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	<title>Streifzüge &#187; Bindseil; Ilse</title>
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		<title>Ein Freund, ein guter Freund</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2010 10:55:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2010-48]]></category>

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		<description><![CDATA[mit zwei praktischen Anh&#228;ngen Streifz&#252;ge 48/2010 von Ilse Bindseil Notwendig, d.h wichtig w&#228;re f&#252;r mich eventuell ein wackerer Freund, obschon ich die Freundschaft f&#252;r unausf&#252;hrbar halte, weil sie eine zu schwierige Aufgabe zu sein scheint. Speziell hier&#252;ber w&#252;rde es allerlei zu reflektieren geben &#8230; Robert Walser, Der R&#228;uber Es gibt offenbar zwei Formen, Freundschaft zu [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2010/ein-freund-ein-guter-freund">Ein Freund, ein guter Freund</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em> mit zwei praktischen Anh&#228;ngen</em></p>
<p>Streifz&#252;ge 48/2010</p>
<p><em>von Ilse Bindseil</em> <span id="more-6272"></span></p>
<div style="margin-left:30px"><em>Notwendig, d.h wichtig w&#228;re f&#252;r mich eventuell ein wackerer Freund, obschon ich die Freundschaft f&#252;r unausf&#252;hrbar halte, weil sie eine zu schwierige Aufgabe zu sein scheint. Speziell hier&#252;ber w&#252;rde es allerlei zu reflektieren geben &#8230;</em><br />
<em>Robert Walser, Der R&#228;uber</em></div>
<p>Es gibt offenbar zwei Formen, Freundschaft zu schlie&#223;en, erz&#228;hlte ich mir selbst, eine, die auf einer Illusion, die andere, die auf einem So-tun-als-Ob beruht. Ob es sich um den einen oder andern Typ handelt, entscheidet sich hinterher, wenn die Freundschaft erbl&#252;ht oder abgestorben ist. Abgestorben, da erinnert man sich an die urspr&#252;ngliche Beziehungslosigkeit, &#252;ber die man sich hinweggesetzt hat. Erbl&#252;ht, staunt man, wie Geringsch&#228;tzung, Heuchelei, purer Zwang und F&#246;rmlichkeit sich in Freundschaft umwandeln k&#246;nnen, sofern ein einziges Element sich dazugesellt: Zeit.</p>
<p>Wie kann man &#252;ber einen urspr&#252;nglichen Einwand hinweggehen, fragte ich mich und erinnerte mich an die unwiderstehliche Wertsch&#228;tzung, die mir entgegengebracht wurde, und dass ich mich wie eine Braut f&#252;hlte, die sich sagt: Die Liebe wird schon noch dazukommen. Sie war dazugekommen, aber ihr hatte stets der rechte Halt oder der aufrichtige Grund gefehlt. Das Ende war ein bitteres Scheitern der Freundschaft und befreite R&#252;ckkehr zu mir selbst.</p>
<p>Wie wird aus F&#246;rmlichkeit Freundschaft, fragte ich mich nicht weniger erstaunt und erschauerte bei der Erinnerung an den gigantischen Augenblick, als mir zwei freiwillige H&#228;nde statt der erpressten einen entgegengestreckt wurden. Die gestelzte Konversation auf der T&#252;rschwelle war einer Plauderei auf dem K&#252;chensofa gewichen. Ich war anh&#228;nglich geworden, stellte ich hinterher fest, ich suchte sogar die Ber&#252;hrung. Von gedrechselter Sprache keine Spur, nicht einmal von der l&#228;stigen Atemlosigkeit, diesem Hineinstolpern in eine ungedeckte Zukunft, in der ich nachatmen musste, was ich zuvor geredet hatte. Diesmal hatte ich zwischen den S&#228;tzen geatmet, was sag ich, zwischen den Worten. Wovon die Rede war? Nicht von allem M&#246;glichen, sondern von uns Freunden, in dem genau konturierten Sinn, dass wir nichts gemeinsam erlebt hatten, aber die Zeit uns gemeinsam erlebt hatte. Ungezwungen hatten wir uns auf den Standpunkt der Zeit gestellt. „Ach, den Nussbaum wollen Sie umhauen? Sie meinen, seine Tage sind gez&#228;hlt? Unsere auch.“ Hinterher war ich fr&#246;hlich – weil ich da gewesen war, nicht wie sonst, weil ich’s hinter mir hatte.</p>
<p>Freundschaft, sagte ich mir in einem ersten Versuch, Bilanz zu ziehen, ist die pers&#246;nliche Anerkennung einer h&#246;chst unpers&#246;nlichen Angelegenheit, des Lebens, der gemeinschaftliche Verzicht auf Einzigartigkeit und Besonderheit, gl&#252;ckliche Entfernung von sich selbst.</p>
<p>So gefasst, hatte sie offenbar etwas mit Alter zu tun, das nachlassende Interesse an der eigenen Person erleichterte die Sache jedenfalls gewaltig. Alles hing davon ab, ob es einem gelang, die oberfl&#228;chliche Beziehung in Ehren zu halten. Das war nicht einfach; noch war sie ja nichts au&#223;er ein bisschen Heuchelei und Simulation und musste trotzdem geehrt werden, nur so konnte sie etwas werden. Weil ich so wenig f&#246;rmlich war, also eigentlich ganz sympathisch, standen meine Chancen hier nicht besonders gut, und vielleicht war ich von den Ausnahmen deshalb so beeindruckt, und die eine oder andere Freundschaft hatte sich ganz wunderbar bew&#228;hrt.</p>
<p>Wenn ich ehrlich bin, kehrte ich zu meiner Eingangs&#252;berlegung zur&#252;ck, dann besteht f&#252;r mich der ganze Unterschied darin, ob das Werben von mir oder vom andern ausgeht. Geht es von mir aus, kann ich Hoffnungen zur&#252;ckschrauben, Entt&#228;uschungen bearbeiten, frei mit den Grenzen hantieren, mal den Traum erleben und dann wieder die Realit&#228;t konfrontieren, am Ende das herausdestillierte K&#246;rnchen reiner Freundschaft genie&#223;en. Geht es vom andern aus, dann bin ich anders, passiv, der leisesten Empathie unf&#228;hig und gierig nach Komplimenten.</p>
<p>Wenn ich verehrt werde, sagte ich mir, kann ich die Freundschaft nicht ehren, der Dritte im Bunde fehlt.</p>
<p>Das ist, wie wenn ein Verliebter dir die Sterne vom Himmel holen will; bald kannst du nicht mal mehr den Lichtschalter bet&#228;tigen, willst aber Feuerwerk und Feiertagsbeleuchtung den lieben langen Tag.</p>
<h3>Ger&#252;chte &#8230;</h3>
<p>Ich war mit dem Ger&#252;cht aufgewachsen, dass Freunde dazu da seien, bedenkenlos in Anspruch genommen zu werden, gem&#228;&#223; der alten R&#228;tselfrage: „&#8230; und ist doch nie verbraucht?“ Ich hatte auch geh&#246;rt, dass Freundschaft die einzige Beziehung sei, in der Kritik keine Rolle spiele. Wenigstens das konnte ich mir noch aus erlebten Kinderfreundschaften herleiten, wo das Aussetzen der Kritik den Einstieg in die Phantasie bedeutete. Konnte ich mit meiner Freundin nicht gemeinsamen Tagtr&#228;umen nachh&#228;ngen, ohne f&#252;r bl&#246;d zu gelten? Konnte ich ihr nicht meine geheimsten W&#252;nsche mitteilen, ohne mein Gesicht zu verlieren, ihr die abenteuerlichsten Pl&#228;ne mitteilen, ohne beim Wort genommen zu werden, meine Familie schlechtmachen, ohne den gef&#252;rchteten Verrat zu begehen?</p>
<p>Wir haben uns in Freundschaft ge&#252;bt, sagte ich mir. Was wie ein Alles-ohne-Kritik aussah, das war in Wirklichkeit ein Nichts-au&#223;er-Freundschaft. Wie sollte es Freundschaft sein, wenn wir doch gar nicht wussten, was Freundschaft ist? Also haben wir es Freundschaft genannt, und damit es nicht nichts war, haben wir gesagt: keine Kritik. Wenn wir schon nicht wussten, was es war, so hatte es doch eine Eigenschaft, die bewies, dass es sie gab.</p>
<p>Von daher, sagte ich mir, auch der Hang, dem Uns&#228;glichen Raum zu geben, das Unterste der eigenen Person nach oben zu kehren, den Freund zum Mitwisser all des Miesen zu machen, das man aufzuweisen hat; gar nicht mal, weil man es nicht allein tragen kann, sondern aus R&#252;cksicht auf ihn: Wie sonst soll er merken, dass er ein Freund ist?</p>
<p>So befreundet bin ich nicht mit mir, sagte ich mir, dass ich mich meinen uns&#228;glichen Seiten aussetzen will. Lieber will ich keinen Freund.</p>
<p>Ich war in dem K&#246;hlerglauben erzogen worden, dass der beste Freund des Mannes seine Frau ist und umgekehrt. Wenn das Vertrauen so weit gediehen war, dass er, der von Amts wegen ihr Mann war, ihr Kamerad wurde, wenn umgekehrt sie die Geschlechtergrenze &#252;berschritt und ebenfalls Kamerad wurde, dann war f&#252;r eine Nur-Freundschaft, eine Nichts-als-Freundschaft-Freundschaft kein Bedarf. </p>
<p>Wenn ich meiner Freundin etwas &#252;ber meinen Mann erz&#228;hle, argumentierte ich auf meine rigoristische Art, dann setze ich mich ja selbst herab. Wie kann ich ihn meinen Mann nennen und &#252;ber ihn reden, frei nach der Devise: Wei&#223;t du, was mein Mann gemacht hat? Ich fand das unlogisch, nicht nur fragw&#252;rdig, vor allem unlogisch. Deutete es nicht auf eine Spaltung in mir, und was sollte meine Freundin sein, wenn nicht ein Teil dieser Spaltung? </p>
<p>Man hat ja auch nicht einen Freund, sagte ich mir, und redet &#252;ber ihn, h&#246;chstens zu einem anderen Freund, wenn man n&#228;mlich das Bed&#252;rfnis versp&#252;rt, jedem Einzelnen von ihnen das Gef&#252;hl zu vermitteln, er w&#228;re der Einzige. Oder aber – und das kam mir irgendwie bekannt vor –, wenn man zu blo&#223;en Bekannten ein unbefangeneres, ja herzlicheres Verh&#228;ltnis als zu Freunden pflegte, und da ergab sich nat&#252;rlich schon die eine oder andere Gelegenheit zu einem Bonmot auf Kosten der Freundschaft.</p>
<p>Ich war auch in der &#220;berzeugung aufgewachsen, Freundschaft w&#228;re die libidin&#246;se Erscheinungsform der Pubert&#228;t, erstens zielgehemmt und zweitens passager, also nichts Eigenst&#228;ndiges. „Komm an meinen Busen, Freund!“, die Aufforderung galt dem, was gerade nicht in der Liebesbeziehung aufging, der Jugend, der Humanit&#228;t, dem gemeinsamen Traum von der Frau, schlicht dem Tr&#228;umen. Sie meinte nicht zuletzt die Kunst, obwohl mir das immer absurd vorgekommen war: dass etwas die Kunst und nicht die Kunst, umgekehrt, eine Sache meinte. Auch dass Freundschaft sich selbst meinen sollte, dieser Gedanke erzeugte in meinem Kopf keine Vorstellung.</p>
<h3>… und Mystifikationen </h3>
<p>Ausgerechnet die &#196;u&#223;erung eines Jesuiten, der in einer WG lebte, brachte mich wieder auf das Thema. Wie er, in seinen Lebensumst&#228;nden von andern Menschen seines Alters nicht unterschieden, das Z&#246;libat verkrafte, wurde er gefragt. „&#8230; und man muss gute Freunde haben“, antwortete er. Den ersten Teil seiner Antwort verga&#223; ich sofort; wahrscheinlich hatte er mit Religion zu tun. Aber das Paradox ging mir nach. Was ersetzen die guten Freunde dem, der mit ihnen die Liebesbeziehung ersetzen muss, fragte ich mich, und ohne dass sie blo&#223; Ersatz w&#228;ren. Was hie&#223; in diesem Sinn gut? Im Gel&#228;ufigen bezeichnete „guter Freund“ ja eher die Abwesenheit eines Feindes.</p>
<p>Die Antwort lie&#223; sich ein paar Jahre Zeit, aber ich hielt die Frage in Ehren. Das war nicht wenig, da Ersatz, frz. ersatz, f&#252;r mich immer eine trostlose Vorstellung gewesen ist, vielleicht die trostloseste von allen. Und nat&#252;rlich haben weder Glaube noch Verstand, sondern die Umst&#228;nde mir ein Licht aufgesteckt; mit andern Worten: Ich erfuhr, was ein guter Freund ist, eine Freundin oder ein Freund.</p>
<p>Ein Freund, sagt der Volksmund, ist jemand, der einen so akzeptiert, wie man ist. Ich fixierte mich nicht l&#228;nger auf das potenziell Diskriminierende daran, dass man eben nur so ist, wie man ist, auch das Diskriminierende f&#252;r den Freund. Ein Freund, formulierte ich f&#252;r mich, ist jemand, der mich wahrnimmt. Wenn er mich anredet, merke ich, dass ich wirklich bin. Zwar, das Erlebnis stellt sich auch ohne Freund ein, ich brauche blo&#223; eine Ohrfeige zu kassieren. Dass ich es mit begleitenden Gef&#252;hlen, minimalen Reflexionen, einem ganzen in behaglicher Gewohnheit ablaufenden Reaktionsschema ausstatten kann, also in einem allt&#228;glichen, zugleich erlebten Sinn bin, liegt an der Gegenwart meinen Freundes. </p>
<p>Es ist nicht so, dass ich ihm ein griesgr&#228;miges, deprimiertes, verheultes Zerrbild von mir liefern darf, und er muss es m&#246;gen; diese Karikatur des Alter Ego ist nicht gefragt. Vielmehr verf&#252;gt er selbst dann &#252;ber ein authentisches Bild von mir, wenn dieses mir restlos abhanden gekommen ist, ich teils wie tot, teils verzweifelt lebendig, aber wie ohne K&#246;rper bin. Durch ihn werde ich zwar nicht von mir, aber von der Entstellung geheilt. Er ist mein Treuh&#228;nder, bei ihm ist meine Normalversion hinterlegt: ich, wie ich bin, blo&#223; nicht verzerrt. Er hat sie sich angeeignet, im vielf&#228;ltig verschachtelten Sinn des Begriffs, und ich habe mich an diese Tatsache gew&#246;hnt, mich auch ein wenig abh&#228;ngig davon gemacht, wei&#223; ich doch, dass ich mich bei Bedarf mit ihr versorgen, mich mit ihr abgleichen, mich gegebenenfalls mit ihr aufladen kann. Nur auf Grund einer blinden Gewohnheit oder eines mechanischen Reflexes fl&#252;chte ich mich zu ihm, wenn ich mich wie versteinert oder verk&#252;mmert f&#252;hle, meine Stimme nicht mehr kontrolliere, meine Themen nicht mehr variieren kann; ich wei&#223; weder, warum mir so ist, noch warum ich komme. L&#228;chelnd greift er in die Schublade und gibt mir ein Messer: Hier, sch&#228;l mal die Kartoffeln, aber nicht wieder so dick wie beim letzten Mal!</p>
<h3>Ich und mein Original</h3>
<p>Ein Freund, res&#252;miere ich f&#252;r mich, ist jemand, der im Besitz meines Originals ist. Ein Liebster ist vielleicht im Besitz von mir, mein Freund ist im Besitz meines Originals. Ein Freund, sagte ich mir, beschenkt mich mit meiner eigenen Wirklichkeit. Nicht existenziell, eher moralisch oder &#228;sthetisch bin ich auf ihn angewiesen. Denn ohne ihn bin ich zwar auch, aber je nach Zufall vergr&#246;bert, verkleinert, verzerrt, ohne die Aura der Person, mit ihm aber verantwortungslustig und handlungsf&#228;hig. Hochgradig gef&#228;hrlich daher, den Freund zu strapazieren, aber unabdingbar, ihm zu vertrauen; wenn man ihm nicht vertraut, bestreitet man ihm n&#228;mlich, was er ist. Kein Grund indes, die Wirklichkeit, die von ihm abh&#228;ngt, mit Banalit&#228;t zu verwechseln, seiner nat&#252;rlich; auch umgekehrt, was er einem gibt, f&#252;r etwas anderes als das Gew&#246;hnlichste zu halten. Man ist nicht auserw&#228;hlt, blo&#223; weil er mit einem spricht, er nicht Gott und man selbst wei&#223; Gott nicht gerettet; selbst wenn dieses Gef&#252;hl dem nicht totzukriegenden Gr&#246;&#223;enwahn am genauesten entspricht. Seine Leistung ist einzigartig in einem h&#246;chst allt&#228;glichen Sinn: Soeben warst du noch in deinen Tagtr&#228;umen, Halluzinationen und Projektionen abgesoffen, da kommt er und sagt: „H&#246;r mal &#8230;“, und du f&#252;hlst dich im Bruchteil einer Sekunde wie repariert.</p>
<p>&#220;ber den Freund nachdenken, sagte ich mir, kann man nicht, ohne dass die Drohung aus Kindertagen her&#252;berklingt: „&#8230; dann bist du nicht mehr mein Freund.“ Da mein Freund nicht nur ein Teil, sondern auch der Garant meiner Welt ist, ist die Drohung seines Verlusts gleichbedeutend mit der des Verlusts meiner Welt. Je nachdem, ob er mehr den immanenten oder den transzendentalen Part &#252;bernimmt, ist dabei mal die Drohung gr&#246;&#223;er als der Verlust, mal der Verlust erheblich gr&#246;&#223;er als die Drohung. Eine Freundschaft, die halten soll, muss unabl&#228;ssig nach beiden Seiten bearbeitet, das Existenzielle muss zum Allt&#228;glichen herab-, das Allt&#228;gliche zum Existenziellen heraufgestuft werden; perspektivisch jedenfalls, um sie vom Ballast der Projektionen zu befreien und um den Schnittpunkt in den Blick zu bekommen. </p>
<p>Das hei&#223;t nicht, sagte ich mir, dass an ihr herumgedoktert werden soll, im Gegenteil. Eine Freundschaft leben – um das geschmacklose Wort zu gebrauchen – hei&#223;t sie genie&#223;en.</p>
<table style="border-width:2px; border-style:solid; border-color:grey; padding:10px;margin-top:15px;">
<tr>
<td>
<h3>Pragmatik des Benimms</h3>
<h4 style="margin-top:7px; margin-bottom:3px;">1: Faule Ausrede </h4>
<p>Vor allem komm mir nicht mit der Entschuldigung, du seiest ersch&#246;pft. Ersch&#246;pft zu sein ist w&#252;rdelos, Verrat an sich selbst. Alles andere als ein R&#252;ckzug, ist es die heimt&#252;ckischste Form des &#220;bergriffs, Dramatisierung, getarnt als Appell und inszeniert als Unterwerfung. Alles andere als eine Entschuldigung, ist es selbst eine Untat, auf dem kriminellen Pfad nicht nur das n&#228;chste, sondern auch das schwerere Vergehen. Da hat jemand nicht bedacht, dass seine sterbliche Natur ihm das Ma&#223; gibt, er hat nur an Ausnahme und so weiter und hinterher dann an Ersch&#246;pfung gedacht! Er hat gegen die Verantwortung f&#252;r sich selbst versto&#223;en und damit gegen das einzige Gesetz, das der Einzelheit des Menschen Rechnung tr&#228;gt. Ein solcher Versto&#223; bed&#252;rfte mehr als andere der Entschuldigung, nur, wenn das Vergehen den Platz der Entschuldigung besetzt, wo soll die Entschuldigung Platz nehmen? Aus welcher Ressource soll sie sch&#246;pfen? – Ich wei&#223;, was du sagen willst. „Die Verantwortung f&#252;r sich selbst entsteht aus der Einzelheit; sie entsteht aus dem Alleinsein, sie entsteht aus der Einsamkeit. Ich bin aber nicht allein“, willst du sagen, „einsam schon gar nicht, meine Ethik ist nicht mager, sie zielt auf Vergesellschaftung, sie zielt auf Verwirklichung. Nur wenn ich mich &#252;bernehme, merke ich, dass ich nicht allein bin, und &#252;berschreite die Grenzen meiner Pers&#246;nlichkeit.“ Jetzt bist du in deinem Fahrwasser. „Wenn meine Kr&#228;fte ersch&#246;pft sind“, f&#228;hrst du fort, „merke ich, dass es noch andere Kr&#228;fte gibt, sprich: die von anderen; solange die eigenen reichen, merke ich es ja nicht. Wenn andere mir zu Hilfe kommen m&#252;ssen, sp&#252;re ich meine kollektive Natur, mein faktisches Verschmolzensein, mein wahres und wahrhaftes Wesen.“ Triumphierend, in Gedanken l&#228;ngst vor gr&#246;&#223;erem Publikum: „Wie sollen wir unsere kollektive Natur bet&#228;tigen, wenn wir keine Hilfe brauchen, und wie k&#246;nnen wir uns helfen lassen, wenn wir uns nicht zu viel zumuten?“</p>
<p>W&#228;re ich ein buddhistischer Meister, ich w&#252;rde dir mit der Faust ins Gesicht schlagen: das f&#252;r deine Ersch&#246;pfung und das f&#252;r die schmeichlerische Miene, mit der du sie vortr&#228;gst, und das f&#252;r den Stolz in deinen Augenwinkeln, und das und das! Mit blutender Nase w&#252;rdest du davonschleichen: erleuchtet. Aber nichts ist so verf&#252;hrerisch wie Ersch&#246;pfung: f&#252;r einen selbst, denn man braucht nicht zu denken; f&#252;r andere, denn jeder kann sich einklinken. Nichts ist ein so machtvolles Argument, ein so eindeutiger Ruf. Das ist wie SOS: Hilfe tut not, Kritik ist verboten. „Meister, ich bin ersch&#246;pft, schlaflos w&#252;hle ich mich durch die B&#252;cher gro&#223;er Geister; wahrlich, wenn ich den Kopf auf dem Kissen drehe, sp&#252;re ich, wie die Buchstaben mit schwerem Gewicht von der einen auf die andere Sch&#228;delseite hin&#252;berpurzeln, wie sich das H im sperrigen G, das breitbeinige A im O verf&#228;ngt.“ Ich w&#252;rde dir mit der Faust ins Gesicht schlagen: Dies f&#252;r die Selbstgef&#228;hrdung und das hier f&#252;r die Ausnahme, etwas Besonderes f&#252;r das Besondere. Wei&#223;t du, was es bedeutet, eine Ausnahme zu sein? F&#252;r den eigenen &#220;berfluss die Notration der andern einfordern, das bedeutet es. Hier hast du, was ich den andern zugedacht hatte, die ganze Ration! Um das Nasenblut aufzufangen, m&#252;sstest du den geschw&#228;tzigen Mund mit der Hand verschlie&#223;en, und prompt, wie es in den alten B&#252;chern hei&#223;t, stellte Erleuchtung sich ein. – W&#228;re ich aber blo&#223; Personalchef einer gro&#223;en Firma, w&#252;rde ich in deinen Personalbogen schreiben: Kann nicht einmal Verantwortung f&#252;r sich selbst tragen, wie dann f&#252;r andere; eifrig und bem&#252;ht, aber die Basis fehlt. </p>
<h4 style="margin-top:7px; margin-bottom:3px;">2: Goldene Regel</h4>
<p>Was dir widerfahren ist, erz&#228;hle nur einmal und einem Einzigen; dann hast du es erz&#228;hlt. Und wenn es der Vulkanausbruch des Jahrhunderts, die Liebe deines Lebens, das Ungl&#252;ck deiner Familie, der Schl&#252;ssel zu deinem Charakter ist, erz&#228;hl es nur einmal. Du wirst merken, dann erz&#228;hlst du es gar nicht. Lebe, dann brauchst du dich nicht zu erz&#228;hlen. – Es ist n&#246;tig, das Wissen &#252;ber dich zu vervollst&#228;ndigen, und sei es aus Bescheidenheit oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben, der Idealisierung zu wehren? Du meinst, wer schweigt, wird &#252;bersch&#228;tzt, stille Wasser sind tief, sagt man zu Unrecht von ihm? Du musst deutlich machen, meinst du, dass auch bei dir manches im Argen liegt, dass du von Widerspr&#252;chen gebeutelt bist? Das musst du um der lieben Wahrheit willen, um der noch lieberen Wirklichkeit willen klarstellen? – Interessiere dich nicht f&#252;r das, was du nur in Erkl&#228;rungen bist. Sei das nicht, dann gibt es auch nichts dahinter zu vermuten. – Wer auch hier wieder einen Trick vermutet, sich k&#252;nstlich zu verkleinern, mit dem geh um, wie der Meister mit dem ungebetenen Sch&#252;ler: Versteck dich vor ihm, vertreib ihn mit dem Kn&#252;ppel, und wenn du ihn schlie&#223;lich akzeptierst, ist das sein Bier, kann er resignieren lernen. – Gib das Reden seinem Gegenstand oder dem Reden seinen Gegenstand zur&#252;ck. Plaudere &#252;ber das Wetter – fr&#252;her hie&#223; das, preise die Sch&#246;pfung –, erz&#228;hle das Gewesene, erkl&#228;re das Mechanische, denk &#252;ber das Denken nach. Erz&#228;hle nicht das Wetter, erkl&#228;re nicht das Gewesene, denke nicht &#252;ber das Mechanische nach, preise nicht das Denken. Erkl&#228;re nicht das Wetter, denk nicht &#252;ber das Gewesene nach, erz&#228;hle nicht das Mechanische, preise nie das Denken.
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2010/ein-freund-ein-guter-freund">Ein Freund, ein guter Freund</a></p>
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		<title>Kieslowski und die Frage der Ethik</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2009/kieslowski-und-die-frage-der-ethik</link>
		<comments>http://www.streifzuege.org/2009/kieslowski-und-die-frage-der-ethik#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 25 Mar 2009 22:30:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur, Sprache, Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Religion / Esoterik / Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2009-45]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 45/2009 von Ilse Bindseil Man k&#246;nnte behaupten, dass es ethisches Verhalten nicht gibt; entweder es ist Verhalten, oder es ist Ethik. Demnach g&#228;be es Ethik nur als Gedankengebilde, ausgerechnet der praktischen Philosophie fehlte es prinzipiell am Transfer zur Praxis. Tun &#252;bersetzt sich der Ethik in Geltung. Je n&#228;her sie ans Tun heran m&#246;chte, desto [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/kieslowski-und-die-frage-der-ethik">Kieslowski und die Frage der Ethik</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&#252;ge 45/2009</p>
<p><em>von Ilse Bindseil</em> <span id="more-3159"></span></p>
<p>Man k&#246;nnte behaupten, dass es ethisches Verhalten nicht gibt; entweder es ist Verhalten, oder es ist Ethik. Demnach g&#228;be es Ethik nur als Gedankengebilde, ausgerechnet der praktischen Philosophie fehlte es prinzipiell am Transfer zur Praxis.</p>
<p>Tun &#252;bersetzt sich der Ethik in Geltung. Je n&#228;her sie ans Tun heran m&#246;chte, desto sch&#228;rfer formuliert sie die Geltung. So als w&#252;rde, sobald Rigorosit&#228;t, die absolute Sch&#228;rfe, erreicht ist, der Funke &#252;berspringen.</p>
<p>Rigorosit&#228;t wird im Theoretischen angepeilt, man bewegt sich hier im Bereich der Zustimmungspflicht. Dass jeder andere meinen Handlungen beziehungsweise ihren Gr&#252;nden so zustimmen k&#246;nnen soll, dass er in vergleichbarer Situation dann nicht anders kann, als genauso zu handeln wie ich, verlegt die Auseinandersetzung ganz weit ins Hinterland der Praxis. Sofern Letztere der Vordergrund ist, wird in ihm lediglich ausgef&#252;hrt, was woanders bewirkt wurde. Diese Ausf&#252;hrung l&#228;uft in einem trostlosen Sinn auf Verdoppelung hinaus, die einer eigenen, frischen Erkl&#228;rung bed&#252;rfte, nach dem Motto „wenn es so klar ist, warum macht er es dann noch“. Was in der Theorie bereits ausgereizt wurde, braucht in der Praxis nicht eigens noch stattzufinden, hat es doch woanders bereits stattgefunden, wenn auch auf eigene Art. Wenn die Theorie sich nicht zur&#252;ckh&#228;lt, wird die Praxis &#252;berfl&#252;ssig oder, wie es in einem Ausdruck hei&#223;t, der gewisserma&#223;en auf ein Universum der Unverst&#228;ndlichkeit anspielt, kontingent. Denn nichts ist so r&#228;tselhaft wie das, was bereits restlos erkl&#228;rt ist und dennoch passiert.</p>
<p>Noch aus einem andern Grund kann man davon ausgehen, dass es Ethik als praxisorientierte Wissenschaft nicht gibt oder dass von ihr auf die Praxis kein Druck ausge&#252;bt wird; kein realer Druck, der &#252;ber die Absicht hinausginge. „Was du nicht willst, das man dir tu, das f&#252;g auch keinem andern zu!“, die Kinderfassung des moralischen Imperativs, schr&#228;nkt die Zahl m&#246;glicher Taten so au&#223;erordentlich ein, dass schlie&#223;lich &#252;berhaupt nicht mehr gehandelt werden kann. Man kann diesen Grund als eine Variante des ersten betrachten: dass von der ethischen Theorie, die sich mit dem besch&#228;ftigt, was getan werden soll, kein Weg zum Tun f&#252;hrt. Es w&#228;re eine Formulierung auf der psychologischen Ebene. Alles, was mir getan wird, empf&#228;nde ich auf dieser Ebene als Gewalt, ich w&#252;rde vorziehen, dass es mir nicht gesch&#228;he. Allein dass sie mir zugef&#252;gt wird, diskreditierte die Handlung; dass nicht ich es bin, der sie tut, oder dass der andere sie nicht gef&#228;lligst auf sich beschr&#228;nkt, stellte ein nicht wiedergutzumachendes Unrecht dar. „Ich will nicht“, „nein“, w&#228;re die Formel, die tendenziell auch jegliche eigene Handlung unm&#246;glich machen w&#252;rde. Es gesch&#228;he &#252;berhaupt nichts mehr. Kein Wunder, also, dass das Tun ersatzweise in der Theorie stattfindet.</p>
<h4>Begehren</h4>
<p>„Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns jedem andern zur Maxime seines eigenen Handelns dienen kann“, so &#228;hnlich und jedenfalls an der Begr&#252;ndung orientiert formuliert Kant. „Dekalog“, die „Charakterstudien“ des polnischen Filmregisseurs Krzyszof Kieslowski, in denen er die biblischen Gebote exemplifiziert, sein ethisches Werk also, legt eine anders, eher auf die Folgen ausgerichtete Auffassung dar, formuliert eine Ethik, die man sich folgenderma&#223;en &#252;bersetzen k&#246;nnte: Handle so, dass deine Handlungen nicht zu unl&#246;sbaren Widerspr&#252;chen f&#252;hren. Obwohl sein Werk eine moderne Antwort auf die alte Frage gibt, wirkt es auf eine altmodische Art beklemmend.</p>
<p>Bei der siebten Episode, die hier als Grundlage dienen soll, geht es um das Gebot: Du sollst nicht begehren, was dir nicht geh&#246;rt; nicht nur die Frau des andern, sondern gar nichts. Man k&#246;nnte auch sagen: Nichts sollst du, was dir nicht zukommt, du darfst einfach nicht. Oder: Nur was dir zukommt, Punkt. Oder: Du (und sonst nichts). Niemand und nichts.</p>
<p>Eine Frau eignet sich das Kind ihrer sechzehnj&#228;hrigen Tochter an und zieht es auf als ihr eigenes; liebt es wie ihr eigenes. Die vermutlich zur gro&#223;en Schwester herabgestufte Mutter des Kindes wendet sich mit zweiundzwanzig Jahren gegen die ihr seinerzeit aufgedrungene L&#246;sung und eignet sich – ihr eigenes Kind an, entf&#252;hrt es der Gro&#223;mutter, beschw&#246;rt es vergeblich, Mama zu ihr zu sagen. Als sie feststellt, dass sie durch ihre Geschichte zu kaputt ist, um ihrem Kind eine Mutter zu sein, und es zur&#252;ckgibt, ist dieses nicht nur &#252;berw&#228;ltigt von der Freude &#252;ber das Wiedersehen mit der gewohnten Mutter, die Wiederherstellung seiner Welt, sondern sp&#252;rt, in einem Moment quasi vorweggenommener Adoleszenz, zugleich, was es verliert: die im naturrechtlichen Sinn, der den umfassenden Bezug zum gesellschaftlichen Sinn abgibt, „echte“ oder „richtige“ Mutter, in der sich die Jugend der gro&#223;en Schwester und die Autorit&#228;t der Gro&#223;mutter vereinen.</p>
<p>Indem die Gro&#223;mutter die Familienschande abwendete und das Kind ihrer minderj&#228;hrigen Tochter als ihr eigenes ausgab, eignete sie sich etwas an, was ihr nicht geh&#246;rte. Die m&#252;tterliche Liebe, die sie empfand, die h&#228;tte ihre Tochter empfinden d&#252;rfen m&#252;ssen. Die Kindesliebe ihrer Enkelin stand ihr nicht zu, wie &#252;berhaupt der unmittelbare Bezug zur &#252;bern&#228;chsten Generation. Als die Tochter sich das Kind zur&#252;ckholt, tut sie es nicht, um es gl&#252;cklich zu machen – wie k&#246;nnte sie auch, wo es, von n&#228;chtlichen Verst&#246;rungen abgesehen, doch gl&#252;cklich ist –, vielmehr um das an ihr ver&#252;bte Unrecht r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Die Wiedergutmachung zielt nicht auf die Betrogene, sondern auf die Zukurzgekommene. Betrogen w&#228;re das Kind; dass es auch zu kurz gekommen ist, sp&#252;rt es noch nicht. Seine Mutter ist nicht formal, sondern materiell betrogen; betrogen um ein Gut. Die Wiedergutmachung, auf die sie zielt, ist Rache; ihre eigene Mutter soll bestraft, wie es w&#246;rtlich hei&#223;t, „gequ&#228;lt“ werden. Das Kind br&#228;uchte zuallererst Schonung, als Wiedergutmachung br&#228;uchte es Trost. Stattdessen wird es zum Instrument der Rache; das ist wie im echten Leben. Es bekommt dabei Z&#252;ge eines Scheinsubjekts, wird zum Herrn &#252;ber Gef&#252;hle. Die Wirklichkeit auszuforschen und die eigene Macht auszuprobieren – Kieslowski deutet es nur an – wird f&#252;r es ein und dasselbe. Auf eine kindgerechte Formel gebracht, es &#252;bernimmt sich.</p>
<h4>Wilde Tatsachen</h4>
<p>Zu dem Zeitpunkt, an dem die betrogene Mutter ihr Recht geltend macht, haben Fakten sich l&#228;ngst gegen Normen durchgesetzt. Eigentlich ein Produkt der Willk&#252;r, eines Eingriffs in die nat&#252;rliche Ordnung, haben sie eine eigene Ordnung hervorgebracht, die &#252;ber das gesellschaftliche Interesse, das an ihrem Beginn steht – eine irregul&#228;re Beziehung und Schwangerschaft ungeschehen zu machen –, weit hinausgeht und zu eigener naturgeschichtlicher Schwerkraft gelangt. Ein S&#252;hneversuch im Sinn des Naturrechts, wie ihn die enteignete Mutter unternimmt, kann sich nur mehr auf die abstrakten biologischen Verh&#228;ltnisse st&#252;tzen, nicht auf gelebtes Recht; das wird von der Gro&#223;mutter gelebt. Prompt zerst&#246;rt er gewachsene Verh&#228;ltnisse. Alles andere als die Frucht d&#252;rrer Paragraphen, berufen sie sich auf ihr vitales Sein, ihre unschuldige Natur; wer dem Gesetz zum Recht verhilft, tut dies in der Regel gegen ein anderes Gesetz, denn es hat sich geteilt. Die Folgen sind fatal. Kieslowski, der sich weniger f&#252;r die Macht des Rechts als f&#252;r die Schwerkraft der Handlungen interessiert, zeigt, dass von purer Wiederherstellung nie und unter keinen Umst&#228;nden die Rede sein kann. Diesen formalen Akt gibt es nicht. Nicht nur zerst&#246;rt die ungl&#252;ckliche Mutter mit ihrem Restitutionsanspruch bestehendes Gl&#252;ck. Der R&#252;cktritt von diesem Anspruch, der Verzicht zugunsten der heilen falschen Welt findet diese schon nicht mehr vor; sie ist nur noch falsch. Eine unstillbare Sehnsucht nach der „richtigen“ Mutter wird das Familienleben fortan verderben, ihm den Anschein jener Normalit&#228;t nehmen, mit der die Gro&#223;mutter, &#252;ber sich hinauswachsend, das Kind zu umgeben wusste. Mit dem R&#252;ckzug der ephemeren Mutter ist auch die Jugend, in der konkreten Gestalt der vermeintlichen gro&#223;en Schwester, aus der Familie verschwunden, das Kind den alten Leuten &#252;berlassen; die b&#246;se Tat ist zu sich selbst gekommen. Hier wird niemand mehr seines Lebens froh werden.</p>
<p>Tatsachen, das haben sie mit den ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen gemein, schlie&#223;en einander nie aus, sie existieren auch als sich ausschlie&#223;ende, so ist es dann eben. Der Ausschluss, den – im Gegensatz zur grenzenlosen Koexistenz des blo&#223; M&#246;glichen in einem Subjekt – ihre Tats&#228;chlichkeit erfordert, geschieht zu Lasten der Beteiligten, sowohl derer, die sie angerichtet haben, als auch jener, die sie ausbaden m&#252;ssen.</p>
<p>Gerade die Subjekte der zweiten Generation – und das sind, wenn man es genealogisch betrachtet, nat&#252;rlich alle –, sind auf eine vertrackte Weise mit den Tatsachen verkoppelt, so als w&#228;ren diese produktiv und sie aus ihnen hervorgegangen, und nicht, wie jeder Beteiligte glaubt, aus den Subjekten der ersten Stunde. In Kieslowskis Film spielt die Gro&#223;mutter sich als Protagonistin der machenden Umst&#228;nde auf. F&#252;r die eigentliche Mutter bleibt nicht mehr als dieser Inbegriff. Beide wirken sie monstr&#246;s, seltsamerweise mehr nach der Seite dessen, was sie aushalten, als was sie zuf&#252;gen. Prompt richtet sich die Erwartung auf das Kind, wann es endlich zu erkennen gibt, dass es ein Golem ist, etwas Fabriziertes in der tr&#252;gerischen Gestalt eines Kindes.</p>
<p>Dass ein ethischer Versto&#223; zugrunde liegt, wird durch die Fakten ans Licht gebracht, oder vielmehr sie, als Fakten, sind der eigentliche Versto&#223;. Kurz, sie h&#228;tten nie geschehen d&#252;rfen. Allein schon dank der ihnen innewohnenden Tats&#228;chlichkeit sind sie eine Strafe f&#252;r die, die sich noch an ihre Zweifel erinnern und davon ausgingen, dass ihr Handeln nicht schwerer wiegen w&#252;rde als ihre Gef&#252;hle; dass die Widerspr&#252;che Facetten bleiben w&#252;rden, die sich aufbl&#228;ttern, oder Optionen, mit denen sich spielen lie&#223;e, kurz dass sie einander erg&#228;nzten. Indem sie sich entschlossen, aus den begleitenden Empfindungen, dem tr&#252;ben Bodensatz der rationalisierten Entscheidungen, das vorw&#228;rtstreibende Moment ihres wirren Lebens, auf eine beklemmend „schr&#228;ge“ Art also N&#228;gel mit K&#246;pfen zu machen – dem Hass auf die Mutter Geltung zu verschaffen, beispielsweise, der Verachtung der Tochter die Wegnahme von deren Kind, aus der Liebe zum Enkelkind dessen Besitz folgen zu lassen –, haben sie sie erm&#228;chtigt bis zum Umschlag. &#220;berhaupt ist die Komplexit&#228;t der „widerstreitenden Empfindungen“ an die Realit&#228;t abgetreten. Da finden sich die „zwei Seelen“, die sonst „ach, in meiner Brust“ hausten, als verselbst&#228;ndigte Fakten wieder, beklemmend vergegenst&#228;ndlicht; das Ich dagegen, in dem die F&#228;den vermeintlich zusammenlaufen, ist nur noch eine Figur in einem komplexen Drama. Sie stellt die herrschs&#252;chtige Gro&#223;mutter dar, die durchgeknallte junge Frau oder das mutterlose Kind.</p>
<h4>Verworrene Verh&#228;ltnisse</h4>
<p>Gedanken, Gef&#252;hle, was immer sie auch enthalten m&#246;gen, sind ihrer Form nach ein Leichtgewicht, etwas, wovon man sich jederzeit wieder verabschieden, was man im n&#228;chsten Moment anders fassen, was man &#252;berhaupt nur in seiner Gemeinschaft mit ihren ureigenen Alternativen begreifen kann, anderen Gedanken, kontr&#228;ren Gef&#252;hlen. Je enger dabei das Zusammenleben, desto kontr&#228;rer die Gef&#252;hle. Hat nicht zum Beispiel jede Gro&#223;mutter sich schon in eine Rettungsphantasie hineingesteigert, wie sie am Kind ihres Kindes die Mutterstelle vertreten wird? Ist der d&#252;stere Stoff von Kieslowskis siebter Episode, in der es um die Urs&#252;nde der Anma&#223;ung und Aneignung, des &#220;bergriffs, &#252;berhaupt des illegitimen Begehrens geht, nicht zugleich die g&#228;ngigste M&#252;nze innerhalb des kitschigen Dramas Familie? Ist es einen beklemmenden Augenblick lang – und er durchzieht den Film – nicht so, als h&#228;tte das Kind sich die Verh&#228;ltnisse zugerichtet, als w&#228;re die richtige Perspektive auf die Verh&#228;ltnisse die vom Ende her, vom Ergebnis, als w&#228;re der Abgrund an Monstrosit&#228;t nur ein Reflex der abgrundtiefen Kontingenz des Ph&#228;nomens Kind?</p>
<p>Haben sich die Vorstellungen zu Tatsachen sedimentiert, geben sie nicht nur zu allen m&#246;glichen Gedanken und Gef&#252;hlen Anlass, wollen nicht l&#228;nger umspielt werden, sondern verlangen Anpassung, im Grunde also Aufgabe. Kein Gedanke, kein noch so m&#228;chtiges Gef&#252;hl kann an ihnen vorbei oder hinter sie zur&#252;ck, es sei denn um den Preis, dass sie sich von der Wirklichkeit abkoppeln. Sind sie, ihrer Herkunft aus der unzensierten Vorstellungswelt entsprechend, widerspr&#252;chlich zusammengesetzt und haben es bereits zu einer stabilen Tats&#228;chlichkeit gebracht, dann reduziert die M&#246;glichkeit, nichts ernstlich falsch zu machen, sich gegen Null. Fakten werden gekr&#228;nkt, was immer man tut, selbst wenn man sich aufs Nichtstun kapriziert wie in Kieslowskis Film der Vater, der in seiner strafw&#252;rdigen Gutartigkeit ein Musterbeispiel f&#252;r gelebte Verantwortungslosigkeit ist. Das Kind, zum Beispiel, das seine Gro&#223;mutter f&#252;r seine Mutter h&#228;lt und mit dieser Verwechslung lebt, kann durch Richtigstellung nur verlieren; ihm zerf&#228;llt die Welt. Nicht nur die L&#252;ge bricht unter dem Ansturm der Wahrheit zusammen. Ebenso bricht das Kind zusammen; dies gleichsam als Reverenz gegen&#252;ber der unbesiegbaren Tats&#228;chlichkeit jener Verh&#228;ltnisse, die dem formal gebrochenen Rechts- und Rachegedanken nur als Betrug gelten, als blo&#223;er Schein. Denn nat&#252;rlich ist es einfach ein Kind; es will seine Welt. Auch wenn es, wie sollte es anders sein, dunkle Seiten hat und im Schlaf schreit, ist es zumindest seiner Tagesform nach ein Gegenbild zu den verworrenen Verh&#228;ltnissen, in denen es lebt. F&#252;r es sind es die einfachsten Verh&#228;ltnisse von der Welt.</p>
<h4>Verbrauchte Affekte</h4>
<p>Die Vermeidung unvertr&#228;glicher Tatsachen, der Respekt vor ihrer Unvertr&#228;glichkeit, spiegelt den historisch, erkenntnistheoretisch und moralisch unendlich m&#252;hsamen Prozess wider, als dessen fortlaufendes Ergebnis die Gesellschaft zu bezeichnen ist. Zwar gibt der Einzelne noch gelegentlich der materiellen &#196;hnlichkeit den Vorzug vor der formalen Abscheidung. Aber obwohl er sich damit eigentlich des Tabubruchs, der S&#252;nde wider die Gesellschaft schuldig macht, kann er immer nur gegen einen Paragraphen versto&#223;en, wie er da lautet: Inzest, N&#246;tigung, Betrug. Der Preis f&#252;r den souver&#228;nen Relativismus ist freilich die un&#252;berschreitbare Immanenz eines Systems, das zugleich bei allem, was geschieht, auf der Kippe steht.</p>
<p>Eine Ausnutzung der Immanenz bis hin zur Manipulation stellt &#252;brigens der postmoderne politische Hang zum Tatsachenentscheid dar. Wie in primitiver Anwendung aufkl&#228;rerischer Staatstheorie werden barbarische Tatsachen an den Anfang gestellt – als Simulation gleichsam des barbarischen Anfangs der Geschichte. Die Gesellschaft soll daraus Recht machen; was bleibt ihr anderes &#252;brig. M&#252;hseligkeit ist freilich der Preis, ein unendliches Zerlegen und Zerreden, an dessen Ende, wenn der Affekt verbraucht und die Erinnerung getr&#252;bt ist, auch die Betrogenen sich identifizieren k&#246;nnen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2009/kieslowski-und-die-frage-der-ethik">Kieslowski und die Frage der Ethik</a></p>
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		<title>Hass</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jul 2008 00:50:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2008-43]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 43/2008 von Ilse Bindseil Ich habe ein Problem mit dem Hass. Erstens habe ich ein Problem zu hassen, bin &#8220;hassgehemmt&#8221;, und zweitens habe ich ein Problem mit der Vergegenst&#228;ndlichung und der Zweckbindung: Wen oder was soll ich hassen und warum? Das Letztere h&#228;ngt vermutlich mit dem Ersteren zusammen. Auch zum Hass braucht man ein [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/hass">Hass</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 43/2008</p>
<p><em>von Ilse Bindseil </em> <span id="more-501"></span></p>
<p>Ich habe ein Problem mit dem Hass. Erstens habe ich ein Problem zu hassen, bin &#8220;hassgehemmt&#8221;, und zweitens habe ich ein Problem mit der Vergegenst&auml;ndlichung und der Zweckbindung: Wen oder was soll ich hassen und warum? Das Letztere h&auml;ngt vermutlich mit dem Ersteren zusammen. Auch zum Hass braucht man ein Talent.</p>
<p>Gelegentlich bef&auml;llt er mich. Dann suche ich nach einem geeigneten Gegenstand und Grund wie der Heiratsvermittler nach einer Braut. Einzelne Menschen zu hassen verbietet mir meine Selbstachtung oder aber meine Hasshemmung. Soviel Macht &uuml;ber mich r&auml;ume ich niemandem ein, dass ich mich gen&ouml;tigt f&uuml;hlen k&ouml;nnte, ihn zu hassen; oder ich kann einfach nicht. Werde ich gehasst &#8211; und das kommt vor -, traue ich dem Hass auf mich nicht. Ich kann ihn nicht ernst nehmen; es w&auml;re zu viel der Ehre. Das hat nichts mit konstruktiver Selbstkritik zu tun, eher damit, dass ich auf einer Stufe stehen geblieben bin, auf der man nicht ernst genommen, daf&uuml;r lieb gehabt wird. Wenn mir Hass entgegenschl&auml;gt, bin ich weniger eingesch&uuml;chtert und gekr&auml;nkt als vielmehr verwundert; ich traue meinen Augen nicht! Bin auch ein wenig geschmeichelt; der mich hasst, h&auml;lt mich f&uuml;r erwachsen, vielleicht wei&szlig; er mehr &uuml;ber mich als ich! F&uuml;r bare M&uuml;nze nehme ich seinen Hass gleichwohl nicht; oder ihn, den Hasser, nicht f&uuml;r voll. W&auml;re ich erwachsen, denke ich, dann w&uuml;rde ich hassen wie ein Mann. Dass <em>er</em> hasst, erscheint mir dagegen wie ein Beweis, dass auch er nicht richtig erwachsen ist. Wenn ich erwachsen w&auml;re, ich w&uuml;rde richtig hassen. In solchen Verrenkungen denke ich, wenn es um Hass geht.</p>
<p>***</p>
<p>Sobald ich hasse, ergreift eine Malaise von mir Besitz. So dilettantisch ich mich auch anstellen mag, das Unbehagen ist real. Es ist, als h&auml;tte ich &#8220;mich verwechselt&#8221;. Das passiert mir immer, wenn ich mein Heil in der Abgrenzung suche. Hassen ist Unterscheiden und f&uuml;hrt zu nichts. Abgrenzen bedeutet Abspalten. Es f&uuml;hrt zu Verdruss: Das Ich zerbr&ouml;selt. Schlie&szlig;lich erkennt man doch nur, was man wiedererkennt, und nichts anderes kann auch der fatale Satz bedeuten, der der unver&auml;u&szlig;erliche Bestandteil jeder Hasstirade ist: Ich habe ihn durchschaut. Zwar setzt die theoretische Wahrheit, derzufolge die Qualit&auml;t eine und unteilbar ist, sich hinter dem R&uuml;cken der Empirie wieder durch und verschafft sich ausgerechnet in der mythologischen &Uuml;berzeugung Ausdruck: Was man dem andern erfolgreich &#8220;angeh&auml;ngt&#8221; habe, dessen brauche man sich selbst nicht zu verd&auml;chtigen; wenn es &#8220;dort&#8221; sei, k&ouml;nne es nicht &#8220;hier&#8221; sein (sonst w&auml;re es ja geteilt). Andererseits, w&auml;re nicht die &Uuml;berwindung einer Schranke n&ouml;tig, man m&uuml;sste das gro&szlig;e Wort vom Durchschauen nicht bem&uuml;hen. Es ist die Schranke zwischen Person und Person, die die kontinuierliche, in sich zerflie&szlig;ende Eigenschaft teilt, so dass diese diskontinuierlich wird. Wenn man den andern &#8220;durchschaut&#8221;, dann hat man die Personschranke unterlaufen, man hat, ohne sich dessen bewusst zu sein, tief in sich selbst hineingeschaut; da gibt&#8217;s keine Schranke. Kein Wunder, dass der Befund erheblich ist, sieht man das Gehasste doch so, wie es als Eigenschaft nun einmal ist: einfach und ungeteilt.</p>
<p>Meist wiegt man sich ja in tr&uuml;gerischer Sicherheit, da der intellektuelle Aufwand, Hass zu empfinden, das Ich st&auml;rkt. Sp&uuml;rbar entfernt das Nachdenken &uuml;ber einen andern von der eigenen Person, und die filigrane Verbindung des Hasses mit seinem Grund, die Rechtfertigung, st&auml;rkt das Ich. Da aber die offizielle Version hoffnungslos zweideutig, verlogen und zerr&uuml;ttet ist (steht ihr zufolge am Anfang des Hasses doch der Grund, w&auml;hrend in Wirklichkeit am Anfang des Hasses der Hass steht), findet das Ich keine M&ouml;glichkeit, sich zu platzieren: auf Seiten des rationalisierenden Intellekts oder auf Seiten des sprachlosen Affekts. Angetrieben von der starken Empfindung, die es gleichzeitig rationalisieren und substanziieren muss, reibt es sich auf. Es begreift, dass &#8220;Sisyphusarbeit&#8221; und &#8220;Pyrrhussieg&#8221; im Grunde dasselbe sind; oder vielmehr, es bekommt es zu sp&uuml;ren.</p>
<p>***</p>
<p>Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung, die der einsam Hassende f&uuml;hrt, ist der <em>clash</em> befreiend, wenn zwei, die sich gegenseitig hassen, aufeinandertreffen; leider nur f&uuml;r die Beteiligten, die gewisserma&szlig;en in der Realit&auml;t angekommen sind, deren Hass nicht nur durch den des jeweils andern gerechtfertigt, viel mehr noch als real ausgewiesen wird und die sich aus dem solipsistischen Zirkel &#8220;Ich hasse, also bin ich&#8221; befreit und gleichsam eine Realit&auml;tspr&uuml;fung bestanden haben: &#8220;<em>Er</em> hasst mich, also bin <em>ich</em> (und zum Dank darf auch <em>er</em> sein)&#8221;. M&ouml;gen sie es als einen Kampf um Anerkennung auffassen, dessen gl&uuml;cklicher Ausgang bereits in der Anordnung vorgegeben ist; die Zuschauer sehen nur, was trauriger noch als der Irrsinn eines einzelnen ist: eine <em>folie &agrave; deux</em>, oder einen Irrsinn, zu zweit aufgef&uuml;hrt. Irrsinn und Einsamkeit, das stellt sich beim Zuschauen heraus &#8211; und r&uuml;ckt tendenziell auch noch die Zuschauer in ein schiefes Licht, eigentlich alle -, sind kein numerisches Problem, kein Problem der Einzelheit oder Minderheit, sondern immer noch eine Frage der &Uuml;bereinstimmung der Realit&auml;t mit sich selbst. Unter dem Gesichtspunkt dieses Kriteriums sind, ausnahmsweise, Einsamkeit und Irrsinn eines Einzelnen weniger und weniger traurig als die von zweien oder mehr. Auch hier gilt die sture Rechnungsart, nach der zwei mehr sind als einer; zwei, das bedeutet, dass noch der Ausweg versperrt ist!</p>
<p>Nichts ist trauriger, sagt Gottfried Keller in seiner famosen Novelle &#8220;Romeo und Julia auf dem Dorfe&#8221;, als wenn zwei M&auml;nner gesetzten Alters, statt ihre Vernunft zu gebrauchen, mit F&auml;usten aufeinander losgehen. Um die Traurigkeit der Szene ins rechte Licht zu r&uuml;cken, l&auml;sst er die beiden auf einer kleinen Br&uuml;cke gegeneinander antreten, und um das Peinliche ihres Anblicks deutlich zu machen, stellt er ihre Kinder dazu, junge Leute, die sozusagen einen verbrieften Anspruch auf die Vernunft ihrer V&auml;ter h&auml;tten. Die Szene ist todtraurig, sie ergreift, und nicht blo&szlig; wegen der ungeschickten Gewalt, mit der die Alten sich raufen, dabei mindestens ebenso ihr Alter ausstellend wie ihren Hass, sondern auch weil dies Aufeinandertreffen ein Sinnbild der verpassten, der pervertierten Gelegenheit ist. Schlie&szlig;lich, auf einer Br&uuml;cke begegnet man sich; hier, wo sonst, muss man sich einfach verst&auml;ndigen!</p>
<p>***</p>
<p>Nicht als ob der Hass b&ouml;se w&auml;re; das w&auml;re er blo&szlig; gern. B&ouml;se ist der Konkurs der Vernunft, der Hoffnung, der Verst&auml;ndigung. Er schafft den leeren Raum um die, die &#8220;wie im Rausch&#8221; sind, die sich aus eingebildeten Gr&uuml;nden ruinieren.</p>
<p>B&ouml;se ist, dass dem Hass kein Ma&szlig; innewohnt. Selbst der Kategorie Ma&szlig;losigkeit gibt ihm nicht den geb&uuml;hrenden Halt. Ma&szlig;losigkeit zersetzt noch Ma&szlig;losigkeit. Sie laugt den Hassenden aus, ohne dem Hassobjekt Substanz zuzuf&uuml;hren. Mit Erfolg hassen kann man nicht.</p>
<p>Man rede, zum Beispiel, sich nicht ein, dass man das Fremde hasst; man m&ouml;chte vielleicht, aber man kann nicht. Der Hass auf Fremdes und auf Fremde hat au&szlig;er dem Selbsthass keine Ressource. Wie sollte er auch, da er Erfahrung und Kenntnis definitionsgem&auml;&szlig; ausschlie&szlig;t? Wie soll er entstehen, aus welcher Quelle soll er sich erneuern? Angrenzen dagegen ist Abgrenzen, Kante ist Kante, die N&auml;he &#8211; oder das Eigene, wenn sich haarscharf verdoppelt zeigt, so trickreich variiert &#8211; reibt auf. Die schlecht verhehlte &Auml;hnlichkeit macht nerv&ouml;s. &Auml;hnlichkeit verk&ouml;rpert eine nie beendete Aufgabe; sie muss widerlegt, das Eigene muss aus dem Kontext des andern, worein es irrt&uuml;mlich geriet, befreit, es muss exorziert werden, ohne dabei als Eigenes anerkannt werden zu m&uuml;ssen. Es muss also vernichtet, oder der andere muss vernichtet werden.</p>
<p>Hass hat also kein Motiv, es sei denn, den Selbsthass in Worte zu fassen, etwas, was tabu ist, treffsicher und scharf zu bezeichnen. Bei aller Deutlichkeit ist er eine h&ouml;chst nebul&ouml;se Angelegenheit, trotz aller Klarheit wirkt er verworren; man kann sagen, weil er &uuml;berdeutlich ist, und das hei&szlig;t &uuml;berdeterminiert, und zur Frage anstachelt: was will der Hassende eigentlich sagen, und da dies ja nicht im Unklaren bleibt: wen meint er wirklich?</p>
<p>Gel&auml;nge es, im Hass Eigenes und Fremdes auseinander zu dividieren, sie gewisserma&szlig;en endg&uuml;ltig zu trennen, dann h&auml;tte der Hass nicht gesiegt, man h&auml;tte vielmehr den Hass verloren. Da Letzterer eine S&auml;ule des Selbstbewusstseins und der Selbstgewissheit ist &#8211; was w&auml;re man ohne ihn, wie st&uuml;nde man da, arm und blo&szlig;, wie man eben ist -, w&auml;re durch die &Uuml;berwindung des Hasses vor allem also das Selbst bedroht. Da dieses &#8211; sofern es noch einigerma&szlig;en bei Trost ist, also um Selbsterhaltung k&auml;mpft und noch nicht auf den Abgrund zust&uuml;rzt, die Schlussapotheose der Vernichtung f&uuml;r nichts und wieder nichts &#8211; auch den Hass als destabiliserend und bedrohlich erlebt, als Fremdbestimmung, ja als &auml;u&szlig;ere Einwirkung, als einen St&ouml;rfaktor, ohne den &#8220;es so sch&ouml;n sein k&ouml;nnte&#8221;, ist es also in der Zwickm&uuml;hle und hat im Grunde keine Chance; zu Recht, es ist halt nicht viel los mit ihm, wie k&ouml;nnte &#8220;alles paletti&#8221; sein!</p>
<p>***</p>
<p>Wie hasst man elegant? Indem man verallgemeinert; nicht zu sehr, sonst landet man beim Begriff, aber doch so weit, dass das Eigene in den sch&uuml;tzenden Schatten ger&auml;t. Man kann umgekehrt formulieren: dass man aus dem Schatten des Privaten heraustritt und &#8211; politisch wird.</p>
<p>Ich werfe meine Netze aus, ziehe sie an Bord und mustere ihren Inhalt: Griechen sind h&auml;ngen geblieben, &Ouml;sterreicher, Belgier, alles, was &auml;hnlich und doch anders ist.</p>
<p>&Ouml;sterreicher, das begreift niemand so m&uuml;helos wie ich, sind unf&auml;hig zu trauern, kein Wunder, es fehlt ihnen an seelischer Masse. Schon das Wort &#8220;Belgier&#8221; erinnert mich an den Hintern ihrer Pferde; kein Wunder, dass sie grobschl&auml;chtig &#8211; und vergiftet &#8211; wie ihre Fleischtomaten sind. Griechen sind arrogant, sie haben den Verlust ihrer Identit&auml;t und Geschichte, man m&ouml;chte schon sagen in beneidenswerter Weise weggesteckt. Ja, w&auml;ren sie nicht so arrogant, man hielte sie &uuml;berhaupt f&uuml;r andere! Anders gesagt: Man w&uuml;rde nicht glauben, dass es dieselben sind.</p>
<p>Wenn man es richtig anstellt, kann Hassen Spa&szlig; machen. Wenn man nur nicht erm&uuml;dete! Man muss am Ball bleiben. Ein Gedanke gibt den n&auml;chsten. Wenn man nur einen Augenblick inneh&auml;lt, verblassen die Hassobjekte bereits, werden flach wie Scherenschnitte, unendlich die M&uuml;he, ihnen erneut Leben einzuhauchen, das hei&szlig;t sich auf Touren zu bringen, den Elan wiederzufinden. Es ist, als g&auml;lte es: sie oder ich! Wenn das kein vampiristisches Verh&auml;ltnis ist!</p>
<p>Je mehr ich an meinem Hass arbeite, desto schlechter bin ich dran oder sind meine Aussichten. Kein Wunder, wenn ich mich schlecht f&uuml;hle. Wenn ich diesem Gef&uuml;hl nachsp&uuml;re, dann ergibt sich der Eindruck tiefer Fruchtlosigkeit: Ich arbeite und arbeite, und irgendetwas klappt nicht. An den Formulierungen und Facetten liegt es nicht; dem Witz sind keine Grenzen gesetzt, Grobes passt auf Feines. Aber irgendetwas funktioniert nicht, wie es soll. Es ist die absurde Hoffnung auf einen Transfer von den Gedanken auf das Werkst&uuml;ck, die sich nicht erf&uuml;llt, die Hoffnung auf eine Materialisierung. Die Intelligenz ist vorhanden, die Vorstellungen sind da. Nicht blo&szlig;, dass es Vorstellungen sind und es als solche leichter haben zu existieren. Es sind meine Vorstellungen, sie geh&ouml;ren zu mir, explizieren mich. Das vermeintliche Werkst&uuml;ck aber, das mir gegen&uuml;berliegt, existiert nicht. Kein Wunder, wenn der Transfer nicht klappt. Je mehr ich hasse, desto mehr bin ich unfreiwillig bei mir und desto weniger existiert das Hassobjekt!</p>
<p>***</p>
<p>Nicht Zufall ist es also, wenn der Hass kein reales Objekt hat, sondern Methode. Da wir unsere Zwecke ohnehin nie erreichen, lese ich in der Zeitung oder in einem Roman, sollten wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf eine achtsame Wahl unserer Mittel wenden; denn, so der Hintergedanke, mit denen m&uuml;ssten wir schlie&szlig;lich leben.</p>
<p>Wenn es so einfach w&auml;re! Hass w&auml;re zweifellos ein Mittel, wenn seine absolute Zwecklosigkeit ihn nicht dazu verurteilen w&uuml;rde, selbst Zweck zu sein. Um ihn als Mittel verwenden &#8211; und meinetwegen auch der Achtsamkeitspr&uuml;fung unterziehen &#8211; zu k&ouml;nnen, m&uuml;sste man erst einmal in der Lage sein, f&uuml;r ihn einen Zweck anzugeben. Man m&uuml;sste in jenem umf&auml;nglichen moralischen Rahmen dazu in der Lage sein, der erkenntnistheoretische Ehrlichkeit mit moralischer Schonungslosigkeit verbindet. Das hei&szlig;t, man m&uuml;sste sich als Zweck des Hasses anzugeben in der Lage sein.</p>
<p>Aus der Perspektive des Hasses, der letztlich dies zu verhindern sucht und darin sozusagen seinen Zweck hat, erscheint die Aufgabe h&ouml;llisch unangenehm. Dann schon lieber hassen! Dabei winkt ja nicht nur ungebetene Selbsterkenntnis, auch Erleichterung winkt; nicht blo&szlig; die kompliziert als Aufwandsersparnis gefasste Erleichterung, die die Ersparnis von gleicherma&szlig;en Gef&uuml;hls- und Begriffs-, also Affekt- und Rationalisierungsaufwand meint, sondern auch die ganz konkrete, man mag sagen kindliche Erleichterung dar&uuml;ber, dass dem schrecklichen Hass kein wahrhaft schrecklicher, eher ein mickriger, l&auml;cherlicher oder r&uuml;hrender, jedenfalls kein wahrhaft gef&auml;hrlicher Gegenstand entspricht, und das ist, wenn man es denn einmal vorurteilslos betrachtet, alle Erleichterung wert.</p>
</td>
</tr>
</table>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2008/hass">Hass</a></p>
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		<title>Was H&#228;nschen nicht lernt&#8230; oder: Hans lernt nimmermehr</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Jul 2006 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2006-37]]></category>

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		<description><![CDATA[Gedanken &#252;ber einen Fetisch der modernen Gesellschaft<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/was-haenschen-nicht-lernt-oder-hans-lernt-nimmermehr">Was H&#228;nschen nicht lernt&#8230; oder: Hans lernt nimmermehr</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>Gedanken &uuml;ber einen Fetisch der modernen Gesellschaft</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 37/2006</p>
<p><em>von Ilse Bindseil </em> <span id="more-416"></span></p>
<p>Nat&uuml;rlich ist die Speicherkapazit&auml;t des Kindes enorm, und sicher gilt auch, dass man m&ouml;glichst unbewusst lernen soll, womit man ein Leben lang umgehen will. Unbewusst, das hei&szlig;t: abgetrennt von m&ouml;glicher Verwendung, von unmittelbarer Verwertung. Ja, in Grenzen hei&szlig;t es auch: ohne Verst&auml;ndnis, m&ouml;glichst dicht dran am reinen Funktionieren. Wenn ich gehe, muss ich auch nicht wissen, wie Gehen geht.</p>
<p>Da mit zunehmendem Alter die Speicherf&auml;higkeit abnimmt, wechselt das unbewusste Lernen seine Funktion. Es trennt sich von der Option auf die Zukunft; es bekommt einen Bezug auf die Gegenwart, ohne an Zweck zu gewinnen. Es dient nicht der Akkumulation, sondern der reinen Funktion; ist Pr&uuml;fung, Kontrolle, best&auml;ndige Inspektion. Es ist Vergewisserung und Bet&auml;tigung in einem, nicht l&auml;nger in einem Bet&auml;tigung und Akkumulation. Es ist ein Lernen, dem die Zukunft und damit eine wichtige Bestimmung seines Begriffs abhanden gekommen ist, <em>die</em> Bestimmung. F&uuml;r den, der keine Zukunft hat, bleibt also nur ein Lernen ohne Gelerntes, ein zugleich Pr&uuml;fen und Bet&auml;tigen, ein m&ouml;glichst flei&szlig;iges &Uuml;ben und zugleich m&ouml;glichst wenig &auml;ngstliches Vergewissern. Ein solches Lernen hat ohne Zweifel etwas Trostloses; auch etwas Wehrloses; so als l&auml;ge der Sinn blo&szlig; und k&ouml;nnte jederzeit herausoperiert werden.</p>
<h4>H&auml;nschen</h4>
<p>Was H&auml;nschen nicht lernt, das lernt Hans nimmermehr: Die Drohung, die in dem Satz steckt, verschiebt sich mit dem Alter vom ersten auf den zweiten Teil; der erhobene Zeigefinger bleibt der gleiche, ob er nun dem Kind droht: &#8220;Was du jetzt nicht lernst&#8230;&#8221; oder dem Alten: &#8220;Du lernst nicht mehr&#8221;. Die erste Version ist vertraut; niemand missversteht sie. Womit dem Alten gedroht wird, muss man sich klarmachen, sonst landet man bei der Lerntheorie und konstatiert ein Lerndefizit, so als w&uuml;rde einen das Schicksal des Lernens interessieren. &#8220;Wenn du jetzt nicht lernst&#8230;&#8221; setzt das Kind in eine nat&uuml;rliche &Uuml;bereinstimmung mit dem &#8220;Lernalter&#8221;; es befindet sich mitten darin. Kein Anlass, sich weiter Gedanken zu machen: Sie haben einander gefunden, das Lernen, das Kind und das Leben. Auch wenn &#8220;das Kind&#8221; eine kulturgeschichtliche Errungenschaft ist und das Lernen daher der Begleiter einer alles andere als nat&uuml;rlichen Kindheit, w&auml;re es doch schwierig, die eine Bestimmung von der andern zu trennen. Da das Kind w&auml;chst, liefert es durch seine blo&szlig;e Existenzform ein Modell f&uuml;r Lernen: Es wird auch intellektuell wachsen. &#8220;Er nahm zu an Weisheit und Alter&#8221;, hei&szlig;t es bei Lukas vom heranwachsenden Jesus. Ob es sich mehr um Initiation als um Lernen oder mehr um &Uuml;ben, gar um blindes Nachmachen und endloses Wiederholen handelt, in dem Moment, wo nicht einer der genannten Begriffe, sondern Lernen der Grundbegriff f&uuml;r &#8220;Lernen&#8221; ist, liefert die Zeit und die ihr korrelierte Biologie den Vergleichspunkt f&uuml;r die kulturelle Reifung. Lernen wird nat&uuml;rlich. Das Kind lernt; es ist eben ein Kind. Das hei&szlig;t, eigentlich spielt das Kind ja &#8211; dies der nicht schielende Begriff des Lernens oder vom Kindsein. Wenn es spielt, ist es von jeder Anwendung so weit entfernt, dass es gute Chancen hat, als Ganzes, fast ohne Rest und R&auml;nder, zum Kompetenzzentrum, zur Produktivkraft zu werden. Hat es eine Zukunft, wird es gelernt haben. Hat es keine, hat es gelebt.</p>
<h4>Hans</h4>
<p>&#8220;Du lernst nicht mehr&#8221;, konstatiert dagegen einen Mangel in der &Uuml;bereinstimmung zwischen dem alt gewordenen Kind und dessen nat&uuml;rlichem Partner, dem Lernen. Lernt der ins Unrecht gesetzte Partner, um die Legitimit&auml;tsl&uuml;cke auszuf&uuml;llen und reale Defizite auszugleichen, doppelt flei&szlig;ig, so kommt der Ruhm nicht ihm und in ihm der Gattung Mensch, sondern er kommt allenfalls seinem Tun, der Gattung Lernen, zugute. Subjekt und Pr&auml;dikat sind nicht mehr eins, so wie im heranwachsenden Kind es und sein Lernen eins sind. Ein neues Subjekt hat das alte abgel&ouml;st, eine neue Konstellation sich an die Stelle der alten Konstellation gesetzt: Nicht das Kind lernt, sondern der Alte huldigt dem Lernen. Dass dessen Tun insgeheim noch immer am Kind orientiert ist, ist ein Grund f&uuml;r R&uuml;hrung, Trauer, fallen Heroismus und Armseligkeit doch unmittelbar zusammen.</p>
<p>Aber vielleicht ist das einzig St&ouml;rende an dieser Beziehung ja, dass sie aufrechterhalten wird, wo doch das Kind l&auml;ngst keins mehr ist und ohne seine st&uuml;tzende, seine &#8220;naturalisierende&#8221; Anwesenheit auch das Lernen seine vertrauten, harmlosen Konturen verlieren muss. Wer keine Lust hat, zum Attribut eines neuen Subjekts zu werden, zum Vertreter der Sparte &#8220;Lernen&#8221; nach dem Motto &#8220;Das Leben ist ein &#8230; Lernen&#8221;, und sich entschlie&szlig;t, genau an dem Punkt mit dem Lernen aufzuh&ouml;ren, wo dieses gewisserma&szlig;en in die Ewigkeit eintritt und zur &#8220;leer laufenden Eirollbewegung&#8221; wird, der geht nat&uuml;rlich ein erhebliches Risiko ein: Was ist, wenn die Gattung, nennen wir sie Leben oder Mensch, die er nicht wechseln will, sich immer schon auf der Seite des Lernens findet, sodass er sich au&szlig;erhalb der Gattung stellt, wenn er mit dem Lebensmodell &#8220;Lernen&#8221; bricht? Was ist, wenn der Verzicht auf das Lernen den vern&uuml;nftigen Bezug auf das Leben kostet? Sollte man sich unter diesen Auspizien nicht damit begn&uuml;gen, mehr schlecht als recht zu lernen (und zu leben) und so wenigstens eine prinzipielle Zugeh&ouml;rigkeit zu wahren, oder, geben wir es zu, eine symbolische? Und muss es nicht geradezu als ein Zeichen von Demenz &#8211; ein gesellschaftliches Zeichen oder Zeichen einer gesellschaftlichen Form von Demenz &#8211; gewertet werden, in dieser Lage, die Resignation erheischt und in der st&uuml;tzende, also symbolische, auf Andeutung und Stellvertretung setzende Systeme gefragt sind, klammheimlich etwa auf einen Paradigmenwechsel zu spekulieren; auf Deutsch gesagt: nur weil man sich nichts mehr merken kann, etwa auf das gro&szlig;e Nichts? Zerst&ouml;rt eine solche Umwertung des Verlusts in einen neuen, wesentlicheren Reichtum &#8211; statt eines wie immer kindisch-verg&auml;nglichen Lernens n&auml;mlich ein unverg&auml;ngliches, geradezu gegenst&auml;ndliches Haben &#8211; nicht den letzten Rest von Heroismus, verkehrt Armseligkeit zur L&auml;cherlichkeit? Peinlich ber&uuml;hrt von der Missproportion zwischen Kraft und Verm&ouml;gen wendet man sich ab und vermisst vor allem eins: die W&uuml;rde des Alters.</p>
<h4>Wohl oder Wehe, nicht Sein oder Nichtsein </h4>
<p>Es steckt also viel Risiko in dem Versuch, mit dem Lernen aufzuh&ouml;ren; aufzuh&ouml;ren mit dem H&auml;nschen-Dasein und ein Hans zu werden! Kann man sich einen durch keinen Lernelan und Zukunftsoptimismus verstellten Blick auf <em>das</em> Leben erhoffen? Oder entpuppt der sich als ein nun wieder allzu leicht entstellter, zum neuerlichen Lernprogramm n&auml;mlich mutierter Blick auf den Tod? Die Versuchung ist jedenfalls gro&szlig;, auch aus dem Bruch mit dem Lernen noch ein Lernprogramm zu machen, oder die Chance gering, genau das zu vermeiden. Da das Lernen mit dem modernen Leben so verbacken ist, dass es gleichsam aus jeder Lebens&auml;u&szlig;erung, jeder Bet&auml;tigung herausgesch&auml;lt, im Detail entfernt werden muss, scheint ein gehobenes Lernen unabdingbar, das etwa nach dem Freudschen Prinzip &#8220;Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten&#8221; verf&auml;hrt. Zumal, wenn der Tod als Lerngegenstand sich substituiert, ist es ein durch und durch stoisches und damit doch wieder das alte Programm. Nur der Tod ist neu; er will gelernt werden. Ein im vollen Umfang auf das halluzinative Unwesen der Theorie zielender Verzicht w&auml;re n&ouml;tig, um zu begreifen, dass er nicht gelernt zu werden braucht; er geschieht. Wie alles, was man nicht lernen muss, <em>kann</em> man ihn auch nicht lernen; was er an Wesentlichem enth&auml;lt, n&auml;mlich seine Tatsache, steht nicht nur au&szlig;erhalb jeglichen Lernprogramms, sondern negiert es. Anders gesagt: man kann ihn nicht <em>nicht</em> lernen! Da an ihm au&szlig;er seiner Tatsache nichts wesentlich ist, kann man ihn nicht <em>nicht</em> oder an ihm <em>nichts</em> lernen. Diesen Sachverhalt nicht nur abstrakt, sondern auch konkret anzuerkennen, ihn durch eine systematische Abl&ouml;sung des Lebens vom Lernen allererst herzustellen kann mit einem gewissen Recht wiederum als ein Lernprogramm bezeichnet werden, wird doch eine Arbeit benannt; eine Aufgabe, wie man unschwer erkennt, ein Imperativ formuliert. Es offenbart sich eine neue Seite des Lernens. Wom&ouml;glich hat es mit der Zukunft gar nichts zu tun; mit ihr noch nie &#8211; nur in der irrt&uuml;mlichen Vorstellung &#8211; etwas zu tun gehabt. Tats&auml;chlich gewinnt der Begriff des Lernens an Koh&auml;renz, wenn man mit ihm nicht Sein und Nichtsein, die Objektivit&auml;t also, sondern lediglich Wohl und Wehe des Subjekts verkn&uuml;pft. F&uuml;r das Subjekt, den Einzelnen, stellt die Objektivit&auml;t die Zukunft dar; es muss sich ranhalten, will es ihr gegen&uuml;ber nicht aus einer blo&szlig; strukturellen, als Aufschwung und Elan interpretierbaren Vergangenheit in eine qualitative geraten. So wie insgesamt die Zeitvorstellung, die das Subjekt mit der Objektivit&auml;t verkn&uuml;pft, blo&szlig; eine Hilfsvorstellung ist, so ist auch die an sie gekn&uuml;pfte Hoffnung oder Angst blo&szlig; ein &#8211; im Freudschen Begriff &#8211; begleitender Affekt. Ob es gelingt, ihn zur&uuml;ckzunehmen oder umzuwandeln, hat mit Sein und Nichtsein nichts, wohl aber mit Wohl und Wehe des Subjekts zu tun. Letzteres wiederum hat ausschlie&szlig;lich damit zu tun, wieviel das Subjekt mitbekommt, was es <em>realisiert</em>, nicht damit, wie es sich f&uuml;hlt; und insofern steckt im Bruch mit dem Lernen tats&auml;chlich eine Aufgabe, etwas, was gelernt werden will. An der Art, wie die Objektivit&auml;t zum hektischen Lernprogramm gemacht wird, sp&uuml;rt man freilich noch etwas von der alten Angst, sie w&uuml;rde, wenn nicht gelernt, wom&ouml;glich nicht passieren.</p>
<h4>In die Sinnlosigkeit gebannt</h4>
<p>Nicht nur in der Altersgestaltung spielt &uuml;brigens das Lernen eine zweifelhafte Rolle, insofern Zukunft, Unendlichkeit, ja auch Unsterblichkeit von ihm geborgt, aus ihm f&ouml;rmlich abgeleitet werden, sondern auch in der <em>Arbeitslosengestaltung</em>. Der Arbeitslose soll, blo&szlig; weil er keinen steuerpflichtigen Lohn verdient, durchaus nicht unt&auml;tig sein. Freilich soll er nicht f&uuml;r einen unversteuerten Lohn arbeiten, obwohl das ja nahe l&auml;ge, dass er sich in seiner prek&auml;ren Lage auf die <em>essentials</em> besinnt. Stattdessen soll er lernen; ein H&auml;nschen soll er werden! Das verspricht eine geisterhafte Existenz, die die gesellschaftliche karikiert, ohne die Symbiose von &Ouml;konomie und Staat zu kritisieren. Der Arbeitslose, im reinen, unverdrossenen Bezug &#8211; und schon wei&szlig; man nicht mehr recht anzugeben, wozu -, recht eigentlich in <em>stand-by</em>-Haltung, einem Modus eigener Art, einem Zustand eher als einem &Uuml;bergang, einer eigenen Existenz, lernt. Sagen wir pr&auml;ziser, er h&auml;lt sich fit. Zumindest kann man das von ihm verlangen, dass er sich fit h&auml;lt. Eigentlich ein Monopolist jener kostbarsten aller Ressourcen, genannt &#8220;Zeit zum Lernen&#8221;, recht eigentlich ein Stipendiat, liefert er der Gesellschaft, die ihn auszeichnet, freilich nicht mehr als ein Bild von ihr und dann auch noch in seiner eigenen Person. Zum konkreten Beitrag, den er von sich abl&ouml;sen und abliefern k&ouml;nnte, bringt er es nicht und sie, die von ihm alles, blo&szlig; nichts Bestimmtes verlangt, ihm gegen&uuml;ber auch nicht. Er repr&auml;sentiert in der trostlosen Weise, dass er es nicht mit seiner Arbeit, sondern mit seiner Existenz tut. Was und ob er konkret lernt, das z&auml;hlt unter diesen Auspizien wenig; im Gegenteil, der Lernerfolg destabilisiert die Gesellschaft, die ihn lernen l&auml;sst und f&uuml;r die er lernt; das pure Lernen stabilisiert sie. Nicht anders als das Lernen der Alten spielt auch das Lernen der Arbeitslosen sich in einem Metabereich ab. Es ist nicht mehr dasselbe; aber, ungleich wichtiger, es liefert auch nichts Neues. Objektiv sinnlos, muss es in diese Sinnlosigkeit doch gebannt werden. Scheinbar von jeder Arbeit befreit, ja ein <em>byword</em> f&uuml;r Arbeitslosigkeit, ist diese Sinnlosigkeit selbst ein Ergebnis von Anstrengung. Von allein stellt sie sich nicht ein.</p>
<h4>Abschied von der Perspektive</h4>
<p>Wer ein Hans werden will, muss sich von der Lernperspektive verabschieden. Er braucht nicht aufzuh&ouml;ren zu lernen, er muss sich nur von der Perspektive verabschieden. In einer Gesellschaft, die vom Lernen lebt, wird er das nicht mehr, so wie fr&uuml;her, mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter tun, dann, wenn &#8220;der Ernst des Lebens&#8221; beginnt. Er wird es vor allem mit dem Austritt aus dem Erwachsenenalter tun m&uuml;ssen, wenn das ernste Leben beginnt, eben das ohne geborgte Perspektive, ohne Wechsel auf die Zukunft. So viele aber, wie an der &#8220;Schwelle zum Erwachsenenleben&#8221; f&uuml;r sich beschlie&szlig;en, ein Kind zu bleiben und auf das gro&szlig;e Ereignis, das nie eintreten wird, hinzulernen, so viele werden an der &#8220;Pensionsschwelle&#8221; beschlie&szlig;en, ein Kind zu werden, die vers&auml;umte Vorlesung zu h&ouml;ren, die vers&auml;umte Sprache zu lernen, den souver&auml;nen Umgang mit den elektronischen Medien jetzt, wo niemand es mehr von ihnen verlangt, zu &uuml;ben. In den seltensten F&auml;llen haben die einen mit den andern etwas zu tun; schon gar nicht sind es dieselben. Aber gleicherma&szlig;en ist es ihnen um die Leugnung eines Bruchs zu tun &#8211; die J&uuml;ngeren des Bruchs, den sie machen, die &Auml;lteren jenes, den sie zur Kenntnis nehmen sollten &#8211; und sind auf ihre Weise ein Musterbeispiel an Kontinuit&auml;t.</p>
<p>Aber wie soll man ein Hans werden? Unsere Vorfahren hatten vergleichbaren &Auml;rger mit der Arbeit. Wie sollten sie ohne Arbeit leben, nachdem diese &uuml;ber Jahrzehnte ihre Lebens- und Legitimationsgrundlage gewesen war? Wie sollten sie sich besch&auml;ftigen und wie sollten sie sich respektieren? Wie sollten sie Mu&szlig;e nicht mit Tod gleichsetzen? Und wie sollen wir, nachdem wir Jahrzehnte von einem Lernen in Ruhe getr&auml;umt haben, uns jetzt von der Perspektive des Lernens verabschieden und uns der Perspektive eines Lebens zuwenden, die wir ja doch nur f&uuml;r eine Finte des Todes halten, haben wir doch nie auf das Heute, immer zugleich auf das Morgen gesetzt. Wie sollen wir uns zum Beispiel mit der Vorstellung befreunden, dass das Leben <em>sans phrase</em> nicht die Belohnung f&uuml;r flei&szlig;iges Lernen, der Sprung nach der stattgehabten Akkumulation, sondern im genauen Gegenteil ein &#8220;Leben ohne Phrase&#8221; ist, kein eigentliches, wesentliches, vor allem kein ewiges Leben, nur eins, das nicht interpretiert und gewertet wird? (Und das wiederum ist in Anbetracht der allgemein anerkannten Wert- und Bedeutungslosigkeit des Alters nicht eben viel. )</p>
<p>Eine vergleichsweise freundliche Vorstellung bezieht sich auf die pr&auml;stabilierte Harmonie von Wollen und K&ouml;nnen. Dem, der nicht mehr greifen, halten und zusammenhalten kann, bleibt der R&uuml;ckzug auf die Betrachtung, die Freude an Anblick, Duft und Ton, oder was beim Nachlassen der Sinne davon &uuml;brigbleibt. Wer nichts anderes <em>kann</em>, kann beschaulich in der Sonne sitzen. Umgekehrt, wenn die Sinne nichts mehr taugen, kann er die H&auml;nde regen. Wenn er das Werkst&uuml;ck oder den Gedanken nicht mehr festhalten kann, kann er sinnieren. Die Verarmung des Lebens wird er, wenn er nach heutiger Auffassung Gl&uuml;ck hat, nicht merken; nach einer traditionelleren Auffassung ist es keine Verarmung, da f&uuml;r diese ja das Wollen oder K&ouml;nnen fehlt. Aber auch von ihr &#8211; die sich mit der &uuml;blichen Bitterkeit ebenso wenig in einen Topf werfen lassen muss wie mit der tr&uuml;ben Umwertung der Verarmung in Verwesentlichung, die unsere Altersprosa ziert &#8211; ist es immer noch ein Schritt zu einem <em>Bruch</em> mit der Interpretation, mit den vorwegnehmenden ebenso gut wie den nachhinkenden Vorstellungen, an deren Stelle eine <em>begleitende</em> Vorstellung sich installiert, die das <em>carpe diem</em> nicht in der Weise st&ouml;rt, dass der Tag zur Beute dessen wird, der ihn pfl&uuml;ckt oder umgekehrt, letzterer zur Beute des Tages.</p>
<p>Es geht um die Vorstellung. Der Rest braucht kein Lernen; er passiert. Vielleicht sollte man die fl&uuml;chtige Kraft und den fl&uuml;chtigen Tag in eine Beziehung nicht zum unmittelbaren Leben setzen, das entflieht, sondern zum &#8220;Leben&#8221; der Vorstellungen, zum &#8220;Leben&#8221; der Bestimmungen. Hier tut &#8220;pr&auml;stabilierte&#8221; Harmonie sich auf, ohne dass ein falscher Zungenschlag dabei w&auml;re. Denn falsch auf der Ebene der Bestimmung ist immer, was ein Zuviel beinhaltet; ein Weniger auf der Ebene der Bestimmung immer ein Schritt in die richtige Richtung. Fl&uuml;chtigkeit auf der Ebene der Bestimmung ist ein Schritt in Richtung einer haltbaren Wahrheit. Es ist ein richtiger Schritt. Auf der Ebene der Bestimmung ist es von Vorteil, keine Kraft zu haben. Schwach zu sein, seine Begriffe in keinem &uuml;bersch&auml;umenden Kraftakt applizieren zu k&ouml;nnen ist ein Vorzug. Nur so wird aus dem Fangen ein Pfl&uuml;cken und der Tag kann Tag bleiben. Ebenso ist es von Vorteil, wenn die Vorstellung &#8220;Tag&#8221; keine Kraft hat, kein heroischer Tag ist, der seinen &#8220;Zoll&#8221; fordert, und kein Repr&auml;sentant eines verd&auml;chtig ewigen Lebens. So kann, der ihn pfl&uuml;cken soll, eines nat&uuml;rlichen Todes sterben. Allerdings ist dies wahrhaftig die Perspektive einer <em>intelligiblen</em> Sph&auml;re; da kann ich mich, wenn ich mich um meine Kraft sorge, gleichzeitig f&uuml;r den Tag freuen und w&auml;hrend ich den Augenblick anbete, gleichzeitig mich um mein Leben k&uuml;mmern. Auf der Ebene der Tatsachen, das hei&szlig;t der gesellschaftlichen Bestimmungen, denen man unmittelbar ausgesetzt ist, sieht die Sache anders aus. Da kann ich von Gl&uuml;ck sagen, wenn mir die Kraft <em>fehlt</em>; w&auml;re ich imstande, ich w&uuml;rde sie mir schleunigst besorgen, und das &#8211; schlechte &#8211; Leben dazu.</p>
<p>Mit dem Lernen ist es wie mit einer fixen Idee; die hat nicht nur, sie <em>ist</em> auch ein Inhalt. Auch das Lernen ist zugleich die Form eines Tuns und sein Inhalt. Fixe Ideen hindern uns, die den Gedanken innewohnende Negation ihrer selbst wahrzunehmen; das liegt an der in ihnen vollzogenen wechselseitigen Verdoppelung von Form und Inhalt, die nichts Unzusammenh&auml;ngendes, Bewegliches mehr zu erkennen erlaubt. Da alle gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse wesentlich gedankliche Verh&auml;ltnisse sind, erstreckt die destruktive Wirkung der fixen Ideen sich besonders auf deren Erkennbarkeit. Oder umgekehrt k&ouml;nnte man sagen, dass in der Gesellschaft der Gedanke es erfolgreich zu einer fixen Idee gebracht hat; sonst hielte er &#8211; und hielte umgekehrt die Gesellschaft &#8211; nicht einen einzigen Tag. Mehr als manche andere hindert uns heute die fixe Idee des Lernens zu realisieren, dass das Leben nicht zugleich sein Inhalt und seine Form, sagen wir: sein Sein und sein unabh&auml;ngig davon einzufordernder Sinn ist; immer ist es nur das jeweils eine (und der Tod dann das jeweils andere). Mal ist, wie wir es gewohnt sind, der Tod die existentielle Begrenzung des Lebens, dessen Sinn, mal, wie in Totenkulturen, das Leben die Form des Todes: Mit allen Dienern wird der K&ouml;nig bestattet. Vermutlich sind Leben und Tod an sich schon eine h&ouml;chst fragw&uuml;rdige Zerlegung, so wie Lernen und Leben eine h&ouml;chst fragw&uuml;rdige Zerlegung sind. Am Schema von Leben und Tod orientiert, scheinen Lernen und Leben nicht wesentlich r&auml;umlich, vielmehr zeitlich zerlegt; dabei kreisen sie blo&szlig; umeinander und halten sich, einer im andern, f&uuml;r ewig. Es ist wie im M&auml;rchen vom Fundevogel: Verl&auml;sst du mich nicht, sagt das Lernen zum Leben, dann verlass ich dich auch nicht. Nun und nimmermehr, sagt das Leben. Oder umgekehrt. Sagt das Lernen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2006/was-haenschen-nicht-lernt-oder-hans-lernt-nimmermehr">Was H&#228;nschen nicht lernt&#8230; oder: Hans lernt nimmermehr</a></p>
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		<title>Man kann nur entweder das Recht lieben oder aber die Gesellschaft hassen</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2005 01:38:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Recht / Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2005-34]]></category>

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		<description><![CDATA[&#220;ber die der Gesellschaft als Produktivkraft innewohnende und ihr zugleich als Ordnungsmacht &#252;bergest&#252;lpte Form Streifz&#252;ge 34/2004 von Ilse Bindseil 1. Ein Problem, das rechtlich geregelt wird, ist ein rechtliches Problem. In dem Moment, wo es dem Recht anvertraut wird, ist es ein rechtliches Problem. Ein rechtliches Problem kann nur in rechtlicher Hinsicht und in keiner [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2005/man-kann-nur-entweder-das-recht-lieben-oder-aber-die-gesellschaft-hassen">Man kann nur entweder das Recht lieben oder aber die Gesellschaft hassen</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>&Uuml;ber die der Gesellschaft als Produktivkraft innewohnende und ihr zugleich als Ordnungsmacht &uuml;bergest&uuml;lpte Form</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 34/2004</p>
<p><em>von Ilse Bindseil</em> <span id="more-372"></span></p>
<h4>1. </h4>
<p>Ein Problem, das rechtlich geregelt wird, ist ein rechtliches Problem. In dem Moment, wo es dem Recht anvertraut wird, ist es ein rechtliches Problem. Ein rechtliches Problem kann nur in rechtlicher Hinsicht und in keiner anderen Hinsicht gel&ouml;st werden. Was an ihm gel&ouml;st wird, wenn es rechtlich gel&ouml;st wird, ist ein Problem, das das Recht mit ihm, dem Problem, hat. Oder genauer, es ist ein Problem, das das Recht mit sich selbst hat, ein Einordnungsproblem, ein Unterordnungsproblem, ein Zuordnungsproblem, kurz ein Ordnungsproblem. Mit dem urspr&uuml;nglichen Problem hat das Problem, das schlie&szlig;lich geregelt wird, also gar nichts zu tun; wie denn auch? Was h&auml;tten ein Problem und eine Ordnung miteinander zu tun &#8211; es sei denn, das Problem w&auml;re von der Ordnung schon hinreichend infiziert und sozusagen ein Ordnungsproblem. Meist ist es aber, selbst bei den solcherma&szlig;en infizierten Problemen, das Ungeordnete und jeder Ordnung Fremde, das bei dem Appell, der Bitte um Regelung, den Ausschlag gibt.</p>
<h4>2. </h4>
<p>Um mit der Zumutung fertig zu werden, die das Recht f&uuml;r den bedeutet, der es um eine L&ouml;sung seines Problems angeht und von ihm lediglich eine Expertise der rechtlichen Aspekte dieses Problems samt einer Inaugenscheinnahme ergebenden rechtlichen L&ouml;sungen erh&auml;lt, muss der Betreffende das Recht lieben lernen. Er muss lernen, es um dessentwillen zu lieben, was es ist, und nicht mehr um dessentwillen, was er von ihm erhofft und was er ihm f&auml;lschlich zugetraut hat. Das hei&szlig;t, er muss an ihm das vermeintlich Defizit&auml;re lieben lernen, die strikt formale Seite der Betrachtung, die Seite der Form. Schlie&szlig;lich muss er zu der &Uuml;berzeugung gelangen, lieben k&ouml;nne man &uuml;berhaupt nur die Form oder das Formale, alles andere w&auml;re blo&szlig; <em>leben</em>. Er selbst muss also sein Problem verraten &#8211; und schlie&szlig;lich vergessen &#8211; und mit fliegenden Fahnen zum Gegner seines Problems &uuml;berlaufen oder vielmehr zu dessen Verweser und Vernichter, zu ihm, der es l&ouml;st, indem er es beseitigt, und es beseitigt, indem er sich an seine Stelle setzt; es also keineswegs ersatzlos streicht, sondern ersetzt.</p>
<h4>3. </h4>
<p>Was das Recht dem zu bieten hat, der es mit einer substanziellen Frage bedr&auml;ngt und von ihm mit einer bis zum Paradigmensprung umformulierten Antwort, einem &#8220;Spruch&#8221;, beschieden wird, das ist &#8211; abgesehen von Frust, Frust, Frust &#8211; nat&uuml;rlich ein Schein; aber es <em>ist</em> ein Schein. Zwar wird das Problem, mit dem sich der Betreffende an das Recht wendet, von diesem f&ouml;rmlich aufgesprengt, und er selbst wird in der &uuml;berw&auml;ltigenden Mehrzahl der m&ouml;glichen F&auml;lle nat&uuml;rlich auch abgewiesen. Aber daf&uuml;r wird er mit einer ganz neuen Welt entsch&auml;digt, und diese Welt ist auf ihre zugleich abstrakte und emsige Weise eine h&ouml;chst t&auml;tige Welt. Er stellt fest: Das Recht ist kein Sein, es ist eine Praxis (vielleicht ist dies ja die normale Form des Seins); es ist selbst ein Prozess. Das Recht kennen lernen hei&szlig;t seine Praxis kennen lernen. Es hei&szlig;t den Prozess an sich selbst erfahren, den das Recht fortlaufend erf&auml;hrt, wenn es das unsortierte und falsch sortierte Leben als eine schlechte Unmittelbarkeit, einen Rohstoff, in sich hineinzieht und, in Recht verwandelt, als Fabrikat, endg&uuml;ltiges Produkt und Endprodukt, aus sich entl&auml;sst, sozusagen mit dem Rechtssiegel versehen. In einem Prozess unterliegen bedeutet also beides: zu unterliegen und den Prozess des rechtlichen Unterliegens zu erleben, in jener erhebenden Form, die es erlaubt, sich in der Bewegung des Lernens &uuml;ber sich selbst, seine unmittelbaren Interessen zu erheben, also selbst zu einem Bestandteil des Rechtsprozesses zu werden, als Opfer und als &#8220;T&auml;ter&#8221;, der, der den Prozess mitdenken kann. Freilich muss man sich dazu die Eigent&uuml;mlichkeiten des Rechts zu Eigen machen. Man muss Inhalt und Form scheiden lernen; man muss Recht und Richtigkeit scheiden lernen; man muss Recht und Interesse scheiden lernen; man muss, last but not least, Recht und Gerechtigkeit scheiden lernen. Man muss lernen, dass Gerechtigkeit Recht will, ohne Form zu wollen, und dass sie daf&uuml;r auf die primitivste Form vereidigt ist: das &#8220;Auge um Auge&#8221;, die &Auml;quivalenz des Einmaleins. Man muss dar&uuml;ber hinaus die Teilung der Welt, wie sie in diesen Begriffspaaren sich niederschl&auml;gt, ja die Spaltung der eigenen Person lieben lernen. Er darf das nicht nur als Floskel empfinden, als Wort gewordene Ratlosigkeit, wenn es hei&szlig;t: &#8220;Nehmen wir mal an &#8230;&#8221; Er muss den Aufbruch darin erkennen, den Beginn der Umformulierung, der Umkrempelung. &#8220;Nehmen wir umgekehrt an &#8230; &#8220;, das muss ihn der Aussicht wegen begeistern, der Gelenkigkeit wegen. Er muss das als die wahre Freiheit empfinden!</p>
<h4>4. </h4>
<p>Wer sein Recht sucht, verliert es also und bekommt zugleich etwas anderes daf&uuml;r zur&uuml;ck. F&uuml;r die &#8220;leuchtende Klarheit&#8221; seines Rechtsempfindens, die ihm im ersten Zuge des Verfahrens so vollst&auml;ndig wie verst&ouml;rend abhanden kommt, wird er in einem zweiten Zug durch die &#8220;leuchtende Klarheit in (s)einem Verstand&#8221; (Descartes) entsch&auml;digt: Klarheit, wird ihm beigebracht, kann &uuml;berhaupt nur auf den Verstand bezogen werden. Was er selbst f&uuml;r Klarheit des Rechtsempfindens hielt, war bestenfalls die Inbrunst des Empfindens! Was er aber als Willk&uuml;r und Gewalt erfuhr, das mag er im ersten Anlauf durch die Willk&uuml;r des Rechts abgel&ouml;st finden; der Schock muss sein. Im zweiten Anlauf wird er schon dem Erotismus des Bezugs von Sache und Begriff nachsp&uuml;ren und diesen Bezug im dritten als den h&ouml;heren Masochismus der Sache, die sich &#8220;handeln&#8221; l&auml;sst, genie&szlig;en: er, zugleich in der Rolle der erleidenden Sache und des begreifenden (oder billigenden) Subjekts, in der wahren Rolle des Masochisten! Er erkennt nicht nur den Punkt, worin &#8220;bedenken&#8221; und &#8220;befingern&#8221; eins sind, er erlebt ihn. Was der Rechtsuchende schlie&szlig;lich im Angesicht des Gerichts, in den M&uuml;hlen des Rechts als die Bagatellisierung und Ver&auml;chtlichwerdung seines Problems erlebt, das erlebt er zugleich als Wertzuwachs. Er bekommt nicht nur eine Ahnung von der Dialektik des Repr&auml;sentationszusammenhangs, in dem das Einzelne durch das Ganze repr&auml;sentiert wird, als Einzelnes aber verlorengeht; ihm d&auml;mmert auch, dass in dem Tauschzusammenhang, in dem best&auml;ndig Leben gegen Recht getauscht wird, der konkrete einzelne Fall, <em>sein</em> Fall, die Gebrauchswertbasis ist. Es d&auml;mmert ihm, was daran Grenznutzen ist oder lebendiges Kapital oder die Substanz, alles das also, was den tr&auml;gen Apparat in Bewegung setzt, das K&ouml;rnchen Realit&auml;t, ohne das die Wahrheits-Suppe fad schmeckt und dessen unbedarfter Einsatz zugleich das ganze Gericht ruiniert. Nicht nur erlebt er, wie das Recht sich ihm zuwendet und sich ihm widmet. Er erlebt zugleich die unverst&auml;ndliche und r&auml;tselhafte Weise dieser Zuwendung, die, je konkretere Formen sie annimmt, immer r&auml;tselhafter wird, zuletzt voller Geheimnisse scheint. Es ist ein <em>byword</em>, dass dem schlicht sein Recht Suchenden das Letztere einer anderen Welt zugeh&ouml;rig &#8211; und dieser zugewandt &#8211; scheint. Und die entfremdende Erfahrung geht nicht ab ohne Selbstentfremdung: Eingebettet in einen mystischen Repr&auml;sentationszusammenhang wird der Rechtsuchende sich selbst zum Geheimnis, sein Problem wird ihm zum Schatz, was er sucht, zum Schatzzusammenhang: der &#8220;Spruch&#8221;, der &uuml;ber ihn gef&auml;llt wird, best&auml;tigt ihm, dass er nur ein Kr&uuml;mel ist; gleichzeitig wird er durch ihn erw&auml;hlt. &#8220;Da ist kein Auge, das ihn nicht ansieht&#8221;, wie der Dichter sagt, und was anderes kann der Schatz sein, den das Recht h&uuml;tet, als das Leben selbst!</p>
<h4>5. </h4>
<p>Ungeachtet der Symbiose tobt der Kampf. Nicht nur werden tagt&auml;glich die Grenzen neu ausgehandelt, sondern unerm&uuml;dlich wird die Gretchenfrage gestellt: Gerechtigkeit oder Willk&uuml;r! Recht oder Leben! Die Wirkung des Rechts auf das Leben und umgekehrt die Wirkung des Lebens auf das Recht kommt nat&uuml;rlich am sinnf&auml;lligsten in der Person des Richters zum Ausdruck. Der Betroffene schreit &#8220;Mord! &#8220;, und was sagt der Richter dazu? Er sucht nach den mildernden Umst&auml;nden. Aber auch gegen das Recht f&uuml;hrt der Richter die mildernden Umst&auml;nde ins Feld. Wie feindliche Br&uuml;der stehen Rechtsuchender und Recht einander gegen&uuml;ber; nicht der eine dem andern &uuml;berlegen, durch Abstraktion, oder der andere dem einen, durch Vitalit&auml;t, sondern in fataler Symmetrie. Im Grunde glauben beide an dieselbe starre Sache, an diese Wesenheit, an dieses bedingungslose <em>Ist</em>. Zwischen ihnen der Richter; nicht, weil sie einander in die Haare gerieten, wenn er sie nicht trennte, sondern weil sie einander zur Unertr&auml;glichkeit verst&auml;rken w&uuml;rden: da w&auml;re kein Recht, und es w&auml;re auch kein Leben mehr. In seiner bed&auml;chtigen, passiven, rezeptiven Art gibt der Richter der in den Kippmechanismus geratenen Sache ihr Volumen zur&uuml;ck. Er gibt ihr ihren Rahmen zur&uuml;ck. Er gibt ihr ihre Realit&auml;t zur&uuml;ck: Da ist etwas vorgefallen, das muss gekl&auml;rt werden. Was das Recht mit einer Bewegung beiseite gefegt hat, das wird vom Richter mit Bedacht zur&uuml;ckgekarrt: &#8220;Und dann haben Sie &#8230;&#8221; In der heiligen Messe, die der Prozess f&uuml;r den Rechtsprozess darstellt, in dieser heiligen katholischen Messe (die nicht auf Erinnerung, sondern auf Vergegenw&auml;rtigung setzt), wird die abstraktive Strategie des Rechts durch eine Strategie erg&auml;nzt, die aufs Gegenteil, auf Wiederherstellung, auf Wiederverk&ouml;rperung zielt. In seiner Rekonstruktion der Sache, um die es geht, bringt der Richter nicht nur Ordnung in diese Sache &#8211; geordneter als im Kopf von Rechtsuchendem und Recht kann sie gar nicht sein! Recht, sagt er, ist auf seine Weise nicht anders als das &#8220;tumbe Leben&#8221;; auch es hat seine eigene &#8220;Chaotik&#8221;, seine falsche Unmittelbarkeit, und bedarf der Korrektur. Vor dem Richterstuhl m&uuml;ssen Recht und Leben neu vermittelt werden. Die &#8220;mildernden Umst&auml;nde&#8221; sind davon das Resultat. Was in ihnen zum Ausdruck kommt, ist bereits vermittelt, es ist gewogenes Leben, gemildertes Recht. Sie sind nicht ein Einsprengsel des Lebens in einem durch und durch formalisierten Prozess. Vielmehr assoziieren sie sich beidem. Dem Prozess verdanken sie ihr Sein, ihren Auftritt; Ersterem streben sie nach, versuchen es zu spiegeln, es mimetisch wiederzugeben, von daher die redende, nachvollziehende, den Vorstellungsakt selbst zur Darstellung bringende, irgendwie absurde und r&uuml;hrende Form der richterlichen W&uuml;rdigung. &#8220;Sie sagen: , Ich wollte es nur sch&uuml;tteln&#8230; &#8216;&#8221;, sagt der Richter. Es n&uuml;tzt nichts, Recht zu haben, sagt er. Um Recht zu behalten, muss man nicht vor Gericht ziehen. Man kann sich damit begn&uuml;gen, Recht zu haben. Wenn man dagegen vor Gericht zieht, wenn man den Richter anruft, muss man die fehlende Vermittlung haben wollen. &#8220;Mein Lebensgef&auml;hrte war betrunken, und das Geschrei des Kindes hat ihn gest&ouml;rt.&#8221; &#8220;Sie sagen: , Ich wollte blo&szlig;, dass es still ist, und dann hat es nicht mehr geatmet. &#8216;&#8221; Man muss seinen Standpunkt opfern wollen. Man muss ihn f&uuml;r den Zusammenhang opfern wollen. Man muss den Zusammenhang erleben wollen. Man muss Gesellschaft nicht blo&szlig; erleiden, man muss sie auch erleben wollen; Gesellschaft <em>in actu</em>. Gelingt einem das, kann man sogar die mildernden Umst&auml;nde f&uuml;r den eigenen M&ouml;rder begr&uuml;&szlig;en.</p>
<h4>6. </h4>
<p>Wer also das Recht lieben lernen will, muss einerseits die Formalisierung lieben lernen, den Prozess der Transformation, den Umbau des Lebens in ein formales System. Er muss andererseits den umgekehrten Weg lieben lernen, den Weg der Entformalisierung und Wiederverk&ouml;rperung. Das ist aus doppeltem Grund schwer: Einmal, weil es &uuml;berhaupt so schwer ist, die Formalisierung lieben zu lernen, zum andern weil der Weg der Entformalisierung nicht als ein gangbarer Weg erscheint, eher als eine Heimsuchung, ein R&uuml;ckfall oder ein Zusammenbruch; denn der Weg ist immer der der Formalisierung. Wo keine Formalisierung stattfindet, ist kein Weg. Man muss sich in der Kunst der juristischen Formalisierung schon sehr ge&uuml;bt haben, um sich vom umgekehrten Weg, der also noch innerhalb des juristischen Milieus gesucht werden muss und das Leben nur nachzeichnen kann, wenigstens eine &#8220;gangbare&#8221; Vorstellung zu machen (oder man muss die juristische Formalisierung sogleich als eine <em>Kunst</em> ge&uuml;bt haben). Nur so kann man die dem Rechtsprozess unabdingbare und unerreichbare zweite H&auml;lfte des Rechts, seine materielle oder lebendige Seite, innerhalb des Rechtsvorgangs angemessen erstehen lassen. Das Recht aber ist selbst im rechtlichen Milieu lediglich dann vollst&auml;ndig repr&auml;sentiert, wenn es nicht nur sich selbst, sondern auch der von ihm beurteilten Sache eine eigene Form zubilligt, so etwas wie eine urspr&uuml;ngliche Form, wie sie in den behutsamen Formulierungen des Richters zum Ausdruck kommen, deren merkw&uuml;rdige Originalit&auml;t und zugleich Virtualit&auml;t nicht nur die Stellvertreterrolle des Richters und seiner Sprache, sondern zugleich die Stellvertreterrolle jeder Sprache zum Ausdruck bringen, ihre Stellvertreterrolle gegen&uuml;ber der urspr&uuml;nglichen Form. Wer also das Recht lieben lernen will, muss die Richterrolle lieben lernen. Er muss das Stellvertretende, Auff&uuml;hrungshafte, Theaterm&auml;&szlig;ige, er muss die <em>Rechtsauff&uuml;hrung</em> lieben lernen. Man k&ouml;nnte auch gleich sagen: Er muss Katharsis suchen, nicht &#8220;sein Recht&#8221;. Katharsis aber geht folgenderma&szlig;en: Erst wird die Hoffnung beschworen, dann wird die Hoffnung begraben. Katharsis ist ein Vorgang, kein Sein, und als Vorgang ist sie ein Rundgang, sie geht nicht von A nach B, sie landet wieder bei A: Mit der begrabenen Hoffnung kann man leben, auf Hoffnung kann man nur hinleben. Wer also das Recht lieben lernen will, muss den vollst&auml;ndigen Weg lieben lernen, den Weg durch das wirre Leben und den R&uuml;ckweg durch das wirre Recht. Kurz, er muss es aushalten, wenn das Recht sich des Lebens bem&auml;chtigt, und er muss Spa&szlig; haben, wenn das Recht seinerseits &#8220;vorgef&uuml;hrt&#8221; wird. Das Erste muss er im Grunde nur aushalten, das Zweite muss ihn sogar intellektuell freuen! Es muss ihn freuen zu erleben, wie das Recht von seinen Omnipotenz-, seinen Machtphantasien gereinigt wird, wie es allein schon dadurch in die Abstraktion zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wird, dass sich neben ihm ein Vermittlungsprodukt von Recht und Leben etabliert, <em>bon sens</em>, der gesunde Menschenverstand, Urteilskraft. Nicht nur dem M&ouml;rder muss die Gewalt ausgetrieben werden (oder dem Opfer der Anspruch auf Gegengewalt), auch dem Recht muss die Gewalt ausgetrieben werden; <em>Recht</em> muss es erst werden. Wer das Recht lieben lernen will, muss es also als einen Prozess der Entdramatisierung, der Banalisierung, der Verallt&auml;glichung, der Ann&auml;herung und An&auml;hnelung, der Zur&uuml;ckverwandlung in jenes Leben lieben lernen, aus dem es herausfiel, f&uuml;r das es schlicht zu spektakul&auml;r war, an dem es sich vers&uuml;ndigt hatte. Er muss seine N&auml;he (nicht seine Ferne) zum normalen gesellschaftlichen Prozess lieben lernen, oder er muss die f&ouml;rmliche Zur&uuml;cknahme der Ferne und mimetische Herstellung der N&auml;he als den wahren kathartischen Prozess lieben lernen. Kurz, er muss das gesellschaftliche Sein, die bedingungslose gesellschaftliche Immanenz des Lebens lieben lernen.</p>
<h4>7. </h4>
<p>Die Liebe zum Recht wird als ein ethischer Imperativ empfunden, und das ist sie auch, insofern sie als ein kategorisches Muss auftritt. Man <em>muss</em> das Recht lieben, <em>weil</em> es die gesellschaftliche Wirklichkeit &uuml;berzieht und damit man aus dieser nicht herausf&auml;llt oder zur puren Kolonie wird. Empfunden wird die Liebe zum Recht als ethischer Imperativ, gelebt wird sie stattdessen als erkenntnistheoretischer Imperativ. Von vornherein bezieht sie sich nicht blo&szlig;, im Grunde &uuml;berhaupt nicht, auf die formale Kompetenz der Regeln, sondern auf das als dynamisch begriffene Verh&auml;ltnis von Form und Inhalt, auf den Prozess der Formalisierung und Entformalisierung, auf die transzendentale Frage der Gesellschaft also, die Frage ihrer Selbstvermittlung, ihrer unaufh&ouml;rlichen, ununterbrochenen Selbstherstellung. Diesen Imperativ mag man sich noch so sehr ethisch auslegen, gelebt wird er nur als eine Liebe zur Erkenntnis. Erst im zweiten Schritt kann man daraus einen ethischen Imperativ gewinnen: wenn man n&auml;mlich erkannt hat, dass die Gesellschaft zu neunundneunzig Prozent aus &#8220;unbewusster&#8221; Erkenntnis besteht, aber dann ist er im Grunde kein Imperativ mehr zu nennen; man liebt. Oder es ist eben ein kategorischer Imperativ, der sich auf das gesellschaftliche Sein bezieht und schon l&auml;ngst nicht mehr auf den halluzinativen Spielraum des Sollens.</p>
<h4>8. </h4>
<p>Von der Forderung, das Recht nicht naiv als einen Gegenstand, <em>ius</em>, sondern als eine Bewegung zu lieben, kann nicht abgegangen, die Forderung kann im Grunde nicht gemildert, sie kann nicht portioniert, allenfalls kann sie in ihrem Bewusstheitsgrad herabgestuft werden. Jede Reduktion hat eine Vermehrung des Hasses auf das Recht zur Folge oder der Verachtung der gew&ouml;hnlichen Menschen, wie sie tagt&auml;glich vor den Schranken des Gerichts aufkreuzen. Denn der Rechtsvorgang f&uuml;hrt immer eine Konfrontation herbei; f&uuml;hrt er sie nicht vollst&auml;ndig durch, das hei&szlig;t bis zum Ziel der vollst&auml;ndigen Katharsis, dann sind Hass und Verachtung nach dem Prozess gr&ouml;&szlig;er als vorher. Dieser verh&auml;ngnisvolle Fall ist nat&uuml;rlich der Normalfall, und so segelt gerade die Gesellschaft, die in besonderer Weise aufs Recht setzt beziehungsweise der Verrechtlichung unterworfen ist, mit ihrer angenommenen Zivilisierung zugleich in immer gef&auml;hrlichere Gew&auml;sser. Sicherer w&auml;re es, gar nicht erst anzufangen, &#8220;drau&szlig;en&#8221; zu bleiben, au&szlig;erhalb des Systems, und &#8220;die Leute ihren Zirkus allein machen&#8221; zu lassen, wenn das denn m&ouml;glich w&auml;re und nicht ebenfalls die finstersten Einschr&auml;nkungen, das hei&szlig;t die finstersten Ausblendungen, nach sich z&ouml;ge. So erscheint die vollst&auml;ndige Liebe zum Recht ganz unfreiwillig als eine regulative Idee im Sinne Kants; von ihr soll eine heilsame Wirkung ausgehen, obwohl sie an sich nicht existiert, beziehungsweise eben nur als Idee. Regulativ an ihr kann die mit ihr verkn&uuml;pfte Ahnung von den formalen Eigenschaften der Gesellschaft sein, und diese Ahnung wiederum, die keineswegs selbstverst&auml;ndlich ist, mag eine Hemmung errichten gegen die Versuchung, so zu agieren, als setzte die Gesellschaft sich unmittelbar aus Dingen oder Personen zusammen und w&auml;re nicht in Wirklichkeit blo&szlig; eine h&ouml;chst vermittelte Unmittelbarkeit. Zwar versteht der, der die Gerichte anruft, meist nicht, was juristisch passiert, und er, der sein Recht sucht, f&uuml;hlt sich genauso als Objekt wie der, der als Angeklagter vors Gericht gezerrt wird. Ihm mag aber d&auml;mmern, was es mit dem Recht auf sich hat, und dass es vom normalen gesellschaftlichen Prozess nicht gar so weit entfernt ist, wie er dachte. Intuitiv mag er sogar entscheiden, dass es f&uuml;r sein Normalbefinden besser ist, tatenlos auf das Recht zu schimpfen, als den gesellschaftlichen Prozess in der Gegenwart der rechtlichen Auseinandersetzung, das hei&szlig;t also nachtr&auml;glich, zu begreifen. Wichtiger f&uuml;rs gesellschaftliche Normalbefinden ist indessen, dass er die Aufarbeitung nicht mit dem Tun verwechselt, sondern auf den Abstraktionssprung, der ja in der Gesellschaft selbst steckt und in der rechtlichen Aufarbeitung &#8211; die dann wieder ihre eigene Unmittelbarkeit hat &#8211; blo&szlig; zum Ausdruck kommt, im weitesten Sinn mit einer Hemmung reagiert, mit Resignation; wei&szlig; er doch nie, ob er gerade mit der abstraktiven oder mit der unmittelbaren Seite der Gesellschaft zu tun hat.</p>
<h4>9. </h4>
<p>Da die Gesellschaft de facto nicht aus einem Einzelnen besteht, von dessen Einsicht sie abh&auml;ngt, braucht sie die gigantische Aufgabe, die im Prinzip dem Einzelnen aufgegeben ist, vom Einzelnen Gott sei Dank (oder leider) nicht zu verlangen; nur er, der der abstrakten und der unmittelbaren Seite der Gesellschaft, ihren wechselnden Rollen und Schaupl&auml;tzen ausgeliefert ist, muss sich dazu verhalten, und sei es durch eine allgemeine Hemmung, Vorsicht oder Resignation. Zu ihrem Bestehen braucht die Gesellschaft den &#8220;Durchblick&#8221; des Einzelnen nicht unbedingt; der m&uuml;ndige B&uuml;rger ist blo&szlig; ihre ideale, keineswegs ihre reale Voraussetzung. Eine solide Verteilung der Standpunkte und ein Gleichgewicht der Kr&auml;fte, also ein Gleichgewicht der beschr&auml;nkten und verabsolutierten Standpunkte, ist noch immer die solideste Grundlage des funktionierenden Staates und seines vierten Arms, des Rechts, und ein Einzelner, der f&uuml;r sich allein und vollst&auml;ndig die Gesellschaft begreift, br&auml;uchte sie nicht (im Sinne von &#8220;gebrauchen&#8221;), und diese ebenso wenig ihn, und aus einer Masse solcher Einzelner, die &uuml;ber die Gesellschaft hinaus sind, entst&uuml;nde gewiss keine Gesellschaft. Die Gesellschaft pflegt die einzelnen Etappen der &#8220;gro&szlig;en Katharsis&#8221; auf Einzelne sich verteilen zu lassen, denen damit nat&uuml;rlich das Tempor&auml;re abhanden kommt, das Prozesshafte; in der Gesellschaft als ganzer, die auch ihre sch&auml;rfsten Konflikte ins Nacheinander bringen muss &#8211; sonst kann keiner umgebracht, niemand ger&auml;cht und auch der R&auml;cher nicht zur S&uuml;hne gebracht werden -, kommt dieses Tempor&auml;re aber wieder zur Geltung, und sei es als Zug durch die juristischen Instanzen, jahrelanges Prozessieren. Damit eine Gesellschaft funktioniert, muss nicht jeder sowohl den Inhalt als auch die Form, die Unmittelbarkeit und die Abstraktion, das Recht und die Gerechtigkeit lieben. Es gen&uuml;gt, wenn es jeweils einer tut, oder jeweils eine Partei, und wenn das andere auch getan wird. Als Ganzes vollzogen wird sie allenfalls im Kopf des ohnm&auml;chtigen Philosophen, und auch da nur, wenn der nachgewiesenerma&szlig;en im Abseits steht, denn die von ihm vollzogene Vermittlung st&ouml;rt durchaus den Gang der sich vermittelnden Gesellschaft und untergr&auml;bt ihre Existenzberechtigung: dass kollektiv erledigt wird, was im Einzelnen nicht abzubilden ist. (Dass ihr Existenzgrund, von jeder Berechtigung unabh&auml;ngig, wom&ouml;glich in der Existenz eines s&auml;chlichen Kollektivums besteht, dessen skandal&ouml;se Vorg&auml;ngigkeit immer zugleich bew&auml;ltigt und geleugnet werden muss, gilt Reichtum doch als Zweck der Gesellschaft, nicht als ihr Grund, formuliert denselben Zusammenhang, nur anders. )</p>
<h4>10. </h4>
<p>Statt Katharsis findet in der Gesellschaft das Kleinklein des Alltagskriegs statt, das Kleinklein der Praxis. Das Recht jagt der Gerechtigkeit Anteile ab, letztere r&auml;cht sich. Dass es beides <em>gibt</em>, Leben und Recht &#8211; und dass sie zwei aus der Verneinung des jeweils andern sich herleitende Abbildungen ein und derselben Sache sind -, dies ist bereits eine kathartische Erfahrung und keineswegs allt&auml;glich, gilt vielen doch das Recht als eine verkr&uuml;ppelte Nachahmung von Gerechtigkeit (sprich Leben) oder umgekehrt das Leben als eine noch h&ouml;chst embryonale, strenger Zucht bed&uuml;rftige Fr&uuml;hform des Rechts; im Kopf der Beteiligten findet die Trennung nicht statt. Gewinnt in der Gesellschaft die eine der beiden Seiten die Oberhand, vergisst, dass die andere ihr Abbild ist, r&auml;umt mit der Arbeitsteilung, mit der Phasenteilung auf, dann muss die Gesellschaft kippen. Ein unerreichtes Beispiel einer gelungenen Vermittlung bietet dagegen immer noch der aristotelische Begriff des Ma&szlig;es, der mit einem heute l&auml;ngst imagin&auml;r gewordenen patrizischen Ma&szlig;stab arbeitet, ohne dass die ihm zugrunde liegende Vermittlung von gesellschaftlicher Unmittelbarkeit und kategorialer Abstraktion im Geringsten veraltet w&auml;re. Im Begriff des Ma&szlig;es wird die gesellschaftliche Unmittelbarkeit gleich doppelt zitiert: im &Auml;rgernis, das Ansto&szlig; erregt &#8211; &#8220;praktisch l&auml;uft etwas schief&#8221; &#8211; und im Normalverhalten, das kein Idealverhalten ist (bzw. die vollkommene Normalit&auml;t, die vollkommene Angemessenheit von unerreichter Idealit&auml;t w&auml;re). Was in sch&ouml;nster gesellschaftlicher Unmittelbarkeit verbockt wurde &#8211; jemand hat sein Geld zum Fenster rausgeworfen, Schulden gemacht -, wird durch ausschlie&szlig;lichen Bezug auf die gesellschaftliche Unmittelbarkeit erkannt und gebrandmarkt. In den Paragraphen, die aus der aristotelischen Ethik entstanden sind, begegnet der &Uuml;belt&auml;ter also nichts anderem als seiner &Uuml;beltat und niemand anderem als sich selbst. Noch heute wird ein vern&uuml;nftiger Richter, der noch der himmelschreiendsten Mordtat gegen&uuml;ber, Kannibalismus, Kindesmissbrauch zur Bef&ouml;rderung von Reichtum und Lust usw. , nichts anderes als seine ihm von der Gesellschaft geliehene Vernunft gebraucht, wenn nicht als Geschichtszeichen &uuml;berhaupt &#8211; da er immer irgendwie &#8220;von gestern&#8221; wirkt, f&auml;llt es schwer hier an Geschichtszeichen zu glauben -, so doch als Lichtp&uuml;nktchen in dunkler Zeit empfunden. Auch der &#8220;kleine Richter&#8221;, der in politisch und kriegerisch bewegter Zeit auf den langen Arm des Gesetzes baut und in einem allgemeinen Klima der Entfesselung auf dem einzelnen Mord, der Verantwortung eines Einzelnen, auf der Rechtsverletzung beharrt, gilt heute als Held, seine Sturheit, seine Paragraphenhuberei als Hebel f&uuml;r die Aufarbeitung von Untaten, die sich mehr im Jenseits des Rechts bewegen, als dass sie dagegen simpel verstie&szlig;en. Indem er das Recht dem Menschen dienen l&auml;sst, der selbst doch blo&szlig; ein Opfer der &#8220;Verh&auml;ltnisse&#8221; ist, die kleinste Kr&uuml;mel-Einheit sozusagen, setzt dieser seltsam altmodische, seltsam kindlich, immer ein wenig auf der Grenze der L&auml;cherlichkeit balancierende Richter ein Beispiel h&ouml;chst praktischer Vermittlung: die M&ouml;rder des Ibikus <em>werden</em> vor den Richter <em>gef&uuml;hrt</em>, und sie <em>dachten</em> doch, es <em>h&auml;tte</em> sie niemand <em>gesehen</em>. Zugleich ist er ein umwerfendes Beispiel f&uuml;r die Macht des Imagin&auml;ren, wenn auch selbst ein wenig imagin&auml;r; wen wundert&#8217;s bei solcher Anstrengung?</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2005/man-kann-nur-entweder-das-recht-lieben-oder-aber-die-gesellschaft-hassen">Man kann nur entweder das Recht lieben oder aber die Gesellschaft hassen</a></p>
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		<title>Auschwitz und Wahnwitz</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Mar 2002 01:40:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2002-1]]></category>

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		<description><![CDATA[OFFENER BRIEF AN GERHARD SCHEIT<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/2002/auschwitz-und-wahnwitz">Auschwitz und Wahnwitz</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<h3>OFFENER BRIEF AN GERHARD SCHEIT</h3>
<p>Streifz&uuml;ge 1/2002</p>
<p><em>von Ilse Bindseil</em> <span id="more-257"></span></p>
<p>Der Grund, warum ich mich zu Deinem kleinen Text (vgl. &#8220;Streifz&uuml;ge&#8221; 3/2001) &uuml;ber das Auseinanderbrechen des Wiener &#8220;Kritischen Kreises&#8221;, der die &#8220;Streifz&uuml;ge&#8221; hervorbrachte, &auml;u&szlig;ere, ist der, dass er mir einen Begriff an die Hand gibt, der es mir erlaubt, meine Haltung zur These, die &#8220;islamistischen Selbstmordmordattentate&#8221; vom 11. September seien &#8220;antisemitischen Charakters&#8221;, zu formulieren, ohne jene viel schlimmeren W&ouml;rter zu benutzen, die mir auf der Zunge lagen und die mir jenen harmloseren buchst&auml;blich verstellten. Ich meine das Wort: wahnwitzig. Wenn Du &uuml;ber die Debatte, an der die &#8220;Streifz&uuml;ge&#8221; gescheitert sind, sagst: &#8220;Die Diskussion dar&uuml;ber ist schlagartig auf eine wahnwitzige Ebene geraten, auf der sich kein Ressentiment mehr erhellen und kein kritischer Gedanke mehr fassen l&auml;sst&#8221;, dann, so behaupte ich, dr&uuml;ckst Du damit nicht nur das Versagen einer Seite, sondern auch etwas Objektives aus, das mit beiden Seiten zu tun hat; und nicht nur mit der Sache selbst, sondern auch mit der Sprache, in der sie beredet, und der Denkform, in der &uuml;ber sie gedacht wird. Wenn Du &uuml;ber die &#8220;Streifz&uuml;ge&#8221; sagst, sie w&auml;ren ein &#8220;Kreis, in dem zwanghaft davon abgesehen wird, dass die islamistischen Selbstmordattentate antisemitischen Charakters sind, oder in dem eben das gleichg&uuml;ltig ist&#8221;, dann sagst du damit, wenn ich diese &Auml;u&szlig;erung auf den vorher zitierten Satz projiziere, dass eine solche zwanghafte Ausgrenzung durch die eine Seite eine ebenso zwanghafte Integration durch die andere Seite bewirkt, so dass also die Diskussion unfrei wird und auf die von Dir so genannte &#8220;wahnwitzige Ebene&#8221; ger&auml;t.</p>
<p>Nun ist die Behauptung, beim Anschlag vom 11. September handele es sich um eine antisemitische Tat, ganz gewi&szlig; weder falsch noch richtig &#8211; und Ulrich Enderwitz, der sie in seiner Antwort auf Joachim Bruhns ISF-Text gutm&uuml;tig f&uuml;r &#8220;falsch&#8221; nimmt, sieht sich dadurch auf eine pragmatische oder politologische Ebene gezogen. Falsch kann die genannte Behauptung gar nicht sein, bedenkt man, dass, wer den modernen Antisemitismus behandelt, sich gen&ouml;tigt sieht, die gesamte Gesellschaft zu begreifen. Richtig kann sie aber auch nicht sein, da zwischen dem Anschlag &#8211; sortiert z. B. nach den guten Regeln der Grammatik: Ort, Zeit und Umstand, Subjekt und Objekt &#8211; und seiner Qualifizierung als antisemitisch so viele Vermittlungsglieder fehlen, dass das Urteil &#8220;richtig&#8221; unvermeidlich zum Antagonisten dieser Vermittlungsglieder w&uuml;rde (ob sie nun per Abstraktion aus der Empirie des Anschlags heraus- oder per Konkretisierung aus der Antisemitismustheorie in diesen hineinwachsen), die dann als &#8220;falsch&#8221; erscheinen m&uuml;ssten; was sie aber, wenn sie zugleich die Sache vermitteln, gar nicht sein k&ouml;nnen. Die Behauptung ist also weder falsch noch richtig; dann ist sie aber &#8220;wahnwitzig&#8221;.</p>
<p>Der Hinweis auf je m&uuml;hselig erarbeitete, an anderer Stelle vorhandene und ausdr&uuml;cklich genannte Vermittlungsglieder w&uuml;rde hier nicht weiterhelfen, da sie die angebliche Vermittlung als in Wirklichkeit pure Subsumtion, die Ermittlung aber als eine Quod-erat-demonstrandum- Beweisf&uuml;hrung erweisen w&uuml;rde &#8211; f&uuml;r die ich pers&ouml;nlich mich &uuml;brigens morgens nicht einmal aus dem Bett, geschweige denn an den PC qu&auml;len w&uuml;rde -, f&uuml;r ein Verfahren also, das in der Tat mit Vermittlung nichts und auch nichts mit der Absicht einer Wahrnehmung und Formulierung von Ver&auml;nderungen zu tun hat; dagegen geht es, so scheint es mir, um die Entlarvung scheinhafter Ver&auml;nderungen der Erscheinungswelt durch die eine (stabile) Theorie.</p>
<p>Die Sache s&auml;he &uuml;brigens auch nicht anders aus, wenn Du mit den von dir genannten &#8220;islamistischen Selbstmordattentaten antisemitischen Charakters&#8221; jene in den USA und jene seitdem in Israel ver&uuml;bten Attentate unter einem Begriff zusammenfassen wolltest, wobei der Zusammenfassung selbst bereits eine wesentliche Beweisabsicht innewohnte. Auch in diesem Fall w&uuml;rde nicht nur &uuml;ber Differenzen bez&uuml;glich der &#8220;Grammatik&#8221; der jeweiligen Anschl&auml;ge, sondern auch &uuml;ber die fundamentale Differenz zwischen ihnen und dem Antisemitismusbegriff selbst so hinweggegangen, dass von einem Dienst an der Sache kaum gesprochen werden k&ouml;nnte.</p>
<p>Um den von mir gemeinten Wahnwitz von seinen psychologischen Konnotationen zu befreien und nach der Seite ein wenig zu beleuchten, nach der er mich wirklich schreckt und auch ganz pers&ouml;nlich &#8211; in meinen Hoffnungen auf Verst&auml;ndigung vermittels theoriegeleiteter Sprache &#8211; trifft, will ich versuchen, ihn als theoretischen Wahnwitz, als ein Schicksal also der Theorie zu bestimmen. Du wei&szlig;t ja, dass ich in der Schule Philosophie unterrichte, und da werde ich von Sch&uuml;lern, die zum ersten Mal mit Philosophie zu tun bekommen, h&auml;ufig gefragt &#8211; dann n&auml;mlich, wenn sie registriert haben, dass ich eine &Auml;u&szlig;erung gelten lasse und eine andere nicht -, was denn Philosophie sei. Ich antworte, mal mit mehr, mal mit weniger Talent, dass Philosophie bedeutet, f&uuml;r das, was man sagt, die theoretische Verantwortung zu &uuml;bernehmen: ist eine &Auml;u&szlig;erung richtig, nicht nur so, wie man sie gemeint hat, sondern auch so, wie sie sich zu allen anderen &Auml;u&szlig;erungen verh&auml;lt &#8211; jenen, die man selbst bereits getan hat und noch tun will, und jenen andern, ungebetenen, die seit undenklichen Zeiten da sind?</p>
<p>Nun wirst Du vielleicht sagen, dass Du ja nicht Philosophie, sondern Kritik betreibst. Aber Du wirst mir zugeben, dass Deine Kritik enorm viel mit Denken zu tun hat, und da frage ich mich &#8211; und hier schmei&szlig;e ich , Euch Kritiker&#8217; ganz sicher zusammen -, ob Du die Implikationen des Denkens und die historischen und systematischen Eigent&uuml;mlichkeiten des Denkapparats, seine Logik und seine Tradition, eigentlich so sehr f&uuml;rchtest, wie es bei einem solchen f&uuml;rchterlichen Instrument angemessen w&auml;re, das eben wie gesagt nicht nur seine eigene Logik, sondern auch seine eigene Geschichte hat, vielleicht sogar seine eigene formale Teleologie, die nur um den Preis des &#8220;Wahnwitzes&#8221; durch eine andere, ethische oder politische, zu brechen w&auml;re. In der , Theorie der Kritik&#8217; sieht dieses Brechen interessanter Weise genau umgekehrt so aus, als bek&auml;me die Theorie die Oberhand &uuml;ber eine l&auml;cherliche und in ihrem Beste- hen auf Unterschieden kindisch anmutende Praxis: Obwohl der Anschlag vom 11. September wie ein, um das verwerfliche Wort zu benutzen,, ganz anderer Diskurs&#8217;, eine wie immer verwerfliche und in allen technischen Einzelheiten dem Gegner abgelauschte antiimperialistische Tat wirkt, soll er , ein und derselbe Diskurs&#8217;, n&auml;mlich eine antisemitische Tat sein, deren zentraleurop&auml;ische, deutsche Determination in allen ideologischen Einzelheiten bereits feststeht; man erkennt sie ja wieder und klopft beil&auml;ufig die abendl&auml;ndische, um nicht zu sagen deutsche Hegemonie fest, wenn nicht im Guten, dann wenigstens im B&ouml;sen. Der Preis, den die Theorie daf&uuml;r bezahlt, dass sie die Oberhand bekommt, ist, dass sie &#8220;wahnwitzig&#8221; wird: da die Wirklichkeit als wesentlich anders gesetzt wird, als sie erscheint, befinden wir uns ja l&auml;ngst mitten im Herzen der Metaphysik. Dann d&uuml;rfen wir uns aber auch entweder gar nicht oder aber nur noch als Gl&auml;ubige bzw. , da die Materie so verzwickt und nicht verallgemeinerungsf&auml;hig ist, als Eingeweihte &auml;u&szlig;ern; und wenn wir uns zu letzterem bereit finden, dann m&uuml;ssen wir uns auch damit abfinden, immer nur wenige zu sein (was ja pers&ouml;nlich schmeichelhaft sein mag, aber mit den Standards der Wahrheit wahrhaftig schwer zu vereinbaren ist).</p>
<p>Vor dem Vorwurf des R&uuml;ckfalls in vorkantische Metaphysik, in esoterisches Wissen und theoretische Geheimb&uuml;ndelei bewahrt auch weder die Berufung auf die Marxsche Analyse des Fetischcharakters der Ware noch die auf Adornos Analyse des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs. Ich w&uuml;rde vielmehr bestreiten, dass Marx und Adorno, indem sie eine verborgene Wahrheit ans Licht gezogen, diese in die Verborgenheit zur&uuml;ckgesto&szlig;en haben, und wenn doch, dann muss man sie eben nach ihren metaphysischen Momenten befragen. Ihr Befund formulierte ja durchaus das Offensichtliche, das lediglich einer subjektzentrierten Perspektive verborgen war &#8211; um das Offensichtliche zu sehen, h&auml;tte das Subjekt allerdings von sich absehen m&uuml;ssen! Heute bem&uuml;ht sich die Gesellschaft mit aller Kraft, Adornos Diagnose den Vorwurfscharakter zu entziehen und ihre von ihm so genannte Verblendung als ein unproblematisches Verhalten ohne Referenzebene zu etablieren. Auch die theoretischen Nachfolger von Marx und Adorno sind von der verblendeten Gesellschaft mehr gezeichnet, als sie sich bewu&szlig;t sind. Fasziniert von der Ohnmacht der Aufkl&auml;rung, setzen sie die Wahrheit ins Geheimnis. Die Wahrheit kann nicht nur, sie muss jetzt verborgen sein, und sie ist nicht nur zuf&auml;llig, sondern wesentlich verborgen.</p>
<p>Aufs Denken bezogen: seine N&auml;he zu Platonismus, Gnosis und Religion, zu Metaphysik und Manich&auml;ismus gilt, auch ohne dass diese N&auml;he n&auml;her bedacht wurde, als fraglos unproblematischer als eine m&ouml;gliche N&auml;he, eine Kumpanei mit den herrschenden Verh&auml;ltnissen; vielleicht sogar als bedeutend! Nur, das ist bei der Sache der Pferdefu&szlig;, ist die Theorie wesentlich verantwortlich f&uuml;r sich selbst; f&uuml;r sich, und nicht f&uuml;r Moral, Politik oder Religion, tr&auml;gt der Theoretiker gegen&uuml;ber allen Nichttheoretikern die Verantwortung. Ob sie dagegen auf praktischem Gebiet Weisheit verk&uuml;ndet oder Unsinn verzapft, das kann in der Regel auch ein Nichttheoretiker m&uuml;helos erkennen. Die Theorie, wenn sie sich denn unbefangen metaphysisch gibt, m&uuml;sste sich also unbedingt f&uuml;r die Implikationen der Metaphysik interessieren und keineswegs nur auf die geb&uuml;hrende Distanz zum herrschenden Bewusstsein achten. Mag ja sein, dass sie, sofern sie sich als Kritik versteht, gegen&uuml;ber diesem Bewusstsein tats&auml;chlich allm&auml;chtig ist: kann die Kritik sich doch zu den ungeheuerlichsten Urteilen versteigen und ist darin tats&auml;chlich souver&auml;n. Als Theorie aber ist sie abh&auml;ngig und klein (so &uuml;brigens, wie es der Sachverstand, Verstand im Dienst von Sachen und Sachverhalten, w&auml;re). Hier ist jeder Begriff, den sie vollmundig gebraucht, gr&ouml;&szlig;er als sie selbst; droht er doch mit Implikationen, das hei&szlig;t aber mit dem geballten Kontext des gesellschaftlich Gedachten.</p>
<p>Keine guten Auspizien, nicht wahr, f&uuml;r den Gr&ouml;&szlig;enwahn, zu dem wir als Theoretiker von der ersten Stunde unserer universit&auml;ren Randexistenz an erzogen wurden; aber prima Auspizien f&uuml;r die Theorie!</p>
<p>Zu dem Vorwurf von Subsumtionslogik und Metaphysik m&uuml;sste ich, was Deinen Umgang mit Auschwitz betrifft, den des Ursprungsmythos hinzuf&uuml;gen. Ich will mich ganz kurz fassen. Aus unseren Debatten wei&szlig;t Du, dass ich der &Uuml;berzeugung bin, dass von der Ermordung der europ&auml;ischen Juden durch den deutschen NSStaat, da sie eine genuin gesellschaftliche Praxis war, innerhalb der gesellschaftlichen Praxis kein Moment verloren gehen, sich, auf welche Weise auch immer, erledigen kann und dass deshalb, will das Denken sich nicht &uuml;berhaupt marginalisieren, es selbst auch kein Moment davon vergessen oder zur Marginalie erkl&auml;ren darf. Das bedeutet aber nicht, dass man diesen Akt deutscher Barbarei &#8211; nicht zuletzt vermittels jener winzigen Verschiebung vom historischen Akt zum mythologischen Ort, deren wir uns, wenn wir von &#8220;Auschwitz&#8221; sprechen, in einer intrikaten Mischung aus Verk&uuml;rzung und Beschw&ouml;rung st&auml;ndig schuldig machen und die aus einer m&ouml;rderischen Tat eine Quelle von Sinn macht &#8211; zum Ursprungs- und Fluchtpunkt aller &Uuml;berlegungen machen darf, von dem man alles ausgehen l&auml;&szlig;t und auf den man alles zur&uuml;ckf&uuml;hrt, durch den man sich legitimieren l&auml;&szlig;t und von dem man sich vampiristisch ern&auml;hrt. Auschwitz vermittels der Gesellschaft zu erkl&auml;ren ist nicht dasselbe wie die Gesellschaft vermittels Auschwitz zu erkl&auml;ren. Im ersteren Fall muss man die Gesellschaft begreifen, sonst kann man Auschwitz mit ihr nicht erkl&auml;ren. Im letzteren Fall aber, und damit stellt sich dieser Ansatz als unhaltbar heraus, wird Auschwitz als selbst Unerkl&auml;rliches aus dem Erkl&auml;rungszusammenhang herausgenommen. Fortan wird es Erkl&auml;rungen f&uuml;r anderes liefern &#8211; den 11. September zum Beispiel -; insofern es selbst aber erkl&auml;rt wird, werden diese Erkl&auml;rungen als Profanierung empfunden und zur&uuml;ckgewiesen, als Missachtung seiner ursprungsmythischen Macht.</p>
<p>Mir w&auml;re erheblich wohler, ja ich w&auml;re geradezu gl&uuml;cklich, wenn die von mir als solche empfundenen S&uuml;nden wider die theoretische Vernunft genau das w&auml;ren, S&uuml;nden oder, wie ich es, wenn ich in besonders kruder Form oder g&auml;nzlich unvorbereitet darauf gesto&szlig;en werde, empfinde: ein mi&szlig;br&auml;uchlicher Umgang mit dem Denken. Wie gesagt, wenn es so w&auml;re, w&auml;re ich geradezu erleichtert. Es dr&auml;ngt sich mir aber, je mehr ich mich notgedrungenerma&szlig;en mit meinem &Auml;rger &uuml;ber die Neuauflage der Golfkriegsdebatte in Gestalt der 11. -September- Debatte und &uuml;ber die Bekenntnisfreudigkeit der Intellektuellen auseinandersetze, der Eindruck auf, dass die von mir so bezeichneten S&uuml;nden wider den Geist in Wirklichkeit die S&uuml;ndhaftigkeit des Geistes selbst sind. Der l&auml;&szlig;t sich, so scheint es mir, bald da, bald dorthin treiben, l&auml;&szlig;t sich durch je Einzelnes verf&uuml;hren &#8211; durch die wunderbare Festigkeit zum Beispiel, die ein radikalisierter Standpunkt verleiht, die wunderbare Schuldlosigkeit. Er l&auml;&szlig;t sich freilich nicht dank seiner Schw&auml;che verf&uuml;hren, vielmehr dank seiner St&auml;rke, dank seines theoretischen Eigengewichts, das ihn, wie man will, zwingt oder ihm gestattet, sich selbst, das ihm immanente System, zur Geltung zu bringen, und das daf&uuml;r sorgt, dass jede noch so schwachsinnige Entscheidung, wenn sie denn erst einmal ins theoretische System gebracht ist, das Ganze enth&auml;lt und dieses wiederum seine eigenen Fehler ausbalanciert. Da bleibt vom gewaltigen Unterschied zwischen Ursprungsmythos und Vermittlung oder bestimmter Negation dann nicht viel mehr &uuml;brig, als dass dasselbe vom einen so und vom andern so gemacht wird; am Selben, das ja das gesellschaftliche Ganze ist und von der Theorie nicht erfunden wird, kann weder die eine noch die andere Position etwas &auml;ndern.</p>
<p>Wo l&auml;ge also der Dissens?</p>
<p>Die Wut k&auml;me wie immer aus der N&auml;he. Sie r&uuml;hrte aus der Tatsache, dass wir, die jeweiligen Kontrahenten, mit ein und demselben besch&auml;ftigt sind ( wobei hier das , Mit&#8217;, die gesellschaftliche Reflexion, vielleicht entscheidender ist als das , Womit&#8217;, die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse). Dadurch w&auml;ren wir in die Position unmittelbarer Gegens&auml;tze ger&uuml;ckt und k&ouml;nnten uns, so wie wir es ja empfinden, gegenseitig nur ausl&ouml;schen, im Grunde also auch gar nicht diskutieren. Da dieser Gegensatz aber ein unmittelbarer Gegensatz ist (siehe Hegel), der mit Reflexion genau nichts zu tun hat, haftet der Konfrontation zugleich etwas Peinliches an, so als ginge es nicht blo&szlig; um theoretische, sondern zugleich um praktische, ja um private, und nicht um erwachsene, sondern um infantile Gegens&auml;tze. In deren Sinn w&auml;re es aber, wenn man aufh&ouml;rte, sich blo&szlig; theoretisch zu bek&auml;mpfen, und sich endlich auch praktisch an die Gurgel ginge. Genau das aber w&auml;re peinlich, wenn auch dem Affekt angemessen. Die best&auml;ndige sekund&auml;re Verarbeitung des unmittelbaren Gegensatzes und des ihm zugeh&ouml;rigen Affekts ist sicherlich die psychologische Quelle von &#8220;Wahnwitz&#8221;.</p>
<p>Der Dissens aber k&auml;me aus der Verschiedenheit. Auch wenn man den Eindruck hat, dass jetzt wie seinerzeit schon beim Golfkrieg in vielen F&auml;llen Solidarit&auml;t aufgek&uuml;ndigt wird und intellektuelle Freundschaften begraben werden, das , Tischtuch&#8217; also , zerschnitten&#8217; wird, so ist im Gegenteil der Schlu&szlig; zu ziehen, dass der manifeste Konflikt, das rituelle Zerschneiden, die eigentliche Webart des Tischtuchs ist: Gen&ouml;tigt sei&#8217;s von der Dramatik der Verh&auml;ltnisse, sei&#8217;s von der durch sie bewirkten Wahrnehmung der eigenen Marginalit&auml;t geben es die Intellektuellen auf, zuf&auml;llig und gleichg&uuml;ltig, auch in illusion&auml;rer Harmonie nebeneinanderher zu existieren. Sie treten entschlossen zusammen, um in diesem Moment und allererst dadurch zu erkennen, wie verschieden sie sind. Es ist der Augenblick, wo sie feststellen k&ouml;nnten: wir haben ja gar nichts miteinander zu tun! Stattdessen sagen sie ausf&uuml;hrlich einer zum andern: halt&#8217;s Maul. Offenbar ist die Gemeinsamkeit unserer heutigen depravierten intellektuellen Existenz gr&ouml;&szlig;er und zwingender als die jeweilige intellektuelle Verschiedenheit, die es uns erm&ouml;glichen w&uuml;rde auseinanderzutreten. Sie, die Gemeinsamkeit, in unmittelbaren Auseinandersetzungen auszudr&uuml;cken, die auf Ausl&ouml;schung zielen, scheint daher das vorrangige Bed&uuml;rfnis.</p>
<p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e nach Wien!</p>
<p>Ilse Bindseil, Berlin, den 21.12.01</p>
<h4>Anmerkungen zu Gerhard Scheit &#8220;Kososvo und Auschwitz&#8221; (Streifz&uuml;ge 2/2001)</h4>
<p>Dem kategorischen Imperativ [Adornos] gem&auml;&szlig; w&auml;re aber die Universalisierung als eine zweischneidige Befreiung von Auschwitz zu denken, eine, die zwar das Massenmorden beendet hat, aber zugleich die Voraussetzungen daf&uuml;r bewahrt, dass es sich wiederholen kann. Dem Imperativ gem&auml;&szlig; zu denken hie&szlig;e: jeder Zeit damit zu rechnen, dass die Einheit von Universalisierung und Sonderform ein neues Auschwitz hervorbringt. &#8221;</p>
<p>Damit ich vom ersten Satz einen Weg zum zweiten finde, muss ich zum einen das von Adorno und zum andern das von mir Gemeinte an jeweils einem Punkt klarstellen bzw. erg&auml;nzen. Adornos kategorischer Imperativ bezieht sich auf das Tun: &#8220;&#8230; alles zu tun, damit Auschwitz nicht sich wiederhole.&#8221; Er bezieht sich nicht auf das Begreifen von Auschwitz; vielleicht, m&ouml;chte ich behaupten, bezieht Adorno sich hier bewusst nicht aufs Begreifen, weil der Imperativ die durch ihn suggerierte Bedingung der M&ouml;glichkeit einer richtigen Praxis nur durch ein gewisses Nichtbegreifen &uuml;berhaupt aufrechterhalten kann. Als Imperativ sagt er ja: Was auch immer sonst der Fall sein mag, das hier, dies Herausisolierte &#8211; also unerkennbar Gemachte &#8211; wollen wir verhindern!</p>
<p>Was mich betrifft: Die Universalisierung, die von Auschwitz zweischneidig befreit hat, hat die Voraussetzungen f&uuml;r ein neues Auschwitz nicht bewahrt, sondern neu geschaffen: als jene symbiotische &#8220;Einheit von Universalisierung und Sonderform&#8221;, zu der die &auml;u&szlig;erliche Konstellation, in der die universalistischen Befreier von Auschwitz letzterem als der extremsten Form des deutschen Sonderwegs gegen&uuml;berstanden, gediehen ist. Innerhalb dieser Einheit sind die verfolgten Menschenrechte zugleich die verfolgenden Menschenrechte, die Schwachen, um deretwillen man eingreift, dank einer wundersamen Verdoppelung, die das Signum der modernen Eingreifsituationen ist, zugleich die Starken. Hunderttausendmal ist diese Verdoppelung in den Vernichtungslagern ertr&auml;umt worden, oder, um ehrlich zu sein: zumindest niemand von denen, die sich in die Dokumente und Zeugnisse &uuml;ber die Vernichtungslager hineingedacht haben, hat umhin gekonnt, von dieser Verdoppelung zu tr&auml;umen. Die Realit&auml;t, die die Erf&uuml;llung des Wunsches gew&auml;hrt, die das B&ouml;se als besiegbar, das Unbeherrschbare als beherrschbar vorf&uuml;hrt, ist freilich selbst unbeherrschbar und b&ouml;se.</p>
<p>Das h&ouml;rt bei der kalauerhaften &#8211; nicht nur phantasievoll auszudenkenden, sondern faktisch zu beobachtenden &#8211; Zuspitzung auf, dass, wer sich auf die Nato bezieht, dies durch ein Szenario bewerkstelligt, das dem durch die zivilisatorische Verarbeitung von Auschwitz geschaffenen Schema m&ouml;glichst nahe kommt und die im antinazistischen Unterricht einge&uuml;bten Reflexe ausl&ouml;st; siehe Afghanistan. Das Trauma, das zum Ausstieg f&uuml;hrte &#8211; dergestalt, dass man sagte: Nie wieder! -, wird so zur Einstiegsdroge. Was folgt, ist die wirkliche Geschichte, eingesperrt in den Versuch, wieder auszusteigen. Allenfalls der reflexive Schlu&szlig;punkt &#8211; &#8220;W&auml;ren wir doch nie eingestiegen! &#8221; &#8211; hat wieder einen Bezug zur Phantasie.</p>
<p>Es f&auml;ngt aber an &#8211; die kalauerhafte Gegenwart lehrt es &#8211; bei den universalistischen Momenten des deutschen Sonderwegs selbst. Die fixe deutsche Idee, das Judentum auszurotten, enthielt und entwickelte universalistische Momente der Identifizierung und Verfolgung, die dem antisemitischen Unsinn, das ausgemacht Besondere, folglich Auszusondernde sei das Weltjudentum, zur Wirklichkeit verhalfen. Was der zivilisierte Universalismus heute mit Befriedigung konstatiert, dass kein &Uuml;belt&auml;ter sich mehr in Sicherheit wiegen kann, das hat der deutsche Sonderweg an den Juden exekutiert. An der westeurop&auml;ischen NSGeschichte, die, anders als die osteurop&auml;ische, im westdeutschen Bewu&szlig;tsein Spuren hinterlassen hat, ist vielleicht nichts so traumatisch wie das Schicksal jener in vermeintlich sichere L&auml;nder entflohenen Juden, die vom deutschen Nazismus eingeholt wurden, nach dem Motto: wir vergessen niemanden, und wir kriegen alle. Es ist undenkbar, dass ein solches Motto sich von seinen eigenen Bestimmungen emanzipiert. Seine Antagonisten w&auml;ren allenfalls Verge&szlig;lichkeit und Schlamperei, nicht jedenfalls die jeweils richtige Bestimmung des B&ouml;sen.</p>
<p>Als der Universalismus &#8211; in der br&uuml;chigen Gestalt, die damals die atlantischen M&auml;chte und die Sowjetunion zu Alliierten machte &#8211; Auschwitz befreite, hatte er wie gesagt die teuflischste Verk&ouml;rperung des deutschen Sonderwegs vor sich. Geblendet von dem, was er sah, geblendet zweifellos auch vom Wunder der &#8220;Alliierung&#8221;, &uuml;bersah er das Universalistische im Besonderen. In der systematischen Ausschlachtung des Vernichtungsapparats, dem Export des know how und der T&auml;ter, der Umwertung der Zur&uuml;ckbleibenden an der Frontlinie zum kommunistischen Gegner, wurde das wahrhaft Universale der deutschen Besonderheit praktisch, freilich nicht theoretisch begriffen. Nicht die subversive Verfolgung deutscher Sonderinteressen im Schutz des Universalismus, sondern die Tatsache, dass der deutsche Sonderweg bereits dank seines eigenen Universalismus ein integraler Teil des letzteren ist, ist der entscheidende Grund daf&uuml;r, dass wir, auch wenn wir gar nichts begreifen, schon die Ank&uuml;ndigung, die Menschenrechte verteidigen zu wollen, heute als eigent&uuml;mlich bedrohlich empfinden, so als w&auml;re die Substanz, um die es da geht, regelrecht vergiftet.</p>
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		<title>Weiblichkeit — Dialektik eines negativen Begriffs</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Aug 1999 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Patriarchat / Geschlechterverhältnis / Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bindseil; Ilse]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 1999-3]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifz&#252;ge 3/1999 von Ilse Bindseil Weiblichkeit, ein schwieriges Thema. Ein modernes Thema, das teilhat an der modernen Konstruktion von Themen, denen man ihre Konstruiertheit ansieht, das hei&#223;t, die sich nicht aus der Systematik des schon Bekannten ergeben, sondern die ihre Rechtfertigung und Existenz in einer gewaltsamen Weise erst durch ihr Resultat beziehungsweise durch ihre Dekonstruktion [...]<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/1999/weiblichkeit-dialektik-eines-negativen-begriffs">Weiblichkeit — Dialektik eines negativen Begriffs</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifz&uuml;ge 3/1999</p>
<p><em>von Ilse Bindseil</em> <span id="more-527"></span></p>
<p>Weiblichkeit, ein schwieriges Thema. Ein modernes Thema, das teilhat an der modernen Konstruktion von Themen, denen man ihre Konstruiertheit ansieht, das hei&szlig;t, die sich nicht aus der Systematik des schon Bekannten ergeben, sondern die ihre Rechtfertigung und Existenz in einer gewaltsamen Weise erst durch ihr Resultat beziehungsweise durch ihre Dekonstruktion erhalten: Sie kommen aus dem Unbekannten her und bew&auml;hren sich nicht dadurch, da&szlig; sie bewiesen werden, sondern dadurch, da&szlig; sie Existenzqualit&auml;ten vorweisen. Weiblichkeit ist ein solches Thema, das nur ist, insofern es sich bew&auml;hrt.</p>
<p>Was Weiblichkeit ist, kann ich demnach erst erahnen, wenn ich sie hergestellt habe. Dann kann sie zeigen, ob sie sich bew&auml;hrt. Herstellen wiederum, in der angedeuteten nichtontologischen Weise, kann ich sie nur, indem ich sie von ihrem ontologischen oder naturalistischen Schein befreie und ihre Geschichte aufrolle, wohlgemerkt ihre theoretische Geschichte; denn wenn ich es mit der konstruierten Weiblichkeit zu tun habe, bin ich von ihrer materialen Geschichte nat&uuml;rlich getrennt, kann nur neidisch auf die blicken, die die Dienstm&auml;dchenarbeit untersuchen oder die Kollaboration von Frauen im Dritten Reich unter die Lupe nehmen. Ich bin, ob ich will oder nicht, immer schon auf einer anderen Ebene, die mir nur best&auml;tigen kann, da&szlig; das, womit ich mich besch&auml;ftige, ein theoretischer Gegenstand ist, der mir als einzige Aufgabe die stellt, mich mit ihm als solchem zu befreunden.</p>
<p>Nur am Rande: Auch mit theoretischen, nicht lediglich mit scheinhaft materialen, unmittelbaren Gegenst&auml;nden kann man nur so umgehen, da&szlig; man sie aufhebt. Dekonstruktivismus, so wie ich ihn verstehe &#8212; und ihn, mir sein von allen Modeerscheinungen unabh&auml;ngiges, sein objektives Dasein vergegenw&auml;rtigend, vielleicht ein wenig zurechtgebogen habe -, kann in nichts anderem bestehen als in dieser Platit&uuml;de und in deren Entfaltung zu einer methodischen Orientierung. Begriffe sind, aus dem Blickwinkel dieser Orientierung betrachtet, eben keine Resultate, sondern falsche Unmittelbarkeiten, die aufgehoben werden m&uuml;ssen und erst, wenn ihr Gewordensein in ihrer Dekonstruktion zum Vorschein gekommen ist, ihre Zerlegung und ihr Werden sich als spiegelbildlich identisch herausgestellt hat, ihre Vernichtung also als das &quot;quod-erat-demonstrandum&quot; ihres Gewordenseins anerkannt ist, haben wir so etwas wie ein Resultat.</p>
<p>Sich mit Weiblichkeit besch&auml;ftigen hei&szlig;t daher Theoriegeschichte betreiben, und diese Geschichte geschieht nicht als Erweiterung oder Sublimierung der empirischen Geschichtswissenschaft, sondern als Konsequenz eines fundamentalen Zweifels an der Materialit&auml;t der Weiblichkeit, g&auml;nzlich unfreiwillig also, n&auml;mlich unter dem Druck ihrer materialen Zweifelhaftigkeit: Ich m&ouml;chte &#8212; oder soll &#8212; &uuml;ber Theorie der Weiblichkeit reden und sehe mich durch den Proze&szlig; der Wahrheitsfindung selbst gen&ouml;tigt, &uuml;ber ihre Geschichte zu reden; im Extrem &uuml;brigens auch &uuml;ber meine Geschichte mit ihr. Das hei&szlig;t, ich sehe mich gen&ouml;tigt &#8212; ausgerechnet auf dem Feld der abstraktesten Theorie sehe ich mich gen&ouml;tigt, statt eine Theorie vorzutragen oder einen Befund aufzutischen, eine Geschichte zu erz&auml;hlen. Damit ist das &quot;telling stories&quot;, das Danto als Prinzip der Geschichtswissenschaft ausmachte, in die Theorie hineingewandert, in ihr schlie&szlig;lich angekommen. Es setzt nicht nur ein Bewu&szlig;tsein von der Relativit&auml;t von Theorien voraus, sondern verbindet es mit einer eigenen Darstellungsform: Erz&auml;hlung. Theorie kann nicht nur relativistisch immer anders erz&auml;hlt, sondern sie kann in schl&uuml;ssiger Konsequenz nur erz&auml;hlt werden. Wie jeder theoretische Vorgang ist dieser Sprung in der Darstellung, dieser Darstellungssprung, notwendig und irreversibel. Vielleicht wollte ich ja gar nicht erz&auml;hlen, vielleicht h&auml;tte ich ja lieber deduziert und analysiert. Unter dem Druck eines Relativismus, der sich mir als Erfahrungsdruck darstellt und mir Darstellungsformen aufzwingt, mu&szlig; ich indessen erz&auml;hlen.</p>
<p>Es geht also l&auml;ngst nicht mehr um ein latent optimistisches, auf zunehmende Komplexit&auml;t deutendes, die Wahrheit zunehmend komplexer erfassendes theoretisches Tun &#8212; gewisserma&szlig;en um die Modernisierung von Hegel -, sondern im Gegenteil um die sukzessive Vernichtung der scheinhaften Materialit&auml;t von Gewi&szlig;heiten, die Entfaltung stattdessen der durchaus als fatal begriffenen Theoretizit&auml;t des Gewu&szlig;ten.</p>
<p>Diesen Blick kann man trainieren, und zu diesem Zweck will ich ein St&uuml;ck Theoriegeschichte der Weiblichkeit erz&auml;hlen. Zu diesem Zweck hei&szlig;t, mit der Perspektive der Aufhebung nicht nur der Materialit&auml;t der Weiblichkeit, die auf betrachtendem Wege nun mal nicht herzustellen, nur zu dekonstruieren ist, sondern auch der Erz&auml;hlung selbst. Gelungen ist die Dekonstruktion, wenn sie nicht nur das vermeintlich Feste dekonstruiert, sondern die eigenen Konstruktionspunkte so genau angibt, da&szlig; sie selbst dekonstruiert, durch eine andere Erz&auml;hlung ersetzt werden kann. Relativismus ist davon nicht das Resultat, vielmehr eine exaktere Bestimmung dessen, was Theorie ist und was nicht.</p>
<p><strong>1</strong></p>
<p>Die Frauenbewegung, dies das erste Kapitel meiner Erz&auml;hlung &uuml;ber die Theoriegeschichte der Weiblichkeit, ist uns als ein heute traditionell und konventionell anmutender Kampf um Gleichberechtigung bekannt. Die in der Aufkl&auml;rung geleistete Formalisierung des Menschen zur selbstbewu&szlig;ten Monade, zum autonomen Individuum, zu einem dank dieser Formalisierung Gleichen unter Gleichen sollte praktisch auf die Frauen ausgedehnt und mu&szlig;te zu diesem Zweck vorher als sie theoretisch immer schon einschlie&szlig;end begriffen werden. Die umst&auml;ndliche Formulierung deutet bereits auf die Ambivalenz der aufkl&auml;rerischen Forderung selbst, die das, was sie per Formalisierung als Uneingeschr&auml;nktes statuiert, zugleich wieder einschr&auml;nken mu&szlig;te: Zwar ist das Individuum uneingeschr&auml;nkt frei, aber nicht jeder kann Individuum sein; Tiere k&ouml;nnen keine Individuen sein, Sklaven k&ouml;nnen keine Individuen sein, Frauen k&ouml;nnen keine Individuen sein. &quot;Am&uuml;siert und erbittert&quot;, hei&szlig;t es zum Beispiel in der Erz&auml;hlung &quot;Dschungelresidenz&quot; von Somerset Maugham &uuml;ber einen b&uuml;rgerlichen Menschen &#8212; und diese Bemerkung am Ende des 19. oder Beginn des 20. Jahrhunderts zieht gleichsam einen Strich unter die angeblich noch heute einzul&ouml;sende Aufkl&auml;rung &#8212; &quot;am&uuml;siert und erbittert sah Mr. Warburton, wie dieser Mensch, der sich jedem anderen Menschen gleich d&uuml;nkte, so viele als unter ihm stehend behandelte. &quot;</p>
<p>Die erste Frauenbewegung hat in ihrem Kampf um Gleichberechtigung die mit der Formalisierung des Menschen zum Individuum und Tr&auml;ger von Menschenrechten gesetzte Norm als Realverh&auml;ltnis behandelt und beim Wort genommen. So brauchte sie nur noch ihre Verwirklichung einzuklagen, das hei&szlig;t f&uuml;r die Realisierung dessen zu k&auml;mpfen, was l&auml;ngst war. Logische Undeutlichkeit, die Ebene oder den Status der zur Durchsetzung aufgegebenen Begriffe betreffend, wurde in geschichtsphilosophische Vision umgem&uuml;nzt: Der Mensch soll werden, was er ist, oder die Frauen sollen endlich sein, was sie sind, Menschen.</p>
<p>Dieser Kampf ist der Evidenz der eingeklagten Ziele zum Trotz, dank der als logische erscheinenden Undeutlichkeiten der genannten Strategie, die das Sollen zum Sein und das Sein zu einer blo&szlig; noch akzidentiellen Ausf&uuml;hrungsbestimmung des Sollens erhob, au&szlig;erordentlich m&uuml;hsam gewesen, so da&szlig; es fast den Anschein hatte, als ginge es, da ja die Normen unbarmherzig feststanden, um die Schaffung neuer ontologischer Tatsachen, um die Schaffung einer Welt, die der r&uuml;ckblickend immer schon als autonomes Individuum bestimmten Frau eine Heimat zu sein vermochte, oder um die Schaffung einer Frau, die ihrerseits den aufkl&auml;rerischen Normen eine Heimat zu sein vermochte, anstatt zwischen Eskapismus und Engagement verantwortungslos hin- und herzuschwanken. Noch heute ist selbst in Westeuropa der Kampf, seiner theoretischen Abgestandenheit zum Trotz, nicht ausgek&auml;mpft, er hat sich vielmehr verschoben. Anstatt da&szlig; die Individuierung der Frau mit allen, bereits in der Aufkl&auml;rung festgelegten Konsequenzen, ihre umfassende Gleichwerdung sich mit dem Zwang der Logik von allein vollzogen h&auml;tte, wie eine &uuml;berreife Erkenntnis aus den gef&uuml;gigen Verh&auml;ltnissen herausgepurzelt w&auml;re, hat sich der Begriff des Individuums an dem der Gleichheit, Freiheit, Br&uuml;derlichkeit durchaus entlang, aber vielfach auch vorbeientwickelt. Begriff und Schicksal der Frau haben sich erneut verundeutlicht. Mehr als je zuvor erscheint sie als zu Schaffende, w&auml;hrend die Koordinaten ihrer aufkl&auml;rerischen Definition sich vereindeutigt, ihren transitorischen Charakter offenbart haben. Selbst wenn, sagen wir als Beispiel, in einer Schule 100 % des Lehrpersonals weiblich und nur der Direktor ein Mann ist, so zweifelt heute niemand daran, da&szlig; es sich bei den ersteren um Individuen, wogegen es sich bei letzterem wom&ouml;glich um eine Marionette handelt oder ganz schlicht um ein Opfer seiner M&auml;nnlichkeit, die sich traditionell alle m&ouml;glichen Fremdbestimmungen anheften l&auml;&szlig;t. Um es einmal so zu sagen, der Direktor entmannt nicht die Frauen, nimmt ihnen nicht ihre Individualit&auml;t, vielmehr setzt sich die sei&#8217;s bedauerliche, sei&#8217;s skandal&ouml;se, aber heimlich-unheimlich vertraute, den Bogen zur&uuml;ck in die Voraufkl&auml;rung schlagende, gegen Begriffe versto&szlig;ende, aber an faktische Kontinuit&auml;ten ankn&uuml;pfende Tatsache durch: Es geht auch ohne Gleichheit.</p>
<p>Nat&uuml;rlich ist unstrittig, da&szlig; es sich bei dem genannten Beispiel um einen latenten Skandal, um einen Versto&szlig; n&auml;mlich gegen die durch formale Normen statuierte Gleichheit und damit um einen Versto&szlig; der Politik gegen sich selbst, also im Grunde um eine schreiende Ungerechtigkeit gegen&uuml;ber den Frauen handelt, h&auml;tte die politische Sph&auml;re sich mittlerweile nicht selbst als Marginalie der Gesellschaft herausgestellt und w&auml;re Ungleichheit auf diesem Gebiet heutzutage nicht im Grunde verzeihlicher als fr&uuml;her, wo sie noch die Illusion der Totalit&auml;t beinhaltete. Als nichtspezialisierte, unbestimmte, noch zu schaffende &#8212; dies die neuen Ausdr&uuml;cke f&uuml;r Allgemeines, Totalit&auml;t &#8212; scheint diesmal die Frau auf der Seite eines neuen, mit Sicherheit nicht weniger illusion&auml;ren Ganzen gelandet zu sein, w&auml;hrend der Mann, verhakt noch in allen m&ouml;glichen Bestimmungen, vielfach definiert und realisiert, unendlich vermittelt und engagiert, veraltet.</p>
<p><strong>2</strong></p>
<p>Das zweite Kapitel meiner Erz&auml;hlung &uuml;ber die Theoriegeschichte der Weiblichkeit greift den Differenzbegriff auf, wie er etwa um die italienischen Affidamento-Frauen herum, in Rekurs auf Luce Irigaray formuliert wurde und in jeder erdenklichen theoretischen und praktischen Form in der sogenannten neuen Frauenbewegung eine Rolle gespielt hat und spielt. Es ist noch nicht jener Begriff, der f&uuml;r das dritte &#8212; hiermit in aller K&uuml;rze angerissene &#8212; Kapitel eine Rolle spielt, in dem Weiblichkeit wom&ouml;glich aus einer Bewegung zu einem Beispiel, aus einem politischen Subjekt zu einem Objekt der Theorie, aus einer Substanz zu einer vielhundertfach gebrochenen Form, aus einem Geschlecht zu einer, grammatisch gar nicht mehr korrekt zu formulierenden Unterbestimmung von &quot;Geschlechter&quot; wird, einer sammelnden Unterbestimmung von gender. Ich sage &quot;wom&ouml;glich&quot;, spielt bei der modernen Entsubstantialisierung der Weiblichkeit, wie sie mit den Namen Dekonstruktivismus und Judith Butler kurz und grob bezeichnet ist, das Geschlecht doch gleichzeitig eine beil&auml;ufige und eine zentrale Rolle, der Transvestit, als die &Uuml;bergangsform schlechthin, die praktische Widerlegung der Geschlechteronotologie, zugleich die Rolle eines Beispiels und einer Substanz; es ist die Substanz einer entsubstantialisierten Gesellschaft, in der Erscheinungen wie Geschlecht oder Sprache die Funktion entsubstantialisierter Substanzen &uuml;bernommen haben, die Funktion von wie immer zu dekonstruierenden &#8216;Kernen&#8217; der Kultur, und die nicht beliebig &#8216;wegerkl&auml;rt&#8217; werden k&ouml;nnen, fielen mit ihnen doch die Grenzen zur Substanz, deren Aufhebung w&auml;re vergangen.</p>
<p>Der Differenzbegriff, der sich historisch und systematisch zwischen Aufkl&auml;rung und Dekonstruktivismus schiebt und mein zweites Kapitel konstituiert, h&auml;ngt an seinem Singular und wei&szlig; von seiner pluralistischen Aufl&ouml;sung noch nichts. Zugleich enth&auml;lt er bereits die wesentlichen Momente des dekonstruktivistischen Begriffs, freilich praktizistisch oder substanzlogisch, ursprungsmythisch und nicht theoretisch. Seine unmittelbare Logik, freilich auch seinen holzschnittartigen, theoretisch geradezu reflexhaft primitiv, retourkutschenhaft anmutenden Charakter bezieht er aus dem Antagonismus zum Gleichheitsbegriff. So unmittelbar plausibel, notwendig im zweifelhaften Sinn von unvermeidlich, stellt er sich innerhalb des durch ihn konstituierten Begriffspaars Gleichheit und Differenz dar, da&szlig; man leicht in den Sog der Plausibilit&auml;t ger&auml;t und sich dann hoffnungslos in den nur auf den ersten, geblendeten Blick beseitigten Widerspr&uuml;chen verf&auml;ngt. Diese Widerspr&uuml;che werden von der Differenztheorie, wohlgemerkt, nicht selbst verdeckt, sondern ungeniert riskiert, geradezu ausgestellt. Wer sie akribisch notiert, kann sie als S&uuml;nden brandmarken &#8212; und versteht dann die Welt nicht mehr &#8212; oder aber sie als Momente eines sich neu konstituierenden Zusammenhangs verbuchen.</p>
<p>Die Differenzfrauen haben begriffen, da&szlig; Weiblichkeit durch Gleichheit nur verlieren kann, n&auml;mlich sich selbst. Darum bestehen sie auf Differenz. Von dieser Pointe leben sie; rechts und links davon drohen theoretische Probleme, Denkaufgaben, die von ihnen kurzerhand f&uuml;r konventionell, nicht einschl&auml;gig, im Unterdr&uuml;ckungszusammenhang selbst befangen, in ihm sich ersch&ouml;pfend, erkl&auml;rt werden. Anstatt sie anzupacken, was zu ihrer eigenen unvermeidlichen Aufl&ouml;sung f&uuml;hren w&uuml;rde, suchen sie die richtige Lebensform, in weiblichen Seilschaften, in deren sch&uuml;tzendem und f&ouml;rderndem Kontext das Weibliche sich herstellen und ausbilden soll und deren regulative Idee die lesbische Praxis ist.</p>
<p>Die Aufgabe, der sich der Differenzbegriff mit Aplomb nicht stellt, an deren Stelle er sich selbst vielmehr mit dem Aplomb einer gefundenen L&ouml;sung setzt, betrifft die Geschichte oder Vorgeschichte der Differenz, ihr Schicksal im traditionellen Kontext der Logik, ihren Platz innerhalb der vertikalen Struktur der Gleichheit. Der Trick der Differenztheorie &#8212; Angelpunkt des Paradigmenwechsels &#8212; ist die Verwandlung des konventionellen vertikalen in ein neuartig horizontales Modell: Hebt Gleichheit nach vertikaler Logik Differenzen auf, verweist diese in die Vergangenheit, die Vorgeschichte, ins Unbewu&szlig;te, ins Besondere, in den Unterbegriff, betreut oder &#8212; je nachdem, wie man die Sache sehen will &#8212; vernichtet sie, so setzt Differenz, die aus dem Begriffspaar &#8216;Gleichheit und Differenz&#8217; kommt, sich an die Stelle der Gleichheit. Wir wollen different sein, sagen die Frauen, nicht gleich. Gleich, das sind die andern, die Begriffsfetischisten; different ist konkret.</p>
<p>Nun ist die postmoderne Umerziehung der K&ouml;pfe wahrscheinlich so weit gediehen, da&szlig; es heute niemandem mehr m&ouml;glich ist &#8212; ich sage es absichtlich in doppelter Negation -, in der Differenz nicht statt einer unmittelbar gegebenen Substanz die Formbestimmung zu gewahren, das formelle Andere der Gleichheit, die Begriffsqualit&auml;t, so da&szlig; es also ganz nat&uuml;rlich ist zu sagen: nicht Gleichheit, sondern Differenz. Im ersten Moment, auf den ersten Blick die reinste Mogelpackung, die im Unterschied nicht den blo&szlig;en Vorbegriff zur Gleichheit, den blo&szlig;en Unterbegriff zum gegebenen Oberbegriff, das Besondere eben im untergeordneten Verh&auml;ltnis zum Allgemeinen, sondern ihn selbst &#8212; den Unterbegriff! &#8212; als sprengkr&auml;ftige Alternative pr&auml;sentiert, stellt sie sich auf den zweiten Blick, im zweiten Moment als Ausgangspunkt einer streng begrifflichen Umwertung heraus: Von nun an soll die Welt in Begriffen der Differenz gefa&szlig;t, zugespitzt, von nun an sollen Differenzbegriffe gebildet werden. Nach wie vor soll t&uuml;chtig in Begriffen geredet, aber es soll nicht mehr in vertikalen, sondern in horizontalen Begriffen geredet, es soll nicht mehr subsumiert, sondern abgegrenzt werden. Die Welt soll nicht erobert und in Besitz genommen, sie soll aufgeteilt werden.</p>
<p><strong>3</strong></p>
<p>Scheinbar braucht der aufkl&auml;rerische Begriff der Gleichheit, da er sich auf einen umfassenden Begriff vom Menschen beruft, zu seinem Verst&auml;ndnis, damit man ihn absch&auml;tzen, ihn einordnen, ihn mit Sinn und Vorstellungsinhalten f&uuml;llen kann, keinen substantialistischen Halt an etwas, was ihn definiert, zum Beispiel an der &Ouml;konomie, die ihm seine logischen Undeutlichkeiten als die Interferenzen zwischen &#8216;Gleichsein&#8217; und &#8216;Gleichhaben&#8217; erl&auml;utern und ihn mit Erkl&auml;rungen materieller Ungleichheit schikanieren k&ouml;nnte, solange, bis ihm selbst die ganze Gleichheit keinen Spa&szlig; mehr macht. Der politische Begriff der Gleichheit lehnt die &Ouml;konomie ab, braucht sie scheinbar nicht; Gleichheit gilt als Norm, nicht als &ouml;konomische Tatsache. Eher scheint Ungleichheit, da sie sich mit einem umfassenden Verst&auml;ndnis vom Menschen nicht vertr&auml;gt, also eigentlich eine Begriffsverwirrung wiedergibt, einen Schein produziert, einen Draht zu &ouml;konomischen Tatsachen zu haben. Ungleichheit ist eben materielle Ungleichheit, Faktum im niederen Bereich.</p>
<p>Der Begriff der Differenz setzt die normative &Uuml;berlegung konfliktfreudiger fort: Wenn Gleichheit nicht nur ein Terrorinstrument zur Verdr&auml;ngung, gar Statuierung von Ungleichheit sein soll, dann mu&szlig; sie sich am Ungleichen bew&auml;hren. Nicht darf sie es gleichmachen, mit allen, notfalls letalen Konsequenzen, wie sie aus den imperialistischen Feldz&uuml;gen bekannt sind, sondern sie mu&szlig; das Ungleiche selbst als Gleiches anerkennen, als Unterschied, der das Gleiche, indem er es begrenzt und damit selbst zum Unterschied herabsetzt, zugleich konstituiert, also nicht marginal, sondern konstitutiv f&uuml;r das normative Gleichheitsdenken, das aus der Gleichheit herausgewachsene, &uuml;ber sich selbst hinausgewachsene Differenzdenken ist.</p>
<p>Gleichheit ist als normativer ein b&uuml;rgerlicher Begriff. Insofern ist Aufkl&auml;rung auch immer eine Gegenbewegung zum Marxismus und nicht blo&szlig; seine Vorbereitung und Vorstufe. Letzteres zu behaupten konstituiert vielmehr die allseits bekannte Trivialversion, die politische Gleichheit, die auf &ouml;konomische Formbegriffe zu beziehen w&auml;re, mit sozialistischem Inhalt zusammenr&uuml;hrt, so da&szlig; auf immer unklar bleibt, woran das geschichtsphilosophisch Ausgewiesene gescheitert ist. Innerhalb dieser Gegenbewegung, die ja, wenn sie sich nicht auf Sozialismus als auf das ihr fremd und &auml;u&szlig;erlich gewordene Eigene beziehen darf, die ihre Widerspr&uuml;che als immanente formulieren mu&szlig;, stellt sich der Unterschied der Geschlechter als ein Gegensatz heraus, der dank seiner Anbindung an Substanzen, substanzlogische Geschlechtsunterschiede, wohl imstande ist, die Dialektik der Gleichheit, ihr zugleich utopisches und m&ouml;rderisches Moment zu spiegeln und ganz unabh&auml;ngig von jedem klassenk&auml;mpferischen Bezug ein Modell f&uuml;r Unterdr&uuml;ckung zu liefern, das sich vom Modell der Unterdr&uuml;ckung durch Ungleichheit zum Modell der Unterdr&uuml;ckung durch Gleichheit dann scheinbar selbstt&auml;tig fortentwickelt.</p>
<p>So wie der Kampf um Gleichberechtigung den Marxismus, der die Ungleichheit in einer klassensprengenden Weise ausgelegt hat, durchaus nicht gebrauchen kann, so kann die Differenztheorie die Triebpsychologie nicht gebrauchen. Ihr ist sie nicht zuf&auml;llig, aus im folgenden vielmehr zu erl&auml;uternden Gr&uuml;nden n&auml;her als dem Marxismus, n&auml;her auch als der aufkl&auml;rerischen Ideologie. Zugleich ist sie nur zu verstehen als direkte Abgrenzung von ihr. Das Differente ist da und genau nicht verdr&auml;ngt.</p>
<p>In ihrem Schematismus ein direkter Abk&ouml;mmling der b&uuml;rgerlichen Gleichheitstheorie ist die j&uuml;ngere b&uuml;rgerliche Differenztheorie faktisch zugleich eine Gegenbewegung gegen die psychoanalytische Triebpsychologie, der sie die Tatsache eines durch keine Norm mehr zu beschwichtigenden Unterschieds entnimmt, sie damit bei aller Gegnerschaft faktisch beerbend. So wie die Erfahrung des Klassenantagonismus das konkrete Modell f&uuml;r eine Ungleichheit liefert, die an der Gleichheit das Deklamatorische entlarvt, so liefert die triebpsychologische Erfahrung eines qualitativ, nur in Begriffen des Infantilen, Unbewu&szlig;ten zu fassenden Differenten das Modell eines Unterschieds, den sich &#8212; dies die ganze Pointe Freuds &#8212; Gleichheit nicht zu subsumieren, den sie eben nur zu verdr&auml;ngen, schlimmer abzuspalten vermag. Der nicht zu subsumierende Unterschied, den die b&uuml;rgerliche Triebpsychologie in der Konstitution des B&uuml;rgers selbst entdeckt &#8212; ihm den geschichtlich herausprozessierten Gegner, das Proletariat, noch einmal einpflanzend, als strukturelles Element, Es, unverlierbar Anderes seiner selbst -, liefert die materielle Voraussetzung der Differenztheorie. Selbst ganz unkonstruktiv, erweist sie sich als Meister in der Verwendung dessen, was, so eingemauert in sein zugleich genealogisches und strukturelles System wie der Marxismus in seine sprichw&ouml;rtliche logisch-historische Methode, f&uuml;r andere als die durch es selbst statuierten Therapiezwecke schlechterdings unverwendbar erschien.</p>
<p><strong>4</strong></p>
<p>Nur scheinbar m&uuml;helos reiht sich in der theoretischen Geschichte der Weiblichkeit also Begriff an Begriff: Erst kommt die Gleichheit, dann kommt die Differenz. Je glatter der Bezug, je &uuml;berw&auml;ltigender die Suggestion, da&szlig; der letzte Begriff den folgenden f&ouml;rmlich gebiert, desto unverkennbarer die Tatsache, da&szlig; die wesentlichen Prozesse sich au&szlig;erhalb vollziehen. Erst nach der Formulierung des aufkl&auml;rerisch-b&uuml;rgerlichen, antiaristokratischen Gleichheitsbegriffs f&auml;llt die scheinbar von ihm &uuml;bersehene, in Wahrheit von ihm produzierte Ungleichheit von Kindern, Frauen, Sklaven, Tieren und so weiter ins Gewicht. Der Grund f&uuml;r ihre Erscheinung als Ungleiche &#8212; in einem Zeitalter, das nur noch Gleiche kennt &#8212; kann nicht im politischen Wesen der Gleichheit gesucht werden, wird im politischen Kontext Gleichheit doch bestenfalls &#8216;nachgeholt&#8217;. Produziert wird Ungleichheit zwar offenbar durch Gleichheit, aber nicht auf dem politischen, sondern auf dem &ouml;konomischen Feld, das von der Ungleichheitsrelation lebt, von der paradoxen Identit&auml;t n&auml;mlich von zum Leben notwendiger Arbeit und Mehrwert. Hier sind die Gleichen, die Verk&auml;ufer ihrer Arbeitskraft, per definitionem ihrer Gleichheit zugleich ungleich. Anders als im Subsumtionsmodell, das Gleichheit als Oberbegriff verschiedener Dinge, die untereinander different, im &uuml;bergeordneten Allgemeinen aber identisch sind, pr&auml;sentiert, produzieren die Verk&auml;ufer einer identischen Arbeitskraft durch deren Bet&auml;tigung unter Bedingungen der Entfremdung &#8212; d. h. des Besitzerwechsels der Arbeitskraft &#8212; ihre eigene Ungleichheit; indem der Arbeitskraftk&auml;ufer sie als Ungleiche, ihm Verpflichtete einstellt, nimmt er auf ihre von ihnen erst selbst zu produzierende Ungleichheit &#8216;Vorschu&szlig;&#8217;. Das hei&szlig;t, erst im &ouml;konomischen Modell wird der &Uuml;bergang von einer Gleichheit, die Unterschied b&uuml;ndelt, zu einer solchen, die sie erst produziert, konkret. Wir m&uuml;ssen das im Marxismus Festgehaltene also als den systematischen &Uuml;bergang, die notwendige Voraussetzung vom aufkl&auml;rerischen Gleichheitsbegriff zum feministischen Kampf f&uuml;r Gleichberechtigung begreifen. Der Kampf des B&uuml;rgertums gegen den Adel war ja auch nie einer um Gleichberechtigung; nicht einen theoretischen und politischen Moment blieb unklar, da&szlig; es sich um einen Paradigmenwechsel und nicht um die Einl&ouml;sung, Verwirklichung eines gegebenen Paradigmas ging. Da&szlig; Frauen gleich sind, ist dagegen Ergebnis eines Kampfes um Gleichberechtigung. Gleichheit ist Voraussetzung und Norm, Gleichberechtigung dagegen ist etwas Neues; denn wo man hinschaut, sieht man Ungleiche.</p>
<p>Nicht anders steht es mit dem Differenzbegriff. Ist der Gegensatz von Gleichheit entweder die subsumierte oder die produzierte, in jedem Fall also eine vertikal zu fassende Ungleichheit, so ist Differenz, alles andere als blo&szlig; deren lateinische &Uuml;bersetzung, als horizontales Modell vielmehr die Anerkennung der Tatsache, da&szlig; Aufhebung, anders als von der Aufkl&auml;rung prognostiziert, beileibe nicht das einzige Schicksal von Ungleichheit, das entscheidendere, an die Existenz der Gleichheit selbst, an ihre Dauer gekn&uuml;pfte Schicksal vielmehr die Abspaltung ist. Da&szlig; ein Gegenstand, wiewohl oder gerade weil den Bedingungen der Gleichheit subsumiert &#8212; den Bedingungen der freien Rede beispielsweise oder der freien Entscheidung -, ungleich bleibt, weil er f&uuml;r die Rede nicht zug&auml;nglich, vom vern&uuml;nftigen Handeln geradezu ausgeschlossen ist: das ist die vollst&auml;ndige Tatsache, von der der Differenzbegriff blo&szlig; noch der formale Rest ist. Es ist zugleich die Bilanz der Aufkl&auml;rung, die auf der Seite der b&uuml;rgerlichen Theorie erst die Psychoanalyse zieht und sich damit als b&uuml;rgerlicher Antagonist des B&uuml;rgertums profiliert, als derjenige, der den B&uuml;rger als Herrn gelten l&auml;&szlig;t, &uuml;ber alles, nur nicht &uuml;ber sich selbst.</p>
<p>Ausgangspunkt ist die Annahme, die als arch&auml;ologisches Konstrukt die eigentliche Voraussetzung postmodernen Differenzdenkens wird, da&szlig; im Psychischen nichts verlorengeht, da&szlig; im Psychischen also ein Hegelsches Aufhebungsmodell mit umgekehrten Vorzeichen, umgekehrter Betonung oder eben ein zur Aufhebung doch antagonistisches Modell regiert. Der Oberbegriff &#8212; sagen wir psychoanalytisch: ich &#8212; ist da; aber die Unterbegriffe ordnen sich nicht pflichtschuldigst als Attribute ein, sie werden, latente Gegeninstanzen, die sie sind, verdr&auml;ngt. Dies, da&szlig; sie verdr&auml;ngt werden, ist der Preis daf&uuml;r, da&szlig; sie sich nicht einordnen m&uuml;ssen. F&uuml;r das psychoanalytische Ich ist dies zugleich der Preis daf&uuml;r, da&szlig; es als Oberbegriff, in scheinhafter b&uuml;rgerlicher Subjekttradition regiert: es ist Herr &uuml;ber die Welt, Weltb&uuml;rger, wie Kant sagt, aber nicht Herr im eigenen Haus.</p>
<p>Nur unter der Voraussetzung, da&szlig; nichts verlorengeht, ist Ungleiches als Differentes gedanklich m&ouml;glich. Genauer: Dann erst ist es als Differentes m&ouml;glich; als Ungleiches war es ja Aufzuhebendes, tendenziell Aufgehobenes, Gleiches seiner ihm immanenten Prognose nach oder, finster, Beseitigtes. Differentes ist perennierendes Ungleiches, Ungleiches unter der Bedingung, da&szlig; nichts verlorengehen kann. Im psychoanalytischen Modell wird der Furor des Aufhebens gewisserma&szlig;en in den der Abspaltung hinein fortgesetzt. Das strukturalistische Differenzdenken braucht sich von diesem Furor dann blo&szlig; noch zu verabschieden, einen Begriff wie den der Verdr&auml;ngungsschranke als einen nur noch l&auml;stigen Vorbehalt fallenzulassen und sich der Sachen, wie sie angeblich, in Wirklichkeit aber blo&szlig; als Sachvorstellungen, geronnene Begriffe, sind, zu bem&auml;chtigen.</p>
<p><strong>5</strong></p>
<p>Von der Gleichheit gibt es wie gesagt keinen Weg zur Gleichberechtigung. Der Weg zur Gleichberechtigung f&uuml;hrt &uuml;ber den Klassenkampf. Von der festgestellten materialen Ungleichheit der Klassen erfolgt im b&uuml;rgerlichen Kontext, als Angebot an alle Frauen der &Uuml;bergang zur formalen Gleichberechtigung der Frau. Die erste Frauenbewegung hat also einen Umweg &uuml;ber den Marxismus gemacht. Dieser Umweg hat sie auf ewig gespalten, in eine b&uuml;rgerliche Frauenbewegung und eine, um es einmal so zu sagen, sozialistische Frau.</p>
<p>Ebensowenig gibt es von der Gleichheit einen direkten Weg zur Differenz, nur einen zur Ungleichheit. Die Ersetzung der Ungleichheit durch Differenz wird vorbereitet durch die Psychoanalyse, indem sie am Ungleichen einerseits das Nichtzubeseitigende hervorhebt &#8212; damit unbewu&szlig;t der Verk&uuml;mmerung der marxistischen revolution&auml;ren Perspektive Rechnung tragend: das B&uuml;rgertum verschwindet nicht! -, andererseits die Momente des Verschwindens an ihrerseits abgespaltene Mechanismen des Verdr&auml;ngens und Abspaltens delegiert und damit den Grundstein f&uuml;r eine Ontologie des Differenten legt.</p>
<p>Die &#8216;Widerlegung Freuds&#8217; hat der zweiten Frauenbewegung einen starken Impetus gegeben, l&auml;ngerfristig betrachtet hat sie sie vielleicht ebenfalls entzweit. Manche sind in der von der Psychoanalyse gespannten Falle des Fundamentalismus h&auml;ngengeblieben. Als Abk&ouml;mmling der Gleichmacherei identifiziert, gilt die Psychoanalyse den Frauen als ein letztes Aufb&auml;umen von m&auml;nnlichem Begriffsfetischismus, m&auml;nnlicher Subsumtionswut, die Leerstelle des Weiblichen als zugleich Beweis f&uuml;r die M&auml;nnlichkeit der Begriffe und die in die Begriffe hinein verl&auml;ngerte konkrete Vernichtung des Weiblichen. &quot;Triebe und Triebschicksale&quot; zu verfolgen, das Schicksal des Konkreten festzuhalten, gilt als letzter Versuch, es zu besiegeln, umgekehrt, nach dem Motto &#8216;wo kein Rauch, da kein Feuer&#8217; als Beweis f&uuml;r Konkretes; die Konstruktion eines qualitativen Unbewu&szlig;ten wird gleichgesetzt mit dem Versuch, dem Unterdr&uuml;ckten ein Gef&auml;ngnis zu errichten, in schlichter Umwertung daraus die Perspektive der Befreiung gefolgert; die Konstruktion des dynamisch Verdr&auml;ngten wird als eine auf die Selbstbez&uuml;glichkeit zielende Formulierung der Entfremdung, als Ausdruck der Selbstl&auml;hmung des Subjekts identifiziert, der mit tatkr&auml;ftiger Abgrenzung nach au&szlig;en, unbefangener Selbstbez&uuml;glichkeit begegnet werden mu&szlig;.</p>
<p>Im dekonstruktivistischen Weiblichkeitsmodell schlie&szlig;lich, meinem bereits angerissenen dritten Kapitel in der Erz&auml;hlung der Theorie der Weiblichkeit, ist das theoretische Bewu&szlig;tsein wiederhergestellt, ist Theorie &#8212; in der unversch&auml;mten Differenztheorie einen skandal&ouml;sen, aber wohl notwendigen Augenblick beiseite gestellt &#8212; rehabilitiert. Auf der Strecke geblieben ist freilich die Weiblichkeit selbst. Sie ist dem Genderrelativismus geopfert worden, hat sich in seinem Zusammenhang als Verdinglichung herausgestellt, die eigentlich vernichtet, aufgel&ouml;st und aufgehoben werden m&uuml;&szlig;te, m&uuml;&szlig;te nicht aus Gr&uuml;nden der Systemlogik, die nun einmal Unterschiede verlangt, dieser Vernichtungsproze&szlig; selbst in einen im Gegenteil unendlichen Proze&szlig; der Vervielf&auml;ltigung umgedeutet werden, der allerdings der point de r&eacute;sistance gegen eine Vereinnahmung des Dekonstruktivismus f&uuml;r eine negative Theoriebildung ist. In der Verwandlung sagen wir von Philosophie in Kultur kommt die Negativit&auml;t des Dekonstruktivismus an seine Grenzen. Differenz ist zwar nicht mehr fundamentalistischer Einwand gegen Gleichheit &#8212; dies ist sie nur noch in einer von unz&auml;hligen Facetten praktischer Lebensformen, in denen Weiblichkeit als immer schon differente sich herstellt &#8212;, aber deren kulturalistische Einl&ouml;sung: Von ganz nahem betrachtet, l&ouml;st die scheinbar einheitliche Gleichheit sich nun mal in unz&auml;hlige, selbstverst&auml;ndlich gleichrangige Differenzpunkte auf.</p>
<p>Damit pr&auml;sentiert die dekonstruktivistische Theorie der Differenzen sich als der klassische dritte Schritt in der Entwicklung der Theorie der Weiblichkeit, als Korrektur der fundamentalistischen Differenz, die das psychoanalytische Abspaltungsmodell unversch&auml;mt beerbte, und klassische Aufhebung der Gleichheit, deren wahre Struktur erst nach dem fundamentalistischen Protest der Differenzfrauen erkennbar wird: Gleichheit ist Differentes. Zugleich bietet sich gewisserma&szlig;en als spontanes Resultat der Erz&auml;hlung der Beweis f&uuml;rs eingangs blo&szlig; Suggerierte an: da&szlig; es Weiblichkeit gar nicht gibt, aber nicht im suggerierten dekonstruktivistischen Sinn, demzufolge sie blo&szlig; ein Gegenstand f&uuml;r Vereinbarungen ist, in dem bestimmten Sinn vielmehr, f&uuml;r den Freud den Begriff der Reaktionsbildung gepr&auml;gt hat. Alles andere als autonom, auf ihre eigene substantielle Weiblichkeit bezogen, ist die von der Theorie entdeckte Frau vielmehr reaktiv aus dem Widerspruch des B&uuml;rgers mit sich selbst hervorgegangen, ihn, den Widerspruch, zugleich beerbend und widerlegend, ihn nach allen Regeln der psychoanalytischen Kunst zugleich darstellend und entstellend, kurz als Symptom und Symbol. Mit der &#8216;wirklichen&#8217; Frau hat die Theorie der Weiblichkeit sowenig zu tun wie der K&ouml;rper mit dem Geist oder die Gesellschaft mit der Natur. Das eine ist dem andern verschlossen, durch die blo&szlig;e Existenz seiner selbst sogar paradox, im Unendlichen, wo sich die Parallelen schneiden, schlie&szlig;lich vollkommen verr&auml;tselt. Wo sie ihren Bezug hat, das ist der gesellschaftliche Realproze&szlig;, der, selbst durch und durch geistiger Natur, in tausend Versionen wiedergegeben werden kann. Ihm ordnet sie sich einerseits als ein bestimmtes Reflexionsmodell, das die Theoretizit&auml;t des Realprozesses verarbeitet hat, unter diesem Gesichtspunkt up to date ist, zu. Andererseits nimmt sie als eine Ideologie an ihm teil, indem sie, um den einzigartigen Begriff von Freud, seinen Verschiebungsbegriff zu gebrauchen, dazu beitr&auml;gt, die gesellschaftlichen Widerspr&uuml;che zu verschieben, weg von dem Gebiet, auf dem sie als unertr&auml;gliche, Gesellschaft sprengende nur studiert und analysiert, hin zu jenem, auf dem sie als ertr&auml;gliche, ja Gesellschaft bildende ausagiert und gelebt werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. Bei Gefallen: <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Lösegeld</a><br/><br/><a href="http://www.streifzuege.org/1999/weiblichkeit-dialektik-eines-negativen-begriffs">Weiblichkeit — Dialektik eines negativen Begriffs</a></p>
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