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	<title>Streifzüge</title>
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		<title>Terror der Positivität</title>
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		<pubDate>Wed, 16 May 2012 08:00:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stephan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Klein; Peter]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2012-54]]></category>

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<h3>Anmerkungen zu Byung-Chul Hans „Müdigkeitsgesellschaft“</h3>
<p>Streifzüge 54/2012</p>
<p><em>von Peter Klein</em></p>
<p><span id="more-11461"></span></p>
<blockquote><p>Byung-Chul Han, Die Müdigkeitsgesellschaft, Berlin 2010 (4. Auflage).</p>
<p>Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe. Bei der um ein Vorwort erweiterten 6. Auflage von 2011 sind jeweils zwei Seiten hinzuzuzählen.</p></blockquote>
<p>Für alte Klassenkämpfer, die den Kapitalismus als die unsittliche Veranstaltung der „Herrschenden in Staat und Gesellschaft“ betrachten, handelt es sich bei der  „Müdigkeitsgesellschaft“ sicher um starken Tobak. Denn genau von diesem Denkstil, bei dem die moderne Gesellschaft nach alter, in die Zeiten der Französischen Revolution zurückreichender Tradition als das Resultat eines äußeren Herrschens dargestellt wird, setzt sich Byung-Chul Han in dem genannten Essay ab. Wer dagegen, wie es sich meiner Meinung nach gehört, den Kapitalismus als ein automatisch funktionierendes System begreift, mit dem geldverdienenden Subjekt als seinem tragenden Element, kann sich über diesen Versuch einer Zeitgeistdiagnose nur freuen. Mit dem Wechsel der Perspektive, der uns alle zu Bestandteilen <em>eines</em> gesellschaftlichen Systems macht, gelingt Han eine Beschreibung der postmodernen Seele, die, wenigstens nach meinem Eindruck, dem aktuellen Entwicklungsstand des Kapitalismus in hohem Maße gerecht wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><strong>Zuviel des Gleichen</strong></h3>
<p>Die traditionelle Art der Gesellschaftsanalyse verfährt laut Han nach dem „immunologischen Paradigma“ oder „Schema“ – ein Ausdruck, der von Baudrillard entliehen ist. Dabei werde „eine klare Trennung von Innen und Außen, von Freund und Feind oder von Eigenem und Fremden vorgenommen“ (S. 6). Dieses Schema passte <em>noch</em> in die Zeit des Kalten Krieges, als die Sprache von militärischem Vokabular geprägt war, von Angriff und Abwehr, es passt dagegen nicht mehr in das Zeitalter der Globalisierung und Deregulierung. „Die Andersheit, die eine Immunreaktion hervorriefe, würde dem Prozess der Entgrenzung entgegenwirken“ und den „universalen Tausch- und Austauschprozess“ verhindern (S. 9). Ausdrücklich gegen Baudrillard gewandt, von dem das Bild des „Virus“ als der letzten Gestalt des „Feindes“ stammt, ist Han der Ansicht, dass negative Kategorien wie der Feind oder der Fremde, zu denen logisch die „immunologische Abwehr“ oder „Abstoßung“ gehört, überhaupt nicht mehr dafür geeignet sind, den Zustand angemessen zu beschreiben, dem wir in der sogenannten Postmoderne ausgesetzt sind.</p>
<p>Es ist in den einschlägigen „Diskursen“ zwar viel vom <em>Fremden</em> und vom <em>Anderen</em> die Rede, es verhält sich damit aber wie mit Hegels Eule, die bekanntlich immer erst hinterher auftritt, <em>nachdem</em> die betreffende „Gestalt des Lebens“ alt geworden ist, <em>nachdem </em>der „Weltgeist“ seine Arbeit verrichtet hat: „Dass ein Paradigma eigens zum Gegenstand der Reflexion erhoben wird, ist oft ein Zeichen seines Untergangs.“ (S. 6 f.) An die Stelle der „Andersheit und Fremdheit“, die eine „Grundkategorie der Immunologie“ darstellt, setzt Han die harmlosere „Differenz“, und die kann „konsumiert“ werden: „Das Fremde weicht dem Exotischen. Der <em>Tourist</em> bereist es. Der Tourist oder der Konsument ist kein <em>immunologisches Subjekt</em> mehr.“ (S. 7) Und auch der „‚Einwanderer“‘ ist heute kein immunologisch <em>Anderer</em>, kein <em>Fremder </em>im emphatischen Sinne, von dem eine wirkliche Gefahr ausginge &#8230;“ Er wird „eher als Belastung denn Bedrohung empfunden.“ (S. 9)</p>
<p>„Das Verschwinden der Andersheit bedeutet, dass wir in einer Zeit leben, die arm an Negativität ist.“ (S. 10) Die Gewalt, die der „permissiven und befriedeten Gesellschaft“ (S. 14) gleichwohl innewohnt, kommt von dem „Übermaß der Positivität“, dem wir ausgesetzt sind. Mit Baudrillard spricht Han auch vom „Totalitarismus des Gleichen“, der Zustände wie „Erschöpfung, Ermüdung und Erstickung“ herbeiführt, die nicht mehr immunologisch interpretiert werden können. Vielmehr seien es „neuronale Erkrankungen“ bzw. „digestiv-neuronale Abreaktionen“, die „die pathologische Landschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts“ bestimmen: „Depression, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder Burn-out-Syndrom“ (S. 5). Mit einem Wort, unser Nervensystem ist überfüttert, wir können das Überangebot, dem wir von Seiten des „Informations-, des Kommunikations- und des Produktionssystems“ ausgesetzt sind, nicht mehr verdauen, es kommt zu den genannten „psychischen Infarkten“ (S. 15).</p>
<p>Und wir, die „postmodernen Leistungssubjekte“ sind es selbst, die bei der Herstellung dieses Überangebots bis zur Erschöpfung mitmachen. Es ist nämlich das hemmungslose Funktionieren, auf das der Abbau der Negativität hinausläuft. Die „Disziplinargesellschaft“, wie Foucault sie beschrieben hat, dürfte endgültig wohl so um das Jahr 1989 herum untergegangen sein, zusammen mit dem „Realsozialismus“ russischer Prägung. Diese von „Spitälern, Irrenhäusern, Gefängnissen, Kasernen und Fabriken“ repräsentierte Gesellschaft „ist nicht mehr die Gesellschaft von heute“ (S. 17). Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wird von „Fitnessstudios, Bürotürmen, Banken, Flughäfen, Shopping Malls und Genlabors“ symbolisiert (ebd.). Sie ist zur „Leistungsgesellschaft“ geworden. An die Stelle des „Gehorsamssubjekts“, das von „Geboten“ und „Verboten“ umstellt war, ist dementsprechend das „Leistungssubjekt“ getreten. Es befindet sich in der Situation des „entgrenzten Könnens“, dem Barack Obama mit seinem <em>Yes, we can</em> den typischen Ausdruck gegeben hat. Die Übersetzung „Leistung aus Leidenschaft“ hat sich bekanntlich die Deutsche Bank geleistet. „Projekt, Initiative und Motivation“ sind die Schlagworte, mit denen wir es zu tun haben (S. 18). Das „Sollen“ und das „Dürfen“ gehören der Vergangenheit an.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><strong>Der Zwangscharakter der Freiheit</strong></h3>
<p>Die Logik dieser Entwicklung wird verständlich, wenn man weiß, dass das „gesellschaftlich Unbewusste“ dahin strebt, „die Produktion zu maximieren“ (ebd.). „Ab einem bestimmten Punkt der Produktivität stößt die Disziplinartechnik bzw. das Negativschema des Verbots schnell an seine Grenze. Zur Steigerung der Produktivität wird das Paradigma der Disziplinierung durch das Paradigma der Leistung bzw. das Positivschema des Könnens ersetzt, denn ab einem bestimmten Produktivitätsniveau wirkt die Negativität des Verbots blockierend und verhindert eine weitere Steigerung. Die Positivität des Könnens ist viel effizienter als die Negativität des Sollens. So schaltet das gesellschaftlich Unbewusste vom Sollen aufs Können um. Das Leistungssubjekt ist schneller und produktiver als das Gehorsamssubjekt.“ (S. 19) Das Leistungssubjekt ist aber nicht einfach die Beseitigung des Gehorsamssubjekts, sondern, hegelisch gesprochen, seine „Aufhebung“: „Das Können macht das Sollen jedoch nicht rückgängig. Das Leistungssubjekt bleibt diszipliniert. Es hat das Disziplinarstadium hinter sich“ (ebd.) – und <em>in sich</em>, sollte man zur Verdeutlichung vielleicht hinzufügen.</p>
<p>An diesem Punkt nun kommt es zu einer Auseinandersetzung mit Alain Ehrenberg und seinem „erschöpften Selbst“, die auch die theoretische Problematik von Byung-Chul Hans eigenem Ansatz sichtbar macht. Ehrenberg zufolge ist es die zur Norm gewordene erste Person, die die Menschen erschöpft. Das postmoderne Individuum wird ständig dazu aufgefordert, authentisch und „es selbst“ zu sein. Das Übermaß von „Eigenverantwortung und Initiative“ (S. 20) begünstige die Depression. Dieser Beschränkung auf die „Ökonomie des Selbst“ fehlt laut Han der Blick auf den sozialen Kontext, dem dieses zu sich selbst verurteilte „Selbst“ angehört. Er verweist auf die „zunehmende Fragmentierung und Atomisierung des Sozialen“ und die damit einhergehende „Bindungsarmut“, die ebenfalls zur Depression führen kann. Ein Aspekt, der freilich im Standpunkt des „vereinzelten Selbst“ logisch enthalten ist, weshalb ich diesen Einwand nicht sonderlich überzeugend finde. Zu Kategorien, die a priori nur gesellschaftlich zu verstehen sind, muss man die „Gesellschaft“ bzw. „das Soziale“ nicht eigens hinzufügen. Aber das sei nur nebenbei angemerkt. Wichtig ist ganz sicher Hans Hinweis auf „die der Leistungsgesellschaft innewohnende <em>systemische</em> Gewalt“ (ebd.). Der „<em>Leistungsdruck</em> verursacht die Erschöpfungsdepression &#8230; Krank macht in Wirklichkeit nicht das Übermaß an Verantwortung und Initiative, sondern der Imperativ der Leistung als neues <em>Gebot</em> der spätmodernen Arbeitsgesellschaft.“ (S. 20 f.)</p>
<p>Wie immer man zu dieser schematischen Entgegensetzung des „nicht – sondern“ stehen mag: Es ist hier doch ganz eindeutig von Imperativ, Gebot und Druck die Rede. Wo aber kommt dieser Druck her, von wem wird er ausgeübt? Die Andeutungen, die Byung-Chul Han in dieser Hinsicht macht, sind durchaus erhellend (sofern man mehr als Andeutungen daraus macht): „Der depressive Mensch ist jenes <em>animal laborans</em>, das sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge. Es ist Täter und Opfer zugleich.“ (S. 21) „Das Leistungssubjekt ist frei von äußerer Herrschaftsinstanz, die es zur Arbeit zwingen oder gar ausbeuten würde. Es ist Herr und Souverän seiner selbst &#8230; Der Wegfall der Herrschaftsinstanz führt nicht zur Freiheit. Er lässt vielmehr Freiheit und Zwang zusammenfallen.“ (S. 22)</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><strong>Über das Selbst der Selbstausbeutung</strong></h3>
<p>Mit dem „Selbst“ der „Selbstausbeutung“ (S. 22: „Diese ist effizienter als die Fremdausbeutung.“) kommt Han auf den Kern des Systemgedankens zu sprechen. Denn als <em>gesellschaftlich etabliertes </em>System kann man den Kapitalismus ja nur beschreiben, wenn man ihn sich aus lauter gleichgeformten (und daher austauschbaren) Bauelementen zusammengesetzt denkt, die in jeder Situation nach der gleichen Logik funktionieren. Das von äußerer Herrschaft freie Selbst des Leistungssubjekts ist eben dieses Bauelement. Mit Descartes „Ich“, das seiner selbst gewiss ist, noch bevor es mit dem Erkennen von irgendetwas angefangen hat, begann die moderne Erfolgsgeschichte dieser Abstraktion. Und die weitere theoretische Entwicklung (als Zwischenstationen sind vor allem der englisch-französische Empirismus und dessen Kritik durch den deutschen Idealismus zu nennen) erbrachte schließlich, bei Marx, den Nachweis, dass es sich dabei um ein Spezifikum der auf der Warenform beruhenden Produktionsweise handelt.</p>
<p>Gerade der Hinweis auf den freien Willen, von dem das postmoderne <em>animal laborans </em>gehetzt wird, macht deutlich, dass wir es bei dieser Kategorie mit einem Bestandteil der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu tun haben. Denn der Kapitalismus ersetzt die vormoderne Herr-Knecht-Beziehung durch die Ware-Geld-Beziehung, die, damit sie zustande kommen kann, auf den freien Willen von Käufer und Verkäufer angewiesen ist. Beim freien Willen handelt es sich also nicht um ein naturgegebenes Phänomen, das von einem physischen oder physiologischen Bedürfnis abzuleiten wäre, sondern, ganz im Sinne der praktischen Philosophie Kants, um eine Kategorie der Metaphysik, die bestimmend ist für die <em>gesellschaftliche Form</em>, in der sich die Menschen bei der Produktion ihres Lebens zueinander verhalten. Mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist diese rein als Form zu denkende Metaphysik gewissermaßen herabgestiegen aus der theoretischen Sphäre (in der sie ursprünglich einmal „Gott“ geheißen hat) und von einer „Idee der Vernunft“ zum Sein einer rechtlich fixierten gesellschaftlichen Struktur geworden, in der wir alle gleichermaßen als vereinzelte (nämlich voneinander freie) Individuen anerkannt sind. Die Verallgemeinerung der Warenform, die die kapitalistische Institution der Lohnarbeit mit sich gebracht hat, ist die Grundlage dieser Entwicklung. Je mehr die Gesellschaft zur kapitalistischen Marktgesellschaft wird, desto deutlicher muss das frei über sich selbst verfügende Warenbesitzer-Ich hervortreten, das sich auch noch zum eigenen Körper instrumentell verhält und bestrebt ist, ihn mit Blick auf den Markt zu qualifizieren und fit zu halten.</p>
<p>Der freie Wille des Leistungssubjekts ist also selbst ein Bestandteil der systemischen Gewalt, von der bei Byung-Chul Han die Rede ist. Er ist diejenige Subjektform, die der <em>Markt</em> in mein Bewusstsein geschleust hat. Weshalb er logischerweise auf den Markt als auf die zugehörige Objektivität ausgerichtet ist und von mir verlangt, dass ich mich beim Streben nach Erfolg und Anerkennung an dessen Vorgaben halte. Da aber der Erfolg, den die Marktgesellschaft zu bieten hat, auch bloß in der Form der Objektivität auftreten kann, messbar als Karriere, Geld oder Fitness, kann er dort nicht ankommen, wo ich leibhaftig existiere, als ein Wesen aus Fleisch und Blut, wo ich einmalig und unverwechselbar bin. Mich immerzu in Bewegung halten, aber nie dort ankommen lassen, wo es Zufriedenheit und existenzielles Behagen gibt: das ist die systematische Folter, der mich mein seit Kindesbeinen für die Markt-Objektivität trainiertes Selbst unterzieht, indem es mir einredet, dass die für den Markt erbrachte „Leistung sich lohnt“. So gesehen, muss Ehrenbergs Rede vom „erschöpften Selbst“ modifiziert werden. Nicht dieses abstrakte Selbst als eine vom Markt induzierte Instanz des modernen Bewusstseins wird zur Erschöpfung getrieben, sondern umgekehrt: der lebendige Organismus, der von diesem auf den Markterfolg ausgerichteten Selbst beherrscht bzw. gemanagt wird.</p>
<p>Es ist ein Vorzug der Han’schen Schrift, dass sie argumentativ genau in diese Richtung zielt. Durchaus im Sinn der soeben entwickelten Position wird „das Selbst im emphatischen Sinne“ als eine „immunologische Kategorie“ bestimmt: „So gesehen, bringt das Burn-out-Syndrom nicht das erschöpfte <em>Selbst</em>, sondern eher die erschöpfte, ausgebrannte Seele zum Ausdruck.“ (S. 20) Allerdings wird der Vorstoß, der sich gegen die Abstraktion des vereinzelten Konkurrenz-Selbst zu richten hätte, nur halbherzig vorgetragen, mit müder Geste sozusagen. Da der Text durchgängig auf das analytische Potenzial des Kapitalbegriffs verzichtet, kann er auch nicht dahin gelangen, das Ehrenberg’sche Selbst der Selbstverwertung deutlich zu kennzeichnen als die Subjektform, die unabdingbar zur Funktionsfähigkeit der kapitalistischen Marktgesellschaft gehört. Der Unterschied zwischen dem abstrakten Ego des Leistungssubjekts und dem, was den Namen der <em>Individualität</em> verdienen würde, wird leider sogar verwischt. (S. 32)</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3><strong>Das Nein als Perspektive</strong></h3>
<p>Als wirklichen theoretischen Mangel empfinde ich die Zurückhaltung bei der Stigmatisierung des abstrakten Selbst allerdings nur dort, wo Han den „modernen Glaubensverlust“ zur Sprache bringt. Mit diesem Glaubensverlust, „der nicht nur Gott oder Jenseits, sondern auch die Realität selbst (!) betrifft“, sei „das menschliche Leben radikal vergänglich“ geworden. (S. 33) – Was aber, möchte man fragen, ist besser gegen die Vergänglichkeit gefeit als die Abstraktion? Darin liegt ja das Wesen der Abstraktion, dass sie von der Realität und ihrem Wechsel nicht zu erreichen oder zu beeinträchtigen ist. Zumal wenn sie, beispielhaft vorgeführt im transzendenten Gottesbegriff, als eine eigene Substanz gedacht wird, die aus sich heraus wirken kann. Eben in dieser Hinsicht, dass es weitgehend gegen die reale Welt der Erfahrung abgedichtet ist, hat ja das abstrakte Ich des freien Willens die Nachfolge Gottes angetreten. Es bewährt sich in dem Anspruch, unbeeinflusst von den Wechselfällen des Lebens gleichmäßig funktionieren zu können. Han bezeichnet das „Multitasking“ zu Recht als Regression hin zu „einer breiten, aber flachen Aufmerksamkeit, die der Wachsamkeit eines wilden Tieres ähnlich ist“ (S. 25). Die Hektik, die mit dem Multitasking verbunden ist, das „Übermaß an Reizen, Informationen und Impulsen“ (S. 24), wäre keinen Tag lang durchzuhalten, wenn ihm nicht die Realitätsresistenz des abstrakten Ich zugrunde läge. Es erlebt nichts in der Event-Gesellschaft, es verfügt nur über ein umschriebenes Reservoir von Reaktionsweisen, die von den als funktionsrelevant definierten Reizen abgerufen werden.</p>
<p>Wenn also das Leistungssubjekt ein Problem mit der Realität hat, dann besteht es doch wohl darin, dass ihm die Erfahrung, die Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit der „Vergänglichkeit alles Irdischen“ gerade <em>fehlt</em>. Indem es von vornherein den Standpunkt der Abstraktion bezieht, sich also tot stellt – in der Auseinandersetzung mit Agambens „Homo sacer“ spricht Han von den „Untoten“ der Leistungsgesellschaft (S. 35) – kann es die berühmte Frage nach dem Leben <em>vor </em>dem Tod gar nicht erst stellen. Allenfalls in diesem Sinne, dass ihm die mit dem Leben zusammenhängenden Fragen <em>vergangen</em> sind, könnte man also von „Vergänglichkeit“ sprechen. So wie Han das Thema anpackt, entsteht – momentweise – der Verdacht, dass sich hinter dem Aufruf zur „Revitalisierung des kontemplativen Vermögens“ die reaktionäre Sehnsucht nach der religiösen Transzendenz verbirgt, nach jenem „ewigen Leben“, das mit dem Tod gleichzusetzen ist. Das freilich wäre ein grobes Missverständnis.</p>
<p>Die Perspektive, die Han für die Ausgebrannten und Erschöpften dieser Welt bereithält, ist alles andere als ein Nein zum Leben. Die „Müdigkeitsgesellschaft“ versucht im Gegenteil, das <em>Nein</em> des Versagens und Nicht-mehr-Könnens, das in der Erschöpfungsdepression zum Ausdruck kommt, als ein Potenzial kenntlich zu machen, das dem guten und gelingenden Leben wesentlich ist. Während das Nein von dem Depressiven zunächst als ein Nein der Impotenz erfahren wird: ich kann <em>etwas</em> nicht mehr, will Han auf ein absichtsloses und richtungsloses Nein hinaus, auf das „Nein als Lebewesen“ könnte man sagen. Der zentrale Begriff, den er dabei verwendet, ist das „nicht zu“, wie es sich in jedem Zögern, im Innehalten, in dem Widerstand gegen das unmittelbare Reagieren auf einen Reiz bemerkbar macht (S. 44 f.). Auch das Bedürfnis, „nicht zu“ arbeiten, kann man hier einordnen. Die Fähigkeit, dem Reiz-Reaktion-Schema Widerstand zu leisten, ist gewissermaßen das, was uns von der Maschine unterscheidet, die ohne jede Negativität funktioniert. In diesem Sinne wird Nietzsche zitiert: „Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäß der Dummheit der Mechanik.“ (S. 41) Und Han ergänzt: „Die Maschine kann nicht innehalten. Trotz seiner enormen Rechenleistung ist der Computer insofern dumm, als ihm die Fähigkeit zu zögern fehlt.“ (ebd.) Kurz, die Fähigkeit, auf Distanz zu gehen zu dem, was gerade „Sache“ ist, abzuschweifen, zu träumen und zu trödeln, Dauer auszuhalten und Nichtstun – das alles ist eine wichtige Voraussetzung für ein Denken, das aus den gewohnten Gleisen ausbrechen kann, für ein Sehen, das Neues zu sehen, für ein Lauschen, das Neues zu hören vermag. „Die pure Aktivität verlängert nur das bereits Vorhandene. Eine wirkliche Wendung zum Anderen setzt die Negativität der Unterbrechung voraus.“ (S. 40)</p>
<p>Einsichten dieser Art finden sich in der „Müdigkeitsgesellschaft“ zuhauf. Sie sind lakonisch knapp und treffend formuliert, und ich kann ihnen nur aus vollem Herzen zustimmen – ohne langes Zögern, sozusagen. Der Blick, der hier auf die seelische Situation des „Leistungssubjekts“ geworfen wird, kommt einer Kritik des zeitgenössischen Kapitalismus sicher näher als so mancher Aufruf, der „die Gier der Banker und Spekulanten“ an den Pranger stellt. Gerade die Handelssäle der Banken sind ja berüchtigte Orte der Reizüberflutung, und die Menschen, die dort vor den Bildschirmen sitzen, sind bestens dafür geeignet, Opfer des Burn-out-Syndroms zu werden. Die „Müdigkeitsgesellschaft“ könnte ihnen dabei helfen, dass sie den Weg zurück an  ihren Arbeitsplatz nicht mehr finden und dafür einen anderen Weg einschlagen: den zu jener „fundamentalen Müdigkeit“, die auch noch auf das immunologische Selbst der Selbstbehauptung selbst übergreift und zu seiner „<em>Abrüstung</em>“ führt.</p>
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		<title>Rezens</title>
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		<pubDate>Mon, 14 May 2012 13:16:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezension – Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Glatz; Lorenz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2012-54]]></category>

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<h4>Raúl Zibechi: Territorien des Widerstands. Aus dem Spanischen übersetzt von K. Achtelik und H. von Wangenheim Assoziation A, Berlin/Hamburg 2011, 176 Seiten, ca. 16 Euro</h4>
<p>Streifzüge 54/2012<br />
<em>von Lorenz Glatz</em> <span id="more-11099"></span></p>
<p>Zibechi, Journalist, Publizist und Aktivist aus Uruguay, sieht in den Peripherien der großen Städte eine emanzipatorische Perspektive für Lateinamerika entstehen. Dort bilden für den Kapitalismus überflüssige Menschen seit einem halben Jahrhundert autonome Parallelgesellschaften aus. Eine wichtige Rolle spielen dabei Frauen, vor allem Mütter, die häusliche Logik der Fürsorge und Versorgung auf den öffentlichen Raum des Viertels übertragen.</p>
<p>Die Aufstände, Landbesetzungen und sich entwickelnden Organisations- und Lebensformen sieht Zibechi als Auseinandersetzungen um physische und symbolische Räume und deren autonome Gestaltung an. Autonomie kann nur von „Gesellschaften in Bewegung“ gegen die herrschende Ordnung in einem langen Prozess durchgesetzt, erprobt, verteidigt und zu Emanzipation von Herrschaft ausgestaltet werden.</p>
<p>Zibechi analysiert vorsichtig, spricht viel in Hypothesen, benennt offen Ungeklärtes. Keine Hoffnung setzt er in Staat, Parteien, Kirchen und Gewerkschaften. Die linken Regierungen, die ihre Wahlsiege den „Subalternen“ verdanken, schildert er als Praktikanten einer neuen Gouvernmentalität. Sie könnten in den autonomen Räumen Menschen für eine selektive Sozialpolitik gewinnen und wieder an Staat, Hierarchien und Herrschaftslogik binden. Eine Aktion von oben, der aber auf halbem Weg ein auch in den Köpfen und Herzen der Unterschichten verwurzeltes Denken, Fühlen und Handeln entgegenkommt.</p>
<p>Nichts ist entschieden.</p>
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		<title>Festival für Dokumentarfilm und Diskurs</title>
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		<pubDate>Sun, 13 May 2012 14:15:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lorenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[termin]]></category>

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<p><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/crossroads2012.jpg" width="280" /><br />
18.-27. Mai 2012 // FORUM STADTPARK / Graz<br />
<span id="more-11473"></span><br />
Stadtpark 1, 8010 Graz<br />
<a href="http://crossroads-festival.org/programm/programmuebersicht">Programmübersicht</a></p>
<p>unter anderem:</p>
<p>am Samstag 19.5.<br />
16:00-18:00 Vorträge, Film, Diskussion<br />
Die große Herausforderung Land(wirtschaft):<br />
Status Quo und nötige Transformationen angesichts von Klimawandel, Peak Everything, Ökosystemzerstörung und Hunger<br />
mit Andreas Exner (Social Innovation Network), Irmi Salzer (Via Campesina)</p>
<p>am Sonntag 20.5.<br />
11:00-12:30 Vorträge, Präsentationen, Gespräch<br />
Community Supported Agriculture:<br />
Solidarische Ökonomie und Ernährungssouveränität in Aktion<br />
mit Franziskus Forster (CSA-4-Europe), Lorenz Glatz (Gela – Gemeinsam Landwirtschaften), Brigitte Kratzwald (Initiativgruppe CSA-Graz)</p>
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		<title>Landnutzung ein Stück weit demonetarisieren. Eine Arbeitsvorlage</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2012/landnutzung-ein-stueck-weit-demonetarisieren-eine-arbeitsvorlage</link>
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		<pubDate>Sat, 12 May 2012 17:47:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stephan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demonetize]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation / Perspektive]]></category>
		<category><![CDATA[Jan-Hendrik Cropp]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2012-54]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/landnutzung-ein-stueck-weit-demonetarisieren-eine-arbeitsvorlage">Landnutzung ein Stück weit demonetarisieren. Eine Arbeitsvorlage</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/landnutzung-ein-stueck-weit-demonetarisieren-eine-arbeitsvorlage">Landnutzung ein Stück weit demonetarisieren. Eine Arbeitsvorlage</a></p>
<p>Siehe dazu auch <em>Streifzüge 53</em> <a title="Die post-revolutionäre Möhre. Hier und Jetzt" href="http://www.streifzuege.org/2011/die-post-revolutionaere-moehre-hier-und-jetzt">„Die post-revolutionäre Möhre. Hier und Jetzt“</a></p>
<p>Streifzüge 54/2012<br />
<em>von Jan-Hendrik Cropp</em></p>
<p><span id="more-11457"></span></p>
<p>Wir müssen das agrarpolitische Desaster auf den Äckern tagtäglich mitansehen. Mit Entmonetarisierung als Perspektive dagegen meine ich in diesem Beitrag, die landwirtschaftliche Produktion unabhängiger von Geld und seiner Logik zu gestalten.</p>
<p>Wir organisieren Gemüseproduktion nach dem Leitsatz: Jede_r gibt nach seinen_ihren Fähigkeiten und bekommt nach seinen_ihren Bedürfnissen (siehe <em>Streifzüge</em> 53). Ein Schlüsselelement darin bleibt aber die <em>Finanzierung </em>zur Deckung der Produktionskosten (Budget)<em>. </em>Eine wertfreie Enklave, aber ohne Geld nicht existenzfähig.<em> </em></p>
<p>Es geht also um Möglichkeiten und Grenzen für eine Entmonetarisierung unserer Landwirtschaft, für eine schrittweise Verringerung der Budgethöhe durch direkte Bedürfnisbefriedigung ohne den Umweg des Geldes. <em>Geld </em>soll weniger wichtig für das Gelingen des Projektes werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die neue Gruppenvereinbarung in Witzenhausen-Freudenthal (Hessen) hält als Ziele fest:</p>
<ul>
<li>Die Befriedigung des Bedürfnisses nach ökologisch erzeugtem Gemüse aller Beteiligten.</li>
<li>Die Befriedigung jener Bedürfnisse (auch finanzieller Art), die bei Personen dadurch entstehen, dass sie zum Erreichen des oben genannten Ziels tätig sind (z.B. die Gärtner_Innen).</li>
<li>Eine nicht-kommerzielle Befriedigung dieser Bedürfnisse, wo immer möglich. Eine finanzielle / monetäre Befriedigung dieser Bedürfnisse, wo immer nötig.</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Ansatz zur Entmonetarisierung wäre ein Alltag in <em>freiwilliger Einfachheit</em> der im Projekt Tätigen, möglichst wenig Geld auszugeben, ohne die eigene, persönliche Lebensqualität zu mindern: containern, trampen, couchsurfen, gemeinsame Nutzung von Gebrauchsgegenständen etc. Ein erster <em>individueller</em>, <em>kein</em> oder nur teilweise <em>transformatorischer</em> Ansatz.</p>
<p>Eine andere praktizierte Möglichkeit ist es, die Tätigkeit im Projekt mit monetären Einkommen <em>quer </em>zu <em>subventionieren</em>: Von gut bezahlter, teilzeitiger Lohnarbeit; über staatliche Transferleistungen; familiäre Unterstützung; Vermögen bis Fundraising fürs Projekt und gemeinsame Kasse kann das alles für die Einzelnen sinnvoll sein. Solange diese Gelder allerdings zur Deckung laufender Kosten genutzt werden, ist das bloß eine <em>Freistellung der Landnutzung auf Kosten anderer Bereiche</em>.</p>
<p>Weiter führt vielleicht eine direkte Bedürfnisbefriedigung durch unterstützende Netzwerke. Hinter dem Geldbedarf stehen ja so konkrete Bedürfnisse wie Mobilität, Wohnung, Essen, Heizung, Kommunikation usw. Diese könnten durch Fähigkeiten oder Ressourcen <em>innerhalb</em> oder <em>außerhalb</em> des Projektes befriedigt werden. Ein paar Beispiele:</p>
<ul>
<li><em>Raum zum Wohnen oder als Verteilpunkt für Gemüse</em> (Hof, Wohnung, Bauwägen / Garage, Innenhof) wird den Tätigen durch Unterstützer_Innen günstig oder mietfrei zur Verfügung gestellt oder die Tätigen suchen sich entmonetarisierten Wohnraum in anderen Zusammenhängen (z.B. Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit)</li>
<li><em>Nahrungsmittel:</em> Die Produktionspalette wird im Projekt oder durch Integration anderer Höfe ausgeweitet oder die Tätigen nutzen andere Projekte Solidarischer Landwirtschaft.</li>
<li><em>Entspannung und Gesundheit:</em> Entweder gibt es Ärzt_Innen und Masseur_Innen im Netzwerk, die ihre Leistungen billig oder frei zur Verfügung stellen oder die Tätigen nutzen andere Solidargemeinschaften (Skillsharing-Netzwerke / Artabana).</li>
<li><em>Gebrauchsgegenstände (privat oder für die Produktion):</em> Entweder Leute aus der <em>Projektgruppe (Tätige plus Beitragende)</em> stellen das Notwendige zur Verfügung oder es gibt einen regionalen Ressourcen-Pool außerhalb des Projektes.</li>
<li><em>Wartung und Reparatur der Produktionsmittel:</em> Entweder eine interne Arbeitsgruppe mit entsprechenden Fähigkeiten kümmert sich darum oder es wird ein regionales Skillsharing-Netzwerk bemüht.</li>
</ul>
<p>In unseren diesjährigen Vereinbarungen konnten Menschen daher als ersten Schritt hin zur Entmonetarisierung nicht nur finanzielle Beiträge, sondern auch ihre <em>Fähigkeiten und Ressourcen</em> zusichern.</p>
<p>Ein wichtiger weiterer Ansatz wäre jedenfalls der Aufbau von <em>autonomer Infrastruktur,</em> um die Produktion vom fossilistisch-kapitalistischen System abzukoppeln und private Ressourcen nicht nur zu teilen, sondern zu kollektivieren mit dem Ziel einer solaren, sich selbst erhaltenden Produktion. Zum Beispiel:</p>
<ul>
<li><em>Saatgutproduktion:</em> Eigene Drescher, Trocknung, Reinigung und Lagerungsmöglichkeiten.</li>
<li><em>Düngerproduktion:</em> Ergänzend zur Gründüngung hygienisierte Rückführung der menschlichen Ausscheidungen durch Fermentierung, Kompostierung.</li>
<li><em>Treibstoffe:</em> Ölmühlen und Biogasanlagen für umgerüstete Fahrzeuge.</li>
<li><em>Räumlichkeiten:</em> Freikauf von Hof, Hallen, Scheunen, Verteilpunkten usw.</li>
<li><em>Fahrzeuge:</em> Kollektive Nutzung und Umrüstung auf Biotreibstoffe aus der Region.</li>
<li><em>Werkstätten:</em> Werkzeug nicht nur teilen, sondern kollektivieren, Ort der gemeinsamen Nutzung.</li>
<li><em>Strom und Wärmeerzeugung:</em> Kraft-Wärme-Kopplung auf Biomasse-Basis, Solarthermie.</li>
<li><em>Wasser:</em> Brunnen und ökologisches Abwassersystem</li>
</ul>
<p>Ähnliche Strukturen (Maschinenring, Carsharing, Biogastankstellen, Energiegenossenschaften etc.) existieren, aber als marktförmige Unternehmen. Dem würde eine kollektive Form entgegenstehen,  indem die Infrastruktur an eine Rechtsform übergeben wird, die eine bestimmte, <em>nicht-kommerzielle</em> <em>Nutzung </em>auf Dauer festschreibt. Eine Beteiligung an den erwähnten, bestehenden Angeboten ist sinnvoll, ein Dialog über eine eventuelle Entmonetarisierung notwendig.</p>
<p>Für all das bedarf es, so es nicht direkt beschaffbar ist, <em>Kapital,</em> entweder von <em>innerhalb</em> des Projektes oder von <em>außerhalb</em>. Überlegenswert ist ein <em>überregionaler Fonds,</em> in dem wohlhabende Unterstützer_Innen einen sicheren Hafen für ihr Kapital finden könnten. Auch bei mangelnder Rendite könnte das den Zeitgeist bürgerlicher Unsicherheit treffen.</p>
<p>Aber so einfach wird es wahrscheinlich doch nicht. Zunächst ist und bleibt <em>Geld extrem praktikabel</em>. Als Tauschmittel für alles kann es ein Bedürfnis sehr exakt befriedigen. Wie weit können wir auch jetzt schon nicht-monetär genau das bekommen, was wir brauchen? Weiters haben wir die <em>Zeit </em>für all die aufgezählten Projekte usw. nur, wenn unsere Existenz und Entfaltung nicht-monetär gesichert und nur wenig Zeit für Geldbeschaffung nötig ist.</p>
<p>Und schließlich bleiben <em>bestimmte Bereiche schwer selbst organisierbar</em>. Es gibt z.B. Maschinen und Technik, die einer globalen Produktionskette bedürfen und deren selbstorganisierte Machbarkeit in nicht-kommerziellen Strukturen fragwürdig bleibt.</p>
<p>Also schreiten wir fragend voran …</p>
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		<title>Me and the Money</title>
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		<pubDate>Fri, 11 May 2012 07:53:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Demonetize]]></category>
		<category><![CDATA[Subjekt]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Schandl; Franz]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2012-54]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/me-and-the-money">Me and the Money</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/me-and-the-money">Me and the Money</a></p>
<p>Streifzüge 54/2012</p>
<p><em>Homestory von Franz Schandl</em> <span id="more-11179"></span></p>
<p>Zwei hingeworfene Zahlen: 2.675,76 die eine, 2.176,04 die andere. Erstere summiert meine an VISA gezahlten Zinsen, zweitere meine an den Kritischen Kreis überwiesenen Mitgliedsbeiträge. Man glaubt es kaum, aber es ist tatsächlich so. Ich habe in den letzten 15 Jahren (1997–2011) „mein“ Kreditkartenunternehmen mehr gesponsert als meine <em>Streifzüge</em>. Ich muss schon ein Verrückter sein. Zweifellos. Auch wenn es nicht Absicht gewesen ist, ist es passiert und passiert noch, obwohl Aussicht besteht, dass heuer erstmals meine Mitgliedsbeiträge die VISA-Zinsen übertrumpfen. Ein Fortschritt. Mühsam erkämpft.</p>
<p>Der Kritiker ist also praktizierender Affirmatiker. Mehr als er das System mit seiner Schreibe schädigen kann, arbeitet er ihm durch Alimentierung zu. Wahrscheinlich ist er da kein Einzel-, sondern der Regelfall. Im gewöhnlichen Leben, diesem existenziellen Einerlei, bin ich ja ein braver Mitmacher: ich arbeite für Geld – wenn auch widerwillig, treibe es ein – wenn auch inkonsequent, mache meine Steuererklärung – wenn auch unlustig, überwache das Konto – wenn auch enttäuscht, überfliege die Angebote – wenn auch oberflächlich; vor allem lasse ich mich von diversen Waren recht einfach verführen – wenn auch dann die Ernüchterung folgt. Man kann mir mehr an, als ich dagegenhalten kann. </p>
<p>Ich und das Geld, das war nie eine Liebesgeschichte. Es flog mir nicht zu und ich rannte ihm nicht nach, wenngleich ich dann doch immer wieder laufen musste und auch gehörig ins Schwitzen geriet, um flüssig zu bleiben. Ich und das Geld, das war immer eine blöde Geschichte. So richtig zu Geld gekommen bin ich nie. Etwas muss ich immer falsch gemacht haben. Vielleicht weiß ich sogar, was, was aber wiederum nicht heißt, dass ich es mit der gehörigen Anstrengung hingekriegt hätte. Nein, zweifellos nicht. Anders als in anderen Dingen vermochte ich in Gelddingen nie rücksichtslos zu sein. Wenn schon Arschloch, dann muss man doch einen driftigen Grund dafür haben, meine ich. Geschäftstüchtigkeit ist keine Tugend. </p>
<p>Herr über meine finanziellen Verhältnisse war ich nie. Außer in den zweieinhalb Jahren (1992–94), als das Ministerium ein Forschungsprojekt bezahlte und ich sozusagen mein eigener Angestellter gewesen bin, war ich meist in Geldnöten. Ich könnte noch mit bizarreren Summen auffahren, etwa mit 3.376,92. So viel zahlte ich alleine zwischen 1997–1999 an Bankzinsen. Euro wohlgemerkt! Vorausgegangen war dem ein mündlich zugesagtes Forschungsprojekt, das sich dann aber nicht bewahrheitete. Ich allerdings hatte bereits so getan, als wäre es fix. Ich war dieser Tage ständig um die 10.000 Euro im Minus. In diese schwindelnden Höhen habe ich mich katapultiert, weil ich „meiner“ Bank von meinem erhofften Projekt erzählte und sie den Überziehungsrahmen bereitwillig ausweitete. Ich glaubte es, sie glaubten es, aber zu schlechter Letzt musste ich allein daran glauben. Nix war fix, aber ich war fertig. Zumindest finanziell.</p>
<p>Leben war in diesen Jahren (Theresa und ich waren erst zusammengezogen und schenkten uns auch noch zwei Kinder) überhaupt nur möglich durch trottelhafte Verwendung der Kreditkarte, d.h. Geld damit direkt beheben, nur 10 Prozent des offenen Betrages pro Monat zurückzahlen. Darüber bin ich noch nicht ganz hinweg. Natürlich hätte ich auch jemanden um Hilfe ersuchen können (was  möglich gewesen wäre), aber da regierte dieser falsche Stolz, der lieber anonym Zinsen zahlt, als offen um Unterstützung bittet. Die musste es schließlich aber doch geben, denn sonst würde ich noch immer in diesem hohen Schuldenturm sitzen. So sitze ich immerhin in einem niedrigeren.<br />
Man traut es sich kaum zu schreiben, es ist entblößend, daher soll es auch im Kämmerlein bleiben, niemanden etwas angehen, wie es einem damit geht. Über Geld zu reden ist obszön. Wie ein Geständnis wider Willen. Über Geld spricht man nicht, schon gar nicht über das eigene, von dem man sowieso zu wenig hat wie alle anderen auch. Denn selbst die, die mehr als genug haben, können ja nicht genug kriegen. Es ist unser Auftrag, mehr zu wollen, und ich versuche dem auf  meiner bescheidenen Etage nachzukommen.</p>
<p>Ökonomisch bin ich zweifellos ein Versager und werde das aller Voraussicht nach auch bleiben. Ich habe finanziell nichts auf der Kante und werde da auch nichts draufkriegen. Außerdem ist mir die Sparmentalität zuwider. Banken, Versicherungen, gar Fonds oder Aktienmärkte mit Geld zu füttern erscheint mir noch irrer als irgendwelche Gebrauchswerte zu erstehen. Auch wenn ich die Lebenslust nie mit Geldgier substituierte, so erliege ich des Öfteren der Konsumsucht. So lebe ich stets über meine finanziellen Verhältnisse, aber unter meinen persönlichen Möglichkeiten.</p>
<p>Es ist oft knapp, aber es ist noch nie zu knapp geworden. Wir pfeifen meist aus dem vorletzten Loch, gelegentlich aus dem letzten, manchmal spielen wir aber auch in höheren Lagen. (Über die Geldbeziehungen meiner Frau schreibe ich aber nichts, weil da wird es ultra.) So gfretten wir uns durchs Leben und es geht uns im Vergleich damit nicht schlecht. Aber womit wird da verglichen? Die Frage, wie es einem geht, könnte ich mit „gut“ als auch mit „schlecht“ beantworten. Das hängt allein vom Kriterium ab.</p>
<p>Bankrottieren kann ich wiederum auch nicht. Sobald ich ganz abstürze, nehmen sie mir meinen Acker, für den ich Keuschlererbe satte 170 Euro Jahrespacht einhebe, auch noch weg. Verloren wäre dann auch die Zugabe von ein paar hundert Kilo Erdäpfel. Kartoffelnot hat es daher bei uns noch nie gegeben, im Gegenteil: Kartoffeln gibt es ziemlich oft. Was ist schon Geld gegen Kartoffeln?</p>
<p>Geld stiehlt Leben, relativ und absolut. Nicht nur die Zeit, die man durch diverse Geldangelegenheiten verliert, sondern auch die Zeit, die man durch den damit geschaffenen psychischen Stress und der physischen Anstrengung insgesamt an Lebensdauer verlieren muss, weil dies alles am Organismus nicht spurlos vorbeigehen kann. Wir tragen den Schaden. Wenn ich daran denke, wird mir gleich übel, so verdränge ich es. Das ist aber auch keine Lösung. Schon allein damit es mir besser geht, ist der Sturz des Geldsystems unumgänglich.</p>
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		<title>Call for Papers</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2012/call-for-papers-2</link>
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		<pubDate>Wed, 09 May 2012 16:00:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Petra</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Konkurrenz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/call-for-papers-2">Call for Papers</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/call-for-papers-2">Call for Papers</a></p>
<p>Ausgabe Nr. 56/2012</p>
<p><span id="more-11432"></span></p>
<p>Liebe Leute,</p>
<p>die <em>Streifzüge</em> erbitten Beiträge für die Ausgabe 56 (Erscheinungstermin November 2012). Gefragt ist Streitschriftliches gegen Politikillusion und Arbeitswahn, Verlockendes vom guten Leben, Unveröffentlichtes zur Überwindung von Herrschaft, Staat und Verwerterei &#8211; kurz gesagt, Munition wider den Zwang der Verhältnisse.</p>
<p>Damit und darüber hinaus verweigert sich die Herbstnummer der</p>
<p><strong>KONKURRENZ.</strong></p>
<p>Auf die „innere Natur des Kapitals“ (Marx) wollen wir den Fokus richten. Via Konkurrenz setzt das Kapital seine Produktionsweise durch. Nicht Gesetzgeber, vielmehr Exekutor der marktwirtschaftlichen Produktion, treibt sie ökonomisches Wachstum und Effizienz voran.<br />
Die Wettbewerbsideologie der modernen „Leistungsgesellschaft“ durch- und ertränkt unser Dasein. Ihre Freiheit liegt im Rennen aller gegen alle, im Kampf um Verdrängung. Das ist, erst recht in der Krise, tagtäglich offensichtlich. Dennoch hält sich das selbst-/mörderische Treiben als  erfolgversprechende Strategie hartnäckig in den Köpfen.</p>
<p>Artikelvorschläge bitte ab sofort an die Redaktion. Ab geplanten 12.000 Zeichen ersuchen wir um einen kurzen Abstract: etwa 1500 Zeichen, plus Angabe wieviele es letztlich werden sollen.</p>
<p><em>Betreut wird das Heft von Petra Ziegler.</em></p>
<p>Redaktionsschluss der Nummer 56 ist der 30. September 2012</p>
<p>Folgende Textsorten stehen zur Verfügung:<br />
* 2000 Zeichen abwärts,<br />
* Rezens eines Buches (1600 Zeichen),<br />
* Aufriss (1 Seite mit bis 6.000 Zeichen),<br />
* Essay (2 oder 3 Seiten mit 12.000 bzw. 18.000 Zeichen Obergrenze) oder<br />
* Abhandlung (auf 4 oder 5 Seiten mit 24.000 bzw 31.000 Zeichen Limit)</p>
<p><em><a href="../hinweise-fuer-autorinnen">Hinweise für AutorInnen</a></em></p>
<p>Herzliche Grüße</p>
<p>Eure Streifzüge Redaktion</p>
<p>&nbsp;</p>
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		</item>
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		<title>Treten und getreten werden</title>
		<link>http://www.streifzuege.org/2012/treten-und-getreten-werden</link>
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		<pubDate>Wed, 09 May 2012 14:50:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gulo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Antifa]]></category>
		<category><![CDATA[Medien, Kulturindustrie, Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Subjekt]]></category>
		<category><![CDATA[Konicz; Tomasz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/treten-und-getreten-werden">Treten und getreten werden</a></p>
Post from: Streifzüge. Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Post from: <a href="http://www.streifzuege.org">Streifzüge</a>. <strong>Liebe Leute</strong>: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! <a href="http://www.streifzuege.org/call-for-marie">Löst uns aus! </a><br/><hr><br/<a href="http://www.streifzuege.org/2012/treten-und-getreten-werden">Treten und getreten werden</a></p>
<h3>Die Casting-Show als Krisen-Phänomen? Ernst Blochs Schrift »Erbschaft dieser Zeit« lässt darauf schließen</h3>
<p><em>von Tomasz Konicz</em> <span id="more-11448"></span></p>
<p>Der Faschismus kam nicht aus heiterem Himmel über Deutschland. Angefacht von der Weltwirtschaftskrise der frühen 30er Jahre, machten sich in der Weimarer Zeit lange vor der Machtergreifung der Nazis autoritäre und reaktionäre Anschauungen breit, die oftmals gänzlich »unpolitisch« wirkten, aber beim genaueren Hinsehen einen Ausblick in den Abgrund erlaubten, auf den das Land zusteuerte. Eine scharfsinnige und immer noch beeindruckende Auseinandersetzung mit dem deutschen Präfaschismus, der genau dieses Kunststück gelang, ist die 1932 von Ernst Bloch verfasste, 1935 in Zürich publizierte Schrift »Erbschaft dieser Zeit«, in der an ein Tabu der damaligen linken Faschismusdebatte gerührt wurde: Der Verfasser benennt nicht nur die Finanziers und Unterstützer der NSDAP in Kapitalkreisen, Militär und Staatsapparat, er legt auch die autoritären Dispositionen bei großen Teilen der Bevölkerung offen, die in der Linken immer noch allzu oft als einfaches »Volk« idealisiert wird.</p>
<p>Bloch identifizierte – hierbei Siegfried Kracauer folgend – als einer der ersten Beobachter eine damals »neue Art Mitte«, die in der Krise um sich zu schlagen beginne, »besonders nach unten, wohin sie zu sinken« drohe. Neben dem klassischen Kleinbürgertum, den in den Krisenwirren irrlichternden Krämerseelen und der niederen Beamtenschaft, zählte er zu dieser »Mitte« vor allem das rasch anwachsende Heer der Angestellten, das sich in der gleichen Zeit verfünffacht habe, »in der sich die Arbeiter nur verdoppelt haben«. Trotz krisenbedingter faktischer Proletarisierung fühlten sich diese Angestellten »noch als bürgerliche Mitte«. Auf diese sich damals in der Weltwirtschaftskrise konstituierende, hasstriefende und angstschwitzende »Mitte« war Blochs Allegorie von den Kälbern gemünzt, »die ihren eigenen Metzger wählen, wäre der Geruch vieler dieser Kälber nicht gerade der von Metzgern«.</p>
<p>Der Metzgergeruch der »Kälber« stieg besonders intensiv überall dort auf, wo die gerade im Entstehen begriffene Kulturindustrie in ersten zaghaften Schritten die aufgestaute Wut der desperaten Massen zu ihrer Geschäftsgrundlage machte. In dem Abschnitt »Wut und Lachlust« beschreibt Bloch einen 1929 abgehaltenen Marathon-Tanzwettbewerb, bei dem die teilnehmenden Paare über Wochen nach dem KO-Prinzip buchstäblich gegeneinander antanzten. Dem Siegerpaar, das die wochenlange Tortur überstand, winke ein Preisgeld von 6000 Reichsmark. Dabei waren die Regeln dieses Tanzmarathons auf langsamen, qualvollen Verschleiß der Teilnehmer ausgelegt. Dieser Veranstaltung hätte »kein anderes Ziel als den am längsten hinausgeschobenen Zusammenbruch«, so Bloch. Jede Stunde erhielten die Tanzpaare eine absichtlich viel zu kurz bemessene Ruhepause von 15 Minuten, die es ihnen erlaubte, auch nach 300 Stunden »mit blutigen Füßen, Folteraugen und einem Leib aus Blei« zurück auf die Tanzfläche zu taumeln, »die Hand des einen Partners auf dem blutigen Fleisch des anderen«.</p>
<p>Bloch beobachtete aber auch das dort versammelte Publikum, das mit Pfiffen und Gejohle die geschundenen Marathonteilnehmer in den Kollaps trieb. Versammelt seien dort zu Tausenden nicht nur Kleinbürger, sondern auch »Proleten« und Arbeitslose, die schon damals ermuntert wurden, ihre »Favoriten« zu unterstützen und sich an dem sadistischen Spektakel zu beteiligen – 1000 Reichsmark erhielt jeder, der nachweisen konnte, dass die Tanzpaare ihre vorgeschriebene Ruhezeit von 15 Minuten überschritten haben. Damals hätte bereits ein Drittel der Wähler den Nazis die Stimme gegeben, so Bloch, »hier im Saal dürfte ihrer mehr als die Hälfte tonangebend sein«. All das, was die »Volksseele« bei diesem Spektakel auskoche, »wird man in Kürze nicht schlecht anrichten«.</p>
<p>Es ist nicht schwer, in diesem barbarischen Spektakel die primitive Vorform der Casting- und Demütigungs-Shows zu erkennen, die heutzutage ein Millionenpublikum vor den Fernsehern fesseln. Das Grundprinzip dieses kulturindustriellen Spektakels – das nach dekadenlanger Vergessenheit in den letzten Jahren ein Revival erlebt – besteht sei den 1930er Jahren in der Veranstaltung eines brutalen Rattenrennens, das von beständig angefachter Konkurrenz, gnadenloser Selektion und dem Kollaps der unterlegenen Kandidaten lebt. Hierin unterscheiden sich die Marathontänze des frühen 20. Jahrhunderts nicht grundlegend von den Demütigungsakten und der Erschöpfungsfolter im »Dschungelcamp« oder den Ausscheidungskämpfen bei »Germany’s Next Topmodel«, der Prügelshow »The Ultimate Fighter« und »Big Brother«.</p>
<p>Die heutigen Nachfolger der brutalen Tanzwettbewerbe scheinen zumindest die körperliche Unversehrtheit ihrer Teilnehmer zu garantieren, sodass hier auf den ersten Blick ein gewisser Zivilisierungsprozess konstatiert werden könnte. Selbst im »Dschungelcamp« ist bislang niemand tot zusammengebrochen, was bei den Tanzwettbewerben während der Weltwirtschaftskrise durchaus vorkam. Doch gehen diese Mindeststandards mit einer womöglich noch größeren psychischen Belastung der Teilnehmer einher, die mit ausgefeilter Perfidie dazu animiert werden, vor dem Millionenpublikum ihr Innerstes zu exponieren. Und wehe, wenn die teilnehmenden Desperados sich dem erbärmlichen Seelenstriptease verweigern – dann werden sie schnell rausgewählt, denn die pseudodemokratische Massenabstimmung über das Schicksal der Teilnehmer ist fester Bestandteil nahezu jedes dieser Spektakel. An den Demütigungs-Shows sollen sich alle Zuschauer beteiligen. Jeder wird so in die Lage versetzt, auch mal den Knopf drücken zu dürfen, der über das Schicksal Anderer ntscheidet. Letztendlich können die heutigen Reality-Shows auf einem reichhaltigen kulturindustriellen Erfahrungsfundus in Manipulation und Verblödung aufbauen. Das hat zu einer stärkeren Ausdifferenzierung dieser Spektakel geführt, die schon aufgrund der immer schnelleren Abstumpfungs- und Abnutzungseffekte beim sedierten Massenpublikum notwendig ist.</p>
<p>Was aber kochte die »Volksseele« bei den Tanzwettbewerben aus? Und ist das, was da gärte, vergleichbar mit den Gefühlen der heutigen »Mitte«? Es sei eine »rohe, auch lachlustige Wut«, die sich bei den Tanzwettbewerben des Publikums bemächtige, schrieb Bloch. Sie gebe »die Tritte von oben nach untern« weiter.</p>
<p>Dem autoritären Charakter ist eine Untertanenmentalität eigen, die in Krisenzeiten ihre Servilität gegenüber dem herrschenden System psychisch nur aufrechterhalten kann, wenn sie sich Möglichkeiten der Triebabfuhr verschafft. Die Unterordnung unter die Systemimperative geht während der Krise mit immer größerem Triebverzicht einher, während die Gratifikationen wegfallen. Da dem autoritären Charakter ein Aufbegehren gegen die Verhältnisse, die ihn in den Irrsinn treiben, unmöglich scheint, bricht sich die so angestaute Wut gegen Schwächere Bahn. Menschen, die von derkriselnden Kapitalverwertung zu Objekten gemacht und ausgepresst werden, ergötzten sich daran, andere zu Objekten degradiert zu sehen. Der angestaute Druck muss weitergeleitet werden, weswegen das Publikum es liebte, »arme Hunde so zu hetzen, wie es die Reichen mit einem selber tun« (Bloch).</p>
<p>Es ist gerade diese scheinbare Umkehrung des ohnmächtigen Objektstatus der Lohnabhängigen im heteronomen Prozess der Kapitalverwertung, die zur Einführung der besagten  pseudodemokratischen Elemente in den neuen Reality-Shows führte. Wenn die ganze Fernsehnation scheindemokratisch über den Rausschmiss eines Kandidaten abstimmt, dann darf jeder mal kurz als ein allmächtiges Subjekt fühlen, ein bisschen Chef oder gar Schicksal spielen – darin erschöpft sich diese Fernsehdemokratie. Vor einem Millionenpublikum wird in der Reality-Show ein ins Extrem getriebenes Untertanentum durchexerziert, das absurdesten Regeln folgt, die dem alltäglichen Irrsinn der kapitalistischen Dauerkrise in nichts nachstehen – und an dem die Zuschauer nach Möglichkeit beteiligt werden sollen.</p>
<p>Je stärker die Krise wütet, desto krasser und brutaler fällt dieses Spektakel aus. So kommt gerade bei der heutigen Reality-Show eine zentrale Diagnose der Kritischen Theorie zur vollen Entfaltung: »Amüsement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus. Es wird von dem gesucht, der dem mechanisierten Arbeitsprozess ausweichen will, um ihm von neuem gewachsen zu sein.« Fun wird in der Krise vollends zu einem »Stahlbad« (Adorno), weil auch das Mobbing, der Druck und die Hetze in der Arbeitswelt zunehmen. Nach der Triebabfuhr an den zu Objekten degradierten Spektakelteilnehmern am Wochenende lassen sich die beständig zunehmenden Nackenschläge in der Arbeitswoche etwas leichter ertragen. Die grundlegende Konfiguration der Reality-Show spiegelt den Zuschauern ihren Arbeitsalltag wider: Der Angestellte, der sich etwa »Germany’s Next Topmodel« anschaut, sieht freiwillig de facto das gleiche brutale Rattenrennen, dem er in der Arbeitswoche ausgesetzt ist.</p>
<p>Inzwischen greift das Prinzip der Casting-Shows übrigens auch auf die Arbeitswelt über: Immer mehr Unternehmen lassen ihre Arbeitsplatzbewerber in mehreren Runden nach dem KO-Prinzip vorsprechen, wobei der Umfang der Prüfungen von Runde zu Runde zunimmt, und die Bewerber immer intimere Fragen über sich ergehen lassen müssen. Längst ist es üblich, in die Arbeitsplatzbewerbung möglichst viel von einer in »Selbstoptimierung« kreierten Persönlichkeit einfließen zu lassen. Die Arbeit wird zur Verlängerung des Amüsements unterm Spätkapitalismus.</p>
<p>Der größte Unterschied zwischen dem autoritären Potenzial, das in den Tanzveranstaltungen der 30er Jahre zum Ausdruck kam, und der blinden Wut, die die heutigen Spektakel so erfolgreich macht, wurde von Bloch mit dem Begriff der »Ungleichzeitigkeit« erfasst. Hierunter verstand er die Existenz – trotz moderner Technik, Industrie und Rationalität – nicht überwundener »Reste älteren ökonomischen Seins und Bewusstseins«, die in Deutschland aufgrund der ausgebliebenen Revolution stärker nachwirkten. Im Zusammenspiel habe diese »Ungleichzeitigkeit« den Faschismus gefördert. Heute kann davon angesichts der jahrzehntelangen Prozesse der Globalisierung auch in Deutschland kaum noch die Rede sein. Deswegen bring die neue deutsche Wut keine explizit faschistische Ästhetisierung mit sich, die inzwischen nur noch absurd wirkt und die auf die damalige »Ungleichzeitigkeit« – die nicht nur in Deutschland wirkte – zurückzuführen war.</p>
<p>Der heutige Faschist bezeichnet sich nicht selten als Demokrat, der unbequeme Wahrheiten mutig ausspreche. Aus reinen Kostenerwägungen heraus wolle er gegen »Kostenfaktoren« der deutschen Leistungsgemeinschaft vorgehen, die erst wieder am Stammtisch als »Schmarotzer« und »Parasiten« bezeichnet werden.</p>
<p>aus: Neues Deutschland, 5. Mai 2012</p>
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		<title>Die Elementarform des finanzindustriellen Reichtums</title>
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		<pubDate>Mon, 07 May 2012 15:52:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Petra</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
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		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Lohoff; Ernst]]></category>
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<div style="margin-left:10px">
&nbsp;</p>
<h4><strong>Warum Spekulation und Staatsverschuldung</strong><br />
<strong> nicht die Ursache der Krise sind</strong></h4>
<p><em>von Ernst Lohoff/Norbert Trenkle</em></p>
<p>UNRAST Verlag, Münster 2012, br.,<br />
ca. 250 Seiten</p>
<p>Das Buch kann bei uns um 18 Euro bestellt werden. Lieferung nach <a href="http://www.streifzuege.org/abonnements#bezahlen" target="_blank">Zahlungseingang</a>. Porto zahlen wir.</p>
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<h3>Leseprobe aus: Die große Entwertung<span id="more-11422"></span></h3>
<p><strong>2. Die Elementarform des finanzindustriellen Reichtums</strong></p>
<p>2.1 Der doppelte Gebrauchswert des Geldes</p>
<p>Keine Ware kann für sich Ware sein, sondern immer nur in der Beziehung zu anderen Waren. Das gilt selbstverständlich auch für das Geldkapital. Erst der Ankauf einer besonderen Ware macht Kapital, das sich in Form der allgemeinen Ware, also des Geldes, befindet, seinerseits zu einer Ware. Den Part der Pendant-Ware kann aber keine x-beliebige besondere Ware übernehmen. Sämtliche Waren 1ter Ordnung scheiden aus, denn im Tauschakt mit diesen kommt immer nur der primäre Gebrauchswert des Geldes zur Geltung, nämlich der Gebrauchswert, als allgemeines Äquivalent zu dienen. Damit sich der allgemeinen Ware die Möglichkeit eröffnet, qua Warentausch ihren sekundären Gebrauchswert als Kapital zu realisieren, muss eine eigene Klasse besonderer Waren neben die Waren 1ter Ordnung treten. Diese Waren repräsentieren das Versprechen auf künftigen monetären Reichtum in handelbarer Form. Geld wird als Geldkapital Ware, indem es diese merkwürdigen Waren 2ter Ordnung ankauft.1</p>
<p>Waren 1ter Ordnung, wie Automobile oder Kühlschränke, und Waren 2ter Ordnung, wie Aktien oder Schuldtitel, unterscheiden sich grundlegend voneinander. Dementsprechend tragen sie auch in höchst unterschiedlicher Weise zum kapitalistischen Reichtum bei.<br />
Die Rolle, welche die Waren 1ter Ordnung im kapitalistischen Akkumulationsprozess spielen, und der Formwechsel, den sie vollziehen, wenn und soweit sie auf den Markt treten, soll hier als weitgehend bekannt vorausgesetzt werden und wird hier daher nur kurz rekapituliert (vgl. ausführlicher Jappe 2005, S. 21 ff.). Diese Waren tragen in dem Maße zum kapitalistischen Gesamtreichtum bei, wie sie Wert, also vergangene Arbeit, „verkörpern“. Beim Verkauf von Waren 1ter Ordnung macht der Tauschwert, den Käufer und Verkäufer jeweils in Händen halten, lediglich einen Gestaltwechsel durch: Der Besitzer der besonderen Ware wird zum Geldbesitzer, und umgekehrt mutiert der Geldbesitzer zum Besitzer der besonderen Ware; der Tauschakt lässt die Größe des Tauschwerts, den Geld und Ware repräsentieren, also unberührt. Zwar entscheidet das Marktgeschehen wie eine Art permanentes Gericht darüber, ob die als Waren produzierten Güter als Teil des gesellschaftlichen Reichtums, also als Repräsentanten von Wert, Anerkennung finden oder nicht. Im Kreislauf der Verwertung kommt damit dem Gütermarkt die Funktion der Realisationsinstanz zu; der Verkäufer kann hier den in den Waren dargestellten Wert in seinen allgemeine Repräsentanten, das Geld, verwandeln. Doch die Markttransaktionen fügen dem Produkt keinerlei Wert zu. Die Produktion des Werts ist seiner Zirkulation vorgelagert. Entgegen der volkswirtschaftlichen Mythologie kann die Neuschaffung von Wert nie dem Händewechsel von besonderen Waren und allgemeiner Ware entspringen, sondern beruht ausschließlich auf der Vernutzung lebendiger Arbeitskraft in der Produktion der vielen besonderen Waren. Dementsprechend begrenzt fällt der Einfluss des Marktgeschehens auf die gesamtgesellschaftliche Wertmasse aus. Soweit sich die Gütermärkte gütig zeigen und die Waren ohne Abstriche für gesellschaftlich gültig erklären, findet lediglich die bereits in ihnen dargestellte Wertmasse, also die bereits im Vorfeld abgeleistete abstrakte Arbeit, ihre Bestätigung. Soweit Waren als unverkäuflich liegen bleiben, erweist sich der Markt als ein Ort der Entwertung, also der manifesten Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums.</p>
<p>Die Gütermärkte haben also bei der Produktion warengesellschaftlichen Reichtums nur eine Art Endkontrollfunktion inne. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn fungierende Kapitalien an den Markttransaktionen beteiligt sind und Kauf und Verkauf aus deren Perspektive einen Teil ihres Verwertungskreislaufs bilden. Beim Erwerb von Maschinen, Rohstoffen und Arbeitskraft nutzt auch der Kapitalist ausschließlich den Gebrauchswert des Geldes als allgemeines Äquivalent, und auch bei der Veräußerung des Endprodukts fließt ihm Geld einzig und allein vermittelt über die primäre Gebrauchswertfunktion zu: „In keinem einzelnen Moment der Metamorphose, für sich betrachtet, verkauft der Kapitalist die Ware als Kapital an den Käufer, obgleich sie für ihn Kapital vorstellt, oder veräußert er das Geld als Kapital an den Verkäufer. In beiden Fällen veräußert er die Ware einfach als Ware und das Geld einfach als Geld, als Kaufmittel von Ware“ (MEW 25, S. 354). Auch dem fungierenden Kapitalisten geht es bekanntlich einzig und allein darum, G in G’ zu verwandeln, also aus Geld mehr Geld zu machen. Das gelingt ihm deshalb, weil er auf dem Markt mit der Arbeitskraft eine spezielle Ware vorfindet, der eine wundersame Fähigkeit eigen ist: Sie kann Mehrwert schaffen. Aber es ist nicht der bloße Kauf der Arbeitskraft, der Austausch mit dem Verkäufer dieser Ware, dem der Kapitalist diesen Mehrwert verdankt. Erst die außerhalb der Welt der Zirkulation stattfindende tatsächliche Anwendung der Arbeitskraft erlaubt es dem fungierenden Kapitalisten, die mehrwertschaffende Potenz der Arbeitskraft zu realisieren und sich anzueignen.</p>
<p>Der Grund dafür, dass die Zirkulation von Waren 1ter Ordnung nie und nimmer zusätzlichen kapitalistischen Reichtum hervorbringen kann, ist eigentlich simpel. Nach den Kriterien der herrschenden Produktionsweise ist Reichtum mit Warenreichtum identisch. Also fällt dessen Vermehrung stets mit der Schaffung zusätzlicher Waren zusammen. Kaffeetasse, Waschpulver, Düsenjet und alle anderen Wald- und Wiesenwaren werden zwar für den Markt produziert, nicht jedoch auf dem Markt. Weder die Ware noch das Geld, das beim Kauf im Gegenzug von der Tasche des Käufers in die des Verkäufers wechselt, sind Resultat des Kaufaktes. Beide sind diesem vorausgesetzt und existieren, bevor Käufer und Verkäufer miteinander in Beziehung treten.<br />
Bei den auf den Kapitalmärkten gehandelten Waren 2ter Ordnung verhält es sich jedoch anders. Eigentumstitel wie Aktien oder Obligationen entstehen überhaupt erst in der Beziehung von Käufer und Verkäufer, also auf dem Markt. Nur das Geld, das der Anleger auf den Kapitalmarkt trägt und das in die Hand des Finanzproduktverkäufers übergeht, ist unabhängig vom Tauschakt bereits vorhanden, nicht aber der Besitztitel, der den Anspruch auf die übertragene Geldsumme fixiert, die besondere Ware also, die der Käufer im Gegenzug vom Markt nach Hause trägt.</p>
<p>Gelegentlich firmieren die Kapital- und Geldmärkte auch als Finanzindustrie. Das ist selbstverständlich eine apologetische Bezeichnung, die den Unterschied zwischen den beiden Abteilungen des Warenkosmos verwischt und einebnet. Trotzdem trifft sie unbewusst etwas Richtiges und Wichtiges. Bei den Waren, die auf den Gütermärkten gehandelt werden, stellt der Markt lediglich eine Realisationsinstanz dar. Dagegen entstehen Waren 2ter Ordnung in der Beziehung von Geldkapitalkäufer und Geldkapitalverkäufer im Moment der Markthandlung. Das hat für die Akkumulation von kapitalistischem Reichtum weitreichende Implikationen. Soweit Kapitalakkumulation mit der Anhäufung von Waren 1ter Ordnung und ihres Gegenwerts zusammenfällt, beruht diese unweigerlich auf vergangener Verwertung, also auf der bereits stattgefundenen Vernutzung lebendiger Arbeitskraft. Das gilt aber nicht für Waren 2ter Ordnung. Die Akkumulation von Kapital in Gestalt von Finanztiteln ist stets von vorgängiger Verwertung entkoppelt. Sowohl in der volkswirtschaftlichen Diskussion wie in der marxistischen Debatte wird die Reichtumsakkumulation als eine abhängige Variable realwirtschaftlicher Produktion interpretiert – bei Letzterer also als das Ergebnis der Vernutzung lebendiger Arbeit. Das überkommene marxistische Verständnis trifft zwar in Hinblick auf die Waren 1ter Ordnung etwas Richtiges, auch wenn es im Allgemeinen blind gegenüber dem historisch-spezifischen Charakter der abstrakten Arbeit und der Wertproduktion ist; völlig falsch liegt es jedoch, was die Waren 2ter Ordnung angeht. Je größer der Anteil der Akkumulation von Finanztiteln an der Gesamtakkumulation ist, desto mehr löst sich die Gesamtakkumulation von stattgefundener Verwertung ab, desto weniger lässt sich von wachsenden Akkumulationsziffern auf eine Zunahme der Wertproduktion zurückschließen.<br />
Wenn ein Geldkapitalbesitzer eine bestimmte Geldsumme gegen das verbriefte Versprechen weggibt, zu einem späteren Zeitpunkt eine vergrößerte Geldsumme zu erhalten, ist damit nicht nur eine neue zusätzliche Ware entstanden, nämlich der betreffende Eigentumstitel, der auf dem Finanzmarkt gehandelt werden kann; diese Ware vermehrt den aktuell vorhandenen kapitalistischen Reichtum; denn mit ihr hat sich zusätzliches Kapital gebildet, das vor dem Tauschakt noch nicht existiert hat. So merkwürdig dieser Vorgang auch auf den ersten Blick anmuten mag, er entspringt zwingend dem spezifischen Gebrauchswert der allgemeinen Ware, wenn sie als Geldkapital veräußert wird. Beim Kauf einer Ware 2ter Ordnung kann nur zusätzliches Kapital entstehen, weil sich der Käufer auf einen anderen Gebrauchswert der allgemeinen Ware bezieht als der Käufer einer Ware 1ter Ordnung.</p>
<p>2.2 Das fiktive Kapital oder die Verdoppelung des Geldkapitals durch die Teilung seines Gebrauchswerts</p>
<p>Beim Kauf von Waren 1ter Ordnung werden Gebrauchswerte ausgetauscht. Sowohl der Verkäufer als auch der Käufer verzichten ein für alle Mal auf den Gebrauchswert jener Ware, mit der sie den Markt ursprünglich betreten haben. Das gilt zunächst einmal für die besondere Ware: Die Nutzung des veräußerten Joghurts oder des verkauften Autos fällt ausschließlich dem Käufer zu. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn nur das Nutzungsrecht an einem bestimmten Gegenstand für eine bestimmte Zeit erworben wird. Für die Gültigkeitsdauer eines Mietvertrags tritt der Vermieter den Gebrauchswert seiner Wohnung vollständig an den Mieter ab. Was die Nutzung ihrer konkret-stofflichen Seite betrifft, ist sie für diese Zeit dessen Wohnung. Für die Laufzeit eines Arbeitsvertrags gehört der Gebrauchswert der Arbeitskraft, ihre Fähigkeit, Mehrwert zu produzieren, einzig und allein dem Käufer, also dem betreffenden Kapital. Im Gegenzug verabschiedet sich aber auch der Käufer sowohl vom Geld, mit dem er den Markt betreten hat, als auch von dessen Gebrauchswert. Indem er den primären Gebrauchswert des Geldes als Kaufmittel realisiert, entsagt er diesem ein für allemal. Künftig liegt es allein am Verkäufer, den Gebrauchswert des überlassenen Geldes zu nutzen, und genau dieses Privilegs wegen ist er überhaupt nur bereit, die besondere Ware wegzugeben.</p>
<p>Beim Erwerb eines Eigentumstitels bietet sich ein vollkommen anderes Szenario. Auch hier erwirbt der Käufer eine besondere Ware, aber davon, dass er damit dem Gebrauchswert der allgemeinen Ware entsagt hätte, kann überhaupt nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil: Indem er sein Geld gegen einen Eigentumstitel weggibt, nimmt der sekundäre Gebrauchswert des Geldes als Kapital für ihn überhaupt erst praktische Gestalt an. Geld, das unter der Matratze liegt, stellt für seinen Besitzer bloßen Schatz dar und kein Kapital, denn es wird nicht weggegeben, um es zu vermehren.2 Beim Kauf einer Ware 2ter Ordnung tauscht der Besitzer der allgemeinen Ware hingegen sein Geld gegen einen Eigentumstitel ein, um am Gebrauchswert des weggegebenen Geldes als Kapital zu partizipieren. Aktien und Schuldtitel werden nicht erworben, um sich daran zu erfreuen wie etwa an einem Gemälde, das man sich zu Hause an die Wand hängt, sondern um mit Hilfe dieser Zwischenglieder aus Geld mehr Geld zu machen.</p>
<p>Gegenüber der Warenwelt 1ter Ordnung scheinen die Verhältnisse im Universum der Waren 2ter Ordnung auf dem Kopf zu stehen. Das macht sie so schwer durchschaubar. Der Kauf vermittelt dem Käufer einer Ware 1ter Ordnung die Nutzung des Gebrauchswerts dieser besonderen Ware. Der Kauf einer Ware 2ter Ordnung vermittelt dagegen dem Käufer die Nutzung des sekundären Gebrauchswerts der weggegebenen allgemeinen Ware. Der Eigentumstitelkäufer hat also teil am Gebrauchswert des weggegebenen Geldes, doch das schließt den Verkäufer von dessen Nutzung keinesfalls aus, im Gegenteil. Genauso wie beim Verkauf von Waren 1ter Ordnung haben die Emittenten von Aktien oder Anleihen das Geld, das ihnen der Verkauf dieser Eigentumstitel einbringt, voll und ganz in der Hand. Genau das ist ja der Sinn der ganzen Operation. Auch sie können den Gebrauchswert des Geldes realisieren und zwar sowohl seinen primären als Äquivalent, um Waren 1ter Ordnung für den privaten Konsum zu kaufen, als auch seinen sekundären Gebrauchswert, indem sie es als Kapital verausgaben.</p>
<p>Marx ist am Beispiel der Kreditbeziehung auf diese merkwürdige Doppelnutzung etwas näher eingegangen und hat deren Implikationen auseinander gelegt: „Durch das doppelte Dasein derselben Geldsumme als Kapital für zwei Personen“ (MEW 25, S. 366) kommt es in jeder einzelnen Kreditbeziehung zu einer Verdoppelung des ursprünglichen Geldkapitals. Vom Zeitpunkt der Kreditvergabe bis zum Ende der Kreditbeziehung existiert das Ausgangsgeldkapital gleichzeitig in zwei verschiedenen Gestalten. Die Originalsumme, das dem Kredit vorausgesetzte Geldkapital, bei dem es sich – zumindest bei der Betrachtung des Urkredits – noch um die Frucht tatsächlicher Verwertung handeln muss und das daher in der Marx‘schen Darstellung als „reales Geldkapital“ firmiert, ist beim Leiher gelandet. Aber auch der Verleiher kann weiterhin Geldkapital sein eigen nennen. Er erhält für das weggegebene reale Geldkapital dessen verselbständigtes Spiegelbild: den Anspruch auf Rückzahlung und Verzinsung. Marx bezeichnet dieses verselbständigte Spiegelbild als fiktives Kapital.</p>
<p>Beim fiktiven Kapital sind zwei klassische Formen zu unterscheiden. Einerseits die bei der Vergabe von Krediten entstehenden Schuldtitel. Das können beispielsweise Unternehmensanleihen, Staatsobligationen, Immobilienhypotheken, aber auch simple Sparbücher sein. Andererseits das Aktienkapital, dem bis heute ebenfalls eine zentrale Bedeutung zukommt. Auch bei der Emission von Anteilsscheinen an Unternehmen kommt es zu der gerade am Beispiel des Kredits erläuterten Verdoppelung von Kapital.</p>
<p>Im Fall von Aktien handelt es sich beim verselbständigten Spiegelbild des Ausgangskapitals allerdings nicht wie beim Kredit um einen in seiner Höhe von vornherein klar festgelegten Rückzahlungsanspruch gegenüber einer juristischen Person. In der Gestalt von Aktien wird vielmehr die Aussicht auf einen Anteil am Unternehmensprofit Ware. Diese stellen papierene Klone fungierender Kapitale dar, die diesem gegenüber ein Eigenleben führen: „Die Eigentumstitel auf Gesellschaftsgeschäfte, Eisenbahnen, Bergwerke etc. sind … zwar … Titel auf wirkliches Kapital. Indes geben sie keine Verfügung über dies Kapital. Es kann nicht entzogen werden. Sie geben nur Rechtsansprüche auf einen Teil des von demselben zu erwerbenden Mehrwerts. Aber diese Titel werden ebenfalls papierne Duplikate des wirklichen Kapitals, wie wenn der Ladungsschein einen Wert erhielte neben der Ladung und gleichzeitig mit ihr. Sie werden zu nominellen Repräsentanten nicht existierender Kapitale. Denn das wirkliche Kapital existiert daneben und ändert durchaus nicht die Hand dadurch, daß diese Duplikate die Hände wechseln. Sie werden zu Formen des zinstragenden Kapitals, weil sie nicht nur gewisse Erträge sichern, sondern auch, weil durch Verkauf ihre Rückzahlung als Kapitalwerte erhalten werden kann. Soweit die Akkumulation dieser Papiere die Akkumulation von Eisenbahnen, Bergwerken, Dampfschiffen etc. ausdrückt, drückt sie Erweiterung des wirklichen Reproduktionsprozesses aus, ganz wie die Erweiterung einer Steuerliste z.B. auf Mobilareigentum die Expansion dieses Mobilars anzeigt. Aber als Duplikate, die selbst als Waren verhandelbar sind und daher selbst als Kapitalwerte zirkulieren, sind sie illusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind“ (MEW 25, S. 494).</p>
<p>Bei der Ausgabe von Aktien findet also keineswegs nur eine Weiterleitung bereits vorhandenen kapitalistischen Reichtums statt, sondern eine Vermehrung durch Spiegelung.3 So viel ist offensichtlich: Ein Unternehmen, das Anteilsscheine emittiert, bekommt dadurch von deren Käufern frisches Geldkapital. Der Verkauf von Aktien verschafft ihm Zusatzkapital. Als eine bestimmte Geldsumme hat dieses Geldkapital zwar schon vorher existiert, nämlich in den Händen der späteren Aktienkäufers; aber dieses ist nicht einfach nur dem Aktienunternehmen übertragen worden. Auch die Käufer stehen nach der Transaktion keineswegs mit leeren Händen da, schließlich haben sie ihr Geld nicht einfach weggeschenkt. Sie haben vielmehr Waren erworben, die es vor der Emission nicht gegeben hat: nämlich Anteilsscheine. Diese neu geschaffenen Waren haben den Gebrauchswert, ihrem aktuellen Besitzer das Anrecht auf einen Anteil am Profit zu verleihen, den das emittierende Unternehmen in Zukunft erwirtschaften soll. Mit dem Ankauf eines solches Gebrauchswerts verlässt das Geld den Käufer der Aktie also nur, indem es sich ihm durch die Weggabe in Kapital verwandelt: in fiktives Kapital.<br />
Bei diesem fiktiven Kapital handelt es sich um ein selbständiges eigenes Zusatzkapital. Der Eigentumstitel und sein Gebrauchswert können jederzeit weiterverkauft werden, ohne dass deswegen fungierendes Kapital veräußert werden müsste. Hinzu kommt noch, dass der Umfang dieses durch die Aktienemission entstandenen Zusatzkapitals nicht ein für allemal gegeben ist. Er unterliegt täglichen Schwankungen. Sein aktueller Umfang lässt sich dennoch leicht bestimmen. Er ist immer das Produkt aus der Anzahl der von einem bestimmten fungierenden Kapital ausgegebenen Aktien und ihrem aktuellen Kurs, oder um es im heute gängigen Börsenjargon auszudrücken, er ist identisch mit der Aktienkapitalisierung des emittierenden Unternehmens.<br />
Dass die Ausgabe von Aktien und Kreditbeziehungen für eine Vermehrung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals sorgen, war in der marxistischen Debatte durchaus bereits früher Thema. Allerdings hat immer nur ein Teilaspekt Beachtung gefunden, nämlich die Nutzbarmachung von aus dem Verwertungsprozess herausgefallenem Geld für den Prozess der Kapitalverwertung. Sowohl für die Aktie wie für die Kreditbeziehung liegt auf der Hand, wie das funktioniert. Ein Geldeigentümer hat – aus welchem Grund auch immer – bis auf Weiteres keine realwirtschaftliche Verwendung für einen bestimmten Geldbetrag.4 Egal wie der Eigentümer zu dieser Summe gekommen sein mag, ob sie vorher als Kapital fungiert hat oder nicht, sobald sie unter seiner Matratze lagert, stellt sie kein Kapital mehr dar und hat keinen Anteil am Prozess der Vermehrung des gesamtkapitalistischen Reichtums. Solange sie weder umgehend produktiv verausgabt wird noch unmittelbar in den persönlichen Konsum des Besitzers eingeht, ist diese Geldsumme in Marx‘schen Termini gesprochen zum „bloßen Schatz“ versteinert. Der Akt des Verleihens kann diesem stillgelegten Geldbetrag kapitalistisches Leben einhauchen. Überantwortet der Geldbesitzer die brachliegende Summe einem fungierenden Kapitalisten und benutzt dieser es zur Erweiterung seines Geschäfts, dann nimmt das tote Geld in den Händen des Leihers für die Dauer der Kreditvergabe den Charakter von Realkapital an. In diesem Recycling von bereits vorhandenem, aber brachliegendem Geld in fungierendes Kapital erschöpft sich die kreditvermittelte Kreation von Kapital indes keineswegs. Jede Kreditbeziehung geht mit einer zweiten Kapitalwerdung einher, deren Implikationen in der marxistischen Diskussion ausgeblendet geblieben sind. Der ehemalige Schatz verwandelt sich nicht nur in den Händen des Leihers, soweit der als fungierender Kapitalist agiert, in Kapital; auch auf Seiten des Verleihers entsteht Kapital. Er bekommt für die Weggabe der Ausgangsgeldsumme einen Anspruch auf Rückübertragung der vergrößerten Summe und damit gelangt das ausgeliehene Geld zu einer Zweitexistenz. Neben das Ausgangsgeldkapital tritt als dessen verselbständigtes Spiegelbild fiktives Kapital. Als dem fungierenden Kapitalisten überantworteter Kredit vermehren die aus ihrem Dornröschenschlaf geweckten 100.000 € also den gesamtgesellschaftlichen Kapitalstock keineswegs nur um 100.000 €, sondern gleich um 200.000 €.</p>
<p>Die Kreditbeziehung sorgt also keineswegs nur für eine Weiterleitung von bereits vorhandenem Geld, das dadurch die Chance bekommt, in den Händen des Leihers als Kapital zu wirken. Durch die Kredittransaktion wird vielmehr die Ausgangssumme gleichzeitig auch für den Verleiher Kapital, hat sich also dupliziert. Sie existiert nicht mehr nur als die Ausgangssumme, sondern auch noch als eigenständiges Spiegelbild dieser Ausgangssumme, und dieses Spiegelbild stellt selber wieder Kapital dar: fiktives Kapital.<br />
Mit dieser Verdoppelung muss es aber noch keineswegs sein Bewenden haben. Fügt sich die einzelne Kreditbeziehung in eine Reihe von Kreditbeziehungen ein, dann setzt sich der Vervielfältigungsprozess fort. Mit jedem Kettenglied entsteht ein neues Spiegelbild, ein neues fiktives Kapital in der Größe des Ausgangskapitals plus Zins und Zinseszins: „Mit der Entwicklung des zinstragenden Kapitals und des Kreditsystems scheint sich alles Kapital zu verdoppeln und stellenweise zu verdreifachen durch die verschiedene Weise, worin dasselbe Kapital oder auch nur dieselbe Schuldforderung in verschiedenen Händen unter verschiedenen Formen erscheint“ (MEW 23, S. 488). Um diesen Mechanismus zu beobachten, muss man übrigens keineswegs die komplexe Welt neuer Finanzprodukte betrachten, er kommt bereits beim simpelsten Bankkredit zum Tragen. Nimmt ein mittelständisches Unternehmen oder ein Häuslebauer einen Direktkredit beim Eigentümer einer Summe von 100.000 € auf, dann entsteht ein einziges fiktives Kapital von 100.000 €. Wendet er sich mit seinem Kreditanliegen dagegen an ein Geldinstitut, bei dem jener Eigentümer seinerseits eine Einlage von 100.000 € hält, dann entstehen zwei Eigentumstitel: der Rückzahlungsanspruch des ursprünglichen Geldeigentümers gegenüber der Bank sowie der Tilgungsanspruch der Bank gegenüber dem Schuldner. Der Direktkredit hat die kapitalistische Gesellschaft nur um ein fiktives Kapital von 100.000 € reicher gemacht, durch das Dazwischentreten einer Bank sind es 200.000 €. Schieben sich weitere Geldkapitalisten zwischen den Ur-Gläubiger und den End-Schuldner, verlängert sich also die Kreditkette, dann entsteht an jedem Zwischenglied ein neuer Abkömmling des Ausgangskapitals.</p>
<p>Eines sollte dabei klar sein: Die Vermehrung der Eigentumstitel ist nicht unmittelbar identisch mit einer Vermehrung des stofflichen Reichtums. Auf den stofflichen Reichtum als solchen kommt es im Kapitalismus ja auch gar nicht an. Nach den Kriterien der kapitalistischen Gesellschaft stellt der Waren-Reichtum den wahren Reichtum dar, und auf dessen Umfang hat die Kreation von Eigentumstiteln sehr wohl direkt wie indirekt einen erheblichen Einfluss. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Schaffung von Waren 2ter Ordnung zumindest in der Form des Kredits zu keiner dauerhaften Verdoppelung des Ausgangskapitals führt, weil die Verdoppelung hinfällig wird, sobald der Anspruch des Gläubigers gegenüber dem Schuldner verschwindet. Das kann prinzipiell auf zwei Wegen geschehen, entweder durch die Realisation des monetären Anspruchs oder durch dessen Entwertung. Bei der Realisation zahlt in unserem Beispiel der Schuldner die Ursprungssumme, um die fälligen Zinsen vermehrt, zurück. Im Fall der Entwertung erweist sich der Schuldner als zahlungsunfähig, und der Gläubiger muss seine Forderung abschreiben. Im Fall einer Aktiengesellschaft währt die Verdoppelung des fiktiven Kapitals, solange das Unternehmen existiert oder bis es die Aktien zurückkauft.</p>
<p>Dass die Kapitalvermehrung durch die Schaffung von Waren 2ter Ordnung nur eine Kapitalvermehrung mit Befristung darstellt, macht aus ihr aber kein bloßes gesamtgesellschaftliches Nullsummenspiel, das sich in bloßer Umverteilung vorhandener Werte erschöpfen würde. Solange ein neu kreierter Eigentumstitel existiert, solange er also weder entwertet noch realisiert ist, mehrt er nach der aberwitzigen kapitalistischen Logik nicht nur auf dem Papier den vorhandenen gesellschaftlichen Reichtum, sondern auch tatsächlich. Beim zusätzlichen Kapital handelt es sich zwar um fiktives Kapital; was seine Funktion für die Gesamtwirtschaft angeht, unterscheidet es sich aber erst einmal durch nichts von Kapital, das auf reale Verwertung zurückgeht. Es kann genauso wie dieses verausgabt werden, um die Produktion der Waren 1ter Ordnung anzufachen. Mit dem Geld, das der Käufer einer Aktie weggibt, kann das betreffende Unternehmen genauso Maschinen kaufen und Löhne bezahlen wie mit den Gewinnen aus dem vergangenen Geschäftsjahr. Und wenn der Staat Anleihen verkauft, kann er damit ebenso Straßen bauen oder Kampfpanzer erwerben wie mit den Steuern, die er aus dem Wirtschaftskreislauf abgeschöpft hat. Dem Geld sieht man nicht an, wo es herkommt. Für sich genommen gilt das jedem kapitalistischen Menschen als völlig selbstverständlich. Spricht man aber aus, was hier tatsächlich passiert: dass nämlich durch die bloße Anhäufung von papiernen Ansprüchen der gesellschaftliche Reichtum vermehrt wird, klingt das so verrückt, wie es ist. Verrückt nicht, weil dieser Gedanke die kapitalistische Wirklichkeit falsch wiedergeben würde, sondern weil die kapitalistische Wirklichkeit einer völlig verrückten Logik gehorcht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Fußnoten:</strong></p>
<p>01 Eingangs hat dieser Beitrag die Zweiteilung der Märkte in Gütermärkte einerseits und Kapital- und Geldmärkte andererseits noch als empirischen Ausgangspunkt behandelt. Schon auf der jetzt erreichten Stufe der Darstellung entpuppt sich dieser Dualismus als notwendiges Resultat des zweifachen Gebrauchswerts der allgemeinen Ware. Weil die allgemeine Ware im Kapitalismus zwei Gebrauchswerte in sich vereint, muss sich der Warenkosmos in zwei Abteilungen mit unterschiedlichem Funktionsmechanismus spalten.<br />
02 Marx spricht deshalb auch vom Kapitalisten als dem „rationellen Schatzbildner“. Mit Blick auf die Zirkulation von Waren 1ter Ordnung schreibt er: „Die einfache Warenzirkulation – der Verkauf für den Kauf – dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck, die Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos. Als bewußter Träger dieser Bewegung wird der Geldbesitzer Kapitalist. Seine Person, oder vielmehr seine Tasche, ist der Ausgangspunkt und der Rückkehrpunkt des Geldes. Der objektive Inhalt jener Zirkulation – die Verwertung des Werts – ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital. Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens. Dieser absolute Bereicherungstrieb, diese leidenschaftliche Jagd auf den Wert ist dem Kapitalisten mit dem Schatzbildner gemein, aber während der Schatzbildner nur der verrückte Kapitalist, ist der Kapitalist der rationelle Schatzbildner. Die rastlose Vermehrung des Werts, die der Schatzbildner anstrebt, indem er das Geld vor der Zirkulation zu retten sucht, erreicht der klügere Kapitalist, indem er es stets von neuem der Zirkulation preisgibt.“ (MEW 23, S. 167f.)</p>
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		<title>Über die Verhältnisse leben</title>
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		<pubDate>Fri, 04 May 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Petra</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bierwirth; Julian]]></category>
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<p>Streifzüge 54/2012</p>
<p><em>von Julian Bierwirth</em></p>
<p><span id="more-11415"></span></p>
<p>In regelmäßigen Abständen verkünden Politiker*Innen jedweder Coleur, die Gesellschaft habe „über ihre Verhältnisse“ gelebt. Obwohl häufig gehört, macht diese Redewendung doch stutzig. Dass eine Gesellschaft in der Lage ist, „über ihre Verhältnisse“ zu leben, ist keineswegs selbstverständlich. Kein Mensch und keine Gesellschaft ist beispielsweise dazu fähig, in einem gegebenen Zeitraum mehr zu verbrauchen, als vorhanden ist. Es können nicht mehr Brötchen gegessen werden, als es gibt, es können nicht mehr Fahrräder genutzt werden als vorhanden sind und auch Energie lässt sich nur dann verausgaben, wenn sie zuvor erzeugt wurde. (Die einzige denkbare Ausnahme stellt hier vermutlich die heute gängige Variante des Ressourcenverbrauchs dar, die durch intensive Ressourcennutzung eine mögliche spätere Umstellung auf regenerative Energien erschwert.) Der Satz kann nur deshalb auf allgemeine Zustimmung stoßen, weil bei Reichtum und Wohlstand nicht in erster Linie an stoffliche Phänomene, sondern an monetäre Größenordnungen gedacht wird. Letztere zeichnen sich somit allem Anschein nach durch Eigenschaften aus, die nicht mit denen des stofflichen Reichtums identisch sind.</p>
<p>„Über die eigenen Verhältnisse zu leben“ meint, sich verschuldet zu haben. Der Konsum stofflichen Reichtums stellt sich als monetärer Selbstmord heraus. Um an die Dinge zu gelangen, die doch da sind, werden Menschen gezwungen, ihre Zukunft zu verpfänden. In der wird das nicht besser werden: dank verbesserter Technik wird mehr stofflicher Reichtum zur Verfügung stehen, der wegen der üppigen Verschuldung noch weniger finanzierbar sein wird als heute schon. Das Ergebnis? Mehr Verschuldung.</p>
<p>Das klingt – Sie haben es erraten – nach keiner guten Idee. Nennt sich übrigens Kapitalismus, das Ganze. Macht weder Spaß noch funktioniert es ordentlich. Sollten wir mal abschaffen.</p>
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		<title>Demonetarisierung durch Entwarenformung</title>
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		<pubDate>Wed, 02 May 2012 16:14:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ricky</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demonetize]]></category>
		<category><![CDATA[Wert / Tausch]]></category>
		<category><![CDATA[Immaterial World]]></category>
		<category><![CDATA[Meretz; Stefan]]></category>
		<category><![CDATA[Streifzüge 2012-54]]></category>

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<h3>KOLUMNE Immaterial World</h3>
<p>Streifzüge 54/2012<br />
<em>von Stefan Meretz</em><br />
<span id="more-11207"></span><br />
Das Schlagwort von der Demonetarisierung ist ein neuer, schillernder Begriff im emanzipatorischen Diskurs. So ist es nicht verwunderlich, wenn sich schnell Missverständnisse und Abgründe auftun. Einige von ihnen sollen hier diskutiert werden.</p>
<p>Naiv-anekdotisch tritt manchmal die lustig gemeinte Forderung auf, alle mögen ad hoc ihre Geldbörsen leeren, worauf man gleich zur Demonetarisierung durch Verbrennen der Geldscheine schreiten könne. Mit diesem „Witz“ verwandt ist die durchaus ernsthaft gemeinte moralische Anforderung, Befürworter_innen der Demonetarisierung dürften nicht nach Einkommen streben. Auf diese Weise wird jedoch ein gesellschaftliches Struktur- in ein individuelles Verhaltensproblem umgedeutet. Geld als dingliche Inkarnation des sich gesellschaftlich konstituierenden Werts kann nicht individuell umgangen werden. Daher sind alle gezwungen, in irgendeiner Form nach Geld zu streben.</p>
<p>Eine verwandte Diskursfigur ist die des moralischen Rankings von Einkunftsquellen. Danach gilt die staatliche Alimentation als akzeptabel, die abhängige Beschäftigung als legitim, die selbstständige Tätigkeit als zweifelhaft und die unternehmerische Tätigkeit mit der Größe des Unternehmens als wachsend verwerflich. Hierbei wird oftmals nicht die konkrete Handlungsweise beurteilt, sondern die Position als solche. Die dabei implizit vorgenommene „Adelung“ von Armut wird nur noch getoppt durch die agitatorische Denunziation des „arbeitslosen“ Einkommens von Kapitalist_innen, die nahtlos anschlussfähig ist an reaktionäre Diskurse, welche sich dann allerdings gegen die Ärmsten richten. Der Klassenkampffetisch lässt grüßen.</p>
<p>Selbstverständlich gibt es Unterschiede im Gleichen. Das Gleiche ist die monetäre Strukturlogik der Warengesellschaft. Sie bestimmt den Rahmen, in dem sich alle bewegen. Unterschiedlich ist die Position, die im gleichen Funktionszusammenhang eingenommen wird – ob als erfolgreiche oder -lose Selbst- oder Fremdverwerter_innen von Arbeitskraft. Die Position und die relative monetäre Verfügungsmasse bestimmt die Größe des Raums der Handlungsmöglichkeiten. Strukturell nahegelegte Handlungsformen determinieren keineswegs das individuelle Tun, doch die Weigerung, sich auf Kosten von anderen zu behaupten, muss man sich auch „leisten“ können. So redet es sich auch leichter von Demonetarisierung mit einem wohlgefüllten Bankkonto im Hintergrund als auf der Rutschbahn von einem Dispokredit zum nächsten.</p>
<p>Dabei ist Demonetarisierung als Befreiungsprojekt gedacht, als allgemeine Befreiung von der Not, sich oder andere verwerten und „zu Geld machen“ zu müssen. Warum rutschen wir trotzdem so oft in die moralische Schlangengrube? Weil heute die Miete bezahlt werden will, so einfach ist das. Die alltägliche Bedrückung lähmt. Umso wichtiger ist es, dass wir dies in unseren Zusammenhängen nicht noch verlängern – ohne der Illusion zu erliegen, wir könnten die Bedrückung interpersonal aufheben. Zwar gibt es Einzelne, die ohne Geld über die Runden kommen, jedoch nur, weil andere dies nicht tun.</p>
<p>Eine weitere Denkfigur ist die der solidarischen Demonetarisierung. Danach sei es möglich, die monetäre Logik durch Entfernung und Ersetzung von Befehlshierarchien in Unternehmen zurückzudrängen. Krönung dieser Idee ist der selbstverwaltete und -geleitete Betrieb, etwa Genossenschaften. Zunächst ist auch hier die Nähe zu neoliberalen Diskursen auffällig, die Schlüsselworte heißen hier Verschlankung, Abflachung der Hierarchien, Verbetriebswirtschaftlichung des Handelns, Eigenverantwortung am Markt usw. Doch wie oben erklärt, gibt es immer Handlungsmöglichkeiten. Man kann sich der Logik des Marktes vollständig unterordnen – darauf zielen die liberalen Ideologeme – oder versuchen, eigene Bedürfnisse gegen die Logik des Marktes zur Geltung zu bringen.</p>
<p>So wäre die Gleichsetzung von solidarischen mit gewöhnlichen Betrieben am Markt verfehlt. Genauso verfehlt ist jedoch die Glorifizierung von solidarischer Ökonomie als dem ganz Anderen. Solange sich Unternehmen am Markt bewegen und dort bewähren müssen, solange also die Warenform die Aktivitäten bestimmt, ist Demonetarisierung eine Illusion. Allenfalls Umverteilung – auch eine mögliche, aber keine grundsätzliche andere Handlung – ist möglich. Daraus kann man, so meine These, die zentrale Bedingung für eine strategisch angelegte Demonetarisierung ableiten: <em>Keine Demonetarisierung ohne Entwarenformung.</em></p>
<p>Entwarenformung bedeutet, von der Warenform loszukommen. Produkte nehmen dann Warenform an, wenn sie in getrennter Privatproduktion hergestellt und anschließend in der Regel gegen Geld getauscht werden. Die Alternative sind Commons. Produkte nehmen Commonsform an, wenn ihre Herstellung und Nutzung jenseits des Tausches organisiert wird. Statt die Verteilung im Nachhinein über das Geld zu vermitteln, wird sie von vornherein gemäß der Bedürfnisse der Beteiligten verabredet.</p>
<p>Bedeutet diese Forderung aber nicht doch, dass wir bei allen Aktivitäten und Projekten von Geld absehen müssen? Wären wir also wieder in der moralischen Schlangengrube gelandet? Nein, keineswegs. Wie dargestellt entkommen wir der Geldbenutzung vorerst nicht, solange das Warenparadigma dominant ist. Aber es ist ein Unterschied ums Ganze, ob Geld etwa zum Zweck der Umwandlung von Waren in Commons eingesetzt wird oder weiterhin seine Funktion im erweiterten Kreislauf der Verwertung einnimmt. Ob wir also commons-basierte Produktionsstrukturen aufbauen, die eben keine Waren, sondern Commons herstellen und erhalten, die nicht getauscht, sondern nach Verabredung genutzt werden. Und dabei geht es nicht nur um immaterielle Güter wie Software und Wissen, sondern um ganz handfeste Dinge wie Kartoffeln und Maschinen.</p>
<p>Muss ich erwähnen, dass dies ein ungeheuer schwieriger und widersprüchlicher Prozess ist? Dass damit der Kapitalismus nicht hier und heute aufgehoben wird? Wohl kaum. Wenn eine freie Produktionsweise in der Zukunft Waren, Tausch, Geld und Markt nicht mehr kennen soll, dann muss heute begonnen werden, eben jene Produktionsweise aufzubauen – noch unter den alten dominanten monetären Imperativen. Das ist dann tatsächlich Demonetarisierung. Wenn es nötig ist, unter Einsatz von Geld.</p>
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