mehrwert ist das Ziel kapitalistischer Produktion und drückt sich im Profit aus.</p>
<p>Was nicht durch Arbeitskraftvernutzung an wirtschaftlichem Wert &#8220;gewonnen&#8221; wurde, kann also nicht in Form des Zinses abgezweigt werden. Im Unterschied zum vormodernen Geldverleih, der tatsächlich von der finanziellen Substanz der Gläubiger zehrte, wird Geld unter kapitalistischen Bedingungen nicht als bloßes Tauschmittel, sondern primär als Kapital verliehen. Der Zins ist jener Preis, den das Geld als Kapital hat; als Mittel, um damit Mehrwert und Profit zu produzieren. Die Verfügung über Geld ermöglicht unter kapitalistischen Bedingungen die Produktion von Mehrgeld, und diese Potenz des Geldes will auch entsprechend bezahlt sein. Der im Zins ausgedrückte Preis des Geldkapitals richtet sich dabei nach Angebot und Nachfrage am Finanzmarkt. Die Zinsen werden schließlich aus dem Profit bezahlt, den das Geld als Kapital im Produktionsprozess erzielt. Schulden dienen unter diesen Verhältnissen nicht nur der Bereicherung der Gläubiger, sondern derjenigen der Schuldner, solange das Geld zur Profitproduktion eingesetzt und nicht für Zwecke des Konsums kapitalistisch unproduktiv verausgabt wird.</p>
<p>Die falsche Kapitalismuskritik der Freiwirtschaft sitzt dem oberflächlichen Eindruck auf, den das zinstragende Kapital erweckt: es scheint sich wie von selbst, ohne Dazwischenkunft der Warenproduktion, zu vermehren. Werden das Kapital als verdinglichte Ausbeutungsbeziehung und die Verhältnisse der Warenproduktion ausgeblendet, verengt sich der Blick auf die scheinbare Selbstvermehrung des Geldes im Zins. Dann liegt die Auffassung nahe, dem &#8220;unproduktiven&#8221; Geldkapital und seiner Verwaltung stünde &#8211; in einer Frontlinie mit den Arbeiterinnen und Arbeitern &#8211; der &#8220;produktive&#8221; Unternehmer gegenüber. Dieser gilt in dieser Sicht nicht als fungierender Kapitalist, der an seinen Arbeiterinnen und Arbeitern die Verwertung exekutiert und sich das dafür nötige Geldkapital ausleiht, sondern als &#8220;besonderer Arbeiter&#8221;. Er zieht in Wahrheit zwar Profit aus der Verfügung über Produktionsmittel und Ausbeutung von Arbeitskraft, scheint jedoch &#8220;Unternehmerlohn&#8221; für die Oberaufsicht und Organisation des Produktionsprozesses zu erhalten. Das &#8220;unproduktive&#8221; Geldkapital hingegen, das nicht in seinem untrennbaren Zusammenhang mit der Produktion gesehen wird, scheint seinen Zinsgewinn aus einer vermeintlich anderen Quelle zu lukrieren als das warenproduzierende Unternehmen seinen Gewinn bezieht. So ist der Gedankengang der Freiwirtschaftslehre nicht allein auf Grund ihrer politischen Zielsetzungen zu verstehen, sondern ebenso aus einer unzureichenden, dem oberflächlichen Eindruck jedoch nahe liegenden Auffassung von Kapital und Kapitalverwertung zu erklären.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist nun auch die von den Freigeldanhängern breit ausgeführte Kritik des &#8220;Zinsanteils&#8221; in den Warenpreisen zu kommentieren. Wollte man den Zins mit dem kleinkrämerischen Argument kritisieren, dass er in die Warenpreise eingehe, so müsste man im selben Atemzug auch den Unternehmensgewinn verdammen; dieser geht natürlich ebenso in die Preise ein, und das nicht zu knapp. Es ist verständlich, dass die Käufer von Krediten lieber keine Zinsen und alle Konsumentinnen am liebsten gar nichts bezahlen würden. Insofern ist jeder Preis zu hoch. Das ist aber kein Argument für Freigeld, sondern eines gegen Geld überhaupt.</p>
<p>Auch die im Kapitalismus zu beobachtende &#8220;Umverteilung nach oben&#8221; führen die Freiwirtschafter auf den Zins zurück. Tatsächlich muss sich im Kapitalismus die Reichtumsschere auch ohne Zins notwendigerweise öffnen. Einerseits ist das ja Ergebnis des von der Freiwirtschaft propagierten &#8220;leistungsgerechten Marktes&#8221;, auf dem die Konkurrenzschwachen und &#8220;Leistungsunwilligen&#8221; ausgesiebt werden. Andererseits häuft sich der Profit, indem er in die Produktion von immer mehr Profit investiert wird, notwendigerweise auch ohne Zinsen an. Der Arbeitslohn hingegen wird in aller Regel konsumiert und nicht in die Profitproduktion investiert, ist also nur durch gewerkschaftliche Kämpfe zu &#8220;vermehren&#8221;. Und auch einer solchen Lohnerhöhung sind sehr enge Grenzen gesetzt: eine hohe wirtschaftliche Wachstumsrate ist dafür wesentliche Voraussetzung.</p>
<p>Tatsächlich bedeutet die Zinszahlung der armen Länder für ihre &#8220;Entwicklungskredite&#8221; eine massive Umverteilung von Süd nach Nord, die das Volumen der &#8220;Entwicklungshilfe&#8221; beträchtlich übersteigt. Man darf aber nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass ohne Zinsen kein Unternehmen und kein Staat der Welt ihr Kapital in großem Maßstab verleihen würden. Eine solche Kreditvergabe erfolgt auch nur, wenn Profite in der Warenproduktion winken. Deshalb stecken vielfach gerade diejenigen Volkswirtschaften am tiefsten in der Schuldenkrise, die in den 1970er Jahren die kapitalistisch meistversprechenden Entwicklungskandidaten waren. Das Freigeld kann hier also keine Lösung bieten. Die einzig sinnvolle Forderung ist vielmehr eine bedingungslose Schuldenstreichung für die Armen und die Entwicklung grundsätzlich neuer Kooperationsmodelle jenseits von Markt, Tausch und Geld.</p>
<h4>Mit Freigeld in die Krise</h4>
<p>Wir kommen nun zur letzten Behauptung: eine Marktwirtschaft mit Freigeld kenne keine Krisen. <a name="8" href="#a8"></a> (8) Darin gleicht die Freiwirtschaftslehre bezeichnenderweise der neoliberalen Wirtschaftstheorie, der Rechtfertigungsideologie des gegenwärtigen Liberalisierungsfeldzugs. Wie der Neoliberalismus meint die Freiwirtschaft, dass ein sich selbst überlassener Markt stabil ist und keine wesentlichen politischen Eingriffe benötigt. Deshalb treten Freiwirtschafter auch unverblümt für eine &#8220;leistungsgerechte, freie Marktwirtschaft&#8221; ein. Die Freiwirtschaft unterscheidet sich in dieser Hinsicht vom Neoliberalismus lediglich insofern, als sie &#8220;zinsfreies Geld&#8221; für die Voraussetzung von Krisenfreiheit hält. Auch ihre heftige Klage über die Inflation, von der sie den Wertverlust des Freigelds unterschieden wissen will, und über die Staatsverschuldung gleicht der neoliberalen Suada.</p>
<p>Beide Theorien gehen von einer fiktiven Marktwirtschaft mit Naturaltausch Ware gegen Ware aus. Die reale, moderne Marktwirtschaft ist aber notwendigerweise Geldwirtschaft. Gerade durch das Geld werden die Schranken des unmittelbaren Tausches Ware gegen Ware überwunden: es kann verkauft werden, ohne nachfolgend gleich wieder zu kaufen; und Unternehmen können Kredite aufnehmen, um ihre Investitionen zu finanzieren. In einer Marktwirtschaft sprechen sich Produzierende und Konsumierende nicht bewusst ab. Vielmehr sind die Entwicklung des wirklichen Bedarfs, der tatsächlichen Kaufkraft, der Preise, der Bedürfnisse der Konsumierenden und der Produktivkraft ebenso wie die Unternehmensstrategien der Konkurrenz, die Verschiebung von Nachfrageströmen und das Entstehen neuer Branchen für die Investoren prinzipiell unbekannt. Durch diese fundamentale Unsicherheit des Marktes einerseits und den Mechanismus des Kredits andererseits häufen sich notwendigerweise Fehlinvestitionen an und führen schließlich zu einer Wirtschaftskrise. In einer solchen Krise wird das am wirklichen, zahlungsfähigen Bedarf vorbei investierte Kapital vernichtet, wertlos gemacht. Das bedeutet: Viele Unternehmen bankrottieren oder müssen schrumpfen, bauen Arbeitsplätze ab oder senken die Löhne.</p>
<p>Ein weiterer, in die Marktwirtschaft eingebauter Krisenfaktor ist die Erschöpfung von wirtschaftlichen Wachstumsmöglichkeiten. Da alle Märkte begrenzt sind, tritt dieser Fall früher oder später mit Notwendigkeit ein. Dann sinken die Profite, und die Investitionstätigkeit lässt nach. Es kommt ebenfalls zu einer Krise und viele Menschen verlieren Arbeit und Geldeinkommen. Die Freiwirtschaftslehre meint zwar, dass durch den Wertverlust des Freigelds die Investitionsbereitschaft steigt und eine als Wachstumshindernis angenommene Geldhortung unattraktiv wird. Eine Krise, das heißt eine stagnierende oder fallende Wirtschaftsleistung, soll ihrer Meinung nach damit unmöglich werden. Das Freigeld wirkt auf das Wachstum aber nicht anders als die Inflation: Auch ein noch so großer Wertverlust des Geldes kann niemanden zu Investitionen zwingen. Wenn keine ausreichenden Profite zu erwarten sind, wird sich die Investitionslaune in engen Grenzen halten.</p>
<p>Das Freigeld würde aber nicht nur keine Krisen verhindern, seine Wirkung wäre sogar selbst krisenauslösend. Aufgrund seines ständigen Wertverlusts würde es nämlich wie ein heißer Erdapfel von Hand zu Hand gereicht und die Inflation unkontrolliert in die Höhe treiben. Die Rolle des Wertaufbewahrungsmittels fiele wohl irgendeinem anderen Wertgegenstand, ausländischen Darlehen oder Ähnlichem zu. Genau das passiert ja tatsächlich in Ländern mit sehr hoher Inflation.</p>
<h4>Der Unsinn der Freiwirtschaftslehre</h4>
<p>Die Freiwirtschaft missversteht die Funktionsweise des Marktes und kann deshalb nicht verstehen, warum in einer Marktwirtschaft sowohl Gewinne als auch Zinsen notwendig existieren. In ihrer Vorstellung soll Geld &#8220;wieder zu einem reinen Tauschmittel werden&#8221;. Geld ist in einer Marktwirtschaft aber nicht nur Tauschmittel, sondern unter anderem auch Kapital. Das heißt, es wird nur Geld in die Warenproduktion investiert, wenn es einen Profit abwirft. Ohne Profit gibt es in einer Marktwirtschaft keinen Anreiz zur Produktion. Das zeigt sich, sobald der scheinbare Produktionsautomatismus der Märkte erlahmt und in eine Krise gerät. Obwohl die materiellen Produktionsmöglichkeiten genau dieselben sind wie zuvor, werden Produktionsmittel stillgelegt und massenhaft Arbeitskräfte entlassen. Einfach gesagt, kann es aufgrund der irren Logik der Märkte passieren, dass Menschen neben voll funktionsfähigen Produktionsanlagen verhungern.</p>
<p>Weil die Produktion nicht gemeinschaftlich gesteuert wird, kann die &#8220;wirtschaftliche Tüchtigkeit&#8221; eines Unternehmens einzig an der Höhe seines einzelbetrieblichen Profits bemessen werden. Schon allein aufgrund der Konkurrenz wird der Profit vom Unternehmen nach Möglichkeit maximiert. Wer mehr Profit macht, kann aufgrund größerer Investitionen schneller wachsen und sein ökonomisches Überleben besser sichern. Andererseits ist der Profit damit auch einziger Zweck kapitalistischer Produktion: aus Geld muss mehr Geld werden. Mehr Profit bedeutet bessere ökonomische Zielerreichung, besseres Wirtschaften. An dieser Vorgabe ändert sich auch bei Nullzinsen nichts. Der Profit wiederum wird im Wesentlichen nicht konsumiert und von einem freiwirtschaftlichen Phantasiekapitalisten für Yachten und Champagner ausgegeben, sondern vielmehr in die weitere Produktion von Profit reinvestiert. Das ist eben der irre Selbstzweckmechanismus des Kapitalismus, produzieren um des Produzierens willen; arbeiten um zu arbeiten; investieren, um mehr investieren zu können. An diesem Wahnwitz ändert das Freigeld keinen Deut, es ist insistiert vielmehr geradezu darauf.</p>
<p>Der Zins spielt in diesem Hamsterrad, hat man seine Irrenlogik einmal akzeptiert, eine durchaus &#8220;sinnvolle&#8221; Rolle. Das Geldkapital wird dem Marktgesetz von Angebot und Nachfrage entsprechend tendenziell in die Branchen mit den größten Profiterwartungen und damit auch dem höchsten Kapitalbedarf verschoben, der sich ja nicht nach den Bedürfnissen der Menschen, sondern nach den Erfordernissen der Verwertung richtet. Dieser Mechanismus wird durch Kreditvergabe und Zinshöhe bewusstlos, also ohne direkte Absprache der Unternehmen, gesteuert. Investitionen, die als riskant oder unrentabel eingeschätzt werden, erhalten schwerer Kredit als Investitionen, die einen sicheren und hohen Profit erwarten lassen. Ohne Zins gäbe es für diesen Prozess der Kapitalverteilung keine Orientierungssignale.</p>
<p>Im Rahmen des kapitalistischen Systems bestünde die Alternative zum Kreditmechanismus freier Finanzmärkte in einer staatlichen Investitionsplanung. Dies würde die Verfügungsgewalt des Staates über alle Ressourcen und eine umfassende Staatsbürokratie erfordern. Der Realsozialismus hat gezeigt, zu welchen Problemen das führt. Zwar will die Freiwirtschaft den Staat möglichst zurückdrängen beziehungsweise auflösen und dem &#8220;leistungsgerechten Markt&#8221; zum Durchbruch verhelfen. Allein das &#8220;zinslose Geld&#8221; kann nur in einer vom Weltmarkt abgeschotteten Volkswirtschaft funktionieren, in der die nationale Zentralbank volle Kontrolle ausübt. Schon der Ansatz zur Einführung von Freigeld würde eine beispiellose Kapitalflucht und damit große wirtschaftliche Probleme verursachen. Sogar in der von Protektionismus gekennzeichneten NS-Zeit mitsamt ihrer antisemitischen Wahnidee einer &#8220;Brechung der Zinsknechtschaft&#8221; gelang eine Umsetzung nicht. Im Zeitalter der Globalisierung ist ein solches Abschottungsszenario schlicht nicht vorstellbar. Die einzelnen Nationalökonomien sind mittlerweile viel zu sehr verflochten, als dass sie sich aus dem Weltmarkt ausklinken könnten.</p>
<p>Die Erschöpfung billiger und relativ arbeitsintensiver Wachstumsmöglichkeiten sowie die Rückgänge im Binnenmarktwachstum bildeten Anfang der 1970er Jahre wichtige Auslöser für den gegenwärtigen Globalisierungsprozess des Kapitals. Diese Entwicklung kann nicht rückgängig gemacht werden. Die freiwirtschaftliche Annahme, dass die Aufblähung der Finanzmärkte und die Verschuldung der öffentlichen und privaten Haushalte die Gründe für stagnierendes Wachstum und Wirtschaftskrise seien, ist falsch. Der tatsächliche Zusammenhang ist genau umgekehrt: das Kapital strömte auf die Finanzmärkte, weil die Profite in der Warenproduktion seit Anfang der 1970er Jahre zurückgingen.</p>
<p>Ihr grundlegendes Fehlverständnis des Kapitalismus offenbart die Freiwirtschaft unter anderem auch, wenn sie das Brakteatenwesen des Mittelalters als Beweis der segensreichen Wirkung des Freigelds anführt. Auf den behaupteten ursächlichen Zusammenhang zwischen Brakteaten, einer mittelalterlichen Währung mit kontinuierlichem Wertverlust, und Wohlstand wollen wir nicht eingehen. Hier soll nur betont werden, dass das Geld in der mittelalterlichen Feudalgesellschaft eine vernachlässigbare Rolle spielte und nicht mit heutigem Geldkapital vergleichbar ist. Auf mittelalterlichen Märkten existierte keine freie Preisbildung; die Menschen der Feudalgesellschaft waren nicht auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen; es gab kein industrielles Kapital; es dominierte Produktion für den Eigenbedarf; das Leben der Gemeinwesen wurde nicht durch anonyme Rechts- und Geldbeziehungen, sondern durch persönliche soziale Bindungen geregelt. Weil eine freie Preisbildung von profitproduktiv eingesetztem Kapital fehlte, ist der mittelalterliche Wucher mit dem kapitalistischen Zins nicht zu vergleichen.</p>
<p>Aufgrund all der genannten Schwächen, Ungereimtheiten und politisch völlig indiskutablen Aspekte distanzieren sich viele Anhängerinnen und Anhänger des &#8220;zinslosen Geldes&#8221; von der Freiwirtschaftslehre. Das mag durchaus ehrlich gemeint sein und ist deshalb zu begrüßen. An der Haltlosigkeit der Idee vom &#8220;Geld ohne Zins&#8221; ändert sich damit aber selbstverständlich nichts, gleichgültig, ob sie nun in Kombination mit anderen Reformideen auftritt oder schon für sich allein genommen als Patentrezept beworben wird.</p>
<h4>Faszinosum Tauschkreis</h4>
<p>Ganz unabhängig von der Freiwirtschaftslehre übt ihr konkreter Umsetzungsversuch, der Tauschkreis, auf viele Menschen große Anziehungskraft aus. Das Spektrum individueller Motivationen reicht neben der Kritik an der herkömmlichen Geldwirtschaft von ökologischen und spirituellen Ausgangspunkten bis hin zu persönlichen Notlagen, in denen die Fähigkeit, am gesamtgesellschaftlichen Selbstmordkommando teilzunehmen, gegen Null tendiert. Auf den ersten Blick scheint die Idee ja attraktiv zu sein: Was dem und der Einzelnen als außer Kontrolle geratener, globaler Wildwuchs entgegentritt, soll auf ein überschaubares, persönlich kontrollierbares Format zurückgestutzt werden. Man macht füreinander eben, was man kann, und tauscht miteinander, was man hat &#8211; wie in einer großen Gemeinschaft. Nicht umsonst steht die Tauschkreisbewegung in Zusammenhang mit der Idee der Ökodörfer, quasi-familiären und meist spirituell orientierten Lebensgemeinschaften.</p>
<p>So respektabel diese Motivationen sein mögen, die Schwächen der freiwirtschaftlichen Argumentation schlagen letztlich auf die Tauschkreisbewegten zurück. Die grundlegende Spielregel des globalkapitalistischen Wahnsinns wird in ihrem Rahmen nämlich ebenso wenig überwunden wie von der Freiwirtschaftslehre kritisch hinterfragt: die Vermittlung gesellschaftlicher Beziehungen über Geld und Tausch.</p>
<p>Das Hauptmerkmal der kapitalistischen Produktionsweise besteht in jener indirekten Form von Kontakt, der sich zwischen Produzierenden und Konsumierenden herstellt, die ihre Bedürfnisse weder direkt mitteilen und absprechen noch ihnen gemäß produzieren. Somit werden materielle Produkte und Dienstleistungen in Form von Waren hergestellt und erbracht. Über ihre gegenseitige Austauschbarkeit treten die Waren &#8211; auf lokalen oder globalen Märkten &#8211; in eine eigenartige, von der Gesellschaft gewissermaßen abgehobene, verselbstständigte Beziehung miteinander und beziehen auf diese Weise erst ihre scheinbar unabhängigen, beziehungslosen Produzenten aufeinander. Die Marktwirtschaft ist in erster Linie eine &#8220;Beziehung&#8221; zwischen Waren statt zwischen Menschen. An ihr kann daher nur teilnehmen, wer auch etwas zu tauschen hat. Das gilt für die Börse ebenso wie für den Tauschkreis. Die Schwächsten in einer Gesellschaft, nämlich jene, die über keinen Besitz verfügen und nicht einmal ihre Arbeitskraft eintauschen können, bleiben folglich vom Markt ausgeschlossen. In der Praxis der Tauschkreise werden solche Menschen mitunter einfach mitversorgt. Das spricht zwar für das soziale Gewissen der Beteiligten, ändert aber nichts an der prinzipiellen Marktnatur des Tauschkreises. Wo Tauschkreise als Alternative zum regulären kapitalistischen Markt entstehen, handelt es sich im Wesentlichen um eine Armutsvariante für jene, die aus der &#8220;ersten Marktwirtschaft&#8221; herausfallen; die Ausschluss- und Konkurrenzlogik des Tausches trifft aber auch auf einem solchen &#8220;zweiten Markt&#8221; die Schwächsten immer am härtesten.</p>
<h4>Gerechte Konkurrenz</h4>
<p>In den Tauschkreisen wird die Ideologie des &#8220;gerechten Tausches&#8221; hochgehalten, der ein moralisch und sozial überlegenes Gegenmodell zum angeblich &#8220;ungerechten Tausch&#8221; der realen Marktwirtschaft darstellen soll. &#8220;Gerechter Tausch&#8221; soll dabei nicht allein in einem Verbot der Zinsnahme auf Tauschkreiswährung bestehen, sondern auch die Austauschverhältnisse der Waren betreffen.</p>
<p>Wenn Waren oder Dienstleistungen &#8220;gerecht&#8221; getauscht werden sollen, muss es ein Maß der &#8220;Gerechtigkeit&#8221; geben. Irgendeine Art der Verrechnung von &#8220;Leistung&#8221; muss erfolgen. Hier lässt sich bereits ahnen, dass die Ideologie &#8220;gerechten Tausches&#8221; in die ordinäre Realität des Marktes mündet. Um etwa festzustellen, wie viele handgestrickte Pullover ich für meine Dienste als Elektrikerin bekomme, müssen diese beiden Waren auf einen gemeinsamen Nenner, auf abstrakten ökonomischen Wert, reduzierbar sein. Geld ist tatsächlich nichts anderes als die Verkörperung dieses gemeinsamen Nenners, der als Gleiches in allen Waren halluziniert wird, sie gewaltsam gleichsetzt und damit erst allseits und systematisch gegeneinander austauschbar macht. Der Inhalt dieses gemeinsamen Nenners ist die abstrakte Arbeitskraft, die für die Herstellung einer Ware verausgabt wird. Denn die unterschiedlichen Produkte haben, vom Hubschrauber bis zur Frühstückssemmel, nur eines gemeinsam: Ergebnisse der Verausgabung abstrakt gleicher menschlicher Arbeitskraft zu sein. Wir stellten vorhin fest, dass wir uns in der Marktwirtschaft auf einem Umweg, nämlich über unsere Produkte, aufeinander beziehen, weil wir nicht in direkte Beziehung miteinander treten. Die Produkte nehmen damit die Form von Waren an. Diese gelten allesamt lediglich als unterschiedliche Verkörperungen abstrakt gleicher menschlicher Tätigkeit, wobei vom konkreten Inhalt und Kontext derselben abgesehen, abstrahiert wird. Die Größe des Zählers, die Wertgröße, richtet sich dabei nach der in der Gesellschaft durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit zur Herstellung einer Ware. Diese Arbeitszeit ermittelt sich allerdings nicht anders als über den bewusstlosen Mechanismus von Märkten, von Angebot und Nachfrage. Ein &#8220;gerechter Tausch&#8221; nach &#8220;Arbeitsleistung&#8221; ist damit nur durch freie Preisbildung zu verwirklichen. Viele Tauschkreise versuchen hingegen eine einheitliche Bezahlung aller Arbeitsstunden zu praktizieren. Indem damit von jeglichen Unterschieden in Vorbildung, Geschick, Anstrengung, Outputmenge und Qualität abgesehen wird, handelt es sich paradoxerweise um das Gegenteil &#8220;gerechten Tauschs&#8221;, wie er am Markt ja ohnehin praktiziert wird; dieser offenkundige Widerspruch führt in Tauschkreisen auch häufig zu Diskussionen und mündet &#8211; zumindest unter der Hand &#8211; immer wieder in die Aufgabe dieses Prinzips.</p>
<p>Halten wir also fest: Geld ist in jeglicher Form &#8211; ob staatliche Währung oder selbstorganisierte Komplementärwährung &#8211; nicht nur das simple Tauschmittel, als das Gesell und seine Anhängerschaft es gerne sehen würden, sondern immer Folge einer Produktion, die in erster Linie für abstrakte Märkte und nicht für konkrete Menschen erfolgt. Ob das Geld nun LETS, Talente oder Euro heißt, macht &#8211; abgesehen von der oben diskutierten &#8220;Zinslosigkeit&#8221; der Tauschkreiswährungen &#8211; keinen wesentlichen Unterschied.</p>
<p>Getreu Gesells Begeisterung für das Überleben der &#8220;Tüchtigsten&#8221;, ist die Konkurrenz im Tauschkreis genauso wie in der herkömmlichen Marktwirtschaft präsent. Ist ein Tauschkreismarkt erst groß genug und wirtschaftlich ausreichend attraktiv, treten alle Produzierenden zueinander in Konkurrenz. Zwar werden oft Mindestpreise, etwa für eine Arbeitsstunde, festgelegt. Bieten mehrere Personen gleichartige Ware an, müssen sie jedoch nahe diesem Mindestpreis kalkulieren, wenn sie nicht von billigeren Anbieterinnen ausgestochen werden wollen.</p>
<h4>Von den Grenzen der Tauschkreise&#8230;</h4>
<p>In der Praxis erfahren die Menschen im Tauschkreis letztlich dieselben Schwierigkeiten wie jeder und jede &#8220;da draußen&#8221; auf dem Arbeits- oder Warenmarkt. Nicht was ich einerseits brauche und andererseits gerne täte, kann meine erste Sorge sein, sondern was auf dem lokalen Tauschkreismarkt absetzbar ist, muss mir zur ersten Pflicht werden. Will oder kann niemand ihre Produkte mit mir tauschen, erwerbe ich auch keine Verrechnungseinheiten, also Tauschkreiswährung, und kann demzufolge auch nicht eintauschen, was ich gerne hätte oder dringend bräuchte. Obwohl die herkömmliche Lohnarbeit von Tauschkreis-Begeisterten gerne und zu Recht als moderne Sklaverei geschmäht wird, ist ihre Lage in Tauschkreisen letztlich nicht wesentlich verschieden vom Zwang, auf dem Arbeitsmarkt ihre Haut verkaufen zu müssen. Im Unterschied zum Tauschkreis, wo frau bei mangelnder Vermarktbarkeit ihrer Produkte oder Fähigkeiten eben Pech gehabt hat, durften Arbeitslose bis jetzt allerdings immer noch ein paar Gnadeneuro vom siechen Sozialstaat erwarten.</p>
<p>Der Tauschkreis setzt trotz aller sozialen Motive die irre Logik der Marktwirtschaft und das Strickmuster des vereinzelten kapitalistischen Leistungs- und Konkurrenzautomaten fort. Wo paradoxerweise Warenbeziehungen über die Beziehungen ihrer Produzentinnen bestimmen, müssen Letztere einander zwangsläufig und in einem fundamentalen Sinn als Fremde, als im Grunde lästige Notwendigkeit zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse entgegentreten. Insbesondere in den kapitalistischen Zentren wirken dem sozialdarwinistischen Prinzip des Marktes nicht einmal mehr rudimentäre Formen traditioneller Sozialbindungen entgegen. Die Menschen treten einander folglich von Haus aus als potenzielle Feinde gegenüber, deren wirtschaftliche Interessen einander entgegenstehen. Diese Marktsozialisation prägte auch die großen Tauschkreise der Krisenregionen, wie etwa in Argentinien<a name="9" href="#a9"></a> (9): Kaum dass aufgrund der Marktgröße eine persönliche Bekanntschaft zwischen den Beteiligten nicht mehr gewährleistet werden konnte, wurden sie zum Tummelplatz für die bornierte Egozentrik, die das Wesen des Warenmenschen ausmacht; mochte sie sich nun im Verkauf eingetauschter Produkte gegen Staatswährung, in der Spekulation mit knappen Gütern, im Ausnutzen von Preisgefällen oder im Horten von Tauschkreiswährung äußern. Dem zur Konkurrenz sozialisierten Menschen fällt es nicht auf Anhieb ein, ein alternatives Wirtschaftskonzept mit solidarischem Verhalten zu verbinden, vor allem dann nicht, wenn seine Struktur die Zwänge der Konkurrenz festschreibt und deren Logik nahelegt. Ein Markt ist das Gegenteil gesamtgesellschaftlicher Koordination zur Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Die argentinischen Tauschkreise konnten den Menschen daher gerade das nicht in ausreichendem Maße bieten, was sie am dringendsten benötigten, nämlich Lebensmittel. Der Tauschkreis garantierte das Überleben der Menschen ebenso wenig wie jeder andere Markt. Markt ohne Krise, Ausschluss und Unterversorgung gibt es nicht. All diese Probleme wären durch eine gesamtgesellschaftliche Koordination zu vermeiden.</p>
<p>Dass sich in Tauschkreisen häufig Menschen mit hohen moralischen Standards engagieren und daher die verrechnungslose, wechselseitige Hilfe einen hohen Stellenwert einnimmt, sei unbestritten. In diesen Fällen wird die Gesetzmäßigkeit von Markt und Tausch aber gerade überwunden, und es zeigt sich im Ansatz, quasi als überschießendes Moment, eine ganz andere Art gesellschaftlicher Beziehung.</p>
<p>Wenn das Tauschkreisprinzip je über das begrenzte Niveau eines hobbymäßig betriebenen Gesellschaftsspiels oder einer vom Elend diktierten Notfallsökonomie hinauskommen soll, darf es nicht nur die bloße Verteilung individuell oder in der Familie hergestellter Waren regeln, sondern muss auch auf die tauschlose Kooperation vieler Menschen in der Produktion angewandt werden. Haarschnitt kann ich einfach gegen Abwasch tauschen, das ist klar. Was aber passiert, wenn sich eine Gruppe von Menschen das Ziel setzt, gemeinsam einen Traktor herzustellen? Vieles kann ja gar nicht alleine produziert werden, sondern nur in breit angelegter Kooperation. Bei anderen Gütern wiederum spricht einerseits die höhere Produktivität, andererseits auch die Ressourcenersparnis klar für Zusammenarbeit. Die logische Folge liegt auf der Hand: der Tauschgedanke führt in diesem Fall schnurstracks zurück zur bekannten Lohnarbeit, also zum Tausch zwischen Kapital und Arbeit. Es gäbe einen Arbeitsmarkt, Konkurrenz zwischen den kooperativen Einheiten, vulgo &#8220;Unternehmen&#8221;, somit den Zwang zum Profit und über kurz oder lang den ganzen Rattenschwanz an Problemen, zu denen der Tauschkreis doch eigentlich eine Alternative bieten wollte.</p>
<h4>&#8230; zur Überwindung der Marktwirtschaft</h4>
<p>Gerade weil in Tauschkreisen hierzulande ideelle Motivationen die ökonomischen überwiegen<a name="10" href="#a10"></a> (10), wäre es angebracht, die unmenschlichen Marktprinzipien einerseits und den durch sie bestimmten Warenmenschen andererseits zu hinterfragen. Als Anknüpfungspunkte markt- und tauschkritischer Praxen können durchaus die von den Tauschkreisen zumindest in zweiter Linie angestrebten Ziele dienen: die Herstellung sozialer Bindungen, direkte Formen menschlichen Kontakts, die Entfaltung persönlicher Fähigkeiten und die freie Kooperation. Diese Ziele sind jedoch vom Ballast der kapitalistischen Denk- und Handlungsmuster zu befreien, um eine tatsächlich neue Art gesellschaftlicher Beziehungen zu ermöglichen.</p>
<p>Es gilt eine Lebensweise anzudenken, in der konkrete menschliche Bedürfnisse Priorität haben. Dazu ist es vonnöten, die Vorstellung vom tauschenden &#8220;Ich&#8221;, das durch die Tauschhandlung als dominierende Form des sozialen Stoffwechsels definiert wird und deshalb auch erst in dieser Form sozial vollgültig eingebunden werden kann, zu hinterfragen und sich gemeinsam mit vielen anderen in einen bewusst und sinnvoll gestalteten Zusammenhang zu setzen, der die Zersplitterung der Marktgesellschaft an der Basis aufhebt. Dass dieser nicht durch eine staatliche Oberaufsicht über die an sich unbeherrschbaren Marktmechanismen herstellbar ist, zeigte die Erfahrung im ehemaligen Ostblock, wo versucht wurde, ein kapitalistisches Prinzip (das staatliche) gegen das andere (das marktwirtschaftliche) auszuspielen. Der Markt rächt sich am Ende bitter für jeden Versuch, seinem Selbstlauf Schranken aufzuerlegen.</p>
<p>Eine emanzipatorische Bewegung müsste es sich zum Ziel machen, die Prinzipien der freien Gemeinschaft, der konkreten Bedürfnisbefriedigung und der tauschlosen Verteilung zu verbinden. In der Praxis hieße das, einerseits einen gesellschaftlichen Zusammenhang über nicht-marktliche Organisationsformen zu entwickeln, in denen Menschen gleichberechtigt über Produktion und Verteilung entscheiden können. Es hieße andererseits sich an den konkreten Bedürfnissen zu orientieren, anstatt sich nach Profit und Konkurrenzfähigkeit zu richten. Und es würde drittens auch bedeuten, gemeinschaftlich Verantwortung zu übernehmen für die Menge und die Art der Produktion, um die Vereinbarkeit zwischen menschlichen Bedürfnissen und ökologischen Rahmenbedingungen zu sichern.</p>
<p>Dass das wesentlich leichter gesagt als getan ist, leuchtet ein. Die Unterwerfung unter die scheinbar äußerliche und eigenmächtige Logik von Geld und Warenproduktion hat die Menschen jahrhundertelang nicht nur voneinander getrennt, sondern uns zudem der Verantwortung für die Konsequenzen unseres Handelns weitgehend enthoben. Dagegen sind ganz neue Weisen des Umgangs miteinander zu gestalten und gesellschaftliche Organisation ohne &#8220;Sachzwänge&#8221; zu stärken.</p>
<p><em>siehe auch: <a href="http://www.streifzuege.org/2005/gruendet-kostnixlaeden">Gründet Kostnixläden</a>! (Exner-Hintersteiner)</em></p>
<hr />
<p>Anmerkungen</p>
<p><a name="a1" href="#1"></a> (1) Silvio Gesell, ein Kaufmann zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, interessierte sich für die Bedingungen eines stabilen, krisenfreien Kapitalismus. Die Freiwirtschaftslehre und verwandte Ansätze in Darstellungen ihrer Vertreter: Creutz, Helmut (2001): Das Geld-Syndrom. Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft. München; Gesell, Silvio (1920): Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freigeld und Freiland. Rehbrücke bei Berlin, im Netz unter http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/gesell/nwo/ (letzter Zugriff 17.10.04); Lietaer, Bernard (2002): Das Geld der Zukunft. Über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen dazu. München; Musil, Robert (2003): Neue Wege des Wirtschaftens. In: Becker, Joachim; Heinz, Ronald; Imhof, Karen; Küblböck, Karin; Manzenreiter, Wolfram (Hg. ): Geld, Macht, Krise. Finanzmärkte und neoliberale Herrschaft. HSK 22 Internationale Entwicklung. Wien; Senft, Gerhard (1990): Weder Kapitalismus noch Kommunismus: Silvio Gesell und das libertäre Modell der Freiwirtschaft. Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte 3. Berlin; Suhr, Dieter (1983): Geld ohne Mehrwert. Entlastung der Marktwirtschaft von monetären Transaktionskosten. Frankfurt/M.</p>
<p><a name="a2" href="#2"></a> (2) Die Freiwirtschaftslehre will die Marktwirtschaft vom Kapitalismus befreien. In unserer Auffassung benennen die beiden Begriffe jedoch nur zwei Seiten einer Medaille. Sie gehören untrennbar zusammen: Marktwirtschaft bezeichnet die Seite des Warenhandels, Kapitalismus die Seite der Warenproduktion. Die Ausdrücke &#8220;marktwirtschaftliches&#8221; und &#8220;kapitalistisches System&#8221; sind daher im Wesentlichen gleichbedeutend. Auch der Realsozialismus ist in die Reihe der marktwirtschaftlich-kapitalistischen Systeme zu stellen. Es handelte sich dabei um den zum Scheitern verurteilten Versuch einer geplanten Marktwirtschaft. Unter Kapital versteht die Freiwirtschaft nur das Geldkapital. In unserer Sicht ist das Kapital kein Ding, sondern ein unaufhörlicher Selbstzweckprozess der Vermehrung von wirtschaftlichem Wert. Dieser Prozess umfasst sowohl Geld als auch Waren (Produktionsmittel, Arbeitskraft). Unsere Kapitalismuskritik unterscheidet sich daher fundamental von der &#8220;Kapitalismuskritik&#8221; der Freiwirtschaft.</p>
<p><a name="a3" href="#3"></a> (3) Kirschner, Monika (2000): Gesell, Silvio. In: Lexikon Rechtsextremismus, im Netz unter http://lexikon.idgr.de/g/g_e/gesell-silvio/gesell-silvio.php (letzter Zugriff: 17.10.04).</p>
<p><a name="a4" href="#4"></a> (4) Mit Ausnahme von Irving Fisher und John Maynard Keynes wurde die Freiwirtschaft von der universitären Volkswirtschaftslehre entweder ignoriert oder belächelt. Der Marxismus der Arbeiterbewegung hingegen bekämpfte sie als &#8220;kleinbürgerlich&#8221;. Und tatsächlich spiegelte sich in der Gesellschen Lehre das Interesse der kleinen Wirtschaftstreibenden, wohlhabenderen Angestellten und Beamten wider, die in der Wirtschaftskrise unter dem Druck der Banken zu leiden hatten. Aus ihrer persönlichen Sicht lag es nahe, den Zins als ihre größte ökonomische Belastung zu erleben. In dieser Empfindung bestärkte sie die Freiwirtschaftslehre. Sie erblickte im Zins ja nicht allein die Ursache ihres persönlichen Elends, sondern gar das Grundübel der gesamten Gesellschaft. Nicht zuletzt vermeinte Gesell darin die Quelle aller Ausbeutung zu erkennen, während er den Profit der Industrie als &#8220;Unternehmerlohn&#8221; rechtfertigte. Die Freiwirtschaftslehre gab den konservativen Kräften damit auch ein Argument gegen die erstarkende Arbeiterbewegung und ihre revolutionären Forderungen in die Hand.</p>
<p>Ein häufig zitiertes Beispiel für die praktische Erprobung von Freigeld in der Zwischenkriegszeit ist das &#8220;Experiment von Wörgl&#8221; in Tirol. Mit Hilfe von selbst ausgegebenem Freigeld konnte die Gemeinde Investitionen in kommunale Bauvorhaben finanzieren, das Wirtschaftswachstum ankurbeln und damit Arbeitslosigkeit und Armut reduzieren. Das Experiment wurde bald von der österreichischen Nationalbank unterbunden, die ihre Währungshoheit gefährdet sah. Seine Wirkung glich einem keynesianischen Programm zur Wachstumsförderung und steht insofern im Widerspruch zum wachstumskritischen Grundtenor vieler heutiger Freiwirtschafter. Vielfach wurde von diesem zeitlich begrenzten kommunalen Wirtschaftsprogramm auf die mögliche Wirkung einer großräumigen Einführung von Freigeld geschlossen, was sich allerdings schon aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen und der kurzen Zeitdauer des Wörgler Experiments verbietet.</p>
<p><a name="a5" href="#5"></a> (5) Zum Zusammenhang von Geldkrise, Geldkritik und Antisemitismus siehe Hanloser, Gerhard (2003): Krise und Antisemitismus. Eine Geschichte in drei Stationen von der Gründerzeit über die Weltwirtschaftskrise bis heute. Münster.</p>
<p><a name="a6" href="#6"></a> (6) Zur Kritik von Freiwirtschaftslehre, Tauschkreisen und einzelner ihrer Aspekte: Altvater, Elmar (o.J.): Eine andere Welt mit welchem Geld? In: Wissenschaftlicher Beirat von Attac (Hg. ): Globalisierungskritik und Antisemitismus. Zur Antisemitismusdiskussion in Attac. Attac-Reader Nr. 3. ; Bierl, Peter (2001): &#8220;Schaffendes&#8221; und &#8220;raffendes&#8221; Kapital. Die Tauschringe, die Lehre des Silvio Gesell und der Antisemitismus. ContextXXI 2, im Netz unter: http://www.contextxxi.at/html/start/start_fr.html (letzter Zugriff 17.10.04); Herr, Hansjörg (1986): Geld &#8211; Störfaktor oder Systemmerkmal? PROKLA 63; Janssen, Hauke (1998): Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren. Marburg; Kurz, Robert (1995): Politische Ökonomie des Antisemitismus. Die Verkleinbürgerlichung der Postmoderne oder die Wiederkehr der Geldutopie von Silvio Gesell. krisis 16/17, im Netz unter: http://www.krisis.org; Niederegger, Gerhard (1997): Das Freigeld Syndrom. Für und wider ein alternatives Geldsystem. Eine kritische Bestandsaufnahme. Wien; Rakowitz, Nadja (2000): Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie. Freiburg im Breisgau.</p>
<p><a name="a7" href="#7"></a> (7) Bakker, L. (2000): Wachstum wider Willen? In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg. ): Jenseits des Wachstums, Politische Ökologie 66.</p>
<p><a name="a8" href="#8"></a> (8) Zur Krisentheorie auf Grundlage der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie: Brenner, Robert (2003): Boom &amp; Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft. Hamburg; Heinrich, Michael (2001): Monetäre Werttheorie. Geld und Krise bei Marx. PROKLA 123; Heinrich, Michael (2004): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart; Hirsch, Joachim (2002): Herrschaft, Hegemonie und politische Alternativen. Hamburg; Kurz, Robert (1991): Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie. Frankfurt/M.</p>
<p><a name="a9" href="#9"></a> (9) Colectivo Situaciones (Hg. , 2003): Que se vayan todos! Krise und Widerstand in Argentinien. Berlin-Hamburg-Göttingen.</p>
<p><a name="a10" href="#10"></a> (10) Musil, Robert (2003): a.a.O.</p>
<p>1. März 2005</p>
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		<title>Selbstversorgung mit Biomasse? Unmöglich?</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 04:00:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökologie / Produktivkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/selbstversorgung-mit-biomasse-unmoeglich">Selbstversorgung mit Biomasse? Unmöglich?</a></p>
<p><em>von Andreas Exner</em></p>
<p><span id="more-10576"></span><a href="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/cover2.png"><img class="alignleft size-medium wp-image-10579" title="cover" src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/cover2-194x300.png" alt="" width="194" height="300" /></a>&#8220;<em>Selbstversorgung mit Biomasse? Unmöglich!</em>&#8221; &#8211; so betitelt die österreichische Tageszeitung &#8220;<em>Die Presse</em>&#8221; (30.11.2011) ihren mehrseitigen Bericht zum Buch &#8220;<a href="http://www.mandelbaum.at/books/806/7397"><em>Kämpfe um Land. Gutes Leben im post-fossilen Zeitalter</em></a>&#8220;, das auf dem KLIEN-Projekt &#8220;<a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/"><em>Save our Surface</em></a>&#8221; beruht.</p>
<p>Das Rufzeichen indes ist durch ein Fragezeichen zu ersetzen. Denn wie es richtig im Artikel heißt: eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien und Rohstoffen sowie mit Lebensmitteln ist etwa in Österreich &#8211; als Beispiel für eine mitteleuropäische Region &#8211; möglich.</p>
<p>Allerdings nur bei drastisch verringertem Energie-, Stoff- und Fleischkonsum.</p>
<p>Der Biomasse kommt dabei nicht die alleinige, aber eine wesentliche Rolle in der Energieversorgung &#8211; und für die Bereitstellung von Rohstoffen &#8211; zu.</p>
<p>Das muss keineswegs einen Verzicht bedeuten. Ganz im Gegenteil: es kann zu einem Zugewinn an Lebensqualität führen und unnötige Arbeit verringern. Dafür freilich sind soziale Basisinnovationen nötig, die das herrschende Wirtschaftssystem überwinden, das auf Markt und Lohnarbeit (und damit auf Wachstum) beruht.</p>
<p>Um aus dem Biomasse-Kapitel in &#8220;<a href="http://www.mandelbaum.at/books/806/7397"><em>Kämpfe um Land. Gutes Leben im post-fossilen Zeitalter</em></a>&#8221; zu zitieren:</p>
<blockquote><p>Rolf Peter Sieferle sah die energetische Revolution der fossilen Stoffe als Aufschluss eines &#8220;unterirdischen Waldes&#8221;, der die Holzkrise der frühen Neuzeit bewältigen half. Am Ende des fossilen Zeitalters kann man nicht mehr im gleichen Maß auf den oberirdischen Wald ausweichen. Der Energiekonsum ist gegenüber der frühen Neuzeit gewaltig angestiegen. Anders als eine einfache Rückkehr zu den organischen Wurzeln des menschlichen Energiesystems muss die neue biobasierte Energie- und Rohstoffbereitstellung daher in einem System der sozialen Kooperation stattfinden. Sonst wird die globale Gesellschaft, die zwar nicht politisch, jedoch ökonomisch und damit ökologisch längst besteht, in einer katastrophischen Ausweitung von Landkonflikten zerreißen.</p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Innehalten. Das Erspüren von Boden unter den Füßen</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 10:00:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gutes Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie / Produktivkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit / Tempo / Stau]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/innehalten-das-erspueren-von-boden-unter-den-fuessen">Innehalten. Das Erspüren von Boden unter den Füßen</a></p>
<p><em>von Andreas Exner</em><span id="more-10516"></span></p>
<p>Am Ende des fossilen Zeitalters treibt die verwaltete Gesellschaft ihren Zahlenspuk ins Extrem. Die Vorstellungen der Zukunft werden von mathematischen Funktionen dominiert, bis in die Mitte des Jahrhunderts extrapoliert, der Verlauf unserer Leben geglättet und Abweichungen unter das Gesetz der Statistik gezwungen. Die Funktionen nehmen die Gestalt von Kurven an, die einer immergleich linearen, klinisch in homogene Stückchen zerlegten Zeit man einzuschreiben sich gewöhnt hat.</p>
<p>Der starre Blick auf die Zukunft, dem entgeht, dass er selbst sie konstruiert, enthüllt nur das, was aus ihm selber schaut, und bestätigt in seinen eigenen Augen daher die endlose Haltbarkeit dessen, was ist. Trachteten vergangene Epochen sich als Abglanz oder höchster Spross einer glorifizierten Vergangenheit zu legitimieren und feierte sich das Bürgertum klassisch im Lichte von Erfolgen, auf die es induktiv seinen Fortschrittsglauben baute, so scheint das Kapital in seinem Endzustand Rechtfertigung nur mehr aus Künftigem und der Vermeidung von Schlimmerem zu beziehen. Die Vergangenheit wird zur Last. Nicht mehr von errungenen Siegen über Mensch und Natur ist so sehr die Rede, sondern vom Bösen, das geschah, vom noch Böseren, das über uns zu kommen droht, das abgewehrt werden muss mit jedem Mittel und dem folglich alle Vorbereitung im Hier und Jetzt zu gelten hat.</p>
<p><strong>Kontrolle</strong></p>
<p>Wie in einem paranoiden Zirkelschluss folgt aus der Unsicherheit der Kapital gewordenen Welt der Kontrollwahn. Die Zukunft wird in ein flirrendes Auf und Ab von Detektorausschlägen am Radar der Experten eingebannt. Man glaubt, diese Gesellschaft berechnen zu können, wo doch schon in ihren alltäglichsten Operationen das Unberechenbare, Unzurechnungsfähige sich schlagend durchsetzt.</p>
<p>Das kollektive Denkvermögen befindet sich im Zangengriff einer paradoxen Bewegung aus fortschreitender Kontrollgewalt, die am liebsten Menschen künstlich reproduzieren und mit Chips ausgestattet als organische Roboter und Verbraucher dem Kapital zuschieben wollte, und einer ebenso ansteigenden Verunsicherung, die freilich gerade aus der allumfassenden Kontrollsucht resultiert.</p>
<p>Ein tiefreichendes Prinzip sozialen Lebens ist hier offenbar am Werk, wodurch aus der für die Kapital- und Staatsepoche typischen Ordnung in Form einer starren Rasterung von Verhaltensroutinen und rigiden Umweltnormen mit fast schon naturgesetzlicher Sicherheit das genaue Gegenteil entspringt. Der Gipfelpunkt bürgerlicher Vernunft ist demgemäß zugleich der Abgrund grenzenloser radioaktiver Verseuchung, unkontrollierbarer genetischer Verschmutzung, einer nach menschlichem Ermessen immerwährenden Vermüllung der Ozeane, dauerhafter Abtragung und Abtötung der Böden, jahrhundertelanger planetarischer Turbulenz des Luftraums, ökonomischer Dauerkrise und vieler anderer Facetten eines alle Raster sprengenden zügellos lebensfeindlich Unvernünftigen, das immer mehr und noch mehr Vernunft, Voraussicht und Kontrolle erforderlich zu machen scheint.</p>
<p>Worin gründet diese eigenartige Vernunft, die selbst ihr Gegenteil herbeizwingt?</p>
<p>Als Urgrund des Kapitals gilt nicht mehr ein fassungslos all-einiger Quell universellen Lebens, wie in vorpatriarchaler Zeit, ja, nicht einmal mehr ein ungleiches Menschenpaar, das ein in den erdfernen Himmel katapultierter Vatergott aus dem zu totem Staub erklärten lebendigen Boden stampft. Urgrund des Kapitals soll sein der Abgrund, der sich in den Reagenzgläsern und Versuchskammern seiner Firmen und akademischen Weihestätten auftut und im Nu die menschliche Welt – und damit sich selbst – zum Nichts machen kann. Die Macht, Leben zu gebären und zu behüten, ist ersetzt durch die Macht zu töten und zu zerteilen. Schon bei den aus den Steppen Südrusslands stammenden, frühindoeuropäischen Kurganreitern, die in das „Alte Europa“ (Marija Gimbutas), die „Donauzivilisation“ (Harald Haarmann) der Kupferzeit eindrangen und Waffen ehrten, später bei Abrahams Opfer und, mit technologischer Hebelwirkung vielfach vergrößert, in den Arsenalen dieser Tage.</p>
<p>Die Macht des Lebens besteht aus sich selbst heraus. Die Macht zu töten dagegen parasitiert, sie zehrt von etwas, was sie nicht schaffen, sondern nur kontrollieren kann. Sklave ist in Wahrheit sie, nicht das, was ihr als unterworfen gilt. Je mehr sie in ihrer Kontrollsucht überheblich voranschreitet, desto eher entpuppt sie sich als abhängig, hilflos und verheerend selbstzerstörerisch. Sie versteht immer mehr durch Zerlegung und begreift deshalb immer weniger. Der Entschlüsselung des genetischen Codes und der Gene der Menschen entspricht keine Einsicht in ihr Wesen und ihre Möglichkeiten. Die populationstheoretisch präzise Ausformulierung der Darwinschen Evolutionstheorie erklärt die großen Sprünge der Entwicklung des Lebendigen nicht. Die fortgeschrittensten Theorien der Physik eignen sich zum Bau von PCs, aber nicht mehr zum Verstehen der Welt. Gibt die Physik Einsicht in den Kosmos und der Menschen Stellung darin?</p>
<p>Die Autonomie des Lebendigen setzt sich als eine unbegriffene, unvorhergesehene Dynamik, chaotisch also, weil konzeptionell wie lebenspraktisch ausradierte Einheit, gegen die Macht des Tötens durch. Die sich über dem schwindelerregenden Abgrund des kapitalistischen Weltenbaus entwickelnde Risikowissenschaft und Sicherheitsforschung gleicht mehrfach multiplizierten Tabus und rituellen Methoden der Zukunftsschau – eine letzte Form bloß noch fiktiver Kontrolle, zu der eine Gesellschaft greift, die ihres herrschaftsbedingten Leidens nicht mehr Herr wird.</p>
<p><strong>Anpassung</strong></p>
<p>Die Reform, die seit den 1980er Jahren die permanente Revolution des Kapitals bezeichnet hat, wird abgelöst durch Anpassung. Wenn Form und Inhalt, der Zwang dieser Gesellschaft und das in Gesellschaft Gezwungene, immer mehr in Eins fallen, so kann es in der Tat kaum noch um Reformen gehen, also um eine Veränderung der Form, sondern muss die Veränderung des Inhalts, die Passbarmachung an eine als unveränderlich und unbeeinflussbar gedachte soziale oder natürliche Umwelt ins Zentrum rücken. So hat Roland Atzmüller unlängst die Rolle von Bildung für die Identifikation von Ich und Krise, den Zusammenfluss von menschlichem Innenraum und sozio-ökonomischer Außenwelt des Kapitals analysiert. Was John Holloway als „Wir sind die Krise“ in hoffnungsvoller Kritik entziffert, gerinnt in der Praxis des Kapitals zur umso schrecklicheren Affirmation: „Die Krise bist Du“.</p>
<p>Im Diskurs der Anpassung wird das im selben Maße wie die kapitalstaatliche Kontrolle anwachsende chaotische Meer des Unkontrollierbaren zum absoluten Äußeren erklärt und zugleich zum Innersten des Menschseins gemacht. Anpassung bezeichnet so die letzte Entäußerung, geradezu Selbstentleibung der Menschen, von denen außer Unpässlichkeit nichts übrig zu bleiben scheint.</p>
<p>Der Klimawandel bietet dafür ein Beispiel. Fast im selben Atemzug gilt er als Frucht planetarer Übervölkerung, als todbringende Konsequenz eines chaotischen Naturtriebs nach Fortpflanzung, und als Feind, gegen den man Krieg führen kann im „war on climate change“, als handelte es sich um das Alien eines fernen Planeten, das verhängnisgleich vom Himmel fiel. Das Kontrollversagen kann nur von noch mehr Anpassung, noch mehr Kontrolle kompensiert werden, das ist das eigenverantwortliche Abschneiden von Restwiderständigkeit, dessen, was in diese Welt nicht passt. Wo die Gesamtheit der Menschen als ärgerlicher Gesamtwiderstand den Lauf der Welt hemmt, wird ihre Selbstausrottung Stück für Stück zur letzten Konsequenz. Wenn die Deutschen ihren Krieg nicht gewinnen, so sollen sie eben krepieren, meinte Hitler.</p>
<p>Dass gerade die Evolution des Lebendigen, einem vorherrschenden Missverständnis zum Trotz, nicht aus Anpassung an eine vorgegebene Umwelt erklärt werden kann, wie die Organismische Evolutionstheorie zu zeigen begonnen hat, nimmt sich da wie eine Ironie der Wissenschaftsgeschichte aus. Die Ideologie der Anpassung ist ihrem biologischen Theoriehabitat entstiegen und verdoppelt den Alptraum, der das Leben in dieser Gesellschaft für viele, für andere in vielen Momenten und für alle in mancher Hinsicht ist. Die biologische Anpassung, als naturalisiertes Abziehbild des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft ursprünglich von Charles Darwin, vermittelt über den Soziologen Herbert Spencer, aus der Anschauung ihrer unentwickelten Manchester-Frühform entnommen, hat ihren Weg in die Gesellschaft zurückgefunden: Anpassung an den Klimawandel, an Peak Oil, an Unsicherheit.</p>
<p>Ehrbare Institutionen einer ehrlosen Gesellschaft ergehen sich in demographischen Prognosen, in immergleichen Wortschleifen werden Szenarien beschworen, die ein Bild der Ausweglosigkeit zeichnen, die eine Anpassung an das Verhängnis dieser Gesellschaftsform unausweichlich scheinen lassen und dieses Verhängnis damit in einer selbst erfüllten Prophezeihung erst zu vollstrecken trachten. In logischer Konsequenz der demographischen Zukunftsfiktion steht am Ende die Vernichtung der Ausrangierten. In logischer Konsequenz von Peak Oil steht am Ende die Abwicklung der Menschheit und der Tod der vielen Überzähligen. In logischer Konsequenz des Klimawandels steht am Ende die Umwandlung der blauen Himmelsatmosphäre in einen gelben Giftnebel, der angeblich vor weiterer Erwärmung schützen soll. So jedenfalls sind die Fluchtlinien der offiziellen Vorstellungen dieser Gesellschaft von sich selbst beschaffen.</p>
<p><strong>Herren-Zeit</strong></p>
<p>Die lineare, zerstückelte Uhr-Zeit dominiert andere Formen der Zeit, die sie behelligen und formieren, aber nicht auslöschen kann. Ihr Lauf selbst beschreibt in der analogen Mechanik einen Kreis, der Zyklus wird zur Metapher der linearen Zeit. Nur durch Zählen der Wiederkehr, der Rückkehr an den Ausgangspunkt, wird die Zeit als eine Abfolge gleicher Zeitstücke zuerst messbar. Und nur im Geist der bürgerlichen Vernunft setzen sich diese Zeitstücke zu einem Zeitpfeil zusammen, der linear von der Vergangenheit in eine endlose Zukunft weist. Digital ist es die Schwingung der Atome, ein zyklischer Prozess, der als maschinelle Metapher der linearen Zeit herhalten muss. Die Auslöschung aller Unterschiede, die diese konstruierte Zeit vorspiegelt und in limitierten Lebensbereichen auch ermöglicht, ruht auf der differenzierten Zyklizität und der Erschöpfung natürlicher Verläufe.</p>
<p>Die Uhr-Zeit bedient sich des Instruments anders gearteter Zeitformen, die dann nur mehr als Durchgangsform ihres Laufs erscheinen und nicht mehr mit dem Gewicht eigener Größe wirken. So ist der Kalender eine große Gestalt zyklischer Zeit, Einheit, Zahl und Abfolge der Monate ein tief sedimentiertes Relikt kreisläufiger Zeitfassung. Wie die Ware als Verkörperung von Geld-Wert erscheint, sich in ihr Gegenteil verkehrt, erscheint der Zyklus natürlicher Vorgänge so als Verkörperung einer Linearität.</p>
<p>In gleicher Art verkehrt sich in den Szenarien der permanenten Zukunftsschau, die diese Gesellschaft immer mehr zum existenznotwendigen Ritual ihrer Haltbarkeit erhebt, die Gegenwart in eine Verkörperung ihrer Zukunft. Das Reale ist dann immer noch nicht da, die Zeit des Friedens liegt immer erst vor uns. Das zeigt sich auch in den persönlichen Biographien. Das Kind gilt als kommender Lohnabhängiger und die Gesellschaft, in der es aufwächst, richtet es immer mehr aus auf das, was es nicht ist. Schon im Vorschulalter soll es Mathematik lernen, es soll sprechen können bevor es laufen kann, und am Besten hätte schon das Baby den Volksschulabschluss in der Tasche. In den USA machte neuerdings ein Buch Furore, das sich wie die systematische Heranzüchtung der ärgsten Seelenschäden ausnimmt, indem es dazu anhält, Kinder zu vermeintlichen Künstlern, Tausendsassas und Genies zu dressieren, mit Gefühllosigkeit und Härte, zum Nutzen der nationalen Wettbewerbsfähigkeit.</p>
<p>Der Lohnabhängige wiederum gilt als kommender Pensionist und Rentner und sein Sinn und Streben, das sich in einem wuchernden Versicherungswesen und der Verschiebung von Lebensträumen (und damit des Lebens selbst) ausdrückt, zielt auf etwas, was er nicht ist. Als Pensionistin und Rentnerin schließlich lebt eins notgedrungen da, wo alles ist, und in dieser Gesellschaft daher nichts: im Jetzt. Nach dem Tod der Idee vom Jenseits und der vor das Patriarchat zurückreichenden Idee der Wiedergeburt gibt es dann nichts mehr, worauf hin sich eins zukunftsflüchtig gesellschaftskonform ausrichten könnte, wohin sich anzupassen es vermöchte. Also revoltiert sich eins in die eigene endlose Gegenwart oder leidet darunter oder zerbricht daran.</p>
<p>Woher kommt die Idee der endlos linearen abstrakten Zeit?</p>
<p>Die Idee der Geschichte als Linearität ist vermutlich alt, aber nicht so alt, dass nicht die Idee der Geschichte als Zyklus als eine ursprüngliche kenntlich würde, bei Platon oder in der Archäologie Europas vor der Durchsetzung des Patriarchats, wo Gräber in Gestalt weiblicher Innenkörper angelegt und der Tod offenbar als Wiedereintritt in das Mysterium undifferenzierten Lebensquells konzipiert war. Wie auch immer die Entwicklung der Idee unfruchtbarer Linearität über das patriarchale Heidentum und dann Christentum zu zeichnen ist, sie erhält noch eine Zuspitzung mit der Durchsetzung des Kapitals und der es begleitenden bürgerlichen Denkweise.</p>
<p><strong>Die Last der Vergangenheit scheint aus der Zukunft hereinzubrechen</strong></p>
<p>Die Substanz des Kapitals ist eine Fiktion, die Idee, dass menschliche Lebenszeit sich in Diensten oder Dingen wie ein körperloser Gegenstand vom Leben selbst absondern und in Zahlenform verkörpern lässt. Das Kommando der Kapitalisten über die Arbeitskraft der Gesellschaft lässt sich reduzieren auf die Verfügung über fremde Zeit. Anders als in der Verfügung der Feudalherren über die Zeit der Bäuerinnen und Bauern ist der Effekt der kapitalistischen Verfügung über die Zeit der Lohnabhängigen eine Entäußerung ihrer Lebenszeit, die sich den Produkten der lebendigen Tätigkeit unter diesem Kommando anzuheften beginnt und sie wie mit eigenem Leben begabt, das schließlich auch die Herren selbst unter Kuratel stellt. Wie unsichtbar bildet die zum abstrakten Wert der Waren geronnene und in Gestalt des Kapitals als fremde Macht der Gesellschaft entgegentretende festgefrorene Lebenszeit der arbeitenden Klasse die Beziehung zwischen Herren und Untertanen. Fast so, John Holloway folgend, als hätte sich das Verhältnis der Herrschaft im Verlauf der sozialen Kämpfe des ausgehenden Mittelalters bis an seine äußerste Grenze gespreizt, indem es die harten Fesseln der persönlichen Verbindung gegen die Leine des stummen Zwangs fiktiv entäußerter Lebenszeit austauscht, der die arbeitende Klasse wie von selbst immer wieder unter das Kommando zwingt, rhythmisiert freilich von der lauten Gewalt des Staates, der nicht ohne die allzu persönliche Faust der Polizei auskommt.</p>
<p>Wo die Produkte des Lebens als vergegenständlichte Zeit gelten, verliert es selbst seine Kraft, hört auf, wenn es sich nicht mit seiner Zeit wiederverbinden kann. Das jedoch geschieht so, dass es sich dem Taktstock dieser Zeit, dem Kapital und seinem Verwertungszyklus, unterwerfen muss. Nur dann erhält es Lohn und folglich Brot. Der Abzug der Zeit vom Leben und deren künstliche, an zahlreiche Bedingungen gekoppelte und daher ständig prekäre Wiederverbindung macht beides separat und spaltet ihre organische Einheit. Die Illusion entsteht, die Zeit könnte ohne das Leben existieren, womöglich sogar ohne den Kosmos, Füllung und Fülle der Welt. Als könnte die Zeit selbst einen Lauf vollziehen und uns sich unterwerfen.</p>
<p>Auf Basis dieser sozial durchgesetzten und in den Strukturen der Ideologie eingelassenen Illusion, die der Illusion ähnelt, die Macht des Tötens könne in Selbstumkehrung das Leben neu erschaffen, entfaltet sich die dem Kapital eigene Zyklizität. Sie zeigt sich zuerst als Rückkehr der vorgeschossenen Summe Geld zu ihrem Ausgangspunkt und durch Vergleich entlang des Zeitpfeils Ableitung der Profitrate. Aus der Überlagerung von linearer Uhr-Zeit und bloß quantitativem, produktivem Zyklus der Akkumulation ergibt sich das Kapital als Inbegriff von Geschichte. Auf Seiten der den Wert bildenden abstrakten Arbeitszeit und der sie möglich machenden Hausarbeit, die Verwertung speisend, gibt es dagegen nur ewige Wiederkehr zum Ausgangspunkt Null, reproduktiven Zyklus, Verlängerung der proletarischen Kondition, mit Nichts als der Hände und des Kopfes Arbeitskraft zur Vermehrung einer fremden Macht über sie selbst beizutragen und zu bloßer Potenzialität zurückzukehren, als Stoff eines anderen Geistes.</p>
<p>So sehr sich diese Macht aufbaut, wird indes die Last der Vergangenheit erdrückend, die getane Arbeit vergangener Hände und Köpfe beschwert jede weitere Handlung anstatt sie zu erleichtern, sie engt den Lauf der Dinge ein und zieht ihn hinab in einen Zirkelschluss aus vergangenen Schrecklichkeiten, die künftige Schrecklichkeiten notwendig hervorzurufen scheinen und deren Mittelglied eine uns immer weiter auf den Pelz rückende Anpassung bildet.</p>
<p>Die Kollision der auseinander laufenden Zeit-Dinge, die sich gegeneinander verselbstständigen, einerseits und der Zeit-Dinge mit der Zeit der Natur und der Menschen andererseits ist vorgezeichnet. Die Zyklizität des Kapitals, die sich in den differenten Umschlagsdauern der einzelnen Kapitalien konkretisiert, verdichtet sich kollektiv und zerbricht immer wieder an der Widerständigkeit der Welt, ein Widerspruch, der sich in den Akkumulations- und Krisenzyklen niederschlägt.</p>
<p><strong>Hier und Jetzt</strong></p>
<p>Die Möglichkeit der linearen abstrakten Uhr-Zeit, die, wie zu sehen war, zyklische Naturzeiten als maschinelle Metapher für etwas Anderes nimmt, sagt nichts aus über ihre objektive Realität. Die Fähigkeit der Menschen, Uhren zu bauen, die alle in der gleichen Weise funktionieren, auf die Sekunde, Millisekunde und Nanosekunde genau und noch genauer, sagt etwas aus über diese Fähigkeit, aber nichts weiter.</p>
<p>Daraus zu schließen, die Zeit verliefe von hinten nach vorne, wie eben in einem Zeitpfeil metaphorisch, als eine nur räumlich denkbare Anordnung dargestellt – und die Zeit ist scheinbar immer nur als Raum denkbar, jedenfalls in indoeuropäischen Sprachen Europas, ein Hinweis auf die wesentliche Verwobenheit dieser beiden Realitätsmomente – dieser Schluss ist voreilig.</p>
<p>Existent ist realiter, das heißt in der unmittelbaren Erfahrung, nur das Hier und das Jetzt. Alle Vergangenheit ist in diesem bewegten Zustand enthalten, der unbeholfen gesagt das Leben selbst ist, ebenso alle Zukunft. Die Vergangenheit und die Zukunft, die, personifiziert fast wie Götter, unsere Sprache und damit zwangsläufig auch unser Denken bevölkern, sind Fiktion. Diese Fiktionen verweisen auf etwas Reales, andernfalls hätten sie nicht die kollektive Lebenswelt bestimmend zur sozialen Denknorm erhoben werden können – allerdings gibt es auch andere Sprach- und Denkstrukturen, die ohne Zeitbegriff im indoeuropäischen Sinn auskommen, was sie als gleichermaßen mögliche und damit reale Welten ausweist. Dieses Reale existiert jedoch immer nur in einem Punkt, nur dort kann es erfahren werden. Auch die Planung von Zukunft, die Trauer um Vergangenes findet statt in einem Hier und Jetzt, das nichts kennt außer sich selbst, ununterschiedene Gegenwärtigkeit, ewige Momentaneität im Sinn einer augenblicklichen Zeitlosigkeit.</p>
<p>Nicht existiert etwas außer allem, was jetzt existiert.</p>
<p><strong>Freisein</strong></p>
<p>Ein wahres Paradox, kann Befreiung weder individuell noch kollektiv als Bewegung hin auf eine Zukunft konzipiert werden. Sie ist wesentlich Freisein, das ist oder ist nicht und widerspricht der Idee des Fortschritts, der sich einer unerreichbaren Zukunft nähert. Sie kann freilich in Stücken geschehen, aber sie selbst existiert, sei es als ein Stück oder als ein Ganzes, nur und immer hier und jetzt. Sicherlich hat eine Befreiung bestimmte Voraussetzungen. Die können aber nicht in der Zukunft liegen, sie müssen vielmehr im Hier und Jetzt, das heißt zugleich immer wieder neu, beständig gegenwärtig eingespürt und aufgefühlt werden, ohne Ausflüchte in eine Fiktion von Gegenwart an einem anderen Ort am Zeitpfeil.</p>
<p>Man kann immer eine logische Erklärung der Zwangsläufigkeit der Vergangenheit konstruieren. Man könnte in hundert Jahren eine zwangsläufig schlüssige Erklärung des Verlaufs des uns Heutigen Gegenwärtigen geben. Man wäre indes ebenso gut in der Lage heute eine exakte Prognose des morgen nicht Eingetretenen zu geben – und tut dies mit nicht näher bekannter Sicherheit in unzähligen Fällen.</p>
<p>Das Kapital findet seinen Urgrund in der Auslöschung aller Differenz und damit allen Sinns in seiner Doppelbewegung aus der immer gleichen Rückkehr-Schleife entlang eines sich endlos erstreckenden Zeitpfeils, der aus seiner Akkumulation eine Art von Dauerspirale macht. Der Ideologie der Bedürfnisbefriedigung, die seine Verfechter ins Feld führen wollen, spricht der realen Unmöglichkeit, dieser Zeitstruktur gemäß je zufrieden zu sein, Hohn. Der Student, der seine wahren Leidenschaften unterdrückt, um dereinst, nach Abschluss seiner Ausbildung, in geruhsamer beruflicher Stellung das zu tun, was ihm wirklich Freude macht, nimmt Erich Fromm zum Beispiel, erliegt einer Illusion. Ein Milliardär könnte mit seinen finanziellen Mitteln ein Übermaß an Gutem tun und tut es eben genau deshalb nicht, weil er als Milliardär von solchem Charakter sein muss, der verhindert, dass er sein Geld altruistischen Zwecken widmet. Ein Milliardär, der keiner sein will, wäre keiner geworden.</p>
<p>Der Weg bestimmt das Ziel, das erreicht werden kann. Gilt der Weg als Metapher für die Linearität der abstrakten Zeit, so ist der Schritt das Bild der Zyklizität organisch differenziert gegliederter, rhythmisierter Zeit. Ebensowenig wie Sinn und Freude einer musikalischen Darbietung in ihrem Schlussakkord liegen, sollte die Konzentration auf die Bedingungen des Freiseins sich in eine Weg-Ziel-Dichotomie zerstreuen. Befreiung liegt im Verlust von Fußfesseln, nicht im Erreichen eines Ziels.</p>
<p>Es darf Abschied genommen werden davon, etwas erreichen zu sollen, dessen Voraussetzungen sich nicht schon vollständig, und seien sie noch so tief verborgen, im Hier und Jetzt finden. Der Macht des Hier und des Jetzt sollte der Vorzug gegeben werden gegenüber der Entleibung aller Wesenskräfte in die Fiktion einer Zukunft, die wie aus einem Schattenreich unangreifbar uns in ihren Zwang einbannt.</p>
<p>Zukunft ist nicht, Gegenwart alles.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Land Grabbing: Win-Win oder Win-Lose?</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 20:34:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie / Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
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<p><em>von Andreas Exner</em> <span id="more-10432"></span></p>
<p>Die <a href="http://farmlandgrab.org/">neue Landnahme</a> von Staaten und Unternehmen des Zentrums und der Semiperipherie in Afrika und anderen Regionen des globalen Südens, das so genannte Land Grabbing, wird von der Weltbank, UN-Organisationen und einigen NGO verteidigt. Die Landnahme sei ein Win-Win für die Investoren ebenso wie für die Bäuerinnen und Bauern oder Viehnomaden, die das Land bereits nutzen &#8211; würden Menschenrechte eingehalten, Bodenmärkte etabliert und freiwillige Selbstverpflichtungen erarbeitet.</p>
<p>Daran ist vieles falsch &#8211; ausführlich diskutiere ich verschiedene Aspekte in dem <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/wp-content/uploads/Teilbericht_4a_Biomasse_Exner_Schlussversion.pdf">Bericht für das Projekt &#8220;Save our Surface&#8221;</a>. Erstens würden Bodenmärkte die soziale Polarisierung, die Exklusions-Logik und damit den Hunger verschärfen, zweitens endet an den Grenzen des fossilen Energieregimes auch die Perspektive des Aufbaus einer groß angelegten kapitalistischen Industrie. Eine solche Perspektive wäre jedoch mindestens notwendig, um jene Menschen aufzufangen, die durch Mechanisierung der landwirtschaftlichen Produktion ihre Subsistenz- und Einkommensmöglichkeiten verlieren (sofern man eine kapitalistische Industrialisierung überhaupt für erstrebenswert halten will).</p>
<p>Davon abgesehen ist die Realität so weit davon entfernt, dass Menschenrechte eingehalten würden, formelle Bodenmärkte nach westlichem Vorbild und unter breitem Einschluss der bisherigen Nutzerinnen und Nutzer des Landes entstünden oder gar Investoren freiwillige Selbstverpflichtungen erarbeiteten und einhielten, dass die schöne Hoffnung auf Win-Win nur die schlimme Wirklichkeit von Win-Lose vertuscht.</p>
<p>Dennoch tauchen in dieser Debatte immer wieder angebliche best practice-Beispiele auf. Vor allem die Vertragslandwirtschaft gilt vielen als Modell einer gedeihlichen Kooperation von Investoren und Kleinbäuerinnen und -bauern. Vertragslandwirtschaft bedeutet, dass eine Firma Düngemittel, Maschinen und Know How bereitstellt, damit die kleinbäuerlichen Betriebe mit maximaler Produktivität für die Firma arbeiten können. Sie stellen Biomasse für Agrofuels oder Nahrungsmittel für den Export her. Die Firma verpflichtet sich im Gegenzug zur Abnahme der Produkte. Die Bäuerinnen und Bauern produzieren auf Vertrag, ähnlich wie viele Menschen im frühkapitalistischen Verlagswesen in Heimarbeit Textilien herstellten.</p>
<p>Es ist durchaus möglich, dass solche Vertragsbeziehungen vereinzelt oder regionsweise Vorteile für bestimmte Gruppen von Bäuerinnen und Bauern bringen. Das ist weiters nicht verwunderlich. Die cash crop-Produktion im Allgemeinen hat ja schon bislang beileibe nicht alle kleinbäuerlichen Betriebe ins Unglück gestürzt. So berichtet etwa Sarah Berry im Buch „No Condition is Permanent“ von der sozialen Aufwärtsbewegung in bestimmten Schichten Westafrikas seit der Kolonialzeit, die von der Kakaoproduktion für den europäischen Markt profitierten.</p>
<p>In Tanzania sind die Chagga ein solcher Fall erfolgreicher unternehmerischer Bauern. Allerdings ist bei den Chagga nicht nur der Reichtum, sondern auch der Anteil der unterernährten Menschen überproportional hoch. Dieses paradoxe Muster zeigt sich auch in anderen Regionen – ich gehe im Buch “<a href="http://www.mandelbaum.de/books/806/7397">Kämpfe um Land</a>“ darauf ein.</p>
<p>Es spielt hier gerade die Kommerzialisierung mitsamt der Etablierung formeller oder informeller Bodenmärkte (vor dem Hintergrund des modernen Patriarchats) eine entscheidende (negative) Rolle.</p>
<p>Analysiert man nun im Besonderen das Modell der Vertragslandwirtschaft, so zeigen sich folgende Probleme:</p>
<p>1. integriert die Vertragslandwirtschaft zumeist nur die bereits relativ gut gestellten Haushalte (und natürlich nur jene, die über ausreichend Land verfügen). Arme bleiben ausgeschlossen, die soziale Spaltung wird vertieft.</p>
<p>2.       steigen mit den steigenden Einnahmen aus der Vertragslandwirtschaft auch die Ausgaben und das Risiko. Hängt der Ertrag eines kleinbäuerlichen Haushalts, der subsistent produziert, vor allem von seinem Arbeitseinsatz und vom Wetter ab, so ist er in der Vertragslandwirtschaft dem Markt für seine Exportprodukte, dem Markt für die Inputs (Dünger etc.) und den Machenschaften der Firma, mit der er in Beziehung steht, ausgeliefert.</p>
<p>Die Produktion von Agrofuels aus Biomasse ist im Rahmen von Vertragslandwirtschaft genauso problematisch wie im Fall von Plantagen. Agrofuels verschärfen die Flächenkonkurrenz zwischen Biomasse und Nahrungsmitteln. Und aufgrund der expandierenden Märkte für Agrofuels werden die Preise von Nahrungsmitteln (Zucker, Stärke, Öl) an den steigenden Preis der fossilen Ressourcen gekoppelt. Auch die Vertragslandwirtinnen haben dabei letztlich das Nachsehen. Denn wenn sie nicht ausreichend für ihre eigene Ernährung produzieren, müssen sie Nahrungsmittel zukaufen, deren Preis jedoch im Zuge der Ausweitung der Agrofuelerzeugung steigt.</p>
<p>Wäre es nicht möglich, dass die Konsumenten von Agrofuels im Norden einen Aufschlag zahlen, damit die Vertragslandwirtinnen im Süden daraus einen Nutzen ziehen? Denkbar wäre das, einzelne Firmen, die gerade das „gute Gewissen“ als ihre Nische nutzen  wollen, könnten solche Modelle umsetzen und tun dies auch. Diese Modelle funktionieren, solange die meisten Firmen „unmoralisch“ produzieren lassen. Denn aus der Imagedifferenz zwischen den &#8220;Guten und den &#8220;Bösen&#8221; beziehen die &#8220;guten, ethischen Firmen&#8221; ja ihren Marktvorteil und damit Gewinn. Grundsätzlich sind &#8220;ethische&#8221; Modelle jedoch auch nur solange tragfähig, als Peak Oil und andere Krisentendenzen nicht die Nachfrage im Norden einschränken. Die allgemeinen, oben genannten Probleme der Agrofuelproduktion lassen sich damit freilich in keinem Fall beheben.</p>
<p>Unter anderem die Weltbank plädiert für Vertragslandwirtschaft. So ließen sich das politische Risiko offener Enteignung vermeiden und die Kosten der Produktion senken. Während auf Plantagen recht hohe Ausgaben für die Kontrolle der Arbeitskräfte anfallen, erübrigt sich eine externe Überwachung im Fall kleiner Familienbetriebe. Die Abnehmerfirmen können zudem ihr Produktionsrisiko auf die Bäuerinnen und Bauern auslagern.</p>
<p>Strategisch-politisch gibt es mit der Win-Win-Ideologie und der angeblich vorteilhaften Vertragslandwirtschaft noch ein grundsätzliches Problem. Gerade weil die Bäuerinnen und Bauern etwa in Afrika derart auf &#8220;Hilfe&#8221; von Außen angewiesen scheinen, sind die Kräfteverhältnisse zwischen ihnen und den Investoren derart ungünstig, dass eine solche &#8220;Hilfe&#8221; im großen Maßstab nicht zu erwarten ist. Denn &#8220;Hilfe&#8221;, so realistisch sollte man schon sein, gibt es im Kapitalismus nicht &#8211; es ist letztlich alles eine Frage der sozialen Kräfteverhältnisse.</p>
<p>Die Vertragslandwirtschaft hat auf diese Kräfteverhältnisse vermutlich sogar eher einen negativen Effekt. Denn die Marktlogik der Zersplitterung der Produzierenden kann die Organisationsfähigkeit und solidarische Kollektivität der Bäuerinnen weiter schwächen (wo sie die Marktwirtschaft nicht schon zerstört hat).</p>
<p>Schließlich ist immer auch der politische Kontext der Win-Win-Debatte und der Hoffnung auf ein faires Modell der Vertragslandwirtschaft im Auge zu behalten. Die Weltbank versucht damit die Kommerzialisierung von Land voranzutreiben und ideologisch zu legitimieren. Best practice-Beispiele haben in diesem Kontext eine sehr problematische Funktion.</p>
<p>Denn keine einzige der Bedingungen des Win-Win als einer systematischen Beziehung zum Nutzen breiter Schichten der ländlichen Bevölkerung ist gegeben &#8211; anstelle einer ziemlich zufälligen und von sehr besonderen Bedingungen abhängigen Beziehung zwischen einer einzelnen Firma mit &#8220;ethischem&#8221; Anstrich und ihren Bäuerinnen und Bauern.</p>
<p>Damit legitimiert die Haltung der Weltbank die Landnahme letztlich. Die Weltbank sagt in etwa: Ja, die steigende Nachfrage nach Land verursacht viele Probleme und Land Grabbing ist nicht okay, aber die grundsätzliche Dynamik der Nachfrage nach Land ist gut, wir müssen sie nur anders regeln. Wie das geht, das zeigen uns die &#8211; wenn überhaupt vorhandenen, dann sicherlich sehr seltenen &#8211; best practice-Beispiele, meint die Weltbank.</p>
<p>Man setzt also voraus, dass die Dynamik der profitorientierten Nachfrage nach Land grundsätzlich aufrecht erhalten werden muss. Und in der Tat hat die Weltbank seit den 1980er jahren ja auch alles daran gesetzt, dass landwirtschaftliche Flächen heute zu einem Top-Anlageobjekt aufgestiegen sind. Der Fokus auf einzelne gute Beispiele oder solche, die zumindest nicht schwere Misstände aufweisen, ist eine ideologische Strategie &#8211; einmal davon abgesehen, dass solche Beispiele, die zumindest ohne schwere Misstände auskommen, kaum existieren. (Ein richtig &#8220;gutes&#8221; Beispiel ist mir bislang unbekannt.)</p>
<p>Der Blick auf best practices soll von den Strukturen des Kapitalismus ablenken, die verhindern, dass aus Win-Lose ein Win-Win für alle wird.</p>
<p>Win-Win, das wäre Kommunismus.</p>
<p><em>zuerst erschienen auf: <a href="http://www.social-innovation.org">social-innovation.org</a> am 12.11.11</em></p>
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		<item>
		<title>Fukushima: le vrai visage du capitalisme</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Oct 2011 12:31:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/fukushima-le-vrai-visage-du-capitalisme">Fukushima: le vrai visage du capitalisme</a></p>
<p><em>par Andreas Exner / Traduction : Sînziana</em> <span id="more-10209"></span></p>
<p><a href="../2011/fukushima-kapitalismus">deutsche Version</a> / <a href="http://www.streifzuege.org/2011/fukushima-and-capitalism">English version</a></p>
<p>Cette horreur n’en finit pas. Fukushima, 11-septembre de notre système énergétique fondé sur l’utilisation du nucléaire et des combustibles fossiles. Le cauchemar d’un monde qui ne s’intéresse qu’au profit et à l’argent apparaît en résumé dans ce terrifiant réacteur nucléaire, émetteur d’invisibles et mortels rayonnements. Au vu des images et des informations qui nous parviennent du Japon, on croirait assister à un film catastrophe. L’idée que nous nous faisions du potentiel destructeur inhérent au capital semble s’être soudain matérialisée. Quelqu’un a fait remarquer un jour que nous avions moins de difficultés à nous représenter la destruction et les souffrances de populations entières que la vie dans une société fondée sur les notions de partage, d’attention, de coopération. Comment pourrait-il en être autrement ? Le monde ne se montre-t-il pas tel que nous le concevons ? Et de toute éternité nous l’avons conçu ainsi, puisque c’est ainsi qu’il nous apparaît.</p>
<p>Le capitalisme et ses innombrables atrocités nous semblent plus crédibles qu’aucune alternative : nous croyons au capital, funeste promesse d’une croissance infinie, et cyniquement nous lui rendons grâce, comme si la domination de l’homme sur l’homme et sur la nature participait à la grandeur de l’homme. Sans le capitalisme, dit-on, les forces productives n’auraient pas connu un développement aussi faramineux. Sans le capitalisme, nous habiterions encore de sombres masures de pierre et passerions nos journées à trimer sur des terres ingrates. Sans le capitalisme, il n’y aurait ni téléphones portables ni internet. Sans le capitalisme, nous serions incapables de soigner les cancers causés par les rayonnements radioactifs s’échappant de nos centrales. Et l’on en conclut que, sans le capitalisme, la vie serait bien pire.</p>
<p>Quel est le prix à payer pour atteindre une société de partage, d’attention et de coopération ? un autre Fukushima ? deux autres ? trois, quatre, cent autres Fukushima ? C’est une folie, évidemment. Et pourtant, nous avons érigé cette folie en système.</p>
<p><strong>Une richesse au goût amer</strong></p>
<p>Mettre les bienfaits supposés du capital en regard de l’invraisemblable lot de souffrances qu’il a causées, cause encore et continuera à causer tant que nous ne l’arrêterons pas, constitue une tâche déplaisante mais nécessaire. En l’occurrence, les innovations techniques imaginées par l’esprit humain et mises en œuvre par le capital au mépris des besoins matériels et des limites écologiques, quand ce n’est pas purement et simplement contre l’homme, ne peuvent même pas être portées au crédit du capital. Génie et inventivité ont toujours jailli partout où les hommes se sont associés et sans qu’il soit jamais nécessaire de les payer pour cela. En revanche, on peut imputer au capital la machine à faire de l’argent dans le seul but de faire de l’argent, machine implacable et totalement dépourvue de sens (mais pas d’objectifs) qui a soumis toute chose à sa loi à partir du moment où l’argent est devenu la forme dominante de « richesse » – un mot que l’on ose à peine prononcer dans ce monde qui a épousé la forme de l’argent. Mais cet argent qui constitue la forme inquestionnée de la « richesse », cette économie de marché qui dicte aux gens la manière incontournable dont ils doivent organiser leur existence, sont en réalité la cause de souffrances énormes et inutiles, en même temps que l’obstacle à tout changement.</p>
<p>Qu’entend-on par « capital » ? Le fait que certains hommes se voient contraints de vendre leur force de travail car c’est leur seul moyen d’existence ; que d’autres achètent cette force de travail car ils possèdent les moyens de production : les machines, les usines, les matières premières, la terre. La vente et l’achat, l’argent et le marché font le lien, constituent les rapports sociaux entre les uns et les autres. Marché et capital sont deux aspects d’un seul et même système. Le marché est la sphère où le capital réalise ses profits par le biais d’honnêtes ventes et s’approprie sans difficulté, par d’innocents achats, tout ce qui est nécessaire à l’exploitation : produits de la nature et matériel humain, métaux, énergie, terre et travail.</p>
<p>L’Etat, quant à lui, garantit que cela continuera éternellement : en gratifiant les travailleurs de quelques « prestations sociales », afin qu’ils se résignent à leur sort et se disent même que tout ne va pas si mal ; en envoyant de temps à autres la police et l’armée dès que quelqu’un relève la tête ; en contrôlant toujours davantage tous les aspects de l’existence, afin d’écraser dans l’œuf toute inquiétude, toute résistance, toute ébauche de société différente qui ne pourrait pas être absorbée et utilisée par le système. L’Etat est loin de se résumer à la police, l’armée, la justice et le gouvernement ; il faut lui inclure tout l’ensemble formé par les syndicats, les écoles et les universités, les entreprises, les journaux, les chaînes de télé, les associations, les ONG, les partis politiques, etc. – en un mot, les mille organisations chargées de maintenir le <em>statu quo</em> et de prévenir, par la terreur et la persuasion, toute remise en cause du capitalisme.</p>
<p><strong>Des siècles de souffrance</strong></p>
<p>Depuis ses premiers balbutiements, la forme de rapports sociaux que l’on désigne sous le nom de capital porte en germe la dévastation. Figures du désastre : en Europe occidentale, l’expulsion des paysans hors de leurs terres dès l’aube des temps modernes ; dans les pays du bloc « communiste » (en réalité, des capitalismes d’Etat), une modernisation de rattrapage qui se solda par des millions de morts ; l’expropriation et le déplacement forcés des habitants des ex-colonies consécutivement à l’obtention d’une indépendance toute formelle ; la suppression de terres agricoles qui nourrissaient d’immenses populations afin de faire place aux besoins consuméristes des classes moyennes autochtones en plein essor ; la réduction massive des Africains en esclavage ; la soumission de plus en plus rigoureuse des femmes à la loi masculine par la négation pure et simple de leurs droits à l’émancipation, à l’instruction et aux positions de pouvoir ; le pillage des colonies, la stigmatisation raciste de leurs habitants et la restructuration de leurs appareils étatiques pour servir les besoins du capital ; la destruction ciblée de l’artisanat, aussi bien en Europe que dans les colonies ; l’embrigadement des populations dans l’armée, les <em>workhouses</em>, les prisons, les hôpitaux psychiatriques, l’école, la ville planifiée ; et l’élimination de tous ceux qui ne parvenaient pas à s’adapter, ou le refusaient obstinément, se rebellaient et tentaient de bâtir autre chose : une société humaine fondée sur le partage et la coopération.</p>
<p>La dévastation gagne du terrain partout où s’installe le capital : à travers ses crises à répétition comme aussi ses périodes de prospérité, qui ne font qu’accroître la violence de la crise suivante et créent chez une partie des salariés un illusoire sentiment d’opulence reposant sur la consommation de marchandises, lesquelles servent à compenser le manque de liberté et à rétribuer les services rendus à l’ordre capitaliste ; à travers la misère de ceux que le capital refoule en masse vers les bidonvilles, les <em>sweatshops</em> et les usines ; à travers les guerres et autres campagnes d’extermination menées par le capital et son vassal, l’Etat. Tantôt la dévastation résulte d’un froid calcul, comme lors du putsch néolibéral de 1973 contre le président chilien Allende, tantôt on est à la limite de la démence, comme avec la « stratégie du fou » de Richard Nixon<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> vers la fin de la guerre du Vietnam, avec les milliers de soldats de 14-18 se précipitant ensemble à travers le <em>no man’s land</em> de mines et de grenades vers une mort certaine, avec enfin les moments de pure aliénation de l’Allemagne nazie finissante, quand l’assassinat des Juifs prenait le pas y compris sur les considérations militaires.</p>
<p>Le désastre planétaire que nous appelons capital n’apparaît pas encore dans toute son ampleur. Quantité de choses que la plupart de nos contemporains considèrent comme des « progrès » ou des « bienfaits » du capitalisme, comportent un héritage mortel dont le vrai visage ne se montrera pas avant des années, des décennies ou des siècles : le changement climatique, les déchets nucléaires, les substances toxiques, les OGM, l’exode rural, les zones mortes de l’océan, sans oublier une infrastructure qui, compte tenu des procédés de production, des passions humaines et des institutions qui lui sont liés, forme un ensemble dangereusement dépendant d’un système énergétique mortifère. Ledit système énergétique doit de toute façon faire face, dans un avenir proche, à un complet effondrement des ressources, qui n’épargnera pas celles indispensables aux centrales nucléaires. Mais d’ici là, il est encore capable de faire de la vie sur terre un enfer sans issue, si nous n’intervenons pas pour y mettre un terme.</p>
<p><strong>D’Hiroshima à Fukushima</strong></p>
<p>Si le Japon opta pour le nucléaire, c’est notamment parce que le pays, passé par une phase de modernisation capitaliste, ne disposait pas sur son territoire des capacités de production d’énergie nécessaires à ses besoins. Au début de la Seconde Guerre mondiale, le boycott américain menaçait le Japon. Craignant par-dessus tout d’être privé d’approvisionnement en pétrole, sur lequel s’appuyait déjà un système capital-marché-Etat en plein essor, le Japon répliqua par une brutale politique d’expansion impérialiste. Au bout du compte, l’indicible kyrielle de souffrances que fut la guerre mondiale s’acheva lorsque les Etats-Unis, se retranchant derrière l’absconse logique de mort des nécessités militaires, mirent l’énergie de l’atome au service de la pure destruction qui reste aujourd’hui encore associée aux noms d’Hiroshima et Nagasaki. Et cette fin était aussi un commencement, celui de l’industrie nucléaire civile qui s’imposa, d’abord avec moult hésitation, puis de façon toujours plus enthousiaste à partir des années 1980, et fournit au capital japonais et au mode de vie de ses salariés des quantités d’énergie sans cesse croissantes.</p>
<p>Ce qui débuta à Hiroshima ne conduisait pas inéluctablement à Fukushima. Bien que la catastrophe actuelle, d’autant plus insupportable que ce sont les hommes eux-mêmes qui en sont responsables, nous frappe et nous bouleverse au plus haut point, il est cependant un fait encore plus terrifiant mais dont la plupart d’entre nous n’ont pas encore pleinement pris conscience, à savoir que Fukushima constituera à terme un infime détail dans le paysage d’horreur et de dévastation que le capital nous prépare, si nous ne l’arrêtons pas. Au Fukushima du nord-est de Honshu, Japon, succèdera un « Fukushima du charbon » qui aggravera encore le dérèglement climatique – bien qu’il soit dès maintenant réclamé à grands cris par les défenseurs du système, au titre d’une « alternative propre » au nucléaire. Par ailleurs, nous vivons d’ores et déjà un « Fukushima de la biomasse » qui se traduit par une stupéfiante mainmise sur les terres du monde entier, arrachant à de vastes populations leurs moyens de subsistance – mais que les défenseurs du système brandissent néanmoins comme une source d’« énergie verte illimitée ». A ne pas confondre avec le « Fukushima des matières premières » que signifierait la mise en œuvre des énergies renouvelables sur une vaste échelle : exploitation de la planète jusqu’au dernier gramme de métal, destruction des conditions propices à la vie jusques et y compris dans les dernières zones protégées, et éradication des résistances à l’avènement du vide mental absolu – quoiqu’évidemment, aux dires de leurs nombreux zélateurs, ces énergies permettraient de rassasier l’immense soif du système capitaliste. Tournant en boucle sur les écrans de télé, le désastre qui a nom capital plonge le spectateur dans l’épouvante et l’apathie.</p>
<p><strong>Fukushima est partout. Fukushima est le capitalisme</strong></p>
<p>Mettre fin au règne du capital, du marché et de l’Etat est une solution. Elle permettrait la fondation d’une société nouvelle basée sur le partage et la coopération, une forme sociale susceptible de perdurer aussi longtemps que l’espèce humaine. Mieux : si nous voulons que l’espèce ait un avenir durable – et pourquoi pas la belle vie ? – il n’y a d’autre solution que d’établir cette société de partage et de coopération. Et c’est urgent.</p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Paru dans la revue allemande <em>Streifzüge</em> n°51, mars 2011 : . (Ndt)</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> <em>Madman-Taktik </em>: Espérant ainsi accélérer les négociations, Nixon imagina de faire croire aux communistes qu’il était assez fou pour recourir à la bombe atomique. (Ndt)</p>
</div>
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		<title>“Kämpfe um Land” auf der Frankfurter Buchmesse</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Oct 2011 08:47:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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<h3>NEU-Erscheinung zum guten Leben im postfossilen Zeitalter</h3>
<p><span id="more-10128"></span></p>
<p>Die Autoren Elmar Altvater und Werner Zittel stellen im Rahmen der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober, um 12.00 Uhr die NEU-Erscheinung “Kämpfe um Land. Gutes Leben im postfossilen Zeitalter” vor, zusammen mit der <em>jungen Welt.</em> </p>
<p>Ort: Stand der <em>jungen Welt</em> (Halle 3.1, Stand A 198)</p>
<p>Moderation: Andreas Hüllinghorst</p>
<p>Elmar Altvater und Werner Zittel sind an diesem Tag von 10.00 bis 11.30 am Stand des <a href="http://www.mandelbaum.at/news/0/0/215">mandelbaum Verlags</a> anwesend.</p>
<p>EXNER, Andreas / FLEISSNER, Peter / KRANZL, Lukas / ZITTEL, Werner (Hg.)<br />
Kämpfe um Land. Gutes Leben im post-fossilen Zeitalter.</p>
<p>Erschienen in der Reihe <em>mandelbaum kritik &amp; utopie</em>, 2011</p>
<p>Inhalt</p>
<p>2008 zeigte sich die harte Realität der kapitalistischen Ökokrise: steigende Preise bei Erdöl und Nahrungsmitteln und ein weiterer Schub der Verelendung, der die Hoffnung auf allgemeinen Wohlstand durch Wirtschaftswachstum immer unglaubwürdiger macht. Energie- und Nahrungsmittelpreise steigen seit 2010 erneut, der &#8220;unterirdische Wald&#8221; in Form von Erdöl ist zur Hälfte &#8220;abgeholzt&#8221;. Für das energiehungrige Kapital wird nun der Zugang zu Land entscheidend, die nutzbare Erdoberfläche ist jedoch begrenzt und für Menschen im Süden eine Überlebensgrundlage.</p>
<p>Eine Welle neuer Landnahmen für biogene Kraftstoffe, Nahrungsmittel für den Milch- und Fleischkonsum westlicher Prägung hat deshalb katastrophale Auswirkungen: Die Lebensperspektiven ganzer Bevölkerungsgruppen werden zugunsten von Automobil, Fleisch &amp; Co. zerstört. Eine Alternative ist möglich: Sie besteht in solidarischen Ökonomien und sozialen Innovationen. Energie, Rohstoffe und Nahrung sind möglichst versorgungsnah herzustellen. Landnutzung sollte gemeinschaftlich reguliert werden, wobei das Recht auf Nahrung im Zentrum stehen muss. Das Buch basiert auf einem Projekt des Österreichischen Klima- und Energiefonds und vermittelt neueste Forschungsergebnisse zu Ressourcen, Krise und Alternativen in klar verständlicher Sprache.</p>
<p>mit Texten von: Elmar Altvater, Andreas Exner, Peter Fleissner, Margot Geiger, Gerald Kalt, Lukas Kranzl, Christian Lauk und Werner Zittel</p>
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		</item>
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		<title>Hunger in Afrika, Klimawandel und Land Grab.</title>
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		<pubDate>Sat, 30 Jul 2011 04:00:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Gutes Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie / Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie / Produktivkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Patriarchat / Geschlechterverhältnis / Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik / Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
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<h3>Über imperiales Denken und sozial-ökologische Fakten</h3>
<p><em>von Andreas Exner<img title="Mehr..." src="http://www.social-innovation.org/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /><span id="more-10017"></span></em></p>
<p>[<em>zuerst erschienen auf <a href="http://www.social-innovation.org/">www.social-innovation.org</a></em>]</p>
<p>Dieser Tage erfuhr man im <a href="http://derstandard.at/">&#8220;Standard&#8221;</a>, einem österreichischen Massenmedium linksliberaler Orientierung, das Qualität beansprucht, dreierlei: <em>Erstens</em>, in Afrika wüte eine Hungersnot. <em>Zweitens</em>, Afrika sei ein Opfer der globalen <a href="http://derstandard.at/1310511750675/Horn-von-Afrika-Riesenfarmen-Hunger-und-Landgrabbing-in-Aethiopien">Landnahme</a> und leide unter dem <a href="http://derstandard.at/1310511636809/Hungersnot-Duerre-in-Ostafrika-kein-Effekt-des-Klimawandels">Klimawandel</a>. Die <em>dritte</em> Aussage lautet: der Hunger habe nichts mit dem Klimawandel und der Landnahme zu tun. Im Folgenden eine Analyse des imperialen Massenbewusstseins.</p>
<p>Die Nachrichten der Tageszeitungen bilden so etwas wie den Stream of Consciousness der öffentlichen Meinung. Ähnlich James Joyce &#8220;Ulysses&#8221; reihen sich darin Gedanken bruchstückhaft und widersprüchlich aneinander. In diesem Strom des Bewusstseins erscheint die Realität fragmentiert, ohne einen inneren Zusammenhang. Dass unterschiedliche Phänomene der Ausdruck ein- und derselben wandelbaren Realität sein könnten, liegt ihm so fern wie der Gedanke, dass diese Realität in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und ihrer politischen Verfasstheit besteht, kurz gesagt: in Kapital, Markt, Patriarchat und Staat. Oder, <em>ve</em>r-kürzt gesagt: im Kapitalismus.</p>
<p>Der alltägliche Strom der Gedanken über die Gesellschaft sichert, so wie er beschaffen ist, unter anderem den Fortbestand der ihr eigenen Art des Zusammen- und Gegeneinanderlebens. Das für sie typische Unglück wird auf diese Art in eine Serie von tragischen Zufällen verwandelt oder es erscheint als das Resultat von Naturgesetzen.</p>
<p>Zwei Artikel in der Tageszeitung &#8220;Der Standard&#8221; (Online-Ausgabe), die sich dem Land Grab und der jüngsten Zuspitzung der Hungerkatastrophe in Afrika widmen sind ein gutes Beispiel für diesen Mechanismus. Im Folgenden will ich diese beiden Texte analysieren und vor allem zeigen, was sie sagen, indem sie bestimmte Dinge <em>nicht</em> sagen.</p>
<p>Demgegenüber skizziere ich Eckpunkte einer realitätsnäheren Analyse der Ursachen des Hungers in Ostafrika. Weiters möchte ich illustrieren, in welche Diskurse sich die in den beiden &#8220;Standard&#8221;-Artikeln dargestellten Debatten um Landnahme, Klimawandel und Hunger einordnen. Abschließend entwerfe ich ein grobes Bild des übergreifenden Zusammenhangs der gegenwärtigen Mehrfachkrise, die sich vor allem im weltweit anwachsenden Hunger äußert.</p>
<p><strong>Dürre in Ostafrika: kapitalistisch induzierter Klimawandel oder nicht?</strong></p>
<p>Am 12. Juli titelt der erste Artikel im &#8220;Standard&#8221; in einer Serie von Texten zur Hungerkatastrophe <a href="http://derstandard.at/1308680919587/Hungersnot-in-Somalia-Hunderttausende-Menschen-auf-der-Flucht">&#8220;Hunderttausende Menschen auf der Flucht&#8221;</a> und hält fest:</p>
<blockquote><p>Die Dürre am Horn von Afrika gilt als die schwerste der vergangenen 60 Jahre.</p></blockquote>
<p>Nach weiteren, über mehrere Tage verteilten Beiträgen zur Dürre in Ostafrika kommt Bernhard Pospichal, ein 32 Jahre junger &#8220;Juniorprofessor für Fernerkundung der Atmosphäre am Institut für Meteorologie der Universität Leipzig&#8221; zu Wort. Sein einschlägiger fachlicher Hintergrund zur Beurteilung der Lage in Ostafrika, so heißt es im Text, bestehe in einem Klimaprojekt in Westafrika. Der Titel des Interviews mit Pospichal lautet fast schon programmatisch:</p>
<blockquote><p>Dürre in Ostafrika kein Effekt des Klimawandels</p></blockquote>
<p>Auf das einleitende Statement des Interviewers, wonach in zahlreichen Medien davon gesprochen werde, die Dürre am Horn von Afrika stelle die erste erkennbare Folge des Klimawandels dar und man frage sich daher</p>
<blockquote><p>Kann man das so pauschal beurteilen?</p></blockquote>
<p>führt Pospichal aus:</p>
<blockquote><p>Auf keinen Fall. Es hat in dieser Gegend auch in der Vergangenheit immer wieder Dürrekatastrophen gegeben. Was man sagen kann: 2010 hat global ein starkes La-Nina-Phänomen geherrscht und das hatte auch Auswirkung auf Ostafrika. Aber dieser Zusammenhang wurde bereits vor 20 Jahren wissenschaftlich herausgefunden und ist nicht erst seit heuer bekannt.</p></blockquote>
<p>und hält fest:</p>
<blockquote><p>Konkrete Klimavorhersagen für einzelne Jahre sind nicht möglich.</p></blockquote>
<p>Auf Nachfrage des Interviewers</p>
<blockquote><p>Berichten zufolge soll es in Somalia in den vergangenen fünf Jahren nur in einem einzigen Jahr normale Niederschläge gegeben haben und das bereits die sechste Dürre seit der Jahrtausendwende sein.</p></blockquote>
<p>führt der Meteorologe aus:</p>
<blockquote><p>Das muss man relativieren: 2010 hat es viel zu viel geregnet und es war deutlich zu feucht. 2009 war ein extrem trockenes Jahr, das Jahr davor war ziemlich ausgeglichen. 2007 war auch ein eher trockenes Jahr. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Klimaszenarien, die im Klimareport 2007 des IPCC <em>(Intergovernmental Panel on Climate Change, Anm.) </em>veröffentlicht wurden, sogar einen Niederschlagszuwachs für das Horn von Afrika zeigen. Allerdings geht es dabei um einen Mittelwert für einen längeren Zeitraum und nicht um einzelne Jahresprognosen. Generell lässt sich sagen, dass mit den prognostizierten höheren Temperaturen auch die mittleren Niederschläge steigen &#8211; allerdings dürften auch die Extreme (sowohl Dürre als auch Starkregen) zunehmen.</p></blockquote>
<p>Einige Passagen weiter nähert sich der Interviewer der Konklusio:</p>
<blockquote><p>Auch wenn das blöd klingt: Gehört das Phänomen Dürre also fix zu Afrika?</p></blockquote>
<p>Dazu Pospichal:</p>
<blockquote><p>Ja, das klingt blöd, ist aber in einigen Gegenden so. Dürren und trockene Jahre gibt es immer wieder und in verschiedenen Ländern. Gerade die Sahelzone &#8211; also jener Bereich zwischen feucht-tropischem Klima und der Sahara &#8211; bildet eine Grenze, wo Landwirtschaft gerade noch möglich ist. Und dort besteht immer die Gefahr, dass durch Niederschlagsausfälle Probleme entstehen. Dieser Bereich zieht sich quer über den Kontinent, betrifft also etwa Niger, den Tschad, Mali und im Moment eben sehr stark Ostafrika.</p></blockquote>
<p>Bemerkenswert ist daran zum einen, wie der Artikel die Aussagen des Meteorologen in suggestiver Weise unter einen apodiktischen Titel stellt. Genau betrachtet teilt der Meteorologe <em>erstens</em> mit, eine exakte Aussage hinsichtlich des Zusammenhangs von (anthropogenem) Klimawandel und Dürre sei auf einzelne Jahre bezogen nicht möglich und <em>zweitens</em> könnte laut Klimareport des IPCC 2007 in Ostafrika der Klimawandel zu höheren Durchschnittsniederschlägen führen. Damit sagt Pospichal also <em>erstens</em>: das gegenwärtige Ereignis ist weder sicher dem Klimawandel noch sicher nicht dem Klimawandel zuzurechnen; und <em>zweitens</em>: Ostafrika unterliegt einem Klimawandel. Der &#8220;Standard&#8221; macht daraus jedoch die Headline, &#8220;Dürre in Ostafrika kein Effekt des Klimawandels&#8221;.</p>
<p>Zum anderen ist an diesem Artikel bemerkenswert, dass auch der Meteorologe in einer ziemlich suggestiven Weise formuliert. Fast scheint es so als zielte die Frage des Interviewers darauf ab, die Headline &#8220;Dürre in Ostafrika kein Effekt des Klimawandels&#8221; bestätigt zu sehen. Seine einleitende Frage</p>
<blockquote><p>In zahlreichen Medien wird davon gesprochen, dass die Dürre am Horn von Afrika die erste erkennbare Folge des Klimawandels darstellt. Kann man das so pauschal beurteilen?</p></blockquote>
<p>- soviel lässt sich jedenfalls sicher sagen &#8211; soll indirekt die These darstellen, wonach der Klimawandel zu vermehrten Dürren in Ostafrika führe.</p>
<p>Doch formuliert der Interviewer sie auf eine offensichtlich falsche Weise &#8211; ob absichtlich oder nicht muss dahingestellt bleiben. Denn die &#8220;Dürre am Horn von Afrika&#8221; ist vom Standpunkt jener, die den anthropogenen, kapitalistisch induzierten Klimawandel in Afrika thematisieren, mit Sicherheit nicht &#8220;die erste erkennbare Folge des Klimawandels&#8221;. Und &#8220;pauschal beurteilen&#8221; kann man ein einzelnes Wetterereignis oder die kurzfristige Witterung vom Standpunkt der Klimaforschung, die sich per definitionem mit den langfristigen Veränderungen von Niederschlag, Temperatur und anderen Zustandsvariablen der Atmosphäre befasst, von Haus aus nicht.</p>
<p>Der Meteorologe kann daher mit gutem Gewissen verneinen und sagt damit zugleich implizit etwas, was er explizit nicht sagt, weil es wissenschaftlich nicht ausgesagt werden kann: Der anthropogene, durch die kapitalistische Produktionsweise bewirkte Klimawandel spiele für die gegenwärtige Dürre keine Rolle.</p>
<p><strong>Die Vergangenheit: Dürre in der Sahelzone</strong></p>
<p>Vergleichen wir die Meinung von Pospichal mit anderen Positionen in der wissenschaftlichen Literatur über den Klimawandel und die Land- bzw. Viehwirtschaft in Ostafrika. Nehmen wir die folgende Aussage von Pospichal zum ersten Startpunkt unserer kurzen Rundschau:</p>
<blockquote><p>Gerade die Sahelzone &#8211; also jener Bereich zwischen feucht-tropischem Klima und der Sahara &#8211; bildet eine Grenze, wo Landwirtschaft gerade noch möglich ist. Und dort besteht immer die Gefahr, dass durch Niederschlagsausfälle Probleme entstehen. Dieser Bereich zieht sich quer über den Kontinent, betrifft also etwa Niger, den Tschad, Mali und im Moment eben sehr stark Ostafrika.</p></blockquote>
<p>Somalia zählt zwar nicht mehr zur <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Sahel">Sahelzone</a> im eigentlichen Sinn, großräumig gesehen allerdings durchaus zur Übergangszone &#8220;zwischen feucht-tropischem Klima und der Sahara&#8221;. In einem Review-Artikel aus dem Jahr 2001 für die Fachzeitschrift &#8220;Global Environmental Change&#8221; mit dem Titel &#8220;Climatic perspectives on Sahelian desiccation: 1973-1998&#8243; stellt Mike Hulme diesbezüglich fest (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Der afrikanische Sahel bietet das dramatischste Beispiel einer viele Jahrzehnte langen Klimavariabilität, die sowohl quantitativ als auch direkt gemessen worden ist. Der Jahresniederschlag in dieser Region fiel zwischen 20 und 30 Prozent zwischen den Jahrzehnten, die zur politischen Unabhängigkeit für die Nationen der Sahelzone führten (1930er bis 1950er Jahre) und den darauf folgenden Jahrzehnten (1970er bis 1990er Jahre). Die Perspektiven der Klimaforschung auf Natur und Ursachen dieser Periode zunehmender Trockenheit haben sich verändert, und reiften in einigen Fällen im Verlauf der Zeit und der andauernden Dürre.</p></blockquote>
<p>Hulme erläutert die wesentlichen Eigenschaften des Sahelklimas und der daran angepassten Gesellschaften und stellt dies dem lang andauernden Unverständnis der westlichen Forschung gegenüber:</p>
<blockquote><p>Es gibt nicht so etwas wie einen &#8220;normalen&#8221; Niederschlag in der Sahelzone. Was im Grunde zählt ist nicht, ob der mittlere Niederschlag bei 200, 400 oder 600 mm liegt, sondern die Bandbreite der Variabilität des Niederschlags in Zeit und Raum. Während das den indigenen afrikanischen Gesellschaften wohl bekannt war (Mortimore and Adams, 1999), brauchte die formale westliche Wissenschaft den größten Teil des 20. Jahrhunderts dazu um dies zu verstehen: zuerst die europäischen Regierungseliten der Kolonialära, dann, in jüngerer Zeit, die aufkommenden nationalen Regierungen der Sahelstaaten und internationalen Finanzinstitutionen der postkolonialen Zeit.</p></blockquote>
<p>Normal sei für die Sahelzone eine enorme Variabilität des Niederschlags in Zeit und Raum. Durchschnittswerte sind folglich unbrauchbar, das Klima befinde sich nicht in einer Bedingung des Gleichgewichts, wie die westliche Klimaforschung lange Zeit in eurozentrischer Weise angenommen hat. Hulme resümiert:</p>
<blockquote><p>Es ist daher diese Variabilität der Niederschlagsmenge, und nicht ihr Durchschnitt, woran sich die meisten ökologischen und sozialen System traditionell angepasst hatten, zum Beispiel durch den Pastoralismus, eine Diversifizierung des Einkommens und die Mobilität (Mortimore, 1989). Die zunehmend trockene Periode, die in der Sahelzone in den späten 1960er Jahren begann und in den schweren Dürren von 1973, 1984 und 1990 kulminierte, erlegte diesen adaptiven Systemen, die bereits die Verschlechterung der regionalen politischen und globalen ökonomischen Bedingungen unter Stress gebracht hatte, eine Last auf, mit der sie nicht mehr fertig wurden (Warren, 1995).</p></blockquote>
<p>Die Perspektive der Klimawissenschaft verschob sich im Lauf der lang anhaltenden Dürre Schritt für Schritt. Hulme beschließt das Review der unterschiedlichen Theorien zur langen Dürreperiode in der Sahelzone mit der These, dass in einer langfristigen Betrachtung eher die feuchten 1920er, 1930er und 1950er Jahre nach einer Erklärung zu verlangen scheinen als die &#8220;Dürre&#8221; seit den späten 1960er Jahren. Die Frage, welche langfristige Dynamik das Klima der Sahelzone zeigt, bleibt laut Hulme jedoch offen. Zwar ist klar, dass die Dürre in der Sahelzone im Kontext des 20. Jahrhunderts sowohl ihrer Intensität als auch ihrer Dimension nach weltweit einzigartig ist. Allerdings ist unsicher, ob diese Dürre auch im Kontext des <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Holocene">Holozäns</a>, der Periode seit den letzten etwa 12.000 Jahren, einen einzigartigen Charakter hat. Sicher ist nur, man kann keine genaue Aussage treffen:</p>
<blockquote><p>Unser Scheitern, die Schwere und Dauer der Dürren des Holozäns  zu quantifizieren und die Unfähigkeit der globalen Klimamodelle, solche mehrere Jahrzehnte überspannende Trends der Austrocknung zu reproduzieren <em>[die langfristige Trockenperiode im Sahel seit den späten 1960er Jahren, Anm. A.E.] </em>hindert uns daran, die Ursachen dieses Phänomens des späten 20. Jahrhunderts zu verstehen.</p></blockquote>
<p>Allerdings, so Hulme, hat das Kausalverständnis durchaus Fortschritte gemacht. Er unterscheidet dabei zwei Gruppen von Paradigmen: das eine Paradigma macht Faktoren einer weitreichenden Interaktion von Ozeanen und der Atmosphäre verantwortlich; das andere sieht die Ursachen in sich selbst verstärkenden Prozessen der Veränderung der Landbedeckung und ihrer Rückwirkung auf das regionale Klima. Die Erforschung des weltweiten Klimawandels, den die kapitalistische (das heißt auf Lohnarbeit beruhende, &#8220;marktwirtschaftliche&#8221;) Produktionsweise induziert hat, gehört zum ersten Paradigma. Die zwei Paradigmen schließen sich nicht aus. Allerdings ist die Frage, welches wichtiger ist.</p>
<p>Hulme zieht den Schluss:</p>
<blockquote><p>Letztlich bedeutet die Erfahrung im Sahel der letzten drei Jahrzehnte eine Herausforderung für alle, die weiter voraus zu blicken suchen und danach trachten, den Einfluss künftiger globaler Erwärmung auf die menschliche und ökosystemare Wohlfahrt zu evaluieren und zu quantifizieren. Die jüngst beobachtete Austrocknung in der Sahelzone (ein 20- bis 30-prozentiger Rückgang des Niederschlags) ist größer als in fast jeder Vorhersage einer durch die globale Erwärmung induzierten Niederschlagsveränderung in dieser Region auf Basis globaler Klimamodelle (Hulme et al., 2000). Das legt nahe, dass für die zukünftigen Niederschlagsmengen im Sahel entweder die natürliche Variabilität oder der Einfluss von Veränderungen in der Landbedeckung auf das regionale Klima ebenso wichtig oder wichtiger sind als die globale Erwärmung <em>per se.</em></p></blockquote>
<p>Kurz gesagt heißt das also: Der genaue Beitrag des Klimawandels zur Klimadynamik der Sahelzone ist derzeit (2001) nicht feststellbar. Die Veränderung der Landbedeckung spielt jedenfalls vermutlich ebenso eine Rolle wie die natürliche Variabilität des Klimas. Die Gesellschaften der Sahelzone sind grundsätzlich an eine hohe Variabilität des Klimas angepasst. Die regionalen politischen und die globalen ökonomischen Entwicklungen seit den 1970er Jahren haben jedoch die Anpassungsfähigkeit an die verschärfte Trockenheit untergraben. <em><br />
</em></p>
<p><strong>Die Zukunft: der Einfluss des menschengemachten Klimawandels auf die Land- und Viehwirtschaft in Ostafrika</strong></p>
<p>Aus dem Umstand, dass <em>erstens </em>im Sahel nicht die Durchschnittswerte des Niederschlags, sondern seine Variabilität die entscheidende Rolle für die dort lebenden Menschen spielt und aus der so gesehen <em>zweitens </em>eher anekdotischen Vermutung, es könnte aufgrund der globalen Erwärmung für Somalia im Durchschnitt zu einer Zunahme der Niederschläge kommen, macht der Autor des &#8220;Standard&#8221;-Artikels den folgenden Teaser:</p>
<blockquote><p>Meteorologe Bernhard Pospichal: Warum Dürren zu Afrika gehören und der Niederschlag in Somalia sogar zunehmen könnte</p></blockquote>
<p>Unterschlagen wird in diesen beschwichtigenden Zeilen nicht zuletzt, dass der Klimawandel aller wissenschaftlichen Voraussicht nach in der Tat negative, zum Teil verheerende Konsequenzen für die Land- und Viehwirtschaft in Ostafrika haben wird.</p>
<p>William R. Cline errechnete 2007 in der Studie &#8220;Global Warming and Agriculture. Impact Estimates by Country&#8221; auf Basis von Funktionen für den Zusammenhang zwischen Klimawandel und finanziellen Erträgen der Landwirtschaft in Afrika (die ein Weltbank-Projekt erstellt hat) einen hohen Netto-Verlust der Landwirtschaft bis in die 2080er Jahre. Bezieht man die mögliche Düngewirkung einer erhöhten CO<sub>2</sub>-Konzentration mit ein, wird die Einbuße geringer, bleibt jedoch bestehen.</p>
<p>Bewässerungsfeldbau profitiert insgesamt gesehen vom Klimawandel. Allerdings beschränken sich die Zugewinne vor allem auf Ägypten. Nimmt man Ägypten, das aufgrund des Nils über besonders günstige Bedingungen verfügt, aus der Analyse, so ergibt sich auch für den Bewässerungsfeldbau in Afrika ein Verlust. Gewichtet man die Ergebnisse nach der aktuell bewässerten Fläche, inkludiert den möglichen Düngereffekt von CO<sub>2</sub> und schließt Ägypten als Ausreißer aus der Analyse aus, so beträgt der finanzielle Verlust der Landwirtschaft in Afrika aufgrund des Klimawandels rund 19%. In einem Artikel aus dem Jahr 2010 für den Sammelband &#8220;Climate Change and Food Security&#8221; halten Lobell und Burke bis 2050 landwirtschaftliche Ertragseinbußen von mehr als 20% in vielen afrikanischen Ländern für wahrscheinlich.</p>
<p>Zwischen 11,7 und 14,2 °C mittlerer Jahrestemperatur liegt ein Wendepunkt, oberhalb dessen eine weitere Temperaturerhöhung negative Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Ertragspotenziale hat (Cline 2007). Äthiopien liegt mit ca. 23 °C (1961-1990) und künftig ca. 26 Grad (2070-99) Jahresmitteltemperatur deutlich über dieser Schwelle. In der Ländertabelle von Cline ist Somalia nicht extra ausgewiesen sondern unter &#8220;Other Horn of Africa&#8221; subsumiert, das 1961-1990 eine mittlere Temperatur von ca. 26 °C, 2070-2099 jedoch von ca. 30 Grad aufweist. Zwischen Temperaturerhöhung und landwirtschaftlichem Ertragsrückgang besteht zudem ein nicht-linearer Zusammenhang: je größer die Erwärmung, desto stärker geht der Ertrag zurück.</p>
<p>Auf Grundlage eines Vergleichs verschiedener Klimamodelle und zweier unterschiedlicher methodischer Zugänge zur Modellierung des Effekts des Klimawandels auf den landwirtschaftlichen Ertrag kommt Cline zu folgendem Schluss: Ein mittleres Klimawandelszenario wird den finanziellen Ertrag der Landwirtschaft in Tanzania um 12,8% bzw. um 595 Mio. 2003 USD reduzieren. Darin ist der mögliche Düngereffekt von CO<sub>2</sub> mit einer durchschnittlichen Ertragserhöhung von 15% schon inkludiert. Für die Region &#8220;Other Horn of Africa&#8221; (inklusive Somalia) gibt Cline eine Reduktion von 4,1% und 1 Mio. 2003 USD an, für Äthiopien ein Minus von 20,9% und 585 Mio. 2003 USD, für Kenya ein Plus von 8,8% und 203 Mio. 2003 USD.</p>
<p>Daran ist zu erkennen, dass trotz des überwiegend negativen Impacts des Klimawandels auf die Landwirtschaft in Afrika durchaus eine regionale Variabilität besteht. So könnte Kenya eher Ertragszuwächse verzeichnen. Für Somalia, Tanzania und Äthiopien ist jedoch ein Verlust wahrscheinlich.</p>
<p>Der mögliche Düngereffekt von CO<sub>2</sub> könnte die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Pflanzenproduktion bis zu einem gewissen Grad kompensieren. Dieser Effekt ist allerdings in Afrika geringer als in anderen Weltregionen, weil die dominierenden Nahrungspflanzen dem C4-Stoffwechseltypus angehören. Dessen Ertrag spricht auf erhöhte CO<sub>2</sub>-Konzentrationen nur schwach an (Lobell und Burke 2010).</p>
<p>Eine Studie zum Einfluss des Klimawandels auf Mais, Finger- und Perlhirse, Erdnüsse und Cassava im subsaharischen Afrika bis 2050 zeigt statistisch signifikante Ertragseinbußen, mit Ausnahme von Cassava. Deren Erträge zeigen keinen signifikanten Zusammenhang mit Temperatur- oder Niederschlagsdaten, vermutlich aufgrund der unzureichenden Datenlage. Für das klimatisch vergleichsweise günstig gelegene Tanzania, wo Unterernährung allerdings aufgrund gesellschaftlicher Ursachen weit verbreitet ist &#8211; <a href="http://www.fao.org/docrep/013/i1683e/i1683e.pdf">2005-2007 waren 34% der Bevölkerung unterernährt</a> -, führt der Klimawandel bis 2050 zu einer Ertragseinbuße von etwa 20% beim Hauptnahrungsmittel Mais, schätzen Lobell und Burke (2010).</p>
<p>Solche Modellierungen sind sicherlich mit Vorsicht zu betrachten, wie das auch ihre Autorinnen und Autoren tun. Extremwetterereignisse und die von Hulme für die Sahelzone hervorgehobene Variabilität des Niederschlags sind schwer oder gar nicht zu modellieren. Gerade die Abweichungen vom Durchschnitt sind für die natürlichen Produktionsvoraussetzungen der subsistent, zu einem großen Teil für ihren eigenen Konsumbedarf Produzierenden in Ostafrika jedoch von großer Bedeutung.</p>
<p>Der Klimawandel wird nicht nur aufgrund der abnehmenden Niederschläge und zunehmenden Dürreperioden, sondern voraussichtlich auch durch die Zunahme von Unkrautdruck sowie Pflanzenschädlingen und -krankheiten eine Reduktion der Erträge im Ackerbau bewirken. Diese Effekte sind jedoch ebenfalls schwer oder gar nicht modellierbar. Aufgrund der in Afrika generell schlecht ausgebauten Bewässerungssysteme ist auf absehbare Zeit keine Pufferung von Dürreperioden möglich. Die durch den Klimawandel abnehmende Wasserführung limitiert eine solche Strategie grundsätzlich. Die regionsweise prognostizierte Zunahme von Überschwemmungen würde den Abtrag von Boden und Austrag von Nährstoffe erhöhen. Überschwemmungen zerstören zudem das Straßensystem und beeinträchtigen den Transport agrarischer Produkte.</p>
<p>Was die spezifischen Auswirkungen auf die Viehwirtschaft angeht, hält die NGO Oxfam in ihrem Report <a href="http://www.oxfam.org/policy/bp116-pastoralism-climate-change-0808">&#8220;Survival of the fittest. Pastoralism and climate change in East Africa&#8221; (2008)</a> fest (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Pastoralistische Gemeinschaften in ganz Ostafrika beginnen mit der Realität des Klimawandels zu leben, indem sie sich an seine Folgen anpassen so gut es geht. In den nächsten 10-15 Jahren wird das eine Fortsetzung der gegenwärtigen Trends bedeuten, darunter: anhaltende schwache Regenfälle, eine Zunahme dürrebedingter Schocks, und eine reduzierte Vorhersagbarkeit von zum Teil schweren Regenfällen. Nach dieser Zeit zeigen die Klimamodelle des Intergovernmental Panel on Climate Change für Ostafrika eine Zunahme der Temperatur von 2-4 ºC in den 2080er Jahren, mit intensiveren Regenfällen in der Periode der &#8220;Kurzregen&#8221; (Oktober-Dezember) in großen Teilen Kenyas, Ugandas und im Norden Tanzanias bereits in den 2020er Jahren, mit einer stärkeren Prononcierung in den folgenden Dekaden. Pastoralisten könnten daraus Nutzen ziehen: mehr Regen könnte in größeren Weidegründen während der Trockenzeit resultieren, ebenso in einer längeren Nutzungsdauer von Weidegründen in der Regenzeit. Der Klimawandel könnte auch zu einer geringeren Häufigkeit von Dürre führen, was bedeuten könnte, dass die Menschen mehr Zeit haben, um ihre Vermögensbestände zwischen den mageren Jahren wieder aufzubauen. Allerdings gibt es auch bedeutende negative Konsequenzen, darunter den Verlust von Vieh durch Hitzestress, den Verlust von Land an ackerbauliche Nutzungen aufgrund der Ausweitung des Ackerbaus, sofern das landwirtschaftliche Potenzial arider Regionen sich durch steigende Regenfälle erhöht, eine Zunahme der Häufigkeit von Überschwemmungen, und die Ausbreitung von Krankheiten bei Mensch und Vieh, die während der Regenzeit gute Bedingungen vorfinden.</p></blockquote>
<p><strong>Landnahme und der Mythos vom &#8220;ungenutzten Land&#8221;</strong></p>
<p>In einer <a href="http://derstandard.at/1310511750675/Horn-von-Afrika-Riesenfarmen-Hunger-und-Landgrabbing-in-Aethiopien">Reportage von Philipp Hedemann</a> mit dem Titel &#8220;Riesenfarmen: Hunger und Langrabbing in Äthiopien&#8221;, ebenfalls in der Online-Ausgabe von &#8220;Der Standard&#8221; (20. Juli), wird die <a href="http://farmlandgrab.org/">globale Landnahme</a>, die <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/wp-content/uploads/Teilbericht_4a_Biomasse_Exner_Schlussversion.pdf">in Afrika ein hauptsächliches Zielgebiet </a>hat, thematisiert. Während Hedemanns Artikel zutreffend den Zusammenhang zwischen Landverteilung und Hunger anspricht, verkürzt jedoch auch er das Problem um wesentliche Dimensionen.</p>
<p>So verbreitet Hedemanns Artikel den <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2684">Mythos vom &#8220;ungenutzten Land&#8221;</a>. Man liest:</p>
<blockquote><p>Im Land am Horn von Afrika gibt es keinen privaten Landbesitz, alles Land &#8211; insgesamt 111,5 Millionen Hektar &#8211; gehört dem Staat. Dreiviertel davon sind für die Landwirtschaft geeignet, doch bislang werden nur 15 Millionen Hektar bestellt. 3,6 Millionen Hektar hat die Regierung jetzt für Investoren ausgezeichnet.</p></blockquote>
<p>Demnach sind in Äthiopien 83,5 Mio. Hektar für die Landwirtschaft geeignet, 15. Mio. Hektar bestellt und folglich rund 68 Mio. Hektar für Investoren verfügbar, ohne mit bestehenden Nutzungen in Konflikt zu kommen. Sensibilisiert durch meine Analyse von Daten zur <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/wp-content/uploads/Teilbericht_4a_Biomasse_Exner_Schlussversion.pdf">Flächennutzung in Tanzania</a> sehe ich solche Zahlen mit größter Skepsis. Tanzania ist aufgrund seiner weitläufigen semiariden Regionen und dem bedeutenden Pastoralismus mit Äthopien grob vergleichbar. Eine eingehende Untersuchung der für Tanzania verfügbaren Angaben zur aktuellen Nutzungsverteilung und zu den Potenzialen landwirtschaftlicher Flächenexpansion ergibt: die aktuell genutzte Fläche wird in den offiziellen Statistiken, auch jenen der FAO, durchgehend zu gering eingestuft.</p>
<p><em>Erstens</em> wird in fast allen verfügbaren Statistiken zur Flächennutzung die Shifting Cultivation (Rotationsfeldbau) unterschlagen. Tatsächlich entspricht die in einem Jahr genutzte Fläche nicht der insgesamt für die notwendigen Brachezeiten erforderten landwirtschaftlichen Fläche. Letztere übersteigt die jährlich genutzte Fläche um ein Vielfaches. <em>Zweitens</em> wird der Pastoralismus, eine dem semiariden Lebensraum aufgrund ihrer Flexibilität und Mobilität optimal angepasste Nutzungsweise, systematisch diskriminiert und statistisch nicht adäquat erfasst. <em>Drittens</em> gibt es eine Vielzahl an Nutzungen, die weder der Landwirtschaft noch dem Pastoralismus zuzurechnen sind, insbesondere für die arm gemachten Gruppen im ländlichen Raum jedoch eine überlebensentscheidende Bedeutung haben: das Sammeln von Brennholz, Medizinalpflanzen und wild wachsenden Nahrungspflanzen. Schließlich ist <em>viertens</em> immer auch zu fragen, ob die Angaben für &#8220;ungenutzte Flächen&#8221; nicht ökologisch sensible bzw. wertvolle Lebensräume beinhalten. Für Tanzania jedenfalls ergibt sich, dass vermutlich keine Flächenreserven für den Ausbau der Exportlandwirtschaft bestehen.</p>
<p>Davon abgesehen sind Investoren nicht an marginalen und deshalb vielleicht &#8220;ungenutzt&#8221; aussehenden Flächen interessiert, sondern an fruchtbarem Ackerland. Selbst wo &#8220;ungenutzte&#8221; Flächen tatsächlich existieren sorgt das Profitmotiv also dafür, dass die landwirtschaftlichen Investitionen Nutzungskonflikte verschärfen.</p>
<p>Für Äthiopien wäre jedenfalls kritisch zu überprüfen, ob es überhaupt &#8220;Flächenreserven&#8221; in Form angeblich &#8220;ungenutzten Landes&#8221; gibt. Die Evidenz in anderen Teilen Afrikas, nicht zuletzt in Tanzania, stimmt jedenfalls in hohem Maße skeptisch. Diese Skepsis bestätigt ein <a href="http://www.fian.org/resources/documents/others/report-on-land-grabbing/pdf">neuer Report von FIAN</a> (2011, eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>In Äthiopien zum Beispiel wurden alle Landallokationen durch die nationale Investment-Agentur als Allokationen von &#8220;Ödland&#8221; ohne vorgängige Nutzer klassifiziert; Hinweise legen jedoch den Schluss nahe, dass einige dieser Flächen für Rotationsfeldbau und Weidewirtschaft während der Trockenzeit genutzt worden sind.</p></blockquote>
<p>FIAN kommt zum Schluss:</p>
<blockquote><p>&#8230;vorausgesetzt, dass alle ausländischen Investitionen große Flächen betreffen, würde der Anteil der großen landwirtschaftlichen Güter (&gt;10ha) in Äthiopien von 1,4% (Zensus 2001-2002) auf eine Zahl von 17-20% in den nächsten Jahren anwachsen, wenn die Pläne der äthiopischen Regierung realisiert würden. Allerdings bedeutet dies, wie schon zuvor erläutert, empirisch gesehen kaum einen besseren Zugang zu Nahrung für die lokale Bevölkerung.</p></blockquote>
<p>Hedemanns Artikel zu Äthiopien stellt die große Zahl hungernder Menschen der boomenden Exportlandwirtschaft entgegen. Doch belässt er es bei dem bloßen Kontrast. Ansonsten referiert er lediglich die Regierungsposition, wonach große Flächen &#8220;ungenutzt&#8221; seien und, so wird suggeriert, die ausländischen Investitionen ja lediglich das &#8220;ungenutzte&#8221; Land für die Landwirtschaft aufschließen &#8211; mit etwaigen &#8220;Jobchancen&#8221; und einer Erhöhung der inländischen Nahrungsmittelproduktion im Gefolge.</p>
<p>Zwar wird die skeptische Haltung eines Bauern zitiert, doch bleibt der eigentliche Zusammenhang verschleiert: dass für die Mehrheit der Menschen in Ostafrika der direkte Flächenzugang für die eigene Lebenserhaltung ausschlaggebend ist und es <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/wp-content/uploads/Teilbericht_4a_Biomasse_Exner_Schlussversion.pdf">keine Hinweise gibt, dass vom Profit motivierte landwirtschaftliche Investitionen die Ernährungssicherheit der lokalen Bevölkerung verbessern</a>.</p>
<p><strong>Hunger: Resultat von Landkonflikten, staatlicher Politik, modernem Patriarchat und kapitalistischer Ökonomie<br />
</strong></p>
<p>Ein komplexes Phänomen hat viele Ursachen. Die konkrete Realität ist eine komplexe Realität. Das Konkrete ist, um es in der Sprache von Karl Marx zu sagen, eine &#8220;Zusammenfassung vieler Bestimmungen&#8221;.</p>
<blockquote><p>Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen.</p></blockquote>
<p>stellt Marx in der <a href="http://www.mlwerke.de/me/me13/me13_615.htm">Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie</a> von 1857 fest.</p>
<p>Aus einer Sicht, die sich an der menschlichen Emanzipation orientiert, an der Befreiung aus gesellschaftlich bewirktem Leiden, sind unbedingt die gesellschaftlichen von den natürlichen Ursachen eines Problems zu unterscheiden. Auf die Dürre in Ostafrika bezogen ist zu fragen: Geht es um Faktoren der Klimadynamik, die vom Menschen nicht beeinflussbar sind, oder handelt es sich um Faktoren des Umgangs mit der Klimadynamik und der Klimadynamik selbst, die gesellschaftlich sehr wohl beeinflusst und daher auch anders gestaltet werden könnten? Letzteres ist Gegenstand der Debatte um den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel.</p>
<p>Dass nicht bloß die gegenwärtige Dürre die Ursache der Hungerkatastrophe sein kann, ist schon allein daran zu ersehen, dass zum Beispiel in Kenya bereits 2009 10 Mio. Menschen unter Hunger litten, wie man der <a href="http://www.fian.org/resources/documents/others/land-grabbing-in-kenya-and-mozambique">Studie &#8220;Land Grabbing in Kenya and Mozambique&#8221; von FIAN 2010</a> entnehmen kann.</p>
<p>Die weltweit gesehen größte Zahl an Hungernden hat übrigens Indien, das <a href="http://search.japantimes.co.jp/cgi-bin/eo20091027gb.html">ausreichend Nahrungsmittel</a> produziert bzw. produzieren könnte: <a href="http://www.fao.org/docrep/013/i1683e/i1683e.pdf">237 Mio. Menschen waren in Indien 2005-2007 unterernährt</a>.</p>
<blockquote><p>In Indien hungern Menschen, weil sie sich Lebensmittel nicht leisten können, stellt der Global Hunger Index Report fest <em>(eigene Übersetzung)</em></p></blockquote>
<p>berichtet &#8220;Japan Time&#8221;.</p>
<p>Global gesehen führte wesentlich der <a href="http://www.social-innovation.org/?p=898">Preissprung bei Nahrungsmitteln 2008</a> dazu, dass die <a href="http://www.fao.org/publications/sofi/en/">Zahl der weltweit Hungernden</a> plötzlich dramatisch stieg: von 800 Mio. Menschen 1995-1997 auf über 1 Mrd. 2009. Für 2010 schätzte die FAO die Zahl der weltweit Hungernden auf 925 Mio. Menschen. Die Hauptursachen für den Anstieg der Nahrungsmittelpreise seit 2008 sind <em>erstens</em> die Verteuerung von fossilen Inputs für die Landwirtschaft (was vermutlich bereits mit <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2272">Peak Oil</a> zu tun hat) und<em> zweitens </em>die zunehmende Beanspruchung der landwirtschaftlichen <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2684">Flächen zur Produktion von Biomasse für Agrotreibstoffe</a>.</p>
<p>Die Unterscheidung zwischen gesellschaftlichen und natürlichen Faktoren des Hungerproblems drückt auch der Meteorologe Bernhard Pospichal aus. So referiert er Resultate eines Forschungsprojekts zur Dürre in Westafrika, an dem er mitgewirkt hat, und meint, man hätte dabei &#8220;Bewusstsein bei der lokalen Bevölkerung&#8221; geschaffen, wonach &#8220;Subsistenzlandwirtschaft nicht ausreicht&#8221; und &#8220;auch auf Vorrat produziert werden muss&#8221;.</p>
<p>Weiters stellt Pospichal fest:</p>
<blockquote><p>Der Süden Äthiopiens ist von der Dürre ebenfalls schwer getroffen worden. Dort hat sich in den vergangenen Jahren die Landwirtschaft grundlegend geändert. So wurde etwa aufgrund ausländischen Investitionen zusehends von einer kleinräumigen auf großflächige Landwirtschaft umgestellt. Das bringt in Summe aber geringere Flächen, die noch der lokalen Bevölkerung zur Verfügung stehen. Ein generelles Problem in der Gegend ist auch das starke Bevölkerungswachstum: Weil mehr Nahrungsmittel nötig sind, gibt es mehr Viehherden, die auch versorgt werden müssen und viel Land brauchen usw.</p></blockquote>
<p>Dabei sind mehrere gesellschaftliche Ursachen angesprochen, die laut Pospichal dazu führen, dass aus einer Dürre eine Hungerkatastrophe wird: fehlende Vorratshaltung, ausländisch finanzierte Großlandwirtschaft, Bevölkerungswachstum. Allerdings folgt dieses Ursachenbündel einer naturalisierenden und moralisierenden Schablone. Die eigentlichen Ansatzpunkte für eine langfristige Verbesserung der Lage bleiben unsichtbar.</p>
<p>So ist die <a href="../2009/malthus-reloaded">Vermehrung der Menschen</a> an sich keine Ursache für Hunger. (Laut UN-Prognosen erreicht die Weltbevölkerung 2050 einen Peak von etwa 9 Millarden und wird danach zurückgehen.) Wenn man von dieser globalen auf die regionale Ebene hinabsteigt und sich den Möglichkeiten der Produktion vor Ort widmet, so muss man feststellen: Die Debatte um die &#8220;Carrying Capacity&#8221;, die ökologische &#8220;Tragfähigkeit&#8221; der semiariden Landstriche in Afrika für die Ressourcenansprüche der dort lebenden Menschen ist weitläufig und kontrovers.</p>
<p>Schon die kolonialen Regierungen machten die Hypothese, die Rinderherden der Afrikanerinnen und Afrikaner seien zu groß, die einheimische Landwirtschaft ökologisch destruktiv und das Bewusstsein der indigenen Bevölkerung der Aufklärung bedürftig zu ihrer politischen Maxime. Die britischen und andere Kolonialregierungen führten einen regelrechten Kampf gegen die afrikanischen Methoden des Landbaus und der Viehwirtschaft, der vorrangig ökologisch, mit dem Schutz vor Erosion begründet wurde. Zu dieser Zeit &#8211; bei weit geringerer Bevölkerungsdichte als heute &#8211; wurde das in bestimmten Kreisen gängige Bild der &#8220;Überbevölkerung&#8221; und damit angeblich einhergehender &#8220;Übernutzung&#8221; zu einem wichtigen Moment des herrschaftlichen Diskurses.</p>
<p>Ein Blick auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kologischer_Fu%C3%9Fabdruck">Weltkarte des ökologische</a><a href="http://www.streifzuege.org/1998/arbeit-und-wahn/521-autosave" rel="attachment wp-att-2739" class="broken_link"><img class="alignleft" title="400px-Ökologischer_Fußabdruck" src="http://www.social-innovation.org/wp-content/uploads/2011/07/400px-%C3%96kologischer_Fu%C3%9Fabdruck-300x153.png" alt="" width="300" height="153" /></a><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kologischer_Fu%C3%9Fabdruck">n Fußabdrucks pro Land</a> für das Jahr 2007 (siehe unten) zeigt, dass in Afrika mit Ausnahme Libyens, von Zimbabwe und Mauretanien kein Land im Durchschnitt betrachtet auf &#8220;großem Fuß&#8221; lebt. Je dunkler der Rotton in der Karte, desto größer ist nämlich der ökologische Fußabdruck pro Kopf. Es ist vielmehr der globale Norden, der die Biokapazität der Erde übermäßig beansprucht &#8211; darunter die Ressourcen Afrikas. Anzumerken ist, dass es in Libyen und den wenigen anderen Ländern in Afrika, die einen etwas größeren Fußabdruck aufweisen, nicht die breite Mehrheit ist, die über ihre Verhältnisse lebt, sondern dass es die wenigen Reichen sind, die den durchschnittlichen &#8220;Fußabdruck&#8221; dieser Länder nach oben treiben &#8211; relativ geringfügig allerdings, wenn man den globalen Norden im Vergleich dazu betrachtet.</p>
<p>Die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kologischer_Fu%C3%9Fabdruck">Karte im Anschluss</a> (siehe <a href="http://www.streifzuege.org/?attachment_id=2740" rel="attachment wp-att-2740" class="broken_link"><img class="alignleft" title="400px-Ökologisches_Defizit_oder_Reserve" src="http://www.social-innovation.org/wp-content/uploads/2011/07/400px-%C3%96kologisches_Defizit_oder_Reserve-300x153.png" alt="" width="300" height="153" /></a>links) zeigt, wie groß der ökologische Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität eines Landes aussieht. Je grüner eine Region, desto weiter ihr ökologischer Spielraum. Die fast transparent bis hellbraunen Regionen bilanzieren ausgeglichen. Regionen mit dunklen Brauntönen und hellen bis dunklen Rottönen sind dagegen im ökologischen Defizit, darunter Österreich und Deutschland.</p>
<p>In einer von den naturräumlichen Voraussetzungen her betrachtet hochproduktiven Region (gute Böden, optimaler Niederschlag, optimale Temperatur) können mehr Menschen auf &#8220;großem Fuß&#8221; leben als in einer geringproduktiven &#8211; sofern man den Austausch von Stoffen und Energie zwischen Regionen mit unterschiedlicher Biokapazität aussschließt (was nur aus methodischer Sicht in der Art einer gedanklichen &#8220;Laborsituation&#8221; Sinn macht; ein gutes Leben für alle erfordert dagegen einen mehr oder weniger weit gehenden Stoffwechsel zwischen Regionen und Kooperation).</p>
<p>Man sieht hier wiederum, dass es der globale Norden ist, Österreich, Deutschland und andere Länder, die ein ökologisches Defizit aufweisen, das heißt, über ihre Verhältnisse leben. Sie beziehen Ressourcen aus Ländern im globalen Süden, die Ressourcen jedoch weder freiwillig abgeben noch im Gegenzug den gleichen Zugang zu Wissen und Technologien des Nordens haben. Im Unterschied zu einer emanzipierten Weltgesellschaft ist dieser Austausch (1) nicht kooperativ, sondern konkurrenzistisch und von Herrschaft geprägt. Und er speist (2) einen insgesamt zu großen Konsum, den der globale Norden, insbesondere das dort stationierte Kapital und sein enormer Bedarf an &#8220;produktiver Konsumption&#8221; (Investition), verursacht.</p>
<p>Der Kampf der Kolonialregierungen gegen die indigene Produktionsweise entwickelte sich im Rahmen der Ideologie kultureller (oder rassischer) Überlegenheit der westlichen Mächte. Der kolonialistische Diskurs behauptete: Die Afrikanerinnen und Afrikaner agierten irrational, würden aus Unwissenheit gegen ihre eigenen Interessen handeln und könnten daher nur durch Eingriff der Europäer und westliche Aufklärung dazu gebracht werden, ihre selbst verschuldete Armut zu überwinden und &#8220;nachhaltig&#8221; zu wirtschaften.</p>
<p>Dass gerade die Kolonisation nicht nur zur physischen Vernichtung von Millionen Menschen führte, sondern für die Überlebenden eine dramatische Verschlechterung der Ernährung und ihrer Lebensgrundlagen bedeutete, blendete die Ideologie der Kolonisatoren freilich aus. So ermordete die deutsche Kolonialregierung im heutigen Tanzania allein im Zuge der Niederschlagung des <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Maji_Maji_Rebellion#cite_ref-4">Maji-Maji-Aufstandes</a> 1905-1907 schätzungsweise 200.000 bis 300.000 Menschen. Wieviele Menschenleben die damals praktizierte &#8220;Politik der verbrannten Erde&#8221; (Verbrennen von Feldern, Zerstörung von Brunnen etc.) kostete ist nicht genau zu rekonstruieren.</p>
<p>Andrew Coulson resümiert 1982 im Buch &#8220;Tanzania. A Political Economy&#8221; die historische Evidenz zur Kolonisierung in Tanzania (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Im Jahre 1920 waren die Menschen wahrscheinlich rückständiger als sie es 1850 gewesen waren. Sie waren schlechter ernährt, industrielle und landwirtschaftliche Fertigkeiten waren verloren gegangen, sie hatten weniger Vieh, und große Gebiete des Landes waren entvölkert. Allen voran hatte die Tse-Tse-Fliege begonnen, sich in jenen Gebieten auszubreiten, wo zuvor Vieh geweidet hatte. In den entvölkerten Regionen nahm die dichte Buschvegetation ungehindert zu, und die Wildtierpopulationen, auf denen die Tse-Tse-Fliege parasitierte, wuchsen.</p></blockquote>
<p>Tanzania soll hier nur als ein Beispiel für die Folgen der Kolonisierung in Ostafrika dienen.</p>
<p>Der Versuch der kolonialen Regierungen, die mit ökologischen Argumenten begründeten Bewirtschaftungsvorschriften mit Zwang umzusetzen, gerieten zu einem wichtigen Auslöser vieler nationaler Befreiungsbewegungen, etwa in Tanzania und in Kenya. Die postkolonialen Regierungen führten den Kampf gegen die kleinbäuerliche Produktionsweise und das indigene Wissen allerdings in der Regel weiter.</p>
<p>In <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/wp-content/uploads/Teilbericht_4a_Biomasse_Exner_Schlussversion.pdf">Tanzania</a> und Äthiopien &#8211; um nur zwei Beispiele aus der Region zu nennen &#8211; kam es in den 1970er Jahren zu umfangreichen Umsiedlungsprogrammen, wiederum mit entsprechenden Bewirtschaftungsvorschriften. Diese unterbrachen das soziale und ökologische Gewebe der land- und viehwirtschaftlichen Produktion. In Tanzania war das Programm der Zwangsumsiedlung unter dem Banner eines <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/wp-content/uploads/Teilbericht_4a_Biomasse_Exner_Schlussversion.pdf">&#8220;afrikanischen Sozialismus&#8221;</a> &#8211; und in einer Linie mit der Ideologie der Weltbank und anderer &#8220;Geber&#8221;, die allesamt eine Zusammenfassung der verstreut lebenden Menschen in Dörfer als notwendige Voraussetzung von &#8220;Entwicklung&#8221; ansahen &#8211; eine der Ursachen für die wachsende Abhängigkeit des Landes von Lebensmittelimporten in den 1970er Jahren und eine rückläufige Produktivität der Landwirtschaft. Die großräumigen Umsiedlungen in Äthiopien, die James Scott in seinem Buch &#8220;Seeing Like a State&#8221; beschreibt, waren nicht weniger destruktiv.</p>
<p>Ein von der Kolonialzeit bis heute durchgängiger Konflikt besteht des weiteren zwischen dem Pastoralismus, der nomadisierenden Viehwirtschaft, die in Ostafrika von großer Bedeutung ist, und dem Staat. Die gegenwärtige Landnahme, die seit 2008 eingesetzt hat, verschärft diesen Konflikt weiter. Der Staat versucht, die Pastoralistinnen und Pastoralisten zur Sesshaftigkeit zu zwingen, manchmal mit bloßem Druck, manchmal mit offener Gewalt. Menschen ohne festen Wohnort und auf permanenter Wanderschaft entziehen sich der politischen Kontrolle. Die &#8220;Autonomie der Migration&#8221; ist daher jedem Staat ein struktureller Dorn im Auge.</p>
<p>Auch die zuerst unter sozialistischem, dann unter neoliberalem Banner betriebene Ausweitung großflächiger Produktion in der Land- und Viehwirtschaft behindert die Mobilität der pastoralistisch lebenden Menschen. Sie unterbindet die Nutzung von Wanderkorridoren, Wasserstellen und Rückzugsgebieten für die Trockenzeiten und verhindert die flexible, den jeweiligen klimatischen Bedingungen angepasste Verlagerung der Viehbestände. Sofern sich die Viehbestände in der Folge räumlich stärker konzentrieren, kann dies schließlich in der Tat zu Bodenerosion führen und das Infektionsrisiko steigt. Damit führen die staatliche Politik und der Versuch, eine kapitalistische Land- und Viehwirtschaft auszuweiten zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Dürre.</p>
<p>Die erzwungene Sesshaftigkeit der nomadisierenden Pastoralisten bewirkt (trotz mancher Vorteile der Sesshaftigkeit bzw. der Landwirtschaft) vermehrte Unterernährung und verschlechtert den menschlichen Gesundheitszustand, wie Elliot Fratkin in einem Artikel für die &#8220;African Studies Review&#8221; 2001 mit dem Titel &#8220;East African Pastoralism in Transition&#8221; feststellt:</p>
<blockquote><p>Unsere Studien der Rendille zeigen, dass die Sesshaftwerdung von Pastoralisten zu einem Niedergang der Gesundheit und der Ernährung von Frauen und Kindern führt, sogar wenn sie Landwirtschaft aufnehmen.</p></blockquote>
<p>Der höhere Milchkonsum (und damit insbesondere die höhere Proteinzufuhr) der nomadisierenden Gruppen sichert laut Fratkins Untersuchung sogar bei Dürre eine ausreichende Ernährung, auch für die Kinder, während die sesshaften Gruppen selbst bei Aufrechterhaltung ihrer Herden schon allein durch die große Distanz zwischen den ortsfesten Haushaltsmitgliedern (vorwiegend Frauen und Kinder) und den mobilen (männlichen) Hirten einen schlechteren Milchzugang hatten und daher vermehrt an Unterernährung litten (vor allem Frauen und Kinder).</p>
<p>Dass für diesen Zusammenhang auch das patriarchale, in der Ausrichtung auf den Markt und zunehmende Sesshaftigkeit &#8220;modernisierte&#8221; Geschlechterverhältnis ausschlaggebend ist, lässt eine Studie von Elizabeth Edna Wangui vermuten, die unter dem Titel &#8220;Development interventions, changing livelihoods, and the making of female Maasai pastoralists&#8221; zu Maasai-Frauen in Tanzania 2008 erschienen ist (in der Fachzeitschrift &#8220;Agriculture and Human Values&#8221;) (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Entwicklungsinterventionen zur Abkapselung der Landnutzung, zu Sesshaftigkeit, neuen Arten des Zugangs zu Weidegründen in der Trockenzeit, neuen Landnutzungsformen, neuen Viehrassen und zu einem erhöhten Schulbesuch der Kinder geführt haben. Im Kontext dieser Veränderungen im Lebensunterhalt und zunehmender Dürre kam es zu einem grundsätzlichen Wandel in den Gender-Rollen der Viehwirtschaft. Im Untersuchungsgebiet tragen Maasai-Frauen mehr zur Viehwirtschaft bei als Männer. Die verschiedenen Versuche, den Sektor der Viehwirtschaft zu moderniseren haben zu einem Verlust der Kontrolle der Milchressourcen durch die Frauen geführt.</p></blockquote>
<p>Kommen wir schließlich zum Punkt der &#8220;ausländischen Investitionen&#8221;, die Pospichal als Hungerursache anspricht.</p>
<p>Dass &#8220;aufgrund ausländischen Investitionen zusehends von einer kleinräumigen auf großflächige Landwirtschaft umgestellt&#8221; worden ist, was Pospichal als eine Ursache der Hungerproblematik in Äthiopien ansieht, ist als solche noch keine zureichende Erklärung. Ob eine Investition von Kapital ausländischen oder inländischen Charakters ist, spielt für die Auswirkungen der kapitalistischen Produktionsweise: die Enteignung der Produzierenden, Krisenhaftigkeit, soziale Ungleichheit und die strukturell bedingte Bewusstlosigkeit gegenüber den natürlichen Produktionsbedingungen keine Rolle. Auch die Dimensionierung landwirtschaftlicher Betriebe ist als solche kein Kriterium für eine sozial und ökologisch wünschenswerte Produktionsweise.</p>
<p>Erneut bleibt in dieser Perspektive unsichtbar, worum es eigentlich geht: ob nämlich die Produzierenden selbst auf gleicher Augenhöhe über ihre Produktion bestimmen, nach Maßgabe konkreter Ziele der Bedarfsdeckung &#8211; oder ob das herrschaftliche Management des Kapitals darüber bestimmt, was Lohnabhängige auf Plantagen oder Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Vertragsverhältnissen (Contract Farming) produzieren müssen, um den Profit eines Unternehmens zu vermehren.</p>
<p>Ein wesentlicher Faktor des langfristigen Hungerproblems in Afrika ist die Ausbildung eines modernen Patriarchats, das mit der Ausweitung der Marktbeziehungen in Verbindung steht. Diese Hungerursache ist auch in der entwicklungspolitischen Literatur kaum beleuchtet, jedoch offenbar wesentlich. Die Analyse statistischer Daten etwa in Tanzania ergibt, dass Unterernährung keinen engen statistischen Zusammenhang mit dem Einkommen zusammenhängt (Geier 1992, <a href="http://www.repoa.or.tz/documents_storage/Publications/Special_Paper_09.31.pdf">Leach und Kilama 2009</a>). Lediglich in den obersten Einkommensgruppen sinkt die Unterernährung signifikant. Sie hängt auch nicht mit der lokalen Nahrungsmittelproduktion zusammen: in Tanzania sind die Regionen mit Nahrungsmittelüberschüssen auch jene mit einem relativ hohen Anteil an Unterernährung.</p>
<p>Einfache und im ersten Moment scheinbar einleuchtende Erklärungen, dass schlicht zuwenig Nahrung produziert werde oder die Menschen über zu geringe Einkommen verfügen, wie etwa in diesem &#8220;Standard&#8221;-Artikel <a href="http://derstandard.at/1310512216086/Rechnen-gegen-die-Hungersnot">&#8220;Rechnen gegen die Hungersnot&#8221;</a> (27.7.) anklingt, verfehlen den eigentlichen Ursachenkomplex. (Der besagte Artikel setzt noch dazu einen positiven Bezug auf den Anbau von Biofuels, die angeblich den Hunger reduzieren, wo doch <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/wp-content/uploads/Teilbericht_4a_Biomasse_Exner_Schlussversion.pdf">tatsächlich das Gegenteil der Fall ist</a>.)</p>
<p><strong>Das moderne Patriarchat als Hungerursache</strong></p>
<p>Eine hervorragende, detaillierte Fallstudie zu den Ursachen des Hungers in Tanzania veröffentlichte Gabriele Geier 1995 unter dem Titel &#8220;Food Security Policy in Africa between Disaster Relief and Structural Adjustment&#8221;. Sie zeigt, wie die traditionelle patriarchale Arbeitsteilung der bäuerlichen Haushalte in Tanzania im Verlauf der Ausweitung der Marktwirtschaft überprägt wird und (im Zusammenspiel mit makroökonomischen Faktoren) zu einer Ausbreitung von Unterernährung führt.</p>
<p>In Tanzania spielt die kapitalistische Produktionsweise (die auf Lohnarbeit beruht) keine entscheidende Rolle. Diese Produktionsweise dominiert jedoch global und prägt daher die nicht-kapitalistischen Verhältnisse in Tanzania indirekt, insbesondere über den vermehrten Zwang zu Geldeinkommen (unter anderem durch den Staat bedingt) sowie eine Reihe von weiteren Faktoren wie etwa den Verlust von Flächen an die kommerzielle Landwirtschaft und (in Tanzania ausgesprochen flächenwirksam) &#8220;Natur&#8221;-Schutzgebiete für den Tourismus.</p>
<p>Dies gilt für den größten Teil des subsaharischen Afrika mit Ausnahme von Südafrika, wo die kapitalistische Produktionsweise relativ stark entwickelt ist. Afrika insgesamt erfährt der Tendenz nach eine Vermarktwirtschaftlichung ohne dass die kapitalistische Produktionsweise in einem größeren Umfang expandiert. Lohnarbeit stellt einen zwar zunehmenden, aber nach wie vor untergeordneten Teil der gesellschaftlichen Tätigkeiten dar. Vor allem entstand bislang kein Proletariat in größerer Dimension. Nur relativ wenige Menschen sind bisher dauerhaft und vollständig vom Zugang zu Produktionsmitteln wie Land und Saatgut abgeschnitten worden. (Das droht sich im Zuge des globalen Land Grab nun zu ändern.)</p>
<p>Die Ausweitung der Produktion für den Markt wird <em>erstens</em> durch die Notwendigkeit erzwungen, Steuern abzuliefern, Schuldgeld zu bezahlen sowie andere Ausgaben für lebens- und statuswichtige Güter und Dienstleistungen, insbesondere auch Gesundheitsausgaben zu tätigen (Medikamente, ärztliche Behandlung sowie Versorgung und Pflege von Angehörigen), die im Zuge von HIV/AIDS und der Liberalisierung des Gesundheitswesens steigen. <em> </em></p>
<p><em>Zweitens</em> führt die zunehmende Verarmung im Zuge der neoliberalen Strukturanpassung dazu, dass die Landwirtschaft unter Arbeitskräfteknappheit leidet und sich zugleich marktorientierte Aktivitäten außerhalb der Landwirtschaft ausweiten. Diesen im Ganzen gesehen ziemlich komplexen Zusammenhang hat Sara Berry in ihrem Buch &#8220;No Condition is Permanent. The Social Dynamics of Agrarian Change in Sub-Saharan Africa&#8221; (1993) eindrucksvoll analysiert: Die Notwendigkeit, Geld zu verdienen und sich gegen zunehmende politische und ökonomische Risiken abzusichern führt zu einer Diversifizierung des Lebensunterhalts, vor allem zu einer Zunahme der auf Geldeinkommen (anstelle von Subsistenzproduktion) ausgerichteten Aktivitäten außerhalb der Landwirtschaft.</p>
<p>Familienmitglieder, die etwa in der Stadt Lohnarbeit suchen oder als Kleinhändler arbeiten, stehen dann nicht mehr für die landwirtschaftlichen Arbeitsspitzen zur Verfügung. Die durch die Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Produktionsweise und die neoliberale Restrukturierung zunehmende ökonomische Unsicherheit führt dazu, dass die Menschen immer mehr in die Aufrechterhaltung zunehmend volatiler und prekärer sozialer Netzwerke und ihrer Optionen des Überlebens investieren müssen &#8211; an Zeit, Geld und anderen Ressourcen. Die an sich knappen Ressourcen können so nicht in eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität rückgeleitet werden.</p>
<p>Die zunehmende Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen unterminiert weiters die traditionellen Formen der Kooperation in der Arbeit, etwa die früher bedeutenden &#8220;work parties&#8221; und &#8220;beer parties&#8221;. Dabei kommt eine größere Zahl an Menschen zusammen, um ein Feld zu bestellen und Arbeitsspitzen gemeinschaftlich zu bewältigen. Diese Institutionen befinden sich heute in Auflösung, auf sie greifen zusehends nur mehr die arm Gemachten zurück, womit das frühere Netz der Reziprozität zwischen besser und schlechter gestellten Haushalten zerreißt. (Dies stellt überblicksmäßig an ausgewählten Beispielen für den subsaharischen Raum Sara Berry fest; eine Detailstudie gibt Seppälä 1998 im Buch &#8220;Diversification and Accumulation in Rural Tanzania&#8221;; eine Fallstudie mit regionalem Bezug ist bei Ponte 2000 unter dem Titel &#8220;From Social Negotiation to Contract&#8221; in der Fachzeitschrift &#8220;World Development&#8221; nachzulesen.)</p>
<p>Arbeitsknappheit bedeutet in einer arbeitsintensiven (geringproduktiven) Landwirtschaft wie sie in Tanzania (und im ganzen subsaharischen Raum) dominiert, eine absolute Begrenzung der Menge an Nahrung, die produziert werden kann. Vorratshaltung, wie sie der Meteorologe Pospichal empfiehlt, ist den afrikanischen Bäuerinnen und Bauern &#8211; wie man ohne eurozentrischen Blick ja auch erwarten kann &#8211; sehr wohl bekannt. Es ist jedoch ein hartes Faktum der niedergehenden afrikanischen Gesellschaften, dass sich die arm gemachten Schichten eine Vorratshaltung schlicht nicht leisten können. (Es bestünde zwar der Spielraum, die Ausgaben des männlich-patriarchalen Status- und Geselligkeitskonsums zu reduzieren; siehe dazu unten. Die Problematik der patriarchalen Arbeitsteilung kann damit jedoch nicht bearbeitet werden.).</p>
<p>Sie müssen gleich nach der Ernte einen Teil ihres (geringen) Ertrags verkaufen, um notwendige Geldausgaben zu tätigen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Angebot, da sich viele Produzenten in einer solchen angespannten Situation befinden, freilich groß und der Preis daher relativ niedrig. Die reicheren, verstärkt kommerziell orientierten Haushalte beginnen zunehmend, in dieser Phase spekulative Käufe zu tätigen. Arm gemachte Haushalte müssen zu späteren Zeitpunkten im Jahr in der Folge Nahrungsmittel zukaufen, zu höheren Preisen. Dieser Mechanismus der Marktwirtschaft kann bis zu intensiven schuldenbedingten Abhängigkeitsbeziehungen führen.</p>
<p>Sobald ein armer Haushalt dazu übergehen muss, auf den Feldern reicherer Haushalte im Austausch für Geld oder Naturalien zu arbeiten &#8211; was gerade das Überleben sichert, wenn überhaupt &#8211; kann er sich allerdings noch weniger als schon zuvor der eigenen Landwirtschaft widmen. Eine Vernachlässigung der Felder bei der Vorbereitung (Pflügen), der Aussaat (suboptimaler Zeitpunkt) oder dem Unkrautjäten bestraft den Produzierenden unweigerlich mit geringeren Erträgen und der Gefahr des Hungers. Damit verstärkt sich die Notwendigkeit, Arbeitskraft zu verkaufen, was wiederum dazu führt, dass die armen Haushalte ihre eigenen Felder nicht optimal bewirtschaften können. An eine Investition von Überschüssen an Zeit oder Geld in eine Erhöhung der Produktivität der eigenen Arbeit ist unter solchen Bedingungen bei der Mehrheit der Bäuerinnen und Bauern ohnehin nicht zu denken.</p>
<p>Dieses Problemmuster der Knappheit von Arbeitskraft in einer arbeitsintensiven Produktionsweise mit zahlreichen ökologischen Risiken wird entscheidend durch die patriarchale Geschlechterspaltung bestimmt.</p>
<p><em>Erstens</em> konsumieren die Männer zwar, tragen jedoch nicht im selben Ausmaß wie die Frauen zur Produktion und Reproduktion bei. So stellt etwa Shimba als ein Beispiel für viele andere im Artikel <a href="http://www.atnesa.org/weeding/weeding-shimba-women-tz.pdf">&#8220;Women, weeding and agriculture in Iringa Region, Tanzania&#8221;</a> fest:</p>
<blockquote><p>Frauen leisten 60-80% der Arbeit in der Landwirtschaft.</p></blockquote>
<p>An diesem sozialen Faktum besteht angesichts der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur kein Zweifel. (Die Überlastung der Frauen in der Landwirtschaft hat übrigens, das sei anekdotisch erwähnt, auch der charismatische Präsident Julius Nyerere, der Tanzania in die Unabhängigkeit führte, betont.). Die hochgradig asymmetrische Arbeitsaufteilung in der agrarischen Produktion muss man ins Verhältnis mit einem zweiten Faktum setzen, dass nämlich rund 80% der Menschen in Tanzania von der Landwirtschaft abhängen. (In den meisten anderen Regionen Ostafrikas befindet sich das Ausmaß der Abhängigkeit von der Landwirtschaft in einer ähnlichen Größenordnung.)</p>
<p>Der wesentliche Teil der Reproduktion und Produktion der Gesellschaft wird folglich von den Frauen geleistet, und zwar bis an die Grenzen ihrer physischen Belastungsfähigkeit. Die Überbelastung der Frauen durch die Männer ist eines der Kernprobleme der vergleichsweise geringen und angesichts des steigenden Drucks politischer, ökonomischer und gesundheitlicher Stressoren weiter absinkenden Produktivität der Arbeit.</p>
<p><em>Zweitens</em> verfügen die Männer entweder über alle Geldeinkommen oder über den größten Teil bzw. dominieren die Entscheidungen über die Geldausgaben. Die <a href="http://www.exit-online.org/html/link.php?tab=autoren&amp;kat=Roswitha%20Scholz&amp;ktext=Der%20Wert%20ist%20der%20Mann">modern-patriarchale Aufspaltung des Lebens in &#8220;Wert&#8221; und &#8220;Nicht-Wert&#8221;</a>, &#8220;Geld&#8221; und &#8220;Subsistenz&#8221; und die Verknüpfung der Geldsphäre mit dem männlichen Geschlecht zeigt hier ihr hässlichtes Gesicht. Die Prioritäten der Männer sind in dieser patriarchalen Struktur &#8211; dem Imperativ von Konkurrenz, Männerbündelei und monetär bestimmtem Status folgend &#8211; deutlich andere als die Ernährung der Kinder und die Erleichterung der landwirtschaftlichen Arbeit der Frauen, das heißt der Steigerung der Produktivität der Arbeit in der Landwirtschaft und der Erhöhung von Ernährungssicherheit.</p>
<p>Geiers Untersuchung, die den patriarchalen Zusammenhang eingehend analysiert, ergibt (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Diese Studie bestätigt, dass in einer Gesellschaft, die sich im Übergang von einer subsistenzdominierten zu einer mehr marktorientierten Produktionsweise befindet, die Geldeinnahmen nicht für den Kauf von Nahrung verfügbar sind. Es ist festzustellen, dass bei einem höheren Niveau von Geldeinkommen sich die Entscheidungsstruktur anfänglich zu Ungunsten der Nahrungskonsumption der Familie verschiebt.</p></blockquote>
<p>(Geier unterstellt, dass sich die subsistenzgeprägte Produktionsweise im Zeitverlauf in eine vollgültige Marktwirtschaft mit vorherrschender Lohnarbeit wandelt bzw. die Einkommen der Haushalte im Zeitverlauf zunehmen. Deshalb meint sie, entgegen einer realistischen Einschätzung der in der Mehrfachkrise des Kapitalismus zu erwartenden Entwicklungsoptionen Afrikas, dass die oben genannte Einkommensallokation nur &#8220;anfänglich&#8221; zu Ungunsten der Nahrungskonsumption erfolgt.)</p>
<p>Das ebenso schlichte wie brutale Resultat: Die Frauen haben aufgrund ihrer Überbelastung keine Zeit und keine Kraft, ausreichend Nahrung für die Kinder zuzubereiten. Oftmals reicht es bei Arbeitsspitzen in der Landwirtschaft nur für eine Mahlzeit am Tag. Zudem wird meistens keine eigene Mahlzeit für die Kinder gekocht. Für sie ist die Ernährung der Erwachsenen jedoch suboptimal. Insbesondere für Kinder unter 5 Jahre ist dies die Hauptursache für Unterernährung (die sich in späteren Lebensabschnitten aufgrund der gesundheitsschädigenden Wirkung als eine weiter verringerte Produktivität der Arbeit niederschlägt). Während Männer eine in bestimmten Jahresabschnitten unzureichende Kalorienzufuhr mit Bier kompensieren, tragen die Kinder unausweichlich den Hauptschaden der patriarchalen Konsumweise. Die Arbeitsüberlastung der Frauen führt darüberhinaus dazu, von der ernährungsphysiologisch günstigeren, jedoch arbeitsintensiveren Hirse auf Mais umzustellen.</p>
<p>Geier fasst zusammen:</p>
<blockquote><p>Nachdem die längere Arbeitszeit der Frauen in der Landwirtschaft weder durch arbeitssparende technische Innovationen noch durch einen adäquaten Anstieg der Teilnahme von Männern bei bestimmten Arbeitsschritten kompensiert worden ist, gibt es für die Frauen keine andere Alternative als die Arbeitslast und den Zeitaufwand für Herstellung und Zubereitung der Nahrung zu reduzieren.</p></blockquote>
<p>- und stellt fest:</p>
<blockquote><p>In der Regel werden die Bedürfnisse der Männer zuerst befriedigt, wobei der Bierkonsum einen wichtigen Teil einnimmt. Investitionen in Vieh, die Reparatur der Pflüge und der Ankauf landwirtschaftlicher Inputs sind zweitrangig. Die Frage nach Investitionen zur Erleichterung der Arbeitslast der Frauen wird nicht gestellt. Investitionen in nicht-landwirtschaftliche Aktivitäten (die Eröffnung eines Geschäfts oder einer &#8220;pombe&#8221;-Bar (Bier-Bars) oder der Ankauf einer Mühle) haben Vorrang.</p></blockquote>
<p>Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt Sara Berry in ihrem Review von Fallstudien zum Wandel der Landwirtschaft im subsaharischen Raum (&#8220;No Condition is Permanent&#8221;). Sie zeigt weitere Facetten der Problematik der patriarchalen Arbeitsteilung, die durch die Kommerzialisierung verschärft (&#8220;modernisiert&#8221;) wird, auf.</p>
<p>So erfordern ertragreiche, moderne Sorten auch mehr Arbeit, insbesondere wenn vermehrt gepflügt werden muss um das höhere Ertragspotenzial der modernen Hochleistungssorten auch zu realisieren oder um &#8211; dem kommerziellen Motiv folgend &#8211; eine möglichst große Fläche mit den ertragreicheren Sorten zu bebauen. (Dazu kommt, dass die Hochertragssorten sehr empfindlich auf suboptimale Aussaatzeitpunkte reagieren &#8211; im Unterschied zu den weniger arbeitsintensiven und flexibleren, den volatilen sozialen Verhältnissen daher angemesseneren traditionellen Sorten.) Im Kontext der patriarchalen Arbeitsteilung wird die für den erfolgreichen Anbau der Hochleistungssorten notwendige Zusatzarbeit den Frauen aufgebürdet.</p>
<p>So kommt es, dass die durch den Einsatz von modernem Hochertragssaatgut vermehrten Erträge mit einer Zunahme der Unterernährung einhergehen. Sara Berry stellt auf Basis von Studien zu drei Regionen in Zambia fest (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Bauern, die Ochsen und Pflüge kauften, bebauten mehr Land mit Mais und benötigten daher mehr Arbeitskraft um das Unkraut zu jäten und die Ernte einzubringen (Francis, 1988: 39). Insoweit die Last der Zusatzarbeit in den bäuerlichen Haushalten überproportional den Frauen aufgebürdet wurde, führte die Ausbreitung des Hybridmais vermutlich auch zur Zunahme von Wohlfahrtsdifferenzen innerhalb der Haushalte. Studien des IRDP in Serenje, Mpika und Chinsali ergaben, dass die Unterernährung bei Kindern positiv mit der Menge an Mais korreliert war, die die Haushalte verkauften (zitiert in Moore und Vaughan, 1986: 536-37; siehe auch Geisler, 1985: 19). In anderen Worten, die Einführung von Ochsen und Pflügen hat offenbar die Bedingungen wiederhergestellt, die Richards (1939) während der weltweiten Rezession in den 1930er Jahren festgestellt hat, als die ländlichen Haushaltsmitglieder während der Hirse-Ernte häufig Hunger litten, weil die Frauen schlichtweg zu erschöpft waren um Mahlzeiten zuzubereiten (Moore und Vaughan, 1987: 538).</p></blockquote>
<p>Der buchstäblich todbringende Charakter des modernen, das heißt: des kommerzialisierten, zusehends an der Produktion für den Markt ausgerichteten Patriarchats verschärft sich noch einmal mit der fortlaufenden neoliberalen Strukturanpassung seit den 1980er Jahren. Nicht nur durch eine Erhöhung der notwendigen Ausgaben für Bildung, Gesundheit und andere Posten, sondern auch durch die steigenden Preise früher subventionierter landwirtschaftlicher Inputs und einen in der um sich greifenden Konkurrenz wachsenden Prestigekonsum (der Männer) (siehe Ponte&#8217;s Artikel, Zitat oben).</p>
<p>Dies führt zu einem deutlichen Shift von langsam wachsenden Feldfrüchten zu rasch reifenden Kulturen, die einen größeren und ausgeglicheneren cash flow ermöglichen. Rasch reifende Feldfrüchte benötigen jedoch mehr Arbeit in kürzerer Zeit. Die intensivierten Arbeitsspitzen der vermehrt am Markt orientierten Produktion verschärfen noch die Überlastung der Frauen und die Differenzierung der Haushalte in arm und reich. Während die reicheren sich Arbeitskräfte leisten können, sind die ärmeren gezwungen, sich für die Arbeit auf den Feldern anderer zu verkaufen (gegen Geld oder Naturalien) und vernachlässigen notgedrungen ihre eigenen Felder, was die Spirale der sozialen Polarisierung, Verarmung und zunehmender Gefährdung durch Hunger verstärkt.</p>
<p><strong>Hungernde Viehzüchter: Kommerzialisierung und staatliche Mobilitätsbeschränkungen</strong></p>
<p>Gerade in Somalia und Äthiopien, aber auch in Kenya oder Tanzania spielt der Pastoralismus eine große Rolle. In Somalia leben <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Somalia">schätzungsweise 60% der Menschen als Nomaden, nur etwa 25% als Bauern</a>. Der oben zitierte Bericht von <a href="http://www.oxfam.org/policy/bp116-pastoralism-climate-change-0808">Oxfam (2008)</a> fasst die große Bedeutung dieser Produktions- und Lebensweise so zusammen (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Die trockenen und pastoralistisch genutzten Regionen in Ostafrika nehmen über 70% des Horns von Afrika ein. Der entsprechende Flächenanteil beträgt 90% der gesamten Landesfläche von Somalia und Djibouti, mehr als 80% in Kenya, 60% in Uganda, und 30-60% in Tanzania. Kenya ist Heimat von geschätzt 4 Mio. Pastoralisten, das sind mehr als 10% der Bevölkerung. In Uganda stellen Pastoralisten 22% der Einwohner, etwa 5,3 Mio. Menschen. In Tanzania, so wird geschätzt, ist die pastoralistische Ökonomie die Basis des Lebensunterhalts von fast 4 Mio. Menschen, das sind 10% der Gesamtbevölkerung. Der Pastoralismus ist das effektivste System des Lebensunterhalts in dieser Trockenregion und somit ohne Zweifel von entscheidender Bedeutung für den größten Teil der Landmasse Ostafrikas und den Wohlstand von Millionen Menschen, die dort leben.</p></blockquote>
<p>In einem erhellenden Aufsatz <a href="http://climsec.prio.no/papers/Environmental%20and%20political%20influences%20on%20pastoral%20conflict%20in%20Southern%20Ethiopia.pdf">&#8220;The impact of environmental and political influences on pastoral conflicts in Southern Ethiopia&#8221;</a> hat Temesgen 2010 dargestellt, wie im Leben der Pastoralistinnen und Pastoralisten aus Dürre Hungerkatastrophen, Verelendung und Gewalt werden. Es ist nicht allein die Dürre, die zu Hunger führt.</p>
<p>Eingangs hält Temesgen in seinem Artikel fest (eigene Übersetzung):</p>
<blockquote><p>Obwohl Konflikt schon immer Teil des Lebens der Menschen in ariden und semi-ariden Gebieten war, hat die Häufigkeit, Intensität und Zerstörungskraft der Konflikte zugenommen wie nie zuvor.</p></blockquote>
<p>Temesgen zufolge sind für die anwachsenden Konflikte zwei Faktoren ausschlaggebend: einerseits der Klimawandel, der zu vermehrten Trockenperioden führt; andererseits der politische und ökonomische Kontext, der eine fortschreitende Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen, ihre Ausrichtung auf den Markt, bedingt. Private Investoren hegen Gemeingüter ein, von denen die Pastoralisten traditionell leben und verschärfen damit die Konkurrenz um Land und Wasser. Als Investoren treten beileibe nicht nur staatliche Akteure oder ausländische Unternehmen auf, sondern die Eliten der pastoralistischen Gruppen selbst. Die treibende Kraft der Ausweitung privater Investitionen in der Gestalt von Ranches &#8211; entweder in privater oder in kooperativer Form &#8211; die den Pastoralisten Land streitig machen, ist übrigens der steigende globale Fleischkonsum, der aus der Orientierung am Ernährungsstil der kapitalistischen Zentren resultiert.</p>
<p>Für die anwachsende Fleischnachfrage spielt übrigens wiederum die patriarchale Gesellschaftsstruktur eine wichtige Rolle; vgl. dazu etwa Jeremy Rifkins <a href="http://www.amazon.de/Das-Imperium-Rinder-Fleischindustrie-aktuellen/dp/3593368064">&#8220;Das Imperium der Rinder&#8221;</a>. Fleisch ist mit marktwirtschaftlichem Erfolg und &#8220;Männlichkeit&#8221; konnotiert; Frauen werden auch im globalen Norden symbolisch weniger stark mit Fleischkonsum assoziiert als Männer und konsumieren auch weniger Fleisch, obwohl Frauen rein biologisch gesehen am ehesten einen gewissen physiologisch bedingten Fleischbedarf hätten. Dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fleisch">Wikipedia-Eintrag zu &#8220;Fleisch&#8221;</a> ist zu entnehmen:</p>
<blockquote><p>Der durchschnittliche Verzehr von Fleisch-/erzeugnissen und Wurstwaren bei Männern lag laut Umfragen des Max-Rubner-Instituts 2005-2006 bei geschätzten 103 g pro Tag und bei Frauen bei 53 g pro Tag</p></blockquote>
<p>Ein weiterer wichtiger Faktor für die Intensivierung der Konflikte ist, um die Liste komplett zu machen, die ethnisierte Politik in Äthiopien. (Darauf wird weiter unten noch eingegangen.)</p>
<p>Die Borana, eine pastoralistisch zwischen Südäthiopien und Nordkenya lebende Gruppe, die Temesgen in einer Fallstudie untersucht hat, verfügen über eine mündlich tradierte Geschichte von Dürren, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreicht. Die Borana meinen, dass Dürren in der Gegenwart häufiger als früher vorkommen. Darüberhinaus sind die Regenfälle kürzer geworden. Wissenschaftliche Klimamessungen aus denm 20. Jahrhundert bestätigen einen Trend langfristig zunehmender Dürreperioden. Dies führt zu anwachsendem Umweltstress für die nomadisierenden Viehzüchter.</p>
<blockquote><p>Allein im Jahr 2006 führte eine anhaltende Dürre zum Verlust von rund 70 Prozent des Viehbestands der Pastoralisten am Horn von Afrika.</p></blockquote>
<p>Sobald der Viehbestand einmal dezimiert ist und sonstige Puffer aufgebraucht worden sind, bringt eine zeitlich begrenzte Dürre einen lang anhaltenden Verlust an Wohlstand mit sich. Die Folgen einer Dürre sind weit über ihr klimatologisches Ende hinaus für die Menschen fühlbar.</p>
<p>Der Vergleich zwischen Klimadaten und der Anzahl von Konflikten erlaubt eine Antwort auf die Frage, ob Dürren mit zunehmenden Konflikten einhergehen. Tatsächlich gibt es bei den Borana keinen solchen Zusammenhang. Dennoch sind abnehmende Ressourcen ein wichtiger Auslöser von Konflikten.</p>
<blockquote><p>Trotz der oben genannten Beispiele für Konflikte, die aus der Konkurrenz um Ressourcen resultieren, gibt es lokale Faktoren, die das Auftreten von Konflikten aufgrund von Ressourcenverknappungen abschwächen. Traditionelle Institutionen, die sich über Jahrhunderte der Anpassung an eine rauhe Umwelt entstanden, sichern den Aufbau und die Aufrechterhaltung von Beziehungen zwischen Gemeinschaften, die in verschiedenen ökologischen Zonen über große Distanzen hinweg leben. So wird das Risiko, Dürre und Krankheiten ausgesetzt zu sein, verteilt. Die Beziehung zu einem benachbarten Clan oder einer benachbarten ethnischen Gruppe sichert das Überleben der Gemeinschaft.</p></blockquote>
<p>fasst Temesgen zusammen und gibt den folgenden Überblick über die traditionellen Institutionen der Konfliktregelung im Fall knapper Ressourcen bei den Borana und ihren Nachbargruppen:</p>
<blockquote><p>Die Institution der Konfliktlösung ist eng mit der Institution des Ressourcenmanagements verknüpft. Wann immer zwei Gruppen für dieselbe Ressource konkurrieren und in Konflikt kommen, wird das Gadaa-System angewandt, um ihn zu lösen. Insoweit anhaltende Dürren und Umweltdegradation die Verfügbarkeit guter Weiden reduziert haben, kommt es in Perioden der Knappheit von Ressourcen zu Spannungen. In Situationen unzureichender Weideflächen führen die Viehzüchter ihre Herden traditionell in die Gebiete mit ausreichenden Wasser- und Weideressourcen und verhandeln Weiderechte. Die Entscheidungen werden auf Basis des verfügbaren Futters und der Stückzahl an Vieh getroffen, die diese Gebiete bereits nutzen.</p>
<p>Es gibt verschiedene Formen des institutionellen Arrangements, wodurch die Borana Ressourcen mit benachbarten ethnischen Gruppen teilen. Einige dieser Institutionen helfen den Borana bei kovariaten Schocks (die die ganze Gemeinschaft betreffen), indem sie Beziehungen zwischen Gemeinschaften aktivieren, die in unterschiedlichen ökologischen Zonen angesiedelt und nicht durch das gleiche ungünstige Klima oder die gleiche Krankheit betroffen sind. Andere Institutionen wiederum fungieren als Sicherheitsnetze für einzelne Haushalte, wenn Schocks idiosynkratisch auftreten (also auf bestimmte Haushalte einer Gemeinschaft beschränkt bleiben), indem Vermögensbestände von den relativ gut situierten Haushalten zu den mit dem Überleben kämpfenden umverteilt werden. Die Bereitstellung von Vieh durch die reicheren Haushalte an jene ohne Vieh erhält Frieden und Stabilität innerhalb der Gemeinschaft.</p></blockquote>
<p>Temesgen beschreibt detailliert, wie die Borana bei Dürre traditionell die Unterstützung anderer Gruppen aus benachbarten ökologischen Zonen anfragen und damit ihr Risiko abfedern können. Umgekehrt erlauben die Borana den Nachbargruppen unter bestimmten Bedingungen ihre Weidegründe und Wasserstellen zu benutzen. Sie leisten auch Verteidigungsdienste. Solche Beziehungen der Reziprozität zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen in benachbarten ökologischen Zonen bestehen zum Teil auch noch in der Gegenwart. Wenn Konflikte zwischen Gruppen ausbrechen, die üblicherweise reziproke Beziehungen pflegten, so ist dies somit ein Zeichen, dass die traditionellen Institutionen des Ressourcenmanagements und der Konfliktregelung angesichts überwältigender Stressoren zu zerbrechen beginnen.</p>
<p>Ein solcher Stressfaktor ist der Staat. Er fördert private Investitionen in die Fleischproduktion und betreibt eine ethnisierte Politik. Die staatlichen Versuche, die Pastoralisten sesshaft zu machen, sind ein weiteres politisches Moment, das die traditionellen Modi des Ressourcenmanagements, die gerade auf der Mobilität beruhen, unterminierte. Die Schaffung fixer ethnischer Identitäten, zuerst durch den Kolonialismus, dann die postkolonialen Staaten, schwächt die traditionellen Institutionen. So erläutert Temesgen:</p>
<blockquote><p>Der politische Faktor, der dazu führte, dass der inter-ethnische Konflikt eskalierte, war die Politik des ethnischen Föderalismus. Im Bemühen, die Gleichheit aller Nationen und Nationalitäten in Hinblick auf ihr &#8220;Recht auf Selbstbestimmung&#8221; anzuerkennen, befeuerte sie den Wettlauf um die Kontrolle der Schlüsselressourcen. Schon das Konzept, ein bestimmtes geographisch definiertes Gebiet einer bestimmten ethnischen Gruppen zuzuweisen, zeigt klar das fehlende Verständnis für die pastoralistische Lebensweise, die auf reziproken Weiderechten beruht (Dida 2008). Obwohl Land immer noch der Regierung gehört, wird eine solche ethnisierte Abgrenzung von Land von den Pastoralisten als das exklusive Zugangsrecht für die relevanten Flächen und alle ihre Ressourcen konstruiert. Folglich haben sich die Ressourcenkonflikte seit 1991 mit dem Bemühen um eine territoriale Kontrolle für politische Zwecke verflochten (Hagmann und Mulugeta 2008). Insbesondere die Eliten der pastorlistischen Gesellschaften, die sich im Staatsapparat verankern, haben ein Interesse daran, ihre Machtansprüche entlang der staatlich definierten ethnisierten Grenzen zu formulieren.</p>
<p>Die Politik des ethnischen Föderalismus hat zu heftigen Konflikten geführt, weil die Gemeinschaften der Grenzregion fluide Identitäten aufweisen und nicht der einen oder der anderen Region zugeordnet werden können ohne die eine oder die andere ethnische Gruppe zu verärgern.</p></blockquote>
<p>Sara Berry hat in ihrer klassischen Studie &#8220;No Condition is Permanent&#8221; überblicksmäßig dargestellt, wie die Kolonialregierungen in Afrika ethnische Identitäten als Herrschaftsinstrument (und aus Unwissenheit) dem Vorbild der modernen europäischen Nationen folgend konstruierten. Der europäische Kolonialismus bildete die Grundlage der ethnisierten Politik, die in der postkolonialen Ära und verstärkt seit der ökonomischen Krise der 1980er Jahre, mit den nachfolgenden neoliberalen Strukturanpassungsprogrammen die Konflikte um Ressourcen prägt. (Mit wenigen Ausnahmen, wie etwa Tanzania, wo im Zuge der neoliberalen Strukturanpassung jedoch ebenfalls ein Anwachsen ethnisierter sozialer Konflikte zu beobachten ist.)</p>
<p>Der Markt verschärft als zweiter Stressfaktor klimatisch bedingte Ressourcenkonflikte in einer Weise, sodass die traditionellen Institutionen sie nicht mehr bearbeiten können. Die Nachfrage nach Fleisch in den arabischen Staaten wächst und dies bildet einen starken Anreiz, Gemeineigentum an Land einzuhegen und Ranches zu errichten. Die äthiopische Regierung behält sich vor, &#8220;Ödland&#8221; an private Investoren zu leasen:</p>
<blockquote><p>Nachdem die Macht, das Land zu klassifzieren bei der Regierung liegt, verloren die Pastoralisten Land, das für die Beweidung in Trockenzeiten reserviert war, an private Investoren (Mariam 2009).</p></blockquote>
<p>Eine wichtige Kontextbedingung ist die allgemeine Degradation der Umwelt, vor allem die Verschlechterung der Qualität der Weidegründe durch staatliche Interventionen. Traditionell kontrollierten die Pastoralisten die Ausbreitung des Buschs durch den Einsatz von Feuer. Das ist seit den 1970er Jahren verboten, sodass viele Weidegründe an Qualität verloren oder unbrauchbar wurden. Zudem begannen sich durch diese ökologischen Veränderungen Termiten auszubreiten, was die Qualität der Weiden weiter verschlechterte.</p>
<p>Schließlich erhält durch den kommerziellen Anreiz, Vieh zu verkaufen, die Verfügbarkeit moderner Feuerwaffen und die Schwächung traditioneller Institutionen der sozialen Kontrolle und Konfliktregulation der traditionelle Viehdiebstahl eine erheblich brutalisierte und auf fortlaufende Expansion ausgerichtete Dimension. War der Viehdiebstahl traditionell &#8211; ökologisch betrachtet &#8211; ein Mittel zum Ausgleich von Viehbestandsunterschieden und zur Durchmischung der Populationen, das sozial streng reguliert und dessen Gewalt dementsprechend eingehegt war, so ist der Viehdiebstahl im internationalen kapitalistischen Kontext und der zunehmenden Vermarktwirtschaftlichung der pastoralistischen Beziehungen ein gewinnorientiertes Unternehmen geworden: das ihn inhärente Gewaltpotenzial ist nun nicht mehr sozial eingeschränkt, eskaliert häufig und trägt zur politischen Instabilität der pastoralistisch geprägten Regionen bei. Neuerdings führen auch die zunehmende Verarmung und die fehlenden Lebensperspektiven zu vermehrten Viehdiebstählen.</p>
<p>Diese Prozesse lassen sich in ganz Ostafrika beobachten. Michael Fleisher beschreibt sie im Aufsatz &#8220;War is Good for Thieving!&#8221; in der anthropologischen Fachzeitschrift &#8220;Africa&#8221; 2002 anhand der Kuria in Tanzania, Jon Unruh am Beispiel dreier pastoralistischer Gruppen in verschiedenen Landesteilen von Äthiopien in &#8220;GeoJournal&#8221; (2005) unter dem Titel <a href="http://landportal.info/sites/default/files/unruh_ethiopia_pastoral_commons_final.pdf">&#8220;Changing conflict resolution institutions in the Ethiopian pastoral commons: the role of armed confrontation in rule-making&#8221;</a>.</p>
<p><strong>Gegen die imperiale Lebensweise, für Solidarische Ökonomien</strong></p>
<p>Kehren wir zurück zum Ausgangspunkt der Überlegungen zur aktuellen Hungerkrise in Ostafrika und ihrer medialen Verarbeitung und Konstruktion am Beispiel zweier Artikel im &#8220;Standard&#8221;. Betrachten wir den größeren Kontext des Diskurses, der darin zum Ausdruck kommt. Widmen wir uns zuerst dem Interview mit Pospichal.</p>
<p>Dort, wo der Meteorologe Pospichal als Meteorologe auf die Fragen nach den Ursachen der Dürre antwortet, sagt er wohl nichts Falsches. Allerdings vermeidet er es, einiges aus der Klimaforschung auszusprechen, was vielleicht nicht die letztgültige Erkenntnis in der Sache, jedoch der wissenschaftlichen Literatur folgend Stand der Forschung ist.</p>
<p>Dort, wo der Autor des Interviews Pospichal Fragen stellt, wirkt seine eigene Positionierung scheinbar unwichtig, neutral. Allerdings vermeidet er es, bestimmte Fragen zu stellen und stellt andere so, dass er es Pospichal leicht macht, eine Antwort darauf zu geben, die gewisse Aspekte der Hungerproblematik ausklammert: vor allem den Blick auf die eigene Produktionsweise, auf Markt, Kapital, Staat und Patriarchat, wovon die Hungerkatastrophen Afrikas eine Folge sind.</p>
<p>Jene Leserinnen und Leser des &#8220;Standard&#8221;, die zu diesem Artikel posten, fassen die politische Botschaft des Interviews in der Mehrheit offensichtlich so auf, wie es weder Pospichal noch der Autor offen sagen, durch die Art der Fragen und der Auslassungen in den Antworten aber durchscheinen lassen. Einige Beispiele zur Illustration mögen genügen.</p>
<p>So meint der Leser Anton Friesl:</p>
<blockquote><p><em>Die Dürre am Horn von Afrika ist menschengemacht&#8230;</em>Aber nicht über den Umweg CO2 und Klimaerwärmung sondern schon seit langer Zeit durch Übervölkerung &#8211; Raubbau an den Wäldern &#8211; Bodenerosion &#8211; Dürre. Das kommt davon, wenn sich Menschen ohne Rücksicht auf ihre Umwelt einfach schrankenlos vermehren. Möglicherweise auch eine indirekte Konsequenz von Missionierung und medizinischer Betreuung.</p></blockquote>
<p>HLAB27 räsonniert:</p>
<blockquote><p>mhmmmm schon eigenartig. auf der einen seite wissen wir, dass die überbevölkerung das gravierendste umweltproblem darstellt, andererseits sollte man spenden um noch mehr überbevölkerung zu erzeugen. ich weiss schon dass das zynisch ist. aber mehr menschen in so einer gegend in die welt zu setzen, als sie ernähren kann ist weitaus schlimmer als nur zynisch. das ist unverantwortlich.</p></blockquote>
<p>Leser Michael Berger hat zusätzlich die Migration in die EU im Auge und meint:</p>
<blockquote><p><em>Ob eine Region von Menschen oder Heuschrecken kahl gefressen wird macht keinen Unterschied &#8211; die Lebensgrundlagen sind zerstört!</em> Beispiel Äthiopien: um 1900 ca. 6 Mio. Einw., 80 % Wald &#8211; 2010 ca. 85 Mio. Einw., 5 % Wald. Eine Änderung der negativen Tendenzen ist nicht absehbar! Der Weisheit letzter Schluß wird dann sein, daß uns mittels Karlheinz Böhm und via ORF eingetrichtert wird, alle diese Leute hätten das unbedingte Menschenrecht ihr Elend zu verlassen um anderswo in der gleichen unverantwortlichen Weise weitermachen zu können. Wo dieses &#8220;anderswo&#8221; ist &#8211; drei mal dürft Ihr raten. Bei den Ursachen anzusetzen, anstatt Symptome zu bekämpfen, ist wohl zuviel verlangt.</p></blockquote>
<p>Leser Richard Ebner schlägt in dieselbe Kerbe:</p>
<blockquote>
<div><em>Es hat weder mit Klimawandel noch mit &#8230;</em>&#8230; Politik zu tun, sondern damit dass die Leute dort laufend zu viele Kinder kriegen, also bei limitierten Ressoucen exponentiell wachsen. Sowas wird am Ende von der Natur geregelt. Früher war es halt nicht bei uns in der Zeitung.</div>
</blockquote>
<p>Der springende Punkt, den die Massenmedien umschiffen &#8211; und darin sind rechtsextreme wie linksliberale Positionen kaum zu unterscheiden &#8211; ist Problematik einer kapitalistischen, patriarchalen, marktwirtschaftlichen und staatlich verfassten Produktionsweise.</p>
<p>In der Tat ist das Verhältnis zwischen kapitalistischen Zentren wie Europa und der Peripherie, zu der Ostafrika zählt (mit regionalen Subzentren wie in Kenya und einer absoluten Peripherie wie Somalia), ein Herrschaftsverhältnis. Es ist kein Naturprodukt, dass Österreich oder Deutschland industriell geprägt sind, und die hiesige Industrie ein hohes Niveau der Produktivität der Arbeit aufweist, während in Ostafrika eine sozial zerrüttete und hochgradig konflikthafte Art der Landbewirtschaftung (Ackerbau und Viehhaltung) die Lebensgrundlage der breiten Mehrheit darstellt.</p>
<p>Dieser lebensentscheidende Unterschied ist allerdings auch kein Produkt des Fleißes oder sonst einer allseits geschätzten Eigenschaft, die den hiesigen Lohnabhängigen oder Unternehmern zugeschrieben wird. (Deren Arbeitslast ist im Vergleich mit afrikanischen Frauen gering). Die industrielle Entwicklung von Österreich und Deutschland beruht wesentlich auf der massenhaften Enteignung-durch-Ermordung und der epidemischen Zwangsarbeit des Nationalsozialismus (Quellen dazu in <a href="http://www.social-innovation.org/?p=1976">Exner/Lauk/Kulterer, &#8220;Die Grenzen des Kapitalismus&#8221;, 2008</a>). Deutschland profitierte zusätzlich von seinen Kolonien in Afrika (dem heutigen Namibia und Tanzania). Insgesamt gesehen war die europäische Entwicklung Motor und Zentrum der Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems, das seit seinen allerersten, noch feudal geprägten Anfängen im 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart auf einem nicht vorstellbaren Transfer von Arbeitskräften und von Ressourcen beruht: von Rohstoffen, Wissen, Saatgut und Produkten.</p>
<p>Der so genannte Fordismus der Nachkriegszeit inklusive seiner &#8220;postfordistischen&#8221; Übergangsphase seit den 1980er Jahren beruhte auf der Einbindung der Lohnabhängigen in das Regime der Kapitalverwertung, ein System des wirtschaftlichen Wachstums. Die Zustimmung zu diesen an sich unerträglichen und daher, wie nicht zuletzt die Zwischenkriegszeit gezeigt hatte, politisch ausgesprochen instabilen Verhältnissen war nur über steigenden Warenkonsum zu erreichen.</p>
<p>Der war wiederum nur möglich, wenn man die Arbeiterinnen und Arbeiter der Welt spaltete: in ein Zentrum, das sich billiger Nahrungsmittel, billiger Energie und an allerlei Tand erfreuen konnte; und in eine Peripherie, wo der Staat ein junges und daher noch wenig organisiertes Proletariat oder eine desorganisierte Bauernschaft mit Gewalt zu unterdrücken vermochte. Die &#8220;imperiale Lebensweise&#8221; (Uli Brand) der Lohnabhängigen des globalen Nordens wurde zu einer Stabilitätsbedingung des Kapitalismus im Weltmaßstab.</p>
<p>Afrika spielte darin eine Schlüsselrolle in der Aufstiegsphase des Fordismus bis in die 1950er Jahre. Afrika war nicht nur eine wichtige Senke für überakkumuliertes Kapital aus den Zentren, das sich dort in Eisenbahnen, Bergwerken und der interozeanischen Transportinfrastruktur langfristig festlegte und solcheart einer am Ende des 19. Jahrhunderts, zeitgleich mit dem &#8220;Scramble for Africa&#8221; unmittelbar drohenden Entwertung entzog. Der Kontinent wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert auch zu einer bedeutenden Rohstoffquelle der kapitalistischen Zentren: für organisches Material, insbesondere Fasern und Pflanzenöl, Produkte des &#8220;niederen Luxus&#8221; wie Kaffee, Tee und Kakao sowie für Erze.</p>
<p>Mit zunehmender Bedeutung des Erdöls seit den 1950er Jahren, wofür die afrikanischen Kolonien keine Rolle spielten, und der durch es möglich gewordenen breiten Palette synthetischer Produkte, die eine Reihe organischer Rohstoffe ersetzten oder zu ersetzen drohten, verlor jedoch die direkte politische Beherrschung der afrikanischen Territorien ihre Relevanz. Zugleich stiegen der Organisierungsgrad, die Schlagkraft und der Wunsch nach Befreiung bei den Kolonisierten. Die Jahrhundertmitte ging daher mit einer umfassenden Kolonisierung, die sich in Ausläufern noch bis in die 1980er Jahre erstreckte (Zimbabwe wurde 1980 endgültig unabhängig), einher.</p>
<p>Angesichts der Mehrfachkrise von Klimawandel, fossiler Energieversorgung, Kapitalverwertung und politischer Legitimität erhält Afrika jedoch wieder eine neue strategische Bedeutung. Im Unterschied zu den mineralischen und metallischen &#8220;Punktressourcen&#8221;, deren Ausbeutung und Verschiffung auch eine kleine Guerilla oder ein marodierender Staatsapparat sicherstellen kann, erfordert die Landnahme für die Produktion von &#8220;Flächenressourcen&#8221; wie Agrotreibstoffen, Nahrungs- und Futtermitteln, aber auch für spekulative Zwecke einen viel intensiveren Zugriff auf die Fläche selbst (und damit auch eine stabilere politische Herrschaft).</p>
<p>Dies vermehrt zugleich die Bedrohungen für die arm gemachten Menschen in Afrika. Deren institutionelle und kulturelle Anpassungsmechanismen an einen schwierigen Naturraum wurden zuerst von den Kolonialregierungen beeinträchtigt, dann von der postkolonialen Entwicklungspolitik bis in die 1970er Jahre geschwächt und werden schließlich in der jüngsten, neoliberalen Phase von fragmentierenden oder zerfallenden Staatsapparaten und einer immer weiter vordringenden Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen zerstört.</p>
<p>Somalia bildet so etwas wie den vorläufigen Endpunkt einer solchen Entwicklung, wo die Auflösung des (insbesondere in pastoralistisch geprägten Gesellschaften immer schon relativen) staatlichen Gewaltmonopols unter marktwirtschaftlich verschärften, patriarchalen Konkurrenzbedingungen zum kriegerischen Dauerzustand wird. Hunger ist unter solchen Bedingungen, die Kolonialismus und Kapitalismus geschaffen haben, in der Tat kein Wunder. Man muss sich schon eher fragen, wie Menschen in diesen Verhältnissen überhaupt überleben können.</p>
<p>Die vorkoloniale Geschichte der in Somalia lebenden Pastoralisten ist dagegen, vielleicht paradox, in gewissem Sinn eine Inspiration für die Frage, wie eine nach-kapitalistische und marktfreie, staatenlose Gesellschaft aussehen kann. Denn die früheren somalischen Gesellschaften sind ein Beispiel für komplexe, hunderttausende Menschen umfassende Zusammenhänge der Konfliktregelung ohne Staat &#8211; Gesellschaften des akephalen Typs (siehe dazu Gerhard Hauck, &#8220;Gesellschaft und Staat in Afrika&#8221;, 2001). Hauck resümiert:</p>
<blockquote><p>Dass die Auseinandersetzung <em>[um Ressourcen; Anm. A.E.]</em> in einen Kampf aller gegen alle ausartete, wurde durch die erwähnten Machtbegrenzungs- und Konfliktregulierungsmechanismen &#8211; den segmentären Lineageorganisationen, die <em>shir-</em>Versammlungen, die <em>reer-</em>Verträge und die <em>guddi-</em>Tribunale &#8211; trotz aller Probleme ziemlich effektiv verhindert.</p></blockquote>
<p>Eine Gleichheit der Geschlechter gab es freilich auch in diesen Gesellschaften nicht.</p>
<p>Der Kolonialismus und das daran anschließende Scheitern der &#8220;nachholenden Entwicklung&#8221; unter dem Regime von Siad Barre, das sich zuerst an der UdSSR, dann an den USA orientierte, hatte in Somalia daher einen besonders verheerenden Effekt. Denn das europäische Herrschaftsmodell des Nationalstaats war der akephal-selbstorganisierten Lebensweise der Somali gänzlich fremd. Gerhard Hauck fasst zusammen:</p>
<blockquote><p>Die katastrophenhafte Entwicklung des postkolonialen Somalia in den 1990er Jahren liegt, wie Jasmin Touati (1997; vgl. auch dies. 1994; Hoering 1994) herausgearbeitet hat, zu großen Teilen darin begründet, dass der koloniale und postkoloniale Staat jene Mechanismen <em>[der akephalen Organisationsweise; Anm. A.E.] </em>im Interesse der Etablierung seines eigenen Gewaltmonopols ihrer Funktionen weitgehend beraubte. Als der postkoloniale Staat dann Ende der 80-er Jahre an seinen inneren Widersprüchen zerbrach, standen unvermittelt keinerlei regulierende Instanzen mehr zur Verfügung. Das logische Resultat waren dem &#8220;bellum omnium contra omnes&#8221; sehr nahe kommende Verhältnisse.</p></blockquote>
<p>Dass das Elend des Hungers weder mit einem Naturphänomen &#8220;Klima&#8221; noch mit einer vermeintlichen &#8220;Überbevölkerung&#8221; zu tun hat, sondern eine Folge der Herrschaft der kapitalistischen Zentren über die Peripherie ist, wird im Mainstream-Diskurs nicht thematisiert. Denn dann müsste man sich selbst in Frage stellen. Dass die kapitalistische, marktwirtschaftliche, staatlich verfasste und patriarchal strukturierte Produktionsweise den Klimwandel verursacht und die Lebensgrundlagen einer großen Zahl von Menschen zerstört, bleibt im Dunkel der kollektiven Bewusstlosigkeit, geschützt durch die Abwehr gegen eine Einsicht in den brutalen Charakter der eigenen Lebens- und Produktionsweise.</p>
<p>Der Imperialismus war von Anfang an ein Massenprojekt. Ein wesentliches Ziel war die Befriedigung der inneren Widersprüche und sozialen Konflikte in den kapitalistischen Zentren. Diese Funktion hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts noch verstärkt, obwohl der Imperialismus sein koloniales Gewand zumindest für eine gewisse Zeit abgestreift hatte. Die Befriedungsfunktion des Imperialismus gewinnt an den Grenzen des &#8220;Umweltraums&#8221; jedoch eine neue Form. Angesichts einer Mehrfachkrise, die in den bestehenden Formen des Herrschens auf mittlere Sicht nicht mehr bearbeitet werden kann, wird er erneut auf breiter Front eliminatorisch.</p>
<p>Die Lohnabhängigen in den Zentren des globalen Nordens nehmen buchstäblich in Kauf, dass Menschen in Äthiopien, Kenya oder andernorts an ihrem Konsum, ihrer eigenen imperialen Lebensweise zugrunde gehen: an einem Klimawandel, den hauptsächlich sie verantworten, weil sie gegen die kapitalistische Produktionsweise nicht rebellieren und sie nicht durch <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2548">Solidarische Ökonomien</a> ersetzen, sondern sich ihr unterwerfen und bestenfalls religiös anmutende <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2548">Moralappelle</a> formulieren oder <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2323">Verzichtsaufrufe</a>, die wirkungslos bleiben, weil Verzicht gerade das Programm der Marktwirtschaft bildet und keine Alternative. Sie nehmen in Kauf, dass Menschen in Ostafrika zugrunde gehen für die Produktion von Agrotreibstoffen zum Betrieb ihrer fälschlich so genannten Automobile, für ihren überbordenden (gesundheitlich nachteiligen) Fleischkonsum (woran sich die Neuankömmlinge in der globalen &#8220;Mittelschicht&#8221; orientieren) und eine Nachfrage nach organischen Rohstoffen, die nach Peak Oil wird steigen müssen um das &#8220;Plastikmeer&#8221; des Warenspektakels weiter wachsen zu lassen.</p>
<p>Nach dem Scheitern der US-Hegemonie mitsamt ihrer Idee weltweiten wirtschaftlichen Wachstums, Fortschritts und Wohlstands im Namen von Marktwirtschaft und Staatsherrschaft, sollen die Versehrten des globalen Standortskriegs sich selber überlassen bleiben. Somalia ist gerade noch als abschreckendes Beispiel gut, als ein irdisches Höllenfeuer für jene, die sich scheinbar gegen alle Prinzipien ökonomischer Rationalität und staatlicher Ordnung versündigt haben. Man kann ihnen nicht einmal mehr &#8220;Hilfe&#8221; schicken, wird beklagt.</p>
<p>Unter den Bedingungen der Entwertungsbewegung des fossilen Kapitals und der drohenden Transformation von Herrschaft in ein <a href="../2008/ressourcenkrise-als-formationsbruch">neues, neofeudal-rohbürgerliches System der Ausbeutung</a> zeichnen sich schon die kommenden Erzählungen von der Unausweichlichkeit menschlichen Elends ab: &#8220;Überbevölkerung&#8221; und &#8220;Naturkatastrophen&#8221;.</p>
<p>Dem ist eine ganz andere Erzählung entgegenzusetzen. Sie müsste die historische Verantwortung des globalen Nordens am weltweiten Katastrophenquartett von Markt, Kapital, Staat und modernem Patriarchat anerkennen. Und sie müsste sich organisch mit einer praktischen gesellschaftlichen Alternative im Weltmaßstab verbinden. Anstelle von staatlicher Politik, Marktwirtschaft, Lohnabhängigkeit und der patriarchalen Ideologie von Leistung und Kontrolle hätte sie die soziale Selbstorganisation zu entfalten, eine neue Logik der Gemeingüter und Solidarischer Ökonomien, und eine Kultur der Muße, der Achtsamkeit und des Teilens.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Gutes Leben nach “Peak Oil” ist möglich!</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 04:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/gutes-leben-nach-peak-oil-ist-moeglich">Gutes Leben nach “Peak Oil” ist möglich!</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/gutes-leben-nach-peak-oil-ist-moeglich">Gutes Leben nach “Peak Oil” ist möglich!</a></p>
<h3>Vorankündigung: “Kämpfe um Land. Gutes Leben im post-fossilen Zeitalter”</h3>
<p>Andreas Exner, Peter Fleissner, Lukas Kranzl, Werner Zittel (Hg.)<span id="more-10000"></span></p>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/2001/es-gibt-sie-noch-die-guten-deutschen/243-revision-2" rel="attachment wp-att-2702" class="broken_link"><img class="alignleft" title="cover" src="http://www.social-innovation.org/wp-content/uploads/2011/07/cover-194x300.png" alt="" width="194" height="300" /></a></p>
<p>Gutes Leben nach “Peak Oil” ist möglich!</p>
<p>2008 zeigte sich die harte Realität der kapitalistischen Ökokrise: steigende Preise bei Erdöl und Nahrungsmitteln und ein weiterer Schub der Verelendung, der die Hoffnung auf allgemeinen Wohlstand durch Wirtschaftswachstum immer unglaubwürdiger macht.</p>
<p>Energie- und Nahrungsmittelpreise steigen seit 2010 erneut, der “unterirdische Wald” in Form von Erdöl ist zur Hälfte “abgeholzt”. Für das energiehungrige Kapital wird nun der Zugang zu Land entscheidend, die nutzbare Erdoberfläche ist jedoch begrenzt und für Menschen im Süden eine Überlebensgrundlage.</p>
<p>Eine Welle neuer Landnahmen für biogene Kraftstoffe, Nahrungsmittel für den Milch- und Fleischkonsum westlicher Prägung hat deshalb katastrophale Auswirkungen: Die Lebensperspektiven ganzer Bevölkerungsgruppen werden zugunsten von Automobil, Fleisch &amp; Co. zerstört.</p>
<p>Eine Alternative ist möglich: Sie besteht in solidarischen Ökonomien und sozialen Innovationen. Energie, Rohstoffe und Nahrung sind möglichst versorgungsnah herzustellen. Landnutzung sollte gemeinschaftlich reguliert werden, wobei das Recht auf Nahrung im Zentrum stehen muss.</p>
<p>Das Buch, das im <a href="http://www.mandelbaum.de/books/806/7397">Mandelbaum-Verlag</a> im Herbst erscheinen wird, basiert auf einem <a href="http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/">Projekt des Österreichischen Klima- und Energiefonds</a> und vermittelt neueste Forschungsergebnisse zu Ressourcen, Krise und Alternativen in klar verständlicher Sprache. Mit Texten von: Elmar Altvater, Michael Beham, Andreas Exner, Peter Fleissner, Margot Geiger, Andreas Gobiet, Gerald Kalt, Christian Lauk, Manfred Lexer, Thomas Mendlik, Jakob Schaumberger, Stefan Schörghuber, Ernst Schriefl, Günther Wind und Werner Zittel</p>
<p><strong>Kämpfe um Land</strong><br />
Gutes Leben im post-fossilen Zeitalter<br />
250 Seiten Format 12 x 19<br />
19.90 € | 30.50 Chf<br />
ISBN: 978385476-603-2<br />
in vorbereitung<br />
Erscheint Oktober 2011</p>
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		</item>
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		<title>Ökosozialismus = Verzicht + Freiwirtschaft?</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2011/oekosozialismus-verzicht-freiwirtschaft-niko-paech-bruno-kern-und-die-fallen-autoritaerer-loesungen-der-oekokrise</link>
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		<pubDate>Tue, 26 Jul 2011 04:00:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie / Produktivkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/oekosozialismus-verzicht-freiwirtschaft-niko-paech-bruno-kern-und-die-fallen-autoritaerer-loesungen-der-oekokrise">Ökosozialismus = Verzicht + Freiwirtschaft?</a></p>
<h3>Niko Paech, Bruno Kern und die Fallen autoritärer Lösungen der Ökokrise</h3>
<p><em>von Andreas Exner<img title="Mehr..." src="http://www.social-innovation.org/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /><span id="more-9978"></span></em></p>
<p><em>Ursprünglich erschienen auf <a href="http://www.social-innovation.org/">www.social-innovation.org</a></em></p>
<p>Der Berliner Kongress <a href="http://www.attac.de/aktuell/jenseits-des-wachstums/">&#8220;Jenseits des Wachstums?!&#8221;</a> von Attac zeigt: Gesellschaftliche Verhältnisse sind in Bewegung geraten. Auch in Deutschland beginnen soziale Bewegungen damit, grundlegende Kritik zu üben. Das ist gerade für Attac bemerkenswert, hat sich das globalisierungskritische Netzwerk seit seiner Gründung nach der Asienkrise 1997 bis vor Kurzem doch wachstumsaffirmativ verhalten. Die theoretische Grundlegung leistete im deutschsprachigen Raum der inzwischen verstorbene <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Huffschmid">Jörg Huffschmid</a>. Der Zugang entsprach einem Marxo-Keynesianismus traditioneller Bauart. Von den bewegten 1970er Jahren her hatte diese Position noch eine Reminiszenz sozialer Kämpfe und Klassen im Bewusstsein behalten. Doch etwas anderes als eine grundsätzliche Bejahung des kapitalistischen Wachstumsimperativs und einer halb aufbegehrenden, halb belehrenden Position gegenüber der als ungerecht kritisierten Verteilungssituation unter neoliberaler Ägide kam dabei nicht heraus.</p>
<p>Das scheint sich nun zu ändern. So verbinden sich etwa Debatten um solidarische Ökonomie und Commons als eine Alternative zur kapitalistischen Wirtschaftsweise mit einer radikalen Kritik des „Green New Deal“ und verwandter Ansätze, die meinen, das Wachstum des Kapitals von wachsendem Stoff- und Energieverbrauch entkoppeln zu können. Der AttacBasisText <a href="http://www.social-innovation.org/?p=1900">„Postwachstum“</a> von Matthias Schmelzer und Alexis Passadakis, eine hervorragende Einführung in die Wachstumskritik, die zusätzlich das Kunststück leistet, plausible Strategien zu einer Überwindung der Wachstumsökonomie zu skizzieren, bringt diese Radikalisierung auf den Punkt. Die darin angezogene inhaltliche Ausrichtung: ein starker Schwerpunkt auf Demonetarisierung, eine Betonung solidarischer Ökonomien und gemeingüterbasierter Produktionsweisen im Allgemeinen, verbunden mit einer Annäherung an linksgewerkschaftliche Vorschläge zur Einrichtung regionaler Investitionsräte und einer Vergesellschaftung von Investitionen erweist sich im Nachhinein als tonangebend für die Ausgestaltung des Berliner Kongresses. Diese integrative Herangehensweise bringt freilich Widersprüche und eine Reihe offener Fragen mit sich.</p>
<p>Und sie erzeugt neue Kontroversen. Diese deuteten sich schon am Kongress am <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2222">Auftaktpodium</a> mit <a href="http://www.social-innovation.org/?p=1988">Niko Paech</a> an und setzten sich auf einem Panel zur Frage der Wachstumsursachen fort. Paech wird seit Neuestem nicht nur in bürgerlichen Medien Aufmerksamkeit zuteil. Auch Le Monde diplomatique bot dem ehemaligen TV-Moderator jüngst die Möglichkeit, seine Version der Wachstumskritik darzulegen. In den konservativen und linksliberalen Milieus gilt er offenbar als anschlussfähig. Oder als hinreichend originell und zugleich konform, um im ewigen Debatteneinerlei um Wachstum und Krise etwas Pepp in den Essayteil zu bringen. In der linken wachstumskritischen Szene halten manche seinen Ansatz für einen Verbündeten. Soweit es um eine Kritik des Mythos der Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch geht, die Paech forciert, stimmt das auch. Allerdings spricht Paech da nur aus, was ohnehin alle wissen, die, anders als Paech, auch dazu forschen. Die Entkoppelungsthese ist in der Fachwissenschaft gegessen.</p>
<p>Wenn es mit dieser Einsicht schon getan wäre, sähe die Welt in der Tat anders aus. Selbstverständlich bestimmen nicht rationale Argumente die Debatte um Wachstum und Auswege aus der ökologischen Krise, sondern soziale Kämpfe. Auf der Oberfläche des Diskurses werden nur die mit diesen Kämpfen organisch verbundenen Intellektuellen sichtbar, auf der Seite von Kapital und Staat ebenso wie auf Seiten der widersetzlichen und aufständischen Kräfte. Und ebenso selbstverständlich ist die Lösung der ökologischen Krise kein technisches Problem, das mit einer Reduktion des Ressourcenverbrauchs bearbeitet werden kann. Weit davon entfernt, geht es vielmehr um die sozial hochgradig konflikthafte Frage, wie das gesellschaftliche Naturverhältnis, das wesentlich in den Formen der gesellschaftlichen Arbeit besteht, zu gestalten ist. Der Konflikt verläuft hier nicht, wie Paech suggeriert, zwischen jenen, die selber in der Erde wühlen und Karotten anbauen und jenen, die Lehrstühle für Philosophie innehaben und gern lange Strecken fliegen. Der Konflikt verläuft zwischen jenen, die das Tun in Form der Arbeit kommandieren und jenen, die ihr autonomes Tun in der und gegen die Arbeit verwirklichen – um eine Begrifflichkeit John Holloways aufzunehmen. Kurz gesagt: Problematisch wird Paech dort, wo es aus linker Sicht eigentlich spannend wird.</p>
<p>Wo es um die Frage geht, wie das gesellschaftliche Naturverhältnis anders zu ordnen ist als in der kapitalistischen Produktionsweise, entpuppt sich Paech als Vorreiter in der ökologischen Falllinie des Kapitals. Dabei passen falsche Analyse und schlechte Alternative wie Schuh und Fuß zusammen.</p>
<p>Paech, der immerhin den Vorsitz der Vereinigung für Ökologische Ökonomie in Deutschland führt, propagiert eine geradezu haarsträubende Erklärung für den Wachstumszwang, den er, bürgerlich genug, nicht mit dem Kapital in Verbindung bringt, sondern im Nebulosen belässt, so als handelte es sich um eine naturwüchsige Tendenz der Geschichte. Die sieht er nämlich in der Arbeitsteilung. „Strukturelle Wachstumsabhängigkeit resultiert aus einer perfekten Verzahnung von industrieller Arbeitsteilung auf der Angebotsseite und vollständiger Fremdversorgung auf Seiten der Haushalte“, stellt Paech in seinem Beitrag zum Attac-Sammelband <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2197">„Ausgewachsen!“</a> fest.</p>
<p>Ein ganzes „Fremdversorgungssyndrom” sei es, das die Menschen „schicksalshaft” einer „geldspeienden Wachstumsmaschine” ausliefere. Warum aber sind „Fremdversorgungssysteme”, wie Paech meint, die Ursache des strukturellen Wachstumszwangs? „Weil sie darauf beruhen, die Distanz zwischen Verbrauch und Produktion zu vergrößern. Dies ist nötig, um die quantitativen sowie qualitativen Steigerungspotenziale einer arbeitsteiligen Wertschöpfung zu entfesseln und in Zuwächse der Güterversorgung zu transformieren“, wird erklärt. Es ist die Arbeitsteilung, die Paech als den Schuldigen ausmacht und worauf er das Wachstum zurückführt. Der gesellschaftliche Charakter der Produktion im Kapitalismus firmiert bei ihm als Fremdversorgung, womit er das rechte Kernmodell der Identitätsgewinnung aus der Abgrenzung vom scheinbar Fremden bedient.</p>
<p>Sobald eine Produktion, die vormals an einen Standort gebunden war, in einzelne Fertigungsschritte zerlegt und internationalisiert wird, komme es, meint Paech zu Spezialisierungsgewinnen. Diese führen zu sinkenden Stückkosten. Weil aber jede Fertigungsstufe Fremdkapital investieren muss, fallen auch auf jeder Stufe Zinsen an. „Das dazu benötigte Fremdkapital kostet Zinsen; Eigenkapital verlangt nach einer hinreichenden Rendite. Folglich muss in jeder Periode ein entsprechender Überschuss erwirtschaftet werden“, heißt es bei Paech, und weiter: „Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum steigt also mit zunehmender Spezialisierung, das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren. Dieses Risiko steigt obendrein mit zunehmender Komplexität, also Anzahl, Distanz und Anonymität der Produktionsstätten. Daraus lassen sich Ansatzpunkte für eine Milderung von Wachstumszwängen ableiten.“</p>
<p>An dieser Erklärung spießt sich alles. Zuerst einmal im Vergleich mit der Empirie. Der im Zuge der Globalisierung enorm gestiegene Grad der Arbeitsteilung ging – wie allseits bekannt – nicht mit einer Steigerung der Wachstumsraten einher, sondern mit deren Abnahme. Die wachstumsschwache Globalisierungsära führte auch zu einer deutlichen Zunahme des Unternehmensrisikos im Vergleich mit der auf den sicheren Binnenmarkt konzentrierten fordistischen Periode, die lange Planungshorizonte kannte. Die Zinsrate, die Paech als Vermittlungsglied zwischen Arbeitsteilung und Wachstumsrate setzt, steht mit der letzteren in einem negativen Zusammenhang. Auch das ist empirisch eindeutig.</p>
<p>Tatsachenfremd behauptet jedoch Paech und treibt seine These damit, wie oben schon zitiert, auf die Spitze: „Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche <em>Wachstum steigt</em> also mit zunehmender Spezialisierung, das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren“ (eigene Hervorherbung). Bekanntermaßen steigt das Wachstum nicht, sondern nimmt tendenziell ab. Der absolute Zuwachs der Wirtschaftsleistung bleibt langfristig konstant, womit die Wachstumsrate, also der relative Zuwachs sinkt. Man könnte einwenden, Paech spräche von der Destabilisierung des Wachstums seit 2008. Das tut er aber nicht. Er will mit seiner verqueren Herleitung des Wachstums schließlich eine allgemeingültige Erklärung liefern.</p>
<p>Nichts deutet darauf hin, dass die „Anzahl eigenständiger Betriebe“ mit dem Wachstum korreliert ist. Die größten Profite machen Konzerne, die zugleich aufgrund ihrer oligopolistischen Position unter den geringsten Risiken leiden und die Weltwirtschaft bestimmen. Das Kapital konzentriert und zentralisiert sich fortschreitend unter Ausdehnung einer riesigen Peripherie kleiner Zulieferer, anstatt einer blühenden wirtschaftlichen Kleingartenlandschaft mit einer wachsenden „Anzahl eigenständiger Betriebe“ Raum zu geben, was ja auch allseits beklagt wird. Was da wächst, ist die Zahl an Sweat Shops, Schuhputzern, Ich-AGs und Elendsunternehmerinnen.</p>
<p>In einer höchst unklaren Weise drückt sich bei Paech ein Moment der wirklichen Wachstumsursache aus: die kapitalistische Konkurrenz, das heißt die unausweichliche Konkurrenz um den Profit, die der Markt zwischen den Betrieben setzt. Das hat aber nicht mit der Arbeitsteilung zu tun, die Paech ganz oberflächlich analysiert, sondern mit der Geldwirtschaft, dem Markt. Die zweite Wachstumsursache ist der abstrakte Charakter des Geldes, das als allgemeine Reichtumsform das überragende Ziel aller Produktion darstellt und zugleich keine innere Grenze an sich selbst findet. Die Akkumulation von Geld ist daher, wie Marx im ersten Band des Kapital analysiert, aus sich heraus rast- und maßlos.</p>
<p>Die Ebene der rationalen Argumentation ist freilich auch hier zweitrangig. Die offenkundig falsche Wachstumserklärung Paechs resultiert aus seinem Bemühen, den Markt und das Kapital von dem Schatten eines Verdachts freizuhalten, die Ursachen des von ihm kritisierten Wachstumszwangs zu sein. Seine Lösung schreibt daher den Weltmarkt, wenngleich in reduziertem Ausmaß fort, ohne zu thematisieren, wie der dort fortwirkende Wachstumszwang mit einer dauerhaften Konstanz der weltmarktvermittelten Wirtschaftsleistung einhergehen soll. Zugleich propagiert er <a href="../2009/sackgasse-regionalwaehrung">Regionalwährungen</a>. Diese „könnten Kaufkraft an die Region binden und damit von globalen Abhängigkeiten befreien. So würden die Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung weiterhin genutzt, jedoch innerhalb eines ökologieverträglicheren und krisenresistenteren Rahmens.“ Das einzige Effizienzkriterium der geldbasierten Arbeitsteilung ist jedoch bekanntermaßen die Profitrate. Die Regionalwährungsringe unterliegen also der von Paech inkriminierten Wachstumslogik.</p>
<p>Daneben setzt er sich für eine Halbierung der Erwerbsarbeit ein. Die Frage des Lohnausgleichs umgeht er dabei charmant. Die Arbeitszeitverkürzung soll Zeit für unbezahlte Eigenarbeit freischaufeln, die man mit Reparaturen und Gartenarbeit verbringt. Das liegt freilich wie erwähnt ohnehin in der Falllinie des Kapitals, das an natürliche und soziale Wachstumsgrenzen stößt und seine Akkumulation auf die auch unter verschärften Marktbedingungen noch konkurrenzfähigen Regionen und Betriebe einschränken wird, unter Ausstoß der redundanten „Überbevölkerung“, die nolens volens ihre Karotten wieder selber anbauen wird, bei halbem Lohn und einer verstärkten Zuweisung von Care-Tätigkeiten an die Frauen. Auch davon spricht Paech nicht.</p>
<p>Paech ist nun keineswegs ein unbeschriebenes Blatt. Er formuliert nicht einfach aus heiterem Himmel erstaunliche neue Ideen, die man als Linke interessant finden kann, von der autoritären Illusion getrieben, man könne aus massenmedialer Popularität politisches Kapital schlagen, wo die eigene soziale Bewegungskraft und kritische Energie nicht für eine Veränderung ausreicht. Eine solche Allianz kann nur in die Hosen gehen. Niko Paechs <a href="http://www.produktion.uni-oldenburg.de/download/Literatur_Niko_Paech/Literatur-Paech_Juni_2011.pdf">bevorzugte Publikationsorgane</a> sind, wenn es um seine vermeintlichen Alternativen geht, Zeitschriften der <a href="../2005/bye-bye-zinskritik" class="broken_link">Freiwirtschaft</a>. Die Freiwirtschaft geht auf den Unternehmer Silvio Gesell zurück. Sie feiert nach ihrer ersten Blüte im Vorfeld des Nationalsozialismus seit den krisenhaften Restrukturierungen der neoliberalen Periode fröhliche Urständ. Die Freiwirtschaft leugnet den Klassenantagonismus zwischen Kapital und Arbeit. Stattdessen verteufelt sie das Finanzkapital und den Zins und sucht dementsprechend die Allianz mit den „kleinen Unternehmern“, die auf Basis „ehrlicher Arbeit“ und entsprechender Konkurrenzfähigkeit ihr „gerechtes Einkommen“ erwirtschaften. Der Zins wird vor allem deshalb abgelehnt, weil er scheinbar das einzige arbeitslose Einkommen ist, und, bei Gesell im Vordergrund, die Selektion der „Tüchtigsten“ durch die Konkurrenz am Markt verzerrt oder außer Kraft setzt. Seit den 1970er Jahren vermählt sich die Freiwirtschaft zusehends mit der ökologischen Wachstumskritik. Sie ist kleinbürgerliche Ideologie par excellence, mit sozialdarwinistischer Schlagseite.</p>
<p>Man sollte sich genau überlegen, mit wem man sich hier ins Boot setzen will. Die so genannte Zinskritik der Freiwirtschaft war bei Gesell selbst und ist in signifikanten Teilen dieser Strömung offen antisemitisch. Freilich, nicht jede zinskritische Position, die die Übel des Kapitalismus auf den Zins zurückführen will und den Markt und die Konkurrenz affirmiert, ist antisemitisch. Sie deckt sich jedoch mit der politischen Ökonomie des Antisemitismus, die Gesell, zentrale Inspiration des NS-Parteiideologen Gottfried Feder, im Anschluss an Proudhon als Erster detailliert ausformulierte.</p>
<p>Nun muss Paech keine Sympathien für derlei hegen. Es befremdet jedoch, abgesehen von seiner eigenen theoretischen Blindheit und verkorksten politischen Position, dass es Linke für nötig halten, mit Paechs Ansatz zu kokettieren. So etwa Bruno Kern, der Paech für seine Version von <a href="http://www.oekosozialismus.net/wer.html">Ökosozialismus</a> eingemeinden will (unveröffentlichter Diskussionsbeitrag in der „Wachstumsliste“ von Attac-Deutschland). Bei Kern reimt sich Paechs Verzichtsapologie, die nicht den Kapitalismus als systematisches Verzichtsprogramm kritisiert, das uns um ein gutes Leben und viele um ihr Leben bringt, sondern darin gerade das gelobte Land erkennen will, mit der von Saral Sarkar vorgeprägten und moralistisch argumentierten Perspektive einer arbeitsintensiven und lokal organisierten Produktion. Während Bruno Kern die wachstumsaffirmative Haltung mancher Teilnehmer am Kongress in Berlin „wie aus den 1970er Jahren“ anmutet (ebd.), so kann man seine eigene Affirmation des Staates als künftigen ökologischen Generaldirigenten nicht anders klassifizieren.</p>
<p>Die bürgerliche Ideologie entwickelt sich von den Rändern her. Der Außenseiter Gesell bereitete die nationalsozialistische Zinskritik vor. Die liberalen Extremisten Hayek und Friedman formulierten den Neoliberalismus, der erst in ihrer Zuspitzung auch in den Niederungen der real existierenden Politik zum Angriff gegen die Proletarisierten taugte. Die Ausläufer der Hippies mit ihrer Do-it-yourself-Ideologie begründeten eine neue Unternehmenskultur der flachen Hierarchien und einer Verlagerung der Kontrolle in die Subjekte. Der talkshowgängige und vermeintlich originelle Paech verbindet die aus ökologischen Gründen, allen voran Peak Oil, völlig unumgängliche Reduktion des Kapitals und seines Kreislaufs mit einer Affirmation der Konkurrenz und lokalistischer Herrschaftsstrukturen – die Regionalwährungen sind als freie Märkte normaler kapitalistischer Unternehmen konzipiert. Es wird unter diesen Bedingungen keine allgemeine Reduktion der Arbeitszeit und auch keinen Lohnausgleich geben, von sozialer Emanzipation durch Vergesellschaftung der Betriebe gar nicht zu reden. Was es geben wird, sind Massenarbeitslosigkeit und eine Eindampfung der Akkumulation auf die Zentren, die sich die dafür nötigen Ressourcen zunehmend mit Gewalt aneignen. Gartenarbeit und Eigenreparatur werden kein moralschwangeres Ergebnis von Verzichtsapellen, begleitet von der „klammheimlichen Freude“ jener, die Peak Oil nicht zuletzt als ein Disziplinierungsevent für vermeintlich „gierige“ Kapitalisten und Schlapperhosen tragende Rapper begrüßen, wie etwa James Howard Kunstler in „The Long Emergency“, sondern Konsequenz des Kampfes um das nackte Überleben sein. Paech wird das nicht gut heißen. Auch Milton Friedman schätzte Ronald Reagan nicht.</p>
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		<title>Solidarische Ökonomien statt &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jul 2011 11:00:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Exner; Andreas]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2011/solidarische-oekonomie-statt-gemeinwohl-oekonomie">Solidarische Ökonomien statt &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;</a></p>
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<p><em>von Andreas Exner</em><br />
<span id="more-9947"></span> <em></em></p>
<p><em>Ursprünglich auf <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2548">www.social-innovation.org</a> veröffentlicht</em></p>
<p><em>Mit Worten lässt sich vieles anstellen. &#8220;Gemeinwohl&#8221; wollen alle und &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; klingt nach einem handfesten Konzept, mehrheitsfähig, pragmatisch, gut. Das Gegenteil ist richtig. Die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; ist momentan reine Utopie &#8211; der Traum einer kleinen Gruppe von Unternehmen: elitär, leistungsorientiert und im Grunde nicht mehr als ein Promotion-Gag. Bis dato jedenfalls. Wie auch immer: Eine Alternative zu Krise, Ungleichheit und schlechtem Leben gibt es. Sie liegt in der globalen Vielfalt solidarischer Ökonomien.</em></p>
<p>Soziale Bewegungen sind unter anderem Lernbewegungen. Viele, die sich gegen Krise und Ungleichheit engagieren sind gerade erst dabei eine &#8220;andere Welt&#8221; zu entdecken. Von der neoliberalen &#8220;There is no alternative&#8221;-Ideologie geprägt, glauben sie, dass es nur eine einzige Alternative gibt. Manche halten die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; von Attac-Österreich bzw. Christian Felber dafür. Weit gefehlt: Es gibt viele Alternativen, und sie alle tun etwas, was die Gemeinwohl-Ökonomie nicht tut: Sie überwinden den Kapitalismus, Hier-und-Jetzt.</p>
<p><strong>Solidarische Ökonomie: eine globale Massenbewegung</strong></p>
<p>Solidarische Ökonomie ist eine globale Massenbewegung, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten an vielen Orten der Welt zugleich entstanden ist. Sie findet sich unter verschiedenen Bezeichnungen und existiert in einer unglaublichen Vielfalt. Nicht alle Menschen, die Solidarische Ökonomie praktizieren, nennen sie auch so. Nicht alle Menschen in solchen Projekten wissen auch voneinander. Der Name &#8220;Solidarische Ökonomie&#8221; ist inzwischen für diese bunte Palette an alternativen Wirtschaftsweisen jedoch am bekanntesten geworden. Ein breites Geflecht von Bewegungen, Projekten, Verbänden, Gewerkschaften und NGOs bemüht sich um die Vernetzung.</p>
<p>In Österreich ist die Gruppe, die den erfolgreichen <a href="http://www.solidarische-oekonomie.at/">Solidarökonomie-Kongress 2009</a> geplant hat, ein wichtiger Knotenpunkt dieses Geflechts. Den nächsten Kongress wird es 2012 in Wien geben. Viele verschiedene Initiativen stehen zusammen mit Gewerkschaften im Follow Up der Tagung <a href="http://www.gbw-wien.at/list83.htm">&#8220;Wirtschaftsdemokratie und Solidarische Ökonomie&#8221;</a> in kontinuierlichem Austausch. Die <a href="http://krisu.noblogs.org/">&#8220;Kritische und Solidarische Universität&#8221; (KriSU)</a> entwickelt Bausteine für eine Solidarische Ökonomie des Wissens. Sie entstand im Zuge der Uniproteste 2009 und betreibt die partizipative Online-Plattform solidarischer Lebensweisen: <a href="http://vivirbien.mediavirus.org/">&#8220;Vivir Bien&#8221;</a>. Das Bild unten zeigt einen Ausschnitt aus der Kartierung Solidarischer Ökonomie in Wien. Erwerbslose, Gewerkschafterinnen, Studierende und Leute wie Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, der Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich Paul Singer oder Jean Ziegler, der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung zählen zu den Unterstützerinnen und Unterstützern der KriSU.</p>
<p><a href="http://docs.google.com/viewer?a=v&amp;q=cache:yaL3dQmStA0J:www.lux09.ripesseu.net/fileadmin/lux09/Programme_Lux_09/interventions_ateliers/A10_SIES_EN.ppt+how+many+solidarity+economy+enterprises+in+Brazil&amp;hl=de&amp;gl=at&amp;pid=bl&amp;srcid=ADGEESgsMtjGXaBEEXXnGdbsYTusxmZ2JF088eqNzzHBu_yXbkBAiuLWb4fQ0tORQlSTrhZhXR9JNfZaVEY1iCA0G5fyqrtUBK2xeZEZ6T6Bp3eAC_CoMeY7N_1Fu-1BOTl-KtcAaWYf&amp;sig=AHIEtbQm8XcHSwd84WfRbVQp9xWJ5qNQKw&amp;pli=1"><img class="alignleft" title="Vivir Bien" src="http://www.social-innovation.org/wp-content/uploads/2011/07/Vivir-Bien.jpg" alt="" width="177" height="177" />Solidarische Ökonomie hat vier Merkmale</a>: (1) Kooperation, (2) Selbstverwaltung, (3) ökonomische Funktion, (4) Solidarität mit der Gesellschaft.</p>
<p>Das heißt: (1) die wirtschaftenden Menschen kooperieren in einem Projekt oder Betrieb gleichberechtigt, (2) sie verwalten ihre Maschinen, Gebäude und Rohstoffe (Produktionsmittel) selbst, (3) sie erzielen gemeinsam einen Lebensunterhalt (in Form von Geldeinkommen oder Naturalleistungen), (4) sie verhalten sich zur Gesellschaft solidarisch. Das ist die Definition des Leitbilds Solidarischer Ökonomie in Brasilien, woran sich die solidarökonomischen Bewegungen weltweit überwiegend orientieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Solidarische Ökonomie in Lateinamerika</strong></p>
<p>Ein Zentrum Solidarischer Ökonomi<a href="http://www.streifzuege.org/2004/nichts-zu-lachen/981-revision-2" rel="attachment wp-att-2571" class="broken_link"><img class="alignleft" title="SOLÖK Brazil" src="http://www.social-innovation.org/wp-content/uploads/2011/07/SOL%C3%96K-Brazil-300x236.jpg" alt="" width="301" height="238" /></a>e befindet sich in Lateinamerika. In Brasilien gibt es ein eigenes <a href="http://www.mte.gov.br/ecosolidaria/sies.asp">Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie</a>, das Solidarische Ökonomie fördert und in einer Datenbank erfasst. 2006 hatte das Staatssekretariat unter Leitung des Ökonomen Paul Singer 14.954 solidarökonomische Zusammenhänge auf rund 40% des Landesgebiets erfasst. Die <a href="http://docs.google.com/viewer?a=v&amp;q=cache:yaL3dQmStA0J:www.lux09.ripesseu.net/fileadmin/lux09/Programme_Lux_09/interventions_ateliers/A10_SIES_EN.ppt+how+many+solidarity+economy+enterprises+in+Brazil&amp;hl=de&amp;gl=at&amp;pid=bl&amp;srcid=ADGEESgsMtjGXaBEEXXnGdbsYTusxmZ2JF088eqNzzHBu_yXbkBAiuLWb4fQ0tORQlSTrhZhXR9JNfZaVEY1iCA0G5fyqrtUBK2xeZEZ6T6Bp3eAC_CoMeY7N_1Fu-1BOTl-KtcAaWYf&amp;sig=AHIEtbQm8XcHSwd84WfRbVQp9xWJ5qNQKw&amp;pli=1">Karte links</a> zeigt den Kartierungsstand 2007, je dunkler die Farbe, desto mehr Solidarökonomie. 52% der Landesfläche waren kartiert. In diesem Jahr waren knapp 22.000 solidarökonomische Zusammenhänge (Betriebe, kooperative Gruppen) erfasst, mit rund 1,6 Millionen Beteiligten. Die einkommensschaffende Funktion erstreckt sich aufgrund von verwandtschaftlichen Netzwerken in eine weit größere Bevölkerungsgruppe hinein.</p>
<p>Solidarische Ökonomie ist in Brasilien ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Sie wird von kritischen Gewerkschaften, Kirchen und Universitäten in eigenen Inkubatoren, die gleichberechtigte Beratung und Projektbegleitung anbieten, aktiv gefördert und entwickelt. Unternehmerinnen oder Unternehmer gibt es in der solidarischen Ökonomie nicht. Alle sind ihre eigene Chefin oder ihr eigener Chef. Die Leute sind nicht lohnabhängig, sondern arbeiten eigenständig im Kollektiv &#8211; ohne dass sie andere Menschen kommandieren (wie das Unternehmer tun, deren Lohnabhängige weisungsgebunden sind).</p>
<p>Ein weiterer, riesiger Bereich Solidarischer Ökonomie in Brasilien besteht aus der <a href="http://www.mstbrazil.org/whatismst">Landlosenbewegung MST</a> und ihren Siedlungen. Sie rechnen sich aus politischen Gründen nicht zur Solidarischen Ökonomie. Inhaltlich betrachtet handelt es sich dabei jedoch um kooperative, solidarisch auf die Gesellschaft orientierte Projekte, die sich bemühen, gleichberechtigte Beziehungen zwischen den Mitgliedern zu leben. Über mehr als zwei Jahrzehnte hat die Landlosenbewegung rund 2.500 Landbesetzungen organisiert, mit etwa 370.000 Familien, die heute als Resultat der Besetzungen 7,5 Millionen Hektar Land erfolgreich besiedeln. Diese Familien richten Schulen ein, organisieren Kredite für die landwirtschaftliche Produktion und die Kooperativen und kämpfen für den Zugang zu Gesundheitseinrichtungen. Zur Zeit gibt es ungefähr 900 Siedlungen des MST mit ca. 150.000 landlosen Familien in Brasilien.</p>
<p>In Argentinien ist die Solidarische Ökonomie ebenfalls gut entwickelt. <a href="http://www.amazon.de/andere-Welt-Gelebter-Widerstand-Argentinien/dp/3897411628/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1310818500&amp;sr=8-1">Friederike Habermann hat ihre Stärken und Schwächen im Buch &#8220;Aus der Not eine andere Welt&#8221;</a> mit vielen Interviews von Beteiligten beschrieben. Die Solidarische Ökonomie hat in Argentinien nach der Wirtschaftskrise von 2000/2001 eskalierende Gewalt und Chaos, vielleicht sogar einen Bürgerkrieg verhindert. In Stadtteilversammlungen begannen die Menschen ihr Leben selbst zu organisieren. In Kooperativen traf man Entscheidungen auf gleicher Augenhöhe. Bankrotte Betriebe wurden besetzt und aus der Hand der Unternehmer in die Kontrolle der Belegschaften überführt. Die Solidarische Ökonomie steht in Argentinien in enger Verbindung mit der Arbeitslosenbewegung, die politischen Druck macht.</p>
<p>In Venezuela findet ein <a href="http://www.azzellini.net/buecher-von-dario-azzellini/venezuela-bolivariana">spannender Prozess der Umgestaltung von Wirtschaft und Politik</a> hin zu einer <a href="http://www.azzellini.net/akademische-veroeffentlichungen/venezuela-die-konstituierende-macht-bewegung">Solidarischen Ökonomie im großen Stil</a> statt. So fördert die Regierung von Hugo Chavez die Selbstverwaltung von Betrieben: Arbeiterinnen und Arbeiter sollen ohne Management selbst ihre Entscheidungen treffen, auf gleicher Augenhöhe. Die Regierung unterstützt auch die Rückverlagerung staatlicher Funktionen in die Gesellschaft. Sie übertrug den Gemeinden weitreichende Kompetenzen der Selbstorganisation und es entstand eine Reihe sozialer Einrichtungen, die sich solidarökonomisch selbst organisieren. Einen zentralen Plan gibt es dafür nicht. Unternehmer werden entmachtet und die Menschen versuchen stattdessen gleichberechtigt zu kooperieren.</p>
<p><a href="http://www.utopische-realpolitik.de/">Auch in Bolivien</a> gibt es solche Ansätze, die aus einer breiten sozialen Basis erwachsen sind, die unter anderem den gegenwärtigen Präsidenten Evo Morales gegen alle neoliberalen Konkurrenten durchsetzen konnte. Ein weiteres Beispiel auf dem lateinamerikanischen Festland ist die <a href="http://www.ezln.org.mx/">Selbstregierung der Zapatistas im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas</a>. Sie haben im Verlauf mehrerer Jahre ein eindrucksvolles System der basisdemokratischen, politischen Selbstverwaltung und solidarischen Ökonomie entwickelt. Die Zapatistas setzten wichtige &#8220;Leitsterne&#8221; (Christian Felber) der globalisierungskritischen Bewegung, so etwa die Slogans &#8220;Eine andere Welt ist möglich&#8221;, &#8220;Fragend schreiten wir voran&#8221; und &#8220;Wir wollen eine Welt, in der viele Welten Platz haben&#8221;. Ihr Aufstand 1994 war der Startschuss jener globalisierungskritischen Internationale, aus der Attac erwuchs.</p>
<p><a href="http://www.social-innovation.org/?p=2340"><img class="alignleft" title="Kuba" src="http://www.social-innovation.org/wp-content/uploads/2011/07/Kuba-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" />In Kuba hat die Solidarische Ökonomie der Kooperativen</a> (Genossenschaften), der Gemeinschaftsgärten und der solidarischen Netzwerke von Freunden und Familien eine <a href="../2011/kapitalismus-peak-oil-gesundheitskatastrophe-post-fossile-gesundheit-in-solidarischer-postwachstumsoekonomie">Hungerkatastrophe nach dem &#8220;künstlichen Peak Oil&#8221; </a>von 1989, dem Zusammenbruch der UdSSR, verhindert. Entscheidend für den Erfolg war die dezentrale solidarökonomische Selbstorganisation.</p>
<p>Sie folgte keinem zentralen Plan, sondern entwickelte sich aus sich selbst heraus. Es entstand eine solidarische, urbane Landwirtschaft, die Hunderttausende zu versorgen begann (siehe Bild oben).</p>
<p>Der Film <a href="http://www.powerofcommunity.org/cm/index.php">&#8220;The Power of Community&#8221;</a> berichtet über diese Erfolgsgeschichte Solidarischer Ökonomie:</p>
<p><object width="500" height="400"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/-VHt5QchfdQ?version=3"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/-VHt5QchfdQ?version=3" type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="400" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p>ACHTUNG: All diese Beispiele für Solidarische Ökonomien sind eben das, Beispiele. Sie sind keine Modelle. Das heißt: sie illustrieren, dass Solidarische Ökonomien in großem Maßstab existieren (wenngleich nach wie vor überall auf der Welt der Kapitalismus dominiert), und welche Vorteile sie haben, was sie ermöglichen. Zudem bedeutet ein positives, tragfähiges Beispiel nicht, dass auch sein Kontext positiv und tragfähig ist. Alle Beispiele Solidarischer Ökonomie existieren in einer (Welt)Gesellschaft, in der Kapitalismus herrscht und die auf fossilen Energien beruht &#8211; auch die Solidarische Ökonomie in Kuba. Eine kritische Einschätzung ist dazu übrigens im Artikel <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2340">&#8220;Kuba: ein Vorbild für die Zeit nach Peak Oil?&#8221;</a> nachzulesen.</p>
<p><strong>Solidarische Ökonomie in Europa und andernorts<br />
</strong></p>
<p>Auch in Europa gibt es eine Fülle von Beispielen Solidarischer Ökonomie. Das bekannteste ist <a href="http://www.mcc.es/language/en-US/ENG.aspx">Mondragón</a>, eine komplexe Kooperative im spanischen Baskenland, die seit den 1950er Jahren existiert. Sie besteht aus 256 Firmen, die unter anderem in Hochtechnologie und Handel aktiv sind und in weltweiten Niederlassungen mehr als 85.000 Personen beschäftigt. Insbesondere in Italien hat der Genossenschaftssektor, der dort ebenfalls relativ gut dem Idealtypus Solidarischer Ökonomie entspricht, eine große regionale wirtschaftliche Bedeutung. So werden in der <a href="http://www.woz.ch/artikel/2009/nr35/international/18260.html">Emilia Romagna etwa 40% des BIP im Genossenschaftssektor</a> produziert. <a href="http://www.uni-kassel.de/hrz/db4/extern/dbupress/publik/abstract.php?978-3-89958-443-1">In Nordhessen wurden mehr als 250 solidarökonomische Zusammenhänge erfasst</a>, Das Ergebnis ist in einer <a href="http://www.kmfn.de/rnf/">interaktiven Karte</a> dargestellt.</p>
<p>Die partizipative Online-Plattform <a href="http://vivirbien.mediavirus.org/">&#8220;Vivir Bien&#8221;</a> zeigt eine große Zahl solidarökonomischer Projekte in Europa mit einem Schwerpunkt in Österreich, mit 89 &#8220;Ressourcen für solidarische Lebensweisen&#8221; allein in Wien. (&#8220;Vivir Bien&#8221; wird kontinuierlich weiterentwickelt.)</p>
<p><a href="http://www.energiegenossenschaften-gruenden.de/energiegenossenschaften.html">Energiegenossenschaften</a> sind eine länderweise relativ weit verbreitete Form partizipativer Energieversorgung &#8211; so etwa in Dänemark (wo Energiegenossenschaften den Ausbau der erneuerbaren Energie bestimmten), in England oder Deutschland. In den letzten Jahren gibt es in manchen Regionen einen neuen Aufwärtstrend bei Energiegenossenschaften. Sie sind nicht auf erneuerbare Energien beschränkt, haben dort jedoch einen Schwerpunkt.</p>
<p>Ein eindrucksvolles Beispiel Solidarischer Ökonomie war (und ist zum Teil nach wie vor) die <a href="http://www.image.co.at/themen/dbdocs/LF_sallmutter_3_02.pdf">österreichische Sozialversicherung</a>. Sie verwaltet das zweitgrößte Budget nach dem Staatshaushalt. Im Jahr 2000 etwa betrug das Ausgabenvolumen 33,5 Mrd. EUR, während die Ausgaben des Bundes 56,8 Mrd. EUR umfassten. Als Rückfluss in den gesellschaftlichen Konsum stellten diese Ausgaben 16% des BIP (2000). Die Sozialversicherung folgt dem Solidarprinzip (Umlageverfahren). Sie agiert ausschließlich im konkreten Gesundheitsinteresse ihrer Mitglieder (das heißt ohne Gewinnabsicht). Entsprechend niedrig ist der Verwaltungsaufwand, der etwa bei der WGKK lediglich 3% des Budgets einnimmt. Zwar ist das historisch ursprünglich leitende Prinzip der Selbstverwaltung seit der <a href="http://www.arbeit-wirtschaft.at/servlet/ContentServer?pagename=X03/Page/Index&amp;n=X03_1.a_2001_10.a&amp;cid=1196351261348">58. Novelle des ASVG (2001)</a> stark parteipolitisch überprägt und instrumentalisiert, doch ist die Sozialversicherung im Kern weiterhin eine selbstverwaltete Körperschaft und damit ein Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung Solidarischer Ökonomien in Österreich.</p>
<p>Agrargemeinschaften sind in Österreich (aber auch in anderen Ländern) weit verbreitet und hierzulande eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_%C3%B6sterreichischer_Agrargemeinschaften">flächenmäßig höchst bedeutsame</a> Form kollektiver Landbewirtschaftung. Sie verfügen vor allem über <a href="https://www.dafne.at/prod/dafne_plus_common/attachment_download/6b799c0b83c895c455223376b28515c7/1234%20Agrarstruktur_Komplett.pdf">Almen und Wald</a>. <a href="http://10324.webventure.at/index.php?id=52&amp;tx_bitntglink_pi1[pS]=1290198804&amp;tx_bitntglink_pi1[pointer]=81&amp;tx_bitntglink_pi1[tt_news]=1476&amp;tx_bitntglink_pi1[backPid]=58&amp;cHash=feecd8f617">In Tirol</a> etwa verfügen Agrargemeinschaften über eine Fläche von 2.100 km². Man kann sie zum Teil zur Solidarischen Ökonomie zählen, sofern die Bewirtschaftung intern relativ gleichberechtigt-partizipativ erfolgt und es Elemente solidarisch-kooperativer Beziehungen zur Gesellschaft gibt. Der Sektor insgesamt hat ein großes Entwicklungspotenzial, auch wenn er momentan nur zum Teil einer Solidarischen Ökonomie entspricht.</p>
<p><a href="http://blog.unkontrollierbar.org/?p=72">Solidarische Landwirtschaft</a>, auf Englisch &#8220;Community Supported Agriculture&#8221; (CSA), ist ein weltweit sehr bedeutendes und rasch wachsendes Beispiel Solidarischer Ökonomie. In Japan zum Beispiel sind rund ein Viertel aller Haushalte an CSA beteiligt. Auch in Frankreich expandiert die solidarische Landwirtschaft rasch. Dabei finanziert eine Gemeinschaft die landwirtschaftliche Produktion einer Saison und plant ihren Bedarf vorab. Unterstützung durch Arbeitsleistungen bei Erntespitzen ist möglich. Die Verteilung der Produkte erfolgt meist als „Gemüsekisterl“, per Selbstabholung oder in Selbsternte.</p>
<p><a href="http://www.gartenpolylog.org/1/was-sind-gemeinschaftsgaerten">Gemeinschaftsgärten</a> sind eine weitere bedeutende Form Solidarischer Ökonomie. Es handelt sich dabei um landwirtschaftliche Flächen, die entweder kollektiv bewirtschaftet werden oder (auch) mehrere Einzelparzellen mit einem gemeinsamen Pool an Werkzeugen, engem Wissensaustausch und nachbarschaftlicher Hilfe aufweisen. Gemeinschaftsgärten sind ein wichtiger Teil städtischer Landwirtschaft. Sie erhalten insbesondere im angelsächsischen Raum großen Zulauf. Das technische Produktionspotenzial von Gemeinschaftsgärten (und städtischer Landwirtschaft insgesamt) ist erheblich (aber  erst in Anfängen untersucht). Gemeinschaftsgärten werden inzwischen in vielen US-Städten, aber auch in Europa, zum Beispiel in <a href="http://www.capitalgrowth.org/">London</a>, kommunal gefördert. Sie sind ein wesentliches Element, um dem sozialen Zerfall der niedergehenden Industriezentren entgegen zu wirken. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist <a href="../2006/detroit-summer-2">Detroit</a>.</p>
<p>Ein wichtiger Bereich Solidarischer Ökonomie ist das Wohnen. Ein Praxis-Leitstern ist dafür das <a href="http://www.syndikat.org/">Mietshäusersyndikat</a> in Deutschland. Das Syndikat besteht aus einem Zusammenschluss von 51 Hausprojekten und 22 Projektinitiativen. Es umfasst eine große und wachsende Zahl an Mitgliedern. Altprojekte geben dabei ihr Know-How an Neugründungen kollektiver Wohnprojekte weiter. Darüberhinaus helfen Altprojekte bei der Finanzierung, indem Überschüsse nicht in die Verbesserung des Wohnstandards oder Mietsenkungen investiert, sondern an Neuprojekte weiter gegeben werden. Auch in Österreich gibt es kollektive Wohnformen mit unterschiedlichen Graden solidarischer Kooperation, so etwa die <a href="http://www.sargfabrik.at/">Sargfabrik</a>, die <a href="http://www.derlebensraum.com/">Ökosiedlung Gänserndorf</a> oder <a href="http://www.brot-verband.at/">B.R.O.T.</a></p>
<p>Noch weitergehende Kooperationsbeziehungen entwickeln Wohn-Arbeit-Verbünde. So verwirklichen die Kooperativen der <a href="http://www.kaernoel.at/cgi-bin/kaernoel/comax.pl?page=page.std;job=CENTER:articles.single_article;ID=2313">Longo Mai-Gruppe</a> kollektives Leben, Wohnen und Arbeiten. Sie pflegen darüberhinaus auch eine übergreifende Kooperation und solidarische Beziehungen zur Gesellschaft insgesamt. Longo Mai entspricht dem Idealtypus Solidarischer Ökonomie. (Dies bedeutet nicht, dass solidarökonomische Wohn-Arbeit-Verbünde so aussehen müssen wie Longo Mai.) Was die wirtschaftliche Dimension und Komplexität angeht sind die <a href="../2005/kibbuz-und-nachkapitalistische-sozialstrukturen">Kibbutzim</a> der 1960er Jahre das geschichtlich bisher eindrücklichste Beispiel. Die Arbeitsteilung in den einzelnen Kibbutz-Siedlungen sowie zwischen ihnen erfolgte kooperativ, das heißt unter Ausschluss von Kommandohierarchien und ohne Marktbeziehungen. Kooperation ist das Gegenteil von Tausch.</p>
<p>ACHTUNG: Auch diese Beispiele für Solidarische Ökonomien sind eben das, Beispiele. Sie sind keine Modelle. Das heißt: Sie illustrieren, dass Solidarische Ökonomien in großem Maßstab existieren (wenngleich nach wie vor überall auf der Welt der Kapitalismus dominiert), und welche Vorteile sie haben, was sie ermöglichen. Ein positives, tragfähiges Beispiel bedeutet zudem nicht, dass auch sein Kontext positiv und tragfähig ist. Alle Beispiele Solidarischer Ökonomie existieren in einer (Welt)Gesellschaft, in der Kapitalismus herrscht und die auf fossilen Energien beruht. Mondragon produziert für den Weltmarkt und <a href="http://www.mondragon-corporation.com/language/en-US/ENG/Frequently-asked-questions/Corporation.aspx">nur ein Drittel der Belegschaft besteht derzeit aus Genossinnen und Genossen (Mondragon möchte jedoch den Anteil der Mitglieder in den nächsten Jahren nach Eigenaussage rasch erhöhen)</a>. Dass Mondragon ein Beispiel Solidarischer Ökonomie ist, heißt nicht, dass Mondragon auch ein Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung Solidarischer Ökonomie sein wird, ja, überhaupt sein kann. Die Kibbutzim litten unter ihrer geografischen Isolation und ihrer sozialen Abschottung (gegenüber dem kapitalistischen Umfeld). Auch sie produzierten unter anderem für den Weltmarkt. Zudem schlich sich in den Kibbutzim &#8211; entgegen ihrer ursprünglich anti-patriarchalen Ausrichtung &#8211; eine geschlechtliche Arbeitsteilung ein. Bei Erntespitzen wurde vielfach das Prinzip, keine Lohnarbeit zuzulassen (das weitestgehend eingehalten wurde), durchbrochen. Die Art wie Longo Mai Solidarische Ökonomie konkret lebt, ist aufgrund der vielen Eigenheiten von Longo Mai nur für bestimmte Leute interessant. Nicht alle Leute wollen Gemüse anbauen, nicht alle interessieren sich für Landwirtschaft. Etc. etc. etc.</p>
<p><strong>Transnationale Beispiele Solidarischer Ökonomie</strong></p>
<p>Im Unterschied zur &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;, die bisher gänzlich auf den nationalen Rahmen fixiert ist, verbindet die Solidarische Ökonomie eine sinnvolle lokale mit einer globalen Orientierung. Naturgemäß finden sich die besten Beispiele transnationaler solidarischer Ökonomien im Bereich der Wissensproduktion. So enthält Wikipedia, die kostenlose und auf freiwilliger Kooperation beruhende Online-Enzyklopädie, derzeit 18 Millionen Artikel in verschiedenen Sprachen und wird von 365 Millionen Userinnen und Usern genutzt. Zur Solidarischen Ökonomie zählt Wikipedia, sofern man einen Beitrag zum Lebensunterhalt der Produzierenden nicht für ein notwendiges Kriterium ansieht. (Wäre Solidarische Ökonomie bereits die dominierende Wirtschaftsweise geworden, würde auch die Mitarbeit in Projekten wie Wikipedia für den eigenen Lebensunterhalt ausreichen.)</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Software">Freie Software</a> bzw. open source Software entsprechen ebenfalls einer solidarökonomischen Produktionsweise.  Sie hat eine große Zahl an hochqualitativen Produkten (Firefox, Linux, MeeGo etc.) hervorgebracht. Ihre Prinzipien der Freiwilligkeit und des kostenlosen Zugangs werden inzwischen auch auf andere Bereiche der Produktion informationeller Güter (darunter Designs) angewandt, Beispiele dafür sind: open t-shirt designs (threadless.com), Ronen Kadushin (ronen-kadushin.com; open furniture designs), das Open Architecture Network (openarchitecturenetwork.com) und Arduino (arduino.cc) im Bereich von open electronic hardware designs. Auch die One Laptop per Child Initiative (laptop.org) verwendet ein offenes Design.</p>
<p>Weitere Beispiele transnationaler Solidarischer Ökonomie sind Solidaritätsprojekte wie etwa im Fall der <a href="http://www.cafe-libertad.de/shop/kaffee">Kaffeekette vom zapatistischen Chiapas nach Europa</a>.</p>
<p>Auch für die transnationalen Beispiele Solidarischer Ökonomien gilt die oben bereits gemachte Anmerkung: Es handelt sich um Beispiele, nicht um Modelle oder gar um<em> ein</em> Modell. Der Kontext dieser Beispiele sind der Kapitalismus und die fossile Energieversorgung. Sie zeigen jedoch, dass Solidarische Ökonomien in großem Umfang existieren, und illustrieren das Potenzial für eine Überwindung des Kapitalismus und für die Energiewende (letztere ist technisch ohnehin kein Problem, sondern <a href="../2008/die-oekologische-krise-des-kapitals">scheitert an der Wachstumsorientierung des Kapitalismus</a>).</p>
<p><strong>Gemeinwohl-Ökonomie: Unternehmer-Utopie und Promotion-Gag</strong></p>
<p>Wie ist vor dem Hintergrund dieser Erfolgsstory die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; einzuschätzen, die bei Attac Österreich momentan als &#8220;das Wirtschaftsmodell der Zukunft&#8221; (Christian Felber) gehandelt wird? Die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; ist eine Idee einiger Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich bei Attac Österreich engagieren. Sie wollen Gewinne machen und zugleich das &#8220;Gemeinwohl&#8221; fördern.</p>
<p><a href="../2011/neue-werte-im-sonderangebot-die-gemeinwohlokonomie-christian-felbers">Christian Felber hat zu dieser Idee ein Buch geschrieben</a>. Darin entwirf er das Konzept in vielen Details. Das &#8220;Gemeinwohl&#8221;, so Felber, soll in einer Reihe &#8220;demokratischer Konvente&#8221; definiert und messbar gemacht werden. Die Messung, welchen Beitrag ein Unternehmen zum &#8220;Gemeinwohl&#8221; leistet, soll in Form einer &#8220;Punktematrix&#8221; erfolgen. Als Kriterien schlägt die Attac-Unternehmensgruppe &#8220;faire Preise&#8221;, die &#8220;Selbstorganisation der Arbeitszeit&#8221;, &#8220;Transparenz im Unternehmen&#8221; und Ähnliches vor. Die &#8220;Gemeinwohl-Punkte&#8221; sind an sich ökonomisch wertlos. Der Anreiz für die Unternehmen, sich an der Punktematrix zu orientieren, liegt in Förderungen, die der Staat daran koppeln soll. Zugleich wird davon ausgegangen, dass die Unternehmen, die viel für das &#8220;Gemeinwohl&#8221; tun, mehr Waren verkaufen und daher mehr Gewinn machen.<strong> </strong></p>
<p>Dieses Konzept ist für ein bestimmtes Milieu von Unternehmen potenziell attraktiv. Mit der &#8220;Punktematrix&#8221; im Auge wollen vor allem relativ konkurrenzschwache, kleinere Unternehmen und prekarisierte Mikrounternehmerinnen oder -unternehmer auf begünstigte staatliche Förderungen hoffen. Darüberhinaus wäre ein gutes Image für sie von geschäftlichem Vorteil. Ganz ähnlich wie beim Konzept der &#8220;Corporate Social Responsibility&#8221; (CSR), das in Österreich vor allem die Wirtschaftskammer propagiert, weltweit gesehen jedoch eher Konzerne anspricht.</p>
<p>Zusätzlich eröffnet die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; eine Reihe neuer Möglichkeiten der Kapitalanlage. Die komplizierte und nicht leicht durchschaubare Punktematrix erfordert eine Vielzahl an Beratungstätigkeiten, Consultingfunktionen und Auditmechanismen. Sie wäre in der Realität angesichts der unglaublichen Vielfalt an Produkten, Stakeholdern und Unternehmen noch viel komplizierter als sie bereits im Buch erscheint.</p>
<p>Die Punktematrix für den Beitrag der Unternehmen zum &#8220;Gemeinwohl&#8221; lässt &#8211; wie jede komplizierte und entsprechend intransparente Regelung &#8211; eine Menge Schlupflöcher offen. Für fortwährende Aufträge zur Verbesserung der Matrix und Kontrolle der &#8220;Punkteperformance&#8221; wäre gesorgt. Der Kontrollaufwand wäre auch deshalb erheblich, weil der Anreiz der Unternehmen, sich an die Punktematrix zu halten, nicht in der Punktematrix selber liegt, sondern vorrangig im Geld, das sie dafür aus staatlichen Töpfen erhalten sollen. Sie würden daher zuerst einmal (wie jetzt auch) danach trachten, Kosten zu minimieren und Einnahmen zu maximieren. Der &#8220;Missbrauch&#8221; der Punktematrix und eine wachsende Bürokratie, diesen einzudämmen, ist in der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; aus strukturellen Gründen angelegt &#8211; entgegen ihrer Intention.</p>
<p><strong>Die Attac-Felber-Symbiose</strong></p>
<p>Nicht zuletzt erschließt sich für den Autor des Buchs zur &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; eine stetige Einkommensquelle über Vorträge, neue Bücher und Publikationsaufträge. Ein völlig legitimes Interesse übrigens. Attac Österreich, das sowohl den Autor als auch das Konzept der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; als solches promotet, kompensiert damit die relative Einfallslosigkeit, unter der es in den letzten Jahren leidet.</p>
<p>Anders als Attac Deutschland, das mit der <a href="http://www.social-innovation.org/?p=1900">Solidarischen Postwachstumsökonomie</a> ein zugkräftiges Projekt auf der Höhe der aktuellen Probleme etabliert hat, fehlen Attac Österreich eine weiterführende Vision und konkrete Handlungsalternativen. Man erledigt routiniert die traditionellen Geschäfte im Bereich der Finanzmarktkritik. Dagegen ist das Attac-Projekt &#8220;Wege aus der Krise&#8221;, das zuletzt frischen Wind hätte bringen sollen, nach kurzer Zeit wieder eingeschlafen. (Formell existiert es weiter.) Das bedingungslose Grundeinkommen wurde zwar mit überwältigender Mehrheit bei der Aktivistinnen- und Aktivistenversammlung als Forderung von Attac beschlossen, liegt jedoch ungenutzt in der konzeptionellen Schublade. Interessanterweise zeigt sich Christian Felber in &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; gegenüber einem Grundeinkommen auffällig reserviert (seine frühere Position war strikte Ablehnung). Man mag spekulieren, dass dies auch den Vorstand von Attac Österreich im Umgang mit dieser Forderung der Attac-Basis beeinflusst.</p>
<p>Mittelfristig ist die enge Koppelung von Attac Österreich an die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;, die ihrerseits sozusagen organisch mit Christian Felber verbunden ist, eine für die NGO potenziell tödliche Sackgasse. Schließlich ist die <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2255">&#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; vor allem ein Marketingkonzept</a>, das die Person Christian Felber für sich maßgeschneidert und &#8211; potenziell einkommensträchtiger als ein Migrantinnenprojekt &#8211; an dafür empfängliche Unternehmerinnen und Unternehmer gekoppelt hat. Es trägt weniger inhaltlich, sondern beruht wesentlich auf der Sehnsucht nach Erlösung, deren Erfüllung die Fangemeinde in seine Person projiziert.</p>
<p>Menschen setzen ihre Hoffnung in die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; und man hofft, daran zu verdienen. Als ein Marketingkonzept beansprucht die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; einen Alleinverkaufsanspruch und schneidet im Gegenzug eine autonome, kritische Weiterentwicklung von Attac ab.</p>
<p>Das dürften manche bei Attac ähnlich sehen. Denn bei der <a href="http://www.attac.at/4754+M5235114a548.html?&amp;tx_attacalendar_pi1_old_pid=3520&amp;tx_attacalendar_pi1_single_view=1&amp;tx_attacalendar_pi1_uid=3616">Attac-Sommerakademie, die dieses Wochenende in Graz</a> stattfindet, gab es &#8211; <a href="http://kratzwald.wordpress.com/2011/06/06/die-gemeinwohlokonomie-und-attac/">wider Erwarten</a> &#8211; keine Entscheidung der Aktivistinnen und Aktivisten, wie sich das Verhältnis von Felber bzw. der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; zu Attac nun konkret gestalten soll. Man scheut offenbar eine kritische Distanz zum Zugpferd. Von ihm hängt nämlich ein Teil der Einnahmen der Organisation ab. Die kann sich inzwischen sogar einen Geschäftsführer leisten und will den vermutlich nicht mehr missen. Gleichzeitig spüren manche offenbar, dass die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;, sollte man sie in den Rang einer Attac-Forderung erheben und &#8211; im Unterschied zur Attac-Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen &#8211; auch aktiv promoten, nur noch tiefer in die symbiotische Beziehung zwischen Felber und Attac führt. Das Hauptaugenmerk müsste fortan auf einer Weiterentwicklung der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; liegen. Allein schon aus Gründen des NGO-Marketings. Konzeptionelle Offenheit und kritische Flexibilität wären dahin.</p>
<p><strong>Solidarische Ökonomie im Hier-und-Jetzt statt &#8220;Gemeinwohl&#8221;-Utopie</strong></p>
<p>Die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; verwirklicht kein Kriterium der Solidarischen Ökonomie. Zwar trägt sie zum Lebensunterhalt der Beteiligten bei &#8211; doch tut das jede Firma. Eine solidarische Beziehung zur Gesellschaft entwickelt die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; nicht. <a href="http://www.rosalux.de/publication/37369/2363/solidaritaet-waer-eine-prima-alternative.html" class="broken_link">Solidarität bedeutet das Verlernen von Privilegien</a>, wie Friederike Habermann argumentiert. Sie hat die Solidarische Ökonomie in Argentinien, Österreich und Deutschland untersucht und deren Mechanismen analysiert. Auf Basis ihrer Studien betont Habermann:</p>
<blockquote><p>Es müssen Prozesse des Zuhörens gefunden werden, welche das &#8216;Verlernen von Privilegien&#8217; <em>(&#8230;) </em>bedeuten. Privilegien zu verlernen bedeutet aber nicht, sich an einen runden Tisch zu setzen und so zu tun, als seien die bestehenden Interessen der bestehenden Subjekte <em>[ein anderes Wort dafür ist 'Individuen', Anm. A.E.] </em>in bestehenden Verhältnissen in <em>win-win</em>-Situationen aufzulösen. Es bedeutet auch nicht, zum Beispiel Indigene zu Konferenzen einzuladen, um &#8216;authentische&#8217; Stimmen zu hören, und danach weiterzumachen wie bisher. (S.62)</p></blockquote>
<p>Die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; sieht die Aufhebung der Trennung zwischen Management und Lohnabhängigen nur für den Fall des Todes der Unternehmerin oder des Unternehmers vor &#8211; sofern diese das auch wünschen. Die Belegschaft hat darin keine Stimme, gegen die Unternehmerschaft soll sie sich nicht durchsetzen können. Während die Vorteile einer solchen (erst Jahre oder Jahrzehnte später zu vollziehenden) &#8220;Umwandlung&#8221; eines &#8220;Gemeinwohl-Betriebs&#8221; in eine Genossenschaft schon zu Lebzeiten für die Unternehmer*innen geschäftlich fühlbar werden, müssen die Lohnabhängigen bis zum Tod des Eigentümers warten.</p>
<p>Eine gleichberechtigte Integration aller Benachteiligten in die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; ist nicht einmal angedacht. Nachdem die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; sich stark national ausrichtet und große Hoffnungen in &#8220;demokratische Konvente&#8221; in diesem Rahmen setzt, dürften allenfalls hiesige Migrantinnen, Prekarisierte, Geringverdiener und andere an den Rand gedrängte Gruppen teilnehmen. Dies jedoch offenbar nur in der Form von &#8220;Konferenzen&#8221;, wie im Zitat von Habermann und unter der Annahme einer &#8220;win-win-Situation&#8221; zwischen Unternehmern und den &#8220;Anderen&#8221;.</p>
<p>Die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; verwirklichkeit keine Kooperation auf Augenhöhe: die einen sollen vielmehr weiterhin lohnabhängigen Menschen Weisungen erteilen und Anweisungen geben können, gestützt auf ihr Privileg, die Eigentümer der Maschinen, Gebäude und Rohstoffe zu sein; die anderen sollen abhängig bleiben vom Lohn, den die Unternehmerinnen und Unternehmer zahlen &#8211; oder aber selbst &#8220;Unternehmer&#8221; werden. Felber vertritt an diesem Punkt bereits eine lupenreine neoliberale Ideologie, wonach alle Unternehmer sein können und sollen.</p>
<p>Ebensowenig verwirklicht die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; das zentrale Kriterium der Selbstverwaltung der im Betrieb tätigen. Stattdessen bleiben die Verwaltungsaufgaben das Monopol der Unternehmerin oder des Unternehmers.</p>
<p>Solidarität zur Gesellschaft äußert sich nicht nur in gleichberechtigten, sondern auch in kooperativen Beziehungen. Kooperation ist das Gegenteil von Marktbeziehungen, von Kauf und Verkauf. Selbst die Unternehmerinnen und Unternehmer kooperieren in der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; nicht. Sie sollen sich zwar gemeinsam über die &#8220;Punktematrix&#8221; unterhalten, verkaufen einander aber nach wie vor ihre Waren, anstatt die Produktion gemeinsam zu planen und die Güter und Dienste nach dem Bedürfnisprinzip zu verteilen. Insbesondere in Krisen sollen sie laut Felber kooperieren. Das täten sie jedoch nur, träfen sie gemeinsame Entscheidungen, würden also weder einander verkaufen noch voneinander kaufen. Felber wünscht sich (in Krisenzeiten wie z.B. gegenwärtig) eine &#8220;kooperative Marktplanung&#8221;. Das kann nur eine gemeinsame Planung von Preisen bedeuten. (Das schlägt Felber nicht vor. Eine &#8220;kooperative Marktplanung&#8221; müsste jedoch gerade darin bestehen.) Legte man allerdings Preise gemeinsam fest, so könnte man ebensogut konkret festlegen, wieviel man wovon produziert. Das wäre in der Tat einfacher und sinnvoller als ein kompliziertes politisches Preissystem.</p>
<p>Die <a href="http://peerconomy.org/wiki/Deutsch">Peer Economy von Christian Siefkes</a> (die Siefkes übrigens nicht mehr vertritt) oder die <a href="http://stattkapitalismus.blogsport.de/">Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft von Alfred Fresin</a> zeigen, wie das in der Praxis gehen könnte. Diese Konzepte illustrieren im Unterschied zur &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; lediglich, dass eine andere, nicht-kapitalistische Wirtschaftsweise im Großen praktisch und schon heute denkbar ist. (Was Felber bestreitet.) Sie behaupten nicht, dass eine solche Wirtschaftsweise auch nach ihrem Modell funktionieren wird oder funktionieren muss. Auch gibt es keine Gruppe, die eine solche Wirtschaftsweise als fertiges Modell, als &#8220;das Wirtschaftsmodell der Zukunft&#8221; (Christian Felber) implementieren will &#8211; im Unterschied zum Unternehmerprojekt &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;.</p>
<p>Die elitäre Ausrichtung der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; spiegelt sich auch darin wieder, dass das Konzept auf die Unternehmer und Unternehmerinnen als handelnde Personen fokussiert. Es ist ein Wunschtraum weißer, (mittel)europäischer, gut ausgebildeter, ehrgeiziger, leistungsorientierter und sozial flexibler Frauen und Männer. Migrantinnen, prekarisierte Lohnabhängige und &#8220;Elendsunternehmerinnen&#8221;, Putzfrauen, selbst die Kernbelegschaften normaler kapitalistischer Unternehmen spielen in ihr keine Rolle. Sie werden nicht als selbstständige Menschen mit Visionen, Kompetenzen, Leidenschaften, Kämpfen und Ideen ernst genommen.</p>
<p>Die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; formuliert an ihrer Stelle ein fertiges, abstraktes, kompliziertes und trockenes Konzept mit bürokratischem Charakter. Die Leute, die Felbers Veranstaltungen besuchen und seine Bücher kaufen, sind jene, die ihr Vertrauen noch nicht in sich selbst setzen, sondern sie den Unternehmern und Unternehmerinnen überantworten wollen, die es scheinbar besser wissen &#8211; allen voran jenem Selbstunternehmer, als der unser Autor seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Dass es die Unternehmer &#8220;besser wissen&#8221;, wird freilich seit den Anfängen des Kapitalismus behauptet. Das Gegenteil ist angesichts von Krise, Verarmung, der großen ökologischen Probleme und wachsender Ungleichheit offensichtlich wahr.</p>
<p>Der wichtigste Problempunkt der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; ist jedoch, dass sie bis auf absehbare Zeit eine Utopie bleiben wird, selbst wenn sie den raschen und umfangreichen Zulauf von Unternehmerinnen und Unternehmern erhalten sollte, den sie laut Ansicht Felbers benötigt, um sich als eine tragfähige Alternative zu erweisen. Sie kann zwar als eine Initiative von einzelnen Unternehmen starten. Doch ihre Versprechen löst sie bestenfalls dann ein, wenn sie (1) staatliche Förderungen für die &#8220;Gemeinwohl-Punkte&#8221; erhält, (2) ein bedeutender Teil aller Umsätze der weltweiten Wirtschaft auf sie entfallen (Felber erhofft, dass in den nächsten Jahren <a href="http://www.social-innovation.org/?p=2465">&#8220;Tausende oder Zehntausende von Unternehmen dem Prozess beitreten und diesen mitgestalten&#8221;</a>; das dürfte angesichts weltwirtschaftlicher Verflechtungen noch viel zu niedrig gegriffen sein).</p>
<p>Man kann sich anhand des Umfangs der (wachsenden) Weltwirtschaft und der Latte, die sich Felber legt, was die Neuzugänge an Unternehmen pro Jahr angeht, ausrechnen, dass die Verwirklichung der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; Jahrhunderte benötigen würde. Um ein Gefühl für die Realität zu bekommen: es gibt <a href="http://www.manta.com/mb">in den USA alleine vermutlich mehr als 24 Millionen Unternehmen</a>. <a href="http://bizcovering.com/major-companies/how-many-companies-are-there-in-the-world/">Global schätzt jemand die Zahl der Unternehmen auf einige hundert Millionen bis eine Milliarde</a>. Wie auch immer. Es sind ziemlich viele.</p>
<p>Gänzlich anders ist die Solidarischen Ökonomie gelagert. Sie entstand aus vielfältigen, breiten sozialen Bewegungen und wird von ihnen kontinuierlich weiterentwickelt &#8211; theoretisch wie praktisch. Sie ist im Unterschied zur &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; keine Utopie, sondern eine Realität im Hier-und-Jetzt. Die Erfahrungen in Argentinien und Venezuela zeigen, dass bei entsprechendem politischen Druck und einer breiten sozialen Bewegung, die sich von den Unternehmern und Unternehmerinnen distanziert anstatt sich an sie zu klammern, rasche Fortschritte in der Entwicklung einer Solidarischen Ökonomie gemacht werden können. Dies erfordert keineswegs Jahrzehnte, wie im Fall der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;. Qualitative Sprünge sind binnen weniger Jahre möglich.</p>
<p>Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht hier keineswegs um ein Bashing von Unternehmerinnen oder Unternehmern. Es geht hier um die Frage, ob man Menschen als &#8220;Unternehmer&#8221; anspricht oder als Menschen. Sofern Menschen sich mit ihrer sozialen Zwangsrolle, &#8220;Unternehmer&#8221; (oder &#8220;Lohnabhängige&#8221;) zu sein, identifizieren und das bejubeln, steht das einer Solidarischen Ökonomie entgegen. Sofern sie es als ein momentan zwangsläufiges Übel hinnehmen und einen Ausweg suchen, nicht. Friedrich Engels war bekanntlich Fabrikant.</p>
<p><strong>Der Weg zu einer Alternative der Vielfalt &#8211; Schritte, die alle sofort machen können</strong></p>
<p>Wer davon erfährt, dass es Alternativen zum Kapitalismus, zu seinen Krisen und der wachsenden Ungleichheit gibt, möchte natürlich wissen, wo sie und er hier und heute damit beginnen können. Es gibt dafür sehr viele Möglichkeiten. Die partizipative Online-Plattform <a href="http://vivirbien.mediavirus.org/">&#8220;Vivir Bien&#8221;</a> zeigt eine Fülle an Projekten der solidarischen Ökonomie in Österreich. Diese Projekte sind zumeist offen für Mitarbeit und dankbar für jede Unterstützung. Auch die oben genannten Gruppen des <a href="http://www.solidarische-oekonomie.at/">Solidarökonomiekongresses</a> oder die <a href="http://krisu.noblogs.org/">KriSU</a> heißen Mithilfe willkommen. Die Plattform <a href="http://solidarischgsund.org/">&#8220;Solidarisch G&#8217;sund &#8211; Für ein öffentliches Gesundheitswesen&#8221;</a> zielt auf eine solidarische Ökonomie im Gesundheitswesen. Sie ist für Mithilfe dankbar. Die <a href="http://transitionaustria.ning.com/">Transition Town-Gruppen</a> freuen sich ebenfalls über tatkräftige Verstärkung. Eine breite Vielfalt an solidarökonomischen Mitmach-Optionen bietet die Rubrik &#8220;Doing/Tun&#8221; der Plattform <a href="http://demonetize.it/">&#8220;Demonetize.it!&#8221;</a> Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten.<strong> </strong></p>
<p>Der Vorteil solcher Möglichkeiten, im Hier-und-Jetzt mit den Alternativen zu beginnen: Man muss weder auf Unternehmer und Unternehmerinnen warten, die sich das komplizierte Punktesystem der &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; zueigen machen wollen &#8211; noch muss man die vielen Jahrzehnte warten, bis es soweit sein könnte, dass &#8220;demokratische Konvente&#8221; Staatseinnahmen (aus einer kapitalistischen Wirtschaft) umgelenkt und &#8220;Gemeinwohl-Matrizen&#8221; definiert haben, sodass (1) auf Basis eines gemeinsames Verständnisses von &#8220;Gemeinwohl&#8221; (2) ausreichende Subventionen für die &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221; abgezweigt werden können. (Diese müssten aus einer prosperierenden kapitalistischen Wirtschaft stammen, die entsprechend umfangreiche Steuereinnahmen generiert.)<strong></strong></p>
<p>Gründen wir Handwerks-Kooperativen! Steigen wir in der nächsten FoodCoop ein! Bilden wir <a href="http://www.shareandcare.at/">Share and Care-Netzwerke</a>! Vernetzen wir unsere Projekte und geben einander, was wir brauchen &#8211; ohne Verrechnung und Tausch! Überlegen wir, was wir produzieren wollen und produzieren es kooperativ! Unterstützen wir <a href="http://www.umsonstladen.at/">Kostnixläden</a>! Lasst uns überlegen, wie wir Streiks organisieren, die zu Betriebsübernahmen führen! Organisieren wir Streiks in Betrieben! Verstecken wir Illegalisierte! Üben wir bedingungslose Solidarität! Lasst uns für ein Grundeinkommen agitieren! Lobbyieren wir für die Erleichterung von Betriebsübernahmen (etwa nach dem Vorbild des <a href="http://www.monde-diplomatique.de/pm/2007/12/14.mondeText.artikel,a0003.idx,6">Marcora-Gesetzes in Italien</a>)! Versuchen wir uns in Betriebsübernahmen! <a href="http://www.geldlos.at/index_ressourcenpool.php">Lasst uns Ressourcen poolen</a> ohne Tausch und Verrechnung!</p>
<p>Holen wir uns die Macht zurück, die wir der Regierung geben! Halten wir Ausschau nach praktischen Alternativen im Hier-und-Jetzt! Verbreiten wir ihre Erfolge! Betrachten wir ihre Defizite kritisch! Lasst uns Vorschläge diskutieren, wie es besser gehen könnte! Setzen wir sie in die Tat um! Machen wir uns vor allem selbst Gedanken, was wir im Leben wollen, was wir erträumen, was wir heute und jetzt tun können, damit ein gutes Leben für alle Wirklichkeit wird!</p>
<p>Die Solidarische Ökonomie ist die &#8220;andere Welt&#8221;, die bereits in der Gegenwart existiert. Im Unterschied zur &#8220;Gemeinwohl-Ökonomie&#8221;, &#8220;das Wirtschaftsmodell der Zukunft&#8221; (Christian Felber), haben in ihr viele Welten Platz.<strong><br />
</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><br />
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